Jägerregiment 1 - Strategie und Technik

Transcription

Jägerregiment 1 - Strategie und Technik
Heer
Heer
Jägerregiment 1
Im Einsatz als Quick Reaction Force RC North
Michael Matz
Das Jägerregiment 1 hatte in der Zeit von April 2009 bis April 2010 den Auftrag, im Rahmen des deutschen
Beitrages zur International Security and Assistance Force (ISAF) die Quick Reaction Force (QRF = Schnelle Eingreiftruppe) des deutsch geführten Regional Command North (RC N) zu stellen. Es wurden insgesamt zwei
Kräftedispositive (QRF 3 und QRF 4) für jeweils ein halbes Jahr in den Einsatz entsandt.
D
ie QRF gliederte sich in eine
Stabs-, Versorgungs- und Kampfunterstützungskompanie sowie
zwei Infanteriekompanien mit je drei
Zügen, davon je einer mit der Fähigkeit,
Schützenpanzer (SPz) Marder einzusetzen. Eine Sanitätskompanie für den beweglichen Einsatz wurde auf Zusammenarbeit angewiesen. Die QRF war darauf
eingestellt, bis zu 72 Stunden autark zu
operieren.
Materielle Ausstattung
Die QRF war mit geschützten Fahrzeugen der Typen Transportpanzer (TPz)
Fuchs A7 und A8, Allzwecktransportfahrzeug Dingo 2A2 und 2A3 sowie dem SPz
Marder ausgestattet. Aufgrund des Gewichts und der Größe dieser modernen
Fahrzeuge waren Bewegungen abseits
Autor
Oberst Michael Matz ist Kommandeur
des Jägerregiment 1.
II
..
I
1
...
...
..
Mat
Januar 2011 · Strategie & Technik
I
(187)
..
.
.
.
.
TACP
TACP
...
.
...
LNO
TACP
TACP
TACP
(122)
3
..
..
...
...
...
...
...
I
I
(122)
2
...
...
...
(41)
SanKp bwglEins
..
.
BAT
.
.
Ustg 2./QRF
EOD
Ustg 3./QRF
Gliederung
20
Gesamtstärke: 431 (472)
Heer
Für die QRF war die Übernahme folgender
Aufträge vorgesehen:
•
•
•
•
•
•
•
•
Einsatz als taktische Reserve COM RC N (ein verstärkter Zug)
Offensive Operationen gegen OMF (opposing militant forces)
Entsatz eigener Kräfte (z.B. nach Angriffen durch OMF)
Unterstützung bei Zugriffs- und Durchsuchungsoperationen
Patrouilleneinsatz im Rahmen der Standardoperationsführung der PRT
Evakuierungsoperationen (ISAF und Internationale Gemeinschaft)
Absicherungsoperationen (z.B. öffentliche Veranstaltungen und Konvois)
Einsatz gegen gewaltbereite Menschenmengen (Crowd and Riot Control)
der Hauptverbindungsstraßen nur stark
eingeschränkt möglich.
Die Soldaten der QRF verfügten über die
Ausstattung Infanterist der Zukunft (IdZ).
Diese Ausrüstung hat sich dank intensiver
Ausbildung im Heimatland voll bewährt.
die Schießfertigkeiten während mehrerer
Truppenübungsplatzaufenthalte.
Die Kompanien der Einsatzkontingente wurden am Übungszentrum der Infanterie an
der Infanterieschule in Hammelburg ausgebildet, zudem absolvierten beide QRF einen
Transportpanzer Fuchs A8
Aufgrund eingeschränkter Verfügbarkeit
von Hubschraubern im Einsatzland konnten die Kräfte des Jägerregiments 1 ihre Fähigkeit zum luftgestützten Einsatz (luftbewegliche QRF) nicht zum Einsatz bringen.
Einsatzvorbereitung
Während der einsatzvorbereitenden Ausbildung wurden die Sanitätskompanie und
alle externen Teileinheiten und Einzelabstellungen sechs Monate vor Einsatzbeginn
in die QRF integriert. Diese frühe Zusammenführung hat sich bewährt. Zum einen
erfolgte die Integration in den Verband,
zum anderen wurden alle Ausbildungsabschnitte gemeinsam durchlaufen.
Die Vorausbildung der Truppenteile des
Jägerregiments 1 war standardisiert. Sie
durchliefen die Einsatzvorbereitende Ausbildung für Konfliktverhütung und Krisenbewältigung an den Standorten Schwarzenborn bzw. Hammelburg und vertieften
14-tägigen Durchgang im Gefechtsübungszentrum des Heeres in der Letzlinger Heide.
Aufgrund der umfassenden einsatzvorbereitenden Ausbildung – die einen großen
organisatorischen Aufwand darstellte –
war es dem Jägerregiment 1 gelungen, nahezu alle Soldaten an dem im Einsatzgebiet
vorhandenen Material auszubilden.
QRF im Einsatzgebiet
Die Bedrohungslage im Raum Kunduz
bedingte, dass nahezu ununterbrochen eine verstärkte Infanteriekompanie der QRF unter der Führung des PRT
(Provincial Reconstruction Team) im
Distrikt Kunduz (KDZ) operierte. Dieser
Umstand verringerte zwar den Einsatzwert des QRF-Verbandes, für weitere
Operationen wurde die QRF aber regelmäßig durch Aufklärungskräfte (gemischte Aufklärungskompanie Mazar-e
Sharif (MES)), Pionierkräfte, CIMIC (Civil-
Military Cooperation)-Kräfte und PSYOPS (Psychological Operations)-Kräfte
verstärkt.
Die QRF führte Operationen im gesamten
Einsatzraum des RC N durch und war von
Ghormach im Westen bis Taloqan im Osten, von Heyratan im Norden bis Darzab
und Pol-e-Komri im Süden eingesetzt.
QRF im Gefecht
Exemplarisch für die weit über 50 Feuerkämpfe und teilweise stundenlangen Gefechte, in welche die QRF verwickelt war,
werden im Folgenden zwei Operationen
beschrieben und ausgewertet.
Das Gefecht bei Basoz und
Sujani (zehn km westlich Kunduz)
am 4. Juni 2009
Die QRF führte die Operation an diesem Tag
wie folgt: A-Zug in der Nacht zuvor zum
Schutz der Polizeistation Chahar DARREH
als Nacht- und Tagpatrouille eingesetzt,
geplante Rückkehr ins PRT gegen Mittag.
B-Zug Sweep (Kampfmittelsuche entlang
eines Weges) auf einer der Straßen nordwestlich der Polizeistation. Der unterstellte
Spähtrupp der AufKlKp (Aufklärungskompanie) MES führte eine Einweisung im Norden des AOR (Area of Responsibility) durch
und operierte eng mit B-Zug zusammen.
C-Zug als Reserve der QRF im PRT KDZ. Im
Verlauf des Tages wurden starke Kräfte
der QRF und des PRT sowie ein Zug der
Afghan National Army (ANA) unter einheitlicher Führung der QRF 3 eingesetzt. Aus
Gründen der operativen Sicherheit wird im
Weiteren das Gefecht nur in Ausschnitten
dargestellt.
Um 1613D* (D* = Ortszeitbezeichnung
AFG, entspricht MESZ + 2 Stunden 30
Minuten) wurde der Spähtrupp 3 500 m
nordwestlich der Ortschaft Basoz durch
einen Selbstmordattentäter angesprengt
und von feindlichen Kräften beschossen.
Der Spähtrupp konnte den Hinterhalt
durchstoßen und sollte nördlich Basoz so
in Stellung gehen, dass aus Westen nachstoßender Feind hätte bekämpft werden
können. Gleichzeitig erhielt der B-Zug den
Auftrag, den Spähtrupp aufzunehmen, um
die Voraussetzungen für einen Gegenangriff entlang der Straße J79 – Yumar Bazar
zu schaffen. Absicht QRF war es, nachstoßenden Feind im Zuge der Straße J79
– Yumar Bazar bei günstiger Gelegenheit
zu zerschlagen.
Noch bevor der B-Zug die Stellung nördlich Basoz gewinnen konnte, kam es um
1650D* erneut zu Beschuss. Diesmal
wurden sowohl der Spähtrupp, noch
nördlich Basoz, als auch der B-Zug, noch
südlich Basoz, mit RPG (Rocket Propelled
Strategie & Technik · Januar 2011
21
Heer
Grenade) und Handwaffen beschossen.
B-Zug durchstieß und konnte Schulterschluss mit dem Spähtrupp herstellen. Bei
dem Beschuss des B-Zuges und des Spähtrupps nahm der Feind keine Rücksicht
auf die Zivilbevölkerung und schoss über
und durch eine Gruppe Kinder hindurch.
Glücklicherweise wurde keines der Kinder getroffen.
Noch während der Verbindungsaufnahme zwischen Spähtruppführer und Gruppenführer Spitzengruppe B-Zug griff der
Feind in zwei Wellen an. B-Zug ging mit
eingegliedertem Spähtrupp im Zuge der
Ortschaft Basoz angelehnt an mehrere
Gebäude in Stellung und verteidigte erfolgreich gegen eine große Anzahl INS
(Insurgents), die aus mehreren Richtungen
angriffen und mehrfach versuchten, sich in
die Flanken des Zuges zu verschieben. Gegen 1715D* trafen zwei A-10 Thunderbolt
zur Luftnahunterstützung ein.
Ein Zug der ANA, unterstützt durch ein
belgisches OMLT (Observation, Monitoring and Liaison Team), wurde der QRF unterstellt und zum Schutz der linken Flanke
eingesetzt.
Es entwickelte sich ein etwa eineinhalbstündiges Gefecht, welches nach Eintreffen weiterer Verstärkungen gegen 1818D*endete.
Der Feind, offensichtlich von der heftigen
Gegenwehr überrascht, brach seinen Angriff ab und wich nach Westen aus. Da
gleichzeitig eine große Anzahl von unbewaffneten Zivilisten aus den Häusern kam,
ist anzunehmen, dass diese das Ausweichen
des Feindes ermöglichen sollten.
Ob die Bevölkerung dabei freiwillig handelte oder gezwungen wurde, konnte nicht
abschließend geklärt werden. Ein Nachstoßen war wegen der Zivilbevölkerung,
der einsetzenden Dämmerung und des
unübersichtlichen, stark bebauten Geländes mit kurzen Kampfentfernungen nicht
zweckmäßig, zumal die INS über die bessere Ortskenntnis und abgesessen höhere
Beweglichkeit verfügten.
Die Straße Kharoti – Basoz lässt ein Wenden größerer Fahrzeuge unter Feindbedrohung nicht zu, so dass über Sujani Ulya
verlegt werden musste.
Viele Soldaten berichteten, dass während
des Ausweichens viel Zivilbevölkerung auf
der Straße war und ihnen zugewinkt habe.
Kurz vor der Ortschaft Sujani Ulya meldete
B-Zug, dass die Zivilbevölkerung sich wieder in die Häuser zurückziehe und vermutlich ein weiterer Angriff unmittelbar bevor
stünde. Noch bevor die Meldung vollständig abgesetzt war, wurde das Spitzenfahrzeug B-Zug gegen 1854 D* mit fünf RPG
und Handwaffen (Small Arms Fire, SAF)
beschossen.
Der Zug führte den Feuerkampf und ent22
Januar 2011 · Strategie & Technik
QRF 3 Kunduz
schied sich dann zum Durchstoßen, da das
Gelände kein gedecktes Absitzen zuließ.
Der B-Zug saß nach dem Durchstoßen
südlich Suyani Ulya ab. Der heftige Feuerkampf selbst dauerte rund 30 Minuten.
Mittlerweile waren vier Kampfflugzeuge
vom Typ Thunderbolt im Einsatz, die aus
der Luft Aufklärungsergebnisse lieferten
und mehrfach zum „Show-of-Force“ eingesetzt wurden. Nach fünf Stunden war
das Gefecht um 2127 D* beendet.
Während des Gefechtes wurden zur Unterstützung der eigenen Operationsführung LUNA und CAS (vier A-10 Thunderbolt im rottenweisen Einsatz) zur Aufklärung aus der Luft und „Show-of-Force“
eingesetzt. Es wurden keine eigenen Soldaten verwundet.
Operation OQAB und das
Gefecht an der Loc Banana
bei Zar-Kharid-i-Sufla
Operation OQAB/Gefecht am 19. Juli
2009/Wirkung auf eigene Kräfte
Mit dem Auftrag, das im Feuerkampf stehende 1. Kandak (Bataillon) der 2. Brigade
209. ANA Korps einschließlich deutschem
OMLT im Raum Polizeistation Zar Kharidi-Sufla zu verstärken, verlegte 2./QRF am
19. Juli mit Panzergrenadierzug voraus.
Zum Zeitpunkt der Verbindungsaufnahme mit den deutschen Kräften des OMLT
hatten sich diese aus einem Hinterhalt gelöst, waren auf die Polizeistation ausgewichen und standen mit ihren Spitzen im
Feuerkampf mit Feindkräften bei Baaghi
Sheerkat.
Unmittelbar mit dem Eintreffen der Marder gingen die Soldaten der ANA wieder
vor und bezogen Stellung noch vor den
SPz. Nachdem der Feuerkampf gegen
die Feindstellung vor Baaghi Sheerkat
geführt war, und aus diesem Raum kein
Feuer mehr erwidert wurde, machten
die ANA-Soldaten lobende und anerkennende Gesten zu den SPz des Zuges. Augenscheinlich war, dass unmittelbar mit
dem Eintreffen der SPz die Moral bei den
angegriffenen Kräften stieg. Dies wurde
später durch das deutsche OMLT bestätigt.
Im weiteren Verlauf der Operation sicherte
der Zug mit den SPz die Polizeistation und
überwachte das abgesessene Vorgehen
der ANA und deutscher Kräfte mit den
Bordmaschinenkanonen. Es hat sich gezeigt, dass der Einsatz der Schützenpanzer
die Kampfmoral eigener und verbündeter
Kräfte erheblich erhöht hat.
Wirkung auf die Zivilbevölkerung
Bei Bewegungen mit den Schützenpanzern
fiel auf, dass der übrige Verkehr deutlich
Abstand zum Zug hielt. Der Gegenverkehr
ist ausnahmslos an den Straßenrand gefahren und hat dort gehalten bis eigene Kräfte
passiert hatten. Dies war beim Marsch mit
Radfahrzeugen nicht üblich.
Bewegungen und Infrastruktur
Bewegungen im Zuge der Hauptverbindungsstraßen (LOC) konnten ohne
Schwierigkeiten durchgeführt werden.
Die Felder waren zu der Zeit abgeerntet,
Bewässerungsgräben – welche parallel zu
den LOC verlaufen – stellten aufgrund der
Überschreitfähigkeit der SPz kein Hindernis dar. Kleine Brücken und Straßen mit
Bachdurchläufen sind tragfähig genug und
schränken die Mobilität der Schützenpanzer nicht ein. Lediglich Reisfelder sind als
Panzerhindernis zu bewerten.
Der SPz ist in der Lage, eine typisch afghanische Mauer zu durchbrechen und
die Straße seitlich zu verlassen. Der Durchbruch konnte von allen anderen Fahrzeugen ebenfalls genutzt werden. Im späteren
Verlauf des Einsatzes wurden Furten nutzbar, Flüsse hingegen waren Hindernisse
und hemmten die eigenen Bewegungen.
Einsatz der Schützenpanzer
Aufgrund der enormen Kampfraumtemperaturen von bis zu 80 Grad Celsius und des
Umstandes, dass ein schneller Wechsel der
Heer
Kampfweise aus dem engen Kampfraum
mit IdZ (Infanterist der Zukunft)-Ausstattung nicht möglich ist, wurde der Zug in
einem Fahrzeugmix mit Dingo und SPz eingesetzt. Die SPz benötigen zur Steigerung
ihres Einsatzwertes dringend eine Klimaanlage. Schon in Mazar-e Sharif wurden
Beschussversuche mit Gefechtsmunition
auf eine Compoundmauer durchgeführt,
um die Wirkung auf eine typisch Deckung
der INS zu testen.
Nachdem am 19. Juli mit der Bordmaschinenkanone gegen eine erkannte MG- und
eine RPG-Stellung gefeuert wurde, war der
bis dahin lang anhaltende Feuerkampf sofort beendet. Später kämpften die INS auch
nach dem Beziehen einer offenen Stellung
weiter aus einer frontalen Stellung gegen
die SPz. Es wurden RPG gegen einen SPz
gefeuert, die allerdings auf der Straße liegen
blieben oder vor der Stellung umsetzten.
Parallel zu den LOC bieten sich im ganzen
Raum unzählige Stellungsmöglichkeiten
für INS, um flankierend auf die Straßen
zu wirken. Beim Vorgehen der SPz – aber
auch aller anderen Kräfte – gilt es, diese
Flankenbedrohung ständig zu beurteilen.
Bei Anzeichen für einen Angriff oder einen Hinterhalt, sowie bei erkanntem Feind,
muss frühzeitig die Kampfweise gewechselt werden und die Flankenbedrohung im
Zusammenwirken von auf- und abgesessenen Kräften ausgeschaltet werden.
Die Versuchung ist groß, die Schützenpanzer als einzelnes Waffensystem einzusetzen,
um mehrere Züge mit einer weitreichenden
Waffe und entsprechender Feuerkraft auszustatten. Um die volle Leistungsfähigkeit
der SPz zur Wirkung zu bringen, muss der
Zug den Einsatzgrundsätzen der PzGrenTr
entsprechend als Feuereinheit und im engen Zusammenwirken mit abgesessenen
Kräften eingesetzt werden. Der Einsatz
Task Group QRF 4
eines Halbzuges in besonderen Lagen ist
möglich, sollte aber die Ausnahme bleiben.
Gefecht bei Quara Yatim
Nach Aufklärung und Sprengung eines IED
(Improvised Explosive Device) bei Pol-e-Za
Khel gab es eine Vielzahl von Hinweisen
darauf, dass die Ortschaft Quara Yatim im
nördlichen Chahar Darreh im deutlichen
Interesse der INS liegt. Durch die Drohne
LUNA aufgeklärte Bausperren westlich der
Ortschaft verstärkten diese Vermutung.
Auch bestand die Gefahr, dass INS die relativ lange Abwesenheit von ISAF-Kräften
im Raum genutzt haben, um neben luftgestützt aufklärbaren Bausperren IED einzubringen. Erkenntnisse aus der Gesprächsaufklärung verdichteten diese Vermutung.
Nicht zuletzt das zuvor aufgeklärte und
beseitigte IED war deutliches Anzeichen
dafür, dass aus der Ortschaft Qara Yatim
eine deutliche und nachhaltige Bedrohung
für die Bewegungsfreiheit von ISAF im Zuge der LOC KAMINS und somit dem einzigen Weg von und nach Chahar Darreh
gegeben war. Daher hatte die Kompanie
den Auftrag, die Bausperren zu prüfen und
Gesprächsaufklärung in besagter Ortschaft
durchzuführen.
Auf Grund der Feindlage und möglicher
Bedrohung durch IED entschied sich der
Kompaniechef für eine Kombination aus
IED-Sweep durch A-Zug und EOD-Trupp
sowie unmittelbar dahinter folgender
Gesprächsaufklärung durch Tactical PsyOps Team (TPT) und Tactical CIMIC Team
(TCT). Um die auf der Hauptverbindungsstraße zwischen Quara Yatim und Loc Kamins „sweependen“ Kräfte in Bezug auf
die Kampfkraft zu verstärken, ging ein
Halbzug Panzergrenadiere auf- und abgesessen unmittelbar folgend mit vor. Der
abgesessene und durch Teile des Bewegli-
chen Arzttrupps und des Joint Fire Support
Teams verstärkte Kompanieführungstrupp
gliederte sich ebenfalls ein.
Die westliche Flanke wurde durch eine abgesessene und parallel zu den Hauptkräften vorgehende Panzergrenadiergruppe
gesichert, während das offene Gelände
ostwärts der Hauptverbindungsstraße
den Einsatz von zwei SPz zur Überwachung der rechten Flanke zuließ. Absicht
des Kompaniechefs war es, zunächst bis
zu der durch LUNA aufgeklärten Bausperre zu „sweepen“ und zeitgleich hinter
den Sweep-Kräften Gesprächsaufklärung
durchzuführen.
Der erste Feuerkampf des Tages begann
mit der Feuereröffnung auf die links eingesetzte und abgesessen vorgehende Panzergrenadiergruppe durch INS auf eine Entfernung von circa 100 bis 150 m. Dabei wirkte
der Feind in Truppstärke über ein freies Feld
auch auf die – im Zuge der Hauptverbindungsstraße vorgehenden – Hauptkräfte.
Das Feuer wurde unmittelbar erwidert
und der Feind wich – unter Nutzung von
Bewässerungsgräben – nach Norden aus.
Das weitere Vorgehen der eigenen Kräfte
wurde unverändert fortgesetzt. Als sich die
Hauptkräfte an die aufgeklärte Bausperre
annäherten, eröffnete der als Sperrsicherung eingesetzte Feind wiederum das Feuer mit Handwaffen und RPG.
Die Sperrsicherung wurde im Zusammenwirken zwischen einem SPz Marder und
einem Scharfschützentrupp bekämpft.
Parallel dazu wurden die ostwärts eingesetzten Marder auf weite Entfernung mit
RPG beschossen. Da der Feind, wie oftmals
zuvor auch, die RPG indirekt über bebautes
Gelände hinweg geschossen hat, konnten
die feindlichen Schützen nicht aufgeklärt
und bekämpft werden. Nach Erkundung
der Bausperre wurde diese gesprengt. Im
IED-Sweep
Strategie & Technik · Januar 2011
23
Heer
Anschluss setzte die Kompanie den Sweep
als Voraussetzung für die Gesprächsaufklärung in Qara Yatim weiter fort.
Bereits kurze Zeit nachdem der südliche
Ortsrand Qara Yatim genommen war, sammelten sich Teile der Bevölkerung, die – wie
so oft – vor allem aus Alten und Kindern bestand. Das TPT begann unmittelbar unter
Sicherung mit der Gesprächsführung. Im
Laufe des Gesprächs mit einem der Dorfältesten wurde dieser durch einen Anruf auf
seinem Mobiltelefon darüber in Kenntnis
gesetzt, dass INS in der Ortschaft seien und
ein Angriff auf die Kompanie unmittelbar
bevorstehe. Diese Information gab der Gesprächspartner direkt an das TPT weiter.
Circa eine Minute nachdem die Lageinformation an die Züge und weiteren Unterstützungskräfte gegeben wurde, wirkten
Feindkräfte durch massiven Beschuss auf
die Spitzenteile des A-Zuges. Nachdem der
Feuerkampf durch den A-Zug mit allen zur
Verfügung stehenden Handwaffen geführt
wurde, löste sich die Kompanie unter Überwachung durch die Flankensicherung und
nunmehr zur Verfügung stehender Drohne
LUNA wieder in Richtung LOC KAMINS.
Parallel zu den zuvor kurz umrissenen
Teilgefechten war auch die Polizeistation
Chahar Darreh durch eine weitere INSGruppierung Feindfeuer ausgesetzt. Solche Entlastungsangriffe wurden seitens
INS regelmäßig geführt und zu einem fast
berechenbaren Standardverfahren.
Durch die im Zuge der Gesprächsaufklärung gewonnenen Erkenntnisse und natürlich die Feuerkämpfe des Tages wurde
der Stellenwert Qara Yatims für den Feind
sehr deutlich. Die vorliegenden Hinweise
und daraus gewachsene Vermutung darüber wurde Gewissheit, so dass Qara Yatim
in der Folgezeit stärker in den Fokus des
eigenen Interesses gerückt ist, und entsprechende Operationen von ISAF-Kräften
in Verbindung mit der ANA im Raum der
Ortschaft geplant und durchgeführt wurden. Auch konnten die Erkenntnisse über
die zivile Lage vor Ort aktualisiert werden.
Erkenntnisse über Taktik
und Absicht der INS
Zu Art, Absicht und Verhalten der INS im
Einsatzzeitraum der 2./QRF 4 in Kunduz
lässt sich Folgendes zusammenfassend
feststellen:
Die Art und Qualität des im Raum Kunduz
agierenden Feindes stellt sich örtlich unterschiedlich dar. Dabei variiert das Spektrum
zwischen den sogenannten „50-Dollar-Taliban“, mit niedrigerem Ausbildungsstand
und geringerer Entschlossenheit im Kampf,
bis hin zu durch „Foreign-Fighters“ angeleiteten INS-Hardliner.
In den vorangegangenen Kontingen24
Januar 2011 · Strategie & Technik
„Wagenburg“ der QRF
ten war es ISAF-Kräften noch möglich,
sich in der Tiefe des nördlichen und
südlichen Chahar Darreh zu bewegen.
Dabei wurden ISAF-Kräfte durch INS
räumlich und zeitlich begrenzt im Rahmen von Hinterhalten angegriffen, mindestens gestört.
Entgegen der Erfahrungen im Gefecht von
Palaw Kamar muss die Mehrzahl der durch
die Kompanie bestrittenen Gefechte als
wenig überraschend und bisweilen vorhersehbar bezeichnet werden. So war die
Bewegungsfreiheit für ISAF-Kräfte über die
Dauer des Einsatzes der 2./QRF 4 in Chahar Darreh deutlich eingeschränkt. Bereits
nach kurzer Zeit im Raum Kunduz war für
die Kompanie klar, dass man mittlerweile
auf die alten Begrifflichkeiten zurückkommen musste.
Der Feind verteidigt mittlerweile deutlich
und entschieden, mit der Absicht, ISAFKräften das Eindringen in die Tiefe des
Raumes zu verwehren. Dabei nutzte er
bewährte militärische Grundsätze; so
zum Beispiel Sperren in Form von Bausperren und IED, Sperrsicherungen in
Form von Schützenstellungen, welche
die jeweilige Sperre überwachten, und
Entlastungsangriffe auf die Polizeistation
Chahar Darreh. Das „Gefecht in Hinterhalten“ wurde im Einsatzzeitraum der 2./
QRF 4 durch das „Gefecht am Vorderen
Rand der Verteidigung (VRV)“ abgelöst.
Zusammenfassung
Das Jägerregiment 1 war insgesamt weit
über ein Jahr mit der Einsatzvorbereitung,
der Einsatzdurchführung und der Einsatznachbereitung gefordert. Dies forderte
alle dem Regiment zur Verfügung stehenden Mittel, personell wie materiell. Ohne
die herausragende Leistungsbereitschaft
der Soldaten des Verbandes hätte dieser
Auftrag in seiner hohen Qualität nicht
erfüllt werden können. Dies schließt ausdrücklich auch die am Standort verblie-
benen Soldaten ein, die in der gesamten
Zeit alle nicht einsatzbezogenen Aufträge
zu erfüllen hatten. Dabei war nicht nur
die einsatzbedingte Abwesenheit vieler
Spezialisten und Soldaten des Stabes zu
kompensieren, vielmehr mussten zusätzlich auch die wichtigen Aufträge aus dem
Einsatzland sowie die Zuarbeit erledigt
werden.
Der Verband war auf den schwierigen Einsatz in Afghanistan vorbereitet und konnte
an dem Material, das im Einsatzland Verwendung findet, ausgebildet werden. Alle
Soldaten der QRF haben durch umsichtiges
und professionelles Handeln zum Erfolg im
Einsatz beigetragen. Hierbei hat sich der
Einsatz von „gewachsenen“, teilweise über
Einsatzerfahrung verfügenden Teileinheiten bewährt. Es gilt, diese Erfahrungen
für die Ausbildung der Einsatzkontingente
auszuwerten und konsequent in die Ausbildung einzubeziehen.
Das Jägerregiment 1 denkt „vom Einsatz her“ und beginnt bereits jetzt die
Soldaten und Soldatinnen zielgerichtet
auf die wahrscheinlichen Einsätze im
Jahr 2012 hin auszubilden. Besonderes
Augenmerk wurde im Jägerregiment 1
auf die Betreuung der Familienangehörigen der Einsatzsoldaten gelegt. Sieben
Soldaten mit Einsatzerfahrung und vier
ehrenamtliche Helfer betreuten die Familien der Einsatzsoldaten über ein Jahr. Vor
Einsatzbeginn wurden Informationsveranstaltungen und während des Einsatzes
monatlich Familienbetreuungsveranstaltungen durchgeführt. Ziel dieser Veranstaltungen war es, die Angehörigen umfassend über die Lage im Einsatzgebiet zu
informieren und sich im persönlichen Gespräch gegenseitig kennen zu lernen. Der
Wunsch der Angehörigen, am Standort
der Einsatzsoldaten und nicht durch eine
„anonyme“ Familienbetreuungsstelle in
der Nähe des Wohnortes des Soldaten
unterrichtet zu werden, wurde offensichtlich.
L