Was ist der Internationale Frauentag?

Transcription

Was ist der Internationale Frauentag?
Dagmar Stuckmann
„Gebt Raum den Frauen“
100 Jahre Internationaler Frauentag in Bremen
Dagmar Stuckmann
„Gebt Raum
den Frauen“
100 Jahre
Internationaler
Frauentag
in Bremen
Wiesbaden 2011
ISBN 978-3-9809513-7-1
© Thrun-Verlag Wiesbaden
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Titel:
Dr. Gottfried Schmidt; Gestaltung unter Verwendung des auf
der Zweiten Internationalen Frauenkonferenz im August 1910
in Kopenhagen beschlossenen Resolutionstextes
Druck und Herstellung: www.indexdigital.de
Printed in Germany
Diese Veröffentlichung wurde gefördert
von der Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf
und dem DGB Region Bremen-Elbe-Weser, Bremen
Inhalt
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
1. Die Vorgeschichte des Internationalen Frauentages . . . . . . . . . . . . . . . 21
Arbeiterfrauen in Deutschland und Bremen zu Beginn des 20. Jahrhunderts
22
Die Bildung einer proletarischen Frauenbewegung
Eine sozialistische Frauenemanzipationstheorie – Bebels „Die Frau und der Sozialismus“
Ein neuer Anfang mit neuer Leiterin – Clara Zetkin
Frauen organisieren sich in der Arbeiterbewegung
Exkurs: Die bürgerliche Frauenstimmrechtsbewegung – 1900 bis 1918
26
26
28
30
33
Neue Wege in der politischen Arbeit für das Frauenstimmrecht
Außerparlamentarische Aktionen für das allgemeine Wahlrecht für
Frauen und Männer in Bremen – 1910
Von amerikanischen Sozialistinnen initiiert: Aktionstag für das Frauenstimmrecht
erlangt internationale Bedeutung
35
35
38
2. Der Internationale Frauentag
1910–1914 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
Die Zweite Internationale Sozialistische Frauenkonferenz
45
„Die Resolution scheint nicht auf positive Resonanz gestoßen zu sein …“
48
1911: Der erste Internationale Frauentag
„... und er ist gründlich vorzubereiten“
Der 19. März 1911 in Bremen
Bilanz des ersten Internationalen Frauentages
49
49
52
54
„Wer nicht wählen kann, soll wühlen“ – Frauentage 1912 und 1913
Die sozialdemokratischen Frauen und die Reichstagswahlen – Januar 1912
„Gebt Raum den Frauen” – Frauentag 1912
Ein Frauentag unter anderem Namen
„Große Frauen-Demonstrationsversammlung“ – Frauentag 1913
56
56
58
60
61
Nach dem Gesetz der Serie – Frauentag 1914
„Wir ersuchen Sie, uns für das kommende Jahr den Frauentag zu gewähren“ –
SPD-Parteitag September 1913
Rote Woche mit Internationalem Frauentag – 1914
63
63
64
Zwischenbilanz
68
3. Unter dem Regime des Ersten Weltkrieges
1914–1919 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
Konfliktlinien in der sozialdemokratischen Frauenbewegung
Die Antikriegsbewegung der Frauen
An der Heimatfront im Dienst fürs Vaterland
76
76
81
Kriegsfrauentage in Bremen – 1915 und 1916
Kriegsalltag der Proletarierinnen
Belagerungszustand und Burgfrieden diktieren den Rahmen für den Frauentag 1915
Der alltägliche Krieg an der Heimatfront
Trotz Repressalien: große Frauenversammlung am 14. März 1916
Sozialdemokratinnen organisieren den Frauenprotest
83
83
85
87
88
89
6
Inhalt
Die Spaltung im Reich und in Bremen – 1916/1917
90
Die Revolution setzt das Frauenwahlrecht auf die Tagesordnung
92
... und die Räterepublik in Bremen stellt das Frauenwahlrecht wieder in Frage
93
Zwischenbilanz
98
4. Die Internationalen Frauentage der USPD
1917–1922 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
Die Gründung einer zweiten Arbeiterpartei
Gründungskongress in Gotha 1917: Frauen ergreifen die Initiative
Der Aufbau einer USPD-Gruppe in Bremen
107
107
107
Die Frauentage der USPD-Frauen in Bremen – 1919 und 1920
„Die Frauen im Befreiungskampf der Arbeiterschaft“
1919: Wieder ein Internationaler Frauentag in Bremen
USPD-Frauen organisieren zum zweiten Mal einen Internationalen Frauentag
109
109
110
112
Oktober 1920: Spaltung der Partei und der Frauen
114
Zwischenbilanz
116
5. Die Internationalen Frauentage der SPD
1917–1933. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
Die neuen Führungsfrauen entwickeln ihre Politik
Die geschlechtsspezifische Aktionsstrategie
Die Arbeiterwohlfahrt – Erschließung eines Wirkungsfeldes für die Arbeiterfrauen
Die Struktur der sozialdemokratischen Frauenorganisation
121
122
123
123
Frauenarbeit in der Mehrheits-SPD in Bremen – 1917 bis 1922
Die Anfänge als Wahlhelferinnen
Die SPD-Frauengruppe grenzt sich ab gegen die Kommunistinnen
124
124
126
Die Sozialdemokratinnen in der Vereinigten SPD – 1922 bis 1925
Die Vereinigung von USPD und MSPD
Neue Impulse in der Frauenarbeit
126
126
127
Die Internationalen Frauentage der SPD – 1926 bis 1930
Für die entschädigungslose Enteignung der Fürsten 1926
Frauentagaktionen und Wahlkampfeinsätze
Auch im Jahr 1929 wieder ein Frauentag
Exkurs: Internationaler Frauentag versus Muttertag 1930
Ein zweiwöchiges Aktionsprogramm zum Frauentag 1930
129
129
131
133
134
136
Gegen den Naziterror – Internationale Frauentage 1931 bis 1933
Für Weltfrieden, gegen Faschismus – Frauentag 1931
Eine Demonstration zur Abwehr des Faschismus – Frauentag 1933
139
140
143
Zwischenbilanz
144
6. Die Internationalen Frauentage der KPD
1919–1933 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149
Frauenarbeit in der KPD (Spartakusbund) und der Kommunistischen
Internationale 1918–1920
Die Anfänge in der neuen Partei
Frauen in der Kommunistischen Internationale
Richtlinien für die Frauenagitation in Deutschland
151
151
152
153
Inhalt
7
Der Frauentag der Kommunistinnen erhält ein Profil – 1921 und 1922
Ein Konzept für die Organisierung der Frauentage in Deutschland
Der Internationale Frauentag – für alle einheitlich am 8. März
156
156
157
Die Internationalen Frauentage im Bremer Parteialltag – 1920 bis 1924
Im innerparteilichen Richtungsstreit – der erste Internationale Frauentag
der KPD in Bremen
In den ideologischen Kämpfen nur eine Randexistenz – die Frauentage 1921/1922
Die Kommunistinnen setzen sich auch in Bremen durch: Frauentage 1923/1924
157
Die ideologische und organisatorische Wende in der Frauenpolitik – 1925
Ein neues Konzept, eine neue Struktur für die Frauenarbeit der KPD
„Eine internationale Frauenwoche in Bremen, die nach außen wenig
in Erscheinung trat“
157
159
160
164
164
165
„Keinen Pfennig den Fürsten, dafür Hilfe den Erwerbslosen“ – Frauentag 1926
166
KPD-Parteitag 1927: neue Parteilinie für die politische Arbeit unter den Frauen
168
Erledigung einer Pflichtaufgabe – Frauentage 1927 bis 1930
„Es fand eine Frauenversammlung statt, die nur sehr geringen Besuch aufwies“ –
Frauentag 1927
„Es lebe der Befreiungskampf der Arbeiterfrauen der ganzen Welt“ – Frauentag 1928
Nicht einmal die Parteipresse berichtete – Frauentage 1929 und 1930
169
„Antreten zur antifaschistischen Aktion“ – Frauentage 1931 bis 1933
Kampf gegen „das ganze faschistisch-kapitalistische System“ – Frauentag 1931
„Jede proletarische Frau ein roter Wahlhelfer in der Thälmannfront“ – Frauentag 1932
172
172
176
Zwischenbilanz
178
Exkurs: Zu den Frauentagaktionen der KPD und SPD in der Weimarer Republik
179
170
170
171
7. Deutsche Muttertage versus Internationale Frauentage
1933–1945 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187
Machtübernahme der NSDAP in Bremen
189
Die nationalsozialistische deutsche Frauengemeinschaft
190
Der deutsche Muttertag – nationalsozialistischer Feiertag für die deutsche Mutter
Der „Deutsche Muttertag“ in der Weimarer Republik
„Der neue Geist der Muttertage“
Das Ehrenkreuz der deutschen Mutter
Kriegsmuttertage 1939–1944
192
192
193
197
198
Zeichen des Widerstands gegen Faschismus und Krieg – Frauentage 1933 bis 1945
Die Bremer Kommunistinnen im Widerstand
Der Widerstand der sozialdemokratischen Frauen
Die Idee des Internationalen Frauentages begleitet die Verfolgten
im Konzentrationslager
Frauentagaktion von Zwangsarbeiterinnen in Bremen – 8. März 1943
Die Internationalen Frauentage im Londoner Exil – 1941 bis 1945
200
200
202
Zwischenbilanz
210
205
206
207
8. Internationale Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
1945–1966 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217
Die Reorganisation der politischen Strukturen in Bremen nach 1945
220
Die Überlebensarbeit der Frauen
222
8
Inhalt
Die politischen Frauenorganisationen Bremens der Nachkriegszeit
Der Frauenclub 1945
Der Bremer Frauenausschuss (BFA)
222
222
223
Die KPD in der Nachkriegszeit und in den Zeiten des Kalten Krieges
Der organisatorische Aufbau der Partei nach der Legalisierung
„Ziel und Weg der KPD“ – Aufruf der Partei am 20. Oktober 1945:
Programmatik und Frauenpolitik
Beginn der Isolation im Kalten Krieg
225
225
Internationale Frauentage der Kommunistinnen – 1948 und 1949
Der erste Internationale Frauentag in Bremen – 7. März 1948
Parteivorstandsbeschluss ist kein Ersatz für Frauenarbeit:
Eine Frauentagaktion scheitert – 8. März 1949
228
228
229
Internationale Frauentage der KPD und des DFD
Internationaler Frauentag im Kalten Krieg – 1950
Die KPD überträgt dem DFD die Organisierung der Frauentage
Die Volksbefragungskampagne – Frauentag 1951
Für Wiedervereinigung, gegen Remilitarisierung – Frauentage 1952–1954
„Jeden Tag etwas für den Frieden tun“ – Frauentage 1955 und 1956
231
231
234
236
237
240
Die Bremer Sozialdemokratinnen und ihre Frauentage – 1945 bis 1966
Die SPD-Frauen bauen ihre Strukturen nach dem Krieg wieder auf
Die Sozialdemokratinnen organisieren den Internationalen Frauentag 1949
Frauenpolitik in der Bundesrepublik der 1950er Jahre
Die politische Arbeit der SPD-Frauen in Bremen
Abgrenzung zur KPD-Veranstaltung: der sozialdemokratische Frauentag 1950
„Frauen kämpfen für Frieden und Freiheit“ – Frauentage 1951 bis 1956
Als Teil der Bewegung „Kampf dem Atomtod“ – Frauentage 1957 und 1958
Neue Aktionsformen für die Frauentage
242
242
244
245
246
250
252
254
257
Eine Tradition sozialdemokratischer Frauenarbeit verschwindet
Die politische Ausrichtung der SPD zur Volkspartei
Bremer Frauentage ohne Höhepunkte – 1959 bis 1966
Der Internationale Frauentag verschwindet als politisches Datum
257
257
258
260
Zwischenbilanz
261
225
226
9. Neue Frauenbewegung und Internationaler Frauentag
1967–1979 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
Formierung der Neuen Frauenbewegung
Ein Tomatenwurf und seine Folgen – der Bremer Weiberrat 1969
Aus den Protesten gegen den § 218 entsteht die Neue Frauenbewegung
270
272
273
Strömungen in der Frauenbewegung der 1970er Jahre
Autonome Frauenbewegung
Frauenbewegung der Sozialdemokratinnen
Aufbruch der Gewerkschafterinnen
Frauenarbeit in der neu konstituierten Deutschen Kommunistischen Partei (DKP)
275
275
277
279
281
Ein Wendepunkt: Das Internationale Jahr der Frau 1975
282
Internationale Frauentage in den 1970er Jahren
285
Zwischenbilanz
290
Inhalt
9
10. Tradition mit Zukunft – Internationale Frauentage
1980–1989 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295
8. März 1980 in Bremen
298
Eine innergewerkschaftliche Kontroverse um den Frauentag – 1980 bis 1982
Ein Beschluss und seine Folgen – 1980/1981
8. März 1982: erste Frauenkundgebung der Gewerkschafterinnen
300
300
302
Frauentage der Gewerkschafterinnen – 1983 bis 1985
Die DGB-Frauendemonstration 1983
„Frauen machen Putz“ gegen die Frauenpolitik der Bundesregierung –
Frauentag 1984
„Der 8. März ist unser Tag!“ – Frauentag 1985
304
304
Vereint unter dem Frauenzeichen – Frauentag 1986
308
Der Internationale Frauentag im neuen Gewand – 1987 bis 1989
„Fröhlich, bunt und mit viel Spaß“ – ein neues Konzept für den Frauentag 1987
Das neue Konzept bewährt sich – Frauentag 1988
„Wir streiten für bessere Zeiten“ – Frauentag 1989
312
313
315
318
Zwischenbilanz
320
305
307
11. Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
1990–2010 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 325
„Halbe–Halbe“ – Frauentag 1990
329
Internationale Frauentage 1991–1993
„Bilanz des Schreckens“ – Frauentag 1991
„Contra Rassismus, Sexismus, Kolonialismus“ – Frauentag 1992
Ein breites gesellschaftliches Bündnis gegen Gewalt – Frauentag 1993
332
333
333
335
Frauenstreiktag – Frauentag 1994
Vorbereitungen
PROTEST – STREIT – STREIK: Frauentag 1994
336
336
338
Frauen- und Mädchenparlamente – Frauentage 1995 bis 1997
Demonstrationen, Diskussionen, Frauen- und Mädchenparlamente,
alles an einem Tag – Frauentag 1995
Frauenprojekte gegen Rotstiftpolitik – Frauentag 1996
Ein vielfältiges Programm und ein Frauentag ohne politisches Profil – 1997
342
342
344
347
Mit neuen Ideen und Konzepten – Frauentage 1998/99
„Einbrüche, Umbrüche, Aufbrüche“ – Frauentag 1998
„Der letzte Frauentag im alten Jahrtausend“ – 1999
349
349
352
8. März 2000: Wahl der Bremer Frau des Jahres und 25 weitere Veranstaltungen
354
Über Bremen verteilt und zeitlich ausgedehnt – Frauentage 2001 bis 2006
Diskussionen in kleiner Runde, Geburtstagsfeier mit Paula
und abends zum Tanz – Frauentag 2001
„Wie ein Spinnennetz über Bremen“ – Frauentag 2002
Für Frieden und Frauenrechte – Frauentag 2003
Ein Frauentag mit wenig Presseecho – Frauentag 2004
„Wo bitte geht’s zur Zukunft?“ – Frauentag 2005
95. Internationaler Frauentag, 60 Jahre Bremer Frauenausschuss:
Der Frauentag ist in die Jahre gekommen – Frauentag 2006
356
356
357
358
360
361
363
10
Inhalt
Nicht zu alt für die Zukunft – Internationale Frauentage 2007–2010
Erstmals wieder eine gemeinsame zentrale Veranstaltung – Frauentag 2007
„Frauengenerationen – Fortschritt mit Rückblick“ – Frauentag 2008
„60 Jahre Gleichberechtigung – noch nicht am Ziel“ – Frauentag 2009
Eine Jahrhundertfeier wird verschoben
Suppenengel begegnet Helene Schweida, Rosa Luxemburg und Clara Zetkin –
Frauentag 2010
365
365
367
369
372
Zwischenbilanz
375
373
Schlussteil: Was ist der Internationale Frauentag? . . . . . . . . . . . . . . . . . . 383
Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 391
1. Abkürzungsverzeichnis
2. Archive
3. Zeitungen und Zeitschriften
4. Interviews
5. Literatur
6. Chronologie der Internationalen Frauentage
392
394
395
396
397
415
Einleitung
Ein neues Projekt der sozialistischen Frauenbewegung
„Die Frau des 20. Jahrhunderts ist politisch mündig geworden,
und trutziglich fordert sie ihre Staatsbürgerrechte.“
Mit diesem Leitspruch wurde der Aufruf zum ersten sozialdemokratischen Frauentag 1911
eingeleitet. Sozialistinnen aus 16 Nationen Europas und den USA hatten ihn aus der Taufe gehoben. Auf ihrer Zweiten internationalen Frauenkonferenz, am 26. und 27. August
1910, hatten die Delegierten beschlossen, dass die sozialistischen Frauen aller Länder
„jedes Jahr einen Frauentag“ veranstalten sollten, „der in erster Linie der Agitation für das
Frauenwahlrecht dient“.
1911 organisierten die sozialdemokratischen Frauen in Dänemark, Deutschland, Österreich-Ungarn, der Schweiz und die Sozialistinnen in den USA zum ersten Mal einen
Frauentag. Als Datum für diesen ersten Frauentag war in Deutschland und den meisten
anderen Ländern der 19. März gewählt worden. Die SPD hatte das Flugblatt, aus dem oben
zitiert wurde, in einer Auflage von 2½ Millionen Exemplaren drucken lassen. Und überall
in Deutschland – so auch in Bremen – wurde das Flugblatt in den Tagen vor dem 19. März
verteilt. Die Frauen Bremens wurden zur Teilnahme an „Öffentlichen Frauenversammlungen“ am Sonntag, dem 19. März 1911, aufgerufen. Einziger Tagesordnungspunkt auf den
beiden Versammlungen war: „Der Kampf um das Frauenwahlrecht“. In Bremen formierten
sich im Anschluss an die Kundgebungen rund 200 Frauen begleitet von einigen Männern
zur ersten Frauendemonstration. Aus den Arbeitervierteln Walle/Gröpelingen kommend
ging der Zug bis vors Rathaus. Auf dem Marktplatz brachten die Teilnehmerinnen ein
Hoch auf das Frauenwahlrecht aus und „gratulierten sich zu ihrem ersten Erfolg im Kampf
um das Frauenwahlrecht“.
Das war der Auftakt für eine nunmehr hundertjährige Geschichte des Internationalen
Frauentages: „Kampftag für das Frauenwahlrecht, Protesttag gegen Krieg und Militarismus, Demonstrationstag für volle soziale und politische Gleichberechtigung, Solidaritätstag mit verfolgten und unterdrückten Frauen anderer Nationen und schließlich Aktionstag
der Neuen Frauenbewegung“ – das waren die unterschiedlichen politischen Akzente, die
über die Frauentage im Verlauf des Jahrhunderts gesetzt wurden (aus dem Vorwort der
Ministerin für Gleichstellung, NRW, 1993, 3). Im Ursprung eine „Erfindung“ sozialistischer
Frauen wird der Internationale Frauentag heute von einem Bündnis unterschiedlicher
Frauengruppen gestaltet. Traditionelle Frauenverbände und Frauenbeauftragte feiern mit
Gewerkschafterinnen, Parteifrauen und Frauen feministischer Projekte, Christinnen wie
muslimische Frauen beteiligen sich an den Aktionen.
Der Internationale Frauentag als lokales Ereignis
In der folgenden Arbeit wird die Entstehung, Entwicklung und Bedeutung des Internationalen Frauentages in der Freien Hansestadt Bremen dargestellt. Die Großstadt Bremen
bietet einen räumlich überschaubaren Rahmen und ist als Stadtstaat eine eigenständige
Zentrale mit den Kompetenzen einer Landesregierung. Die Entwicklung der Frauentage
12
Einleitung
kann wie durch ein Brennglas beobachtet werden. Erst im Zusammenhang der lokalen
Studie wird sichtbar, dass sich im Verlauf der Geschichte die Bedeutung des Lokalen in
Bezug auf die Frauentage veränderte. Bis in die 1960er Jahre hinein war der Internationale Frauentag ein Instrument der politischen Arbeit, und zwar vor allem der Frauenbewegungen der Arbeiterparteien. Die auf Parteitagen und von Parteivorständen gefassten
Beschlüsse wurden in den Aktionen der Frauentage an der Basis in praktische Politik
umgesetzt.
Wie erfolgreich sich die Strategien der Führungsspitze an der Basis durchgesetzt haben, ließ sich an der Dokumentation der konkreten Frauenaktionen ebenso ablesen wie
die Widerständigkeit und der Eigensinn der Frauen. Die lokalen Ereignisse blieben in diesem Zeitraum aber stets eingebunden in die Hierarchien der Parteistrukturen. Im Zentrum
dieser Phase stand daher die oft reibungsvolle Transformation zentraler Parteivorgaben
in lokale Praxis.
Mit der Neuen Frauenbewegung und der Ernennung des Frauentages zu einem „Tag
der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden“ im Jahr 1977 wurde
der Internationale Frauentag zum zentralen Aktionstag, der von den Gruppen und Organisationen der Frauenbewegung in der jeweiligen Stadt inhaltlich bestimmt und gestaltet
wurde. Selbst in den Parteien und Gewerkschaften organisierten die Frauengruppen ihre
lokalen Aktionen eigenständig.
In dieser zweiten Phase der Entwicklung des Internationalen Frauentages wurden die
lokalen Frauentage zu Zentren der politischen Aktivitäten. Die dirigistischen Parteidoktrinen verschwanden und stattdessen wurden die Frauen in den gewerkschaftlichen Ausschüssen an der Basis initiativ. Über informelle Kontakte und Beziehungen zu anderen
lokalen Frauengruppen vergrößerte sich der Kreis der Akteurinnen. Das Zusammenwirken
der unterschiedlichen Gruppierungen in den Städten verlieh dem Frauentag seine Stoßkraft und die politischen Verhältnisse in der Stadt prägten die Themen an den Frauentagen.
Dargestellt wird, in welcher Weise Akteurinnen in Bremen auf die sich wandelnden politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse reagierten; welche Forderungen an den Frauentagen im Vordergrund standen; wie die Veranstalterinnen die Ausdrucksformen der Frauentagaktionen veränderten und wie sich die Beziehungen zwischen den unterschiedlichen
Trägerinnen der Frauentage gestalteten, die in den Aktionsbündnissen aufeinander trafen.
Zum Aufbau des Buches
Der Gesamtbericht über die hundertjährige Geschichte des Internationalen Frauentages
wurde in elf Kapitel unterteilt. Dabei ist jedes Kapitel eine in sich abgeschlossene Erzählung. Sie beginnt mit einer Einführung, in der die politischen Ereignisse, die die Frauentage beeinflusst haben, dargestellt werden. Außerdem werden die Schwerpunkte der Frauentagaktionen zusammengefasst. Danach folgen Berichte über die einzelnen Frauentage
in Bremen. Die Kapitel werden jeweils abgeschlossen mit einer Zwischenbilanz, in der die
neuen Aspekte der jeweiligen Epoche analysiert werden.
Das Buch ist als Lesebuch konzipiert, in dem jedes Kapitel als eigenständiger Text gelesen werden kann. Außerdem kann der Text als Nachschlagewerk genutzt werden. Dazu
befindet sich im Anhang die Liste aller im Buch beschriebenen Frauentage mit Seitenangaben.
Einleitung
13
Quellenbasis
Für die Rekonstruktion der lokalen Frauentage waren Presseberichte von grundlegender
Bedeutung, weil diese über die konkreten Ereignisse berichten. Hauptquellen waren für
die Jahre bis 1933 die lokale Parteipresse der SPD, der USPD und der KPD. Seit Beginn der
Frauentagaktionen 1911 begleitete die Bremer Bürger-Zeitung als linke Parteizeitung der
Bremer SPD die politischen Aktionen der Sozialdemokratinnen. Die Artikel zeichneten
durchweg ein positives Bild der Fraueninitiativen, trotzdem vermittelten sie ein realistisches Bild der Ereignisse. Das zeigte sich beim Studium der Polizeiakten, die im Staatsarchiv Bremen (STAB) eingesehen werden können: Für den gesamten Zeitraum bis 1933
hatte die Polizei die Frauentagaktionen überwacht, die akribischen Berichte sind nahezu
lückenlos geführt. Darüber hinaus befinden sich auch Flugblätter, interne Parteiberichte
und Parteipropagandamaterial in den Akten, mit deren Hilfe die Aktionen recht detailliert
rekonstruiert werden können. Für die Zeit der Weimarer Republik lagen ebenso Polizeiberichte für alle drei Arbeiterparteien vor.
Für die Analyse und Darstellung der Frauentage waren auch die jeweiligen Frauenzeitschriften der Parteien wichtig. Das galt an erster Stelle für die Zeitschrift Die Gleichheit,
die bis 1916 die politische Richtung der Frauenarbeit auch der Bremer Sozialdemokratinnen bestimmte. Nach der Spaltung gab jede Partei eine eigene Frauenzeitschrift heraus.
Die SPD hielt zunächst an der Gleichheit fest. Als deren Erscheinen eingestellt wurde,
erschien die Frauenzeitschrift unter dem Namen Die Genossin. Seit Frühjahr 1919 gab
die USPD eine eigene Frauenzeitung unter dem Namen Die Kämpferin heraus. Die KPDZeitschrift trug zunächst den Namen Die Kommunistin. Ab 1927 übernahmen die Kommunistinnen den Titel der früheren USPD-Frauenzeitung, und die Frauenzeitung der KPD
erschien unter dem Titel Die Kämpferin. Bei den Frauenzeitschriften wurden jeweils die
Frauentagausgaben durchgesehen.
Weiteres Quellenmaterial waren Parteitagsprotokolle und Beschlüsse der Parteivorstände. Über die SPD-Frauentage ließen sich auch Informationen finden in den Jahrbüchern, die der SPD-Parteivorstand seit 1926 regelmäßig herausgab. Dort wurde unter der
Rubrik „Frauenbewegung“ jedes Jahr über den Frauentag und die Aktionen der Genossinnen berichtet. Als vorbildlich angesehene Aktionen der Bremer Frauengruppe wurden
besonders erwähnt.
Für die Zeit nach 1945 standen die Bestände des Archivs der sozialen Demokratie bei
der Friedrich Ebert Stiftung (AdsD/FES) zur Verfügung. Dort lagert Material der SPD
Landesorganisation Bremen (LO Bremen I und II), wozu auch die Unterlagen der Frauengruppen mit Berichten über die Organisierung der Frauentage und die Zusammensetzung
der Frauengruppen gehören.
Für die Forschungsarbeit über die Frauentage der KPD wurden die Bestände des Bundesarchivs Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen in der DDR (SAPMO)
durchgesehen. Die Materialien gaben besonderen Einblick in das Verhältnis zwischen der
KPD-Bezirksleitung Bremen und dem Zentralkomitee der Partei. Darunter befanden sich
auch Berichte der Bezirksleitung über Frauentagaktionen an die Frauenabteilung beim
Parteivorstand und deren kritische Stellungnahmen über die Frauenarbeit in Bremen.
Auch für die Zeit nach 1945 waren diese Bestände bedeutsam, da die lokale Parteizeitung
nur in Ausnahmefällen über Aktionen der Kommunistinnen und des Demokratischen
Frauenbundes (DFD) berichtete, der seit 1951 in Bremen zusammen mit der KPD die
Frauentage organisierte. Im Archiv der deutschen Frauenbewegung (addf) und in der Pri-
14
Einleitung
vatsammlung von Margot Konetzka konnten dagegen Flugblätter und Veröffentlichungen
des Demokratischen Frauenbundes Westdeutschland (DFD) eingesehen werden.
Für den Bericht über den nationalsozialistischen Muttertag stand die Bremer Nationalsozialistische Zeitung, später Bremer Zeitung (BNZ/BZ), im Pressearchiv der Universität
Bremen zur Verfügung. Einblicke in die Arbeit der Widerstandsgruppen lieferte u.a. die
Videofilm-Reihe „Bremer Arbeiterbiographien“ sowie Interviews aus den 1980er Jahren, in
denen ehemalige Aktivistinnen von ihrer politischen Arbeit während der NS-Zeit erzählten.
Ebenso wurden Berichte von Sozialdemokratinnen über die Aufbauarbeit nach 1945
und von Kommunistinnen über politische Aktionen zum Frauentag innerhalb der Kampagnen gegen Remilitarisierung und der Antiatombewegung aus Interviews entnommen, die
die Akteurinnen in den 1980er Jahren gegeben hatten.
Auch für die Erforschung der Frauentage nach 1975 blieben die Presseberichte zentrale
Quellen, vor allem weil darüber Kontinuitäten, Brüche und Neu-Initiativen über den langen
Zeitraum von annähernd dreißig Jahren sichtbar werden. Mit der taz Bremen als Tageszeitung kam eine neue Presse hinzu, deren kritische Berichterstattung eine differenziertere
Beurteilung der Frauentage ermöglichte.
Die Aktivitäten der Neuen Frauenbewegung in Bremen waren im belladonna-Archiv
Bremen gut dokumentiert. Zu den dort lagernden Materialien gehören neben Flugblättern, Rundschreiben und Protokollen auch die „Bewegungspresse“, in denen sich Hinweise auf Frauentagaktionen fanden. Weitere Quellen konnten im Archiv der Universität
Bremen erschlossen werden. Wichtig war die Zeitungsausschnittsammlung (ZASS) des
Parteivorstandes der SPD, die im AdsD gelagert wird. Unter der Rubrik Bevölkerung/
Frauen wurden dort von 1983 bis 1996 die Bundesdeutschen Presseveröffentlichungen
zum 8. März gesammelt. Damit ließen sich überregionale Bezüge und Verbindungen zu
den Bremer Aktionen erschließen.
Wichtige Dokumente und Unterlagen lieferten auch die Privatsammlungen, die von
Bremer Akteurinnen für diese Arbeit zur Verfügung gestellt wurden. Außerdem wurden in
den Jahren 2009 und 2010 zahlreiche Frauen befragt, die an den Frauentagen aktiv mitgewirkt haben. Ihre Berichte bildeten oft eine Brücke zwischen den Quellen oder wiesen
auf unbeachtete Aspekte hin.
Ein Abriss der Geschichte des
Internationalen Frauentages und der Bremer Ereignisse
Die deutsche Sozialistin Clara Zetkin schlug auf der Zweiten Sozialistischen Frauenkonferenz am 27. August 1910 in Kopenhagen die Einführung eines Internationalen Frauentages vor. Der Antrag wurde einstimmig angenommen. Ein solches Projekt – jedes Jahr einen
Agitationstag für das Frauenwahlrecht zu organisieren – konnte nur deshalb realisiert
werden, weil es 1910 bereits eine aktive internationale sozialistische Frauenbewegung gab.
Die Entstehungsgeschichte der sozialdemokratischen Frauenbewegung in Deutschland
wird zu Beginn dieses Buches beschrieben (Kapitel 1).
Anschließend werden die konkreten Aktionen an den Frauentagen der Jahre 1911 bis
1914 in Bremen dargestellt: Der erste Frauentag wurde am Sonntag, dem 19. März 1911, in
Dänemark, Deutschland, Österreich-Ungarn und der Schweiz gefeiert. In den USA fand er
bereits zum dritten Mal in der letzten Februarwoche statt. Das alles beherrschende Thema
der ersten Jahre war die Forderung nach dem „freien, geheimen, und gleichen Wahlrecht
Einleitung
15
für Männer und Frauen“. Auch die Bremer Sozialdemokratinnen organisierten 1911 ihre
erste Frauendemonstration. Und bis 1914 hatten sie „ihren“ Tag im Aktionsrhythmus des
Parteijahres verankert. Er war in Bremen – wie in der Partei überhaupt – ein wichtiger Teil
der Propaganda und Aufklärungsarbeit. Und vor allem trug er wesentlich zur Werbung
neuer weiblicher Mitglieder bei – eines der wichtigsten Argumente der Führungsfrauen in
der SPD, um die Frauentage beim Parteivorstand in Berlin, der noch immer Vorbehalte
gegenüber separaten Frauenaktivitäten hegte, durchzusetzen (Kapitel 2).
Nach Beginn des Ersten Weltkrieges schloss sich die Mehrheit der Bremer Sozialdemokratinnen der Antikriegsbewegung der Parteiopposition an. An den „Kriegsfrauentagen“ 1915 und 1916 stand die Kritik an der miserablen Versorgung der Bevölkerung und
die Forderung nach Frieden und sofortiger Beendigung des Krieges an erster Stelle. Die
Bremerinnen stellten sich damit gegen die von der Parteiführung betriebene Politik der
Bewilligung von Kriegskrediten und Unterstützung des Krieges. Die Auseinandersetzungen in dieser Frage führte in der Bremer SPD Ende 1916 zur Spaltung (Kapitel 3). Die
Frauengruppe war aufgelöst und die einzelnen Frauen mussten sich neu orientieren. Viele
organisierten sich in der 1917 gegründeten USPD, waren Mitglied in der Mehrheits-SPD
oder traten der Kommunistischen Partei bei.
Nach dem Ersten Weltkrieg und vor allem aufgrund der Einführung des Frauenwahlrechts musste für den Internationalen Frauentag ein neues Konzept entwickelt werden. Es
waren die Frauen in der neu gegründeten USPD, die bereits auf dem ersten Parteitag 1917
beschlossen, noch im Mai desselben Jahres einen Frauentag durchzuführen. In der kurzen
Geschichte der Frauentage der USPD (1917–1920) stellten die Frauen zwei Themen in den
Mittelpunkt: Frieden und internationale Solidarität (Kapitel 4).
Trotz erster Erfolge zeigte sich, dass für die USPD als dritte Arbeiterpartei zwischen
der 1918 neu gegründeten KPD und der wiedererstarkten SPD kein Platz blieb. 1922 vereinigte sich die USPD mit der SPD. In der Folge brachten die USPD-Frauen ihr Konzept
für einen Internationalen Frauentag und ihre Themen in die innerparteiliche Debatte um
die Wiedereinführung des Frauentages in der SPD mit ein. Innerhalb der SPD gab es aber
auch unter den Frauen Widerstände gegen einen sozialdemokratischen Frauentag. Der
wichtige Anstoß kam dann von außen, als nämlich die erste Internationale Frauenkonferenz der Sozialdemokratinnen 1923 die Wiedereinführung des Frauentages beschloss,
was jedoch erst im Jahr 1926 zu einem Frauentag der Sozialdemokratinnen führte.
Von diesem Jahr an fanden in Deutschland zunächst zwei Internationale Frauentage
statt: ein kommunistischer am 8. März und ein sozialdemokratischer ohne festes Datum.
Die SPD-Frauen in Bremen entwickelten ihren Frauentag zu einem politischen und kulturellen Höhepunkt ihrer politischen Arbeit. Die Themen orientierten sich an den sozialpolitischen Debatten und den Anträgen der SPD-Fraktion im Reichstag. In den 1930er
Jahren waren die Frauentage vor allem Protestaktionen gegen die immer offensiver und
gewalttätiger auftretenden Nationalsozialisten. Noch im Februar 1933 organisierten die
SPD-Frauen eine Demonstration und Kundgebung zum Internationalen Frauentag „gegen
die faschistische Diktatur“ (Kapitel 5).
In den revolutionären Kämpfen entstand zum Jahresende 1918 die Kommunistische
Partei Deutschlands (KPD). Ein großer Teil der Frauen, die sich der neuen Bewegung anschlossen, gehörten vor der Spaltung zu den Aktivistinnen der sozialistischen Frauenbewegung vor dem Ersten Weltkrieg. Sie wollten in der neuen Partei Frauenpolitik zu einem
Schwerpunkt der Parteiarbeit machen. Arbeiterfrauen und vor allem Betriebsarbeiterinnen sollten für die revolutionäre Bewegung gewonnen werden. Ein wichtiges Instrument
dazu waren die Frauentage, die als Agitationstage alle Genossinnen und Genossen mo-
16
Einleitung
bilisieren sollten, die Arbeiterfrauen an die Partei und ihre Ziele heranzuführen. Um dem
Internationalen Frauentag auch in der Kommunistischen Internationalen (KI) ein besonderes Gewicht zu verleihen, beschloss die zweite Frauenkonferenz der Kommunistischen
Internationale 1921, dass die Frauentage aller kommunistischen Parteien ab 1922 jährlich
am 8. März stattfinden sollten.
Doch trotz klarer Parteidirektiven und Leitlinien gelang es den deutschen KommunistInnen nicht, die Masse der Arbeiterfrauen für ihre revolutionären Ziele zu gewinnen.
Auch in Bremen war die Zahl der aktiven weiblichen Mitglieder von Anfang an nicht sehr
groß. Eine Gruppe junger Frauen organisierte die ersten Frauentage zu Beginn der 1920er
Jahre. Doch die Männer zeigten kaum Bereitschaft, diese Arbeit zu unterstützen. So waren
Versammlungen oft „kläglich schlecht besucht“, erst 1923 kam eine Versammlung mit
2.000 Teilnehmerinnen zustande. Angesichts inflationärer Geldentwertung, sich ständig
verschlechternder Lebensbedingungen und der Ruhrbesetzung durch die französische
Armee fanden die politischen Appelle zur Einheitsfront unter kommunistischer Führung
Zustimmung bei den Arbeiterinnen und ihren Familien. Der gute Besuch auf der Frauenversammlung war ein Ausdruck dafür.
Nach der Aufbauphase und den ersten Frauentagversammlungen vollzog die KPD
1924/25 eine linksradikale Wendung. Das hatte unmittelbare Folgen für die Frauenpolitik.
Jegliche Sonderbereiche der Frauenarbeit wurden abgeschafft. Die Genossinnen sollten
die Vorgaben der Parteiführung ausführen, die Hausfrauen waren als Hilfstruppen bei der
Betriebsagitation vorgesehen. Dazu waren die Frauen aber offensichtlich nicht bereit. Sie
traten – auch in Bremen – aus der Partei aus oder zogen sich aus der aktiven Parteiarbeit
zurück. Die verbliebenen Genossinnen wurden bei den unterschiedlichsten Parteiaktionen
eingesetzt. Für die Vorbereitung und Durchführung von Frauentagen blieb kaum Zeit. Die
Frauentage wurden dann als angeordnete Pflichtveranstaltungen bürokratisch abgewickelt. In anderen Jahren wurden Frauenaktionen am Frauentag mit anderen politischen
Verpflichtungen verbunden. So gab es im Jahr 1931 eine Frauendemonstration gegen den
§ 218 im Stadtteil Gröpelingen mit etwa 50 TeilnehmerInnen, die nach der Demonstration
zum antifaschistischen Aktionseinsatz nach Delmenhorst gefahren wurden. Frauenthemen waren in der Bremer KPD von nachrangiger Bedeutung.
Trotzdem gelang es den KPD-Frauen einige Male, zum 8. März gut besuchte Kundgebungen zu organisieren. 1932, zum Wahljahr, gab es eine Veranstaltung mit 1.000 Teilnehmerinnen. Die Frauen wurden aufgerufen, sich als „rote Wahlhelfer für Thälmann“ zu
betätigen. Doch auch dieser Appell nützte den Kommunisten nicht. Sie blieben auch bei
den Reichpräsidentenwahlen 1932 die Partei mit dem geringsten Stimmanteil an weiblichen Wählerinnen (Kapitel 6).
Genauso wie die Arbeiterparteien selbst wurde der Internationale Frauentag als fester
Bestandteil der sozialdemokratischen und kommunistischen Bewegung von den Nazis verboten. Stattdessen wurde der Muttertag in den Rang eines offiziellen Feiertages erhoben.
Doch der Frauentag lebte weiter. Unter der NS-Herrschaft konnte es oft nicht mehr sein als
eine symbolische Geste wie die roten Kopftücher einer Gruppe ukrainischer Fremdarbeiterinnen in Bremen oder ein roter Faden am Häftlingskleid im Frauenkonzentrationslager.
Zugleich wanderte der Internationale Frauentag mit den Frauen, die vor den Nazis flüchteten, ins Ausland. Dort wurde er zum Protesttag gegen die Nazidiktatur (Kapitel 7).
Nach dem Zweiten Weltkrieg, im geteilten Deutschland, zeigten sich im Umgang mit dem
Internationalen Frauentag erhebliche Unterschiede zwischen den Besatzungsmächten. In
der sowjetischen Besatzungszone wurde der Frauentag 1946 offiziell wieder eingeführt.
Im Westen, auch in Bremen, war der Frauentag zunächst weder bei den Kommunistinnen
Einleitung
17
noch bei den Sozialdemokratinnen ein Thema. 1948 gab es die erste Veranstaltung der
KPD in Bremen. Die Frauen formulierten ihre Vorstellungen und Perspektiven für einen
Frauentag im Nachkriegsdeutschland. Dabei stand der Wunsch nach Frieden und einem
vereinigten Deutschland im Mittelpunkt. Deshalb sollten am 8. März Frauen unabhängig
von ihrer religiösen oder politischen Überzeugung und ihrer sozialen Herkunft zu gemeinsamen Aktivitäten für den Erhalt des Friedens zusammenkommen.
Die Bremer Sozialdemokratinnen organisierten im darauf folgenden Jahr, also 1949,
einen Frauentag. Auch bei ihnen stand das Thema Frieden im Vordergrund. Doch von Anfang an lehnten die SPD-Frauen jedes Zusammengehen mit den Kommunistinnen ab. Es
war die Zeit des Kalten Krieges und des Antikommunismus und Kommunistinnen galten
als Repräsentantinnen des politischen Gegners. So fanden Frauenveranstaltungen der beiden Frauenorganisationen immer getrennt statt, die Kommunistinnen versammelten sich
am 8. März, während die sozialdemokratischen Termine jährlich auf einen neuen Termin
zwischen Februar und Mai gelegt wurden.
Für die Sozialdemokratinnen in Bremen wurde der Internationale Frauentag zum Festakt im repräsentativen Saal des Rathauses. Die Festversammlung war der Höhepunkt der
Frauenarbeit. Die Rednerinnen gehörten zur Führungsspitze der Partei und stellten in
ihren Festreden die politischen Forderungen der SPD nach Wiedervereinigung und Frieden und die Kritik an der Adenauer-Regierung in den Mittelpunkt.
Die Frauentage der Kommunistinnen waren Aktionstage, an denen die Frauen auch
in Bremen mit umgehängten Plakaten demonstrierten oder von Haus zu Haus zogen, um
Unterschriften zu sammeln. Auf der abendlichen Versammlung blieben die Kommunistinnen und die ihnen nahe stehenden Gruppierungen meist unter sich. Nach dem Verbot der
KPD 1956 und des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands (DFD) 1957 gab es auch
in Bremen keine 8.-März-Veranstaltungen mehr.
Bei den Sozialdemokratinnen schwand zum Ende der 1950er Jahre das Interesse an
separaten Frauentagaktionen und Festakten. Die junge Generation der SPD-Frauen hatte
zu diesen Traditionen der Arbeiterbewegung keine Beziehung mehr. So verschwand der
Frauentag Mitte der 1960er Jahre aus dem Aktionskalender der SPD (Kapitel 8).
Die jungen Sozialdemokratinnen engagierten sich dagegen in der Außerparlamentarischen Opposition, wurden Mitglieder bei den Jusos oder gründeten eine der autonomen
Frauengruppen, die im Rahmen der Neuen Frauenbewegung zum Ende der 1960er Jahre
entstanden. Gleichzeitig erlebte die Frauenarbeit in den Gewerkschaften und Parteien
einen Aufschwung und der 8. März wurde im Verlauf der 1970er Jahre neu belebt. Dazu
trug vor allem die Initiative der Vereinten Nationen bei, die im Jahr 1975, welches von der
UNO zum Internationalen Jahr der Frau ernannt worden war, erstmals am 8. März eine
Feier ausrichtete. Die Generalversammlung erklärte dieses Datum später zum „Tag der
Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden“.
Die Demokratische Fraueninitiative (DFI) – ein Zusammenschluss linker und kommunistischer Frauen, der aus den Aktivitäten verschiedener Frauengruppen zum UNO-Jahr
1975 entstanden war – veranstaltete in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre in zahlreichen
Städten wieder Frauenveranstaltungen zum 8. März. Auch in Bremen organisierten DFIFrauen 1978 und 1979 im Bündnis mit unterschiedlichen autonomen Frauengruppen, traditionellen Frauenorganisationen und politisch aktiven Frauen Demonstrationen, Kundgebungen und Frauenfeste zum 8. März. Diese vielfältigen Aktionen, die in zahlreichen
Orten stattfanden, verliehen dem Frauentag wieder neues politisches Gewicht (Kapitel 9).
Vor allem die Gewerkschaftsfrauen entdeckten den Frauentag. Zum Internationalen
Frauentag 1980 rief die Abteilung Frauen des DGB die Kolleginnen dazu auf, ihre frauen-
18
Einleitung
politischen Forderungen öffentlich zu machen. Doch mitten in die Vorbereitungen zum
Frauentag platzte ein Beschluss des DGB-Vorstandes, der Aktionen zum Internationalen
Frauentag verbot, weil es sich um einen parteipolitischen Kampftag handele. Doch die
Frauen setzten sich zur Wehr und führten in vielen Städten trotz Verbots ihre Veranstaltungen durch. In Bremen gab es 1981 die erste Frauenversammlung im Gewerkschaftshaus und 1982 fand die erste Frauenkundgebung der Gewerkschafterinnen statt. Der
DGB-Vorstand musste schließlich dem Druck der Frauen nachgeben. 1982 wurde auf dem
DGB-Bundeskongress der 8. März als Aktionstag der Gewerkschaftsfrauen bestimmt. Er
sollte in Zukunft dazu dienen, aktuelle Probleme der arbeitenden Frauen zu diskutieren.
Im selben Jahr beschloss auch der SPD-Parteitag, den 8. März wieder als Internationalen
Frauentag zu begehen.
In Bremen übernahm der DGB-Frauenausschuss die Organisierung der Frauentage.
Die Aktivistinnen verteilten rote Nelken vor den Betrieben und am 8. März gab es eine
Demonstration mit anschließender Kundgebung. Die Rednerinnen kritisierten die Einsparungspolitik der Bundesregierung im sozialen Bereich, forderten die Verkürzung der
Arbeitszeit und protestierten gegen die wachsende Frauenarbeitslosigkeit. Vor allem empörten sich die Frauen gegen die Pläne, Frauen in die Bundeswehr aufzunehmen.
1986 wurde der Internationale Frauentag zum Medienereignis. Zum 75. Internationalen Frauentag wurde in fast allen ARD-Hörfunksendern ein vierstündiges Programm
zur „Nacht der Frauen“ gesendet. Es gab Erklärungen der Frauenministerin, Stellungnahmen der Parteien, Gewerkschaften und großen Frauenverbände. Der Internationale Frauentag hatte sich in der Bundesrepublik durchgesetzt. In Bremen vollzogen die
Gewerkschafterinnen eine Öffnung nach außen. Zum Internationalen Frauentag 1986
schloss sich ein breites Aktionsbündnis aus etwa 40 Frauengruppen, Organisationen
und Institutionen zusammen, das seit dieser Zeit die zentralen Veranstaltungen zum
Frauentag organisiert und mit politischen Erklärungen und Forderungen gemeinsam an
die Öffentlichkeit tritt.
Der Frauentag wurde zu einem Forum mit breit angelegten und vielfältigen Aktionen,
auf dem Frauen verschiedener Herkunft und sozialer Lage sowie unterschiedlicher religiöser und politischer Überzeugungen ihre Forderungen und Wünsche in die Öffentlichkeit tragen konnten. In Bremen lösten sich die Organisatorinnen zum Ende der 1980er
Jahre von den tradierten Ausdrucksformen der Frauentage. Die Akteurinnen entwickelten eine neue politische Protestkultur mit Straßentheater statt langer Reden, und statt
schweigend im Demonstrationszug zu marschieren, zogen die Frauen im Tanzschritt
und von Sambarhythmen begleitet durch die Stadt. 1987 und 1988 besetzten die Frauen
das Gewerkschaftshaus. Sie füllten die Räume mit politischen Aktionen, Ausstellungen,
Lesungen und Diskussionsrunden und vor allem mit mehr als 2.000 Besucherinnen
(Kapitel 10).
Die Vereinigung beider deutscher Staaten bedeutete auch für die Geschichte des Internationalen Frauentages eine Zäsur. Die Gewerkschafterinnen hatten sich zum Frauentag
Gäste aus der Partnerstadt Rostock eingeladen. Gleichzeitig wandten sich Bremer Frauenorganisationen, autonome Projekte, Gewerkschafterinnen und Parteifrauen zusammen
mit der Frauengruppe des Unabhängigen Frauenverbandes der Partnerstadt Rostock mit
einem Appell an die Öffentlichkeit: „Wir werden nicht die Zeche zahlen – Kein Ausverkauf
von Frauenrechten“. Die Unterzeichnerinnen warnten davor, dass die Kosten der Vereinigung vor allem den Frauen aufgebürdet würden.
Ein Jahr später machten die Bremerinnen angesichts des drohenden Krieges im Irak die
Verknüpfung von Krieg und Gewalt gegen Frauen zum ersten Mal zum Schwerpunkt eines
Einleitung
19
Frauentages. „Die alltägliche Kette der Gewalt in unserer Gesellschaft führt letztendlich
zur Akzeptanz eines Krieges“ wurde der Leitgedanke einer ganzen Reihe von Frauentagen
in den 1990er Jahren.
1994 beteiligten sich die Bremerinnen mit vielen fantasievollen Aktionen am „Frauenstreiktag“. Der Streik richtete sich gegen den Abbau von Grundrechten, gegen die zunehmende Armut von Frauen, gegen die Zurückdrängung bereits erreichter Frauenrechte,
gegen die Vorbereitung deutscher Kriegsbeteiligung, gegen den Abbau von Sozialleistungen und gegen die Zerstörung der Umwelt.
1998 lud das Kultur-, Kommunikations- und Bildungszentrum belladonna zum Internationalen Frauenkongress vom 5. bis 8. März ein. In Podiumsdiskussionen, Foren und
Workshops mit in- und ausländischen Referentinnen konnten sich die rund 700 Teilnehmerinnen über die unterschiedlichen Aspekte der Auswirkungen von Globalisierung informieren und mit dem Strukturwandel in der Arbeitswelt auseinandersetzen.
Seit 1999 wird auf Initiative des Bremer Frauenausschusses jedes Jahr am 8. März
die Frau des Jahres geehrt. Dazu laden die Senatorin, der Bremer Frauenausschuss und
die Landesfrauenbeauftragte in den Festsaal des Rathauses ein, womit der Internationale
Frauentag in Bremen einen weiteren Schwerpunkt erhalten hat.
Doch der Frauentag in Bremen findet nicht nur im Rathaus und im Gewerkschaftshaus
statt. Internationaler Frauentag in Bremen, das bedeutet vier Wochen Veranstaltungen
und Aktionen von Ende Februar bis Ende März. Über die gesamte Stadt verteilt gibt es
rund um den 8. März ein breit gefächertes Angebot an Veranstaltungen und Aktionen.
Angesichts der unterschiedlichen und vielfältigen Interessen und Schwerpunkte in der
Frauenbewegung finden die politischen Erklärungen der Frauenbeauftragten in den Medien immer stärkere Beachtung. Auch zum Internationalen Frauentag 2008 gab es wieder
einen neuen Aufbruch, zu dem die Frauen am 8. März ins Bremer Rathaus einzogen. Über
zwei Stockwerke verteilt gab es in allen Räumen Frauenprogramm, wobei unter dem Motto
„Frauengenerationen – Fortschritt mit Rückblick“ ein Dialog zwischen den Generationen
gestartet wurde (Kapitel 11).
Der Internationale Frauentag feiert in diesem Jahr sein hundertjähriges Jubiläum, weil
ihm immer wieder neues Leben eingehaucht werden konnte. Was als Zeichen für das
emanzipatorische Projekt der Sozialistinnen anfangs mehr geduldet als gewollt war, hat
sich zu einem gesellschaftlichen Forum für Fraueninteressen entwickelt.
1.
Die Vorgeschichte des
Internationalen
Frauentages
22
Die Vorgeschichte des Internationalen Frauentages
Als die Delegierten der zweiten sozialistischen Frauenkonferenz im Jahr 1910 in Kopenhagen zusammenkamen und die Einrichtung eines Internationalen Frauentages beschlossen, lagen bereits Jahre politischer Auseinandersetzungen und Kämpfe hinter ihnen. Eine
proletarische Frauenbewegung war in ihren Anfängen. Gegen alle Bedenken und Widerstände hatten die Sozialistinnen die Interessen und Forderungen von Arbeiterinnen und
Arbeiterfrauen innerhalb der internationalen Arbeiterbewegung zu einem nicht mehr zu
umgehenden Thema gemacht.
Ankerpunkt der sozialistischen Frauenbewegung waren der Protest und der Widerstand gegen die miserablen wirtschaftlichen und sozialen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Proletarierinnen1. Eine Beschreibung des Alltags der Arbeiterfrauen in Bremen zu
Beginn des 20. Jahrhunderts steht deshalb am Anfang der folgenden Ausführungen.
Im zweiten Abschnitt wird die Bildung der proletarischen Frauenbewegung in Deutschland dargestellt. In diesem Prozess waren zwei Aspekte eng miteinander verknüpft: die
Erarbeitung einer sozialistischen Frauenemanzipationstheorie und der organisatorische
Aufbau einer Frauenorganisation. Im Nachfolgenden werden zunächst also die von August
Bebel in seinem 1878 veröffentlichten Werk Die Frau und der Sozialismus entwickelten
Prinzipien sozialistischer Frauenemanzipation beschrieben.
Daneben war es ab 1890 vor allem Clara Zetkin, die als Organisatorin und Theoretikerin die sozialistische Frauenbewegung in Deutschland und international geprägt hat. Ihre
Konzepte und grundlegenden Ideen werden in einem eigenen Abschnitt erläutert. Im Anschluss folgt der Blick auf die organisatorische Entwicklung der Frauenbewegung.
Abschließend geht es um neue Aktionsformen und Methoden, die der Forderung nach
dem Frauenwahlrecht in der Öffentlichkeit mehr Nachdruck verleihen und letztlich zum
Erfolg verhelfen sollten: die Durchführung politischer Massenstreiks und Massenaktionen
sowie die Organisierung eines nationalen Frauentages.
Arbeiterfrauen in Deutschland und
Bremen zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Um das Jahr 1900 war Bremen eine moderne Großstadt mit expandierenden Industrien
und guten Arbeitschancen für junge Menschen. Diese strömten deswegen zu Tausenden in
die Stadt.2 Zu dem „Zug nach der Stadt“3 gehörten in wachsender Zahl auch Frauen und
Mädchen – bald machten Frauen in Bremen ein Drittel der Arbeitskräfte aus.
Die Frauenarbeit verteilte sich im Wesentlichen auf drei Bereiche4. Die reiche Kaufmannstadt hatte zunächst einen ständig steigenden Bedarf an Dienstboten. So ergab die
Volkszählung von 1900, dass in Bremens Bürgerhäusern 7.733 Dienstmädchen lebten und
arbeiteten.5 Sie stellten den größten Anteil der weiblichen Arbeitskräfte. Die zweite Gruppe
umfasste die Arbeiterinnen aus Industrie (3.749) sowie aus Handel und Gewerbe (1.228).
In der dritten Gruppe wurden unter der Sammelbezeichnung Selbstständige alle zusammengefasst, die „von keinem Unternehmer abhängig waren […] oder einfach durch das
Wort ‚selbständig‘ (selbständige Näherin, Kundengeherin etc.) bezeichnet wurden, wenn
sie nur allein […] tätig waren“. Die Zahl der Frauen, die als Kleinhändlerinnen in der
Textilindustrie, im Bekleidungs- und im Reinigungsgewerbe arbeiteten, betrug insgesamt
4.9776. Dabei hatten Frauen in allen drei Bereichen in der Regel die unqualifizierten und
schlechter bezahlten Arbeitsstellen.
Die Vorgeschichte des Internationalen Frauentages
23
Dienstmädchen von Frau Focke und Frau Grevekoht, Oktober 1892.7
Der Arbeitsalltag war in den drei Hauptbeschäftigungszweigen sehr unterschiedlich. So
gab es einmal die jungen, unverheirateten Frauen und Mädchen aus dem nahe gelegenen
ländlichen Raum, die nach Bremen kamen, um sich als Dienstmädchen zu verdingen.
Die Arbeit in einem bürgerlichen Haushalt gegen Kost und Logis war für die ungelernten
Berufsanfängerinnen fast die einzige Chance zum Broterwerb. Dabei gerieten die jungen
Frauen aber in die quasi absolute Abhängigkeit ihrer Dienstherrschaft, gab es doch für
sie nicht die in anderen Bereichen üblichen Arbeitsverträge. Stattdessen galt für sie die
bremische Gesindeordnung, die keine festen Arbeitszeiten kannte, keine vertraglich gesicherte Sonntags- und Nachtruhe und keine einklagbaren Lohnsätze. Da Dienstmädchen
im Haushalt der Herrschaft wohnten, standen sie kontinuierlich unter Aufsicht und konnten jederzeit zur Arbeit herangezogen werden. Die unspezifische Arbeit galt nicht viel und
wurde entsprechend gering entlohnt – ein wesentlicher Teil des Gesindelohns bestand aus
Naturalleistungen in Form von Unterkunft und Verpflegung.
Die jungen Frauen waren also gebunden an die Familie, kontrolliert und isoliert im
privaten Haushalt. Auch wenn die Frauen in ihrer kargen Freizeit den öffentlichen Raum
nutzten, waren sie diskriminierenden Kontrollen und Reglementierungen ausgesetzt. Dafür sorgten die Gesindebücher. Alle Dienstboten waren verpflichtet, ein solches GesindeDienstbuch zu führen und bei sich zu tragen. Eingetragen wurden darin Arbeitswechsel,
Maßregelungen der Dienstherrschaft und Verfehlungen. Die Polizei war berechtigt, die jungen Frauen auf der Straße anzuhalten und sich die Gesindebücher vorzeigen zu lassen –
eine Möglichkeit des Stadtstaates, Personen, „die nicht innerhalb des bremischen Stadtgebietes heimathberechtigt sind“7a, zu kontrollieren. Reglementierungen und Marginali-
24
Die Vorgeschichte des Internationalen Frauentages
sierung benachteiligten die Zuwanderinnen auch auf Dauer: Sie blieben ausgeschlossen
von Facharbeit und langfristiger Beschäftigung, sodass für die meisten die Verhältnisse
immer unsicher blieben. Meist verließen sie die Stadt nach vier bis fünf Jahren wieder – die
nächste Generation junger Frauen und Mädchen saß dann bereits im Zug nach Bremen.
Die Arbeiterinnen, die zweite Gruppe der berufstätigen Frauen, verteilten sich auf wenige Berufszweige. Sie waren meistens im Hotel- und Gaststättengewerbe, im Gewerbe
für Bekleidung und Reinigung, vor allem aber in der Textilindustrie beschäftigt. Hier dominierte der Großbetrieb der „Jutespinnerei und -weberei Bremen“. Mit 1.000 bis 1.500
weiblichen Beschäftigten war „die Jute“ der größte Arbeitgeber für Frauen in Bremen. Der
Frauenanteil in dem Betrieb lag etwa bei 70 Prozent.8
Die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Jutearbeiterinnen waren typisch für die Lebensumstände der Fabrikarbeiterinnen. Wie die Dienstmädchen stammten diese Arbeiterinnen mehrheitlich nicht aus Bremen, sondern vor allem aus den tschechisch/deutschen
Gebieten Böhmen und Mähren. Für sie, die in der Regel kein Deutsch sprachen, war das
Angebot der Werber, mit dem neuen Arbeitsplatz auch eine Unterkunft in Fabriknähe zu
bekommen, verlockend.
Jutespinnerei und -weberei, Gesamtansicht.9
Doch auch dieses scheinbar vorteilhafte Angebot entpuppte sich spätestens dann als Abhängigkeitsfaktor, wenn die Frauen heirateten. Oft fanden sie sich mit Kollegen aus dem
Betrieb zusammen und zogen dann mit ihren Familien in die Arbeiterhäuser der Jutespinnerei. Damit waren sie über die Wohnung an den Betrieb gebunden, was das Unternehmen
nutzen konnte, um die Löhne zu drücken. Das Arbeitersekretariat hatte als Existenzminimum einer 3- bis 4-köpfigen Familie für das Jahr 1900 ein Wocheneinkommen von
wenigstens 18 Mark ausgerechnet. Bei einer Befragung, die das Arbeitersekretariat 1899
durchführte, stellte sich heraus, dass lediglich 13,6 Prozent der Ehemänner der Jutearbeiterinnen über diese Lohnhöhe hinauskamen. Die Frauenlöhne lagen zwischen 6 und 8,70
Mark beziehungsweise zwischen 10,20 und 12 Mark. Damit erreichten Eheleute, die beide
in dem Großunternehmen beschäftigt waren, gemeinsam ein Wocheneinkommen, das am
unteren Ende der Einkommensskala in Bremen lag. Unter diesen Bedingungen waren die
Frauen gezwungen, weiter zu arbeiten, auch wenn sie verheiratet waren und Kinder hatten.
Die Vorgeschichte des Internationalen Frauentages
25
Die Frauen arbeiteten also nicht nur täglich zehn Stunden im Betrieb und mussten Hitze,
Lärm und Staub ertragen, während sie ihre monotone Arbeit im Akkordtempo erledigten.
Im Anschluss an diese „erste Schicht“ galt es dann auch noch, als Haufrau und Familienarbeiterin die Kinder und den Ehemann zu versorgen. In der Regel hatten die Arbeiterinnen einen 17- bis 18-Stunden-Tag.10
Arbeiterinnen in der Jutespinnerei
um 1900.11
Die dritte Gruppe der erwerbstätigen Frauen, die Selbstständigen, wie sie genannt wurden, umfasste die vielen Frauen, die sich als Verheiratete, Witwen oder Geschiedene mit
kleinen Gewerben über Wasser hielten. Es gab auch hier eine Konzentration auf wenige
Berufe wie Näherin, Schneiderin und Wäscherin.12 Diese Frauenbetriebe waren in der
Regel Kleinbetriebe. Die Verdienstspanne war entsprechend gering. Trotzdem handelte
es sich dabei um Tätigkeiten, die allgemein Ansehen genossen. Darüber hinaus konnten
die Arbeitszeiten häufig flexibel gestaltet und den Familienpflichten angepasst werden.
So war Selbstständigkeit ein attraktiver Bereich, in dem nahezu ausschließlich Bremer
Bürgerinnen arbeiteten.13
Diese statistischen Angaben zur Erwerbstätigkeit geben jedoch den Umfang der außerhäuslichen Frauenarbeit nur unzulänglich wieder. Denn die Mehrheit der Arbeiterfrauen
war immer auf der Suche nach einem Zuverdienst, da der Lohn des Familienernährers
nicht ausreichte oder dieser wieder oder immer noch ohne Arbeit war. Sie arbeiteten stundenweise als Aushilfen, verkauften auf Märkten das Gemüse aus ihren Gärten, sie kochten
und wuschen die Wäsche in den bürgerlichen Haushalten. Diese Lohnarbeiten waren ungeschützt und tauchten in keiner Beschäftigungsstatistik oder Lohnliste auf. Sie wurden
gar nicht als Arbeit anerkannt – selbst die Frauen gaben solche stundenweisen oder Aushilfsarbeiten nicht als Erwerbsarbeit an.14
26
Die Vorgeschichte des Internationalen Frauentages
Grundsätzlich wurde die Erwerbsarbeit der Frauen niedriger eingestuft als die der Männer. Frauen arbeiteten auf den unteren Ebenen, in schlecht angesehenen Bereichen der
stark hierarchisch gegliederten Arbeitswelt. Doch noch belastender für die Frauen war,
dass zur Erwerbsarbeit zugleich die Hausarbeit zu erledigen war und dass sie allein für
das Aufziehen der Kinder zuständig waren. Diese Dreifachbelastung prägte das Leben der
Arbeiterfrauen.
Ausbeutung und Unterdrückung gaben also den Anstoß zur Organisierung der Proletarierinnen. Die Initiative ging von den Frauen selbst aus. Dabei orientierten sie sich,
was die Protestformen betraf, an den gewerkschaftlichen und politischen Organisationen
der männlichen Arbeiter. So wurde bereits in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts
neben entsprechenden Vereinen in Berlin und Hamburg auch in Bremen ein Verein zur
Vertretung der gewerblichen Interessen der Frauen und Mädchen Bremens gegründet.
Diese Gründung ging sehr wahrscheinlich auf eine Initiative Bremer Sozialdemokratinnen
zurück, denn auf der Gründungsversammlung im November 1885 wurde Auguste Bosse,
eine aktive Sozialdemokratin, zur ersten Vorsitzenden gewählt.15 Außer ihr hatten sich
weitere Sozialdemokratinnen der Initiative angeschlossen.
Allerdings zeigte sich, dass die seit 1875 bestehende Sozialistische Arbeiterpartei zunächst gar nicht so sehr an weiblichen Anhängerinnen interessiert war. Im Gegenteil: Es
bestand eine offene Ablehnung in der Arbeiterbewegung Deutschlands gegenüber Frauenerwerbsarbeit und Frauenorganisierung.16 In diesen politischen Streit griff August Bebel17
1879 mit seiner Schrift Die Frau und der Sozialismus ein.
Die Bildung einer proletarischen
Frauenbewegung
Eine sozialistische Frauenemanzipationstheorie –
Bebels „Die Frau und der Sozialismus“
Das politische Ziel, das August Bebel mit seinem Werk verfolgte, war „die Bekämpfung
der Vorurteile, die der vollen Gleichberechtigung der Frau entgegenstehen sowie die Propaganda für die sozialistischen Ideen, deren Verwirklichung allein der Frau ihre soziale
Befreiung verbürgen [kann]“.18 Er schilderte die Geschichte der Frauen, die verschiedenen
Aspekte der Frauenunterdrückung und malte ein detailliertes Bild der zukünftigen sozialistischen Gesellschaft.
Die wesentlichen Prinzipien, die die Frauenfrage seiner Ansicht nach bestimmten, fasste er in der Einleitung zusammen:
„Das weibliche Geschlecht in seiner Masse leidet in doppelter Beziehung: Einmal
leidet es unter der sozialen und gesellschaftlichen Abhängigkeit von der Männerwelt – diese wird durch formale Gleichberechtigung vor den Gesetzen und in den
Rechten zwar gemildert, aber nicht beseitigt – und durch die ökonomische Abhängigkeit, in der sich die Frauen im allgemeinen und die proletarischen Frauen im
besonderen gleich der proletarischen Männerwelt befinden.“19
Die Vorgeschichte des Internationalen Frauentages
27
Es sei das Anliegen der bürgerlichen und der proletarischen Frauenbewegungen, diese
doppelte Unterdrückung der Frau zu beseitigen. Zunächst haben die „feindlichen Schwestern“ eine Reihe Berührungspunkte, um die sie „getrennt marschierend, aber vereint schlagend, den Kampf führen können“:
„Das ist auf allen Gebieten der Fall, auf welchen die Gleichberechtigung der Frauen
mit den Männern, auf dem Boden der gegenwärtigen Staats- und Gesellschaftsordnung, in Frage kommt: also die Betätigung des Weibes auf allen Gebieten, für die
ihre Kräfte und Fähigkeiten reichen, und für die volle zivilrechtliche und politischen
Gleichberechtigung mit dem Manne.“20
Ein solcher Kampf um berufliche, juristische und politische Gleichberechtigung könne die
„doppelte Unterdrückung“ zwar abmildern, aber nie im Ganzen beseitigen. Zur wirklichen
Lösung der Frauenfrage müsse die proletarische Frauenbewegung über die bestehenden
Verhältnisse hinausgehen.
Doch habe die Proletarierin unter den kapitalistischen Arbeitsbedingungen ein besonderes Interesse:
„Hand in Hand mit der proletarischen Männerwelt für alle Maßregelungen und Einrichtungen zu kämpfen, welche die arbeitende Frau vor physischer und moralischer
Degeneration schützen und ihre Fähigkeit als Mutter und Erzieherin der Kinder
sichern.“21
„Des weiteren hat die Proletarierin gemeinsam mit ihren männlichen Klassen- und
Schicksalsgenossen den Kampf für eine Umwandlung der Gesellschaft von Grund
aus aufzunehmen, um einen Zustand herbeizuführen, der die volle ökonomische und
geistige Unabhängigkeit beiden Geschlechtern durch entsprechende Einrichtungen
ermöglicht […] und darüber hinaus alle Schranken zu beseitigen, die den Menschen
vom Menschen, also auch das eine Geschlecht vom anderen abhängig machen.“22
Erst wenn die soziale Frage insgesamt gelöst und das kapitalistische Wirtschaftssystem
im gemeinsamen Klassenkampf aller Proletarier beseitigt sei, habe auch die Geschlechtssklaverei ein Ende.
Bebel erteilte mit seiner Positionierung der gesellschaftlichen Unterdrückung der Frau
eine eindeutige Absage und erklärte zugleich die Sozialdemokratie zur alleinigen Vorkämpferin für die volle Emanzipation des weiblichen Geschlechts. Er verwies nachdrücklich auf die historische und politische Notwendigkeit der Einheit des Proletariats und
verpflichtete die Sozialdemokratie, sich für die Interessen der Arbeiterfrauen einzusetzen
und die Frauen für die Partei und die Gewerkschaft zu werben.
Doch die ersten Organisationen, die die Arbeiterinnen sich geschaffen hatten, mussten
schon bald ihre Arbeit wieder einstellen.23 Das von 1878 bis 1890 geltende Sozialistengesetz stellte die „gemeingefährlichen Bestrebungen“ der Sozialdemokratie unter Strafe und
alle Vereine und Verbindungen, die diese Bestrebungen unterstützten, wurden polizeilich
verfolgt. Verfolgungen und Verbote machten eine Weiterentwicklung der Frauenarbeit der
Sozialdemokratinnen nahezu unmöglich. Erst im Jahr 1890, mit dem Fall des Gesetzes,
konnten die SPD-Frauen ihre Arbeit wieder aufnehmen.
28
Die Vorgeschichte des Internationalen Frauentages
Ein neuer Anfang mit neuer Leiterin – Clara Zetkin
In dieser Zeit zog eine junge Frau aus dem Pariser Exil nach Stuttgart, die der sozialdemokratische Verleger J. H. W. Dietz im Jahr 1891 mit der Redaktion der proletarischen Frauenzeitschrift Die Gleichheit, Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterin betraute. Clara Zetkin24 war zu diesem Zeitpunkt nur wenigen Frauen bekannt. Im Jahr 1889 hatte sie jedoch
bereits auf dem Gründungskongress der Zweiten Internationalen in Paris in ihrem Beitrag
zum Thema Für die Befreiung der Frau zu einigen grundsätzlichen Problemen einer sozialistischen Emanzipationstheorie Stellung genommen. Dabei ging es einmal um das stark
umstrittene Thema der Frauenerwerbsarbeit. Clara Zetkin vertrat wie August Bebel die
Auffassung, dass die Erwerbsarbeit der Frau einen zentralen Stellenwert im Kampf um
die Frauenemanzipation hatte. Sie wandte sich vor allem gegen die Sozialisten, die die
Frauenerwerbsarbeit verbieten wollten. Sie erklärte: „Die Sozialisten müssen wissen, dass
bei der gegenwärtigen wirtschaftlichen Entwicklung die Frauenarbeit eine Notwendigkeit
ist. […] [Sie] müssen vor allem wissen, dass auf der ökonomischen Abhängigkeit oder Unabhängigkeit die soziale Sklaverei oder Freiheit beruht.“25
Clara Zetkin war davon überzeugt, dass die wirtschaftliche Unabhängigkeit die Voraussetzung für die Beseitigung der Unterdrückung der Frau nicht nur in der Fabrik, sondern
auch in der Familie schaffen könne. Doch darüber hinaus, das betonte sie, sei die ganze
Befreiung der Frau nur in einer sozialistischen Gesellschaft zu realisieren.
„In Erwägung dieser Tatsachen bleibt den Frauen, denen es mit dem Wunsche ihrer
Befreiung ernst ist, nichts anderes übrig, als sich der sozialistischen Arbeiterpartei anzuschließen, der einzigen, welche die Emanzipation der Arbeiter anstrebt. Ohne Beihilfe
der Männer, ja, oft gegen den Willen der Männer, sind die Frauen unter das sozialistische
Banner getreten. […] Sie stehen unter diesem Banner und werden unter ihm bleiben!“26
Mit diesen kämpferischen Worten hatte Clara Zetkin 1889 in Paris ihre Rede beendet
und damit zugleich angekündigt, dass sie sich auch in Zukunft in der SPD zu Wort melden
und die Organisierung der Arbeiterfrauen in Deutschland voranbringen werde.
Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland begann sie, mit anderen Sozialdemokratinnen, vor allem mit der Frauenagitationskommission in Berlin, Frauen der Arbeiterklasse
zusammenzufassen und Organisationsstrukturen zu entwickeln. Ebenso wichtig war für
sie die theoretische Arbeit.27 Dafür wurde die Gleichheit das wichtigste Instrument. Clara
Zetkin entwickelte die Zeitschrift schon bald zum Theorieorgan und Mitteilungsblatt der
proletarischen Frauenbewegung, zur Verbindungs- und Informationsquelle für die Mitglieder. Letztlich diente sie der Koordinierung der sozialdemokratischen Frauenbewegung.
Um Einfluss auf die politische Entwicklung der Partei zu nehmen, bildeten jedoch die
Parteitage das entscheidende Forum. 1896 trug Clara Zetkin auf dem Gothaer Parteitag den Delegierten ihre Positionen zur Entwicklung einer sozialdemokratischen Frauenorganisation vor. Sie forderte, die Emanzipation der proletarischen Frau zum „Werk des
gesamten Proletariats ohne Unterschied des Geschlechts“28 zu machen.
„Deshalb kann der Befreiungskampf der proletarischen Frau nicht ein Kampf sein
gegen den Mann ihrer Klasse, umgekehrt, es ist der Kampf mit dem Mann ihrer Klasse
gegen die Kapitalistenklasse. Sie braucht nicht darum zu kämpfen, gegen die Männer ihrer
Klasse die Schranken niederzureißen, die ihr bezüglich der freien Konkurrenz gezogen
sind. Das Ausbeutungsbedürfnis des Kapitals und die Entwicklung der modernen Produktionsweise nahmen ihr diesen Kampf vollkommen ab. Umgekehrt gilt es, neue Schranken
zu errichten gegen die Ausbeutung der proletarischen Frau: es gilt ihr ihre Rechte als
Die Vorgeschichte des Internationalen Frauentages
29
Gattin, als Mutter wiederzugeben und zu sichern. Das Endziel ihres Kampfes ist nicht die
freie Konkurrenz mit dem Manne, sondern die Herbeiführung der politischen Herrschaft
des Proletariats.“29
Der Kampf um die Frauenbefreiung könne also nur als Klassenkampf aller Proletarier
geführt werden. Doch in den aktuellen Auseinandersetzungen um soziale und politische
Verbesserungen käme es darauf an, am Arbeitsplatz besondere Schutzmaßnahmen und
im gesellschaftlichen Leben die Gleichstellung mit den Männern in politischer und rechtlicher Hinsicht durchzusetzen. Denn erst mit der Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen hätten die Frauen der Arbeiterklasse eine Chance, sich aktiv am Klassenkampf zu beteiligen.
Dazu benötigten die Frauen eine kräftige Frauenorganisation. Deshalb plädierte Clara
Zetkin dafür, das System der weiblichen Vertrauenspersonen auszubauen und den Frauen
so die Möglichkeit eigener politischer Aktionen zu eröffnen.
Clara Zetkin verband in dieser Rede die sozialdemokratische Theorie der Frauenemanzipation mit einem praktischen Aktionsprogramm. In der von ihr vorgelegten und vom
Parteitag verabschiedeten Resolution waren die wichtigen Forderungen formuliert, die den
aktuellen Kampf der sich entwickelnden sozialdemokratischen Frauenbewegung bestimmen sollten:
„In der Agitation [ist] für Reformen einzutreten, die im Interesse der Proletarierin als
Arbeiterin und Frau liegen:
Für Ausdehnung des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes, namentlich für Einführung
des gesetzlichen Achtstundentages zunächst wenigstens für die weiblichen Arbeiter.
Für Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren.
Für aktives und passives Wahlrecht der Arbeiterinnen und weiblichen Angestellten
zu den Gewerbe-Schiedsgerichten.
Für gleichen Lohn für gleiche Leistung ohne Unterschied des Geschlechts.
Für volle politische Gleichberechtigung der Frauen mit den Männern, speziell für uneingeschränktes Vereins-, Versammlungs- und Koalitionsrecht.
Für freie Bildung und freie Berufstätigkeit der beiden Geschlechter.
Für die privatrechtliche Gleichstellung der Geschlechter.“30
Es gelang Clara Zetkin, die Delegierten des Parteitages zu überzeugen: Nicht nur wurde
die oben zitierte Resolution verabschiedet, sondern auch ihre Rede mit Zustimmung des
Parteitages als Broschüre verlegt.
August Bebel hatte in seinem Werk die Grundzüge einer sozialistischen Frauenemanzipationstheorie entwickelt. Clara Zetkins politische Arbeit galt der Umsetzung dieser
Theorie in die Praxis: Sie entwickelte das organisatorische Konzept für den Aufbau und
die Entfaltung einer proletarischen Frauenbewegung. Die unabdingbaren Prinzipien dieser Bewegung waren für sie der gemeinsame Kampf der Frauen in den Organisationen
der sozialistischen Arbeiterbewegung und die strikte Abgrenzung von der bürgerlichen
Frauenbewegung. Dabei erhob die proletarische Frauenbewegung den Anspruch auf eine
eigenständige organisatorische und politische Entwicklung im Rahmen der Gesamtorganisation.
30
Die Vorgeschichte des Internationalen Frauentages
Frauen organisieren sich
in der Arbeiterbewegung
Auf dem Parteitag in Gotha hatte Clara Zetkin auf die politischen Verhältnisse hingewiesen, die einer Organisierung der Arbeiterfrauen in der SPD im Wege standen. Die Vereinsgesetze in den einzelnen deutschen Ländern – vor allem in Bayern und Preußen, den
beiden größten Ländern – verboten den Frauen bis 1908, eigene politische Organisationen zu bilden, politischen Vereinen beizutreten und sogar an politischen Versammlungen
teilzunehmen.31 Clara Zetkin hatte deshalb von den Männern gefordert, einer eigenen
Organisation der Frauen zuzustimmen, denn nur so könnten die Frauen an die Partei
herangeführt werden.
Die Genossinnen entwickelten derweil mit Engagement und Kreativität alternative Aktionsformen gegen die politischen Reglementierungen. Sie schufen das System der „Vertrauensperson“: Die Frauen scharrten sich um eine gewählte Vertreterin, die als Kontaktperson zur SPD fungierte. Die Partei sah diese „Separierung“ der Frauen mit gemischten
Gefühlen. Doch sie akzeptierte die Organisationsform und beschloss auf dem Gothaer
Parteitag sogar die ausdrückliche Unterstützung der Initiative der Genossinnen.
Außerdem gab es eine ständig wachsende Zahl von Bildungsvereinen. Dort trafen sich
Frauen zu Leseabenden, die der politischen Schulung dienten. Tatsächlich handelte es
sich dabei um „verdeckte Zweigstellen der Partei“. Im Jahr 1905 waren rund 3.000 Frauen
Mitglieder solcher Vereine.32
Als weitere Institution setzten die Frauen ab 1900 Frauenkonferenzen durch, die jeweils
unmittelbar vor den Parteitagen stattfanden. Die Partei räumte damit den Genossinnen
einen eigenen politischen Handlungsraum ein und erkannte die gewachsene politische
Bedeutung der sozialdemokratischen Frauenbewegung an. Gleich auf der ersten Frauenkonferenz im Jahr 1900 in Mainz beschlossen die Teilnehmerinnen ein Regulativ für die
Vertrauenspersonen und legten damit eine verbindliche Struktur ihrer Organisation fest.
Danach sollten die sozialdemokratischen Frauen in jeder größeren Stadt jährlich in einer
öffentlichen Versammlung eine Vertrauensperson wählen. So sollte auf allen Ebenen auf
besonders einzuberufenden Frauenversammlungen die jeweilige Repräsentantin gewählt
werden. Die Vertrauenspersonen sollten mit der Zentralvertrauensperson ständig Verbindung halten und mindestens einmal im Jahr eine gemeinsame Besprechung abhalten.33
Vom Parteitag, der im Anschluss an die Frauenkonferenz in Mainz stattfand, wurde dieses
Regulativ akzeptiert. Ottilie Baader, die seit 1899 als Zentralvertrauensperson fungierte,
hatte ab 1900 ein eigenes Büro für die Frauenarbeit beim Parteivorstand. Auf der Frauenkonferenz 1904 in Bremen konnte sie berichten, dass sie als „Vertrauensperson der Genossinnen“ ab Juli 1904 fest besoldet werde34.
Ein entscheidender Schritt zur Entwicklung einer internationalen Bewegung war die
erste sozialistische Frauenkonferenz im August 1907 in Stuttgart. Die deutschen Sozialdemokratinnen hatten erreicht, dass das Schema der deutschen Frauenkonferenzen auf
die Zweite Internationale übertragen wurde: Wie vor den deutschen Parteitagen fand nun
auch vor dem Stuttgarter Kongress der Zweiten Internationale eine internationale Frauenkonferenz statt. Die Tagesordnung umfasste drei Punkte: erstens den Bericht über die
sozialistische Frauenbewegung in den verschiedenen Ländern, zweitens die Frage regelmäßiger Beziehungen zwischen den organisierten Genossinnen der einzelnen Länder und
drittens das Frauenstimmrecht. Ottilie Baader, die die Konferenz einberufen hatte, stellte
gleich zu Beginn ihrer Begrüßung die Gewichtung der Tagesordnung klar: „Ich begrüße
Die Vorgeschichte des Internationalen Frauentages
31
alle Mitkämpferinnen, die gekommen sind, um die unentbehrliche Waffe für uns, das Frauenstimmrecht, erobern zu helfen. Das Frauenstimmrecht […] ist auch der Grund, weshalb
wir diese Konferenz der sozialistischen Frauen der verschiedenen Länder zu gemeinsamer
Arbeit zusammengerufen haben.“35
Der Kongress diskutierte im Rahmen des ersten Tagesordnungspunkts die Frage der
Weiterentwicklung der sozialistischen Fraueninternationale. Um die internationale Zusammenarbeit der Genossinnen zu festigen, wurde beschlossen, eine Zentralstelle zu
schaffen, an die auch fortlaufende Berichte über alle wichtigen Vorkommnisse geliefert
werden sollten. Zum Sitz der Zentrale wurde Deutschland bestimmt, die Gleichheit zum
internationalen Publikationsorgan erklärt und Clara Zetkin zur Sekretärin des internationalen Frauensekretariats gewählt.36 Damit wurde die Bedeutung der deutschen sozialdemokratischen Frauenbewegung und vor allem die Verdienste von Clara Zetkin für die
internationale Bewegung unterstrichen.37
Der zweite Konferenztag war ausschließlich dem Frauenwahlrecht gewidmet. Denn dies
war ein Thema, das unter den Sozialistinnen kontrovers diskutiert und in den nationalen
Parteien unterschiedlich behandelt wurde. Wie die Standpunkte aussahen, hatte Clara
Zetkin bereits im Vorfeld der Konferenz in einem Artikel in Die Gleichheit vom 22. Juli
1907 dargelegt. Sie attackierte dort die schwedische, die belgische und die österreichische
Partei: „Die Forderung des Frauenwahlrechts wurde aus der Wahlrechtskampagne der betreffenden Länder vorübergehend ausgeschaltet.“38 Und in England sei noch eine andere
Erscheinung aufgetreten: Der Kampf um das Frauenwahlrecht gewinne zwar eine immer
größere Bedeutung, „allein dieser Kampf wird in der Hauptsache um ein beschränktes und
nicht um das allgemeine Wahlrecht geführt, wobei die Sozialisten – in Fraktionen gespalten – ihm in verschiedener Haltung gegenüberstehen“ würden. Nicht nur diese Zurücknahme der eindeutigen Frauenforderungen sei zu beobachten, es mehrten sich „einflussreiche
sozialistische Stimmen“, die meinten, „die Zeit für die Einführung des Frauenwahlrechts
[sei] überhaupt noch nicht erfüllt“.39 Dem stand die Position von Clara Zetkin und der
Mehrheit der Führungsfrauen der SPD gegenüber, die für das uneingeschränkte allgemeine Stimmrecht der Frauen eintraten. Auf der Konferenz kam es zu einer heftigen Debatte,
bei der sich letztlich zwei Standpunkte gegenüber standen: Sollte diese Frauenkonferenz
durch einen Beschluss die nationalen Parteien verpflichten, den Kampf um das Frauenwahlrecht in das Zentrum ihrer Politik zu rücken und dabei ausschließlich die Forderung
nach dem allgemeinen Frauenwahlrecht zu vertreten, wie es die SPD-Frauen forderten?
Oder sollte es den Parteien überlassen bleiben, ob und wie sie das Thema Frauenwahlrecht behandeln wollten und eventuell nur ein eingeschränktes Wahlrecht für Frauen zu
fordern? Auf der Konferenz gab es eine überzeugende Mehrheit für den deutschen Antrag.
Auch auf der anschließenden Konferenz der Zweiten Internationalen konnte die deutsche Delegation ihre Resolution durchbringen, in der sich die sozialistischen Parteien aller
Länder verpflichteten, „für die Einführung des allgemeinen Frauenwahlrechts energisch
zu kämpfen. Daher sind insbesondere auch ihre Kämpfe für Demokratisierung des Wahlrechts zu den gesetzgebenden Körperschaften in Staat und Gemeinden zugunsten des
Proletariats als Kämpfe für das Frauenwahlrecht zu führen, das energisch zu fordern und
in der Agitation wie im Parlament energisch zu vertreten ist.“40
Im Jahr 1908 trat mit dem Erlass eines einheitlichen Reichsvereinsrechts für die sozialdemokratische Frauenbewegung eine neue Situation ein. Im gesamten Reich konnten die Frauen jetzt politische Vereinigungen gründen und Mitglieder in einer politischen
Organisation werden. So konnte auch die SPD die Frauen direkt als Mitglieder werben.
Damit entfiel die Begründung für eine separate Organisierung der Frauen und der Partei-
32
Die Vorgeschichte des Internationalen Frauentages
vorstand wurde umgehend aktiv. Trotz Protestes, vor allem von Ottilie Baader, beschloss
der Vorstand, das Netz der Vertrauenspersonen aufzulösen, und auch besondere Frauenversammlungen, auf der die Frauen bisher ihre Delegierten zum Parteikongress gewählt hatten, durften nicht mehr stattfinden. Frauen waren von nun an ganz normale
Parteimitglieder. Der Parteivorstand gestand den Frauen zwei Sonderregelungen zu: Zum
einen wurden alle Parteigruppen verpflichtet, zumindest eine Frau in den Vorstand aufzunehmen. Außerdem stimmte die Partei der Einrichtung eines Frauenbüros in Form einer
Abteilung des Parteivorstandes zu und gewährte den Frauen einen Sitz im Parteivorstand.
Dieses Zugeständnis benutzte der Vorstand sofort zu einer politischen Machtdemonstration. Anstelle der kritischen und selbstbewussten Clara Zetkin wurde Luise Zietz41, eine
populäre und erfolgreiche Agitatorin, die für ihre unbedingte Loyalität zur Partei bekannt
war, als Vertreterin der Frauen in den Parteivorstand aufgenommen.42 Mit dieser Entscheidung machte die Parteiführung klar, dass sie keinen Vertreter oder keine Vertreterin
des revolutionären linken Flügels – zu dem Clara Zetkin in der Zwischenzeit gehörte – im
Vorstand der SPD akzeptieren würde. Zwar blieb Clara Zetkin die theoretische und ideologische Führerin, die internationale Repräsentantin der sozialistischen Frauenbewegung,
doch es war Luise Zietz, die ab 1908 die Kampagnen der SPD-Frauen führte. Mit neuen
Werbestrategien sorgte sie dafür, dass die Frauenbewegung der Sozialdemokratie zu einer
Massenbewegung wurde.43
Für diese Entwicklung lieferte die Mitgliederentwicklung in Bremen ein typisches Beispiel: Nach einem mühsamen Anfang stieg der Frauenanteil ab 1909 sprunghaft an.44
Die sozialdemokratische Frauenbewegung hatte durch die Einbindung in die Parteiorganisation zwar einen Teil ihrer Selbstständigkeit und Unabhängigkeit verloren – die
Frauen mussten alle Aktionen, die sie durchführen wollten, erst von ihren Vorständen
genehmigen lassen –, dafür eröffnete diese enge Verbindung die Möglichkeit, groß angelegte Werbekampagnen zu organisieren. Politische Initiativen wurden realisierbar, weil die
Partei mit ihrer Autorität und ihren finanziellen Mitteln hinter den Frauen stand. In dieser
Gewinn- und Verlustrechnung zeigte sich das Spannungsverhältnis, in das die sozialistische Frauenbewegung eingebunden war.
Trotzdem war die Frauenarbeit erfolgreich: 1910 hatte die SPD im Reich 82.642 weibliche Mitglieder, 11,5 Prozent der Gesamtmitgliedschaft. Die Frauen trafen sich in ihren
lokalen Frauengruppen, angeleitet und zusammengehalten von einem kleinen Kreis politisch aktiver Genossinnen. Die Genossinnen beteiligten sich an den Parteiaktionen in der
Öffentlichkeit.
Die deutschen Sozialistinnen verfügten 1910 über gefestigte Organisationsstrukturen,
ein theoretisches Konzept und eine gemeinsame Forderung. Diese lautete: „Her mit dem
allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrecht für Mann und Frau!“45 Der SPDParteitag hatte 1903 beschlossen, in allen Wahlrechtskämpfen auch das Frauenstimmrecht zu betonen.46 Auf dem ersten Internationalen sozialistischen Frauenkongress im
Jahr 1907 wurde eine einheitliche Marschroute für den internationalen Frauenwahlrechtskampf festgelegt. Die sozialistischen Parteien aller Länder hatten sich verpflichtet, für die
Einführung des uneingeschränkten allgemeinen Frauenwahlrechts einzutreten. Sie hatten
den Auftrag, gemeinsame Aktionen zu entwickeln und die Forderung nach dem Frauenwahlrecht in die jeweiligen Parteiprogramme aufzunehmen.
Die Vorgeschichte des Internationalen Frauentages
33
Exkurs: Die bürgerliche
Frauenstimmrechtsbewegung – 1900 bis 191847
Das Frauenwahlrecht war nicht nur ein Thema der deutschen Sozialdemokratie. Während sich in den USA, vor allem aber auch in England und in den skandinavischen Ländern in erster Linie die bürgerlichen Frauen in einer offensiven Stimmrechtsbewegung
organisiert hatten, verhielt sich die bürgerliche Frauenbewegung in Deutschland „sehr
zurückhaltend“. Das galt besonders für den Bund Deutscher Frauenvereine (BDF), der
im Jahr 1910 mit seinen 200.000 Mitgliedern die Mehrheit der bürgerlichen Frauenverbände und -vereine unter seinem Dach vereinigte. In der Mehrzahl der dort angeschlossenen Organisationen herrschte die Meinung, dass Frauen sich erst mal durch soziales
Engagement und Tätigkeiten in Verbänden gesellschaftliche Anerkennung erwerben
müssten. Sobald sie sich durch „staatsbürgerliche Pflichterfüllung […] würdig erwiesen
hätten“, würde ihnen das Stimmrecht von den Männern freiwillig zugestanden.48
Im Jahr 1907 nahm der BDF das Frauenstimmrecht in seinen Forderungskatalog
auf. Er verlangte kirchliches und politisches Stimmrecht, ohne die Wahlform näher zu
präzisieren. Das aktive und passive Wahlrecht für alle Frauen und Männer, das die Sozialistische Internationale im gleichen Jahr beschlossen hatte, war für die Mehrheit der
bürgerlichen Frauenbewegung ein fernes Ziel, das in der aktuellen Tagesarbeit keine
Rolle spielte.49
Ganz anders sahen das die Frauen vom radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung. Sie betrachteten das aktive und passive Frauenwahlrecht als Voraussetzung
zur grundsätzlichen Veränderung der Lage der Frau. Denn erst wenn Frauen ins Parlament eingezogen seien, könnten sie diskriminierende Gesetze beseitigen. Außerdem
würde sich durch den weiblichen Einfluss das politische Klima wesentlich verbessern,
Nationalismus und Militarismus würden zurückgedrängt, da Frauen mehr um Gerechtigkeit und sozialen Ausgleich bemüht seien.50
1902 hatten sich die Radikalen zum Deutschen Verband für Frauenstimmrecht zusammengeschlossen und mit Versammlungen, Protesten und Petitionen den Kampf um
das Frauenstimmrecht begonnen. Einige der aktivsten Stimmrechtlerinnen, wie beispielsweise Auguste Kirchhoff 51 und Rita Bardenheuer52, kamen aus Bremen. Bereits im
Jahr 1904 gründete sich der Bremer Stimmrechtsverein.53 Die Bremerinnen begannen
ihre Arbeit zunächst mit dem Versuch, das Frauenstimmrecht in den evangelischen
Kirchengemeinden durchzusetzen. Trotz des Engagements einiger Gemeindepfarrer
scheiterte die Initiative.
Drei Jahre nach seiner Gründung begann der Verein sich seinem eigentlichen Ziel,
der politischen Gleichberechtigung, zuzuwenden und intensivierte seine Öffentlichkeitsarbeit, indem er in Kursangeboten und Vorträgen – auch von auswärtigen ReferentInnen – interessierten Frauen und Männern Argumente für das Frauenstimmrecht
lieferte und politisch schulte. Regelmäßig veröffentlichte er Berichte und Informationen
in der Bremer Presse und innerhalb von sechs Jahren war aus einer kleinen Gruppe ein
Verein mit 369 Mitgliedern geworden. 54
Gleichzeitig stieß die Stimmrechtsbewegung in Deutschland mit ihrer Forderung
nach Teilhabe der Frauen an der politischen Macht auf erbitterten Widerstand.55 Unter
diesem politischen Druck traten die Gegensätze innerhalb der Organisation immer
deutlicher zu Tage. Sie entzündeten sich an der Frage, welches Stimmrecht zu fordern
sei: das allgemeine gleiche Wahlrecht für Frauen und Männer oder ein Wahlrecht zu
34
Die Vorgeschichte des Internationalen Frauentages
den gleichen Bedingungen wie das der Männer. Letztlich entschied sich die Mehrheit
der bürgerlichen Stimmrechtsfrauen für die gemäßigte Form des Frauenwahlrechts,
was die Festschreibung des Klassenwahlrechts und seine Ausdehnung auf Frauen bedeutete.56
Lediglich die Minderheit der radikalen Demokratinnen trat für das demokratische
Wahlrecht für Frauen und Männer ein. Sie schufen sich 1913 den Deutschen Stimmrechtsbund. Zu diesen Radikalen gehörten auch Bremerinnen wie Auguste Kirchhoff
und Rita Bardenheuer, die 1914 eine Ortsgruppe des Bundes für Frauenstimmrecht
ins Leben riefen. Während des Weltkrieges gehörten die Frauen der Bremer Gruppe
zur Antikriegsopposition. Zwei ihrer Mitglieder, Auguste Kirchhoff und Adèle Schmitz
nahmen im April 1915 als zwei der 28 deutschen Delegierten am Internationalen
Frauenfriedenskongress in Den Haag teil. Zugleich wirkten sie mit beim Aufbau des
Gesamtverbandes. Die erste Konferenz des Bundes für Frauenstimmrecht fand auf
Anregung und unter der Leitung der Bremer Gruppe im April 1916 in Frankfurt am
Main statt. Das Einleitungsreferat Über die Frauenstimmrechtsbewegung hielt Auguste Kirchhoff. 57
Im Oktober 1918 richtete die Ortsgruppe des Deutschen Bundes für Frauenstimmrecht und der Frauenstadtbund Bremen eine Petition an die Bremer Bürgerschaft, in
der die Frauen forderten, „als voll berechtigte Bürgerinnen“ endlich zu den Wahlen
gleichberechtigt zugelassen zu werden. So lag zur Sitzung der Bremischen Bürgerschaft
am 6. November 1918 nicht nur der immer wieder abgelehnte Antrag der SPD-Fraktion zum demokratischen Wahlrecht, sondern auch die Petition der Frauenvereine zum
Frauenwahlrecht vor. In der Abstimmung wurde das gleiche Wahlrecht für Männer angenommen, für Frauen wurde es abgelehnt.
Doch dieser Beschluss wurde von den revolutionären Ereignissen hinweggefegt. Am
12. November 1918 beschloss der Rat der Volksbeauftragten die Einführung des gleichen, geheimen, direkten und allgemeinen Wahlrechts.
Während die Mehrheit der bürgerlichen Frauenbewegung sich erst in den letzten
Kriegswochen entschloss, für das Frauenwahlrecht aktiv zu werden, hatte sich die radikale bürgerliche Frauenbewegung auch in Bremen über viele Jahre für die politische
Gleichberechtigung der Frau engagiert.
Die Vorgeschichte des Internationalen Frauentages
35
Neue Wege in der politischen Arbeit
für das Frauenstimmrecht
Außerparlamentarische Aktionen für das allgemeine
Wahlrecht für Frauen und Männer in Bremen – 1910
Zur Erreichung des allgemeinen Wahlrechts führte die internationale sozialistische Bewegung in vielen Ländern große politische Aktionen durch. In Schweden und Belgien
waren erfolgreich Generalstreiks eingesetzt worden. Die politischen Massenstreiks in der
russischen Revolution von 1905 waren Vorbilder für die Linke in der SPD. Sie forderte, „die
Wahlrechtsgleichheit mit außerparlamentarischen Mitteln, nämlich mit Massendemonstrationen und notfalls mit Massenstreiks zu erkämpfen“.58 Diese Frage war auch in Bremen
Gegenstand heftiger Debatten. „Alfred Henke, Mitglied der Bremischen Bürgerschaft und
Redakteur der Bremer Bürger-Zeitung, vertrat am 15. Februar 1910 in seinem Referat
vor der Mitgliederversammlung der SPD die Überzeugung, im Wahlrechtskampfe würde
man nicht mit Protestversammlungen und Straßendemonstrationen auskommen, sondern
auch zum politischen Massenstreik ‚getrieben‘ werden.“59
Tatsächlich war das bremische Wahlrecht mit seiner Einteilung der männlichen Bevölkerung in acht Klassen eines der undemokratischsten in Deutschland. In der Bürgerschaftssitzung vom 13. April 1910 stellte die SPD-Fraktion erneut einen Wahlrechtsantrag,
in dem sie die Abschaffung des bremischen Klassenwahlrechts forderte. Zum ersten Mal
wurde in diesem Antrag das gleiche Wahlrecht auch für Frauen gefordert.
Antrag der SPD-Fraktion an die Bremische Bürgerschaft.60
Der Antrag landete auf dem letzten Platz der Tagesordnung und wurde erst Monate später
behandelt.61 Diese Ignoranz der bürgerlichen Mehrheit in der Bürgerschaft bestärkte die
Sozialisten in ihrer Auffassung, dass sich mit Petitionen und Anträgen an die Bürgerschaft
in Bremen politisch nichts bewegen ließ. Deshalb nutzten die Sozialdemokraten ihre Antragstellung für außerparlamentarische Aktionen und riefen gleich zu vier Versammlungen auf.
36
Die Vorgeschichte des Internationalen Frauentages
Der Sozialdemokrat, April 1910.
In der Parteizeitung der SPD, der Bremer Bürger-Zeitung (BBZ), wurden am Tag vor den
Kundgebungen noch einmal die politischen Positionen der Sozialdemokraten und ihr erklärter Wille gegen die undemokratischen Verhältnisse in Bremen „Sturm zu laufen“ verdeutlicht. Besonders die Frauen wurden zur Teilnahme aufgerufen: „Arbeiterfrauen[!] Als
vor einiger Zeit ein Sozialdemokrat in der Bürgerschaft die Frage des Frauenwahlrechts
streifte, wurde er von den Vertretern von Geldsacksgnaden verlacht. Gebt diesen aufgeblasenen Schändern der Forderung der politischen Gleichberechtigung der Frauen durch eine
riesenhafte Beteiligung an den morgigen Versammlungen die gebührende Antwort. Nieder
mit der Wahlrechtsreaktion! Her mit dem allgemeinen, gleichen Wahlrecht sowohl für die
Frauen, als für die Männer!“62
Tausende Menschen folgten dem Aufruf, die Versammlungssäle waren überfüllt. Im
Anschluss zogen die TeilnehmerInnen vom Marktplatz unter Gesang proletarischer
Kampflieder und Hochrufen auf das allgemeine Wahlrecht durch die Innenstadtstraßen
zum Bürgerpark. Die Massenproteste, die sich in den Versammlungen artikulierten und
über die Straßen und Parks der Stadt ausbreiteten, riefen den Senat auf den Plan. Er
vertrat die Auffassung, dass die Regierung solche, die öffentliche Ruhe störenden Veranstaltungen unterbinden müsse, „um die Autorität des Gesetzes wie diejenige der Behörde zu wahren.“63 Die BBZ sah in diesen Aktionen „eine wuchtige Einleitung eines neuen,
energischen Wahlrechtskampfes“64, denn bereits am 6. April 1910 stand die nächste
Veranstaltung an:
Die Vorgeschichte des Internationalen Frauentages
37
Ankündigung der Veranstaltung mit Rosa Luxemburg in der BBZ vom 4. April 1910.
Rosa Luxemburg war eine exponierte Befürworterin des Einsatzes von Massenstreiks, um
Ziele wie das allgemeine, gleiche Wahlrecht politisch durchzusetzen.65 Ihr Auftritt war der
Höhepunkt der Wahlrechtskampagne in Bremen. Sie sprach vor einer „Riesenversammlung“ zum Thema Der Wahlrechtskampf und seine Lehren.66
Rosa Luxemburg wurde in Bremen nicht nur von einem begeisterten Publikum, sondern auch von riesigen gelben Plakaten der Polizeidirektion empfangen, auf denen Aufzüge auf öffentlichen Straßen untersagt wurden. Bei Zuwiderhandlungen waren „die Polizeibeamten angewiesen [...] auf das Nachdrücklichste einzuschreiten“.67 Deshalb forderte
die sozialdemokratische Parteileitung am 6. April 1910 die Versammlungsteilnehmer auf:
Meidet „jede Ansammlung und alles, was als Demonstration gedeutet werden könnte“.68
Nach Beendigung der Versammlung stand die Polizei schon bereit, die nach Hause
strömende Menge in Empfang zu nehmen. Der anschließende „Polizeikrawall“ vermittelt
einen Eindruck davon, mit welcher Härte die Auseinandersetzungen um das Wahlrecht
geführt wurden.69 Die Bremer Nachrichten, das Presseorgan des Bürgertums, berichtete
dazu: „Die Teilnehmer aus der Versammlung gingen zumeist nach verschiedenen Richtungen auseinander. Der Haupttrupp aber bewegte sich auf den Domshof zu.“ Dort trafen
sie auf „über tausend Neugierige“, die dort herumstanden. „[Jetzt] erschien das ganze […]
als eine Masse [...] aus der immer lauter ‚Hoch das allgemeine Wahlrecht‘ und die Arbeiter-Marseillaise erscholl. [...] Hierauf kamen die Schutzleute aus dem Rathaus heraus
und nahmen vor dem Roland Aufstellung. [...] Die Schutzleute hinderten die Mehrzahl
der aus der Versammlung kommenden, auf den Marktplatz zu gelangen und säuberten
dann die Plätze und die umliegenden Straßen bis zu Kaiserbrücke und Tiefer, was erst
nach längerer Zeit gelang.“ 70 Wie die „Säuberungsaktion“ auf Betroffenen wirkte, wurde
in vielen Leserzuschriften an die BBZ und an die Bremer Nachrichten geschildert. So
schrieb eine Lehrerin an die Bremer Nachrichten: „Ich als Mädchen hatte ja nicht vor,
Unheil anzurichten, ich ging ruhig weiter: Domshof, Markt, Wachtstraße. Die Menschen
gingen wieder alle ruhig weiter. Da kamen die Schutzleute und schoben die Leute, alle
die langsam gingen, d.h. die nicht vor Angst Reißaus nahmen, weiter. Die Elektrische kam,
eine Frau fiel auf die Fahrstraße und der Schutzmann schnauzte sie an. Ich rutschte auf
einer Apfelsinenschale aus, da nimmt mich ein Schutzmann bei dem Arm und sagt: ‚Verdammtes Weib, willst du mal laufen‘. Und das muß man sich gefallen lassen, wenn man
ruhig auf der Straße geht.“71
Um gegen dieses Vorgehen der Polizei zu protestieren, hatte die SPD für Sonntagvormittag, den 10. April 1910, zu einer weiteren Versammlung aufgerufen. Diese wurde „vom
38
Die Vorgeschichte des Internationalen Frauentages
Senat mit Hinweis auf die Heilighaltung des Sonntags nach der in Geltung befindlichen
Verordnung von 1797“71a verboten, dafür aber dann die Versammlung für den Sonntagnachmittag erlaubt. Auf der Versammlung wurde die folgende Resolution verabschiedet:
„Mit dem schärfsten Protest gegen diese Willkürakte verbinden die Versammelten den
Ausdruck ihrer tiefsten Verachtung für jene Schutzleute und Geheimpolizisten, die sich
nicht geschämt haben, ihren Mut, ihre Körperkraft und ihre Beamtengewalt durch Rohheiten und Brutalitäten hinterrücks an friedlichen und wehrlosen Passanten, ja selbst an
Frauen und Krüppel zu erproben [...] Die Versammelten erheben aufs neue die Forderung
nach dem allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrecht zur Bürgerschaft für
alle 20 Jahre alten Personen ohne Unterschied des Geschlechts.“72
Mit ihren Massenaktionen im April 1910 hatte die Bremer SPD das Thema „Frauenwahlrecht“ zum Bestandteil ihres politischen Aktionsprogramms gemacht. Für die Sozialdemokratinnen in Bremen hatten die Apriltage eine neue Perspektive eröffnet. Zum ersten
Mal stand eine Frauenforderung im Mittelpunkt der Parteiaktionen. Die Frauen wurden
direkt aufgerufen und angesprochen und sie sorgten mit ihrer Beteiligung dafür, dass sie
als politische Akteurinnen in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Damit waren die
Bremerinnen auf den neuen Aktionstag zur Durchsetzung des Frauenwahlrechts gut vorbereitet.
Von amerikanischen Sozialistinnen initiiert:
Aktionstag für das Frauenstimmrecht erlangt
internationale Bedeutung
Während in Deutschland die Debatte geführt wurde, ob politische Streiks als Mittel zur
Durchsetzung der Wahlrechtsforderungen eingesetzt werden sollten, wurde in der sozialistischen Frauenbewegung seit einiger Zeit ein anderes Instrument des wirkungsvollen Massenprotestes diskutiert: die Durchführung eines Frauentages. International sollten Frauen
aufgerufen werden, an einem bestimmten Tag gemeinsam auf die Straße zu gehen und für
das Frauenstimmrecht zu demonstrieren.
Die US-Amerikanerinnen hatten diese Idee bereits 1909 in die Tat umgesetzt. Die Frauen der Sozialistischen Partei Amerikas hatten 1908 ein Nationales Frauenkomitee gegründet. Von diesen Frauen ging die Initiative aus, einen besonderen nationalen Frauentag
durchzuführen. Auf ihren Vorschlag hin beschloss die Parteiführung im Dezember 1908,
„in den Ortsorganisationen den letzten Februarsonntag des Jahres 1909 zu einem Tag zu
machen, an dem mit der Forderung nach dem Wahlrecht für Frauen demonstriert wird“.73
Bereits der erste Frauentag 1909 wurde zu einem Erfolg für die politische Frauenarbeit
und die Stimmrechtsbewegung, denn er hatte gezeigt, dass mit dem landesweiten Einsatz eine breite Öffentlichkeit erreicht werden konnte. Deshalb entschloss sich die Partei,
das Projekt fortzusetzen und „auch künftig am letzten Februarsonntag einen Frauentag
durchzuführen“.74 So fand am 27. Februar 1910 zum zweiten Mal ein nationaler Frauentag
statt, der in der internationalen Arbeiterbewegung mit Interesse wahrgenommen wurde.
August Bebel schickte am 3. Februar 1910 eine Grußadresse an die amerikanischen Sozialistinnen. „Ich wünsche, daß Ihr nationaler Frauen-Tag eine internationale Bedeutung
erlange, was sicher geschieht, wenn seine Bestrebungen auf der Höhe der Zeit stehen und
von Erfolg begleitet sind.“75 Tatsächlich wurde der Frauentag 1910 ein noch größerer Erfolg
als der im Vorjahr.
Die Vorgeschichte des Internationalen Frauentages
39
Über dieses erfolgreiche Projekt informierten die Sozialistinnen aus den USA auch die
Delegierten der zweiten sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen. Der Bericht war
mit einem politischen Auftrag verbunden: „Die Delegierten der amerikanischen Genossinnen zum Internationalen Kongress haben zu beantragen, dass der letzte Sonntag im Februar als Internationaler Sozialistischer Frauentag bestimmt wird.“76 Die amerikanischen
Sozialistinnen wurden damit die wichtigsten Impulsgeberinnen für den Beschluss der Konferenz, zur Agitation für das Frauenwahlrecht jährlich einen Frauentag abzuhalten.77
Anmerkungen
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Der Begriff war in Schriften und Reden eine übliche Bezeichnung für die Angehörigen der
Arbeiterklasse.
In der Zeit von 1871 bis 1900 hatte sich die Wohnbevölkerung Bremens auf 161.184 Einwohner
verdoppelt. Vgl. Schmitter 1996, 121.
Kuczynski, Robert René, 1897, Der Zug nach der Stadt. Statistische Studien über Vorgänge der
Bevölkerungsbewegung im deutschen Reiche, Münchner volkswirtschaftliche Studien, Bd. 24,
Herausgegeben von L. Brentano und W. Lotz, Stuttgart.
Die in diesem Text wiedergegebenen Daten wurden – wenn nicht anders angegeben – dem Forschungsbericht von Romina Schmitter, 1996, entnommen: Dienstmädchen, Jutearbeiterinnen
und Schneiderinnen, Frauenerwerbsarbeit in der Stadt Bremen 1871–1914.
Vgl. Schmitter, 1996, 24.
Vgl. Schmitter, 1996, 68–69.
Foto STAB 10, B-AL-505.
Friese, 1991, 255.
Schmitter, 1996, 51.
Foto STAB 10, B-1905-085.
Vgl. Ellerkamp/Jungmann, 1987, 136.
Foto STAB 10, B um 1900-085.
Schmitter, 1996, 75.
Schmitter, 1996, 70.
So waren beispielsweise unter den weiblichen Mitgliedern der SPD, die in der Parteistatistik
als „Hausfrauen“ geführt wurden, sicherlich eine Vielzahl von Frauen, die regelmäßig einer
stundenweisen Erwerbsarbeit nachgingen.
Vgl. Schmitter, 1996, 66.
Vgl. Frevert, 1986, 97-98.
August Bebel (1840–1913) gründete im Jahr 1869 zusammen mit Wilhelm Liebknecht die
Sozialistische Deutsche Arbeiterpartei (SDAP) und blieb bis zu seinem Tod der unbestrittene
Führer der sozialdemokratischen Bewegung. Doch mit seinem Werk „Die Frau und der Sozialismus“ hatte er weit über die Sozialdemokratie hinaus Menschen, vor allem Frauen, einen
Zugang zur sozialistischen Bewegung und ihren Theorien verschafft. http://gutenberg.spiegel.
de/index.php?id=19&autorid_vor, Aufruf vom 10. Februar 2011.
Bebel, 1977, 19.
Bebel, 1977, 28–29.
Bebel, 1977, 29.
Bebel, 1977, 30.
Bebel, 1977, 30.
Vgl. Evans, 1979, 53–82.
Clara (Eißner) Zetkin (1857–1934), die den Namen ihres Lebensgefährten Ossip Zetkin
annahm, trat schon früh der SPD bei. 1983 ging sie mit Ossip Zetkin nach Paris. Auf der
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Die Vorgeschichte des Internationalen Frauentages
Zweiten Internationale 1889 in Paris hielt sie ein Referat über die Frauenfrage. Nach dem Tod
ihres Lebensgefährten kehrte sie mit ihren beiden Kindern aus Frankreich nach Deutschland
zurück. Sie übernahm die Redaktion der sozialdemokratischen Frauenzeitschrift Die Gleichheit. Im Jahr 1907 wurde sie zur Leiterin der Internationale der sozialistischen Frauen gewählt.
Der Internationale Frauentag, der 1911 zum ersten Mal in Deutschland gefeiert wurde, ging
auf ihren Antrag zurück. Als die Führungsspitze der SPD 1914 den Krieg befürwortete, stellte
sie sich offen dagegen und mobilisierte über die Gleichheit die deutschen Sozialdemokratinnen gegen den Krieg. Im parteiinternen Richtungsstreit stand sie auf der Seite der radikalen
Linken. Sie wurde Mitglied der USPD und später der KPD, deren Parteivorstand sie bis 1924
angehörte. Von 1920 bis 1933 war sie KPD-Abgeordnete im Deutschen Reichstag. Zuletzt als
Alterspräsidentin warnte sie noch 1932 vor der Gefahr des Nationalsozialismus. Ihr ständiger
Wohnsitz war ab 1924 Moskau. Dort leitete sie das Frauensekretariat der Kommunistischen
Internationale. Als Gegnerin Stalins geriet sie in politische Isolierung. Sie starb 1934 in der
Sowjetunion und wurde in der Kreml-Mauer beigesetzt. Vgl. Wieland, 1983, 290–294.
Zetkin, Clara, 1889, Für die Befreiung der Frau, in: Institut für Marxistische Studien und Forschung, 1973, 7–8.
Zetkin, Clara, 1889, Für die Befreiung der Frau, in: Institut für Marxistische Studien und Forschung, 1973, 12.
Vgl. Evans, 1979, 83–102.
Auszug aus der von Clara Zetkin eingebrachten Resolution auf dem Gothaer Parteitag 1896,
in: Hervé, 1981, 45.
Auszug aus der Rede Clara Zetkins, gehalten auf dem Parteitag zu Gotha, in: Clara Zetkin,
1957, Ausgewählte Reden und Schriften, Bd. I, 95–111.
Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Abgehalten zu Gotha vom 11. bis 16. Oktober 1896, 174–178.
Ein solches Verbot existierte in Bremen nicht. Das ermöglichte den Frauen, innerhalb der SPD
offener und selbstbewusster aufzutreten. Sie waren wie Auguste Bosse reguläres Mitglied der
Partei. Die Sozialdemokratinnen konnte ebenso eigene Vereine gründen, so zum Beispiel den
„Verein zur Vertretung der gewerblichen Interessen der Frauen und Mädchen Bremen“ im Jahr
1885 und den Dienstmädchenverein im Jahr 1907. Vgl. Schmitter, 1996, 238 und 298.
Vgl. Evans 1979, 168.
Vgl. Fricke, 1976, 316.
Aus dem stenographischen Bericht der Polizei über die Frauenkonferenz in Bremen am 17.
September 1904. Politische Polizei, Überwachung der sozialdemokratischen Bewegungen,
STAB, 4,14/1- XII.C.2.e.1.
Internationaler Sozialistenkongress vom 18. bis 24. August 1897, Berlin 1907. Im Anhang:
Erste internationale Konferenz sozialistischer Frauen, 17. August 1907, 124ff.
Vgl. Forschungsgemeinschaft, 1984, 74.
Vgl. Scharinger, 2009, 263-273.
Auf der Frauenkonferenz schilderte die Delegierte aus Österreich das Vorgehen in der Wahlrechtsfrage: „Die Frage der Erkämpfung des Männerwahlrechts war für uns in Österreich so
drängend, dass wir Frauen uns sagten: Wir verlangen jetzt nicht, dass für unser Recht gekämpft wird, aber wir werden mit aller Entschlossenheit, mit unserer Existenz und mit unserem
Blute für die nächste Forderung, für das allgemeine Wahlrecht der Männer kämpfen.“ Erste
Konferenz sozialistischer Frauen, in: Internationaler Sozialisten-Kongreß. 18.–24. August 1907
– Berlin 1907, 139f.
Die Gleichheit vom 22. Juli 1907, Nr. 15/17. Jg., 127f.
Protokoll des Internationalen Sozialistenkongresses zu Stuttgart, 18. bis 24. August 1907, Berlin 1907, zit. in: Losseff-Tillmanns, 1985, 28.
Luise Zietz (1865–1922), geb. Körner, arbeitete nach dem Besuch der Volksschule zunächst
als Dienstmädchen und Tabakarbeiterin. 1890 zog sie mit ihrem Ehemann nach Hamburg.
Sie ließ sich an der Fröbelschule zur Kindergärtnerin ausbilden. Seit 1892 war sie Mitglied der
SPD. Sie wurde eine populäre und erfolgreiche Parteiagitatorin. 1908 wurde sie als erste Frau
in den Parteivorstand der SPD gewählt und war dort für die Frauenarbeit zuständig. Auf ihre
Initiative hin wurde der 19. März als Termin für den ersten Internationalen Frauentag 1911
bestimmt. Während des ersten Weltkrieges kritisierte sie die Burgfriedenspolitik des Parteivor-
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standes und wurde aus der Partei ausgeschlossen. Sie wurde Mitbegründerin der USPD. Auch
dort war sie im Parteivorstand zuständig für die Frauenarbeit. Von 1919–1922 vertrat sie die
USPD im Reichstag. Sie starb 1922 im Plenarsaal an einem Schlaganfall. Vgl. Weiland, 1983,
294–297.
Vgl. Thönnessen, 1969, 41-79.
Vgl. Evans, 1979, 162-165.
1910 hatte die Partei 1.599 weibliche Mitglieder, 1914 war ihre Zahl auf 2.737 angestiegen. Vgl.
Dehnkamp 1986, 227.
Luise Zietz, zit. in: Notz, 2008, 19.
Protokoll des SPD-Parteitages, Dresden, 1903, 117.
Da in dieser Untersuchung der Wahlrechtskampf der Sozialistinnen und ihre Protestaktionen
zum Internationalen Frauentag im Mittelpunkt stehen, wird die bürgerliche Frauenbewegung
an keiner Stelle systematisch behandelt. Deshalb soll mit einem kurzen Überblick auf die
Aktivitäten der bürgerlichen Frauen hingewiesen werden – zumal die radikalen Feministinnen Bremens einen wichtigen Beitrag im Kampf um das Frauenwahlrecht geleistet haben.
Die Stimmrechtsbewegung in Bremen wurde in dem umfangreichen Forschungsbericht von
Romina Schmitter dokumentiert. Vgl. Romina Schmitter, 1991, Der lange Weg zur politischen
Gleichberechtigung der Frauen in Bremen, Staatsarchiv, Bremen. Zur deutschen und europäischen Geschichte des Frauenwahlrechts: vgl. Bettina Bab, Gisela Notz, Marianne Pitzen,
Valentine Rothe, (Hrsg.), 2006, Mit Macht zur Wahl, 100 Jahre Frauenwahlrecht in Europa,
2 Bände, Frauenmuseum Bonn. Veröffentlichung zur gleichnamigen Ausstellung im Frauenmuseum Bonn.
Vgl. Weiland, 1983, 94.
Vgl. Notz, 2008, 11–12.
Vgl. Weiland, 1983, 93–95.
Zu Auguste Kirchhoff (1867–1940): Wottrich, Henriette, 1990, Auguste Kirchhoff – Eine Biographie.
Zu Rita Bardenheuer (1877–1943): Laudowicz, Edith, 1991, Bardenheuer, Rita, Kurzbiographie,
in: Bremer Frauen von A–Z, 275–277.
Die folgende kurze Zusammenfassung basiert auf dem umfangreichen Forschungsbericht von
Romina Schmitter, 1991, Der lange Weg zur politischen Gleichberechtigung der Frauen in Bremen. Vgl. dort: Die Frauenstimmrechtsbewegung, 71–81.
Vgl. Schmitter, 1991, 73–77.
Vgl. Schmitter, 1991, 81-84.
Die Sozialdemokratinnen nannten das verächtlich das „Damenwahlrecht“, um deutlich zu machen, dass mit diesem Frauenwahlrecht die Proletarierinnen weiterhin von der politischen
Beteiligung ausgeschlossen wurden.
Vgl. Schmitter, 1991, 77–81.
Grebing, 1966, 121.
Moring, 1968, 119.
Verhandlungen der Bremischen Bürgerschaft vom 13. April 1910, 251.
Es gab das Verfahren, unliebsame Anträge an die Bürgerschaft als letzten Punkt auf die Tagesordnung zu setzen. Dieser Punkt wurde in der Regel aus Zeitgründen nicht behandelt und
vertagt. So konnte man die Beratung und Abstimmung über Monate verschleppen.
BBZ vom 2. April 1910.
Senatssitzung vom 8. April 1910; Senatsregistratur Bremen, 30, Nr. 26.
BBZ vom 4. April 1910.
In der BBZ waren die politischen Auseinandersetzungen über den Einsatz von Streikmaßnahmen zu politischen Zwecken den LeserInnen in einer Reihe von Artikeln bekannt gemacht
worden. Dabei ließ die Zeitungsredaktion keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie der Idee
des Massenstreiks positiv gegenüber stand. Vgl. auch BBZ vom 2. April, 7. April, 3. Mai und 18.
Juni 1910.
Vgl. BBZ vom 7. April 1910.
Abdruck in BBZ vom 6. April 1910.
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Die Vorgeschichte des Internationalen Frauentages
BBZ vom 6. April 1910.
Vgl. BBZ vom 7. April 1910.
BN vom 7. April 1910.
BN vom 8. April 1910.
BN vom 11. März 1910.
BN vom 11. April 1910.
Das Zitat aus dem Bulletin der Sozialistischen Partei Amerikas (SPA) 1908 wurde übernommen aus dem Bericht von Siegfried Scholze über das Frauentagprojekt der SPA. Scholze, 2001,
16.
Scholze, 2001, 16.
Scholze, 2001, 16.
Vgl. Bericht des Nationalen Frauenkomitees der Sozialistischen Partei in den Vereinigten Staaten, in: Berichte an die zweite Internationale Konferenz sozialistischer Frauen, 1910, 82 und 85.
Siegfried Scholze hat diese Zusammenhänge rekonstruiert und als Forschungsbericht veröffentlicht. Diese Forschungsergebnisse bilden die Grundlage für meinen Bericht. Scholze, 1991,
Die Sozialistinnen der USA – Initiatorinnen der Einführung des Internationalen Frauentages,
in: BzG 2/1991, 255–258.
2.
Der
Internationale
Frauentag
1910–1914
44
Der Internationale Frauentag
Am 26. und 27. August 1910 tagte in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen die zweite Internationale Sozialistische Frauenkonferenz. Die Abgeordneten der internationalen
proletarischen Frauenbewegung waren zusammengekommen, nachdem sich ihre Vertreterinnen auf der ersten Konferenz in Stuttgart im August 1907 zur Sozialistischen
Fraueninternationale formiert hatten. Jetzt folgten sie einer Einladung Clara Zetkins, die
1907 zur Internationalen Sekretärin der sozialistischen Frauen gewählt worden war. Im
Mittelpunkt der Beratungen stand das Thema Frauenwahlrecht. Strittig war, ob in den
Wahlrechtskämpfen grundsätzlich die Forderung nach dem allgemeinen gleichen Stimmrecht für Frauen und Männer zu erheben sei oder ob die Frauen sich nicht zunächst mit
einem eingeschränkten kommunalen oder steuerabhängigen Wahlrecht zufrieden geben
sollten. Daran angelehnt stand zur Diskussion, ob der Kampf um das Frauenstimmrecht
im Bündnis mit der bürgerlichen Frauenbewegung geführt werden sollte oder als Klassenauseinandersetzung gemeinsam mit der Arbeiterbewegung. Die absolute Mehrheit der
Delegierten wies das beschränkte Frauenwahlrecht als „eine Verfälschung des Prinzips der
politischen Gleichberechtigung“ zurück und erteilte einem Bündnis mit den „Bürgerlichen
Frauenrechtlerinnen“1 eine Absage.
Danach stellte Clara Zetkin ihren Antrag, der bald darauf „weltgeschichtliche Bedeutung“2 erlangen sollte: dass die sozialistischen Frauen aller Länder zusammen mit
den politischen und gewerkschaftlichen Organisationen in ihrem Land einen jährlichen
Frauentag zur Agitation für das Frauenwahlrecht abhalten sollten. Dieser Antrag wurde
einstimmig angenommen.
Im ersten Teil des folgenden Kapitels steht diese Frauenkonferenz im Mittelpunkt. Dabei soll es vor allem um die Auseinandersetzungen und die politischen Entscheidungen
zum Frauenwahlrecht und zum Frauentag gehen.
Nach der Konferenz des Jahres 1910 organisierten die sozialdemokratischen Frauen
in Deutschland – und bald auch Frauen anderer europäischer Länder und der USA – bis
zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahr 1914 jährlich einen Internationalen Frauentag. Der zweite Teil des Kapitels beschreibt diese Vorgänge.
In Deutschland nutzten die Sozialdemokratinnen die bestehenden Strukturen in Partei und Gewerkschaften. Sie entwickelten zur Durchführung der Frauentage ein Organisationsmuster, das sich in den hierarchischen Aufbau der Partei und der Gewerkschaft
einfügte und das auf der Arbeitsteilung zwischen der Führungsebene und der Basis der
lokalen Parteivereine und der Frauengruppen beruhte. Entsprechend wird über die Probleme und Entwicklungsprozesse beider Ebenen berichtet.
Die lokale Organisation der Frauentage in Bremen, die Mobilisierung unter den Arbeiterfrauen und die Gestaltung der Versammlungen und Demonstrationen bilden dann den
Schwerpunkt im zweiten Teil des Kapitels. In eigenen Abschnitten werden die politischen
Debatten und Entscheidungen der Parteitage und Frauenkonferenzen dargestellt.
Die ideologische Ausrichtung und organisatorischen Rahmenbedingungen legte der
Parteivorstand zusammen mit dem Frauenbüro fest. In einem Flugblatt wurden die Argumente für das Frauenwahlrecht aus sozialdemokratischer Sicht zusammengefasst. Es
wurde in Millionenauflage gedruckt und überall in Deutschland verbreitet.
1910 bis 1914
45
Die Zweite Internationale
Sozialistische Frauenkonferenz
„In dem mit roten Bannern der parteigenössischen Organisationen Dänemarks reich geschmückten Saale des ‚Abejdernes Forsamlingsbygning‘ des Kopenhagener Volkshauses
trat heute, Freitag Vormittag, die zweite internationale sozialistische Frauenkonferenz zusammen.“ So begann der Bericht der Bremer Bürger-Zeitung vom 27. August 1910 über
die Frauenkonferenz, die am 26. und 27. August – unmittelbar vor dem VIII. Kongress der
Sozialistischen Internationale – in Kopenhagen tagte. Clara Zetkin hatte als Internationale Sekretärin die Konferenz einberufen:
Gleichheit vom 6. Juni 1910
Mehr als 100 delegierte Frauen und Männer3 aus 16 Nationen Europas und den USA
nahmen an der Konferenz teil.4 Die Tagesordnung umfasste drei Punkte: „Entwicklung der
Verbindungen zwischen den organisierten Genossinnen in den einzelnen Ländern“, „Mittel
und Wege für die praktische Arbeit zur Erringung des allgemeinen Frauenwahlrechts“ und
„Fürsorge der Gesellschaft für Mutter und Kind“.5
Im Mittelpunkt der Konferenz stand die Beratung über den zweiten Tagesordnungspunkt: das Frauenwahlrecht. Nach den Vorstellungen der Einladerin sollte unter diesem
Punkt vor allem über praktische Initiativen beraten werden. In der Zeitschrift Die Gleichheit, die zum Konferenzbeginn erschien, wurde erläutert, an welche Vorhaben dabei gedacht wurde: „Nun müssen Mittel und Wege erörtert werden, mehr Tat hinter die Forde-
46
Der Internationale Frauentag
rung zu setzen. […] Wir fassen dabei unter anderem die Nutzbarmachung der Maifeier ins
Auge – wie sie unsere österreichischen Schwestern mit prächtigem Erfolg durchführen –,
ferner die Einrichtung eines alljährlichen besonderen ‚Frauentages‘ nach dem guten Beispiel der amerikanischen Genossinnen.“6 Statt politischer Erklärungen zum Frauenstimmrecht, die in der Praxis der Parteien kaum Konsequenzen nach sich zogen, sollte die
Forderung in Zukunft offensiv unter die Proletarierfrauen getragen und in Massenversammlungen wie dem 1. Mai oder – entsprechend dem Beispiel aus den USA7 – an einem
Frauentag in der Öffentlichkeit propagiert werden.
Doch auf der Konferenz konzentrierte sich die Debatte auf Grundsatzfragen zum
Frauenwahlrecht. Faktisch wurde die Diskussion, die schon die Stuttgarter Konferenz bestimmt hatte, noch einmal aufgerollt.8 Ein Teil der führenden englischen Genossinnen
beharrte darauf, „mit bürgerlichen Frauenrechtlerinnen zusammen für das beschränkte
Frauenstimmrecht tatkräftig einzutreten“9. Gegen diese Position der Engländerinnen gab
es scharfen Protest. Als sich eine Delegierte aus London gegen die Methode wandte, „absprechend über die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen zu urteilen, [denn bei] dem großen
amerikanischen Blumenarbeiterinnenstreik […] hätten die bürgerlichen Damen mit Leib
und Seele für die ausgebeuteten Schwestern Partei ergriffen und auch selbst Opfer gebracht“, entgegnete May Wood-Simons als Vertreterin des Nationalen Frauenkomitees der
Sozialistischen Partei Amerikas: „Wie kann man bei den herrschenden Gegensätzen von
Schwesterdiensten sprechen? Zwischen Ausbeuter und Ausgebeuteten gibt es keine Brüderlichkeit! Die sozialistischen Frauen müssen sich frei machen von der Bevormundung
seitens der bürgerlichen Damen.“10 Ebenso scharf wurde das Eintreten einiger englischer
Vertreterinnen für ein eingeschränktes Frauenwahlrecht kritisiert. So betonte Herbert
Burrow, Delegierter der Sozialdemokratischen Föderation Englands: „Diejenigen, die das
beschränkte Frauenwahlrecht vertreten, haben kein Recht, sich als Vertreterinnen der
sozialistischen Frauen oder der Gewerkschaften mehr aufzuspielen. Die Gewerkschaftskongresse haben seit Jahren jedes beschränkte Frauenwahlrecht unbedingt abgelehnt und
das allgemeine Wahlrecht ohne Unterschied des Geschlechts gefordert.“11
Obwohl keine andere Delegation die Auffassungen der Engländerinnen teilte, entwickelte sich eine ausführliche Debatte. Dabei kam es weniger darauf an, die englischen
Genossinnen zu überzeugen. Vielmehr sollte in der politischen Öffentlichkeit der internationalen und der sozialistischen Frauenbewegung sichtbar werden, dass die Sozialistische
Frauenkonferenz geschlossen für das allgemeine und gleiche Wahlrecht eintrat und dass
die Sozialistinnen ihren Wahlrechtskampf an der Seite der proletarischen Männer und als
Teil der sozialistischen Arbeiterbewegung führen wollten.
Das brachte auch die Resolution zum Ausdruck, die von Luise Zietz begründet und im
Namen der sozialdemokratischen Frauen Deutschlands und des Verbandes der Wahlvereine Berlins und Umgebung eingebracht wurde. „Zur Frage des Frauenstimmrechts“ wurde
der Beschluss der ersten Frauenkonferenz in Stuttgart 1907 noch einmal bekräftigt. „Angesichts der fortgesetzten Versuche, die große Mehrheit des weiblichen Geschlechts durch
Einführung eines beschränkten Frauenwahlrechts zu prellen“, betonte die Resolution den
Grundsatz, ausschließlich für das allgemeine Frauenstimmrecht zu kämpfen, und zwar
nicht „im Bunde mit den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen, sondern in Gemeinschaft mit
den sozialistischen Parteien, welche das Frauenwahlrecht als eine der grundsätzlich und
praktisch wichtigsten Forderung zur vollen Demokratisierung des Wahlrechts überhaupt
verfechten“. Die Arbeiterparteien wurden verpflichtet, diesen Kampf „energisch“ zu führen.
Die sozialistischen Frauen sollten sich an den Kämpfen „mit höchster Kraftentfaltung“ beteiligen und zugleich dafür sorgen, dass die Forderung des allgemeinen Frauenwahlrechts
1910 bis 1914
47
„ernstlich verfochten wird“.12 „In der Abstimmung wird die deutsche Resolution mit allen
gegen 10 Stimmen unter langandauerndem Beifall angenommen.“13 Alle Parteien der Sozialistischen Internationale sollten mit der einheitlichen Forderung für das allgemeine und
gleiche Wahlrecht für Frauen und Männer auftreten. Zugleich erklärte die Resolution das
Frauenwahlrecht zu einem Eckpfeiler der Wahlrechtsforderung. Damit sollte verhindert
werden, dass die Parteien das Frauenstimmrecht, wenn es um vermeintlich vordringlichere
Fragen ging, einfach aufgeben oder zurückstellen konnten.
Danach wurde der von „Clara Zetkin, Käte Duncker14 und Genossinnen“ eingebrachte
Antrag zur Einrichtung eines Internationalen Frauentages aufgerufen15:
„... Im Einvernehmen mit den klassenbewussten politischen und gewerkschaftlichen
Organisationen des Proletariats in ihrem Lande veranstalten die sozialistischen
Frauen aller Länder jedes Jahr einen Frauentag, der in erster Linie der Agitation für
das Frauenwahlrecht dient. Die Forderung muss in ihrem Zusammenhang mit der
ganzen Frauenfrage der sozialistischen Auffassung gemäß beleuchtet werden. Der
Frauentag muss einen internationalen Charakter tragen und ist sorgfältig vorzubereiten ...“
Der Antrag wurde einstimmig angenommen, gefeiert wurde er zu diesem Zeitpunkt aber
nicht.16 Keine der Anwesenden konnte damals ahnen, von welch bleibender Bedeutung die
Entscheidung sein würde.
Zum Ende der Konferenz verabschiedeten die Delegierten einstimmig eine Antikriegsresolution. Die Sozialistische Internationale wies seit Jahren mit Beschlüssen dieser Art auf
die Kriegsgefahr hin, die von der Militarisierung der Gesellschaft und der Rüstungspolitik der imperialistischen Staaten ausging. In Reden und Resolutionen wurde gegen diese
Politik Stellung bezogen und das Friedensbollwerk der internationalen Arbeiterbewegung
beschworen. Auch die Resolution der Frauenkonferenz stellte sich in diese Tradition. Sie
sah die Ursachen des Krieges in den „durch die kapitalistische Produktionsweise hervorgerufenen Gegensätzen“. Dagegen müsse das Proletariat seine Macht zur Sicherung des
Friedens einsetzen. Die Proletarierin hatte dabei die besondere Aufgabe, „durch die Erziehung der Kinder zu Sozialisten dafür zu sorgen, daß das kämpfende Proletariat, diese
Armee des Friedens, immer größer und zahlreicher wird“.17
Die sozialistische Frauenbewegung hatte damit zwar den Kampf um die volle Gleichberechtigung der Frau zu ihrem obersten Ziel erklärt – gleichwohl stellte sie die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, in der der Frau die Rolle „der Versorgerin und Erzieherin“ zugewiesen wurde, nicht in Frage.18 Im Gegenteil wurde die Geschlechterhierarchie auch in
diesem Beschluss für die weitere Zukunft festgeschrieben.
Die Konferenz ging mit der Wiederwahl Clara Zetkins zur Internationalen Sekretärin
zu Ende. „Mit einem begeisterten Schlußwort der Frau Zetkin schloß die zweite Internationale Frauenkonferenz.“19
Die Antikriegsresolution von 1910 war eine moralisch-politische Verpflichtungserklärung, die ihre grundsätzliche Bedeutung erst Jahre später offenbaren sollte. Im August
1914, als die Sozialistische Internationale unter nationalistischem Chauvinismus begraben
wurde, fand sich eine große Zahl der weiblichen Delegierten der Kopenhagener Konferenz
im Lager der Kriegsgegnerinnen wieder zusammen. Für sie blieb der Kampf um den Frieden auch nach Kriegsbeginn eine Verpflichtung. Das Ringen um den Erhalt des Friedens
wurde nach der Erfahrung des Ersten Weltkrieges zur verbindenden Maxime der Frauentage.
48
Der Internationale Frauentag
„Die Resolution scheint nicht auf positive
Resonanz gestoßen zu sein …“20
Der Beschluss der Kopenhagener Frauenkonferenz, jährlich einen Frauentag zu veranstalten, enthielt nicht nur eine Aufforderung an die Internationale der sozialistischen Frauen,
sondern verpflichtete zugleich die politischen und gewerkschaftlichen Organisationen der
verschiedenen Länder, diesen Tag gemeinsam mit den Frauen vorzubereiten, durchzuführen und zu finanzieren. Dass ein so weitreichender Antrag als persönliche Initiative
von Clara Zetkin ohne die Unterstützung der nationalen Partei- und Frauenorganisation
eingebracht wurde, entsprach nicht den Regeln internationaler Konferenzen. Clara Zetkins
Entscheidung war begründet. Eine Woche vor der Konferenz tagte die vorbereitende Kommission, in der über den deutschen Antrag zum Frauenstimmrecht beraten wurde. Neben
führenden VertreterInnen der französischen, österreichischen und deutschen Parteien und
Gewerkschaften nahm auch Clara Zetkin an der Beratung teil. Auf dieser Kommissionssitzung schlug Adelheid Popp21, die Führerin der österreichischen Sozialdemokratinnen, vor:
„Sehr fördern wir die Sache des Frauenwahlrechts, wenn die Kommission dem Kongreß
vorschlagen würde, es solle zu einer bestimmten Zeit in allen Ländern große Massenkundgebungen aller Sozialdemokraten für das Frauenwahlrecht stattfinden.“22 Doch die Idee
wurde auf der Sitzung nicht weiter verfolgt, auch Clara Zetkin äußerte sich nicht zu diesem
Vorschlag und die Kommission fasste keinen entsprechenden Beschluss. Offensichtlich
gab es erhebliche Vorbehalte gegen ein solches Vorhaben. Das bestätigte Clara Zetkin
nachträglich in ihrem Diskussionsbeitrag auf der SPD-Frauenkonferenz 1911 in Jena. Dort
erläuterte sie ihr Vorgehen: „Als es sich darum handelte, den Antrag auf Abhaltung des
Frauentages in Kopenhagen einzubringen, standen so viele Genossen und Genossinnen
diesem Antrag ablehnend gegenüber, daß er nicht namens der ganzen deutschen Delegation eingebracht werden konnte, sondern als von Einzelpersonen eingebracht gelten
musste.“23 Für Clara Zetkin war klar, dass ihr Projekt in den Parteigremien keine Mehrheit finden würde. So entschloss sie sich, den Antrag den Delegierten der internationalen
Frauenkonferenz als persönliche Initiative vorzulegen.
Mit der einstimmigen Verabschiedung des Antrags auf der internationalen Konferenz
standen Partei- und Gewerkschaftsführung vor der Herausforderung, auf den Beschluss
reagieren zu müssen. Eigentlich waren Proteste oder zumindest kritische Kommentare
zum Alleingang der linksradikalen Clara Zetkin zu erwarten, und dass die SPD-Männer
sich gegen solchen frauenrechtlerischen Separatismus wenden würden. Doch nichts dergleichen geschah. In den nächsten Monaten wurde das Thema mit Schweigen übergangen.
So wurde auf dem Kongress der Zweiten Internationalen, der gleich nach der Frauenkonferenz in Kopenhagen tagte und an dem auch Clara Zetkin als Delegierte teilnahm, weder
das Thema Frauenstimmrecht noch der Beschluss zum Frauentag behandelt.24 Auch auf
dem Magdeburger Parteitag, der drei Monate nach der Konferenz stattfand, fand der Beschluss keine Erwähnung. „Auf dem ganzen Parteitag kam das Stichwort ‚Frauentag‘ nicht
vor.“25 Und genauso wenig wurde im Correspondenzblatt, dem Presseorgan der freien Gewerkschaften, über die Frauenkonferenz berichtet, obwohl Gertrud Hanna als Arbeitersekretärin der Generalkommission auf der Frauenkonferenz einen Beitrag zur Frauenarbeit
in den deutschen Gewerkschaften gehalten hatte.26
Dann, am 30. Januar 1911, informierte Gertrud Hanna27 die Gewerkschaftspresse über
das Ergebnis einer Beratung von Parteivorstand und Generalkommission der Gewerkschaften: „Die Generalkommission ist in gemeinschaftlicher Sitzung mit dem Parteivor-
1910 bis 1914
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stand dem Beschluß der Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen beigetreten, in jedem Jahr an einem Tag Demonstrationsversammlungen zugunsten
der Forderung zur Erzwingung des allgemeinen Frauenwahlrechts zu veranstalten. Für
Deutschland ist als Versammlungstag für dieses Jahr der 19. März gewählt worden.“28 Das
Schreiben belegt, dass es interne Beratungen gab, die nicht nach außen kommuniziert
wurden. Partei und Gewerkschaften hatten entschieden, dem Kopenhagener Beschluss
„beizutreten“ und erklärten damit, dass sie die Durchführung und inhaltliche Bestimmung
des Frauentages übernehmen würden.
In diesem Schreiben wurde zugleich die Arbeitsteilung zwischen der SPD und der Generalkommission der freien Gewerkschafte festgelegt.
„Träger und Organisator [des Internationalen Frauentages] in Deutschland war die
Sozialdemokratische Partei als politischer Arm der Arbeiterbewegung, die die politischen Inhalte und Zielrichtungen des […] Frauentages in Übereinstimmung mit
ihrer Programmatik und ihrer Politik festlegte. Die freien Gewerkschaften, die als
Richtungsgewerkschaften eng mit der SPD zusammenarbeiteten, forderten die in
ihren Reihen organisierten Kolleginnen auf, sich an den Veranstaltungen der Partei
zu beteiligen“.29
Damit lag die ideologische, politische und organisatorische Verantwortung für den Frauentag bei der Partei, während die Gewerkschaften ihre Mitglieder, vor allem die Frauen, dazu
aufriefen, sich an den Aktionen zu beteiligen.
Diese Arbeitsteilung bestand lange fort. Erst die neue Frauenbewegung entwickelte
auch für den Frauentag neue Perspektiven: Beginnend mit den 1980er Jahren waren es die
Gewerkschaften, die die organisatorische Führung der Frauentage übernahmen.
1911: Der erste Internationale Frauentag
„... und er ist gründlich vorzubereiten“
Im Januar 1911 begann die Parteiführung zusammen mit dem Frauenbüro eine groß
angelegte Kampagne zur Vorbereitung des Frauentages. Zunächst musste der Parteiapparat davon überzeugt werden, dass dem Frauenstimmrecht ein eigener politischer
Arbeitsschwerpunkt eingeräumt werden sollte. Die Ortsgruppen mussten den zentralen
Agitationstag in den Arbeitsrhythmus des Parteialltags einbauen. Gleichzeitig galt es,
über die Idee des Frauentages aufzuklären und die theoretischen Auffassungen der
Sozialdemokratie zum Frauenwahlrecht den Arbeiterfrauen in verständlichen Texten
nahezubringen. Vor allem sollten die Proletarierinnen überzeugt werden, sich massenhaft an den Kundgebungen zu beteiligen. In dieser Vorbereitungsphase zeigte sich,
welche Potenziale die SPD mobilisieren konnte, wenn sie entschlossen war, ein Projekt
durchzusetzen.
Bereits der Termin für den Frauentag war mit klugem politischem Kalkül bestimmt
worden. Seit Jahren veranstaltete die deutsche Arbeiterbewegung Gedenkfeiern zur Erinnerung an die revolutionären Kämpfe vom 18./19. März 1848 in Berlin.
50
Der Internationale Frauentag
„Am 18. März 1848 hatte eine Volksversammlung, die sich auf dem Berliner Schlossplatz versammelt hatte, vom König demokratische Wahlen und den Abzug des Militärs aus der Stadt gefordert. Stattdessen ging die Armee mit Waffengewalt gegen
die Demonstranten vor. In den darauf folgenden Barrikadenkämpfen, an denen vor
allem Berliner Arbeiter und Arbeiterinnen beteiligt waren, wurden 150 Personen
getötet, darunter waren elf Frauen.“30 Am 19. März mussten die Truppen dann doch
abziehen. „Die siegreichen Barrikadenkämpfer trugen am 19. März die Leichen ihrer
gefallenen Brüder auf den Hof des Schlosses und zwangen den König, die Opfer seiner despotischen Wirtschaft entblößten Hauptes zu begrüßen.“31
Mit der Festlegung des Frauentages auf das Datum des 19. März wurden die Kämpfe um
das Frauenwahlrecht in die Geschichte der Arbeiterbewegung mit ihren Kämpfen um ein
demokratisches Wahlrecht eingebunden. Die Bremer Bürger-Zeitung vom 18. März 1911
erläuterte den Zusammenhang unter der Überschrift „Märzstürme – Wahlrechtskämpfe“.
In der Fortsetzung der Kämpfe von 1848 und in Erfüllung des Auftrags der März-Gefallenen war das internationale Proletariat zugleich auch Vorkämpfer für die „vollen Bürgerrechte des Weibes. Um das Banner der revolutionären Sozialdemokratie vereinigen sich
darum am 19. März, am Frauentag, die Millionen von Frauen und Männer zum Kampfe für
das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Frauenwahlrecht.“32
Zur Mobilisierung des Parteiapparates „erfolgte die Propaganda durch Zirkular [Rundschreiben] an die Bezirksleitungen“.33 Luise Zietz berichtete in der Gleichheit über offene
Fragen, die diskutiert wurden: „Ob der Frauentag denn nicht von der Parteiorganisation
veranstaltet werde, wenn ja, warum dann die besondere Aufforderung an die Genossinnen?“ Die Männer wurden beruhigt. Selbstverständlich sei auch der Frauentag „eine Veranstaltung der Partei“. Aber weil es sich „insbesondere um die Sache der Frauen handelte,
[wurden] die Genossinnen nochmals besonders angespornt“.34
Das Frauenbüro war nicht nur Ansprechpartner und Konfliktmanager in der Vorbereitungsphase. Zusätzlich wurden von dort Berichte an die Parteipresse, Die Gleichheit und
vom Arbeiterinnensekretariat an die Gewerkschaftspresse versandt.
„Heraus zum sozialdemokratischen Frauentag“, Die Gleichheit vom 13. März 1911.
1910 bis 1914
51
Zum Frauentag brachte Clara Zetkin eine Sondernummer der Gleichheit unter dem
Titel „Frauenwahlrecht“ heraus. Dort kamen bekannte Vertreterinnen der internationalen
sozialistischen Frauenbewegung zu Wort, unter ihnen Helen Ankersmit aus Holland, Alexandra Kollontai aus Russland, Adelheid Popp aus Österreich und May Wood-Simons aus
den USA. Auch die Führer der deutschen und österreichischen Sozialdemokratie, August
Bebel und Victor Adler, zeigten sich solidarisch mit dem Anliegen der Frauen und betonten in ihren Beiträgen übereinstimmend, dass der Kampf für das Frauenwahlrecht die
gesamte Arbeiterbewegung voranbringen werde. Victor Adler hob hervor, dass der Internationale Frauentag auch Männersache sei. August Bebel hielt den Gegnern des Frauenwahlrechts entgegen: „Ob Zyniker oder Rückwärtsler die Bestrebungen nach politischer
Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts verlachen, ob Dummheit sie zu hemmen
versucht, sie werden zum Siege kommen. Mit den Frauen als Bundesgenossen wird der
Kampf erleichtert und beschleunigt.“35
Vor allem bemühten sich Clara Zetkin und Luise Zietz um die Mobilisierung der Genossinnen, denn von deren Einsatz hing weitgehend der Erfolg der geplanten Kundgebungen ab. „Durch mündliche Agitation“ sollten die „Lauen und Indifferenten“ für die Aktion
interessiert werden. „Diese mündliche Agitation unter den Indifferenten, seien es Mitarbeiterinnen im Betrieb, seien es Mitbewohnerinnen des Hauses, seien es Bekannte oder Verwandte: Das ist eine spezielle Aufgabe unserer Genossinnen, die sie täglich, stündlich, zu
jeder Zeit neben jener innerhalb der Organisation erfüllen sollen.“
Doch vor allem sollten die Genossinnen auf den Kundgebungen dabei sein. Deshalb
wandte sich Luise Zietz noch einmal nachdrücklich mit der Aufforderung an die Frauen,
am 19. März zuallererst ihre Bürgerpflichten zu erfüllen. „An diesem Tag ist es in erster
Linie Pflicht, die Versammlung zu besuchen, für unser Wahlrecht zu demonstrieren.“ Und
wenn Kinder zu betreuen waren, „sollten sich die Frauen mit ihren Männern verständigen,
daß diese sich ein paar Stunden ‚ganz ihren Vaterfreuden hingeben‘, daß sie die Aufsicht der Kleinen übernehmen“.36 Luise Zietz ermutigte die Frauen, von ihrem Recht, sich
außerhalb des privaten Haushalts politisch zu engagieren, auch tatsächlich Gebrauch zu
machen.
Für die Massenagitation wurde ein Flugblatt mit einer Auflage von zweieinhalb Millionen gedruckt und verbreitet. Auf mehreren Seiten wurden die Argumente der Sozialdemokratie zum Frauenwahlrecht erläutert. Das dort entwickelte Argumentationsmuster
tauchte in den nächsten Jahren in Presseartikeln, Redebeiträgen und Resolutionen immer
wieder auf.
Das Flugblatt begann mit der Forderung:
„FRAUENWAHLRECHT!
Die Frau des zwanzigsten Jahrhunderts ist politisch mündig geworden,
und trutziglich fordert sie ihre Staatsbürgerrechte.“37
Für den Rechtsanspruch auf das volle Bürgerinnenrecht gab es nach Auffassung der Sozialdemokratinnen wichtige Gründe:
– Weil Frauen mit ihrer Erwerbsarbeit zur Erhaltung und Fortentwicklung der Wirtschaft
und der Gesellschaft genauso ihren Beitrag leisten wie Männer;
– weil sie durch Gebären, Pflege und Aufziehen der Kinder die Reproduktion des ganzen
Volkes sichern;
– weil ihre Opfer an Leben und Gesundheit, als Folge ungewollter Schwangerschaften
mindestens so schwer wiegen wie die Opfer, die Männer als Soldaten in Kriegszeiten
52
Der Internationale Frauentag
erleiden. Und da den Männern wegen dieser Kriegsopfer das Stimmrecht zuerkannt
wurde, beanspruchen die Frauen ein gleiches Recht.
– weil Frauen in allen Steuern und Abgaben Gleichverpflichtete sind, müssen sie auch das
gleiche Recht haben, über Steuern und Abgaben mitzuentscheiden.
– Zugleich brauchen die Frauen das Wahlrecht als Waffe zur Veränderung ihrer sozialen
und politischen Lage, um Einfluss zu nehmen auf alle Gesetze, von denen sie betroffen
sind.
Als besonderen Punkt stellte die SPD heraus, dass das Frauenwahlrecht „auch ein vorzügliches politisches Erziehungsmittel“ sei und die Mobilisierung der Frauen beschleunigen werde. Die Vorstellung, dass das Frauenstimmrecht ein Instrument zur revolutionären
Erziehung der Frauenmassen sei, wurde für die Sozialdemokratie in den folgenden Jahren
eines der zentralen Argumente für das Frauenwahlrecht.
Der 19. März 1911 in Bremen
In der Bremer SPD wurde das neue Projekt, einen Frauentag durchzuführen, allgemein
begrüßt. Denn bereits im Vorjahr waren hier die Frauen in die Wahlrechtskampagne einbezogen gewesen und die Idee, über zentrale Massenaktionen die indifferenten Arbeiterfrauen
anzusprechen, um sie für den Wahlrechtskampf zu gewinnen, entsprach der politischen
Linie der radikalen linken Parteimehrheit in Bremen.38 So informierte die Bürgerzeitung die
Parteimitglieder und ihre Leser in einer ganzen Reihe von Artikeln über den Frauentag und
die Forderung nach dem Frauenwahlrecht. Zugleich wurden die Parteimitglieder in die Propagandaarbeit eingespannt. Am 17. März druckte die BBZ den Aufruf zur Flugblattaktion:
1910 bis 1914
53
Aus dem Verteilerschlüssel wird ersichtlich, dass das Massenflugblatt „Frauenwahlrecht“ und
die Einladung zu den Frauenversammlungen in Bremen flächendeckend verteilt wurden.
Zwei Tage vor den Kundgebungen wandte sich die Partei sogar persönlich an die Genossen. Die BBZ vom 17. März 1911 druckte eine kurze Notiz, in der an die „verheirateten
Genossen […] das freundliche Ersuchen“ erging, ihren Frauen die Teilnahme an den Frauenwahlrechtsversammlungen „tunlichst zu ermöglichen“, und sie „soweit das unbedingt
erforderlich sein sollte, im Hauswesen […] zu vertreten“. Hatte Luise Zietz in der Gleichheit
die Frauen aufgefordert, ihre Recht auf den Versammlungsbesuch dem Partner gegenüber
geltend zu machen und durchzusetzen, so wurden hier die Ehemänner also freundlich „ersucht“, ihren Ehefrauen den Versammlungsbesuch zu gewähren.39 Zwar wollte die Partei
eine erfolgreiche Versammlung durchführen und möglichst viele Frauen sollten an ihr
teilnehmen, doch das sollte die tradierte Arbeitsteilung und Geschlechterhierarchie in den
Arbeiterfamilien nicht in Frage stellen.
Am Sonntagnachmittag des 19. März 1911 drängten sich die Arbeiterfrauen in die beiden großen Versammlungssäle in Bremen. Die Veranstaltungsorte Casino Auf den Häfen
und die Turnhalle an der Bremerhavener Straße waren traditionelle Versammlungsorte
der Sozialdemokraten, die jetzt auch von den Frauen beansprucht wurden. Im Casino fanden alle politisch wichtigen Veranstaltungen statt. Hier hatte 1910 auch Rosa Luxemburg
gesprochen. Die Turnhalle lag mitten in dem Arbeiterstadtteil Walle/Gröpelingen in der
Nähe der großen Werften.
Die beiden Rednerinnen Auguste Bosse40 und Grete Simon waren führende Sozialdemokratinnen in der Bremer SPD. Auguste Bosse war bereits 1891 eine der sechs weiblichen Delegierten auf dem Erfurter Parteitag gewesen und hatte lange Jahre die Frauen
im SPD-Vorstand vertreten. Grete Simon wurde dort ihre Nachfolgerin. Sie nahm im September 1911 an der Reichsfrauenkonferenz teil und war dann Delegierte auf dem anschließenden Parteitag in Jena.
Beide Rednerinnen verlangten das Frauenstimmrecht im Namen der Rechtsgleichheit
beider Geschlechter. Sie stützten sich in ihrer Argumentation auf die Erklärungen, die in
dem Flugblatt zum Frauenwahlrecht verbreitet worden waren. Auguste Bosse setzte sich
in ihrer Rede mit den Gegnern des Frauenwahlrechts auseinander, die den Frauen die
politische Reife zur Teilnahme an Wahlen absprächen. Sie hielt ihnen entgegen, dass das
keinesfalls ein Maßstab sein könne, denn die Wahlkämpfe zeigten, dass unter den wahlberechtigten Männern, die „ihre Stimme manchmal gerade ihren Unterdrückern geben,
[…] ein großer Teil noch viel unreifer sei als viele Frauen“. Grundsätzlich gelte die Forderung, da die Frauen „kommunale und staatliche Lasten“ trügen, müssten sie endlich auch
54
Der Internationale Frauentag
„kommunale und staatliche Rechte“ erhalten. Sie schloss mit dem Hinweis, dass nur die
Sozialdemokratie rückhaltlos für die Rechte der Frauen eintrete und nur zu ihr könnten
die Frauen des Proletariats Vertrauen haben.
Am zweiten Versammlungsort in Walle/Gröpelingen waren „600–700 Besucher, meistens Frauen und Mädchen“ versammelt. Grete Simon ging in ihrem Redebeitrag auf die
soziale Lage der Arbeiterfrauen ein, die besonders unter der Preistreiberei im Jahr 1911
zu leiden hatten. „Unter der Heiterkeit der Frauen [verlas die Rednerin] das Kochrezept
eines Fabrikanten, nach dem einer vierköpfigen Familie für 2,85 M die ganze Woche das
Mittagessen gekocht werden kann.“ Um solche Aktionen der Kapitalisten und ihre „Wucherpolitik“ endlich zu beenden, müssten sich die Frauen mit den Arbeitern verbünden.
„Mit den Frauen im Bunde, schloß die Rednerin, werden die Arbeiter das kapitalistische
Joch und die Privilegienwirtschaft überwinden.“
Zum Abschluss wurde in beiden Bremer Versammlungen die Wahlrechtsresolution angenommen, die allen Versammlungen in Deutschland vorgelegt worden war. Sie fasste die
zentralen politischen Argumente der SPD zusammen: Die Forderung nach dem Frauenwahlrecht ist ein soziales Recht, das aus der gesellschaftlichen Stellung der Frau im Kapitalismus resultiert. Der Kampf der Frauen ist Teil des großen politischen Kampfes um
die Durchsetzung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung. Zur Durchsetzung dieser
Forderung stellen sich die Frauen „in die Reihen der Sozialdemokratie“.41 Den Abschluss
der Versammlungen bildete der gemeinsame Gesang der Arbeitermarseillaise.
Doch damit war der Frauentag nicht beendet. Im Anschluss an die Kundgebung in der
Turnhalle Bremerhavener Straße zogen die Frauen in die Innenstadt vor das Rathaus. Am
Montag, dem 20. März 1911, berichtete die Bremer Bürger-Zeitung darüber: „Großes Aufsehen erregte es, als etwa 200 Frauen und Mädchen in Begleitung einzelner Männer von der
Bremerhavenerstraße durch die Landwehrstraße, Lützowerstraße, Nordstraße und dem
Doventor zur Altstadt bis zum Marktplatz spazierten. Arbeiterlieder und Hochrufe auf das
Frauenwahlrecht und das allgemeine, gleiche Wahlrecht schallten den verdutzten Bürgern
einer ehrsamen Hansestadt entgegen.“42
Dass Frauen aus den Arbeiterquartieren an den Ort repräsentativer Öffentlichkeit zogen, vor das zentrale Gebäude bürgerlich männlicher Herrschaft, das Bremer Rathaus mit
seinem Marktplatz, „dünkt den Spießer als etwas ganz Unerhörtes“43. Die Demonstrantinnen aber „gratulierten sich zu ihrem ersten Erfolg im Kampf um das Frauenwahlrecht.“44
Bilanz des ersten Internationalen Frauentages
Für die SPD in Bremen war der erste Frauentag ein Erfolg. Es war gelungen, die Arbeiterfrauen anzusprechen und viele zur Teilnahme an den Kundgebungen zu bewegen. Sie
hatten dort, vorgetragen von den SPD-Frauen, die Forderungen und Argumente der Sozialdemokratie angehört und in einer Resolution zugestimmt. Einige waren noch einen
Schritt weitergegangen, sie demonstrierten im öffentlichen Raum für ihre Forderung nach
dem Frauenstimmrecht. Am 19. März 1911 traten die sozialdemokratischen Frauen als
eigenständige politische Kraft in Erscheinung.
Die gesamte Partei gewann unter den Arbeiterfrauen an Ansehen und erhielt Zustimmung
für ihre Politik. Dafür gab es ein messbares Ergebnis: Am Ende des Jahres hatte die SPD in
Bremen 450 neue weibliche Mitglieder. Das war nach dem großen Mitgliederanstieg durch
Eingemeindungen im Jahr 1909 bis 1914 die höchste Zahl an Neueintritten in einem Jahr.45
1910 bis 1914
55
Auch in den anderen Städten Deutschlands stießen die SPD-Aktionen zum Frauentag
auf ein positives Echo. Vielerorts erlebten die Bürger demonstrierende Frauen, die für ihre
Rechte auf die Straße gingen. Im Anschluss an die Kundgebungen waren viele Frauen
Mitglieder der SPD geworden. Diese Aktionen hatten auch in die bürgerliche Frauenbewegung ausgestrahlt. So nahmen an der Versammlung in der neuen Friedrichstraße in
Berlin Frauen der Frauenstimmrechtsbewegung teil. An anderen Orten wurden Grußadressen überbracht.46 Und die Verbindung riss nicht ab. Minna Cauer, eine der bedeutenden
Führerinnen der bürgerlichen Frauenstimmrechtsbewegung, berichtete in der von ihr herausgegebenen Zeitung Die Frauenbewegung begeistert über die neue Initiative der SPDFrauen und das Engagement der Arbeiterfrauen für das Frauenwahlrecht.47 Im September
nahm sie dann sogar als Gast an der Frauenkonferenz der Sozialdemokratinnen und am
anschließenden Parteitag der SPD in Jena teil.48 Trotz erheblicher Differenzen und Abgrenzungen gegenüber der bürgerlichen Frauenbewegung gab es auch Begegnungen und
Berührungspunkte besonders zum radikalen Flügel.
Auf der Frauenkonferenz der Sozialdemokratinnen am 8. und 9. September 1911 in
Jena zogen die Delegierten eine positive Bilanz des Frauentages. Luise Zietz sprach in
ihrem Bericht an den Parteitag, der im Anschluss an die Frauenkonferenz auch in Jena
stattfand, von einer „wuchtigen“ Veranstaltung.49 Nach ihrer Auffassung waren dafür nicht
nur die „Kundgebungen zugunsten des vollen Bürgerrechts der Frau“ verantwortlich, sondern vor allem „wurde die alte sozialdemokratische Programmforderung mitten in den
Vordergrund des Interesses gerückt und die Frauen selbst sind die Träger dieser Forderung
gewesen“.50 Dass nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich, Dänemark und der
Schweiz am gleichen Tage die Sozialistinnen und Arbeiterfrauen ihre Stimmrechtskundgebungen veranstalteten, habe die Frauen besonders „angefeuert und begeistert“.51
Mit dem Agitationstag hatte die sozialdemokratische Frauenbewegung neuen Auftrieb
für ihre politische Arbeit erhalten. Um diesen Erfolg auch für die Zukunft zu sichern, stellte
Clara Zetkin auf der Frauenkonferenz den Antrag auf Fortsetzung des Frauentages im
Jahr 1912.
„In Würdigung der vorzüglichen Resultate, die der erste sozialdemokratische Frauentag gezeigt hat, beschließt die Frauenkonferenz in Jena, im Jahre 1912 die Veranstaltung zu wiederholen. Die Festsetzung des Termins und der Bedingungen für die
Durchführung erfolgen durch den Parteivorstand.“52
Die inhaltliche Ausgestaltung des Tages und die Festlegung des Datums sollte dem Parteivorstand überlassen bleiben. Ihre Begründung lautete: „Wir wissen nicht, wie die politische
Situation bei den Reichstagswahlen sich gestalten wird. […] Überlassen wir darum die
Festsetzung des Tages jener Instanz, die bisher mit väterlicher Weisheit und väterlichem
Wohlwollen unsere Bewegung unterstützt hat, nämlich dem Parteivorstand.“53 Die Delegierten quittierten diesen Hinweis auf die patriarchalen Verhältnisse in der Organisation
mit „großer Heiterkeit und Beifall“.54
Die Männerwelt auf dem anschließenden Parteitag sah in dem Frauentag kein Ereignis, dem man besondere Aufmerksamkeit schenken musste. Die Delegierten nahmen den
kurzen Bericht von Luise Zietz ohne Kommentar zur Kenntnis. Der Antrag von Clara Zetkin wurde an den Parteivorstand weitergeleitet, und dieser beschloss, den Internationalen
Frauentag 1912 am 12. Mai stattfinden zu lassen.
Doch zuvor engagierten sich die SPD-Frauen zunächst noch im Wahlkampf der Reichstagswahlen vom 12. Januar 1912. Noch auf der Frauenkonferenz in Jena hatte Clara Zetkin
56
Der Internationale Frauentag
in einem Grundsatzreferat die Bedeutung dieser Wahlen erläutert und die sozialdemokratischen Frauen zur aktiven Beteiligung aufgerufen.55
„Wer nicht wählen kann, soll wühlen“ –
Frauentage 1912 und 1913
Die sozialdemokratischen Frauen und
die Reichstagswahlen – Januar 1912
Wahlkämpfe waren für die SPD eine gute Gelegenheit, ihre politischen Positionen und ihre
Gesellschaftskritik in der Öffentlichkeit vorzutragen. Die Partei hatte sich in den Jahren
seit der letzten Wahl 1907 zu einer gesellschaftlichen Kraft entwickelt, die die herrschenden Kreise als Bedrohung wahrnahmen. So war abzusehen, dass die bürgerlichen Parteien
im Wahlkampf massiv gegen die Sozialdemokratie auftreten würden. „Die bevorstehenden
Reichstagswahlen werden wahrscheinlich die Ufer des gewöhnlichen Ringens um Mandate
zwischen den politischen Parteien übersteigen. Sie werden sich zu einer riesigen, wild
aufgepeitschten Welle des Klassenkampfes zwischen den Besitzenden und den ausgebeuteten Schichten des Volkes erheben.“56 So fasste Clara Zetkin auf der Frauenkonferenz in
Jena ihre Erwartungen für den Wahlkampf zusammen. In dieser Klassenauseinandersetzung galt es, alle Kräfte zu mobilisieren. Dazu wollte die Partei auch die Frauen als Wahlhelferinnen heranziehen und die SPD-Frauen sahen in der Beteiligung die Chance, an die
Stimmrechtsaktionen des Frauentages anzuknüpfen und erneut öffentlich in Erscheinung
zu treten. Wenn die Frauen auch selbst nicht stimmberechtigt waren, so konnten sie doch
mit der Beteiligung am Wahlkampf ihren Anspruch auf gleichberechtigte Präsenz im öffentlichen Raum sichtbar machen. Denn „es gilt das alte Wort: Wer nicht wählen kann, soll
wühlen“.57
In Bremen kandidierte für die SPD Alfred Henke, Redakteur der Bremer Bürger-Zeitung, mit dem sich in der Partei ein Vertreter der radikalen Linken als Wahlkreiskandidat
durchgesetzt hatte. Er war wiederholt als Abgeordneter in der Bürgerschaft für das Frauenwahlrecht eingetreten. Jetzt, im Jahr 1912, war er angetreten, um den Bremer Wahlkreis
für die SPD zurückzugewinnen. Dazu mussten alle Kräfte eingespannt werden. Auch deshalb war der Partei der Einsatz der Frauen wichtig.
Die Parteizeitung druckte gleich zum Auftakt des Wahlkampfes eine Artikelserie am 7.,
8. und 9. Dezember unter dem Titel „Die Proletarierinnen rechnen ab“. In der Reportage
wurden die Regierungsmaßnahmen aufgezählt, die die Lebensbedingungen der Arbeiterfrauen im Verlauf der letzten Legislaturperiode verschlechtert hatten und die Frauen dazu
aufgerufen, in ihrem sozialen Umfeld, im Familien- und Freundeskreis ihren persönlichen
Einfluss geltend zu machen und für den Kandidaten der SPD zu werben. „[…] letzten Endes
wird es nicht auf diese Bereitwilligkeit ankommen, sondern einzig und allein darauf, ob das
Proletariat stark genug sein wird, um seine Interessen gegen die vereinigte Reaktion, gegen
das vereinigte Ausbeuterpack durchzusetzen. […] Proletarierinnen! Rüttelt die wahlfähigen
Männer auf, daß sie alle von ihrem Rechte in richtiger Weise Gebrauch machen.“58
Zugleich bot der Wahlkampf engagierten Frauen die Möglichkeit, in der männerdominierten Parteiwelt als gleichwertige politische Akteurinnen in Erscheinung zu treten.
Bereits zum 6. Dezember 1912 hatte der Bremer Verein für Frauenstimmrecht zu einer
1910 bis 1914
57
Volksversammlung eingeladen. Vor 600 bis 700 TeilnehmerInnen sprach Minna Cauer zum
Thema „Die Frauen und die Reichstagswahlen“. Sie setzte sich mit den Parteiprogrammen
der bürgerlichen Parteien auseinander, die alle in der Frage des Frauenwahlrechts keine
klare Haltung einnahmen. Anders dagegen die Sozialdemokratie, „die hat die Forderung
des Frauenwahlrechts in ihr Programm aufgenommen“.59 Sie berichtete über ihre Teilnahme am SPD-Parteitag des Jahres 1911, wie sehr sie „erstaunt gewesen sei über den Fortschritt der sozialdemokratischen Frauenbewegung“.60 Sie zeigte offen ihre Sympathien für
die SPD. Nur dort wurden, nach ihrer Auffassung, die bürgerlichen Frauenforderungen nach
Gleichberechtigung ernst genommen und in den politischen Tageskampf einbezogen.
Die anschließende Diskussion nutzten die Sozialdemokratinnen, um ihre Positionen auch
einem bürgerlichen Publikum vorzutragen. Es sprachen Auguste Bosse und Hanna Harder61,
die zu diesem Zeitpunkt Vorsitzende des Dienstmädchenvereins war und im Auftrag des
Arbeitersekretariats eine Beratungsstelle und Stellenvermittlung für Dienstmädchen leitete.
Hanna Harder war „mit 81 Dienstmädchen in dieser Versammlung erschienen. Davon seien
nur noch zwei anwesend, weil die übrigen keinen Hausschlüssel bekommen hätten. Es wäre
recht gut, wenn die bürgerlichen Frauen auch für die Gleichberechtigung der Dienstmädchen
eintreten würden.“62 Nicht nur die SPD-Frauen meldeten sich zu Wort, auch Alfred Henke
als Wahlkreiskandidat nutzte die Chance, vor diesem gemischten Publikum zu sprechen. Er
wies in seinen Redebeiträgen nach, dass die SPD besonders in Bremen die konsequenteste
Vertreterin für das Frauenwahlrecht gewesen sei und dass er für diese Positionen gemeinsam mit den anderen Genossen auch im Reichstag eintreten werde. Das Engagement der
Sozialdemokraten könnten die Anwesenden schon daran ablesen, dass kein anderer Parteienvertreter außer ihm, dem Sozialdemokraten, auf dieser Versammlung anwesend sei.63
Auch auf den eigenen Wahlveranstaltungen waren die Frauen nicht nur passive Teilnehmerinnen. Es gab eine ganze Reihe von Wahlversammlungen, auf denen die Frauen
als Rednerinnen auftraten.
BBZ vom 6. Januar 1912.
58
Der Internationale Frauentag
So sprach Wilhelmine Kähler aus Berlin auf der SPD-Wahlveranstaltung in der Bremer
Neustadt am 15. Dezember 1911 vor annähernd 3.000 Personen.64 Das Bremer Beispiel
zeigte, dass die Frauen wesentlich zu dem großen Wahlsieg der deutschen Sozialdemokratie bei den Reichstagswahlen am 12. Januar 1912 beigetragen hatten. Im Wahlkreis
der Freien Hansestadt Bremen „gelang der Sozialdemokratie ein überzeugender Sieg. Ihr
Stimmanteil von 53,4 Prozent [...] war der höchste in der Zeit bis 1914.“65 Doch als die
Bremer Bürger-Zeitung den Sieg feierte, war viel von der Hingabe und der Energie der
„Arbeiterschaft im bremischen Wahlkreis“ die Rede, die Arbeit und der Einsatz der Frauen
blieben unerwähnt.
„Gebt Raum den Frauen” – Frauentag 1912
Als es darum ging, den zweiten Internationalen Frauentag vorzubereiten, konnten die
Bremer Sozialdemokratinnen an vorangegangene Aktionen zum ersten Frauentag sowie
an die Wahlkampfeinsätze anknüpfen. Außerdem gab es wieder politische und organisatorische Unterstützung durch die Parteiführung und die Generalkommission, die die örtlichen Parteileitungen und Gewerkschaftskartelle zur intensiven Agitation aufforderten. Die
Gleichheit erschien wieder mit einer Sondernummer und es gab erneut ein Massenflugblatt für Werbeaktionen.66 Die BBZ veröffentlichte im Vorfeld mehrere Artikel zum Thema
Frauenwahlrecht. Einer davon trug die Überschrift „Gebt Raum den Frauen“67. In dem
Beitrag wurde der Anspruch der Frauen auf politische Mitbestimmung in Staat, Land und
Gemeinde betont: „Auch wir Frauen wollen das Recht haben, den Herren auf die Finger
zu sehen und nötigenfalls auch mal derbe zu klopfen. Zu den schweren Pflichten, die man
uns seit langem an den Hals geworfen hat, fordern wir die staatsbürgerlichen Rechte.“68
Allerdings war der Termin, der 12. Mai 1912, für den Frauentag nicht gut gewählt. Nur
wenige Tage nach den Maifeierlichkeiten wurde es schwierig, die Genossinnen und Genossen erneut zu Großeinsätzen und Flugblattverteilaktionen zu bewegen. Trotzdem waren
die Organisatorinnen optimistisch.
Grete Simon hatte als Vorstandsmitglied zu drei parallelen Frauenversammlungen eingeladen (BBZ vom 8. Mai 1912).69
Die SPD erwartete eine rege Beteiligung, deshalb waren neben dem zentral gelegenen Casino Auf den Häfen auch noch zwei Versammlungsräume in den Arbeiterwohnquartieren
1910 bis 1914
59
angemietet worden, und zwar in Walle/Gröpelingen und in der Neustadt, beides sozialdemokratische Hochburgen.
Am Montag nach den Veranstaltungen musste man den Bericht „Zum Frauentag“
in der BBZ fast mit der Lupe suchen. Er war in kleinen Lettern gesetzt und stand
zwischen diversen Kurzinformationen. Die Notiz bestand aus der resignierenden Feststellung: „In drei öffentlichen Frauenversammlungen wurde gestern für das Frauenwahlrecht demonstriert. Der Besuch dieser Veranstaltungen hätte angesichts der Wichtigkeit
der Tagesordnung sowie der Bedeutung des Internationalen Frauentages ein besserer
sein müssen.“ 70 Das war eine herbe Enttäuschung, zumal die Zeitung in einer weiteren
Beilage derselben Ausgabe auf einer ganzen Seite die Erfolgsmeldungen der anderen
Städte auflistete.
Dass sich im Anschluss an diese Versammlungen dreihundert Frauen, Kinder und Männer zu einem Demonstrationszug durch die Stadt formierten, war dem Berichterstatter der
Parteipresse offensichtlich entgangen. Dafür hatte die Polizei auf die Demonstrierenden
ein wachsames Auge.
Ausschnitt aus dem Polizeibericht über die Frauendemonstration.71
60
Der Internationale Frauentag
Der Bremer Verkehrspolizist Röder verfasste über das Ereignis den folgenden Bericht:
„Heute nachm. 5.15 Uhr sah ich auf Stehposten, Domshof, daß zirka 300 sozialdemokratische Frauen, 20 Kinder und etwa 10 – 15 Männer vom Markt kommend im
geschlossenen Zuge nach dem Domshof zogen, wobei die Menge die Arbeitermarseillaise sang und öfter ein Hoch auf das allgemeine und gleiche Wahlrecht ausbrachte.
Mitten auf dem Domshof schloß sich die Menge zusammen und hielt einer von den
Männern eine Rede, wurde aber daran gehindert, indem ich die Menge aufforderte weiterzugehen. Meiner Aufforderung kamen sämtliche Personen sofort nach und
entfernten sich durch den Schüsselkorb nach dem Herdentor zu. Die Menge beging
auf dem Domshof das Trottoir, unter anderem auch die rechte Seite der Fahrstraße.
Der Umzug war geeignet die öffentliche Ruhe und Ordnung auf der Straße zu stören.“
Mit dieser Demonstration hatte die Polizei nicht gerechnet und so gab es nur den Verkehrspolizisten, der an der Kreuzung Domshof den Verkehr regelte und mit dem ungewöhnlichen
Demonstrationszug wohl überfordert war. So musste er sich nachträglich belehren lassen,
„daß er unter allen Umständen die Personalien des Redners oder der verantwortlichen Veranstalter hätte ermitteln müssen. In dieser Beziehung wird sich jetzt nichts mehr tun lassen.“72
Die Bremer Polizei war offensichtlich noch nicht darauf eingestellt, dass eine sozialdemokratische Frauenbewegung die offensiven Protestformen ihrer Genossen übernahm
und die Frauen auch auf den Straßen und Plätzen der Stadt demonstrierten. Doch schon
bald hatte die Polizei sich umgestellt und konnte auf der Frauendemonstration 1914 beweisen, dass sie gegenüber dem „schwachen Geschlecht“ durchaus hart durchgreifen konnte.
Ein Frauentag unter anderem Namen
Auf dem Parteitag in Chemnitz 1912 hatte Luise Zietz in ihrem Bericht zur „Frauenbewegung“ ein positives Bild von den Frauentagaktionen im Mai des Jahres gezeichnet. Sie
hatte die doppelte Bedeutung des Tages hervorgehoben. „Natürlich diente der Frauentag
nicht nur der Propaganda für das Frauenwahlrecht, sondern er diente gleichzeitig der
politischen Organisierung der Wahlrechtskämpferinnen und er brachte uns deshalb eine
ansehnliche Verstärkung der Zahl unserer weiblichen Mitglieder.“73 Luise Zietz und auch
Clara Zetkin betonten in den Parteiauseinandersetzungen immer wieder, dass zwischen
den Aktionen am Frauentag und der Werbung vor allem weiblicher Mitglieder ein unmittelbarer Zusammenhang bestand. Auch jetzt auf dem Parteitag wollte Luise Zietz die
Männermehrheit mit dem Hinweis auf den Frauentag als Rekrutierungsmittel davon überzeugen, dass sie der Fortführung des Frauentages im Jahr 1913 zustimmten. Der Parteitag
folgte ihrer Empfehlung und überwies den Beschluss an den Vorstand zur praktischen
Umsetzung mit der Maßgabe, „den Frauentag künftig im März abzuhalten“.74
Am 7. November 1912 tagte der Parteiausschuss, ein „auf dem Parteitag 1912 geschaffenes Gremium aus Vertretern der Bezirks- und Landesvorstände, das eine Gutachterfunktion in den vor den Parteivorstand kommenden Fragen hatte“.75 Diesem Ausschuss
lag der Antrag über die Durchführung des Frauentages zur Entscheidung vor. In der
Debatte zeigte sich, dass es in diesem Gremium eine starke Fraktion gab, die grundsätzlich das neue Projekt eines Frauentages ablehnte. Die Gruppe konnte außerdem darauf
verweisen, dass die Frauenversammlungen 1912 an vielen Orten „ein Fiasko“ gewesen
1910 bis 1914
61
waren, wie auch Luise Zietz in dieser internen Beratung zugeben musste. Sie schlug
deshalb einen Kompromiss vor: „Wir empfehlen den Frauentag zwar nicht jährlich, aber
nach Bedarf abzuhalten. […] Im nächsten Jahr soll er stattfinden, schon mit Rücksicht
auf die preußischen Landtagswahlen.“ Doch die Kritiker und Gegner waren nicht umzustimmen. „Es wurde mit großer Mehrheit abgelehnt, den Frauentag im nächsten Jahr
stattfinden zu lassen.“ 76
Clara Zetkin und Luise Zietz versuchten gemeinsam, diesen Beschluss rückgängig zu
machen. Es gelang ihnen, eine Sondersitzung des Parteiausschusses für den 31. Januar
1913 durchzusetzen, an der auch Clara Zetkin als Internationale Sekretärin der sozialistischen Frauenbewegung teilnahm. Sie wies in ihrem Diskussionsbeitrag darauf hin, dass
die Durchführung des Frauentages 1913 vor allem in Hinblick auf die Vorbereitungen
der ausländischen Genossinnen erforderlich sei. Für die Frauenbewegungen der anderen
Länder hätten die Frauentage der deutschen Sozialdemokratinnen Vorbildcharakter. Um
die positive internationale Entwicklung weiter voranzubringen, müsse der Frauentag in
Deutschland auch im Jahr 1913 stattfinden. Um diesen internationalen Bezug auch nach
außen deutlich werden zu lassen, sollte sich der Frauentag in Deutschland an das bereits
in den anderen Ländern festgelegte Datum, den 2. März, anschließen. Zum Abschluss ihrer
Rede stellte sie den Antrag, dass der erste Beschluss des Parteiausschusses rückgängig gemacht werden sollte. Ein Teil der Anwesenden unterstützten Clara Zetkins Anliegen, auch
die beiden Vorstandsmitglieder der Bremer SPD stimmten für ihre Vorlage. Allerdings
reichte das nicht für eine Mehrheit. Letztlich wurde ein bemerkenswerter Kompromiss erzielt: Der Beschluss vom 7. November wurde nicht zurückgenommen, doch eine Mehrheit
des Ausschusses sprach sich für „die Abhaltung von Frauenversammlungen am 2./3. März
aus“. Damit waren für 1913 zwar Wahlrechtsversammlungen genehmigt, aber sie durften
nicht als Frauentagsveranstaltungen firmieren.77
In dieser Entscheidung manifestierte sich eine unter den Parteifunktionären verbreitete
Haltung gegenüber der sozialdemokratischen Frauenbewegung. Frauenthemen wie das
Frauenstimmrecht waren für sie von zweitrangiger Bedeutung. Doch sie betonten immer
wieder: „Die Agitation unter den Frauen muß bedeutend mehr gefördert werden“ –, so
zum Beispiel der Delegierte Erhard Auer, Leiter des bayerischen Landessekretariats der
SPD, auf dem Parteitag im September 1913.78 Sie wollten Frauen fördern, denn weibliche
Mitglieder waren durchaus willkommen. Auch Frauenversammlungen hielten sie für wirkungsvolle Propagandaaktionen. Solche Frauenarbeit konnten sie kontrollieren, sie war
von ihrer Zustimmung abhängig. Doch sobald die Frauen selbstständig für ihre politische
Gleichberechtigung in Erscheinung traten, versuchten sie, die eigenständigen Initiativen
zu unterbinden. Sie spürten, dass der Internationale Frauentag zum Symbol einer unabhängigen Frauenarbeit der SPD-Frauen zu werden drohte und hätten deshalb das Projekt
am liebsten verschwinden lassen. Zunächst jedenfalls durfte zumindest der Begriff für die
Frauenwahlrechtsveranstaltungen 1913 nicht benutzt werden.
„Große Frauen-Demonstrationsversammlung“ –
Frauentag 1913
Da die endgültige Entscheidung über den Termin zu den Frauentagsveranstaltungen erst
Ende Januar fiel, blieben auch den BremerInnen nur vier Wochen Zeit zur Vorbereitung.
Die Bremer Bürger-Zeitung begann ihre Kampagne am Samstag, dem 22. Februar 1913, in
62
Der Internationale Frauentag
ihrer Rubrik „Frauenbewegung“. Unter dem Titel „Proletarierinnen, rüstet zu neuer Heerschau“ wurden die Frauen zusammengerufen, um „die Wälle der Ungerechtigkeit zu sprengen“ und die Macht des gemeinsamen Handelns zu demonstrieren.79
Auf der Titelseite der BBZ vom 28. Februar erschien ein Leitartikel zum Frauenwahlrecht. Dabei hielt sich die BBZ an den Beschluss der Parteiführung. In keiner ihrer Veröffentlichungen kam der Begriff „Internationaler Frauentag“ vor, stattdessen hieß es
„Frauenwahlrechtstag“.80
In diesem Jahr konzentrierten sich die Sozialdemokratinnen in Bremen auf eine „Große
Frauen-Demonstrationsversammlung“ am 4. März 1913. Sie hatten aus den schlecht besuchten Veranstaltungen des Vorjahres gelernt.
BBZ vom 4. März 1913.
Das war eine richtige Entscheidung gewesen. Die BBZ berichtete am 5. März über eine
„imposante Frauenversammlung“. Die Genossin Grete Simon, die bereits 1911 auf dem
Frauentag gesprochen hatte, war für die erkrankte Referentin aus Berlin eingesprungen.
In ihrer Rede forderte sie für die Frauen „in den Parlamenten Sitz und Stimme“. Ob es sich
um die Lohnabschläge bei den Frauenlöhnen handele oder die Krankenversicherung und
mangelnden Schutz der Wöchnerinnen, nie könnten die Frauen die politischen Entscheidungsprozesse beeinflussen. Erst mit dem Stimmrecht könnten sie selbst im Parlament für
ihre Interessen eintreten.
Die Versammlungsleitung hatte die neu gewählte Frauenvertreterin Helene Schweida.81
In ihrem Redebeitrag wies sie darauf hin, dass nirgendwo „die Frauentugenden so besungen werden wie in Deutschland, aber nirgends scheint man auch mehr von der geistigen
Unfähigkeit der Frau überzeugt zu sein. Etwas weniger Lob und etwas mehr Berücksichtigung unserer Forderungen wäre uns entschieden lieber.“82
Wie in den Jahren zuvor wurde am Ende der Versammlung eine Resolution verabschiedet, in der sich die Teilnehmerinnen verpflichteten, „dass sie sich in die Reihen der Sozialdemokratie stellen und mit Leidenschaft und Ausdauer für die Erringung des allgemeinen
gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts [...] kämpfen wollten. Die Versammelten geloben, mit Eifer sich nach wie vor am Kampfe gegen das reaktionäre Achtklassenwahlrecht
in Bremen [zu] beteiligen.“83
Sowohl die Rede Grete Simons wie auch die Resolution wiederholten das Argumentationsmuster, mit dem die Sozialdemokratinnen den Rechtsanspruch auf das Frauenstimmrecht begründeten. Immer waren solche Erklärungen verbunden mit der Aufforderung zum Eintritt in die SPD. Mit dieser Methode der regelmäßigen Wiederholung wurden
1910 bis 1914
63
die Grundideen im Bewusstsein der Teilnehmerinnen verfestigt. Die Frauen versammelten
sich nun schon zum dritten Mal als eine Gruppe Gleichgesinnter: Die inhaltliche Übereinstimmung der Resolution von 1913 mit den Resolutionen aus den vorangegangenen Jahren
verband die Frauentage untereinander zu einem Gesamtprojekt.
In der Ausgabe vom 5. März 1912 druckte die Bremer Bürger-Zeitung einen weiteren
Bericht über eine Frauenversammlung. Er kam aus der ländlichen Region des Bremer
Umlands, aus Arsten. Dort hatte zum ersten Mal eine Veranstaltung stattgefunden. Die
Veranstalterin berichtete mit einigem Stolz von „unserem Frauentag“ und zitierte die Rednerin: „Wie viele Früchte der Gedanke eines einheitlichen Frauentages seitdem getragen
hat, das zeigt die Tatsache, daß in diesem Jahre sich selbst die russischen Frauen anschicken mitzumachen.“84 Für die Frauen war die Idee des länderübergreifenden Aktionsund Protesttages eine wichtige Triebfeder für die eigene Frauenversammlung gewesen.85
Der Wunsch der Parteiführung, den Frauentag wieder verschwinden zu lassen, ging also
nicht in Erfüllung. Der Bericht aus Arsten offenbarte vielmehr, dass über Reden, politische Erklärungen und Wahlrechtsforderungen hinaus die Zusammenkünfte den Frauen
ein Gefühl eigener Stärke vermittelten. Am Internationalen Frauentag demonstrierten die
Sozialdemokratinnen selbst in kleinen Gemeinden, dass sie ihre politischen Interessen
eigenständig in der Öffentlichkeit vortragen konnten. Es ist ersichtlich, dass die Frauen an
„ihrem Tag“ festhalten wollten.
Nach dem Gesetz der Serie – Frauentag 1914
„Wir ersuchen Sie, uns für das kommende Jahr den
Frauentag zu gewähren“ – SPD-Parteitag September 1913
Es war dieser Siegeszug des Frauentages, der den Widerstand im Parteiausschuss und
im Vorstand gegen das Projekt „Internationaler Frauentag“ verstärkte. Die Partei musste
sich nach den Veranstaltungen 1913 „mit der Wucht des Gesetzes der Serie auseinandersetzen“.86 Denn dem Parteitag 1913 lag der Antrag vor, im Jahr 1914 wieder einen Internationalen Frauentag abzuhalten. Mit der Zustimmung zu dem Antrag würde der Frauentag
das vierte Mal in Folge stattfinden und die Parteiführung befürchtete, dass die Frauen daraus den Anspruch ableiten könnten, den Frauentag regelmäßig jedes Jahr durchzuführen.
Um Diskussionen auf dem Parteitag gar nicht erst aufkommen zu lassen, hatte der Parteiausschuss bereits vor dem Parteitag festgelegt, dass der Frauentag nicht mehr jährlich
stattfinden sollte. Sich darauf berufend wies der Vorstand den Antrag an den Parteitag,
1914 einen Frauentag zu veranstalten, zurück.87 Gegen dieses Vorgehen, dem Parteitag die
Entscheidung über den Frauentag zu entziehen, gab es Protest und so entschloss sich die
Konferenzleitung, den Antrag auf dem Parteitag doch noch zuzulassen.88
Die Antragstellerinnen signalisierten von Beginn an Kompromissbereitschaft. Sie verfolgten ihre bisherige Strategie, eine Grundsatzdebatte zu vermeiden und nur darauf zu
drängen, dass der Parteitag ein weiteres Jahr die Durchführung des Frauentages genehmigte. Entsprechend fasste die Delegierte Helene Brandenburg aus Hamburg das Anliegen
der Frauen mit den Worten zusammen: „Wir ersuchen sie, uns für das kommende Jahr den
Frauentag zu gewähren […]. Nehmen sie unseren Antrag an, kommen Sie uns so, wie wir
es von Ihnen gewohnt sind, entgegen.“89
64
Der Internationale Frauentag
Die Frauen wussten, dass die Männer vor allem gegen eine Institutionalisierung des
Frauentages waren, deshalb betonte Johanna Reitze, eine der Führerinnen der Hamburger
Frauenbewegung, in ihrem Diskussionsbeitrag: „Auch die Genossinnen in Deutschland
halten an der alljährlichen Wiederholung des Frauentages nicht unbedingt fest, aber die
27 weiblichen Delegierten sind der Überzeugung, dass wir 1914 den Frauentag abhalten
müssen, damit wir unseren Genossinnen im Lande die Überzeugung beibringen können,
daß auf der internationalen Frauenkonferenz in Wien auch eine internationale Verständigung des Frauentages stattfinden muß. Wir halten nicht unbedingt daran fest, daß er an
ein und demselben Tage abgehalten wird, wir sind vielmehr der Meinung, dass eine ganze
Woche dazu zur Verfügung stehen muß, denn wir wissen, welche Schwierigkeiten die Referentenfrage, die Lokalfrage und sonstige örtliche Verhältnisse bereiten.“90
Johanna Reitze verwies auf ein politisches Ereignis, das auch für die Partei einige Bedeutung hatte: Für den Herbst 1914 war die dritte sozialistische Frauenkonferenz in Wien
geplant und es war im Interesse der gesamten Partei, dass die deutsche Delegation dort
auf erfolgreiche Frauentagaktionen verweisen konnte. Besonders positiv wurde der Vorschlag von Johanna Reitze aufgenommen, den Frauentag nicht an einem bestimmten Tag
abzuhalten, sondern ihn in eine Propagandawoche einzubinden. Es gelang, eine Mehrheit der Parteitagsdelegierten zu überzeugen, und es wurde beschlossen, auch 1914 einen
Frauentag auszurichten. Die praktische Umsetzung wurde dem Parteivorstand und dem
Parteiausschuss übertragen. Diese griffen den Vorschlag von Johanna Reitze auf: 1914 sollte
der Frauentag im Rahmen einer „Roten Woche“ im März stattfinden. Die Werbung neuer
Mitglieder und weiterer Abonnenten für die Parteizeitung wurde mit den Demonstrationen
und Versammlungen zum Frauenwahlrecht verbunden.
Rote Woche mit Internationalem Frauentag – 1914
Schriftzug auf dem Aktendeckel der Polizeiwache zur „Roten Woche“ 91 in Bremen 1914.
Wieder war es den Frauen gelungen, den Widerstand in der Partei zu überwinden und für
1914 einen Frauentag durchzusetzen. Die Vorbereitungen liefen nun schon mit einiger Routine ab. Die Gleichheit fasste die Vorarbeiten in ihrer Ausgabe vom 21. Januar 1914 zusammen: „Ein einfach geschriebenes, anfeuerndes Flugblatt. [...] Ferner werden wir an die politische Presse anspornende Artikel und Notizen senden. [...] Das Arbeiterinnensekretariat
wird in gleicher Weise durch die gewerkschaftliche Presse wirken. Zusammen mit dem Flugblatt wird eine Resolution zur Versendung gelangen. Den Rednern und Rednerinnen diene
zur Nachricht, dass schon Mitte Februar eine besondere Nummer der Parteikorrespondenz
das wichtigste Material und Literaturangaben veröffentlicht. [...] Redaktion und Verlag der
Gleichheit werden wiederum eine illustrierte Wahlrechtszeitung herausbringen.“92 Diese
Materialzusammenstellung war bereits zu einem Standardprogramm geworden.
1910 bis 1914
65
Doch es kam wesentlich darauf an, dass die politischen Vorbereitungen an der Basis aufgenommen und in praktische Politik umgesetzt wurden. Deshalb wandte sich die
Gleichheit an die Frauen in den Ortsgruppen: „Genossinnen, mit dem Vorstehenden ist
erschöpft, was wir vom Vorstand der Sozialdemokratie für das Gelingen unseres Frauentages tun können. Das übrige ist eure Sache!“93
Entsprechend packten die SPD-Frauen und die Parteiorganisation in Bremen 1914 ihr
Vorhaben an. Dabei wurde die Parteizeitung zur Schaltstelle: Sie bereitete ihre LeserInnen
mit Artikeln auf den Frauentag vor. Am 6. März wurde ein Bericht über den Lebens- und
Arbeitsalltag der Proletarierin zur Titelgeschichte.94 Eine Reihe von Texten informierte
über die Situation der Arbeiterfrauen in Bremen. Hanna Harder verfasste u.a. einen lebendigen Beitrag über den Kampf der Dienstmädchen, außerhalb des Hauses nicht die
diskriminierende Dienstbotenuniform, Häubchen, schwarzes Kleid mit weißer Schürze,
tragen zu müssen, sondern sich mit Hut und Mantel als freie Bürgerinnen auf der Straße
bewegen zu dürfen.95
Gleichzeitig half die Zeitung bei der Organisierung des Frauentages, indem sie Termine
und Orte für Flugblattaktionen und zusätzliche Proben des Frauenchores veröffentlichte.
„Achtung Frauentag“ – Aufruf vom 7. März 1914 in der Bremer Bürger-Zeitung.
Zur Kundgebung am 10. März 1914 trafen sich die Frauen an ihren Parteilokalen im Stadtteil, um dann gemeinsam aus den Arbeitervororten in die Innenstadt zum Versammlungslokal zu ziehen.
Die Frauen traten selbstbewusster in der Öffentlichkeit auf als in den Jahren zuvor. Waren die Ehemänner 1911 noch „freundlich ersucht“ worden, um einer „guten Sache“ willen
den Frauen die Teilnahme an der Versammlung „zu ermöglichen“96, hieß es am 9. März
66
Der Internationale Frauentag
1914 im Aufruf zur Frauenversammlung kurz und bündig: „Wo die häuslichen Verhältnisse
es nicht gestatten, daß Mann und Frau in diese Versammlung gehen, sollte jedenfalls die
Frau die Versammlung besuchen und der Mann zurückstehen.“97
Das große Engagement – vor allem der Frauen – trug Früchte. Die beharrliche und
kontinuierliche Arbeit der Jahre zuvor und die Kraftanstrengung in den letzten Wochen
„ist durch den außerordentlich starken Besuch der gestrigen Frauenversammlung gut belohnt worden. Der Riesensaal des ‚Casino’ war dicht besetzt. Ein großer Teil der Besucher
musste auf der Galerie Platz nehmen.“ Der Berichterstatter der BBZ schrieb am 11. März
1914, dass 3.000 BesucherInnen gekommen waren, „die Mehrheit davon Frauen“.
Zum ersten Mal berichtete die Presse über Kulturbeiträge bei einer Versammlung zum
Frauentag. Der Frauenchor umrahmte die Rede von Johanna Reitze. Diese setzte sich mit
den prekären Lebensumständen der Arbeiterfrauen und der Arbeiterinnen auseinander
und erklärte: „Die Philister sagen, die Frau ist dazu berufen, ihren natürlichen Beruf auszufüllen, ganz Mutter, ganz Hausfrau zu sein. Gerade das ist es, was die Sozialdemokratie
erstrebt. Aber einen solchen Zustand müssen sich die Frauen erst erkämpfen. Heute muß
sich die proletarische Frau erst die Frage vorlegen: Wie schaffe ich für mich, wie schaffe
ich für meine Kinder ein Stückchen Brot? Der Kapitalismus entlohnt den Mann nicht so,
daß er in der Lage wäre, allein für die Familie aufzukommen.“98 Johanna Reitze drückte
damit den Wunsch vieler Arbeiterfrauen aus, sich endlich aus der schlecht bezahlten mühevollen Lohnarbeit zurückzuziehen, um sich wirklich um Haushalt und Kinder kümmern
zu können. Doch sie formulierte das nicht als Problem der Proletarierfrauen, sondern als
Programmpunkt sozialdemokratischer Politik. Diese Vorstellung vom Naturberuf der Frau
als Mutter und Hausfrau war als bürgerliche Ideologie von den Sozialistinnen und vor allem in der Gleichheit immer entschieden zurückgewiesen worden. Dass Johanna Reitze in
ihrer Rede dieses Frauenbild übernahm, zeigte, dass innerhalb der sozialdemokratischen
Frauenbewegung durchaus unterschiedliche Ideen über die anzustrebende Frauenemanzipation existierten. Johanna Reitze verfolgte das Thema in ihrer Rede nicht weiter. Sie
wies vielmehr auf die SPD-Forderungen hin, die darauf abzielten, die gesellschaftlichen
Rahmenbedingungen zu verbessern, um für die Arbeiterinnen Lohnarbeit und Familienpflichten besser zu vereinbaren.
Nach der Rede gab es keinen weiteren Diskussionsbedarf. So schloss die Versammlung
mit der Verabschiedung der Resolution und „mit einem dreifachen Hoch auf das Frauenwahlrecht und die Sozialdemokratie. Im Laufe der Versammlung wurden achtzig neue
Parteimitglieder und mehrere Abonnenten der ‚Bremer Bürger-Zeitung‘ gewonnen.“99
Anschließend zogen die KundgebungsteilnehmerInnen in die Innenstadt. Von der Polizei, die die Versammlung die ganze Zeit überwachte, wurde um 10.55 Uhr nachts „mittels
Reichstelephons nach Wache VI gegeben, dass ca. 5.000 Personen singend in geschlossenem Zuge, durch die Strasse A. d. Häfen vom Casino aus nach der Stadt marschierten.“100
Die Polizei trat umgehend in Aktion. Sie nutzte dabei die Gelegenheit, das neu erworbene
Polizeiautomobil zu erproben. Die BBZ berichtete am 12. März 1914 darüber.
1910 bis 1914
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Eine Demonstration für das Frauenwahlrecht.101
Im Polizeibericht „über den Internationalen Frauentag zum Frauenwahlrecht am 19. 3.
1914“ wurde protokolliert, dass die Polizei bis gegen 12 Uhr nachts damit beschäftigt war,
„Ansammlungen von Frauen zu zerstreuen“. „Um 12 Uhr, 50 Min. konnte auf Anordnung
des Unterzeichneten in den Distrikten des I Verbandes der planmäßige Nachtdienst wieder
aufgenommen werden.“102 Mit dieser Maßnahme bewies die Polizei, dass sie nicht nur in
ihrer Ausrüstung auf dem neuesten Stand der Technik war, sondern dass sie sich auch auf
die neuen weiblichen Massendemonstrationen der SPD-Frauen eingestellt hatte und entsprechend gegen die Demonstrantinnen vorgehen konnte.
Die SPD in Bremen feierte nach der Roten Woche ihre Erfolge: 2.588 neue Parteimitglieder – darunter 578 Frauen für Bremen Stadt und Land – sowie 1.132 neue Abonnenten
der Bremer Bürger-Zeitung war die Bilanz.103 Der Frauenanteil in der Bremer Partei war
damit auf 21,2 Prozent angestiegen. Die sozialistische Frauenbewegung in Deutschland
war mit ihren 174.754 Mitgliedern104 zu einer Massenbewegung geworden. Die Frauen stell-
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Der Internationale Frauentag
ten eine politische Kraft dar, die in der Partei nicht mehr übersehen werden konnte. Mit
diesem Ergebnis hätten die deutschen Sozialdemokratinnen vor der dritten internationalen Frauenkonferenz in Wien einen glänzenden Auftritt gehabt. Doch auch das internationale Treffen der Sozialistinnen ging im Kriegsgeschrei des Ersten Weltkrieges unter. Es
sollte keine dritte Frauenkonferenz mehr geben.
Zwischenbilanz
Die Internationale sozialistischer Frauen hatte innerhalb der Arbeiterbewegung einen Agitationstag für das Frauenwahlrecht durchgesetzt. Der nationale Frauentag der Amerikanerinnen hatte sich vom Jahr 1911 ausgehend zu einem internationalen Tag entwickelt.
Die deutschen Genossinnen waren dabei die treibende Kraft, die für die internationale
Entwicklung Maßstäbe setzte.
Innerhalb der SPD blieb das Projekt jedoch umstritten. Jedes Jahr aufs Neue musste der
Frauentag von der politischen Führung, die sich durch die Genehmigungsverfahren die
Kontrolle über das Vorhaben sicherte, gewährt werden. Doch die politischen Auseinandersetzungen blieben eine Angelegenheit der Führungsebene. An der Basis, auf der Ebene
der Ortsvereine und Frauengruppen, war der Internationale Frauentag ein jährlich wiederkehrendes Ereignis, das in den Aktionsrhythmus der Parteiarbeit als fester Bestandteil
eingeplant war.
Mit dem Tag verband sich eine doppelte Zielsetzung: Einerseits die Propagierung der
Forderung nach dem Frauenstimmrecht unter den Arbeiterfrauen und andererseits die
Rekrutierung neuer Mitglieder für die Partei.
Auf lokaler Ebene in Bremen zeigte sich, dass die Einführung des neuen politischen
Projektes ein schwieriger und langwieriger Prozess war, der vor allen Dingen den persönlichen Einsatz der SPD-Frauen erforderte. Dabei hatten die Frauen Rückhalt durch
die linke Parteimehrheit. Die Bremer Bürger-Zeitung, das Parteiorgan, war aktive Propagandistin für das Frauenwahlrecht. Sie hatte an der Organisierung des Frauentages
einen wesentlichen Anteil. Trotzdem waren es die Frauen, die in ihren Wohnquartieren mit
persönlicher Ansprache den größten Teil der Mobilisierung und Agitation übernahmen.
Indes dauerte es einige Jahre bis der Tag als zentrales Ereignis von den Arbeiterfrauen
wahrgenommen und angenommen wurde. Erst 1914 waren die Kundgebung und die anschließende Demonstration in Bremen wirklich erfolgreich.
Die kontinuierliche Arbeit an diesem Projekt hatte die gesamte Frauenarbeit innerhalb
der Bremer Partei vorangebracht. Denn die neuen weiblichen Parteimitglieder verstärkten
die Frauenbewegung in Bremen. Die Zahl der aktiven Mitarbeiterinnen stieg und in der
Organisierung der politischen Aktionen gewannen die Frauen an Selbstbewusstsein. Für
viele Frauen bot der Frauentag die Gelegenheit, ihr Recht auf Gleichberechtigung und Teilnahme an politischen Veranstaltungen auch gegenüber ihren Ehemännern zu behaupten.
Dieses neue Selbstbewusstsein fand seinen überzeugendsten Ausdruck in den Straßendemonstrationen für das Frauenwahlrecht. 1914 demonstrierten nach Polizeiangaben
5.000 Frauen durch die Innenstadt Bremens. Den Mut zu solchen militanten Protestformen hatten nur die Sozialdemokratinnen. Diese Demonstrationszüge waren mehr als alles
andere signifikantes Zeichen des proletarischen Frauentages.
Mit der jährlichen Wiederholung war der Internationale Frauentag zu einem Jahrestag
geworden, der die Beteiligten regelmäßig zusammenführte. Die Kundgebungen wurden zu
1910 bis 1914
69
einem Gemeinschaftserlebnis. Die in den Reden wiederholten Kernaussagen zum Frauenstimmrecht verfestigten die von allen geteilten politischen Überzeugungen. Die gemeinsam verabschiedeten Resolutionen waren ein Bekenntnis zur Sozialdemokratie und zum
Kampf für die volle Gleichberechtigung der Frau, und zugleich eine kollektive Verpflichtung zur Weiterarbeit am gemeinsamen Projekt.105
Anmerkungen
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Zitiert aus der Resolution zum Frauenwahlrecht, die auf der Konferenz verabschiedet wurde.
Vgl. Vorwärts vom 30. August 1910, 3. Beilage.
Dornemann, 1989, 233.
Clara Zetkin hatte ausdrücklich in ihrem Einladungstext die Organisationen aufgerufen, „Vertreterinnen oder Vertreter“ zur Konferenz zu entsenden. Vgl. Die Gleichheit vom 6. Juni 1910,
Nr. 18/ 20. Jg. Es war durchaus üblich, dass Männer als Delegierte an Frauenkongressen teilnahmen. Im Rahmen des Gleichheitspostulats vertraten die SozialistInnen die Auffassung,
dass auch Männer Fraueninteressen vertreten konnten. Erst wenn der Männeranteil den der
Frauen überstieg, gab es kritische Bemerkungen.
Vgl. Scholze 2001, 11.
Vgl. Die Gleichheit vom 6. Juni 1910.
Die Gleichheit vom 29. August 1910, Nr. 24/20. Jg., 370–371.
Vgl. in diesem Buch Kapitel 1, Abschnitt „Ein nationaler Tag erlangt internationale Bedeutung“.
Vgl. in diesem Buch Kapitel 1, Abschnitt „Frauen organisieren sich in der Arbeiterbewegung“.
Die Gleichheit vom 12. September 1910, Nr. 25/20. Jg., 387.
Vorwärts vom 28. August 1910, 3. Beilage, 13.
Vorwärts vom 28. August 1910, 3. Beilage, 13.
Vorwärts vom 30. August 1910, 3. Beilage, 2/3.
BBZ vom 29. August 1910.
Käte Duncker (1871–1953) arbeitete zunächst als Lehrerin. Ab 1894 übernahm sie Vortragstätigkeiten beim Arbeiterbildungsverein Leipzig und veröffentlichte Schriften gegen die
Kinderarbeit und zur Fürsorge für Schwangere und Wöchnerinnen. Sie verlor ihre Arbeitsstelle wegen ihrer politischen Tätigkeiten. 1907 wurde sie zweite Redakteurin der Gleichheit
und arbeitet eng mit Clara Zetkin zusammen. Während des ersten Weltkrieges engagierte sie
sich in der Spartakusgruppe. Auf dem Gründungsparteitag der KPD vertrat sie die Interessen
der Frauen und forderte die Beteiligung der Partei an den Wahlen zur Nationalversammlung
1919. In der Weimarer Republik war sie weiterhin publizistisch tätig, außerdem Abgeordnete
im Thüringer Landtag und Referentin an der Arbeiterbildungsschule in Berlin. Nach der Emigrationszeit in den USA kehrte sie 1947 nach Deutschland zurück, lebte in der DDR und starb
1953 in Bernau bei Berlin. Vgl. Weber, Herbst, 2004, 166–167.
Zetkin, 1957, 480.
Vgl. BBZ vom 29. August 1910.
Vorwärts vom 30. August 1910, 3. Beilage, 6/7.
Vgl. Kuhnhenne, 2005, 280.
BBZ vom 29. August 1910.
Losseff-Tillmanns, 1985, 32.
Adelheid Popp (1869–1939), Führerin der proletarischen Frauenbewegung in Österreich.
Als Arbeiterkind musste sie bereits nach drei Schuljahren die Schule verlassen und wurde Fabrikarbeiterin. Mit 17 Jahren kam sie mit der Sozialdemokratie in Kontakt. Ab 1892 leitete sie
die „Arbeiterinnenzeitung“. Sie unterhielt enge Beziehungen zu Friedrich Engels und August
Bebel. 1902 gründete sie gemeinsam mit anderen den Verein sozialdemokratischer Frauen und
Mädchen. 1918 wurde sie in den Parteivorstand gewählt und im selben Jahr auch in den Wiener Gemeinderat. Ab 1920 war sie SPD-Abgeordnete im österreichischen Parlament bis 1934.
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Der Internationale Frauentag
Nachdem Clara Zetkin zur KPD übergewechselt war, wurde sie Vorsitzende des Internationalen
Frauenkomitees. Vgl. Weiland, 1983, 209–211.
Kongressprotokolle der Zweiten Internationale, Bd. 2, Kommissionen, 122; unv. Nachdruck
1976.
Protokoll SPD-Parteitag 1911, 421.
Vgl. Kongressprotokolle der Zweiten Internationale, Bd. 3, „Internationaler Sozialisten-Kongreß
zu Kopenhagen“.
Losseff-Tillmanns, 1985, 32.
Vgl. Berichte, 1910, 13–16.
Gertrud Hanna (1876–1944) gehörte seit ihrem 21. Lebensjahr dem Vorstand des Buchdruckereihilfsarbeiterverbandes an. Später arbeitete sie als Hilfskraft bei der Generalkommission des ADGB. 1908 wurde sie zur Leiterin des Arbeiterinnensekretariats der Generalkommission ernannt. Sie gab seit 1916 die Gewerkschaftliche Frauenzeitung heraus, die bewusst
als Konkurrenzblatt zur Gleichheit und deren Antikriegskurs konzipiert war. Während der
NS-Zeit musste sie ihren Lebensunterhalt durch Flickarbeiten verdienen und wurde zeitweise
gezwungen, bei der NS-Volkswohlfahrt mitzuarbeiten. 1944 nahm sie sich das Leben. Vgl. Weiland, 1983, 126, 127.
Losseff-Tillmanns, 1985, 33.
Kurt Thomas Schmitz, IG-Metall-Vorstandsverwaltung, Grundsatzabteilung, in: IG-Metall,
Internationaler Frauentag, Tag der Frauen seit 75 Jahren, 15.
Vgl. Forschungsgemeinschaft, 1983, 15.
Mehring, 1923, 155. Franz Mehring (1846–1919) verfasste als Lehrer an der Parteischule der
SPD im Jahr 1910 eine „Deutsche Geschichte“ für die Schüler und Lehrer der Parteischule.
BBZ vom 18. März 1911.
Protokoll SPD-Parteitag 1913, 14.
Zietz, in: Die Gleichheit vom 13. Februar 1911, Nr. 10/21. Jg., 149.
Adler und Bebel, zit. in: Scholze, 2001, 19.
Zietz, in: Die Gleichheit vom 13. Februar 1911, Nr. 10/21. Jg., 149.
Zusammenfassung des Flugblattes von März 1911, abgedruckt in: Forschungsgemeinschaft,
1975, 61–66.
Vgl. Moring, 1968, 132–133.
Vgl. BBZ vom 17. März 1911.
Auguste Bosse (1862?–1933) zog 1884 nach Bremen. Sie war wahrscheinlich schon zu
diesem Zeitpunkt SPD-Mitglied. 1891 war sie eine der sechs weiblichen Delegierten auf dem
Erfurter SPD-Parteitag. Als 1904 der Parteitag in Bremen stattfand, nahm sie zur Entwicklung der Frauenarbeit der Partei kritisch Stellung. Immer wieder trat sie als Rednerin in Versammlungen auf. Ihr wichtiges Thema war die Organisierung der Arbeiterfrauen in der SPD
und den Gewerkschaften. Zum ersten Internationalen Frauentag 1911 war sie eine der beiden Rednerinnen. Sie sprach vor ca. 2000 Zuhörerinnen. Über ihren weiteren Lebensweg ist
nichts bekannt, auch ihr genaues Todesdatum konnte nicht ermittelt werden. Vgl. Schmitter,
1991b, 288–289.
Die Informationen über den Ablauf der Kundgebungen am 19. März 1911 und die Zitate stammen aus dem umfangreichen Bericht der BBZ vom 20. März 1911.
BBZ vom 20. März 1911.
BBZ vom 20. März 1911.
BBZ vom 20. März 1911.
Vgl. Moring, 1968, 221.
Vgl. Scharinger, 2009, 369.
Vgl. „Die Frauenbewegung“ vom 1. April 1911.
Im Bericht über die Frauenkonferenz wurde „als Gast die bürgerliche Frauenrechtlerin M.
[inna] Cauer“ begrüßt. Vgl. Protokoll des SPD-Parteitages 1911, Frauenkonferenz, 414. Minna
Cauer erwähnte ihre Teilnahme am Parteitag in ihrer Rede, die sie am 6. Dezember in Bremen
hielt. Vgl. BBZ vom 7. Dezember 1911.
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Die Zitate sind dem „Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der SPD und der Frauenkonferenz in Jena 1911“ entnommen.
Protokoll Parteitag in Jena 1911, Frauenkonferenz, 418.
Protokoll Parteitag in Jena 1911, Frauenkonferenz, 20.
Protokoll Parteitag in Jena 1911, Frauenkonferenz, 463.
Protokoll Parteitag in Jena 1911, Frauenkonferenz, 422.
Protokoll Parteitag in Jena 1911, Frauenkonferenz, 423.
Vgl. Protokoll Parteitag in Jena 1911, Frauenkonferenz, 453.
Protokoll Parteitag in Jena 1911, Frauenkonferenz, 439.
BBZ vom 8. Dezember 1911.
BBZ vom 8. Dezember 1911.
BBZ vom 7. Dezember 1911.
BBZ vom 7. Dezember 1911.
Über Hanna Harders, geb. Kleemann (1868-1936) frühe politische Entwicklung ist kaum
etwas bekannt. Sie war vermutlich Gewerbelehrerin. Sie heiratete und 1891 wurde ihr Sohn
Paul geboren. 1909 hatte sie den Vorsitz der Gewerkschaft der Hausangestellten inne. Außerdem leitete sie eine Arbeitsvermittlungs- und Beratungsstelle für Hausangestellte. Im ersten
Weltkrieg engagierte sie sich im Nationalen Frauendienst. Sie blieb nach der Parteispaltung
bei den Mehrheitssozialdemokraten. Als SPD-Abgeordnete war sie bis 1930 Mitglied in der Bremischen Bürgerschaft. Sie war Leiterin der Frauengruppe der MSPD bis sie von Anna Stiegler
vermutlich 1923/1924 abgelöst wurde. Sie war Gründerin der AWO in Bremen und ihre erste
Vorsitzende. Ab 1930 trat sie politisch nicht mehr in Erscheinung. Sie starb 1936. Vgl. Blandow,
1995, 29.
BBZ vom 7. Dezember 1911.
Vgl. BBZ vom 7. Dezember 1911.
Vgl. BBZ vom 18. Dezember 1911.
Moring, 1968, 153.
Luise Zietz schilderte diese Vorbereitungsarbeiten ausführlich in ihrem Bericht zur „Frauenbewegung“ an den Parteitag im September 1912 in Chemnitz. Vgl. Protokoll 1912, 15.
Von dieser Überschrift leitet sich der Titel für das vorliegende Buch ab.
BBZ vom 11. Mai 1912.
BBZ vom 8. Mai 1912.
BBZ vom 13. Mai 1912, 1 Beilage.
Polizeidirektion, Allgemeine Umzüge und Versammlungen, Bd. 3/1912, STAB 4,14/1 XII.A.3.a.4.
Polizeidirektion, Allgemeine Umzüge und Versammlungen, Bd. 3/1912, STAB 4,14/1 XXI.A.3.a.4.
Protokoll Parteitag 1912, 15.
Protokoll des Parteitages 1912, 246.
Evans, 1979, 229.
Sitzungen der Kontrollkommission: Partei-Ausschuss, 7. November 1912, zit. in: Evans, 1979,
229/230.
Sitzungen der Kontrollkommission: Partei-Ausschuss, 31. Januar 1913, zit. in: Evans, 1979, 230.
Mit diesem Satz leitete Erhard Auer den Antrag ein, auf dem Parteitag keinen Beschluss über
die Durchführung des Frauentages 1914 zu fassen, sondern die Angelegenheit an den Parteiausschuss zu überweisen.
Vgl. BBZ vom 22. Februar 1913.
BBZ vom 24. Februar 1913.
Helene Franzisca Kaisen (1889–1973), geb Schweida, absolvierte die Volks- und Handelsschule und arbeitete bis 1912 als Buchhalterin. Sie war seit 1907 Mitglied der SPD. 1912 wurde
sie Beisitzerin im Vorstand der örtlichen SPD und übernahm im Anschluss daran diverse
Parteiämter. Auf der Parteischule begegnete sie dem Hamburger Wilhelm Kaisen, den sie am
1. Mai 1916 heiratete. Das Ehepaar Kaisen hatte zwei Töchter und zwei Söhne. Als Vorsitzende
der Jugendkommission des Sozialdemokratischen Vereins gehörte sie dem linken Parteiflügel
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Der Internationale Frauentag
an. Zu Beginn der 1920er Jahren war sie neben Anna Stiegler eines der führenden Mitglieder,
sie zog sich jedoch aus der aktiven Politik zurück, als ihr Mann Funktionen in der Partei und
als Senator ausübte. 1941 fiel ihr ältester Sohn im Krieg. Nach dem Krieg war sie ehrenamtlich
in der AWO tätig. Vgl. Blandow, 1995, 22.
BBZ vom 5. März 1913.
BBZ vom 5. März 1913.
BBZ vom 5. März 1913.
Vgl. BBZ vom 5. März 1913.
Wolff, 2006, 67.
Vgl. Protokoll SPD-Parteitag 1913, 9.
Vgl. Protokoll SPD-Parteitag 1913, 377.
Protokoll SPD-Parteitag 1913, 378.
Protokoll SPD-Parteitag 1913, 377.
Schriftzug auf dem Aktenordner, den die Polizei anlässlich des Frauentages und der Parteiwerbewoche 1914 anlegte. Polizeidirektion, Umzüge und Versammlungen, Bd. 5, 1914, STAB 4,
14/1-XII.A.3.a.4.
Die Gleichheit vom 21. Januar 1914, Nr. 9/24. Jg., 129–130.
Die Gleichheit vom 21. Januar 1914, Nr. 9/24. Jg.
Vgl. BBZ vom 6. März 1914.
Vgl. BBZ vom 6. März 1914.
Vgl. BBZ vom 17. März 1911.
BBZ vom 9. März 1914.
BBZ vom 11. März 1914.
BBZ vom 11. März 1914.
Bericht vom Nachtwachen-Kommissariat vom 10. März 1914. STAB 4,14/I-XII.A.3.a.4.
BBZ vom 12. März 1914.
„Betrifft: Ausschreitungen einer Volksmenge im Anschluss an die am 10.II.14 im Casino stattgefundene Versammlung der Sozial-Demokraten“, Umzüge und Versammlungen, Bd. 5, 1914,
STAB 4,14/1-XII.A.3.a.4.
Vgl. BBZ vom 18. März 1914.
Zu den Zahlen: Vgl. Evans, 1979, 188–209.
Diese Wahrnehmung und Interpretation des Frauentages als identitätsstiftendes Gemeinschaftserlebnis fußt auf dem Konzept von Aleida Assmann, das sie in dem Aufsatz „Jahrestage –
Denkmäler in der Zeit“ entwickelt hat. Vgl. Assmann, 2005, Jahrestage – Denkmäler in der Zeit.
3.
Unter
dem Regime
des Ersten
Weltkrieges
1914–1919
74
Unter dem Regime des Ersten Weltkrieges
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts führte die imperialistische Politik der europäischen
Großmächte, zu denen auch Deutschland gehörte, zu politischen Spannungen und regionalen kriegerischen Auseinandersetzungen, bei denen immer die Gefahr bestand,
dass sich die Konflikte ausweiteten. Die Frage „Militarismus und internationale Konflikte“ war das zentrale Thema auf den Kongressen der Sozialistischen Internationale.
In der auf dem Kongress in Stuttgart 1907 verabschiedeten Resolution hatten sich die
einzelnen Parteien verpflichtet, alles zu tun, um einen Kriegsausbruch zu verhindern,
und wenn das nicht gelingen sollte, für eine rasche Beendigung des Krieges zu sorgen.
Die Kongresse 1910 in Kopenhagen und 1912 in Basel befassten sich ebenfalls mit der
latenten Kriegsgefahr. Auch dort blieb es bei Verpflichtungserklärungen, ohne dass verbindliche Festlegungen von Kampfmitteln beschlossen worden wären. Das schien auch
nicht so dringlich zu sein, denn obwohl man sich in einer angespannten Situation befand, waren die bedrohlichen internationalen Krisen in den Jahren vor dem Sommer
1914 immer wieder beigelegt worden. Deshalb rechnete eigentlich niemand damit, dass
die Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajewo am 28. Juni 1914 einen
Weltbrand entfachen könnte.
Doch im Jahr 1914 reagierten die deutschen Sozialdemokraten auf die Spannungen und
riefen zu Friedenskundgebungen zwischen dem 26. und dem 30. Juli auf. In Bremen beispielsweise fanden am 28. Juli sieben Antikriegskundgebungen statt. Die Menschen strömten in Massen in die Versammlungssäle, alle Veranstaltungen waren überfüllt. Es waren
offensichtlich nicht nur Parteimitglieder und ihr Umfeld gekommen, auch viele Bürger –
besorgt, was die Zukunft ihnen bringen würde – beteiligten sich. In allen Versammlungen
wurden Maßnahmen gefordert, den Krieg zu vermeiden. Die Kundgebungen schlossen mit
einem „Hoch auf die internationale Völkerverbrüderung“.1 In ganz Deutschland waren dem
Aufruf der Sozialdemokratie etwa eine halbe Million Menschen gefolgt, überall wurden
weitere Maßnahmen zur Verhinderung des Krieges gefordert.2
Doch als einen Tag später die allgemeine Mobilmachung bekannt gegeben wurde,
zeigte sich, dass es in der deutschen Bevölkerung große Zustimmung für einen Kriegseintritt gab.
Die Kriegsgegner verloren in den folgenden Augustwochen immer mehr ihrer früheren Anhänger. Und auch Sozialdemokraten stimmten in den nationalistischen Chor der
Kriegsbefürworter ein.
Unmittelbar darauf fielen die Entscheidungen zum politischen Richtungswechsel durch
die Leitungsgremien von SPD und Gewerkschaften. Bereits am 2. August 1914 wurde auf
der Konferenz der Verbandsvorstände der Gewerkschaften beschlossen, alle schwebenden
Lohnkämpfe einzustellen und in Zukunft Streikbewegungen zurückzuhalten. „Die Instanzen der Gewerkschaftsbewegung proklamierten damit eine Politik des Burgfriedens“3, indem sie ihre politische Opposition und ihre wirtschaftlichen Kämpfe für die Dauer des
Krieges zurückstellten. Dieses Einschwenken der Gewerkschaften auf die Unterstützung
des Kriegskurses der Regierung hatte erheblichen Einfluss auf die Entscheidungsprozesse
innerhalb der SPD. Dort ging es darum, wie sich die SPD-Fraktion im Reichstag bei der für
den 4. August angesetzten Abstimmung über die Bewilligung der Kriegskredite verhalten
sollte.
Der Vorschlag des Fraktionsvorstandes, dem Regierungsantrag zuzustimmen, löste
auf der Fraktionssitzung am 3. August eine heftige Debatte aus. Vierzehn Abgeordnete
stimmten in der Fraktionsabstimmung gegen eine Kreditbewilligung durch die Sozialdemokratie, darunter war auch der Bremer Abgeordnete Alfred Henke. Doch am 4. August
im Plenum beugten sich alle der Parteidisziplin und die Fraktion stimmte geschlossen für
1914–1919
75
die Kriegskredite. Darüber hinaus verpflichtete sich der Parteivorstand zur Einhaltung
des „Burgfriedens“. Das bedeutete, dass auch die Sozialdemokratie die Regierung in ihrer
Kriegspolitik unterstütze und alle Konflikte mit der Regierung bis zum Ende des Krieges
zurückstellen würde. Damit hatte sich die SPD „in die nationale Front eingereiht“.4
Bereits am 31. Juli 1914 hatte die Regierung über ganz Deutschland den Belagerungszustand verhängt, der den Militärbehörden weitgehende Eingriffsrechte gegenüber den
BürgerInnen einräumte. Zusammen mit der Pressezensur verfügte sie damit über wirksame Instrumente, um jede oppositionelle Regung zu unterdrücken.
Das waren die politischen Verhältnisse, mit denen sich die sozialdemokratische Frauenbewegung auseinandersetzen musste, wie es im folgenden Kapitel beschrieben wird.
Im zweiten Abschnitt wird geschildert, wie die Haltung der Parteiführung, den Burgfrieden in den eigenen Reihen durchzusetzen, auf die sozialdemokratische Frauenbewegung
wirkte. Dabei zeigte sich bald, dass sich auch innerhalb der Frauenbewegung der Grundsatzstreit über die von der Parteiführung vertretene Einstellung zum Krieg entzündete. Es
war diese Frage, die letztlich während des Krieges auch zur Spaltung der Frauenbewegung
führte.
Zunächst manifestierten sich die unterschiedlichen Positionen innerhalb der Partei in
zwei unterschiedlichen Projekten. Einerseits entwickelte sich angeführt von Clara Zetkin
und der Gleichheit eine Oppositionsbewegung gegen die Burgfriedenspolitik, zu der sich
im Verlaufe des Krieges immer mehr sozialdemokratische Frauen bekannten. Andererseits
propagierte der Parteivorstand die Mitwirkung der SPD-Frauen in der nationalen Kriegsfürsorge, zusammen mit den bürgerlichen Frauenorganisationen. Der Entwicklungsprozess dieser Initiativen wird zu Beginn des Kapitels untersucht.
Daran schließt sich der Bericht über die konkrete politische Arbeit der SPD-Frauen in
Bremen an. Im Zentrum stehen die Aktionen der linken Sozialdemokratinnen, die den
Protest der Arbeiterfrauen gegen die elenden Lebensbedingungen und für die Beendigung
des Krieges organisierten und die dabei den Internationalen Frauentag als Agitationsinstrument nutzten.
Mit diesen Aktionen und ihrer Kritik am Engagement von Sozialdemokratinnen in
der Kriegsfürsorge stellten sich die führenden Vertreterinnen der Bremer SPD-Frauen
auf die Seite der Opposition und gegen die von der Parteiführung betriebene Burgfriedenspolitik. Innerhalb der Bremer Partei spitzten sich die Konflikte im Jahr 1916
immer weiter zu – sodass am Ende des Jahres die gesamte linke Parteigruppe aus der
Partei ausgeschlossen wurde. Diese Spaltung und der dann folgende Richtungsstreit
zwischen der Bremer Linken beendete die gemeinsame Arbeit der Bremer Sozialdemokratinnen.
Frauentage sollte es in den nächsten zwei Jahren in Bremen nicht mehr geben. Doch
die Kampagnen der proletarischen Frauentage und die Agitation der SPD für das Frauenstimmrecht zeigten ihre Wirkung. In der Revolution 1918 wurde das Frauenwahlrecht
durchgesetzt, um dann in Bremen unter der Herrschaft des Arbeiter- und Soldatenrates
und der Räterepublik erneut in Frage gestellt zu werden. Mit dem Bericht über die Durchsetzung der Kopenhagener Forderung wird das Kapitel abgeschlossen.
76
Unter dem Regime des Ersten Weltkrieges
Konfliktlinien in der
sozialdemokratischen Frauenbewegung
Die Antikriegsbewegung der Frauen
Für die Internationale sozialistischer Frauen gehörte die Stellungnahme gegen Krieg
und Militarismus zu den Grundprinzipien ihrer Politik. Auf der Konferenz in Kopenhagen war die Friedensresolution einstimmig verabschiedet worden. In Deutschland hatten
die Sozialdemokratinnen ihre Forderung nach dem Frauenwahlrecht damit begründet,
dass die Frauen durch ihre Stimmabgabe auf die Rüstungsausgaben, „auf das Heer und
seine Einrichtungen mit einwirken könnten“5. In Reden und Presseartikeln, vor allem
in der Gleichheit, wurde die besondere Verantwortung der Mütter im Kampf für den
Frieden betont. Zugleich wiesen die Sozialdemokratinnen darauf hin, dass in allen Ländern die Frauen einen bedeutenden Beitrag im Kampf gegen die drohende Kriegsgefahr
leisteten.
So war geplant, dass auf der dritten Internationalen Konferenz der sozialistischen
Frauen im August 1914 in Wien eine internationale Demonstrationsversammlung gegen
Militarismus und Krieg stattfinden sollte. Das hatte das Vorbereitungskomitee beschlossen, das am 20. April 1914 zur Planung der Frauen-Konferenz in Berlin zusammengekommen war. Bei der Beratung waren neben den Komiteemitgliedern Clara Zetkin und Luise
Zietz aus Deutschland sowie Adelheid Popp und Anna Boschek aus Österreich weitere
Genossinnen aus dem Ausland anwesend: Mary Longman aus England, Helen Ankersmit
aus den Niederlanden und eine Vertreterin aus Russland.6 Die Berliner SPD-Frauen nutzten die Anwesenheit der ausländischen Gäste und luden zu einer internationalen Kundgebung für den 21. April ein. Das Motto der Veranstaltung lautete: „Die Arbeiterfrauen und
der Weltfrieden“. Die Frauen aus England, den Niederlanden und Österreich sprachen vor
Tausenden von TeilnehmerInnen.7 Sie konnten nicht ahnen, dass das der letzte gemeinsame Auftritt sein würde, die letzte öffentliche Kundgebung der Fraueninternationale vor
Ausbruch des Ersten Weltkrieges.
Als die Gefahr eines Weltkrieges mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien am 28. Juli 1914 in bedrohliche Nähe rückte, appellierte Clara Zetkin an den Friedenswillen der Frauen:
1914–1919
77
„Krieg dem Kriege“ – unter dieses Motto stellte Clara Zetkin ihre Antikriegsarbeit.8
In ihrem Leitartikel in der Gleichheit vom 5. August 1914 rief Clara Zetkin die Proletarierinnen auf: „Verlieren wir keine Minute Zeit. Der Krieg steht vor dem Tor. [...] Das gewaltige
Friedensgebot der arbeitenden Massen muß in den Straßen das mordspatriotische Geschrei zum Schweigen bringen. Und wo zwei oder drei ausgebeutete Männer und Frauen
versammelt sind, da muß der Abscheu gegen den Krieg, der Wille zum Frieden unter ihnen
sein.“9 Zwar ging der Leitartikel bereits vom „Furchtbare[n], vor dem die Völker Europas
zittern“ aus, aber die Verfasserin hoffte noch auf Massenproteste und Widerstand der
Arbeiterbewegung. „Proletarische Frauen, seid bereit!“, lautete deshalb der Appell Clara
Zetkins an die Frauen.
Als Clara Zetkin den Artikel in Druck gab, rechnete sie nicht damit, dass SPD und
Gewerkschaften die über Jahre von der Arbeiterbewegung bekämpfte Regierung unterstützen und mit ihr einen Burgfrieden verabreden würden. Auf den Kriegsausbruch und
die Mitteilung, dass die sozialdemokratische Fraktion im Reichstag den von der Regierung geforderten Kriegskrediten zugestimmt hatte, reagierte Clara Zetkin mit Zorn und
Enttäuschung. Am 19. September notierte sie: „Ich habe bis heute noch nicht den politischen und moralischen Bankrott der Sozialdemokratie verwunden. Er steht beispiellos
da in der Geschichte.“10 Sie sah in der Haltung des Parteivorstandes einen Verrat an den
Prinzipien des Internationalismus und Klassenkampfes gegen jeden imperialistischen
Krieg. Sie zog daraus ihre Konsequenzen und schloss sich der radikalen linken Oppositionsgruppe an, die die Kriegsunterstützung der Mehrheitssozialdemokraten ablehnte.
Neben Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht hatte Clara Zetkin in der Gruppe besonderes Gewicht. Denn sie entwickelte ab Herbst 1914 die von ihr geleitete Frauenzeitung,
die Gleichheit, zu einem Sprachrohr der sozialistischen Kriegsopposition. Sie setzte alles
daran, die Frauen über die politischen Verhältnisse im Krieg zu informieren, soweit die
Pressezensur das zuließ. Sie verfolgte beharrlich ihr Ziel, die Sozialdemokratinnen zu
beeinflussen und gegen die Politik der Parteiführung zu mobilisieren.
78
Unter dem Regime des Ersten Weltkrieges
Gleichzeitig versuchte sie, die Internationale der Sozialistinnen gegen die allgemeine
Kriegshetze wieder zusammenzuführen. Sie wandte sich mit ihrer Idee, die Sozialistinnen
aus allen am Krieg beteiligten Ländern zu einem internationalen Treffen einzuladen, an
Luise Zietz. Da es keine Unterstützung durch den Parteivorstand gab11, berief Clara Zetkin
als Sekretärin der sozialistischen Fraueninternationale ohne die Billigung des Parteivorstandes für die Zeit vom 26. bis 28. März 1915 eine Internationale sozialistische Frauenkonferenz nach Bern ein. 25 Delegierte aus Deutschland, England, Frankreich, Russland,
Polen, Italien, Holland und der Schweiz nahmen teil. Hauptgegenstand der Konferenz
war „die Stellung der sozialistischen Frauen zum Frieden“. Als zweiter Punkt stand „die
Notwendigkeit, für den internationalen Sozialismus einzutreten“ auf der Tagesordnung.
Zum Abschluss sollte in einem Manifest „der Inhalt der Erörterung und die gemeinsame
Auffassung aller Teilnehmerinnen niedergelegt“ werden.12 Die Frauen, die in Bern zusammengekommen waren, wollten demonstrieren, dass sie gemeinsam an den einmal gefassten Zielen und internationalen Beschlüssen festhielten. Doch es bedurfte einer längeren
heftigen Debatte, um die politischen Differenzen, die auch unter den Kriegsgegnerinnen
existierten, auszuräumen. Die russischen Vertreterinnen legten eine von Lenin verfasste
Resolution vor, die dazu aufrief, „sich von den rechten Sozialdemokraten organisatorisch
zu trennen und den Krieg durch einen Massenkampf für den Sturz des Kapitalismus
zu beenden“.13 Dagegen vermied die von Clara Zetkin gemeinsam mit holländischen und
englischen Genossinnen ausgearbeitete Erklärung solche Verurteilungen der sozialdemokratischen Parteien und Festlegungen auf weitere Klassenkämpfe. Sie forderte „eine internationale Aktion der Frauen in allen Ländern, um den Krieg sofort zu beenden und einen
Frieden ohne Annexionen und Eroberungen zu erreichen“.14
Außerdem wurde deutlich gemacht, dass der Krieg nicht zur Verteidigung des Volkes,
sondern zur Bereicherung der Waffenfabrikanten und anderer Kapitalisten geführt werde.
Nicht das Wohl des Volkes, „[n]icht Verteidigung des Vaterlandes, seine Vergrößerung ist
der Zweck dieses Krieges“.15 Die „Frauen des Arbeitenden Volkes“ wurden aufgerufen, sich
protestierend gegen den Krieg zu erheben. „Arbeiterfrauen, Arbeiterinnen! Die Männer
der kriegführenden Länder sind zum Schweigen gebracht worden. Der Krieg hat ihr Bewusstsein getrübt, ihren Willen gelähmt, ihr ganzes Wesen entstellt. Aber ihr Frauen, die
ihr neben der nagenden Sorge um eure Lieben im Felde daheim Not und Elend ertragt,
worauf wartet ihr noch, um euren Willen zum Frieden, euren Protest gegen den Krieg zu
erheben.“16 Die Teilnehmerinnen einigten sich schließlich darauf, dass der russische Antrag
zurückgezogen wurde. Der Entwurf der Arbeitsgruppe um Clara Zetkin wurde dann als
Manifest einstimmig auf der Konferenz angenommen.
Die Teilnehmerinnen nahmen den Berner Appell mit in ihre Heimatländer. In Deutschland wurde das Manifest von den Delegierten in den verschiedenen Städten verteilt.
Gegen Ende Juli berichtete Clara Zetkin, „daß bereits 300.000 Exemplare des Manifests
in 100 verschiedenen Orten zur Verteilung gekommen seien“.17 Dabei gingen ihre Ideen
noch weit darüber hinaus. Clara Zetkin entwickelte ihre Pläne in einem Brief an Alfred
Henke, den Bremer Reichstagsabgeordneten, der auch zur linken Opposition gehörte.
Nach der Verbreitung der Flugblätter sollten Frauenversammlungen der SPD folgen, auf
denen das Manifest diskutiert werden sollte. Diese Versammlungen würden dann zu
Straßendemonstrationen führen. „Ich persönlich dachte dabei“, erklärte sie in dem Brief,
„auch an friedliche Kundgebungen der Frauen auf der Straße durch Umzüge mit Vorantragung von Fahnen mit Friedensaufschriften.“18 Doch der von Clara Zetkin gewünschte
Massenprotest blieb aus. Nicht einmal in Bremen gab es, trotz ihres persönlichen Briefes,
eine Versammlung.
1914–1919
79
Stattdessen gingen die Militärbehörden und die Polizei gegen die Friedensinitiativen
vor. Flugblattverteilerinnen wurden verhaftet und unter Anklage gestellt. Bei Clara Zetkin
gab es eine Hausdurchsuchung und am 29. Juli 1915 wurde auch sie verhaftet und wegen
Landesverrats angeklagt. Erst eine Protestwelle und eine Kaution des Verlegers erzwangen ihre Freilassung.19
Auch die Gleichheit unterstand der dauernden Kontrolle des Zensors.
Der zensierte Bericht von der Berner Konferenz in der Gleichheit vom 16. April 1915. 20
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Unter dem Regime des Ersten Weltkrieges
Dieses Textfragment ließ die Zensur von Clara Zetkins Bericht über die Berner Konferenz
übrig. Der durchlöcherte Text dokumentiert eindrücklich die Eingriffe in die Presse- und
Informationsfreiheit.
Während die Behörden die Organisierung der Frauenkonferenz und die Verbreitung
des Manifestes für Landesverrat hielten, sah der Parteivorstand im Vorgehen von Clara
Zetkin einen Verstoß gegen die Parteidisziplin. Denn „Verhandlungen über die Fragen
internationaler Politik in einer Zeit wie der jetzigen [sind] von den Parteivorständen der
sozialistischen Parteien zu führen“.21 Der Parteivorstand verurteilte Eigenmächtigkeiten
wie die Berner Konferenz und untersagte die Verteilung des Manifestes unter den Parteimitgliedern.22
Je länger der Krieg dauerte und vor allem die Frauen seine verheerenden Folgen täglich
zu spüren bekamen, umso mehr Zustimmung fanden die Argumente der Antikriegsbewegung. Die entsprechenden Artikel in der Gleichheit wurden von den Sozialdemokratinnen
gelesen und beeinflussten die politische Einstellung der Frauen. Die Führung der SPD
setzte alles daran, den in ihren Augen verhängnisvollen Einfluss von Clara Zetkin zurückzudrängen und diese vermutete wohl nicht zu Unrecht, dass es dem Parteivorstand am
liebsten gewesen wäre, „wenn dieses ‚radikale Krakeelblatt‘ ganz verboten würde.“23
Doch die politische Führung fand einen anderen Ausweg: Ihr kamen die Gewerkschaften
zu Hilfe. Diese hatten bereits im August 1914 begonnen, die Massenabonnements der Gleichheit zu kündigen und im Januar 1916 gaben sie ein eigenes Frauenorgan heraus. Unter der
Redaktion von Gertrud Hanna erschien vierzehntägig die Gewerkschaftliche Frauenzeitung.
Dass die Zeitung als Konkurrenz zur Gleichheit gedacht war, wurde in aller Offenheit vorgeführt. SPD und Gewerkschaften organisierten örtliche Versammlungen, „auf denen Frauen
ihr Abonnement der Gleichheit auf die neue Zeitschrift umschreiben lassen konnten“.24 Auf
diese Weise verlor die Gleichheit ihre finanzielle Basis und ihre Leserinnenschaft. Es lief
darauf hinaus, unliebsame Kritiker in den eigenen Reihen mundtot zu machen.
Parteivorstand und Generalkommission setzten alles daran, innerhalb der Partei und
der Gewerkschaften die Vorstandslinie der Unterstützung der Landesverteidigung und des
Burgfriedens als verbindlichen Kurs durchzusetzen. Wer sich diesem Kurs widersetzte,
hatte mit dem Ausschluss zu rechnen. Vor dem endgültigen Bruch fand auf der Reichskonferenz der SPD im September 1916 eine letzte Auseinandersetzung statt. Dort trat Luise
Zietz, die lange loyal zur SPD gestanden hatte, auch wenn sie die neue Parteilinie für falsch
hielt, offen gegen den Kurs des Vorstandes auf: „Ich habe vom ersten Tage an gesagt, daß
es falsch war, die Kredite zu bewilligen und eine selbständige sozialdemokratische Politik
abzulehnen.“ Dann hätte die Regierung gewusst, „daß sie die sozialdemokratische Partei
nicht so in der Hand hatte wie jetzt, wo alles in den Dienst der Landesverteidigung gestellt
wird“.25 Dieser Auftritt auf dem Parteitag hatte für Luise Zietz unmittelbare Folgen. Sie
wurde Ende des Jahres 1916 aus dem Parteivorstand entfernt.
Im Laufe des Januar 1917 trennte sich die SPD dann von den meisten ihrer Führungsfrauen, die zu den aktiven Kriegsgegnerinnen gehörten. Auf dem Gründungsparteitag der
Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) in Gotha im April 1917
berichtete Luise Zietz über die Art und Weise, wie die Parteiführung agiert hatte, um sich
der unbequemen Kritikerinnen zu entledigen. Sie erklärte: „Ich bin stolz und beglückt,
daß die Frauen zur Opposition gehören. Die Belohnung dafür ist mir durch den Rauswurf
geworden. Ich habe die Hoffnung, daß die Forderungen der Frauen jetzt anders bewertet
werden als in der alten Partei; denn immer und immer wieder sind meine Anträge im
Parteivorstand abgelehnt worden. […] [A]ls ich eine Agitation für die Gleichheit anregte,
wurde dies abgelehnt mit der Begründung, solange die Gleichheit keine andere Haltung
1914–1919
81
einnimmt als die jetzige, wünschen wir keine Agitation, und die Aufforderung wurde an
mich gestellt, Genossin Zetkin zuzureden, daß die Gleichheit eine andere Haltung einnehme, denn jeder Abonnent, der der Gleichheit verloren gehe, sei ein Gewinn.“26
Der Parteivorstand der SPD beendete seine Kampagne gegen die Gleichheit und deren
Redakteurin im Mai 1917 – nachdem bekannt wurde, dass Clara Zetkin zu den Gründungsmitgliedern der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD)
gehörte, wurden sie und die gesamte Redaktion vom Parteivorstand der SPD fristlos entlassen, und Marie Juchacz, die Nachfolgerin von Luise Zietz als Frauensekretärin, übernahm mit einem weiteren Parteivorstandsmitglied die Redaktion.
An der Heimatfront im Dienst fürs Vaterland
Der SPD-Vorstand verfolgte zu dieser Zeit das Konzept der Integration der sozialdemokratischen Frauenbewegung in die nationale Kriegsgemeinschaft. Der Parteivorstand und
die Generalkommission der Gewerkschaften drängten darauf, dass sich die sozialdemokratische Frauenorganisation an dem Einsatz von Frauen in der Kriegsfürsorge beteiligte. Am
7. August 1914 riefen sie „die Genossinnen“ öffentlich zur Mithilfe auf: „Gerade unsere Genossinnen werden in der Lage sein, wertvolle persönliche Beziehungen aufrechtzuerhalten,
den Frauen der im Felde stehenden Männer Beistand zu leisten und sich der Kinder in jeder
Weise anzunehmen.“27 Da der Bund deutscher Frauenvereine (BDF) sich bereits mit den Vaterländischen Frauenvereinen und den konfessionellen Frauenverbänden zum Nationalen
Frauendienst zusammengeschlossen hatte, sollten sich jetzt auch die SPD-Frauen diesem
Unternehmen anschließen und mit den bürgerlichen Frauenverbänden zusammenarbeiten.
Es galt, den Burgfrieden, demzufolge alle politischen Feindseligkeiten dem Dienst am Vaterland zu weichen hatten, auch unter den Frauenorganisationen zu schließen.
In einzelnen Projekten und in den kommunalen Einsatzstellen arbeiteten die Sozialdemokratinnen also jetzt mit den bürgerlichen Frauen zusammen. Dabei behielten die SPDFrauen organisatorisch ihre Selbstständigkeit. Die Masse der weiblichen SPD-Mitglieder
unterstützte bei Kriegsbeginn diese Initiative. Luise Zietz veröffentlichte dazu einen Aufruf
unter dem Titel Unsere Aufgaben. Darin hieß es: „Angesichts der unsäglichen Not und
dem furchtbaren Jammer, die der Krieg über die Arbeiterfamilien bringt, gilt es, den verzweifelten Frauen, den verwaisten Kindern, den Arbeitslosen, den Kranken und Leidenden
mit Rat und Tat beizustehen. […] Durch diese Tätigkeit leisten die Genossinnen direkte
Hilfe und schaffen reiche moralische Werte. [...] Das Werk der Hilfeleistung wird ein Werk
der Sammlung, des gegenseitigen Sichstützens und Aufrichtens, der Ausdruck schöner
Solidarität sein.“28 Sie war es auch, die – trotz ihrer Gegnerschaft gegen die Kriegskreditbewilligung29 – loyal die Vorgaben des Vorstandes umsetzte. Sie organisierte ein Netz
von Informationszentren für Arbeiterfrauen. Denn für Luise Zietz war einer der wichtigen
Gründe für die Mitarbeit der Sozialdemokratinnen in der Kriegsfürsorge, dass dadurch
die Arbeiterfrauen von ihren eigenen Klassengenossinnen beraten wurden. „Denn die bürgerlichen Damen gefallen sich gar zu gern in der Rolle des herablassenden Wohltäters.“
Dagegen sollten in den Beratungsstellen der SPD die Kriegerfrauen30 über ihre Rechte
informiert werden. Luise Zietz wollte, dass den Frauen klar wurde: „Nicht Wohltaten, sondern Rechte nehmt ihr in Anspruch!“31
Die ehrenamtliche Arbeit der Frauen fand vor allem auf kommunaler Ebene statt. Die
städtischen Verwaltungen hatten einen Teil der Fürsorgearbeit auf die ehrenamtlichen
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Unter dem Regime des Ersten Weltkrieges
Sozialarbeiterinnen übertragen. Die kümmerten sich um das Funktionieren der Lebensmittelversorgung, um die Lage der Kriegerfamilien, um Arbeitsvermittlung für Frauen, um
Kinderfürsorge und Kranken- und Wöchnerinnenhilfe.32
Durch diese Arbeit konnten auch die SPD-Frauen ihren Patriotismus unter Beweis stellen. Und sie erhielten Zugang zu den Verwaltungs- und Fürsorgediensten, die Sozialdemokratinnen bis zu diesem Zeitpunkt versperrt gewesen waren. Bei der Bewältigung von
organisatorischen Aufgaben in öffentlichen und privaten Einrichtungen an der Seite der
bürgerlichen Frauen im Nationalen Hilfsdienst erwarb eine junge Generation Sozialdemokratinnen wichtige Kenntnisse in der Praxis sozialer Arbeit. Das waren unersetzliche Erfahrungen für die soziale Arbeit der Sozialdemokratinnen nach dem Weltkrieg. Vor allem
Marie Juchacz33 nahm aus ihrer Tätigkeit im Nationalen Hilfsdienst Anregungen mit, die
sie in ihrer Arbeit als Frauensekretärin, aber besonders als Gründerin der Arbeiterwohlfahrt (AWO) verwertete. Das galt in gleicher Weise für Hanna Harder, die nach dem Krieg
die AWO in Bremen aufbaute. Sie schrieb über ihre Tätigkeiten am 21. März 1917 an ihren
Sohn Paul an die Front: „Erstmal [bin ich] meines Jungen Mutter – das ist eine ganze Masse. [Außerdem bin ich aber auch ehrenamtliche] Jugendpflegerin, Leiterin der hauswirtschaftlichen Beratungsstelle, der Kriegskochkurse, Vorstandsmitglied der Volksspeisung,
Leiterin der Kochkisten-Zentrale, Ausschußmitglied des Verbandes für Konsuminteressen,
für Gemüse und Obst, Vorstandsmitglied des Bundes für Mutterschutz und neuerdings auf
Bitten von Senator Hildebrand im nationalen Hilfsdienst.“34
Solche Einsätze hielten nur die wenigsten Arbeiterfrauen durch. Die Mehrheit der
Frauen kehrte der Fürsorgearbeit bald den Rücken. Ein Grund dafür war Resignation: Die
allgemeine Verarmung gerade der Arbeiterfamilien schritt fort und die Versorgungsprobleme wurden ständig größer. Gleichzeitig merkten die Frauen, dass auch die engagierte
Arbeit der Helferinnen keines der Probleme lösen konnte und selbst die kleinen Hilfsangebote bald nicht mehr geleistet werden konnten, weil die Spenden ausblieben oder die
Behörde ihre Zuschüsse kürzte.35
Auch Luise Zietz berichtete 1915, wie eingeschränkt der Handlungsrahmen der Frauen
war. Sie schrieb: „Wohl niemals zuvor haben die Genossinnen so bitter ihre politische
Rechtlosigkeit empfunden wie in der gegenwärtigen Zeit. Die Not ist groß, die öffentliche
Kritik unter dem Burgfrieden überall stark eingeschnürt, und an das Parlament kann man
sich nur in armseliger Weise mit einer Petition wenden.“36 Die Petition an den Reichstag
vom März 1915 – von der Zietz hier schreibt –, in der darum gebeten wurde, die Preise
der Grundnahrungsmittel zu senken und für Fleisch und Kartoffeln Beschlagnahmungen
durchzuführen, hat das „Gewissen […] salviert [beruhigt]; geholfen hat’s noch weniger als
die an die Regierung gerichteten Eingaben“.37
Viele der Arbeiterinnen zogen sich allerdings nicht nur angesichts dieser Hilflosigkeit
zurück. Denn unabhängig davon konnten sie immer weniger Zeit erübrigen, um in den
Beratungsstellen und Einrichtungen wirkungsvoll mitzuarbeiten. Sie waren vollauf damit
beschäftigt, die notwendigen Dinge des alltäglichen Lebens für den eigenen Bedarf zu
organisieren.38
Nachdem mit der Spaltung der Partei zu Beginn des Jahres 1917 die Kritikerinnen aus
der Partei ausgeschlossen waren, verschwanden die kritischen Beiträge über die Einsätze im Nationalen Hilfsdienst. Stattdessen stellte Marie Juchacz in ihrem Bericht an den
Parteitag im September 1917 die Mitarbeit im Nationalen Hilfsdienst als das zentrale politische Betätigungsfeld der Sozialdemokratinnen vor. „Der Trieb der Frau, Hilfe zu leisten
und Not zu lindern, kam in schönster Weise zum Durchbruch.“39 Marie Juchacz vertrat den
Standpunkt, eine in der Natur der Frau angelegte Bestimmung prädestiniere sie für die
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helfende, fürsorgende und soziale Arbeit. Darin zeichneten sich die Konturen sozialdemokratischer Frauenpolitik für die Zeit nach dem Weltkrieg ab. Der Schwerpunkt der Frauenpolitik der Mehrheitssozialdemokraten würde sich in der nächsten Zukunft weitgehend auf
die sozialen Politikfelder beschränken.
Kriegsfrauentage in
Bremen – 1915 und 1916
Kriegsalltag der Proletarierinnen
Auch Bremen wurde in den ersten Augusttagen des Jahres 1914 von einer patriotischen
Welle erfasst – mit großen Kundgebungen und einem außerordentlichen Bettag, begleitet
von zweistündigem Glockenläuten. Nachdem die Masse der Rekruten abgezogen und die
deutschen Soldaten am 3. August in das neutrale Belgien einmarschiert waren, wurde die
Kriegsrealität an der Heimatfront spürbar.
Seit Kriegsbeginn herrschte der Belagerungszustand. Die exekutive Gewalt war von den
Zivilbehörden an die Militärkommandos übertragen worden. Kundgebungen und Straßendemonstrationen waren verboten, Versammlungen waren nur in geschlossenen Räumen
gestattet. Alle politischen Veröffentlichungen unterlagen der Zensur. Bürgerschaft wie Senat blieben bei der Durchführung von Kriegsmaßnahmen auf die Erfüllung der Bundesratsverordnungen beschränkt. „[Es] regierten die drei ‚großen Bs‘: Belagerungszustand,
Bundesrat und (parteipolitischer) Burgfriede.“40 Sie steckten den Rahmen ab für alle politischen und sozialen Initiativen in der Zeit des Krieges.
Der Krieg wirkte auf alle gesellschaftlichen und privaten Verhältnisse. Die Auswirkungen spürten vor allem und von Anfang an die Arbeiterfamilien und Soldatenfrauen. Zunächst verschwanden mit der ersten riesigen Einberufungswelle 5½ Millionen Männer aus
dem Leben der Familien, der Betriebe, der Städte. Mit ihnen verloren die Frauen und ihre
Familien ihre Hauptverdiener.41
Für die Masse der Familienangehörigen eingezogener Soldaten wurde als eine gesetzlich festgelegte Versorgungsleistung „Familienunterstützung“ gezahlt. Die Zahlungen erfolgten auf der Basis einer Bedarfsberechnung, der Grundbetrag war die staatliche Versorgungsleistung. Diese „Reichsunterstützung“ stockte die Stadt Bremen zunächst um zwei
Drittel, später sogar um 100 Prozent auf. Trotzdem lagen die Sätze immer erheblich unter
den vor dem Krieg erzielten Löhnen.42
Mit jedem Tag, an dem neue Soldaten eingezogen wurden, wuchs die Zahl der von
diesen staatlichen Transferleistungen Abhängigen. Es entstand ein Heer von „Staatsrentnerinnen“43, die existenziell davon abhängig waren, ob der Staat willens und in der Lage
war, die Versorgung ihrer Familien zu sichern. In Bremen unterstand die Verteilung der
Familienunterstützung der „Senatskommission [zur] Unterstützung von Familien von Militärmannschaften“. Diese hatte die Auszahlung der Familienunterstützung an den ZentralHilfsausschuß des Roten Kreuzes, Abteilung Hilfesuchende, delegiert.44
Immer mehr alltägliche Vorgänge mussten im Verlauf des Krieges staatlich geregelt
werden und so wuchsen die Aufgaben der neu gegründeten Deputation, die alle „Maßnahmen des Krieges“ zu regeln hatte, „für die andere Behörden nicht zuständig“ waren.
Diese „Kriegsdeputation“, wie sie allgemein bezeichnet wurde, setzte zur Bewältigung ihrer
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Unter dem Regime des Ersten Weltkrieges
Arbeit immer mehr Kommissionen ein.45 Die wichtigste war die Lebensmittelkommission –
die im Verlauf des Krieges besonders stark in die Kritik geriet und zur Adressatin von
Frauenprotesten wurde, wie noch zu zeigen sein wird.
Die Wirtschaft hatte sich zügig auf die Erfordernisse der Kriegsproduktion umgestellt
und die Arbeitslosigkeit verschwand. Bereits 1915 klagten die kriegswichtigen Betriebe
über einen Mangel an Arbeitskräften. Da ihre Männer an der Front waren, wuchs der
Druck auf die Kriegerfrauen, sich um Arbeit zu bemühen. Auch die Verwaltung hatte
daran ein großes Interesse, denn mit dem Lohn konnten die Unterstützungsgelder für
die Frauen reduziert werden. Die Bremer Straßenbahn war der erste Betrieb, der ab 1915
Schaffnerinnen einsetzte. Im Verlauf des Krieges wurden in nahezu allen Bereichen der
Produktion Frauen eingesetzt. Damit wurde im Krieg möglich, was vorher undenkbar
schien: Frauen in Männerberufen.
Frauen arbeiteten 1916 auch als Streckenarbeiterinnen.
Für die Arbeiterfrauen bedeutete der Kriegsbeginn einen tiefen Einschnitt in ihr Leben.
Sie hatten die Verantwortung für die Familie zu tragen und mit geringen Mitteln die
Kinder und oft auch weitere Familienangehörige durchzubringen. Die Sätze der Reichsunterstützung und die bremischen Zuschüsse stiegen zwar im Lauf des Krieges etwas an,
konnten jedoch mit der Teuerung nie Schritt halten. Immer wieder mussten die Frauen
Zuschüsse beim Zentral-Hilfsausschuss des Roten Kreuzes beantragen.
Dieser Hilfsausschuss des Roten Kreuzes war die zentrale Anlaufstelle für alle Notlagen
der Frauen und die entscheidende Schaltstelle im Sozialsystem der Stadt. Alle Wohlfahrtseinrichtungen der Kriegszeit, einschließlich des Nationalen Hilfsdienstes, waren unter der
Leitung des Roten Kreuzes zusammengeführt worden. In den einzelnen Projekten des
Zentral-Hilfsausschusses wurden ehrenamtliche Helferinnen eingesetzt. Auch die SPDFrauen hatten sich gleich nach Kriegsbeginn zum Hilfsdienst gemeldet. In der zentralen
Leitung arbeiteten die Sozialdemokratinnen mit bürgerlichen Frauen und anderen Wohlfahrtsorganisationen zusammen. Die SPD hatte Helene Schweida delegiert, die als Mitglied im Vorstand des Ortsvereins die Frauenarbeit leitete.46 Über diese Zusammenarbeit
mit den bürgerlichen und kirchlichen Verbänden unter dem Dach einer privaten Wohl-
1914–1919
85
tätigkeitsorganisation gab es zwischen dem rechten und dem linken Flügel der SPD in
Bremen heftigen Streit, der sich im Laufe des Jahres 1916 weiter zuspitzte.
Belagerungszustand und Burgfrieden
diktieren den Rahmen für den Frauentag 1915
Im ersten Kriegsjahr gab es bei der SPD „überraschend wenig Aktivität, selbst unter den
Funktionären“47. Es waren die Frauen, die als erste die Initiative ergriffen und eine Frauenversammlung zum Internationalen Frauentag organisierten. Versammlungen unter den
Bedingungen des Belagerungszustandes abzuhalten war schwierig, und so fand in Bremen
am 27. April 1915 eine „Versammlung sozialdemokratischer Frauen“ im Parteihaus als
geschlossene Veranstaltung statt. In der Presseberichterstattung wurde jeder Hinweis auf
den Internationalen Frauentag vermieden.
Das lag ganz auf der Linie des Parteivorstandes, der die Frauentagsversammlungen nur
auf Druck der Frauen genehmigte. Doch die Frauen beharrten auf ihrem Tag. Er war für
sie das Zeichen des Zusammenhalts und der politischen Präsens der Bewegung – gerade
unter Kriegsbedingungen. Dagegen kam es für die Parteiführung darauf an, jedes Aufsehen und jeden Konflikt mit den Militärbehörden zu vermeiden. Im vorauseilenden Gehorsam nahm man an, dass „die meisten öffentlichen Versammlungen sicherlich dem Verbot
verfallen“ würden48 und empfahl deshalb, geschlossene Frauenmitgliederversammlungen
abzuhalten. Auch sonst wurde alles getan, um politisch nach außen wirkende Aktivitäten
abzuwehren. So lehnte der Parteivorstand die Einladung der schwedischen Genossinnen,
zum 7. März Frauen als Delegierte und Rednerinnen zur Frauentagsveranstaltung nach
Stockholm zu entsenden, ab.49
Clara Zetkin setzte gegen das Taktieren der Partei eine offensive Antikriegspolitik. Im
Leitartikel der Gleichheit vom 19. März 1915 forderte sie, dass der Frauentag angesichts
der Kriegszerstörungen inhaltlich neu bestimmt werden müsse: „[N]eben die Rechtsforderung der Frauen, ja, noch über sie, [ist] die Friedensforderung zu stellen. In welchem Lande
auch immer die Sozialistinnen dieses Jahr die mühseligen, beladenen Proletarierinnen im
Namen des internationalen Sozialismus sammeln: Der Friedenswille prägt den Charakter
der Kundgebungen.“ Der Kampf um den Frieden sollte den Frauentagen eine neue Perspektive geben und die Internationale der Sozialistinnen über Ländergrenzen und Militärbündnisse hinweg wieder zusammenführen. 50
Dass diese Idee Clara Zetkins auch den Wünschen und Vorstellungen der SPD-Frauen
in Bremen entsprach, brachte die Resolution zum Ausdruck, die auf der Frauenversammlung am 27. April verabschiedet wurde. Luise Zietz als Rednerin des Abends sprach über
„Frauensorgen und Krieg“.51 Sie erläuterte den versammelten Frauen die Gründe, warum
die Sozialdemokratinnen aufgerufen worden waren, sich am Nationalen Hilfsdienst zu beteiligen. Sie wiederholte, was sie bereits vorher in Presseartikeln dargelegt hatte, dass mit
dem Einsatz der Sozialdemokratinnen verhindert werden sollte, die Arbeiterfrauen den
bürgerlichen Frauen und ihrer bevormundenden Wohltätigkeit auszuliefern. Im zweiten
Teil des Referats wandte sie sich den Sorgen der Arbeiterfrauen zu, die besonders unter
den ständig steigenden Lebensmittelpreisen zu leiden hätten. Auch zum Ende ihrer Rede
vermied sie laute, kämpferische Töne. Sie schloss ihren Vortrag mit der eher bangen Frage:
„Wann wird der Krieg zu Ende sein?“ Diese Rede wurde von den etwa 500 TeilnehmerInnen mit viel Applaus bedacht. 52
86
Unter dem Regime des Ersten Weltkrieges
Erst die Resolution, die aus dem Publikum heraus am Ende der Versammlung eingebracht wurde, formulierte ein politisches Bekenntnis der sozialdemokratischen Frauen
Bremens:
Solidaritätsadresse für Clara Zetkin und die Politik der Gleichheit.53
In dieser Resolution bekundeten die Bremer Sozialdemokratinnen ihre Solidarität mit
der politischen Arbeit Clara Zetkins und mit der politischen Linie, die von der Zeitschrift Die Gleichheit vertreten wurde. Diese Solidaritätsadresse war ein Bekenntnis zur
1914–1919
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Antikriegsopposition und gegen die Burgfriedenspolitik des Vorstands. Dabei offenbarte
der Verlauf der Veranstaltung, dass die Sozialdemokratinnen einen Konfrontationskurs
vermeiden wollten. Zwar stimmten sie mit der Opposition grundsätzlich überein, aber
zugleich hielten die Genossinnen die Unterstützung für die unter den Kriegsfolgen leidenden Frauen und Kinder für wichtig, was sich in der Zustimmung zum Referat von
Luise Zietz ausdrückte.
Der alltägliche Krieg an der Heimatfront
Seit dem Winter 1915/1916 traten die Schwächen der deutschen Wirtschaft immer deutlicher zu Tage. Vor allem der Rohstoffmangel verschlechterte die Versorgungslage der Bevölkerung. Die steigenden Importpreise boten Gelegenheit zur Preistreiberei. Gleichzeitig
wurden Konsumgüter und besonders Nahrungsmittel immer knapper.
Die mangelhafte staatliche Versorgung zwang die Frauen in wachsendem Maße zu
Selbsthilfemaßnahmen: „Wie überall in Deutschland blühte in Bremen der ‚schwarze
Markt’ und das ‚Hamstern’ von Lebensmitteln auf dem Lande.“54 Das prägnanteste Zeichen der katastrophalen Versorgungssituation während des Krieges waren die „Polonaisen“55, die langen Menschenschlangen, die sich vor den Läden und Ausgabestellen täglich
bildeten.
Ein guter Teil des Lebens der Frauen und auch der Kinder bestand jetzt in diesem
Schlangestehen. Angesichts dieser Entwicklung wuchs der Zorn der Arbeiterfrauen. Sie
erlebten in den „Brotschlangen, [die] in dieser Zeit zum Stadtbild“56 gehörten, ihre persönliche Misere als kollektives Schicksal. Das lange, oft vergebliche Warten schweißte
zusammen, hier waren sich die Frauen über das Versagen der Obrigkeit einig. Empörung
gegen die miserablen Verhältnisse machte sich in Schimpfen und Drohungen Luft. Auch
vor gelegentlichen Plünderungen von Bäckerläden und Metzgereien schreckten sie mittlerweile nicht mehr zurück.57
Nachdem die Arbeiterfrauen den zweiten Kriegswinter mit Hunger und Kälte erlebt
hatten, wuchs auch die Kritik an den unzulänglichen Unterstützungsmaßnahmen des
Roten Kreuzes in Bremen. Das Geld der Familienunterstützung reichte nicht für die
Familie, es mussten ständig Zuschüsse für Miete, Kleidung, Feuerung, Krankenfürsorge
usw. beantragt werden. So wurden die Frauen zunehmend zu Bittstellerinnen gegenüber
den Damen des Roten Kreuzes. Um dem herablassenden Verhalten der bürgerlichen
Frauen zu entgehen, wandten sich die Arbeiterfrauen immer öfter direkt an Helene
Schweida. Sie stellte sich auf die Seite der Frauen und geriet damit zunehmend in Konflikt mit dem Vereinsvorstand des Roten Kreuzes und den Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenvereine.
Innerhalb der Partei drängte die linke Mehrheit, die Zusammenarbeit mit dem ZentralHilfsverein endlich aufzukündigen. Denn nach ihrer Meinung hatte der Staat die Pflicht,
die Sozialleistungen für die Familien, deren Männer im Krieg waren, selbst zu organisieren
und auszuzahlen, statt das privaten Wohltätigkeitsvereinen zu überlassen.58 Außerdem
kam nach Auffassung der linken Parteifunktionäre die Beteiligung von Sozialdemokratinnen und Gewerkschafterinnen an den Wohltätigkeitsaktionen des Roten Kreuzes einer
Unterstützung der Burgfriedenspolitik gleich.
Mit einem Artikel in der Parteizeitung wurde der Druck auf die Frauen noch erhöht. Die
BBZ forderte: „Es wird notwendig sein, dass auch die […] Genossinnen sich wieder mehr
88
Unter dem Regime des Ersten Weltkrieges
auf ihre ureigensten Angelegenheiten besinnen und dementsprechend betätigen. Es will
uns scheinen, dass ihre starke Teilnahme an der Tätigkeit des Roten Kreuzes vielfach die
Energie hat zurücktreten lassen, mit der gerade jetzt Fragen erledigt werden müssten, die
den Proletarierinnen noch näher liegen als die Teilnahme an jener Tätigkeit.“59 Der Artikel
drängte die SPD-Frauen zur Entscheidung, er forderte dazu auf, den Kurs der Vaterlandsverteidigung an der Heimatfront aufzukündigen und sich am Kampf der Kriegsopposition
gegen die Burgfriedenspolitik zu beteiligen.
Für die Frauen war das keine einfache Entscheidung, weil sie bei allem linken Engagement doch die Not der Arbeiterfrauen kannten und helfen wollten. Doch die Debatten innerhalb der Partei zwangen gerade die Leitungsfrauen, sich aus dem Nationalen Hilfsdienst
zurückzuziehen. Helene Schweida trennte sich noch im Jahr 1916 von ihren Ämtern beim
Roten Kreuz.60 Ihre Entscheidung markierte eine Trennungslinie. Auf der einen Seite stand
die Gruppe, die weiterhin beim Roten Kreuz und im Nationalen Hilfsdienst mitarbeitete,
auf der anderen Seite formierten sich die linken SPD-Frauen, die versuchten, die Straßenkrawalle der Arbeiterfrauen zu nutzen und sie zu politischen Aktionen gegen die Lebensmittelkommission, die Regierungspolitik und die Fortsetzung des Krieges werden zu lassen.
Trotz Repressalien:
große Frauenversammlung am 14. März 1916
Der Parteivorstand in Berlin hatte seinen Aufruf zum Frauentag 1916 unter das Motto „Frauenerwerbsarbeit und Wahlrecht“ gestellt und empfahl, die Veranstaltungen als
geschlossene Gesellschaften durchzuführen, um Konflikte zu vermeiden. Die linken Sozialdemokratinnen in Bremen dagegen traten in der Öffentlichkeit als Gegnerinnen der
Burgfriedenspolitik auf. Sie organisierten Proteste gegen Lebensmittelwucher und Versorgungsmängel und führten – entgegen den Empfehlungen des Parteivorstandes – eine
öffentliche Versammlung zum Internationalen Frauentag durch.
Luise Zietz setzte durch, dass eine Sondernummer der Gleichheit als Werbematerial
verteilt werden konnte.61 Clara Zetkin nutzte diese Gelegenheit. Sie formulierte einen Friedensappell zum Frauentag:
„Genossinnen! Groß sind die Schwierigkeiten, stark die Hindernisse, die den Frauentagveranstaltungen im Wege stehen. […] An Euch ist es in erster Linie, den Erfolg
der geschlossenen Veranstaltung zu sichern. […] An Euch ist es aber auch, den guten
sozialistischen Geist in die Versammlungen zu tragen. […] Den Geist internationaler
Solidarität. […] Den Geist des Friedens und Freiheitswillens, der sich auf Dauer nicht
knebeln und töten lässt.“62
Allein die Nennung des Namens „Internationaler Frauentag“ ließ die Überwachungsinstanzen hellhörig werden. Der Kriegsminister drängte den Innenminister, „die Agitation für
die in der Zeit vom 12. bis 26. geplante Aufklärungs- und Werbearbeit unter den Frauen
[...] zu verbieten“63. In einer Reihe von Städten wurden daraufhin die Frauenversammlungen untersagt oder Parteigruppen lehnten es von sich aus ab, die Frauen zu Mitgliederversammlungen einzuladen. In Bremen dagegen gab es eine öffentliche Kundgebung, zu der
die Arbeiterfrauen und die Männer eingeladen waren.
1914–1919
89
Einladung zur öffentlichen Volksversammlung zum Thema „Frauenerwerbsarbeit und
Staatsbürgerrecht“. „Am Anfang und am Schluß der Versammlung Gesangsbeiträge des
Arbeitergesangvereins.“64
Am 14. März 1916 versammelten sich „über 2000 Personen, selbstverständlich überwiegend
Frauen“ im Casino Auf den Häfen. Auch diesmal hatten die Frauen Luise Zietz als Rednerin
eingeladen. Diese war zwar wegen ihrer Kriegsgegnerschaft im Parteivorstand zunehmend
isoliert, umso mehr war sie jedoch in Bremen ein willkommener Gast. Der Bericht von Luise
Zietz zur Lage der Arbeiterinnen im Kriege und zum Anspruch der Frauen auf Mitbestimmung im gesellschaftlichen und politischen Leben fand allgemeine Zustimmung.
Aus dem Publikum heraus wurde nach der Rede der Antrag gestellt: „Die Kriegerfrauen
von Bremen und Umgegend fordern den Reichstag auf, dahin zu wirken, dass die Kriegsunterstützung erhöht wird. Sie erklären, ihren Lebensunterhalt infolge der herrschenden
Teuerung mit der bestehenden Unterstützung nicht mehr decken zu können.“65 Der Antrag
wurde einstimmig angenommen. Die Sozialdemokratinnen Bremens wandten sich also
mit dem Anliegen der Kriegerfrauen an das Parlament, neben der Versorgung der Front
mit Kriegskrediten sich auch um die Not der Menschen an der Heimatfront zu kümmern.
Sozialdemokratinnen organisieren den Frauenprotest
In den nächsten Monaten verfolgten die SPD-Frauen das Thema weiter. Am 2. Juni 1916
fand, von der „hiesigen sozialdemokratischen Frauenbewegung“66 einberufen, eine Frauenversammlung unter dem Motto „Wie steht es um unsere Ernährung?“ statt. Mehrere hundert Teilnehmerinnen waren gekommen. Als Hauptrednerin des Abends kritisierte Helene
Schweida zunächst die Maßnahmen der Reichsregierung. Doch dann prangerte sie die
Versorgungspolitik der Bremer Behörden und Wohlfahrtsinstitutionen an: verspätete Verteilung von Lebensmittelkarten, Fehler bei der Festsetzung von Einkommensgrenzen für
die Bezugsberechtigung von Fleischkarten, mangelnde Kontrolle der Inhaber von Kleinhandelsgeschäften. An der Unterernährung der Schulkinder könne man die Folgen dieser
verfehlten Politik beobachten. Zum Schluss rief sie die Frauen auf, „sich an den großen
Kämpfen [zu] beteiligen, die die Arbeiter auch während des Krieges zu führen haben“.67
90
Unter dem Regime des Ersten Weltkrieges
Nach dem Referat kam es in der Diskussion zu tumultartigen Szenen. Die Wut und Verbitterung der Frauen richtete sich zunächst gegen die anwesenden Vertreter der städtischen
Behörden. Empört über deren nationalistischen Phrasen riefen die Frauen: „Wir haben kein
Vaterland und wir brauchen kein Vaterland!“ Die Polizeispitzel, die die Vorgänge wie jede
der Frauenaktionen sorgfältig protokollierten, fassten ihre Erkenntnisse zusammen: „Im
ganzen genommen haben die Unterzeichneten den Eindruck, dass diese Versammlung lediglich einberufen war zu dem Zwecke, die Frauen noch weiter zu verhetzen und für die einseitige Politik der radikalen Gruppe der hiesigen Sozialdemokratie Stimmung zu machen.“
So wurden auch Verabredungen der Arbeiterfrauen auf dem Spielplatz Nordstraße genau überwacht. „In der Zeit vom 22. bis 26. Juni 1916 fanden auf dem Spielplatz an der
Nordstraße regelmäßig spät abends Gruppenansammlungen von Frauen und Kindern aus
der westlichen Vorstadt statt. Als Beweggrund wurde die Lebensmittelknappheit angegeben. Den Anlass dazu hatten vorherige Zusammenkünfte sozialdemokratischer Frauen
gegeben, die von der entschiedenen Linken der sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft zu Straßenkundgebungen aufgehetzt waren.“68 So der Polizeibericht.
Diese demonstrativen Zusammenkünfte, die die Polizei gegen den Widerstand der
Frauen auflöste, bildeten den Auftakt zu immer weiter sich ausdehnenden Aktionen. „Am
Abend des 26. Juni waren Tausende von Menschen auf den Beinen, die immer wieder in
Demonstrationszügen von mehreren hundert Personen versuchten, von der westlichen Vorstadt, dem Arbeiterviertel, in das Stadtzentrum vorzustoßen. In den Reihen der Demonstranten, in denen auch ich (Wilhelm Eidermann – D.S.) mich befand, aber auch Frauen
und Jugendliche zahlreich vertreten waren, ging es äußerst lebhaft her. Immer wieder riefen
wir im Sprechchor: ‚Es lebe Karl Liebknecht69 – hoch, hoch, hoch‘. ‚Nieder mit dem Krieg!
Nieder mit der Regierung!‘ Immer wieder griff die Polizei ein.“70 In der Nacht vom 28. auf
den 29. Juni 1916 wurden überall in der Stadt Flugblätter verteilt gegen die Verurteilung
Karl Liebknechts, die gleichzeitig zur Massenkundgebung auf dem Marktplatz aufriefen.
Wenige Tage darauf griff die Bewegung auf die Werftarbeiter der AG Weser über. Am
3. Juli begann dort der Streik, an dem sich bereits am 4. Juli 4.000 bis 4.500 Arbeiter beteiligten. Die Arbeiter begründeten ihren Ausstand „mit dem Ausbleiben einer Antwort auf
Lohnforderungen und Teuerungszulagen […] und mit dem Mangel an Lebensmitteln“.71 In
diesen Aktionen artikulierte sich zugleich die Empörung über die Verurteilung Karl Liebknechts, der für die Arbeiter der wichtigste Repräsentant einer aktiven Politik gegen den
Kriegskurs der Regierung war.
Am Anfang der Kampagne hatten „Frauenansammlungen“ gestanden, ihnen folgten
Massenkundgebungen und danach Streiks. Unter der aktiven Beteiligung der linken SPDFrauen war es gelungen, verschiedene Gruppen mit ihren unterschiedlichen materiellen
und politischen Interessen zu gemeinsamen Aktionen zusammenzuführen.
Die Spaltung im Reich und in Bremen –
1916/1917
In der SPD wurden die Auseinandersetzungen über den Krieg und wie er zu beenden sei
umso offener und härter geführt, je länger dieser andauerte. In diesem Konflikt teilte sich
die Partei in drei Lager. So gab es einmal die Mehrheitssozialisten als größte Gruppe, die
auch weiterhin die Kriegskredite bewilligte und am Burgfrieden festhielt; dann die Sozial-
1914–1919
91
demokratische Arbeitsgemeinschaft (SAG), später USPD, die vor allem gegen die weitere
Kriegskreditbewilligung und gegen die annexionistischen Ziele des Deutschen Reiches
auftrat; und schließlich die Gruppe Internationale (Spartakusbund)72, später KPD, die in
der von den Mehrheitssozialisten vertretenen Politik einen Verrat am proletarischen Internationalismus der Vorkriegs-SPD sah und eine Rückkehr zu den marxistischen Grundsätzen der Partei durchsetzen wollte.
Mit seiner linken Mehrheit gehörte der Ortsverein der Bremer SPD von Anfang an
zur Oppositionsbewegung gegen die Politik des Parteivorstandes. Im Laufe des Jahres
1916 wurden auch in Bremen die parteiinternen ideologischen Auseinandersetzungen
zwischen den Befürwortern der Burgfriedenspolitik und den Linken, die einen sofortigen
Frieden ohne Annexionen forderten, immer heftiger.73 Die Positionen standen sich unversöhnlich gegenüber. Den ersten Schritt zur Trennung machte im Dezember 1916 der
rechte Flügel, der sich abspaltete und als „Sozialdemokratischer Parteiverein Bremen“
organisierte. Damit war der Streit in Bremen aber nicht beendet. Die politischen Kontroversen standen ganz im Zeichen der Entwicklung im Reich. Alfred Henke und seine AnhängerInnen rechneten sich zur SAG; die Linksradikalen unter der Führung von Johann
Knief arbeiteten mit der Gruppe Internationale (Spartakusbund) eng zusammen. Bis zur
endgültigen Spaltung im Mai 1917, als die Gruppe Henke aus dem linken Ortsverein austrat und eine Ortsgruppe der USPD gründete, dauerten die Auseinandersetzungen an.
Für die politische Arbeit einer Frauengruppe blieb kaum Platz. Im Gegenteil, die Spaltungen innerhalb der SPD Bremens trennten auch die Sozialdemokratinnen in die Gruppe
der Reformistinnen, die sich im Zentral-Hilfsverein des Roten Kreuzes engagierten, in Anhängerinnen der Gruppe Internationale Kommunisten Deitschlands (IKD) und Mitglieder
der Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD). Auch die linken Frauen, die gemeinsam Proteste geplant und gemeinsam auf der Straße demonstriert hatten, gingen getrennte Wege.
In den drei rivalisierenden Parteien waren die Frauen dann damit beschäftigt, sich in ihren
neuen Organisationen wieder Frauenstrukturen zu schaffen und in Abgrenzung zu den
anderen sich formierenden Frauenbewegungen ein eigenständiges Profil zu entwickeln.
Die endgültige Spaltung der Gesamtpartei wurde zu Beginn des Jahres 1917 vollzogen.
Die Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft (SAG) hatte zum 7. Januar 1917 Oppositionsvertreter aller Schattierungen zu einer Aussprache nach Berlin eingeladen. Dort wurde beschlossen, innerhalb der SPD für die Ideen der Opposition zu werben mit dem vage
formulierten Ziel, eventuell einen Zusammenschluss der Kriegsgegner herbeizuführen.74
Die Parteiführung der SPD erklärte, dass die SAG mit der Durchführung einer solchen
Konferenz und dem dort gefassten Beschluss eine „Sonderorganisation gegen die Partei
gegründet“ habe. Auf der Parteiausschusssitzung am 18. Januar 1917 wurde in aller Form
festgelegt, dass die Parteigruppen alle Mitglieder und Anhänger der Sozialdemokratischen
Arbeitsgemeinschaft auszuschließen hätten.75
Diese Sitzung des Parteiausschusses hatte auch für die Frauenpolitik weit reichende
Folgen. Am Ende der Tagung teilte Friedrich Ebert als Vorsitzender unter dem Punkt
„Sonstiges“ mit, dass das Thema der „Frauenagitation“ nicht mehr behandelt werden könne, die Partei habe mit den gefassten Beschlüssen in der nächsten Zeit genug zu tun. Als
Luise Zietz darum bat, wenigstens die Durchführung des Frauentages im März zu genehmigen, wurde dieser Antrag sofort von zwei Rednern zurückgewiesen. Ohne weitere Wortmeldungen abzuwarten, brach Friedrich Ebert die Debatte kurzerhand ab und stellte „als
die Meinung des Parteiausschusses fest, daß im März kein Frauentag stattfinden soll, und
schließt die Sitzung um 7 Uhr abends“76. Dieses rüde Vorgehen hatte zunächst den Zweck,
Luise Zietz klarzumachen, dass sie in der SPD zukünftig keine Rolle mehr spielen würde77.
92
Unter dem Regime des Ersten Weltkrieges
Und vor allen Dingen ging es natürlich darum, den Frauen ihr Forum für Friedensaktionen
und Unruhestiftung, nämlich den Internationalen Frauentag, zu entziehen.
Mit diesem Beschluss des Parteiausschusses fand für die Frauen der Mehrheits-SPD
das Thema Internationaler Frauentag sein vorläufiges Ende. Doch die Probleme der Arbeiterfrauen waren nicht gelöst und ihre Forderungen nicht erfüllt.
Die Revolution setzt das Frauenwahlrecht
auf die Tagesordnung
Im Jahr 1917 verschlechterten sich die Lebensbedingungen noch weiter. Bereits im November 1916 hatte sich eine wirtschaftliche Katastrophe abgezeichnet. Die Kartoffelernte war
erheblich geringer ausgefallen, als man erwartet hatte und den staatlichen Stellen wurden
immer mehr Lebensmittel durch Schwarzmarkt und Hamsterkäufe entzogen. Kohlenmangel und die lang anhaltende Kälte zwangen zur Schließung der Schulen von Februar bis
Anfang Mai 1917.78
In den Betrieben wuchs die Unzufriedenheit. Die Lohnerhöhungen hielten seit langem
mit der Teuerung nicht Schritt. Auch Bremen wurde von den Streikwellen erfasst. Es war
nicht nur die Nahrungsmittelnot, die die Arbeiter mobilisierte, zunehmende Kriegsmüdigkeit und Friedenssehnsucht waren ebenso wichtige Antriebskräfte. Fast die Hälfte der
Streiks des Jahres 1917 hatte politische Ursachen.79
Dem Senat war klar, dass sich die Proteste der Arbeiter auch gegen die Bremer Regierung richteten und versuchte, der bedrohlichen Situation zu begegnen. So wehrte sich
Dr. Schultz, der Leiter der Lebensmittelkommission (LMK), beim Berliner Kriegsernährungsamt verzweifelt gegen Kürzungen bei Nahrungsmittelrationen und Zulagen für die
Arbeiter. Er berichtete dem Senat nach seiner Rückkehr aus Berlin im Juni 1917, was er
vorgetragen habe: „Die Stimmung der Leute sei derartig, dass eine solche Kürzung die unangenehmsten Folgen nach sich ziehen müsse. Wir säßen mit unserer Arbeiterschaft auf
einem Vulkan und seitens der Agitatoren würde eine solche Herabsetzung ohne Zweifel
ausgenutzt werden, um uns die größten Unannehmlichkeiten zu bereiten.“
Die Streiks waren eine wirksame Waffe, um gegen die unerträglichen politischen und
wirtschaftlichen Zustände in Deutschland zu protestieren. Doch ebenso blieben die Frauen und ihre Lebensmittelkrawalle eine von den Herrschenden beargwöhnte Macht. Es waren nicht allein ihre öffentlichen Demonstrationen. Gefürchtet war ihr Einfluss im privaten
Bereich. „Die erregten Frauen tragen die erbitterte Stimmung heim und übertragen dies
in aufreizender Weise auf ihre von der Arbeit heimkehrenden Familienmitglieder, die sie
wieder in die Fabrikbetriebe weitertragen“, formulierte es die Danziger Behörde.80
Im ganzen Reich hatten die Frauen mit ihren Brotkrawallen und Antikriegsaktionen
wichtige Anstöße für die politische Bewegung gegen das kaiserliche Regime und seine
Kriegspolitik gegeben. Doch im Jahr 1918 ging die Initiative mehr und mehr auf die Betriebe über und damit übernahmen die Männer die organisatorische und politische Führung.
Auch in den Arbeiter- und Soldatenräten, die sich seit November 1918 im ganzen Reich
bildeten, waren Frauen kaum vertreten. Trotzdem aber hatte sich ihre Forderung nach
dem Frauenwahlrecht bei den Revolutionären eingeprägt.
Noch kurz vor Kriegsende wandten sich die Vertreterinnen der Mehrheits-SPD und der
Gewerkschaften gemeinsam mit den Frauen der bürgerlichen Frauenvereine mit einer
1914–1919
93
Petition an die Regierung und das Parlament. Sie wollten erreichen, dass die Regierung
und die Parteien der Mehrheitskoalition, die sich aus SPD, Zentrum und Liberalen zusammensetzte, das Frauenstimmrecht in die Reformvorschläge zur Demokratisierung der
politischen Verhältnisse aufnahmen. Doch das alte System hatte weder die Zeit noch die
Macht, um noch Programme durchzusetzen. Das Frauenstimmrecht wurde von den Revolutionären im November 1918 auf die Tagesordnung gesetzt.
In dem Programm, das der Rat der Volksbeauftragten – der von Vertretern der SPD und
USPD gebildet wurde – am 12. November 1918 verkündete, hieß es: „Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten allgemeinen
Wahlrecht aufgrund des proportionalen Wahlsystems für alle mindestens 20 Jahre alten
männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen.“ 81
Der Kampfruf des Internationalen Frauentages 1914, „Heraus mit dem Frauenwahlrecht!“, war durch die Massenaktionen der Frauen und ihren beharrlichen Einsatz während des Krieges zum Bestandteil des Revolutionsprogramms geworden. Damit war die
zentrale Forderung des Beschlusses von Kopenhagen erfüllt.
Doch zu diesem Zeitpunkt war es keineswegs sicher, dass die Frauen wirklich ihr
Stimmrecht würden ausüben können. Die politische Grundlage der Revolution bildeten
die Arbeiter- und Soldatenräte. Mehrheitlich sahen sie ihre Aufgabe in der Vorbereitung
der parlamentarischen Demokratie. Deshalb drängten sie auf die Einführung des Frauenwahlrechts. Aber eine wachsende Zahl der Sozialisten der USPD sowie eine Mehrheit der
Spartakusgruppe und der Gruppe Internationale Kommunisten sahen die Arbeiter- und
Soldatenräte in einer viel weiter reichenden Funktion: Statt der bürgerlich parlamentarischen Demokratie sollten die Arbeiter- und Soldatenräte die Errichtung der Diktatur des
Proletariats nach dem Modell der russischen Sowjets durchsetzen, um so das alte Regime
von Grund auf umzugestalten. In diesem Kampf um die Errichtung einer Rätediktatur
wurde das Frauenwahlrecht wieder zur Diskussion gestellt – so auch in Bremen, als dort
die radikale Linke die Räterepublik etablierte.
... und die Räterepublik in Bremen stellt
das Frauenwahlrecht wieder in Frage
Wie im Reich, so war auch die Regierung in Bremen und die Mehrheit der Bürgerschaftsabgeordneten erst angesichts der Niederlage und der heraufziehenden Revolution bereit,
über die Abschaffung des Acht-Klassen-Wahlrechts zugunsten einer demokratischen Alternative nachzudenken. Bis November 1918 blieben die Bremer Bürgerschaft und die Verfassungsdeputation trotz wiederholter Eingaben und Anträge bei ihrer Ablehnung eines
demokratischen Wahlrechts. So wurde der Antrag der SPD-Fraktion, der das „gleiche
Stimmrecht für alle Staatsangehörigen beiderlei Geschlechts“ forderte, in der Deputationssitzung am 5. Juli 1918 erneut abgelehnt.
Die Ortsgruppen des Deutschen Bundes für Frauenstimmrecht und der Frauenstadtbund hatten im Oktober 1918 eine Petition mit der Forderung nach dem allgemeinen und
gleichen Wahlrecht bei der Bürgerschaft eingereicht. „Sie [die Frauen] fühlen sich gerade
jetzt zu dieser Bitte gedrängt, aus dem Wunsche heraus, in dieser schweren Zeit nicht nur
die Lasten mitzutragen, sondern sich auch als voll berechtigte Bürgerinnen zu ihrem Heimatstaat zu bekennen.“82 Diese Initiative der Bremer Frauenstimmrechtsbewegung wurde
von der Revolution förmlich überrollt.
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Unter dem Regime des Ersten Weltkrieges
Am 6. November 1918 stand erneut der Wahlrechtsantrag der SPD-Fraktion zum „allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrecht für beide Geschlechter“ auf der
Tagesordnung der Bürgerschaft. In der Debatte zeigte sich, dass angesichts der politischen
Ereignisse im Reich und in Bremen eine Mehrheit der Abgeordneten für das allgemeine
gleiche und geheime Wahlrecht für Männer stimmen würde.
Der Abgeordnete Henke von der USPD setzte sich dagegen vehement für das Frauenwahlrecht ein: „Dass aber das Wahlrecht auch noch den Frauen vorenthalten werden soll,
das finde ich einfach schändlich und empörend. [ .... ] Man wird nicht verstehen, dass das
Volk der Dichter und Denker, dieser Dichter, die die Frauen immer so hoch gepriesen
haben, nach dieser großen Probe, die die Frauen abgelegt haben in Bezug auf ihre materiellen Leistungen, dass nach all dem unser Volk es nicht durchzusetzen weiß, dass diese
Frauen endlich ihre politischen Rechte bekommen. Das muss auch für Bremen durchgesetzt werden [ ... ]. Und wir werden damit nicht schlecht fahren.“83
Diesmal entschied sich die Bürgerschaft gegen die Stimmen der SPD für die halbe Sache: In Zukunft sollte es das gleiche Wahlrecht für Männer geben.84 Während die Bürgerschaft aber noch zögerlich über Abänderungen des Acht-Klassen-Wahlrechts verhandelte,
demonstrierten die Massen auf dem Marktplatz vor dem Rathaus bereits für eine grundlegende Umgestaltung aller gesellschaftlichen Verhältnisse. In seiner Ansprache wies der
Unabhängige Sozialdemokrat Adam Frasunkiewicz auf den Zusammenbruch des Kaiserreiches und das Ende des Krieges hin und kündigte die Bildung eines Arbeiter- und Soldatenrates an. Nach Beendigung der Bürgerschaftssitzung „ließen die Domglocken ihren
ehernen Ruf über die Stadt hinweg erschallen, was die Soldaten veranlasst hatten. Das
klang wie ein gewaltiges Dröhnen an die Pforten einer neuen Zeit.“85 So wie der Krieg von
den Domglocken eingeläutet worden war, so wurde er unter Glockengeläut beendet.
Am 9. November formulierte der Bremer Arbeiter- und Soldatenrat in seinem Aufruf an
die Bremer Bevölkerung sein Programm:
Am 9. November 1918 wurde der Revolutionsaufruf des Arbeiter- und Soldatenrats
Bremen überall verbreitet und noch am selben Tag veröffentlichte die Bremer Presse die
Einladung zur Frauenversammlung für den darauf folgenden Tag.86
1914–1919
95
„Über die Aufgaben der Räte“ hieß es im Aufruf: „Sturz der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und damit Aufhebung jeder Art der Ausbeutung und Unterdrückung, richte sie sich gegen eine Klasse, eine Partei, ein Geschlecht oder eine Rasse. Aufrichtung einer
sozialistischen Gesellschaftsordnung.“ Mit diesem Programm setzten die Revolutionäre
die Umgestaltung der alten Ordnung auf die Tagesordnung und mit der gleichzeitigen
Einladung zur Frauenversammlung machten sie deutlich, dass in der neuen Ordnung die
Frauen gleichberechtigt mitbestimmen und mitgestalten sollten.
Unter dem Druck dieser Ereignisse entwickelte der Senat ein Arbeitstempo, das bisher
nur die Arbeiter in der Kriegsproduktion kannten. In einer Senatssitzung am Sonntag,
dem 10. November, wurde in aller Eile ein Gesetzentwurf zum Wahlrecht als Vorlage für
die Verfassungsdeputation formuliert:
Gesetzentwurf des Bremer Senats an die Verfassungsdeputation zum Wahlrecht bremischer StaatsbürgerInnen vom 10. November 1918.87
Und am darauf folgenden Tag richtete der Senat auch ein Schreiben an die Bürgerschaft,
in dem er den Beschluss der Bürgerschaft vom 6. November begrüßte, „das allgemeine,
gleiche, geheime Wahlrecht“ einzuführen. Er vertrat aber die Meinung, dass darüber hinaus auch „für die Frauen Wahlberechtigung und Wählbarkeit im gleichen Umfang wie für
die Männer vorzusehen sei“88. Neuwahlen sollten nach Auffassung des Senats schon in der
nächsten Zeit stattfinden. Aber das Gesetz des Handelns lag nicht mehr bei Senat und
Bürgerschaft. Am 14. November 1918 beschloss der Arbeiter- und Soldatenrat einstimmig:
„Der Arbeiter- und Soldatenrat hat die Ausübung der politischen Gewalt im Bremer Staatsgebiet übernommen. Senat und Bürgerschaft bestehen nicht mehr.“89
Zuvor jedoch hatten sich am Nachmittag des 10. November 2.000 Bremerinnen im
Casino Auf den Häfen versammelt. Auch der Frauenstimmrechtsbund hatte seine Anhängerinnen zu dieser Versammlung aufgerufen und so waren gleichfalls die Vertreterinnen
der bürgerlichen Stimmrechtsbewegung gekommen. Die Versammlung wurde von Anna
96
Unter dem Regime des Ersten Weltkrieges
Stiegler 90 geleitet. Hauptredner war Alfred Henke, er erklärte: „Die Gleichberechtigung
der Geschlechter wird von der Revolution wahr gemacht werden.“ Für seine Ausführungen
wurde er mit großem Beifall bedacht. Der SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Rhein informierte dann über die Initiative des Senats, dass dieser „das Frauenwahlrecht bei der Neuregelung der Verfassung berücksichtigen“ werde.
Käte Ahrens, Else Kesselbeck und Gesine Becker 91, alle drei Mitglieder der Gruppe
Internationale Kommunisten Deutschlands (IKD), forderten die Frauen auf, sich im revolutionären Prozess zu engagieren. Denn „wir wollen nicht mehr fordern, wir wollen dekretieren. Die Gesellschaft kann keinen einzigen Tag ohne Frauenarbeit existieren“, erklärte
Käte Ahrens, „mit aller Macht müssen die Frauen darauf drängen, dass sie überall mitgewählt werden“. Auch Alfred Henke ermunterte in seinem Schlusswort die Frauen zur
Mitarbeit in den Ausschüssen des Arbeiter- und Soldatenrates (AuSR).
Doch diese Vorstellungen und Wünsche wurden nie realisiert. Weder meldeten sich die
Frauen zur Mitarbeit in den Ausschüssen des AuSR noch wurden in den Arbeiterorganisationen Maßnahmen ergriffen, die Frauen zur Mitwirkung in den politischen Gremien
zu befähigen oder zu fördern. Eher zeigten sich unter der Herrschaft des AuSR und der
Räterepublik Tendenzen, den Frauen politische Fähigkeiten abzusprechen. Der Verlauf der
Wahlrechtsdebatte in den Wochen der Herrschaft des Arbeiter- und Soldatenrates und der
Räterepublik machten das deutlich.
In der Diskussion auf der Frauenversammlung hatte Rita Bardenheuer – „von der
linksbürgerlichen Frauenbewegung“, wie sie sich selbst vorstellte – auf den Gesinnungswandel von Leuten hingewiesen, „die noch vor wenigen Wochen das Frauenwahlrecht
verdonnerten, [und die sich] jetzt plötzlich als dessen Anhänger ausgeben“.92 Doch die
Frauen wurden nicht nur davon überrascht, dass aus den schärfsten Gegnern des Frauenwahlrechts plötzlich Befürworter eines demokratischen Wahlsystems geworden waren, sie
sahen sich vor allem mit einer Kehrtwende bei Alfred Henke konfrontiert. Er, der noch am
10. November 1918 in der Frauenversammlung als engagierter Befürworter des Frauenstimmrechts aufgetreten war, erklärte am 19. November vor dem Arbeiter- und Soldatenrat: „Wenn er, Redner, vor 14 Tagen in der Bürgerschaft unter der alten Herrschaft noch
ausdrücklich für das Frauenwahlrecht eingetreten sei, so brauche man jetzt nicht sofort
das wahr zu machen, was man damals unter ganz anderen Umständen gefordert habe.
Jetzt heiße es, erst die eigene Macht zu festigen, bis die Gefahr der Konterrevolution, wie
sie jede Revolution zeitige, beseitigt sei. Das könne nur geschehen unter der vorläufigen
Diktatur des Proletariats.“93 Alfred Henke gab diese Erklärung als Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrates ab. Damit war das zugleich die Erklärung des Leiters der Bremer
Revolutionsregierung.94
Alfred Henke bezog sich mit diesem Beitrag auf eine Diskussion, die in den Reihen der
Linken geführt wurde. Diese wehrte sich dagegen, dass mit den schnell durchgezogenen
Wahlen zur Nationalversammlung nur die Kräfte des alten Regimes gestärkt würden und
die Republik auf der Grundlage der kaiserlichen Institutionen errichtet würde. Dagegen
müsse eine von den Räten geführte Regierung – so erläuterte es Toni Sender 95 – „zuerst
die Forderungen der revolutionären Massen befriedigen […]: Nämlich die Grundstrukturen der neuen Republik so umfassend zu verändern, dass sich eine solche Katastrophe,
wie es der Weltkrieg war, nie mehr wiederholen konnte. Um dies zu erreichen, mussten wir
die Mächte, die für die Vergangenheit verantwortlich waren, entthronen.“ Deshalb sollte
zunächst eine Rätediktatur errichtet werden. Damit gerieten die Revolutionäre gegenüber
den Frauen in ein Dilemma: Unter einer Diktatur des Proletariats würde es keine allgemeinen, gleichen Wahlen geben. Das bedeutete, dass die Frauen einerseits durch die
1914–1919
97
Novemberrevolution das Wahlrecht erhalten hatten, aber durch die Rätebewegung daran
gehindert wurden, davon Gebrauch zu machen.
Allerdings beließ es Alfred Henke nicht bei der politischen Grundsatzerklärung. Schon
wenige Tage später erläuterte er dem Arbeiter- und Soldatenrat, „daß eine Diktatur der
Arbeiter- und Soldatenräte sehr wirksam wäre, besonders in Hinsicht auf die politische
Aufklärung der Frauen und der Jugendlichen. Vielleicht könnte diese Diktatur zwei Jahre
währen.“96 Er sprach offen aus, was viele politisch engagierten Männer befürchteten, dass
die Wählerinnen bei allgemeinen und gleichen Wahlen den bürgerlichen, christlichen Parteien ihre Stimme geben könnten. Um das zu verhindern, empfahl Henke quasi eine politische Erziehungsdiktatur für Frauen und Jugendliche durch die Arbeiter- und Soldatenräte.
Gegen diese Vorstellungen erhoben die Frauen heftigen Protest. Minna Bahnson formulierte den Einspruch der Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenvereine in den Bremer
Nachrichten vom 26. November 1918: „Wir Frauen verwahren uns aufs schärfste dagegen
zum Spielball männlicher Parteiinteressen herabgewürdigt zu werden.“ In der Versammlung der Mehrheitssozialisten „erhob die Genossin Harder Protest gegen die bekannten
Ausführungen des Reichstagsabgeordneten Henke über das Frauenwahlrecht“ 97. Die Frauen erlebten erneut – jetzt von linksradikaler Seite –, dass Männer ihnen politische Rechte
vorenthalten wollten und bevormundend über sie verfügten. Damit sahen sich die Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung und die Frauen der Mehrheitssozialdemokratie
(MSPD) in ihrer Ablehnung gegen die Räteregierung bestätigt.
Am 6. Januar 1919 standen Wahlen zum Arbeiterrat an. Das vereinbarte Wahlreglement
billigte „nur den politisch oder freigewerkschaftlich Organisierten – also den Mitgliedern
der drei sozialistischen Parteien und den Mitgliedern der Freien Gewerkschaften – das
Wahlrecht zu“98. Das bedeutete den Ausschluss der Mehrheit der Bremerinnen und Bremer von den Wahlen. Zeitgleich forderten die Kommunisten im AuSR, dass die für den
19. Januar festgesetzten Wahlen zur Nationalversammlung in Bremen nicht durchgeführt
werden sollten. Zwar hatten die Kommunisten mit ihrem Antrag keinen Erfolg und die
Wahlen zur Nationalversammlung fanden auch in Bremen statt, doch das Vorgehen der
linken Parteien gegen das allgemeine und gleiche Wahlrecht erzeugte heftigen Protest.
Gegenüber diesen Kritikern legitimierte Henke erneut das Vorgehen der Revolutionäre
damit, dass es gelte, eine besondere Gefahr abzuwehren, und diese Gefahr ging, nach
Henkes Auffassung, von den Wählerstimmen der Frauen aus. „Das Wahlrecht der Frauen,
das sie als Weihnachtsgeschenk bekamen und zum Dreikönigstag schon ausüben sollen,
enthält eine gewisse Gefahr. Es ist die Gefahr, die man erkennt, wenn man einem unausgebildeten Rekruten ein geladenes Gewehr in die Hand drückt. Und dass die meisten
Frauen Wahlrekruten sind, werden sie selbst nicht bestreiten.“99 Weil die Frauen nun einmal politisch unreif und unqualifiziert wären und sie deshalb auch von ihrem Wahlrecht
keinen sachgemäßen Gebrauch machen würden, musste ihnen – nach der Überzeugung
von Alfred Henke – zunächst das Stimmrecht also wieder entzogen werden.
Dabei fällt auf, dass sich zu diesem Thema nur die bürgerlichen Frauen und die Vertreterinnen der Mehrheitssozialisten öffentlich äußerten. Die Kommunistinnen schwiegen
zu der gesamten Auseinandersetzung.
Für eine Fortsetzung der Debatte blieb keine Zeit. Die Räterepublik steckte in einer
inneren Krise und von außen drohte die militärische Intervention. Da entschloss sich der
„Bremische Rat der Volksbeauftragten“, das oberste Führungsgremium der Räterepublik,
demokratische Wahlen zu einer Bremer Nationalversammlung durchzuführen. Im Entwurf
zur Wahlordnung vom 28. Januar 1919 hieß es: „Wahlberechtigt sind alle deutschen Männer und Frauen, die am Wahltage das zwanzigste Lebensjahr vollendet und in dem bremi-
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Unter dem Regime des Ersten Weltkrieges
schen Staatsgebiet ihren Wohnsitz haben.“100 Doch das Ende war nicht mehr aufzuhalten
„Am 4. Februar 1919 wurde die Räterepublik Bremen auf Befehl der Reichsregierung und
des Volksbeauftragten Noske durch die Division Gerstenberg und das Freikorps Caspari
militärisch niedergeschlagen.“101
Die provisorische Regierung Bremens, die ab dem 5. Februar 1919 die Regierungsgeschäfte übernahm, trat als Sachwalter der Fraueninteressen auf. Sie erließ am 10. Februar
eine Wahlordnung „betreffend die Wahlen zur bremischen Nationalversammlung“.
Die Wahlordnung zur Bremischen Nationalversammlung vom 10. Februar 1919.102
Mit dieser Wahlordnung erhielten auch die Bremerinnen das aktive und passive Wahlrecht
zur Wahl der Bremischen Nationalversammlung. Bei den ersten demokratischen Wahlen
in Bremen am 9. März 1919 kandidierten bei den drei Arbeiterparteien USPD, SPD und
KPD jeweils Frauen auf den zweiten Listenplätzen.
Zwischenbilanz
Unter den Bedingungen des Ersten Weltkrieges nahm die Bedeutung des Internationalen
Frauentages für die Sozialdemokratinnen weiter zu. Zunächst war es das Erlebnis, sich im
Kreise Gleichgesinnter und Gleichbetroffener zu versammeln. Die Gemeinschaftserfahrung, die aus der Kontinuität und der Wiederholung des Frauentages resultierte, stärkte
jede Einzelne.
Zugleich setzten die Frauen mit ihren Versammlungen am Frauentag ein Zeichen für
die Öffentlichkeit, sie demonstrierten, dass die Einschränkungen des Krieges sie nicht daran hinderten, sich weiterhin aktiv in die politischen Auseinandersetzungen einzumischen.
Im Gegenteil nahmen sie die neuen Herausforderungen, die das Kriegsgeschehen an sie
stellte, in die politischen Aussagen der Frauentage auf.
Es war Clara Zetkin, die die neue Ausrichtung des Tages in Worte fasste: „Krieg dem
Kriege“ – unter dieser Losung wurde der Internationale Frauentag zu einem internationa-
1914–1919
99
len Agitationstag für den Frieden und immer mehr Frauen schlossen sich diesem Appell
an. Das war eine klare Absage an die Burgfriedenspolitik des Parteivorstands. Die Parteiführung reagierte auf diese Frauenopposition mit dem Ausschluss der aktiven Frauen und
der Parteiausschuss nutzte die Gelegenheit, den Frauentag zunächst zu verbieten.
In Bremen ging von der Versammlung zum Frauentag 1915 ein entscheidender Impuls
für die politische Arbeit der gesamten Partei aus. Mit der Verabschiedung der Solidaritätsadresse für Clara Zetkin und für die politische Ausrichtung der Zeitschrift Die Gleichheit bekannte sich eine Mehrheit der Versammelten zur Antikriegsbewegung und zu einer
neuen politischen Ausrichtung des Frauentages. Der wurde nicht mehr ideologisch vom
Parteivorstand festgelegt, sondern die Gruppe nahm die inhaltliche Ausgestaltung selbst
in die Hand. Damit waren die Resolutionen nicht mehr Zustimmungserklärungen zu gemeinsamen Überzeugungen, sondern wurden zu Abstimmungen über strittige Themen.
Trotzdem blieb der Frauentag ein Termin, an dem sich alle Sozialdemokratinnen versammelten. Die Frauen wollten ihre Gemeinschaft trotz politischer Differenzen erhalten.
Die beiden Frauentage 1915 und 1916 waren Fixpunkte in den politischen Aktionen
der SPD-Frauen in Bremen. Während die Frauenproteste und Brotkrawalle überall im
Reich als unpolitischer Aktionismus wild gewordener Frauen abgelehnt und diskriminiert
wurden, übernahm die Bremer Frauengruppe der linken Parteimehrheit die Forderungen
der Arbeiterfrauen und stellte sich an die Spitze des Protests. In den Aktionen gegen Lebensmittelwucher und das staatliche Versagen bei der Versorgung der Bevölkerung waren
sie organisierende Kraft. Ihre Organisation wurde zum Sprachrohr der Frauenproteste.
Doch auch in Bremen wurde diese Form der eingreifenden und organisierenden Arbeit
nicht fortgesetzt. Die ideologischen Debatten und Machtkämpfe verlangten von den Frauen eindeutige Parteinahme, sodass sich auch in Bremen die Spaltung in drei rivalisierende
Frauenpositionen vollzog.
Mit der programmatischen Erklärung des Rates der Volksbeauftragten im November
1918, in dem den Frauen das Wahlrecht zuerkannt wurde, schien die zentrale Forderung
des Beschlusses von Kopenhagen erfüllt. Die Nationalversammlung garantierte den Frauen in der Verfassung das Stimmrecht.
Dagegen erlebten die Frauen nach einem ermutigenden Anfang und politischen Versprechungen, dass der Arbeiter- und Soldatenrat und die Räterepublik in Bremen für die
Fragen der Frauenemanzipation kein besonderes Interesse zeigten. Es gab keine Initiative,
den Frauen im Rätesystem einen angemessenen Platz zu verschaffen. Der Vorwurf, der
gegen die Parteiführung der SPD erhoben worden war, dass diese die Forderung nach
dem Frauenstimmrecht im Notfall, wenn es um höhere Ziele ging, aufgaben, konnte auch
den revolutionären Arbeiter- und Soldatenräten gemacht werden. Der Anspruch der Frauen auf politische Gleichberechtigung wurde mit polemischen Bemerkungen bedacht. Die
Frauen wurden als Objekte der Politik gesehen, die unter einer Rätediktatur zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft erzogen werden mussten.
Erst unter dem Druck der politischen Ereignisse änderte die Führung der Räterepublik
ihre Meinung und gestand Frauen das Wahlrecht zu.
100
Unter dem Regime des Ersten Weltkrieges
Anmerkungen
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Schwarzwälder, Bd. 2, 1976, 605-606.
Vgl. Miller, 1984, 304.
Limmer, 1970, 41.
Miller, 1984, 304.
Das Zitat stammt aus dem Massenflugblatt zum Frauenstimmrecht vom März 1911, in dem die
wesentlichen Positionen der SPD zum Frauenwahlrecht zusammengefasst waren. Abgedruckt
in: Forschungsgemeinschaft, 1975, 62.
Vgl. Die Gleichheit vom 10. Juni 1914, Nr. 19/24. Jg., 295.
Vgl. Forschungsgemeinschaft, 1984, 88.
Die Gleichheit vom 5. August 1914, Nr. 23/24. Jg., Titelblatt.
Vgl. Die Gleichheit vom 5. August 1914, Nr. 23/24. Jg.
Evans, 1979, 275.
Vgl. Evans, 1979.
Vorwärts vom 8. April 1915.
Scholze, 2001, 33.
Sender, 1981, 78.
Hervé, 2007, 82.
Hervé, 2007, 82.
Evans, 1979, 279.
Brief an Alfred Henke vom 22. Mai 1915, zit. in: Evans, 1979, 281.
Notz, 2008b, 55.
Die Gleichheit vom 16. April 1915, Nr. 16/25. Jg.
Stellungnahme im Vorwärts vom 30. April 1915, Nr. 16, zit. in: Losseff-Tillmanns, 1985, 42.
Vgl. Evans, 1979, 285.
Clara Zetkin in ihrem Brief an die „Genossin Ankersmit“ vom 3. Dezember 1914, in: Zetkin,
Werke Bd. 1, 638-656.
Evans, 1979, 287.
Protokoll der Reichskonferenz, 1916, 161/162.
Zietz in: Protokolle der Parteitage der USPD, Bd. 1, Parteitag 1917, 31/32.
Aus dem Bericht von Luise Zietz, Die sozialdemokratischen Frauen und der Krieg, Ergänzungsheft zur Neuen Zeit, 16. Juli 1915, 2.
Die Gleichheit vom 28. August 1914, Nr. 24/24. Jg.
Luise Zietz gehörte seit Kriegsausbruch zu den Kritikerinnen des politischen Kurses des Parteivorstandes. In einer Besprechung bei Karl Liebknecht, der die Oppositionsgruppe gegen die
Bewilligung der Kriegskredite anführte, sprach sie sich unumwunden gegen jede Bewilligung
aus. Der SPD-Reichstagsabgeordnete Eduard David notierte in seinem Tagebuch unter dem
Datum des 7. August 1914: „Frau Zietz ist für Ablehnung und nicht zu überzeugen.“ Vgl. Evans,
1986, 272.
Als Kriegerfrauen und Kriegerfamilien wurden im Ersten Weltkrieg Frauen bezeichnet, deren
Männer oder Väter an die Front geschickt worden waren.
Zietz, 1915, 6.
Vgl. Daniel, 1989, 81.
Marie Juchacz (1879–1956), geb. Gohlke, musste bereits ab dem 14. Lebensjahr ihren Lebensunterhalt als Hausangestellte, Fabrikarbeiterin und Krankenwärterin verdienen. 1908
wurde sie Mitglied in der SPD. Schon bald war sie eine gefragte Agitatorin. 1913 war sie bereits
Frauensekretärin für den Parteibezirk Obere Rheinprovinz. Im Ersten Weltkrieg stellte sie sich
ganz hinter die Politik des Parteivorstandes und engagierte sich von Anfang an im Nationalen
Frauendienst. Aus dieser Zeit resultierte auch ihre gute Zusammenarbeit mit der bürgerlichen
Frauenbewegung. Anfang 1917 wurde sie in den Parteivorstand gewählt, wo sie den Posten
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von Luise Zietz übernahm. Zugleich übertrug ihr der Parteivorstand die Redaktion der Gleichheit. Als Abgeordnete der SPD in der verfassunggebenden Nationalversammlung ergriff Marie
Juchacz als erste Frau in einem deutschen Parlament das Wort. Noch im gleichen Jahr gründete sie die AWO. Sie war bis 1933 Reichstagsabgeordnete und leitete die Frauenarbeit der
SPD. Während der Nazizeit emigrierte sie in die USA. 1949 kehrte sie in die Bundesrepublik
zurück und war wieder in der AWO und der sozialdemokratischen Frauenbewegung tätig. Vgl.
Blandow, 1995, 26.
Der Brief von Hanna Harder wurde in Auszügen abgedruckt in: Blandow, 1995, 29.
Vgl. Evans, 1979, 273.
Zietz, 1915, 30.
Zietz, 1915, 30.
Karen Hagemann stellt in ihrer Studie „Frauenalltag und Männerpolitik“ fest, dass in Hamburg
nach anfänglichem breiten Engagement nur noch die Zusammenarbeit in den „Hamburgischen Kriegsküchen“ übrig blieb, weil die Arbeiterfrauen die ehrenamtliche Arbeit mit den
wachsenden Alltagsverpflichtungen, für ihre Familie zu sorgen, der Notwendigkeit, die eingezogenen Genossen in der Parteiarbeit zu ersetzen, nicht mehr vereinbaren konnten. „Hinzu
kam, daß sich die Zusammenarbeit zwischen sozialdemokratischen und bürgerlichen Frauen
nicht selten als schwierig erwies.“ Hagemann, 1990, 524.
Aus dem Vorstandsbericht zur Frauenbewegung, verfasst von M. Juchacz, in: Protokoll Parteitag 1917, Würzburg, 11.
Schwarzwälder, 1976, Bd. 2, 611.
Vgl. Daniel, 1989, 28.
Vgl. Schwarzwälder, Bd. 2, 1976, 630.
Vgl. Daniel, 1989, 173.
Vgl. Schwarzwälder, 1976, Bd. 2, 630.
Vgl. Schwarzwälder, 1976, Bd. 2, 611.
Vgl. Blandow, 1995, 22.
Lucas, 1969, 34.
Vorwärts vom 9. Mai 1915, zit. in Losseff-Tillmanns, 1985, 41.
Vgl. Die Gleichheit vom 5. März 1915, Nr. 12/25 Jg., 72.
Die Gleichheit vom 19. März 1915, Nr. 13/25 Jg.
Vgl. BBZ vom 28. April 1915.
BBZ vom 30. April 1915.
BBZ vom 28. April 1915.
Schwarzwälder Bd. 2, 1976, 634.
Eine euphemistische Beschreibung der Hungerschlangen vor den Läden, die auch vom Galgenhumor der Menschen zeugt. Vgl. Schlüter, 1993, 480.
Schwarzwälder, Bd. 2, 1976, 625.
In seiner Dissertationsschrift hat Bernd Schlüter detailliert die Lebensmittelversorgung durch
die bremischen Behörden und die Protestaktionen und Krawalle der Frauen erforscht. Vgl.
Bernd Schlüter, 1993, Staat, Lebensmittelversorgung und Krieg. Die kommunale Ernährungswirtschaft in Bremen 1914–1918. Dissertation Universität Oldenburg.
Vgl. BBZ vom 23. November 1915.
BBZ vom 16. Februar 1916.
Helene Schweida hat in ihren Briefen an ihren späteren Ehemann Wilhelm Kaisen über die
Auseinandersetzungen im Roten Kreuz und innerhalb der Partei berichtet. In ihrem Aufsatz
„Liebe und Politik im Ersten Weltkrieg: Der Briefwechsel Helene und Wilhelm Kaisen“ hat
Inge Marßolek die Korrespondenz analysiert. Meine Darstellung basiert auf dieser Analyse. Vgl.
Marßolek, 1999, 150–153.
Vgl. BBZ vom 7. März 1916.
Die Gleichheit vom 3. März 1916, Nr. 12/26. Jg.
Losseff-Tillmanns, 1985, 44.
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Unter dem Regime des Ersten Weltkrieges
BBZ vom 11. März 1916.
BBZ vom 17. März 1916.
Die folgenden Zitate stammen, wenn nicht anders gekennzeichnet, aus einem undatierten,
offensichtlich von Spitzeln verfassten, sechsseitigen Bericht „An Senator Biermann“. STAB,
4,2/2-B.34.
BBZ vom 6. Juni 1916.
Polizeibericht vom 29. Juni 1916; STAB 4.89/1-301, Bl. 2.
Karl Liebknecht war auf der Maikundgebung 1916 in Berlin verhaftet worden, weil er eine
Demonstration gegen den Krieg organisiert hatte. Nachdem der Reichstag seine Immunität
aufgehoben hatte, wurde er Ende Juni zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Es gab
eine allgemeine Empörung über dieses Urteil und wie in Berlin war das auch in Bremen Anlass
für Demonstrationen und Streiks.
Der Kommunist Wilhelm Eildermann hat 1972 in der DDR seine Tagebücher und Briefe veröffentlicht. Er hatte 1916 als Achtzehnjähriger die illegalen Flugblätter heimlich gedruckt und
auf der oben beschriebenen Demonstration verteilt. Eildermann, 1972, 331.
Kuckuk, 1986, 34.
Zu dieser Gruppe gehörten auch die Bremer Linksradikalen, die sich später den Namen Internationale Kommunisten Deutschlands (IKD) gaben.
Vgl. Lucas, 1969, 45 und 51.
Vgl. Lucas, 1969, 89–90.
Protokoll der Sitzung des Parteiausschusses vom 18. Januar 1917, Beschluss, 41; im Reprint von
1980, [429].
Protokoll der Sitzung des Parteiausschusses vom 18. Januar 1914, 39; im Reprint, [427].
Luise Zietz hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ihren Sitz im Parteivorstand verloren und wurde
kurz darauf auch aus der Partei ausgeschlossen.
Vgl. Schwarzwälder, 1976, Bd. 2, 638-639.
Vgl. Schwarzwälder, 1976, Bd. 2, 640.
So die Einschätzung der Danziger Behörde. Zit. in: Kocka, 1973. 41.
Aufruf des Rates der Volksbeauftragten an das deutsche Volk, 12. November 1918, zit. in: Michalka/Niedhart, 2002, 27–28.
BBZ vom 31. Oktober 1918.
Verhandlungen der bremischen Bürgerschaft 1918, 361. Eine ausführliche Darstellung zur
Frauenstimmrechtsbewegung findet sich in: Romina Schmitter, Der lange Weg zur politischen
Gleichberechtigung der Frauen in Bremen, 1991, 85–96. Im Quellenteil dieser Arbeit ist auf den
Seiten 342–344 das Protokoll der Bürgerschaftssitzung vom 6. November 1918 auszugsweise
abgedruckt.
Vgl. BN vom 7. November 1918.
BN vom 7. November 1918.
BBZ vom 9. November 1918.
STAB, Senat und Inneres, V. 1 Nr. 32.
Auszug aus der Mitteilung des Senats vom 11. November 1918. Seite 841/STAB V.1. Nr. 32.
Aus dem Protokoll der Sitzung des Arbeiter- und Soldatenrates (AuSR) vom 14. November
1918, 2. Nach Absetzung von Senat und Bürgerschaft als Institutionen war der AuSR nicht
mehr lediglich Kontrollorgan, sondern die höchste politische Spitze des Staatswesens Bremen.
Die Regierungsaufgaben übernahm der „Aktionsausschuss“, der schon vorher aus den Reihen
des AuSR gewählt worden war. Vgl. Kuckuk, 1986, 70–76. Als einzige Frau gehörte Käte Ahrens
(IKD) als Mitglied des Aktionsausschusses der neuen Regierung an. Vgl. BBZ vom 9. November
1918.
In dem Bericht der BBZ vom 11. November 1918 ist von „Genossin Ziegler“ die Rede. Es handelt
sich aber mit Sicherheit um Anna Stiegler, die als SPD-Mitglied zunächst in Blumenthal aktiv
war. Während des Krieges zog sie nach Bremen und hatte sich dort der USPD angeschlossen.
S. auch Debus, 1986, 82/F 6.
Anna Stiegler (1881–1963), gesch. Vogt, geb. Behrend, Tochter einer Landarbeiterfamilie,
blieb eine Ausbildung versagt und ging so als Kinderfräulein „in Stellung“. 1905 wurde sie Mit-
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103
glied der SPD. Sie zog nach Bremen und heiratete Carl Stiegler. Sie wurde Schriftführerin der
SPD-Frauengruppe und 1918 leitete sie die Frauenversammlung während der Räterepublik.
1919 trat sie aus der SPD aus und in die USPD ein. Als deren Kandidatin wurde sie in die
Bremische Nationalversammlung (später Bürgerschaft) gewählt und blieb dort auch nach der
Vereinigung von SPD und USPD bis 1933 Abgeordnete. Ab 1924/1925 war sie Sprecherin der
Sozialdemokratischen Frauen, die sie gegen den zunehmenden Einfluss faschistischer Kräfte
mobilisierte. Nach der Machtübernahme Hitlers organisierte sie den Widerstand unter den Sozialdemokratinnen. 1935 wurde sie wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt und nach Verbüßung der Zuchthausstrafe kam sie in das Konzentrationslager
Ravensbrück. Erst im April 1945 konnte sie das Lager verlassen.
Zurückgekehrt nach Bremen wurde sie als Mitbegründerin und Vorsitzende des Bremer Frauenausschuss wieder in der SPD aktiv. Sie übernahm erneut die Leitung der Frauengruppe in
der SPD. An dieser Aufgabe hielt sie fest, bis sie schließlich 1963 ihre Funktion als Leiterin der
Frauenarbeit aufgab. Im selben Jahr starb sie. Aus diesem Anlass fand am 28. Juni 1963 ein
offizieller Staatsakt statt.
91 Im Arbeiterrat und in der Räterepublik finden sich nur die Namen von drei Frauen in den
Leitungsgremien: Käthe Ahrens, Gesine Becker und Minna Otto. Alle drei waren Mitglieder
der Gruppe Internationale Kommunisten Deutschlands (IKD). Keine andere Organisation der
Arbeiterbewegung hatte Frauen in den Arbeiterrat entsandt. Vgl. Hannover-Drück, 1991, 1-5.
92 Die Zitate stammen aus dem Versammlungsbericht der BBZ vom 11. November 1918.
93 Protokoll des AuSR vom 19. November 1918.
94 Der AuSR hatte am 14. November bekannt gegeben: „Der Arbeiter- und Soldatenrat hat die
Ausübung der politischen Gewalt im Bremer Stadtgebiet übernommen. Senat und Bürgerschaft bestehen nicht mehr.“ Aus dem Protokoll der Sitzung des Arbeiter- und Soldatenrats in
Bremen, Sitzung November 1918, Seite 2-3.
95 Diese Erläuterungen stammen aus Toni Senders in englischer Sprache verfassten autobiographischen Schrift „The Autobiography of a German Rebel“ aus dem Jahr 1939. Das Buch wurde
erst 1981 ins Deutsche übersetzt. Sender, 1981, 124.
Toni Sender (1888–1964), hatte sich früh von ihrem wohlhabenden jüdischen Elternhaus
getrennt und der Arbeiterbewegung angeschlossen. Sie war eine aktive Kriegsgegnerin und
hatte an der von Clara Zetkin einberufenen Berner Konferenz teilgenommen. Seit 1917 war
sie Mitglied der USPD, 1919 wurde sie Mitglied des Arbeiterrates in Frankfurt am Main. Von
1920 bis 1933 war sie Reichstagsabgeordnete der SPD. Obwohl schon früh von den Nazis als
Linke und Jüdin verfolgt, trat sie immer wieder als Rednerin gegen die Nationalsozialisten auf.
Einen ihrer letzten Auftritte hatte sie in Bremen zur Kundgebung anlässlich des Internationalen Frauentages vom 22. Februar 1933. Danach emigrierte sie in die USA, wo auch die oben
zitierte Biographie entstand. Sie war seit 1949 Vertreterin des Internationalen Bundes Freier
Gewerkschaften bei den Vereinten Nationen und lebte bis zu ihrem Tod in den USA.
96 Protokoll des Arbeiter- und Soldatenrates vom 22. November 1918.
97 BBZ vom 27. November 1918.
98 Kuckuk, 1969, 19.
99 BBZ vom 4. Januar 1919.
100 Brem. Statist. Landesamt (Hrsg.): Wahlen zur Bremischen Nationalversammlung am 9. März
1919, Bremen, 1919,1, zit. in: Schmitter, 1991, 350.
101 Kuckuk, 1969, 30.
102 Wahlordnung der Provisorischen Regierung Bremens vom 10. Februar 1919, zit. in: Schmitter
1991, 350.
4.
Die
Internationalen
Frauentage
der USPD
1917–1922
106
Die Internationalen Frauentage der USPD
Die folgenden Kapitel beschäftigen sich mit der Frage, wie nach der Spaltung der deutschen Sozialdemokratie die Ideen der sozialistischen Frauenbewegung und deren Erbe,
der Internationale Frauentag, in den drei Parteien der Arbeiterbewegung in die jeweils
eigene Frauenarbeit eingeordnet wurden. Zunächst geht es um die Frauenpolitik und die
Internationalen Frauentage der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD).
Durch das Vorgehen der SPD-Führung gegenüber der linken Opposition in Bremen
und auch in einigen anderen Orten alarmiert, lud der Vorstand der Sozialdemokratischen
Arbeitsgemeinschaft (SAG) die OppositionsvertreterInnen aller Schattierungen aus dem
ganzen Reich zum 7. Januar 1917 nach Berlin ein. Dort sollte über eine Perspektive beraten
werden, wie es in der Auseinandersetzung mit dem Parteivorstand und seiner Politik weitergehen sollte. Nach langer Diskussion wurde beschlossen, dass die Oppositionsgruppen
in Zukunft enger zusammenarbeiten sollten und die einzelnen GenossInnen sollten unter
den Parteimitgliedern werben, um „in geeigneter Weise einen Zusammenschluss herbeizuführen“.1
Diese Konferenz und die dort getroffene Vereinbarung nutzte die SPD-Führungsspitze
zum Eingreifen. Am 18. Januar trat der Parteiausschuss zusammen. Die Mehrheit des
Ausschusses erklärte, dass die Arbeitsgemeinschaft eine „Sonderorganisation“ geschaffen
habe, die die SPD in den eigenen Reihen nicht akzeptieren werde. Die zuständigen Parteigliederungen wurden verpflichtet, die Linken aus der Partei zu entfernen.2
Nach diesem Rauswurf musste sich die Opposition eine eigene Organisation schaffen. Ostern 1917 trafen sich in Gotha linke Oppositionelle zum Gründungskongress der
Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD). „Es war offensichtlich
unsere Pflicht, dem Friedenswillen der hungernden Millionen Ausdruck zu verleihen.“ Mit
diesen Worten fasste die Sozialistin Toni Sender, die seit dem Kriegsausbruch gegen die
Kriegspolitik der SPD agitiert hatte, das Motiv für die Parteigründung zusammen.3
Auf dem Parteitag wurde offenkundig, dass viele der politisch aktiven Frauen der SPD
der Antikriegsbewegung angehörten. Die Frauen sahen in der Parteigründung eine Chance, die Arbeit der sozialistischen Frauenbewegung fortzusetzen und forderten deshalb
eine stärkere Berücksichtigung der Fraueninteressen.
Doch blieb den USPD-Frauen nur eine kurze Zeitspanne, um ihre Ideen zur Frauenpolitik und zum Internationalen Frauentag zu realisieren. Denn schon im Dezember 1920
spaltete sich die Partei. Die Linke der USPD vereinigte sich mit der KPD. Die übrig gebliebene Partei fand zwischen der KPD und der SPD keinen eigenen politischen Platz. So
näherte sich die USPD wieder der SPD an und 1922 vereinigten sich USPD und SPD zur
Vereinigten Sozialdemokratischen Partei Deutschland (VSPD).4 Doch trotz der nur fünfjährigen Geschichte gelang es den Frauen, eine eigene Frauenbewegung innerhalb der
Partei aufzubauen und den Internationalen Frauentag als politischen Agitationstag neu
zu beleben.
Mit der Darstellung der Initiativen der Gründungsfrauen auf dem Parteitag der USPD
in Gotha beginnt das Kapitel. Die Frauen sahen sich selbst in der Tradition der sozialistischen Frauenbewegung der Vorkriegszeit, und deren politische Ziele sollten in der neuen
Partei aufgenommen und weiterverfolgt werden. In diesem Kontext spielte der Internationale Frauentag eine zentrale Rolle. Er war Symbol für eine eigenständige Frauenbewegung
und zugleich Medium, mit dem die Frauen ihre Forderungen und politischen Ziele zum
Ausdruck bringen konnten. Angesichts der Bedeutung, den der Frauentag für die USPDFrauen hatte, fällt auf, dass in Bremen nur in den Jahren 1919 und 1920 Frauentagsveranstaltungen stattfanden. In der Schilderung über die Bremer Frauenarbeit der USPD steht
1917–1922
107
die Darstellung der beiden Versammlungen im Mittelpunkt. Zugleich wird der Frage nachgegangen, was die USPD-Frauen in Bremen daran gehindert hat, den Frauentag durchgehend durchzuführen.
Die Gründung einer zweiten Arbeiterpartei
Gründungskongress in Gotha 1917:
Frauen ergreifen die Initiative
An der Gothaer Gründungsversammlung der USPD im Jahr 1917 nahmen Delegierte aus
91 sozialdemokratischen Wahlkreisorganisationen und 15 Reichstagsabgeordnete teil. Darunter befanden sich eine ganze Reihe profilierter Frauen der alten Sozialdemokratie. Sie
hatten sich als aktive Kriegsgegnerinnen der innerparteilichen Opposition angeschlossen.
Mit ihrer Beteiligung am Aufbau einer radikalen, linken Partei wollten sie auf die Entwicklung der Politikkonzepte im Interesse der Frauen Einfluss nehmen. Luise Zietz fasste
die Erwartungen zusammen: „Ich bin stolz und glücklich, daß die Frauen zur Opposition gehören. Die Belohnung dafür ist mir durch den Hinauswurf geworden. Ich habe die
Hoffnung, daß die Forderungen der Frauen jetzt anders bewertet werden als in der alten
Partei; denn immer und immer wieder sind meine Anträge im Parteivorstand aufgeschoben und abgelehnt worden.“5 Zunächst waren die Frauen bemüht, in den Parteistrukturen
eigene Gestaltungsräume für die Frauenarbeit zu schaffen. So wurde beschlossen einen
Reichsfrauenausschuss als zentrale Schaltstelle für die Koordinierung der Frauenarbeit
einzurichten, dessen Vorsitz Luise Zietz übertragen wurde. Sie wurde zugleich in den
Parteivorstand gewählt.
Aber die Frauen beschäftigten sich nicht nur mit politischen Erklärungen und Organisationsfragen, sondern wandten sich auch konkreten Projekten zu. Nachdem sich die
SPD durch Beschluss des Parteiausschusses vom Internationalen Frauentag verabschiedet
hatte – wie im vorherigen Kapitel dargestellt –, ergriffen die USPD-Frauen die Initiative. Sie
stellten auf dem Parteitag den Antrag, den Internationalen Frauentag im Mai 1917 unter
der politischen Leitung der USPD durchzuführen. Im Mittelpunkt der Agitation sollte das
Frauenwahlrecht, die Durchsetzung von Schutzgesetzen für Arbeiterinnen und Mütter
und die Forderung nach Frieden stehen. Nachdem der Antrag angenommen worden war,
erklärte Luise Zietz abschließend: „Das Wahlrecht ist für uns eine Waffe, um alles erobern
zu helfen, was wir brauchen und was wir verlangen. Wenn sie heimkommen, bitte ich Sie,
mit allen Kräften für den Frauentag zu wirken.“6
Der Aufbau einer USPD-Gruppe in Bremen
In Bremen konnte sich erst im Mai 1917 eine Ortsgruppe der USPD gründen. Denn die
Gruppe um Alfred Henke, die der USPD beitreten wollte, musste sich zunächst aus dem alten Ortsverein abspalten, da die Linksradikalen einen Anschluss an die USPD ablehnten.
So war die Gruppe im Mai noch mit ihrer Konstituierung befasst – an eine Veranstaltung
zum Internationalen Frauentag war nicht zu denken.
Von Beginn an stand die Parteigruppe unter der Beobachtung der Militärbehörden,
die solche „offene Konstituierung staatsfeindlicher politischer Gruppen“ – wie sie es
108
Die Internationalen Frauentage der USPD
nannten – mit allen Mitteln zu unterbinden suchten. Alfred Henke erhielt Redeverbot.
Bei der Polizeidirektion Bremen ging eine Anweisung des Obermilitärbefehlshabers aus
Berlin ein, der die Dienststelle verpflichtete, das Verbreiten von Flugblättern und Aufrufen der USPD zu verbieten, „gegebenenfalls gegen ihre Verbreitung einzuschreiten“.
Dem Schreiben wurde die Abschrift des Aufrufs der Zentralleitung der USPD beigefügt.
In diesem Flugblatt von April 1917 wurde unter anderem auch auf den Frauentag im Mai
hingewiesen: „Auf dem Frauentage werden die Frauen die Forderung erheben für ihre
Gleichberechtigung, für ihren und ihrer Kinder Schutz, für die Beendigung des entsetzlichen Kriegsgemetzels.“ Nach Auffassung der Militärbehörden störten solche Aufrufe den
Burgfrieden und die Unabhängige Sozialdemokratie versuche mit solchen Appellen „Einfluß auf die Kriegführung zu gewinnen“.
Geheimbericht des Obermilitärbefehlshabers an die Bremer Polizeidienststellen.7
Öffentliche Versammlungen wurden der Partei grundsätzlich verboten. Die erste genehmigte Versammlung fand erst am 4. November 1918, am Vorabend der Revolution statt.
Angesichts der Verfolgungsmaßnahmen der Militärbehörden konnte sich die Gruppe kaum
öffentlich betätigen und politischen Einfluss gewinnen. Der USPD-Ortsverein zählte am 1.
April 1918 nur 182 Mitglieder und zum Zeitpunkt der Revolution waren es 262.8 Unter den
politischen Verhältnissen und mit den wenigen weiblichen Mitgliedern war es den Frauen
auch im Jahr 1918 nicht möglich, zum Frauentag eine Veranstaltung zu organisieren.
Erst mit den revolutionären Ereignissen in Bremen traten die USPD-Frauen in Erscheinung und konnte sich die Frauenarbeit entwickeln.
1917–1922
109
Die Frauentage der USPD-Frauen
in Bremen – 1919 und 1920
„Die Frauen im Befreiungskampf der Arbeiterschaft“
Bereits in den revolutionären Wochen der Räterepublik gehörte Anna Stiegler zu den aktiven Frauen der USPD. Sie leitete die Frauenversammlung, die der Arbeiter- und Soldatenrat für den 11. November 1918 einberufen hatte und kandidierte auf der Liste der USPD
für den Arbeiterrat im Januar 1919.9
Nach der Niederschlagung der Bremer Räterepublik im Februar 1919 berichtete die
Bremer Arbeiter-Zeitung (BAZ) 10, die lokale Parteizeitung des USPD, über Aktionen von
USPD-Frauen. Am 20. Februar versammelten sich Frauen in Gröpelingen, eine andere
Gruppe traf sich im Gewerkschaftshaus zum Thema „Die Frauen im Befreiungskampf der
Arbeiterschaft“. Leider liegen über die Treffen keine Berichte vor. Die folgenden Wochen
waren angefüllt mit Wahlkampfagitation. Denn für den 9. März waren Wahlen zur Bremer
Nationalversammlung anberaumt worden. Zum ersten Mal wurde das Bremer Landesparlament, die Bürgerschaft, nach dem allgemeinen, freien und gleichen Wahlrecht gewählt.
Um die Stimmen der Bremerinnen warben alle Parteien. Die Arbeiterparteien räumten
den Genossinnen vorderste Plätze auf ihren Kandidatenlisten ein. In einer Reihe von Presseappellen rief die Bremer Arbeiter-Zeitung die Frauen zur Wahl der USPD auf:
„Frauen und Mädchen!
Die unabhängige sozialdemokratische Partei ist seit ihres Bestehens für Eure Gleichberechtigung eingetreten!
Die unabhängige sozialdemokratische Partei wird auch in Zukunft immer die Wahrung Eurer Interessen im Auge haben!
Die unabhängige sozialdemokratische Partei war und ist grundsätzliche Gegnerin
des männermordenden Krieges, der Euch Frauen und Mädchen um alles beraubt
hat.
Die unabhängige sozialdemokratische Partei ist der Ausbeutung des Menschen
durch den Menschen feind und kann Euch allein aus Euren Fesseln erlösen.
Frauen und Mädchen, prägt Euch bis zum Wahltage die Namen ein, die am Anfang
der Wahlliste der unabhängigen sozialdemokratischen Partei stehen:
Alfred Henke — Alwin Kerrl — Frau Stiegler
Anna Stiegler gehörte zu den drei SpitzenkandidatInnen der USPD.11
Für die Popularität einer Politikerin war es von entscheidendem Vorteil, wenn sie in die
„Troika“ der SpitzenkandidatInnen aufsteigen konnte, dann wurde sie bei jedem Wahlaufruf, auf jedem Plakat erneut genannt. Damit konnten sich die Frauen in der Öffentlichkeit
bekannt machen.
Anna Stiegler gehörte zu den achtzehn weiblichen Abgeordneten, die erstmals am 4.
April 1919 im Bremer Parlament Platz nahmen.12
110
Die Internationalen Frauentage der USPD
1919: Wieder ein Internationaler Frauentag in Bremen
Am 1. April 1919, kurz vor dem Internationalen Frauentag am 11. April, erschien die erste
Nummer der neuen Frauenzeitung der USPD: Die Kämpferin.
Die Kämpferin.13
Seit 1910 hatte die Forderung nach dem Frauenwahlrecht den Inhalt der Internationalen
Frauentage bestimmt. Jetzt, im Jahr 1919, saßen die ersten weiblichen Abgeordneten in
den Parlamenten. Trotzdem wollten die Unabhängigen Sozialdemokratinnen auf „ihren“
Kampftag nicht verzichten. Deshalb rief Luise Zietz in der neuen Frauenzeitung die Frauen auf, in den Zeiten der revolutionären Umbrüche den Blick in die Zukunft zu richten und
damit dem Frauentag eine neue Perspektive zu geben: „Unser heutiger Frauentag gilt der
Demonstration für die Verwirklichung des Sozialismus.“ Denn nur im Sozialismus „wird
[…] erst voll gewertet werden, was die Frauen als Arbeiterinnen und vor allem, was sie als
Mütter leisten.“ Der Kampf für diese Zukunft erfordere, so Zietz, den Zusammenschluss
der Internationale sozialistischer Frauen: „Über Grenzpfähle hinweg reichen wir unseren
Schwestern in allen Ländern unsere Hände entgegen.“14
Damit war die neue Richtung für die Internationalen Frauentage der USPD bestimmt
und Luise Zietz fasste am Schluss ihres Beitrags zum „Revolutions-Frauentag 1919“ die
wichtigsten Punkte zusammen: „Unser Frauentag muß deshalb werden ein leidenschaftliches Bekenntnis zum Sozialismus und zur internationalen Solidarität.“15 „Sozialismus und
internationale Solidarität“ wurde der Leitspruch für die Frauentage der USPD.
In dem Aufruf zur Frauenversammlung in Bremen wurden Frauen und Mädchen „zur
freudigen Mitarbeit am Neubau der Gesellschaft“ aufgerufen.
1917–1922
111
„In ganz Deutschland ein Frauentag“ – und auch in Bremen wieder eine „öffentliche
Frauenversammlung“ am 11. April 1919.
Die BAZ berichtete am 14. April über den Verlauf der Veranstaltung. Zunächst hatte die
Rednerin von ihren Erfahrungen in den Revolutionskämpfen zu Beginn des Jahres 1919
in Hamburg und über Aktionen der USPD gegen die Unregelmäßigkeiten bei der Lebensmittelverteilung berichtet. Sie wies darauf hin, dass es der Partei durch ihr engagiertes
Eingreifen gelungen sei, ihre Mitgliederzahl von 800 auf 3.000 zu erhöhen.
Nach dem Vortrag kam es zu einem hitzigen Wortwechsel mit Käte Ahrens, einer Vertreterin der Kommunisten. Käte Ahrens war vielen Anwesenden gut bekannt. Sie hatte
sich in der Räterepublik engagiert und war Herausgeberin der Kommunistischen Zeitung
Arbeiterpolitik. In der BAZ wurde ihr Auftritt recht kritisch beurteilt: Die „Genossin Ahrens glaubte in einer Mitgliederversammlung der Kommunistischen Partei zu sein, denn
sie hielt eine der schärfsten Brandreden gegen die USPD.“ Dagegen erhob sich stürmischer
Widerspruch. Die Referentin erwiderte in scharfen Worten. Auch sie bekenne sich zu den
kommunistischen Zielen, „aber leider müsse gesagt werden, daß viele sich Kommunisten
112
Die Internationalen Frauentage der USPD
nennende nur noch Putschisten seien“.16 Die ideologischen Kämpfe zwischen den Unabhängigen Sozialdemokraten und den Kommunisten über den richtigen politischen Weg
wurden auch zwischen den Frauen ausgetragen.
Doch die Teilnehmerinnen beschäftigten konkrete Nöte und Sorgen. Vor zwei Monaten war die Räterepublik mit Waffengewalt niedergeschlagen worden. Die provisorische
Regierung aus Vertretern der Mehrheitssozialdemokraten hatte den Belagerungszustand
verhängt, das Militär war allgegenwärtig, die Regierung trieb die Angst vor der Erneuerung
einer Räterepublik um. Gleichzeitig dauerten Lebensmittelknappheit, Rationierungen und
Preiswucher weiterhin an. Die Empörung gegen die Bremische Regierung wuchs, es kam
zu Streiks und Demonstrationen.17 Diese Situation bestimmte den Inhalt von zwei Resolutionen, die die Frauenversammlung verabschiedete.
Darin wurde die Aufhebung des Belagerungszustands verlangt, und die Entwaffnung
der Bürgerwehr, die Auflösung der Freicorps gefordert. Dafür sollten die „wirklich sozialistischen Arbeiter“ bewaffnet werden. Außerdem sollten die Unterstützungszahlungen für
die Hinterbliebenen der Revolutionsopfer und die Unterstützungssätze für die Kriegerwitwen und Waisen wesentlich erhöht werden. Als wirklicher Ausweg aus der Krise wurde
„die schleunigste Sozialisierung“ gefordert. Die zweite Resolution richtete sich gegen die
Belegung der Schulen durch das Militär, dessen Rückzug verlangt wurde, damit endlich
der volle Unterricht wieder aufgenommen werden könne. Diese Resolutionen richteten sich
gegen die immer noch bestehenden Zwangsmaßnahmen, erhoben soziale Forderungen
und waren ein Aufruf zum Handeln.
Zwei Tage nach der Frauenveranstaltung trafen sich die Vertrauensleute der bremischen
Betriebe im Gewerkschaftshaus. Dort wurde eine fast gleichlautende Resolution verabschiedet und als Ultimatum an den Senat geschickt. Als dieser nicht darauf reagierte, wurde
für Dienstag, den 15. April 1919, der Generalstreik ausgerufen. Die Unternehmer organisierten dagegen die Aussperrung der Arbeiter. Um den befürchteten Aufstand der Arbeiter zu
stoppen, ließ die Regierung am 20. April, Ostersonntag, an wichtigen Straßenkreuzungen
Stacheldrahthindernisse aufbauen: In Bremen begann das „Stacheldraht-Ostern“.18
So waren die Bremer USPD-Frauen mit ihrer ersten Frauentagkundgebung unmittelbar
in die politischen Kämpfe der Stadt einbezogen. Die unabhängigen Sozialdemokratinnen
engagierten sich in der Folgezeit in der Kommunalpolitik, sie bauten ihre Frauengruppe
weiter auf und versuchten unter den Arbeiterfrauen neue Mitglieder zu gewinnen.
USPD-Frauen organisieren zum zweiten Mal
einen Internationalen Frauentag
„10.251 (zehntausendzweihunderteinundfünfzig) Mitglieder zählte vorgestern die Ortsgruppe Bremen der USPD und ist damit nicht erst seit heute, sondern schon seit langen
Monaten die stärkste politische Parteigruppe in Bremen.“19 Mit diesen Worten leitete das
Vorstandsmitglied Franz Starker seinen Bericht über die Entwicklung der USPD ein. Allen
Widerständen zum Trotz war die USPD zu einer aktiven Ortsgruppe zusammengewachsen. Mit 1.486 weiblichen Mitgliedern betrug der Frauenanteil 17 Prozent.
Mit dem Jahr 1920 stand ein entscheidendes Wahljahr bevor. Die Wahlen für den
Reichstag und für die Bremische Bürgerschaft waren auf den 6. Juni festgesetzt worden.
Das Wahlergebnis würde entscheidend davon abhängen, wie viele Frauen der USPD ihre
Stimme gaben. Deshalb wandte sich Franz Starker in seinem Artikel direkt an die Genossinnen: „Ihr Frauen habt auch noch ein reiches Arbeitsfeld. Zirka 1.500 Frauen sind mit
1917–1922
113
uns. Tausende von Frauen sympathisieren, aber sie glauben, das genügt. Es ist notwendig,
dass sich weit mehr Frauen als Kämpferinnen unseren Reihen anschließen.“20 Für den
Vorstand war es selbstverständlich, dass die Agitation unter den Frauen und das Werben
neuer weiblicher Mitglieder von den Genossinnen zu übernehmen war.
Gegen diese Einstellung der Genossen protestierten die Teilnehmerinnen auf der ersten Frauenkonferenz des Bezirks Nordwest, die am 12. Mai 1920 in Bremen stattfand. Im
Gewerkschaftshaus versammelten sich dreißig Frauen aus Bremen und den umliegenden
Städten und Gemeinden. Neben Vorträgen über die Aufgaben der Frauen bei den bevorstehenden Wahlen und über Probleme in der kommunalpolitischen sozialen Arbeit standen
die Themen Mitgliederwerbung und die Gestaltung der Gruppentreffen im Mittelpunkt der
Beratung. In den Berichten über die konkrete Arbeit wurde das Verhalten der Genossen
gegenüber den Frauen mehrfach kritisiert. Die Männer überließen nicht nur die Werbung
der weiblichen Mitglieder allein den Genossinnen, sondern versäumten es aus „selbstsüchtigen Motiven“ auch, die eigenen Ehefrauen und Töchter für die politische Arbeit zu gewinnen.
Diese Kritik wurde in einem Antrag an den Bezirksvorstand ausdrücklich festgehalten: „Es
ist die Pflicht eines jeden Genossen, mehr als bisher die Arbeit der Genossinnen zu fördern
und sie zu jeder Mitarbeit heranzuziehen.“21 Die Frauen protestierten dagegen, dass ihnen
die mühsame Kleinarbeit, die Mitgliederwerbung und die Wahlagitation unter den Arbeiterfrauen übertragen wurden und die Männer die politisch relevante Arbeit unter sich aufteilten.
Eine weitere Kritik richtete sich gegen die ungenügende Berücksichtigung der Frauenaktivitäten in der Presseberichterstattung. Dazu erklärte der Bezirkssekretär, „daß die
Bremer Arbeiter-Zeitung infolge des chronischen Platzmangels sich der Frauen weniger
annehmen könnte, als sie es gerne möchte“.22 Solchen Argumenten konnten die Frauen
kaum etwas entgegensetzen.
Deshalb waren die Frauentagsveranstaltungen besonders wichtig, denn dann war den
Frauen für ihre Forderungen und Aktionen ein Platz in den Presseorganen der Partei
gesichert. So veröffentlichte die BAZ zum Frauentag 1920 auf der ersten Seite einen Leitartikel von Bertha Braunthal.23 Sie erläuterte darin die Forderungen des Internationalen
Frauentages. Im Vordergrund standen sozialpolitische Anliegen nach durchgreifendem
Mutterschutz, dem Sechsstundentag für Frauen und Jugendliche, der Abschaffung der
Nachtarbeit und nach gleichem Lohn für gleiche Leistung.24 Über die tagespolitischen
Forderungen hinaus sollte der Frauentag „eine Kundgebung für den internationalen Sozialismus sein“.25
Auf der öffentlichen Frauenversammlung am 14. Mai standen in der Rede von Bertha
Braunthal die Bürgerschafts- und Reichstagswahlen im Mittelpunkt. Zum Schluss betonte
sie „den internationalen Gedanken der sozialistischen Frauenbewegung. Und übermittelte
die […] von Holland übersandten Schwesterngrüße zum Frauentag.“ Damit setzte die
USPD die Tradition früherer Frauentage fort, dem Gedanken der internationalen Verbundenheit unter den Frauen durch den Austausch von Grußadressen Ausdruck zu verleihen.
Nach der Rede von Bertha Braunthal meldeten sich Parteifrauen aus Bremen zu Wort
und ergänzten das Referat durch konkrete Berichte über Bremer Verhältnisse. Die Abschlussresolution fasste die sozialpolitischen Wahlkampfforderungen zusammen. Zugleich
war die Resolution Ausdruck für die internationale Verbundenheit mit „allen Frauen und
Mädchen der Erde, die auch unter dem Drucke einer sie beherrschenden Gesellschaftsschicht leiden“. Vor allem schickten die Frauen ihre schwesterlichen Grüße denen, „die im
Kampfe für die Revolution, für den Sozialismus allen voran gehen […], den Kämpferinnen
in Sowjet-Russland.“26 Diese Sätze zeigen deutlich, dass die Frauen mit großem Interesse
die Entwicklung in Russland verfolgten.
114
Die Internationalen Frauentage der USPD
Oktober 1920: Spaltung der Partei
und der Frauen
Die revolutionären Umwälzungen in Sowjet-Russland übten einen erheblichen Einfluss auf
die internationale Arbeiterbewegung aus. Besonders in Deutschland wurde die Errichtung
einer Räterepublik nach russischem Vorbild nicht nur in der neu gegründeten KPD diskutiert. Auch innerhalb der USPD forderten Mitglieder und Funktionäre, dass sich die Partei
der gerade entstandenen kommunistischen Weltbewegung, der Dritten Internationale, anschließen sollte. Der Streit über die Beitrittsfrage wurde zur Zerreißprobe für die USPD.
Auf dem außerordentlichen Parteitag in Halle/Saale sprach sich eine Mehrheit von 237
gegen 156 Delegierten für den Anschluss an die Kommunistische Internationale (KI) aus.
Auch von den 41 stimmberechtigten Teilnehmerinnen stimmten 21 für den Beitritt. Die
USPD (Linke), zu der auch Bertha Braunthal gehörte, schloss sich auf dem Vereinigungsparteitag vom 4. bis 7. Dezember in Berlin mit der KPD zur VKPD zusammen.27
Die bei der Abstimmung unterlegene Minderheit verließ den Parteitag und ging an den
mühsamen Neuaufbau. Luise Zietz wurde wieder Mitglied im Vorstand, Anna Nemitz und
Mathilde Wurm wurden zu Beisitzerinnen gewählt. Für die USPD Bremens bedeutete die
Spaltung einen Verlust von etwa 3.000 Mitgliedern.28
Doch der Ortsverein arbeitete weiter. Von den
„tätigen Genossinnen“ trat keine zur KPD über.
Wie dem Versammlungsanzeiger der BAZ zu
entnehmen war, traf sich die Frauengruppe weiterhin.
Veranstaltungshinweis in der BAZ vom 10. November 1920.
Doch die Partei hatte den Schwung der ersten Jahre eingebüßt. Die Mitgliederzahl sank.
„Hatte es in Bremen Anfang 1920 noch 11.000 Mitglieder gegeben […], so war die Zahl
1922 auf 6-7.000 gesunken.“29 Es wurde sichtbar, dass sich zwischen der erstarkten KPD
und der MSPD eine dritte Arbeiterpartei nicht behaupten konnte. Die Frauen konzentrierten sich auf ihre Gruppentreffen und auf die Arbeit in der Bremer Bürgerschaft. Da von der
Parteileitung und den Führungsfrauen keine Impulse kamen, fanden in den Jahren 1921
und 1922 auch keine Frauentagsveranstaltungen in Bremen mehr statt. Es war ein Rückzug in Raten. Gleichzeitig näherten sich MSPD und USPD einander an. Am 5. Oktober
1922 tagte der Ortsverband der USPD und beschloss die Vereinigung mit der MSPD. Sichtbares Zeichen für die Vereinigung wurde die Zusammenlegung der beiden Presseorgane.
Die Bremer Arbeiter-Zeitung (USPD) und das Bremer Volksblatt (SPD) stellten zum 1.
Oktober ihr Erscheinen ein und seitdem gab es die Bremer Volkzeitung (BVZ).30 Am 9.
1917–1922
115
Oktober wurden die Frauen und Mädchen aufgerufen: Werdet Mitglied in der Vereinigten
Sozialdemokratischen Partei Deutschlands!
„Die Spaltung und der unglückselige proletarische Bruderkampf hat in der Tat viele
Arbeiterfrauen abgeschreckt, sich in der Arbeiterbewegung einzureihen. Die sozialistische
Arbeiterbewegung ist jetzt wieder geeint. […] Kann es da für die Arbeiterfrauen und -mädchen noch eine Frage geben, wo sie hingehört? Sie müssen, wenn sie nicht Verrat üben
wollen an der proletarischen Sache, Mitglied der vereinigten Sozialdemokratie werden
und müssen sich aus dem Bremer Parteiorgan, der Bremer Volkszeitung, die politische
Schulung holen, die sie befähigt, selbständig denkend an die politischen Fragen und an
die Fragen des Frauenlebens heranzugehen.“31
Am 15. Oktober 1922 fand die feierliche konstituierende Generalversammlung der
VSPD Bremen im großen Saal der Centralhallen statt.
Die Centralhallen – ein zentrales Versammlungsgebäude, in dem seit 1926 auch Frauentagsveranstaltungen stattfanden.32
In der Frauenbeilage der BVZ vom 20. Oktober 1922 fasste die sozialdemokratische
Reichstagsabgeordnete der SPD und Leiterin der SPD-Frauenzeitung Die Gleichheit Clara
Bohm-Schuch, die Stimmung unter den Frauen zusammen: „Nicht mit lauten Jubelfanfaren begrüßen wir diesen Tag, dazu liegt zu hartes Erleben hinter uns, zu schwere Zeit
vor uns. Aber eine starke stolze Freude steht über allem: wir haben Frieden geschlossen;
wir sind wieder die Sozialdemokratische Partei.“33 In diesem kurzen Artikel drückte sich
die Ambivalenz aus, mit der die Frauen den Vereinigungsprozess begleiteten. Einerseits
entstand wieder eine große Partei und aktive Frauen kehrten in die Partei zurück, andererseits hatten die Frauen in beiden Organisationen ein eigenes Profil entwickelt, oft
in bewusster Abgrenzung zur anderen Frauengruppe. Diese Hürden mussten erst noch
genommen werden.
116
Die Internationalen Frauentage der USPD
Zwischenbilanz
Die Gründungsfrauen der USPD erklärten von Beginn an, dass sie an den politischen Zielen der sozialistischen Fraueninternationale festhalten und diese weiterentwickeln wollten.
Auch in der politischen Praxis setzten sie deren Tradition fort. Mit dem Beschluss des
Gothaer Parteitages, dass im Mai 1917 der Internationale Frauentag stattfinden sollte –
nachdem ihn die SPD-Führung abgesagt hatte –, übernahmen die unabhängigen Sozialdemokratinnen das zentrale Symbol der sozialistischen Frauenbewegung und sorgten dafür, dass die Kontinuität des Frauentages in Deutschland gewahrt blieb.
Mit der Erringung des Frauenwahlrechts war die zentrale Forderung des Beschlusses
von Kopenhagen erfüllt. Doch der Internationale Frauentag hatte in den Augen der Frauen
in der Zwischenzeit eine Bedeutung erlangt, die weit über den begrenzten Anlass hinausging. Er war zum Symbol der internationalen sozialistischen Frauenbewegung geworden
und wurde zum Medium, mit dem die Frauen ihre konkreten Ziele und Forderungen zum
Ausdruck bringen konnten. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Phase der Umbrüche
lautete ihr Motto: „Für Sozialismus und internationale Solidarität.“
Es war das erklärte Ziel der Frauenpolitik der USPD-Frauen, dass der Frauentag wieder zum einigenden Band zwischen den sozialistischen Frauenbewegungen der einzelnen
Länder werden sollte. Gegen den im Krieg erzeugten Völkerhass galt es, „auf unseren
Frauentagen unsere internationale Gesinnung zum Ausdruck zu bringen“.34 Die erneuerten Kontakte zwischen den sozialistischen Frauenorganisationen manifestierten sich im
gegenseitigen Austausch von Grußadressen. Das Verlesen dieser internationalen Botschaften gehörte zu den feststehenden Ritualen der Veranstaltungen wie die Resolutionen und
das gemeinsame Singen revolutionärer Lieder.
Die Frauentage der USPD bildeten die Brücke zwischen der sozialistischen Frauenbewegung vor dem Ersten Weltkrieg und den Frauentagen der KPD und SPD in der Weimarer Republik. Das wurde auch in den persönlichen Biografien sichtbar. 1920 trat eine
Gruppe der USPD-Frauen zur KPD über und übernahm dort erneut Führungsaufgaben in
der Frauenarbeit. Die USPD-Frauen wurden nach ihrem Eintritt in die SPD die treibenden
Kräfte, in der SPD den Internationalen Frauentag durchzusetzen.
1917–1922
117
Anmerkungen
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
Protokolle der USPD-Parteitage, Bd. I, 1975, Parteitag in Gotha 1917, Anhang, 97–99, Zitat, 98,
Abstimmung, 118.
Protokolle der Sitzungen des Parteiausschusses, Nachdrucke, Bd. 1, Beschluss, [429]. Zu dieser
Parteiausschusssitzung s. auch: Kap. 2, Abschnitt „Die Spaltung“.
Vgl. Sender 1981, 87.
Vgl. Krause, 1976, 99–103.
Protokoll USPD-Parteitag Gotha, 1975, Bd. 1, 31–32.
Protokoll USPD-Parteitag Gotha, 1975, Bd. 1, 71.
Kriegsakten der Polizeidirektion, STAB 4,14/1-Kr.A.14.b.Nr.9.
Vgl. Lucas, 1969, 93–94.
Vgl. Hannover-Drück, 1991, 50.
Seit 1918 gab die USPD Bremens eine eigene lokale Parteizeitung, die Bremer Arbeiter-Zeitung
(BAZ), heraus.
BAZ vom 3. März 1919.
Vgl. Hannover-Drück, 1991, 50.
Die Kämpferin vom 1. April 1919.
Auszug aus der zentralen Resolution zum Frauentag 1919, in: Die Kämpferin vom 3. Juni 1919,
79.
Zietz, Der Revolutions-Frauentag, in: Die Kämpferin Nr. 1 vom 1. April 1919, 4.
BAZ vom 14. April 1919.
Vgl. Schwarzwälder, 1983, Bd. 3, 92–103.
Vgl. Schwarzwälder, Bd. 3, 233–235.
BAZ vom 3. März 1920.
BAZ vom 3. März 1920.
BAZ vom 14. Mai 1920.
BAZ vom 14. Mai 1920.
Bertha Braunthal (1887–1967) stammte aus einer jüdischen Familie in Wien. Während des
Ersten Weltkrieges arbeitete sie in einer Fabrik in den Niederlanden. Von dort kam sie nach
Berlin. Sie wurde Mitglied in der USPD und im Dezember 1919 in das Sekretariat des Zentralkomitees gewählt, wo sie die Propagandaarbeit unter den Frauen leitete. 1920 schloss sie sich
auf dem Spaltungsparteitag der Mehrheit an und trat zur KPD über. Auf dem Vereinigungsparteitag zur VKPD 1920 wurde sie zur Leiterin des Frauensekretariats bestimmt, wobei ihr das
Amt mit der Übernahme der Parteiführung durch die radikale Linke wieder entzogen wurde.
Sie arbeitete dann bis 1933 bei der Zeitschrift der Kommunistischen Internationale „Inprekorr“
in Berlin und danach in London. Nach Auflösung der Internationale 1943 war sie als Übersetzerin für die Kommunistische Partei Großbritanniens tätig. Berta Braunthal starb 1967 in
Großbritannien. Vgl. Weber/Herbst, 2004, 123–124.
In dieser Aufzählung waren die Forderungen zusammengefasst, deren Durchsetzung zentrales Anliegen der Frauenorganisationen aller Arbeiterparteien in der Weimarer Republik war.
Die Verwirklichung dieser Forderungen wurde als Voraussetzung dafür angesehen, dass die
Proletarierinnen Berufs- und Familienarbeit unter dem Kapitalismus vereinbaren konnten.
Schwarzwälder, Bd. 3, 1983, 194–195.
BAZ vom 7. Mai 1920.
BAZ vom 17. Mai 1920.
Vgl. Protokoll USPD-Parteitag, Halle, Bd.3, 1975, 257–261.
Vgl. Schwarzwälder, Bd. 3, 1983, 193.
Schwarzwälder, Bd. 3, 1983, 194.
Vgl. Schwarzwälder, 1983, Bd. 3, 194, 195.
BVZ vom 9. Oktober 1922.
118
32
33
34
Die Internationalen Frauentage der USPD
Das Gebäude der Centralhallen existiert heute nicht mehr. Es befand sich in der Nähe des
Hauptbahnhofs. STAB 10, B, um 1900.073.
BVZ vom 20. Oktober 1922.
BAZ vom 7. Mai 1920.
5.
Die
Internationalen
Frauentage
der SPD
1917–1933
120
Die Internationalen Frauentage der SPD
Nach dem Ausschluss der Opposition stand die Parteiführung der Mehrheitssozialdemokraten, der MSPD, vor dem Problem, dass die entscheidenden Persönlichkeiten der Frauenbewegung die Partei verlassen hatten. Die verbliebenen Genossinnen mussten wieder
zusammengeführt und neue Funktionärinnen für die Leitung gefunden werden. Diesem
Ziel diente die Reichskonferenz der sozialdemokratischen Frauen, die am 7. und 8. Juli
1917 in Berlin stattfand.
50 Delegierte aus 38 Parteibezirken nahmen teil. Die Tagesordnung umfasste die Themen: Die Frau in der Kriegswirtschaft, Agitation, das Frauenwahlrecht. Die Referentinnen
der Tagung waren Marie Juchacz und Wally Zepler1. Beide hatten die politische Linie des
Parteivorstandes während des Krieges unterstützt. Vor allem Marie Juchacz hatte sich in
der Organisierung der Wohlfahrtsarbeit im Nationalen Hilfsdienst eingesetzt. Sie befürwortete ebenso wie Wally Zepler eine Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Frauen. Diese
Orientierung kam auch in den Referaten zum Ausdruck. Im Beitrag von Marie Juchacz
zum Thema „Die Frauen in der Kriegswirtschaft“ wurde die Tätigkeit in der Kriegsfürsorge noch einmal betont und die damit verbundene Zusammenarbeit mit den öffentlichen
Dienststellen und bürgerlichen Frauenorganisationen ausdrücklich unterstrichen.
Im Redebeitrag zum Frauenwahlrecht vertrat Wally Zepler die Ansicht, dass die sozialdemokratischen Frauen bisher kaum etwas für das Frauenwahlrecht getan hätten, deshalb müsse das Zusammenwirken mit den bürgerlichen Frauen angestrebt werden, die
sich wenigstens für das kommunale Frauenwahlrecht einsetzten. Wally Zepler erwähnte
die Traditionen der Sozialistinnen mit keinem Wort, die Internationalen Frauentage als
Agitationstage für das Frauenwahlrecht kamen in ihrer Rede nicht vor.2 Die Zeitschrift
Die Gleichheit, die seit dem Rauswurf Clara Zetkins vorübergehend von Männern aus
dem Parteivorstand geleitet wurde, erschien mit einer Sonderbeilage zur Konferenz. Dort
wurde der neue Stil in der sozialdemokratischen Frauenpolitik dargestellt. Im Gegensatz
zu früheren Konferenzen sei nun auf dieser zwar „weniger schwungvoll und weniger häufig
vom Klassenkampf und vom revolutionären Sozialismus gesprochen worden“, dafür hätte
jedoch die praktische Arbeit im Dienste des Sozialismus im Vordergrund gestanden.3 Die
Sozialdemokratinnen organisierten ihre Bewegung in bewusster Abkehr von den revolutionären Konzepten der Sozialistinnen der Vorkriegszeit.
Marie Juchacz wurde kurz nach der Konferenz Mitglied im Parteivorstand und Leiterin
des Frauenbüros. Wenig später übernahm sie die Leitung der Gleichheit. Sie konnte auf
dem Würzburger Parteitag im Oktober 1917 berichten, dass die Genossinnen eine neue
Geschlossenheit zeigten und sich im „Lande überall hinter die von der Reichskonferenz
beschlossenen Resolutionen“ stellten. Für Marie Juchacz war die Konferenz „ein verheißungsvoller Auftakt zu neuer Arbeit der Genossinnen im Dienste des Sozialismus“4.
Die Frauenorganisation der MSPD folgte während des weiteren Kriegsverlaufs der Parteilinie. Sie hielt sich fern von den Brotaufständen der Proletarierinnen und artikulierte
ihre Proteste in Petitionen und Bittschriften. Sie machte klar, dass sie in der Nachkriegsgesellschaft zwischen den bürgerlichen Frauenorganisationen einen respektierten Platz
einnehmen wollte. Diese veränderte Haltung gegenüber der bestehenden Ordnung musste
sich auch in der theoretischen Ausrichtung der Frauenbewegung niederschlagen. Die Darstellung des revisionistischen Konzepts der sozialdemokratischen Frauenbewegung steht
am Anfang dieses Kapitels.
Nach Auffassung der Führungsfrauen war es erforderlich, die alte sozialistische Emanzipationstheorie einer Revision zu unterziehen. Im Rahmen einer „geschlechtsspezifischen
Aktionsstrategie“ wurde die praktische und politische Arbeit auf den Bereich der Sozialpolitik konzentriert. In der Arbeiterwohlfahrt fanden die weiblichen Mitglieder der SPD
1917–1933
121
ein eigenes Betätigungsfeld. Die politische Aktivität konzentrierte sich weitgehend auf die
parlamentarische Arbeit. Deshalb kam den Wahlkämpfen und dem Einsatz der lokalen
Frauengruppen als Wahlhelferinnen ein hoher Stellenwert zu.
Die Bremer Frauengruppe der MSPD entstand mit der Neugründung des Sozialdemokratischen Parteivereins im Dezember 1916. Diesem Verein schlossen sich eine Reihe
Frauen an, die vor allem in der Kriegsfürsorge aktiv waren. Zwar folgten sie dem Aufruf
zur Frauenversammlung, die der Arbeiter- und Soldatenrat 1918 einberufen hatte, doch
schon bald nahmen sie gegen die Rätebewegung Stellung. Die Frauen in der MSPD hatten
sich von Anfang an für das Frauenwahlrecht engagiert. Sie forderten statt einer Rätediktatur die Einführung der parlamentarischen Demokratie mit dem gleichen Wahlrecht für
Frauen und Männer.
Im zweiten Teil des Kapitels wird über die Veränderungen berichtet, die die Vereinigung
der SPD mit der USPD in der sozialdemokratischen Frauenbewegung auslöste. Im Mittelpunkt steht dabei die Entwicklung in Bremen. Unter der neuen Leiterin, Anna Stiegler,
die aus der Frauenarbeit der USPD kam, erhielt die Bremer Frauengruppe neue Impulse.
Dabei wurden die Internationalen Frauentage zu jährlichen Höhepunkten im Leben der
Frauengruppe.
In der Thematik der Frauentage 1931 und 1933 schlug sich die Auseinandersetzung mit
dem Nationalsozialismus nieder. Der Bericht über die antifaschistische Kundgebung zum
Frauentag 1933 mit der Rede Toni Senders beendet das Kapitel.
Die neuen Führungsfrauen entwickeln
ihre Politik
Nachdem die Frauen das Wahlrecht erhalten hatten, zogen 37 Frauen – darunter 19 SPDAbgeordnete – im Januar 1919 in die Nationalversammlung ein. Damit sahen die sozialdemokratischen Frauen die zentrale Forderung der Gleichberechtigung der Frau erreicht,
wie Marie Juchacz in ihrer Parlamentsrede darlegte.
Marie Juchacz sprach als erste Frau in der Nationalversammlung. 5
122
Die Internationalen Frauentage der SPD
Marie Juchacz beschrieb in ihrer programmatischen Parlamentsrede die Ansichten der
Sozialdemokratie zur Frauenfrage: „Durch die politische Gleichstellung ist nun meinem
Geschlecht die Möglichkeit gegeben zur vollen Entfaltung seiner Kräfte. [...] Ich möchte
hier sagen, daß die Frauenfrage, so wie es jetzt ist in Deutschland, in ihrem alten Sinne
nicht mehr besteht, daß sie gelöst ist. Wir werden es nicht mehr nötig haben, mit Versammlungen, mit Resolutionen, mit Eingaben um unser Recht zu kämpfen. Der politische Kampf, der immer bestehen bleiben wird, wird sich von nun an in anderen Formen
abspielen. Innerhalb des durch Weltanschauung und selbstgewählte Parteigruppierung
gezogenen Rahmens haben wir Frauen nunmehr Gelegenheit, unsere Kräfte auswirken
zu lassen. Aber damit begeben wir uns keineswegs des Rechtes, andersgeartete Menschen, Menschen zu sein. Es wird uns nicht einfallen, unser Frauentum zu verleugnen,
weil wir in die politische Arena getreten sind und für die Rechte des Volkes mitkämpfen.“6
Mit der politischen Gleichberechtigung war nach Auffassung der Rednerin die entscheidende Voraussetzung für die Emanzipation der Frau erreicht. Die wirtschaftliche und soziale Gleichstellung würden die Sozialdemokraten mit den Mitteln der parlamentarischen
Demokratie durchsetzen. Im weiteren Verlauf der Rede ging sie auf die Arbeitsfelder ein,
für die Frauen ein besonderes Interesse hätten und für „welche das weibliche Geschlecht
ganz besonders geeignet“ sei. Dazu gehörten nach ihrer Auffassung Sozialpolitik und
Wohlfahrtspflege sowie Erziehung und Volksbildung.
Die geschlechtsspezifische Aktionsstrategie
Auch in den theoretischen Positionen zur weiblichen Emanzipation gab es in der SPD
einen Richtungswechsel. Einerseits wurde weiterhin die Berufstätigkeit der Frauen als
Horizonterweiterung, als „Erziehung für das politische Leben“ bejaht, andererseits aber
dem weiblichen „Natur“-Beruf der Hausfrau und Mutter faktisch nachgeordnet. Die
außerhäusliche Erwerbsarbeit der Frau wurde nicht mehr als unabdingbare Voraussetzung für ihre individuelle und gesellschaftliche Emanzipation betrachtet. Den Erfolg
versprechenden Weg zur vollständigen Emanzipation des weiblichen Geschlechts sahen
die Führerinnen der sozialdemokratischen Frauenbewegung in einer systematischen Erweiterung des spezifisch weiblichen Kulturbereichs – im Rahmen der bestehenden Gesellschaft.
Diese „geschlechtsspezifische Aktionsstrategie“7 bestimmte die politische Praxis der
sozialdemokratischen Frauenbewegung der frühen zwanziger Jahre8. Die Zeiten von Protestversammlungen und Kampfparolen gehörten für Marie Juchacz, wie sie in ihrer Parlamentsrede betont hatte, der Vergangenheit an. Auch ein Kampftag für die Rechte der Frau
und für eine revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft hatte im neuen Politikkonzept
keinen Platz. Daher war es nur konsequent, nach 1919 keine Veranstaltungen zum Internationalen Frauentag mehr durchzuführen. Die SPD-Frauenbewegung wandelte sich von
einer proletarischen Klassenorganisation zu einer staatstragenden Reformorganisation.
Die politischen Inhalte sozialdemokratischer Frauenarbeit und die parteiinternen Diskussionen kreisten primär um Fragen der Sozialpolitik. Die Sozialdemokratinnen wandten
sich den Problemen der Arbeiterfrauen als Hausfrauen und Mütter zu. Die SPD-Führerinnen begründeten diese Schwerpunktsetzung damit, dass sich die Gewerkschaft um die
Frau als Erwerbstätige kümmere.9
1917–1933
123
Die Arbeiterwohlfahrt – Erschließung
eines Wirkungsfeldes für die Arbeiterfrauen
Innerhalb des von der „Parteigruppierung gezogenen Rahmen“, wie Marie Juchacz es in
ihrer Parlamentsrede dargelegt hatte, schufen sich die SPD-Frauen ihre Arbeits- und Aktionsfelder. Die wichtigste Initiative war die Gründung der AWO. Es war das Verdienst von
Marie Juchacz, dass sich dieses Projekt in der Partei gegen alle Bedenken und Widerstände durchsetzen konnte.10 Die neue Wohlfahrtsorganisation der SPD eröffnete vielen
Arbeiterfrauen ein Wirkungsfeld, in dem sie ihre Erfahrungen und Verbindungen aus der
Kriegsfürsorge einbringen konnten. Und die neue Aufgabe ermöglichte ihnen, sozialpolitisch in der eigenen Stadt aktiv zu sein und zugleich ihre Aufgaben als Mütter und Hausfrauen wahrzunehmen.
Doch diese Selbstbeschränkung und Separierung war auch ein „Schritt ins politische
Abseits“.11 In einer Gesellschaft, in der von der Staatsspitze bis zum Familienvorstand
Männer dominierten, wirkte sich die Orientierung auf „weibliches Wesen“ und „weibliche
Bestimmung“ zum Nachteil der Frauen aus. Die Parteiführung drängte die Frauen zunehmend an den Rand und verwies sie auf frauentypische Tätigkeitsfelder.
Die Struktur der
sozialdemokratischen Frauenorganisation
Die Frauenbewegung der MSPD war von der Parteispaltung besonders hart betroffen. Sie
verlor während des Krieges fast zwei Drittel ihrer Mitglieder.12 Erst seit der Reichsfrauenkonferenz 1917 hatte sich die Organisation wieder gefestigt. Nach Beendigung des Krieges
und dem Ende des Kaiserreiches hatten viele Arbeiterfrauen hohe Erwartungen an die
politische Gestaltungskraft der Sozialdemokraten und hofften, dass die SPD grundlegende Veränderungen in den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen herbeiführen
würde. Das spiegelte sich im Wahlergebnis zur Nationalversammlung wieder, bei der die
MSPD 37,9 Prozent der Stimmen erhielt und mit Abstand die stärkste Fraktion stellte.
Gleichzeitig traten wieder mehr Frauen in die Partei ein, was die Frauengruppen an der
Basis stärkte.
Innerhalb der Partei hatte sich der Aufbau der Frauenorganisation nach der Spaltung
nicht verändert. Die Frauen hatten auf allen Ebenen, vom Parteivorstand über die Bezirke und Unterbezirke bis in die Ortsgruppen, eigene Gremien. Allerdings verfügten diese
kaum über politische Entscheidungskompetenz. Die Aufgaben der Frauenorganisation auf
der Ebene der Bezirke, Unterbezirke und Ortsvereine regelte ein Beschluss des Parteiausschusses vom Dezember 1921: „Die den Vorständen der Ortsgruppen, Unterbezirken usw.
angehörenden Genossinnen haben die Aufgabe, die Agitation und Schulung der Frauen
zu pflegen und sind ihrem Vorstand dafür verantwortlich.“13 Damit war gesichert, dass die
männliche Funktionärsmehrheit die Kontrolle über die Frauenarbeit behielt. Inhaltlich
wurde die Arbeit der Genossinnen eingegrenzt auf das Werben weiblicher Mitglieder und
deren Schulung.
Deshalb kam den Frauenkonferenzen, angefangen von den Reichsfrauenkonferenzen,
die jeweils vor den Parteitagen stattfanden, bis zu den Bezirks- und Unterbezirkskonferenzen, besondere Bedeutung zu. Hier konnten Erfahrungen ausgetauscht und politische
124
Die Internationalen Frauentage der SPD
Strategien entwickelt werden – auch, um die Positionen der Frauen in den Parteigremien
zu stärken. Allerdings durften Frauenkonferenzen auf Bezirksebene nur von der zuständigen Parteileitung einberufen werden. Sie sollten keine „Sonderveranstaltung politischer
Natur“ werden.14
Vor allem die Reichsfrauenkonferenzen waren wichtige Foren, auf denen die Genossinnen grundsätzliche Fragen klären konnten. Sie boten die Chance, die Parteitage vorzubereiten, Absprachen zu treffen und Mehrheiten für Anträge zu organisieren. Um die
Einflussnahme durch die Frauenorganisation zurückzudrängen, wurde auf dem Parteitag
1925 beschlossen, die Reichskonferenzen der Frauen erst nach den jeweiligen Parteitagen
stattfinden zu lassen. Damit hatte die Partei den Frauen ein weiteres Stück politischer Gestaltungsmöglichkeiten genommen.
Das Bild der sozialdemokratischen Frauenbewegung prägten vor allem die Frauengruppen der Ortsvereine. Sie warben die neuen weiblichen Mitglieder, sorgten für deren
Integration in die Stadtteilgruppen und waren zuständig für die Kleinarbeit, besonders
während der Wahlkämpfe. Wie sich diese Arbeit in der Frauengruppe des Bremer Ortsvereins konkret gestaltete, wird im Folgenden geschildert.
Frauenarbeit in der Mehrheits-SPD
in Bremen – 1917 bis 1922
In Bremen hatte sich im Dezember 1916 eine eigene Ortsgruppe der Mehrheits-SPD, der
„Sozialdemokratische Parteiverein Bremen“ gegründet.15 Diese Gruppe stellte sich von
Anfang an hinter die Burgfriedenspolitik der Parteiführung. Gleich nach Kriegsbeginn
erklärten die entsprechenden Vertreter in der Bürgerschaft ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit allen Wohlfahrtsorganisationen. Auch die Frauen des Parteivereins arbeiteten mit den bürgerlichen Frauenverbänden im „Zentral-Hilfsausschuß vom Roten Kreuz16“
(ZHA) zusammen.17
Im Februar 1919 stellte sich die Parteiführung in Bremen auf die Seite der Reichsregierung und ihrer Truppen und unterstützte die Zerschlagung der Räterepublik. Anschließend bildete sie eine provisorische Regierung und ihre ersten Maßnahmen galten
der Herstellung von Ruhe und Ordnung.18 Das führte allerdings dazu, dass die MehrheitsSozialdemokraten in der Arbeiterschaft immer mehr an Vertrauen einbüßten. Bei den
Bürgerschaftswahlen vom 6. Juni 1920 sank ihr Stimmanteil auf 17,8 Prozent. „Die MSPD
erlebte 1920 bis 1922 eine Talfahrt. Die Zahl der Mitglieder betrug in Bremen 1920 nur
noch 6.600. […] Der Anteil der Frauen betrug zunächst nur etwa 12 Prozent.“19 Die Partei
hatte 1920 nur noch rund 790 weibliche Mitglieder. Unter diesen Bedingungen war es
schwierig, eine neue Frauengruppe aufzubauen.
Die Anfänge als Wahlhelferinnen
Im Jahr 1920 wurden die Genossinnen vor allem im Wahlkampf eingesetzt. Denn seit Einführung des Frauenwahlrechts war die Wahlwerbung unter den Frauen mit der Kleinarbeit
der Hausagitation den Frauen übertragen worden. Es galt, das Frauenwahlrecht unter den
Frauen bekannt zu machen und die Arbeiterfrauen davon zu überzeugen, ihre Stimme der
MSPD und ihren KandidatInnen zu geben. Die Agitation unter den Frauen war vor allem
1917–1933
125
auch deshalb wichtig, weil es als Folge des Krieges eine „zahlenmäßige Überlegenheit der
Wählerinnen [gab]“20. Der Einsatz als Wahlhelferinnen hatte Vorrang vor allen anderen
Aktionen. So fielen 1928 und 1931 die Frauentage aus, weil sich die Genossinnen auf die
Wahlagitation konzentrieren sollten.
Die Reichstagswahlen und die Wahl zur Bürgerschaft vom 6. Juni 1920 waren nach
den Wahlen zur Nationalversammlung der erste Gang zur Urne auf der Basis der neuen
Reichs- und Landesverfassungen.
In diesem Wahlkampf warben drei Arbeiterparteien um die Stimmen der Arbeiterfrauen. Die SPD berief sich in ihrer Wahlwerbung darauf, dass sie den Frauen das
Wahlrecht gebracht habe und dass die
Sozialdemokratie die wahre Verfechterin
von Fraueninteressen auch in Zukunft
sein werde.
Wahlwerbung im Bremer Volksblatt. 22
Zum 11. Mai 1920 wurde von der SPD-Frauengruppe zur Frauenversammlung in die Centralhallen eingeladen: „Frau Bohm-Schuch, Schriftleiterin der ‚Gleichheit‘ spricht um 7½
Uhr über ‚Die Frau im Wahlkampf‘.“23 Hanna Harder, Vorsitzende der Frauengruppe der
MSPD, leitete die Versammlung und Rita Bardenheuer berichtete über das politische Leben in Bremen. Beide Frauen waren Abgeordnete der MSPD in der Bremischen Nationalversammlung und Spitzenkandidatinnen der Partei zur Bürgerschaftswahl.
Die Referentin, Clara Bohm-Schuch, befasste sich vor allem mit der Regierungsarbeit
der MSPD. In der anschließenden Aussprache meldeten sich auch Vertrerinnen der Kommunistischen Partei zu Wort und griffen die Sozialdemokratinnen heftig an. Erklärtes Ziel
dieser Auftritte war es, die Politik der Sozialdemokratie als Verrat an den Interessen der
Arbeiterbewegung darzustellen und die Anwesenden von den Positionen der KPD zu überzeugen.24 Solche Kontroversen begleiteten die Frauenversammlungen der nächsten Jahre.
Dabei ging es nicht nur um ideologische Auseinandersetzungen, sondern auch darum, die
noch unentschlossenen Besucherinnen der SPD-Veranstaltung für die eigene Sache zu
gewinnen.
126
Die Internationalen Frauentage der SPD
Die SPD-Frauengruppe grenzt sich ab
gegen die Kommunistinnen
Die Frauengruppe der MSPD wollte sich absetzen von den revolutionären Aktionen und
Parolen der Kommunisten. Das wurde auch daran sichtbar, dass die Kommunistinnen in
den SPD-Frauenversammlungen eher als Störenfriede denn als Diskussionsteilnehmerinnen behandelt wurden.
In ihren Veröffentlichungen und Versammlungen vermieden die Sozialdemokratinnen
extreme und laute Töne. Es gab keine Aufrufe, die mit klassenkämpferischen Vokabeln zu
Massendemonstrationen aufforderten. Es ging um Aufklärung, Beratung und Diskussion
statt lauter Proteste. Zu dem neuen Politikstil gehörten auch veränderte Formen der öffentlichen Frauenversammlungen. Das Reichsfrauenbüro empfahl, statt politischer Kundgebungen „Frauenfeierstunden“ und „Frauenweltabende“ abzuhalten.25
Auch in Bremen waren die Funktionärinnen bemüht, den Hausfrauen mit ihren immer
noch drückenden Familiensorgen an Kulturabenden Erholung und Entspannung zu bieten.
Im Versammlungsanzeiger der BVZ vom 5. Mai 1923 wurde zum Beispiel auf eine Frauenversammlung für die Neustadt hingewiesen: „Am Montag, den 7. Mai, abends 8 Uhr, im
Schützenhof, Waidmannssaal. Vortrag des Gen. Hurrelmeyer über ‚Leben und Dichtung‘ mit
anschließenden Rezitationen. Eintritt frei. Gäste willkommen.“ In der Regel wurden bei den
regelmäßigen Gruppenabenden oder Nachmittagen keine Themen mitgeteilt. Die Frauen
trafen sich zum Gedankenaustausch und um des geselligen Beisammenseins willen.
Dieser Form der Frauenarbeit entsprachen die Frauenartikel im Bremer Volksblatt. Am
20. November 1920 hatte Hanna Harder angekündigt, dass es „von jetzt an eine Frauenbeilage“ in der Parteizeitung geben würde. Die „Frauenbeilage“ wandte sich vorrangig an
Hausfrauen und Mütter. Die Artikel waren eine Mischung aus Information, Unterhaltung
und Belehrung. Es gab Anregungen zur Kindererziehung und Informationen zur gesunden
Ernährung. Die politischen Texte behandelten Gesetzesinitiativen und Rechtsfragen oder
nahmen Stellung zu sozialpolitischen Themen in Bremen.
Die Sozialdemokratinnen
in der Vereinigten SPD – 1922 bis 1925
Die Vereinigung von USPD und MSPD
Im September 1922 wurde die Vereinigung zwischen USPD und SPD beschlossen. Auf dem
vorausgehenden Parteitag der SPD trug Johanna Reitze26, eine der führenden Frauenfunktionärinnen der Hamburger SDP, den Rechenschaftsbericht der Frauenbewegung vor. Sie
schloss mit den Worten: „Hoffnungsvoll begrüßen wir Frauen die bevorstehende Einigung
der Sozialdemokratie. (Bravo!) Die Not der Zeit muß alle Sozialdemokraten zu einer wahren Schicksalsgemeinschaft zusammenschweißen, die keine Macht wieder auseinandersprengen kann.“ 27 Es war zu spüren, dass die Sozialdemokratinnen der Vereinigung mit
gespannter Erwartung entgegensahen.
Wenige Tage später, am 24. September auf dem Vereinigungsparteitag, wurde Marie
Juchacz „als Vertreterin der sozialdemokratischen Frauen […] mit Beifall empfangen“.28 In
ihrer Stellungnahme betonte sie, dass die Einigung der sozialdemokratischen Parteien be-
1917–1933
127
sonders für Frauen wichtig sei: „Gerade [die Frauen] haben abseits gestanden, weil sie irre
sind in einer Zeit, wo die Sozialdemokratische Partei sich spaltete, wo sie auseinanderging,
wo sie auf getrennten Wegen dem gleichen Ziel zustrebte, und deshalb ist es gerade vom
Standpunkt der Frauen so sehr zu begrüßen, daß sich in dieser geschichtlichen Stunde die
Sozialdemokratischen Parteien vereinigen, vereinigen zu einer Partei, die geschlossen den
Sozialismus verwirklichen will.“29
Auch in Bremen vollzog sich die Vereinigung von SPD und USPD30. Die konstituierende Generalversammlung zur Vereinigten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands
(VSPD) wurde als Festakt am 15. Oktober 1922 begangen. Der Übergangsvorstand setzte sich aus VertreterInnen beider Parteien zusammen. In ihm waren mit Hanna Harder
(MSPD) und Anna Stiegler (USPD) jeweils die Leiterinnen der Frauengruppen beider
Parteien vertreten.
Die Frauen mussten sich nach der Spaltung wieder aufeinander zu bewegen. Über interne Auseinandersetzungen ist nichts nach außen gedrungen. Doch schon bald setzte
sich Anna Stiegler in der Frauenarbeit als Führerin durch. Sie trat als Sprecherin der
sozialdemokratischen Frauen Bremens, als Versammlungsleiterin auf. Zu den Wahlen zur
Bürgerschaft am 18. November 1923 erhielt sie den zweiten Platz auf der Liste der VSPD
und Hanna Harder landet auf Platz 1931. Hanna Harder verschwand damit aus der in der
Öffentlichkeit wahrgenommenen vordersten Reihe der Funktionärinnen. Sie konzentrierte
sich auf die Vorstandsarbeit in der AWO, das ehrenamtliche Engagement in der Jugendbehörde und ihre Arbeit als Abgeordnete der Bremischen Bürgerschaft, der sie bis 1930
angehörte.32 Doch viele Frauen haben die Umstrukturierung im Rahmen der Vereinigung
nicht akzeptiert und die Partei verlassen. „[B]ei der Wiedervereinigung der beiden Parteien [ist] die Zahl der weiblichen Mitglieder in den hiesigen Ortsvereinen um etwa 25
Prozent gesunken.“33 Zum 31. März 1924 hatte die Vereinigte SPD im Ortsverein Bremen
1.439 weibliche Mitglieder.34
Neue Impulse in der Frauenarbeit
Nach der Vereinigung wurde in der Frauenarbeit der VSPD der Einfluss der früheren
USPD-Frauen spürbar. Sie drängten darauf, die Frauenarbeit politischer zu gestalten. In
Anbetracht, dass sich die Kommunistinnen unter der Führung Clara Zetkins als Frauenbewegung bereits in der kommunistischen Internationalen organisiert hatten35, traten viele
Sozialdemokratinnen dafür ein, wieder eine internationale Gemeinschaft der Sozialistinnen zu schaffen. Die Idee einer Erneuerung der Internationale der Frauen war auch in der
USPD ein Leitgedanke gewesen. Dazu sollte im Mai 1923 mit der Gründungskonferenz
der Sozialistischen Arbeiterinternationale (SAI) der Grundstein gelegt werden. Mathilde
Wurm – ehemals Leiterin der USPD-Frauenzeitung Die Kämpferin – sah es als wichtigen
Schritt an, dass auf der Gründungskonferenz „wieder seit der internationalen Frauenkonferenz von Kopenhagen im Jahre 1910 […] die Vertreterinnen der sozialistischen Frauen
aller Länder herbeieilen, um gemeinsam mit ihren Klassengenossen zu beraten über die
Schaffung einer tatkräftigen internationalen Organisation, über gemeinsame Aktionen
gegen den Krieg“.36
Ein Erfolg war auch die Internationale Frauenkonferenz, die dem Gründungskongress vorausging. Die Frauenkonferenz tagte am 20. Mai in Hamburg unter Vorsitz der
Österreicherin Adelheid Popp und Marie Juchacz als Beisitzerin. Die Teilnehmerinnen
128
Die Internationalen Frauentage der SPD
griffen die Ideen der proletarischen Frauenbewegung vor dem Ersten Weltkrieg wieder
auf. Sie verabschiedeten eine Entschließung zur „Wiedereinführung des 1910 in Kopenhagen beschlossenen Internationalen Frauentages“. 37 Allerdings war der Wortlaut
recht unverbindlich, es wurde kein Termin festgelegt und es blieb den Ländern freigestellt, die Frauentage überhaupt durchzuführen – aber immerhin wurde ein Zeichen
gesetzt.
Die Idee, den Internationalen Frauentag auch für die Sozialdemokratinnen wieder
mit Leben zu erfüllen, wurde von den Genossinnen weiterverfolgt. Im Jahr 1925, auf dem
Parteitag in Heidelberg, konnten sie dann erste Erfolge verbuchen. Doch zunächst sahen
sich die weiblichen Delegierten des Heidelberger Parteitages 1925 damit konfrontiert,
dass die Frauenkonferenz ohne jede Diskussion an das Ende des Parteitages verschoben worden war. Es wurde „lapidar erklärt, daß die Frauenkonferenzen nunmehr nach
den Parteitagen stattfinden sollten“. 38 Damit war den Genossinnen die Möglichkeit genommen, durch gemeinsame Beratung und Beschlussfassung auf Vorkonferenzen ihre
Parteitagsauftritte vorzubereiten und damit auch politischen Einfluss auf den Parteitag
zu nehmen.
Auch aus dem Parteiprogramm, das auf dem Parteitag verabschiedet wurde, waren die
frauenpolitischen Themen fast verschwunden. Es gab keine grundsätzliche Stellungnahme
zur Frauenfrage mehr, erhalten blieben lediglich Einzelforderungen zur Verbesserung der
wirtschaftlichen Lage und zur rechtlichen Gleichstellung der Frau im Aktionsprogramm.39
Doch ließen sich die delegierten Frauen davon nicht entmutigen. Sie stellten an den
Parteitag den Antrag: „Die Durchführung regelmäßiger Frauentage ist im Interesse der
Arbeiterklasse aller Länder absolut notwendig. Auf ihnen ist an erster Stelle die Bekämpfung des Krieges zu beraten und in einem besonderen Referat zu behandeln.“40 Der Antrag wurde an den Parteivorstand überwiesen. Dass dieser Antrag nicht sofort abgelehnt
wurde, war dem geschickten Taktieren der Genossinnen zu danken. Sie erklärten, „daß der
Internationale Frauentag durchaus keine Frage des Prinzips sei“ und somit den Männern
der jederzeitige Widerruf offen stand. Deshalb konnte „der Wunsch der Frauen eine Berücksichtigung finden“41.
Die Antragstellerinnen wollten mit der Wiedereinführung des Internationalen Frauentages an die Traditionen der Frauenbewegung vor dem Weltkrieg anknüpfen. Und entsprechend der Forderung nach dem Frauenwahlrecht sollte wieder ein politisches Leitthema,
nämlich „die Bekämpfung des Krieges“, im Mittelpunkt stehen.
Möglicherweise wären die Frauen trotzdem mit ihrem Antrag beim Parteivorstand gescheitert, wenn sie nicht durch die Internationale der Gewerkschafterinnen Unterstützung
erhalten hätten. Im November 1925 fand die erste Konferenz des 1924 gegründeten Arbeiterinnenkomitees (fünf Mitglieder, darunter Gertrud Hanna) in Amsterdam statt. Diese
Konferenz regte beim Büro des Internationalen Gewerkschaftsbundes an, „zur Propaganda für die Arbeiterinnenorganisation einen internationalen Frauentag oder eine internationale Frauenwoche durchzuführen“. Der internationale Gewerkschaftsbund beschloss,
dass die nationalen Verbände in Zukunft solche Frauentage abhalten sollten.42 Eine entsprechende Umfrage des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) bei den
Einzelgewerkschaften ergab allgemeine Zustimmung: „Nach den bis jetzt vorliegenden
Äußerungen der dem ADGB angeschlossenen Verbände ist die Durchführung einer Propagandawoche durch die deutschen Gewerkschaften gesichert“, wurde im Jahrbuch des
ADGB 1925 berichtet.43 Nachdem sich auch die Gewerkschaften für Frauenaktionswochen ausgesprochen hatten, konnten die SPD-Frauen beim Parteivorstand die Durchführung von Frauentagen durchsetzen.
1917–1933
129
Daraus entwickelte sich eine enge Kooperation zwischen der SPD und den Gewerkschaften. In Bremen wurden die weiblichen Mitglieder der freien Gewerkschaften von den SPDFrauen zu den Internationalen Frauentagen eingeladen. In der Parteipresse veröffentlichte
der ADGB seinen Aufruf an die Gewerkschafterinnen zur Teilnahme an den Veranstaltungen. So veröffentlichte die BVZ den Aufruf des ADGB am 3. März 1927 in der Beilage zum
Frauentag. Im Jahr 1931 erschien – bereits angesichts der Weltwirtschaftskrise und des
wachsenden Nazi-Terrors – in der gewerkschaftlichen Frauenzeitung ein ganzseitiger Artikel
mit der Überschrift Sozialistischer Frauentag und die Arbeiterinnen, in dem die enge Verbundenheit zur SPD und die Notwendigkeit des Kampfes gegen die NSDAP betont wurde.44
Die Internationalen Frauentage
der SPD – 1926 bis 1930
Für die entschädigungslose Enteignung der Fürsten –
1926
Der gemeinsame Druck der Gewerkschafterinnen und der Parteifrauen hatte Erfolg. 1926
wurden die Frauengruppen aufgerufen, wieder einen sozialdemokratischen Internationalen Frauentag im Zeitraum vom 7. bis 14. März durchzuführen. Marie Juchacz verwies in
ihrem Aufruf zum Frauentag auf die „Solidarität der sozialistischen Frauen aller Länder“,
die aufgerufen seien, Fragen der internationalen Frauenrechte und Frauenforderungen in
die Öffentlichkeit zu tragen. Auf den Kundgebungen sollte „vor allem über die internationale Friedensidee und Friedenpolitik der Völker“ gesprochen werden.45
In die Vorbereitungen zum Frauentag, der vor allem den internationalen Friedensgedanken in den Mittelpunkt stellen sollte, schob sich ein aktuelles innenpolitisches Thema,
das die Gemüter bewegte. Es war die Kampagne „Für die entschädigungslose Enteignung
der Fürsten“. Anlass dazu gab der Entwurf eines Abfindungsgesetzes für die Hohenzollern,
das von der sozialdemokratisch geführten Preußenregierung im Herbst 1925 vorgelegt
worden war. Das Gesetz sah vor, dass der abgedankte Wilhelm II., der bereits eine Jahresrente von 600.000 Mark bezog, weitere Entschädigungen für sich und seine Familie in
Höhe von 185 Millionen Mark erhalten sollte. Die BVZ vom 9. März 1926 druckte in dem
Zusammenhang die folgende Zusammenstellung:
Arm und Reich im Vergleich.46
130
Die Internationalen Frauentage der SPD
An diesem Beispiel wurde der gesellschaftliche Skandal sichtbar. Fürsten und Generäle,
die Verantwortlichen für den Krieg und das Massenelend, erhielten aus Steuermitteln
enorme Summen und die Opfer des Krieges wurden mit Renten abgespeist, die zum Leben
kaum reichten.
Als Antwort auf den preußischen Gesetzentwurf legte Ende 1925 die KPD den Entwurf
eines Reichsgesetzes über die „entschädigungslose Enteignung der Fürsten“ im Reichstag
vor. Von der Mehrheit der Abgeordneten wurde der Entwurf an den Rechtsausschuss verwiesen. Damit war der Antrag zunächst vom Tisch und mit einem „Prüfauftrag“ auf die
lange Bank geschoben.
Doch innerhalb der Bevölkerung wuchs die Empörung. Sie erfasste auch die Mitglieder
der SPD und der Gewerkschaften. Das setzte die Führung der SPD und des Allgemeinen
Deutschen Gewerkschaftsbundes unter Druck, sich an der Kampagne zur Durchführung
eines Volksentscheids unter der Losung „Keinen Pfennig den Fürsten“ zu beteiligen. Vom
4. bis 17. März 1926 konnten sich die WählerInnen in die Listen für das Volksbegehren auf
„entschädigungslose Enteignung der Fürstenhäuser“ eintragen. Damit fiel die Zeichnungsfrist in die Zeit der Frauentagaktionen.
Die Sozialdemokratinnen warben auf ihren Flugblättern für ihren Frauentag und für
die Fürstenenteignung, ihre Kundgebungen wurden zu Manifestationen für das Volksbegehren.
Von der Polizei sichergestelltes Flugblatt.47
1917–1933
131
Die Kampagne der Frauen erhielt dadurch besondere Stoßkraft, da gleichzeitig auch
die Kommunistinnen ihre Veranstaltung zum Internationalen Frauentag unter die Losung
„Keinen Pfennig den Fürsten“ gestellt hatten. Es war das erste Mal, dass beide Arbeiterparteien und ihre Frauenorganisationen unter demselben Motto zum Internationalen
Frauentag aufriefen. Doch die Aktionen der beiden Parteien wurden getrennt voneinander
durchgeführt. Die KPD-Veranstaltung fand am 5. März im Café Flora statt48 und die SPDFrauen hatten zum 10. März in die Centralhallen eingeladen49.
Die Sozialdemokratinnen hatten auf ihrer ersten Frauentagsveranstaltung für ein vielfältiges Rahmenprogramm gesorgt. Gesangsbeiträge des Bremer Volkschores, Rezitationen und musikalische Darbietungen ergänzten das Grundsatzreferat von „Professor
Menneke aus Berlin“50, der als Ersatz für die Rednerin aus Amsterdam eingesprungen
war.51 Der polizeiliche Überwachungsbeamte protokollierte vor allem den Inhalt des Abschlussvotums von Anna Stiegler: „Sie forderte den Umbau der Schlösser zu Kinder- und
Erholungsheimen. Der Wald, den die Fürsten forderten, wäre die einzige Erholungsstätte
der Proletarier, die nicht in teure Bäder fahren könnten wie die Kapitalisten.“52 Deshalb
müssten die Fürsten entschädigungslos enteignet werden. Sie rief alle Anwesenden auf,
sich in die Listen zum Volksbegehren einzutragen.
Der Polizeiberichterstatter hatte sich auch im Saal umgesehen. Er zählte 500 TeilnehmerInnen und notierte, dass 50 uniformierte Reichsbannerleute den Saalschutz bildeten
und Schilder trugen mit den Aufschriften: „Keinen Pfennig den Fürsten!“, „Tragt Euch in
die Listen ein!“, „Das Volk muß hungern, die Fürsten aber schlemmen!“ Er hielt außerdem
fest, dass an Zeitschriften Die Frauenwelt und Die Kommunistin verteilt worden waren. Es
war also auch den Kommunistinnen erlaubt worden, ihre Zeitung zu verteilen.
Die Sozialdemokratinnen konnten mit diesem Start zufrieden sein. Die beharrliche
Gruppenarbeit der letzten Jahre hatte sich ausgezahlt. Die Frauen hatten es verstanden
das neue Projekt in die politische Arbeit zu integrieren.
Frauentagaktionen und Wahlkampfeinsätze
Die Sozialdemokratinnen hatten für ihre politische Frauenarbeit unterschiedliche Veranstaltungsformen entwickelt. So gab es Kulturabende mit kleinen Theateraufführungen und Vortragsnachmittage mit frauenspezifischem Thema. Ebenso griffen sie mit
öffentlichen Frauenversammlungen in politische Debatten der Bürgerschaft ein, um in
der Öffentlichkeit die Positionen und Forderungen der SPD deutlich zu machen. Ab
1927 gehörte auch der Internationale Frauentag zu den wiederkehrenden politischen
Aktivitäten und wurde in den folgenden Jahren zum Höhepunkt im Veranstaltungskalender der SPD-Frauen.
Die Frauentage wurden regelmäßig in der Parteipresse eingeleitet. Im März 1927 gestalteten die Bremer Genossinnen erstmals eine Beilage der BVZ selbst. In kurzen Artikeln
wurde über die lokalen politischen Verhältnisse berichtet. „Soziale Streiflichter über das
‚reiche‘ Bremen“ war der Text von Anna Stieglitz überschrieben. Außerdem kamen Vertreterinnen der verschiedenen Organisationen aus dem Umfeld der SPD zu Wort. Emmy
Hackmack rief die Hausfrauen auf, sich der SPD anzuschließen, und Anny Mautz sandte einen „Weckruf an die weibliche Jugend“, sich an der Frauentagaktion zu beteiligen.
Der Ortsausschuss des ADGB lud alle weiblichen Mitglieder ein, zur „großen öffentlichen
Frauenkundgebung am 4. April im großen Saale der Centralhallen“ zu kommen.53
132
Die Internationalen Frauentage der SPD
Die öffentliche Kundgebung hatten die Akteurinnen als einen Festakt gestaltet. Die
BVZ berichtete darüber: „Purpurrot leuchteten unsere Banner von den Pfeilern des Saales und der Bühne, daneben gaben Bäume und Blattgewächse dem Lokal ein feierliches
Gepräge.“ Das Programm umfasste Chorgesang, Rezitation und Kammermusik und die
Reichstagsabgeordnete Adele Schreiber-Krieger aus Berlin hielt den Festvortrag. Sie begann mit „einem Streifzug durch die Geschichte der internationalen Frauenbewegung“.
Danach wandte sie sich „den heutigen Verhältnissen zu“ und gab zum Abschluss „der Hoffnung Raum, bald eine starke Linkskoalition unter der Führung der Sozialdemokratie im
Reiche zu haben. […] Darum müsse alles aufgeboten werden, die große Weltgemeinschaft
der Sozialisten zu stärken, treu zur Partei zu halten und den Geist des internationalen
Sozialismus dem jungen Geschlecht beizubringen.“54
Auch diese gelungene Veranstaltung trug dazu bei, dass die Frauenarbeit unter den
Arbeiterfrauen wieder bekannt wurde und Zustimmung fand. Die Zahl der weiblichen Mitglieder stieg kontinuierlich an. Als Anna Stiegler sich auf der Reichsfrauenkonferenz in Kiel
am 28. Mai 1927 zu Wort meldete, verwies sie darauf, dass sich im Bezirk Hamburg-Nordwest der Frauenanteil auf 23 Prozent erhöht habe. Sie erwähnte diese Erfolge auch, um
ihrer Forderung ein größeres Gewicht zu verleihen: Sie forderte eine sozialdemokratische
Frauenzeitung „wie die Gleichheit“, die mit Informationen und Hintergrundmaterial die
Bildungsarbeit gerade unter den jungen und neu gewonnenen Mitgliedern unterstützen
könne. Außerdem sei es erforderlich, dass die Genossinnen umfassender über die wichtigen politischen Ereignisse unterrichtet würden. Das gelte nach ihrer Auffassung besonders
„[a]uf dem Gebiet der Internationale. […] Wir sind sehr wenig über die Frauenbewegung
der übrigen der Internationale angeschlossenen Länder orientiert.“55
So wie Anna Stiegler kritisierte eine Reihe von Delegierten die Politik des Frauenbüros
und des Parteivorstandes. Eine andere Delegierte bat dringend, „wenn wieder ein Internationaler Frauentag abgehalten werden soll, die Propaganda dafür ganz anders zu machen.
Denn dem Internationalen Frauentag, wie er in Deutschland abgehalten wird, kommt immer noch nicht die Geltung zu, die er eigentlich haben müsste.“56
In dieser Kritik zeigte sich das alte Dilemma. Die Parteiführung und auch das Reichsfrauenbüro unter der Leitung von Marie Juchacz begrüßten die Aktivitäten und die Erfolge bei der Mitgliederwerbung, doch zugleich befürchteten sie, dass die Genossinnen
mit ihrem Engagement an den Frauentagen sich von der Parteilinie entfernen und eigene
politische Wege einschlagen könnten. Deshalb wurde dafür gesorgt, dass der Frauentag
keine herausragende Stellung in der Frauenarbeit einnehmen konnte.
Das demonstrierte der Parteivorstand schon 1928, indem er den Frauentag ausfallen lies. Zwar veröffentlichte die BVZ am Donnerstag, dem 8. März, den Aufruf des
„Präsidiums des internationalen sozialistischen Frauenkomitees […], auch in diesem
Jahr 1928 überall den Internationalen Frauentag zu veranstalten.“57 Dem folgten jedoch
keine weiteren Initiativen. Im Jahrbuch für 1928 hieß es dazu lapidar: „Mit Rücksicht auf
die Wahlen mußten Parteivorstand und Parteiausschuss davon Abstand nehmen, [für
den Internationalen Frauentag] einen einheitlichen Termin festzulegen. Die Bezirke und
Ortsvereine wurden unter Hinweis auf die internationale Bedeutung des Wahljahres verpflichtet, im Rahmen der allgemeinen Wahlagitation besondere Frauenveranstaltungen
zu treffen.“58
So wurde auch in Bremen verfahren. Die Genossinnen wurden im Wahlkampf eingesetzt. Anstelle der Veranstaltung zum Internationalen Frauentag organisierten die Sozialdemokratinnen „Frauenabende“ als Wahlveranstaltungen vor den Reichstagswahlen des
20. Mai 1928.
1917–1933
133
„Öffentliche Versammlungen“ (für die Männer) und „Frauenwerbeabende“. 59
In der Anzeige spiegelte sich die Geschlechterhierarchie im Politikkonzept der SPD: Es
fanden „öffentliche Versammlungen“ statt, auf denen politische Reden gehalten wurden
und für die Frauen gab es „Werbeabende“ ohne politischen Anspruch.
Illustration aus der Beilage zum Internationalen Frauentag 1929.60
Auch im Jahr 1929 wieder ein Frauentag
Die Bremer Volkszeitung druckte am 8. April eine vierseitige Beilage, wieder mit Beiträgen
der Genossinnen.
„Gebt Raum dem Neuen“ – unter dieser Losung forderten die Sozialdemokratinnen:
– Die volle Gleichstellung der Frau mit dem Mann;
– eine verbesserte Stellung der Frau in Beruf und Familie;
– mehr Kinderschutz, gegen Kinderausbeutung.
„Für uns Mütter der Welt gilt es jetzt zu fordern und dafür zu kämpfen: Nie wieder Krieg“
Die gesamte Beilage wurde als Flugblatt „von den Genossinnen über das ganze Gebiet
verbreitet“, berichtete die Zeitschrift Die Genossin61 in ihrer Maiausgabe und würdigte die
Werbekampagne der Bremer Frauengruppe als besonders gelungenes Beispiel.
Vor der Kundgebung am 11. April 1929 hatte der Frauenausschuss der SPD Bremen
zu zwei Auftaktveranstaltungen eingeladen. Clara Jungmittag und Anna Stiegler, beides
SPD-Abgeordnete in der Bremischen Bürgerschaft, sprachen in den Arbeitervororten Neu-
134
Die Internationalen Frauentage der SPD
stadt und Huckelriede-Kattenturm, unterstützt von den Mitgliedern der Sozialistischen
Arbeiterjugend (SAJ).62
Auf der zentralen Kundgebung in den Centralhallen war ein neuer Kampfton „der um
Frieden, Brot, Freiheit, Mutter- und Kinderschutz kämpfenden Frauen“ zu vernehmen.63
Das drückte sich nicht nur im politischen Referat der Gastreferentin Gabriele Proft, Nationalrätin und Mitglied des Nationalen Frauenkomitees Österreichs, aus, sondern auch in
den Kulturbeiträgen. Besonders beeindruckend war die Wirkung des Sprechchores64, der
den Text „Drei Minuten Gehör“ von Kurt Tucholsky vortrug. „Erschüttert hörten die Anwesenden zu. Das Gelöbnis für ewigen Frieden zu sorgen und das ‚Nie wieder Krieg‘ war
gewiß allen aus tiefstem Herzen gesprochen.“65 Mit dem gemeinsamen Gesang der „Internationalen“ wurde die Veranstaltung beendet.
Für den Ablauf der Veranstaltungen zum Internationalen Frauentag hatte sich in der
Zwischenzeit ein eigenes Muster herausgebildet, das ihn von den sonstigen politischen Veranstaltungen der Partei unterschied. Der geschmückte Raum betonte den Festcharakter,
die roten Fahnen waren der Hinweis auf den politischen Inhalt der Veranstaltung. Es gab
einen Festvortrag, der nicht mehr diskutiert wurde. Das umfangreiche Rahmenprogramm
bot den sozialdemokratischen Kulturgruppen, vor allem den Jugendgruppen, Gelegenheit
zu einem Auftritt. Der Gesang der Internationalen war das gemeinsame Bekenntnis zur
Verbundenheit mit der Partei und der Sozialistischen Internationale.
Außer der Festveranstaltung hatten die SPD-Frauen mit den Vorortveranstaltungen und
der flächendeckenden Verteilung eines eigenen Flugblatts die politische Agitation ausgedehnt und intensiviert.
Der Frauentag war nicht nur in Bremen zu einem wichtigen Aktionstag der sozialdemokratischen Frauenbewegung geworden. Das hatte auch die politische Führungsspitze erkannt. Parteivorstand und Reichsfrauenbüro starteten für den Frauentag 1930 eine groß
angelegte Kampagne. Der Internationale Frauentag 1930 wurde unter das Motto gestellt:
„Die Frau und der Sozialismus“. Dieses Motto verwies auf das gleichnamige Buch August Bebels, das seit 50 Jahren für die Arbeiterbewegung ein Grundlagentext war und die
Entwicklung der proletarischen Frauenbewegung entscheidend beeinflusst hatte. Mit der
Wahl dieses Mottos sollte an die Geschichte der proletarischen Frauenbewegung erinnert
werden. „Es entspräche aber nicht der Bedeutung der Sozialdemokratischen Partei und
ihrer Leistung für die gesamte arbeitende Klasse“, wenn nicht auch die Verbindung zur
politischen Lage und zu den Problemen der Gegenwart hergestellt würde, betonte Marie
Juchacz in ihrem Einleitungstext zur Maiausgabe der Genossin.
Denn nachdem am 27. März 1930 die große Koalition unter Reichskanzler Hermann
Müller (SPD) gescheitert war, hatte die SPD als Oppositionspartei großes Interesse daran,
ihre Kritik an der „Regierung der Notverordnungen“ in die Öffentlichkeit zu tragen. Die
Kundgebungen zum Frauentag boten dazu gute Möglichkeit. Das konnte man(n) nicht
den Frauen überlassen. „[Da] ist es selbstverständlich, daß Genossen als Redner gewonnen werden“, fand Marie Juchacz66. So konnten die Parteiredner ein von Frauen organisiertes politisches Forum für sich nutzen.
Exkurs: Frauentag versus Muttertag 1930
Die Veranstaltungen waren für den Zeitraum vom 18. Mai bis zum 1. Juni 1930 vorgesehen. Damit war das Zeitfenster für die Aktionen erheblich erweitert worden. Vor allem
1917–1933
135
aber war mit dem Mai-Termin der Internationale Frauentag in die unmittelbare Nähe zum
bürgerlichen Muttertag gerückt. In diesem seit einigen Jahren immer beliebter werdenden
sonntäglichen Feiertag zu Ehren der deutschen Mutter sahen die Sozialdemokratinnen
das bürgerliche Gegenmodell zu ihrem Internationalen Frauentag. So nahmen die SPDFrauen in Bremen den Frauentagtermin 1930 zum Anlass, sich mit dem neuen bürgerlichen Muttertags-Brauch auseinanderzusetzen.
Zum besseren Verständnis soll hier die Entwicklung des Tages in Deutschland und
seine politisch-ideologischen Inhalte kurz skizziert werden, zumal der Muttertag in
der NS-Zeit zum zentralen Feiertag für die Mütter in Deutschland wurde.67
Seit 1923 wurde jeweils am zweiten Sonntag im Mai ein „deutscher“ Muttertag gefeiert68, nachdem dieser Tag bereits in den USA zum nationalen Feiertag erhoben
worden war. Auch in Deutschland war der Muttertag seit seiner Einführung zu einem
„volksweiten Mutter-Ehrentag“ geworden.69
Um die Verbreitung der Idee des Muttertags hatten sich neben dem rührigen
Verband der Blumengeschäftsinhaber schon seit Anfang der zwanziger Jahre die
„Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung“ bemüht, die eng mit zahlreichen bürgerlichen Frauenorganisationen und bevölkerungspolitischen Gesellschaften zusammenarbeitete. Der Muttertagsbewegung schlossen sich konfessionelle Wohlfahrtsorganisationen, Mäßigkeits- und Sittlichkeitsvereine, die Alkoholgegner, die
Gesellschaft zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten und der Reichsbund
der Kinderreichen an.
Es wurde eine groß angelegte Kampagne organisiert, in der über die Lehrer die
Schulkinder und über die Pfarrer die Konfirmanden mobilisiert wurden. An den
jährlichen Feiern beteiligten sich die Honoratioren der Städte und Gemeinden
ebenso wie staatliche Dienststellen und die Abgeordneten bürgerlicher Parteien.
Über Partei- und Religionsgrenzen hinweg sah man sich darin geeint, eine Abwehrfront gegen die drohende Zerstörung der Familie zu bilden. Denn in den Augen
dieses breiten bürgerlichen Bündnisses bedeutete die Gefährdung der Familie zugleich ein Angriff auf die „Grundfeste unseres Volkes“. Als alarmierendes Symptom
registrierten sie den Geburtenrückgang und malten den „sicheren Völkertod“ an
die Wand. Geburtenkontrolle und Abtreibungen waren in ihren Augen dafür verantwortlich, dass sich „unglücklicherweise gerade bei den wertvollsten Bevölkerungsschichten“ der Geburtenrückgang am deutlichsten zeigte.70 Insgesamt wurde
in den Veröffentlichungen der Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundheit – der Sprecherin der Muttertagsbewegung – ein düsteres Bild gezeichnet für die Zeit, wenn
erst der moderne Industrialismus und Materialismus der USA beziehungsweise der
liberalistische Bolschewismus auch in Deutschland an Boden gewinnen würden.71
Denn schon jetzt seien die Familienbeziehungen durch Alkohol, Ehescheidungen
und „Verwilderung des Sexuallebens“ erheblich bedroht.72
Gegen diese Auflösungsprozesse sollte der deutsche Muttertag „ein geeigneter Ansatzpunkt sein, um den Gedanken der Familie und der Mutterschaft in breitesten
Kreisen unseres Volkes wieder Geltung zu verschaffen“73. Die deutsche Frau und
Mutter sollte wieder ihre „unersetzbare Bedeutung für Familie und Staat“ zurückerhalten. Der Muttertag war das pädagogische Instrument, das die „Muttertags-Regisseure“74 benutzten, um ihre konservative und völkische Orientierung in der Gesellschaft zu verankern.
136
Die Internationalen Frauentage der SPD
In den Muttertagsfeiern wurde ein Idealbild der Mutter herausgestellt, die aufopfernd
und liebevoll, verstehend und duldend den Mittelpunkt der Familie bildete. Nicht
die einzelne Mutter, nicht die individuelle Person wurde geehrt – die Feier galt dem
überhöhten Mutterbild. Dieses hehre Bild sollte alle Frauen an ihre „mütterliche Verantwortung und Pflicht gemahnen“75. Nicht genug damit, sollte der Muttertag auch
noch das „Bewußtsein von den großen Fragen unseres völkischen Bestehens, von der
Bedeutung der Mutterschaft und Rassenhygiene im Volke verbreiten“76. Am Muttertag sollte auf die Frauen eingewirkt werden, sich wieder ganz der Mutterrolle und
der Familie zu widmen, wobei diese ideologischen Überlegungen in den konkreten
Feierstunden zum Muttertag natürlich nicht sichtbar im Vordergrund standen. Für
die Frauen und Mütter waren die Veranstaltungen schöne, gefühlsbetonte Gemeinschaftserlebnisse, bei denen der graue Alltag fern war und die Mütter einmal im Jahr
im Mittelpunkt des Interesses standen.77
Die Bremer Sozialdemokratinnen erlebten nun schon seit einigen Jahren, dass am
Muttertag die Domglocken geläutet und zur Ehrung der Mütter pathetische Reden
gehalten wurden. Sie wussten, dass diese Feierstunden mit dem konkreten Lebensalltag der Arbeiterfrauen nichts zu tun hatten und dass keine dieser Reden an den
Verhältnissen der Frauen etwas ändern würde. In der vierseitigen Beilage der BVZ
zum Internationalen Frauentag, die wieder von den Sozialdemokratinnen selbst gestaltet worden war, setzte sich Emmy Hackmack78 unter dem Titel „Internationaler
Frauentag sei Muttertag“ mit dem Thema auseinander. Sie benannte die realen Probleme der Arbeiterfrauen: die Folgen der Abtreibungen, die verachtete Stellung von
Müttern mit unehelichen Kinder, die unversorgten, vom Ehemann verlassenen Frauen. Und sie wies auf die kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisse in den Betrieben
hin, die das Leben der erwerbstätigen Frauen bestimmten.
Diese schlechten Lebensbedingungen umzugestalten sei die Kampfaufgabe der
proletarischen Mütter und Frauen – ganz gleich, ob sie erwerbstätig seien oder als
Hausfrau arbeiteten. In diesem politischen Kampf für die Rechte der Frau sah Emmy
Hackmack die grundlegenden Differenzen zur bürgerlichen Muttertagsehrung: „Am
sogenannten Muttertag sehen wir die Mutter im Kreise ihrer Familie angeblich umhegt und beschenkt – der sozialistische Frauentag sieht demonstrierende Mütter, die
für alle Kinder eine Zukunft fordern, die ihr Dasein rechtfertigt!“79 Emmy Hackmack
stellte dem idealisierten bürgerlichen Mutterbild die aktive, selbstbewusste Proletarierin gegenüber, die über ihren Körper und ihr Leben selbst entscheiden will und
dafür als Demonstrantin auf die Straße geht.
Ein zweiwöchiges Aktionsprogramm zum Frauentag –
1930
Im Mai 1930 organisierten die Bremer Sozialdemokratinnen ein zweiwöchiges Aktionsprogramm zum Internationalen Frauentag.
Wenige Tage nach der Feier zum 1. Mai fanden zur Vorbereitung und Werbung „Zehn
Versammlungen der sozialistischen Frauen in Bremen“ statt.
1917–1933
137
Versammlungsanzeiger über die zehn Stadtteilversammlungen.80
Auf den Veranstaltungen wurde über die Bedeutung des Internationalen Frauentages informiert, um die Arbeiterfrauen auf die große Kundgebung einzustimmen und sie einzuladen.
Am 17. Mai 1930 wurden die Mitglieder zur „Flugblattverbreitung in den Stadtdistrikten“ aufgerufen.81 Am 21. Mai begann der Frauentag mit einer Demonstration. Zum ersten
Mal besetzten die Sozialdemokratinnen wieder den öffentlichen Raum. Die Polizei begleitete den Zug der Frauen und führte sorgfältig Buch:
Auszugsweise Originalschrift aus dem Polizeibericht.82
138
Die Internationalen Frauentage der SPD
„Aus Anlaß des internationalen Frauentages veranstaltete die SPD eine Frauenkundgebung. Der eigentlichen Kundgebung ging eine Frauendemonstration voraus.
Die Teilnehmer zum Umzug versammelten sich kurz nach 7.00 Uhr abends auf dem
Spielplatz Nordstr. Um 7.40 Uhr rückten die Frauenabteilungen der Arbeitersportvereine unter Vorantritt eines 12 Mann starken Trommler u. Pfeiferkorps, zwei rote
Fahnen mitführend, in einer Stärke von 110 Personen, geschlossen auf den Platz. 40
Sportlerinnen trugen Sportkleidung. Unmittelbar hierauf erfolgte der Abmarsch des
Gesamtzuges. Es beteiligten sich:
S.A.J. (Rote Falken) mit 260
S.P.D.-Frauen mit 350
Arbeiter-Sportlerinnen mit 110
Sa. 720 Personen
Außer den 12 Trommlern und Pfeifern der Arbeitersportler, marschierten an der
Spitze noch 10 rote Trommler und Pfeifer der roten Falken. 12 rote Fahnen zahlreiche Wimpel der Roten Falken wurden im Zuge mitgeführt. 10 Plakate enthielten die
Forderungen der Frauen, wie:
‚Wir fordern Schutz und Recht für Mutter und Kind‘
‚Unser Wille: Nie wieder Krieg‘
Wir fordern: Abbau der Zölle! ‘ u.a.m.
Der Zug bewegte sich, proletarische Lieder singend, auf kürzestem Wege nach den
Centralhallen. Die Marschordnung war für einen Frauenumzug gut.“83
Mit dieser Demonstration hatten sich die SPD-Frauen die Straße zurückerobert. Wie bei
der ersten Frauentagdemonstration im Jahr 1911 zogen sie vom Arbeiterquartier Walle/
Gröpelingen zur Innenstadt. Dass sie wegen ihrer guten „Marschordnung“ von der Polizei
ein Lob bekamen, haben die Frauen nicht erfahren. Gleichwohl gibt diese Haltungsnote
Aufschluss darüber, dass selbst noch die Demonstrationszüge an männlichen und vor
allem soldatischen Standards gemessen wurden.
Als der Demonstrationszug am Versammlungslokal eintraf, wurde der Andrang so
groß, dass sich „in den Seitengängen […] die Teilnehmer“ stauten. Die politisch inhaltliche
Gestaltung wurde bestimmt von der Aufführung des Sprechchorwerks „Die gespaltene
Menschheit“. Eine „Tendenzdichtung im Dienste des Proletariats“ nannte es die BVZ. Die
ZuhörerInnen nahmen das Stück „begeistert“ auf. „Junge Menschen aus der Bremer Arbeiterbewegung gestalteten hier unter der kundigen Führung des Genossen Paulmann das
Schicksal der Proletarier auf dem ganzen Erdball.“84
Die Rednerin Hedwig Günther, Mitglied im Landesvorstand der SPD Hamburg, wandte
sich mit ihrem Beitrag dem politischen Alltag zu. Sie attackierte die „arbeiterfeindlichen
Maßnahmen der Regierung Brüning“. Sie wandte sich vor allem gegen den Abbau der
Arbeitslosenversicherung. Die Frauen träfe auch die geplante Sondersteuer gegen die Konsumvereine. Damit hoffe „die Privatwirtschaft, einen lästigen Konkurrenten loszuwerden“.
Und nach wie vor bestünden eigene frauenpolitische Forderungen: „Wir fordern in allen
Ländern gleiche Löhne für alle Arbeit! Der Lohn muß sich nach dem Wert der Arbeit
und nicht nach dem Geschlecht richten.“ Mit einem dreifachen begeisterten Hoch auf den
internationalen Sozialismus und dem gemeinsamen Gesang der Internationale fand die
wuchtige Kundgebung ihr Ende.“85
„Wuchtig“ war bisher noch keine Frauenveranstaltung genannt worden. Der Berichterstatter der BVZ war von dieser Manifestation der Sozialdemokratinnen sicht-
1917–1933
139
lich beeindruckt. Die Genossinnen hatten es geschafft, unmittelbar nach der Maifeier
bis zum 21. Mai 1930 Frauenaktionen in den Arbeiterquartieren der Stadt durchzuführen. Sie waren demonstrierend durch die Straßen der Stadt gezogen und hatten
eine Veranstaltung mit 2.000 TeilnehmerInnen organisiert. Sie hatten den Frauentag
zum zentralen Agitations- und Feiertag der sozialdemokratischen Frauenbewegung
Bremens gemacht.
Trotz des großen Einsatzes brachte die Bürgerschaftswahl am 13. November 1930
erhebliche Einbußen für die SPD. Sie verlor zehn Sitze. Dagegen zog die NSDAP mit 32
Abgeordneten zum ersten Mal in die Bürgerschaft ein86. Diese Entwicklung beeinflusste
die politische Arbeit und die inhaltliche Ausrichtung der Frauentage in den folgenden
Jahren.
Gegen den Naziterror –
Internationale Frauentage 1931 bis 1933
Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, die mit dem Börsenkrach in den USA im
Oktober 1929 begann, hatten bald auch Bremen erreicht. Wieder traf es mit Arbeitslosigkeit, Lohnkürzungen, Senkung der Versorgungsbezüge und Wohlfahrtsunterstützungen
die Masse der Arbeiterfamilien. Für das Jahr 1931 erwies sich Bremen „als ein politischer
und wirtschaftlicher Krisenherd erster Ordnung“. Dem Zusammenbruch des Großunternehmens Nordwolle in Delmenhorst folgten zwei Bankenschließungen. Der Haushalt der
Hansestadt wies ein riesiges Defizit auf, das selbst durch rigide Sparmaßnahmen nicht
geschlossen werden konnte. Im Jahrbuch für 1931 hatte der Parteivorstand einen Bericht
aus Bremen über die Krisensituation der Stadt veröffentlicht: „Sämtlichen Staatsangestellten wurde zum 1. April gekündigt. Von den Möglichkeiten der Gehaltskürzungen wurde
restlos Gebrauch gemacht. […] Auch viele von der Sozialdemokratie in den Nachkriegsjahren durchgesetzte Verbesserungen auf fast allen Gebieten mußten dispensiert werden.“
Vor allem stellten die ständig wachsenden Ausgaben für das Wohlfahrtswesen den größten „Unsicherheitsfaktor“ dar. „Jeder dritte Einwohner wird heute aus öffentlichen Mitteln
unterstützt. […]. Noch wird versucht die Hilfesätze in der alten Höhe zu halten.“ Um das
zu finanzieren, habe die SPD-Fraktion in der Bürgerschaft und die SPD-Mitglieder im
Senat für die Einführung der Getränkesteuer gestimmt und mit ihrer Zustimmung sei
die Verdreifachung der Bürgersteuer beschlossen worden. Resignierend wurde festgestellt:
„Populär sind die Beschlüsse nicht.“87
Außerdem träte die NSDAP immer offensiver in der Öffentlichkeit auf. In der „Bürgerschaft hofft [sie] immer noch auf einen Rechtssenat unter ihrer Führung. Sie wird dabei
von den Deutschnationalen und mittelständlerischen Interessenhaufen […] unterstützt“.
Die Sozialdemokraten sahen deswegen ihre vordringlichste Aufgabe darin, „die Nationalsozialisten […] nicht in den Senat eindringen zu lassen“. 88
Vor allem nahmen die Gewaltattacken von SA und SS zu. „Eine Denkschrift der SPD
vom Dezember 1931 berichtete von 1.484 Gewalttätigkeiten der Nationalsozialisten, bei
denen 62 Menschen getötet und 3.200 verletzt wurden.“89
Auch in Bremen profitierte die NSDAP von den Auswirkungen der Wirtschaftskrise. Mit
massenwirksamer Demagogie versprach sie den Enttäuschten und Perspektivlosen eine
glänzende Zukunft im „Dritten Reich“. Mit aufmarschierenden gewaltbereiten Trupps ver-
140
Die Internationalen Frauentage der SPD
suchten sie, ihre Macht im öffentlichen Raum durchzusetzen. Damit gewann sie unter den
jungen Männern an Zulauf und die Zahl der Mitglieder stieg weiter an.90
Angesichts der weltweiten ökonomischen Krise und des Anwachsens faschistischer Gewalt stellte das Internationale Frauenkomitee der Sozialistischen Internationale fest, dass
„sich der Internationale Frauentag als eines der wirksamsten Propagandamittel bewährt“
habe. Darum beschloss das Komitee „den Frauentag 1931 mit Sorgfalt und Hingabe vorzubereiten, um die indifferenten Frauen aufzurütteln und zum Kampf für ihr Recht und
ihre Freiheit zu begeistern“.91
Für Weltfrieden, gegen
Faschismus – Frauentag 1931
Der Bezirksfrauenausschuss des Bezirks Hamburg-Nordwest beschloss, „in den Wochen
des Internationalen Frauentages [vom 12.–28. April] in möglichst vielen Orten, seien es
Frauenfeierstunden, Unterhaltungsabende, allgemeine Mitgliederversammlungen, zum
Kampf gegen den Faschismus aufzurufen“92.
Die Bremer Sozialdemokratinnen organisierten in der Zeit vom 7. bis zum 16. April
1931 Agitationstage im ganzen Stadtgebiet. Sie schrieben wieder Artikel für die Parteizeitung. Dabei stand vor allem die Bedrohung des Friedens und die Alltagsnot der Arbeiterfamilien im Mittelpunkt.
Diese Texte sollten die Frauen unmittelbar ansprechen, sie zum Mittun ermutigen.
Dazu bedurfte es nach den Vorstellungen der Akteurinnen nur eines kleinen Schrittes: „In
allen Stadtteilen geben wir euch in der Woche vom 7. bis 14. April durch entsprechende
Veranstaltungen Gelegenheit zur Information“ über Inhalt und Zweck des Internationalen
Frauentages und über die Inhalte der Protestaktionen in diesem Jahr, die sich „gegen Verwilderung des politischen Lebens durch Mord und Totschlag von Andersdenkenden, gegen
die Bedrohung der Demokratie und des Friedens durch den Faschismus“ richteten.93 Im
Anschluss an die Vorträge wurde der Film „Nie wieder Krieg“ gezeigt.
Gegen Krieg und Naziterror, für Sozialismus und Frieden: „Am Donnerstag, 16. April
tragen wir diesen Ruf in einer Demonstration durch die Straßen Bremens“, lautete der Aufruf von Anna Stiegler.94 Als sich die TeilnehmerInnen zum Demonstrationszug formierten,
war wieder die Polizei zur Stelle und schrieb auf, wer sich eingefunden hatte: „550 Frauen,
240 S.A.J.-Mitglieder und 60 Mitglieder von Reichsbannerkapellen.“95 Zusammen mit den
Demonstranten hatten sich in den Centralhallen etwa 2.000 Personen versammelt, wie die
BVZ am 17. April berichtete.
1917–1933
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Der 16. April 1931 in Bremen – ein glänzender Werbeerfolg der sozialistischen Frauen.96
Auf der Kundgebung in den Centralhallen sprach Gertrud Düby aus Zürich.97 Sie zeigte
in ihrem Referat den Zusammenhang zwischen dem kapitalistischen System und dem
Anwachsen der NSDAP auf. „Der Kapitalismus hat abgewirtschaftet. Im Schatten dieser
Not der Arbeiterschaft ist dem Kapitalismus ein Helfer erwachsen. Die Nationalsozialisten. Sie haben die Aufgabe, die Lebensdauer des Kapitalismus zu verlängern und
die arbeitenden Massen vom Kampf gegen das kapitalistische Wirtschaftssystem abzulenken.“ Sie rief dazu auf, gerade die „Lauen und Indifferenten“ zu gewinnen. Denn
„unser Schicksal liegt in unserer Hand, kein Führer, wie die Nationalsozialisten der Welt
vorgaukeln, kann uns retten, nur der Zusammenschluß der politisch Gleichgesinnten,
die sich um die rote Fahne des internationalen Sozialismus sammeln.“ Anna Stiegler
schloss die Feierstunde mit einem „Hoch“ auf die Sozialistische Internationale.98
Im ganzen Reich beteiligte sich die sozialdemokratische Frauenbewegung an den Protesten gegen die Nationalsozialisten. So wurde auf dem Parteitag in Leipzig im Juni 1931
eine Resolution des Frauenbüros zum Thema „Frauen und Nationalsozialismus“ verabschiedet. In ihr wurde die Gefährdung der Frauenemanzipation durch den Faschismus
beschrieben und die Frauen zum antifaschistischen Kampf aufgerufen.99
Die Frauenzeitungen und Frauenbeilagen brachten Artikel, die sich mit dem Thema
auseinandersetzten. Auch in den Frauenbeiträgen der BVZ wurden die frauenfeindlichen
Vorstellungen der NSDAP angeprangert, zum Beispiel mit Bild-Texten wie dem folgenden:100
„Zeige ihnen, daß das „Dritte Reich“ der National„sozialisten“ kein Reich von morgen, sondern eins von vorgestern sein würde! Die Hakenkreuzler haben betont, daß
die drei W’s der Landsknechte: Wein, Weib und Würfel,
auch den Lebensstil ihrer Männer ausdrücken. Kultur
und Vernunft sind dieser Partei unbekannte Begriffe.
[…] Als Frau zu den Nationalsozialisten stehen, heißt
sich selbst aufgeben.“101 Mit Zeitungsartikeln wie diesen
versuchte die SPD, die Leserinnen und die SPD-Frauen
zu ermutigen, sich offensiv gegen die NS-Ideologie zur
Wehr zu setzen.
Angesichts der Gewalt, die die NS-Leute in der Öffentlichkeit verbreiteten, hatten sich am 16. Dezember 1931
SPD, Reichbanner, Gewerkschaften und Arbeitersport zur
„Eisernen Front“ zusammengeschlossen und die sozialdemokratischen Frauen aufgerufen, sich diesem Bündnis
anzuschließen. Die SPD-Frauen Bremens machten diese
Aufforderung gleich zu Beginn des Jahres zum Thema
einer Frauenversammlung, „um den Arbeiterfrauen die
142
Die Internationalen Frauentage der SPD
ungeheuren Gefahren des Faschismus vor Augen zu führen, die den Frauen drohen würden, falls es den Faschisten gelänge, ihr fabelhaftes ‚Drittes Reich‘ in Deutschland zu errichten.“102 Referentin war die Reichstagsabgeordnete Louise Schröder.
„Die Frau in der Eisernen Front, für Friede, Arbeit und Freiheit.“103
Die Reichstagsabgeordnete Louise Schröder zeigte in ihrer Rede auf, welche menschenund frauenverachtende Ideologie die Nazis verfolgten. Sie „führte dann mehrere Beispiele für den unerhörten Terror an, der in der nationalsozialistischen Bewegung zu einem
wichtigen Bestandteil geworden ist und der die Jugend vergiftet hat“. Sie erklärte, dass
die NS-Politik darauf abziele, die mühsam erkämpften sozialen Errungenschaften wieder
rückgängig zu machen. Es gelte, alle Kräfte einzusetzen gegen den „von den Nationalsozialisten verkörperten Kriegswahnsinn“. Die Versammlungsleiterin Helene Kaisen, als
neue Vorsitzende der sozialdemokratischen Frauengruppe, rief die Frauen auf, sich in die
Eiserne Front der Arbeiterschaft einzureihen.104
Das Jahr 1932 war wieder ein Wahljahr. Für die Wahl zum Reichspräsidenten waren
zwei Wahlgänge notwendig, bis am 10. April Hindenburg im zweiten Wahlgang gewählt
war. Am 31. Juli fanden Reichstagswahlen statt und bereits am 6. November musste der
Reichstag erneut gewählt werden. In allen Wahlen spielte die Stimmabgabe der Frauen
eine entscheidende Rolle. Sie stellten nach wie vor die Mehrheit der wahlberechtigten Bevölkerung105 und so waren sie in den Wahlkämpfen eine wichtige Zielgruppe. Alle aktiven
Genossinnen wurden in die Wahlkampfarbeit der Partei eingespannt, für einen Frauentag
blieb kein Raum.
Trotz des Einsatzes der Genossinnen und Genossen stieg auch in Bremen der Stimmenanteil der NSDAP bei der Reichstagswahl im Juli weiter an. Allerdings wurde dieser Siegeszug der NSDAP bereits fünf Monate später bei der Reichstagswahl am 6. November 1932
gestoppt: Sie verlor in Bremen fast ein Drittel der Stimmen.106 Nach diesen Stimmenverlusten – 2 Millionen im ganzen Reich – hoffte Marie Juchacz: „Wir haben den Faschismus
geschlagen. Wir haben keinen Totalsieg errungen. Aber es waren, wenn nicht alles trügt,
doch die entscheidenden Niederlagen, die der Faschismus in Deutschland erlitten hat.“107
1917–1933
143
Eine Demonstration zur Abwehr des
Faschismus – Frauentag 1933
Die Einsetzung der Regierung Hitler/Papen im Januar 1933 wurde von der Sozialdemokratie in Bremen nicht als Schritt zur Errichtung einer NS-Diktatur wahrgenommen. Die
SPD konzentrierte sich auf den Wahlkampf und setzte alles daran, mit den Instrumenten der parlamentarischen Demokratie die Republik wieder herzustellen. Sie organisierte
Demonstrationszüge durch die Stadt und Massenversammlungen, auf denen Protestresolutionen verabschiedet wurden.
Auch die SPD-Frauen aktivierten mit Blick auf die bevorstehende Reichstagswahl alle ihre
Kräfte. Sie riefen die Frauen zum Internationalen Frauentag 1933 auf.
Eine Demonstration der Frauen gegen die faschistische Diktatur.108
Die Polizei hatte „keine Bedenken“ gegen die Frauentag-Demonstration.109
144
Die Internationalen Frauentage der SPD
Die Organisatorinnen hatten dafür gesorgt, dass sich möglichst viele an der Demonstration beteiligten. Am Tag zuvor hatte nämlich der Parteivorstand in der BVZ bekannt gegeben: „Der Saal wird erst geöffnet, wenn die Spitze des Demonstrationszuges eintrifft.“110 So
marschierte am 22. Februar 1933 ein Menschenzug, den Auflagen der Polizei folgend – „es
darf nur mit 4 Personen nebeneinander und möglichst unter Meidung der Straßenbahngeleise nur in der rechten Straßenhälfte marschiert werden“111 – vom Waller Ring zu den
Centralhallen.
Im überfüllten Saal trat „[d]ie Genossin Kaisen […] an das mit den Symbolen der
Eisernen Front geschmückte Rednerpult und begrüßte die Massen im Auftrag der Frauengruppe der SPD Bremen. Ihr Freiheitsruf wurde von der Menge freudig erwidert.“112 Jubel
empfing dann die „Genossin Toni Sender (Berlin)“. Mit scharfen Worten kritisierte diese
das kapitalistische System und seine „Helfershelfer, die Hitlerpartei“. Sie erinnerte an die
vollmundigen Versprechungen der Nazis und verglich sie mit den konkreten Taten unter
der gegenwärtigen Hitlerherrschaft.
Toni Sender betonte die „Verfassungstreue der deutschen Arbeiterschaft“. Doch die
Arbeiterschaft werde sich nicht „in die Sklaverei zwingen und als Kanonenfutter für das
Dritte Reich mißbrauchen lassen“. Dagegen könne sie den Kampf auch „auf anderem Boden“ führen. Vor allem rief sie die kommunistischen Arbeiter auf, „in unsere Bruderhand
einzuschlagen“. Mit dem Appell, am 5. März 1933 die Liste 2 der SPD zu wählen, dem abschließenden Auftritt der Arbeiterjugend und dem Gesang der Internationalen wurde die
Veranstaltung beendet.113
Keiner der Teilnehmenden ahnte, dass dies die vorerst letzte Veranstaltung dieser Art
gewesen war. Noch hofften viele, dass eine politische Wende möglich sei. Toni Sender erntete den meisten Applaus, als sie den TeilnehmerInnen eine Perspektive über den Akt der
Wahlbeteiligung hinaus eröffnete. Die Forderung nach einem Zusammengehen mit den
Kommunisten und ihr indirekter Aufruf zum Generalstreik fanden auf der Versammlung
ein begeistertes Echo.114
Doch schon wenige Tage später, einen Tag nach dem Reichstagsbrand, trat die Notverordnung vom 28. Februar 1933 in Kraft, und lieferte der Reichsregierung das Instrumentarium, in die Befugnisse der Obersten Landesbehörden einzugreifen. Es folgte das Verbot
der Kommunistischen Parteizeitung und es kam zu Hausdurchsuchungen bei Kommunisten. Am 1. März wurde die Bremer Bürger-Zeitung verboten. Es dauerte nach den Wahlen
nur wenige Tage, bis die Nationalsozialisten ihre Herrschaft auch in Bremen durchgesetzt
hatten. Gleichzeitig begannen in aller Öffentlichkeit die Verfolgungs- und Terrormaßnahmen gegen Kommunisten und Sozialdemokraten.
Zwischenbilanz
Von den drei Arbeiterparteien, die aus der Spaltung der SPD hervorgingen, war die Mehrheits-SPD die einzige Partei, die die Tradition des Internationalen Frauentages nicht fortsetzte. Erst nach der Vereinigung mit der USPD drängten die weiblichen Parteimitglieder
darauf, den Frauentag wieder in das Aktionsprogramm der sozialdemokratischen Frauenbewegung aufzunehmen. Die Forderung wurde nicht nur in Deutschland erhoben. Im Mai
1923 fand der Gründungskongress der „Sozialistischen Arbeiterinternationale“ (SAI) statt.
Parallel dazu tagte die erste Internationale Frauenkonferenz. Die dort anwesenden Frauen
beschlossen, dass die Parteien der SAI den Internationalen Frauentag wieder durchführen
1917–1933
145
sollten. Doch erst 1925 fanden die Frauen Gehör: Der Parteitag der MSPD empfahl dem
Parteivorstand, wieder einen Frauentag zu organisieren. Von 1926 bis 1933 veranstalteten
die SPD-Frauen wieder Internationale Frauentage. Doch der SPD-Vorstand sorgte dafür,
dass die Frauentage nicht mehr das Gewicht und die Bedeutung der Vorkriegstage erreichten. Wahlkampfeinsätze hatten grundsätzlich Vorrang. Deshalb fielen die Frauentagsveranstaltungen in Bremen in den Jahren 1928 und 1932 aus.
Über die inhaltliche Bestimmung des Internationalen Frauentages gab es keine Differenzen. Für die deutschen Sozialdemokratinnen wie für die Vertreterinnen der anderen
Länder der Sozialistischen Arbeiterinternationale war nach den Erfahrungen des Ersten
Weltkrieges klar, dass der Frauentag das einigende Band zwischen den Frauen im Kampf
für den Frieden werden sollte: Frieden und internationale Solidarität waren die Leitmotive
der Frauentage bis 1933. Ergänzend dazu wurden an den einzelnen Frauentagen konkrete Forderungen erhoben, die sich vor allem darauf richteten, die Lage der Arbeiterfrauen
zu verbessern.
An den Frauentagen wurde auch zu aktuellen politischen Problemen Stellung genommen. Besonders zwang der wachsende Einfluss der NSDAP die sozialdemokratische
Frauenbewegung, sich mit dem Thema „Nationalsozialismus und Frauen“ auseinander
zu setzen. So waren die Internationalen Frauentage 1931 und 1933 antifaschistische
Demonstrationen gegen den Naziterror.
Im Rahmen der Massenkampagne zum Volksbegehren gegen die Fürstenabfindung
1926 präsentierten sich die Sozialdemokratinnen mit ihrer ersten Frauentagsveranstaltung. Schon diese Versammlung war gut besucht. Die Idee eines sozialdemokratischen
Frauentages fand bei den Gewerkschafterinnen und weiblichen Parteimitgliedern sofort
Zustimmung. Darauf aufbauend entwickelten die Bremer SPD-Frauen ein Konzept, das sie
Jahr um Jahr erweiterten, mit zusätzlichen Stadtteilversammlungen, Demonstrationszügen
und flächendeckender Werbearbeit mit eigenen Flugblättern. Den Abschluss bildeten die
Festveranstaltungen, an denen in Bremen regelmäßig einige tausend Frauen aktiv oder
als Zaungäste teilnahmen. Die Frauengruppe der SPD hatte den Tag wieder zu einem
Gemeinschaftserlebnis der Arbeiterfrauen gemacht, das – trotz der von oben verordneten
Unterbrechungen – im politischen Leben der Partei fest verankert war.
Anmerkungen
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Wally Zepler (Lebensdaten sind nicht bekannt) unterstützte während des Ersten Weltkrieges
die Politik des Parteivorstandes. Sie hatte sich vor allem in theoretischen Schriften für das
soziale Engagement von Frauen in der Kriegsfürsorge eingesetzt. Sie war von Anfang an eine
scharfe Gegnerin von Clara Zetkin und trat für eine Zusammenarbeit mit der bürgerlichen
Frauenbewegung ein. Das alles entsprach der neuen politischen Linie der Frauenarbeit der
SPD. Vgl. Weiland, 1983, 290.
Vgl. Losseff-Tillmanns, 1985, 47.
Vgl. Die Gleichheit vom 3. August 1917, Nr. 22/27. Jg., Sonderbeilage.
Protokoll des Parteitages von Würzburg, 14.–20. Oktober 1917, 15.
Die Gleichheit vom 14. März 1919, Nr. 12/29. Jg.
Die Gleichheit vom 14. März 1919, 89.
Hagemann, 1990, 531.
Mit diesem Konzept näherten sich die Sozialdemokratinnen der bürgerlichen Frauenbewegung, die mit ihrer Theorie der „organisierten Mütterlichkeit“ ein Programm zur Politisierung
der weiblichen Lebensbereiche entwickelt hatte. Vgl. Stoehr, 1987, 225ff.
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Die Internationalen Frauentage der SPD
Vgl. Wickert, 1986, 131.
Vgl. Blandow, 1995, 27.
Frevert, 1986, 445.
Vgl. Thönnessen, 1969, 131.
Hagemann, 1990a, 585.
Juchacz zit. in: Hagemann, 1990a, 586.
Schwarzwälder, 1976, Bd. 2, 647.
Vgl. den ausführlichen Bericht in Kapitel 3, Abschnitt „An der Heimatfront im Dienst fürs Vaterland“.
Vgl. Schwarzwälder, 1976, Bd. 2, 612.
Über die Ereignisse an „Stacheldraht-Ostern“ wurde im Kap. 3 im Zusammenhang mit dem
Internationalen Frauentag der USPD 1919 berichtet.
Schwarzwälder, Bd. 3, 1983, 197.
1919 betrug der Frauenanteil der Wahlberechtigten in Bremen 54,4 Prozent. In der gesamten
Zeit der Weimarer Republik überwogen die weiblichen Wahlberechtigten. Vgl. Hannover Drück,
1991.
Das Parteiorgan der Mehrheits-SPD war das Bremer Volksblatt (BVB), während die USPD ihre
Zeitung unter dem Namen Bremer Arbeiter-Zeitung (BAZ) herausgab. Nach der Vereinigung
1922 hieß die gemeinsame Zeitung der VSPD Bremer Volkszeitung (BVZ).
Bremer Volksblatt vom 11. Mai 1920.
Bremer Volksblatt vom 11. Mai 1920.
Bremer Volksblatt vom 12. Mai 1920.
Vgl. Ein „Frauenwelt“-Abend, in: Die Genossin vom 3. September 1924, 59 f.
Hagemann/Kolossa, 1990, 41.
Protokoll des SPD-Parteitages Gera 1922, abgedruckt in: Protokolle USPD-Parteitag Augsburg, 1922, 82.
Protokolle USPD-Parteitag Augsburg, Bd. 4, 1976, 188.
Marie Juchacz, Protokoll SPD-Parteitag in Nürnberg, 1922, 10.
Siehe vorheriges Kapitel.
Vgl. Hannover-Drück, 1991, 116/117.
Vgl. Blandow, 1995, 29.
Dehnkamp, 1986, 123.
Mit diesen 1.439 Frauen hatte die VSPD 1922 ca. 50 Prozent weniger weibliche Mitglieder als
die SPD vor dem Weltkrieg mit 2.737. Vgl. Dehnkamp122/123, Tab. 3, 226.
Die Frauenarbeit in der Kommunistischen Internationale wird im Kapitel über die Frauentage
der KPD ausführlich beschrieben.
Bremer Volkszeitung vom 9. Mai 1923.
Bremer Volkszeitung vom 23. Mai 1923.
Wickert, Bd. 1, 1986, 162.
Vgl. Protokoll SPD-Parteitage, Heidelberg 1925, 7–10.
Protokoll SPD-Parteitage, Heidelberg 1925, 369.
Die Genossin, Nr. 12, Oktober 1925, 348.
Vgl. Losseff-Tillmanns, 1985, 53-54.
Jahrbuch 1925 des ADGB, 237.
Vgl. Gewerkschaftliche Frauenzeitung vom 15. April 1931.
Vgl. Bremer Volkszeitung vom 8. März 1926.
Bremer Volkszeitung vom 9. März 1926.
Nachrichtenstelle der Polizeidirektion, STAB, 4,65-210/35 II.A.10.b.
Darüber wird im folgenden Kapitel berichtet.
1917–1933
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Mit dem Ergebnis von 12,5 Mill. Stimmen war das Volksbegehren erfolgreich und belegte,
welche Stärke gemeinsame Aktionen der Arbeiterorganisationen entwickeln konnten. Die Regierung musste den vom Volk begehrten Gesetzentwurf zum Volksentscheid vorlegen. Die für
die Durchsetzung dieses Entscheids notwendige Stimmenzahl wurde dann nicht erreicht. Vgl.
Ruge, 1980, 171–176.
Da die Genossin aus Amsterdam „plötzlich am Erscheinen gehindert war“, war das Parteimitglied Prof. Menneke aus Berlin als Referent eingesprungen, notierte gewissenhaft der Berichterstatter der Nachrichtenstelle der Polizeidirektion.
Bremer Volkszeitung vom 12. März 1926.
STAB: 4,65-210/35 II A.10.b., s. Fußnote 47.
Bremer Volkszeitung vom 31. März 1927.
Bremer Volkszeitung vom 6. April 1927.
Protokoll SPD-Parteitag/Frauenkonferenz Kiel, 1974, 309.
Protokoll SPD-Parteitag/Frauenkonferenz Kiel, 1974, 318.
Bremer Volkszeitung vom 8. März 1928.
Jahrbuch der SPD, 1927, 145. Seit dem Jahr 1926 veröffentlichte der Parteivorstand der SPD
jährlich Übersichten über seine politische Arbeit. In den Jahrbüchern gab es eine feste Rubrik
mit dem Titel „Frauenbewegung“.
Bremer Volkszeitung vom 3. Mai 1928.
Bremer Volkszeitung vom 8. April 1929.
Die Frauenzeitung der SPD erschien jetzt unter dem neuen Namen Die Genossin.
Vgl. Bremer Volkszeitung vom 8. April 1929.
Bremer Volkszeitung vom 12. April 1929.
In der Kulturarbeit der SPD-Bremen spielte die Sprechchorbewegung eine besondere Rolle. Sie
war aus der Theaterarbeit der bremischen Versuchsschulen hervorgegangen. „Sie waren ein
Stück echter, originärer Arbeiterkultur, das keine bürgerliche Parallele besaß.“ Hartmut Müller,
1989, 66.
Bremer Volkszeitung vom 12. April 1929.
In: Die Genossin, Mai 1930, 5.
Siehe hierzu auch im Kapitel 7: „Deutsche Muttertage versus Internationale Frauentage“.
Die folgende Darstellung stützt sich im Wesentlichen auf die beiden Aufsätze von Karin Hausen, 1982, Mütter zwischen Geschäftssinn und kultischer Verehrung, „Der Deutsche Muttertag“
in der Weimarer Republik, in: Huck, Gerhard, (Hrsg.), Sozialgeschichte der Freizeit, 249–280,
und Karin Hausen, 1984, Mütter, Söhne und der Markt der Symbole und Waren: Der deutsche
Muttertag 1923–1933, in: Medick, H./Sabean, D., (Hrsg.), Emotionen und materielle Interessen,
473–523. Wenn nicht anders angegeben, wird auch aus diesen beiden Aufsätzen zitiert.
Hausen, 1982, 253.
Vgl. Hausen, 1982, 262.
Vgl. Schunter-Kleemann, 1991a.
Vgl. Hausen, 1982, 261.
Aus den Veröffentlichungen der Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundheit 1927, zit. in: Hausen
1982, 266.
Vgl. Hausen, 1984, 484.
Veröffentlichung der Arbeitsgemeinschaft 1928, zit. in Hausen, 1982, 267.
Hausen, 1982, 267.
Hausen, 1984, 495.
Emmy Hackmack gehört zu den vielen Genossinnen, die sich an der Frauenarbeit in der Bremer SPD beteiligt haben. Sie schrieb in den Beilagen zum Internationalen Frauentag in der
Bremer Volkszeitung.
Bremer Volkszeitung vom 16. Mai 1930, Beilage zum Internationalen Frauentag.
Bremer Volkszeitung vom 2. Mai 1930.
Vgl. Bremer Volkszeitung vom 15. Mai 1930.
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Die Internationalen Frauentage der SPD
Auszug aus dem Polizeibericht über die Frauendemonstration. STAB 4,65-211/35 II.A.10.b.
Auszug aus dem Polizeibericht über die Frauendemonstration. STAB 4,65-211/35 II.A.10.b.
Bremer Volkszeitung vom 22. Mai 1930.
Bremer Volkszeitung vom 22. Mai 1930.
Vgl. Jahrbuch der SPD, 1930, 385/386.
Jahrbuch der SPD, 1931, 252.
Jahrbuch der SPD, 1931, 253.
Paulmann, 1964, 141.
Vgl. Schwarzwälder, 1983, Bd. 3, 543–602.
Die Genossin, Februar/März, 1931, 67.
Auszug aus dem Jahresbericht für 1930 mit Perspektiven für 1931 vom Bezirk Hamburg-NordWest, in: Die Genossin, Febr./März, 1931, 107.
Bremer Volkszeitung vom 4./5. April 1931.
Bremer Volkszeitung vom 4./5. April 1931.
Polizeibericht über die Demonstration vom 16.4.1931 STAB 4,65-212/35 II.A.10.B.
Bremer Volkszeitung vom 17. April 1931.
Bremer Volkszeitung vom 17. April 1931.
Vgl. Bremer Volkszeitung vom 17. April 1931.
Vgl. Protokoll Parteitag Leipzig 1931, 284–285.
Bremer Volkszeitung vom 10. April 1931.
Bremer Volkszeitung vom 10. April 1931.
Bremer Volkszeitung vom 11. Februar 1932.
Bremer Volkszeitung vom 11. Februar 1932.
Vgl. Bremer Volkszeitung vom 11. Februar 1932.
„Zur Reichstagswahl am 5. März 1933 waren 229.447 Bremer wahlberechtigt, davon 108.191
Männer und 121.256 Frauen, was einem Verhältnis von 47,14 Prozent zu 52,84 Prozent entsprach.“ Hannover-Drück, 1991, 20.
Vgl. Schwarzwälder, Bd. III, 1983, 583–586; Paulmann, 1964, 144.
Die Genossin, 1, 1933.
Bremer Volkszeitung vom 19. Februar 1933.
STAB, 4,14/1-XII A.3.a.4.
Bremer Volkszeitung vom 21. Februar 1933.
Von der Polizei genehmigte Demonstration am 22.2.1933, STAB 4,14/1-XII A.3.a.4.
Bremer Volkszeitung vom 23. Februar 1933.
Bremer Volkszeitung vom 23. Februar 1933.
Bremer Volkszeitung vom 23. Februar 1933.
6.
Die
Internationalen
Frauentage
der KPD
1919–1933
150
Die Internationalen Frauentage der KPD
Als dritte Arbeiterpartei neben SPD und USPD entstand in den revolutionären Kämpfen zum Jahreswechsel 1918/1919 die Kommunistische Partei Deutschlands (Spartakusbund)1. Ein großer Teil der Frauen, die sich der neuen Bewegung angeschlossen hatten,
gehörte vor der Spaltung zu den Aktivistinnen der sozialistischen Frauenbewegung der
Vorkriegszeit. Sie wollten Frauenpolitik zu einem Schwerpunkt in der neuen Partei machen: Frauen sollten die Parteipolitik gleichberechtigt und gleichbeteiligt mitgestalten und
es sollten Programme und Strukturen entwickelt werden, um Arbeiterfrauen und vor allem Betriebsarbeiterinnen für die revolutionäre Bewegung zu gewinnen.
Grundsätzlich gab es in der KPD zu diesem Konzept keinen Widerspruch. Im Sommer
1919, kurz nach der Gründung der Partei, begann man, erste Strukturen für die Frauenarbeit aufzubauen und im Jahr 1920, auf dem Vereinigungsparteitag mit den Linken der
USPD, verabschiedete der Parteitag die „Richtlinien für die poltische Arbeit unter den
Frauen“.
Gleichzeitig nutzten die Kommunistinnen ihr Netzwerk aus der Zeit vor dem ersten
Weltkrieg, um ihre Vorstellungen über die gleichberechtigte Stellung der Frauen in den
kommunistischen Parteien auch in der Kommunistischen Internationale (KI) zu verankern. Im nationalen wie internationalen Konzept der Entwicklung einer kommunistischen
Frauenbewegung war der jährliche Internationale Frauentag ein fester Programmpunkt.
Mit dem Bericht über diese Entwicklung beginnt das Kapitel.
Im Zentrum der Untersuchung stehen die Frauentag-Aktionen der Kommunistinnen
in Bremen in der Zeit von 1920 bis 1933. Die politische Ausrichtung der Frauentage wurde von der kommunistischen Internationale und der Parteiführung zusammen mit dem
Frauenreichssekretariat festgelegt. Ideologische Wendungen und Auseinandersetzungen
in der Kommunistischen Internationale oder der Parteiführung beeinflussten die konkrete
Durchführung der Frauentage. Eine Darstellung lokaler Frauentag-Aktivitäten muss deshalb auch die frauenpolitischen Entscheidungen und ideologischen Veränderungen in der
Gesamtpartei und der Internationalen in Betracht ziehen. Diese Entwicklungen werden
jeweils in eigenen Abschnitten kurz geschildert.
Aus den Berichten über die Frauentage der KPD in Bremen geht hervor, dass sich im
Verlauf der Jahre erfolgreiche Kundgebungen mit völligen Fehlschlägen abwechselten. Im
Rahmen der Beschreibung der Frauentage wird deshalb auch nach den Gründen für diese
Diskontinuitäten zu fragen sein.
Um die strukturellen Zusammenhänge und Brüche klarer herauszustellen, wurde der
Bericht über die KPD-Frauentage von 1920 bis 1933 in vier Abschnitte gegliedert. Die Jahre von 1920 bis 1924 stellten eine Aufbauphase dar, in der die Bremer KPD-Frauen gegen
die Widerstände aus den eigenen Reihen den Internationalen Frauentag als politischen
Kampftag im Parteileben verankerten. Mit der Durchsetzung des linksradikalen Kurses
in der Partei 1924/1925 kam es dann zu einem Bruch in der Frauenarbeit, mit der Folge,
dass in der Zeit von 1925 bis 1930 die Veranstaltungen zum 8. März in der Öffentlichkeit
nur noch selten als politische Aktionstage für Frauenrechte wahrgenommen wurden. In
der kurzen Zeit von 1931 bis 1933 war der Internationale Frauentag Protesttag „gegen das
ganze faschistisch-kapitalistische System“, wie es im Jargon der KPD-Bremens hieß. So gab
es Frauentag-Aktionen im Rahmen der Kampfgemeinschaft gegen den Faschismus, die
zugleich gegen die Sozialdemokratie agitierten, welche als Sozialfaschismus diskriminiert
wurde. Die KPD-Frauen versuchten also, die Frauentage der Sozialdemokratinnen zur
politischen Agitation zu nutzen, um die SPD-Frauen für den „revolutionären Kampf der
KPD“ zu gewinnen. Die Sozialdemokratinnen wiesen diese Aktionen immer entschieden
zurück.
1919–1933
151
Frauenarbeit in der KPD (Spartakusbund)
und der Kommunistischen Internationale
1918–1920
Die Anfänge in der neuen Partei
In den Wochen nach der Novemberrevolution schlossen sich die Gruppen der revolutionären Linken zusammen. Vom 30. Dezember 1918 bis 1. Januar 1919 tagte in Berlin
der Gründungsparteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund).
Neben dem Spartakusbund war auch die Bremer Gruppe „Internationale Kommunisten Deutschlands“ (IKD) Mitbegründerin. Unter den Teilnehmern am Parteitag waren
nur wenige Frauen. Trotzdem war unbestritten, dass die Frauenfrage in der neuen Bewegung eine Rolle spielen sollte. Gleich die erste politische Kontroverse berührte ein
zentrales Frauenthema – die Grundsatzdebatte entzündete sich an der Frage der Beteiligung an den Wahlen zur Nationalversammlung. Der Rat der Volksbeauftragten hatte
beschlossen, am 19. Januar 1919 Wahlen zur Nationalversammlung durchzuführen, und
damit den Weg frei gemacht zur Etablierung einer parlamentarischen Demokratie –
unter Beibehaltung überkommener Besitz- und Machtverhältnisse. Dagegen forderten
die Kommunisten die Fortführung der Revolution mit dem Ziel der Errichtung einer
„sozialistischen Demokratie“. Statt allgemeiner Parlamentswahlen wollten die kommunistischen Revolutionäre eine „Diktatur des Proletariats“ auf der Basis des Rätesystems
durchsetzen. Wahlen dienten in ihren Augen nur dazu, dem Bürgertum parlamentarische Mehrheiten zu verschaffen und die Wiederherstellung der alten Ausbeutungsverhältnisse demokratisch zu legitimieren. Deshalb lehnten sie eine Beteiligung an Wahlen
grundsätzlich ab.
Gegen diesen politischen Rigorismus betonte Käte Duncker die Notwendigkeit der
Wahlbeteiligung. Sie wies in ihrem Redebeitrag darauf hin, dass die Partei in dieser Frage wichtige Fraueninteressen zu berücksichtigen habe. „Wir müssen doch auch denken
an die eine große Hälfte der Wähler, die Frauen, die bis jetzt irgendeine politische Berechtigung nicht hatten, denen jetzt zum ersten Mal das politische Wahlrecht gegeben
wird. Glauben Sie, daß die Frauen, nachdem man ihnen Jahrzehnte hindurch gesagt hat,
ihr müßt dieses Recht erkämpfen, daß sie uns jetzt folgen werden, wenn wir ihnen sagen,
jetzt benutzt es nicht? “2 Sie betonte, dass seit dem Beschluss von Kopenhagen 1910 die
Sozia listinnen mit ihrem Projekt des Internationalen Frauentages das Frauenstimmrecht als wichtigstes politisches Ziel verfolgt hätten. Eine Partei, die erklärtermaßen der
Frauenfrage eine herausragende Bedeutung beimessen wolle, verlöre an Glaubwürdigkeit, wenn sie nach Erreichen des Kampfziels von den Frauen fordere, vom Stimmrecht
keinen Gebrauch zu machen. Doch die Mehrheit auf dem Parteitag setzte sich über
diesen Einwand hinweg und sprach sich gegen eine Beteiligung an den Wahlen zur Nationalversammlung aus.
Nach dieser ersten Auseinandersetzung war klar, dass frauenpolitische Vorstellungen
konkret formuliert und in der Partei verankert werden mussten. Da die kommunistischen
Organisationen erst im Entstehen begriffen waren, konnten sich die Frauen in den neuen
Zusammenschlüssen von Anfang an mit einbringen. So waren sie bei der Konstituierung
der Kommunistischen Internationale direkt präsent.
152
Die Internationalen Frauentage der KPD
Frauen in der Kommunistischen Internationale
Die Revolution in Russland wurde in den Arbeiterorganisationen der verschiedenen Länder mit großem Interesse verfolgt. Sie galt ihnen als Beispiel einer – unter welchen Schwierigkeiten auch immer – geglückten Machteroberung durch das Proletariat, es schien möglich, eine Gesellschaft sinnvoll von Grund auf neu zu ordnen. In einer ganzen Reihe von
Staaten entstanden dem russischen Vorbild folgend revolutionäre Organisationen und
kommunistische Parteien. Die Bewegung sah in der russischen Revolution den Auftakt zur
weltweiten revolutionären Umgestaltung. Um diese Entwicklung voranzutreiben und ihr
einen einheitlichen politischen und organisatorischen Rahmen zu geben, schlossen sich
die kommunistischen Parteien und Organisationen zur Kommunistischen Internationale
(KI) zusammen.
Ein Teil der internationalen Sozialistinnen, die bereits an der Frauenkonferenz in Kopenhagen 1910 teilgenommen hatten, trafen sich auf dem Gründungskongress dieser dritten
(kommunistischen) Internationale in Moskau 1920 wieder. Dort setzten die Genossinnen
das Thema der Organisierung der proletarischen Frauen in der kommunistischen Weltbewegung auf die Tagesordnung. Alexandra Kollontai stellte die Resolution „Über die Mitarbeit
der proletarischen Frauen in den kommunistischen Parteien“ zur Abstimmung. Die Resolution betonte die Notwendigkeit des gemeinsamen „Kampf[es] der Frauen und Männer der
Arbeiterklasse“ für den endgültigen „Sieg des Weltproletariats und die vollständige Abschaffung der kapitalistischen Ordnung“. Alle der kommunistischen Internationale angeschlossenen Parteien wurden aufgefordert, sich für die Gewinnung der proletarischen Frauen als
Mitglieder der Parteien einzusetzen, denn „[d]ie Diktatur des Proletariats kann nur unter
dem regen und aktiven Anteil der Frauen der Arbeiterklasse verwirklicht und behauptet werden“3. Mit der Annahme der Resolution verpflichteten sich die kommunistischen Parteien,
den Frauen in der kommunistischen Bewegung einen angemessenen Platz einzuräumen.
Ein Jahr später wurde „zur Zeit des II. Weltkongresses der KI auf einer ersten improvisierten Frauenkonferenz das Internationale Frauensekretariat der Internationale gegründet“4 und Clara Zetkin zur Internationalen Frauensekretärin berufen. Das Internationale Frauensekretariat (IFS) entsandte eine ständige Vertreterin in das Exekutiv-Komitee
der Kommunistischen Internationale (EKKI). Damit hatten sich die Kommunistinnen
im obersten Leitungsgremium der Internationale einen festen Platz gesichert.5 Nach der
Frauenkonferenz erarbeitete Clara Zetkin einen Entwurf der „Richtlinien der Kommunistischen Internationale für die kommunistische Frauenbewegung“6. Die endgültige Fassung
wurde vom III. Weltkongress der KI 1921 angenommen.
Die Richtlinien fassten die wesentlichen politischen und strategischen Einschätzungen des internationalen Kommunismus zur Frauenfrage zusammen:
– Durchsetzung der Frauenbefreiung erst nach der „Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln“;
– die Notwendigkeit der Eingliederung der proletarischen Frauen in den allgemeinen Klassenkampf;
– die Unzulänglichkeit der bürgerlichen Frauenemanzipation;
– der Verrat der II. (sozialdemokratischen) Internationale an den Frauen.
Überdies enthielten sie ein allgemeines Programm zur Förderung und Einbeziehung
der Frauen in die politische Arbeit, auf das die Parteien der Internationale verpflichtet wurden. Das Programm stellte unterschiedliche Anforderungen an die Parteien
1919–1933
153
je nach dem Entwicklungsstand ihrer Länder. Dabei unterschieden die Richtlinien
drei Gruppen. Zuerst „die Länder, in denen das Proletariat bereits die Staatsmacht
erobert hat“, gefolgt von den „Ländern, in denen das Proletariat noch um die Eroberung der politischen Macht kämpft“, und danach die „Ländern mit vorkapitalistischer
Entwicklung“. Sie unterschieden sich vor allem dadurch, dass in der zweiten Gruppe
der Ausbau und die revolutionäre Ausnutzung der bürgerlichen Gleichberechtigung
der Frauen gefordert wurde, während die Gleichstellung in Sowjetrussland kein Problem mehr darstellte und in den vorkapitalistischen Ländern überhaupt erst erkämpft
werden musste.
Die Richtlinien formulierten außerdem organisatorische Maßregeln, deren wichtigste
die Einrichtung von Frauenagitationsausschüssen auf allen Ebenen der Parteiorganisation war. Diesen Ausschüssen konnten auch Genossen angehören. Ihre Aufgabe
war die Organisation der Agitation unter den indifferenten Frauen sowie die Aktivierung und Schulung der weiblichen Parteimitglieder.
In den nächsten Jahren wurden entsprechend dieser Richtlinien in den nationalen kommunistischen Parteien Strukturen für die Frauenarbeit entwickelt. Damit war es möglich, frauenpolitische Projekte wie zum Beispiel den Internationalen Frauentag nicht nur
international zu propagieren, sondern über die Frauenzusammenhänge in den jeweiligen
nationalen kommunistischen Parteien auch konkret zu beeinflussen. Außerdem wurden
wichtige politische Projekte und Entscheidungen von der KI organisiert und an die nationalen Parteien zur Ausführung weitergeleitet. So wurden die Schwerpunktsetzung und
die allgemeine politische Erklärung für den Internationalen Frauentag durch die Kommunistische Internationale in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Frauensekretariat
vorbereitet und dann an die nationalen Parteileitungen übermittelt.7 In Deutschland veröffentlichte die Parteipresse jährlich die Aufrufe der Kommunistischen Internationale zu
den Frauentagen, die in der Regel von Clara Zetkin oder auch vom Chef der KI, Grigori
Sinowjew, stammten.
Richtlinien für die Frauenagitation in Deutschland
Das Thema Frauenpolitik wurde in der KPD (Spartakusbund) erst nach den revolutionären
Kämpfen im Sommer des Jahres 1919 aufgegriffen. Denn der Gründungskongress der Partei
hatte seine Teilnehmer direkt in die Januarkämpfe 1919 in Berlin und Bremen entlassen. Mit
der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts am 15. Januar 1919 und nur wenig
später dem Mord des Parteiorganisators Leo Jogiches während seiner Untersuchungshaft in
Berlin-Moabit verlor die KPD bereits kurz nach ihrer Gründung ihre erfahrensten Führer.
In Bremen waren die Kommunisten treibende Kräfte in den Kämpfen der Räterepublik.
Nach deren Zerschlagung im Februar 1920 erfolgte das Verbot der Partei mit Verfolgungen
und Verhaftungen.
In dieser Zeit schlossen sich nur wenige Frauen der Partei an. Ihr Anteil an den Parteimitgliedern lag bis 1920 bei ca. 7,5 Prozent.8 Unter den Funktionären gab es nur wenige
Frauen mit Erfahrung in der politischen Frauenarbeit. Erst nachdem Clara Zetkin am
29. März 1919 auf der Reichskonferenz der KPD in Frankfurt am Main in die Parteileitung
gewählt worden war, entstand ein Kommunikationsnetz zwischen den Genossinnen und
entwickelten sich erste Organisationsmuster. So beschloss der Parteitag 1919 die Einrich-
154
Die Internationalen Frauentage der KPD
tung eines „Sekretariats für Frauenagitation“ und die örtlichen Gruppen wurden verpflichtet, „Frauenagitationsgruppen“ zu bilden.9
In dem seit Mai 1919 erscheinenden Frauenorgan Die Kommunistin, das von Clara Zetkin redigiert wurde, erläuterte sie ihre theoretischen Vorstellungen. „Warum brauchen wir
Kommunisten eine Frauenbewegung?“ war der Titel zweier Beiträge, die im Herbst 1919
erschienen und das Konzept präzisierten, das sie bereits vor dem ersten Weltkrieg entwickelt hatte. Einerseits sollten die Kommunistinnen „keine organisatorisch und politisch
gesonderte Frauenbewegung“ bilden, andererseits beanspruchte sie für die Frauenarbeit
„eine eigene Frauenzeitung, eigene Frauenagitationsgruppen und Frauenveranstaltungen“. Auch die Kommunistinnen benötigten nach ihrer Auffassung die Möglichkeit, sich in
eigenen Versammlungen auszutauschen. In der theoretischen Darlegung schien diese doppelte Orientierung ein ausgewogenes Programm, doch schon bald sollte sich herausstellen,
dass der Balanceakt zwischen der von Männermehrheiten bestimmten Parteipolitik und
den Fraueninteressen wieder zu Lasten der Frauen in Schieflage geriet.
Clara Zetkin erläuterte in ihrem Text, warum gesonderte Einrichtungen für die kommunistische Frauenarbeit notwendig seien: Zum einen lebten die Arbeiterfrauen in ihren
privaten Haushalten isoliert, auf den Bereich der Familie beschränkt, hatten kaum Bildungsmöglichkeiten und nahmen nicht an politischen Kämpfen und Streiks teil. Sie waren
gemessen an den proletarischen Männern weit hinter der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung zurück. Zum anderen wurde ihr Leben durch ihre „physisch-psychischen Eigenart, […] ihre Natur als Weib und Mutter“ bestimmt.
Clara Zetkin verfolgte energisch das Konzept, durch Schulung und Bildung die Proletarierinnen zu aktiven Mitkämpferinnen für die Sache der Revolution zu erziehen. Damit
setzte sie auf Veränderungen im Bewusstsein und in der Haltung der Arbeiterfrauen. Andererseits hielt sie eine eigene Frauenarbeit gerade deshalb für notwendig, weil die Frau
als Mutter von Natur aus besondere Interessen habe, die „besonders berücksichtigt und
behandelt werden müssen“. Es gab nach der Auffassung von Clara Zetkin eine Wesensbestimmung der Frau, die auch „in der kommunistischen Gesellschaft“ weiterwirkt. Denn die
Bedeutung der „Frau und Mutter als Trägerin des nachkommenden Geschlechts“ könne
sich erst in der neuen Gesellschaft richtig entfalten.10 Bei allem Anspruch an revolutionäre
Veränderung erfolgte also eine biologistisch begründete Festschreibung der Frau auf ihre
Mutterrolle, und zwar auch für die neu zu gestaltende Gesellschaftsordnung.
Für die Gegenwartsaufgaben forderte Clara Zetkin innerhalb der (männerdominierten)
Organisation Gestaltungsräume für Frauen, in denen sie sich austauschen und beraten
konnten. Denn die Nöte der Frauen könnten nur erkannt und ihre Forderungen nur gehört
werden, „wenn die Proletarierinnen selbst als sozialistische Kämpferinnen ihre Leiden, ihre
Interessen zum Ausdruck bringen, wenn sie selbst für ihr Recht als Frauen, Menschen,
Ausgebeutete kämpfen“. Denn die politische Aufgabe bestand nicht darin, für Frauen tätig
zu werden, sondern Frauen zu befähigen, selbst die Stimme zu erheben und ihre Interessen durchzusetzen.11
Das waren die Leitgedanken, die Clara Zetkin auf dem Parteitag 1920 vortrug. Auf
dem Vereinigungsparteitag der KPD (Spartakusbund) mit dem linken Flügel der USPD
im Dezember 192012 hatte Clara Zetkin dafür gesorgt, dass Frauenpolitik ausführlich behandelt wurde. Die wesentlichen Punkte fasste sie in ihrem Grundsatzreferat zusammen.
Sie bejahte ausdrücklich den Kampf um Reformen. Angesichts der Lage der Frauen in
Deutschland müsse die Frauenbewegung der kommunistischen Partei an die „hundertfältigen blutigen Lebensnöte“ der Proletarierinnen, der Kleinbäuerinnen, der weiblichen Angestellten, der Beamtinnen anknüpfen, um die Frauen zur Gegenwehr zu mobilisieren. Sie
1919–1933
155
warnte aber davor, bei den Frauen Illusionen über den Wert solcher Reformen zu erzeugen. Denn erst nach einer erfolgreichen Revolution könne die volle Emanzipation der Frau
verwirklicht werden. Für diesen Kampf müssten auch die Frauen gewonnen werden. Die
Partei müsse deshalb dafür sorgen, dass die weiblichen Mitglieder aus „einem toten Ballast
in tätige mitarbeitende Kräfte verwandelt werden. […] Die Frauen müssen mitraten, mittaten, mitarbeiten in allen Organisationen, in allen Organen des proletarischen Kampfes.
[…] Wenn wir das erreichen wollen“, wandte sie sich unmittelbar an die Genossen, „so bitte
ich euch, nicht dem verderblichen Beispiel der anderen sozialistischen Parteien zu folgen.
Nicht aus jeder organisatorischen Mücke über die Stellung und das Recht der weiblichen
Mitglieder Elefanten zu machen. Einen grundsätzlichen Elefanten, hinter dem, mag er
noch so riesig sein und mit erhobenem Rüssel noch so laut von der Extrawurst trompeten,
die den Frauen gebraten werden soll, letzten Endes Garnichts anderes steht als der ganz
gewöhnlich kleine Spießbürger, der sich zwar mit Worten für die Gleichberechtigung der
Frau begeistert, der aber von der Gleichberechtigung der Frau nichts wissen will, wenn sie
in die Tat umgesetzt wird, und zumal dann nichts, wenn die eigene Frau damit anfängt.“13
Auch mit ironischen Worten kritisierte Clara Zetkin also das patriarchale Verhalten in der
Arbeiterbewegung.
Die Rahmenbedingungen für den Aufbau der Frauenarbeit in der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands (VKPD) war in den „Richtlinien zur Frauenagitation“14
geregelt, die auf dem Parteitag verabschiedet wurden. Diese Richtlinien waren auf der
Grundlage des Entwurfs der Richtlinien der KI15 formuliert worden. Sie legten fest, dass die
Agitation unter den Frauen deren besondere Lebens- und Denkweise zu berücksichtigen
habe. Daraus ergebe sich die Notwendigkeit, besondere Organe zur Erfassung und Einbeziehung der Frauen zu schaffen. Allerdings wurde ausdrücklich eine „besondere Frauenorganisation im Sinne einer besonderen Körperschaft ihrer weiblichen Mitglieder neben
oder auch innerhalb ihrer allgemeinen Parteiorganisation“ verworfen. Die Organisationsstruktur sah vor, beim Parteivorstand ein „Frauenreichssekretariat“ einzurichten, dessen
Leiterin in allen Sitzungen der Zentrale mit beratender Stimme, bei Themen aus ihrem
Arbeitsbereich mit entscheidender Stimme teilnahm. In den Bezirken sollten „Frauenagitationskommissionen“ zur Anleitung der Frauenagitation an der Basis und zur Durchführung von Frauenversammlungen in Betrieben und Wohngebieten und von Schulungen für
Neumitglieder gebildet werden. Auf Bezirks- und Reichsebene waren Frauenkonferenzen
vorgesehen, um die Verbindung unter den Genossinnen aufrecht zu erhalten. Alle Frauenkommissionen waren unmittelbar in die Parteistruktur eingebunden und jeweils den Leitungen gegenüber rechenschaftspflichtig. Bertha Braunthal16, die aus der USPD kam, wurde noch auf dem Parteitag zur Leiterin des Frauenreichssekretariats gewählt. Unter diesen
Rahmenbedingungen waren die Genossinnen ganz auf die Parteiorganisation verwiesen.
Alle Aktionen hingen davon ab, ob die Frauenagitationskommissionen funktionierten und
die Parteiorganisationen die Frauenpolitik als Teil der Parteiarbeit regelmäßig zum Thema
machten und dabei die Arbeit der Frauen unterstützten.
156
Die Internationalen Frauentage der KPD
Der Frauentag der Kommunistinnen erhält
ein Profil – 1921 und 1922
Ein Konzept für die Organisierung der Frauentage
in Deutschland
Zur Vorbereitung des Frauentages 1921 traf sich das Frauenreichssekretariat im Februar
zur Beratung. Anwesend waren unter anderem Bertha Braunthal, Ruth Fischer17 und Clara Zetkin. Die Frauen beschäftigte ein Schreiben vom Internationalen Frauensekretariat
(IFS) aus Moskau. Das IFS hatte eine Vorlage zur Durchführung des Internationalen Frauentages ausgearbeitet, mit der die deutschen Frauen nicht einverstanden waren. Die „Genossin [Edda] Tennenbaum erblickt in dem von Russland mitgeteilten Protokoll […] ein
Zeichen der Abgeschlossenheit der Partei und des Mangels an Fühlung mit Westeuropa.
[…]. Es wird als wünschenswert betrachtet, das Internationale Frauensekretariat durch
Zuziehung anderer als nur russischer Genossinnen […] in engeren Kontakt mit der Bewegung der westeuropäischen Länder zu bringen.“ Clara Zetkin übernahm es, „den Wunsch
nach Russland mitzuteilen“. Auch die in Russland aufgestellten Parolen hielten die Frauen
für „ungeeignet“. Denn die „für Deutschland aufzustellenden Parolen müssen Kampfparolen sein mit dem Ziel der Eroberung der politischen Macht.“ Offenbar war versucht worden,
die Gestaltung des Internationalen Frauentages an den Interessen der russischen Partei
auszurichten. Gegen diese Einflussnahme durch die Moskauer Führung setzten sich die
deutschen Kommunistinnen zur Wehr.
Clara Zetkin als Internationale Sekretärin unterstützte die Haltung der deutschen Genossinnen. Statt die russischen Vorschläge zu übernehmen, wurde ein Organisationskonzept entwickelt, das sich an den Vorstellungen orientierte, die die Sozialdemokratinnen
bereits vor dem Ersten Weltkrieg entwickelt hatten: Das Datum für den Frauentag legte
das Frauenreichssekretariat in Verbindung mit der Parteizentrale fest. Für das Jahr 1921
einigte man sich für die Frauenwoche auf den Zeitraum vom 3. bis zum 10. April.
Gleichzeitig mussten die Losungen für den Frauentag formuliert werden. Für 1921 waren das drei tagespolitische Forderungen: „Völlige Gleichberechtigung der Frau. Recht der
Frau auf Arbeit, und gleicher Lohn für gleiche Leistungen.“ In weiteren Losungen wurde
der internationale Charakter des Frauentages, die Bedeutung der russischen Revolution
und der Kampf um die Eroberung der politischen Macht hervorgehoben. Es wurde üblich,
ein breites Spektrum an Losungen und Forderungen aufzustellen, damit die Frauen entsprechend ihrer Schwerpunktsetzungen wählen konnten. Außerdem erstellte die Parteizentrale mit den Frauen des Reichssekretariats die politischen Texte: „[…] eine Festschrift
zum Frauentag mit Beiträgen aus dem Ausland, […] eine Resolution, ein Flugblatt, Artikel
in der Tagespresse zur geistigen Vorbereitung des Frauentages, Ausarbeitung einer Disposition für das Referat der Frauentagversammlungen, welche an die Bezirke zu senden
ist“18.
Danach waren die Frauen der Agitationskommissionen auf Bezirksebene und in den
Ortsgruppen gefordert, die Vorgaben in praktische Aktionen umzusetzen. Von ihrem Einsatz und der umfassenden Mitwirkung der örtlichen Parteigruppen hing der Erfolg der
Frauentage ab.
Zwar wurde das Grundmuster früherer SPD-Frauentage übernommen, doch die Einbindung in die Partei und die Abhängigkeit von der Partei waren enger geworden. Dafür
1919–1933
157
gab es keinen Streit mehr um die Frage, ob der Internationale Frauentag überhaupt stattfinden durfte. Im Gegenteil: Für die Kommunistinnen war der Frauentag eine politische
Pflichtaufgabe.
Der Internationale Frauentag –
für alle einheitlich am 8. März
Für die weitere Geschichte des Internationalen Frauentages hatte die Zweite Internationale Konferenz kommunistischer Frauen, die vom 5. bis 15. Juni 1921 in Moskau tagte,
weitreichende Bedeutung. Zu dieser Konferenz waren aus 28 Ländern Delegierte nach
Moskau gekommen. Sie wählten die Mitglieder des Internationalen Frauensekretariats,
dessen Leitung Clara Zetkin als Generalsekretärin übernahm.19 Eine bis heute nachwirkende Initiative war der Vorschlag der bulgarischen Delegation, den Internationalen Frauentag künftig in allen Ländern einheitlich am 8. März zu begehen und damit den Termin
der sowjetischen Frauen zu übernehmen.
In Russland war nämlich bereits in den Jahren 1913 und 1914 der Frauentag am 8. März
– nach dem russischen, julianischen Kalender dem 23. Februar – begangen worden. Und
entgegen dem Verbot der zaristischen Regierung demonstrierten Petrograder Arbeiterfrauen auch im Jahr 1917 zum gleichen Datum unter der Losung „Frieden und Brot“. Die
Demonstrantinnen wurden mit Waffengewalt auseinandergetrieben. Dieses brutale Vorgehen löste große Empörung in der Bevölkerung aus, die seit Tagen andauernden Streiks
wurden zum Generalstreik ausgeweitet und die Arbeiter begannen den bewaffneten Aufstand der Februarrevolution.20 Der Frauenkongress beschloss also einstimmig, ab dem
Jahr 1922 den Internationalen Frauentag jährlich am 8. März durchzuführen, auch, um
an die Vorreiterrolle der Frauen in der Revolution zu erinnern. Diese Festlegung auf ein
fixes Datum gab dem Tag im Leben der internationalen und nationalen kommunistischen
Bewegungen ein größeres Gewicht. Bald wurde der Internationale Frauentag immer öfter
„8. März“ genannt – die Begriffe wurden zu Synonymen.
Die Internationalen Frauentage im Bremer
Parteialltag – 1920 bis 1924
Im innerparteilichen Richtungsstreit – der erste
Internationale Frauentag der KPD in Bremen
Dass die Kommunistinnen die Tradition der Internationalen Frauentage weiterführen wollten, war allen so selbstverständlich, dass nicht einmal ein Beschluss dazu gefasst werden
musste. Mit Clara Zetkin war außerdem die wichtigste Repräsentantin der Frauentagidee
in den Parteivorstand berufen worden. Sie hatte unmittelbar nach ihrer Wahl im Herbst
1919 auf eine „intensive Vorbereitung des Internationalen Frauentages gedrängt“21.
Im Jahr 1920 wurde der Internationale Frauentag auf den 9. Mai gelegt. Über Parteizeitungen und Rundbriefe wurden die KPD-Frauen aufgefordert, die Frauentage vorzubereiten. In der Bremer Beilage zur Roten Fahne22 – der einmal wöchentlich erscheinenden
158
Die Internationalen Frauentage der KPD
lokalen Beilage im Zentralorgan der KPD – wurden „alle Frauen und Männer“ zur Teilnahme an der „Großen öffentlichen Volksversammlung“ aufgerufen.
Einladung zur „Volksversammlung“ am 8. Mai 1920.23
Die KPD in Bremen positionierte sich gegen separate Frauenveranstaltungen. Sie lud deshalb zur „Volksversammlung“ Frauen und Männer ein und das Grundsatzreferat zum Thema „Die Proletarischen Frauen im Kampf für die Weltrevolution“ hielt ein Genosse. Die
Bremer Kommunisten vertraten die Position, dass sich „die Befreiung der Frauen […] nur
im gemeinsamen Kampf mit der gesamten Arbeiterklasse“ vollziehen könne. Separate Veranstaltungen für Frauen entsprächen der Politik der „Sozialdemokraten aller Länder“, die
die Meinung vertreten würden, dass Proletarierfrauen „besondere Wege“ gehen müssten
und „besondere Organisationen“ benötigten.24
Diese Erklärung war zunächst ein Seitenhieb gegen die USPD, die wenige Tage nach
der KPD-Veranstaltung, auch in den Centralhallen, ihre Frauentagkundgebung abhalten
wollte.25 Außerdem richtete sich die Erklärung aber auch gegen die Auffassungen des
Frauenreichssekretariats und gegen Clara Zetkin. Diese hatte in dem bereits zitierten
Grundsatzartikel „Warum brauchen wir Kommunisten eine Frauenbewegung“ vom Herbst
191926 Gleichheitspostulate, „daß wir als Kommunisten heute schon die Gleichstellung
der Geschlechter innerhalb der Kommunistischen Partei durchzuführen hätten und daher
1919–1933
159
ablehnen sollten, für die Frau besondere Einrichtungen der Agitation und Schulung zu
treffen“, zurückgewiesen. Genossen, die solche Einwände vorbrächten, hätten sich offensichtlich mit der Frauenfrage nur „mangelhaft“ befasst. Sie warf ihnen vor, „in den Wolken
zu bauen“, statt auf dem Boden der Realität. Nur wenn die besonderen Belange der Frauen
erkannt und ihnen für eine eigene Entwicklung Raum gegeben werde, könnten sie auch
„Mitträgerinnen des Kommunismus“ werden. Doch die Bremer KPD ließ sich durch die
deutlichen Worte Clara Zetkins nicht von ihrer Position abbringen.
In den ideologischen Kämpfen nur eine
Randexistenz – die Frauentage 1921/1922
Die Bremer Kommunisten lieferten sich zu Beginn der 1920er Jahre sowohl mit der Parteileitung als auch untereinander heftige ideologische Kämpfe. Die Parteiführung versuchte
dabei immer wieder über das Auswechseln von Parteisekretären ihre Linie durchzusetzen.27 Zwar waren die Frauen weniger in die Lagerkämpfe der Partei verwickelt, aber die
häufigen Wechsel in der Leitung und die ablehnende Haltung der Bremer Partei gegenüber einer „besonderen Organisation“ der Frauen erschwerte ihre Arbeit. Unter den etwa
dreihundert weiblichen Mitgliedern blieb die Gruppe der aktiven Frauen eher klein.28
Seit 1920 leitete Gesine Becker29 die Frauenagitationskommission. Sie war eine der
wenigen Frauen, die kontinuierlich bis 1930 in der Partei aktiv waren. Es gab immer wieder
engagierte Frauen, die in Versammlungen und politischen Aktionen auftraten, allerdings
dauerte deren aktive Phase nie sehr lange. Es fehlten kontinuierlich arbeitende Frauen in
den Parteistrukturen in Bremen.30 Dieses Defizit machte sich besonders bei der Organisierung der Frauentage bemerkbar. Immer wieder waren neue Frauen an den Vorbereitungen
beteiligt und es bildeten sich keine verlässlichen Strukturen. Vor allem aber fehlte die
Unterstützung der Parteiorganisation. In den Parteiunterlagen fanden sich keine Hinweise,
dass sich die Bezirksleitung ernsthaft mit den Frauentagsveranstaltungen 1921 oder 1922
beschäftigt hätte.
Dann fielen auch noch in beiden Jahren die angekündigten Rednerinnen aus Berlin
aus und es mussten kurzfristig Genossinnen aus Bremen einspringen. So trat auf der
„öffentlichen Frauenversammlung“ am 8. April 1921 statt der angekündigten Rednerin
Ruth Fischer aus Berlin „die Genossin Minna Otto“31 als Rednerin auf. Doch selbst im
Polizeibericht wurde ihr Vortrag hervorgehoben: „Diese [Minna Otto] ist erst 20 Jahre alt,
aber bereits eine gute Rednerin. […] Sie sprach von bevorstehenden schweren Kämpfen
und daß man nicht feig sein dürfe.“32 Minna Otto kritisierte in ihrer Rede die Haltung
vieler Arbeiterfrauen, die häufig eher bereit seien, elende Zustände duldend zu ertragen,
statt sich dagegen aufzulehnen. Die Proletarierinnen schreckten vor den Gewaltparolen
der Kommunisten zurück, die zum bewaffneten Kampf aufriefen. Doch nur die bewaffnete Gegenwehr der Arbeiterbewegung könne „den Sieg und eine bessere Zukunft für die
gesamte Bevölkerung“ bringen. Deshalb müssten die Frauen ihre Angst überwinden und
Mitkämpferinnen in der kommunistischen Bewegung werden. Minna Ottos Einsatz hatte
dafür gesorgt, dass der Frauentag im Jahr 1921 zu einer „guten“ Veranstaltung wurde.33
Als zu Beginn des Jahres 1922 die Rundbriefe der Zentrale mit Arbeitsaufträgen und
Vorschlägen für den Internationalen Frauentag bei der Bezirksleitung Nordwest eintrafen,
kümmerte sich dort kaum jemand um die Umsetzung. Die Bremer KPD steckte in einer
Krise. Nach einem gescheiterten Streik bei der AG Weser, den im Wesentlichen die Partei
160
Die Internationalen Frauentage der KPD
organisiert hatte, und nach diversen Rücktritten von Funktionären – unter anderem wegen Bestechung und Spitzeltätigkeit – kehrte eine ganze Reihe der Mitglieder der Partei
den Rücken34 und die verbliebenen waren immer weniger für die politische Arbeit zu mobilisieren. Die Polizei registrierte am 29. November 1921 in ihrem Lagebericht: „Selbst der
alte Stamm der Parteimitglieder sei nicht mehr fest.“35
Zum Internationalen Frauentag wurde nur das unbedingt Notwendige organisiert.
Die Parteizeitung veröffentlichte die vom Frauenreichssekretariat gelieferten Artikel und
druckte die Anzeige zur Veranstaltung mehrfach auf den ersten Seiten: „Oeffentliche Frauenversammlung am Donnerstag abends 7.30 im Gewerkschaftshaus“. Größere Werbeaktionen wurden nicht organisiert. Am Tag der Veranstaltung, am 9. März, verhinderte auch
noch ein Straßenbahnerstreik, dass Besucherinnen aus den Vororten zur Versammlung
gelangen konnten. So war der Besuch „nur mäßig“, wie ein Pressebericht vermerkte.36
Erneut war die angekündigte Referentin nicht erschienen. Diesmal sprangen Elise Kesselbeck und Gesine Becker ein, zwei Genossinnen, die schon in den Antikriegsaktionen
während des Ersten Weltkrieges in der SPD zusammengearbeitet hatten.
Die Frauenreichssekretärin Bertha Braunthal übte in ihrem Bericht an die Zentrale
scharfe Kritik. „Auch im Bezirk Nordwest hatte unsere Organisation nicht die nötige Energie aufgewandt, um ein gutes Gelingen zu ermöglichen. Die stattgefundenen Versammlungen in Bremen, Osnabrück und Oldenburg waren kläglich schlecht besucht.“37
Die Kommunistinnen setzen sich auch in Bremen durch:
Frauentage für die Befreiung der Frau 1923/1924
Die Bezirksleitung reagierte auf die Kritik der Frauenreichssekretärin. Seit Beginn des
Jahres 1923 berichtete sie mehrfach an die Zentrale über Initiativen zur Verbesserung der
Frauenarbeit. Eine neue Genossin wurde als Vertreterin der Frauen in den Unterbezirksvorstand Bremen gewählt und zum Parteitag in Leipzig delegiert. Die Ortsgruppen wurden
aufgefordert, Frauenversammlungen einzuberufen, um über die Ergebnisse vom Parteitag
zu diskutieren.38
Zur Vorbereitung des Frauentages 1923 erläuterte die Abteilung Frauen bei der Bezirksleitung in einem Rundschreiben an alle Ortsgruppen und Leiterinnen der Frauenagitationskommissionen die notwendigen Maßnahmen. Sie teilte die Losungen mit, unter
die der Aktionstag gestellt worden war: „Kampf gegen Kriegs- und Faszistengefahr, gegen
Teuerung, Mütter- und Kinderelend und Wohnungsnot.“ Die Genossen und Genossinnen
wurden aufgefordert, jeden Tag der Aktionswoche vom 4. bis 11. März für die politische
Mobilisierung zu nutzen. Eindringlich wurde darauf hingewiesen, dass „der Frauentag […]
nicht nur Frauensache [ist], sondern eine Parteiaktion“. Die Vorstände wurden ausdrücklich aufgefordert, die Aktionen mit den Genossinnen zu beraten und „alle Parteimitglieder
[…] in Bewegung zu setzen“39. Es galt, den Internationalen Frauentag zu einer Protestkundgebung gegen die politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen der Reichsregierung
zu machen. Denn die politischen Ereignisse, die Besetzung des Ruhrgebietes durch die
französische Armee, vor allem aber die inflationäre Geldentwertung mit den damit verbundenen Preissteigerungen beschäftigten die Arbeiterfamilien. Der Unmut über die sich
verschlechternden Lebensbedingungen wuchs auch unter den Anhängern der SPD. Die
Kommunisten sahen darin die Chance, die Arbeiterbewegung unter ihrer Führung zur
„Einheitsfront“40 zusammenzuschließen.
1919–1933
161
Auch der Aufruf Clara Zetkins als Generalsekretärin der Kommunistischen Fraueninternationale verfolgte dieses Ziel. Sie wandte sich gegen die Politik der Reichsregierung,
die Kosten der Ruhrbesetzung auf die Werktätigen abzuwälzen. Denn von der Ruhrbesetzung profitierten, so Clara Zetkin, gemeinsam mit dem französischen Imperialismus „die
Thyssen, Klöckner und Stinnes. […] Sie scheffeln dank der Besetzung Milliardensummen.“
Dagegen stellte sie die Aufforderung zum Zusammenschluss der „Arbeiterinnen, weiblichen Berufstätigen, Hausfrauen und Mütter ohne Unterschied des politischen Bekenntnisses und des Glaubens“.41
„Gegen Krieg und Faszistengefahr – gegen Mütter- und Kinderelend – gegen Wohnungsnot.“42
Unter diesem Motto stand die öffentliche Volksversammlung am 6. März 1923. Dem Aufruf
folgten in Bremen rund 2.000 Frauen und Männer. Auch die Rednerin beschäftigte sich
mit dem Thema der „proletarischen Einheitsfront“. Sie appellierte: „Allenthalben müssen
die Frauen neben den Männern die Führer der Arbeiterorganisationen zwingen, in den
Kampf einzutreten und die Arbeitsgemeinschaft und den Burgfrieden mit den Gegnern
aufzugeben. Weigern sich aber diese, dem Willen der Masse gemäß zu handeln, dann muß
die revolutionäre Arbeiterschaft auch gegen den Willen dieser Führer zum Kampf schreiten.“ Die Rednerin forderte gezielt die Sozialdemokratinnen auf, sich aus den traditionellen
Bindungen an die reformistische Führung der SPD zu lösen. Ebenso rief die Abschlussresolution zum gemeinsamen Handeln auf: „In dieser Zeit der Not und des Elends der Arbeiterklasse der ganzen Welt gilt es, alle Arbeitsbrüder und Arbeitsschwestern zusammenzuschließen in die proletarische Einheitsfront.“43 Insbesondere waren alle Arbeiterfrauen
aufgerufen, sich an den bevorstehenden revolutionären Kämpfen zu beteiligen.
Zu dieser Kundgebung hatten die KommunistInnen ihre gewachsene Stärke auch öffentlich demonstriert: „Aus den verschiedenen Bezirken marschierten die Frauen in geschlossenen Zügen zu und von der Versammlung unter dem Gesang revolutionärer Lieder.“44
Trotz des guten Verlaufs des Internationalen Frauentages klagte die Bezirksleitung in
den Berichten, die monatlich vom Bezirkssekretariat Nordwest an die Zentrale der KP geschickt wurden, weiterhin über mangelnde „Regsamkeit“ bei den Frauen. Vor allem fehle
es „an einer systematischen und planmäßigen Arbeit“. Zwar könne über einzelne Aktionen
berichtet werden, so zum Beispiel von den erfolgreichen Aufführungen des „Propagandastücks § 218/219“, den Wahlauftritten von Gesine Becker, dem Aufbau des Kinderheims in
Worpswede und den sozialen Aktionen in der Anti-Teuerungsbewegung, doch die Frauen-
162
Die Internationalen Frauentage der KPD
arbeit werde nicht systematisch entwickelt. Schuld daran trage die örtliche Parteiorganisation, diese habe „dem zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt“.45 Solche kritischen Einschätzungen wurden auch in den späteren Jahren immer wieder wiederholt. Auf Kritik von oben
wurde mit kurzfristigem Einsatz reagiert, der dann schnell wieder erlahmte.
Obendrein traten immer wieder Ereignisse ein, die alle Planungen über den Haufen
warfen. So fand der Frauentag 1924 unter besonders schwierigen Bedingungen statt. Im
Herbst 1923 hatte die explosionsartige Entwicklung der Inflation die politische Lage in
Deutschland ungeheuer verschärft. Die Kommunisten hatten in persönlichen Kontakten, in
den Betrieben und auf Versammlungen wie auch auf dem Frauentag in Bremen eine wachsende Zustimmung zu ihrer Politik wahrgenommen. Sie hofften, dass die Arbeiterinnen
und Arbeiter ihnen bei einer revolutionären Erhebung folgen würden und versuchten mit
Streikaktionen und Aufständen einen Revolutionsoktober wie in Russland zu organisieren.
Auch in Bremen hatte sich die KPD auf eine Beteiligung an revolutionären Kämpfen
vorbereitet. Trotzdem gelang es ihr nicht, die Mehrheit der Arbeiter für einen Streik zu
gewinnen. Stattdessen schlug die Polizei zu: Am 5. Oktober 1923 verbot der Militärbefehlshaber die Parteizeitung, das Nordwestdeutsche Echo. Wenige Tage später erfolgte die
Besetzung des geheimen Parteibüros sowie der Druckerei. Gleichzeitig wurden zahlreiche
Funktionäre verhaftet. Die Polizeimaßnahmen wurden am 23. November mit dem Verbot
der KPD abgeschlossen. Erst am 6. März 1924 erschien das Nordwestdeutsche Echo nach
drei Monaten Verbot wieder – „unter unglaublich schwierigen Umständen hergestellt“.46
Entsprechend schwierig war es unter den halb legalen Bedingungen einen Frauentag vorzubereiten. Trotzdem wurden am Abend des 9. März Plakate geklebt, die auf den Frauentag und die Veranstaltung hinwiesen.
Das von der Polizei beschlagnahmte KPD-Plakat zum Internationalen Frauentag 1924.47
1919–1933
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Die Polizei verfolgte jeden Schritt der Kommunisten. Am 10. März 1924 trug ein Polizeibeamter ins Distrikt-Tagebuch unter der Nummer 489 ein: „Heute 10 Uhr vormittags machte
Unterzeichneter die Wahrnehmung, daß im Zollpfad mehrere Plakate von der Kommunistischen Partei frisch angeklebt waren […]. Sie wurden entfernt und an Ort und Stelle
vernichtet. Ein Plakat liegt an. Die N-Stelle wurde davon in Kenntnis gesetzt und soll das
Plakat dort sofort eingeliefert werden.“48
Am 9. März druckte das Nordwestdeutsche Echo die Erklärung der Kommunistischen
Internationale zum Frauentag. Daran schloss sich der Aufruf der KPD Bremens an: „Der
Internationale Frauentag soll den Proletarierinnen das Zeichen der Aufraffung und der
Entschlossenheit sein, gewillt, für die Forderungen, die der Internationale Frauentag an
uns stellt, einzutreten.“
„Wir fordern:
– Friedenslöhne, gleicher Lohn für gleiche Leistung.
– Aufrechterhaltung des Achtstundentages.
– Oeffnung der Betriebe und Einreihung der Arbeitslosen in den Produktionsprozess.
– Beseitigung der Zwangsarbeit für Erwerbslose.
– Umfassender Mütter- und Kinderschutz.
– Beseitigung der Abtreibungsparagraphen.
Frauen und Mädchen heraus zum Protest gegen Verelendung und Versklavung. Für
Befreiung der gesamten Arbeiterschaft. Für die proletarische Revolution. Für die
Weltrevolution. Kommt alle am Dienstag, den 11. März, abends 7½ Uhr in die Frauenversammlung nach Kaffee Lehmkuhl.“49
Was die Referentin Gesine Becker zum Thema „Die Lage der Arbeiterklasse und die Frauen“ zu sagen hatte, wie viele Menschen ihr zugehört haben, darüber konnte nicht mehr
berichtet werden: Das Nordwestdeutsche Echo stellte nach dem 10. März 1924 sein Erscheinen ein. Doch die Nachrichtenstelle der Polizeidirektion notierte: „Anschliessend an
die gestern Abend im Cafe Lehmkuhl stattgefundene kommunistische Frauenversammlung bildete sich ein Demonstrationszug von ca. 200 Personen. […] Gegen einen Beamten
der Wache 17 sollen die Demonstrationsteilnehmer tätlich vorgegangen sein. Eine Bereitschaftsstreife der Schupo löste den Zug auf.“50
Es war den KommunistInnen also trotz Repressionen seitens der Militärbehörden und
der Polizei gelungen, eine Frauenveranstaltung zu organisieren und mit einem Demonstrationszug in der Öffentlichkeit aufzutreten. Die KPD hielt trotz gescheiterter Aufstände
entschlossen an ihrer bisherigen politischen Linie fest: „Für die proletarische Revolution.
Für die Weltrevolution.“
Schon bald sollte sich aber zeigen, dass vor allem die Arbeiterfrauen solchen dauernden Appellen zur revolutionären Aktivität nicht mehr folgen wollten. Denn die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse veränderten sich. Nach der Einführung einer
festen Währung und mit Hilfe US-amerikanischer Kredite setzte in Deutschland eine
Phase der relativen Stabilisierung ein. Es schien in Deutschland endlich für alle, einschließlich der Arbeiterfamilien, wieder aufwärts zu gehen. Auf eine solche Entwicklung
war die KPD in Deutschland genauso wenig wie in Bremen vorbereitet und es gelang
ihr auch in der Folgezeit nicht, ein adäquates Politikkonzept zu entwickeln. 51 Im Gegenteil: Sie versuchte mit einem radikalen Linksschwenk die Partei zu neuer revolutionärer
Initiative zu führen.
164
Die Internationalen Frauentage der KPD
Die ideologische und organisatorische
Wende in der Frauenpolitik – 1925
Ein neues Konzept, eine neue Struktur für die
Frauenarbeit der KPD
Auf dem KPD-Parteitag in Offenbach 1924 übernahm die linke Opposition unter der Leitung von Ruth Fischer, Arkadij Maslow und Ernst Thälmann die Parteiführung. Diese
setzten einen Konfrontationskurs gegen die SPD und die Gewerkschaften durch. Auch für
die Frauenpolitik bedeutete der Wechsel eine grundlegende Wende.
„Vorwärts Genossen – Alle wie ein Mann.“ Auch die Frauen im Gleichschritt der neuen
Parteidoktrin. 52
In den Kampfparolen, die den Bericht über den IX. Parteitag in Offenbach 1924 einleiteten,
artikulierte sich der neue Politikstil, der bereits auf dem Parteitag sichtbar geworden war.
Nahezu die komplette Führungsspitze wurde ausgetauscht, die gesamte Parteiorganisation
erhielt eine neue Struktur. Der Frauenbereich war bisher von den Wendungen und Wandlungen der KPD relativ unbehelligt geblieben, doch die neue Leitung bestand diesmal auch
hier auf grundlegende Veränderungen. Noch auf dem Parteitag wurden die Personalentscheidungen getroffen und Clara Zetkin nicht wieder in den neuen Vorstand gewählt. Hertha
Sturm, ihre enge Mitarbeiterin, erhielt keinen Platz auf der Liste zur Reichstagswahl. Nach
dem Parteitag wurde der Parteiapparat umgebaut. Das Frauenreichssekretariat wurde eine
Abteilung innerhalb der Parteizentrale und Erna Halbe53 übernahm die Leitung der neuen
Frauenabteilung, nachdem Bertha Braunthal abgesetzt worden war.54
Am 12. Mai fand in Berlin die Reichsfrauenkonferenz statt. Einen Tag zuvor stellte Erna
Halbe die neue Linie der Frauenpolitik der KPD in der Roten Fahne, dem Zentralorgan
der Partei, vor. Sie formulierte die politischen Prinzipien der Frauenarbeit und beschrieb in
Hinblick auf die Konferenz, wie in Zukunft die konkrete Arbeit der Parteifrauen aussehen
sollte. „Die KPD ist keine bürgerliche und keine demokratische Partei. Darum haben unsere Vertreterinnen auch hier [auf der Reichsfrauenkonferenz] nicht darüber zu beraten, wie
wir vom Wohlfahrtsstaat ein Paar Schuhe oder Strümpfe mehr bekommen, sondern darüber, welches die besten Methoden zur Revolutionierung der deutschen Arbeiterinnen sind.
[…] Mit unseren Hausfrauen müssen wir ein ernstes Wort reden, daß sie die Bearbeitung
der Betriebe ‚von außen‘ in die Hand nehmen.“55
1919–1933
165
Am nächsten Tag begründete Ruth Fischer auf der Frauenkonferenz den neuen Kurs.
Für die Genossinnen sollte die Zeit der „Sonderbereiche“ vorbei sein. „Hier ist nicht mehr
die Rede von Frauenrecht, die Aufgabe der künftigen Propaganda werden wir nicht so
sehr auf die Hausfrauen als auf die Betriebe legen müssen, wie auch die Partei von den
Wohnbezirken auf die Betriebe eingestellt wird.“ Die gesamte Arbeit der Frauen sollte sich
auf die Betriebsarbeit und die Gewinnung von Betriebsarbeiterinnen konzentrieren. Das
war kein prinzipiell neuer Gedanke, sondern entsprach den Grundsatzentscheidungen
kommunistischer Frauenpolitik. Neu war die Ausschließlichkeit, mit der die Initiative betrieben wurde.
Außerdem vollzog die neue Führung einen Bruch mit der bisherigen Praxis der Anerkennung spezifischer Fraueninteressen, die verbunden war mit spezifischen Formen
politischer Arbeit. Nach der Auffassung von Ruth Fischer und Erna Halbe waren solche
Differenzierungen zwischen den Geschlechtern Relikte sozialreformerischer Politik. In
einer auf die „Revolutionierung der Arbeiterinnen“ ausgerichteten politischen Arbeit würde
es keinen Unterschied mehr zwischen allgemeiner Politik und Frauenpolitik der Partei geben. Entscheidungen über die Frauenpolitik hatte die zentrale Leitung zu treffen und über
die konkrete Arbeit der Frauen entschieden in Zukunft die örtlichen Parteiführungen. „Die
Frauen sollen nicht selbständige Kampagnen machen.“56 Die Genossinnen hatten Parteibeschlüsse auszuführen und wurden – soweit sie Hausfrauen waren – zu Hilfstruppen bei
der Betriebsagitation.
„Eine internationale Frauenwoche in Bremen, die
nach außen wenig in Erscheinung trat“
Als sich in Bremen gegen den linksradikalen Kurs Widerstand regte, setzte die Zentrale
einen neuen Bezirkssekretär ein. Dessen Arbeits- und Kommunikationsstil entsprach der
neuen Linie. Sein autoritärer Führungsstil manifestierte sich in den Anweisungen an die
untergeordneten Leitungen. So lautete die Direktive zum Internationalen Frauentag 1925:
„Vom 1. bis 8. März: internationale Frauenwoche.
Alle Ortsgruppen sind verpflichtet, in dieser Woche Frauenversammlungen anzusetzen.
Die Ortsgruppen müssen in allen Betrieben, wo hauptsächlich Frauen arbeiten,
Arbeiterinnenversammlungen in Verbindung mit der Zelle einberufen.“57
Die neue Linie vollzog sich in Anordnungen, Widerspruch oder die Entwicklung eigener Ideen wurden nicht zugelassen. Entsprechend gestaltete sich der Protest der Frauen
schweigend: Sie zogen sich zurück, beteiligten sich nicht mehr an der Parteiarbeit. Zum
Frauentag gab es kaum Vorbereitungen oder Werbeaktionen. Die Polizei als aufmerksamer Beobachter stellte fest: „In der Woche vom 1.- 8. 3. veranstaltete die K.P.D. eine
Internationale Frauenwoche, die nach außen hin wenig in Erscheinung trat. Von einer
öffentlichen Veranstaltung wurde abgesehen, dagegen fanden Frauenversammlungen
innerhalb der Distrikte statt. Auch wurde ein Werbeflugblatt an die Frauen verteilt.“58
Das Urteil der Frauenabteilung beim Parteivorstand über die Internationale Frauenwoche im Bezirk Nordwest war eindeutig: „Besonders schlecht, überhaupt keine Vorbereitungen.“59
166
Die Internationalen Frauentage der KPD
Nicht nur in Bremen erlebte die Partei diese Verweigerungshaltung der Genossinnen.
Auf der Frauenkonferenz am 11. Juli 1925, die vor dem Parteitag des gleichen Tages in Berlin stattfand, fasste Erna Halbe die Situation der Frauenarbeit mit den Worten zusammen:
„Die Aktivität der Genossinnen in der Partei hat nachgelassen. Wir haben nicht weniger
Mitglieder, aber weniger Parteiarbeiter.“60
„Keinen Pfennig den Fürsten, dafür Hilfe
den Erwerbslosen“ – Frauentag 1926
Der Frauentag 1926 hatte in der Geschichte des Tages einen besonderen Stellenwert. Zum
ersten Mal nach der Spaltung der Arbeiterbewegung veranstalteten auch die SPD-Frauen
den Internationalen Frauentag. Zudem standen die Kundgebungen der Sozialdemokratinnen und Kommunistinnen unter derselben Losung: Herbeiführung eines Volksentscheids
auf entschädigungslose Enteignung der ehemaligen Fürstenhäuser.
„Für die Fürsten 100 Schlösser – Für die Arbeiter eine Kochstube.“61
1919–1933
167
Es war Zufall, dass der Frauentag mit der Kampagne für den Volksentscheid zusammenfiel. Die Zeichnungsfrist für das Volksbegehren war „von Amts-Wegen“ auf die Zeit vom
4. bis 17. März 1926 festgesetzt worden. Die KPD nutzte wie die Sozialdemokratie den
Internationalen Frauentag zur politischen Propaganda. Die Parole „Keinen Pfennig den
Fürsten, dafür Hilfe den Erwerbslosen“ fand unter den Arbeiterfrauen viel Zustimmung.
Die Frauenabteilung „beim Zentralkomitee (ZK)“ 62 der KPD legte den Bezirksleitungen
und Ortsgruppen einen Plan vor, der für jeden Tag der Frauenwoche Aktionen vorsah.
Der Schwerpunkt sollte auf Betriebsversammlungen in den Frauenbetrieben und auf Aktionen vor den Betrieben „mit Hilfe der Hausfrauen“ liegen. Bei der „Hausagitation“ sollte
das Verfahren des Volksbegehrens erklärt und die Frauen überzeugt werden, sich in die
Zeichnungslisten einzutragen.63
In Bremen war die gesamte Partei aufgerufen, für das Volksbegehren zu werben: „Ab
4. März beginnt die Massenbewegung für Enteignung der Fürsten“ titelte die ArbeiterZeitung (AZ) am 3. März 1926. Täglich druckte sie Aufrufe von namhaften KünstlerInnen
und WissenschaftlerInnen, die die Initiative unterstützten. Außerdem veröffentlichte sie
die Adressen von zusätzlich eingerichteten Stellen, an denen Eintragungslisten auslagen.
Für die KPD-Frauen standen die mühsame Hausagitation und die Werbung für die
Frauenversammlung, die am 5. März im Kaffee Flora in Gröpelingen stattfand, im Mittelpunkt ihrer Aktivitäten.64 Am Tag nach der Frauenversammlung beteiligten sich die Frauen an dem Demonstrationszug der KPD zum Volksbegehren.
Dass über diese Demonstration ein „Sonderbericht“ der Polizei angefertigt werden
musste, hatte einen besonderen Grund:
Auszug aus dem Sonderbericht der Nachrichtenstelle der Polizeidirektion Bremen vom
9. März 1926.
168
Die Internationalen Frauentage der KPD
Der Berichte lautete:
Betr.: Demonstrationsumzug der K.P.D. gegen die Fürstenabfindung am 6. 3. 26.
Außer einem Transparent und Fahnen pp. wurde im Zuge ein grau gestrichener
„Galgen“ in Größe von 1,75 zu 0,60 m, an welchem ein Strick mit Schlinge befestigt
war, mitgeführt.
Eine Scheinfigur hatte man in der Schlinge nicht befestigt, jedoch war die Bedeutung
bzw. der Zweck des Galgens für jedermann leicht verständlich gemacht, durch ein
Plakat von 50×70 cm Größe mit der Aufschrift – Einmalige Abfindung – welches dem
Galgen in Höhe der Schlinge vorausgetragen wurde.
Das Plakat war weiß gestrichen und auf beiden Seiten mit schwarzer Aufschrift versehen.
Gez. … Hauptw.
Dieser Galgen hatte die Bürger Bremens aufgeschreckt. Ein Bericht darüber in den Bremer
Nachrichten vom 9. März 1926 veranlasste den Polizeipräsidenten einzugreifen. Der Senat
fasste den Beschluss, „dass die Mitführung von Galgen nicht geduldet werden dürfe“. Die
Polizei wurde angewiesen, die Kommunisten über den Senatsbeschluss zu informieren.65
Mit solchen provozierenden Öffentlichkeitsaktionen sorgte die KPD für Aufmerksamkeit
und wurde zugleich ihrer Rolle als „Bürgerschreck“ gerecht.
KPD-Parteitag 1927: neue Parteilinie
für die politische Arbeit unter den Frauen
Zwar hatten sich die Kommunistinnen an der Kampagne gegen die Fürstenabfindung beteiligt, doch das konnte die Abwanderung der Frauen nicht aufhalten. Sie verließen die
Partei in Scharen: Von den 32.856 weiblichen Mitgliedern im Herbst 1923 waren im Frühjahr 1927 nur noch 16.200 Frauen in der KPD organisiert, mehr als fünfzig Prozent hatten
der Partei den Rücken gekehrt.66 Gleichzeitig sank bei den noch verbliebenen weiblichen
Mitgliedern die Motivation, sich aktiv an der Parteiarbeit zu beteiligen. Damit hatte die
Partei ihre wichtigen Akteurinnen in den Wohnquartieren verloren.
Das neue Zentralkomitee unter der Führung von Ernst Thälmann drängte darauf, diesen Trend zu stoppen. Auf dem Parteitag 1927 wurden für eine neue Initiative in der Frauenarbeit wichtige Beschlüsse gefasst.
„Aufnahme einer planmäßigen, ständigen, verstärkten Arbeit der Gesamtpartei unter
den Frauenmassen“67: Diese wortreiche Selbstverpflichtung der Partei war Bestandteil
der Resolution „Die Arbeit der Partei unter den Frauen“68, die auf dem Parteitag im
März 1927 verabschiedet wurde. In dem Positionspapier wurde eine neue Organisationsstruktur der Frauenarbeit innerhalb der Partei festgelegt. In Zukunft sollten bei allen
Parteileitungen, vom Zentralkomitee bis zu den Bezirks- und Unterbezirksleitungen,
Frauenabteilungen gebildet werden. Neu geschaffen wurde die Position eines „Frauenorganisators (Genosse oder Genossin), bei den Betriebs- und Straßenzellen“. Bezogen
auf die Funktion des Organisators wurde ausdrücklich betont, dass dieser nicht auf
Frauenversammlungen gewählt werden sollte, sondern von der Parteileitung einzusetzen
sei. Eine eigenständige Frauenarbeit der Kommunistinnen war nicht vorgesehen. „Alle
1919–1933
169
grundsätzlichen Fragen der Arbeit unter den Frauen werden durch die zuständigen Parteileitungen entschieden.“69 In Zukunft sollte Frauenpolitik nicht nur als Verpflichtung
auf dem Papier stehen, sondern die Frauenabteilungen bzw. der „Frauenorganisator“
sollten in den Leitungen vertreten sein.
Der Parteitag beschloss nicht nur eine Veränderung in der Organisation der Frauenarbeit, er wählte mit Helene Overlach70 auch eine neue Vertreterin der Frauen ins Zentralkomitee. Wenig später, nach der Ablösung von Erna Halbe, wurde Helene Overlach auch
mit der Leitung der Frauenabteilung beim ZK beauftragt. Damit wurde wie schon im Jahr
1924 versucht, über Personalwechsel und organisatorische Korrekturen der Frauenarbeit
neuen Auftrieb zu geben.
Die Parteiführung wollte es nicht bei dieser innerparteilichen Umstrukturierung belassen. Mit einem neuen Aktionsprogramm sollten indifferente Frauen für den revolutionären
Kampf gewonnen werden. Dazu beschloss der Parteitag als Anlage zur Frauenresolution
die „Richtlinien für die Organisierung der Frauendelegiertenbewegung“.71 Das Delegiertensystem basierte auf der Idee, politisch inaktive und indifferente Arbeiterfrauen über die
Wahl von Delegierten mit der Partei in Verbindung zu bringen, neue Funktionärinnen
heranzuziehen und eine enge Verbindung zwischen den Arbeiterinnen, ihren erwerbslosen
Kolleginnen und den proletarischen Hausfrauen herzustellen. Das Grundprinzip bestand
darin, dass auf Versammlungen (von Arbeiterinnen, Hausfrauen, Erwerbslosen usw.), die
die Partei und die Genossinnen vorzubereiten hatten, Delegierte gewählt werden sollten.
Ziel des Delegiertensystems war offensichtlich weniger die Durchsetzung konkreter Forderungen als die Gewinnung von Aktivistinnen, die in den Bereichen, aus denen sie kamen,
als Propagandistinnen für die KPD aktiv werden und dann als KPD-Mitglieder die Frauenarbeit der Partei voranbringen sollten. Denn für das weitere Vorgehen wurde zwar ein
detailliertes Organisationsmodell entwickelt, aber nur wenig darüber ausgesagt, für welche
Inhalte die Frauen kämpfen bzw. welche Interessen die Delegierten vertreten sollten.
Obwohl der Parteitag mit diesen Resolutionen grundlegende Veränderungen innerhalb der Partei und ein weit reichendes Aktionsprogramm beschloss, gab es auf dem
Parteitag darüber keine Debatte. Die Resolutionen wurden nahezu kommentarlos
verabschiedet, wohl in der Hoffnung, dass die neue Beschlusslage die Parteileitungen
zwingen werde, „planmäßig, ständig, verstärkt“ die Arbeit unter den Frauen in Angriff
zu nehmen.
Erledigung einer Pflichtaufgabe –
Frauentage 1927 bis 1930
Im Verlauf des Jahres 1927 wurde dann im Bezirk Nordwest die „Frauenabteilung“
geschaffen. Ob in den Betriebs- und Straßenzellengruppen Bremens auch Frauenorganisatoren eingesetzt wurden, darüber fehlen Informationen.72 Doch weitergehende
Initiativen, die Arbeit unter den Frauen „planmäßig“ und „verstärkt“ aufzunehmen,
gab es auf jeden Fall nicht. Im Gegenteil vermitteln die Berichte über die Frauentage
bis 1930 den Eindruck, dass in der KPD Bremens die Frauenarbeit eher weniger Beachtung fand.
170
Die Internationalen Frauentage der KPD
„Es fand eine Frauenversammlung statt, die nur sehr
geringen Besuch aufwies“ – Frauentag 1927
Zum Internationalen Frauentag 1927 waren im Bezirk Nordwest vier Veranstaltungen vorbereitet worden. Die Bezirksleitung ließ am 7. März in der AZ einen Aufruf drucken, der
das Frauenprogramm der KPD in einem Satz zusammenfasste:
„Frauen heraus zur Internationalen Frauenwoche, Ausgebeutete, Unterdrückte! Die
KPD ruft euch auf, an diesem Tage, wo in allen Ländern die werktätigen Frauen
aufmarschieren für bessere Lebensbedingungen, für die Beseitigung des Abtreibungsparagraphen, gegen Bürgerblock und Reichskonkordat, gegen imperialistische
Kriege, für die Errichtung der sozialistischen Gesellschaftsordnung zur Frauenkundgebung.“73
Daran schloss sich die Ankündigung der vier Frauenveranstaltungen an, die im Bezirk
Nordwest stattfanden. Das Thema aller vier Versammlungen lautete: „Der Internationale
Frauentag und der Kampf um die Befreiung der Frauen.“ Der Aufruf endete mit dem
Appell an die Männer: „Arbeiter, auch Eure Sache ist es, an diesen Kundgebungen teilzunehmen!“74
Schon die Gestaltung der Anzeige zeigte, dass die Versammlungen seitens der Organisatoren routinemäßig abgearbeitet worden waren, darüber hinaus jedoch wenig Interesse
bestand, sich für den Internationalen Frauentag zu engagieren. Auch unter den Parteimitgliedern gab es offensichtlich nur wenige, die sich an der Propaganda für die Veranstaltung beteiligten. Jedenfalls war die Frauenversammlung in Bremen schlecht besucht. Die
Arbeiter-Zeitung kritisierte, dass die Parteigenossen „ihre Frauen nicht in diese wichtige
Versammlung geschickt haben“ und dass die Genossinnen „die Agitation von Mund zu
Mund“ nur ungenügend betrieben hätten.75 Diese öffentliche Kritik übertrug den Ehemännern und den Parteigenossinnen die Verantwortung für den Misserfolg. Die politisch
Verantwortlichen waren damit weitgehend entlastet und mussten über Versäumnisse nicht
mehr nachdenken.
„Es lebe der Befreiungskampf der Arbeiterfrauen
der ganzen Welt“ – Frauentag 1928
Es war auffällig, mit welchem Eifer die Bezirksleitung an die Vorbereitungen des Frauentages 1928 heranging. In einem ausführlichen Rundschreiben rief sie alle Parteigruppen
zur Mitarbeit an einer Internationalen Frauenwoche auf. „Die Hauptkraft der Partei ist […]
auf gute Kleinarbeit zu legen. Unsere Parteigenossinnen, in Verbindung mit dem RFMB76,
müssen ihre Hauptkraft in dieser Woche auf Werbung neuer Frauen für die Partei, Gewinnung von Abonnenten für die ‚Kämpferin’ und die Parteipresse legen.“77 Ebenso wurden
die Parteimitglieder verpflichtet, für die Veranstaltung am Frauentag zu werben. Die Bezirksleitung und die Gruppenvorstände setzten viel daran, eine gut besuchte Veranstaltung vorzuzeigen, denn das Zentralkomitee schickte als Referentin Helene Overlach, die
Leiterin der Frauenabteilung, nach Bremen. Außerdem wurde eine Genossin aus England
als Gast erwartet.
1919–1933
171
Zum ersten Mal seit 1923 berichtete die Parteizeitung wieder über kulturelle Beiträge
auf einer Veranstaltung zum Frauentag. Rezitationen und der Auftritt des Frauenchores
der Partei umrahmten die Redebeiträge. Helene Overlach und die „Genossin Pollit“ aus
England berichteten über den internationalen Kampf der Frauen um ihre Befreiung. „Die
Genossin Overlach schloß mit dem Ruf: Es lebe der Befreiungskampf der Arbeiterfrauen
der ganzen Welt.“78
Der Vermerk in der Polizeiakte, dass der Saal „nicht voll“ besetzt war79, ist ein Hinweis darauf, dass es der Bremer KPD trotz Anstrengungen und guter Vorbereitung nicht
gelang, Arbeiterfrauen „massenhaft“ zum Besuch ihrer Veranstaltung am Frauentag zu
bewegen. Und auch in den darauffolgenden Jahren unternahm die Partei nichts, um die
Frauentage zu zentralen Aktionstagen zu entwickeln und damit unter den Arbeiterfrauen zu werben.
Nicht einmal die Parteipresse
berichtete – Frauentage 1929 und 1930
Die Frauenabteilung beim ZK drängte die Bezirke, den Frauentagen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Die ersten Anweisungen zur Vorbereitung der Frauentagwoche vom 1.
bis 8. März 1929 wurden bereits am 7. Dezember 1928 verschickt.80 Ende Januar stellte
die Frauenabteilung in einem weiteren Rundschreiben fest, dass die Bezirksleitungen noch
keine Arbeitspläne für die Frauenwoche vorgelegt hätten. Im selben Schreiben wurde in
einer umfangreichen Liste den Bezirken mitgeteilt, welche Materialien für den 8. März
1929 zur Verfügung stünden: Es gab die Frauenzeitung als Sondernummer, Broschüren,
Lichtbildstreifen, eine Sammlung an Theaterstücken und Matrizen zum Drucken von
Flugblättern und Zeitungsartikeln sowie Rededispositionen. Außerdem wurden die Bezirksleitungen darauf hingewiesen, dass der Rote Frauen- und Mädchenbund (RFMB) zum
8. März eine Unterschriftenkampagne zum Thema Abschaffung des § 218 starten werde,
„die […] unterstützt werden soll“.81
Seit Ende Februar 1929 veröffentlichte die Arbeiter-Zeitung fast täglich entsprechende
Beiträge, zum Beispiel zur Geschichte des Frauentages am 3. März, zur Arbeitslosigkeit
am 7. März und zu Frauenproblemen in den Betrieben am 11. März. Mehrfach gab es Hinweise auf die Frauenveranstaltung der Partei.
Doch die Partei selbst entfaltete offensichtlich kaum Initiativen. Außer den Anzeigen in
der AZ gab es keine dokumentierten Aktivitäten im Vorfeld. Und über die Versammlung
selbst gab es dann auch nichts zu berichten, weder in der Parteipresse noch in den Lageberichten der Polizei.
Die aktiven Frauen in Bremen konzentrierten sich zur selben Zeit auf ein eigenes Projekt. Der RFMB unter der Leitung von Gesine Becker probte das „Tendenzstück § 218“.
Das Stück wurde am 31. März, am ersten Ostertag, aufgeführt und die AZ berichtete
über eine gut besuchte Veranstaltung.82 Die Frauen waren ihre eigenen Wege gegangen
und hatten sich offensichtlich um die Parteiverpflichtungen zum Frauentag nicht weiter
gekümmert.
Für 1930 hatte die Bezirksleitung ein Aktionsprogramm für eine ganze Woche zusammengestellt, in dem der Frauentag eine Aktivität unter anderen war:
172
Die Internationalen Frauentage der KPD
Zwei internationale Tage: 6. März Welterwerbslosentag – 8. März Internationaler
Frauentag.83
Die Woche begann am 3. und 4. März mit zwei Versammlungen in den Vororten. Am 6. März
1939 fand die Erwerbslosendemonstration statt. Im Verlauf der Kampagne zeigte sich, dass
die Partei zwar die Aktionen angekündigt, aber nur mangelhaft vorbereitet hatte. Als sich
zur Erwerbslosendemonstration mehr als 3.000 Personen einfanden, waren die Kommunisten nicht in der Lage, die Menschenmenge zu einem wirkungsvollen Demonstrationszug
zusammenzufassen.84 Auch die Polizei bemerkte: „Es fehlten völlig die Plakate. Kinder und
Frauen waren wenig zu sehen. Uniformen des RFB oder der Antifa waren bis auf das Bläserkorps nicht vorhanden. Die sonst üblichen Fahnen wurden nicht mitgeführt.“85
Nach den Aktionstagen und der Massendemonstration war der Frauentag der letzte
Programmpunkt, doch zu diesem Zeitpunkt gab es kaum noch Interesse an einer Frauenveranstaltung. So beteiligten sich nach Polizeiangaben lediglich „120 Personen […],
darunter 52 Frauen“86 am Demonstrationszug und über die anschließende Versammlung
gab es nichts mehr zu berichten. Im Verlauf der fünf Jahre seit 1925 war der Internationale
Frauentag der Kommunisten aus dem politischen Leben der Partei in Bremen fast vollständig verschwunden.
„Antreten zur antifaschistischen Aktion“ –
Frauentage 1931 bis 1933
Kampf gegen „das ganze faschistisch-kapitalistische
System“ – Frauentag 19331
Der Wahlsieg der NSDAP bei der Bürgerschaftswahl 1930 veränderte die politische Landschaft in Bremen von Grund auf. Die Nationalsozialisten wurden mit 25,26 Prozent zweit-
1919–1933
173
stärkste Fraktion in der Bremischen Bürgerschaft. Damit traten die Nazis als politische
Kraft mit Massenanhang auch in Bremen offensiv in Erscheinung.87 Diese Entwicklung war
für die Bremer KPD der entscheidende Anstoß zur Gründung des „Kampfbundes gegen
den Faschismus“. Sie folgte damit dem Aufruf des Zentralkomitees, die verschiedenen
politischen Kräfte der Arbeiterbewegung im Kampf gegen den Faschismus zusammenzuführen. Allerdings offenbarte die auf der Gründungsversammlung verabschiedete Resolution eine politische Tendenz, die jedes breite Bündnis ausschloss. In der Resolution hieß
es: „Wir werden unter der Führung des Kampfbundes den National- und Sozialfaschismus,
unter Führung der KPD und der Roten Hilfe den Polizei- und Justizfaschismus bekämpfen,
das ganze faschistisch-kapitalistische System.“88 Hier zeigt sich über den inflationären Gebrauch des Wortes „Faschismus“, dass die KPD zwischen den politischen Lagern in der
Weimarer Republik keine Unterschiede machte. Für die KPD war der gesamte Weimarer
Staat und das kapitalistische Wirtschaftssystem ein großes faschistisches Unternehmen.
Darin gab es auch den Polizei- und Justizfaschismus. Hauptgegner waren die Faschisten
der NSDAP und die „Sozialfaschisten der SPD“. Zwischen diesen beiden wurde wenig differenziert. Damit wurde die wirkliche Bedrohung, die von den Nazis ausging, gründlich
unterschätzt und das propagierte Zusammengehen mit den Sozialdemokraten war faktisch ausgeschlossen.89
Der Bezirksleitung in Bremen kam es zu Beginn des Jahres 1931 darauf an, weitere
Gruppen für die Mitarbeit im Kampfbund zu gewinnen. Wichtige Zielgruppe waren die
Arbeiterfrauen, die den männlichen Kampfformationen des Bundes recht skeptisch gegenüberstanden. Um die Frauen anzusprechen und in die antifaschistische Arbeit einzubeziehen, schien den Parteifunktionären der 8. März besonders gut geeignet, zumal er im Jahr
1931 auf einen Sonntag fiel. So entwickelten sie für diesen Tag ein besonderes Konzept.
Die Aktion startete mit dem Aufruf zum Internationalen Frauentag:
„Antreten“ zur Demonstration am Frauentag und „Abmarsch“ zur Antifaschistischen
Aktion.90
174
Die Internationalen Frauentage der KPD
Die militarisierte Sprache verschwand auch an den Frauentagen nicht. Doch offensichtlich ließen sich nur wenige Genossinnen auf diese Art und Weise herumkommandieren. Am 8. März 1931 formierte sich ein Demonstrationszug durch den Arbeiterstadtteil Gröpelingen. Sein zentrales Thema war die Abschaffung des § 218. Mit
einer einprägsamen Darbietung drückten die Teilnehmerinnen ihren Protest aus. Die
Polizei notierte dazu, dass „an der Spitze des Zuges […] eine Frau mit einem Kinderwagen [marschierte]. An dem Kinderwagen war an einer Stange eine grosse Tasse mit
einem Plakat befestigt mit der Aufschrift: ‚Diese Tasse erhielt ich beim 12. Kinde‘. Anschließend folgten 50 Frauen.“ Dieser Frauengruppe schlossen sich dann die Männer
vom Kampfbund und Parteimitglieder an. Außerdem zählte die Polizei fünf rote Fahnen und sechs Transparente, „die mit der Aufschrift ‚Hinein in den Kampfbund gegen
den Faschismus‘, ‚Nur ein Sowjet-Deutschland schafft Arbeit und Brot‘, ‚Fort mit dem
§ 218‘ versehen waren.“ Nach der einstündigen Demonstration wurde der Frauentag
in Bremen beendet.
Im Polizeibericht wurde dann noch über den Anfang der zweiten Aktion berichtet:
„Gleich nach der Rückkehr des Zuges bestiegen die Teilnehmer 3 L.K.W. mit Anhängern.
Um 12.20 Uhr fuhren die Wagen, die mit 280 Personen, darunter 40 Frauen, besetzt
waren, nach Delmenhorst ab.“91 Die Teilnehmerinnen verstärkten jetzt die antifaschistische Kampffront auf der Kundgebung in Delmenhorst. Dieser Vorgang enthüllte, dass für
die Parteifunktionäre in Bremen der Internationale Frauentag keinen eigenen politischen
Stellenwert hatte: Für sie bot er günstige Gelegenheiten, die Genossinnen bei politischen
Aktionen einzusetzen.
Die Frauenabteilung beim ZK verurteilte diese Vorgehensweise, sie wandte sich in
scharfer Form gegen die Praxis, Frauentage für andere Zwecke und Veranstaltungen umzufunktionieren, was offensichtlich auch in anderen Bezirken üblich geworden war. Sie
nannte das eine „Minderbewertung der weiblichen Mitglieder“. Das Fazit der Frauenabteilung lautete, „dass die erfolgreich begonnene Wendung der Partei [zur Massenarbeit
unter den Frauen] nicht bis in die untersten Parteieinheiten durchgedrungen [sei].“92 Wie
intensiv sich die Partei mit dieser Kritik auseinandersetzte, ist aus den Quellen nicht zu
ersehen, immerhin war die Veranstaltung zum Internationalen Frauentag 1932 sorgfältig
vorbereitet und gut besucht.
Zunächst jedoch setzten die KPD-Frauen 1931 ihre Frauentagaktion fort. Am 16. April nutzten die KommunistInnen die große Frauenversammlung der SPD-Frauen, um vor
den Centralhallen Flugblätter zu verteilen. Sie folgten damit dem Aufruf der Frauenabteilung beim ZK, die Internationale Frauenwoche der SPD „zum entschiedenen Vorstoß
zu den sozialdemokratischen Frauen (4,2 Millionen Frauen stimmten bei der letzten
Reichstagswahl für die SPD)“ zu nutzen.93 In früheren Jahren waren die Kommunistinnen als Agitatorinnen in den Frauenversammlungen der Sozialdemokratinnen aufgetreten. Doch die neue Form der Veranstaltungen als Festakte schloss solche Auftritte
aus. Deshalb standen die KommunistInnen vor den Eingangstüren. Dort tauchte schon
bald die Polizei auf und beschlagnahmte die „Flugblätter, die der Polizeibehörde nicht
vorgelegen“ hatten.94 Das Flugblatt hatte Luise Eildermann95, die neue Bürgerschaftsabgeordnete der KPD, verfasst.
1919–1933
175
Flugblatt der KPD-Bremen zum Internationalen
Frauentag 1931, beschlagnahmt von der Polizei,
als die Kommunistinnen es bei der Frauentagsveranstaltung der SPD verteilen wollten.96 Das
Flugblatt wandte sich an die Besucherinnen der
Frauentagsveranstaltung:
Frauen, denkt einmal nach!
Warum hat die Sozialdemokratie für den Bau der Panzerkreuzer A und B gestimmt,
wenn sie gegen den Krieg ist?
Warum hat die Sozialdemokratie gegen die Aufhebung des Abtreibungsparagraphen
gestimmt, der jährlich über 40.000 Frauen das Leben kostet?
Warum hat die Sozialdemokratie gegen die unerhörten Massensteuern und Wucherzölle, für Abbau der sozialen Leistungen, für Lohn- und Unterstützungsraub gestimmt?
Warum kann die Regierung Brüning mit Artikel 48 die Notverordnungen durchführen?
Weil die Sozialdemokratie die Partei des Arbeiterverrats und des Polizeisozialismus ist!
Die deutsche Arbeiterklasse stöhnt unter Hunger und Knechtung. Das kapitalistische
System ist nicht mehr imstande die Arbeiterschaft zu ernähren. Aber die Sozialdemokratie stützt dieses System und will damit den Hunger und die Kulturbarbarei verewigen. Die Sozialdemokratie bekämpft, verleumdet und beschimpft Sowjetrussland,
das einzige Land, wo keine Arbeitslosigkeit herrscht; wo die Frau im wahrsten Sinne
des Wortes befreit ist und gleichberechtigt mit dem Manne den Sozialismus aufbaut.
Frauen des werktätigen Volkes! Erkennt die Judasrolle der Sozialdemokratie. Gebt
ihr die richtige Antwort und reiht euch ein in die revolutionäre Front aller Arbeitenden. Erst wenn das kapitalistische System beseitigt ist, kann der Sozialismus leben.
Nur ein sozialistisches Deutschland wird
A r b e i t, B r o t und F r e i h e i t bringen.
Arbeiterinnen, Arbeitermütter, denkt an die Zukunft eurer Kinder! Schart euch um
das Banner der Kommunistischen Partei, der einzigen Führerin aller Ausgebeuteten
und Unterdrückten.
Frauen, her zu uns!
Verantw. L. Eildermann,
Kommunistische Partei Deutschlands Bremen, Buntentorsteinweg 95 Sektion der
III. Internationale
176
Die Internationalen Frauentage der KPD
Der Text folgte der Argumentationslinie, die die KPD in diversen Rundschreiben empfohlen hatte. Es wurde die These vom Verrat der SPD-Führer vorgetragen, verbunden mit
der Aufforderung an die Frauen, Mitglied in der KPD zu werden. Die KPD-Frauen wollten
die anwesenden Arbeiterfrauen ansprechen und in die Reihen der Kommunistinnen holen.
Diese Argumentation konnte nicht überzeugen, und so hatten die Kommunistinnen mit
diesen Aktionen auch keinen Erfolg.
„Jede proletarische Frau ein roter Wahlhelfer
in der Thälmannfront“ – Frauentag 1932
„Bremen lag am 1. Februar 1932 an der Spitze der Arbeitslosigkeit der deutschen Länder
und preußischen Provinzen. Von 1.000 Einwohnern waren im Land Bremen 250 (mit
Familienangehörigen) von der Arbeitslosigkeit betroffen, vor Berlin mit 215 von 1.000.“97
Das bedeutete, dass ein Viertel aller Bremer Unterhalt aus öffentlichen Mitteln bezog. Die
verheerenden Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiterfamilien waren für viele ein Zeichen, dass dieses System für sie keine
Zukunftsperspektive mehr bot. So schlossen sie sich der Partei an, die eine grundlegende
Umgestaltung der Gesellschaft verwirklichen wollte. Die KPD sah in den steigenden Mitgliederzahlen die Zustimmung zu ihrer politischen Linie.
Das Wahljahr 1932 begann für die KPD
mit dem Wahlkampf für Ernst Thälmann,
den Parteivorsitzenden, der als Kandidat
für das Amt des Reichspräsidenten antrat.
In diesem Kampf – „Klasse gegen Klasse“,
wie es die KPD formulierte – wandte sich
die Partei zum 8. März mit dem Aufruf an
die Frauen: „Wählt Thälmann!“
Von der Polizei konfisziertes Flugblatt.98
1919–1933
177
Die Bremer Polizei konfiszierte die Flugblätter zum Internationalen Frauentag mit der
Begründung, dass deren „Inhalt geeignet sei, die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu
gefährden“ und machte Jagd auf die Flugblattverteiler. In Bremen wurde der „Arbeiter J.
Sch. betroffen, als er in der Balgebrück- und Klosterstrasse Flugblätter mit der Überschrift
‚Frauen der arbeitenden Klasse‘ […] von Haus zu Haus verteilte“. Der Flugblattverteiler
wurde verhaftet und nach einer Wohnungsdurchsuchung am „18. März wegen Vergehens
gegen § 11 Abs. 1 der Verordnung des Reichspräsidenten zur Bekämpfung politischer Ausschreitungen von 28. März 1931 zu einer Geldstrafe von 12,- RM evtl. 3 Tagen Gefängnis
verurteilt“.99
Trotz Polizeischikanen konnte die Bezirksleitung der KPD über eine erfolgreiche Frauentagsveranstaltung berichten. Am 8. März 1932 hatten sich im Café Lehmkuhl ca. 1.000
Personen („20 Prozent Männer“) versammelt.100 Nach langer Zeit hatte es wieder eine gut
besuchte Versammlung gegeben. Das Rahmenprogramm war, wie die Arbeiter-Zeitung am
9. März berichtete, „gut proletarisch gestaltet“, mit Beiträgen der Agitproptruppe die „Bremer Blauen Blusen“101, dem Arbeitergesangsverein und dem Arbeiterblasorchester. Der
Auftritt der Pioniere, die seit einiger Zeit bestehende Kinderorganisation der KPD, sorgte
auf der Veranstaltung für besondere Aufmerksamkeit. Die Pioniere berichteten, dass einige von ihnen am Nachmittag des 8. März von der Polizei festgehalten worden seien, weil sie
„eine Schulzeitung angefertigt und vertrieben haben sollten“102. Die Empörung über das
Vorgehen der Polizei war entsprechend groß.
Die versammelten Frauen und Mütter sahen über diesen Vorfall die Berichte der Referentin bestätigt, dass der kapitalistische Staat für die Arbeiterkinder und ihre Mütter nur
Missachtung übrig habe. Dazu führte die Rednerin als Beispiel an: „Der kapitalistische
Freistaat Preußen stellt in seinem Etat als soziale Ausgabe für ein Arbeiterkind drei Pfennig im Monat zur Verfügung, dagegen werden für die Pferde der Sipo [Sicherheitspolizei]
siebenundvierzig Mark im Monat ausgegeben.“ Deshalb, so die Rednerin weiter, müsste
jede proletarische Frau am Samstag dem „roten Arbeiterkandidaten Thälmann ihre Stimme geben und damit zeigen, dass sie gewillt ist, das kapitalistische System durch Kampf
mit beseitigen zu helfen“. Die Versammlung wurde mit dem gemeinsamen Gesang der
Internationale beendet. Der Zeitungsbericht schloss mit dem Appell: „Jetzt vorwärts! Jede
proletarische Frau ist ein roter Wahlhelfer und mobilisiert die Massen für die Thälmannfront!“103
Die Partei nutzte den Frauentag zur Wahlagitation unter den Frauen. Doch auch das
änderte nichts an der Einstellung der Wählerinnen. In der Einschätzung der Bremer Genossen zum Ergebnis des ersten Wahlganges hieß es, „daß die proletarischen Frauen Thälmann nicht gewählt hätten“.104 Die Bezirksfrauenleitung reagierte und entwickelte einen
vier Seiten umfassenden Maßnahmenplan für die Zeit bis zum zweiten Wahltermin am
10. April 1932. Doch auch diese Initiative hatte keinen Erfolg bei den Frauen. Der Stimmenanteil der weiblichen Thälmann-Wähler sank im zweiten Wahlgang weiter um 1,5 Prozent.105 Die KPD blieb bis zum Ende der Weimarer Republik die Partei mit dem niedrigsten
Anteil weiblicher Wähler.106
Seit 1930 beteiligten sich die Kommunistinnen an Aktionen gegen den wachsenden
Einfluss der Nazis. Ein wichtiges Thema dabei war die Auseinandersetzung um die Abschaffung der §§ 218 und 219 des Strafgesetzbuchs. Die KPD organisierte den Protest
gegen die Initiativen der NSDAP, die Abtreibungsgesetze zu verschärfen. Immer wieder
wies sie darauf hin, dass die Nationalsozialisten in ihrem „Dritten Reich“ bei Abtreibungen
wieder die Todesstrafe einführen wollten.107 Wie an vielen anderen Orten beteiligten sich
die KPD-Frauen in Bremen an den antifaschistischen Aktionen des Kampfbundes am
178
KPD: ein Internationaler Kampftag für die Befreiung der Frau
8. März 1931. Doch die Idee, die Frauen in paramilitärische Frauenstaffeln zusammenzufassen, fand unter den Bremer Proletarierinnen wenig Resonanz.108
Trotz verstärkter antifaschistischer Arbeit unter den Frauen, Demonstrationen und
Straßenkämpfen mit den Nazis wurde das Ausmaß der Bedrohung und die schrittweise
Okkupation der Macht durch die NSDAP auch bei den Kommunisten nicht wahrgenommen. Unter dem Datum vom 27. Januar 1933 verschickte die Abteilung Frauen beim ZK an
alle Bezirksleitungen „Anweisungen zum Internationalen Frauentag am 8. März 1933!“, die
sich nicht von früheren Anweisungen unterschieden. Der „Kampf- und Organisationstag“
sollte auf die Arbeiterinnen in den Großbetrieben ausgerichtet werden. Es gab detaillierte
Festlegungen für die Betriebsaktionen. In dem Kapitel über die praktische „Antikriegsarbeit“ wurden Vorschläge gemacht, die Frauen „zum wehrhaften Kampf gegen faschistischen Terror“ auszubilden. Bezeichnenderweise sollten die Frauen Aufgaben im „Sanitätsdienst, Nachrichten- und Kundschafterdienst“ übernehmen.109 Offensichtlich stellten sich
die Kommunisten den Kampf gegen die Faschisten als Fortsetzung des bisher Erlebten, als
Bürgerkrieg vor. Von dem, was dann wirklich passierte, wurden SPD und KPD in gleicher
Weise überrascht.
Als die Rundschreiben bei den Bezirken eintrafen, war Adolf Hitler bereits Reichskanzler der Reichsregierung Hitler-Papen. In Bremen wurde am 25. Februar 1933 die ArbeiterZeitung wegen „Anreizung zu Gewalttätigkeiten“ bis zum 2. März verboten. Am 1. März
wurden dann alle kommunistischen Versammlungen und Umzüge sowie Agitationsmaterialien verboten und die Parteibüros der KPD von der Polizei durchsucht. Auch in den
Wohnungen von KPD-Funktionären fanden Hausdurchsuchungen statt. Flugblattkleber
wurden nachts festgenommen. Am 4. März 1933 wurden die ersten Bremer KP-Funktionäre verhaftet.110
Zwischenbilanz
Die Kommunistische Partei sah sich in der Nachfolge der sozialistischen Frauenbewegung
der Vorkriegszeit. Mit Clara Zetkin und Käte Duncker war diese Kontinuität auch in den
Personen präsent. Die Kommunistinnen setzten den Internationalen Frauentag als einheitlichen Kampftag für die Rechte der Frau in der neuen Kommunistischen Internationalen durch und legten fest, den Frauentag ab 1922 jedes Jahr am 8. März zu begehen. An
diesem Tag sollten weltweit die proletarischen Frauen zum Kampf gegen ihre Ausbeutung,
Unterdrückung und Rechtlosigkeit aufgerufen werden. Den KPD-Frauen diente der Internationale Frauentag als Agitationsplattform. Dabei sollten die Proletarierinnen als Kampfgenossinnen für das Zukunftsprojekt der revolutionären Umgestaltung der Republik nach
dem Vorbild von Sowjet-Russland gewonnen werden.
Der Frauentag war verpflichtender Aktionstag für die gesamte Partei. Bereits Wochen
vor dem 8. März erhielten die Bezirksleitungen detailliert ausgearbeitete Arbeitspläne von
der Zentrale zugeschickt und diese gaben dann entsprechende Anweisungen an die unteren Parteieinheiten weiter. Gleichzeitig wurde in der Presse die politische Erklärung der
Kommunistischen Internationale zum Frauentag veröffentlicht. Auf der Führungsebene
wurde der Tag mit Beschlüssen, detaillierten Anleitungen an die Bezirke und kritischen
Stellungnahmen vorbereitet.
Im politischen Parteialltag in Bremen gab es jedoch wenig Bereitschaft, die minutiösen Arbeitspläne und schematischen Festlegungen umzusetzen. Auch standen dort meist
1919–1933
179
andere Fragen und Probleme im Mittelpunkt: Die mehrfach wiederholten Versuche, in
Deutschland eine Räterepublik zu errichten und das Scheitern dieser Unternehmungen
führten zu Verboten und Verhaftungen. Ideologische Auseinandersetzungen zwischen der
KPD in Bremen und der Gesamtpartei beschäftigten die Parteiorganisation.
In der Aufbauphase hatten die Bremer Genossinnen versucht, dem Frauentag ein eigenes Profil zu geben. Die linksradikale politische Wendung 1924/25 hatte dann unmittelbare Folgen für die Frauenpolitik und die Aktivitäten der Genossinnen in Bremen. Auch
hier – wie in anderen Städten Deutschlands – zogen sich die Frauen aus der Parteiarbeit
zurück. Die verbliebenen Genossinnen wurden bei den unterschiedlichsten Aktionen eingesetzt. Für die Vorbereitung und Durchführung von Frauentagen blieb wenig Zeit, vieles musste improvisiert werden. Meist wurden die Frauentage bürokratisch abgewickelt,
nebenbei erledigt oder an aktuelle Aktionen angehängt. Die Bremer Parteiführung entwickelte kein Konzept für die Frauenarbeit, Frauenthemen blieben von nachrangiger Bedeutung.
Trotzdem gelang es den KPD-Frauen einige Male zum 8. März gut besuchte Kundgebungen zu organisieren. Bei diesen Veranstaltungen zeigten sich bemerkenswerte Übereinstimmungen mit den SPD-Versammlungen: Der mit roten Fahnen geschmückte Saal
empfing die Teilnehmerinnen und in den Reden kamen die gleichen Politikbegriffe – Kapitalisten und Arbeiterklasse, Ausbeutung und Sozialismus – zum Einsatz. Es gab ein
an politischen Themen ausgerichtetes Kulturprogramm und den gemeinsamen Gesang
proletarischer Lieder am Ende der Veranstaltung. Doch die KPD-Presse betonte in ihrer
Berichterstattung ausdrücklich die Differenz. Der Internationale Frauentag der KPD sollte eine politische Agitationsveranstaltung sein, kein Ort der Besinnung und Erhebung.
Inhaltlich waren die Frauentage ausgerichtet auf eine Fundamentalkritik am Weimarer
Staat. Und weil die Frauen von diesem Staat nichts zu erwarten hätten, wurden sie umso
energischer an ihre Verpflichtung erinnert, sich am revolutionären Kampf der Arbeiterklasse im bevorstehenden Bürgerkrieg zu beteiligen.
Dabei blieben die politischen Ziele recht abstrakt. Die konkreten Anliegen und Interessen der Frauen wurden zwar aufgelistet und ihr elendes Leben beschrieben, doch zur
Lösung wurden die Frauen auf eine nachrevolutionäre Zukunft verwiesen. Die Frauenpropaganda war von einem aggressiven Politikstil geprägt, der weitgehend die soziale
Alltagsrealität der proletarischen Frauen ausblendete. Das alles trug dazu bei, dass die
KPD auch in Bremen unter den Arbeiterfrauen nicht sehr viele Anhängerinnen gewinnen konnte.
Exkurs: Zu den Frauentagaktionen der
KPD und SPD in der Weimarer Republik
Bis 1933 war der Internationale Frauentag weit über die europäischen Länder und
die USA hinaus in China, Vietnam und Indochina, in Lateinamerika und in den
Kolonialgebieten Afrikas zu einem Kampftag der Frauen geworden. Die Kommunistische Internationale und die Sozialistische Arbeiterinternationale waren dabei die
treibenden Kräfte. Sie riefen jährlich über ihre nationalen Organisationen überall
in der Welt die arbeitenden Frauen und Mädchen zu Kundgebungen auf, um ihre
180
Die Internationalen Frauentage der KPD
Forderungen an Staat und Gesellschaft öffentlich zu machen. Es hing von der Stärke
und dem Einfluss der Arbeiterbewegung der Länder ab, wie sich die Idee des Frauentages jeweils ausbreiten konnte. Die Inhalte und Forderungen waren mitbestimmt
von den unterschiedlichen Lebensbedingungen und den sozialen und politischen
Rechten, die den Frauen in den jeweiligen Ländern zugebilligt wurden.111
In der Weimarer Republik waren die Aktionen zum Internationalen Frauentag Bestandteil der politischen Jahreskalender der KPD und SPD geworden. In der KPD
gehörte der Frauentag von Beginn an zum politischen Arbeitsprogramm der Partei.
In der SPD hatte sich nach der Vereinigung mit der USPD der Frauentag als „wirksames Propagandamittel“ bewährt. Seit 1926 gab es jährlich zwei Frauentage, den
kommunistischen Tag am 8. März und den sozialdemokratischen Frauentag, dessen
Datum jährlich neu bestimmt wurde. In dieser Datumsdifferenz fand die Spaltung
der Arbeiterinnenbewegung ihren sichtbaren Niederschlag. Trotzdem wurden an den
Frauentagen auch Übereinstimmungen sichtbar, die aus der Entstehungsgeschichte
des Tages herrührten und die bei der Gegenüberstellung lokaler Quellen ans Licht
treten.
Die Internationalen Frauentage waren im proletarischen Milieu der Arbeitersiedlungen verankert. Dort hatten die Akteurinnen beider Parteien ihren Lebensmittelpunkt, Sozialdemokratinnen und Kommunistinnen wandten sich gleichermaßen
an dieses Umfeld. Sie konkurrierten untereinander um die Stimmen der proletarischen Wählerinnen, um Teilnehmerinnen bei Veranstaltungen und vor allem um Mitglieder in der jeweiligen Frauenorganisation. Dabei setzten die Sozialdemokratinnen
und Kommunistinnen in ihren Werbestrategien durchaus unterschiedliche Schwerpunkte: Die SPD versuchte in erster Linie nichterwerbstätige Arbeiterfrauen anzusprechen, die KPD vor allem die Betriebsarbeiterinnen. Trotzdem gewannen beide
Parteien mehrheitlich Hausfrauen als Mitglieder. Gleichzeitig blieb man unter sich,
die Grenzen zum Bürgertum waren scharf gezogen. Die bürgerliche Gesellschaft
Bremens sah sich die Demonstrationen in der Innenstadt an und hielt Distanz. Und
die bürgerliche Presse berichtete über Frauentagsveranstaltungen nur, wenn es zu
Auseinandersetzungen mit der Polizei kam.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten und den Verboten und Verfolgungen der Arbeiterbewegung wurde auch die proletarische Frauenbewegung zerschlagen. Der Internationale Frauentag verschwand aus dem öffentlichen politischen
Leben Deutschlands. Doch im Widerstand der politisch verfolgten Frauen lebte die
Idee des Frauentages weiter. Er wurde zum Symbol für den Überlebenswillen und
den Widerstand gegen das NS-Regime.
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Anmerkungen
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Gleich nach Bewilligung der Kriegskredite durch die SPD-Fraktion im Reichstag im Jahr 1914
hatten sich Gegner der Burgfriedenspolitik auf Einladung von Rosa Luxemburg zusammengefunden und die Gruppe „Internationale“ gegründet, der neben Rosa Luxemburg auch Karl
Liebknecht und schon bald auch Clara Zetkin angehörten. Während des Krieges gab die Gruppe die „Spartakusbriefe“ als illegale Zeitung heraus. Dieser Name bezeichnete schon bald die
gesamte Gruppe. 1917 trat die Spartakusgruppe der USPD bei, behielt allerdings ihren Gruppenstatus innerhalb der Partei. Mit Beginn der revolutionären Ereignisse im November 1918
nannte sich die Gruppe „Spartakusbund“. Sie bildete dann eine eigene Organisation, die zum
Kern der dann neugegründeten KPD wurde. Deshalb wurde der Name der Gruppe dem Parteinamen angefügt: KPD (Spartakusbund). Vgl. Weber, 1969b, 9–33.
Protokoll Gründungsparteitag KPD, 1958, 121/122.
Gründungskongress der III. Internationale, 1920 in Moskau, Resolution „Über die Mitarbeit der
proletarischen Frauen in den kommunistischen Parteien“. Alle Zitate dieses Abschnitts wurden
diesem Resolutionstext entnommen. Abgedruckt in: Institut für Marxismus-Leninismus beim
Zentralkomitee der SED, Reihe II, Bd. 3, 265.
Bayerlein, 2006, 30.
Vgl. Bayerlein, 2006, 30–32.
Abdruck der „Richtlinien“ in: Institut für Marxistische Studien und Forschungen (IMSF), 1973,
49–69.
Vgl. Scholze, 2001, 44.
Von den 78.715 Mitgliedern, die die KPD am Vorabend der Vereinigung mit dem linken Flügel
der USPD hatte, waren ca. 6.000 Frauen. Der Frauenanteil lag damit etwa bei 7,5 Prozent. Vgl.
Arendt, 1977, 652.
Vgl. Forschungsgemeinschaft, 1984, 123.
Vgl. Clara Zetkin, Warum brauchen wir Kommunisten eine Frauenbewegung? in: Institut für
Marxistische Studien und Forschung, 1973, 42.
Vgl. Clara Zetkin, Warum brauchen wir Kommunisten eine Frauenbewegung? in: Institut für
Marxistische Studien und Forschung, 1973, 38–39.
Die linke USPD mit 300.000 Mitgliedern vereinigte sich mit der KPD (Spartakusbund) mit
70.000 Mitgliedern auf dem Parteitag vom 4. bis 7. Dezember 1920 zur VKPD. Unter dem paritätischen Vorsitz von Paul Levi (KP) und Ernst Däumig (USP) war damit in Deutschland eine
kommunistische Massenpartei mit 356.000 Mitgliedern entstanden. Vgl. Weber, 1983, 83.
Vgl. „Bericht über die Verhandlungen des Vereinigungsparteitages der USPD (Linke) und der
KPD (Spartakusbund), Rede Clara Zetkin, 191–206.
Abgedruckt in: Dokumente der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung zur Frauenfrage,
Leipzig, 1975, 88–95.
Die Richtlinien der KI waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht verabschiedet und deshalb auch
noch nicht verbindlich. Da Clara Zetkin für die Ausarbeitung beider Richtlinien verantwortlich
zeichnete, konnte sie sie aufeinander abstimmen.
Zu Bertha Braunthal (1887–1967) siehe Kapitel 4, Fußnote 23.
Ruth Fischer (1895–1961) hatte sich bereits während ihres Studiums in Wien nach Ausbruch
des E rsten Weltkrieges der österreichischen Sozialdemokratie angeschlossen. Dort gehörte sie
zum linken Flügel. 1919 siedelte sie nach Berlin über und spielte schon bald eine herausragende Rolle im linken Flügel der KPD. Bereits mit 26 Jahren übernahm sie die Leitung der Berliner
Parteiorganisation und wurde 1923 Mitglied der zentralen Parteiführung. 1924 übernahm die
ultralinke Gruppe um Ruth Fischer und Arkadi Maslow die Führung der Partei. Doch bereits
im August 1925 spaltete sich die Linke und Ruth Fischer verlor ihre Führungspositionen und
wurde 1926 aus der Partei ausgeschlossen. Als ihr Reichstagsmandat 1928 erlosch, trat sie
politisch nicht mehr hervor. Nach Hitlers Machtantritt – als Jüdin und linke Kommunistin
verfolgt – emigrierte sie in die USA. Dort veröffentlichte sie ihr Hauptwerk „Stalin und der
Deutsche Kommunismus.“ Sie verstarb 1961 in Paris. Vgl. Weber, Herbst, 2004, 205–207.
Die Zitate wurden dem „Protokoll der Sitzung des Frauen-Reichssekretariats vom 26. Februar
1921“ entnommen. SAPMO, KPD, Abt. Frauen, RY 1/I 2/701 Bd. 8.
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Die Internationalen Frauentage der KPD
Vgl. Bayerlein, 2006, 33.
Vgl. Forschungsgemeinschaft, 1984, 102.
Dornemann, 1973, 354.
Die Kommunisten Bremens hatten große Probleme, die Herausgabe einer eigenen Zeitung
auf Dauer zu sichern. Die erste Zeitung, der Kommunist, wurde immer wieder verboten und
damit wurde dem Blatt die ohnehin schwache finanzielle Grundlage entzogen, sodass sein
Erscheinen schließlich eingestellt werden musste. Es gab verschiedene Übergangsregelungen,
z.B. die wöchentlich erscheinende Bremer Beilage der Roten Fahne. Erst ab dem 1. November
1921 verfügte die Bremer Parteiorganisation mit dem Nordwestdeutschen Echo wieder über
ein eigenes Presseorgan. Vgl. Ohlhoff, 1965.
Bremer Beilage zur Roten Fahne, dem Zentralorgan der KPD, vom 8. Mai 1920.
Vgl. Bremer Beilage zur Roten Fahne vom 8. Mai 1920.
Über die Kundgebungen der USPD wurde im Kapitel 4 berichtet.
In ihren Artikeln „Warum brauchen wir Kommunisten eine Frauenbewegung?“, aus denen bereits im Abschnitt „Richtlinien für die Frauenagitation“ zitiert wurde, setzte sich Clara Zetkin
im Teil II mit dem Thema „Gleichstellung der Geschlechter innerhalb der Kommunistischen
Partei“ auseinander. Die Kommunistin, Heft 15, 116/117, abgedruckt in: Institut für Marxist.
Studien, 1973, 41/42.
Vgl. Schwarzwälder, 1983, Bd. 3, 175–189, Andersen, 1987, 42–52.
Herbert Schwarzwälder gibt die Gesamtzahl der Mitglieder für 1921 mit 3.000 für die Stadt
Bremen an. Schwarzwälder, 1983, Bd. 3, 185. Hans-Jürgen Arendt rechnete aus, dass „der
Partei 1921 etwa zehn Prozent weibliche Mitglieder angehören“. Arendt, 1977, 653. Das würde
übertragen auf Bremen heißen, dass in dieser Zeit in Bremen ca. 300 Frauen Mitglied in der
KPD waren.
Gesine Becker (1888–1968) war die einzige Kommunistin, die kontinuierlich bis 1930 in der
Frauenpolitik der KPD Bremens aktiv war. Über ihre Jugendjahre und die Zeit nach 1930 ist
nur wenig bekannt. Sie trat 1910 in die SPD ein. Während des Ersten Weltkrieges beteiligte sie
sich aktiv an den antimilitaristischen Aktionen der SPD-Frauen in Bremen. Nach der Parteispaltung schloss sie sich den Kommunisten an und engagierte sich in der Bremer Räterepublik. Ab 1919 kandidierte sie für die KPD stets auf den ersten Listenplätzen zur Bremischen
Bürgerschaft, der sie von 1919 bis 1930 angehörte. In die innerparteilichen Flügelkämpfe war
sie kaum verwickelt. Ihre zentralen Themen waren Sozial- und Gesundheitspolitik, ein Schwerpunkt ihrer politischen Arbeit war der Kampf gegen den § 218. 1930 wurde sie von der KPD
nicht mehr für die Bürgerschaftswahlen nominiert. Im selben Jahr zog sie mir ihrem Mann nach
Berlin. Wie sie die NS-Zeit erlebte, ist nicht bekannt. Nach 1945 schloss sie sich der SED an
und lebte bis zu ihrem Tod 1968 in der DDR. Vgl. Schunter-Kleemann, 1991, 278–281.
Hertha Sturm stellte noch 1923 in einen mehrseitigen Bericht über die Bezirksfrauenkonferenz des Bezirkes Nordwest das Fehlen von Organisationsstrukturen und eines frauenpolitischen Konzeptes fest. Vgl. Bericht über die Bezirksfrauenkonferenz am 16. September 1923 in
Bremen. SAPMO, RY 1/I 2/701 Bd. 12.
Minna Otto war bereits als ganz junge Kommunistin 1919 Mitglied im Arbeiterrat der Bremer
Räterepublik gewesen und hatte sich dort für die Belange der Arbeiterfrauen eingesetzt. Vgl.
Hannover-Drück, 1991, 5 und 7.
Auszug aus der Mitschrift des überwachenden Polizeibeamten vom 9. April 21. STAB 4,65302/74 II-A.12.b.8.
Vgl. Die Rote Fahne vom 12. April 1921.
Vgl. Schwarzwälder, 1983, Bd. 3, 185.
Aus dem Polizeibericht vom 29. November 21. STAB 4,65- II.A.12.b.1, Bd. 1.
Vgl. Nordwestdeutsches Echo vom 11. März 1922.
Bericht des Frauenreichssekretariats an die Zentrale vom 21. März 1922, SAPMO, RY 1/I 2/701
Bd. 29.
Protokoll der Sitzung der Bezirksleitung am 5. Januar 1923, SAPMO, RY 1/I 3/17 Bd. 9.
Rundschreiben Nr. 1 vom 19. Februar 1923, SAPMO, RY 1/I 3/17 Bd. 19.
Lenin hatte 1922 in einem Resolutionsentwurf an die Internationale formuliert: „Ziel und Sinn
der Einheitsfrontpolitik bestehen darin, immer breitere Arbeitermassen in den Kampf gegen
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das Kapital einzubeziehen. Dabei darf man nicht davor zurückschrecken, sich immer wieder
sogar an die Führer der II. und ‚zweieinhalbten‘ Internationale zu wenden mit dem Vorschlag
diesen Kampf gemeinsam zu führen.“ Zit. in: Gruppe Magma, 2001, 42.
Dieser Vorschlag sah das Zusammengehen der verschiedenen Fraktionen der Arbeiterbewegung vor. Dazu sollten zur Durchführung gemeinsamer Aktionen Verhandlungen mit der SPDund der Gewerkschaftsführung aufgenommen werden. Das Konzept sah das Zusammenwirken
der Parteivorstände (Einheitsfront von oben) und die Zusammenarbeit an der Basis zwischen
den Parteigruppen (die Einheitsfront von unten) vor. Dagegen setzte sich in der KPD immer
mehr die Auffassung der radikalen Linken durch, die grundsätzlich SPD- und Gewerkschaftsführung als Verräter an den Interessen der Arbeiter ansahen und sie entsprechend als Sozialfaschisten diskriminierten. Deshalb kam für die KPD-Führung keine Zusammenarbeit mit den
Vorständen von SPD und Gewerkschaften in Frage. Sie riefen die SPD- und Gewerkschaftsmitglieder auf, unter der Führung der KPD eine Einheitsfront von unten zu bilden. Diese politische
Linie setzte sich nach 1925 endgültig in der Kommunistischen Internationale und der KPD
durch. Vgl. Angress, 1973, 293–298, und Gruppe Magma, 2001, 42–43.
Nordwestdeutsches Echo vom 2. März 1923.
Nordwestdeutsches Echo vom 5. März 1923.
Nordwestdeutsches Echo vom 7. März 1923.
Bericht des Frauenreichssekretariats an die Zentrale für März 1923, SAPMO, KPD Abt. Frauen,
RY 1/I 2/701 Bd. 12.
Vgl. Berichte des Bezirkssekretariats Nordwest an die Zentrale der KP Berlin vom 17. Februar,
vom 20. März, vom 20. April und vom 27. September 1923. SAPMO, RY 1/I 3/17 Bd. 10.
Vgl. Nordwestdeutsches Echo vom 6. März 1924.
STAB, FB 742–43.
Plakatabnahmeprotokoll und Bericht über die Frauendemonstration, Polizeidirektion Bremen,
vom 10. März 1924. STAB 4,65-374/74 II.A.12.b.8.
Nordwestdeutsches Echo vom 9. März 1924.
Plakatabnahmeprotokoll und Bericht über die Frauendemonstration, Polizeidirektion Bremen,
vom 10. März 1924. STAB 4,65-374/74 II.A.12.b.8.
Vgl. Andersen, 1987, 37.
Nordwestdeutsches Echo vom 14. April 1924.
Erna Halbe (1892–1983) war schon früh Mitglied in der Hamburger Arbeiterjugend. Im ersten Weltkrieg schloss sie sich der Antikriegsbewegung an. 1916 wurde sie deswegen aus der
SPD ausgeschlossen. Sie war Mitbegründerin der KPD in Hamburg und 1919 die einzige Frau
im Arbeiter- und Soldatenrat in Hamburg. Sie gehörte zum linken Flügel der Partei und kam
1924 als Leiterin der Frauenabteilung in die Zentrale der KPD nach Berlin. Sie wandte sich
jedoch bald gegen die Praktiken der Linken und schied Mitte 1927 aus der Frauenabteilung
aus. 1929 wurde sie aus der Partei ausgeschlossen. Sie wurde Mitglied in der Sozialistischen
Arbeiterpartei und arbeitete nach 1933 illegal weiter. Sie emigrierte über Frankreich in die
USA. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland wurde sie Mitglied in der SPD. Sie lebte in Frankfurt am Main, wo sie 1983 starb. Vgl. Hagemann/Kolossa, 1990, 43–48.
Zur Frauenpolitik auf dem IX. Parteitag vom 7.–10. April 1924 in Offenbach vgl. „Bericht über
die Verhandlungen des IX. Parteitags der KPD 1924“, 195–196, Weber, 1969a, 70–75.
Die Rote Fahne vom 11. Mai 1924.
Beide Zitate stammten aus der Rede Ruth Fischers, die sie auf der Frauenreichskonferenz am
12. Mai 1924 gehalten hat. Bericht Frauenreichskonferenz vom 12. Mai 1924, Blatt 6 / SAPMO,
RY 1/I 2/701.
Aus dem Arbeitsplan der Bezirksleitung vom 26. Februar 1925, SAPMO, RY 1/I 3/17 Bd. 16.
Polizeilicher Lagebericht vom 14. März 1925, STAB 4,65–304/61 II.A.12.b., Bd. 6.
Bericht über die Internationale Frauenwoche vom 25. März 1925, SAPMO, RY 1/I 2/701, Bd. 15.
Zentralkomitee der KPD, X. Parteitag, Frauenkonferenz, 1925, 749.
Die Kommunistin, Februar 1926.
Unter der Führung von Ruth Fischer und Arkadi Maslow wurde die KPD 1925 straffer hierarchisch organisiert. Aus der „Zentrale“ als Führungsgruppe wurde das Zentralkomitee (ZK) und
das Frauenreichssekretariat heruntergestuft zur „Abteilung Frauen beim ZK“.
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Die Internationalen Frauentage der KPD
Vgl. Rundschreiben der Abt. Frauen vom 19. Februar 1926, SAPMO, RY 1/I 2/701 Bd. 14.
Vgl. Arbeiter-Zeitung vom 5. März 1926.
Bericht der Nachrichtenstelle der Polizeidirektion vom 9. März 1926, STAB 4, 65-69/13 I.B.6.a.2.b.
Vgl. Arendt, 1977, 64.
Mit dieser Proklamation wurde die Resolution über „die Arbeit der KPD unter den Frauen“ eingeleitet, die auf dem Parteitag 1927 verabschiedet wurde, in: Forschungsgemeinschaft, 1975, 102.
Die in Anführungsstriche gesetzten Begriffe stammen aus der Resolution „Die Arbeit der KPD
unter den Frauen“, in: Forschungsgemeinschaft, 1975, 110–116.
Forschungsgemeinschaft, 1975, 105.
Helene Overlach (1894–1983) kam nach dem Ersten Weltkrieg von München nach Berlin
und wurde 1920 Mitglied der KPD. Sie arbeitete als Zeitungsredakteurin bei verschiedenen
KPD-Zeitungen. Bei Gründung des Roten Frauen- und Mädchenbundes (RFMB) wurde sie
dessen zweite Vorsitzende. 1927 wurde sie Mitglied im ZK der KPD und übernahm ab 1928
die Leitung der Frauenabteilung. Bis 1933 war sie Reichstagsabgeordnete der KPD. Sie wurde
bereits im Dezember 1933 verhaftet und kam ins Frauen-Konzentrationslager. Sie kehrte 1945
nach Berlin zurück und lehrte ab 1950 als Professorin an der Pädagogischen Hochschule Berlin. Sie starb 1983 in Ostberlin. Vgl. Weber/Herbst, 2004, 552–553.
Forschungsgemeinschaft, 1975, 110–116.
Vgl. Schwarzwälder III, 1983, 415.
Arbeiter-Zeitung vom 7. März 1927.
Vgl. Arbeiter-Zeitung vom 7. März 1927.
Arbeiter-Zeitung vom 11. März 1927.
Unter dem Motto „Heran an die Massen“ gründete die KPD 1925 eine eigene Frauenorganisation, den Roten Frauen- und Mädchenbund (RFMB). Die KPD beschrieb die Bedeutung und
Funktion des Bundes in der Resolution „Zur Arbeit unter den Frauen“, die auf dem 11. Parteitag
1927 verabschiedet wurde: „Der RFMB ist eine mit der KPD sympathisierende proletarische
Frauenorganisation, die sich […] zu einer wichtigen Hilfsorganisation für die Gewinnung großer, bisher passiver proletarischer Frauenschichten für den Klassenkampf entwickelt hat.“ Forschungsgemeinschaft, 1975, 109. Die Gruppe in Bremen gehörte zu den Gründungsmitgliedern
des RFMB.
Eine Abschrift des Rundschreibens der KPD-Bezirksleitung Nordwest vom 23. Februar 1928
fand sich im Aktenvorgang der Nachrichtenstelle der Polizeidirektion Bremen. Vgl. Auszug aus
dem Lagebericht vom 16. März 1928, STAB 4,65-308/62 II.A.12.b., Bd. 10.
Arbeiter-Zeitung vom 7. März 1928.
Im Vorgang der Polizeiakte zum Internationalen Frauentag 1928 befand sich auch der Zeitungsbericht der Arbeiter-Zeitung vom 7. März 1928 über die Veranstaltung. An den Rand
des Artikels war handschriftlich vermerkt: „ca. dreiviertel voll, nicht voll“. STAB 4,65/367/75
II.A.12.b.8, Bd. 5.
KPD Abt. Frauen, SAPMO, RY 1/I 2/701 Bd. 11.
KPD-Abt. Frauen SAPMO, RY 1/I 2/701 Bd. 15.
Arbeiter-Zeitung vom 28. März und vom 2. April 1929.
Arbeiter-Zeitung vom 1. März 1930.
Vgl. Andersen 1987, 210.
In: Andersen 1987, 210.
Vgl. Ausschnitt aus dem Lagebericht der Nachrichtenstelle vom 31. Mai 1930; STAB 4,65-116539 II.A.12.b.8.
Vgl. Schwarzwälder 1983, Bd. 3, 599-602.
Arbeiter-Zeitung vom 22. Dezember 1930.
Vgl. Andersen, 1987, 405–411.
Arbeiter-Zeitung vom 4. März 1931.
Polizeiakte, Distrikttagebuch vom 9. März 1931; STAB 4,65–368/72 II.A.12.b.8, Bd. 6.
Sonderschreiben des ZK der KPD, Frauenabteilung über die Arbeit der Partei unter den Frauen
vom 30. März 1931, SAPMO, RY 1/I-2/701 Bd. 15.
1919–1933
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KPD Abt. Frauen/Arbeitsplan vom 2. März 1931, SAPMO, RY 1/I-2/701 Bd. 11
Aus dem Bericht der Nachrichtenstelle der Polizeidirektion vom 17. April 1931, STAB 4,65212/35 II.A.10.b.
Luise Eildermann (1899–1986) war seit 1920 Mitglied der KPD. Als sie 1929/1930 nach
Bremen zog, arbeitete sie als Redakteurin und Stenotypistin. Luise Eildermann lebte etwa zwei
Jahre in Bremen. In dieser Zeit verbüßte ihr Ehemann eine Haftstrafe von einem Jahr und neun
Monaten. Die KPD setzte die engagierte und qualifizierte junge Frau sofort ein. 1930 wurde sie
auf der Liste der KPD in die Bremische Bürgerschaft gewählt. Sie verfasste Flugblätter, wie das
von der Polizei beschlagnahmte, und gab eine selbst geschriebene Zeitung heraus. „Die Kollegin von der Stempelstelle“ war das einzige Organ in Deutschland, das speziell auf den Kampf
erwerbsloser Frauen ausgerichtet war. Nach der Haftentlassung ihres Ehemannes zog sie mit
ihm nach Rostock. Im Juli 1933 verließ sie Deutschland und ihre Emigration führte über Frankreich und Spanien nach Mexiko. 1946 kehrte sie nach Deutschland zurück, wurde Mitglied der
SED und verstarb 1986 in Ost-Berlin. Vgl. Weber/Herbst, 2004, 852–855.
Das Flugblatt befindet sich in der Polizeiakte: STAB 4,65-400/84 II.A.12.b.11, Bd. 3. Es ist
undatiert, doch in der Akte wurde es vor einem Schriftstück mit dem Datum 30. April 1931
eingeordnet. Außerdem wurden im Flugblatttext Passagen aus dem Rundschreiben der Frauenabteilung beim ZK vom 28. März 1931 zitiert.
Andersen 1987, 145.
STAB 4,65-1895 VI.5.4.3.f.2.
Vgl. Aktenvermerk der Polizeistelle und Urteil gegen die Flugblattverteiler vom 9. April 1932
STAB, 4,65-1897 VI.5.4.3.f.2, Bd. 3.
Die Frauenabteilung beim ZK hatte die Teilnehmerzahlen für ihren Bericht zusammengestellt.
SAPMO, RY 1/I 2/701 Bd. 29.
Die Gruppe „Bremer Blaue Blusen“ war Teil der Agitprop- und Theaterarbeit der KPD in Bremen. Sie boten „ohne viel Requisiten und ohne großen Bühnenapparat kurze Szenen dar, die
dem aktuellen politischen Leben entnommen waren“. Wollenberg u.a., 1983, 52. An den Auftritt zum Frauentag erinnerte sich Lu Kundel in ihren Zeitzeugenberichten, die 1983 und 1989
im Rahmen des Forschungsprojektes „Bremer Arbeiterbiographien“ auf Video aufgezeichnet
wurden. Lu Kundel wirkte von 1928 bis 1933 in der KP-Kulturgruppe Bremer Blaue Blusen
mit. Im Film sagt sie: „Wir haben versucht in einfachen Sprechchören die Versammlungen
interessanter zu machen. Dann haben wir zum Frauentag, haben wir auch mal über die Gleichberechtigung der Frau Knittelverse gemacht. Dass die Frau nicht zur Versammlung kann, weil
sie ja noch waschen musste.“ Hofschen, Bremer Arbeiterbiographien auf Video, Begleitheft, 30/
Film 1, 26 Min. „Bei den Blauen Blusen und im Barkenhof“.
Arbeiter-Zeitung vom 9. März 1932.
Vgl. Arbeiter-Zeitung vom 9. März 1932.
Andersen 1987, 356.
Vgl. Andersen, 1987, 356, F 89.
Vgl. Arbeiter-Zeitung vom 30. August 1932.
Vgl. Hervé, 1983, 140–142.
Vgl. Andersen, 1987, 411.
Anweisungen der Frauenabteilung beim ZK an alle Bezirksleitungen zum Internationalen
Frauentag am 8. März 1933, 3. SAPMO, RY/I 2/701 Bd. 15.
Vgl. Andersen, 1987, 438.
Vgl. Scholze, 2001, 64–65.
7.
Deutsche
Muttertage
versus
Internationale
Frauentage
1933–1945
188
Deutsche Muttertage versus Internationale Frauentage
Mit dem Verbot und der Verfolgung der Arbeiterbewegung durch die Nationalsozialisten
gab es auch keine Internationalen Frauentage mehr. Dagegen wurde der Muttertag als
Ehrentag der deutschen Mutter im NS-Regime zu einem nationalen Feiertag. Das folgende
Kapitel beginnt mit dem Bericht über die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Bremen. Deren erste Aktionen richteten sich gegen ihre direkten Gegner: Zunächst schalteten
sie die Kommunisten aus, bald danach die Sozialdemokraten und die Gewerkschaften.
Das bedeutete das Ende der Frauenorganisationen und ihrer politischen und sozialen
Projekte. Auch die Organisierung und Durchführung von Internationalen Frauentagen
wurde verboten.
Anstelle der Forderungen der organisierten Frauen nach der gleichberechtigten Teilhabe und Mitgestaltung in allen Bereichen des politischen und gesellschaftlichen Lebens trat
im Nationalsozialismus die Ideologie der getrennten Wirkungsräume von Männern und
Frauen. Frauen wurden damit aus den politischen Entscheidungsgremien ausgeschlossen,
ihre Bestimmung und Lebensaufgabe lag nach Auffassung der NS-Ideologen in Mutterschaft und Mutterrolle. Entsprechend wurde deutschen Frauen in der rassistischen Ideologie und Praxis des NS-Regimes ein besonderer Platz eingeräumt, der sich speziell in den
jährlichen Feierstunden zum Muttertag manifestierte.
Mit den Ausführungen über die Entwicklung und Bedeutung der Muttertagsfeiern wird
der Bericht über das NS-Regime fortgesetzt, beginnend mit der Übernahme des Muttertages unter der Regie von Innenminister Wilhelm Frick und Reichspropagandaminister Josef
Goebbels. Am Beispiel des Bremer Festaktes des Jahres 1935 wird die Ausgestaltung der
Muttertage zu einer NS-Kultfeier um die als heilig verehrte Mutter dargestellt. Höhepunkt
der Mutterehrung wurde die Einführung eines nur den Müttern vorbehaltenen Ordens, das
„Ehrenkreuze der Deutschen Mutter“. Seine Verleihung war ab dem Jahr 1940 der öffentlichkeitswirksame Mittelpunkt der Kriegsmuttertage.
Zur Auseinandersetzung mit den „Mütterehrungsfeiern“ gehört auch der Bericht über
jene Mütter, die von den Feiern ausgeschlossen wurden. Denn mit den Muttertagsfeiern
begann zugleich der aggressive Ausgrenzungsprozess aller jüdischen Frauen und Mütter.
Ihnen folgten die nicht „erbgesunden“, „minderwertigen“ Frauen. Auch der biologistische
Wert einer deutschen Frau sicherte ihr nicht die Zugehörigkeit zur Frauengemeinschaft:
Wer dem Verdacht ausgesetzt war, aus politischen oder religiösen Gründen Opposition
gegen den NS-Staat zu betreiben, wurde zum Staatsfeind bzw. zur Staatsfeindin erklärt,
verfolgt und verhaftet.
Nach der Darstellung der nationalsozialistischen Muttertage folgt der Bericht über
den Widerstand sozialdemokratischer und kommunistischer Frauen. Es wird den Spuren
nachgegangen, die der Internationale Frauentag im Widerstand gegen das NS-Regime
hinterlassen hat. Denn schon bald nach den Verboten ihrer Parteien beteiligten sich Kommunistinnen und Sozialdemokratinnen, die in den zwanziger Jahren die Internationalen
Frauentage organisiert hatten, auch in Bremen am Widerstand ihrer Parteien. Unter den
Bedingungen von Illegalität und Verfolgung durch die Gestapo bildeten die Netzwerke der
Frauen in den Wohngebieten und auf den Parzellen eine wichtige Basis für die Widerstandsarbeit.
Obwohl die Männer in der Überzahl waren, spielte die Frauenarbeit im kommunistischen Widerstand eine wichtige Rolle. Die KPD-Frauen kassierten Parteibeiträge und
Spenden, versteckten gefährdete Genossen und sorgten für die Verteilung illegaler Flugblätter. Die SPD-Frauengruppe entwickelte die so oft belächelten „Kaffeekränzchen“ zu
politischen Schulungs- und Informationszirkeln – ihre Frauengemeinschaften in den
Arbeiterquartieren hielten in der Not und Verfolgung zusammen. Bis zu ihrer Verhaftung
1933–1945
189
im November 1934 konnten die Sozialdemokratinnen ein weit verzweigtes Widerstandsnetz in Bremen aufbauen.
Daran anschließend folgen Berichte über einzelne Aktionen zum 8. März, beginnend
mit Schilderungen von Überlebenden des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück – ein
Beispiel dafür, wie die Inszenierungen zum 8. März den Häftlingen trotz der unmenschlichen Bedingungen im Lager Selbstvertrauen und neuen Lebensmut gaben.
In Bremen wurde während des Krieges die Industrie-, und vor allem die Rüstungsproduktion durch die Sklavenarbeit der Frauen und Männer aufrechterhalten, die aus den von
deutschen Truppen besetzten Gebieten nach Deutschland transportiert worden waren.
So arbeitete bei der Firma Borgward eine Gruppe sowjetischer Fremdarbeiterinnen. Die
öffentliche Aktion dieser Frauen, die am 8. März 1943 demonstrativ mit roten Kopftüchern
zur Arbeit erschienen, war wahrscheinlich die einzige Initiative zum Internationalen Frauentag während der NS-Zeit in Bremen.
Im Ausland gestalteten die Emigrantinnen – getrennt, in ihren jeweiligen politischen
Gruppierungen – Veranstaltungen zum Internationalen Frauentag als Manifestationen
gegen den deutschen Faschismus. Sie verfassten zum Frauentag Aufrufe an die deutschen
Frauen mit der Aufforderung, sich von den Nationalsozialisten loszusagen.
Den Schluss des Kapitels bildet der Artikel von Adele Schreiber über die Kundgebung
zum Internationalen Frauentag 1945. Kurz vor Kriegsende wurde auf dieser Versammlung
Die internationale Charta der Frauen verabschiedet. Frauen unterschiedlicher politischer
Richtungen fassten in dieser Charta die wichtigsten Frauenforderungen und zentralen
politischen Positionen der Frauenbewegung zusammen.
Machtübernahme der NSDAP
in Bremen
Die politische Tragweite der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar
1933 wurde auch in Bremen – insbesondere von den beiden Arbeiterparteien – erheblich
unterschätzt. Die Kommunisten riefen zwar zum Generalstreik und zum Kampf gegen die
faschistische Diktatur auf, doch weil sie zuvor sowohl die Regierungen der Weimarer Republik als auch die kapitalistische Wirtschaftsordnung bereits faschistisch genannt hatten,
löste diese Vokabel keinen politischen Alarm mehr aus. Für Streikinitiativen fehlten den
Kommunisten einflussreiche Akteure in den Betrieben. So blieb es bei Straßenaufmärschen und Appellen.
Auch die Sozialdemokraten organisierten Massendemonstrationen und vertrauten darauf, den faschistischen Terror durch Einhaltung der rechtsstaatlichen Ordnung einzudämmen. Es blieb ihr erklärtes Ziel, den Nazis mit dem Stimmzettel bei den Reichstagswahlen
am 5. März eine Abfuhr zu erteilen.
Zugleich trieb die neue Reichsregierung unter Adolf Hitler die Machtübernahme weiter
voran. Mit der Notverordnung Zum Schutze von Volk und Staat, die einen Tag nach dem
Brand des Reichstags am 28. Februar vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg erlassen wurde, setzte die Regierung die Bürgerrechte der Weimarer Verfassung weitgehend
außer Kraft1. Diese Notverordnung gab der Reichsregierung auch das Recht, in die Regierungen der einzelnen Länder einzugreifen. So forderte Reichsinnenminister Dr. Wilhelm
Frick die Bremische Regierung am 1. März ultimativ dazu auf, die Bremer-Volkszeitung, die
190
Deutsche Muttertage versus Internationale Frauentage
Parteizeitung der SPD, zu verbieten; der Senat folgte der Aufforderung. Gleichzeitig erfolgten Hausdurchsuchungen in den Räumen der KPD und der Druckerei der Arbeiter-Zeitung.
Am Tag vor der Reichstagswahl vom 5. März 1933 folgten 30.000 Menschen einem Aufruf der sozialdemokratischen Eisernen Front zu einer Kundgebung – und noch am selben
Tag verhaftete die Bremer Polizei vierzig kommunistische Funktionäre.2 Doch obwohl die
Faschisten mit Terror und politischem Druck die Menschen einschüchterten, brachte die
Wahl der NSDAP nicht die erhoffte absolute Mehrheit. In Bremen lagen die Nationalsozialisten mit 32,6 Prozent sogar noch weit hinter dem Reichsdurchschnitt von 43,9 Prozent.
Trotzdem hatte sich auch in der Hansestadt die politische Macht zugunsten der NSDAP
verschoben. Bereits am 6. März traten die Führer der NSDAP als die neuen Herren auf. Sie
forderten den Rücktritt der SPD-Senatoren, die Auflösung der Bürgerschaft, das Hissen
der schwarz-weiß-roten und der Hakenkreuzfahne auf dem Rathaus und die Einsetzung
von Dr. Richard Markerts, eines NSDAP-Mitgliedes, als Polizeikommissar. Der Senat beugte sich den Forderungen in allen Punkten.
Die Bürgerschaftssitzungen, in denen die legislativen Voraussetzungen für die endgültige Machtübernahme in Bremen geschaffen wurden, fanden am 10. und 15. März statt.
Auf der Sitzung am 15. März 1933 vollzog die Bürgerschaft ihre Auflösung. Die vorgesehene Neuwahl wurde gar nicht erst durchgeführt. Stattdessen erhielten die Parteien
entsprechend der vorangegangenen Reichstagswahlen vom 5. März Sitze in der Bürgerschaft zugeteilt. Am 5. April veröffentlichte die Weser-Zeitung die verkürzten Wahllisten
der Parteien mit der Anmerkung: „Die hier genannten Personen gelten als gewählt.“ Damit
gehörten die Sozialdemokratinnen Anna Stiegler, Clara Jungmittag und Hermine Bertold
dem neuen Parlament an. Für die KPD galten nach dem oben beschriebenen Verfahren
Berta Liedtke und Hermine Gautier als gewählt. Doch wurden in der Bürgerschaft die
Sitze der Kommunisten „nicht zugeteilt“.3 Damit war der KPD auch in Bremen die legale
Mitwirkung am politischen Leben genommen.
Die Nationalsozialisten setzten ihren Kampf um die Eroberung der absoluten politischen Macht fort. Für den 12. November 1933 ordnete Hitler eine Volksabstimmung und
die Neuwahl des Reichstags an. Zu dieser Wahl war nur noch die NSDAP zugelassen und
es konnte nur noch über ihre Kandidaten abgestimmt werden. Einen abweichenden Wählerwillen konnte man nur durch Fernbleiben von der Wahl – was viele schon nicht mehr
wagten – oder durch einen leeren oder ungültig gemachten Stimmzettel ausdrücken. Doch
an dem Ergebnis änderte das nichts. Im Reichstag saßen ab November 1933 nur noch
Abgeordnete der NSDAP.
Die nationalsozialistische
deutsche Frauengemeinschaft
Die Bremer Nachrichten charakterisierten die Zusammensetzung des Reichstags nach
den Wahlen im November 1933 mit den Worten: „Dem neuen Parlament gehören – zum
ersten Mal – nur Männer arischer Abstammung an. Frauen sind in dem neuen Reichstag
nicht zu finden.“4 Damit war dieser Reichstag nicht nur ein Instrument zur Sicherung der
NS-Herrschaft, er repräsentierte auch das neue auf Rassismus und Geschlechterungleichheit beruhende Gesellschaftskonzept. Denn nach Auffassung der Nazi-Ideologen sollte die
Bestimmung der Frau nicht darin bestehen, „um Stimmzettel und Parlamentssitze willen
1933–1945
191
dem Manne den Kampf bis aufs Messer anzusagen“, sondern ihre „heiligste und größte
Aufgabe“ sei die „Reinerhaltung der Rasse.“5
Adolf Hitler beschrieb die neue Geschlechterordnung im NS-Staat in seiner Rede vor
der NS-Frauenschaft6 am 8. August 1934:
„Wenn man sagt, die Welt des Mannes ist der Staat, die Welt des Mannes ist sein
Ringen, die Einsatzbereitschaft für die Gemeinschaft, so könnte man vielleicht sagen,
daß die Welt der Frau eine kleinere sei. Denn ihre Welt ist der Mann, ihre Kinder und
ihr Haus. Wo wäre aber die größere Welt, wenn niemand die kleinere Welt betreuen
wollte? […]
Wir empfinden es nicht als richtig, wenn das Weib in die Welt des Mannes, in sein
Hauptgebiet eindringt, sondern wir empfinden es als natürlich, wenn diese beiden
Welten geschieden bleiben.“7
Adolf Hitler machte klar, dass im Nationalsozialismus Männer den Staat führen würden.
Gleichzeitig versprach er den deutschen Frauen aber auch, dass sie ihre „kleine Welt“
eigenständig gestalten sollten. Diesem Mitwirken der Frauen kam eine wichtige politische
Bedeutung für das Funktionieren des Nationalsozialismus zu. Ihre Aufgabe war es, für die
Familie zu sorgen – und auch ihr politischer Einsatz war gefordert: Frauen wurden mobil
gemacht zu freiwilligen Großeinsätzen auf Parteitagen und Massenveranstaltungen, sie
führten Straßen- und Häusersammlungen durch, sie wurden zu Mütterschulungen verpflichtet und zu einem Heer freiwilliger Hilfskräfte für Dienstleistungen aller Art zusammengefasst. Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink beschrieb diese gut organisierte
und aktive Frauengemeinschaft voller Stolz:
„Es ist das erste Mal, daß Frauen so für Frauen verantwortlich sind, für ihre Entwicklung, für ihre Wesensart und ihre Pflichterfüllung dem Volksganzen gegenüber. Es ist
auch das erste Mal, daß sich Frauen in so geschlossener Breitwilligkeit und Disziplin
der Führung von Frauen anvertrauen.“8
In diesem Schulterschluss sollten unterschiedliche Lebenslagen, Interessen und Klassenunterschiede zugunsten einer weiblichen Gemeinschaft, in der deutsche Frauen für den
NS-Staat im Einsatz sind, verschwinden. Wobei die deutsche Frauengemeinschaft alle
nichtdeutschen Frauen aus dem großen Gemeinschaftswerk ausschloss: Jüdinnen sowie
Sinti- und Roma-Frauen galten als „anders“ und „minderwertig“, stigmatisierte „Nichtarierinnen“.
Aber auch deutsche Frauen wurden ausgesondert, wenn sie die Kriterien der Volksgemeinschaft nicht erfüllten – was zum Beispiel Frauen mit sogenannten Erbkrankheiten betraf, Behinderte, Homosexuelle oder wer durch seinen Lebenswandel auffällig
wurde, sogenannte „Asoziale“. Genauso aussortiert wurde, wer sich aufgrund politischer
Ansichten, religiöser Ausrichtung oder sexueller Orientierung nicht in die Volksgemeinschaft einfügte. Sie alle wurden benachteiligt, zur Zwangsarbeit verschleppt, verfolgt,
ermordet.9
Gegen dieses „Programm“, das die Nationalsozialisten euphemistisch mit den Begriffen „Aufräumen“ oder „Säubern“ beschrieben, als handele es sich um einen häuslichen
Vorgang und nicht um Rechtsbrüche und Morde, hatte die Mehrheit der Frauen nichts
einzuwenden. Denn vieles, was die NS-Politik realisierte, hatten konservative Frauenorganisationen, kirchliche Frauengruppen bereits in der Weimarer Republik gefordert. Prinzi-
192
Deutsche Muttertage versus Internationale Frauentage
piell war die Mehrheit der deutschen Frauen bereit, sich aktiv an der Ausgestaltung und
Entwicklung des NS-Regimes zu beteiligen.10
Der deutsche Muttertag –
ein nationalsozialistischer Feiertag
für die deutsche Mutter
Die Nationalsozialisten trafen bei den Frauen, die die Rasse- und Erbgesundheitskriterien erfüllten – und das war bei weitem die Mehrheit der weiblichen Bevölkerung – auf
breite Zustimmung. Denn allen Frauen, die in Mutterschaft und Mutterrolle ihre wichtigste Lebensaufgabe sahen, bot das neue Regime eine gesellschaftliche und politische
Aufwertung. Gemäß der nationalsozialistischen Rassenideologie erfüllten die „erbgesunden“ Mütter eine historische Mission: Sie sicherten durch Gebären, Erziehung und
Versorgung der Kinder den Erhalt und die Vermehrung der arischen Volksgemeinschaft.
Diese Leistungen der deutschen Mutter zu feiern und zu würdigen, sah das NS-Regime
als seine zentrale Aufgabe an. Sofort nach der Machtergreifung hieß es dazu im Völkischen Beobachter: „Die nationale Revolution hat alles Kleinliche hinweggefegt! Ideen
führen wieder. [...] Die Idee des Muttertages ist dazu angetan, das zu ehren, was die
deutsche Idee versinnbildlicht: die deutsche Mutter! [...] Mit diesem Begriff ‚Mutter‘ ist
‚Deutschsein‘ ewig verbunden – kann uns etwas enger zusammenführen als der Gedanke gemeinsamer Mutterehrung? “11
Den geeigneten Rahmen für die kollektive „Mutterehrung“ fanden die Nationalsozialisten im Muttertag. Den hatten, angeführt von der „Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung“, konservative und völkisch orientierte Gruppen bereits in der Weimarer Republik zu
einem Bollwerk gegen die „zersetzenden Mächte“ der sozialdemokratischen und kommunistischen Frauen und deren Forderungen nach Geburtenplanung und Abschaffung des
§ 218 gemacht.12
Der „Deutsche Muttertag“ in der Weimarer Republik
Die Muttertagsbewegung der Weimarer Zeit war die konservative Reaktion auf eine beginnende Liberalisierung der Sexualmoral und die Forderung nach Abschaffung des § 218.
Die Muttertagsfeiern richteten sich gegen die emanzipierte „Neue Frau“ und deren Auflehnung gegen die tradierten Geschlechterordnungen. Die Propagandisten des „deutschen
Muttertags“ – wie sie ihn nannten – forderten die Rückkehr zur traditionellen Frauenrolle.
Sie hielten die Berufstätigkeit von Müttern für ein Übel. Der wahre Frauenberuf, dessen
Sinn in der Muttertagsfeier „tief“ erfasst werden sollte, sei es, „an der Seite des Mannes
Priesterin an seinem Herde und Mutter seiner Kinderschar zu sein.“13 Solche Formulierungen machen deutlich, dass schon in der Weimarer Republik das Muttertagskonzept
kultisch-religiöse und rassistisch-völkische Vorstellungen enthielt. Die gesamten Inszenierungen zum Muttertag waren Teil eines bevölkerungspolitischen Konzepts, das auch in
dem Begriffspaar „Deutscher Muttertag“ zum Ausdruck kam. Den Propagandisten des
Muttertages ging es auch und bereits in der Weimarer Republik nicht bloß um die Er-
1933–1945
193
munterung der Bevölkerung, mehr Kinder zu bekommen, sondern um die Förderung im
erbbiologischen Sinne „einwandfreien Nachwuchses“.14
An diese Vorstellungen konnten die NS-Ideologen nahtlos anschließen. Die Initiatoren
und Gestalter des Muttertages vor 1933 hatten ideologische Vorarbeit geleistet und Brücken zum Nationalsozialismus gebaut. Mit dem Muttertag bot sich den Nationalsozialisten
eine Tradition, die sie nicht umdeuten oder von den alten Germanen herbeireden mussten,
den Muttertag brauchten sie nur aufzuwerten.15
„Der neue Geist der Muttertage“
In der Bremer Nationalsozialistischen Zeitung (BNZ), dem Organ der NSDAP, wurde am
14. Mai 1933 „der neue Geist des Muttertages“ beschworen.
In ihrem Artikel in der Bremer Nationalsozialistischen Zeitung begrüßte die Leiterin des
Mütterdienstes der evangelischen Reichsfrauenhilfe, Klara Schloßmann-Lönnies, die neue
Staatsmacht und appellierte an die Mütter:
„Überall soll man dem Volke und den Frauen sagen: Weil Du Mutter bist, bist Du
das wertvollste Glied unseres Staates. Alles, was Männer heute leisten für einen neuen Staat, kann nur von Segen sein, wenn Du aus deinem Blute jene Generationen
schaffst, die den neuen Staat bevölkern werden. Alles, was heute Staat ist, kann nur
Frucht werden, wenn Du Deine Kinder im Geiste und im Wollen auf diesen neuen
Staat vorbereitest.“16
194
Deutsche Muttertage versus Internationale Frauentage
Klara Schloßmann-Lönnies begrüßte den neuen Staat emphatisch, weil er endlich den
Wert der Mutter erkannt habe und dieser eine besondere Stellung in der Volksgemeinschaft einräume. Daraus erwachse den Frauen eine neue politische Verantwortung: Sie
hätten den Auftrag, „aus ihrem Blute“ neue Generationen zu schaffen, welche die Arbeit
der Männer fortsetzen könnten. Als Mutter habe sie deshalb die Verpflichtung, die Kinder
auf diese Aufgaben im Staate vorzubereiten.
Dass eine führende Vertreterin der evangelischen Kirche die faschistische Ideologie in
der Öffentlichkeit vertrat, war für die Nationalsozialisten gute Propaganda. Ein solcher
Beitrag konnte noch abseits stehende weibliche Kirchenmitglieder überzeugen, sich in der
Frauenarbeit des neuen Regimes zu engagieren.
Bereits ein Jahr später, zum Muttertag 1934, hatten die Nationalsozialisten die Führung
bei der Gestaltung der Muttertage übernommen. In einem Schreiben der Reichspropagandastelle Weser-Ems an die Reichsstatthalter in Oldenburg und Bremen vom 30. April 1934
wurde „gebeten, dafür zu sorgen, daß der Muttertag 1934 sich deutlich von den früheren
Muttertagen unterscheidet. Mit sämtlichen in ihrem Bezirk in Betracht kommenden Organisationen und Verbänden ist sofort Fühlung aufzunehmen und sie sind auf die Richtlinien
zu verpflichten. [...] Es soll keine Kaffee- und Kuchenabspeisung stattfinden, es soll vielmehr ein Tag der Familie werden, der die Mutter in den Mittelpunkt stellt. Beurlaubungen
der etwa im Sonntagsdienst befindlichen Ehemänner, ferner bei der SA und SS, der Kinder
bei der HJ [Hitlerjugend] und dem BDM [Bund Deutscher Mädel] sind zu erwirken. Öffentliche Ehrungen sollen insbesondere den Müttern von Gefallenen des Krieges und der Nationalen Revolution sowie kinderreichen Müttern zuteil werden. [...] In sämtlichen Kirchen
muß an diesem Tag das Thema ‚Mutter‘ und ‚Mutterschaft‘ von der Kanzel besprochen
werden. [...] Die Theater können vielleicht in den Dienst der Sache gestellt werden. [...] Ich
bitte die Spitzen der Behörden und Organisationen, ihre nachgeordneten Dienststellen anzuweisen, daß sie sich wegen der Gestaltung des Muttertages mit den jeweiligen örtlichen
Hoheitsträgern der Partei [...] in Verbindung setzen wollen. Heil Hitler.“17
Dieses Rundschreiben informierte die NSDAP-Stellen, die Schulen, Kirchen und Behörden, dass der Muttertag in Zukunft im nationalsozialistischen Sinne umzugestalten
sei. Außerdem sollten bevorzugt Mütter geehrt werden, deren Söhne im Krieg gefallen
waren oder Mütter von Nationalsozialisten, die bei den Straßenkämpfen in der Weimarer
Republik ums Leben gekommen waren. Über die Umsetzung dieser Anweisungen fanden
sich keine Berichte in der Bremer Presse.
Allerdings sorgte Reichspropagandaminister Josef Goebbels – der seit 1934 die Vorbereitungen der Muttertage leitete – dafür, dass die Presse zum Muttertag regelmäßig über
nationalsozialistische Initiativen oder neue Einrichtungen zur Unterstützung der deutschen Mütter die Öffentlichkeit informierte. Zum Muttertag 1934 wurden die „Richtlinien
für das Reichsmütterdienstwerk“ und die „Sommeraktion Mutter und Kind“ bekannt gegeben. Am Vortag zum Muttertag 1935 wurde die „Reichsausstellung des Frauenwerks“
in Düsseldorf eröffnet und Propaganda gemacht für die Straßen- und Haussammlung zur
Unterstützung der Mütterschulungs- und Haushaltungskurse des Reichsmütterdienstes.18
Damit bewies die NSDAP, dass am Muttertag nicht nur Reden zu hören waren, sondern
auch konkret etwas für Mütter getan wurde.
Goebbels setzte zum Muttertag auch das Propagandainstrument der „Reichssendungen“ ein. Dabei wurde die Rede eines hohen NS-Funktionärs in allen Bereichen des
Deutschlandsenders übertragen, sodass sie von den bei einer Feier Versammelten, aber
auch an jedem „Volksempfänger“ mitgehört werden konnte.19 Zum Muttertag des Jahres
1934 sprach Innenminister Dr. Frick. Mit dem Hinweis auf die Ehrenfeiern für die deut-
1933–1945
195
sche Mutter hob dieser die Notwendigkeit der Steigerung der Geburtenzahlen hervor und
betonte den bevölkerungspolitischen Zweck der Ehe. Die Geburt eines Kindes sei nicht
länger eine private Angelegenheit eines Ehepaares, sondern ein bevölkerungspolitischer
Akt, denn dieses Kind sei „berufen […], die Ahnenreihe deutschen Blutes“ fortzusetzen.
In diesem Sinne sei auch der nationalsozialistische Muttertag kein intimes Familienfest
mehr, sondern die Mutter werde geehrt als „Familienhort des Volkes, als Hüterin des Erbstroms“.20 Der Minister macht klar, dass für den NS-Staat die Zeugung und Geburt von
Kindern ein zentrales politisches Thema sei. Deshalb sei auch die Feierstunde zu Ehren
der deutschen Mutter am Muttertag ein öffentlicher politischer Festakt.21
Im Jahr darauf 1935 zelebrierte die NS-Frauenschaft Bremens die Feierlichkeiten. Am
12. Mai 1935 berichtete die Sonntagsausgabe der Bremer Zeitung (Bremer Zeitung) 22 – so
der neue Name der Bremer Nationalsozialistischen Zeitung (BNZ) – über „die Feierstunde
der NS-Frauenschaft am Vorabend des Muttertages“. Der Bericht schilderte in vielen Einzelheiten den neuen Charakter dieser NS-Feierstunden. Im Mittelpunkt stand ein Vortrag
zum Thema „Mutter und Kind“, in dem das „starke Muttertum“ gepriesen wurde, „aus
dem das Volk seine edelsten Kräfte“ und „Helden zieht“. Anschließend wurde der regierende Bürgermeister mit Beifall begrüßt. Er betonte, dass nach der „marxistischen Zeit“
die „kämpferischen Männer“ wieder „mütterliche Frauen“ an ihrer Seite hätten, die ihnen
„Ruhe und Kraft“ in „ihrem Kampf“ gäben. „Wir wissen, was wir an unseren Frauen und an
unseren Müttern haben, sie sind uns heilig.“ Entsprechend beendete der Bürgermeister seine Rede mit der rituellen Formel von der „heiligen und unvergänglichen deutschen Mutter.“
Die Redebeiträge wurden vom Kindersprechchor und einer Reihe von Musikstücken
umrahmt. „Domorganist Richard Liesche beschloß die Reihe der Darbietungen mit einer
machtvoll ausklingenden Bach‘schen Fuge. Die Kreisfrauenschaftsleiterin beendete den
Abend mit kurzen Worten und einem Heil auf Deutschlands größten Sohn Adolf Hitler.
Gemeinsam sangen alle die beiden Hymnen des deutschen Volkes [das Deutschlandlied
und das Horst-Wessel-Lied].“23
Am Ablauf der Feierstunden lässt sich erkennen, dass die Nazis Strukturelemente aus
den Veranstaltungen zum Frauentag übernommen und mit faschistischen Inhalten gefüllt
hatten. So gab es zum Abschluss statt der Kampflosungen jetzt den Ruf auf das Heil des
Führers und an die Stelle der Internationale traten das Deutschlandlied und das HorstWessel-Lied. Weiter wurden Anleihen bei der christlichen Religion gemacht – die Häufung
religiöser Vokabeln und großer Worte wie „Liebe“, „Opfer“ und „Helden“ sollte der Mutterverehrung besondere Bedeutung und Weihe verleihen. Die Frauen der Kreisfrauenschaft
hatten den anwesenden Müttern „reiche, gehaltvolle und nachdenkliche Stunden“ bereitet.
Jedenfalls behauptete das der Bericht in der Parteizeitung.24 Der Ablauf der Feierstunde
und die dargebotenen Inhalte zeigten das Grundmuster der neuen quasireligiösen „Mütterehrungsfeier“25, wie sie in den folgenden Jahren ablaufen sollte. Durch die Anleihen bei
der Kultur der Arbeiterbewegung oder der Religion wurde außerdem bei den Teilnehmerinnen das Gefühl erzeugt, an einer ihnen vertrauten Veranstaltung teilzunehmen.
Parallel zur zentralen Feier fanden auch in den Arbeitervororten Mütterfeiern statt. Die
Bremer Zeitung konnte von Feststunden aus Hastedt, der Altstadt und der Neustadt berichten. Überall hatten sich die Mütter versammelt. Ein Parteifunktionär und ein Vertreter
des Reichsbundes der Kinderreichen hielten Ansprachen, auch hier wurden Gedichte vorgetragen. Bei den Frauen in der Neustadt gab es Kaffee und Kuchen und alle Versammlungen waren „gut besucht“, berichtete die Bremer Zeitung vom 12. Mai 1935.
Die Nationalsozialisten hatten vor 1933 in den Arbeiterquartieren nicht Fuß fassen
können. Jetzt nutzten sie die Muttertagsfeiern, um sich auch dort zu präsentieren. Außer-
196
Deutsche Muttertage versus Internationale Frauentage
dem hofften sie mit den Feiern für die Arbeitermütter, diese für die Mütterpolitik des NSRegimes zu gewinnen. Die Feierstunden sollten eine Gegenposition zu den Internationalen
Frauentagen sein, die in diesen Stadtteilen ihre größte Anhängerschaft gehabt hatten.
„Hüterinnen deutschen Schicksals!“ – unter dieses Motto hatte Reichsinnenminister
Dr. Frick seine Rundfunkrede zum Muttertag am 15. Mai 1938 gestellt. Die Bremer Zeitung brachte am Montag, dem 16. Mai, auf der Titelseite eine Zusammenfassung. In seiner
Rede erläuterte Dr. Frick die politische und ideologische Ausrichtung der Frauen- und
Mutterpolitik des NS-Staates. Er betonte erneut, dass Mutterschaft im Dritten Reich keine private Angelegenheit der einzelnen Frau sei, sondern der staatlichen Aufsicht und
Kontrolle unterliege. Zwar habe der Staat mit vielen Hilfsangeboten und Unterstützungen
die deutschen Familien seit Jahren gefördert, doch „daneben soll das Ehegesundheitsgesetz, das die biologischen Voraussetzungen für die Gründung erbgesunder Familien
schaffe, die Grundlage einer Erbpflege darstellen, indem es die Belastung der Familien
und Mütter mit lebensuntüchtigen Nachkommen verhütet.“26 Jede Beeinträchtigung des
„deutschen Volkskörpers“ sollte durch die gesetzlich geregelte Verhinderung der Fortpflanzung von Menschen mit einer echten oder angeblichen Erbkrankheit sowie von rassisch
und sozial unerwünschten Menschen unterbunden werden. Das, was Frick in seiner Rede
euphemistisch „Erbpflege“ nannte und was daherkam als Entlastung der Familien von
„lebensuntüchtigen Nachkommen“, wies deutlich auf die Planungen hin, die im Jahr 1938
vorangetrieben werden sollten – auf die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“27, auf die
Mordaktion an Säuglingen, Kindern, Behinderten, Kranken und Alten, der bis zum Kriegsende hunderttausende Menschen zum Opfer fallen sollten.28
Die Bremer NSDAP hatte für den Muttertag
1938 ein besonderes Projekt in Auftrag gegeben:
„In Verbindung mit dem Rundbau des Ehrenmales,
mit seinen zehntausend Namenssteinen gefallener
Bremer Soldaten“ auf der Altmannshöhe am Osterdeich wurde das „Bremer Ehrenmal der deutschen
Mutter“ errichtet. Zum Muttertag berichtete die
NS-Presse über die fast fertig gestellte überlebensgroße Plastik. In dem Artikel wurde besonders die
enge Verbindung der deutschen Mutter „als der
ewige Born des Lebens“ mit dem „Opfermut des
deutschen Mannes“ hervorgehoben.29 In der NSIkonographie trat neben das Bild des Soldaten, der
die Volksgemeinschaft schützte und wenn nötig
auch sein Leben dafür opferte, das Bild der Mutter,
die mit jedem Kind, dem sie das Leben schenkte,
das Fortbestehen der Gemeinschaft sicherte.30 Das
Gesamtkunstwerk auf der Altmannshöhe führte
den BesucherInnen diese Verbindung von Krieg
und Mutterkult der NS-Ideologie vor Augen.
Fünfzig Jahre später, am Muttertag 1988, veranstalteten Bremerinnen der Neuen Frauenbewegung
auf der Altmannshöhe ein Happening, „in dessen
Eine Aufnahme der Altmannshöhe in der Bremer
Lehrer Zeitung vom Juni/Juli 1988.32
1933–1945
197
Verlauf das Ehrenmal der Deutschen Mutter als Sinnbild der faschistischen Muttergestalt –
Gebärerin neuer Kriegergenerationen – schwarz verhüllt wurde.“31 Die Bremerinnen wollten sich über den symbolischen Akt von diesem Mutterbild verabschieden.
Das Ehrenkreuz der Deutschen Mutter
Den Höhepunkt des nationalsozialistischen „Mutterkults“ bildeten die Mutterkreuzverleihungen, die ab 1939 stattfanden. Weihnachten 1938 war Hitlers „Stiftung des Ehrenkreuzes der Deutschen Mutter“ als ein „sichtbares Zeichen des Dankes des Deutschen Volkes
an kinderreiche Mütter“ in der Öffentlichkeit vorgestellt worden.33
2.925 Ehrenkreuze wurden in Bremen verteilt. 34
Es gab einen regelrechten Ansturm auf die Ehrenkreuze. 1939 wurden allein in Bremen
2.925 Ehrenkreuze verliehen. Die Einführung der staatlichen Auszeichnung, die ausschließlich an das weibliche Geschlecht gebunden war, verfolgte in erster Linie bevölkerungspolitische Ziele – die Ehrenkreuze hatten eine eindeutig „biologische Funktion“35:
Mit Mutterkreuzen bedacht wurden Mütter, deren „Deutschblütigkeit“ und „Erbtüchtigkeit“ außer Frage standen36. Über ein aufwendiges Prüfverfahren wurden die „fremdrassigen“ und „minderwertigen“ Frauen und Mütter ausgesondert, um damit zugleich den
(rassischen) Wert der Geehrten zu erhöhen.37
Abbildung des Mutterkreuzes und Urkunde mit Unterschrift von Adolf Hitler.
198
Deutsche Muttertage versus Internationale Frauentage
Die Mutterkreuzkampagne war auch Teil der ideologischen Kriegsvorbereitung. Schon
visuell erinnerte das Mutterkreuz an einen militärischen Orden und in den politischen Erklärungen wurde der Zusammenhang ausdrücklich hervorgehoben: „Die deutsche Mutter
soll den gleichen Ehrenplatz in der deutschen Volksgemeinschaft erhalten wie der Frontsoldat, denn ihr Einsatz von Leib und Leben für Volk und Vaterland war der gleiche wie
der des Frontsoldaten im Donner der Schlachten.“38 Das Mutterkreuz sollte ein Orden sein,
der die „Gebärleistungen“ der Mutter mit den „Kriegsleistungen“ der Soldaten gleichstellte.
Die Auszeichnung galt als Statussymbol, das ihren Trägerinnen in der Öffentlichkeit Anerkennung und Respekt verschaffte.39 Dafür gewannen die Kriegsplaner eine Gefolgschaft
von Millionen Müttern40, mit deren Ergebenheit und Zuverlässigkeit an der Heimatfront sie
für den kommenden Krieg rechneten.
Kriegsmuttertage 1939–1944
Die Mobilisierung der Frauen und ihre Einbeziehung in die Kriegsvorbereitungen wurden
offensiv vorangetrieben. Eine Woche vor den Mutterehrungsfeiern 1939 fand der „Tag der
Frau im Luftschutz“ statt. Dem entsprechenden Aufruf der Bremer Kreisfrauenschaft zu
dieser Veranstaltung waren viele Frauen gefolgt. „Der kleine Saal der Centralhallen war
bis in die Ränge hinauf überfüllt.“ Der Redner betonte, dass „die Frau gerade im Luftschutz gleichwertig an die Stelle des Mannes“ treten müsse, wenn dieser fehle.41 Mit diesen
Worten, die von den Anwesenden mit großem Applaus bedacht wurden, deutete sich eine
neue Orientierung in der propagierten Geschlechterordnung an. Galt in der NS-Doktrin
die Frau und Mutter bisher noch als das vom Mann und Soldaten zu beschützende Gut, so
wurde hier im Jahr 1939 erklärt, dass Zeiten zu erwarten seien, in denen die Männer „fehlen“. In dem zu erwartenden Krieg würden die Geschlechtertrennung und die Begrenzung
des Handlungsraums für Frauen nicht aufrecht zu erhalten sein – solche Veranstaltungen
dienten zur Einstimmung auf die kommenden Anforderungen an die Frauen.
Bereits ein Jahr später, zum ersten „Kriegsmuttertag“, wie es in der Presse hieß, nahm
die Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink eine Revision ihres Weiblichkeitskonzeptes vor. Sie lobte das Engagement der Frauen und Mütter „im Kriegseinsatz“ mit dem
gleichen Enthusiasmus, wie sie zuvor das Postulat „Die Frau gehört an den Herd“ gepredigt
hatte. Jetzt standen die „treue Arbeiterin irgendwo in der Industrie“ und die vielen ehrenamtlichen Arbeitseinsätze von der Soldatenbetreuung über die Nachbarschaftshilfe bis zur
Hilfsarbeit in den Behörden und bei der Lebensmittelausgabe im Mittelpunkt.42 Gertrud
Scholtz-Klink fasste die veränderten Bedingungen im Leben der Frauen mit den Worten
zusammen: „Es kommt heute allein darauf an, daß jede Frau auf einem Platz steht, der,
wenn sie ihn nicht ausfüllt, eine Lücke darstellt in unserer Verteidigungsstellung.“43 Die
Frauen waren aufgefordert, mehr als zuvor ihre Pflicht zu erfüllen – dabei wurde neben
der Erwerbsarbeit der Frauen vor allem ihre Arbeit in der Rüstungsindustrie hervorgehoben. Gleichberechtigt wirkten Männer und Frauen zusammen „in unserer Verteidigungsstellung.“
Diese Wende in der Weiblichkeitskonzeption war notwendig geworden, sollte doch in
den kriegswichtigen Bereichen die Produktion ständig gesteigert werden, während gleichzeitig mit der Einberufung der Männer die Arbeitskräfte immer weniger wurden. Da Hitler
sich lange gegen die Zwangsverpflichtung von Frauen sträubte, setzte man auf Propaganda, auf Mobilisierung der Frauen zum „Dienst am Volk“.
1933–1945
199
Neue Perspektiven für die deutsche Frau.44
So war der Muttertag 1940 zum Beispiel Anlass für die Parteipresse, über die Rüstungsarbeiterinnen zu berichten. Es wurde vor allem hervorgehoben, dass die Arbeit dort die
Frauen nicht überfordere und es wurde die positive Einstellung der Arbeiterinnen zu ihrer
Arbeit betont. Doch alle Aktionen und Pressekampagnen, Frauen für die Rüstungsproduktion zu gewinnen, waren nicht erfolgreich. Stattdessen wurden mit Ausweitung des Krieges
aus den besetzten Ländern FremdarbeiterInnen nach Deutschland transportiert, um die
Lücken in den Betrieben zu stopfen.45
Doch noch ein anderes Problem beschäftigte die NS-Führung: Seit Beginn des Krieges
war die Geburtenrate drastisch gesunken.46 Die Nationalsozialisten versuchten, dem weiteren Absinken unter anderem bei den Muttertagsfeiern entgegenzuwirken.
Gegen Kriegsmüdigkeit – Kinderkriegen.47
Die Bremer Zeitung veröffentlichte zum Muttertag einen Leitartikel mit dem Appell an die
Frau, sich durch den Krieg nicht von ihrem „Willen zum Kind“ abbringen zu lassen, denn
es gelte „das starke Weiterbestehen des Volkes [durch weitere Geburten] und damit die
letzte Sinngebung dieses Krieges“ zu sichern.48 Während bisher immer die Rede davon gewesen war, dass der Krieg für die Kinder und Enkel geführt werden musste, sollten 1944
nun umgekehrt die noch zu gebärenden Kinder dem Krieg einen Sinn geben. Darüber hinaus wurde der Muttertag genutzt, die Frauen und Mütter zum Durchhalten zu ermutigen
und der wachsenden Resignation entgegenzuwirken.
Dieses politische Ziel verfolgte auch der Artikel in der Bremer Zeitung vom 21. Mai 1944.
Aus Anlass des Muttertages wurde über die Arbeit des Bremer Mütterdienstes berichtet.
Die Institution des Mütterdienstes war in der NS-Zeit die zentrale Fortbildungseinrichtung,
bei der nahezu alle deutschen Frauen und Mütter irgendwann in ihrem Leben Kurse
200
Deutsche Muttertage versus Internationale Frauentage
belegt hatten und geschult worden waren. Zum Muttertag 1934 waren die Richtlinien
des Reichsmütterdienstes bekannt gegeben worden und in den folgenden Jahren wurde
ein umfassendes Erziehungs- und Schulungsprogramm entwickelt: Allgemeine Schulung,
Haushaltsführung, Mutter und Kind, Gesundheits- und Krankenpflege waren die Themen,
über die Frauen auf ihr Leben als Hausfrau und Mutter im Nationalsozialismus vorbereitet
wurden. Überall in Deutschland waren Schulungsstätten entstanden und auch Bremen
hatte eine eigene Mütterschule gebaut.
Als die Bremer Zeitung zum Muttertag 1944 die Einrichtung besuchte, war das Gebäude „ein Opfer des Bombenkrieges geworden“. Doch die Schulleitung hatte sich durch
die Zerstörungen nicht unterkriegen lassen. Schon bald „wies aus Trümmern ein Schild
den Weg zu neu errichteten Schulungsräumen.“49 In dem Zeitungsartikel wurde besonders
diese Entschlossenheit der Leiterinnen als Beispiel des Überlebenswillens hervorgehoben.
Die Zeitung konnte berichten, dass weiterhin Schulungen stattfanden und auch die Mütterberatung aufrecht erhalten wurde. Dieser Beitrag zum Muttertag sollte die Leserinnen
der Bremer Zeitung zum Durchhalten und zu weiteren Anstrengungen anspornen. Doch
tatsächlich war der Muttertag 1944 der letzte NS-Muttertag.
Zeichen des Widerstands gegen Faschismus
und Krieg – Frauentage 1933 bis 1945
Für die Kommunistinnen und Sozialdemokratinnen endete mit der nationalsozialistischen
Machtübernahme die legale politische Arbeit. Doch es gab in KPD und SPD aktive Gruppen von Frauen, die die politische Arbeit – auch in Bremen – trotz Verbot und Verfolgung fortsetzten. Diese Aktivistinnen hatten in der Weimarer Republik für das politische
Selbstbestimmungsrecht der Frau gekämpft, an den Internationalen Frauentagen vor der
frauenfeindlichen Politik der Nazis gewarnt und in Flugblättern und Zeitungsartikeln die
menschenverachtende rassistische Ideologie bekämpft. Ihre Überzeugungen und ihre politische Praxis standen im unvereinbaren Widerspruch zu Ideologie und Politik der Nationalsozialisten. Sie wollten ihren Beitrag dazu leisten, die Naziherrschaft möglichst bald zu
beenden.50
Die Bremer Kommunistinnen im Widerstand
Seit dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 wurden KommunistInnen überwacht und
verfolgt. Zahlreiche Funktionäre mussten untertauchen. Aus anderen Orten reisten GenossInnen an, die in Bremen versteckt werden mussten. Das hatte oft für die UnterstützerInnen gravierende Folgen: „Anfang Juli wurden in einer Woche in Bremen 29 Personen
wegen kommunistischer Betätigung und wegen Beherbergung flüchtiger Kommunisten
verhaftet.“51 Trotzdem bildeten sich immer wieder Widerstandsgruppen. Die Partei setzte
alles daran, die organisatorischen Strukturen aufrechtzuerhalten Bremer Zeitungw. wiederherzustellen. Daneben investierte sie außerdem große Anstrengungen in die Produktion und Verbreitung illegaler Zeitungen und Flugblätter.
In jedem dieser Bereiche arbeiteten Frauen mit. Dabei trat unter den extremen Bedingungen der Unterdrückung und Verfolgung das Ungleichgewicht zwischen den Ge-
1933–1945
201
schlechtern noch deutlicher hervor. So waren in den Leitungen kaum Frauen vertreten,
ihre Arbeitsschwerpunkte standen häufig im Zusammenhang mit ihrer Hausfrauen- und
Mutterrolle: Sie waren in der Wohngebietsarbeit tätig sowie in Bereichen, in denen klassische Fertigkeiten wie etwa das im Widerstand so wichtige Schreiben auf einer Schreibmaschine benötigt wurden. Außerdem nutzten die Kommunisten, dass Polizei und Gestapo
Frauen politisch weniger ernst nahmen und so eine weibliche Begleitung bei Reisen und
Kontaktaufnahmen den Anstrich eines harmlosen Ausflugs oder Besuchs gab.
Für den Aufbau der illegalen Parteiorganisation waren die privaten Netzwerke und Kontakte der Frauen von großem Nutzen. Dass die Frauen sich gegenseitig besuchten, gehörte zu den alltäglichen Gewohnheiten der Arbeiterfamilien. Nachdem die Nazis die Macht
übernommen hatten, wurden bei solchen Besuchen auch Mitgliedsbeiträge kassiert und
Spenden für die Familien der Inhaftierten eingesammelt. So übernahm beispielsweise in der
Bezirksleitung des Jahres 1934 Erna Brinkmann52 die Bezirkskassierung. Dabei diente ihre
Wohnung auch als Treffpunkt für Sitzungen der Bezirksleitung. Zu Beginn des Jahres 1935
wurde die gesamte Parteiorganisation festgenommen, sie war durch einen eingeschleusten
Spitzel verraten worden. Erna Brinkmann wurde am 12. Januar 1935 verhaftet.53
Genauso arbeiteten viele Frauen in den Untergruppen der Straßenzellen der Partei
als Kassiererin. Karoline („Lina“) Schwartz „baute das Kassenwesen der ihr unterstellten
Zellen des Stadtteils [Bremen Neustadt] auf“. Im gleichen Stadtteil arbeitete wenig später
auch Martha Ruff als Unterkassiererin. Gleichzeitig mit dem Kassieren wurden illegale Zeitungen von und an die GenossInnen weiterverteilt.54 „Das Schreiben der Texte auf Wachsmatritzen übernahm Alma Gross, die dazu in die Wohnung der Geschwister Gabriely ging,
wo eine Bodenkammer zur Verfügung stand.“ In derselben Wohnung lebten zeitweilig auch
wichtige Funktionäre, „die Alma Gross Rundschreiben und Artikel diktierten.“55 Wichtig
war dann, dass die Schriften auch verbreitet wurden. Die Frauen spielten bei dem Transport und der Verteilung innerhalb der Stadt eine besondere Rolle. „Mal kam ein Pack
Zeitungen in den Kinderwagen unter das Baby, mal in die Fahrradtasche. Die Zeitungen
steckte man auch in Hausbriefkästen. […] Oberstes Prinzip war, die illegalen Schriften so
breit wie möglich zu verteilen.“56
Immer wieder beendeten Polizei und Gestapo mit einer Verhaftungswelle die Aktionen.
Die mühevolle Arbeit, abgerissene Kontaktketten wieder neu zu knüpfen, begann von
vorn. Es gelang sogar, neue Aktivistinnen zu gewinnen. Zwei junge Frauen, Selma Vöge
und Henni Kastens, waren durch persönliche Beziehungen mit der KPD in Verbindung
gekommen. Henni Kastens half bei der Herstellung von Flugblättern, bewahrte Material
auf und begleitete Genossen auf Fahrten nach Oldenburg und Wilhelmshaven. Sie brachte
außerdem einen gefährdeten Genossen in der Wohnung ihrer Eltern unter.
Zwar kam es zum Jahresende 1936 wieder zu zahlreichen Verhaftungen, doch „Henni
Kastens und Selma Vöge konnten ihre Tätigkeit bis Juli 1937 fortsetzen.“57 Während der
ganzen Zeit wurden sie bespitzelt. Im Bericht an das „Geheime Staatspolizeiamt“ hieß es:
„Schon 1936 war bekannt geworden, das der Instrukteur58 für seine Vertretung in Bremen
Mädchen eingesetzt hatte, die für ihn, wenn er in Holland längere Zeit festgehalten wurde, die
abgemachten Treffs abliefen, auch Material verteilten und Nachrichten entgegennahmen.“59
Trotz des Verrats durch Gestapospitzel und durch Folter erpresste Aussagen fanden
sich immer wieder Frauen und Männer zusammen, um den Widerstand fortzuführen.
Nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion 1941 wurde eine Widerstandsorganisation von Hamburg aus mit Kontakten im gesamten norddeutschen Raum aufgebaut.60 Um auch in Bremen eine Anlaufstelle zu schaffen, kam im Frühjahr 1942 der
Genosse Richard Heller nach Bremen. Er war bereits vor 1933 in Bremen Parteifunktionär
202
Deutsche Muttertage versus Internationale Frauentage
gewesen und genoss Vertrauen unter den Genossen. Heller wandte sich mit seinem Anliegen an Maria Bücking (später verheiratete Krüger) 61. Maria Bücking unterhielt in der Nähe
des Hafens eine Leihbücherei, mit der sie sich und ihre beiden Söhne durchbrachte. Heller
fragte bei ihr an, ob sie damit einverstanden wäre, dass ihre Bücherei als Verbindungsstelle
zur Hamburger Zentrale genutzt würde.
Maria Bücking berichtete über dies Zusammentreffen in einem Interview im Jahr 1983:
„… dann war er weggefahren und hatte mich dasitzen lassen, indem er sagte: Wir
wollen deinen Laden als Anlaufstelle haben. […] Er hat gesagt: Entscheide Dich, bis ich
wiederkomme. In vier Wochen werde ich wohl wiederkommen. Aber du weißt, du bleibst
uns immer lieb und wert als Genossin, auch wenn du das ablehnst, daß dein Laden die
Anlaufstelle wird, denn dann ist das Problem gelöst. Aber eins bitte ich dich genau: Ja oder
Nein, aber nicht Jein. Das allerdings. Und dann habe ich da also diese vier Wochen gesessen; und einen Tag war ich fest überzeugt, das zu tun, die Verbindung mit Heller weiterzuführen, und nächsten Tag gucke ich meine Kinder an und sagte mir, du tust es nicht.“62
Die Anfrage hatte bei Maria Bücking einen tiefen Konflikt ausgelöst. Sie ernährte mit
ihrer Bücherei sich und ihre beiden Söhne. Ihr Mann, Hans Bücking, war gerade zum
zweiten Mal verhaftet worden und verbüßte eine Zuchthausstrafe. Mit der Einbeziehung
ihrer Leihbücherei in den aktiven Widerstand riskierte sie die Existenz und die Zukunft
ihrer Kinder.
Die Entscheidung wurde ihr von der Gestapo abgenommen. Im Oktober 1942 kam es in
Hamburg unter den Mitgliedern der Widerstandsorganisation zu Verhaftungen. Auch die
Bremer GenossInnen, die mit Richard Heller Kontakt gehabt hatten, wurden verhaftet und
der Hamburger Gestapo übergeben – darunter auch Maria Bücking. Die Mutterehrung
und die „Heiligkeit der Familie“ galten nicht für deutsche Frauen im Widerstand. Maria
Bücking wurde nach Hamburg ins Gefängnis eingeliefert und im anschließenden Prozess
zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt. Ihre beiden Söhne standen ohne Eltern da, konnten
aber von Großeltern und Tanten aufgenommen werden.63
Widerstand gegen die NS-Diktatur bedeutete eben immer auch, die Familienmitglieder
in Gefahr zu bringen. Diesen Konflikt hatten vor allem die Frauen auszutragen, gerade,
wenn der Ehemann bereits im Widerstand war oder sogar in Haft. Das ließ viele Frauen
zögern, sich allzu sehr zu exponieren.
Der Widerstand der sozialdemokratischen Frauen
Im April 1933 nahm der Terror der Nationalsozialisten gegen die politischen Gegner auch
in Bremen weiter zu. Mit Verhaftungen und Hausdurchsuchungen richtete er sich unter
anderem gegen die SPD. Das Reichsbanner, die Selbstschutzorganisation der SPD, sowie die Eiserne Front, die antifaschistische Sammlungsbewegung der Sozialdemokraten,
wurden verboten. Am 18. April wurde zum zweiten Mal das Gewerkschaftshaus besetzt
und trotzdem rief der Vorstand des ADGB die KollegInnen zur Teilnahme an den von
den Nazis organisierten Maidemonstrationen auf. Der ADGB-Vorstand glaubte durch Anpassung den Fortbestand der Organisation zu retten.64 Und auch der SPD-Vorstand verhielt sich ähnlich. Einerseits verbrannte der Parteivorstand der SPD die Mitgliederkartei,
damit sie nicht den Nazis in die Hände fiel, andererseits arbeiteten die Abgeordneten der
SPD weiterhin in der Bürgerschaft mit. Die Funktionäre waren sich in der Einschätzung
der Lage und über die einzuschlagende Taktik nicht einig. Viele zogen sich aus Angst
1933–1945
203
zurück, unter den Mitgliedern verbreitete sich Resignation. Am 28. April 1933 forderte
der Polizeisenator die Vorstände der SPD, der Sozialistischen Arbeiterjugend sowie den
Arbeitersamariterbund auf, innerhalb von einer Woche die Mitgliederlisten wiederherzustellen und auszuliefern. Darauf reagierte der Vorstand am 3. Mai mit einem Rundbrief, in
dem er erklärte, dass er die Namen und Anschriften nicht herausgeben werde und er rief
die Genossinnen und Genossen auf, „die engste Freundschaft untereinander“ zu bewahren und damit ein „heroisches Beispiel proletarischer Solidarität“ zu geben. Doch eine
Orientierung oder gar Perspektive für die weitere Arbeit enthielt der Brief nicht.
Den NS-Kommandos genügte dieser Rundbrief, um einzugreifen. Der Parteivorstand und
andere führende GenossInnen wurden noch im Mai festgenommen. Das Parteibüro und die
Druckerei wurden besetzt und das Parteivermögen beschlagnahmt.65 Zumindest die Gestapo war vom Erfolg ihres Vorgehens überzeugt, wie der Bericht von Juli 1933 belegte:
„Wesentlich anders als bei der KPD ist die Lage in der SPD, dem Reichsbanner und anderen marxistischen Organisationen. Wie das behördliche Vorgehen gegen diese Verbände
bewiesen hat, war es mit der eigentlichen Kampfkraft dieser Organisationen nicht weit her.“66
Innerhalb der Partei hatten sich Unsicherheit und Ratlosigkeit ausgebreitet. Gegen diese Resignation ergriff Anna Stiegler die Initiative und begann mit praktischer Arbeit. Sie
hatte bereits anlässlich ihres Geburtstags im April 1933 Gelder zur Unterstützung der
Familien von Reichsbannerleuten, die nach den Reichstagswahlen im März verhaftet worden waren, gesammelt. Nach der Verhaftung der Vorstandsmitglieder wurde eine breite
Spendenaktion eingeleitet. Anna Stiegler organisierte die Kassierung unter den Frauen.
Sie wurde von den Genossinnen Luise Karstens, Hermine Bertold und Dora Lange unterstützt, die bereits in den zwanziger Jahren zum aktiven Kern der sozialdemokratischen
Frauenbewegung in Bremen gehört hatten.
Aus dieser Hilfsaktion und aus privaten Zusammenkünften entwickelte sich die illegale
Frauenorganisation der SPD in Bremen. Über den Aufbau und die Entwicklung der illegalen Frauenarbeit berichtete Anna Stiegler im Herbst 1934 an den Exilvorstand der SPD.67
Ihre Arbeit sah sie zunächst darin, die „eingeschüchterten und versprengten Frauen, die
treu zur Überzeugung standen“, wieder zusammenzuholen. Die Sozialdemokratinnen hatten in den Jahren der Weimarer Republik in den Arbeiterwohngebieten ein Frauennetzwerk aufgebaut und genossen das Vertrauen der Hausfrauen. Daran konnte sie anknüpfen.
Nach einer ersten Zusammenkunft im Licht- und Luftbad auf dem Stadtwerder im Juni
1933 organisierten sie gemeinsame Ausflüge mit den Fahrrädern oder zu Fuß. Sie fuhren
mit dem Motorboot oder dem Zug nach Worpswede. „An diesen Ausflügen nahmen insgesamt mehr als siebzig Frauen teil.“
In den Wintermonaten trafen sich die Frauen zu privaten „Geburtstagsfeiern“ in den
Wohnungen. Meist kamen zehn bis fünfzehn Frauen. Jemand aus dem Führungskreis der
illegalen Organisation hielt einen politischen Vortrag und anschließend wurden Erfahrungen ausgetauscht. Diese Gespräche gaben den Frauen in ihrem Alltag Orientierung und
Halt. Denn ihr Umfeld, insbesondere die Kinder, waren den Einflüssen der NS-Propaganda
ausgesetzt. Während den Männern im Betrieb und in der Kneipe Kommunikationsnetze
zur Verfügung standen, waren die Frauen in ihren Haushalten auf sich allein gestellt. Dagegen vermittelten diese Nachmittage bei Kaffee und Kuchen den Frauen das Gefühl von
Solidarität – aus privaten Kaffeekränzchen wurden politische Schulungsnachmittage. Im
Verlauf des Jahres 1934 wurde die Frauenarbeit zu einem bedeutsamen Teil der illegalen
SPD-Organisation.
Der Erfahrungsaustausch bestärkte die Frauen darin, sich nicht von der Politik und den
ideologischen Kampagnen der Nationalsozialisten beeinflussen und unter Druck setzen
204
Deutsche Muttertage versus Internationale Frauentage
zu lassen. Die SPD-Frauen bauten ihren politischen Aktionsrahmen weiter aus. Durch
Kontakte zum Ausland konnte illegales Material beschafft werden, das von den Frauen
in den Distrikten verteilt wurde. Selbst ein gemeinschaftliches sozialistisches Fest wurde
veranstaltet. Wenn es schon keine Frauentage mehr geben durfte und der erste Mai von
den Nationalsozialisten okkupiert worden war, dann musste eben die Sonnenwendfeier
zur eigenen Festgestaltung herhalten.
Anna Stiegler fasste den Stand und die Perspektive der illegalen Frauenorganisation
in Bremen 1934 mit den Worten zusammen: „Wir sehen mit einiger Sorge den Aufgaben
des Winters [1934/35] entgegen. Nicht etwa, weil wir uns den Aufgaben nicht gewachsen
fühlen, nein, nur deswegen, daß unsere Kreise zu groß würden. Jedenfalls werden wir mit
der bisherigen Vorsicht weiterarbeiten. Alles in allem können wir wohl sagen, daß die bremische sozialistische Frauenbewegung ziemlich intakt geblieben ist und zur gegebenen
Stunde ihre Arbeit wieder aufnehmen kann.“68
Der Stolz, der aus diesen Worten sprach, war berechtigt. Es gab sicher nur wenige Widerstandsorganisationen der SPD, in denen der Anteil der Frauen so groß war wie in Bremen.
Doch die optimistische Perspektive auf ein baldiges Ende der NS-Herrschaft, die aus
diesen Zeilen sprach, erfüllte sich nicht. Kurze Zeit später wurde die gesamte Organisation an die Gestapo verraten. Bereits im November 1934 begannen die Verhaftungen.
Auch Anna Stiegler wurde in Untersuchungshaft genommen. Für die NS-Justiz stand
fest, dass sie eine der aktivsten politischen Gegnerinnen war. „Die von ihr ausgehenden
Fäden laufen zu fast allen Beschuldigten“, hieß es in der Anklageschrift.69 Die Folge
waren „acht Jahre Zuchthaus für einen Genossen, fünf Jahre für mich, vier Jahre für
zwei Genossinnen, drei Jahre für eine und eine wurde freigesprochen, zwei Jahre Gefängnis für meinen Mann“70 – mit diesen knappen Worten schilderte Anna Stiegler den
Beginn ihrer elfjährigen Leidenszeit. Denn nach Verbüßung ihrer Haftstrafe wurde sie
in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück eingewiesen. Erst mit der Befreiung
vom Nationalsozialismus 1945 hatten auch für Anna Stiegler die Jahre des Leidens ein
Ende. Für Frauen wie Anna Stiegler sollte in der Volksgemeinschaft kein Platz sein,
sie wurden in eigens dafür geschaffenen Lagern Folter, Hunger und Erniedrigungen
ausgeliefert.
Der Malik-Verlag in Prag71 veröffentlichte im Jahr 1937 die Dokumentation „Deutsche
Frauenschicksale“, in der die Beteiligung der Frauen am Widerstand in Deutschland aufgezeigt wurde. In der dort veröffentlichten Statistik waren für die Jahre 1935 bis 1937 über
zweihundertneunzig verurteilte Frauen erfasst, darunter befanden sich auch die Frauen aus
Bremen.
Liste mit den verurteilten Frauen aus Bremen.72
1933–1945
205
Die Idee des Internationalen Frauentages
begleitet die Verfolgten im Konzentrationslager
Im Mai 1939 wurde das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück in Mecklenburg errichtet. Die Lager Moringen bei Hannover (Oktober 1933 bis März 1938) und die Lichtenburg
in Sachsen (Anfang 1938 bis Ende 1939)73 reichten nicht aus, um all die Frauen aufzunehmen, die von den Nationalsozialisten aus der Gemeinschaft der deutschen Frauen
und Mütter entfernt werden sollten. Als „Hölle der Frauen“ ging das KZ Ravensbrück in
die Geschichte der Konzentrationslager ein. Im Lauf seiner fast sechsjährigen Existenz
waren dort weit über 100.000 Frauen aus über 20 Ländern inhaftiert.74 Nur etwa 40.000
entgingen der Vernichtung.75
Mit der Einlieferung ins Lager wurden die Häftlinge zu Unpersonen degradiert. Die Inhaftierten verloren ihre Namen und bekamen Nummern und Stoffwinkel,76 die am Ärmel
sichtbar zu tragen waren. Mit allen Methoden der Isolierung, des Hungers, der Folter wurde
versucht, die Widerstandskraft der Frauen zu brechen.77 Nach dem Prinzip „Vernichtung
durch Arbeit“ wurden die Mädchen und Frauen seit Beginn des Krieges als Sklavenarbeiterinnen vor allem in der Rüstungsproduktion eingesetzt.78
Das System des Konzentrationslagers zielte darauf ab, die Identität des Häftlings als
Mensch zu vernichten. Gegen diese Zermürbungs- und Vernichtungsabsichten der SS bot
der Zusammenhalt in einer Gruppe die wichtigste Voraussetzung zum Überleben. Nur mit
der Unterstützung und Solidarität der Gruppe, die sich aus nationalen, politischen, religiösen,
ethnischen oder persönlichen Motiven zusammen fand, hatte die Einzelne eine Chance, sich
in dem mörderischen System zu behaupten. In Ravensbrück bildeten die kommunistischen
Gruppierungen neben der Lagergemeinschaft der Polinnen die zweite größere Gemeinschaft. Die anfänglich kleine Gruppe deutscher Kommunistinnen wurde mit dem Eintreffen
von Frauen aus immer mehr von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten größer und
internationaler.79 Für alle diese Frauen hatte der Internationale Frauentag in ihrer früheren
politischen Arbeit Bedeutung gehabt. Auch wenn die sprachliche Verständigung zwischen
den verschiedenen nationalen Gruppen schwierig war, wurden die Zeichen und Symbole, ein
rotes Stück Stoff, ein roter Faden am Kleid und das Datum 8. März international verstanden. So verabredete man sich in aller Heimlichkeit, meist war es nicht mehr als ein kurzes
Gespräch mit Gesten der Freundschaft und Zuneigung, ein rotes Tuch auf dem Tisch oder
Bruchstücke von Liedern, gesummt beim stundenlangen Anstehen zum Appell.80
„Antifaschistinnen aus verschiedenen Ländern trugen, wenn sie über die Lagergrenzen
gingen, am 8. März als Ausdruck ihres Bekenntnisses zu den Ideen des Internationalen
Frauentages einen roten Nähfaden auf der Jacke der Häftlingskleidung. Er wurde von den
Aufseherinnen und Wachmannschaften der SS nicht bemerkt, wohl aber von den gleichgesinnten Mithäftlingen.“81
Alle diese Aktionen waren mit hohem Risiko behaftet. „Eine Entdeckung durch die SS“,
erinnerte sich später eine der Beteiligten, „hätte unabwendbare Folgen haben können.“82
Trotzdem organisierten die Frauen die Begegnungen zum 8. März. Die Genossinnen bestätigten sich gegenseitig, dass ihre Gemeinschaft weiterhin Bestand hatte; dass die verhassten Nazis ihren Zusammenhalt nicht hatte zerstören können. In einer Umgebung, in
der der Gegner ständig seine Allmacht demonstrierte, war das ein kleiner Sieg, der den
Frauen Selbstvertrauen und Hoffnung gab. Die symbolischen Gesten hielten die Erinnerung an die frühere politische Arbeit und die GenossInnen in der Heimat wach. Jedes der
geheimen Treffen war für die Frauen ein Beweis, dass der Gegner nicht unbesiegbar war.
206
Deutsche Muttertage versus Internationale Frauentage
Frauentagaktion von Zwangsarbeiterinnen
in Bremen – 8. März 1943
Seit dem 1. September 1939 führte Deutschland gegen fast alle europäischen Länder Krieg.
In Bremen, das seit 1933 zur Rüstungsschmiede Deutschlands geworden war, drehte sich
alles um die Erhöhung der Rüstungsproduktion. Es herrschte Arbeitskräftemangel. Vor allem in den Betrieben der Flugzeug-, Automobil- und Schiffsbauindustrie fehlten die Arbeiter.
Um diese Lücken zu schließen, wurden aus allen von deutschen Truppen besetzten Ländern
Menschen nach Deutschland deportiert. Seit dem Einmarsch deutscher Truppen in die Sowjetunion 1941 stellten die sowjetischen Arbeitskräfte „das A und O des Arbeitseinsatzes“ dar.83
Die ausländischen Arbeitskräfte waren auch in Bremen in allen Betrieben anzutreffen,
im kleinen Familienbetrieb wie im Großunternehmen. Mit der Dauer des Krieges wuchs
der Anteil ausländischer Frauen und Männer an den Beschäftigten.
1944 waren in Bremen „insgesamt 25.537 Ausländer (das war ungefähr ein Drittel der
damaligen Wohnbevölkerung) […] im Arbeitseinsatz: 11.025 ‚Ostarbeiter‘ (Sowjetbürger),
5.772 Franzosen, 3.025 Niederländer, 2.402 Belgier, 1.067 Polen.“84 Die Masse dieser Arbeiterinnen und Arbeiter wurde unter primitiven und menschenunwürdigen Bedingungen in
ca. 200 Lagern in Bremen kaserniert. Dabei wurden auch die ArbeiterInnen nach der NSRassenideologie klassifiziert. „Aus den Lagerakten sind die verschiedenen Stufen der Entrechtung deutlich aBremer Zeitungulesen. So wurden West-Arbeiter grundsätzlich besser
als Polen und Ost-Arbeiter behandelt.“85 Gemäß den rassistischen Vorstellungen vom „Untermenschen“ waren die als Ost-Arbeiter bezeichneten BürgerInnen aus der Sowjetunion, auf
der untersten Stufe in der Rangordnung der Fremdarbeiter angesiedelt. Die Arbeiter wurden
streng von der übrigen Bevölkerung getrennt, sie durften ihre Lager nicht verlassen und
wurden in Marschkolonnen von ihren Unterkünften zu den Arbeitsstätten kommandiert und
wieder zurückgebracht. 86
Seit 1943, als die Niederlage der deutschen Armeen sich aBremer Zeitunguzeichnen
begann, mehrten sich unter den ZwangsarbeiterInnen die Fälle von oppositionellem Verhalten bis hin zur Sabotage. Dabei war jede Form des Protestes, des Widerstandes mit
hohen Strafen belegt, bei der kleinsten Regelverletzung wurde mit Arbeitserziehungslager
und KZ gedroht. Trotzdem nahmen die Akte des Widerstandes zu.87
Zugleich versuchten deutsche kommunistische Widerstandskämpfer zu den ausländischen ZwangsarbeiterInnen und Kriegsgefangenen Verbindungen herzustellen. Albert
Oltmanns, KPD-Mitglied, arbeitete während des Krieges bei der Firma Borgward in Bremen. Borgward war das Unternehmen mit dem höchsten Anteil ausländischer Arbeiter
und Arbeiterinnen, darunter auch viele Ost-Arbeiterinnen. Albert Oltmanns hatte ein paar
Worte russisch gelernt und zu einer Gruppe junger Frauen aus der Sowjetunion Kontakt
aufgenommen. Deshalb wandten sich diese eines Tages an ihn mit der Bitte, er möge ihnen
rote Stofffarbe besorgen. Den Grund wollten die Frauen nicht nennen, es sei ein Geheimnis. Albert Oltmanns spannte seine Ehefrau und Töchter ein, in verschiedenen Geschäften
der Stadt rote Farbe einzukaufen, die er dann den Frauen übergab.88
Wenige Tage später, wurden die Frauen wie immer in geschlossener Kolonne zum Firmengelände geführt und als sie dann aus der Umkleidekabine heraustraten und die Treppe
zur Werkshalle herunterkamen, trugen die etwa einhundert Frauen statt der bisher weißen
Kopftücher alle rote Tücher. Schweigend nahmen sie ihre Arbeit auf. Es gab überraschte
Minen und Verunsicherung vor allem unter den Wachhabenden und Meistern. Einer davon
fragte dann Oltmanns, „ob er wisse was das zu bedeuten habe“. Und Oltmanns äußerte die
1933–1945
207
Vermutung, dass den Frauen wohl die weißen Kopftücher zu schnell schmutzig geworden
seien und „sie sich das Waschen erleichtern wollten.“ Die Antwort war wenig befriedigend,
Verunsicherung und Unbehagen blieb bei den NS-Aufsehern zurück. Sie spürten, dass die
Aktion der Frauen gegen die Nationalsozialisten gerichtet war, aber da sie den Zeichencode nicht entschlüsseln konnten, übergingen sie die Angelegenheit letztlich.
Auch Oltmanns selbst konnte sich die Sache zunächst nicht erklären und fragte eine
der Frauen nach dem Grund der Kopftuchaktion. Sie erklärte: „Aber Albert, heut ist doch
der 8. März!“ Die Antwort löste bei Oltmanns Betroffenheit aus: Er, der schon seit Jahren
Mitglied der KPD war, hatte sich nicht mehr an den Internationalen Frauentag erinnert.
Zehn Jahre nationalsozialistischen Terrors und Unterdrückung hatten die Traditionen der
Arbeiterbewegung aus dem Bewusstsein der Arbeiter verdrängt.89
Insgesamt hatte die mutige Inszenierung der sowjetischen Kolleginnen Albert Oltmanns
so sehr beeindruckt, dass er die Geschichte nicht vergaß. Anlässlich des Internationalen
Frauentages 1956 berichtete er über die Ereignisse am 8. März 1943 in der Tribüne der
Demokratie, der Parteizeitung der KPD.
Ein Internationaler Frauentag in Bremen 194390 : „Bei Borgward am 8. März 1943: Alle
Zwangsarbeiterinnen trugen rote Kopftücher. Eine mutige Demonstration zum Internationalen Frauentag in der Zeit des faschistischen Terrors.“
An diesem 8. März hatten die jungen Fremdarbeiterinnen aus der bewachten Zwangskolonne, in die sie gepresst worden waren, eine Demonstration selbstbewusster, solidarischer
Frauen gemacht. Sie wussten, dass an diesem Tag auch die Frauen in der Sowjetunion den
Internationalen Frauentag begehen würden und sie drückten mit den roten Kopftüchern
ihre Verbundenheit mit der Heimat und deren Frauenorganisation aus. Ihre Kopftuchaktion war ein symbolischer Akt. Doch es war ein Akt der Selbstbehauptung. Die Arbeiterinnen gewannen für einen Moment ein Stück Freiheit und Selbstbestimmung zurück.
Die Internationalen Frauentage im Londoner Exil –
1941 bis 1945
Nicht nur in Deutschland, in allen Ländern Europas, in denen deutsche Besatzungstruppen Einzug hielten, zwang der Terror der Nationalsozialisten auch Frauen, ihr Land zu
verlassen und ins Ausland zu flüchten. London wurde auf diese Weise zu einem Sammelpunkt für antifaschistische Flüchtlinge aus verschiedenen europäischen Ländern.
Sozialistinnen und Kommunistinnen nahmen schon bald nach ihrer Ankunft in England
Kontakt zu ihren britischen Schwester- und Bruderorganisationen auf. Mit den englischen
Partei- und Gewerkschaftsgruppen wurden Projekte entwickelt, um in der Öffentlichkeit
auf die Verbrechen des NS-Regimes aufmerksam zu machen und zu zeigen, dass es gegen
das menschenverachtende System der Nationalsozialisten und ihren mörderischen Krieg
eine Internationale des Frauenwiderstandes gab.
208
Deutsche Muttertage versus Internationale Frauentage
Im März 1941 hatte Mary Sutherland, die Zentralsekretärin der Frauenorganisation der
englischen Arbeiterpartei, eine internationale Veranstaltung einberufen.
Ausschnitt aus dem Bericht über die Kundgebung zum Internationalen Frauentag 1941.91
Zu einem „Frauentag mitten im Krieg“ waren Vertreterinnen der sozialistischen Frauenorganisationen aus vielen Ländern Europas in London zusammengekommen. Sie vereinte
der Protest gegen den Faschismus und gegen den von Hitler ausgelösten Krieg. Aus jedem
Land erhob eine Vertreterin ihre Stimme. Mary Sutherland „ruft eine Rednerin nach der
anderen auf das Podium. Sie sprechen drei Minuten in der Sprache ihres Landes und
weitere drei auf Englisch. Ein vielsprachiges Bekenntnis zur gleichen Idee. […] Jede der
kurzen Reden klang aus in die künstlerisch eingefügte Begleitmusik der Arbeiterhymne
des Landes, aus dem die Sprecherin stammte.“
Für Deutschland sprach Herta Gotthelf, die vor 1933 die Redaktion der sozialdemokratischen Frauenzeitschrift Die Gleichheit geleitet hatte. Diese Kundgebung gab ihr den
entscheidenden Anstoß, mit anderen Migrantinnen aus Deutschland, der Tschechoslowakei, Belgien, den Niederlanden, Polen, Italien, Frankreich und Norwegen eine „kleine
Fraueninternationale“ zu gründen.92
1933–1945
209
Die kommunistischen Frauen führten ihre Aktionen zum Frauentag getrennt von den
Sozialistinnen durch. Anlässlich des 8. März 1943 richteten sie von London aus einen
Aufruf an die Frauen in Deutschland, in dem sie auf die Bedeutung des Internationalen
Frauentages hinwiesen. Er sei der Kampftag der Frauen aller freien Völker, die sich zusammengeschlossen hätten, um gegen „den schlimmsten Feind der Menschheit, den Faschismus zu kämpfen“. Dann listeten sie die Schreckenstaten auf, die die deutschen Soldaten
auf Befehl Hitlers ausgeführt hatten: die Schändung und Ermordung von Frauen und
Mädchen in der Sowjetunion, die Ausrottung ganzer Dörfer in den okkupierten Ländern
und die Ermordung hunderttausender Juden im Namen des deutschen Volkes.
Angesichts dieser Gräuel riefen sie die deutschen Frauen zum Umdenken auf: „Glaubt
den Nazis kein Wort.“ Sie appellierten: „Macht Schluss mit diesem Krieg. […] Ihr seid es,
die heute die Munition für Hitler produziert. Sabotiert die deutsche Kriegsmaschinerie.
[…] Stürzt Hitler und Ihr werdet in einem freien demokratischen Deutschland zusammen
mit den Frauen der ganzen Welt den Internationalen Frauentag feiern.“93 Doch solche Appelle blieben meist ungehört, denn Berichte aus dem Ausland konnten nur auf illegalem
Weg nach Deutschland gelangen und die Gestapo verfolgte unerbittlich alle, die solche
Nachrichten verbreiteten, wie die Beispiele der Bremer SozialdemokratInnen und KommunistInnen zeigten.
Am 8. März 1945 – das Ende des Krieges stand unmittelbar bevor – wurden in vielen
Städten Englands Veranstaltungen zum Frauentag durchgeführt. Die größte Kundgebung,
wieder mit Vertreterinnen vieler Nationen, fand in der Albert Hall in London statt.
Das Kernstück der Feier bildete die Verlesung einer Proklamation, der International
Womans Charter, deren wesentlichen Gedanken und Forderungen waren:
„Die Frauen haben [nach ihren Leistungen in diesem Krieg] Anrecht auf den ihnen
gebührenden Platz in der Gesellschaft. […] Es ist die Pflicht der Frauen sich ihre
Vertretung im Rat der Völker zu sichern, ihre Stimme bei der Friedensgestaltung und
dem Wiederaufbau internationaler Zusammenarbeit Gehör zu verschaffen.
Wir wollen nirgends in der Welt mehr Massenelend dulden. Wir wollen der Ausbeutung von Industrie- und Landarbeiterinnen ein Ende setzen. Alle Kinder sollen unter
menschenwürdigen Bedingungen geboren werden und aufwachsen. Es gilt, ihnen ein
Dasein frei von Not, Furcht und Krieg, alle Vorbedingungen gesunder Entwicklung
zu sichern. Wir Frauen fordern Zugang zu allen Tätigkeiten bei gleichem Lohn für
gleiche Leistungen und gleiche Aufstiegsmöglichkeiten.
Wir fordern Gleichberechtigung und wirkliche Demokratie.
Der Internationale Frauentag richtet an alle Frauen der Welt einen Appell zur Einigkeit. Nur wenn wir einig sind, gehört uns die Zukunft.“94
Frauen unterschiedlicher politischer Richtungen hatten in dieser Charta die wichtigsten
Frauenforderungen und zentralen politischen Positionen der Frauenbewegung zusammengefasst. Sie erhoben Anspruch auf gleichberechtigte Mitwirkungsrechte der Frauen
beim Aufbau der neuen Weltgesellschaft und formulierten Standards für ein menschenwürdiges Leben von Frauen und Kindern.
Adele Schreiber 95, die ehemalige Reichstagsabgeordnete der SPD und seit 1939 Emigrantin in England, berichtete über diese Veranstaltung und über den Inhalt der International Womans Charter in der Exil-Zeitschrift Freies Deutschland. Sie unterstützte die Forderungen der Charta und betonte, dass die Verbundenheit der Frauen „in dieser chaotischen
Zeit ein Licht der Hoffnung“ sei. Zugleich sah sie Hindernisse, die einem gemeinsamen
210
Deutsche Muttertage versus Internationale Frauentage
Handeln entgegenstanden: Es müssten gegenüber den deutschen Frauen eindeutige Grenzen gezogen werden. „Nur solche, die ehrlich gewillt sind, den demokratischen Idealen zu
dienen und deren Haltung dies erhärtet hat“, seien willkommen zur gemeinsamen Nachkriegsarbeit, „in Deutschland Faschismus und Militarismus auszurotten“.
Vor allem war sie skeptisch, ob es gelingen würde, Uneinigkeit und Zersplitterung unter
den deutschen Gegnern des NS-Regimes zu überwinden. Nach ihren Erfahrungen in der
Emigration bestanden immer noch „alte Spaltungen in kleine und kleinste Gruppen.“ Viele
Deutsche wollten außerdem nicht wahrhaben, „daß inzwischen eine Welt zusammenbrach
und eine neue erstehen muß, daß die Zeiten gegenseitiger Bekämpfung, säuberlicher Teilung und Unterteilung, ordentliche Einreihung in nett etikettierten Kästchen vorbei sein
müssen. […] Deutsche Einheitsfront würde bei den Gastländern Achtung erwerben und
die Anerkennung deutscher Mitarbeit fördern. Vielleicht können die Frauen hier Brücken
bauen.“
Diese „Einheitsfront der Frauen“, die Adele Schreiber erhoffte und gemeinsam mit vielen anderen Frauen forderte, kam nicht zustande. Im Gegenteil vertieften sich in den Zeiten des Kalten Krieges die Gräben zwischen den Frauen der Arbeiterbewegung.
Zwischenbilanz
Im NS-Regime gehörte der Internationale Frauentag zu den verbotenen und verfolgten
politischen Konzepten der ArbeiterInnenbewegung. Dafür boten die Nationalsozialisten
den deutschen Müttern den Muttertag. Überall in Deutschland fanden am zweiten Sonntag im Mai Muttertagsfeiern zur „Ehrung der deutschen Mutter“ statt. Diese staatlich organisierte Feierstunde war der Höhepunkt eines quasi-religiösen Kultes, der darauf ausgerichtet war, die arische und erbgesunde Frau, die ihre Lebensaufgabe in Mutterschaft
und Mutterrolle sehen sollte, als „heilige Hüterin der deutschen Rasse und des deutschen
Blutes“ zu feiern. Ein Ziel der „Mütterehrungsfeiern“ war die Steigerung der Geburtenrate
bei deutschen Frauen. Gleichzeitig war der Muttertag ein Propagandainstrument, um die
faschistische Ideologie der Widerherstellung und Reinerhaltung der deutschen Rasse im
Bewusstsein der Frauen zu verankern.
Die Feiern waren Ausdruck der Integration der Mehrheit der deutschen Frauen in das
politische System des „Dritten Reichs“. Besonders durch die Verleihung eines nur den Müttern gewidmeten Ordens sahen sich deutsche Mütter anerkannt und bestätigt.
Mit diesen Ehrungen der deutschen Mutter war untrennbar die rassenbiologische Aussonderung und Vernichtung „erbuntüchtiger“ und jüdischer Mütter verbunden. Auch deutsche Mütter, die sich nicht der NS-Ideologie unterwarfen, erwartete Verfolgung, Zuchthaus
und Konzentrationslager.
Der Internationale Frauentag konnte als Projekt der ArbeiterInnenbewegung nur im
Untergrund, in der Illegalität und außerhalb des Zugriffs der Nationalsozialisten weiter
existieren. In den Berichten über die Widerstandsarbeit der Sozialdemokratinnen und
Kommunistinnen in Bremen fanden sich keine Hinweise auf Zusammenkünfte zum Frauentag. Die sozialdemokratische Frauengruppe organisierte ein Fest zur Sonnenwendfeier,
ein unverfängliches, weil auch bei den Nazis beliebtes Fest. Davon abgesehen war bei der
SPD das Datum für die Frauentagsveranstaltungen bisher jährlich vom Vorstand neu festgelegt worden. Da es nach dem Parteiverbot also keine Instanz mehr gab, die sich um diese
Frage gekümmert hätte, gab es auch kein Anlass gebendes Datum mehr.
1933–1945
211
Die KPD dagegen orientierte sich klar am 8. März. Doch in der illegalen Arbeit bestimmten Männer die politischen Schwerpunkte. Es fehlte an Führungsfrauen, die sich
dafür einsetzten, den Frauentag als Agitationsinstrument in der Widerstandsarbeit zu nutzen. Dem Internationalen Frauentag wurde im Widerstand der Bremer KommunistInnen
keine weitere Beachtung geschenkt.
Über Aktionen und Treffen zum Frauentag berichteten dagegen Frauen aus dem KZRavensbrück und aus einem Zuchthaus. Es ist wahrscheinlich, dass gerade unter den Häftlingen, die viele Jahre eingekerkert waren, weitere solcher Begegnungen stattfanden. Die
Frauen wurden leider nie gezielt danach befragt. Aus den vorliegenden Berichten ist zu
sehen, dass die kleinen illegalen Zusammenkünfte, das rote Stück Stoff, der kurze Austausch über frühere Frauentage das Selbstvertrauen der Frauen und den Zusammenhalt
der Gruppe stärkten. So hatten auch die Zwangsarbeiterinnen in Bremen in einem selbstbestimmten demonstrativen Akt einen eigenen Gruppenzusammenhalt geschaffen und
ihren Überlebenswillen bewiesen.
In den Ländern, die nicht durch deutsche Truppen besetzt waren, hatten die sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien die Tradition der Frauentage fortgesetzt.
Die Emigrantinnen, die in diesen Ländern Asyl gefunden hatten, schlossen sich den Aktionen an. Mit Fortschreiten des Weltkrieges wurde der Internationale Frauentag zum Forum,
in dem die verfolgten und emigrierten Frauen ihre Stimme erhoben, um die Weltöffentlichkeit auf die Verbrechen der deutschen Armee und der Nazis hinzuweisen. Sie formulierten
Aufrufe an die deutschen Frauen, die manchmal über illegale Kuriere über den Rundfunk
nach Deutschland gelangten. Sie organisierten internationale Netzwerke zwischen den
Emigrantinnen zur gegenseitigen Unterstützung im Exil, aber vor allem mit der Perspektive für die internationale Arbeit nach dem Krieg.
Zum Frauentag 1945 hatte ein Bündnis von Frauen eine Frauencharta formuliert. Sie
erhoben auf der Kundgebung in London ihre Forderungen nach der Teilhabe der Frauen an der politischen und wirtschaftlichen Macht und der gleichberechtigten Teilnahme
bei der Neugestaltung der Welt nach Beendigung des Weltkrieges. Die Verfasserinnen
betonten dabei ausdrücklich, dass nur eine geeinte Frauenbewegung diese Ziele würde
durchsetzen können. Diese Einigkeit war in kleinen Gruppen, manchmal in den Lagern
und Zuchthäusern unter dem Druck der Verfolgung und des Terrors durch die Nazis zustande gekommen. Doch die Trennungslinien zwischen den Organisationen waren nicht
überwunden. Die Frauen der Arbeiterbewegung gingen nach dem Krieg zurück in ihre
Parteien und Gewerkschaften und folgten der jeweiligen Parteilinie. Diese Entwicklung
und die während des Kalten Krieges wachsende Feindschaft zwischen den Frauen, die sich
in den Aktionen und Versammlungen der Internationalen Frauentage spiegelte, werden im
nächsten Kapitel geschildert.
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Deutsche Muttertage versus Internationale Frauentage
Anmerkungen
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Die Verordnung diente „zur Abwehr kommunistischer Gewaltakte“. Beschränkungen der persönlichen Freiheit, des Rechts der freien Meinungsäußerung, einschließlich der Pressefreiheit,
des Vereins- und Versammlungsrechts, Eingriffe in das Brief-, Post-, Telegraphen- und Fernsprechgeheimnis, Anordnungen von Hausdurchsuchungen und von Beschlagnahme sowie Beschränkungen des Eigentums auch außerhalb der sonst hierfür bestimmten gesetzlichen Grenzen wurden für legal erklärt (§1). Diese „Reichstagsbrandverordnung“ schuf die Grundlage für
Verhaftungen von KPD-Kandidaten zur bevorstehenden Reichstagswahl. Vor allem legitimierte
sie alle Übergriffe gegen Personen und Vereinigungen, die der Umgestaltung Deutschlands im
nationalsozialistischen Sinne wirklich oder angeblich im Wege standen. Der zweite Teil der
Verordnung gab dem Reich das Recht, in die Regierung der Länder einzugreifen. Sie bildete die
Grundlage für die Gleichschaltung und Zentralisierung des staatlichen Gefüges des Deutschen
Reiches. Verordnung, zit. in: documentArchiv.de [Hrsg.], URL: http//www.documentArchiv.de/
ns/rtbrand.html, Stand 14. März 2010.
Vgl. Marßolek/Ott, 1986, 110.
Zit. in: Hannover-Drück, 1991, 16.
Bremer Nachrichten vom 14. November 1933.
Rosenberg, 1941, 511.
Die Nationalsozialistische Frauenschaft (NSF) war die weibliche Sektion der NSDAP. Ihre
Vorsitzende, Gertrud Scholtz-Klink (1902-1999), die „Reichsfrauenführerin“, war zugleich Leiterin des Deutschen-Frauen-Werks (DFW), dem mehr oder weniger freiwilligen Zusammenschluss aller deutschen Frauenverbände. Darüber hinaus leitete sie den Reichsfrauenbund des
Deutschen Roten Kreuzes und ihr unterstand das neu gegründete Frauenamt der Deutschen
Arbeitsfront (DAF). So hatten die Nationalsozialisten den größten Frauenzusammenschluss,
den es je in Deutschland gegeben hatte, hergestellt. Gertrud Scholtz-Klink erklärte 1941, dass
immerhin von den ca. 30 Millionen Frauen über 18 Jahren ca. sechs Millionen Frauen, d.h. jede
fünfte Frau, in der NS-Frauenschaft oder im NS-Frauenwerk organisiert sei. Vgl. Benz, 1993,
12–15.
Adolf Hitler vor der Frauenversammlung des Parteitages 1934. Zit. in: Kübler u.a. 1980, 92.
Gertrud Scholtz-Klink im Jahr 1942, zit. in: Benz, 1993, 14.
Vgl. Benz, 1993, 19.
Zu diesem Thema liegen in der Zwischenzeit zahlreiche Studien vor. Für den vorliegenden Beitrag lieferten die folgenden Arbeiten wichtige Hinweise und Informationen: Angelika Ebbinghaus (Hrsg.), 1987, Opfer und Täterinnen, Frauenbiographien des Nationalsozialismus; Claudia
Koonz, 1991, Mütter im Vaterland; Leonie Wagner, 1996, Nationalsozialistische Frauenansichten.
Völkischer Beobachter vom 13. Mai 1933.
Im Kapitel 5, Abschnitt „Internationaler Frauentag versus Muttertag 1930“ wurde die Auseinandersetzung der Sozialdemokratinnen mit dem Muttertag dargestellt.
Aus der Denkschrift zum Muttertag 1927, zit. in: Weyrather, 1993, 22.
Weyrather, 1993, 28.
Vgl. Weyrather, 1993, 32.
BNZ vom 14. Mai 1933.
Schreiben der Reichspropagandastelle Weser-Ems, zit. in: Schunter-Kleemann, 1991, 127.
Vgl. Weyrather, 1993, 49.
Vgl. Weyrather, 1993, 38.
Vgl. Hausen, 1982, 276; Die Zitate stammen aus den Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft für
Volkgesundung. Zit. in: Weyrather, 1993, 38-39.
Vgl. Weyrather 1993, 39.
Die Bremer Nationalsozialistische Zeitung (BNZ) hieß seit dem 1. November 1933 Bremer Zeitung (Bremer Zeitung). Vgl. Schwarzwälder, 1985, Bd. 4, 196.
Bremer Zeitung vom 12. Mai 1935.
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Bremer Zeitung vom 12. Mai 1935.
So der NS-Ausdruck für die Veranstaltungen. Vgl. Weyrather, 1993, 9.
Bremer Zeitung vom 16. Mai 1938.
Vgl. Klee, 1993, 76ff.
Baader, 1991, 15–26.
Vgl. Bremer Zeitung vom 10. Mai 1938.
Vgl. Wagner, 1996, 84–85.
Bremer-Lehrer-Zeitung (BLZ) Juni/Juli 1988.
Bremer-Lehrerzeitung (BLZ) Juni/Juli 1988.
Reichsgesetzblatt vom 24. Dezember 1938, zit. in: Weyrather, 1993, 55.
Bremer Zeitung vom 14. Mai 1939.
So die Formulierung des Stabsleiters Martin Bormann in seiner Anordnung an die Parteifunktionäre vom 15. Dezember 1939, zit. in Weyrather, 1993, 66/67.
Vgl. Bremer Zeitung vom 14. Mai 1939.
Irmgard Weyrather hat in ihrem Buch „Muttertag und Mutterkreuz“ das Auswahlverfahren
ausführlich geschildert. Vgl. dazu das Kapitel „Das Ehrenkreuz der Deutschen Mutter“, Ausleseverfahren und bürokratische Erfassung, in: Weyrather, 1993, 55–84.
Mit diesen Worten wurde der Reichsärzteführer Wagner in einer bevölkerungspolitischen
Schrift der NSDAP von 1940 zitiert. In: Weyrather, 1993, 152.
Vgl. Weyrather, 1993, 152ff.
Die Bremer Zeitung berichtete am 14. Mai 1939, dass 5½ Millionen Mutterkreuze „für alle in
Betracht kommenden Mütter“ hergestellt würden.
Bremer Zeitung vom 14. Mai 1939.
Bremer Zeitung vom 17. Mai 1939.
Bremer Zeitung vom 17. Mai 1939.
Bremer Zeitung vom 18. Mai 1940.
Vgl. Wagner, 1996, 144–146.
Vgl. Bock, 1986, 143ff.
Bremer Zeitung vom 22. Mai 1944.
Bremer Zeitung vom 22. Mai 1944.
Bremer Zeitung vom 21. Mai 1944.
Der folgende Bericht über Verfolgung und Widerstand der sozialdemokratischen und kommunistischen Frauen in Bremen basiert auf der Auswertung der Untersuchung von Inge Marßolek
und René Ott „Bremen im 3. Reich“, insbesondere auf den Kapiteln V, VI und X.
Schwarzwälder, 1985, Bd. 4, 95.
Über die Frauen, von deren Widerstandsarbeit hier berichtet wird, gab es keine weiteren Informationen. Die Untersuchung von Inge Marßolek und René Ott, auf die sich mein Bericht stützt,
konzentrierte sich ganz auf die Rekonstruktion des Widerstandes. Die Widerstandsarbeit wurde aus Anklageschriften und Prozessakten erschlossen. So wird in der Studie zwar über die
Verhaftung einzelner Frauen berichtet, über die Urteile und den weiteren politischen Weg aber
nichts mitgeteilt.
Vgl. Marßolek/Ott, 1986, 257–261.
Marßolek/Ott, 1986, 259 und 260.
Marßolek/Ott, 1986, 247.
Marßolek/Ott, 1986, 247.
Vgl. Marßolek/Ott, 1986, 271.
Instrukteure stellten die Verbindung der Parteiführung zu den lokalen Gruppen her, lieferten
wichtige Informationen und leiteten die politische Arbeit an.
Aus dem Lagebericht der Gestapo Bremen „über die illegale kommunistische und marxistische
Bewegung für das Jahr 1937“, zit. in: Marßolek/Ott, 1986, 272.
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Die Gruppe wurde von Hamburg aus von Bernhard Bästlein, Franz Jacob und Robert Abshagen geleitet. Ihre Verbindungen reichten von Hamburg über Bremen, Thüringen und Sachsen
nach Berlin. Die Gruppe hatte Stützpunkte in Hamburger Großbetrieben und Kontakte zu
Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern. Im Herbst 1942 wurde die Gruppe weitgehend zerschlagen. Vgl. Elling, 1978, 62.
Maria Krüger (1907–1987), geborene Fraedrich, geschiedene Bücking, wuchs in einem Bremer Pfarrhaushalt auf. Als Kindergärtnerin im Betriebskindergarten der Jutespinnerei lernte
sie das Elend der Jutearbeiterinnen hautnah kennen. Durch ihren ersten Ehemann kam sie
Ende der 1920er Jahre in Kontakt zur Kommunistischen Partei, 1931 wurde sie Mitglied derselben. Ihr Ehemann wurde 1933 verhaftet und ihr wurde durch die Gestapo der Zutritt zum
Arbeitsplatz verweigert, sodass sie Putzstellen annehmen musste. Zu diesem Zeitpunkt war
Maria Bücking schwanger. Nach der Haftentlassung des Ehemannes baute sie sich mit einer
kleinen Leihbücherei eine neue Existenz auf, mit der sie sich und ihre Kinder nach der erneuten Verhaftung des Ehemannes durchbrachte. 1942 wurde sie wegen Kontakten zu einer
illegalen kommunistischen Organisation zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt. Nach dem Krieg
war sie wieder Mitglied in der KPD und später arbeitete sie im Demokratischen Frauenbund
Deutschlands (DFD). Bis zu ihrer Pensionierung arbeitete sie mit großem Engagement über
27 Jahre als Sonderschullehrerin, und von 1951 bis 1959 war sie Mitglied in der Bremischen
Bürgerschaft. 1968 gehörte sie zu den MitgründerInnen der DKP. Noch wenige Monate vor
ihrem Tod berichtete sie in der Volkshochschulreihe „Zeitzeugen der 50er Jahre“ über ihre Erfahrungen in der politischen Arbeit. Vgl. Susanne Schunter-Kleemann, 1991, Maria Krüger, in:
Cyrus, (Hrsg.). Bremer Frauen, 334–338.
Aus dem Interview mit Maria Krüger 1983, zit. in: Marßolek/Ott, 1986, 376.
Maria Krüger hat für das Buch von Hanna Elling, „Frauen im deutschen Widerstand“, einen
persönlichen Erlebnisbericht über die Ereignisse 1942, ihre Verurteilung und die Haftzeit verfasst. Vgl. Maria Krüger in: Elling, 1978. 113–117.
Vgl. Achten, 1979, 264.
Vgl. Schwarzwälder, 1985, Bd. 4, 97–99.
Gestapobericht zur Lage Mitte Juli 1933, zit. in: Marßolek/Ott, 1986, 217.
Im Oktober 1934 verfasste der Vorstand der illegalen Bremer SPD einen „Situationsbericht
an Sopade“ (Auslandszentrum der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands). Der Bericht
wurde über Antwerpen an den Exilvorstand in Prag weitergeleitet. Der „Tätigkeitsbericht der
Bremer Genossinnen über ihre illegale Organisationsarbeit“, den Anna Stiegler verfasste, war
Teil des Situationsberichtes und bildet die Grundlage der folgenden Schilderungen. FES/AdsD,
SOPADE 116.
Alle Zitate in diesem Abschnitt sind dem Bericht Anna Stieglers entnommen. FES/AdsD, SOPADE 116.
Die Anklageschrift zitierte Renate Meyer-Braun in ihrem Portrait von Anna Stiegler. Vgl. MeyerBraun, 1991, Anna Stiegler, 245.
Zu Anna Stieglers 80. Geburtstag veröffentlichte die BBremer Zeitung am 22. April 1961 ihren
autobiographischen Bericht „Aus meinem Leben“.
Der Malik Verlag war in der Weimarer Republik das führende Editionshaus für links gerichtete
Literatur. 1933 wurden der Verlag, seine Mitarbeiter und viele seiner Autoren aus Deutschland
vertrieben. Der Verlag wurde bis zum Einmarsch der deutschen Truppen 1939 in Prag weiterbetrieben. Vgl. Elling, 1978, 43–51.
Elling 1978, 46–47.
Vgl. Schwarz, 1990, 168–169.
Vgl. Herzog/Strebel, 1994, 13.
Vgl. Elling, 1978, 41.
Die Farben der sogenannten „Winkel“ dienten zur Kennzeichnung der Häftlingsgruppe: rot =
Schutzhäftling/politische Gefangene; blau = Ausweisungshäftlinge/Emigranten, Staatenlose;
violett = Bibelforscherinnen/Zeugen Jehovas; grün = Berufsverbrecherinnen/BV-Kriminelle;
schwarz = Asoziale. Vgl. Elling, 1978, 32.
Vgl. Laqueur, 1992, 43ff und Buber-Neumann, 1993, 278–280.
Vgl. Buber-Neumann, 1993, 303–305.
Vgl. Strebel, 1994, 85–86.
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95
215
Vgl. Schmidt, 1950, 57.
Vgl. Scholze, 2001, 74.
Buchmann, 1955, 131.
Herbert, 1986, 164.
Marßolek/Ott, 1986, 413–414.
Marßolek/Ott, 1986, 415.
Vgl. Marßolek/Ott, 1986, 424–425.
Vgl. Marßolek/Ott, 1986, 422–423.
Vgl. Marß0lek/Ott, 1986, 422–423.
Alle Zitate dieses Abschnitts stammen aus dem Artikel in der Tribüne der Demokratie vom
1. März 1956.
Albert Oltmanns hat über diese Demonstration der russischen Frauen auch in seinem Interview mit der Forschergruppe zur Studie „Bremen im 3. Reich“ berichtet. Dort allerdings gab er
das Jahr 1944 für die Kopftuchaktion an (vgl. Marßolek/Ott, 1986, 422), während er in diesem
Artikel die Jahreszahl 1943 nennt. Die Differenz ist nicht mehr aufzuklären.
Der Bericht über die Kundgebung konnte erst nach dem Krieg veröffentlicht werden. Die Darstellung in diesem Text erfolgt auf der Basis der Veröffentlichung aus dem Jahr 1946 in: Broschüre der Sozialdemokratischen Frauen Österreichs zum Internationalen Frauentag 1946
(Archiv der Deutschen Frauenbewegung).
Herta Gotthelf (1902–1963) wurde in Breslau geboren und trat bereits mit 18 Jahren in die
SPD ein. Nach Abitur und Banklehre war sie 1925 Volontärin beim Parteivorstand der SPD
in Berlin. Danach arbeitete sie als Sekretärin von Marie Juchacz und ab 1926 als Redakteurin
bei der Frauenzeitschrift Die Gleichheit. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten
emigrierte sie nach Großbritannien. Im Londoner Exil gelang es ihr, noch während des Krieges
Sozialistinnen aus den unterschiedlichsten Ländern zu einer „kleinen Fraueninternationale“
zusammenzuführen. Sie kehrte 1946 nach Deutschland zurück, wo sie das Frauensekretariat
beim Parteivorstand der SPD übernahm. Bis zu ihrem Tod 1963 war sie wieder verantwortliche
Redakteurin der Gleichheit http://www.fes.de/archiv/adsd_neu/inhalt/stichwort/gotthelf.htm
vom 7. Januar 2011.
„Aufruf deutscher Kommunistinnen in Großbritannien, London, 8. März 1943“, abgedruckt in:
Forschungsgemeinschaft, 1975, 134–135.
Auszug aus der Womans Charter 1945, die Adele Schreiber 1945 in ihrem Aufsatz „Einheitsfront der Frauen“ wiedergibt. Zit. in: Hervé, 1979, 152–15.
Adele Schreiber-Krieger (1872–1957) wechselte als Vertreterin des radikalen Flügels der
bürgerlichen Frauenbewegung 1918 zur SPD und damit zur proletarischen Frauenbewegung.
Sie war bis 1933 Reichstagsabgeordnete der SPD, emigrierte dann über die Schweiz nach
England. 1947 kehrte sie in die Schweiz zurück. Vgl. Weiland, 1983, 246–247.
8.
Internationale
Frauentage
in der
Bundesrepublik
Deutschland
1945–1966
218
Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
Das folgende Kapitel, das den Zeitraum von 1945 bis 1966 umfasst, gliedert sich in drei
Abschnitte. Es beginnt mit der Darstellung der Überlebensarbeit der Frauen in der Trümmerstadt Bremen. Ganz Deutschland stand zu diesem Zeitpunkt unter der Kontrolle der
Siegermächte. Die Stadt Bremen war seit dem 27. April 1945 besetzt und unterstand der
US-amerikanischen Militärregierung. In dieser unmittelbaren Nachkriegszeit wurden auch
in der Hansestadt die Frauen zu den wichtigsten Akteurinnen der Organisation des privaten Überlebens: Sie ernährten die Familie, sie beschafften die Unterkünfte, sie betreuten
und erzogen die Kinder.
Neben dem Einsatz für die eigene Familie bauten politisch engagierte Frauen einen
eigenen Zusammenschluss auf, den Bremer Frauenausschuss (BFA), in dem sowohl die
Frauenorganisationen der SPD und der KPD vertreten waren wie auch die wiedererstandenen bürgerlichen Frauenvereinigungen. Die Frauen wollten beim Wiederaufbau eines antifaschistischen Staates mitbestimmen, um „das Haus des Staates wohnlich zu gestalten“.1
Mit dem breiten Bündnis im BFA hatten sich die Frauen eine starke Organisation geschaffen, die in den Aufbaujahren in der Sozial- und Gesundheitspolitik wie in der bildungspolitischen Entwicklung in Bremen ihren Einfluss geltend machen konnte. Die Frauen waren
auch deshalb erfolgreich, weil es ihnen gelang, ihre überparteiliche Zusammenarbeit über
mehrere Jahre hinweg aufrechtzuerhalten.
Der Aufbau der politischen Parteien gestaltete sich anders: Die Sozialdemokraten und
die Kommunisten bauten ihre Parteiorganisationen getrennt voneinander wieder auf. Das
anfängliche Zusammengehen in einem antifaschistischen Bündnis zerbrach im Jahr 1947.
Im Lauf der Geschichte spaltete sich die Welt weiter in zwei Lager und die Polarisierungen
der Ideologien bestimmten die politischen Verhältnisse auch in Bremen.
Als die Bremer Kommunistinnen 1948 wieder zu einer Veranstaltung anlässlich des
Frauentages einluden, herrschte bereits der Kalte Krieg. Die Kommunisten galten als Vorhut der feindlichen Sowjetmacht, mit denen keine gemeinsamen Projekte mehr realisiert
werden durften. So wiesen die SPD-Frauen eine Zusammenarbeit mit der KPD grundsätzlich zurück. Damit wurden die Internationalen Frauentage wieder zu 8.-März-Veranstaltungen der Kommunistinnen und die Kundgebungen der Sozialdemokratinnen zum
Frauentag fanden an wechselnden Terminen nach dem 8. März statt.
Entsprechend gibt es in diesem Kapitel wieder zwei getrennte Berichte über die Entwicklung der Internationalen Frauentage – zuerst die Darstellung der Initiativen der KPD
und ihrer Frauenorganisation, des Demokratischen Frauenbundes Deutschland (DFD),
und darauf folgend die Schilderung der Kundgebungen der Sozialdemokratinnen.
Am 7. März 1948 fand in Bremen die erste Veranstaltung zum Internationalen Frauentag seit der Kundgebung mit Tony Sender im Februar 1933 statt. Die Kommunistinnen
hatten eingeladen. In einem Zeitungsartikel in der Parteizeitung Tribüne der Demokratie
erläuterten sie ihre Forderungen und ihre Ideen zu einer neuen Frauenorganisation.
Die Realisierung dieser Ideen stieß auf erheblichen Widerstand. Einerseits grenzte der
wachsende Antikommunismus die Kommunisten immer mehr aus, andererseits trug aber
auch der Dogmatismus, die ausschließliche Ausrichtung auf das sowjetische Vorbild in der
eigenen Partei dazu bei, mögliche Bündnispartnerinnen und eher unpolitische Frauen
abzuschrecken. Trotzdem hoffte die KPD, mit der Gründung eines Frauenverbandes nach
dem Vorbild der DDR-Frauenorganisation eine neue Perspektive zu gewinnen.
Auch wenn der Demokratische Frauenbund Deutschland (DFD) seine Unabhängigkeit
betonte – seine politischen Initiativen blieben bestimmt von der Politik der KPD. Der DFD
übernahm faktisch die Frauenarbeit der KPD. Er organisierte in den fünfziger Jahren die
Internationalen Frauentage der Partei. Nach dem Verbot der KPD im Jahr 1956 und dem
1945–1966
219
wenige Monate später folgenden Verbot des DFD, gab es keine 8.-März-Aktionen der Kommunistinnen mehr.
Die Sozialdemokratinnen beschritten mit ihren Frauentagen andere Wege: Ein Jahr
nach der ersten Veranstaltung der KPD organisierte die SPD-Frauengruppe einen sozialdemokratischen Internationalen Frauentag. Dabei orientierte sie sich am Konzept, das
sich in der Weimarer Republik bewährt hatte: Die Feierstunde fand in der oberen Rathaushalle statt, die Referentinnen stammten meist aus der politischen Führungsriege der SPD,
und deren Redebeiträge wurden von einem Kulturprogramm umrahmt. In den 1950-Jahren bestimmten die Bedrohung durch die Rüstungspolitik der Siegermächte und die Angst
vor einem atomaren Krieg die Themen. In Wahlkampfzeiten rückten die Auseinandersetzungen der SPD mit der Politik der Adenauer-Regierung in den Mittelpunkt.
Zeitgleich entwickelte das zentrale Frauenbüro für überregionale Frauentagsveranstaltungen ein neues Kundgebungskonzept. An der westlichen Grenze der Bundesrepublik
wurden mit den befreundeten Frauenorganisationen der Anrainerstaaten Grenztreffen
durchgeführt. Die internationale Bedeutung des Frauentages wurde so für viele Frauen
konkret erfahrbar. Dagegen waren die Kundgebungen an der östlichen „Zonen“-Grenze
antikommunistische Protestveranstaltungen, in deren Verlauf Grußadressen an die Frauen der DDR gerichtet wurden.
Dieser Antikommunismus begleitete auch die Internationalen Frauentage in Bremen.
Bis zum Verbot der KPD und des DFD veröffentlichte die Frauengruppe der SPD nahezu
jährlich politische Erklärungen, die sich gegen die Veranstaltungen der KPD und des DFD
richteten.
Mit der Wandlung der SPD zur Volkspartei verlor der Internationale Frauentag als Tradition der Arbeiterbewegung immer mehr an Bedeutung. In den Jahren von 1960 bis 1966
fanden in Bremen zwar noch Veranstaltungen dazu statt, doch nach dem Ausscheiden der
entsprechenden Frauen aus der Leitungsebene fehlten die antreibenden Akteurinnen, und
der Frauentag verschwand – offensichtlich unbemerkt.
220
Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
Die Reorganisation der politischen
Strukturen in Bremen nach 1945
Der Zweite Weltkrieg und mit ihm die Diktatur der Nationalsozialisten endete für Bremen
am 27. April 1945 mit der Besetzung durch britische und kanadische Truppen. Den einrückenden Soldaten bot sich der Anblick einer Ruinenlandschaft:
Bremen gehörte infolge der schweren Luftangriffe zu den vier Städten mit den stärksten
Kriegszerstörungen.2
Zwei Tage nach der Besetzung durch die Briten übernahm die amerikanische Militärregierung die Kontrolle über Bremen. Die US-amerikanische Regierung hatte sich bereits
im Herbst 1944 darauf festgelegt, den Nachschub für ihre in Deutschland stationierten
Truppen über die bremischen Häfen abzuwickeln und vereinbarte mit der Britischen Regierung, dass Bremen und seine Häfen eine amerikanische Enklave im Britischen Besatzungsgebiet bilden sollten. Nachdem die amerikanische Militärregierung die politische
Kontrolle im Bereich Bremen übernommen hatte, begann sie mit dem Wiederaufbau einer
deutschen Zivilverwaltung und ernannte Anfang Juni 1945 den ersten bremischen Nachkriegssenat.3
Dazu meldete sich eine Gruppe aktiver AntifaschistInnen zu Wort. Die Frauen und
Männer aus dem Widerstand wollten an den politischen Entscheidungen über die Umgestaltung und den Wiederaufbau Bremens beteiligt werden. Die Kampfgemeinschaft gegen
den Faschismus (KGF) hatte sich noch während des Krieges mit dem erklärten Ziel gegründet, die bestehenden Differenzen zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten zu
überwinden, um in der Arbeiterbewegung mit einer Einheitspartei und einer Einheitsgewerkschaft einen neuen Anfang zu machen.
1945–1966
221
Die KGF hatte im Verlauf des Monats September 1944 ein Aktionsprogramm formuliert, das in einer überarbeiteten Fassung am 6. Mai 1945, in der ersten Ausgabe des KGFOrgans Der Aufbau veröffentlicht wurde. Die zentralen Forderungen waren: die Auflösung
aller nationalsozialistischen Organisationen, die Entfernung der Nationalsozialisten aus
den Ämtern, deren Besetzung mit Antifaschisten und die Wiederherstellung der Grundrechte. Außerdem sollten Maßnahmen zur Erneuerung der Infrastruktur sowie zur Wohnraum- und Nahrungsmittelbeschaffung ergriffen werden. Zur wirtschaftlichen Neuordnung
wurde eine umfassende Demokratisierung der betrieblichen Strukturen unter Beteiligung
der Arbeiter und Angestellten vorgeschlagen. Vor allem sollte das Bildungswesen von
Grund auf demokratisiert werden.4 Damit war die KGF die erste politische Gruppierung,
die sich den BremerInnen mit einem politischen Programm zur Umgestaltung und zum
Aufbau Bremens präsentierte.
Dieses Engagement linker Kräfte wurde von der amerikanischen Militäradministration
respektiert, auch wenn ihr die „starke sozialistische Ausrichtung“ nicht behagte.5 So umfasste der im Juni 1945 von der Militärregierung eingesetzte Senat zwar mehrheitlich Männer, die bereits während der Weimarer Republik in führenden politischen Positionen tätig
gewesen waren6, doch die Amerikaner hatten auch zwei führende Repräsentanten der
KGF in den Senat berufen.
Während die KGF-AkteurInnen überall dafür warben, einheitliche Organisationen der
Arbeiterbewegung zu schaffen, begannen auch in Bremen Kommunisten und Sozialdemokraten mit dem Wiederaufbau ihrer jeweiligen Organisationen. Am 20. Oktober 1945 wurden beide Parteien von den Besatzungsbehörden wieder zugelassen. Die Parteiführungen
hatten entschieden, dass es in den westlichen Besatzungszonen zwei Arbeiterparteien
geben würde, zumal der spätere SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher kategorisch ein Zusammengehen mit der KPD ausschloss. Als dann in der sowjetischen Besatzungszone der
Druck auf die Sozialdemokraten zunahm, sich mit den Kommunisten zur Sozialistischen
Einheitspartei (SED) zu vereinigen, schwand auch an der Parteibasis der SPD in Bremen
das Engagement für eine Vereinigung mit den Kommunisten.7 Angesichts dieser Situation
beschlossen die Mitglieder der KGF im Dezember 1945 die Selbstauflösung. Die Gruppe
musste eingestehen, dass ihr Projekt, die Spaltungen der Arbeiterbewegung zu überwinden, gescheitert war.
Mit den Parteigründungen und deren Zulassung durch die Militärregierung war die
Grundlage zur Konstituierung der Bremer Bürgerschaft geschaffen worden. Am 13. Oktober fanden Wahlen zur Bürgerschaft statt und das erste gewählte Nachkriegsparlament
konnte seine Arbeit aufnehmen.
Unter den achtzig gewählten VolksvertrerInnen befanden sich acht Frauen: sechs von
der SPD, eine von der KPD und eine Abgeordnete der Bremer Demokratischen Volkspartei (BDV). Mit einem Frauenanteil von zehn Prozent waren die Frauen als Mehrheit der
damaligen Bevölkerung im entscheidenden politischen Gremium damit jedoch in keiner
Weise angemessen vertreten.8 Doch angesichts drückender Alltagssorgen akzeptierten die
Frauen die Vormachtstellung der Männer. Die politisch aktiven Frauen sahen den Fortschritt, dass nach der Nazizeit überhaupt wieder Frauen im Parlament vertreten waren.
Außerdem gab es in Bremen eine bedeutsame Neuerung: Bürgermeister Kaisen hatte mit
der Kommunistin Käthe Popall eine Frau zum Senator ernannt – zum ersten Mal in der
Geschichte des Bremer Senats war eine Frau Regierungsmitglied.
Doch insgesamt war das Interesse der Frauen, sich an der politischen Arbeit zu beteiligen, nicht sehr groß. Trotz wiederholter Appelle und Aufrufe über die Presse und den
Rundfunk blieben politisch aktive Frauen, die sich in den Parteien, Gewerkschaften oder
222
Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
im Bremer Frauenausschuss engagierten, eine Minderheit – die Mehrheit der Frauen war
damit beschäftigt, das tägliche Überleben für sich und ihre Familie zu sichern.9
Die Überlebensarbeit der Frauen
Eine Zeitzeugin erinnerte sich noch vierzig Jahre später an den Moment, als die Kriegshandlungen aufhörten und die Menschen aus den überfüllten Luftschutzbunkern herauskamen: „Als dann langsam der Krach abflaute, haben wir uns so wie Mäuse aus einem
Mäuseloch heraus gewagt und haben uns am Bunker in die Sonne gesetzt. Wir haben die
Sonne richtig genossen und die Ruhe nach dem Sturm. Es war ein wundervoller sonniger
Tag.“10
Doch für die Frauen gab es nur eine kurze Atempause. Denn das Leben musste auch
im zerstörten und besetzten Bremen weitergehen und in den Händen der Frauen lag die
Verantwortung für die Organisierung des täglichen Überlebenskampfes.
Durch die Bombardierungen waren in Bremen 42 Prozent des Häuserbestands von
1939 dem Erdboden gleichgemacht worden. Dabei hatten die Bomben vor allem die Arbeiterviertel, die in der Nähe des Hafens und der Industriestandorte lagen, völlig zerstört.
Weit über 30.000 Personen, vor allem aus Arbeiterfamilien, hausten in völlig ungesunden
Kellerräumen, zwischen Ruinen oder „in Parzellen und Landbuden“.11
Neben dem Bemühen, für die Familie ein Dach über dem Kopf zu besorgen, gehörte die
Versorgung mit Essen zu den vordringlichsten Aufgaben der Frauen. Stundenlang standen
sie für die rationierten Lebensmittel an, oft vor oder nach ihrer Erwerbsarbeit, gingen auf
Hamsterfahrten und beackerten ihre Parzellen.
Arbeiterfamilien waren in weit größerem Umfang von den Kriegsfolgen betroffen als
das Bremer Bürgertum: Zum einen waren die Bürgerviertel kaum zerbombt worden und
zum anderen verfügten diese Familien meist noch über Wertgegenstände, die auf dem
Schwarzmarkt oder bei den Bauern gegen Lebensmittel eingetauscht werden konnten.
Wer aus Arbeitsverdienst oder Vermögen zusätzliche Mittel zur Verfügung hatte, konnte es
sich leisten, die überhöhten Preise auf dem Schwarzmarkt zu bezahlen. Über solche Reserven verfügten die Arbeiterfamilien nicht, sodass Unterernährung und Mangelkrankheiten
weit verbreitet waren.12 Die unterschiedlichen Lebensbedingungen von Arbeiterfrauen und
Frauen des Bürgertums waren in der Nachkriegszeit weiter eklatant.
Die politischen Frauenorganisationen
Bremens der Nachkriegszeit
Der Frauenclub 1945
Als nach dem Ende der Kampfhandlungen der Wiederaufbau der Arbeiterorganisationen
begann, waren daran auch die engagierten Frauen aus den Organisationen der Arbeiterbewegung vor 1933 beteiligt. Sie organisierten zugleich eigene Zusammenschlüsse, um andere Frauen anzusprechen und sie für die Aufbauarbeit zu gewinnen. So entstand innerhalb der Kampfgemeinschaft gegen den Faschismus der „Frauenclub 1945“. Im Juli 1945
1945–1966
223
veröffentlichte die KGF-Zeitung Der Aufbau einen Appell des Frauenclubs an die Frauen,
sich am Aufbau einer antifaschistischen neuen Ordnung zu beteiligen.
Wie die konkrete Arbeit des Clubs aussah, darüber fehlen Informationen. Die Bereiche,
in denen er Mitspracherechte für Frauen forderte und in denen er selbst aktiv werden
wollte, waren das Erziehungs- und Bildungswesen, die Einrichtung von Mütterberatungsstellen und Kindertagesheimen, aber auch die Wohnraumvergabe sowie die Kontrolle und
Überwachung von lebensnotwendigen Gütern.13 Der Frauenclub 1945 bestand nur wenige
Monate. Er verschwand mit dem Ende der KGF, die sich – wie bereits dargestellt – im Dezember 1945 auflöste.14
Der Bremer Frauenausschuss (BFA)
Wie in vielen anderen deutschen Großstädten bildete sich zu Beginn des Jahres 1946 auch
in Bremen ein Frauenausschuss. Die Initiative zur Gründung des BFA ging von Irmgard
Enderle15 aus, die – aus dem Exil nach Deutschland zurückgekehrt – in der Redaktion des
im September 1945 neu gegründeten Weser-Kuriers die Verantwortung für die Frauenseite übernahm. Zu den weiteren Mitgründerinnen gehörten die Sozialdemokratin Anna
Stiegler, die Liberale Agnes Heineken16, die Kommunistin Käthe Popall17 und die aus der
Ottilie-Hoffmann-Bewegung18 kommende Anna-Klara Fischer19. Diese fünf Frauen hatten
als geschäftsführender Vorstand den Aufruf an die Bremer Frauen unterzeichnet, der am
16. März 1946 im Weser-Kurier veröffentlicht wurde. Mit eindringlichen Worten wurde an
die Bremerinnen appellierten, ihre resignative apolitische Haltung aufzugeben und sich
gemeinsam mit anderen Frauen daran zu machen, „das Haus des Staates wohnlich zu
gestalten“20.
Der Frauenausschuss wollte mit seinen Aktivitäten die Aufbauarbeit der Männer unterstützen und gemeinsam mit ihnen ein demokratisches Gemeinwesen errichten. Der BFA
sah seine wichtige Aufgabe darin, Frauen aus allen Schichten und parteiübergreifend für
die Mitarbeit an diesem Projekt zu gewinnen. Es war das erste Aufgabengebiet des Ausschusses, „helfend, beratend, aufrüttelnd und mobilisierend“ unter den Bremer Frauen zu
wirken, um eine Gesellschaft zu schaffen, „die frei von militaristischer und nationalsozialistischer Anschauung ist“21.
Besonders betont wurde die Erziehung der Jugend zum Frieden. Gefordert wurden
außerdem die Gleichberechtigung der Frau in allen Bereichen und gleiche Chancen für
Frauen im Berufsleben, Beteiligung von Frauen in Verwaltung und Politik, insbesondere in
Fragen von Hauswirtschaft, Erziehung und Wohnungsbau. Aber die Forderungen bezogen
sich ebenso auf aktuelle Probleme wie die Einführung der Schulspeisung, Bekämpfung
des Schwarzhandels, gerechte Lebensmittelverteilung und die Einrichtung eines Heims für
Wohnungslose. Diese aufgestellten Forderungen bildeten auch in den folgenden Jahren die
Richtschnur für die Aktivitäten des BFA.
Der Ausschuss hielt Beratungsstunden für Bürgerinnen ab und griff mit Petitionen und
Eingaben in den politischen Entscheidungsprozess ein, um sich Gehör zu verschaffen.22
„Er entwickelte sich zu einer Organisation mit politischem Gewicht.“23 Die erfolgreiche
Arbeit war auch darin begründet, dass es den Frauen gelang, die überparteiliche Zusammenarbeit über Jahre hinweg aufrechtzuerhalten. Die allgemeine Notlage zwang die Frauen dazu, zusammenzustehen, wenn sie etwas erreichen wollten. Außerdem behandelte der
Frauenausschuss in erster Linie soziale Probleme und praktische Fragen, in denen die
224
Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
gemeinsamen und überparteilichen Interessen im Vordergrund standen. Und es gab wohl
die stillschweigende Übereinkunft, strittige Themen aus dem Frauenausschuss herauszuhalten.24
Allerdings zerbrach diese Zusammenarbeit dann unter dem Druck des Kalten Krieges
und dem sich ausbreitenden Antikommunismus. Der Frauenausschuss, der immer seine
parteipolitische Neutralität gewahrt hatte, grenzte sich nun gegenüber Kommunistinnen
ab. Käthe Popall (KPD), eines der Gründungsmitglieder des BFA, wurde 1951 nicht wieder
in den Vorstand gewählt. Zur Versammlung des BFA für die Erstwählerinnen anlässlich der
Bundestagswahl 1953 wurde die Kandidatin der KPD nicht eingeladen. Der Antikommunismus bestimmte also auch hier die politischen Beziehungen.
1945–1966
225
Die KPD in der Nachkriegszeit
und in den Zeiten des Kalten Krieges
Der organisatorische Aufbau der Partei
nach der Legalisierung
Nach der Zulassung der KPD durch die amerikanische Militäradministration im Oktober
1945 wurden die bereits etablierten Parteistrukturen weiter ausgebaut. In den ersten Jahren bis zur Währungsreform stiegen die Mitgliederzahlen schnell an. Ende 1946 verzeichnete die Partei bereits 2.700 Mitglieder, bis 1948 stieg die Mitgliederzahl auf rund 3.000.25
Zunächst hatten sich die Genossen und Genossinnen wieder zusammengeschlossen, die
bereits vor 1933 Mitglied in der Partei gewesen waren. Sie bildeten den Kern der Aktivisten, die wesentlich die politische Arbeit in den Betrieben und Wohngebietsgruppen leisteten. Aus dieser Gruppe rekrutierte die Partei ihre Führungskader. Sehr bald wurde ein
Defizit aus der Zeit vor 1933 wieder sichtbar. „Frauen sind noch wenige vertreten“, stellte
die Bezirksleitung Weser-Ems in ihrem Bericht vom 21. Februar 1946 fest.26 Trotz wiederholter interner Kritik, trotz Parteitagsbeschlüssen kam der Frauenanteil der Partei – und
das galt auch für Bremen – über 20 Prozent nicht hinaus.27
Wichtig für die Weiterentwicklung der Partei wurde die Gewinnung junger Mitglieder unter dreißig Jahren. Das waren einerseits die jungen ehemaligen Wehrmachtsangehörigen, die zum Teil von den Antifaschistischen Frontschulen28 in den sowjetischen
Kriegsgefangenenlagern geprägt waren. Ein anderer Teil stammte aus kommunistischen
Familien, die jetzt erst mit ihren Kindern über ihre politischen Erfahrungen und ihre
Parteizugehörigkeit reden konnten. Darunter waren auch junge Frauen wie Margot Konetzka, die erst nach dem Krieg erfuhr, dass ihr verstorbener Vater Mitglied der KPD
gewesen war. Ihre Schwester und ihr Schwager hatten sich gleich nach Kriegsende in der
KPD engagiert. Bei ihnen fand die Siebzehnjährige nach dem Tod der Mutter 1946 Aufnahme. Über ihren Eintritt in die KPD berichtete sie: „Ja, und da bin ich mitgegangen in
die Versammlung und dann in die Partei eingetreten, und von da an bin ich mein ganzes
Leben aktiv gewesen.“29 Es gehörte zur Tradition der Arbeiterbewegung, dass sich in den
kommunistischen oder sozialdemokratischen Familien auch die Kinder wieder in der
Partei der Eltern organisierten. Nach den Jahren des Faschismus wurde diese Tradition
in vielen Familien fortgesetzt.
Außerdem bekam die KPD Zulauf „aus ehemals partei- und milieufremden Schichten“. 30 Es gab einige, die hofften, dass die Mitgliedschaft in der KPD für die weitere
Karriere nützlich sein könnte. Die KPD in Bremen verfügte wenige Monate nach der
totalen Kapitulation bereits über eine solide Mitgliederbasis und eine funktionsfähige
Organisationsstruktur.
„Ziel und Weg der KPD“ – Aufruf der Partei am
20. Oktober 1945: Programmatik und Frauenpolitik
Am 10. Oktober 1945 veröffentlichte der Weser-Kurier einen Aufruf der KPD „zu den politischen Gegenwarts- und Zukunftsfragen.“31 Die KPD verstand sich als antifaschistische
226
Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
Partei, die sich am Wiederausbau eines demokratischen Deutschlands beteiligen wollte.
Das machte sie auch in dem Vierzehn-Punkte-Programm ihres Aufrufs deutlich, das „erste
und dringendste Aufgaben zum Aufbau unseres Landes“ benannte, wozu besonders die
Bewältigung der Ernährungskrise, die gerechte Verteilung der Lebensmittel, die Schaffung
von Wohnraum, die Organisation von Aufräumungsarbeiten und die Entschädigung für
Kriegsopfer gehörten. Einen hohen Stellenwert wurde der Demokratisierung des Erziehungswesen beigemessen sowie der Entfernung der aktiven Nationalsozialisten aus Verwaltung und Wirtschaft und die Überführung lebenswichtiger Betriebe (Wasser-, Gas- und
Stromversorgung) in kommunale Regie.
Im vorletzten Punkt wurde in knappen Aussagen zur Frauenfrage Stellung genommen:
„Mobilisierung der Frauen und Mütter. Der Krieg nahm den Frauen Söhne und Männer.
Die Frauen dürfen nicht vereinsamen und vergrämt beiseite stehen. Erfassung aller Frauen und ihre Einreihung in die einheitliche antimilitaristische Kampffront. Mitwirkung der
Frauen am Wiederaufbau und bei der Neugestaltung des Staates.“32 Diese Aussagen waren sehr allgemein und pauschal formuliert – offensichtlich hatte die KPD noch nicht über
ein eigenes Konzept für die Frauenarbeit nachgedacht.
Das belegte auch der Bericht über die Frauenarbeit in Bremen, den ein Mitglied des
Bezirksvorstandes auf der erweiterten Sekretariatssitzung des Zentralkomitees der KPD
in Berlin im Januar 1946 vortrug: „Wir haben uns darauf konzentriert, die Frauen im
Arbeiterhilfswerk […] zusammen mit den sozdem. [sozialdemokratischen] Genossen zu
erfassen. Wir haben im Bezirk eine Reihe von Frauenausschüssen geschaffen, die sich
mit dem Problem der Kinder, der zurückkehrenden Soldaten und der Flüchtlinge aus den
östlichen Gebieten beschäftigen.“33 Den Kommunisten wie den Sozialdemokraten war die
Bedeutung der Überlebensarbeit der Frauen bewusst und sie waren daran interessiert,
diese Arbeit zu fördern – aber auch zu kontrollieren.34
Über die konkreten Maßnahmen hinaus suchten die GenossInnen in Bremen nach
einer Perspektive für eine eigene Frauenarbeit. „Wir würden es begrüßen, […] wenn man
eine Frauenbewegung ins Leben rufen könnte. Sie müßte allerdings auch in den westlichen Sektoren auf allen Gebieten einheitlich ausgerichtet werden.“35 Dieses Projekt wurde
erst Jahre später mit der Gründung des Demokratischen Frauenbunds Deutschland (DFD)
realisiert. So blieb es zunächst dabei, dass sich die Kommunistinnen im Arbeiterhilfswerk,
im BFA und auch in der Bürgerschaftsarbeit engagierten. Dass mit Käthe Popall eine
Kommunistin das erste weibliche Senatsmitglied in Bremen wurde, trug mit dazu bei, das
Ansehen der Kommunistinnen in Bremen zu stärken. Doch diese Aufbaugemeinschaft
zerbrach schon bald.
Beginn der Isolation im Kalten Krieg
Im Lauf des Jahres 1947 veränderten sich die Beziehungen zwischen den Großmächten
USA und Sowjetunion von Grund auf:
Der amerikanische Präsident Harry S. Truman erklärte im März 1947 das Ende der
alliierten Kooperation. Die amerikanische Außenpolitik zielte jetzt offen auf Eindämmung des sowjetischen Einflusses. Mit einem groß angelegten Wiederaufbauprogramm, das der US-Außenminister George C. Marshall im Juni 1947 verkündete (Marshallplan), sollten Europa und vor allem die westlichen Besatzungszonen
1945–1966
227
Deutschlands wirtschaftlich und politisch gestärkt werden. „Mit dem Ziel, die westlichen Demokratien weniger anfällig für sowjetische Einflussnahme zu machen.“36 Ein
westliches Wirtschafts- und Militärbündnis sollte dem „Sowjetsystem“ gegenübergestellt werden.
Die Sowjetunion erklärte daraufhin im September 1947 ihrerseits die Teilung der
Welt in zwei Lager – ein antiimperialistisch und demokratisches unter Führung der
Sowjetunion und ein imperialistisch und antidemokratisches unter Führung der USA.
In dieser gespaltenen Welt, die sich in der Teilung Deutschlands manifestierte, hatte
sich die Perspektive für die Arbeit der KPD grundlegend verändert. „Sie war nicht
länger die Partei der Antihitler-Koalition, und sie konnte sich nicht mehr als potentielle Regierungspartei innerhalb eines gesamtdeutschen antifaschistischen-demokratischen Blocks verstehen. Nunmehr war sie Oppositionspartei in einem sich herausbildenden Weststaat, dessen Gründung sie bekämpfte.“37
Auch in Bremen waren die Zeiten der „Antihitler-Koalition“ vorbei. Das wurde zuerst in den
Auseinandersetzungen um eine neue Landesverfassung deutlich. Die KPD scheiterte mit
vielen ihrer Änderungsvorschläge zum Verfassungsentwurf. Trotzdem stimmte sie in der
Verfassungsdeputation für den ausgehandelten Kompromiss. Dann aber zog sie ihre Zustimmung zurück und stimmte als einzige Partei in der Bürgerschaftssitzung am 1. August
1947 gegen den Verfassungsentwurf. Darüber waren vor allem die sozialdemokratischen
Abgeordneten empört, die sich zusammen mit den Kommunisten dafür eingesetzt hatten,
dass in den Text der Verfassung Forderungen zur Mitbestimmung, zur Einheitsschule und
zur Gleichberechtigung aufgenommen wurden.
Beim Volksentscheid wurde der Verfassungsentwurf am 12. Oktober 1947 den WählerInnen zur Abstimmung gestellt. Auch hier forderte die KPD dazu auf, mit Nein zu stimmen.
Doch es gab mit 72,5 Prozent ein klares Votum für die Annahme der Verfassung.38
Gleichzeitig mit dem Volksentscheid fanden Bürgerschaftswahlen statt und SPD und
KPD mussten Stimmenverluste hinnehmen. Trotzdem erhielten die beiden Arbeiterparteien mit insgesamt 56 Mandaten die Mehrheit der Sitze in der neuen Bürgerschaft. Die KPD
forderte daraufhin die SPD auf, die „Arbeitermehrheit“ zu nutzen und eine SPD-KPDKoalitionsregierung zu bilden. Die SPD wies diesen Antrag zurück.
In einer Rede, die er kurz nach der Wahl hielt, erklärte Bürgermeister Wilhelm Kaisen
in aller Öffentlichkeit, er halte die Kommunisten für „unzuverlässig“. Er bezeichnete die
KPD als „faschistisch kapitalistische Partei“, die „nicht mehr für die Interessen der Arbeiterschaft, sondern ganz bewußt für die Interessen einer fremden Macht eintrete“.39 In diesen wenigen Worten war die politische Richtung benannt, die in den nächsten Jahren den
Umgang mit den Kommunisten bestimmen sollte. Kommunisten galten als Agenten einer
feindlichen Macht, mit denen es keine Gemeinschaft oder politische Zusammenarbeit geben konnte. Wer sich trotzdem an Projekten und Initiativen der KPD beteiligte, machte
sich verdächtig und musste mit entsprechenden Ausgrenzungen rechnen.
Im Januar 1948 wurde eine Koalition von SPD und der Bremer Demokratischen Volkspartei (BDV) ohne Beteiligung der KPD gebildet. Die Bremer Demokratische Volkspartei
hatte das Ausscheiden der Kommunisten aus dem Senat zur Bedingung gemacht.40 Damit
verlor auch Käthe Popall ihren Senatssitz. Auch in der Bürgerschaft wurden die kommunistischen Abgeordneten aus wichtigen Entscheidungsgremien herausgedrängt und ihre
Anträge kaum noch ernsthaft behandelt. Es begann die politische und gesellschaftliche
Ausgrenzung und Isolierung der KommunistInnen in Bremen.
228
Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
Internationale Frauentage der
Kommunistinnen – 1948 und 1949
Der erste Internationale Frauentag in Bremen –
7. März 1948
Die Arbeit der KPD wurde durch die politische Ausgrenzung des wachsenden Antikommunismus erheblich erschwert. Das beeinflusste auch die Durchführung der Internationalen
Frauentage, die die Kommunistinnen ab 1948 wieder jährlich organisierten.
Für den ersten 8. März nach der NS-Zeit benannte die KPD mit Käthe Popall ihre
bekannteste Genossin als Rednerin.41
Erst wenige Wochen zuvor hatte man Käthe Popall das Senatorenamt entzogen. Ihr Auftritt sollte auch ein Zeichen dafür sein, dass sie ihre politische Arbeit fortsetzen würde.
Die Themen ihres Referats, nämlich „Einheit Deutschlands, Sicherung des Friedens, volle
Gleichberechtigung der Frau“, beschrieben die Programmpunkte, die in den nächsten Jahren die Frauentage bestimmen sollten.
Mit der Einladung zur Kundgebung druckte die Tribüne der Demokratie, die Parteizeitung der KPD, einen ganzseitigen Artikel „Zum Tag der Frau am 8. März“. Der Bericht
begann mit Informationen über die Geburt des Frauentages und die politische Rolle, die
Clara Zetkin dabei gespielt hatte. Doch vor allem ging es der Verfasserin42 darum, die Aktualität der Forderungen aus dem Jahr 1910 aufzuzeigen und sie in Bezug zu setzen zu den
politischen Verhältnissen in Bremen und den Westzonen im Jahr 1948.
Damals, im Jahr 1910, lauteten die Forderungen der Frauen: „Vollständige Gleichberechtigung der Frau; Verbesserung der Lebenslage der arbeitenden Frauen; Schaffung sozialer
Einrichtungen; Schutzmaßnahmen für Frauen und Kinder; Sicherung des Friedens.“ Anhand von Beispielen wies die Autorin nach, dass keine dieser Forderungen wirklich erfüllt
war. Noch immer habe die Frau in der Ehe nicht die gleichen Rechte wie der Mann. Weiter
konnte die Verfasserin nachweisen, dass die neue Landesregierung nicht in der Lage gewesen war, für die ausgeschiedene Kommunistin Käthe Popall eine Frau aus der eigenen
Partei in den Senat zu berufen. Dies bedeute für die Gleichberechtigung „einen Schritt
zurück“. Auch die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit sei immer noch nicht
verwirklicht, obwohl die neue bremische Verfassung das ausdrücklich fordere.
1945–1966
229
Vor allem müsse die alte Forderung nach „Sicherung des Friedens“ an diesem Frauentag im Mittelpunkt stehen. Denn der Frieden sei ernsthaft gefährdet, wenn die beabsichtigte Spaltung Deutschlands vollzogen würde. „Wir Frauen müssen unsere Stimme erheben,
um Millionen Gewissen wachzurütteln, damit das große Verhängnis: die Teilung Deutschlands in letzter Stunde noch verhindert wird.“43
Die Tradition sollte also nicht nur formal fortgesetzt werden, die Kommunistinnen sahen
sich als Erbinnen der politischen Forderungen aus der Zeit der ersten Frauentage. Es galt,
weiterhin für ihre Durchsetzung zu streiten.
Klassenkämpferische Vokabeln und Kampfaufrufe an die Proletarierinnen fehlen in
diesem Beitrag. Die Autorin wandte sich einfach an „die Frauen“ oder an „die Mütter“.
Frauen unterschiedlicher Herkunft und Überzeugung wurden aufgerufen, sich politisch
einzumischen: „Wir Frauen haben die Pflicht, unsere Kräfte überall mit einzuschalten,
geht es doch heute mehr denn je darum, daß wir entscheidenden Einfluß gewinnen auf die
weitere Entwicklung unseres wirtschaftlichen und politischen Lebens, zum Wohle unserer
Kinder und zur Sicherung eines gerechten, dauerhaften Friedens. […] Wir wollen gesunde
Kinder und glückliche Mütter.“
In diesem Text hatten die Kommunistinnen die politischen Ziele und Forderungen formuliert, die in Zukunft im Mittelpunkt der Frauentage stehen sollten. Auch für eine zukünftige eigene Frauenorganisation gab es Ideen. Konkrete Vorstellungen wurden dabei
aber noch nicht benannt.
Parteivorstandsbeschluss ist kein Ersatz für Frauenarbeit: Eine Frauentagsaktion scheitert – 8. März 1949
Die Parteivorstandstagung Ende August 1948 musste sich mit der Kritik der Genossinnen
an der Parteiführung auseinandersetzen. Die Frauen beschwerten sich, dass Probleme der
Frauenarbeit nicht geklärt würden und Fraueninitiativen von den lokalen Gruppenvorständen kaum Unterstützung erhielten. Erika Buchmann, die Leiterin des Frauensekretariats
beim Parteivorstand, berichtete über den Unmut der Genossinnen: Die Partei schenke der
Frauenarbeit „nur nebenbei Beachtung“. Die Genossen hätten „nicht genügend Verständnis“ für Frauenbelange gezeigt und letztlich sei „Frauenarbeit die Arbeit der Genossinnen geblieben“. Besonders in der gewerkschaftlichen Arbeit würden die Forderungen von
Frauen kaum beachtet. Es gäbe nach wie vor kaum Frauen in den Betriebsräten und die
Genossen setzten sich viel zu wenig für Fraueninteressen ein.
In der Diskussion ging es auch um das Verhältnis und den Umgang mit den bürgerlichen Frauenorganisationen und es tauchte die Frage nach einer eigenen Frauenorganisation auf. Die abschließende Stellungnahme des Parteivorsitzenden Max Reimann machte
die Schwächen der Partei noch einmal deutlich. „Genosse Reimann erklärt, daß die Partei
noch nicht weiß, wohin sie in der Frauenfrage will, auch er glaube, daß es nötig werden
könne, den bestehenden Frauenorganisationen, die sich immer mehr reaktionär entwickeln, eine wirkliche fortschrittliche demokratische Frauenorganisation entgegenzustellen.“44 Nach dieser Debatte war klar, dass sich der Parteivorstand ausführlicher mit diesem
Thema auseinandersetzen musste.
Das Ergebnis der Beratungen wurde in der „Entschließung des Parteivorstandes zur Arbeit
unter den Frauen“ zusammengefasst und an alle Vorstände verschickt.45 In der Entschließung wurde die Bedeutung der Frauen für die gesellschaftliche Entwicklung in Deutsch-
230
Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
land hervorgehoben. Auch die politischen Kämpfe der Partei seien ohne den Beitrag der
Frauen nicht zu gewinnen. Deshalb wurden alle Vorstände verpflichtet, der Frauenarbeit in
Zukunft mehr Aufmerksamkeit zu schenken und die Werbung vor allem unter den werktätigen Frauen voranzutreiben. Außerdem ging die Entschließung auf die offenen Fragen
und Probleme ein, die auf der Vorstandssitzung thematisiert worden waren.
Bezogen auf die Betriebsarbeit wurden zwei Schwerpunkte gesetzt: Die Forderung der
Frauen nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit sollte von den Genossen in Betriebs- und
Gewerkschaftsfunktionen mehr unterstützt werden. Außerdem sollten den Betriebsräten
klar gemacht werden, dass sie sich „nicht dazu hergeben“ sollten, den zunehmenden Entlassungen von Frauen zuzustimmen. Im Gegenteil müssten sie hier „ganz besonderen
Widerstand“ leisten.
Die Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Frauenorganisationen sei davon abhängig
zu machen, dass diese Organisationen „für die Einheit Deutschlands und die Erhaltung
des Friedens eintreten.“ Das angestrebte politische Ziel war die Schaffung einer „fortschrittlichen Frauenorganisation […], in welcher sowohl die Betriebsarbeiterin als auch
die Hausfrau, die Kleingewerbetreibende oder die Intellektuelle, die Landarbeiterin, die
Kleinbäuerin und die Angestellte ihren Platz finden würde“. Aber dafür fehlten noch wichtige Voraussetzungen. Die Genossinnen wurden aufgerufen, sehr viel mehr in der Öffentlichkeit in Erscheinung zu treten und darüber neue Frauen für die politische Arbeit zu gewinnen, um so eine breitere Ausgangsbasis für eine neue Frauenorganisation zu schaffen.
Die Entschließung war jedoch so abgefasst, dass von ihr keine mobilisierende Wirkung ausgehen konnte. Es gab kein Konzept, wie die Frauenarbeit unter den unterschiedlichen Gruppen, die die Partei für ihre Frauenorganisation gewinnen wollte, aussehen könnte.
Im Zuge der Kampagne zum Internationalen Frauentag 1949 zeigte sich dann auch, dass
die Entschließung bei den Vorständen wenig Beachtung gefunden hatte – jedenfalls hatte
sie keine Veränderung in der Haltung der Genossen gegenüber Frauenaktionen bewirkt.
Die Partei hatte die Genossinnen aufgefordert, überall im Land im Februar und bis zum
8. März eine Unterschriftensammlung gegen die Herstellung von Atombomben und für
den Erhalt des Friedens durchzuführen. Es war vorgesehen, dass die Genossinnen mit
verschiedenen Frauengruppen vor Ort Aktionsbündnisse schließen sollten, um Menschen
aus allen Bevölkerungsschichten anzusprechen. Die Genossen wurden verpflichtet, diese
Initiative in jeder Hinsicht zu unterstützen und sich an der Unterschriftensammlung zu
beteiligen. Die Veranstaltung am Internationalen Frauentag sollte dann Abschluss und
Höhepunkt der Kampagne sein.
Als das zentrale Frauensekretariat im Mai 1949 die Kampagne auswertete, stellte sich
heraus, dass die Aktion „wenig Erfolg“ gehabt hatte.46 Der Grund für das Scheitern lag
nach Auffassung des Frauensekretariats darin, dass die Genossen sich nicht beteiligt hatten. Selbst im Parteivorstand sei „die Sache mehrheitlich den Frauen zugeschrieben worden“.47
Die Bremer Aktivitäten fasste das Frauensekretariat wie folgt zusammen: „Bremen hat
seinen Mißerfolg ebenfalls im Wesentlichen der Tatsache zu verdanken, daß die Aktion
einseitig von den aktiven Genossinnen getragen werden mußte, ohne daß die Gesamtpartei wesentlich Anteil nahm. Nach der bisher möglichen Übersicht haben am Gesamtresultat nur 200 Genossen, meistens Frauen, Anteil.“
Diese fehlende Unterstützung durch die Genossen wog umso schwerer, da in Bremen
kein Aktionsbündnis zustande gekommen war. Die Bremer Sozialdemokratinnen hatten
eine Zusammenarbeit mit den Kommunisten strikt abgelehnt. In der Parteizeitung der
1945–1966
231
SPD, der Bremer Volksstimme vom 11. März 1949, erklärten sie dazu: „Die Sozialdemokratie und besonders die sozialdemokratischen Frauen haben tausendfältig bewiesen, daß sie
für den Frieden zu arbeiten, zu kämpfen bereit sind. Sie sehen darum in der Verquickung
des Kampfes für den Frieden mit dem Kampf gegen eine einzelne Mordwaffe, die Atombombe, eine recht einseitige Stellungnahme zugunsten einer einzelnen Macht, die jedoch
fieberhaft an der Herstellung einer der Atombombe gleichwertigen Mordwaffe arbeitet.“48
Als bekannt wurde, dass die SPD-Frauen sich nicht am Aktionsbündnis beteiligen würden,
zogen sich auch die anderen Frauenorganisationen zurück. Damit waren die Kommunistinnen bei der Aktion auf sich allein gestellt.
Zwar hatten die Sozialdemokratinnen eine Beteiligung an der Unterschriftenkampagne gegen die Atomwaffenproduktion abgelehnt, trotzdem maßen auch sie der Friedensfrage große Bedeutung bei. Ihre erste Veranstaltung anlässlich des Internationalen
Frauentages am 14. März 1949 war eine Kundgebung für den Frieden. Ausdrücklich
forderte die Rednerin: „Darum müssen wir uns wehren gegen die Vorbereitung eines
Atomkrieges. […] Wer Frieden will, muß bewußt die Freundschaft pflegen mit allen Völkern der Erde. Die Erhaltung des Friedens muß unsere wichtigste Erziehungsaufgabe
der Jugend sein.“49
Auf den Veranstaltungen zum Internationalen Frauentag war sowohl bei den Sozialdemokratinnen wie bei den Kommunistinnen der Wunsch nach Erhalt des Friedens das beherrschende Thema. In den Reden und Texten zum Frauentag wurden übereinstimmend
die Frauen als diejenigen angesprochen, die als Mütter und Gebärerinnen neuen Lebens
von Natur aus ein besonderes Interesse an der Vermeidung von Kriegen hätten. Doch
trotz dieser Gemeinsamkeiten blieben die Sozialdemokratinnen bei ihrer strikten Ablehnung einer Zusammenarbeit mit den Kommunistinnen. Für die SPD-Frauen war das eine
Grundsatzentscheidung. Es ging darum, Position zu beziehen im politisch ideologischen
Konflikt zwischen Ost und West. Die Kommunistinnen und ihr Umfeld galten als Anhängerinnen und Sympathisantinnen des „Ostblocks“, der Sowjetunion und der Sozialistischen Einheitspartei (SED) in der „Sowjetzone“. Mit ihnen konnte es im Westen auch in
der Friedens- und Frauenfrage kein Aktionsbündnis geben. Diese Auseinandersetzungen
begleiteten die Frauentage bis zum Verbot der KPD 1956.
Internationale Frauentage der KPD
und des DFD
Internationaler Frauentag im Kalten Krieg – 1950
Der Internationale Frauentag des Jahres 1950 liefert ein anschauliches Beispiel für das
politische und auch menschliche Dilemma, in das die KPD-Frauen gerieten, wenn sie mit
ihren Projekten in die Öffentlichkeit traten. Zum 40. Jahrestag des Beschlusses von Kopenhagen sollte der Internationale Frauentag zu einem besonderen Höhepunkt der Frauenarbeit der KPD werden. In der Parteipresse wurde das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln behandelt. Die Tribüne der Demokratie druckte auf mehreren Seiten Berichte
„aus der internationalen Friedensbewegung der Frauen“. Für die Kommunistinnen in der
Bundesrepublik, in ihrer isolierten Situation, waren diese Berichte der Beweis, zu einer
großen und bedeutenden Gemeinschaft zu gehören. Die internationalen Berichte wurden
232
Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
ergänzt durch eine Reportage über berufstätige Frauen in Bremen, und auch die Stellungnahme J. W. Stalins zum Frauentag durfte im Parteiorgan nicht fehlen.50
Der Parteivorsitzende der KPD, Max Reimann, rief in seiner Stellungnahme zum Frauentag die Frauen zum Protest gegen die Pläne der Adenauer-Regierung zur Aufstellung
eines „deutschen Kontingents in einer europäischen Wehrmacht“ und gegen den „geplanten Krieg gegen die Sowjetunion“ auf. Deshalb solle der Internationale Frauentag des
Jahres 1950 ein Zeichen setzen im gemeinsamen Kampf von Frauen und Männern für den
Frieden und für „eine Einheitliche Deutsche Demokratische Republik“.
Der Parteivorstand hatte bereits Anfang Februar seine bis ins Detail gehenden Beschlüsse und Vorschläge zur Durchführung der Veranstaltungen verschickt. Die örtlichen
Parteivorstände wurden aufgefordert, Bündnisse mit anderen Friedens- und Frauenorganisationen zu schließen, die als Träger der Kundgebungen zum 8. März in der Öffentlichkeit in Erscheinung treten sollten.51 In Bremen jedoch scheiterten die Bündnisgespräche
erneut. Nicht nur die Sozialdemokratinnen sagten ab. Die KPD-Frauen hatten vierzig Organisationen und Betriebe zur Vorbesprechung eingeladen, „[l]eider alles ohne Erfolg. […]
So bestand das Komitee nur aus drei parteilosen Frauen, der FDJ52 und uns“, berichteten
die Genossinnen am 24. April an den Parteivorstand.53
Trotzdem hatten die Genossinnen ein vielfältiges Programm entwickelt und ein eigenes
Flugblatt verfasst, das sie statt des zentralen Flugblattes in der Stadt verteilten. Den Auftakt am 7. März 1950 bildete ein Demonstrationszug vom Waller Bahnhof zum Rathaus.
Dort fand dann im Festsaal die Kundgebung statt.
Einladung zum Friedenstag der Frauen – zu der Demonstration wird nicht aufgerufen! 54
Jede einzelne Aktion an diesem Frauentag war Anlass entweder zu antikommunistischen
Presseartikeln oder zu parteiinterner Kritik. In den fünfziger Jahren wirkte eine solche
Aktion wie der Demonstraktionszug als politische Provokation. „Wer zu der Zeit auf die
Straße ging, hat sich verächtlich gemacht. Es waren nur die überzeugtesten Menschen,
die für den Frieden demonstrierten.“55 So beschrieb Willy Meyer-Buer, KPD-Mitglied, in
seinen Erinnerungen das Klima in der Bundesrepublik. Die Reporter des Weser-Kuriers –
offensichtlich in Erwartung besonderer Vorkommnisse – waren bei der Demonstration zur
Stelle. Sie berichteten ihren LeserInnen am nächsten Tag: Am Bahnhof Walle habe sich
am Nachmittag des 7. März ein Demonstrationszug gebildet, meist FDJ-Mitglieder, die mit
roten Fahnen und Transparenten zum Rathausplatz gezogen seien. „Als der Demonstrationszug den Marktplatz unter Absingen der ‚Internationale‘ passierte, griff ein größeres
Polizeiaufgebot“ ein. Doch es sei nicht gelungen, die Demonstranten auseinanderzutrei-
1945–1966
233
ben. „Die Jugendlichen zogen zum Eingang des neuen Rathauses, wo sie die Türen von
Polizeibeamten versperrt fanden.“ Daraufhin sei es dann zu dem „KPD-Rumor am Rathaustor“56 gekommen. Bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Jugendlichen und der Polizei sei auch eine Scheibe der Rathaustür zu Bruch gegangen.
An diesen Bericht schloss der Weser-Kurier eine Stellungnahme an. Er forderte die
Politik auf: „Bei künftigen Veranstaltungen dürfte man den sich im Hintergrund haltenden kommunistischen Drahtziehern etwas genauer auf die Finger sehen.“57 Solche Artikel
trugen dazu bei, dass der Senat in der Folgezeit die Rathaussäle nicht mehr an kommunistische oder als kommunistisch unterwandert oder beeinflusst geltende Friedensorganisationen vergab.58 Im Veranstaltungsanzeiger des Weser-Kuriers wurden seitdem auch keine
Hinweise mehr auf Veranstaltungen zum Frauentag der KommunistInnen veröffentlicht.
Die am folgenden Tag, dem 8. März 1950, stattfindende Veranstaltung im Saal des
neuen Rathauses stand unter der Losung „8. März – der Internationale Friedenstag der
Frauen“. Es sollten eine Vertreterin des „Internationalen Friedenskongresses aus Paris“,
eine „Führerin einer Frauendelegation der Deutschen Demokratischen Republik“ und eine
Referentin aus Hamburg sprechen. Die Zusammenstellung der Rednerinnen sollte zeigen,
dass dieser Frauentag in Bremen in eine weltweite Bewegung eingebunden war und zugleich ein Zeichen setzen für die engen Beziehungen zur Frauenorganisation der DDR.
Dass ausgerechnet die Vertreterin des Internationalen Friedenskongresses nicht kommen
konnte, wurde sehr bedauert, denn damit sei der internationale Aspekt auf der Veranstaltung zu kurz gekommen, wurde im Vorstandsbericht ausdrücklich vermerkt. 59
Die Genossinnen verfassten einen eigenen Bericht über die Aktionen.60 Darin stellten
sie selbstkritisch fest, dass die Versammlung mit 900 TeilnehmerInnen zwar gut besucht
gewesen sei, doch „vorwiegend“ seien Genossinnen und Genossen gekommen. Die Genossinnen waren auch deshalb mit der Resonanz unzufrieden, weil sie versucht hatten,
über ein selbst gestaltetes Flugblatt, die Bremerinnen ganz persönlich anzusprechen. Sie
schickten eine Abschrift ihres Flugblattes zusammen mit ihrem Bericht an die Zentrale.
Der Flugblatttext begann mit einem Zwiegespräch:
„Mutti, warum haben wir keinen Papi wie Günther“?
„Peter, Du weißt doch, Papi ist im Krieg gefallen!“
„Können wir denn keinen anderen bekommen?“
„Nein Peter, so leicht ist das nicht, es sind so viele Männer im Krieg totgeschossen
worden!“
„Mutti, warum sind denn alle Onkels in den Krieg gegangen und haben sich totschießen lassen?“
„Weißt Du, Peter, wenn sie das nicht getan hätten, wären sie hier erschossen worden!“
„Wäre es dann nicht besser gewesen, wenn Papi mit Oma zusammen hier zusammen
auf dem Friedhof gelegen hätten?“
„Ach Peter, das verstehst Du nicht, später vielleicht einmal. Nun spiel schön weiter!“
„Aber Mutti, ich gehe nicht in den Krieg!“
Peter weiss noch nicht, wieviel Mut dazu gehört, den Kriegsdienst zu verweigern.
Deshalb Mütter, erzieht Eure Kinder zu diesem Mut und protestiert heute schon
gegen die Vorbereitung, denn Vorbeugen ist leichter.“61
Die Verfasserinnen hatten nicht nur ein Beispiel für „Friedensgespräche mit Kindern“ formuliert, gleichzeitig machte der Text auch auf die besondere Situation und schwierige
234
Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
Lage der vielen alleinlebenden und alleinerziehenden Frauen aufmerksam. Die Bremer
Genossinnen hielten ihre Initiative für nachahmenswert und hatten deshalb eine Begründung zum Flugblatt mitgeschickt: „Es erfüllt noch keineswegs unsere viel weitergehenden
Wünsche, aber wir glauben, daß es massenpsychologisch wirksamer ist, wenn man von der
Voraussetzung ausgeht, daß der Appell nicht nur Frauen, die ohnehin schon zum Sozialismus neigen, berühren soll, sondern die einfache, sich unpolitisch dünkende Frau und
Mutter unseres Volkes.“
Allerdings stieß dieses Vorgehen bei der Parteileitung auf eindeutige Ablehnung. Der
Bericht aus Bremen wurde äußerst kritisch kommentiert: Das Flugblatt sei „bezeichnend
für das Nachgeben unserer Genossen in der entscheidenden Frage der Stellung zur Sowjetunion.“62 Auch auf der Sekretariatssitzung am 18. März 1950 in Bremen wurden die
Frauen zurechtgewiesen: Die Genossinnen hatten kritisiert, „daß die Demonstration mit
Stalinlosungen und roten Fahnen den überparteilichen Charakter des Frauentages gefährdet“ hätte. Dazu erklärte der Vorstand: „Wenn die Partei an einer internationalen
Kundgebung beteiligt ist, muß sie sich in der Öffentlichkeit so zeigen, wie sie ist. Warum
also nicht mit roten Fahnen und Transparenten?“ Und der Vorsitzende beendete die Debatte, indem er feststellte: „Es gibt keine überparteiliche Organisation und ich empfehle
den Genossinnen das Studium ‚Zwei Lager – zwei Ideologien’.“63 In schulmeisterlichem
Ton also wurden die Frauen auf die Parteilinie verwiesen. Und die lautete: Keine Veröffentlichung der Partei ohne ein Bekenntnis zur Sowjetunion. Auch anlässlich Internationaler
Frauentage und in der Bündnispolitik hatten die Kommunistinnen Sprachrohr und Vertreterinnen der Sowjetunion und der SED-Politik im Westen zu sein. Rücksichtnahme oder
vielleicht sogar Anerkennung von Positionen der Bündnispartner hatten da keinen Platz.
Die Anfeindungen von außen und die Debatten und politischen Auseinandersetzungen
innerhalb der Partei, wie sie die Kommunistinnen im Zusammenhang mit dem Internationalen Frauentag erlebten, belegen anschaulich wie eingeschränkt ihre Wirkungsmöglichkeiten waren. Es wurde von zwei Seiten Druck auf die Frauen ausgeübt. Einerseits von den
antikommunistischen Kampagnen z.B. der Bremer Presse und andererseits über die Einschränkung des Handlungsspielraums durch den Dogmatismus der eigenen Organisation.
Für viele weibliche Mitglieder war dieser doppelte Druck der gesellschaftlichen Isolierung Anlass, die Partei zu verlassen. In der Zeit von 1947 bis Mitte 1951 sank die Zahl der
weiblichen Mitglieder in der KPD Bremens um mehr als ein Drittel.64 Dieselbe Entwicklung
vollzog sich auch in der Gesamtpartei. Nicht zuletzt deshalb erhoffte sich die KPD von der
Gründung einer Frauenorganisation, wieder Zugang zu den Frauen zu bekommen.
Die KPD überträgt dem Demokratischen Frauenbund
Deutschlands (DFD) die Organisierung der Frauentage
Bereits 1946 hatte der Vertreter der KPD Bremens auf der Parteiberatung in Berlin vorgeschlagen, eine Frauenorganisation für alle Besatzungszonen zu schaffen.65 Doch der am
9. März 1947 in Berlin gegründete Demokratische Frauenbund Deutschlands (DFD) blieb
wegen der ablehnenden Haltung der westlichen Besatzungsmächte weitgehend auf die
Sowjetische Besatzungszone (SBZ) und Berlin beschränkt.
Seit 1949 existierten zwei deutsche Staaten: Im Westen konstituierte sich die Bundesrepublik und im Osten war die DDR gegründet worden. In der DDR wurde der DFD zum
einheitlichen Frauenverband weiter ausgebaut. Die Kommunisten in der Bundesrepublik
1945–1966
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mussten nun eigene Wege beschreiten. Die KPD hatte seit der Parteiberatung im August
1948 darauf hingearbeitet, eine Frauenorganisation ins Leben zu rufen. Doch erst mit der
Spaltung Deutschlands und dem fortschreitenden Verlust weiblicher Mitglieder konnte
sich die Partei dazu entschließen, die Gründung einer Frauenorganisation in Angriff zu
nehmen. Der Auftrag an die Genossinnen lautete, zum Internationalen Frauentag 1950 in
möglichst vielen Städten regionale Frauenkomitees zu schaffen, die den Organisationskern für eine spätere Frauengruppe bilden sollten.66 Im Unterschied zu Bremen waren in
einer ganzen Reihe von Städten – vor allem im Ruhrgebiet, aber auch in Hamburg – sehr
aktive Frauenzusammenschlüsse entstanden. Diese Gruppen sollten zusammengefasst
werden und so analog zum Frauenbund in der DDR ein Demokratischer Frauenbund
Deutschlands (West) entstehen. Dieses Konzept stellte Max Reimann den Landesvorsitzenden am 29. März 1950 auf der Sitzung des Sekretariats vor. Er forderte sie auf, dieses
Vorhaben zu unterstützen und möglichst bald DFD-Landesorganisationen zu gründen. In
der Organisation sollten auch Genossinnen mitarbeiten, „entscheidend aber soll er eine
Organisation der parteilosen Frauen und der Frauen anderer Richtungen sein.“67
Bereits am 2. April 1950 wurde in Essen der erste Landesverband des DFD für Nordrhein-Westfalen gegründet.68 Auf diesem später als Gründungskongress bezeichneten
Treffen riefen die Teilnehmerinnen dazu auf, „für die Erhaltung des Friedens, die Verhinderung eines neuen Krieges und die Erringung der Gleichberechtigung der Frau sowie
eine gesicherte Zukunft der Kinder mit ganzer Kraft einzutreten.“69 In dieser Aufzählung
der politischen Ziele wurde der Friedensarbeit absolute Priorität eingeräumt. Die Gleichberechtigung der Frau rückte an die dritte Stelle.
Der DFD erhob den Anspruch, parteiunabhängig zu agieren und tatsächlich gab es
in den Gruppen immer eine ganze Reihe Frauen, die nicht Parteimitglieder waren. In der
Bremer Gruppe waren „zur Jahreswende 1950/51 nach eigenen Angaben 60 Prozent Genossinnen.“70 Doch in Programm und Aktionen blieb der DFD eng an die Kommunistische
Partei gebunden. Margot Konetzka, die vom Parteivorstand zur DFD-Arbeit in Bremen
verpflichtet wurde, beschreibt das Verhältnis zwischen DFD und der Partei: „Der DFD war
ja eine eigene Frauenorganisation – aber unter Leitung von Kommunisten.“71
Eine der zentralen Aufgaben der DFD-Frauen war auch in Bremen die Organisation der
Internationalen Frauentage. Für Alida Klee, eine der langjährigen Vorsitzenden in Bremen,
war der 8. März „Ehrensache“.72
Der DFD setzte die Tradition der alljährlichen Kundgebungen zum Frauentag fort.
Doch auch mit der neuen Organisation gelang es nicht, die Mauer des Antikommunismus
zu durchbrechen. So trafen sich zur Frauentagsveranstaltung in der Regel die DFD-Frauen
mit den Freunden und Genossen aus dem politischen Umfeld der KPD. Nur über persönliche Ansprache konnten neue Teilnehmerinnen gewonnen werden. Die Festveranstaltungen erfüllten trotzdem eine wichtige Funktion, indem sie die eigene Gemeinschaft und den
Zusammenhalt untereinander stärkten.
Für die politische Außenwirkung mussten jedoch andere Wege beschritten werden. Für
Aktionen in der Stadt organisierten die DFD-Frauen Schilderdemonstrationen: Die Frauen schrieben ihren Protest oder ihre Forderung auf eine große Pappe, hingen sich diese
um und zogen in kleinen Gruppen durch die Stadt, vor die Betriebe oder gingen damit auf
die Wochenmärkte.73 Das war eine Aktionsform, die auch mit wenigen Teilnehmerinnen
Wirkung erzielen konnte.
Zu Massenaktionen dagegen wurden Unterschriftensammlungen eingesetzt. Statt vergeblich darauf zu hoffen, dass die Menschen sich wieder zu Demonstrationszügen formierten, beschritt die Friedensbewegung in den 1950er Jahren den umgekehrten Weg: Mit
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Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
einem Appel oder Aufruf gingen die Frauen von Haus zu Haus, zogen vor die Betriebe.
Sie erläuterten das Anliegen und forderten die Menschen dazu auf, sich durch ihre Unterschrift mit dem Protest zu solidarisieren.
Die DFD-Frauen verbanden Traditionsveranstaltungen zum Frauentag mit Schilderdemonstrationen auf der Straße und gehörten zu den eifrigsten UnterschriftensammlerInnen in der Kampagne gegen die Remilitarisierung und für einen Friedensvertrag.
Die Volksbefragungskampagne – Frauentag 1951
Konrad Adenauer hatte in seiner ersten Regierungserklärung 1949 seine außenpolitische Konzeption dargelegt: „Es besteht für uns kein Zweifel, daß wir nach unserer
Herkunft und nach unserer Gesinnung zur westeuropäischen Welt gehören.“ 74 Für ihn
kam nur eine eindeutige Bindung an den Westen in Frage, dazu gehörte nach seiner
Auffassung auch das militärische Bündnis. Im August 1950 bekräftigte Adenauer gegenüber den Regierungen der drei Westmächte die Bereitschaft seiner Regierung, für eine
zukünftige westeuropäische Armee ein deutsches Kontingent bereitzustellen. Gegen diesen Vorstoß der Regierung, keine zehn Jahre nach Kriegsende erneut deutsche Truppen
aufzustellen, gab es eine Welle des Protestes. Es begann eine Jahre andauernde öffentliche Diskussion über Wiederbewaffnung und Westbindung. Der Widerstand reichte von
den Kommunisten bis hinein in die Unionsparteien. Außerhalb des Parlamentes bildete
sich die „Ohne mich!“-Bewegung, die in allen Bevölkerungsgruppen Zustimmung fand.75
Es entwickelte sich eine Oppositionsbewegung, die von der Regierung eine Befragung
des Volkes zur Wiederbewaffnung verlangte.76 Der DFD schloss sich umgehend dieser
Bewegung an und der Internationale Frauentag 1951 wurde ein Aktionstag gegen die
Remilitarisierung. Auch in Bremen zogen am 8. März 1951 Frauen mit Schildern durch
die Stadt.
Eine Schilderdemonstration der Bremer DFD-Frauen.77
Gleich nach dem 8. März saßen die DFD-Frauen dann in den Vorbereitungsausschüssen
für die Durchführung der Volksbefragung. Nachdem die Regierung erklärt hatte, dass sie
keine offizielle Befragung durchführen würde, hatten sich viele Akteure aus den Komitees
zurückgezogen. So waren es vor allem die KPD und ihr nahestehende Gruppen, die beschlossen, die Befragung selbst zu organisieren. Daraufhin verbot der Innenminister die
Aktion. Doch trotz Hausdurchsuchungen und Diskriminierungen der Komitees setzten die
1945–1966
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GenossInnen ihre Arbeit fort.78 Am 10. Mai 1951 wurde in verschiedenen Bremer Stadtteilen mit der Befragung begonnen.
Wie es auf Bewohnerversammlungen, die die Komitees organisiert hatten, zuging,
schilderte Alida Klee: „Das Wort ‚Volksbefragung‘ durfte garnicht ausgesprochen werden,
dann kamen hinter dem Vorhang schon die Polizisten hervor und verboten die Veranstaltung.“79 Die Frauen gingen von Haus zu Haus und legten den Menschen die Frage vor:
„Sind sie gegen die Remilitarisierung Westdeutschlands und für einen Friedensvertrag mit
Deutschland?“ Nicht zuletzt dank des Einsatzes und der Kleinarbeit der Frauen konnte
die Kampagne auch in Bremen Erfolge vorweisen. „Nach fünf Wochen veröffentlichte der
Landesausschuß für Volksbefragung ein Zwischenergebnis: Knapp 10.000 Personen waren
befragt worden, 8.144 hatten mit Ja, 253 mit Nein gestimmt; 560 Befragte hatten sich enthalten, 79 ungültig gestimmt.“80 Zweifellos erfüllten die Unterschriftenaktionen nicht die
Anforderungen an eine repräsentative Volksbefragung. Aber sie gaben die antimilitaristische Stimmung in der Bevölkerung wider.
Die Bundesregierung hatte durch ihr Verbot die Befragung nicht verhindern können. Doch
für die AkteurInnen hatte ihre Beteiligung belastende Folgen. Auch die Nichtkommunisten
brachte es in den Verdacht, „Parteigänger Moskaus“ zu sein und sich an illegalen Aktionen
beteiligt zu haben. Außerdem nutzte die Regierung die Gelegenheit, Organisationen aus dem
Umfeld der KPD zu verbieten. Das Verbot der Freien Deutschen Jugend und der Vereinigung
der Verfolgten des Naziregimes wurde damit begründet, „daß diese Organisationen kommunistisch unterwandert seien und daß sie die verbotene Volksbefragung unterstützt“ hätten.81
Für Wiedervereinigung, gegen Remilitarisierung –
Frauentage 1952–1954
Konrad Adenauer hielt an seinem Ziel fest, die Bundesrepublik in die westliche Staatengemeinschaft und ihre wirtschaftlichen und militärischen Bündnissysteme einzugliedern.
Außer der KPD, die diesen Kurs grundsätzlich ablehnte, gab es auch in der SPD und den
Gewerkschaften kritische Stimmen, die davor warnten, mit einer ausschließlichen Orientierung nach Westen die Spaltung Deutschlands zu vertiefen. Die Forderung, statt der
Stärkung eines westlichen Militärbündnisses durch Verhandlungen mit allen vier Besatzungsmächten zu einem Friedensvertrag zu kommen, fand in der Bevölkerung und den
unterschiedlichen politischen Gruppierungen Zustimmung, wie sich bei der Volksbefragung gezeigt hatte.
In den Jahren 1952 bis 1954 bestimmten der Widerstand gegen den Aufbau einer deutschen Wehrmacht und die Forderung nach Verhandlungen mit der Sowjetunion über einen
Friedensvertrag sowie eine Wiedervereinigung Deutschlands die politischen Aktionen der
außerparlamentarischen Opposition. Die DFD-Frauen beteiligten sich an den Kampagnen
und die Internationalen Frauentage bildeten das politische Forum, um besonders Frauen
anzusprechen.
Zum Internationalen Frauentag 1952 veröffentlichte die Tribüne der Demokratie am
6. März einen Beitrag des Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck. Dieser wandte sich
an die „deutschen Frauen und Mütter“ und rief sie auf, sich für die Wiedervereinigung
Deutschlands einzusetzen. Dabei verwies er auf die Initiative der DDR-Regierung, die
den drei Westmächten vorgeschlagen hatte, einen „Gesamtdeutschen Konstituierenden
Rat“ zu bilden.82 Ziel des Vorschlags war es, zu verhindern, dass Westdeutschland in
238
Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
das westliche Verteidigungsbündnis eingebunden würde. Denn diese Pläne nahmen immer konkretere Formen an. So hatte der Bundestag im Februar 1952 zum ersten Mal
öffentlich eine Wehrdienstdebatte geführt. Dagegen propagierten KPD und DFD die
Vorschläge aus der DDR.
Entsprechend lautete die Losung zum Frauentag 1952:
1945–1966
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Der Ring der Frauen, der schützend eine Gruppe von Männern umstellte, wurde zum Symbol des Protestes gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht.83
Unmittelbar nach dem Frauentag ließ Joseph W. Stalin den Botschaften der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Frankreichs gleichlautende Noten zur Deutschlandfrage
übermitteln. Er schlug ein vereintes, souveränes und demokratisches Deutschland vor.
Dabei sollte Deutschland über eine eigene Nationalarmee verfügen, deren Stärke und
Ausrüstung allerdings Kontrollen unterliegen sollten. Als Preis dafür forderte Joseph W.
Stalin strikte Bündnisfreiheit und die dauerhafte Fixierung der Oder-Neiße-Grenze. Zum
Abschluss der angestrebten Verhandlungen sollten die Siegermächte mit dem vereinten
Deutschland einen Friedensvertrag abschließen.84
Doch sowohl die Westmächte als auch Konrad Adenauer verwarfen die Note. Mehr
noch, Konrad Adenauer drängte darauf, die Verhandlungen über den Vertrag zur Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG-Vertrag) und den Generalvertrag/Deutschlandvertrag möglichst schnell unterschriftsreif zu machen.85
Zum Internationalen Frauentag 1953 führte der DFD am 6. März wieder eine „Festveranstaltung“ durch.86 Gleichzeitig organisierten die Frauen von Bremen aus unter dem
Motto „Gegen Generalvertrag für einen Friedensvertrag“ Protestaktionen mit Postkarten
und Briefen an Bundestagsabgeordnete.87 Denn am 19. März 1953 standen im Bundestag
der EVG-Vertrag und der Deutschlandvertrag zur dritten Lesung und endgültigen Abstimmung an. Doch die Protestaktionen änderten nichts am Ergebnis: Mit großer Mehrheit
stimmten die Abgeordneten den Verträgen zu.
Die politischen Ereignisse im weiteren Verlauf des Jahres 1953 hatten für die KPD weitreichende Folgen. Am 17. Juni wurde der Volksaufstand in der DDR mit sowjetischen Panzern niedergeschlagen. Dieses Ereignis beschäftigte die Menschen in der Bundesrepublik,
die mit einer Welle der Sympathie für die Aufständischen reagierten. Der Bundestag erklärte den 17. Juni zum „Tag der deutschen Einheit“. Die Bundestagswahlen im September
1953 standen ganz unter dem Eindruck der Juni-Ereignisse und brachten der CDU 45,2
Prozent der Stimmen und über die Hälfte der Mandate. Auf der Welle dieser Zustimmung
konnte Konrad Adenauer die Westintegration weiter vorantreiben.88
Dagegen erhielt die KPD nur noch 2,2 Prozent der Stimmen und war somit nicht mehr
im Bundestag vertreten. In der Folgezeit verlor sie ihre Mandate in fast allen Länderparlamenten. Sie war zu einer „Splitterpartei“89 herabgesunken, deren politischer Einfluss
immer weiter zurückging.
Nur in Bremen gelang es der KPD, ihre Bürgerschaftsmandate weiterhin zu behaupten.90 Dort konnte sie ihre politische Arbeit auch im parlamentarischen Raum fortsetzen.
Doch weiter sinkende Mitgliederzahlen91 zeigten, dass die KPD auch hier an Einfluss verlor.
Das zeigte sich ebenso zum Internationalen Frauentag 1954. In der Tribüne der Demokratie gab es nur noch wenige Hinweise darauf. Der Bericht auf der Titelseite am 8.
März brachte Informationen über den Frauentag in der DDR und eine Notiz über eine
Kundgebung in Hamburg. Im Veranstaltungskalender druckte die Tribüne den Hinweis
auf die Frauentagsveranstaltungen in Bremen: Der DFD lud zu „Feierstunden anläßlich
des Internationalen Frauentages am 8. März“ ein.92 Für Bremen, Bremen-Gröpelingen, Bremen-Nord und Bremerhaven wurden jeweils Veranstaltungen angekündigt. Doch weitere
Berichte über die Veranstaltungen und ihren Verlauf brachte die Parteizeitung nicht. Zwar
hatte der Vorstand des DFD eine mehrseitige Erklärung zum Frauentag mit dem Aufruf,
„das geplante Wehrgesetz der Regierung Adenauer zu verhindern, herausgegeben.“93 Doch
es gibt keine Hinweise auf Aktionen der Bremerinnen.
240
Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
„Jeden Tag etwas für den Frieden tun“ –
Frauentage 1955 und 1956
Wiederbewaffnung, Bundeswehrgründung und NATO-Mitgliedschaft blieben bestimmende Themen in den innenpolitischen Auseinandersetzungen. Angesichts von Atomwaffenexperimenten in West und Ost wuchs die Angst vor einem Atomkrieg.
Zum Frauentag am 8. März 1955 hatte der DFD in vier Stadtteilen Bremens Feierstunden organisiert. Ihr gemeinsames Motto war: „Gegen Rekrutierung und Atomgefahr
für das Leben und für den Frieden.“94 Die Losungen zu den Frauentagen verbanden die
grundsätzliche Forderung nach Frieden mit einem aktuellen Thema oder einer konkreten
Aktion. So griffen die DFD-Frauen als eine der ersten Gruppen bereits im Jahr 1955 die
Bedrohung durch Atomwaffen auf und machten es zum Thema ihrer Veranstaltungen.
Zum Internationalen Frauentag 1956 erschien am 1. März ein Bericht über eine Aktion russischer Zwangsarbeiterinnen in Bremen zum Internationalen Frauentag 1943: Die
jungen Frauen, die aus der Ukraine nach Deutschland transportiert worden waren und in
Bremen bei der Firma Borgward „Sklavenarbeit“ leisten mussten, hatten sich zum 8. März
ihre Kopftücher rot eingefärbt und marschierten als geschlossene Kolonne schweigend
durch die Fabrikhalle an ihre Arbeitsplätze95. Die jungen Frauen aus der Sowjetunion
hatten mit ihrer Aktion selbstbewusst ihre Identität gegen das Unterdrückungssystem der
Nazis behauptet. Der Autor des Artikels, Albert Oltmanns, verwies mit seinem Erinnerungsbericht auf die Bedeutung des Frauentages und seine kämpferische Geschichte.
Am 3. März erschien in der Bremer Bürger-Zeitung ein Artikel von Anna Stiegler, der
einen völlig anderen Ton anschlug. Anna Stiegler wandte sich gegen die DFD-Veranstaltung zum 8. März. Sie nannte es:
„Internationaler Frauentag unter falscher Flagge!“
Wie in jedem Jahr versucht der Demokratische Frauenbund (DFD) zum 8. März die
sozialdemokratischen Frauen für seine Kundgebung zu gewinnen, die er fälschlicherweise als Internationaler Frauentag bezeichnet.
Wir müssen immer wieder darauf hinweisen, daß es sich hier um eine getarnte Angelegenheit der KPD handelt, die sich nicht scheut, diesen seit 45 Jahren so gut
eingeführten Fest- und Kampftag der sozialdemokratischen Frauen in der gesamten
Internationale für ihre Zwecke auszunutzen. Es sei noch einmal festgestellt: Es gibt
nur einen Internationalen Frauentag, der in diesem Jahr in Bremen am 29. Mai in
der großen Rathaushalle durchgeführt wird.“96
Anna Stiegler warnte davor, an der Frauentagsveranstaltung des DFD teilzunehmen. Sie
sprach den Kommunistinnen und allen Organisationen, in denen diese mitwirkten, das
Recht ab, Veranstaltungen unter dem Namen des Internationalen Frauentages durchzuführen, der Frauentag sei ausschließlich eine sozialdemokratische Institution und die Sozialdemokratinnen seien die legitimen Erbinnen des Beschlusses von Kopenhagen.
Anna Stiegler machte zugleich klar, dass es sich hier nicht um einen lokalen Streit handelte, sondern um eine grundsätzliche und internationale Auseinandersetzung. Denn die
Kommunistinnen benutzten „in der gesamten Internationale“ den Frauentag für ihre Zwecke. Sie verwies damit – ohne den Namen zu nennen – auf die Internationale Demokratische Frauenföderation (IDFF) 97, die mit ihren von den sozialistischen Staaten geförderten
Kongressen und international verbreiteten Publikationen besonders in den Ländern der
1945–1966
241
Dritten Welt erheblichen Einfluss ausübte.98 Mit dieser Erklärung, die Anna Stiegler ausdrücklich als Stellungnahme der SPD-Frauenorganisation abgab, wurde dem DFD und
den Kommunistinnen eine endgültige Absage erteilt.
Der DFD verwies in seiner Erwiderung99 vor allem auf das gemeinsame Erbe. Er vermied
jede Konfrontation und Polemik, betonte vielmehr das gemeinsame Anliegen des Kampfes
für den Frieden und „die Liebe und Sorge um [unsere] Kinder.“ Und unbeirrt von den eindeutigen Abgrenzungen Anna Stieglers verband er seine Gegendarstellung mit dem Vorschlag,
sich gegenseitig an den jeweiligen Veranstaltungen zum Frauentag zu besuchen.100
Doch dieser Kompromissvorschlag hatte keinen Einfluss auf die Entscheidung der
Sozialdemokratinnen. Denn für diese ging es um eine öffentliche Demonstration gegen
die Kommunistinnen. Zugleich sollte damit der sozialdemokratische Frauentag, trotz des
gleichlautenden Namens, vom Odium einer kommunistischen Veranstaltung gereinigt und
als Teil der sozialdemokratischen Tradition gesichert werden. Der Kalte Krieg fand auch
zwischen den Frauenorganisationen der SPD und KPD statt.101
Nach dieser Auseinandersetzung haben sich wahrscheinlich kaum noch Außenstehende bei der DFD-Veranstaltung eingefunden. Doch dem Bericht der KPD-Landesleitung
zufolge waren trotzdem etwa dreihundert Frauen und Männer gekommen.102 Auf der Veranstaltung sprach Cor Verkaik aus den Niederlanden, Leiterin der Niederländischen Frauenbewegung in Amsterdam. Sie überbrachte die Grüße der „holländischen Schwestern“
und berichtete über das Leben der Arbeiterfrauen in ihrer Heimat. Mit einem Redakteur
der Tribüne sprach sie auch über ihren privaten Alltag. Auf die Frage, ob sie arbeite, antwortete sie mit Nein und fuhr lachend fort: „Aber ich bin trotzdem nicht arbeitslos! Jeden
Tag bin ich mit dem Fahrrad unterwegs und tue etwas für den Frieden.“103 Zum Abschluss
ihres Besuchs in Bremen schrieb Cor Verkaik einen persönlichen Gruß an die Bremerinnen, welchen die Parteizeitung veröffentlichte:
Abschiedsgruß der holländischen Freundin. „Ich überbringe die herzlichen Grüße der
holländischen Frauen. Euer Kampf ist auch unser Kampf. In gemeinsamer Arbeit werden
wir die Arbeiter und alle anderen Schichten der Bevölkerung von unserm großen Ziel
überzeugen und werden gewinnen. Herzliche Grüße Cor Verkaik.“104
242
Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
Im Bericht der Landesleitung der KPD Bremen über die Veranstaltung zum Frauentag
wurde festgehalten, dass die Anwesenden eine Entschließung an den Bundesrat geschickt
hätten, in der sie forderten, die Wehrgesetze105 nicht zu verabschieden.106 Die TeilnehmerInnen an dieser Versammlung bekundeten ihre Entschlossenheit, ihre politischen Aktionen fortzusetzen. Doch nur wenige Monate nach dieser Veranstaltung im August 1956
wurde die KPD als verfassungsfeindliche Partei verboten. In der Folge wurde der DFD als
„kommunistische Tarnorganisation“ eingestuft und im April 1957 genauso verboten.
Damit endete diese Phase der Frauentage der Kommunistischen Partei und die kurze
Geschichte des DFD in Westdeutschland.
Die Bremer Sozialdemokratinnen
und ihre Frauentage – 1945 bis 1966
Die SPD-Frauen bauen ihre Strukturen
nach dem Krieg wieder auf
Noch vor der Zulassung der Sozialdemokratischen Partei im Oktober 1945 nahmen die
Sozialdemokraten in Bremen untereinander wieder Kontakte auf und erste kleine Parteigruppen schlossen sich zusammen. Auch die Frauen verabredeten sich, suchten ehemalige
Genossinnen auf und organisierten erste Treffen. Für sie war es selbstverständlich, ihre
Arbeit in den Strukturen fortzusetzen, die ihnen aus der Zeit vor 1933 vertraut waren und
die sich – wie im vorherigen Kapitel dargestellt – auch unter der NS-Herrschaft bewährt
hatten.
Den Neuanfang der Frauengruppen der SPD im Bremer Arbeitervorort Walle beschrieb
Zeitzeugin Luise Heinemann 1987 in einem Interview107: „Und dann hat es auch angefangen, daß wir Frauen zusammenkamen, zuerst in Privatwohnungen. […] Wir haben uns
gegenseitig aufgesucht, und die eine hat diese getroffen und die andere jene, und so sind
wir gewachsen. […] Dann haben wir gespürt, daß es auch wichtig war, sich mit all dem,
was anlag, intensiver auseinanderzusetzen. Es hatte sich ja viel verändert. Und so haben
wir SPD-Frauen angefangen, mit Vortragsveranstaltungen zu Fragen, die vor allem die
Frauen interessierten. […] Und so sind wir eines Nachmittags mit acht oder zehn Frauen
ausgeschwärmt und haben sie alle in den Parzellenhäuschen aufgesucht, und die haben
sich riesig gefreut. Dann haben wir angefangen, in den provisorischen Häusern der Kleingartenvereine, richtigen Bretterbuden, unsere Versammlungen zu machen. Wir haben
wunderbare Versammlungen gehabt, vor allem vor der ersten Bürgerschaftswahl [1946].
Das Kleingärtnerheim war viel zu klein, die Leute drängten sich draußen vor der Tür. Wir
haben auch Bastelarbeiten gemacht und Weihnachtsfeiern veranstaltet. Und wenn eine
Genossin Geburtstag hatte, dann sind wir dahin gegangen und haben gesungen und eine
hat Klampfe gespielt. Es war eine schreckliche Zeit damals, viele Menschen waren verzweifelt, alles war kaputt, aber diese Gruppe war etwas sehr Schönes. Wir kannten uns
von früher, und wir waren miteinander freundschaftlich verbunden.“ Darauf angesprochen,
dass sie wenig über die politischen Inhalte der Arbeit berichtet habe, betonte Frau Heinemann, dass man mit politischen Vorträgen allein die Frauen nicht zusammenhalten könne, „da muß auch ein bißchen Unterhaltung mit dabei sein“.108 Für Luise Heinemann – wie
wahrscheinlich für viele der Sozialdemokratinnen, die sich in der Frauengruppe zusam-
1945–1966
243
mengeschlossen hatten – war der Wunsch nach geselligem Beisammensein ein wichtiger
Grund für die Mitarbeit in der Parteigruppe. Gleichzeitig besuchten die SPD-Frauen auch
politische Zusammenkünfte und beteiligten sich an den Wahlkampfeinsätzen – doch in
Erinnerung geblieben sind die gemeinsamen Feiern.
Schon nach relativ kurzer Zeit hatten die Sozialdemokratinnen viele der ehemaligen
Mitglieder wieder zusammengeholt. Am 1. Januar 1947 hatte die SPD in Bremen 5.042
Mitglieder, darunter rund 1000 Frauen. Mit 18,4 Prozent hatte die Partei zwar noch nicht
den Frauenanteil der frühen 1930er Jahre erreicht, doch der aktuelle Stand war für die
Genossinnen ein ermutigender Anfang.109
Die Bremer Frauengruppe setzte sich im Wesentlichen aus Mitgliedern aus der Zeit vor
1933 zusammen.110 So hatte Anna Stiegler, die nach zehn Jahren Zuchthaus und Konzentrationslager 1946 zurückgekehrt war, sofort wieder ihre Arbeit in der Partei aufgenommen. Bald übernahm sie auch erneut die Leitung der Bremer Frauengruppe. Damit war
die Kontinuität gesichert und verlässliche Strukturen geschaffen. Andererseits ließen diese
von der Parteitradition geprägten Strukturen nicht viel Raum für neue Konzepte oder
aktive Beteiligung von Menschen mit anderen Erfahrungen. So schlossen sich nur wenige
junge Frauen den SPD-Frauengruppen an. Das bestimmte die Position der Frauen in der
Partei: Sie blieben eine Minderheit in einer von Männern geleiteten Arbeiterpartei.
Parallel zum Aufbau der Frauengruppen an der Basis wurden Frauenstrukturen für
die Gesamtpartei geschaffen. Auf dem Parteitag in Hannover wurden zwei Frauen in den
erweiterten Vorstand gewählt und Herta Gotthelf, die frühere Redakteurin der Gleichheit,
der Frauenzeitschrift der SPD vor 1933, erhielt den Auftrag, das Frauenbüro beim Parteivorstand zu übernehmen.111 Im September 1947 konstituierte sich der zentrale Ausschuss
für Frauenfragen beim Parteivorstand, dem zwölf Frauen und vier Männer angehörten.
Ende 1947 erhielt die neue SPD-Frauenzeitschrift Genossin eine vollständige Lizenz der
Besatzungsmächte und konnte in einer Auflage von 20.000 Exemplaren erscheinen112. Der
Kommunikation und der Vernetzung untereinander dienten die Frauenkonferenzen, die
wieder im Jahresrhythmus abgehalten wurden.113
Gleichzeitig fasste der Parteivorstand seine frauenpolitischen Grundsätze in einer „Entschließung zur Frauenfrage“ zusammen. Darin verwies die SPD darauf, dass sie in ihrer
Geschichte immer die Interessen der „arbeitenden Männer und Frauen“ vertreten habe
und auch in der Nachkriegsgesellschaft für die volle Gleichberechtigung aller Frauen eintrete. Die konkreten frauenpolitischen Forderungen der Entschließung lauteten: „Gleicher
Lohn für die gleiche Arbeit, gleiche Ausbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten für Männer
und Frauen, Anerkennung und Wertung der Leistungen der Hausfrauen und Mütter.“
In diesem Zusammenhang wurde ausdrücklich hervorgehoben, dass ein erfolgreicher
Kampf für die Forderungen der Frauen nur von Frauen und Männern gemeinsam geführt
werden könne und „[d]eshalb lehnen die sozialdemokratischen Frauen jede Form einer
Frauenpartei und sogenannter unpolitischer Frauenvereinigungen ab“. Stattdessen wolle
die SPD auch Frauen die Möglichkeiten schaffen, sich – zusammen mit Männern – „in
Staat und Gemeinde“ politisch zu betätigen.
Die Abgrenzung gegenüber den „unpolitischen Frauenvereinigungen“ richtete sich vor
allem gegen die überall entstehenden Frauenausschüsse. Die Sozialdemokratinnen lehnten solche Formen der Organisierung als weiblichen Separatismus ab und forderten die
Genossinnen auf, sich aus den Ausschüssen zurückzuziehen und auf den Aufbau der
eigenen Parteifrauenarbeit zu konzentrieren. Die Ablehnung dieser Frauenorganisationen
war aber nicht nur eine Frage politischer Prinzipien – vielmehr hatte die Partei feststellen
müssen, dass die Ausschüsse zu einer Konkurrenz für die eigene Frauenarbeit wurden. In
244
Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
nahezu allen Frauenausschüssen engagierten sich SPD-Frauen, oft waren sie, wie in Bremen, sogar Mitgründerinnen und Vorsitzende. Diese Entwicklung konnte die Partei nicht
ohne Gegenwehr hinnehmen.114
Die Sozialdemokratinnen organisieren
den Internationalen Frauentag – 1949
Bereits im Jahrbuch der SPD von 1947 wurde von Kundgebungen zum Internationalen
Frauentag berichtet. Nach ersten internationalen Kontakten wurden auf den Veranstaltungen zum Frauentag Botschaften von sozialdemokratischen Frauengruppen aus England, Skandinavien, Österreich und Holland verlesen.115
Doch erst 1949 rief die SPD in den drei westlichen Besatzungszonen zum Internationalen Frauentag auf. Am Freitag, dem 11. März 1949, druckte die Bremer Volksstimme,
das Parteiorgan der Bremer SPD, den Aufruf des Parteivorsitzenden Dr. Kurt Schumacher
„Zum Internationalen Frauentag – Frieden und Freiheit durch internationale Solidarität“.
Kurt Schumacher forderte die Frauen auf, am Aufbau des „neuen Hauses“ Deutschland
mitzuwirken. Sie sollten ihre „Fremdheit“ gegenüber der Politik überwinden, Politik sei
nichts, was den Frauen wesensfremd sei. Sie müssten nur in sich „hineinhorchen“, um
wahrzunehmen, „daß der Frieden, die internationale Zusammenarbeit und das Leben in
gegenseitiger Achtung die Ziele sind, die ihrem Wesen als Frau entsprechen“.116 Kurt Schumacher sah in Frauen Friedensstifterinnen. Er forderte sie auf, ihre aus seiner Sicht natürlichen Fähigkeiten in die Politik einzubringen und mitzuhelfen, einen sozialen Staat der
Freiheit und des Friedens zu gestalten. Mit diesem Aufruf appellierte der Vorsitzende auch
an die Partei, den Internationalen Frauentag als sozialdemokratischen Fest- und Agitationstag wieder in das politische Leben und den Rhythmus des Parteijahres aufzunehmen.
In Bremen hatte Anna Stiegler als Vorsitzende der SPD-Frauengruppe am 14. März
zur ersten Kundgebung aus Anlass des Internationalen Frauentages eingeladen. „Die
Aula der Hermann Böse-Schule war bis auf den letzten Platz gefüllt, als Anna Stiegler
die Grüße und Aufrufe vom In- und Ausland zu Kenntnis gab.“117 Trotz der durch die
Nationalsozialisten erzwungenen Pause wurde die erste Versammlung nach sechzehn
Jahren ein Erfolg.
Die Bremer SPD feierte die wiedererstandene Tradition: Die Grußadressen zeigten,
dass die deutschen Sozialdemokratinnen in der Internationale der Sozialistinnen willkommen waren. Den Festvortrag hielt Käthe Schaub, SPD-Landtagsabgeordnete aus
Nordrhein-Westfalen. Sie sprach über die Bedrohung durch einen möglichen Atomkrieg.
Doch es seien schließlich Menschen, die Kriege herbeiführten, und deshalb könne er
auch durch eine „geschlossene Abwehrfront der Frauen und Mütter“ verhindert werden. „Die Erhaltung des Friedens muß die wichtigste Erziehungsaufgabe an der Jugend
sein.“118
„Frieden – Freiheit – Internationale Solidarität“ wurden die Leitmotive für die Frauentage der fünfziger Jahre. Nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges und den
Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki hatte das Friedensthema eine besondere Bedeutung gewonnen. Einer Welt, in der sich zwei Systeme bewaffnet gegenüberstanden, stellten die Frauen ihre Friedenskundgebungen entgegen, auf denen sie
als internationale Bewegung gemeinsam ihre Forderungen nach Abrüstung und Frieden
in Freiheit erhoben.
1945–1966
245
Mit den Begriffen Frieden und Freiheit verband die SPD ein politisches Programm.
Für die Sozialdemokraten konnte Frieden nur im politischen Rahmen einer parlamentarischen Demokratie verwirklicht werden. In allen Friedensverhandlungen waren freie
Wahlen und die Freiheit des Einzelnen die Prüfsteine, an denen die Ernsthaftigkeit eines
Friedensangebotes gemessen werden musste.
Frauenpolitik in der Bundesrepublik
der 1950er Jahre
1949 entstanden aus den vier Besatzungszonen zwei deutsche Staaten: die Bundesrepublik Deutschland (BRD) und die Deutsche Demokratische Republik (DDR). Am 23. Mai
1949 war das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland in Kraft getreten und
damit auch sein Artikel 3, der sowohl die Gleichberechtigung von Männern und Frauen
als auch ein Verbot der Diskriminierung aufgrund des Geschlechtes vorsah:
Artikel 3
1. Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
2. Männer und Frauen sind gleichberechtigt.
3. Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder
politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.119
Das Leben der Frauen in der neu gegründeten Bundesrepublik wurde jedoch kein Aufbruch in die Gleichberechtigung. Im Gegenteil erlebten die Frauen wieder einmal, dass
Männer ihre Vorrangstellung am Arbeitsmarkt durchsetzten. Es begann in den fünfziger
Jahren eine regelrechte Kampagne gegen die Erwerbstätigkeit verheirateter Frauen, gegen
die sogenannten Doppelverdienerinnen. Auch Gewerkschaften und Betriebsräte beteiligten sich daran.120
Vor allem wurde dabei die Erwerbstätigkeit von Müttern kritisiert, sie sollten zurückkehren zu ihren Aufgaben als Hausmütter. Denn das Idealbild und die allgemein propagierte weibliche Lebensperspektive für die Frau war ihr Dasein als Hausfrau und Mutter.
Die Ansicht, dass die Betreuung und Versorgung der Kinder in den Familien – das heißt
von den Müttern – zu gewährleisten sei, wurde nicht nur von konservativen Kreisen und
vom 1953 ins Leben gerufenen Familienministerium vertreten, auch die Gewerkschaften
stimmten in den Chor mit ein. Maria Weber, die Vertreterin der Frauen im Hauptvorstand
des DGB, vertrat den Standpunkt, „es wäre wünschenswert, wenn in eindringlicher Weise
von allen Organisationen und Institutionen ohne verletzende Äußerungen den Familien
klar gemacht würde, wie wertvoll die Mutter daheim für die Familie ist und daß nur materielle Not Zwang sein dürfte, wenn Mütter mit kleinen Kindern einer Erwerbstätigkeit
nachgehen.“121 Auch für die Sozialdemokraten gehörte die von der Erwerbsarbeit freigestellte Hausfrau und Mutter, die die Versorgung und Betreuung der Kinder leistete, zum
Leitbild ihrer Frauenpolitik.122
Trotz solcher Stellungnahmen und der Kampagne des Familienministers Franz Josef
Würmeling unter dem Motto „Wie kann die Frau der Familie zurückgegeben werden?“123
gelang es nicht, die berufstätigen Mütter an den häuslichen Arbeitsplatz zurückzuholen.
Im Gegenteil: Die Berufstätigkeit der Mütter nahm weiter zu.124
246
Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
Doch diese neue Entwicklung fand in den SPD-Frauengruppen in Bremen wenig Beachtung. Keine Veranstaltung beschäftigte sich mit dem Thema. Auch die Forderung nach
dem Ausbau von öffentlichen Erziehungseinrichtungen für Kinder wurde nicht erhoben,
galten doch solche Maßnahmen als spezifische Erscheinung der kommunistischen Länder.
Erst 1963 forderte die sozialdemokratische Senatorin für Jugend und Wohlfahrt, Annemarie Mevissen, die berufstätigen Mütter auf, sich ihrer Macht bewusst zu werden und
vom Staat mehr Kindereinrichtungen zu fordern.125 Die politische Frauenarbeit der Bremer
Sozialdemokratinnen in den fünfziger Jahren wurde weitgehend von den Interessen der
Hausfrauen bestimmt, in deren Händen die Frauenarbeit im Wesentlichen lag.
Die politische Arbeit der SPD-Frauen in Bremen
Die politische Arbeit der SPD-Frauen in Bremen wurde von einem Kreis aktiver Frauen
um die Vorsitzende Anna Stiegler bestimmt und koordiniert. Die Frauengruppen waren
nach dem SPD-Organisationsmuster distriktweise organisiert. Der Ortsverein Bremen war
in 26 (1949) beziehungsweise 32 (1959) Distrikte unterteilt.126 In der Mehrzahl der Distrikte gab es Frauengruppen, die sich regelmäßig zum Austausch und zum gemütlichen
Beisammensein trafen. Mehrmals jährlich organisierte die Gruppe öffentliche Veranstaltungen, Kulturabende wechselten mit Vorträgen oder Filmvorführungen ab. Sehr beliebt
waren vor allem die Ausflüge im Sommer. Die Treffen und Veranstaltungen wurden im
Weser-Kurier unter der Rubrik „Aus unserem Notizbuch“ und in der Parteizeitung unter
„Aus der SPD Bremen“ angekündigt.
Die Frauengruppen hatten eine doppelte Funktion. Für die Mitglieder war die Gruppe wichtiger Freizeittreff, diente dem Erfahrungsaustausch und stärkte das Gefühl der
Zusammengehörigkeit. Zugleich fungierte die Gruppe als Multiplikator und wirkte nach
außen in den Stadtteil, zum Beispiel wenn die Frauen als Wahlhelferinnen im Einsatz
waren. Da die meisten von ihnen Hausfrauen waren, konnten sie tagsüber Flugblätter
verteilen, beim Einkauf Gespräche führen und für die Parteikandidaten werben. Über den
Einsatz bei der Bundestagswahl 1957 schrieb Anna Stiegler in ihrem Jahresbericht: „In den
Distrikten haben die Genossinnen fleißig mitgearbeitet. Als Belohnung machten wir mit
den Wahlhelferinnen einen Ausflug nach Bad Essen.“127
1945–1966
247
In Anna Stieglers Jahresbericht aus dem Jahr 1956 konnte man nachlesen, welch ein
Arbeitspensum die 125 Funktionärinnen in dem Jahr bewältigt hatten.128 Neben der Gruppenarbeit in den Distrikten stand das Programm der zentralen Aktionen für den gesamten
Ortsverein:
Jahresbericht der Frauengruppen Bremen und Bremen-Nord für das Jahr 1956. Quelle:
AdsD/FES; siehe auch die nächste Seite.
248
Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
Bericht über die Arbeit der Gruppen in den Wohngebieten (Distrikte) das Jahr 1956.
Quelle: AdsD/FES
1945–1966
249
So gab es einmal die Veranstaltungen in den Distrikten, die die Genossinnen „in sechzig
Sitzungen“ vorbereitet hatten. Dazu kam die Organisierung von zentralen Aktionen. Für
eine Reihe von Veranstaltungen hatte sich ein jahreszeitlicher Rhythmus herausgebildet:
von der Frühlingsfeier über Ferienausflüge im Sommer bis zur Weihnachtsfeier. Den jährlichen Höhepunkt bildete die große Veranstaltung zum Internationalen Frauentag, die mit
rund 900 TeilnehmerInnen die bestbesuchte Versammlung war.
Zwar fanden auch Vortragsabende zu politischen Themen statt, doch dazu stellte Anna
Stiegler fest:
„Wir sehen auch hier wie überall, daß Feierstunden, gesellige Veranstaltungen und auch
Filme die Frauen mehr anziehen als reine Vorträge und Diskussionen. Natürlich werden
auch in diesen Veranstaltungen entsprechende Ansprachen gehalten.“129 Anna Stiegler
über die politische Frauenarbeit.
Insgesamt hatten die Bremer Genossinnen politische, kulturelle und freizeitliche Aktivitäten über das ganze Jahr verteilt. Nicht zuletzt durch diese kontinuierliche Präsenz und das
persönliche Engagement vieler Genossinnen stieg die Zahl der weiblichen Parteimitglieder
weiter an – während die Gesamtpartei zwischen 1948 und 1955 fast ein Drittel ihrer Mitglieder einbüßte.130
Allerdings war damit das Nachwuchsproblem auch in Bremen nicht gelöst. Im oben
zitierten Jahresbericht der Frauengruppe zeigte die Altersverteilung der Funktionärinnen,
dass von den 125 Frauen nur 25 jünger als 40 Jahre und fast die Hälfte über 50 Jahre alt
waren. Nur zwei Funktionärinnen waren erwerbstätig.131 Das bedeutete, dass die junge
Frauengeneration, und damit die berufstätigen Frauen, auf die Entwicklung und Gestaltung der Frauenarbeit kaum Einfluss nahmen.
Für die Sozialdemokratinnen blieb in den fünfziger Jahren die Friedensforderung das zentrale Thema der Internationalen Frauentage. Die Rednerinnen waren in der Regel bekannte
Sozialdemokratinnen, Bundestagsabgeordnete oder auch Mitglieder des zentralen Ausschusses für Frauenangelegenheiten.132 Sie nutzten die Veranstaltungen zur Kritik an der
Politik der Bundesregierung und um die Standpunkte und Forderungen der SPD zu erläutern. Gleichzeitig grenzten sie sich in ihren Friedenserklärungen von den Kommunisten
ab, obwohl diese – bezogen auf die Adenauer-Regierung – durchaus ähnliche Positionen
vertraten. In den Referaten wurden die Forderungen nach Frieden und Verständigung
deshalb mit den Prinzipien eines Lebens in Freiheit und einer parlamentarischen Demokratie westlicher Prägung verknüpft. Diese Wortverbindung „Frieden in Freiheit“ wurde
zur stehenden Redewendung, die die Westorientierung der SPD und die Ablehnung des
sowjetischen Systems zusammenfasste.
250
Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
Abgrenzung zur KPD-Veranstaltung:
der sozialdemokratische Frauentag 1950
1950 wurde die 40. Wiederkehr des Internationalen Frauentages unter dem Motto „Durch
soziale Gerechtigkeit zum Weltfrieden“ gefeiert. Das Frauenbüro hatte Material zur Durchführung der Veranstaltungen zusammengestellt und „Sammlungen von Liedern und Gedichten sowie Rededispositionen herausgegeben und an die Presse besondere Frauentagartikel verschickt“.133
Gleichzeitig war das Frauenbüro bestrebt, die internationale Bedeutung des Tages herauszustellen. Die Internationale der sozialdemokratischen Frauen hatte begonnen, die
Frauentagaktionen zu koordinieren, sie wählte das einheitliche Motto der Frauentage aus.
Auch der Austausch von Referentinnen zwischen den Ländern wurde ausgebaut und das
Verlesen von Grußadressen aus verschiedensten europäischen und außereuropäischen
Ländern wurde in den Veranstaltungen zu einem regelmäßig wiederkehrenden Programmpunkt.
An die Idee einer Internationale der Frauen knüpften auch die Grenztreffen an, die
in den fünfziger Jahren zunehmend an Bedeutung gewannen und über die im Laufe des
Kapitels noch ausführlich berichtet wird. 1950 gab es eine erste Initiative. An der Kundgebung der österreichischen Genossinnen in Salzburg nahmen nicht nur Herta Gotthelf und
Lotte Lemke als offizielle Vertreterinnen der SPD teil, sondern auch ein Gruppe Sozialdemokratinnen aus Rosenheim war eigens angereist und marschierte im Demonstrationszug
der Österreicherinnen mit.134
Obwohl die Frauentagsveranstaltungen im Jahr 1949 auf ein positives Echo gestoßen
waren, standen Teile der SPD und des Parteivorstandes dem Projekt eines Internationalen Frauentages der Sozialdemokratie offensichtlich skeptisch gegenüber. Zumindest
hielten die Autorinnen des Frauenkapitels im SPD-Jahrbuch 1950/51 eine Rechtfertigung erforderlich: „Trotz anfänglicher Bedenken hat sich doch herausgestellt, daß der
Internationale Frauentag, wenn die Veranstaltungen gut durchdacht und gut aufgezogen
sind, ein wertvolles Propaganda- und Erziehungsmittel darstellen.“135 Die Frauen hielten
ihren Kritikern entgegen, dass der Frauentag ein wertvolles Werbemittel sei und die teilnehmenden Frauen gleichzeitig parteipolitisch geschult würden. Offensichtlich konnten
diese Argumente sowie der Erfolg der Veranstaltungen im Jahr 1950 die Bedenken ausräumen, denn für die darauf folgenden Jahren finden sich keine weiteren Hinweise auf
kritische Stimmen.
Zu dieser Akzeptanz innerhalb der Partei hatte wesentlich die eindeutige Abgrenzung
der SPD-Frauen gegenüber den Veranstaltungen der Kommunistinnen beigetragen, wie
es zum Beispiel die Bremer Sozialdemokratinnen praktizierten. Anna Stiegler protestierte
bis 1956 fast jedes Jahr in öffentlichen Stellungnahmen gegen die Veranstaltungen der
KPD und des DFD und wies die Angebote zur Zusammenarbeit konsequent zurück.136
1950 sahen sich die SPD-Frauen mit dem Problem konfrontiert, dass ihre Veranstaltung
am 27. März im großen Saal des Rathauses stattfinden sollte und dass für den 7. März
das „Vorbereitungskomitee zum Internationalen Friedenstag der Frauen“ in den Festsaal
des neuen Rathauses einlud. Um Klarheit zu schaffen, veröffentlichte die Bremer Presse –
die sozialdemokratische Parteizeitung – am 7. März 1950 unter dem Titel „Entlarvte kommunistische Propaganda“ eine Stellungnahme der Frauengruppe der SPD. „Um einer Irreführung der Öffentlichkeit entgegenzuwirken, stellen wir fest: es handelt sich bei der
heutigen Friedenskundgebung um eine rein kommunistische Veranstaltung, die mit dem
1945–1966
251
sozialdemokratischen Frauentag nichts zu tun hat. Dieser findet am 27. März in der Oberen Rathaushalle statt.“137
Über Aktionen der Sozialdemokratinnen zum Internationalen Frauentag wurde in
der Bremer Parteipresse bereits in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren ausführlich berichtet. Diese Zusammenarbeit wurde auch nach dem Krieg fortgesetzt. Alljährlich wurden die Kundgebungen angekündigt, gelegentlich gab es Vorberichte und im
Anschluss an die Veranstaltung wurde ausführlich über deren Verlauf informiert. Am
23. März 1950 veröffentlichte die Bremer Presse die Erläuterungen Anna Stieglers zur
Geschichte und Bedeutung des Internationalen Frauentages. Damit sollte der in der
NS-Zeit herangewachsenen Generation dieser Teil der Geschichte der Sozialdemokratie
nahe gebracht werden.138
Zur Feierstunde am 27. Mai waren in der „festlich geschmückten“ oberen Rathaushalle
alle Plätze besetzt. Für die Sozialdemokratie Bremens war diese Veranstaltung ein Stück
wiedergewonnene Tradition. In ihrer Eröffnungsansprache wies Anna Stiegler auf einen
der Erfolge des Internationalen Frauentages hin, dass nämlich in der Zwischenzeit Frauen
in die Rathäuser eingezogen seien, „wo sonst hier nur Männer ihre Meinungen in die Waagschale werfen durften“. Trotzdem müssten die Frauen auch noch 1950 „ihre Forderungen
auf Gleichheit, Frieden und Freiheit“ in der Öffentlichkeit erheben.
Die SPD-Bundestagsabgeordnete Anni Kranstöver kritisierte in ihrer Rede vor allem die
Wirtschaftspolitik von Ludwig Ehrhard, dessen Maßnahmen „nicht zum Wohle der breiten
Masse durchgeführt werden.“139 Nach ihrem Vortrag wurde die Feierstunde mit dem Gesang des Kinderchores beendet.
Mit dieser Veranstaltung hatten die Sozialdemokratinnen in Form und Inhalt an die
Festakte der zwanziger Jahre angeknüpft. Auch der Kreis der Adressatinnen war weitgehend gleich geblieben. Eingeladen wurden vor allem die Kolleginnen aus der Gewerkschaft
sowie die Frauen der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und aus dem Konsumverein. Natürlich wurden auch Freunde und Bekannte mitgebracht und die Tradition an die nächste Generation
weitergegeben. „Oma hat mich mitgenommen. Wir hatten uns richtig fein gemacht, Oma
im Samtkleid. Es war eine Festveranstaltung.“ Rita Rußland konnte sich auch im Gespräch
im Juli 2010 noch an die beeindruckenden Versammlungen zum Frauentag in Bremen im
Rathaussaal erinnern.140
Der Internationale Frauentag blieb bis zu seinem vorläufigen Ende 1966 eine Aktion
der Partei-Frauen. „Für die Gewerkschaften spielte dieser Tag keine eigenständige Rolle.“141
Im Vergleich zu den Festakten in der Weimarer Republik gab es jedoch eine entscheidende
Veränderung: die neue Rolle der Bremer SPD als Regierungspartei, die den Internationalen Frauentagen einen besonderen Glanz verlieh. Jetzt konnten die Sozialdemokratinnen
auf einmal in den Festsaal des Rathauses einladen, vor dessen verschlossenen Türen die
Frauendemonstration 1911 noch geendet hatte. Jetzt, im Jahr 1950, konnten die SPD-Frauen über die Geschicke der Stadt mitbestimmen – doch zurecht wies Anna Stiegler darauf
hin, dass viele Forderungen der Frauen noch immer nicht erfüllt seien.
Verschwunden waren dagegen die lauten Kampfansagen aus dem Frauentagprogramm. Es gab keinen gemeinsamen Gesang von Arbeiterliedern und auch keine
Demonstrationszüge mehr. Die Naziaufmärsche, die gebrüllten Kommandos und der
Massengesang von Naziliedern waren allen noch im Gedächtnis, alles, was daran erinnerte, wurde vermieden. Und die Sozialdemokratinnen wünschten keine proletarischen klassenkämpferischen Veranstaltungen mehr – ihre Veranstaltungen sollten
sich schon im äußeren Erscheinungsbild von den Aktionen der Kommunistinnen
unterscheiden.
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Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
„Frauen kämpfen für Frieden und Freiheit“ –
Frauentage 1951 bis 1956
Für die Sozialdemokratinnen selbst war der Internationale Frauentag ein jährlich wiederkehrendes Ritual, mit dem sie sich der Öffentlichkeit präsentierten und miteinander ihre
Gemeinschaft feierten. In der ersten Hälfte der fünfziger Jahre kämpfte die SPD als Oppositionspartei gegen die Pläne Konrad Adenauers, die Bundesrepublik in das westliche
Militärbündnis einzubeziehen und in der BRD wieder eine eigene Wehrmacht aufzubauen.
Der Haupteinwand gegen diese Politik war, dass damit Friedensverhandlungen mit der
Sowjetunion und eine Wiedervereinigung unmöglich würden. Die Internationalen Frauentage boten der Partei ein Forum, auf dem sie den Besucherinnen ihre Alternativen zur
Politik der CDU vorstellen und erklären konnte.
1951 wurde der Frauentag unter dem Motto „Frauen kämpfen für Frieden und Freiheit“
begangen. Das Frauenbüro veröffentlichte dazu eine Stellungnahme Kurt Schumachers.
Da die „Aufrüstung in den Diktaturen“ des Ostens und die entsprechenden Gegenmaßnahmen im Westen eine Bedrohung für den Frieden und die Freiheit darstellten, rief dieser
die Frauen dazu auf, sich verantwortlich und aktiv am politischen Leben zu beteiligen.142
Der Appell bestimmte auch die Frauenversammlung vom 16. April 1951. Zum Abschluss
verabschiedeten die Teilnehmerinnen die zentrale Erklärung:
„Wir sozialistischen Frauen geloben, überall für den wahren Frieden einzutreten,
unsere Kinder in diesem Sinne zu erziehen und unsere Jugend zu lehren, Gewalt
und Diktatur zu verabscheuen und die höchsten Güter der Menschheit, Demokratie
und menschliche Freiheit, zu bejahen und wenn es sein muß, auch zu verteidigen.“143
Diese Resolution war ein Bekenntnis zur westlichen parlamentarischen Demokratie und
eine politische Grenzziehung zur Sowjetunion und den anderen Staaten des „Ostblocks“,
wie es in der Sprache des Kalten Krieges hieß. Zugleich wurde die Zuständigkeit der Frauen und Mütter für die Erziehung der Kinder unterstrichen. Die Frauen übernahmen in
Form einer Selbstverpflichtung die Rolle als Friedenserzieherinnen.
Auf der Frauentagsveranstaltung in Bremen am 21. März 1952 sprach Louise Schröder,
ehemalige Oberbürgermeisterin von Berlin, über die Friedenskonzepte der Sozialdemokratie und stellte abschließend fest: „Der beste Schutz für den Frieden ist die soziale
Sicherung und ein einiges Deutschland.“144 Sie forderte die Frauen auf, für Frieden und
Freiheit ihre ganze Kraft einzusetzen.
1953, im Jahr der Bundestagswahl, waren die SPD-Frauen in den Wahlkampf eingespannt und auch der Frauentag stand „im Zeichen der Wahlvorbereitungen“.145 Die bevorstehende Bundestagswahl hatte bewirkt, dass am Internationalen Frauentag in Bremen
das Thema Gleichberechtigung der Frau behandelt wurde. Auf der Kundgebung in Bremen am 16. April sprach Beate Reiser, Bezirkssekretärin in Niedersachsen und eine der
wenigen hauptamtlichen Parteisekretärinnen. Sie wies in ihrem Redebeitrag darauf hin,
dass die Forderungen des Internationalen Frauentages nach voller Gleichberechtigung der
Frau nur zu einem Teil erfüllt seien, „die wirtschaftliche Seite bedürfe noch vieler Arbeit“.
Deshalb benötige die Bundesrepublik eine Wirtschaftsordnung, „die sich nach den Bedürfnissen der Menschen richte, die in ihr arbeiteten“.146 Über konkrete Vorschläge und
Forderungen, auch bezogen auf die bevorstehende Bundestagswahl, wurde auf der Kundgebung dagegen nicht gesprochen.
1945–1966
253
1954 war die Bedrohung des Friedens wieder das beherrschende Thema des Frauentages. Der Ausschuss für Frauenfragen beim Parteivorstand veröffentlichte einen Aufruf
gegen das Wettrüsten und gegen die latente Gefahr des Einsatzes von Atomwaffen. Der
Leitgedanke: „Wettrüsten führt zum Krieg, wir fordern Frieden durch Verständigung“, bestimmte auch die Kundgebung am 13. Mai 1954 in Bremen.
Das kulturelle Rahmenprogramm wurde durch eine Tonbandübertragung erweitert.
Zu hören waren die Stimmen japanischer, dänischer, jugoslawischer und österreichischer
Frauen, die die Grüße aus ihren Ländern auf Band gesprochen hatten.
Konrad Adenauers Pläne zur Schaffung einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft
(EVG) scheiterten im Sommer 1954 an der Ablehnung der französischen Nationalversammlung. Doch die Hoffnung der SPD, „nun sei […] Wiederbewaffnung und Rüstungsproduktion
für lange Zeit Illusion“, erfüllte sich nicht.147 Die Bundesregierung vereinbarte schon wenige
Wochen später mit der Regierung der USA die Aufnahme der BRD in die Nato. Die neu zu
schaffende Bundeswehr sollte 500.000 Mann umfassen und dem Natokommando unterstellt
werden. Bereits am 23. Oktober 1954 wurden die Vereinbarungen – die Pariser Verträge –
von den Außenministern Belgiens, der Bundesrepublik, Frankreichs, Großbritanniens, Italiens, Luxemburgs, der Niederlande, Kanadas und der USA unterzeichnet. 148
Gegen dieses Vorgehen der Regierung organisierten SPD und Gewerkschaften erstmals
eine außerparlamentarische Bewegung. Am 29. Januar 1955 riefen der SPD-Vorsitzende
Erich Ollenhauer, der stellvertretende DGB-Vorsitzende Georg Reuter, der Soziologe Alfred
Weber und der Theologe Helmut Gollwitzer zu einer Protestversammlung gegen die Pariser Verträge in der Frankfurter Paulskirche auf. Die rund eintausend TeilnehmerInnen
verabschiedeten das „Deutsche Manifest“. Dessen Warnruf lautete: „Die Antwort auf die
deutsche Schicksalsfrage der Gegenwart – ob unser Volk in Frieden und Freiheit wiedervereinigt werden kann, oder ob es in dem unnatürlichen Zustand der staatlichen Aufspaltung und einer fortschreitenden menschlichen Entfremdung leben muß – hängt heute in
erster Linie von der Entscheidung über die Pariser Verträge ab. […] In dieser Stunde muß
sich jede Stimme, die sich frei erheben darf, zu einem unüberhörbaren Warnruf vor dieser
Entwicklung werden.“149
Das Motto für den Frauentag 1955 nahm den Gedanken der Paulskirchenbewegung
auf: „Frieden durch Verständigung. Freundschaft umspanne die Welt.“ Auf der Veranstaltung am 22. April erinnerte Anna Stiegler in ihrer Begrüßung an den Warnruf der SPD vor
1933: „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg“. Daran knüpfte sie die Überlegung, dass die Warnung heute heißen müsse: „Wer die Aufrüstung wählt, wählt den Krieg!“ Die Referentin
war Annemarie Renger, langjährige Mitarbeiterin Kurt Schumachers. Annemarie Renger
erläuterte die Grundzüge der Pariser Verträge und dass damit eine neue Rüstungsspirale
in Gang gesetzt würde. Dabei sei jede Aufrüstung eine Bedrohung und man wisse nicht,
wohin das führe.150
Solche Floskeln prägten auch die anderen Reden auf den Frauentagkundgebungen, die
Beiträge waren sehr allgemein. Die Referentinnen beließen es bei Appellen an die Teilnehmerinnen, sich für den Frieden einzusetzen und ihre Kinder in diesem Geiste zu erziehen.
Keiner der Vorträge setzte besondere Akzente und von den Veranstaltungen gingen keine
Impulse für weitere politische Aktionen aus. Die Vorträge waren Festvorträge, politische
Kontroversen wurden nicht thematisiert. Vor allem wurde Wert darauf gelegt, dass die
Positionen der SPD vertreten wurden.
Die Referentin des Frauentages 1956 war Mitglied im Bundesfrauenausschuss beim
Parteivorstand der SPD. Die ehemalige Hamburger Senatorin, Paula Karpinski, sprach am
29. Mai in der Rathaushalle. Ihr Thema war die mangelhafte Versorgung und Betreuung
254
Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
der Kinder erwerbstätiger Mütter. Sie sah in der Zunahme der Berufstätigkeit verheirateter
Frauen eine Besorgnis erregende Entwicklung für die Erziehung der Kinder, denn „jedem
vierten Kind in der Bundesrepublik fehlte die Pflege der Mutter“. Deshalb kritisierte sie die
völlig unzureichende Unterstützung der Familien durch die CDU/CSU-Regierung. Demgegenüber fordere die SPD, dass staatliche Familienhilfen wie etwa das Kindergeld so bemessen sein sollten, dass Mütter nicht aus wirtschaftlicher Not arbeiten müssten.151
In dieser Rede ging es zwar zunächst um eine Kritik an der Regierungspolitik der
CDU/CSU – doch zugleich wurde den Anwesenden vermittelt, dass auch für die SPD die
wichtigste Lebensaufgabe der Frau darin bestand, ihre Rolle als Hausfrau und Mutter zu
erfüllen. Dabei waren unter den Zuhörerinnen sicherlich zahlreiche Arbeiterfrauen, die
sich von diesem Leitbild verabschiedet hatten. Denn auch in Bremen drängten die Mütter
in die neuen Berufe im Dienstleistungsgewerbe. Und weil es kaum Kinderbetreuungsplätze
gab, spannten sie Familienangehörige ein oder nahmen Teilzeitjobs an.152 Wahrscheinlich
hat keine der Anwesenden aus der Rede Paula Karpinskis persönliche Konsequenzen gezogen – allerdings hat sich auch kein Widerspruch dazu geregt.
Trotz der sichtbar veränderten Lebensrealität hielten die Sozialdemokratinnen also beharrlich an ihrem Frauenbild fest: Das Recht der Frauen auf Erwerbsarbeit endete dort, wo
kleine oder schulpflichtige Kinder zu versorgen waren. Diese Aufgabe hatten ausschließlich die Mütter zu übernehmen.153
Als Teil der Bewegung „Kampf dem Atomtod“ –
Frauentage 1957 und 1958
Die Veranstaltungen der Internationalen Frauentage 1957 und 1958 trugen einen völlig
anderen Charakter. Die Sozialdemokratinnen in Bremen beteiligten sich an den aktuellen
politischen Protesten gegen die Atombewaffnung der Bundeswehr.
Seit Jahren testeten die Großmächte, die USA und die Sowjetunion, aber auch Frankreich und Großbritannien, ihre Atomwaffen. Gegen diese Versuche hatte sich eine internationale Anti-Atom-Bewegung entwickelt. Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer richtete Appelle an die Weltöffentlichkeit, die Atomgefahr zu beseitigen, Naturwissenschaftler
initiierten eine erste Konferenz zur Rüstungskontrolle und „in Japan bildete sich – als Konsequenz der Atombombenabwürfe im Zweiten Weltkrieg und der neuerlichen britischen
Tests im Pazifik – der weltweit stärkste Anti-Atom-Protest aus“.154
In der Bundesrepublik löste vor allem die von den USA erklärte Absicht, in Europa
taktische Atomwaffen zu stationieren, Protest aus. Doch zum zentralen Streitfall geriet
die Forderung der Bundesregierung nach Atombewaffnung der Bundeswehr. Dazu wandte
sich Konrad Adenauer am 4. April 1957 an die Öffentlichkeit. Er bezeichnete die neu
entwickelten taktischen Atomwaffen als eine „Weiterentwicklung der Artillerie, an der
auch die Bundeswehr teilhaben müsse.“155 Auch als Reaktion auf diese Stellungnahme
Adenauers traten am 12. April 1957 führende bundesdeutsche Atomwissenschaftler mit
der „Göttinger Erklärung“ an die Öffentlichkeit. Sie warnten vor der Verharmlosung taktischer Atomwaffen und lehnten die Mitwirkung an Herstellung, Erprobung und Einsatz
von Atomwaffen entschieden ab. Die „Göttinger Achtzehn“ forderten, die Bundesregierung
müsse grundsätzlich auf eine Atombewaffnung verzichten.156
Ihre Erklärung war die Initialzündung für eine Protestbewegung, die sich auf eine breite
Zustimmung in der Bevölkerung stützen konnte. In Bremen spielten die SPD und die Ge-
1945–1966
255
werkschaften dabei eine besonders aktive Rolle. Es gab Massenkundgebungen, vor allem
der 1. Mai wurde zum Protesttag gegen die Atomwaffen.157
Unter den Bremer Frauen entwickelte sich währenddessen eine eigenständige Initiative gegen die atomare Rüstung: Die kommissarische Leiterin der Bremer Gruppe des
„Kampfbundes gegen Atomschäden“ übernahm eine von Göttinger Pädagoginnen eingeleitete Initiative für einen Frauenappell gegen die atomare Rüstung und sammelte in
Bremen dafür Unterschriften. Die Unterzeichnerinnen bekundeten ihre Zustimmung zur
Göttinger Erklärung. Sie lehnten die Atombewaffnung sowie die Drohung damit ab. „Wir
erklären uns bereit“, hieß es abschließend, „für diesen Gewissensentscheid überall und
jederzeit einzutreten.“ Die Unterschriftenlisten kursierten in den Frauenorganisationen.
Viele Frauen unterschrieben den Appell. Die Aktion wurde bis zum Ende des Jahres
1958 fortgesetzt.158
Auch der Bremer Frauenausschuss erörterte im Mai 1957 Aktionen der angeschlossenen Frauenverbände. In der einstimmig angenommenen Entschließung hieß es: „Von der
Entwicklung, Erzeugung und Anwendung atomarer Waffen distanzieren wir Frauen uns,
weil wir unsere Verantwortung kommenden Generationen gegenüber ernst nehmen.“159
Am 21. Mai machten die „sozialistischen Frauen“ Bremens ihre Kundgebung zum Internationalen Frauentag zu einer Protestaktion „gegen die Versuche mit Atombomben und
die Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen“. Alle RednerInnen, der Gast aus Holland
Rita de Bruyn von der sozialdemokratischen Partei der Niederlande, Herta Gotthelf, die
Leiterin des Frauenbüros beim Parteivorstand der SPD, und der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Hansing wandten sich gegen die Politik der Bundesregierung und ihre
atomare Rüstungskampagne. Anna Stiegler verwies auf den Stimmzettel als letztes Mittel,
um gegen die Adenauer-Regierung anzugehen. Die im September anstehenden Bundestagswahlen sollten die Frauen nutzen, um den Befürwortern der Atomrüstung eine Absage zu erteilen.
Entsprechend hieß es in der Abschlussresolution:
Bremer Bürger-Zeitung vom 25. Mai 1957.
„Wir fordern von der Regierung der Bundesrepublik, daß die Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen unterbleibt. Wir fordern alle Frauen und Mütter auf, keinem
Kandidaten für die Bundestagswahl ihre Stimme zu geben, der sich nicht uneingeschränkt zu unseren Forderungen bekennt.“160
256
Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
Im Verlauf des Jahres 1957 entwickelten sich weitere Initiativen. So schlossen sich elf
Mitgliedsorganisationen des Bremer Frauenausschusses einem Aufruf der Arbeitsgemeinschaft Hamburger Frauenverbände gegen die Lagerung von Kernwaffen und gegen die
Errichtung von Abschussrampen für Atomraketen in der Bundesrepublik an. Die Delegiertenversammlung des BFA unterstützte einen Appell, der das gleiche Ziel verfolgte und von
der Alterspräsidentin des Bundestages Dr. Marie-Elisabeth Lüders initiiert worden war.161
Die Kundgebung zum Internationalen Frauentag am 2. Juni 1958 stand ganz im Zeichen
der Kampagne „Kampf dem Atomtod“. Die Organisatorinnen hatten die Veranstaltung in
den großen Saal der Glocke, dem Konzertsaal der Stadt unmittelbar neben dem Rathaus,
verlegt. Es war mit großem Andrang gerechnet worden und mit mehr als eintausend TeilnehmerInnen war die Kundgebung wohl die größte Frauentagsveranstaltung nach 1945.
Das Motto des Tages stammte von einem Appell Albert Schweitzers und lautete:
„Ehrfurcht vor dem Leben“
Zum ersten Mal war eine Veranstaltung der SPDFrauen zum Internationalen Frauentag ein Gemeinschaftsprojekt verschiedener Frauengruppen. Die Sozialdemokratinnen unter der Leitung
von Anna Stiegler hatten zusammen mit Sigrid
Akerhielm, der Vorsitzenden der Internationalen
Liga für Frieden und Freiheit (IFFF), und Marlies
Schütte, der Vorsitzenden der Westdeutschen
Frauen-Friedensbewegung (WFFB), die Kundgebung vorbereitet. Dass die als „kommunistisch
beeinflusst“ geltende Westdeutsche Frauen-Friedensbewegung mitbeteiligt war, sorgte bei einigen Sozialdemokraten für Aufregung.163 Doch
die breite Massenbewegung gegen die atomare
Bedrohung ließ alte Ressentiments gegenüber
anders denkenden Friedenaktivistinnen in den
Hintergrund treten.
Die Veranstalterinnen hatten Dr. Elisabeth
Heimpel als Rednerin eingeladen. Sie war die InGleichheit Nr. 5, Mai 1958.162
itiatorin des Göttinger Frauenappells, den auch
viele Bremerinnen unterschrieben hatten. Dr.
Heimpel erläuterte die Gefahren, die den Menschen vom Umgang mit der Atomenergie
drohe. Obendrein würde durch die Atomrüstung und die Lagerung von Atomwaffen jede
Entspannungspolitik verhindert.164 Die zweite Rednerin, Marta Schanzenbach, SPD-Bundestagsabgeordnete, rechnete vor, dass die Kosten für die atomare Rüstung Geld verschlängen, das dringend für soziale Projekte benötigt würde. Deshalb müssten die Frauen
ihr „Nein zu den Rüstungsbeschlüssen der Bundesregierung nachdrücklich zum Ausdruck
bringen“.165 Dazu hatten die Bremerinnen schon einige Tage später Gelegenheit. Die Bremer Bürger-Zeitung rief zur nächsten Aktion auf: „Die Sternfahrt nach Stade“ stand an.
Diese Aktionen waren die politischen Höhepunkte in der Reihe der Internationalen Frauentage in Bremen.
1945–1966
257
Neue Aktionsformen für die Frauentage
Im Jahrbuch 1951/1952 hatte es geheißen: „Während des Internationalen Frauentages
1951 wurden zwei Grenztreffen durchgeführt. Das eine war ein Treffen am 15. 4. auf
Schweizer Boden in Basel […] und am 29. 4. 1951 trafen sich in Friedrichshafen über
100 Genossinnen aus der Schweiz und Österreich mit Genossinnen aus den süddeutschen
Bezirken.“167 Aus diesen Anfängen entwickelte sich im Lauf der nächsten Jahre eine neue
Aktionsform. Bereits im Jahr darauf, zum Frauentag 1952, versammelten sich auf dem
Treffen in Aachen über 5.000 Frauen. Es kamen zum ersten Mal Frauengruppen aus
den Niederlanden und Belgien. 3.000 Frauen reisten mit Bussen aus dem Ruhrgebiet an.
Die mit Frauentagplakaten geschmückten Autobusse wurden „schon auf ihrer Fahrt nach
Aachen zu einer wirkungsvollen Propagandademonstration für unsere Partei.“168 Parallel
dazu fanden Treffen in Trier und in Mühlhausen im Elsass statt. Die Österreicherinnen
reisten zur Kundgebung nach München.
Diese Möglichkeit, die internationale Gemeinschaft der Sozialdemokratinnen mitzuerleben, war für viele Frauen eine neue Erfahrung und gab der Idee des Internationalen Frauentages einen neuen Impuls. Die politischen Akteurinnen nutzten die neu erwachte Reiselust
der Bundesbürgerinnen und die Flexibilität von Busreisen für eine weitere Initiative an den
Frauentagen. Es wurden Sternfahrten organisiert, bei denen Frauen einer ganzen Region
mit Bussen zu einer Großveranstaltung an einem zentralen Ort fuhren. So wurde eine Ausflugsfahrt mit der politischen Aktion und Propaganda für die Partei verbunden.
Und es gab auch Kundgebungen an der Grenze zur DDR. „Bei […]den Veranstaltungen
wurden Sonderbotschaften an die Frauen der Ostzone mit Ballons hinübergeschickt, und
noch monatelang bekamen wir Mitteilungen, die bewiesen, dass diese Botschaften, über
die ganze Zone verstreut, eine gute Aufnahme gefunden haben.“169
In diesen neuen Aktionsformen waren sehr unterschiedlich gelagerte Interessen miteinander verbunden worden. Denn diese Tagesausflüge entsprachen dem Bedürfnis der
Arbeiterfrauen nach Urlaubsfahrten, für die Partei waren die Busreisen ein „wirksames
Propagandamittel“, gleichzeitig traten die Sozialdemokratinnen international als Botschafterinnen eines neuen demokratischen Deutschlands in Erscheinung und mit den
Aktionen an der Zonengrenze leisteten sie auch noch einen Beitrag in den Auseinandersetzungen des Kalten Krieges.
Eine Tradition sozialdemokratischer
Frauenarbeit verschwindet
Die politische Ausrichtung der SPD zur Volkspartei
Nach der Bundestagswahl 1957, bei der die CDU die absolute Mehrheit gewann, verschärften
sich in der SPD die parteiinternen Auseinandersetzungen. Die Kritik richtete sich gegen Bürokratie und Immobilität des Parteiapparates. Außerdem kritisierten immer mehr Mitglieder
das äußere Erscheinungsbild der Partei mit seiner charakteristischen Symbolik und den tradierten Gepflogenheiten. Dazu gehörte das Absingen sozialistischer Lieder zum Abschluss
von Parteitagen und Großveranstaltungen, das allgemeine Duzen und die Anreden Genossin/Genosse ebenso wie Aufmärsche mit Traditionsfahnen. Gerade die neuen Mitglieder und
258
Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
die jüngere Generation konnten mit diesen Ritualen nichts mehr anfangen und sie spürten,
dass für die meisten Mitglieder „die alten Symbole […] nur Tünche, nur äußere Form [waren],
die Inhalte waren längst geändert“.170 Die Traditionen aus der proletarischen Vergangenheit
der SPD galten als „ideologischer Ballast“, den die Partei endlich abwerfen sollte.171
Die Veränderungen kündigten sich bereits 1958 auf dem Parteitag in Stuttgart an. Für
die Frauenarbeit gab es „eine einschneidende personelle Veränderung“.172 Herta Gotthelf,
die die Frauenarbeit seit 1946 geleitet hatte, schied aus der Arbeit aus. Ihre Nachfolgerin wurde, durch Beschluss des Parteivorstandes, Marta Schanzenbach. Sie vertrat die
Frauenarbeit im Vorstand und im Präsidium der Partei und übernahm die Leitung des
Frauenbüros und des Fachausschusses für Frauenfragen, dessen Mitglieder auch durch
den Parteivorstand berufen wurden.173
Den entscheidenden Wandel aber brachte die Verabschiedung des Godesberger Grundsatzprogramms. „Damit war die Voraussetzung geschaffen, das von der SPD angestrebte Ziel
erreichen zu können: eine von verschiedenen Schichten wählbare ‚Volkspartei‘ zu werden.“174
Das neue Konzept des Wandels zur Volkspartei schlug sich auch im Programmpunkt
zum Thema Frauen nieder: Hinweise auf die „alte“ sozialistische Theorie der Frauenemanzipation waren verschwunden. Statt der Gleichberechtigung von Frauen und Männern
wurde jetzt von der Gleichwertigkeit gesprochen. „Die psychologischen und biologischen
Eigenarten“ der Frau sollten Beachtung finden. Statt der Forderung nach dem Recht
auf Erwerbsarbeit für alle Frauen wurde jetzt der Anspruch erhoben, die Hausarbeit als
Berufsarbeit anzuerkennen. Damit verband sich die Forderung: „Mütter von vorschulpflichtigen oder schulpflichtigen Kindern dürfen nicht genötigt sein, aus wirtschaftlichen
Gründen einem Erwerb nachzugehen.“175 Das neue Parteiprogramm hatte das bürgerliche
Frauenleitbild mit der wesensmäßigen Bestimmung der Frau zur Hausfrau und Mutter
übernommen. So hatte das neue Programm auch in der Frauenfrage die Voraussetzungen
geschaffen, für Frauen „anderer Schichten“ eine wählbare Alternative zu sein.
Ein Jahr später, am 30. Juni 1960, hielt Herbert Wehner vor dem Bundestag seine
Grundsatzrede, mit der die entscheidende politische Wende der SPD vollzog wurde. Die
SPD erkannte die Westbindung als Grundlage der deutschen Politik an und bejahte die
Einbeziehung Deutschlands in die Nato. Statt der bisher betriebenen prinzipiellen Opposition zielte die neue politische Linie „auf die Herausstellung der gemeinsamen Aufgaben
von Regierung und Opposition.“176
Diese neue politische Ausrichtung der SPD veränderte auch die inhaltlichen Aussagen der Internationalen Frauentage. Anstelle antimilitaristisch pazifistischer Proteste wie
„Kampf dem Atomtod“ und einer radikalen Oppositionshaltung zur Regierung wurde eine
positive Bewertung der gesellschaftlichen Entwicklung der Bundesrepublik betont. Entsprechend lautete das Motto für 1959: „Für eine glückliche Welt“. Diese Losung wurde im
Jahr 1960 abgewandelt zu dem Thema „Glücklicher leben in einer freien Welt“, und 1961
hieß es: „Wir sind eine Familie“. An den Frauentagen sollte eine lebensbejahende Perspektive aufgezeigt werden.
Bremer Frauentage ohne Höhepunkte – 1959 bis 1966
Die Bremer SPD-Frauen hatten mit der neuen politischen Ausrichtung der Frauentage
ab 1959 offensichtlich kaum Probleme. Es entsprach ihrem Politikverständnis, dass von
der Parteiführung die politische Richtung vorgegeben wurde und die Basisgruppen für
1945–1966
259
eine gute Umsetzung zu sorgen hatten. Diese Maxime galt auch, wenn die Partei einen
grundsätzlichen Richtungswechsel vornahm. So entwickelten die Frauen aus den neuen
Themen passende Formen der Umsetzung.
1960, zum fünfzigsten Jahrestag des Internationalen Frauentages, warb die Frauengruppe mit mehreren Anzeigen für ihre Veranstaltung. Anna Stiegler verfasste einen Artikel für die BBZ, im dem sie die fünfzigjährige Geschichte des Tages Revue passieren ließ.
Zum Schluss ihres Beitrages stellte sie das neue Konzept vor. Aus dem Motto – „Glücklicher Leben in einer friedlichen Welt“ – entwickelte sie eine Perspektive für die Familie:
„Glücklicher leben in einer friedlichen Welt – das gilt für Mann und Frau und Kind“. Anna
Stiegler begründete dieses Konzept damit, dass sowohl die Friedensforderungen wie auch
die Realisierung eines glücklichen Lebens „keine besonderen Frauenforderungen mehr“
seien. Deshalb lud sie zum Frauentag am 17. Mai 1960 besonders die Männer ein.177
Am Frauentag 1961 konnte tatsächlich ein frauenpolitischer Erfolg der Sozialdemokratinnen gefeiert werden. Die SPD-Frauen in Bremen stellten auf ihrer Veranstaltung
mit einigem Stolz die Bundestagsabgeordnete Käte Strobel vor, die in einer von der SPD
geführten Regierung die erste Ministerin werden sollte.
Zum ersten Mal in einem Bundestagswahlkampf gab
es nicht nur einen Spitzenkandidaten, sondern Willy
Brandt präsentierte seine gesamte zukünftige Regierungsmannschaft, zu der mit Käte Strobel erstmals
auch eine Frau gehörte.178
Auf der Frauenversammlung in Bremen kündigte
der Bundestagsabgeordnete Hermann Hansing an,
„daß es in einer von der SPD geführten Bundesregierung auf jeden Fall eine Frau Minister geben
wird“.179 Allerdings konnte dieses Vorhaben erst
mit der Bildung der Großen Koalition realisiert
werden: 1966 wurde Käte Strobel zur Ministerin
ernannt.
Doch diese Initiativen konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es für den Frauentag keine wirklich
neue Idee gab. Er wurde zwar mit bewährter Routine weitergeführt, aber der richtige Schwung fehlte.
Ministerin Käte Strobel.
In den Presseberichten wiederholten sich die Auflistungen der Akteure, die das Rahmenprogramm nun
schon seit Jahren gestalteten, und die Wiedergabe der Redebeiträge zeigte, dass es wenig
Neues zu berichten gab.
Besonders offensichtlich wurde das an den Frauentagen 1962 und 1963. Schon die
Auswahl der Referenten ließ merken, dass der Internationale Frauentag in Bremen zu
einer Feierstunde der Partei-Veteranen geworden war. 1962 war der Festredner Senator
a.D. Christian Paulmann (65) und 1963 hielt Bürgermeister Wilhelm Kaisen (75) die Laudatio auf die mittlerweile 81-jährige Anna Stiegler, zu deren Ehrung der Festakt am Frauentag stattfand. Erst in jenem Jahr gab Anna Stiegler den Vorsitz der Frauengruppe des
Ortsvereins ab. Doch es trat kein durchgreifender Generationswechsel ein: Ihre Nachfolgerin, Wilma Landwehr, war zum Zeitpunkt ihrer Wahl auch bereits 51 Jahre – die Frauenarbeit in Bremen wurde weitgehend von Seniorinnen getragen. Die Frauengruppe war ein
Traditionsverein, der routiniert weitermachte, aber den Anschluss an die nachfolgenden
Generationen der Frauen nicht mehr fand.180
260
Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
Trotzdem versuchte Wilma Landwehr, dem Frauentag neue Impulse zu geben. „Der
Internationale Frauentag in Bremen behandelte Zeitprobleme“, überschrieb die Norddeutsche Volkszeitung ihren Bericht über die Frauentagsveranstaltung am 2. Juni 1964.
Die beiden Referentinnen, Marichen Nielsen aus Dänemark und die Bundestagsabgeordnete Lucie Meyer, sprachen über „das europäische Frauenbild“. Sie stimmten darin
überein, „daß unser Frauenbild im Gegensatz zu den früheren Generationen von der
Berufstätigkeit geprägt sei“.181 Deshalb forderten auch beide Rednerinnen, dass es staatliche Entlastungen für berufstätige Mütter geben müsste. Zum ersten Mal wurde auf
einer SPD-Kundgebung zum Internationalen Frauentag in Bremen die Forderung nach
staatlichen Kindereinrichtungen erhoben. Allerdings bedeutete das noch nicht, dass
sich die Einstellung zur Frauenerwerbsarbeit in der Partei verändert hätte. Denn schon
ein Jahr später wiederholte der Bundestagsabgeordnete Hermann Hansing auf den Veranstaltungen zum Frauentag 1965 die Thesen von der Hausfrauen- und Mutterrolle
der Frau.182
Zum Frauentag 1966 war Käte Strobel ein zweites Mal Gastrednerin in Bremen. In ihrer
Rede zum Thema „Die Frau in der Welt von heute“ tadelte sie die Haltung von Frauen, die
bei den Wahlen den konservativen Parteien ihre Stimme gäben, sich aber sonst nicht um
politische Fragen kümmerten. Sie kritisierte, dass viele Frauen nicht bereit seien, sich zu
organisieren, dass sie die Chancen zur gleichberechtigten Teilnahme am gesellschaftlichen
und politischen Leben nicht nutzten. Mit dieser Kritik an der konservativen Einstellung
vieler Frauen wurden in Bremen die Frauentage beendet.
Der Internationale Frauentag verschwindet
als politisches Datum
Es gelang den Bremerinnen nicht, die Frauentage mit aktuellen Themen zu beleben. Aus
den Presseberichten über die Reden, die dort gehalten wurden, wurde ersichtlich, dass die
ReferentInnen keine frauenpolitischen neuen Ideen mitbrachten, sie wiederholten lediglich
die bekannten Konzepte.
Auf der Bundesebene konnte die neue Frauengeneration, die jetzt im Bundesfrauenausschuss den Ton angab, mit den Traditionsveranstaltungen nichts mehr anfangen. So
hieß es im Jahresbericht 1962/63 lapidar: „Der zur Tradition der sozialdemokratischen
Frauenarbeit gehörende Internationale Frauentag wurde auch 1962/63 wieder durchgeführt.“183 Im Jahrbuch 1964/65 wurde der Frauentag zum letzten Mal erwähnt. Innerhalb
der Partei schwand das Interesse an der Frauenarbeit. Die Frauenzeitung Die Gleichheit
stellte im Jahr 1965 ihr Erscheinen wegen „ständigen Rückganges unseres Bezieherkreises“184 ein.
Innerhalb der Partei meldeten sich Sozialdemokratinnen zu Wort, die aus der Separierung der Frauen mit eigenen Frauenbereichen und Frauentagen herauswollten. Ein
Beispiel dafür lieferte die Frauen-Delegierten-Konferenz der SPD-Landesorganisation
Bremen am 1. November 1964. Dort stellten „die meisten Diskussionsrednerinnen […]
die Tätigkeit von Frauengruppen in der modernen Volkspartei überhaupt in Frage“. Sie
wollten sich nicht mehr „von der allgemeinen Parteiarbeit trennen“ lassen. Zwar beschlossen die Bremer Delegierten, die Frauengruppenarbeit fortzuführen, doch der klare
Auftrag an den Vorstand lautete, dass nach „besseren Organisationsformen“ gesucht
werden sollte und die zukünftige politische Arbeit darauf ausgerichtet sein müsste, „zur
1945–1966
261
politischen Willensbildung“ innerhalb der Partei beizutragen.185 Die neue Entwicklung
wurde damit eingeleitet, dass ab 1967 in Bremen keine Internationalen Frauentage mehr
durchgeführt wurden.
Zwischenbilanz
Frieden wurde das Leitthema der Internationalen Frauentage nach dem Ende des NS-Terrors und des Krieges. Mit dieser Schwerpunktsetzung griffen die Sozialdemokratinnen und
die Kommunistinnen die Grundstimmung in der Bevölkerung und besonders unter den
Frauen auf. Gleichzeitig setzten sie damit eine Tradition der Arbeiterbewegung fort. Die
sozialistischen Frauen hatten bereits mit der Friedensresolution des Kopenhagener Kongresses 1910 den Kampf gegen den Krieg auf die Tagesordnung der Frauentage gesetzt.
Jedoch hatte das Thema die Internationalen Frauentage niemals zuvor so beherrscht wie
in der Nachkriegszeit und in den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Das galt
für die Kundgebungen und Aktionen sowohl der Sozialdemokratinnen wie auch der Kommunistinnen.
Dabei wurde über Frieden und Freiheit, über Abrüstung und Friedensverhandlungen
nicht nur auf Frauenveranstaltungen referiert, sondern den Frauen selbst wurde eine besondere pazifistische Einstellung zugesprochen. Sie hätten von Natur aus als Gebärerinnen
neuen Lebens ein besonderes Interesse an einem friedlichen Miteinander der Menschen.
Friedensliebe galt als ein Wesensmerkmal des weiblichen Geschlechtes. Nach Auffassung
vieler Funktionäre und Politiker der Arbeiterbewegung hatten deshalb die Frauen und
vor allem die Mütter eine besondere politische Verantwortung. Ihnen wurde die Aufgabe
zugewiesen, die nachfolgende Generation im Geiste des Friedens zu erziehen. Aus den
Berichten über die Frauentage geht hervor, dass die Frauen selbst diese Zuschreibung
übernommen hatten und von der pazifistischen Natur der Frauen sprachen. Über die Friedensaktionen geriet die Grundidee des Frauentages, ein Kampftag für die Durchsetzung
von Frauenrechten zu sein, in beiden Organisationen fast völlig aus dem Blickfeld.
Sowohl für die Sozialdemokratinnen wie auch für die Kommunistinnen hatten die
Frauentage die Funktion, den Zusammenhalt der Frauen untereinander zu stärken und
ihre Zugehörigkeit zur großen Organisation zu festigen. Gleichzeitig dienten die Versammlungen dazu, die ideologischen und politischen Positionen der KPD bzw. SPD den jeweiligen Versammlungsteilnehmerinnen nahezubringen. Es war die Aufgabe der Frauen, die
Parteipositionen unter den Nichtorganisierten zu propagieren. Weitergehende eigenständige Initiativen waren nicht vorgesehen. Dabei prägten die ideologischen und politischen
Kontroversen des Kalten Krieges die Beziehungen zwischen den Frauenorganisationen
und manifestierten sich in politischen Abgrenzungen auch anlässlich der Veranstaltungen
zu den Frauentagen.
Beide Gruppierungen, sowohl die Kommunistinnen wie auch die Sozialdemokratinnen,
entwickelten in den fünfziger Jahren neue Aktionsformen für ihre politische Propaganda
an den Frauentagen: Für den DFD und die KPD war der Internationale Frauentag ein
Agitationstag, an dem die Frauen auf die Straße gingen und ihre Friedensforderungen
öffentlich präsentierten. Er war Auftakt oder Abschluss von Unterschriftenkampagnen.
Die Sozialdemokratinnen dagegen hatten die Internationalen Frauentage bundesweit zu
einem umfangreichen Reiseprogramm entwickelt. Sie organisierten grenzüberschreitende
Frauentreffen an der Westgrenze der Bundesrepublik bzw. antikommunistische Aktio-
262
Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
nen an der Zonengrenze zur DDR. In anderen Regionen wurden Sternfahrten zu einem
zentralen Kundgebungsort organisiert. Diese Propagandafahrten mit Parteiplakaten und
Wimpeln an den Bussen waren zugleich internationale Begegnungen, Beitrag in den Auseinandersetzungen des Kalten Krieges und politische Bildungsveranstaltungen.
Mit der politischen Wende der SPD zur Volkspartei und dem Konzept einer „Gemeinsamkeitspolitik“ mit der Bundesregierung verloren traditionelle Festakte und antimilitaristische Protesttage ihren politischen Stellenwert. Nach dem Ausscheiden der Veteraninnen der Frauenarbeit der Nachkriegszeit gab es bei den Nachfolgerinnen kaum
Interesse, die Tradition eines Frauentages fortzusetzen. Sie wollten keine separaten
Einrichtungen für Frauen mehr. Stattdessen forderten sie die Integration und gleichberechtigte Mitwirkung in der Partei. So verschwand der Internationale Frauentag in
der Bundesrepublik nach dem Verbot der KPD auch aus dem politischen Kalender der
Sozialdemokratie.
Anmerkungen
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
Weser-Kurier vom 16. März 1946.
Vgl. Schwarzwälder, 1985, Bd. 4, 632–633.
Vgl. Sommer, 2008, 15–21.
Vgl. Aufbau, Nr. 1, Mai 1945.
Vgl. Sommer, 2008, 24–25.
An der Spitze des Senats stand ab August 1945 der Sozialdemokrat Wilhelm Kaisen (1887–
1979). Kaisen übernahm die Regierungsgeschäfte in Bremen 1945 und blieb Bürgermeister bis
1965. Er hat die Entwicklung des Landes Bremen entscheidend geprägt.
Vgl. Sommer, 2008, 26.
Die Volkszählung vom 29. Oktober 1946 ergab für die Stadt Bremen, dass den 207.582 Frauen
nur 177.648 Männer gegenüberstanden. Vgl. Hoecker/Meyer-Braun, 1988, 80, 85 u. Tabelle 2,
221.
Vgl. Meyer-Braun, 1988, 124–128.
Beate Hoecker und Renate Meyer-Braun haben in ihrem Buch „Bremerinnen bewältigen die
Nachkriegszeit“ die Alltagsrealität der Frauen in Bremen in der Zeit von 1946 bis 1949 dargestellt. Dazu haben sie eine Reihe von Frauen zu ihren Erinnerungen an die Nachkriegszeit
befragt. Hier berichtete Frau Schulz, die mit ihrer Mutter das Ende des Krieges im Bunker am
Dobben erlebte. Vgl. Hoecker, 1988, 17.
Vgl. Jansen/Meyer-Braun, 1990, 33.
Vgl. Kuhnhenne, 2008, 38.
Vgl. Aufbau, Nr. 5, Juli 1945.
Vgl. Jansen/Meyer-Braun, 1990, 44–46.
Irmgard Enderle (1895–1985) arbeitete in den 1920er Jahren als Journalistin in der KPD
und wurde nach ihrem Ausschluss aus der Partei in der Sozialistischen Arbeiterpartei aktiv.
Nach einer Verhaftung 1933 unter Polizeiaufsicht gestellt, flüchtete sie nach Schweden, wo
sie Willy Brandt kennenlernte. 1944 wurde sie Mitglied der SPD. 1945 zog sie nach Bremen,
wo sie sich am Aufbau der SPD beteiligte und zu den MitbegründerInnen des Weser-Kuriers
gehörte. Sie organisierte den Aufruf zur Gründung des BFA. Später arbeitete sie als Journalistin, engagierte sich in der Gewerkschaft Druck und Papier und war zeitweise auch Vorsitzende des DGB-Bundesfrauenausschusses. Vgl.: http://www.fes.de/archiv/adsd_neu/inhalt/
stichwort/enderle.
Agnes Heineken (1872–1974) war ausgebildete Lehrerin und lange Jahre Direktorin der
Schulen des „Frauen-Erwerbs- und Ausbildungsvereins“. Im Jahr 1919 wurde sie als Mitglied der
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DDP in die Bremische Nationalversammlung gewählt. 1933 wurde ihre pädagogische Arbeit
von den Nationalsozialisten beendet. Sie war Mitgründerin des BFA. Vgl. Bremer Frauenausschuss, 1996, 40-41.
Käthe Popall (1907–1984), geb. Fürst, trat schon früh der KPD bei und arbeitete während
des Faschismus im Widerstand. Von 1937 bis 1945 war sie in verschiedenen Zuchthäusern
inhaftiert. 1946 wurde sie in die Bremer Bürgerschaft gewählt und war die erste Senatorin
(Gesundheitswesen) im Senat. Sie war Mitgründerin des BFA. Vgl. Bremer Frauenausschuss,
1996, 42–43.
Ottilie Hoffmann (1835–1925) gründete 1891 den Bremer Mäßigkeitsverein. Sie war eine
der Führerinnen in der Abstinenzbewegung im Deutschen Kaiserreich und gründete in Bremen eine Reihe von alkoholfreien Speisehäusern.
Anna-Klara Fischer (1887–1967) lernte Ottilie Hoffmann kennen und engagierte sich in
der Abstinenzbewegung. Sie engagierte sich für die Einrichtung alkoholfreier Gaststätten in
Bremen. 1934 wurde sie Vorsitzende des Bundes für alkoholfreie Kultur. Sie war Gründungsmitglied des BFA. Vgl. Bremer Frauenausschuss, 1996, 38–40.
Vgl. Weser-Kurier vom 16. März 1946.
Weser-Kurier vom 16. März 1946.
Vgl. Meyer-Braun, 1988, 107–122.
Meyer-Braun 1988, 108.
Meyer-Braun, 1988, 121.
Vgl. Bunke, 2001, 29.
Zit. in: Bunke, 2001, 29.
Bunke, 2001, 78.
Die Antifaschistischen Frontschulen wurden im Zweiten Weltkrieg auf Initiative der Kommunistischen Internationale für Kriegsgefangene in der Sowjetunion eingerichtet. Vgl. Broszat,
Hermann Weber, 1993, SBZ-Handbuch, 195–197.
Interview mit Margot Konetzka vom 4. Mai 2009.
Aus dem Bericht des KPD-Bezirks Weser-Ems vom 21. Februar 1946. Zit. In: Bunke, 2001, 29.
Weser-Kurier vom 20. Oktober 1945.
Weser-Kurier vom 20. Oktober 1945.
Protokoll der erweiterten Sekretariatstagung des Parteivorstandes vom 5. bis 7. Januar 1946,
in: Benser/Krusch, 1995, Bd. 2, 490f.
Renate Meyer-Braun stellte in ihrer Studie über die Nachkriegszeit in Bremen fest, dass zum
Beispiel beim Arbeiterhilfswerk die Leitungsfunktionen weitgehend in Männerhand lagen,
während die praktische Arbeit fast ausschließlich von Frauen geleistet wurde. Vgl. Meyer Braun,
1988, 125/128 .
Protokoll der erweiterten Sekretariatstagung des Parteivorstandes vom 5. bis 7. Januar 1946,
in: Benser/Krusch, 1995, Bd. 2, 491.
Recker, 2002, 18.
Fülberth, 1990, 27.
Vgl. Sommer, 2008, 38-43.
Meyer-Braun, 1982, 59.
Vgl. Meyer-Braun, 1982, 59.
Tribüne der Demokratie, erste Märzwoche 1948.
Der Artikel wurde nicht namentlich gezeichnet. Da im Text aber mehrfach von „wir Frauen“
die Rede ist und immer wieder auf lokale Verhältnisse in Bremen verwiesen wird, kann davon
ausgegangen werden, dass der Bericht von einer der Bremer Genossinnen verfasst wurde.
Tribüne der Demokratie, erste Märzwoche 1948.
Aus dem Protokoll der Parteivorstandssitzung vom 26. bis 28. August 1948. SAPMO, BY
/1/793, Frauenabteilung der KPD, Unterlagen 1948–1949.
Entschließung des Parteivorstandes vom 1. Dezember 1948, SAPMO, BY /1-2044. Alle Zitate in
der folgenden Zusammenfassung sind dem Text der Entschließung entnommen.
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Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
Bericht des Frauensekretariats zur Unterschriftenkampagne gegen die Atombombe vom 22.
Mai 1949. SAPMO Frauenabteilung der KPD, Unterlagen 1947, 1948–1949, I, BY/1/793.
Dieses und die folgenden Zitate wurden dem Bericht vom 22. Mai 1949 s.o. entnommen.
BVS vom 11. März 1949, zit. in: Butterwegge, 1989, 52.
Über diesen Frauentag wird weiter unten im Zusammenhang mit den Frauentagen der SPD
ausführlich berichtet.
Vgl. Tribüne der Demokratie, erste Märzwoche 1950.
Vgl. Schreiben des Parteivorstandes an alle Landesvorstände und Kreisleitungen vom 6. Februar 1950. SAPMO, BY 1-793.
Die Freie Deutsche Jugend (FDJ) war der Jugendverband der KPD.
Bericht über die Durchführung des Internationalen Frauentages 1950 im Land Bremen vom
24. April 1950. SAPMO, BY 1-873.
Tribüne der Demokratie, erste Märzwoche 1950.
Das Zitat stammt von Willy Meyer-Buer, der in den 1950er Jahren Abgeordneter der Bremer
Bürgerschaft und Mitglied des Parteivorstandes der KPD war. Er beschreibt damit das politische Klima in den ersten Jahren der Bundesrepublik im Gespräch mit Christoph Butterwegge
am 17. August 1987. Butterwegge, 1989, 48.
So lautete die Titelzeile des Artikels im Weser-Kurier vom 8. März 1950.
Weser-Kurier vom 8. März 1950.
Vgl. Butterwegge, 1989, 65.
„Politischer Bericht des Sekretariats der Arbeitsgebietsleitung Land Bremen“ vom 22. März
1950, Sapmo, BY 1/866.
Bericht über die Durchführung des Internationalen Frauentages (1950) im Land Bremen vom
24. April 1950. SAPMO, BY 1-873.
Der Flugblatttext wurde im Bericht über die Durchführung des Internationalen Frauentages
(1950) im Land Bremen vom 24. April 1950 wörtlich wiedergegeben. SAPMO, BY 1-873.
Vgl. Bericht über die Durchführung des Internationalen Frauentages (1950) im Land Bremen
vom 24. April 1950. SAPMO, BY 1-873.
Protokoll über die Sekretariatssitzung vom 18. März 1950.
Vgl. Boyer/Kössler, 2005, 819.
So im Bericht der KPD Bremens auf der ZK-Beratung im Januar 1946 in Berlin. Benser/Krusch,
1995, Bd. 2, 490/491.
Vgl. Schreiben „Parteivorstand an alle Landesvorstände“ vom 6. Februar 1950. SAPMO, BY
1/793.
„Aus der Rede des Genossen Reimann auf der Sitzung des Sekretariats mit den Landesvorsitzenden am 29. 3. 50 betr. DFD“. SAPMO, BY 1/2944.
Der Demokratische Frauenbund Deutschland (DFD) existierte jetzt mit zwei getrennten nationalen Vorständen und Strukturen, aber unter dem gleichen Namen. Es bestanden enge
Beziehungen zwischen den Organisationen.
Nödinger, 1983, 191.
Bunke, 2001, 91.
Interview mit Margot Konetzka vom 4. Mai 2009.
Alida Klee gehörte zur Gruppe der ZeitzeugInnen, die Christoph Butterwegge für sein Buch
„Friedenspolitik in Bremen“ interviewt hat. Das Zitat stammt aus dem Gespräch vom 31. März
1989. Butterwegge, 1989, 96.
In dem Aufsatz von Ingrid Schöll, 1985, Frauenprotest gegen die Wiederbewaffnung, findet sich
eine Reihe von Fotobeispielen für diese Protestform. Veröffentlicht in dem Bilderlesebuch „Wie
die Frauen ihr Wirtschaftswunder erlebten“.
Wolfrum, 2007, 101.
Vgl. Butterwegge, 1989, 56-57.
Christoph Butterwegge zitiert in diesem Zusammenhang einen Artikel des Weser-Kuriers, der
im August 1950 eine Leserumfrage zur Wiederbewaffnung als „Probe-Volksentscheid“ bezeich-
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net hatte. Er sieht darin einen Hinweis, dass die Idee einer Volksbefragung damals sozusagen
„in der Luft“ lag. Vgl. Butterwegge, 1989, 78.
Tribüne der Demokratie vom 13. März 1951.
Vgl. Butterwegge, 1989, 80.
Butterwegge, 1989, 83.
Butterwegge, 1989, 83.
Brünneck, 1978, 65.
Wolfrum, 2007, 115.
Vgl. „lernen und handeln“, Mitteilungsblatt des DFD vom März 1952, Titelblatt. addf, Sammlung
Nödinger.
Wolfrum, 2007, 114.
Vgl. Wolfrum, 2007, 115.
Tribüne der Demokratie vom 5. März 1953.
Vgl. Butterwegge, 1989, 97.
Vgl. Wolfrum, 2007, 122–129.
Wolfrum, 2007, 129.
Bunke, 2001, 153.
Vgl. Bunke, 2001, 74–76.
Vgl. Tribüne der Demokratie vom 6./7. März 1954.
Erklärung des Demokratischen Frauenbundes Deutschland, 1954. addf, Sammlung Nödinger.
Tribüne der Demokratie vom 26./27. Februar 1955.
Über diese Aktion wurde ausführlich im vorherigen Kapitel 7, Abschnitt: Die „Fremdvölkischen“ bringen vergessene Traditionen zurück, berichtet.
BBZ vom 3. März 1956.
Die IDFF wurde im Dezember 1945 in Paris gegründet. Sie war ein Zusammenschluss demokratischer, antifaschistischer Frauenorganisationen aus der ganzen Welt. Wichtigste
Trägerinnen waren die großen Massenorganisationen der Frauen aus den Sozialistischen
Ländern, doch in der IDFF waren ebenso unabhängige Gruppen aus den westeuropäischen
Ländern und den USA Mitglied. Vgl. IDFF, 1965, IDFF zum zwanzigjährigen Bestehen, 19451965.
Die IDFF war zu diesem Zeitpunkt in siebzig Ländern der Erde vertreten. IDFF, 1965, 60.
Tribüne der Demokratie vom 8. März 1956.
Tribüne der Demokratie vom 8. März 1956.
Das Vorgehen der Sozialdemokratinnen hatte Parallelen auf der Gegenseite. So schloss die
IDFF 1948 nach dem Zerwürfnis Stalins mit Tito die jugoslawische Frauenorganisation aus
dem Dachverband aus. Im Informationsbulletin der IDFF von November/Dezember 1949 hieß
es dazu: „Titos Agenten haben in der IDFF nichts zu suchen.“ Haan, 2009, 254.
Vgl. Wochenbericht der Landesleitung Bremen vom 5. bis 12. März 1956. SAPMO, BY 1/867.
Tribüne der Demokratie vom 10. März 1956.
Tribüne der Demokratie vom 10. März 1956.
Zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht mussten zu diesem Zeitpunkt die gesetzlichen
Voraussetzungen erst noch geschaffen werden. Nach deren Verabschiedung im Bundestag
stand im März 1956 die Abstimmung im Bundesrat an.
Wochenbericht der Landesleitung Bremen vom 5. bis 12. März 56. SAPMO, BY 1/867.
Beate Hoecker und Renate Meyer-Braun haben zwischen Oktober 1986 und Mai 1987 eine
Reihe Frauen als Zeitzeuginnen zu ihren Erinnerungen an die ersten Jahre nach Kriegsende
befragt und in ihrem Buch „Bremerinnen bewältigen die Nachkriegszeit“ veröffentlicht. Der
Bericht von Luise Heinemann wurde dem Buch entnommen.
Meyer-Braun, 1988, 134.
Vgl. Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Jahrbuch der SPD von 1946, 91.
Vgl. Boyer/Kössler, 2005, 69–70.
266
Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
111 Vgl. Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Jahrbuch der SPD 1946, 30.
112 „Die Genossin“ erschien bis Dezember 1949. Ab 1950 erschien die SPD-Frauenzeitung wieder
unter dem Namen „Die Gleichheit“. Vgl. Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, (Hrsg.), Jahrbuch der SPD 1950/51, 199.
113 Vgl. Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Jahrbuch der SPD 1947, 53–55.
114 Die Frage einer Mitarbeit der Sozialdemokratinnen in den Frauenausschüssen beschäftigte in
den folgenden Jahren mehrfach die Parteigremien – was darauf hindeutet, dass sich die SPDFrauen in Bremen wie auch in anderen Städten weiterhin in den Ausschüssen betätigten. Vgl.
Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Jahrbuch der SPD 1946, 31; 1947, 54;
1948, 54f.
115 Vgl. Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Jahrbuch der SPD, 1947, 54.
116 Bremer Volksstimme vom 11. März 1949.
117 Bremer Volksstimme vom 18. März 1949.
118 Bremer Volksstimme vom 18. März 1949.
119 Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellungen, Reklam, Bd. 10, 178.
120 Vgl. Kuhnhenne, 2005, 85-87.
121 Maria Weber in einer Presseerklärung des DGB im Jahr 1960. Zit. in: Maier, 1993, 274.
122 Vgl. Kuhnhenne, 2005, 284-285.
123 Langer, 1988, 113.
124 Vgl. Maier, 1993, 259.
125 Vgl. „Senatorin ermutigt berufstätige Frauen“, Weser-Kurier vom 11. Juni 1963.
126 Vgl. Meyer-Braun, 1982, 99.
127 Jahresbericht der Frauengruppe Bremen 1957, (FES/AdsD), LO Bremen I, Box 26.
128 Jahresbericht der Frauengruppe Bremen 1956. (FES/AdsD), LO Bremen I, Box 48.
129 Jahresbericht der Frauengruppe Bremen 1956. (FES/AdsD), LO Bremen I, Box 48.
130 Boyer/Kössler, 2005, 224, 234.
131 Jahresbericht der Frauengruppe Bremen 1956, (FES/AdsD), LO Bremen I, Box 48.
132 Diesen Ausschuss, der aus zwölf Frauen und vier Männern bestand, hatte der Parteivorstand
noch in der Aufbauphase als ein zentrales Beratungsgremium beim Parteivorstand berufen.
Vgl. Pausch, 1985, 96-97.
133 Vgl. Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Jahrbuch der SPD von 1950/51,
204.
134 Vgl. Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Jahrbuch der SPD von 1950/51,
204.
135 Vgl. Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Jahrbuch der SPD von 1950/51,
204.
136 Im Abschnitt „Frauentage der KPD“ wurde an zwei Beispielen aus den Jahren 1949 und 1956
das Vorgehen der Sozialdemokratinnen gegenüber den Kommunistinnen dargestellt.
137 Bremer Presse vom 7. März 1950.
138 Bremer Presse vom 23. März 1950.
139 Die Informationen und Zitate zur Veranstaltung am 27. März stammen aus dem Artikel „Soziale Spannungen gefährden Weltfrieden“ der Bremer Presse vom 28. März 1950.
140 Aus dem Gespräch mit Rita Rußland vom 5. Juli 2010. Rita Rußland arbeitete in den 1980er
Jahren in der Abteilung Frauen der IG Metall. Sie war eine der Autorinnen der Schrift der IG
Metall zum Internationalen Frauentag 1985.
141 Vogelheim, 1985, 77/78.
142 Kurt Schumacher in: Die Gleichheit vom April 1951, Nr. 4, 14. Jg.
143 Bremer Volkszeitung vom 14. April 1951.
144 Weser-Kurier vom 22. März 1952.
145 Vgl. Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Jahrbuch der SPD von 1952/53,
214.
1945–1966
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146 Alle Zitate in diesem Absatz sind dem Bericht des Weser-Kuriers vom 17. April 1953 entnommen.
147 BVZ vom 4. September 1954.
148 Vgl. Wolfrum, 2007, 129–130.
149 Zitat aus dem Deutschen Manifest, zit. in: Siepmann, 1986, 138.
150 Bremer Volkszeitung vom 23. April 1955.
151 Weser-Kurier vom 30. Mai 1956.
152 In der empirischen Studie zum Bremer Arbeitermilieu in den 1950er Jahren hat Peter Alheit
u.a. die familiären Netzwerke und nachbarschaftlichen Kontakte in den Arbeiterfamilien
untersucht sowie die familiären Hilfsstrukturen dargestellt. Vgl. Alheit /Bunke, 1999, 268269.
153 Vgl. Kuhnhenne, 2005, 284.
154 Wolfrum, 2007, 140.
155 Vgl. Wienecke/Krause, 1982, 41.
156 Vgl. Wienecke/Krause, 1982, 43.
157 In seinem detailreichen Forschungsbericht „Friedenspolitik in Bremen nach dem Zweiten Weltkrieg“ hat Christoph Butterwegge auch die Anti-Atom-Bewegung erforscht und dargestellt.
Auf diese Untersuchung stützt sich der Bericht über die Frauentagaktionen in Bremen in den
Jahren 1957 und 1958. Vgl. Butterwegge, 1989, 154–185.
158 Vgl. Butterwegge, 1989, 155.
159 Butterwegge, 1989, 155.
160 BBZ vom 25. Mai 1957.
161 Vgl. „Aktiver Bremer Frauenausschuß“ in: BBZ vom 15. Februar 1958; „Vielseitige Arbeit im
Frauenausschuß. Frau Stiegler gab Jahresbericht auf der Hauptversammlung“, in: BN vom 15.
Februar 1958.
162 Die Gleichheit vom 5. Mai 1958.
163 Christoph Butterwegge weist in seinem Buch „Friedenspolitik in Bremen“ darauf hin, dass
der „Kampfbund gegen Atomschäden“ Kritik an der Beteiligung der WFFB gegenüber dem
Parteivorstand geäußert habe. Doch der Vorstand sei darauf nicht weiter eingegangen. Vgl.
Butterwegge, 1989, 178/F. 18, 304.
164 Vgl. Weser-Kurier vom 4. Juni 1958.
165 BBZ vom 7. Juni 1958
166 BBZ vom 7. Juni 1958.
167 Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Jahrbuch der SPD von 1950/51, 202.
168 Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Jahrbuch der SPD von 1952/53, 213.
169 Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Jahrbuch der SPD von 1952/53, 213.
170 Meyer-Braun, 1982, 143.
171 Vgl. Grebing, 1983, 151-153.
172 Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Jahrbuch der SPD von 1958/59, 294.
173 Vgl. Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Jahrbuch der SPD von 1958/59,
294.
174 Miller, 1974, 38.
175 Aus dem Godesberger Grundsatzprogramm, zit. in: Pausch, 1985, 126-127.
176 Grebing, 1983, 152.
177 Vgl. BBZ vom 7. Mai 1960.
178 Vgl. Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Jahrbuch der SPD von 1960/61,
338.
179 BBZ vom 3. Juni 1961.
180 Vgl. Meyer-Braun, 1982, 108.
181 Norddeutsche Volkszeitung vom 4. Juni 1984.
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Frauentage in der Bundesrepublik Deutschland
Vgl. Weser-Kurier vom 20. Mai 1965.
Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Jahrbuch der SPD von 1962/63, 356.
Die Gleichheit, Nr. 6, Juni 1965.
Protokoll der 1. Frauen-Delegierten-Konferenz der SPD, Landesorganisation Bremen vom 1.
November 1964, FES/AdsD, LO Bremen I, Box 82.
9.
Neue Frauenbewegung und
Internationaler
Frauentag
1967–1979
270
Neue Frauenbewegung und Internationaler Frauentag
Seit Mitte der 1960er Jahre war der Internationale Frauentag aus dem politischen Leben
der Bundesrepublik verschwunden. Die Gründe dafür waren vor allem das Verbot der KPD
und dass die SPD ihre Veranstaltungen und Aktionen zum Frauentag 1966 einstellte. In
den 1970er Jahren dagegen besannen sich Kommunistinnen und Sozialdemokratinnen
wieder auf ihre Tradition. Auch Gruppen und Projekte der Neuen Frauenbewegung beteiligten sich an Aktionen zum 8. März. Vor allem aber waren es Gewerkschafterinnen, die
den Internationalen Frauentag zum Forum für die Rechte der Arbeitnehmerin machten.
Im Folgenden wird dargestellt, wie es in den 1970er Jahren zu dieser Erneuerung kam,
welche Akteurinnen daran beteiligt waren und wie sie Inhalt und Form des Internationalen
Frauentages neu gestalteten.
Zunächst werden die wirtschaftlichen und politischen Wandlungsprozesse skizziert, die
in jenen Jahren die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen veränderten und damit
die Voraussetzungen schufen, dass sich die Neue Frauenbewegung entwickeln konnte.
Anschließend werden in einem kursorischen Überblick die Entstehungsgeschichte der Bewegung zusammengefasst und die Kommunikationsstrukturen und Aktionsformen dargestellt.
Die Themen der Frauenbewegung, ihre neuen Formen des politischen Protestes und die
Kultur der Frauenfeste prägten das Bild der Frauentage seit Ende der 1970er Jahre – die
Frauenbewegung beeinflusste die Akteurinnen, die an der Erneuerung des Frauentages
beteiligt waren. Drei Gruppen gilt es hier insbesondere zu betrachten: die sozialdemokratischen Frauenorganisationen, die Frauenfunktionärinnen und -ausschüsse der Gewerkschaften und die Frauen der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) mit der ihr
nahestehenden Frauenorganisation der Demokratischen Fraueninitiative.
Ein entscheidender Anstoß, den Internationalen Frauentag in der Bundesrepublik wieder jedes Jahr zu begehen, kam von außen. Die politischen Debatten, die das „UNO-Jahr
der Frau“ 1975 weltweit auslöste, bestärkte Frauengruppen und politische Initiativen in
der Bundesrepublik darin, wieder Frauentagsveranstaltungen durchzuführen. Mit Berichten über die Aktionen Ende der 1970er Jahre schließt das Kapitel.
Formierung der Neuen Frauenbewegung
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es in den westlichen Industriegesellschaften einen durchgreifenden Wandel, der auch die Lebens- und Arbeitsbedingungen von
Frauen betraf. Seit den 1950er Jahren wuchs die Zahl berufstätiger Ehefrauen mit Kindern, vor allem im expandierenden Dienstleistungsbereich stieg die Nachfrage nach weiblichen Arbeitskräften. Der Ausbau des tertiären Sektors begünstigte die Ausbreitung von
Teilzeitarbeit als Arbeitsform für Frauen. Mit dem Argument, dass über die Teilzeitarbeit
die Kinderbetreuung, der Haushalt und die Arbeit miteinander vereinbart werden können,
sollten auch verheiratete Frauen und Mütter für den Arbeitsmarkt mobilisiert werden.1
Angesichts eines sich abzeichnenden Mangels an qualifizierten Arbeitskräften und
wissenschaftlichem Nachwuchs rückten die Schwächen des bundesrepublikanischen Bildungssystems in den Blick. Die Debatte über die „deutsche Bildungskatastrophe“ führte
Mitte der 1960er Jahre zu konkreten Maßnahmen im Bildungssektor. Ziel war die soziale
Öffnung der weiterführenden Schulen und Hochschulen. Vor allem sollten die schichtspezifischen Benachteiligungen von Arbeiterkindern kompensiert und die Ausbildungssituation von Mädchen verbessert werden.2
1967–1979
271
Es setzte eine Bildungsexpansion ein. Am meisten profitierten Kinder der unteren Mittelschicht von den Reformen, vor allem aber Frauen. Waren Mädchen 1960 an den Gymnasien stark unterrepräsentiert, änderte sich das Verhältnis im folgenden Jahrzehnt: 1978
besuchten prozentual mehr Mädchen diese Schulform, als es ihrem Anteil an der jeweiligen Altersgruppe entsprach. An den Universitäten sah es ähnlich aus. „Der Frauenanteil
unter den Studierenden an Universitäten lag 1960 bei 28 Prozent, 1975 bei 36 Prozent
und 1989 bei 41 Prozent.“3 Die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt und im Bildungsbereich eröffneten den Mädchen und Frauen Perspektiven, die über die einseitige Festlegung
auf die Hausfrauen- und Mutterrolle hinausgingen. Zugleich hielten aber tradierte Stereotypen und Rollenzuschreibungen die Frauen in privater Abhängigkeit von Ehemännern, in
untergeordneten Stellungen im Beruf und in kaum beachteten Nischen in der Politik fest.
Als Frauen begannen, diese Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Ausbeutung öffentlich
anzuprangern, entstand aus dem gemeinsamen Handeln, aus Frauendemonstrationen,
Frauengesprächskreisen, Aktionen und Konferenzen die Neue Frauenbewegung.
Die neue Bewegung erhielt Auftrieb, als die sozial-liberale Koalition 1969 versprach,
eine Reformära einzuleiten. In seiner ersten Regierungserklärung im September 1969 hob
Willy Brandt die Bedeutung der Frauen für die Reformierung der Gesellschaft hervor: „Für
die gesellschaftspolitischen Reformen und die moderne Gestaltung unseres demokratischen Industriestaates will und braucht die Bundesregierung eine stärkere Mitwirkung der
Frauen.“ Er versprach, dass die sozialliberale Regierung daraus die notwendigen Konsequenzen ziehen werde, „um den Frauen mehr als bisher zu helfen, ihre gleichberechtigte
Rolle in Familie, Beruf, Politik und Gesellschaft zu erfüllen“.4
Gesellschaftliche Entstehungsorte der Neuen Frauenbewegung waren zunächst die
Universitäten. Sie hatten sich in den 1960er Jahren ausgehend von den USA zu politischen Zentren einer antiautoritären Jugend- und Studentenbewegung entwickelt. Tonangebend in dieser Oppositionsbewegung war der Sozialistische Deutsche Studentenbund
(SDS), in dem sich eine Reihe politisch interessierter und engagierter Frauen organisiert
hatten. Es waren Frauen aus dem Berliner SDS, die als erste den Widerspruch zwischen
den politisch emanzipatorischen Ansprüchen der Organisation und dem autoritären
und patriarchalen Gehabe der Genossen öffentlich thematisierten und daraus Konsequenzen zogen.
Junge Frauen hatten sich an den Aktionen gegen die Misere an den Universitäten und
an den Protesten gegen den US-amerikanischen Vietnamkrieg beteiligt und protestierten zusammen mit ihren Kommilitonen gegen die Zusammenarbeit der bundesrepublikanischen Politiker mit Diktatoren der „Dritten Welt“ wie dem iranischen Schah-Regime.
Innerhalb der Organisation wurden Debatten über die gesellschaftlichen Widersprüche,
über die kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisse und über die Notwendigkeit, dagegen
einen Klassenkampf zu führen, diskutiert und die Vision einer antiautoritären Gesellschaft
entworfen. Dabei nahmen Frauen mit wachsendem Unmut wahr, dass die großen Reden
über die Befreiung von Konventionen, von überkommenen Moralvorstellungen, von einem
Zusammenleben gleichberechtigter Menschen nur abstrakte Postulate waren, wenn es um
das eigene Verhalten gegenüber den Genossinnen, Partnerinnen und Ehefrauen ging. Sie
stellten fest, dass die „Genossen“ ihre männlichen Privilegien und Vormachtstellungen
zu Hause wie bei der politischen Arbeit behaupteten. Die Frauen hatten auch in den
SDS-Gruppen kaum Einfluss, sie erledigten dort die Schreib- und Aufräumarbeiten. Im
privaten Bereich kümmerten sie sich um die Hausarbeit und waren allein zuständig für
die Betreuung der Kinder.5 „Sie empfanden sich sexuell und als Hilfsarbeiterinnen bei der
alltäglichen politischen Kleinarbeit ausgebeutet.“6
272
Neue Frauenbewegung und Internationaler Frauentag
Es war eine Gruppe von nur sieben Frauen, die diese von Männern diktierten Verhältnisse, diesen Ausschluss von der politischen Arbeit und die Diskriminierung im privaten
Bereich nicht länger hinnehmen wollten. Sie gründeten 1968 in Westberlin den „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“, eine selbstständige Frauengruppe, in der Männer nicht mitarbeiten durften. Ihr erstes Ziel war es, eine gemeinsame Kinderbetreuung zu organisieren
und dafür ein pädagogisches Konzept zu erarbeiten. Sie sprachen Studentinnen und junge
Akademikerinnen mit Kindern an, weil sie aus eigener Erfahrung wussten, dass bei diesen
der Stress und der Unmut am größten waren. Sie hatten Recht mit ihrer Einschätzung –
schon wenige Monate später arbeiteten die ersten Kinderläden in Westberlin. Die Frauen
entschlossen sich, ihre Initiative auf der Delegiertenkonferenz des SDS vorzustellen, um
mit den Delegierten über eine gemeinsame politische Arbeit zu diskutieren.7
Am Freitag, dem 13. September 1968, meldete sich Helke Sander als Vertreterin des
Aktionsrates auf der Frankfurter Delegiertenkonferenz des SDS zu Wort. In ihrer Rede
kritisierte sie, dass auch in der antiautoritären Studentenbewegung die bürgerliche Trennung zwischen gesellschaftlichem und privatem Leben weiterbestehe. Damit werde gerade
der Privatbereich einer politischen Debatte entzogen und „das spezifische Ausbeutungsverhältnis, unter dem die Frauen stehen, verdrängt“. Diese Form männlicher Herrschaftssicherung bestimme auch das Geschlechterverhältnis im SDS. Deshalb forderten die Frauen, die privaten Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse zum politischen Thema
zu machen. Helke Sander forderte, dass sich der Kongress mit der Situation der Frauen
auseinandersetzen solle.8 Als nach einer Sitzungspause die männliche Führungsspitze –
ohne auf den Beitrag von Helke Sander einzugehen – entschied, in der Tagesordnung fortzufahren, bewarf Sigrid Rüger, ein weiteres Mitglied des Aktionsrates, die Männer auf dem
Podium mit Tomaten.9
Für die Frauen wurde dieser über die Presse verbreitete Tomatenwurf zum Signal für
den Aufbruch und es bildeten sich weitere Frauengruppen an verschiedenen Universitätsstandorten. Die Akteurinnen waren in der Regel Studentinnen, die sich trafen, um ohne
Bevormundung durch Männer ihre Probleme und Fragen nur unter Frauen zu diskutieren.
Ein Tomatenwurf und seine Folgen –
der Bremer Weiberrat 1969
Diese konkreten Beispiele ermutigten. Schon bald ergriffen auch Frauen außerhalb von
Universitätsstandorten die Initiative. Sie hatten sich in den 1960er Jahren an politischen
Aktionen der außerparlamentarischen Aktionen der Linken beteiligt und dabei ähnliche
Erfahrungen wie die SDS-Frauen in Berlin gemacht, nämlich dass sie von den Männern,
mit denen sie bei Aktionen zusammengearbeitet hatten, politisch ignoriert wurden.
Und damit geschah das „Unerhörte“10 – Frauen verbündeten sich und setzten sich zur
Wehr. Romina Schmitter berichtet in ihrer Untersuchung „Zur neuen Frauenbewegung
in Bremen“ von der Initiative einer Gruppe von Jungsozialistinnen aus Bremen. Auslöser
war das Referat zum Thema Sexualität, das Gerhard Amendt auf einer Veranstaltung der
Jungsozialisten am 12. Februar 1968 in Bremen hielt. Die Jungsozialistin Ursula Kerstein,
spätere bremische Frauenbeauftragte, notierte über die Rede des SDS-Mitgliedes Gerhard
Amendt in ihr Tagebuch: „Es existieren nur Männer … komischerweise.“ Sie hatte wahrgenommen, dass bei einem Thema, das Frauen und Männer in gleicher Weise anging, das
weibliche Geschlecht vom Referenten überhaupt nicht angesprochen worden war. Solche
1967–1979
273
Erfahrungen machten die Frauen schon immer, viele hatten wahrscheinlich Ähnliches in
ihre Tagebücher geschrieben. Jedoch an diesem 12. Februar 1960 war es anders, denn
Ursel Kerstein beließ es nicht bei der ironisch kritischen Bemerkung, sondern fügte hinzu:
„Das muß sich ändern.“11
Und tatsächlich traten die Bremer Juso-Frauen aus der von den Männern verordneten
Unsichtbarkeit heraus. Am 17. April 1969 gründeten sie einen „Weiberrat“. Diese Gründung
war das Ergebnis einer Juso-Veranstaltung, auf der Helke Sander und Marianne Herzog,
Vertreterinnen des Aktionsrates zur Befreiung der Frau aus Berlin, über ihre Erfahrungen
in der Kinderladenbewegung berichteten. Als die Frauen in der anschließenden Diskussion
von den anwesenden Männern ständig übergangen wurden, zogen sie mit den Referentinnen in einen separaten Raum und diskutierten ohne Männer weiter. Für die Bremer Teilnehmerinnen an der Gesprächsrunde war danach „klar“, „daß … wir uns wieder treffen“.12
In den nächsten Wochen fanden jeden Mittwoch Versammlungen statt. Die rund vierzig
Jungsozialistinnen des Weiberrats – der seinen Namen in Anlehnung an die Weiberräte in
den Universitätsstädten trug – wollten vor allen Dingen ungestört von Männern miteinander reden. Bald mündeten diese Gespräche in politische Aktivitäten. Ein Teil der Gruppe
nahm an der Planung eines antiautoritären Kinderladens teil, die anderen „begannen im
Mai [1969] Unterschriften gegen den Paragraphen 218 zu sammeln und gehörten damit
indirekt zu den Initiatorinnen der bundesweiten Aktionen gegen den § 218.“13
Aus den Protesten gegen den § 218 entsteht
die Neue Frauenbewegung
Seit 1959 waren die Paragraphen 218, 219 und 220 des Strafgesetzbuches in juristischen
Fachkreisen und auf Regierungsebene Gegenstand von Debatten. Das Abtreibungsrecht
sollte reformiert werden. Noch in ihrem letzten Jahr, 1969, brachte die Regierung der großen Koalition dazu einen Gesetzentwurf ein, der aber „wegen vorzeitiger Auflösung des
Parlaments nicht über die erste Lesung hinaus kam“.14 Die sozialliberale Koalition verfolgte das Ziel, die Strafrechtsparagraphen zu reformieren, weiter. Von den Gesetzentwürfen,
die im Bundestag beraten wurden, war die Drei-Monats-Fristen-Regelung die weitestgehende. Sie gewährte im Falle einer Abtreibungen Straffreiheit bis zum dritten Schwangerschaftsmonat. Für diese Regelung sprach sich eine Mehrheit der SPD-Bundestagsfraktion
aus. Auch die SPD-Frauen und die Gewerkschafterinnen forderten die Einführung einer
Fristenregelung. Ebenso unterstützten die DKP und der ihr nahestehende Marxistische
Studentenbund Spartakus diese Forderung.
Noch zu Zeiten der großen Koalition jedoch hatten sich auch Frauen zu Wort gemeldet,
die eine grundsätzlich andere Position vertraten. Sie erteilten dem gesamten Reformvorhaben eine Absage. Denn jede Reform beinhalte die Beibehaltung des Strafrechtsparagraphen und damit – so argumentierten sie – würden die Frauen an einem entscheidenden
Punkt ihres Lebens weiterhin bevormundet und kontrolliert. Sie forderten deshalb Selbstbestimmung über ihren Körper und die „ersatzlose Streichung des § 218“.15
Zu den ersten Gruppen, die sich mit Unterschriftenaktionen an die Öffentlichkeit
wandten, gehörte die Gruppe Bremer Jungsozialistinnen. Seit dem Frühjahr 1969 gingen
sie gegen den Paragraphen auf die Straße und forderten die ersatzlose Streichung des
§ 218. Und sie benutzten – zwei Jahre vor der großen Aktion im Stern – die Methode der
Selbstbezichtigung: Im Mai 1969 starteten die Juso-Frauen ihre Kampagne „Ich habe ab-
274
Neue Frauenbewegung und Internationaler Frauentag
getrieben“. Die erste Bremerin, die sich des Schwangerschaftsabbruchs bezichtigte, war
eine Mutter von 59 Jahren. „Nach der Tagebucheintragung ihrer Tochter setzte sie ihre
Unterschrift unter den Satz ‚Ich habe abgetrieben‘ am 12. Mai 1969.“16
Auch in anderen Städten entstanden Gruppen, die gegen den § 218 protestierten und
Unterschriften gegen das Abtreibungsverbot sammelten. Bald wurde es notwendig, die
Arbeit zu koordinieren, und im Jahr 1970 schlossen sich die Gruppen zu einem losen Verbund zusammen. Die „Aktion 218“ entstand.
Doch erst die Selbstbezichtigung „Ich habe abgetrieben“ von 374 Frauen in der Zeitschrift Stern am 6. Juni 1971 wurde zum entscheidenden Impuls für die Massenkampagne
gegen den § 218. Initiatorin war die Journalistin Alice Schwarzer, die die Idee dazu von den
Französinnen übernommen hatte.17 Die öffentliche Erklärung hatten zwei Monate nach
ihrem Start bereits 2.345 weitere Frauen unterschrieben, 973 Männer unterzeichneten
den Satz „Ich war Komplize“ und 86.100 Unterschriften bekundeten ihre Solidarität. Auf
dem Bundestreffen der Aktion 218 im Juli 1971 waren bereits zwanzig Gruppen durch
Delegierte vertreten. Im Anschluss an das Treffen wurden die gesammelten Unterschriften
zusammen mit einem offenen Brief an Justizminister Gerhard Jahn (SPD) übergeben. In
diesem Brief forderten die Frauen nicht nur die ersatzlose Streichung des § 218, sondern
gleichzeitig auch sozialpolitische Maßnahmen wie den Ausbau von Kindergartenplätzen
und Schwangerschaftsurlaub von mindestens einem Jahr für Mutter oder Vater. Der Brief
schloss mit der Erklärung: „Wir Frauen werden uns nicht mit Ersatzlösungen abspeisen
lassen. Wir werden Sie in dieser Sache nicht zur Ruhe kommen lassen.“18
In den folgenden Monaten entstanden in immer mehr Städten Aktionsgruppen, an denen
sich berufstätige Frauen, Hausfrauen, Mütter und Studentinnen beteiligten. „Der § 218 wurde zum Thema in Büros und Fabriken, Universitäten und Schlafzimmern.“19
Dass sich aus diesen Aktionen und Gruppenbildungen eine Frauenbewegung entwickelt hatte, nahmen die Frauen selbst erst auf dem ersten Bundesfrauenkongress am
12./13. März 1972 in Frankfurt am Main wahr:
„An diesem Kongress haben rund 400 Frauen aus allen Teilen der Bundesrepublik
teilgenommen. Nicht alle, aber die meisten gehörten bereits zu einer Gruppe, und
als wir durchzählten, stellten wir fest, daß es inzwischen rund 35 Gruppen gibt, und
nicht nur in Groß- und Universitätsstätten … Alles in allem kann es über eins nach
diesem Kongreß keinen Zweifel mehr geben: Wir haben eine deutsche Frauenbewegung.“20
In den folgenden Jahren wuchs die Zahl der Frauen, die sich engagierten, weiter. Doch war
es letztlich nicht möglich, die Streichung des § 218 aus dem Strafrecht durchzusetzen. Es
galt für viele als Erfolg, dass der Bundestag am 26. April 1974 mit knapper Mehrheit die
Drei-Monats-Fristenlösung verabschiedete.
Doch das neue Gesetz hatte keinen Bestand. Am 25. Februar 1975 verkündete das
Bundesverfassungsgericht, dass die Fristenregelung nicht mit dem Grundgesetz vereinbar
sei. Wieder kam es zu einer Welle der Proteste und Aktionen. Letztlich gab es ein neues
Gesetz, dem im Laufe der Jahre weitere Änderungen folgen sollten. Die Grundbedingung
aber blieb immer die Gleiche: Frauen dürfen nicht allein über den Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Und grundsätzlich gilt immer: Abtreibung ist strafbar. Bis heute ist es
nicht gelungen, die Abschaffung des § 218 durchzusetzen.
Obwohl die Frauenbewegung damit ihr Ziel nicht erreicht hat, war die Kampagne für
die Bewegung selbst erfolgreich. Zum ersten Mal hatten sich Frauen verschiedenen Al-
1967–1979
275
ters, unterschiedlicher sozialer Herkunft und beruflicher Positionen zusammengefunden.
Die gemeinsamen Aktionen gegen den § 218 hatten sie ermutigt, sich auch an anderen
Punkten zusammenzufinden. Die bundesweiten Aktionen gegen den § 218 wurden zum
„Schmelztiegel“21 für das Entstehen der Neuen Frauenbewegung.
Strömungen in der Frauenbewegung
der 1970er Jahre
Wenn in der Bundesrepublik von der Neuen Frauenbewegung gesprochen wird, ist damit
in der Regel die autonome Frauenbewegung gemeint. Doch daneben existierten weiterhin auch die institutionellen Frauenorganisationen, also jene der Parteien und Gewerkschaften. Alle jedoch wurden beeinflusst und verändert von der Aufbruchstimmung und
den neuen Ideen der „Autonomen“ – wie diese sich häufig selbst nannten. In den folgenden Abschnitten werden die Entwicklungen von vier Frauengruppierungen dargestellt,
die maßgeblich die Erneuerung des Internationalen Frauentages in der Bundesrepublik
durchgesetzt haben. Am Anfang steht die Darstellung der Autonomen Frauenbewegung,
daran schließen sich die Berichte über die Frauenorganisationen der SPD, der DKP und
der Gewerkschaften an.
Autonome Frauenbewegung
Die Neue Frauenbewegung war eine facettenreiche soziale Bewegung, die sich aus verschiedenen Teilbewegungen und vielen Akteurinnen zusammensetzte und deren Ideen
und Forderungen kein geschlossenes Theoriegebäude bildeten. Einige Inhalte waren für
die Erneuerung des Internationalen Frauentages von besonderer Bedeutung.
Auf dem ersten Bundesfrauenkongress im März 1972 ging es zunächst darum, sich
einen Überblick über den Stand der neuen Bewegung zu verschaffen. Etwa 400 Frauen hatten sich versammelt. Sie diskutierten in vier Arbeitsgruppen über die Formen der
Selbstorganisation der Frauengruppen, über die Forderungen nach Gleichheit in Beruf
und Familie und über das weitere Vorgehen im Kampf gegen den § 218. Schon auf diesem
ersten Kongress zeichneten sich Schwerpunkte ab, die zu zentralen Themen der Frauenbewegung werden sollten: Es ging um die Selbstbestimmung über den eigenen Körper,
um ökonomische Unabhängigkeit, aber auch um die Suche nach neuen Methoden der
Kinderbetreuung. Doch vor allem ging es um die Beendigung der männlichen Autorität
und Besitzherrschaft über die Frauen.22
Ein wesentliches Ergebnis der Konferenz war der Beschluss zur Selbstorganisation der
Bewegung ohne Teilnahme und Mitwirkung von Männern. Frauen wollten ohne Bevormundung und Unterdrückung durch Männer über ihre Organisation bestimmen. Selbstbestimmung und Autonomie waren die ersten politischen Zielbestimmungen des Frauenaufbruchs. Es ging um individuelle Autonomie und zugleich um die Durchsetzung
institutioneller Unabhängigkeit von den tradierten Formen und Institutionen.
Das bedeutete eine konsequente Separierung von Männern und von den von Männern
bestimmten Organisationen. Auf dem Kongress entwickelte sich daraus eine Debatte darüber, ob autonome Frauen sich in den von Männern dominierten Gewerkschaften orga-
276
Neue Frauenbewegung und Internationaler Frauentag
nisieren sollten. Manche kritisierten die patriarchalen Strukturen der Organisation und
wandten sich gegen eine Mitgliedschaft. Andere Gruppen hielten dagegen, dass Frauen
sich gerade verstärkt in den Gewerkschaften organisieren müssten, denn nur mit der großen Organisation könne ein Kampf um Veränderung der Situation von Frauen im Beruf
mit einiger Aussicht auf Erfolg geführt werden.23
Ein weiteres Thema, das auf der Konferenz behandelt wurde, beschäftigte die Frauenbewegung in den folgenden Jahren noch häufig und sorgte besonders in der Vorbereitung der Frauentage für Auseinandersetzungen und gelegentliche Spaltungen:
Sind Feminismus und Sozialismus vereinbar? 24 Hier standen die Positionen der autonomen und radikalen Feministinnen denen der Sozialistinnen und Kommunistinnen
gegenüber. Die Marxistinnen vertraten die Auffassung, dass der Klassenkampf Vorrang habe vor der Lösung der Frauenfrage. „Die untergeordnete Stellung der Frau ist
ein Nebenwiderspruch innerhalb des Hauptwiderspruchs zwischen Kapital und Arbeit.
Deshalb lässt sich die Frauenfrage nicht geschlechtsspezifisch lösen, sondern letztlich
nur durch eine Umgestaltung der kapitalistischen Klassengesellschaft in eine sozialistische klassenlose.“25 Die radikalen Feministinnen drehten diese Doktrin um: „Der
Schlüsselpunkt der Gesellschaftsanalyse ist nicht Kapitalismus, sondern Patriarchat.
[…] Die Frauenfrage ist dann nicht mehr ein Unterpunkt im Klassenkampf, sondern
Klassenfragen stellen einen Unterpunkt im umfassenden feministischen Kampf gegen
die patriarchalische Weltordnung dar.“26 Trafen die Vertreterinnen dieser beiden Positionen im politischen Alltag aufeinander, gab es keine Theoriedebatten. Der Streit entzündete sich dann aber zum Beispiel an der Frage, ob bei einem Fest am 8. März auch
Männer zugelassen waren oder nicht.
In den 1970er Jahren begannen die autonomen Frauengruppen damit, eigene Frauennetzwerke aufzubauen. Es wuchs das Vertrauen in die eigene Stärke und in das Fortbestehen der Bewegung. Als sichtbares Zeichen für diese Entwicklung können die Frauenzentren gesehen werden, die zu zentralen örtlichen Frauentreffpunkten wurden. Sie waren der
„eigene Raum“ zum Austausch, für Aktionsvorbereitungen, für die Beratungsarbeit und für
die wachsende Zahl von Selbsterfahrungsgruppen. Vor allem bei den jungen Frauen, die
zunehmend das Bild der autonomen Frauenbewegung prägten, wuchs das Bedürfnis, sich
zunächst mit der eigenen Stellung in Familie, Beruf und Gesellschaft auseinanderzusetzen. Es entstanden Selbsterfahrungs- und Selbsthilfegruppen, in denen die individuellen
Unterdrückungserfahrungen gemeinsam analysiert werden konnten, um darin das Allgemeine zu erkennen und Veränderungsstrategien zu entwickeln.27
Trotz dieses „Rückzugs nach innen“28 blieben die Frauen gesellschaftlich präsent. Es
gelang der Neuen Frauenbewegung auch in anderen von der Gesellschaft tabuisierten
Bereichen nachzuweisen, wie politisch das Private war. Dabei löste die Thematisierung
sexueller Gewalt in der Ehe und der sexuelle Missbrauch von Mädchen ein Umdenken in
vielen gesellschaftlichen Institutionen und vor allem bei den Frauen selbst aus. Sie starteten neue Projekte und Initiativen. So entstanden Frauenhäuser für misshandelte Frauen
und deren Kinder, sexuelle Gewalt an Mädchen wurde angeprangert und Beratungszentren geschaffen.
Parallel zur Ausweitung der Gesamtbewegung bildeten sich einzelne Teilbewegungen
heraus, die eine spezifische Diskriminierung oder Ausgrenzung in der Gesellschaft, teils
aber auch in der Frauenbewegung erfuhren. Dazu gehörte die Lesbenbewegung genauso
wie später auch Gruppen und Netzwerke von Migrantinnen und afrodeutschen Frauen.29
Die Frauen entwickelten ihre spezifische Kultur. In München gründeten sie den ersten
Frauenverlag, „Frauenoffensive“, und 1976 wurde ebenfalls in München der erste Frauen-
1967–1979
277
buchladen eröffnet. Bald schon existierten mit der Courage und später der Emma zwei
überregionale feministische Frauenzeitschriften. Und 1976 fand in Berlin die erste Sommeruniversität für und von Frauen statt. So hatte sich in wenigen Jahren eine weibliche
Kulturlandschaft entwickelt, die sich immer neue Tätigkeitsfelder und Wirkungsmöglichkeiten erschloss, mit Frauenbildungshäusern, einer eigenen Filmszene, Frauenliteratur,
Rock-Bands und Tanzschulen nur für Frauen.
Diese Neue Frauenbewegung hatte kein einheitliches Erscheinungsbild. Es gab keine
formale Mitgliedschaft, die Zugehörigkeit bestimmte sich subjektiv über die Auseinandersetzung mit bestimmten feministischen Inhalten und Zielen, über die Nähe zu bestimmten
Gruppen, Projekten und Netzwerken. „1974 gab es 100–200 Gruppen und einige tausend
Aktivistinnen.“30 Darüber hinaus erreichte in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre vor allem die Frauenbildungsbewegung Tausende von Frauen, die sich an den für alle Frauen
offenen Sommeruniversitäten beteiligten und auf den Kongressen mitdiskutierten.31 Auf
diesem Weg kamen immer mehr Frauen mit den Ideen und Protesten der Frauenbewegung in Berührung. Viele wurden angeregt, sich politischen Gruppen und Organisationen
anzuschließen, und in den Partei- und Gewerkschaftsorganisationen konfrontierten die
weiblichen Mitglieder die Männermehrheit mit Kritik an ihrem patriarchalen Verhalten.
Frauenbewegung der Sozialdemokratinnen
Auch in der SPD meldete sich eine neue Frauengeneration mit eigenen Ideen und Projekten zu Wort. Sie fühlte sich ermutigt vom gesellschaftlichen Aufbruch, den Versprechungen der sozialliberalen Koalition und spürte Rückenwind durch das offensive Auftreten
der Frauenbewegung. Ein Jahr nach der Regierungserklärung von Willy Brandt, in der
er versprochen hatte, mehr Demokratie zu wagen und die Frauen besonders zu fördern,
war die SPD mit dem Protest und den Forderungen einer neuen Frauenbewegung in der
eigenen Organisation konfrontiert.
An der Bundesfrauenkonferenz in Nürnberg vom 22. bis 25. Oktober 1970 nahmen
junge Frauen teil, die in einigen Städten die Leitungen der örtlichen SPD-Frauengruppen
übernommen hatten und als deren Vertreterinnen jetzt zur Konferenz gereist waren. Die
Neuen traten sofort selbstbewusst auf. Sie meldeten sich mit kritischen Beiträgen zu Wort.
Sie rügten den autoritären Führungsstil und vor allen Dingen die fehlenden politischen
Aussagen. Als sie dann noch die Vorsitzende Annemarie Renger aufforderten, einen Rechenschaftsbericht abzulegen, wurde das als Provokation empfunden. Denn auf den bisherigen Bundesfrauenkonferenzen „wurden Referate gehalten, Resolutionen verabschiedet.
Inhaltliche Auseinandersetzungen gab es nicht.“32 So wurde die Konferenzleitung von dem
Auftreten der Frauen und ihrer offenen Form der Auseinandersetzung völlig überrascht.
Sie reagierte empört und wies jede Kritik entschieden zurück.33
Im weiteren Verlauf der Konferenz verständigten sich die jungen Frauen, die sich bisher nicht gekannt hatten, untereinander und legten den Konferenzteilnehmerinnen ein
gemeinsam verfasstes Oppositionspapier zum Thema „Warum Frauenarbeit?“ vor, in dem
sie sich mit dem tradierten Frauenbild der Sozialdemokratie auseinandersetzten und die
auch in der SPD übliche Festlegung des weiblichen Geschlechts auf die Rolle als Hausfrau und Mutter kritisierten. Dieses Leitbild, so betonten sie, sei mitverantwortlich für
die unpolitische Haltung und die Rückständigkeit der meisten Frauen in der Bundesrepublik. Um dies zu ändern, müsste die Frauenpolitik neu bestimmt werden und müssten
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Neue Frauenbewegung und Internationaler Frauentag
sich Frauen zur gemeinsamen politischen Arbeit zusammenschließen. Das Positionspapier
löste große Empörung unter den „konservativen Frauen der Führungsriege“ aus, die ihr
familienpolitisches Konzept und ihre politische Arbeit in Frage gestellt sahen.34
Im Anschluss an die Konferenz vereinbarten die jungen Frauen weitere Treffen, um
die politischen Auseinandersetzungen in Zukunft systematischer vorzubereiten. Sie
nutzten ihre Verbindungen zu den Jungsozialisten und stellten auf dem Juso-Bundeskongress im Dezember 1970 den Antrag, einen „Arbeitskreis Emanzipation“ zu bilden.
Der Arbeitskreis sollte theoretische Grundlagen für eine eigene Frauenarbeit in der SPD
ausarbeiten. 35
Die Partei reagierte auf die Bewegung und griff steuernd in die Entwicklung der Frauenarbeit ein. Der Parteivorstand beschloss im Februar 1972, die Frauenarbeit neu zu gestalten, und legte fest, dass die Frauen „eine Arbeitsgemeinschaft […] bilden sollten.“36
Damit wurden zum ersten Mal demokratische Strukturen und Wahlverfahren für die
Frauenarbeit festgelegt. So konnten auf der Frauenkonferenz in Ludwigshafen 1973 die
Delegierten ihr Führungsgremium zum ersten Mal selbst wählen.37
Durch die schnelle Entscheidung des Parteivorstandes war den Frauen die Möglichkeit
genommen, selbst alternative Strukturen zu entwickeln und auszuprobieren. So wurde für
die Arbeitsgemeinschaft ein organisatorischer Rahmen festgelegt, der die Handlungsfähigkeit begrenzte. Arbeitsgemeinschaften besaßen keine Eigenständigkeit, konnten keine Erklärungen nach außen abgeben und grundsätzlich galt: „Beschlüsse, in denen die Arbeitsgemeinschaften ihre Eigenständigkeit und Unabhängigkeit gegenüber der Gesamtpartei
artikulieren, verstoßen gegen innerparteiliche Normen und sind daher nichtig.“38
Indessen war Bewegung in die Frauenarbeit gekommen. Annemarie Renger stellte zu
Beginn der Bundesfrauenkonferenz 1973 fest: „Diese Bundesfrauenkonferenz ist ein neuer
Beginn sozialdemokratischer Gesellschaftspolitik.“ Doch dieser Neuanfang bedeutete erst
einmal heftigen Streit über die politische Ausrichtung der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF). Unversöhnlich standen sich zwei politische Lager gegenüber.
Die Vertreterinnen eines rechten Flügels waren der Auffassung, dass sich die Arbeitsgemeinschaft unbedingt loyal zur Partei zu verhalten habe. Wer etwas anderes wolle –
drohte Annemarie Renger in Richtung der Kritikerinnen –, verwirke seine „Berechtigung,
Mitglied in der SPD zu sein“. Entsprechend „scharf und aggressiv“ waren die Reaktionen
der Oppositionsfrauen, die die Auffassung vertraten, dass die Unterdrückungsverhältnisse,
denen die Frauen in der Gesellschaft ausgesetzt seien, sich in der Partei wiederholten
und es deshalb gelte, in der Arbeitsgemeinschaft auch gegenüber der Parteiführung einen
eigenständigen Kurs durchzusetzen.39
Die weitere politische Arbeit der ASF war davon geprägt, im Spannungsfeld der unterschiedlichen Strömungen der neuen Frauenbewegung ihren Platz zu finden. Seit den Bundestagswahlen 1976 versuchte der ASF-Bundesvorstand, die vorhandenen Berührungsängste zwischen der ASF und den autonomen feministischen Frauengruppen abzubauen.
1978 fand ein erstes Treffen mit vierzig autonomen Gruppen statt. Zwar zeigten sich erhebliche Differenzen, doch einiges an gegenseitiger Voreingenommenheit konnte in den
Gesprächen abgebaut werden.40
Das veränderte politische Klima in der Frauenorganisation registrierten auch die
Frauengruppen an der Basis. Im Jahresbericht des Bremer ASF-Landesvorstandes 1978/79
hieß es dazu: „Auf Bundesebene hat sich auf der Bundeskonferenz in Erlangen [1979] zum
1. Mal ganz deutlich gezeigt, daß die ASF sich gewandelt hat und nicht mehr wie früher
‚funktioniert‘. [Es gab] eine Kontroverse und kämpferische Auseinandersetzung mit dem
Bundesvorstand.“41
1967–1979
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Auf besagter Bundesfrauenkonferenz hatte der Vorstand eine recht negative Bilanz
gezogen. Er musste feststellen, dass es zwar Lippenbekenntnisse gab, Frauen stärker zu
beteiligen, „doch hinkte die Praxis gewaltig hinter dieser Erkenntnis hinterher.“ So werde
die ASF „bei öffentlichkeitswirksamen Parteiveranstaltungen als nicht existent oder sogar
als lästig eingestuft“.42 In der Diskussion zu diesem Bericht zeigte sich „eine sehr aggressive Stimmung gegen die Männer“. Die Frauen fragten: „Sind wir in erster Linie Frauen,
und zwar radikale Feministinnen, oder sind wir in erster Linie Sozialdemokratinnen? Und
wie weit geben wir da unsere Identität auf?“ Auf der Konferenz stimmten viele mit diesen
feministischen Positionen überein. Die Frauen zeigten sich entschlossen, „ihre Eigenständigkeit und Unabhängigkeit von der ‚Männerpartei‘ durchzusetzen.“43
Um tatsächlich etwas zu verändern, wurden die Frauen nach der Konferenz aktiv. Die
Arbeitsgemeinschaft verstärkte ihren Druck auf die Parteigremien, endlich mit der Gleichstellungspolitik in den eigenen Reihen ernst zu machen. Bereits 1979, auf dem Parteitag in
Essen, hatten die Frauen Positionen zur innerparteilichen Gleichberechtigung formuliert.
Damit lieferten sie die Eckpunkte für die 1981 verabschiedeten Grundsätze zur „Gleichstellung der Frauen in der SPD“.44 Die ASF hatte mit ihrer Kritik an der Vorherrschaft und
Dominanz der Männer in der Partei eine neue Debatte um die Durchsetzung von Gleichberechtigung innerhalb der Organisation angestoßen.
Von der Erlanger Konferenz 1979 ging eine weitere wichtige Initiative aus. Die ASF
hatte dort einen Antrag verabschiedet, der die Bundesregierung aufforderte, die von der
Nato geplante Stationierung der Mittelstreckenraketen auf deutschem Boden abzulehnen
und grundsätzlich auf die Einführung neuer Atomwaffensysteme zu verzichten. Auch ein
Militärdienst für Frauen wurde entschieden abgelehnt. Die ASF beließ es nicht bei diesen
Beschlüssen. Sie mobilisierte ihre Mitglieder. Am 3. Dezember 1979 startete sie mit ihrem
Appell „Frauen für Frieden – Frauen gegen Wettrüsten“ eine Unterschriftensammlung, deren Ergebnis am 8. März 1980 Bundeskanzler Helmut Schmidt und Verteidigungsminister
Hans Apel übergeben wurde.45
Die ASF hatte damit eine Vorreiterrolle übernommen. Innerhalb der Partei war sie
eine der aktivsten Kräfte gegen den NATO-Nachrüstungsbeschluss. Sie beteiligte sich an
Frauenfriedensaktionen und nahm an den Demonstrationen der Friedensbewegung teil.
Zugleich setzte sie damit auch die Tradition der Friedensarbeit innerhalb der sozialdemokratischen Frauenbewegung fort.
Aufbruch der Gewerkschafterinnen
Die Diskussionen und Aktivitäten der Frauenbewegung wirkten auch auf die Frauenarbeit in den Gewerkschaften. Im Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und in den Einzelgewerkschaften wurde wahrgenommen, dass sich die Frauen in der Bundesrepublik
gegen die gesellschaftlichen Machtverhältnisse zur Wehr setzten. Diese Aufbruchstimmung und das gesellschaftliche und mediale Interesse an den Frauenaktionen nutzten
die Gewerkschaften, um auf die Belange der erwerbstätigen Frauen aufmerksam zu
machen. Sie erklärten das Jahr 1972 zum „Jahr der Arbeitnehmerin“. Es war das erste
Mal, dass die Gewerkschaften für ein ganzes Jahr die Belange der Arbeitnehmerinnen
zum Thema gewerkschaftlicher Aktionen machten. Doch gemessen an dem Anspruch
gab es nur eine schwache Resonanz. Claudia Pinl fasste das Ergebnis in ihrer kritischen
Gewerkschaftsstudie Das Arbeitnehmerpatriarchat mit den Worten zusammen: „Das
280
Neue Frauenbewegung und Internationaler Frauentag
Hauptziel der Gewerkschaften war dabei aber weniger, Konflikte offenzulegen und voranzutreiben, sondern schlicht die Mitgliederwerbung.“ Und selbst die wurde nicht genutzt, um die Frauen in den Betrieben zu mobilisieren. „In den meisten Fällen regnete
es nur bunt bedrucktes Papier.“46
Doch das sollte sich bald ändern. Zwar hielten die Gewerkschaften zu den „autonomen
bürgerlichen Frauen“ – so die innergewerkschaftliche Sprachregelung – eine kritische Distanz, aber die Zahl der Gewerkschafterinnen, die zu den Gruppen der Frauenbewegung
Kontakt hatten, wuchs und junge Frauen, die an der Universität in autonomen Frauengruppen gearbeitet hatten, wurden mit dem Eintritt ins Berufsleben Gewerkschaftsmitglieder. Sie trugen die Kritik und die Forderungen der Frauenbewegung in die Gewerkschaften hinein.
Das zeigte sich auch an den neuen Konzepten gewerkschaftlicher Bildungsarbeit. Seit
Jahren wurde beklagt, dass sich die erwerbstätigen Frauen mehr ihren Verpflichtungen
als Hausfrau und Mutter zuwandten als der gewerkschaftlichen Arbeit. Doch Schlussfolgerungen wurden daraus nicht gezogen. Seit Mitte der 1970er Jahre gab es deutliche Veränderungen. So berichtet Claudia Pinl in ihrer Studie über das Arbeitnehmerpatriarchat
in den Gewerkschaften: „Als die IG Metall Verwaltungsstelle Rosenheim im März 1976
zu einem einwöchigen Kurs für Betriebsräte und Vertrauensleute erstmals deren Kinder
unter 6 Jahren mit einlud, erfuhren die üblichen gewerkschaftstechnischen Themen […]
eine Ausweitung: Es wurde diskutiert über Partnerschaft, über die Situation berufstätiger
Mütter, über Probleme von Erziehung und Autorität.“47 Auf immer mehr Seminaren wurden die privaten Abhängigkeitsverhältnisse der Kolleginnen zur Sprache gebracht und die
daraus resultierende Benachteiligung der Frauen wurde sichtbar. Mehr und mehr setzte
sich durch, dass das Private ein wichtiges Thema in der gewerkschaftlichen Arbeit werden
müsse.48
Mit der wirtschaftlichen Krise 1974/75 machten die Gewerkschafterinnen erneut die
Erfahrung, dass Unternehmer und Politiker das Arbeitsplatzproblem zu Lasten der Frauen regeln wollten. Doch statt wie bisher diese Entwicklung zu beklagen, um sie dann resigniert hinzunehmen, setzten sich die Frauen mit Streiks zur Wehr. Bei Pierburg in Neuss
streikten Frauen zur Durchsetzung gleicher Bezahlung und sie erreichten, dass die untersten beiden Lohngruppen, die den Frauen vorbehalten waren, abgeschafft wurden.49 Erfolg
hatten auch die Laborhelferinnen der Firma Photo Heinze. Sie führten von 1979 bis 1981
eine Klage um gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Dieser Kampf um Gleichstellung wurde
von Solidaritätsaktionen begleitet, die Gisela Kessler, hauptamtliche Gewerkschafterin der
IG Druck und Papier, organisiert hatte. 45.000 Unterschriften und Solidaritätsadressen
gingen bei den Frauen ein.50 Aus Anlass der Verhandlung vor dem Bundesarbeitsgericht
in Kassel am 9. September 1981 fand zur gleichen Zeit eine Solidaritätskundgebung mit
6.000 TeilnehmerInnen statt. Die Heinze-Frauen gewannen ihren Prozess.
Dieser Prozess und die Solidaritätsaktionen hatten Vorbildcharakter. Auch in anderen
Gewerkschaften setzten die Kolleginnen durch, dass geschlechtsspezifische Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen von Frauen im Arbeitsleben einen zentralen Platz in den
gewerkschaftlichen Kämpfen einnahmen.
Auch in die Debatte um den § 218 schalteten sich die Gewerkschafterinnen ein. Auf
ihrer Frauenkonferenz 1970 erhoben die Kolleginnen der IG Metall die Forderung nach
einer Reform des Abtreibungsrechts. 1971 forderte der ordentliche Gewerkschaftstag der
IG Metall und 1972 der Bundeskongress des DGB die Fristenregelung. Als die Beratungen
der Regierung über die Ausgestaltung der Reform begannen, griffen die IG Metallerinnen
in die Debatte ein. Sie organisierten eine Unterschriftenkampagne, in der sich die Kolle-
1967–1979
281
ginnen und Kollegen zur Fristenregelung und damit zur Straffreiheit bei einer Abtreibung
in den ersten drei Monaten bekannten. Anfang des Jahres 1974 überreichte Anke Fuchs
als geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IGM dem Vorsitzenden der SPD-Fraktion im
Bundestag Herbert Wehner 125.000 Unterschriften.51
Dieses neue gesellschaftliche Engagement und die Veränderungen im Auftreten der
Gewerkschaften in der Frauenfrage trugen mit dazu bei, neue Frauen als Mitglieder zu gewinnen. Tatsächlich stieg der Frauenanteil in den DGB-Gewerkschaften von 15,2 Prozent
im Jahr 1969 auf 18,3 Prozent 1976. In absoluten Zahlen waren das mehr als 300.000 neue
weibliche Mitglieder.52 Doch nicht nur quantitativ waren die 1970er Jahre ein Erfolg. Die
Gewerkschafterinnen hatten ein neues Selbstbewusstsein entwickelt. Sie meldeten innergewerkschaftlich ihre frauenpolitischen Ansprüche an und traten mit eigenen Aktionen
an die Öffentlichkeit.
Frauenarbeit in der neu konstituierten
Deutschen Kommunistischen Partei (DKP)
Eine wichtige Akteurin bei der Wiederbelebung des Frauentages war auch die Deutsche
Kommunistische Partei (DKP). Seit Gründung der Kommunistischen Internationale 1920
gehörte der Internationale Frauentag zum Selbstverständnis der kommunistischen Bewegung. Die 1968 neu konstituierte Deutsche Kommunistische Partei begann bereits 1970
damit, Veranstaltungen zum 8. März zu organisieren.
Die DKP-Gründung erfolgte zum Ende der Studentenbewegung. Die Partei wollte
nicht nur ehemalige KPD-Mitglieder in einer legalen Organisation versammeln, sie verstand sich auch als Auffangbecken für Angehörige der außerparlamentarischen Opposition. 53 So trafen innerhalb der Partei zwei sehr unterschiedliche Gruppen aufeinander:
einerseits ehemalige Mitglieder und vor allem die aktiven Parteikader der KPD, andererseits junge Leute von den Hochschulen und Universitäten sowie Jugendliche außerhalb
des akademischen Umfeldes, die sich in den Schulprotesten und in der Lehrlingsbewegung engagiert hatten. Doch die politisch-ideologische Ausrichtung und der Politikstil
der Partei wurden von den Männern und wenigen Frauen aus der ehemaligen KPD
bestimmt. Der von dieser Gruppe festgelegte Rahmen wurde von den neuen Mitgliedern
weitgehend hingenommen, obwohl diese mehrheitlich nicht aus der familiären Arbeiterbewegungstradition kamen, ihre politischen Erfahrungen in kleinen spontanen Gruppen
gesammelt hatten und in antiautoritären Wohngemeinschaften lebten. Sie sahen in der
DKP eine politische Kraft, die grundlegende Kritik am Kapitalismus formulierte. Hier
begegneten ihnen Menschen, die schon unter den Nazis Widerstand geleistet hatten.
Für viele der jungen Mitglieder waren nach den eigenen antiautoritären Erfahrungen
die disziplinierte Organisation und die klaren politischen Vorgaben Gründe, sich in der
DKP zu organisieren. 54
Das galt auch für die jungen Frauen, die sich der DKP anschlossen. Sie suchten eine
Alternative und ein politisches Aktionsfeld zu den autonomen auf Frauenidentität bezogenen Gruppen.55 Viele junge Frauen traten in die Partei ein. Der Frauenanteil lag seit Mitte
der 1970er Jahre bei 35 Prozent. Die DKP wies damit innerhalb des Parteienspektrums der
BRD den größten Frauenanteil auf. 56 Doch die neuen weiblichen Mitglieder spielten weder
im äußeren Erscheinungsbild noch in der Funktionärsstruktur eine entscheidende Rolle.
Denn gegen die männliche Vormachtstellung, gegen die ideologischen und politischen Re-
282
Neue Frauenbewegung und Internationaler Frauentag
glementierungen formierte sich innerhalb der Partei kaum Widerstand. Stattdessen schufen sich die Kommunistinnen eine eigene parallele Struktur. Auf der obersten Leitungsebene sowie auf der Ebene der Bezirke wurden im „Arbeitskreis Frauenpolitik“ wichtige
Akteurinnen der Frauenarbeit zusammengefasst. In den Arbeitskreisen diskutierten die
Frauen programmatische Vorstellungen, bereiteten ihre politischen Projekte vor und entschieden über neue Aktionen. So entstand ein eigener Frauenbereich, der zwar innerhalb
der Partei wenig Beachtung fand, doch für die Frauen und ihre Aktivitäten ein wichtiges
Kommunikationsnetz darstellte.
Denn während die Partei von den neuen sozialen Bewegungen von Anfang an „abgehängt“ blieb57, hatten die einzelnen Kommunistinnen eine Vielzahl von Kontakten. Sie wirkten mit an den Projekten der Neuen Frauenbewegung, auch wenn sie dabei gelegentlich in
Widerspruch zur Parteilinie gerieten. So beteiligten sie sich etwa an den Aktionen gegen den
§ 218 und forderten das Selbstbestimmungsrecht der Frau sowie die ersatzlose Streichung
des § 218, während die Partei im Interesse ihrer Ideologie der „Herstellung einer Aktionseinheit mit der SPD“58 lieber deren Reformprojekt der Fristenlösung unterstützte.
Für viele Kommunistinnen wurde die Arbeit in den Gewerkschaften und in den gewerkschaftlichen Frauenausschüssen wichtig. Dort wurden sie zu engagierten Befürworterinnen eines Internationalen Frauentages.
Ein Wendepunkt:
Das Internationale Jahr der Frau 1975
Die UNO-Vollversammlung hatte in einer einstimmig angenommenen Resolution das Jahr
1975 zum internationalen Jahr der Frau erklärt und unter das Motto „Gleichberechtigung,
Entwicklung, Frieden“ gestellt.
Das Symbol für die UNO-Dekade der Frau bestand aus drei Zeichen für Gleichberechtigung, Entwicklung und Frieden (Scholze, 2001, 242).
1967–1979
283
Die Organisation rief dazu auf, „die erforderlichen Aktionen für die Verbesserung der Stellung der Frau zu intensivieren“ und forderte von den Staaten, ein neues Kapitel in der
internationalen Entwicklung zugunsten der praktischen Verwirklichung von Gleichberechtigung einzuleiten.59
Diese Proklamation war ein deutliches Zeichen, dass Diskriminierung und Ausbeutung
von Frauen als ein weltweites Problem wahrgenommen wurde – und dass die Frauenbewegungen, die international das an Frauen begangene Unrecht anprangerten, zu einer
wirksamen politischen Kraft geworden waren.
Im Internationalen Jahr der Frau 1975 verliehen die Vereinten Nationen dem 8. März
einen besonderen Stellenwert. Am Freitag, dem 7. März, fand im New Yorker Hauptquartier der Vereinten Nationen ein Symposium über das Geschlechterverhältnis in der Gesellschaft unter dem Titel „Women and Men: the next 25 years“ statt. Außerdem nahm der
UNO-Ausschuss zur Vorbereitung der Weltkonferenz in Mexiko, der Anfang März 1975
tagte, den 65. Internationalen Frauentag zum Anlass, offiziell das Programm des Internationalen Jahres der Frau vor der Weltöffentlichkeit vorzustellen. 1977 wurde der 8. März in
den UNO-Kalender der jährlich zu begehenden bedeutenden Tage aufgenommen.60 Dass
der 8. März diese internationale Anerkennung und Aufwertung erfuhr, war vor allem das
Ergebnis der politischen Arbeit der Internationalen Demokratischen Frauenföderation
(IDFF). Diese wurde 1945 von Antifaschistinnen, Kommunistinnen und Friedensgruppen
gegründet und ist im Verlauf der 30 Jahre ihres Bestehens zu einer bedeutenden Institution geworden. Sie war der international agierende Dachverband der großen Frauenorganisationen der Sozialistischen Staatengemeinschaft. Ihren ständigen Sitz hatte die IDFF
in Berlin/DDR.
Seit Gründung der IDFF gehörte der Internationale Frauentag, der 8. März, als Agitations- und Festtag zum Programm der Frauenorganisation. Die IDFF hatte die Idee des
Frauentages über ihre 120 angeschlossenen Mitgliedsorganisationen in vielen Ländern
der Erde publik gemacht. So wurde die Festschreibung des 8. März in den UNO-Kalender
auch zu einer Anerkennung für die IDFF.
Doch in der Bundesrepublik war im Internationalen Jahr der Frau vom Frauentag nicht
die Rede. Dort begann das UNO-Jahr der Frau mit einer Veranstaltung des Deutschen
Frauenrates. Der Dachverband der Frauenorganisationen war von der Familienministerin,
Katharina Focke, beauftragt worden, die Maßnahmen und Aktionen zum Frauenjahr zu
koordinieren und zu fördern.61
Als zum Festakt am 9. Januar 1975 die offiziellen Gäste und die übrigen TeilnehmerInnen an der Bonner Beethovenhalle eintrafen, wurden sie am Eingang von einer Gruppe
Bonner Frauen empfangen, die einen offenen Brief an die Bundestagspräsidentin Annemarie Renger unter den Ankommenden verteilten. Unter dem Titel „Schöne Reden sprengen unsere Fesseln nicht“ wiesen die Autorinnen des Briefes auf die wachsende Frauenarbeitslosigkeit und die frauendiskriminierenden Leichtlohngruppen hin. Außerdem
protestierten sie gegen die Zusammensetzung des Kuratoriums zum Jahr der Frau, das
von Bundesministerin Dr. Katharina Focke einberufen worden war. Der Protest der Frauen
richtete sich gegen die Berufung von Arbeitgeberpräsident Hans Martin Schleyer, einem
engagierten Verteidiger der Lohndifferenz bei Frauenlöhnen sowie gegen die Berufung
von Bischof Heinrich Tenhumberg, einem der Wortführer für das Verbot des Schwangerschaftsabbruchs. Katharina Focke rechtfertigte ihre Entscheidung: „Ich habe diese Kritik
nicht verstanden. Wenn wir nicht über die Benachteiligung der Frau lamentieren wollen –
was uns bestimmt nicht weiterhilft –, müssen wir das Gespräch mit denjenigen suchen,
die etwas bewegen können.“62 Solche Argumente überzeugten die Kritikerinnen nicht. Be-
284
Neue Frauenbewegung und Internationaler Frauentag
sonders linke Frauengruppen kritisierten, dass die Bundesrepublik keine wirklich neuen
Initiativen zum Jahr der Frau entwickelt hatte.
„Feministinnen benannten das ‚Jahr der Frau‘ von Anfang an als Farce.“63 Auf dem internationalen Feministinnenkongress im Dezember 1974 formulierten sie einen gemeinsamen
Brief, den sie zu Jahresbeginn an den damaligen UNO-Generalsekretär Kurt Waldheim
schickten. Darin hieß es: „Wir lehnen das Motto des Jahres – Gleichberechtigung, Entwicklung, Frieden – ab. Diese Ziele beinhalten eine Integration der Frauen in die bestehenden
Machtverhältnisse. Nicht Frauen sind die Ursache für fehlende Gleichberechtigung, Entwicklung, Frieden, sondern Männer.“64 Die radikalen Feministinnen sahen in der ganzen Aktion
der UNO „den Versuch, den überbordenden Frauenunmut in faßbare Bahnen zu lenken.“65
Dagegen nutzten die Gewerkschaften die mediale Aufmerksamkeit für Frauenthemen.
Für den DGB war der Appell des UNO-Jahres ein willkommener Anlass, um in der Öffentlichkeit auf die konkreten Probleme der Arbeitnehmerinnen aufmerksam zu machen und
entsprechende Forderungen zu erheben.
Die Frauen wurden aufgerufen, „sich ihrer Rechte bewußt zu sein und für die Verwirklichung dieser Rechte
aktiv zu werden“ (Rußland, 1985, 94).
Im Unterschied zum Jahr der Arbeitnehmerin blieb es 1975 nicht bei „bunt bedrucktem
Papier.“66 Die Gewerkschafterinnen protestierten auch öffentlich gegen die Männermacht
in der eigenen Organisation. Die Delegierten des DGB-Bundeskongresses, der im Mai 1975
in Hamburg tagte, wurden von demonstrierenden Kolleginnen empfangen – „eine FrauenDemo vor der eigenen Haustür“. Die Frauen protestierten dagegen, dass sie auf diesem
Kongress völlig ungenügend vertreten waren. Der Frauenanteil an den DGB-Mitgliedern
betrug 17,3 Prozent und unter den 478 Delegierten in Hamburg waren nur 34 Frauen.
Das entsprach einem Anteil von gerade einmal 7 Prozent.67 Diese Diskriminierung wollten
die Frauen nicht länger hinnehmen. Das Präsidium des Kongresses sah sich genötigt, den
Protestbrief der Frauen zu verlesen.
1967–1979
285
„Wir können diesen Kongreß nicht als die Vertretung der im DGB vereinigten Gewerkschaftsmitglieder ansehen, da die mehr als eineinviertel Millionen Frauen im DGB hier
absolut unterrepräsentiert sind. […] Wenn die Gewerkschaften sich weiterhin auf die
loyale Mitarbeit der Frauen verlassen wollen, müssen von diesem Kongreß, an dem
alle Gewerkschaften vertreten sind, die entsprechenden Impulse ausgehen und muß
die Vertretung der Frauen in allen gewerkschaftlichen Bereichen erheblich besser als
heute abgesichert werden. […] So wie jetzt darf es nicht bleiben. Dieser Kongreß – fast
ohne Frauen – ist ein Symptom dafür, daß die Lage geändert werden muß.“68
Die Gewerkschaftsfrauen verlangten mehr Mandate in den wichtigsten gewerkschaftlichen
Gremien und forderten mehr Einfluss auf die politischen Entscheidungen. Es begann –
noch zögerlich – die Debatte über die Einführung einer Frauenquote. Diese Forderung
nach einer zwingenden proportionalen Vertretung der Frauen auf allen Ebenen wurde
zu einem wichtigen Thema der innergewerkschaftlichen Auseinandersetzungen in den
folgenden Jahren.69
Internationale Frauentage
in den 1970er Jahren
In der Bundesrepublik schien der Frauentag aus dem politischen Leben verschwunden.
Dagegen hatte er weltweit seit den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts immer größere Verbreitung und Resonanz erfahren. In Ost- und Westeuropa war der 8.
März fester Bestandteil des politischen Aktionskalenders sozialistischer und kommunistischer Frauenbewegungen. In den vom Kolonialismus befreiten Staaten schlossen
sich die Frauen zusammen und demonstrierten für ihre Rechte und bessere Lebensbedingungen, in Afrika, Asien und Lateinamerika war der 8. März ein Aktionstag für die
Rechte der Frauen.70
Es zeigte sich, dass der Internationale Frauentag auch in der Bundesrepublik nicht
völlig in Vergessenheit geraten war. In den 1970er Jahren tauchte er in unterschiedlichen
Gruppen und politischen Zusammenhängen wieder auf. So war die Frankfurter Frauengruppe „Frauenaktion 70“ am 8. März 1970 mit der Forderung nach der ersatzlosen
Streichung des § 218 auf die Straße gegangen. „Mein Bauch gehört mir“ war eine ihrer
zentralen Losungen, die sie auf ihrer ersten Demonstration auf Transparenten mit sich
trugen. Sie hatten für diese Auftaktveranstaltung demonstrativ den 8. März gewählt. Sie
wollten – wie sie betonten – an die Tradition der Frauentage der 1920er Jahre wieder
anknüpfen.71
Auch an den Universitäten hatten Studentinnen im Rahmen ihrer Beschäftigung mit
sozialistischer Theorie und Praxis den Internationalen Frauentag wiederentdeckt. Sie lasen die Schriften der Sozialistinnen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und versuchten,
die Idee des internationalen Kampfes für die Rechte der Frauen und für den gemeinsamen Kampf gegen den Krieg wieder aufzugreifen. So hatte sich zum Beispiel in Bonn der
Arbeitskreis Emanzipation mit einer Reihe linker Organisationen und Studentengruppen
zusammengeschlossen, um gemeinsam im Jahr 1971 zum 61. Internationalen Frauentag aufzurufen. Die Initiatorinnen hofften, durch das breite Bündnis dem Internationalen
Frauentag über die studentischen Kreise hinaus wieder politische Anerkennung zu ver-
286
Neue Frauenbewegung und Internationaler Frauentag
schaffen. Auf dem Vortragsprogramm der Veranstaltung stand neben dem Bericht über
eine Reise nach Nordvietnam und den Informationen zur Lage der Frau ein Referat über
die Bedeutung des Internationalen Frauentages.72
Für die DKP gehörte der Internationale Frauentag von Anfang an zum politischen
Programm. Von der Parteileitung wurde zunächst das aus den 1950er Jahren stammende Organisationskonzept fortgeschrieben. Frieden und Abrüstungsforderungen
standen im Mittelpunkt. Doch im Unterschied zur KPD waren bei der DKP ebenso
die Forderungen nach voller Gleichberechtigung der Frau im gesellschaftlichen Leben,
nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit, nach Verbesserungen in der Berufsausbildung
für Mädchen zentrale Themen auf den Veranstaltungen zum Frauentag. Neben den
aktuellen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Forderungen erschienen in den
Veröffentlichungen, insbesondere der DKP-Hochschulgruppen, auch die ideologischen
Kernthesen, mit denen sich die DKP-Frauen gegenüber den autonomen Feministinnen
abgrenzen wollten: „1. Der Kampf um Emanzipation ist nicht individuell und nicht bloß
gegen die Männer zu führen. 2. Emanzipation der Frau ist untrennbar verbunden mit einer
grundlegenden Demokratisierung der Gesellschaft.“73
Ende der 1970er Jahre nahmen die jungen Frauen in der DKP die Frauentage in eigene
Regie und begannen sie umzugestalten. Statt langer Vorträge gab es Kabarett und neue
Lieder, in denen sich die Kritik an den bestehenden Verhältnissen artikulierte. Darüber
berichtete Marianne Konze, die damalige Verantwortliche für Frauenpolitik beim DKPParteivorstand, in einem Gespräch am 20. Juni 2009. Und es wurden neue Ideen für Straßenaktionen entwickelt. So zogen zum Internationalen Frauentag 1979 am Samstag, dem
3. März, vierzehn Mädchen auf „Brautshow“ durch die Straßen Bremens.74
Aus der Bremer Rundschau vom März 1979: Die jungen Frauen stellten die Frage: Heirat
– der letzte Ausweg? Sie machten damit auf die fehlenden Lehrstellen und die miserable
Ausbildungssituation junger Frauen aufmerksam.
Unterwegs verteilten sie ihren Aufruf an junge Passantinnen: „Auf geht’s! Tu was für Deine
Rechte! Mensch Mädchen! Mach mit bei uns!“ Die jungen Frauen warben zugleich für ihre
neue Mädchengruppe, die im Umfeld der DKP entstanden war.
1967–1979
287
In dieser Zeit wuchs das Interesse am Internationalen Frauentag. In verschiedenen Organisationen gab es Diskussionen, und neben der DKP organisierten auch andere Gruppen Veranstaltungen zum 8. März.
Im politischen Spektrum der Frauenbewegung war 1976 auch eine neue Initiative entstanden. Die Demokratische Fraueninitiative (DFI) war aus einer Aktion im Jahr der Frau
1975 hervorgegangen und hatte sich 1976 als eigene Frauenorganisation gegründet. Innerhalb kurzer Zeit war sie zu einer Bewegung angewachsen, die ein Jahr nach ihrer Gründung bereits Gruppen in fast dreißig Städten umfasste.75 Im April 1977 veranstaltete die
DFI ihren ersten bundesweiten Kongress unter dem Motto „Für die Gleichberechtigung der
Frau in einer humanen Gesellschaft“. In dem Arbeitskreis „Frau und Gesellschaft“ richtete
eine Teilnehmerin aus Hildesheim eine Frage „an diese Versammlung: Da ist der Muttertag
[…] der heute immer noch gefeiert wird. Kann unsere Fraueninitiative es nicht durchsetzen, daß dieser abgeschafft, dafür aber der Internationale Frauentag gefeiert wird?“ Der
Vorschlag war vom Plenum mit Beifall aufgenommen worden und wurde nach dem Kongress in den DFI-Gruppen weiter diskutiert.76 Die Gruppenvertreterinnen, die sich dann
Ende Oktober 1977 trafen, nahmen sich vor, „den 8. März zu feiern“.77 Die DFI-Frauen
nahmen die Tradition des Internationalen Frauentages auf und organisierten ab 1978 Veranstaltungen zum 8. März:
Diese Frau mit der Friedenstaube77a lud zum Internationalen Frauentag 1978 ein. Am 11. März veranstalteten die Düsseldorfer DFI-Frauen ein Fest, zu dem
sie die Frauen mit Familie, Freunden und Bekannten
eingeladen hatten. Auf dem Flugblatt erläuterten die
DFI-Frauen ihre politischen Positionen. Doch die Veranstaltung am 11. März sollte ein internationales Fest
werden ohne lange Referate. „Chilenische, griechische,
türkische und deutsche Folkloregruppen singen Frauen-, Volks- und politische Lieder und tanzen die Tänze
ihrer Heimat.“ Ein buntes Kulturprogramm und internationale Gerichte standen im Mittelpunkt. Politische
Informationen lieferten die Informationsstände der teilnehmenden Gruppen.
Neben politischen Agitationsveranstaltungen wurden diese Art von Frauenfesten an den Frauentagen
immer beliebter. Auch die Teilnahme von ausländischen Frauen, die Auftritte der Kulturgruppen der
Migrantinnen wurden zum festen Bestandteil des politischen Programms. Ebenso wurden die Essensstände mit ausländischen Gerichten regelmäßig eingeplant.
Seit dem Internationalen Jahr der Frau und der Aufnahme des Frauentages in den
UNO-Kalender hatte der 8. März als Aktionstag eine neue politische Bedeutung erhalten.
Das war auch für die Sozialistische Fraueninternationale 1978 in Vancouver Kanada ein
wichtiger Grund für ihren Beschluss, „den Internationalen Frauentag weltweit wieder als
Kampftag für Frauenrechte und Frieden zu begehen“.78 Die ASF übernahm diesen Beschluss und forderte von ihrer Bundeskonferenz 1979 aus den Parteivorstand auf, künftig
wieder den Internationalen Frauentag durchzuführen. Doch erst nach 1981 gelang es der
neuen Vorsitzenden beim SPD-Parteivorstand durchzusetzen, dass der Frauentag wieder
begangen wurde.
288
Neue Frauenbewegung und Internationaler Frauentag
Feministinnen verfolgten interessiert die neue Initiative. Sie begleiteten mit kritischen
Stellungnahmen die Veranstaltungen zum Frauentag. Die Frauenzeitung Courage erklärte
zum Thema 8. März 1977: „Nichts gegen einen Feiertag, auch nichts gegen einen Frauentag.
Nur muß er auch von denen, die gefeiert werden, bestimmt und gestaltet werden.“79 Und sie
zeigten an Beispielen aus der Geschichte des Frauentages, wie sozialdemokratische Parteiführer auf die Inhalte und politischen Forderungen der Frauentage Einfluss genommen
hatten. Außerdem sahen die Feministinnen in dem festgelegten Datum eine Verordnung von
oben, die den Frauen das Recht auf selbstbestimmte Feste und politische Aktionen bestritt.
Und es blieb nicht bei theoretischen Debatten. In Bremen nahm eine Frau in einem
Bericht in der Frauenzeitung Gesche 80 das Frauenfest der DKP am 9. März 1979 unter
die Lupe:
Die Autorin schilderte, dass dies ein Fest mit „Hofbräuhausatmosphäre“ gewesen sei. Die
Teilnehmer und Teilnehmerinnen – vor allem Männer – hätten das Programm nur konsumiert, denn das Publikum sei „nicht einbezogen“ worden. Die Lage der Arbeiterinnen in
der BRD sei Hauptgegenstand der Veranstaltung gewesen. „Der § 218, Vergewaltigungen,
Frauen in der Psychiatrie … Probleme, mit denen Frauen in dieser Männerwelt ständig
konfrontiert werden, blieben unangetastet.“ Auch die Infostände hätten nur der Selbstdarstellung der DFI und der neuen Mädchengruppe gedient. Die Kritikerin fasste ihre nicht
erfüllten Erwartungen mit den Worten zusammen: „Ein Frauenfest bedeutet für mich […]
EIN FEST MIT FRAUEN FÜR FRAUEN und viele differenzierte Informationen aus der
Frauenbewegung!!!“81
1967–1979
289
Für die DKP dagegen war es „ein tolles Fest“, so der Titel des Berichtes in der Parteizeitung. Die Partei sah in der Anzahl von 1.600 Besucher, die zum Fest gekommen waren,
eine Bestätigung der Attraktivität der Veranstaltung. Und nach Auffassung der Bremer
Rundschau, der Parteizeitung der DKP, habe das Programm „eine gelungene Mischung aus
Musik, Tanz und Information“ geboten.82
Die beiden Berichte zeigen die Unterschiede in der politischen und der Festkultur der
autonomen Frauenbewegung und der Frauenarbeit in der DKP. Ein grundlegender Unterschied bestand vor allem darin, dass die autonomen Frauen jegliche Zusammenarbeit
mit Männern ablehnten und prinzipiell Männer von ihren Frauenfesten ausschlossen, die
DKP-Frauen darin aber kein Problem sahen. Das blieb auch ein Konfliktstoff bei den kommenden Internationalen Frauentagen.
Für die zukünftige Ausbreitung und Entwicklung des Internationalen Frauentages wurden die Gewerkschafterinnen zu den wichtigsten Akteurinnen. Innerhalb der Gewerkschaften hatten viele Frauen durch die Erfahrungen mit Frauenstreiks und Protestaktionen neues
Selbstbewusstsein gewonnen und waren jetzt auf der Suche nach neuen Formen, um Frauen
zu mobilisieren. Ursula Ibler, Vorstandsmitglied der IG Metall von 1977 bis 1983, beschrieb in
ihrem Erinnerungsbericht, wie sich diese Suche gestaltete: „Ich weiß noch, daß ich mit Rita
Rußland in meinem Büro saß, das war im November 1978. […] Wir überlegten, wie wir die
Menschen – die Frauen – aufrütteln könnten. […] In diesem Gespräch schlug Rita Rußland
vor, den Internationalen Frauentag neu zu beleben. Sie kannte ihn aus ihrer Bremer Zeit.
Ihre Großmutter ging mit ihr immer zu Veranstaltungen des Internationalen Frauentages.“83
Auch in anderen Gewerkschaften gab es ähnliche Gespräche. Einige lokale Frauenausschüsse begannen Ende der 1970er Jahre Versammlungen zum Frauentag zu organisieren. Zunächst waren es einzelne Gruppen. Doch 1979 fanden Veranstaltungen in
München in Nürnberg, Frankfurt/Main und Bamberg statt. Die IG Metall-Zeitung Mitteilungen für Frauen brachte einen dreispaltigen Artikel zum 8. März. Darin schrieb Käthe
Schlechter – eine damals bereits pensionierte Redakteurin der Welt der Arbeit – über die
Gründe, die die Sozialistinnen 1910 veranlasst hatten, den Frauentag ins Leben zu rufen. Die damaligen Forderungen, betonte Käthe Schlechter, seien auch heute noch nicht
alle erfüllt. „Im Gegenteil, durch verstärkte Industrialisierung und neue Techniken […]
sind neue Probleme entstanden, die neue Diskriminierungen der Frauen hervorgerufen
haben. Der gewerkschaftliche Kampf um die Durchsetzung der Gleichberechtigung ist
daher noch lange nicht beendet.“84 Unter den Artikel druckte die Redaktion den Hinweis:
„Einzelne Gewerkschaften und DGB-Kreise werden aus Anlass des Internationalen Frauentages Kundgebungen veranstalten. Bitte beteiligt Euch alle daran!“
Für die Märzausgabe der DGB-Zeitung Der Gewerkschafter verfasste Karin Roth von
der IG Metall-Vorstandsverwaltung, Abteilung Frauen, einen Artikel unter dem Titel „Der
8. März, ein vergessener Tag“. Sie forderte darin mit Nachdruck:
„Die Gleichberechtigung der Frau geht alle an. Das bedeutet, sich wieder auf den 8.
März zu besinnen und an den gewerkschaftlichen Veranstaltungen teilzunehmen.
Nur wenn wir aus der Geschichte lernen, wird gewerkschaftliche Politik möglich, die
gesellschaftliche Veränderung vorantreibt.“85
Karin Roth nahm zu der grundsätzlichen Bedeutung des Tages Stellung. Der Internationale Frauentag verweise auf die gesellschaftlichen Ursachen der Frauenunterdrückung. Er
verbinde den Kampf um Reformen zur „Beseitigung der Mißstände“ im hier und jetzt mit
dem Kampf um die grundlegende „gesellschaftliche Veränderung“.
290
Neue Frauenbewegung und Internationaler Frauentag
Der Tenor der beiden Artikel war eindeutig: Die Gewerkschafterinnen wurden aufgerufen, sich ihrer eigenen Geschichte zu erinnern und die Tradition des Internationalen
Frauentages wieder mit Leben zu erfüllen. Und die Frauen ergriffen die Initiative. Ihre
Veranstaltungen am 8. März 1979 hatten Signalwirkung für weitere Aktionen. Auf der
10. DGB-Bundes-Frauenkonferenz im Juni 1979 wurde die generelle Durchführung des
Internationalen Frauentages offiziell beschlossen. Die Abteilung Frauen des DGB rief daraufhin zum Internationalen Frauentag 1980 die Gewerkschaftsfrauen auf, am 8. März
frauenpolitische Forderungen in die Öffentlichkeit zu tragen.86
Den Gewerkschaftsfunktionärinnen war bewusst, dass die Übernahme des Frauentages in die eigene Regie beim DGB auf Widerstand stoßen würde. Der Internationale Frauentag war in der Vorstellung der Gewerkschaftsführung eine Parteitradition der beiden
Arbeiterparteien und das Datum 8. März ein Produkt der Kommunistischen Internationale. Angesichts des auch 1979 noch herrschenden Antikommunismus waren das gewichtige
Argumente gegen die Durchführung von Frauentagen durch die Gewerkschaften. Es stand
zu befürchten, dass sich die Männer zusammenschließen würden, um das ganze Projekt
als feministischen Separatismus abzulehnen. Über die Auseinandersetzungen in den Gewerkschaften und den Sieg der Frauen wird im folgenden Kapitel berichtet.
Zwischenbilanz
Der Internationale Frauentag war in der Bundesrepublik bis 1966 ein Agitations- und
Festtag der Arbeiterparteien. Die Frauenorganisationen der Sozialdemokratie und der
Kommunisten organisierten die Kundgebungen und politischen Aktionen. Die Gewerkschafterinnen nahmen als Gäste an den Veranstaltungen teil, hatten aber auf die Ausrichtung und Gestaltung keinen Einfluss. In der Periode der gesellschaftlichen Umbrüche der
1970er Jahre, in der die Neue Frauenbewegung entstand, war der Internationale Frauentag
aus dem politischen Aktionskalender fast verschwunden.
Doch in dieser Zeit vollzog sich ein tief greifender Wandel in den Einstellungen, dem
Bewusstsein und der Haltung vieler Frauen. In den Diskussionen um politische Aktionsformen, die den Forderungen der Frauen Nachdruck verleihen konnten, wurde die Idee des
Internationalen Frauentages neu belebt.
Die Neue Frauenbewegung trug wesentlich dazu bei, dass innerhalb der Gewerkschaften eine Bewegung von Frauen entstand, die darauf beharrte, die besonderen Belange von
Frauen in eigenen Aktionen und eigenen Foren vorzutragen. Und die ein neues Projekt
innerhalb der Organisation propagierten und vom Vorstand forderten, dass der Internationale Frauentag in Zukunft als gewerkschaftlicher Tag zur Mobilisierung der Arbeitnehmerinnen durchgeführt werden sollte.
Außerdem erhielt der Internationale Frauentag im Jahr 1975 neues politisches Ansehen
durch die Maßnahmen der Vereinten Nationen zum Internationalen Jahr der Frau und
mit der im Jahr 1977 erfolgten Aufnahme des 8. März in den UNO-Kalender. Damit wurde
ein Projekt der Arbeiterbewegung und der sozialistischen Frauenbewegung zu einem Aktionstag aller Frauen, ihnen war der Tag gewidmet. Er sollte an ihre Kämpfe, Erfolge und
Niederlagen erinnern. Die Frauen waren aufgerufen, sich überall auf der Welt am 8. März
zu versammeln und gemeinsam ihre Forderungen und Proteste öffentlich vorzutragen.
Auch in der Bundesrepublik führten Frauengruppen und Initiativen wieder Veranstaltungen zum Internationalen Frauentag durch. Nachdem die Sozialistische Fraueninter-
1967–1979
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nationale 1978 beschlossen hatte, den Internationalen Frauentag wieder herauszustellen, forderte die ASF-Bundeskonferenz im Mai 1979 den SPD-Parteivorstand auf, künftig
wieder Internationale Frauentage durchzuführen. Doch erst nach weiteren Protesten
organisierte die ASF ab 1982 erneut politische Veranstaltungen zum Internationalen
Frauentag.
Die DKP hatte traditionsgemäß seit Beginn der 1970er Jahre am 8. März Veranstaltungen durchgeführt. Doch schon bald übernahm eine neue Frauengeneration die Organisation des 8. März als ihren Bereich. Die Vortragsabende mit musikalischer Umrahmung
verschwanden. Stattdessen entwickelten die Frauen ein eigenes Politikprogramm mit
Kabarett und Politsongs. Seit 1977 organisierten die neu entstandenen DFI-Gruppen
zusammen mit anderen Akteurinnen wie der DKP, aber auch mit Frauen der autonomen
Szene, wieder Veranstaltungen zum Frauentag. Es waren häufig Kulturfeste mit Informationsständen, kurzen Reden und Beitragen ausländischer Kulturgruppen. Gleichzeitig
gab es Straßenaktionen, die auf politische Probleme von Frauen aufmerksam machten.
Die neuen Formen der Politikgestaltung hatte die Neue Frauenbewegung entwickelt
und Frauen anderer Organisationen entdeckten schnell, dass dieser Politikstil ihnen näher
lag als die traditionellen Männerversammlungen. So übernahmen auch die DFI-Frauen
und später die Gewerkschafterinnen diese Ideen der Neuen Frauenbewegung. Die autonome Bewegung begleitete diese neue Initiative des Internationalen Frauentages mit kritischen Kommentaren und zunächst überwog die Ablehnung gegenüber einer Frauenpolitik, die mit Männern zusammenarbeitete.
Anmerkungen
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
Schulz, 2002, 35–36.
Frevert, 1984, 261.
Wolfrum, 2007, 244.
Aus der Regierungserklärung Willy Brandts vom 4. Oktober 1969. Beyme, 1979, 272.
Vgl. dazu die Rede, die Helke Sander auf dem SDS-Kongress 1968 gehalten hat und in der sie
diese privaten Ausbeutungsverhältnisse anprangerte. Anders, 1988, 39–47.
Schenk, 1988, 85.
Doormann, 1979, 23–24.
Aus der Rede von Helge Sander, in: Anders, 1988, 40, 39.
Doormann. 1979, 24.
So der Titel des Buches von Ute Gerhard, 1990, Unerhört, Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung.
Ursula Kerstein zit. in: Schmitter, 1998, 70.
Romina Schmitter hat in ihrer Dokumentation „Zur Neuen Frauenbewegung in Bremen“, 1998,
diese Entstehungsgeschichte und Entwicklung des Bremer Weiberrates detailliert dargestellt.
Sie zitiert dort auch die Berichte der Frauen über die erste Zusammenkunft und das Gespräch
mit Helke Sander und Marianne Herzog. Schmitter, 1998, 72–99, hier 73.
Schmitter, 1998, 73.
Schmitter, 1998, 16–17.
Vgl. Schmitter, 1998, 77–89.
Schmitter, 1998, 77.
Vgl. Schwarzer, Ein unerhörtes Selbstbekenntnis, in: Die Zeit vom 23. April 2009.
Anders, 1988, 19.
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Neue Frauenbewegung und Internationaler Frauentag
Krieger, 1988, 31.
Frauenjahrbuch 1975, 41.
Schenk, 1983, 87.
Vgl. dazu Protokoll zum Plenum der Bundesfrauenkonferenz am 12. März 1972 in Frankfurt/
Main, in: Lenz, 2008, 87–95.
Vgl. Lenz, 2008, 89–91.
Vgl. Lenz, 2008, 87.
Menschik, 1972, 80.
Frauenjahrbuch 1976, 68.
Vgl. Wegehaupt-Schneider, 1988, Das Private ist politisch, Selbsterfahrungsgruppen, 17–18.
Schenk, 191983, 88.
Lenz, 2009, 115–116.
Lenz, 2009, 115.
Lenz, 2009, 13.
Pausch, 1985, 145.
Vgl. Pausch, 1985, 149–150.
Wolfgang Pausch hat 1985 in seiner Dissertation „Die Entwicklung der Sozialdemokratischen
Frauenorganisationen“ die Entstehung und Entwicklung der Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokratischen Frauen (ASF) erforscht. Diese Studie bildet die Grundlage für die Darstellung
in diesem Abschnitt.
Pausch, 1985, 151.
Pausch, 1985, 155.
Vgl. Miller, 1978, 562.
Auszug aus den „Grundsätzen für die Tätigkeit der Arbeitsgemeinschaften in der SPD“, zit. in:
Pausch, 1985, 156.
Pausch, 1985, 172–174.
Vgl. Pausch, 1985, 215.
Bericht des ASF-Landesvorstandes, 1978/1979. AdsD/FES, LO Bremen II, Box 192.
Aus dem Protokoll des ASF-Bundesvorstandes vom 17. April 1979, zit. in: Pausch, 1985, 216.
Pausch, 1985, 216 und 217.
Vgl. Pausch, 1985, 229.
Vgl. Maltry, 1993, 92–93.
Pinl, 1977, 132.
Pinl, 1977, 110.
Vgl. Pinl, 1977, 116–117.
Vgl. Pinl, 1977, 122–123.
Vgl. Doberthien, 1988, 78.
Vgl. Rußland, 1985, 90.
Pinl, 1977, 88.
Vgl. Heimann, 1983, 903–904.
Vgl. Fülberth, 1990, 139–140.
Darauf wies vor allem Marianne Konze, die Leiterin des Arbeitskreises Frauenpolitik beim
Parteivorstand der DKP, in ihrem Interview vom 20. Juni 2009 hin.
Vgl. Institut für Marxistische Studien und Forschungen (IMSF), 1978, 9.
Vgl. Fülberth, 1990, 146.
Vgl. Fülberth, 1990, 122.
Vgl. Freda Brown, 1975, Einheit, Zusammenarbeit, Aktion, Bericht über die Vorbereitungsaktionen zum Weltkongress der IDFF im Oktober 1975 in Ost Berlin, in: Frauen der ganzen Welt,
Zeitschrift der IDFF, Sondernummer, 1975, 8.
1967–1979
60
61
293
Scholze, 2001, 129.
„Gleichberechtigung – Entwicklung – Frieden“, In Bonn wurde das Internationale Jahr der Frau
eröffnet, Deutsche Volkszeitung vom 16. Januar 1975.
62 Bulletin der Bundesregierung vom 9. Januar 1975, 19.
63 Schwarzer, 1981, 61.
64 Anders, 1988, 31.
65 Schwarzer, 1981, 61.
66 Pinl, 1977, 132.
67 Rußland, 1985, 95.
68 Rußland, 1985, 95–96.
69 Vgl. Pinl, 1977, 91–94.
70 Einen Überblick über die internationalen Aktivitäten gibt Siegfried Scholze in: Der Internationale Frauentag einst und heute, 2001, 116–121.
71 Vgl. Anders, 1988, 17.
72 Vgl. Hervé, 1981, 255.
73 Kommunist, DKP-Hochschulgruppe Bremen, März 1976. Universität Bremen, Zentrales Archiv,
7/P-Nr. 2182.
74 Bremer Rundschau vom März 1979, STAB.
75 Vgl. Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 8, August 1977, 909. AdsD/FES, Zass
III, Bevölkerung, Frauen, Box 1762.
76 DFI, (Hrsg.) 1977, Kongress, Dokumentation, Für die Gleichberechtigung der Frau in einer humanen Gesellschaft, Oberhausen 16. April 1977, Protokoll Arbeitskreis, Frau und Gesellschaft,
7–8 und 22–23, addf, Sammlung Böller.
77 Rundbrief DFI vom Januar 1978, Privatarchiv Florence Hervé.
77a. Flugblatt, DFI-Veranstaltung in Düsseldorf, addf, Sammlung Nödinger.
78 Bundesvorstand ASF, 1996, 24.
79 Courage, H. 2/1977, FES/Online; http://library.fes.de/Courage.
80 Solche lokalen Zeitungen, die oft über einige Ausgaben nicht hinauskamen, waren ein wichtiges Medium der Frauenbewegung, um sich untereinander zu verständigen.
81 Ein Fest für Männer, Gesche, April/Mai 1979, Bremer Frauenarchiv und Dokumentationszentrum belladonna, Neue Frauenbewegung ab 1968.
82 Bremer Rundschau, März 1979, STAB.
83 Vgl. Rußland, 1985, 102.
84 Informationen für Frauen Nr. 1/79, 14–15.
85 Der Gewerkschafter 3/1979, zit. in: Wurms, 1980, 128.
86 Vgl. Ministerin für Gleichstellung, NRW, 1993, 31.
10.
Tradition
mit Zukunft –
Internationale
Frauentage
1980 bis 1989
296
Tradition mit Zukunft – Internationale Frauentage
Der Internationale Frauentag wurde auch in Bremen in den 1980er Jahren zu einem zentralen politischen Ereignis. Es waren die Gewerkschaftsfrauen, die den Tag für sich entdeckten und ab 1983 Demonstrationen, Kundgebungen und Frauenfeste organisierten.
In diesem Kapitel werden die einzelnen Frauentage vorgestellt, wobei die konzeptionellen
Wandlungsprozesse des Frauentages im Mittelpunkt stehen.
Dass der Internationale Frauentag sich politisch durchsetzen und zu einem anerkannten Aktionstag für Frauenrechte werden konnte, daran hatten die verschiedenen Akteurinnen der Frauenbewegung wesentlichen Anteil. Dazu gehörten die autonomen Gruppen
und die Frauenprojekte genauso wie die traditionellen Frauenorganisationen der Parteien
und wenig später auch die Frauenbeauftragten als neue Institution.
In Bremen hatte sich seit der Gründung des Weiberrates 1969 eine eigene autonome
Frauenbewegung entwickelt. Zu Beginn der 1980er Jahre gab es eine ganze Reihe von
Frauengruppen und Initiativen, die zu unterschiedlichen Themen forschten, diskutierten
und Aktivitäten planten.1 Ein zentraler Treffpunkt war seit 1977 das Frauenzentrum. Im
Rückblick – mehr als zehn Jahre später – charakterisierten Frauen die ersten Jahre im
Zentrum mit den Begriffen „Schubladendenken“ und „Aufbruchstimmung“: Einerseits hätten die Frauen viele Ideen gehabt, es seien neue Gruppen entstanden, andererseits habe
es ermüdende Debatten mit den Frauen vom Kommunistischen Bund gegeben, „die die
Zentrumsfrauen auf die ‚richtige‘ politische Linie bringen wollten“ und die Diskussionen
zwischen den „Lesben und den Hetero-Frauen“ seien „ähnlich frontal geführt“ worden.2
Trotzdem blieb das Frauenzentrum ein wichtiger Anlaufpunkt für die Frauen.
Schon seit 1977 gab es das „Autonome Bremer Frauenhaus – Frauen helfen Frauen
e.V.“ und 1980 gründete sich der „Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen“. Im Laufe
der 1980er Jahren entstanden noch weitere Frauenprojekte: 1983 das „Frauenkulturhaus“,
das für viele Jahre zum kulturellen Mittelpunkt der Bremer Frauenbewegung wurde, 1988
„belladonna“, das Kultur-, Kommunikations- und Bildungszentrum für Frauen und 1989
am 8. März stellte sich das neu gegründete „Frauenstadthaus“ vor. Bis zum „Ende der 80er
Jahre gab es mindestens 15 Projekte, zu denen 1982 noch die jährliche ‚Bremer Frauenwoche in der Universität‘“ hinzugekommen war.3
Die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) hatte bereits 1975 Ideen
der Neuen Frauenbewegung aufgegriffen. So rief sie zum Beispiel im Internationalen Jahr
der Frau das „Schafferinnenmahl“ ins Leben. Die Sozialdemokratinnen hatten bis dahin
vergeblich gefordert, auf der Gästeliste des exklusiv mit Männern aus Wirtschaft, Politik
und Kultur besetzten Bremer „Schaffermahls“ berücksichtigt zu werden. Nachdem alle
Eingaben vergeblich gewesen waren, organisierten die Frauen eine Protestveranstaltung.
Zu dem Schafferinnenmahl werden seitdem jedes Jahr im Herbst etwa 100 Frauen eingeladen sowie ein weiblicher Ehrengast, der einen Vortrag zu einem frauenpolitischen Thema
hält.4 Damit hatte die ASF eine in der Bundesrepublik einmalige Institution geschaffen.
1978 stieß die ASF eine neue Debatte um die Gleichstellungspolitik an. Dazu stellte sie
auf dem Landesparteitag den Antrag: „Beim Präsidenten des Senats der Freien Hansestadt Bremen wird eine Gleichstellungsstelle eingerichtet.“5 Mit dieser Initiative konnten
sich die Sozialdemokratinnen politisch durchsetzen. Im Juli 1980 brachte die SPD-Fraktion einen Gesetzentwurf zur Einrichtung einer „Bremischen Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau“ in der Bürgerschaft ein.6 Es dauerte dann noch
einmal zwei Jahre, doch 1982 wurde Ursula Kerstein die erste Landesbeauftragte für die
Gleichberechtigung der Frauen in Bremen.
Die DKP-Frauen in Bremen hatten bereits in den 1970er Jahren – wie im vorigen Kapitel dargestellt – die Tradition des Internationalen Frauentages fortgesetzt. Auch 1980
1980 bis 1989
297
unterzeichneten sie den Aufruf der Demokratischen Fraueninitiative (DFI) zum Frauentag
und beteiligten sich an der Demonstration zum 8. März. Als in den folgenden Jahren die
DGB-Frauen den 8. März organisierten, riefen sie zur Beteiligung an den Gewerkschaftsaktionen auf und verlegten ihre eigene Versammlung auf einen späteren Termin.
Während sich die Frauenbewegung in den 1980er Jahren in Bremen weiter verbreitete,
sie neue Projekte gründete und die institutionelle Frauenarbeit in Parteien und Gewerkschaften intensiviert wurde, verschlechterten sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und mit der Wende zur CDU/CSU-FDP-Regierungskoalition in Bonn wurde auch in
der Frauenpolitik 1982 eine Wende eingeleitet. Bereits unter der sozialliberalen Regierung
hatte ein rigider Sparkurs begonnen, der unter der neuen konservativen Bundesregierung
verstärkt fortgesetzt wurde. Gekürzt wurde beim Arbeitsförderungsprogramm für Frauen,
in der beruflichen Bildung und beim Arbeitslosengeld. Auch das Mutterschaftsgeld für
berufstätige Frauen wurde nicht verschont.7 Die Arbeitslosigkeit blieb über all die Jahre
hinweg auf einem anhaltend hohen Niveau von über 2 Millionen.8 Frauen waren davon
besonders betroffen. In Bremen verloren immer mehr Frauen ihren Arbeitsplatz. In der
Zeit von 1980 bis 1982 stieg die Zahl der arbeitslosen Frauen um 4.000 auf 12.442 an.9
Gleichzeitig waren immer mehr Frauen erwerbstätig, allerdings mehrheitlich in Teilzeitjobs. Im Jahr 1981 „war nahezu jede dritte bremische Arbeitnehmerin teilzeitbeschäftigt“.10
Das bedeutete, dass die Frauenarbeit ein Zuverdienst blieb und Altersarmut vorprogrammiert war.
Währenddessen förderte die neoliberale Wirtschaftspolitik der Bundesregierung die
Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und erleichterte die Befristung von Arbeitsverträgen
und den Ausbau von Teilzeitarbeit.11 Von den konservativen FamilienpolitikerInnen wurden diese Maßnahmen mit der Begründung befürwortet, dass damit ein wesentlicher Beitrag zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie geleistet werde.12 Die neue konservative Frauenpolitik bestritt den Frauen nicht mehr das Recht auf Erwerbsarbeit, sondern
förderte ihren flexiblen Einsatz – je nach den Anforderungen der Unternehmen oder der
Familie.
Gegen diese Zumutungen von Politik und Wirtschaft, gegen Sozialabbau, Arbeitslosigkeit und Beschäftigungspolitik der Bundesregierung mit ihrem Flexibilisierungskonzept
richteten sich die Proteste an den Frauentagen. Gefordert wurden stattdessen Verkürzung
der Arbeitszeiten und ein Existenz sicherndes Einkommen. Die Frauenfriedensbewegung
organisierte am 8. März Unterschriftenaktionen gegen Pläne zur Einbeziehung von Frauen in die Bundeswehr. Und die KundgebungsteilnehmerInnen solidarisierten sich mit den
ausländischen Frauen, die ein eigenständiges Aufenthaltsrecht unabhängig vom Ehemann
forderten.
Aber nicht nur die Gewerkschaftsfrauen setzten sich gegen die Kürzungsmaßnahmen
und die konservative Wende in der Frauenpolitik zur Wehr. 1984 schlossen sich Frauenprojekte, politische Fraueninitiativen, Frauengruppen und -organisationen zu einem bundesweiten Aktionsbündnis zusammen. Wenig später entstand ein solches Bündnis auch
in Bremen. Auch die Gewerkschafterinnen schlossen sich der „Bremer Frauenrunde“ an
und beteiligten sich an den Unternehmungen der Frauenrunde zum „Muttertag anders“.
Die gemeinsamen Erfahrungen in der politischen Arbeit trugen wesentlich dazu bei,
dass die Frauen übereinkamen, ab dem Jahr 1986 den Internationalen Frauentag zusammen zu gestalten. Der gewerkschaftliche Frauentag entwickelte sich zum Aktionstag der
Frauenbewegung in Bremen. Und es war nicht nur ein Bündnis entstanden, das gemeinsame Aufrufe und Forderungen formulierte – die Frauen entwickelten in der Folge ein neues
Konzept für die Gestaltung des Frauentages.
298
Tradition mit Zukunft – Internationale Frauentage
8. März 1980 in Bremen
Zum Internationalen Frauentag 1980 hatte die Demokratische Fraueninitiative (DFI) Bremen über zwanzig Gruppen und zahlreiche persönliche Unterzeichnerinnen zu einem Bündnis zusammengeführt. Unter dem Motto „Frauen fordern ihre Rechte“ riefen die Unterzeichnerinnen zur gemeinsamen Frauendemonstration auf. Der Protest richtete sich gegen die
1980 bis 1989
299
vielfältigen Benachteiligungen von Frauen in Beruf und Familie, in der Ausbildung und im
öffentlichen Leben. Doch der Aufruf war zugleich Teil einer bundesweiten Kampagne anlässlich der Bundestagswahl 1980, die sich gegen Franz Josef Strauß als Kandidaten für das
Bundeskanzleramt richtete.
Es wurde ein Flugblatt mit den Forderungen und dem Aufruf zur Demonstration in der
Stadt verteilt.13
300
Tradition mit Zukunft – Internationale Frauentage
Dieses Flugblatt war in Stil und Inhalt typisch für das selbst gestaltete Infomaterial der
Frauenbewegung. Texte und Bilder des Flugblattes sollten Frauen unmittelbar ansprechen. Statt langer politischer Erklärungen hatten die Gestalterinnen eine Schar Frauen am unteren Bildrand aufgereiht und die politischen Aussagen und Forderungen in
Sprechblasen über die Doppelseite verteilt. So entstand der Eindruck, dass die Frauen
ihre Forderungen jeweils persönlich mitteilten: „Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit“
und „Mittelstreckenraketen und Neutronenbombe – weg damit“; „Volle Subventionierung
des Frauenhauses“ und „Schluss mit der Frauenarbeitslosigkeit“. Die Frauen wandten sich
gegen die Diskriminierung von Ausländerinnen und die Diffamierung von Lesben. Auch
die lokalen Initiativen formulierten ihre Ansprüche, sie stritten für den Ausbau und Erhalt
von Pro Familia genauso wie für ein zweites autonomes Frauenhaus und die Finanzierung von „Babygruppen“. Die Forderungen waren ohne Rangordnung auf der Bildfläche
angeordnet. Mit dieser graphischen Gestaltung gelang es, die politischen Aussagen ins
Blickfeld zu rücken. Die Frauenversammlung auf dem Bild bestand übrigens aus Figuren
der Karikaturistin Marie Marks, die die Frauenbewegung mit ihren Zeichnungen bis heute
begleitet. Zwischen die Karikaturen waren Fotos von Frauen wie Rosa Luxemburg und
der Kommunardin Louise Michel eingefügt. Die historischen Vorbilder wurden damit in
den Zug der Frauen im Jahr 1980 eingereiht. Und quer zu dem friedlichen Miteinander der
Frauen marschierte mit erhobenem Regenschirm Clara Zetkin unter einem Transparent
mit der Aufschrift: „Frauen heraus – gegen Strauss!“ Es war ein Protestmarsch, der die
Bremerinnen dazu aufrief, die Kampagne gegen die Kanzlerkandidatur von Franz Josef
Strauß zu unterstützen.
Die DFI-Frauen waren mit dem Ergebnis der Frauentagaktionen zufrieden. Es hatten
sich etwa 1.000 Frauen an der Demonstration beteiligt und zum Frauenfest in der UniMensa waren nicht nur Studentinnen, sondern auch Professorinnen und Dozentinnen
gekommen.14
Eine innergewerkschaftliche Kontroverse
um den Frauentag – 1980 bis 1982
Ein Beschluss und seine Folgen – 1980/1981
Die Gewerkschafterinnen in Bremen hatten 1980 gerade begonnen, sich mit dem Internationalen Frauentag zu beschäftigen, als beim DGB-Kreisvorstand der Beschluss des
Bundesvorstandes eintraf, die Kreisvorstände sollten Aktionen zum Internationalen Frauentag unterbinden.15
1980 bis 1989
301
Der Bundesvorstand hatte beschlossen, dass sich die DGB-Frauen nicht an Aktionen
anderer Veranstalter beteiligen und auch keine eigenen Veranstaltungen durchführen
sollten. Innerhalb der Gewerkschaften löste dieser Beschluss große Empörung aus. Rita
Rußland, die 1980 in der IG Metall-Vorstandsverwaltung, Abteilung Frauen, beschäftigt
war, berichtete in einem Gespräch am 5. Juli 2010: „Ich erinnere mich noch. Es war der
heftigste Streit, den wir je hatten.“ Die Kolleginnen, besonders die IG Metall-Frauen, hatten
ihre Aktionen zum 8. März 1980 längst vorbereitet, Protestaktionen und Veranstaltungen
waren geplant. Es hatte im Vorfeld keine Beratungen oder Abstimmungen gegeben, der
DGB-Vorstand hatte sich einfach über die Fraueninteressen hinweggesetzt. Rita Rußland
sah darin den Hauptgrund für die massive Gegenwehr der Kolleginnen: „Die Männer sollten uns nicht mehr vorschreiben, was wir zu tun und zu lassen hatten.“ Deshalb gaben
die IG Metall-Frauen auch nicht nach. Sie ermutigten die Frauenausschüsse und die Verwaltungsstellen vor Ort, Veranstaltungen durchzuführen und zu versuchen, die örtlichen
DGB-Kreisorganisationen mit einzubinden.16 Nach vielen erfolgreichen Veranstaltungen
am 8. März „nahmen die Gewerkschaftstage der ÖTV im Juni, der HBV und der IG Metall im September und der Druck und Papier im Oktober Entschließungen bzw. Anträge
an, die sich für die Durchführung der Internationalen Frauentage aussprachen.“17 Darauf
reagierte der DGB-Vorstand. Für das Jahr 1981 modifizierte er seinen Beschluss dahingehend, dass in Einzelfällen eigenständige gewerkschaftliche Veranstaltungen durchgeführt
werden durften, jedoch ohne die Beteiligung anderer „gesellschaftlicher Gruppen“.18
Doch die Kolleginnen gaben sich mit dem Kompromiss nicht zufrieden und ihre Proteste hatten Erfolg. Ein Jahr später, im Mai 1982, beschloss der DGB auf seinem 12. ordentlichen Bundeskongress: „Der 8. März wird als Internationaler Frauentag des DGB in allen
seinen Gliederungen begangen. Dabei sollen vor allem die aktuellen Probleme der arbeitenden Frauen dargestellt und die Forderungen der Gewerkschaften formuliert werden.“19
Damit hatten die Gewerkschafterinnen nach zwei Jahren den Internationalen Frauentag
als ihren Kampftag innerhalb des DGB durchgesetzt.
302
Tradition mit Zukunft – Internationale Frauentage
Auch in Bremen hatte das Verbot des DGB-Bundesvorstandes zunächst dafür gesorgt,
dass sich die Frauen mit neuen Initiativen zurückhielten. „Da gab es diesen Beschluss vom
DGB-Vorstand und da waren wir schon vorsichtig“, beschrieb Else Esselborn die Situation.
Doch in dieser Zeit befand sich die Frauenarbeit in den Gewerkschaften im Wandel. Es
gab neue weibliche Mitglieder, die sich bald zu Wort meldeten und für die Behandlung von
Frauenthemen in den Gewerkschaften einsetzten. In der Gewerkschaft Erziehung und
Wissenschaft (GEW) begannen die Kolleginnen mit der Rekonstruktion eigener Frauenstrukturen. Seit 1980 traf sich eine gewerkschaftliche Frauengruppe, die sich das Ziel
setzte, demokratisch gewählte Frauenausschüsse auf allen Ebenen wieder in der Satzung
der GEW zu verankern.20 Auch in der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und
Verkehr (ÖTV) wurde zu Beginn der 1980er Jahre die Arbeit des Frauenausschusses wieder aktiviert.21 In anderen Gewerkschaften fand ein Generationswechsel statt und neue
engagierte Frauen wurden in den Frauenausschüssen aktiv. Bei den Gewerkschaften Handel, Banken und Versicherungen (HBV) wurde die Betriebsrätin und Kommunistin Else
Esselborn zur Vorsitzenden des Frauenausschusses gewählt, in der Gewerkschaft Druck
und Papier (DRUPA) begann Monique Troedel sich in die Frauenarbeit ihrer Gewerkschaft
einzuschalten und bei der IG Metall wurde Helga Antesberger 1981 Vorsitzende des Frauenausschusses. Alle drei Frauen wurden dann auch Mitglieder im DGB-Frauenausschuss.
Die Frauenausschüsse und Frauengruppen der Einzelgewerkschaften und des DGB
knüpften Kontakte untereinander. Erst die Zusammenarbeit der Frauen aus den Einzelgewerkschaften machte es möglich, den Internationalen Frauentag mit Demonstrationen
und Kundgebungen jedes Jahr wieder zu organisieren.
Zunächst jedoch mussten sich die neu gewählten Ausschussmitglieder mit den gewerkschaftlichen Strukturen und der Bürokratie vertraut machen und Erfahrungen im Umgang mit Vorstandsbeschlüssen sammeln. Im Laufe des Jahres 1980 diskutierten einige
Frauen der DRUPA, der GEW, der HBV und der IG Metall über Veranstaltungen zum
Frauentag. Als die Frauen erfuhren, dass der Bundesvorstand seinen Beschluss abgeändert hatte, fragte Else Esselborn in der DGB-Kreisvorstandssitzung im Januar 1981 „nach
der Haltung des DGB bzw. der Einzelgewerkschaften zum Internationalen Frauentag“.22
Darauf kam die Antwort, dass der DGB keine Aktivitäten plane. So nahmen die Frauen
die Sache selbst in die Hand und luden ihre Kolleginnen zur Frauenversammlung am 12.
März ins DGB-Haus ein. Es wurde eine „Zimmerveranstaltung“. Denn im Friedrich-EbertSaal des Gewerkschaftshauses saßen nur etwa zwanzig Frauen, „alles Funktionärinnen“,
erinnerte sich Monique Troedel.23 Zwar waren die Frauen über die geringe Resonanz enttäuscht – trotzdem war ein Anfang gemacht: Immerhin war es gelungen, die Zustimmung
des DGB-Kreisvorstandes für eine 8. März-Veranstaltung zu bekommen. So plante der
DGB-Kreisfrauenausschuss für das Jahr 1982 ein größeres Projekt.
8. März 1982: erste Frauenkundgebung
der Gewerkschafterinnen
Eines der ersten Ziele der Gewerkschaftsfrauen war es, auf die Straße zu gehen und in
der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Außerdem mussten die Kolleginnen in den
Betrieben etwas über den Internationalen Frauentag und seine Bedeutung erfahren. Es
wurde beschlossen, den 6. März 1982, einen verkaufsoffenen Samstag, zu nutzen, um
mit Infoständen in der Innenstadt auf den Frauentag aufmerksam zu machen. Am 8.
1980 bis 1989
303
März sollte dann von 16 bis 22 Uhr eine Veranstaltung im Kulturzentrum Schlachthof
stattfinden. 24
Für die Samstagsaktion hatten sich die Gewerkschaftsfrauen Kostüme von Dienstmädchen und Arbeiterinnen der Jahrhundertwende besorgt, um beim Verteilen der Flugblätter
besondere Aufmerksamkeit zu bekommen.25
Else Esselborn und Monique Troedel beim Flugblattverteilen am 6. März 1982
auf dem Bremer Marktplatz.
Der 8. März begann mit Aktionen vor den Betrieben. Es wurden Flugblätter und an die
weiblichen Beschäftigten rote Nelken verteilt.26 Die Veranstaltung am Abend des 8. März
im Kulturzentrum Schlachthof wurde für die Frauen ein Erfolg. Nach einer gut besuchten Diskussion mit der Landesfrauensekretärin des Landesbezirks Nordmark trafen die
TeilnehmerInnen der Friedensdemonstration ein, die sich an den Aktionen der „Frauen
gegen Krieg und Militarismus – für Frieden“ beteiligt hatten. Für alle gemeinsam gab es ein
Kulturprogramm mit den „Bremer Stadtquerulanten“ und der Gruppe „Lied-Schatten“.27
Die Männer des DGB-Kreisvorstands, die sehen wollten, wie die Frauenversammlung lief,
zeigten sich positiv überrascht von dem Programm und dem guten Besuch und gratulierten Else Esselborn zum Erfolg.28
Doch die Frauen ernteten nicht nur Zustimmung. Besonders Else Esselborn, die als
stellvertretende Vorsitzende des DGB-Kreisfrauenausschusses maßgeblich für die Kundgebung verantwortlich war, wurde kritisiert. Bereits im Vorfeld des Frauentages geriet sie
in Streit mit dem Vorstand ihrer Partei, der DKP. Dieser verlangte von ihr, im DGB- Kreisvorstand eine Demonstration am 8. März durchzusetzen. Else Esselborn hielt entgegen,
dass die Voraussetzungen dafür nicht gegeben seien. „Die Frauen sind noch nicht so weit“,
lautete ihre Erklärung. Sie wusste aus der Erfahrung des Vorjahres, dass der Internationale Frauentag noch immer eine Sache der Funktionärinnen war, dass die Idee die Kolleginnen in den Betrieben noch nicht erreicht hatte. Diese aber sollten, nach Else Esselborns
Auffassung, eine Gewerkschaftsdemonstration bestimmen. Der Parteivorstand blieb bei
seiner Auffassung und forderte Parteidisziplin. Doch Else Esselborn gab nicht nach. Sie
setzte auf Werbung innerhalb der Betriebe und verabredete mit den Einzelgewerkschaf-
304
Tradition mit Zukunft – Internationale Frauentage
ten, dass diese vor ihren Betrieben rote Nelken und Flugblätter mit Informationen zum
Internationalen Frauentag an die Kolleginnen verteilten.29
Nach dem 8. März kam Kritik aus den Reihen der Gewerkschaft. Zur Sitzung des DGBFrauenausschusses am 16. März war die Organisationssekretärin des DGB Delmenhorst erschienen, um sich über die 8.-März-Aktion zu beschweren. Sie erklärte, dass nach ihrem Eindruck die Veranstaltung „für die Partei (DKP) gemacht worden sei“.30 Die Frauen wiesen das
empört zurück. Die Kritikerin ließ nicht locker und trug ihre Beschwerde auch dem DGBKreisvorstand vor. Doch dieser blieb bei seiner positiven Bewertung des Frauentages. Else
Esselborn musste aber noch einige Gespräche führen, bis sich die Aufregung gelegt hatte.
In Bremen waren sich die Gewerkschafterinnen einig, dass sie die Aktivitäten zum
Internationalen Frauentag fortsetzen wollten. Auf der Sitzung des Frauenausschusses am
13. Dezember 1982 stimmten alle dafür, am 8. März 1983 eine Demonstration „mit voller
Unterstützung des DGB“ durchzuführen, „damit auch die männlichen Kollegen die Möglichkeit haben, sich mit den besonderen Problemen der Frauen zu solidarisieren“. Ein entsprechender Antrag an den DGB-Kreisvorstand wurde verabschiedet.31
Frauentage der Gewerkschafterinnen –
1983 bis 1985
Die DGB-Frauendemonstration 1983
„Wir kämpfen: für Mitbestimmung – gegen Unternehmerwillkür und Sozialabbau, für Frieden und Abrüstung – gegen Frauendienst in der Bundeswehr.“ So lautete das Motto für
den Frauentag 1983, das die Abteilung Frauen beim Bundesvorstand festgelegt hatte.
Auch im DGB wurde es üblich, dass das Motto vom Bundesvorstand bestimmt wurde
und die Flugblätter und Plakate bei der Abteilung Frauen angefordert werden konnten.
Daneben legten die Einzelgewerkschaften – vor allem die IG Metall – Wert darauf, dass die
Kolleginnen unter dem Logo ihrer Gewerkschaft sichtbar wurden.
So gestalteten die IG Metall-Kolleginnen ein eigenes Flugblatt mit dem Aufruf
zur Demonstration am 8. März 1983.32
1980 bis 1989
305
Im Jahr 1983 begannen die Aktionen zum Frauentag in Bremen am Samstag, dem 5. März,
erneut mit Informationsständen und dem Verteilen von Flugblättern in der Innenstadt.
Am Morgen des 8. März wurden wieder vor den großen Kaufhäusern in der Innenstadt
rote Nelken und Flugblätter verteilt. Am Abend folgte die Demonstration, an der etwa
1.000 Personen teilnahmen. Die anschließende Kundgebung fand auf dem Gelände des
Kulturzentrums Schlachthof statt und den Abschluss bildete das Kulturprogramm in den
Räumen des Schlachthofs. Diese erste Demonstration der Gewerkschaftsfrauen fand auch
in der Presse Beachtung: Beide Bremer Tageszeitungen, die Bremer Nachrichten (BN) und
der Weser-Kurier (WK), berichteten ausführlich über die Demonstration und die Kundgebung.33
Mit ihren öffentlichen Aktionen zum Frauentag hatten sich die Gewerkschaftsfrauen
als ein Teil der Frauenbewegung etabliert. In den nächsten Jahren organisierten die DGBFrauen am 8. März die Demonstration und Kundgebung mit anschließendem Fest. Der
Termin 8. März war in Bremen für die DGB-Aktionen reserviert. Andere Gruppen und
Organisationen riefen ihre Mitglieder auf, sich an der Demonstration der Gewerkschafterinnen zu beteiligen, und verlegten ihre eigenen Veranstaltungen auf die Termine vor oder
nach dem 8. März. Die Durchführung der Demonstrationen und der Kundgebungen des
Internationalen Frauentages ging ganz in die Verantwortung des DGB und seines Kreisfrauenausschusses über.
„Frauen machen Putz“ gegen die Frauenpolitik
der Bundesregierung – Frauentag 1984
Gegen Frauenarbeitslosigkeit und Stationierung von Atomwaffen in der Bundesrepublik
richteten sich die Proteste des Frauentages von 1984. Das Motto lautete „Arbeitszeit verkürzen – Arbeitsplätze schaffen – Frieden sichern“. Auf der Kundgebung auf dem Bremer Markplatz kritisierte Else Esselborn als neu gewählte erste Vorsitzende des Kreisfrauenausschusses die Politik der Bundesregierung. Insbesondere der Plan, Frauen in die
Bundeswehr aufzunehmen, empörte die Frauen: „Wir haben es satt, ständig als Manövriermasse hin- und her geschoben zu werden. Jetzt, wo die Bundeswehr wegen der geburtenschwachen Jahrgänge nicht mehr genug wehrpflichtige junge Männer findet, wird schon
wieder für Frauen als Reservearmee geworben. Wir beanspruchen unser Recht auf Arbeit
gleichberechtigt und nicht benachteiligt“, erklärte Else Esselborn.34
Mit Cevahir Cansever sprach zum ersten Mal auf einer DGB-Kundgebung zum Frauentag eine Vertreterin der Migrantinnen, die in der Bundesrepublik arbeiteten und lebten.
Sie wandte sich gegen die zunehmende Ausländerfeindlichkeit und die restriktive Gesetzgebung der Regierung gegenüber den ZuwanderInnen. Offensichtlich im Zusammenhang
mit der DGB-Demonstration und der türkischstämmigen Rednerin stand eine Aktion der
Neonazis. In der Einkaufsstraße neben dem Kundgebungsort waren „Flugblätter mit ausländerfeindlichen Parolen und dem Aufruf ‚Deutschland den Deutschen‘ verteilt worden.“
Außerdem tauchte der bekannte Neonazi Michael Kühnen „mit einer Schreckschusspistole“ bewaffnet auf. Er wurde nach Hinweisen von Demonstrierenden von der Polizei festgenommen.35 Die Teilnehmerinnen waren empört über das Auftreten rassistischer, rechtsradikaler Gruppen am Rand ihrer Kundgebung, führten diese jedoch weiter durch.
Der Internationale Frauentag war mittlerweile für die gesamte Bundesrepublik zu
einem Tag des Frauenprotestes geworden und Fraueninitiativen nutzten das Medienin-
306
Tradition mit Zukunft – Internationale Frauentage
teresse, um über weitere politische Aktionen zu informieren. Am 8. März 1984 stellten
die „Frauen der Aktion Muttertag“ ihren „Aufruf zum großen Frauenprotest anlässlich
Muttertag 1984“ der Presse vor.36 Der Aufruf stand unter dem Motto: „Frauenwürde ist
Menschenwürde – Frauenrecht ist Menschenrecht – Ein Frauenleben ist ein Menschenleben“. Mehr als zweihundert Frauen hatten ihn unterzeichnet. Sie kritisierten die Politik
der „Regierenden in Bonn, die zwar von Gleichberechtigung redeten“, tatsächlich aber die
erkämpften Rechte wieder „zusammenstreichen“ wollten. Sie riefen alle Frauen auf, sich
gemeinsam zu wehren und den Muttertag zu nutzen, „die den Frauen vorenthaltenen
Rechte einzufordern“.37
Zu den Erstunterzeichnerinnen des Aufrufs gehörten auch Bremerinnen, darunter die
Landesbeauftragte für Frauen in Bremen, Ursula Kerstein, Prof. Susanne Schunter-Kleemann von der Hochschule Bremen und Helga Antesberger, die Vorsitzende des KFA der
IG Metall als Betriebsrätin.38
„Nicht nur Blumen – Rechte fordern
wir“, unter dieser Losung stand der
Protest am Muttertag, dem 12. Mai
1984.
Mit einem kräftigen Fußtritt gegen
die Tür der Regierung kündigten die
Frauen ihr Kommen an.39
15.000 Frauen aus dem ganzen Bundesgebiet machten „Putz in Bonn“ und zogen mit
Pfeifen, Trommeln, Rasseln und Kochtöpfen vor die Tür der Bundesregierung. Auf der
gemeinsamen Kundgebung trugen Betroffene und Vertreterinnen der verschiedenen
Frauengruppen ihre Forderungen an die Bundesregierung vor.40 Diese Aktion bewies,
wie entschlossen die Frauen waren, ihre mühsam erkämpften Rechte zu verteidigen. Sie
zeigte auch, dass Kooperationen zwischen den verschiedenen Strömungen der Frauenbewegung möglich waren und dass diese Bündnisse erfolgreiche Aktionen organisieren
konnten.
Die Bremerinnen griffen diese Idee auf. Im Verlauf des Jahres 1984 trafen sich auf Einladung der Landesbeauftragten für Gleichberechtigung, Ursula Kerstein, Vertreterinnen
1980 bis 1989
307
unterschiedlicher Frauengruppen, Verbände und Organisationen. Sie wollten auf regionaler Ebene „frauenspezifische Aktivitäten“ vorbereiten. Ziel der Zusammenarbeit sollte
es sein, „den Forderungen, Interessen und Bedürfnissen von Frauen in Bremen größeres
Gewicht zu geben“41.
In ihrem Rundbrief vom April 1985 berichtete Ursula Kerstein, dass sich Frauen aus
drei Generationen am Diskussionsprozess beteiligt hätten, „denen es trotz unterschiedlicher Herkunft und oft kaum vergleichbarer Lebens- und Arbeitszusammenhänge“ gelungen sei „bestimmte frauenspezifische Forderungen als für alle verbindlich festzusetzen“.
Mehr als zwanzig Frauenverbände und Gruppen hatten den Aufruf und die Forderungen
bereits unterzeichnet.42
Bei den neuen Bündnissen traten vor allem die institutionellen Frauenorganisationen der Gewerkschaften und Parteien als Akteurinnen in Erscheinung. Sie gewannen in
der Frauenbewegung zunehmend an Bedeutung. Bei der Gestaltung dieser Zusammenschlüsse kam den Gleichstellungsbeauftragten eine Schlüsselfunktion zu, sie bildeten
die Brücke bei der Vermittlung von Frauenanliegen in die Verwaltung und waren die
Vermittlerinnen zwischen den Gruppen und Organisationen.43 Auch in Bremen hatte Ursula Kerstein wesentlichen Anteil an dem Aufbau und der konkreten Arbeit des
Bündnisses.
Als erste Aktion organisierten die Frauen eine alternatives Fest zum Muttertag 1985:
„Bremer Frauen laden ein – Muttertag anders.“44 Auf dem Fest im Bürgerhaus Weserterrassen stellten sich die Bremer Frauenverbände, -institutionen und -gruppen mit ihrer
Arbeit und ihren politischen Schwerpunkten vor. Und sie präsentierten sich zugleich als
eine Gemeinschaft, die in Zukunft gemeinsam für ihre Interessen „als Frauen“ eintreten
wollte.45 Das Bündnis, das sich schon bald „Bremer Frauenrunde“ nannte, wurde zu einer
wichtigen politischen Kraft, die sich in den nächsten Jahren immer wieder mit Aktionen
und Protesten in die bremische Politik einmischte und ab 1986 auch Mitveranstalterin des
Internationalen Frauentages war.
„Der 8. März ist unser Tag!“ – Frauentag 1985
Nicht ohne Stolz verwiesen die Gewerkschafterinnen mit der Feststellung „Der 8. März
ist unser Tag“46 auf ihren erfolgreichen Kampf um die Durchsetzung des Internationalen
Frauentages. Auch in Bremen gehörte der Frauentag zum festen Bestandteil des Aktionskalenders der Gewerkschaften. Die Kolleginnen hatten ein Ablaufmuster für die Aktivitäten an diesem Tag entwickelt. Regelmäßig wurden vor ausgewählten Betrieben Nelken mit
einer Grußkarte oder einem Flugblatt verteilt. Nach Arbeitsende versammelten sich dann
die TeilnehmerInnen zur Demonstration, um den Frauenprotest auf die Straße zu tragen.
Auf der anschließenden Kundgebung wurden in den Reden die Kritik und die Forderungen der Frauen öffentlich herausgestellt.
Für die Gewerkschafterinnen hatten die Demonstrationen und Kundgebungen noch in
anderer Hinsicht Bedeutung. Sie konnten damit die Frauenorganisation als eigenständigen Teil der Gewerkschaften in der Öffentlichkeit präsentieren. Die Rednerinnen auf den
Kundgebungen wurden mit Auszügen aus ihren Beiträgen und mit ihrem Namen in der
Presse erwähnt, womit die Frauenarbeit auch innerhalb der Gewerkschaften an Gewicht
gewann. Und die Auftritte der Funktionärinnen waren eine Ermutigung für die Kolleginnen, sich auch zu Wort zu melden.
308
Tradition mit Zukunft – Internationale Frauentage
Zum Auftakt der Demonstration 1985 hatten sich die Kolleginnen eine Überraschung
ausgedacht.
Mit lila Luftballons – die Demonstration am 8. Mai 1985.
Als sich die TeilnehmerInnen am Hauptbahnhof zur Demonstration versammelten, wurden
lila Luftballons verteilt, die „für ein farbenfrohes Bild an diesem Vorfrühlingstag sorgten“.47
Nach dem Marsch durch die Innenstadt kritisierte Else Esselborn auf der Kundgebung die
Bundesregierung, die mit ihren Vorschlägen zur Flexibilisierung der Beschäftigungsverhältnisse der Frauen die „Arbeit auf Abruf salonfähig mache“ und die sich außerdem weigere, die Sozialversicherungspflicht für Geringverdienerinnen einzuführen. Immer weniger
Frauen hätten noch eine existenzsichernde Beschäftigung. Deshalb würden die Frauen
auch weiterhin am 8. März gegen diese diskriminierenden Verhältnisse auf die Straße gehen. Zum Abschluss ihrer Rede lud Else Esselborn die TeilnehmerInnen zum abendlichen
Kulturfest ein.
Die Kulturveranstaltung fand diesmal im Bürgerzentrum des Neubauviertels Neue Vahr
statt, in dem viele Arbeiterfamilien lebten. Der Abend sollte ein Fest für die Familien im
Stadtteil sein. Nach selbst einstudierten Sketchen, die sich kritisch mit dem Alltagsleben
der Frauen auseinandersetzten, folgte das Kabarettprogramm der Frauen von „KrawallLust“. Die Songgruppe des Jugendamtes und der DGB-Chor „Die Blechdrosseln“ lieferten
mit politischen Liedern den musikalischen Rahmen.48
Bei der Auswertung wurde kritisiert, dass die aktiven Frauen mit dem Proben für das
Kulturprogramm beschäftigt gewesen seien und deswegen beim Flugblattverteilen und an
den Infoständen die Helferinnen gefehlt hätten. Für das kommende Jahr wurde festgelegt,
eine Kinderbetreuung zu organisieren und das Kulturprogramm zu straffen.49
Vereint unter dem Frauenzeichen –
Frauentag 1986
Der 75. Internationale Frauentag wurde in der Bundesrepublik im Jahr
1986 gefeiert. Diese Festlegung war eine politische Entscheidung, die bis
heute nachwirkt, jedoch damals von den Akteurinnen kaum wahrgenommen wurde. In den Jahren bis 1985 war es noch üblich gewesen, als „Geburtsjahr“ des Frauentages 1910 anzugeben. Denn das war das Jahr, in dem auf der Konferenz der sozialistischen
1980 bis 1989
309
Frauen der Beschluss gefasst worden war, den Internationalen Frauentag jährlich zu veranstalten. So war der 50. Jahrestag 1960 von den SPD-Frauen in Bremen besonders herausgestellt worden und Anna Stiegler hatte dazu einen Beitrag für die Parteizeitung verfasst.50
Auch im Jahr 1980 hatten die DFI-Frauen in ihrem Flugblatt zum Frauentag ausdrücklich
auf die siebzigste Wiederkehr des Frauentages hingewiesen51 – entsprechend hätte 1985
der 75. Jahrestag gefeiert werden müssen. In anderen Ländern war das auch der Fall – die
Parteizeitung der DKP berichtete am 9. März 1985: „In aller Welt wurde gestern zum 75.
Mal der Internationale Frauentag begangen.“52 Auch der Neustadter, das Informationsblatt
des SPD-Ortsvereins Bremen Neustadt, brachte einen Artikel mit der Überschrift: „75 Jahre
Internationaler Frauentag: Die Frauenfrage bleibt offen.“53 Und die Pressemitteilung des DGB
vom 7. März war überschrieben: „8. März 1985 – 75 Jahre Internationaler Frauentag“.54 Außer
diesen vereinzelten Veröffentlichungen gab es aber keine Hinweise auf den Jahrestag.
Im November 1985 erschien die Schrift „Internationaler Frauentag – Tag der Frauen
seit 75 Jahren“, herausgegeben von der IG Metall-Hauptverwaltung. Dort gab es den ersten
offiziellen Hinweis auf eine Neubestimmung des Jahrestages. In der Einleitung verwies
Gudrun Hamacher, damals geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, auf 1911
als das Jahr, an dem „erstmals in Deutschland [der Internationale Frauentag] begangen
wurde“.55 Damit wurde das „Geburtsjahr“ des Frauentages um ein Jahr verschoben und
entsprechend der 75. Jahrestag in der Bundesrepublik 1986 begangen. Übereinstimmend
wurde in den Medien, in den Darstellungen von DGB und SPD sowie in der Presseverlautbarung der Bundesregierung erklärt, dass die Geschichte des Tages mit den Demonstrationen am 19. März 1911 begonnen habe.56
Weder in den Jahrbüchern der SPD noch in den Geschäftsberichten des DGB finden
sich Hinweise dazu, warum nach 75 Jahren eine solche Terminverschiebung in der Bundesrepublik erfolgte und von wem die Initiative für diese Entscheidung ausging. Es kann
vermutet werden, dass DGB und SPD die von ihren Frauenorganisationen durchgeführten
Frauentage von den kommunistischen Veranstaltungen zum 8. März in der DDR abgrenzen wollten. Mit der Verlegung des Jubiläumsjahres wurde eine eigene bundesrepublikanische Geschichte des Internationalen Frauentages konstruiert.
Tatsächlich wurde die 75-Jahr-Feier 1986 ein großes politisches Ereignis, das den Internationalen Frauentag weit über die politisch aktiven Frauen hinaus bekannt machte. Dafür
sorgten vor allem die Veröffentlichungen in den Medien. „Am Samstagabend des 8. März
gehört zwischen 20 und 24 Uhr bei fast allen ARD-Sendeanstalten eine Radiowelle dem
weiblichen Geschlecht: Unter dem Motto ‚Unbeschreiblich weiblich‘ präsentieren Rundfunkjournalistinnen ein Programm zum Internationalen Frauentag, dem Live-Schaltungen von
Moskau bis New York sogar einen internationalen Rahmen geben.“57 Familienministerin Rita
Süssmuth forderte in ihrer Presseerklärung mehr Gleichberechtigung in der Familie. „Und
auch Bundesjustizminister Hans Engelhard (FDP) bemängelte, dass die vom Grundgesetz
geforderte Gleichberechtigung von Männern und Frauen nicht durchgesetzt sei.“58
Die Sozialdemokratinnen formulierten zum 75. Jahrestag ihre Perspektive für die Zukunft: „Die Zukunft ist weiblich“ lautete das Motto des Frauenfestivals der ASF am 8. März
1986 in Wiesbaden. Die Europaabgeordnete Heidemarie Wieczorek-Zeul fügte im Interview ergänzend hinzu: „Aber die Gegenwart ist noch eindeutig patriarchalisch geprägt.“59
Gegen diese patriarchalen Verhältnisse wollte die ASF die Frauen mobilisieren. In ihrem
Aufruf zur Veranstaltung appellierte sie: „Wir müssen demonstrieren, dass es uns ernst ist
mit der gesellschaftlichen Gleichheit von Frauen und Männern. […] „Wir müssen dieser
konservativen Bundesregierung zeigen, dass wir es nicht hinnehmen, dass die frauenpolitischen Fortschritte der sozialliberalen Koalition Stück für Stück vordergründigen Wirt-
310
Tradition mit Zukunft – Internationale Frauentage
schaftsinteressen und konservativen Ideologien geopfert werden. […] Auch unserer Partei
und unseren Gewerkschaften müssen wir klar machen, dass Beschlüsse zwar wichtig sind,
daß aber letztlich nur Taten zählen.“60 Die Sozialdemokratinnen wandten sich nicht nur
gegen die konservative Politik der Bundesregierung, sie forderten auch von der SPD und
den Gewerkschaften die Realisierung der Gleichberechtigung in den eigenen Reihen.
Auch in Bremen erhielt der Internationale Frauentag 1986 eine weitaus größere Beachtung in den Medien als in den Jahren zuvor. Der Weser-Kurier brachte eine Meldung zum
Frauentag auf der ersten Seite. Unter der Überschrift „Zehn-Prozent-Hürde für Frauen
beklagt“ wurde über die Forderungen der Grünen berichtet, endlich den Frauenanteil in
den Parlamenten zu erhöhen.61
„Wir wollen Brot und Rosen!“ hieß das Motto, das die Gewerkschaften zum 75. Jahrestag ausgegeben hatten. „Wir wollen Brot und Rosen“ war in der Frauenbewegung ein bekannter Slogan, der vor allem bekannt geworden war durch das Lied „Brot und Rosen“62,
das zu den beliebtesten und meist gesungenen Songs der Frauenbewegung gehörte.
Zum besseren Verständnis gab es zu dem Liedtext die folgende Erläuterung:
„Dies Lied aus dem Jahr 1912 entstand bei einem Streik von 14.000 Textilarbeiterinnen und Arbeitern in Lawrence USA. Der Streik richtete sich gegen die Hungerlöhne
und die Kinderarbeit. Dieser Streik, in dem die Frauen ganz besonders entschieden
für ihre Interessen kämpften, wurde durch die zahlreichen Lieder berühmt, die die
Frauen auf Demonstrationen, vor den Werkstoren und in der Stadt sangen. Das Gedicht Brot und Rosen geht auf ein Transparent der Arbeiterinnen zurück, auf dem
stand: „We want bread and roses, too! – Wir wollen Brot, aber auch Rosen.“ 63
1980 bis 1989
311
So wurde mit dem Leitspruch „Wir wollen Brot und Rosen“ eine Brücke geschlagen zu
den kämpfenden Arbeiterinnen im Jahr 1912. Und zugleich brachte diese Forderung die
Wünsche der Frauen im Jahr 1986 nach einem selbstbestimmten Leben zum Ausdruck.
In Bremen begann 1986 eine neue Phase in der Geschichte des Internationalen Frauentages. Zum ersten Mal veranstaltete der DGB-Kreisfrauenausschuss den Frauentag als
Bündnisveranstaltung zusammen mit der Bremischen Zentralstelle für die Verwirklichung
der Gleichberechtigung der Frau (ZGF) und der Bremer Frauenrunde. Es waren mehr als
dreißig Organisationen und Gruppen, die gemeinschaftlich zur Frauendemonstration am
7. März 1986 aufriefen. Ihrem Aufruf hatten sie die stilisierte Taube als gemeinsames Symbol der Frauenbewegung vorangestellt.
In ihrem Aufruf erklärten die Bündnisfrauen den Grund für ihre Zusammenarbeit:
„Wir haben uns zusammengeschlossen aus der Notwendigkeit heraus, der massiven
frauenfeindlichen Politik gemeinsam unsere Forderungen entgegenzusetzen.
– Sofortige Beschäftigungsprogramme für Frauen und Frauenförderpläne
– Ausreichende und qualifizierte Ausbildungsplätze für Mädchen
– Keine ungeschützten Arbeitsverhältnisse – keine Stunde Arbeit ohne
Sozialversicherung
– Rücknahme der Streichungen und Beitragserhöhungen im
Kindergartenbereich
– Haushaltstitel für die Bremer Frauenhäuser und finanzielle Absicherung
anderer Frauenprojekte und -einrichtungen
– Streichung des § 218 STGB und Erhalt von Pro Familia
– Wir sind gegen Erziehungsgeld als ‚Rücktrittsprämie‘ vom Arbeitsmarkt
– Für ein eigenständiges Aufenthaltsrecht für ausländische Frauen
– Umwandlung von Rüstungsarbeitsplätzen in zivile Arbeitsplätze
– Keine Frauen in die Bundeswehr und keine ans Gewehr
– Alle Forderungen lassen sich nur verwirklichen, wenn der Frieden erhalten
bleibt und ernsthaft mit Abrüstung begonnen wird.“64
Die Forderungen richteten sich einerseits unmittelbar an den Bremer Senat und andererseits an die Bundesregierung. Die breite Palette der Forderungen benannte die wichtigsten
Bereiche, in denen die Frauen weiterhin diskriminiert und benachteiligt waren.
Am 7. März zog die Frauendemonstration unter dem Motto „Wir wollen Brot und Rosen!“ durch die Innenstadt. Auf der Kundgebung betonten die Rednerinnen den Zusammenhalt der Frauen, die entschlossen seien, sich gegen die Regierungsmaßnahmen zu
wehren. Ursula Kerstein machte klar, dass es der Politik und den Unternehmern nicht gelingen werde, die Frauen aus dem Erwerbsleben zu verdrängen, „sie wieder ins Kinderzimmer zu sperren“. Bezogen auf das Motto forderten die Rednerinnen: rechtlich geschützte
Arbeitsverhältnisse für die erwerbstätigen Frauen, Frauenförderpläne für alle Beschäftigungsbereiche und die ersatzlose Streichung des Abtreibungsparagraphen.65
Das abendliche Kulturfest fand wieder im Bürgerhaus Vahr statt. Dieses Mal gab es für
die Kinder ein Puppentheater und den Erwachsenen kündigte das Kabarettprogramm
der Gruppe „Donna Krawall-Lust“ an: „Wir sind nicht ausgewogen. Denn Ausgewogenheit
wäre unehrlich.“ Der Sketch „Uri auf der Demo“, den die IG Metall-Frauen aufführten, berichtete von einer 18-Jährigen, „die ihre Urgroßmutter und den Rest der Familie motiviert,
auf die Friedensdemo zu gehen“.66 Obwohl die Frauen für die Abendveranstaltung mit
einem eigenen Flugblatt geworben und die Gewerkschafterinnen gehofft hatten, dass aus
312
Tradition mit Zukunft – Internationale Frauentage
den anderen Gruppen noch Frauen am Abend kommen würden, war der Besuch nicht so
gut wie erwartet.
Dann gab es auch noch in der Fernsehsendung buten & binnen kritische Bemerkungen zur Veranstaltung. Die Journalistinnen sprachen vom „Pflichtprogramm eines roten
Muttertages“, während gleichzeitig das Bild des halbleeren Saales eingeblendet wurde.67
Zum ersten Mal erlebten die Gewerkschafterinnen Kritik an ihrer Frauentagsveranstaltung. Else Esselborn wies die Berichterstattung auch im Namen des Frauenausschusses
als diskriminierend zurück. Die Redaktion von Radio Bremen zeigte zwar Verständnis
für die „Betroffenheit“ der DGB-Frauen, doch im Antwortschreiben wurde die Kritik der
Fernsehsendung faktisch wiederholt und dem Adressaten gegenüber festgestellt, „daß Ihr
Kulturfest den Charme einer Pflichtübung hatte, an dem Frauen teilnahmen, die sowieso
schon ihrer Meinung sind“68. Else Esselborn erinnerte sich im Gespräch 2009 gut daran,
wie empört die Frauen damals waren.
Weil sich alle über Radio Bremen ärgerten, wurden Schwierigkeiten und Mängel, die
tatsächlich aufgetreten waren wie zum Beispiel die rückläufigen Besucherzahlen, nicht
ernsthaft diskutiert. Das neue Bündnis des Frauentages wurde allein darin sichtbar, dass
viele Gruppen auf dem Plakat und dem Flugblatt aufgeführt waren. Ein weiterführendes
Konzept, wie die anderen Bündnispartnerinnen an der Gestaltung des 8. März beteiligt
werden konnten, gab es nicht. Auch für die Kulturprogramme gab es keine neuen Ideen.
Doch das sollte sich im Verlauf des Jahres grundlegend ändern. Die Gewerkschafterinnen
erhielten Unterstützung von außen und entwickelten ein neues Konzept für den Frauentag. Darüber wird weiter unten berichtet.
Bereits 1986 zeigte sich eine neue Entwicklung. Der Internationale Frauentag fand immer mehr Zustimmung und wurde auch in den Stadtteilen zum Frauenaktionstag. So versammelten sich am 8. März 1986 mehr als 300 Frauen im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus
in Bremen-Nord zu Diskussionsrunden und einem Kulturprogramm. Die ASF hatte zum 8.
März ins Nachbarschaftshaus Ohlenhof zu einer Podiumsdiskussion mit anschließendem
Tanz eingeladen. In der Ansprache von Ingrid Busboom, der Landesvorsitzenden der ASF,
rief diese die Frauen dazu auf, sich – entgegen den Vorstellungen der rechts-konservativen
Regierung – konsequent für mehr Chancengleichheit und Gleichstellung am Arbeitsplatz
und in der Gesellschaft einzusetzen.69
Der Internationale Frauentag
im neuen Gewand – 1987 bis 1989
Für die Bremer Frauenbewegung wurde der Internationale Frauentag 1987 zu einem herausragenden Ereignis, über das die Akteurinnen Monique Troedel und Else Esselborn, die den
Tag mitgestaltet hatten, noch mehr als zwanzig Jahre später begeistert berichteten: „1987
und 1988, das waren die Jahre, wo wir das ganze Gewerkschaftshaus besetzt hatten.“70
Diese positive Entwicklung war möglich geworden, weil die Gewerkschafterinnen besondere Hilfe und Unterstützung erhielten. Im September 1986 stellte sich die ÖTV-Kollegin, Sozialpädagogin, Theaterfrau und Kabarettistin Gabi Grete Kellerhoff im Kreisfrauenausschuss vor. Sie hatte eine ABM-Stelle71 beim Senator für Bildung, Wissenschaft und
Kultur mit dem Arbeitsschwerpunkt gewerkschaftliche Kulturarbeit. Ihre Vorstellungen
und ersten Kontakte mit GewerkschafterInnen beschrieb sie im Interview: „Meine Idee
1980 bis 1989
313
war, eine Verbindung zwischen politischen und gewerkschaftlichen Aktionen und Kultur
zu knüpfen. […] Ich bin dann in verschiedene gewerkschaftliche Einrichtungen gegangen,
auch in die Frauenausschüsse, und habe gesagt: Hier bin ich, das kann ich für Euch tun
[…]. Und die Frauen sind auf dieses Thema sehr angesprungen. Sie haben dann gesagt:
Jetzt kommt der 8. März, da kannst Du uns gleich helfen. – Ja, so fing das an.“72 Damit
begann eine intensive Zusammenarbeit, die über zehn Jahre andauerte.
„Fröhlich, bunt und mit viel Spaß“ –
ein neues Konzept für den Frauentag 1987
Die Vorbereitungen zum Frauentag 1987 begannen damit, die Bündnispartnerinnen vom
Vorjahr aufzusuchen, um sie für eine aktive Beteiligung an der Gestaltung des Frauentages
zu gewinnen. Diese Aufgabe übernahm Monique Troedel. Gabi Grete Kellerhoff wollte auch
die noch abseits stehenden autonomen Gruppen und Projekte sowie die Gruppen der ausländischen Frauen „mit ins Boot holen.[…] Und ich bin überall hin gedackelt zu den autonomen Frauen und zu den Gruppen ausländischer Frauen“, erinnerte sie sich.73 Die vielen Wege
und Gespräche zahlten sich aus: „Wir hatten gelegentlich fünfzig Frauenorganisationen am
Tisch. Das hat uns für viele Themen die Augen geöffnet; das war für uns ein Lernprozess.“
So beschrieb Monique Troedel die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen den Frauen.74
Die Frauen einigten sich auf folgenden Ablauf: Am 6. März eine Demonstration mit
Kundgebung mit vier Rednerinnen, am 8. März – einem Sonntag – von 11 bis 17 Uhr Frauenaktionen und Kulturprogramm sowie ein Frauenfest in allen Räumen des DGB-Hauses.
314
Tradition mit Zukunft – Internationale Frauentage
Anfang des Jahres 1987 ging an die Kolleginnen der Einzelgewerkschaften ein Rundschreiben, das über die Planungen zum Frauentag informierte und zum Mitmachen einlud75:
Dieses Rundschreiben fiel schon durch seine besondere Gestaltung auf. Statt langer Erklärungen begann es mit einem Bild, das die Intentionen der geplanten Veranstaltung
veranschaulichte. So stellten sich die Einladerinnen den zukünftigen Frauentag vor: Die
Demonstration am 6. März „sollte fröhlich und bunt sein und Spaß machen“. Und am
Frauentag sollte das ganze Gewerkschaftshaus geschmückt und dekoriert sein. Frauenkabarett- und Theatergruppen waren bereits eingeladen. Es wurden noch männliche Erzieher und Pädagogen für die Kinderbetreuung gesucht. Die Gewerkschafterinnen sollten
sich zusammentun, um sich Straßenaktionen zu überlegen und Programmpunkte für das
Frauenfest vorzubereiten. Gabi Grete Kellerhoff bot sich an, den Frauen bei der Vorbereitung zu helfen.76
In den folgenden Monaten musste an Abenden und Wochenenden geprobt werden.
Es gab zusätzlichen Sitzungstermine, um die einzelnen Programmpunkte zwischen den
Gruppen auszuhandeln. Die Frauenausschüsse der Einzelgewerkschaften waren besonders eingespannt in der Ausgestaltung der Räume im Gewerkschaftshaus.77
Doch nicht nur die Frauenausschüsse wurden mobilisiert. Im März 1987 gab der „Vertrauenskörper der IG Metall bei Daimler-Benz – Werk Bremen“ einen eigenen Aufruf zum
8. März heraus. Auch die Kollegen beschäftigten sich also mit dem Thema.
Zur Demonstration am 8. März 1987 versammelten sich die Teilnehmerinnen vor dem
Hauptbahnhof.78
Vom Hauptbahnhof aus bewegte sich ein beeindruckender Zug von Frauen „mit lila Luftballons, Hut und weißer Schleppe“79 zur Innenstadt. Die Presse schilderte einzelne Stra-
1980 bis 1989
315
ßenaktionen der Teilnehmerinnen: „Mitglieder der Postgewerkschaft hatten sich mit Telefonschnüren verbunden, um so gegen die Verkabelungspolitik und Privatisierungspläne
der Bundespost zu demonstrieren.“ Und vor dem ehemaligen Kaufhaus Hertie machten
Kolleginnen der HBV auf die Ladenschließungen in der Innenstadt aufmerksam. Sie spielten eine Szene über das Los der entlassenen Verkäuferinnen: „Verkäuferinnen als Ware,
die keiner mehr haben will.“80
Hatten die Frauen mit ihren Straßenaktionen schon Aufsehen erregt, so waren die
Besucherinnen und die Presse von den vielen Angeboten und dem bunt geschmückten
Gewerkschaftshaus am 8. März völlig überrascht. „Kaum überschaubar war die Fülle auf
allen Ebenen.“81 In den Fluren drängten sich Informationsstände, Filme wurden gezeigt
und es gab Ausstellungen, literarische Beiträge und eine türkische Pantomimegruppe.
Von dem scharfzüngigen Kabarett „Taktlos“ und von den „Friedensfurien“ aus Oldenburg waren die Frauen besonders begeistert. Die wirkliche Überraschung war jedoch der
Massenandrang der Besucherinnen. Die taz Bremen beschrieb die Situation im DGBHaus: „Das enge Treppenhaus scheint mehr auf Funktionäre und Sekretärinnen als auf
den frauenbewegten Ansturm von zwei- bis dreitausend Besucherinnen ausgerichtet.“82
Mit ironischem Unterton wies die taz Bremen darauf hin, dass in dem Gebäude der Massenorganisation Deutscher Gewerkschaftsbund der Auftritt realer Massen offensichtlich
nicht eingeplant worden war.
Rund um den 8. März fanden außerdem wieder weitere Veranstaltungen statt: Am 5.
März hatte Bürgermeister Wedemeier aus Anlass des Internationalen Frauentages „die
Vertreterinnen bremischer Frauenverbände zu einem Empfang im Kaminzimmer des Rathauses geladen“83. Doch es gab Kritik an der Teilnehmerliste – so beschwerten sich die IG
Metall-Frauen, dass ihr Frauenausschuss nicht eingeladen worden war.84
Zum 7. März hatten die „jungsozialisten/innen in der spd, AG Neustadt“ ein politisches
Frühstück aus Anlass des Frauentages organisiert.85 Ansonsten gestalteten die Sozialdemokratinnen in ihren Ortsvereinen Veranstaltungen zum Frauentag. Bei den DKP-Frauen
gab es eine Modenschau, auf der die Politik der CDU-Frauenministerin Rita Süssmuth
einer scharfen Kritik unterzogen wurde.86
Die Frauentag-Aktionen waren nicht nur draußen auf großes Echo gestoßen. Die Akteurinnen selbst waren begeistert von der eigenen Arbeit und deren Ergebnissen. Für 1988
begannen die Beratungen und Planungen schon im Sommer 1987.
Das neue Konzept bewährt sich – Frauentag 1988
Die Abteilung Frauen beim DGB-Bundesvorstand rief dazu auf, im Jahr 1988 den internationalen Charakter des Frauentages „zu verstärken bzw. neu zu beleben. Das heißt, dass
wir uns künftig neben unseren bundesweiten bzw. regionalen inhaltlichen Schwerpunkten
stärker mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen anderer Länder befassen
und unsere Solidarität mit ihnen bekunden sollten.“87 In Bremen hatten die Gewerkschafterinnen das Thema bereits in den Vorjahren aufgegriffen. Die Forderungen der ausländischen Frauen waren in den Katalog der Bremer Frauenrunde aufgenommen worden.
Deshalb begrüßte der Kreisfrauenausschuss die Initiative des Bundesvorstandes. Und in
den gemeinsamen Beratungen mit den anderen Frauengruppen wurde vereinbart, dass die
Probleme und Forderungen ausländischer Frauen und das Thema internationale Solidarität im Mittelpunkt der 8.-März-Aktionen stehen sollten.
316
Tradition mit Zukunft – Internationale Frauentage
Allerdings waren die Frauen mit dem vorgegebenen Motto nicht einverstanden. Denn
die Abteilung Frauen hatte das Motto des Vorjahrs wieder aufgelegt. Wieder stand auf den
Plakaten „Wir wollen Brot und Rosen“. Das erschien den Frauen zu fantasielos und unpolitisch und sie entwickelten einen eigenen Leitspruch: „Frauenunrecht ist international“.
Gabi Grete Kellerhoff gestaltete dazu das Plakat und die Frauen schrieben eine besondere Einladung zum Frauenkulturfest.
Die Gewerkschafterinnen hatten in der Zwischenzeit gelernt, ihre eigenen Interessen zu
formulieren und sich gegenüber ihren Vorständen durchzusetzen. Auch die Vorgaben
zum Frauentag, die die Abteilung Frauen vorbereitete, wurden nicht kritiklos übernommen. „Wir haben immer das offizielle Motto, das Plakat und die Materialien da gehabt.
Wir haben das einfach nicht genommen“, erinnerte sich Gabi Grete Kellerhoff. Ursula
Kerstein, die Landesfrauenbeauftragte, erklärte auf der Pressekonferenz des Aktionsbündnisses zu dem selbst entwickelten Motto: „In diesem Motto verbergen sich zwei
Aussagen, die mir beide gleich wichtig erscheinen: Diskriminierung, Ausbeutung und
Unterdrückung sind international eine allgemeine Erfahrung. Und zugleich verbindet
uns unser Kampf gegen Diskriminierung, Unterdrückung und Ausbeutung mit Frauen
in der ganzen Welt.“88
Die Aktionen begannen 1988 mit dem Frauenfest im Gewerkschaftshaus. Die Frauen
nutzten das Wochenende vor dem 8. März. Am 5. März besetzten sie wieder alle Räume.
Fast vierzig Gruppen hatten ihre Informationsstände aufgebaut, es gab ein Café der ÖTVFrauen und ein buntes Kinderprogramm. Auf dem Kulturfest standen Berichte und Filme
über die Lebens- und Arbeitssituation von Frauen anderer Länder im Mittelpunkt. Die
deutsch-türkische Autorin Gülbahar Kültür stellte ihre Gedichte vor und sprach über das
Leben der Frauen in der Türkei. Gleichzeitig informierten die Migrantinnen über ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen in Deutschland.
1980 bis 1989
317
Die ASF führte ein kabarettistisches Theaterstück über das Leben der „Erika Mustermann“ auf. Erika Mustermann war jene Personalausweis-Vorzeigefrau, die auf den Werbedrucken der Bundesregierung für den neuen maschinenlesbaren Personalausweis Reklame machte.89 Das Theaterstück drückte die Kritik und Sorge vieler Menschen aus, die
befürchteten, dass mit dem neuen „maschinenlesbaren“ Ausweis die Überwachung und
Kontrolle durch den Staat weiter voranschreiten werde.
Auch im Jahr 1988 drängten sich Frauen und Kinder in den Fluren und auf den Treppen. Doch die Organisatorinnen hatten nun schon Erfahrung und alles war besser geplant
und die Angebote besser aufeinander abgestimmt. Es war ein gelungener Auftakt.90
Über die Frauendemonstration am 8. März wurde in der Presse ausführlich berichtet.
Da gab es die Frauen mit ihren Protestplakaten gegen das geplante Beratungsgesetz zum
§ 218 und ihrem Sprechchor „Rita es hat keinen Zweck, das Beratungsgesetz muss weg“.
Die Mitarbeiterinnen von Frauenprojekten hatten bereits am Vormittag vor dem Arbeitsamt gegen die Einschränkungen bei den Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, über die viele
von ihnen finanziert wurden, protestiert und schlossen sich jetzt mit ihren Transparenten
der Demonstration an.91 Nicht zu überhören waren auch die politischen Lieder, die für
Stimmung sorgten: „Rein mit den Frauen in den Stadtrat, rein mit den Frauen in den Beirat … und raus mit den Machos aller Art“, zitierte der Weser-Kurier einen der Songs. Und
eine Demonstrantin vom Seniorenschutzbund Grauer Panther berichtete der Reporterin
vom Weser-Kurier: „Einige von uns demonstrieren das allererste Mal.“92
„Obwohl es sich um eine alljährliche, fast schon Pflichtveranstaltung handelt, ist das teilnehmende Spektrum bunter geworden“, notierte die taz Bremen.93 Die öffentliche Aufmerksamkeit und die breite Berichterstattung in den Medien trugen dazu bei, dass sich weitere
Gruppen an den Protestaktionen beteiligten. Auch Institutionen nutzen jetzt den 8. März, um
besondere Fraueninitiativen zu starten. So gratulierte der Vorstand der Angestelltenkammer
in einer großen Anzeige im Weser-Kurier allen Frauen zum Internationalen Frauentag:
318
Tradition mit Zukunft – Internationale Frauentage
In der Anzeige kündigte die Angestelltenkammer ihre neuen frauenbezogenen Projekte an:
Die Kammer beginnt eine Qualifizierungsoffensive für Frauen.
Betriebsfrauenförderpläne werden in Zusammenarbeit mit Gewerkschaften erstellt.
Die Kammer wird Maßnahmen einleiten, die zum Ziel haben, qualifizierte Frauenerwerbstätigkeit zu fördern und betrieblich umzusetzen.
Der neue Vorstand der Arbeitnehmerkammer wird ein breit angelegtes Frauenprojekt unterstützen, in dem über die Erwerbstätigkeit von Frauen in Bremen geforscht
werden soll.
Zum Abschluss rief der Vorstand der Angestelltenkammer zur Beteiligung an der Demonstration auf. 94
Der Internationale Frauentag bot der Frauenbewegung eine Plattform, um ihre Forderungen und ihre Kritik öffentlich vorzutragen. Allerdings nutzten in der Zwischenzeit
ebenso Parteien, die Regierung und politische Organisationen den Frauentag, um für ihre
Konzepte zu werben. Und es gab die ersten kritischen Stimmen, die forderten, den Tag
einfach mal ausfallen zu lassen. Die taz-Kommentatorin Uta Stolle sah keinen Sinn mehr
darin, „alle Jahre wieder die Demo [zu] organisieren und auf die fortdauernde Unterbezahlung und Gewalt hin[zu]weisen und die Kundgebenden journalistisch solidarisch [zu]
unterstützen.“ Und sie erklärte: „Diese alljährlichen Feiern des gezwungenen – freiwilligen
Hochsinns“ hängen mir „zum Halse raus“. Stattdessen plädierte sie dafür, den Tag nur
dann zu begehen, „wenn uns etwas einfällt.“95
Doch es gab auch die gegenteilige Position. In der Volkszeitung vom 4. März 1988
machte Emmy Kuhlmey den Vorschlag, „den Internationalen Frauentag zu einem gesetzlichen Feiertag zu erheben. Das würde das Selbstbewusstsein der Frauenbewegung
in der Bundesrepublik […] stärken. Frauen wollen Veränderungen und sie wollen die
Teilnahme an der Macht. Als gesetzlicher Feiertag würde der 8. März die Bedeutung der
Frauenfrage für die Gesellschaft und für das Leben jeder und jedes einzelnen sichtbar
machen.“ 96
Es gab sicher auch in der Bremer Frauenbewegung Frauen, die die alljährlichen Wiederholungen leid waren. Aber angesichts der fantasievollen Straßenaktionen und der interessanten Kulturfeste sah die Mehrheit keinen Grund, sich vom Frauentag zu verabschieden.
Im Gegenteil, die Frauen setzten bereits Ende März 1988 eine Arbeitsgruppe ein, die zur
nächsten Sitzung Vorschläge für den nächsten Internationalen Frauentag im Jahr 1989
vorbereiten sollte.97
„Wir streiten für bessere Zeiten“ – Frauentag 1989
Die Vorbereitungstreffen zum Internationalen Frauentag waren jetzt schon ziemlich routiniert. Allerdings kam es bei der Festlegung der zentralen Themen auch immer wieder zu
Debatten und das Aushandeln war dann ein Balanceakt. Es hatte sich in der Zwischenzeit
durchgesetzt, dass die Forderungen, die Themen der Redebeiträge und das Motto in den
Bündnisberatungen besprochen und festgelegt wurden. Die Vorgaben des DGB-Bundesvorstandes dienten dabei der Orientierung.
Zum Internationalen Frauentag 1989 stellten die Bremer Frauen drei Forderungen in
den Mittelpunkt:
1980 bis 1989
319
– Verbot der ungeschützten Arbeitsverhältnisse – keine Stunde ohne Sozialversicherung.
– Verbot ungeschützter Arbeitsverhältnisse – Vollzeitarbeitsplätze für Frauen wurden immer weiter abgebaut und die Arbeitnehmerinnen waren gezwungen, Teilzeitarbeit und
schlechtere Bezahlung zu akzeptieren. Um zu verhindern, dass mehr und mehr Frauen
in ungeschützte Arbeitsverhältnisse gezwungen würden, forderten die Frauen das Verbot solcher „rechtlosen und brotarmen Beschäftigungen, die in der Zwischenzeit von
jeder vierten Arbeitnehmerin ausgeübt werden“.98
– Streichung des § 218 StGB – keine Verschärfung durch ein Beratungsgesetz.
Der § 218 sorgte 1988/89 wieder mal für Empörung unter den Frauen. Im bayerischen
Memmingen waren Frauen erstmals wieder wegen illegalen Schwangerschaftsabbruchs
verurteilt worden. Während der Verhandlungen gegen den Frauenarzt Dr. Horst Theissen wegen Schwangerschaftsabbruchs und Steuerhinterziehung wurde seine Patientinnenkartei beschlagnahmt. Gegen 279 ehemalige Patientinnen von Dr. Theissen wurden
Ermittlungsverfahren wegen illegaler Abtreibung eingeleitet. Die meisten davon endeten
mit einem Strafbefehl. Nur wenige Verurteilte legten Einspruch ein, mit dem sie ein öffentliches Gerichtsverfahren riskierten, die meisten zahlten aus Angst vor gesellschaftlicher
Ausgrenzung lieber schweigend den Strafbefehl.99 Die Bremer Frauen solidarisierten sich
mit den Betroffenen und schickten die auf dem Frauenfest am 6. Mai gesammelten Spenden an die Memminger Frauen.100 Und zugleich forderten sie, dass der § 218 endlich aus
dem Strafgesetzbuch gestrichen wird.
Daneben wurden außerdem eigenständiges Aufenthaltsrecht, Asyl und Wahlrecht für
ausländische Frauen gefordert. Auch diese Forderung hatte die Frauenbewegung schon
seit einigen Jahren erhoben und regelmäßig wiederholt, um sich gegen die Ausgrenzung
und Benachteiligung ausländischer Frauen zu wenden.
Doch trotz drängender Probleme und den vielen immer noch nicht realisierten Forderungen sollte der Frauentag 1989 auch positive Signale aussenden. Deswegen hieß das
Motto: „Wir streiten für bessere Zeiten“.
In Bremen war der 8. März in der Zwischenzeit ein offizielles politisches Datum. Zum Auftakt wurde die Stellungnahme der Landesfrauenbeauftragten zum Internationalen Frauentag in den offiziellen Regierungsinformationen veröffentlicht:101
1989 begannen die Frauen ihre Aktionen zum 8. März mit der Kundgebung auf dem
Marktplatz. Nach der Rede von Irmtrud Gläser von der Gewerkschaft ÖTV zum Thema
320
Tradition mit Zukunft – Internationale Frauentage
„Ungeschützte Arbeitsverhältnisse/Teilzeitarbeit“ setzte sich der Demonstrationszug in
Richtung des Gewerkschaftshauses in Bewegung. Es war „ein buntes Spektrum. Vertreterinnen der ÖTV kamen als lila-schwarz-weiße Nonnen und trommelten für die Menschenrechte. Eine Moritaten-Gruppe mit einem Mann sang für die Gleichstellung der Frau.“102
So der kritisch ironische Bericht in der taz Bremen am 9. März. Beim Weser-Kurier wurde
zwar seit dem 8. März gestreikt, aber die Redaktion hatte trotzdem dafür gesorgt, dass die
LeserInnen über den Frauentag informiert wurden: Bereits am 7. März hatte sie die Presseberichte der Veranstalterinnen in einem Artikel zusammengefasst.103
Im Jahr 1989 wurde das Ende der Teilung Deutschlands eingeleitet. Richtungsweisend
für diese Entwicklung waren die Montagsdemonstrationen in Leipzig seit dem 9. Oktober
und dann die Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989. Welchen Einfluss die
Vereinigung Deutschlands auf die Frauenbewegung hatte und wie sich diese Entwicklung
in den Frauentagen der 1990er Jahre manifestierte, wird im folgenden Kapitel beschrieben.
Zwischenbilanz
In den 1980er Jahren wurden die zentralen Aktionen zum Internationalen Frauentag in
Bremen von den Gewerkschafterinnen organisiert. Der 8. März begann vor den Betrieben.
Das Verteilen von Flugblättern und roten Nelken oder roten Rosen an die dort beschäftigten Frauen war eine Möglichkeit, über den Frauentag und die politischen Forderungen zu
informieren. Am frühen Abend fand dann eine Demonstration mit anschließender Kundgebung statt. Den Abschluss bildete das (Frauen-)Kulturfest. Bei der Ausgestaltung wurden traditionelle Formen der Demonstration und Kundgebung mit Reden von zwei bis drei
Referentinnen mit einem Kulturfest verbunden, das beeinflusst war von den Frauenfesten
der Neuen Frauenbewegung. Das bunte Festprogramm umfasste politisches Frauenkabarett, Lieder und Songs der Frauenbewegung und selbst einstudierte Sketche.
In den Aufrufen zum Frauentag wurde über die soziale Lage in der Bundesrepublik und
die Forderungen der Gewerkschaftsfrauen informiert. Massenarbeitslosigkeit und Sozialabbau, Lohn(un)gleichheit und die konservative Frauenpolitik der Bundesregierung seit
1982, die Gefährdung des Friedens durch atomares Wettrüsten und die Absicht, Frauen
freiwillig in die Bundeswehr einzuziehen, waren wiederkehrende Themen. In Bremen hatten die Gewerkschafterinnen von Anfang an auch die Probleme und Forderungen der eingewanderten Frauen in ihren Forderungskatalog aufgenommen. Die Aufrufe wurden als
Flugblätter in der Innenstadt und vor den Betrieben verteilt.
1985 wurde eine neue Entwicklung eingeleitet, es kam zu einer Öffnung nach außen.
In die Organisation des 8. März wurde das Aktionsbündnis „Bremer Frauenrunde“ und die
ZGF mit einbezogen. Damit wurde der Internationale Frauentag zu einem politischen Forum, auf dem über die Forderungen der Gewerkschaften hinaus die vielfältigen Ansprüche
und Interessen der Frauenprojekte und Initiativen artikuliert wurden.
Doch wuchs nicht nur die Anzahl der beteiligten Frauengruppen in Bremen. Die Akteurinnen veränderten auch die Ausgestaltung der 8.-März-Aktionen von Grund auf. Aus
der Demonstration wurde ein bunter Zug kostümierter Frauen, die ihre Forderungen und
Kritik an den politischen Verhältnissen in kurzen Spielszenen und Liedern ausdrückten.
Beim Frauenfest wurde ein ganzes Gewerkschaftshaus zur Bühne für politische Berichte
und Informationen, für Mitmachaktionen und Auftritte von Künstlerinnen und Kindertheater.
1980 bis 1989
321
Diese unkonventionellen Formen des politischen Protestes erregten einiges Aufsehen in
der Stadt. Vor allem machte die neue Methode, Politik selbst zu gestalten, den beteiligten
Frauen Spaß. Das trug dazu bei, dass sich mehr Frauen an der Arbeit beteiligten.
Ende der 1980er Jahre hatte der Frauentag ein eigenes Profil. Er war zum Projekt der
Bremer Frauenbewegung geworden, das im politischen Leben der Stadt fest verankert war.
Doch es gab erste kritische Stimmen, die sich gegen die alljährlichen rituellen Wiederholungen derselben Forderungen, derselben Geschichte über die Entstehung des Tages
wehrten. Doch bei den beteiligten Gruppen, die sich an den Aktionen beteiligten, gab es
nach den Erfolgen Ende der 1980er Jahre eine hohe Motivation, die Arbeit fortzusetzen.
Anmerkungen
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Zur Entwicklung der Neuen Frauenbewegung in Bremen in den 1980er Jahren vgl. Schmitter,
1998, 93–99.
Die Zitate stammen aus einem Interview mit zwei Frauen, die sich viele Jahre im Frauenzentrum engagiert hatten. Veröffentlicht 1989 in der Dokumentation über das siebenjährige Bestehen des Bremer Frauenkulturhauses. Postmeyer u.a., 1989, 25–29.
Schmitter, 1998, 99.
Interview mit Ingrid Busboom vom 5. März 2009.
Antrag der ASF an den Landesvorstand mit der Bitte um Weiterleitung an den Landesparteitag, vom 21. November 1978. AdsD/FES, LO Bremen II, AG Frauen, 1974–76, Box 191.
Vgl. SPD-Report, Information der SPD-Bürgerschaftsfraktion vom 23. Juli 1980. AdsD/FES, LO
Bremen II, AG Frauen, 1977–1981, Box 181.
Vgl. Wolfrum, 2007, 353.
Vgl. Wolfrum, 2007, 357.
Vgl. Schunter-Kleemann, 1982, 76.
Schunter-Kleemann, 1982, 29.
Vgl. Wolfrum, 2007, 359.
Vgl. Dobberthien, 1987, 97.
„Frauen fordern ihre Rechte“, Faltblatt der DFI zum Internationalen Frauentag 1980. Bremer
Frauenarchiv und Dokumentationszentrum belladonna.
Über diese Aktionen zum Frauentag 1980 berichtet die Null-Nummer der DFI-Zeitung Bremadonna vom März 1982. Bremer Frauenarchiv und Dokumentationszentrum belladonna.
Abdruck des Beschlusses in: Die Neue, Zeitung Berlin West o.D. Privatarchiv, Florence Hervé.
Vgl. Metall Nr. 5 vom 5. März 1980.
Rußland, 1985, 107.
Vgl. Mitteilung des DGB-Bundesvorstandes über den geänderten Beschluss an alle Gewerkschaften und Industriegewerkschaften und Vorstände der DGB Landesbezirke und Kreise vom
2. Dezember 1981. Privatsammlung Monique Troedel.
Der Beschluss wurde zitiert in: Ministerin für die Gleichstellung von Frau und Mann, 1993, 32.
Vgl. Schmitter, 1998, 191.
Vgl. Kassel, 2001, 126. und Protokoll des DGB-Kreisfrauenausschuss vom 16. März 1982, TOP.
1.e.
Protokoll des DGB-Kreisfrauenausschuss vom 7. Januar 1981. Privatsammlung Else Esselborn.
Gespräch mit Monique Troedel am 15. Mai 2009.
Vgl. Tischvorlage für die Kreisvorstandssitzung am 14. Dezember 1981. Privatsammlung Helga
Antesberger.
Foto aus der Privatsammlung Else Esselborn.
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Tradition mit Zukunft – Internationale Frauentage
Vgl. Protokoll der Frauenausschusssitzung der IG Metall vom 2. März 1982. Privatsammlung
Helga Antesberger.
Vgl. Bremer Nachrichten vom 9. März 1982.
Vgl. Gespräch mit Else Esselborn am 11. Mai 2009.
Gespräch mit Else Esselborn am 11. Mai 2009.
Vgl. Protokoll der Sitzung des Kreisfrauenausschusses am 16. März 1982.
Protokoll der Sitzung des Kreisfrauenausschusses am 13. Dezember 1982.
Aufruf zum 8. März 1983, IG Metall-Bremen.
Weser-Kurier vom 5./6. und vom 9. März 1983 und Bremer Nachrichten vom 10. April 1983.
Bremer Nachrichten vom 9. März 1984.
Vgl. Weser-Kurier vom 9. März 1984.
Vgl. Weser-Kurier vom 9. März 1984.
Arndt u.a., 1984, 4–5.
Vgl. Arndt u.a., 1984, 5–7.
Das Logo wurde dem Hochschulecho, Zeitung der DKP-Hochschulgruppe in Bremen, entnommen, Mai 1984. Universität Bremen, Zentralarchiv, 7 lp Nr. 2159.
Weser-Kurier vom 14. Mai 1984; Arndt u.a. 1984, 122–123.
Es wurde aus dem Einladungsschreiben zitiert, das Ursula Kerstein als Landesbeauftragte an
die Frauengruppen und Frauenorganisationen am 30. November 1984 verschickt hatte. Privatsammlung Margot Konetzka.
Vgl. Schreiben der Landesbeauftragten Ursula Kerstein vom 4. April 1985. Privatsammlung
Margot Konetzka.
Vgl. Lenz, 2008, 581–582.
Aus dem Rundschreiben der Bremischen Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF) vom 4. April 1985: „An alle interessierten Frauenverbände, -gruppen und
-institutionen“ Privatsammlung Margot Konetzka.
Vgl. Aufruf des Bremer Bündnisses, vorgestellt am Muttertag, 12. Mai 1985. Privatsammlung
Margot Konetzka.
Zitiert aus dem Flugblatt der IG Metall-Frauen zum Frauentag 1983.
Zitat: Bremer Rundschau vom 9. März 1985. Fotos: Privatbesitz Else Esselborn.
Bericht über die Aktionen zum 8. März 1985, in: Weser-Kurier vom 10. März 1985.
Auswertung der Kulturveranstaltung des DGB am 8. März 1985, Protokoll vom 19. März 1985.
Privatsammlung Helga Antesberger.
BBZ vom 7. Mai 1960.
„Frauen fordern ihre Rechte“, Faltblatt der DFI zum Internationalen Frauentag 1980. Bremer
Frauenarchiv und Dokumentationszentrum belladonna.
Bremer Rundschau vom 9. März 1985.
Neustadter vom April/Mai 1985. Privatsammlung Helga Antesberger.
Vgl. DGB Informationen für Presse Funk Fernsehen vom 7. März 1985, Pressemitteilung
Nr. 324. AdsD/FES, ZASS III, 3-Bevölkerung/Frauen, 5839.
Vorstand der IG Metall, 1985, 8.
Vgl. Weser-Kurier vom 8. März 1986, Titelseite: Zehn-Prozent-Hürde für Frauen beklagt; Pressedienst des Bundesministers für Jugend, Familie und Gesundheit vom 7. März 1986, DGB-Informationen, Nr. 6 „Wir wollen Brot und Rosen“, 2.
Stuttgarter Zeitung vom 7. März 1986. AdsD/FES, ZASS,III, 3-Bevölkerung/Frauen, 6292.
dpa-Meldungen zum 8. März 1986. AdsD/FES, ZASS,III, 3-Bevölkerung/Frauen, 6292.
Pressemeldung Frauen/ASF 8/9. März 1986. AdsD/FES, ZASS,III, 3-Bevölkerung/Frauen,
6292.
Bundesvorstand der ASF, 1996, 27.
Vgl. Weser-Kurier vom 8. März 1986.
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Veröffentlichung der IG Metall o.J. Privatsammlung Helga Antesberger.
Erläuterungen zu dem Lied „Brot und Rosen“ in den Veröffentlichung der IG Metall o.J. Privatsammlung Helga Antesberger.
DGB-Flugblatt zum 75. Geburtstag des Internationalen Frauentages, Rückseite. Privatsammlung Else Esselborn.
Vgl. BN vom 8. März 1986.
Zitate aus dem Flugblatt zur Kulturveranstaltung am 7. März 1986. Privatsammlung Helga
Antesberger.
Zitate aus dem Protestbrief von Else Esselborn, den diese auch im Namen des DGB-Kreisfrauenausschusses an Radio Bremen geschrieben hatte. Privatsammlung Else Esselborn.
Zitat aus dem Antwortschreiben von Radio Bremen vom 30. April 1986 auf den Protestbrief
von Else Esselborn. Privatsammlung Else Esselborn.
Vgl. Rede von Ingrid Busboom vom 8. März 1986. Privatsammlung Ingrid Busboom.
Gespräch Monique Troedel 15. Mai 2009.
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) waren in den 1980er Jahren eine bewährte Methode, um die Arbeitslosenzahlen niedriger aussehen zu lassen, als sie in Wirklichkeit waren.
Da ABM-Stellen verstärkt im sozialen und kulturellen Bereich geschaffen wurden, nutzten
Frauen, die in diesem Bereich keine festen Stellen bekommen konnten, die Möglichkeit, über
eine ABM-Maßnahme ihren Berufswunsch zu realisieren. Auch Frauenprojekte finanzierten
ihre Arbeitsstellen über ABM-Beschäftigung. Vgl. Das Finanzierungsmodell bei belladonna, in:
belladonna, Hrsg., ca. 2001, 70.
Gespräch mit Gabi Grete Kellerhoff am 6. April 2009.
Gespräch mit Gabi Grete Kellerhoff am 14. September 2010.
Gespräch mit Monique Troedel am 15. Mai 2009.
Arbeitspapier „8. März 1987 Internationaler Frauentag“ o.D. Privatsammlung Gabi Grete Kellerhoff.
Vgl. Arbeitspapier „8. März 1987 Internationaler Frauentag“ o.D., Privatsammlung Gabi Grete
Kellerhoff.
Vgl. dazu Notizen von Helga Antesberger zum Internationalen Frauentag 1987. Privatsammlung Helga Antesberger.
Foto: Dr. Wilfried Seehofer, Bremen.
Weser-Kurier vom 7. März 1987.
Weser-Kurier vom 7. März 1987.
Bremer Nachrichten vom 9. März 1987.
Vgl. taz Bremen vom 9. März 1987.
Vgl. Weser-Kurier vom 6. März 1987.
Vgl. Schreiben des „Frauenausschuß der IGM an Bürgermeister Wedemeier“ o.D. Privatsammlung Helga Antesberger.
Aufruf der Jungsozialisten der Bremer Neustadt, März 1987. Privatsammlung Helga Antesberger.
Vgl. taz Bremen vom 9. März 1987.
Materialsammlung des DGB Hauptvorstandes, Abt. Frauen, Nov. 1987, „Internationaler Frauentag 1988“, 2.
Aus der Presseerklärung von Ursula Kerstein zum Internationalen Frauentag 1988, 1. Privatbesitz Ursula Kerstein.
Vgl. Weser-Kurier vom 8. März 1988.
Vgl. Weser-Kurier vom 8. März 1988.
Vgl. Weser-Kurier und taz vom 9. März 1988.
Weser-Kurier vom 9. März 1988
Vgl. taz Bremen vom 9. März 1988.
Vgl. Weser-Kurier vom 8. März 1988.
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Tradition mit Zukunft – Internationale Frauentage
„Sinn: froh, einfach so, Konstruktives zum Internationalen Frauentag“, taz Bremen, Kommentar vom 9. März 1988.
Volkszeitung vom 4. März 1988.
Vgl. Protokoll der Sitzung des Kreisfrauenausschusses am 22. März 1988.
Vgl. Aufruf zum Internationalen Frauentag – 8. März 1989.
Vgl. Elke Kügler, 1989, Abtreibung vor Gericht, Eine Dokumentation und Einschätzung zum
Prozess, Herausgegeben von Pro Familia, Deutsche Gesellschaft für Sexualberatung und Familienplanung, Holzmeyer, Braunschweig.
Vgl. Protokoll des Vorbereitungstreffens zum 8. März vom 15. Februar 1989. Privatsammlung
Gabi Grete Kellerhoff.
Informationen, Freie Hansestadt Bremen, Der Senat, 7. Ausgabe vom 3. März 1989.
taz Bremen vom 9. März 1989.
Vgl. Weser-Kurier vom 7. März 1989.
11.
Der
Internationale
Frauentag
im vereinigten
Deutschland
1990–2010
326
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
Zwischen dem Internationalen Frauentag 1989 und dem des Jahres 1990 hatte in der
internationalen Politik und zwischen den beiden deutschen Staaten ein grundlegender
Veränderungsprozess begonnen. Das Zeitalter der Konfrontation und der Teilung Europas
ging seinem Ende entgegen. Dabei war der wichtigste Prozess die Erosion der Sowjetunion
und des gesamten Ostblocks, mit der ein scheinbar unerschütterliches System zusammenbrach. Für Deutschland brachte das nach 40 Jahren die Wiedervereinigung. Ein Symbol
für die Teilung der Welt in zwei Blöcke war das zugemauerte Brandenburger Tor gewesen.
Seine Öffnung und der Fall der Mauer symbolisierten die Zeitenwende des Jahres 1989.
Die größten Veränderungen hatten dabei die Menschen in der DDR zu bewältigen.
In Westdeutschland, der alten Bundesrepublik, war von großen Umwälzungen zunächst
wenig zu spüren. Auch die Regierungskoalition aus CDU/CSU-FDP wurde bei den Bundestagswahlen 1990 und 1994 im Amt bestätigt.
Die 1990er Jahre waren geprägt von einer konservativen Geschlechterpolitik. Das zeigte
sich besonders im Umgang mit dem § 218. In der DDR galten die Fristenregelung und das
Selbstentscheidungsrecht der Frauen. Die Akteurinnen der neuen Frauenbewegung in der
DDR und die Frauenbewegung in Westdeutschland forderten, dass diese Regelung nach
der Vereinigung in ganz Deutschland gelten sollte. Doch es kam anders. Zwar konnte „ein
überparteiliches Bündnis von Abgeordneten aus der SPD und FDP zusammen mit Vertreterinnen von CDU und Bündnis 90/Die Grünen am 26. Juni 1992 eine Fristenregelung
mit Beratungspflicht im Bundestag“ zunächst durchsetzen. Doch auf Antrag der bayerischen Landesregierung und der Mehrheit der CDU/CSU-Bundestagsfraktion erklärte das
Bundesverfassungsgericht dieses Gesetz im Jahr 1993 für grundgesetzwidrig. Daraufhin
beschlossen SPD, CDU und FDP 1995 den reformierten § 218, der an der Strafbarkeit
der Abtreibung festhielt, aber Schwangerschaftsunterbrechung vor der zwölften Woche
und bei einer vorangegangenen Beratung von der Regelung ausschloss.1 Damit war die
Fristenlösung erneut – wie schon 1975 – durch das Bundesverfassungsgericht ausgehebelt
worden.
Die konservative Linie der Bundesregierung zeigte sich auch in der Umgestaltung des
Frauenministeriums, das 1994 in das „Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und
Jugend“ eingegliedert wurde. Mit der Berufung von Claudia Nolte als neue Familienministerin bestimmte seit 1994 eine „aktive Lebensschützerin und konservative Ostfrau“
die politische Linie in der Frauenpolitik. Sie wandte sich gegen jeden Kompromiss beim
§ 218 und gegen die Einführung von Frauenquoten. Eine ganztägige Erwerbstätigkeit von
Müttern lehnte sie ab.2
Auch beim Thema Vereinbarkeit von Kind und beruflicher Laufbahn ging es nicht um
die Erwerbsintegration von Müttern in Vollzeit-Arbeitsverhältnissen. Im Jahr 1995 wurde
der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz ab drei Jahren im Gesetz festgeschrieben, doch ein Anspruch auf Ganztags-Kinderbetreuung war damit nicht verbunden. So
schufen die Kommunen aus Kostengründen mehrheitlich Kindergärten mit Halbtagsangeboten, was bedeutete, dass Mütter weiterhin auf Teilzeitarbeit verwiesen wurden.
Das galt vor allem für die alten Bundesländer, während in Ostdeutschland Frauen grundsätzlich auch mit kleinen Kindern einer Vollzeit-Beschäftigung nachgingen – die Frauen
hatten durchgesetzt, dass die noch aus DDR-Zeiten bestehende ganztägige öffentliche
Kinderbetreuung – wenn auch nicht in vollem Umfang – erhalten blieb.3
Im Verlauf der 1990er Jahre zeigte sich, wie sehr die Neue Frauenbewegung die Einstellungen und das Verhalten von Frauen beeinflusst hatte. Das ließ sich am deutlichsten
am Wahlverhalten der Frauen ablesen: Bereits seit 1972 votierten junge Frauen mehrheitlich für die SPD. Mit dem Auftreten der Grünen erhielten diese einen beträchtlichen
1990–2010
327
Anteil der Stimmen junger Wählerinnen. Von dieser Umorientierung der Frauen war vor
allem die CDU betroffen. Sie konnte unter den jüngeren Frauen keine Mehrheiten mehr
gewinnen. Dieser Trend setzte sich „leicht zeitversetzt auch bei den älteren Frauen fort“.
Und so gewannen SPD und Grüne letztlich durch den Stimmenzuwachs bei den Frauen
die Bundestagswahl 1998.4
Nach 16 Jahren konservativer Regierungspolitik setzten die Wählerinnen jetzt hohe
Erwartungen in die neue Bundesregierung. Zwar berief Bundeskanzler Gerhard Schröder eine ganze Reihe von Frauen in sein Kabinett, doch Gleichberechtigung und Frauenpolitik – was der Kanzler gleich zu Beginn seiner Regierungszeit als „Gedöns“ bezeichnet
hatte – waren in der neuen Regierung von nachrangiger Bedeutung. Der frauenpolitische
Aufbruch blieb aus, stattdessen wurden bei dem umfangreichen sozialen Reformprogramm „Agenda 2010“ Geschlechterfragen eher hintangestellt. Unter der SPD-Ministerin
Renate Schmidt leitete die rot-grüne Regierung dann „eine Schwerpunktverlagerung von
der Frauenpolitik zur Familien- und Vereinbarkeitspolitik“ ein – an die CDU-Ministerin
Ursula von der Leyen in der ab 2005 regierenden Großen Koalition mit ihrem Konzept
des Ausbaus der staatlichen Kinderbetreuung und dem Elternurlaub gut anknüpfen
konnte.
Zu Beginn der 1990er Jahre mussten sich die Frauen in Ost und West mit veränderten
politischen und wirtschaftlichen Bedingungen auseinandersetzen. In Ostdeutschland waren
die Menschen mit der für sie völlig neuen Situation der Arbeitslosigkeit konfrontiert. Vor
allem stieg die Arbeitslosenquote bei den Frauen. Doch es gingen nicht nur ihre Arbeitsplätze verloren, es verschwanden ebenso die gesellschaftlichen Organisationen, die die sozialen und politischen Rahmenbedingungen in der DDR bestimmt hatten. Zugleich wurde
das bundesrepublikanische Wirtschafts- und Rechtssystems für die neuen Bundesländer
festgeschrieben.5 Die Frauen bekamen die negativen Folgen bald zu spüren, wie das geschilderte Beispiel der Wiedereinführung des Strafrechtsparagraphen 218 belegte. Dagegen
organisierte vor allem der neue Frauenverband (UFV), der noch zu DDR-Zeiten gegründet
worden war, den Protest. Er nutzte für seine Aktionen den Internationalen Frauentag. Es war
der UFV, der den Frauenstreiktag am 8. März 1994 anregte und mit organisierte.6
Der Auflösungsprozess der DDR betraf auch einen Teil der politischen Akteurinnen in
der BRD. Zunächst war davon vor allem die DKP betroffen. Sie hatte ihre Politik auf das
sozialistische System ausgerichtet und war finanziell abhängig von der SED. Die Partei verlor also mit dem Ende der DDR und der Auflösung des sowjetischen Systems gleichzeitig
ihren politischen wie materiellen Rückhalt. Damit verschwand eine wichtige Trägerorganisation des Internationalen Frauentages.
Die Auflösung des „real existierenden Sozialismus“ betraf natürlich genauso Frauenkulturprojekte und Initiativen. Viele der Initiativen hatten zur DDR und zur Sowjetunion
eine kritische Distanz gehalten, gleichwohl war für diese Gruppen die Existenz eines anderen politischen und wirtschaftlichen Systems ein sichtbares Zeichen, dass es zum „real
existierenden Kapitalismus“ eine Alternative gab. Und einige der Gruppen hatten auch
von materiellen Zuschüssen durch die DDR-Regierung profitiert, zum Beispiel durch die
Finanzierung von Verlagen und Zeitschriften und durch Unterstützung von Kulturgruppen. Da im gleichen Zeitraum auch noch die Fördermittel für alternative Kulturarbeit von
der Bundesregierung zusammengestrichen wurden, verschwanden im Verlauf der 1990er
Jahre viele der feministischen und autonomen Frauengruppen. Alle diese Gruppen aber
waren an der Ausgestaltung der Internationalen Frauentage aktiv beteiligt gewesen. Ihr
Verschwinden trug mit dazu bei, dass sich das Erscheinungsbild der Frauentage in den
letzten zehn Jahren verändert hat.
328
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
Doch das hatte keinen Einfluss darauf, dass sich die Idee des Internationalen Frauentages seit Beginn der 1990er Jahre immer weiter verbreitete. In immer mehr Städten und
Gemeinden gab es Aktivitäten am 8. März und die Medien berichteten an diesem Datum
über Frauenthemen und die Forderungen der Frauen. Auch Regierungen, Parteien und
Gewerkschaften kamen an diesem Datum nicht mehr vorbei. Mehrfach debattierte der
Bundestag am 8. März über die Situation der Frauen und regelmäßig veröffentlichten die
Bundesministerinnen frauenpolitische Erklärungen. Nicht nur in Bremen gehörte der 8.
März zu den Pflichtterminen weiblicher Bürgerschaftsabgeordneter.
In der Politik, den Medien, an den Hochschulen und Universitäten traten Frauen öffentlich in Erscheinung und prangerten die Defizite in der Gleichstellung mit den Männern
an. Mit gewachsenem Selbstbewusstsein thematisierten sie die Hindernisse, die Frauen
auf der beruflichen Karriereleiter zu überwinden hatten. Das Medieninteresse am Frauentag bot Gelegenheiten, den Protest öffentlich zu machen. Zugleich beteiligten sich weitere
Frauenorganisationen. In Bremen engagierten sich neben der Zentralstelle für Gleichberechtigung und der Frauenbeauftragten, dem Kultur-Kommunikations- und Bildungszentrum belladonna und den DGB-Frauen jetzt auch die Frauen der evangelischen Kirche,
der Bremer Frauenausschuss mit seinen über 40 angeschlossenen Verbänden, die Parteifrauen von Bündnis 90/Die Grünen, der ASF, die CDU-Frauenunion, Frauen der Partei DIE
LINKE und Frauenprojekte wie auch die VHS und Pro Familia. In den Jahren von 1990
bis 2010 entwickelte sich der Internationale Frauentag in Bremen zu einem politischen
Forum, auf dem Frauengruppen und -organisationen zusammenkamen, ihre Themen und
Forderungen austauschten und an die Öffentlichkeit brachten.
Dabei war zu Beginn der 1990er Jahre beispielsweise die Ausgestaltung der Gleichstellungsgesetze für den öffentlichen Dienst ein Thema. Gewerkschafterinnen, Parteifrauen
und Frauengruppen unterstützten sich dabei gegenseitig. Auch in Bremen wurde um die
einzelnen Paragraphen des „Gesetzes zur Aufhebung der Benachteiligung von Frauen im
öffentlichen Dienst“ heftig gestritten.7
Ein zentrales Thema, dass auf den Frauentagen bis 2010 vorgetragen und diskutiert
wurde, war die Frage der Vereinbarkeit von Beruf, Familienarbeit und Kindererziehung. In
Bremen standen deshalb Ausbau und Erhalt von Ganztags-Kinderbetreuungseinrichtungen regelmäßig auf dem Forderungskatalog zum Frauentag.
Doch der 8. März war nach Ansicht der Akteurinnen nicht nur dazu da, gebetsmühlenartig immer wieder die gleichen Forderungen zu wiederholen. Genutzt werden sollten
die Frauentage auch, um über alternative Lebensentwürfe und Zukunftsperspektiven zu
reden. Denn die offiziell verhandelten und geförderten Projekte, die Vereinbarkeit von
Familie und Beruf ermöglichen sollten, blieben darauf ausgerichtet, weiterhin den Frauen
die Verantwortung für Familie und Kinder aufzubürden. Auf den Podiumsdiskussionen
wurden Gegenmodelle entwickelt, die auch Männer in die Alltags- und Familienarbeit
einbezogen. Denn für eine gleichberechtigte Zukunft musste – so die Überlegungen der
Frauen – die Erwerbs- und Hausarbeit zwischen den Geschlechtern grundsätzlich neu
verteilt werden.
Zunehmend richtete sich der Blick der Frauen auch auf die internationalen Entwicklungen. Die Globalisierung hatte für Frauen weltweit tiefe Einschnitte in die Lebens- und
Arbeitsverhältnisse zur Folge. Frauen aus Osteuropa und Afrika waren auf der Suche
nach besseren Lebensbedingungen oder als Flüchtlinge und Verfolgte aus Krisenregionen
nach Deutschland gekommen. Deutschland wurde zum Einwanderungsland.8 Und an den
Frauentagen beteiligten sich immer mehr ausländische Frauen und Migrantinnengruppen,
die zu aktiven Mitgestalterinnen der Veranstaltungen wurden. Sie erhoben ihre Forde-
1990–2010
329
rungen nach eigenständigem Aufenthaltsrecht und verurteilten die Ausländerpolitik der
Bundesregierung. Doch sie kritisierten zugleich die deutschen Frauen, die von den billigen
Putzfrauen und Altenpflegekräften profitierten und sich so an der Ausbeutung der Migrantinnen beteiligten.
Nach der „Epochenwende“9 1989/1990 blieb das erhoffte Zeitalter des Friedens aus.
Am 26. Januar 1991 protestierten in Bonn über 200.000 Menschen gegen den ersten Golfkrieg, der eine Reaktion auf die Invasion des Iraks unter Sadam Hussein in Kuweit war.10
Bereits Mitte Januar startete mit der Frauenaktion Scheherazade eine Friedensinitiative
der Frauen gegen den Golfkrieg. In Bremen entschlossen sich die Frauen des Aktionsbündnisses, das Motto und die politische Ausrichtung des Frauentages 1991 zu ändern.
Der drohende Krieg wurde das beherrschende Thema.
Die Akteurinnen organisierten an den Frauentagen Proteste gegen die Menschenrechtsverletzungen an Frauen in den Kriegsgebieten.11 Und es war der Verdienst der Frauenbewegung, dass der Zusammenhang von sexueller Gewalt gegen Frauen und Mädchen in der
Familie und privaten Beziehungen und die von den Armeen im Krieg ausgeübten Vergewaltigungen, Zwangsschwangerschaften und Zwangsprostitution herausgearbeitet wurde.
Das Thema der häuslichen Gewalt in der Ehe hatte die Frauenbewegung bereits in den
1970er Jahren beschäftigt. Die Frauen forderten, Vergewaltigung in der Ehe als strafbare
Handlung juristisch zu verfolgen. Die Einrichtung von Frauenhäusern war ein sichtbares
Zeichen für die sexualisierte Gewalt in den Geschlechterbeziehungen. An den Frauentagen wurde mit Straßenaktionen und in Debatten mit Abgeordneten der Bremischen Bürgerschaft die Forderung in die Öffentlichkeit getragen. Durch den wachsenden öffentlichen
Druck und das Zusammenwirken weiblicher Abgeordneter über Fraktionsgrenzen hinweg
gelang es 1997, die Vergewaltigung in der Ehe aus dem rechtsfreien Raum herauszuholen
und unter Strafe zu stellen. Unter der rot-grünen Koalition wurde dann das Gewaltschutzgesetz verabschiedet, das den Opfern von häuslicher Gewalt den Verbleib in der Wohnung
ermöglichte und den misshandelnden Partner durch das Wegweisungsrecht von ihnen
fern hielt. Auch bei der Verbesserung des Aufenthaltsrechts für ausländische Ehefrauen
konnten in den 1990ern rechtliche Fortschritte gemacht werden.12
Doch trotz dieser Erfolge blieb die grundlegende Ungleichheit zwischen den Geschlechtern bestehen. An den großen Lohnunterschieden zwischen Frauen und Männern hatte
sich im Laufe der Jahre nichts geändert. Zwar stieg der Anteil der weiblichen Erwerbstätigen in den Jahren ständig an, aber Frauen waren überdurchschnittlich häufig teilzeitbeschäftigt und weibliche Führungskräfte bildeten weiterhin die Ausnahme. Ein Resultat
des Umbaus des Sozialsystems war, dass Frauenarmut erschreckend zugenommen hatte
und dass für viele Frauen – vor allem für alleinerziehende Mütter – Armut im Alter vorprogrammiert war. Die alte/neue soziale Frage stand im neuen Jahrtausend weiterhin auf
der Agenda der Frauentage in Bremen. Und auch die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf
war letztlich ungelöst und musste zentrales Thema des 8. März bleiben.
„Halbe-Halbe“ – Frauentag 1990
In offiziellen Stellungnahmen zum Internationalen Frauentag 1990 spielte die Vereinigung
Deutschlands und die Rolle der Frauen in diesem Prozess eine wichtige Rolle. Bundesfamilienministerin Ursula Lehr (CDU) nannte die Vereinigung „eine neue Herausforderung in
der Gleichberechtigungspolitik“ und sprach sich in ihrer Presseerklärung zum Frauentag
330
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
dafür aus, „nach der Wahl zur Volkskammer am 18. März eine ‚Deutsche Gleichberechtigungskonferenz‘ einzuberufen“13.
In beiden Staaten begleiteten die Frauen den Vereinigungsprozess mit kritischen Beiträgen und Forderungen. Der im Dezember 1989 in der DDR gegründete Unabhängige
Frauenverband (UFV) fasste seine politischen Einschätzungen und Forderungen in einem
Gründungsmanifest – „Ohne Frauen ist kein Staat zu machen“ – zusammen.14 Die Verfasserinnen plädierten für einen „modernen Sozialismus auf deutschem Boden“. Sie wollten die
DDR als eigenen Staat erhalten, jedoch von Grund auf umgestalten. Doch schon wenige Wochen später war entschieden, dass die Vereinigung sehr bald vollzogen sein würde. Deshalb
drängten Frauen aus Ost und West darauf, konkrete Verbesserungen für Frauen im geeinten
Deutschland auszuhandeln. Die ASF startete auf ihrem Bundeskongress Anfang März 1990
in Essen eine deutsch-deutsche Kampagne. Die Sozialdemokratinnen aus Bundesrepublik
und DDR wollten gemeinsam für Gleichstellungsgesetze kämpfen. Als erste Regelungen forderten sie: „Das gesetzlich verankerte Recht auf staatlich finanzierte Ganztags-Kindergärten
und Ganztagsschulen. Eine Quotenregelung auch für die Wirtschaft, die über das Betriebsverfassungsgesetz verankert und über öffentliche Aufträge gefördert wird. Die Herausnahme
des Abreibungs-Paragraphen 218 aus dem Strafgesetzbuch.“15
Auch in Bremen wandten sich Frauenorganisationen, autonome Projekte, Gewerkschafterinnen und Parteifrauen gemeinschaftlich mit der Frauengruppe des Unabhängigen
Frauenverbandes der Partnerstadt Rostock in einem Appell zum Internationalen Frauentag 1990 an die Öffentlichkeit: „Wir werden nicht die Zeche zahlen – Kein Ausverkauf
von Frauenrechten.“16 Die Unterzeichnerinnen betonten, dass die Öffnung der Mauer auch
für Frauen eine Chance bedeute, stellten jedoch zugleich fest, „daß die westliche Männermacht ganz unverhohlen mit der harten DM in der Hand ihre Bedingungen setzt für
Aufbauhilfen in der DDR“. Die Unterzeichnerinnen befürchteten, dass mit dem System der
sozialen Marktwirtschaft auch alle anderen westlichen Verhältnisse in der DDR Einzug
halten würden – was Frauen schlimmer als Männer treffen würde – und „daß Frauenforderungen in der BRD und in der DDR auf lange Zeit mit dem Hinweis auf die Reparaturkosten für die DDR abgeschmettert werden.“ Die Unterzeichnerinnen riefen deshalb die
Frauen in Ost und West auf, sich dagegen zur Wehr zu setzen, „daß die Restauration auf
dem Rücken der Frauen ausgetragen wird.“
Gleichzeitig setzten sich Gewerkschafterinnen der ÖTV in Bremen mit dem neuen Landesgleichstellungsgesetz auseinander. Beim Pressegespräch am 8. März kritisierten die
Vorsitzende des ÖTV-Kreisvorstandes Gisela Hülsbergen und die Vorsitzende des ÖTVKreisfrauenausschusses Irmtrud Gläser das von der SPD-Bürgerschaftsfraktion vorgelegte
„Gesetz zur Aufhebung der Benachteiligung von Frauen im öffentlichen Dienst“, weil in
dem Entwurf vorgesehen war, die Frauenbeauftragten nicht bei den Personalräten anzusiedeln, sondern bei den Arbeitgebern. In dieser Regelung sahen die Gewerkschafterinnen
einen Versuch der Arbeitgeber, Einfluss auf die Frauenbeauftragten auszuüben.17
Die Organisatorinnen der Frauentagsveranstaltungen des 8. März 1990 verzichteten
auf allgemeine Protesterklärungen und einen Forderungskatalog und entwickelten stattdessen das politisch-kulturelle Aktionskonzept der Vorjahre weiter. Auf ihrem Wochenendseminar im Oktober 1989 hatten die Gewerkschafterinnen diskutiert, „daß es keine langen
bzw. überhaupt keine Reden geben sollte“.18 Stattdessen sollten in Form von Straßentheaterszenen und Sketchen die „Zukunftsvisionen der Frauen“ dargestellt werden.
1990–2010
331
Unter dem Motto „Halbe–Halbe“ wollten die Frauen Gegenentwürfe zur traditionellen Arbeits(ver)teilung und Geschlechterhierarchie darstellen.19
Auch auf die Wiederholung ihrer immer noch nicht erfüllten Forderungen verzichteten die
Frauen. Stattdessen stand auf dem Flugblatt nur eine scheinbar willkürliche Wörterkette:
Donnerstag…dabeisein…draußen…demo…dafür…dagegen.danach…atlas…
venus…ganze-welt…halber-himmel…ganze-hölle…halbe-halbe
schwarze-weiße-rote-gelbe-frauen
beladen…überladen…verladen…geladen…aus
ost…west…süd…nord20
Und weil die Frauen auch „keine Lust auf eine herkömmliche Demonstration hatten“,
strömten sie am 8. März aus drei Richtungen und begleitet von „Samba-Rhythmus auf den
Bremer Marktplatz. Geschmückt mit Stirnbändern und Schals in Lila und Pink schwangen
sie Transparente, schoben Kinderwagen und verteilten Flugblätter.“21 Es ging beschwingt
und fröhlich zu – und doch war es den Frauen ernst mit ihrer Forderung nach „der Hälfte
von allem“.
In allen Arbeits- und Lebensbereichen sollte für Männer und Frauen gelten: Halbe–Halbe. Und die Frauen führten es vor: „Haben Sie zu Hause keine Arbeit? Haben Sie keinen
Mann?“, fragte in einem Sketch vor dem Rathaus ein Kollege eine Frau bei der Arbeit. Sie
überreichte ihm die Klobürste und schickte ihn zur Hausarbeit. Als er betroffen mit der
Klobürste in der Hand stehen blieb, fragte sie ihn: „Noch nie was von Quotierung gehört?“
Und der Mann guckte zerknirscht. „Die Zuschauerinnen klatschen und jubeln“, fährt die
Beschreibung einer Spielszene in der taz Bremen vom 9. März 1990 fort. Nach den Aktionen zogen alle Frauen in den „futuristisch geschmückten“ Saal im Konsul-Hackfeld-Haus
zum Frauenkulturfest.22
Was so fröhlich und beschwingt daherkam, war das Ergebnis intensiver Arbeit. In
mehreren Workshops hatten die Frauen die Szenen entwickelt und geprobt. Gabi Grete
Kellerhoff, die vor allem die Werkstattarbeit angeleitet hatte, erläuterte damals in einem
Interview, dass es für sie darauf ankomme, eine Verbindung von „Theater und Kabarett, gewerkschaftlicher Frauenpolitik und Feminismus“ herzustellen und betonte, vor allem solle
diese Form der Politikgestaltung den beteiligten Frauen Spaß machen. 23
Die Angestelltenkammer Bremen veranstaltete vor und nach dem 8. März ein kulturelles Rahmenprogramm mit Frauenfilmen, Frauenkabarett und einem Jazzabend mit einer
Frauenband. Schon immer hatte es diese Kulturfeste gegeben, bisher jedoch nicht als Ergänzung des politischen Aktionsprogramms. Daraus entwickelte sich im Laufe der Jahre
ein eigener Schwerpunkt mit Frauenkulturangeboten.
Für den 9. und 10. März initiierten einige Frauen eine Tagung mit dem Titel: „Frauen ins
Museum?“ Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Frage, wie frauenspezifische Aspekte
in der bremischen Museumslandschaft verankert werden könnten.24 Ein wichtiges Ergeb-
332
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
nis der Tagung war die Gründung des Vereins Bremer Frauenmuseum e.V., der sich in den
folgenden Jahren regelmäßig an der Gestaltung des Internationalen Frauentages beteiligte.
Wie in den Jahren zuvor begannen mit der Auswertung des Internationalen Frauentages auch bereits die Vorbereitungen für den nächsten. Für die Gewerkschafterinnen stand
fest, dass sie 1991 die katastrophale Kinderbetreuungssituation in Bremen unter die Lupe
nehmen wollten. Mit politischen Aktionen wollten sie Druck auf die Bremer PolitikerInnen
ausüben, damit sich endlich in Bremen etwas änderte.
Doch dann begann der Krieg am Golf und in Deutschland entwickelte sich eine breite
Protestwelle. Auch unter den Bremer Frauen gab es offensichtlich eine große Betroffenheit, denn die Vorbereitungsgruppe für den Internationalen Frauentag verwarf ihre bisherigen Planungen25 und stellte den Frauentag unter ein neues Motto: „Die alltägliche Kette
der Gewalt in unserer Gesellschaft führt letztendlich zur Akzeptanz eines Krieges.“
Die Bremerinnen beließen es nicht bei einem Aktionstag im Jahr 1991. Auch in den beiden folgenden Jahren standen zum Frauentag die Themen Gewalt, Rassismus und Krieg
im Vordergrund. Das Motto des Jahres 1991 wurde auch zum Leitgedanken für die Frauentage 1992 und 1993.
Internationale Frauentage 1991–1993
In der Textcollage des Flugblattes26 waren Schlagzeilen
über die vielen Formen der
Gewalt, unter denen Menschen alltäglich leiden, zusammengestellt worden. Bei
genauem Hinsehen war noch
zu erkennen, dass unter den
Schlagzeilen von Krieg und
Verbrechen das ursprüngliche Thema des Frauentages,
die Kritik an den Verhältnissen der Kinderbetreuung in
Bremen, fast verschwand. Es
war noch zu lesen: „2000 Erzieherinnen: 23 Kinder pro
Kraft“. Krieg, Gewalt, Verfolgung rückten so sehr in den
Vordergrund, dass darunter
die Alltagsprobleme der
Frauen fast begraben wurden. Es war, wie es auf dem
Flugblatt hieß, eine „Bilanz
des Schreckens“.
1990–2010
333
„Bilanz des Schreckens“ – Frauentag 1991
Die Feierstimmung und der Spaß des Vorjahres waren aus den Straßenaktionen des
8. März 1991 verschwunden. Aus vier Richtungen kamen Demonstrationszüge zum Marktplatz, wo zuerst Frauen aus den vom Krieg betroffenen Regionen ans Rednerpult traten.
Die Irakerin Huda Al-Hilali appellierte an die ZuhörerInnen, sich für einen wirklichen
Frieden einzusetzen, denn „die Schlacht geht weiter und die Menschen in meiner Heimat sterben nach wie vor“27. Die kurdische Rednerin forderte den Abzug der türkischen
Truppen aus Kurdistan. Monique Troedel, die neue Vorsitzende des DGB-Kreisfrauenausschusses, erklärte: „Dies ist kein Friede, wie wir ihn wünschen“, denn noch herrsche nur
Waffenstillstand am Golf.28 Die Vertreterin der Gruppe autonomer Lesben verwies auf den
Zusammenhang von Sexismus und Militarismus: „Es geht bei beiden um die Herstellung
und Erhaltung von Macht, der Macht des einzelnen Mannes über die Frau und der Macht
des Militärs über das Territorium und der dort lebenden Menschen.“29
Zur Kundgebung hatten die Frauen der Bremer Aktion Scheherazade ein Mahnmal
gebaut. Es war ein Obelisk, fragil zusammengesetzt aus weißen Fahnen, verziert mit
Trauerflor. Nach der Kundgebung fand es seinen Platz vor der Kunsthalle.30 Auch auf dem
Kulturfest am Abend nach der Kundgebung kamen Künstlerinnen aus den vom Krieg
betroffenen Ländern zu Wort. Eine „türkische Schriftstellerin las ihre Gedichte und eine
Irakerin spielte Geschichten aus ihrer Heimat“31.
„Contra Rassismus, Sexismus, Kolonialismus“ –
Frauentag 1992
Im November 1991 ergriff der Bremer Frauenausschuss (BFA) die Initiative. Die erste Vorsitzende Dr. Erika Riemer-Noltenius schlug vor, „den internationalen Frauentag am 8. März
in Zukunft gemeinsam zu feiern, und zwar in der Form einer ganztägigen Debatte in der
Bürgerschaft. Die Frauenthemen sollen in ihrer ganzen Breite an diesem Tag in Form von
Anträgen, Resolutionen, Gesetzesentwürfen usw. diskutiert, beraten und beschlossen und
darüber abgestimmt werden.“32 Sie schickte den Vorschlag an die Frauen der SPD, CDU,
FDP, der Grünen und die Zentralstelle für die Gleichberechtigung der Frau (Bremen) sowie den DGB-Kreisfrauenausschuss, die Bremer Frauenrunde, den Dachverband der Ausländer-Kulturvereine, die Landeszentrale für politische Bildung – Frauenreferat und den
Parlamentarischen Gleichstellungsausschuss.
Diese Initiative beinhaltete ein neues Konzept für die Ausgestaltung und die inhaltliche
Bestimmung des Frauentages. Am 8. März sollte in Zukunft zu einer frauenpolitischen
Fragestellung ein Frauenplenum in der Bürgerschaft stattfinden. Dieses sollte nicht nur
diskutieren, sondern auch Beschlüsse fassen und Gesetzesinitiativen einleiten können. Die
Trägerinnen dieser Veranstaltung wären die Vertreterinnen der oben genannten Institutionen, Organisationen bzw. Frauengruppen und Projekte. Es gab viel Zustimmung für das
neue Projekt – und erste Schwierigkeiten: Der 8. März 1992 fiel auf einen Sonntag und
der Präsident der Bremischen Bürgerschaft sah keine Möglichkeit, sonntags die Räume
zur Verfügung zu stellen. Und da für den deswegen anzumietenden Raum das Geld fehlte,
mussten Bittbriefe verfasst werden.33
Doch die Frauen verfolgten ihr Konzept weiter. Der Frauentag 1992 wurde unter das
Motto „Contra Rassismus, Sexismus, Kolonialismus“ gestellt.34 Am 8. März sollte das
334
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
„Frauenparlament“, wie die Akteurinnen ihr Diskussionsforum nannten, vor allem über
die wachsende Fremdenfeindlichkeit in Deutschland und die Probleme der ausländischen
Frauen diskutieren. Mit dem Begriff „Kolonialismus“ hatten die Organisatorinnen das aktuelle Thema des Jahres 1992 aufgegriffen: Europa und vor allem Spanien feierten den
500. Jahrestag der Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus im Jahr 1492. Gegen
diese Jubelfeiern gab es Proteste und Gegenveranstaltungen. Allerdings stellte die Frauenbewegung recht bald fest, dass bei keinem der Unternehmungen die Anliegen und Interessen von Frauen ernsthaft wahrgenommen wurden.35 Die Bremerinnen wollten auf die
Jahrhunderte alte Unterdrückung von Frauen in der so genannten Dritten Welt durch ein
europäisches Herrschafts- und Ausbeutungssystem hinweisen.36
Zugleich wollten die Organisatorinnen die besonderen Probleme von Migrantinnen aufzeigen. Sie beschlossen deshalb, auf dem Frauenparlament 1992 vor allem ausländische
Frauen zu Wort kommen zu lassen. Über das Vorgehen konnte sich die Vorbereitungsgruppe einigen. Doch uneins waren sich die Frauen darüber, ob Männer nur geduldet –
oder herzlich eingeladen waren.37 Dieser Streit über die Anwesenheit von Männern auf
Veranstaltungen des Frauentages erregte immer wieder die Gemüter. Während die Gewerkschafterinnen auf dem „Gemeinsam mit Männern“ beharrten, verließen manche autonomen Gruppen gelegentlich das Bündnis und organisierten ihre männerfreien Demonstrationen. Worauf sich die Frauen in jenem Jahr geeinigt haben, war dem Bericht nicht zu
entnehmen.
In ihrer Presseerklärung zum Internationalen Frauentag 1992 bezog sich die Senatorin
für Arbeit und Frauen auf das geplante Frauenforum „Sexismus – Rassismus – Kolonialismus“ und forderte in dem Zusammenhang, den „Menschenhändlern, die ausländische
Frauen mit falschen Versprechungen oder unter Gewaltandrohungen in die Bundesrepublik locken und hier zur Prostitution zwingen, endlich das Handwerk“ zu legen. Sie erklärte,
dass sie sich für schärfere Gesetze gegen den Frauenhandel einsetzen werde.38
Am Sonntagvormittag des 8. März versammelten sich Frauengruppen unterschiedlicher
politischer Strömungen in der Mensa der Hochschule für Technik zum gemeinsamen Forum. Es begann mit Informationen über den weltweiten Frauenhandel, der „wie der Handel
mit Kaffee oder Kakao ein weltweites Geschäft“ sei. Diese Zusammenhänge müssten die
Frauen begreifen lernen, forderte Dr. Aditee Nag Chowdhury vom Dachverband ausländischer Kulturvereine. Und die Vertreterin der Frauenarbeit der evangelischen Kirche forderte die deutschen Frauen auf, nicht länger wegzuschauen, wenn Unrecht geschehe. Sie
rief den Frauen zu: „Setzt euch für die Flüchtlingsfrauen ein, geht in die Unterkünfte.“39
Die ausländischen Frauen sparten nicht mit Kritik an den „weißen“ Frauen: „Vergeßt
nie die Privilegien eurer Dominanzkultur und daß ihr uns damit seelisch, physisch und
existentiell zerstören könnt“, erklärte die Vertreterin vom Verein De Colores. Als in der weiteren Debatte von den ausländischen Frauen die Position vertreten wurde, dass im Kampf
um Gleichberechtigung möglicherweise auch deutsche Frauen Privilegien abgeben müssten, gab es Protest von Seiten der Gewerkschafterinnen. „Das bedeute ein Rückschritt für
die Sache aller Frauen, eine engere Zusammenarbeit sei stattdessen angesagt.“40 Doch das
waren Worte, die genauso wie die von Erika Riemer-Noltenius zu Beginn der Veranstaltung
beschworene „multikulturelle Familie“ an den bitteren Erfahrungen der ausländischen
Frauen vorbeiging. Die Differenzen, die zwischen ausländischen und deutschen Frauen auf
dem Frauenplenum in Bremen aufbrachen, konnten nicht mit versöhnlichen Worten aus
dem Weg geräumt werden. Die deutschen Frauen mussten zur Kenntnis nehmen, dass es
eine Rangordnung gab, die sie zu Privilegierten gegenüber Ausländerinnen machte. Und
sie wurden damit konfrontiert, dass sich die nicht-deutschen Frauen nicht auf den Status
1990–2010
335
des Opfers reduziert sehen wollten, sondern Selbstbestimmung und Gleichberechtigung
forderten.41 Doch am Abend konnten die Kontrahentinnen trotzdem zusammen feiern.
Zum Fest kamen auch die autonomen Frauen. Sie hatten die Tradition des Internationalen
Frauentages aufrechterhalten und gemeinsam mit türkischen Frauen demonstriert.42
Trotz unterschiedlicher Positionen in einzelnen Punkten arbeitete das Bündnis weiter
zusammen. Und gemeinsam wurde der Beschluss gefasst, am 8. März 1993 das Thema
„Gewalt gegen Frauen“ – das die Migrantinnen besonders betraf – als zentrales Problem
zu behandeln.
Ein breites gesellschaftliches Bündnis gegen Gewalt –
Frauentag 1993
Zum Internationalen Frauentag 1993 besetzten die Bremerinnen das Parlament. Was im
Vorjahr noch gescheitert war, gelang im zweiten Anlauf: Die Vorsitzende des Parlamentsausschusses „Förderung der Gleichberechtigung der Frau im Lande Bremen“, Maria Spieker, hatte durchgesetzt, dass das Frauenparlament im Plenarsaal der Bürgerschaft tagen
konnte. Die Initiatorinnen hatten zu einem Tribunal eingeladen:
Gewalt gegen Frauen ist international
Gewalt in der Sprache
Gewalt in der Familie und Partnerschaft
Gewalt am Arbeitsplatz
Strukturelle Gewalt
Gewalt gegen Migrantinnen43
An dem Ort, an dem immer noch eine männliche Mehrheit die politischen Weichen für
Bremen stellte, sollten am 8. März Bremerinnen ihre Stimme gegen die alltägliche Gewalt
gegen Frauen erheben.44 „Gekommen waren Parteifrauen und ganz Unorganisierte, Abgeordnete und Gewerkschafterinnen, Hausfrauen und Aktive aus Flüchtlingsinitiativen,
Video-Filmerinnen und Christinnen.“45 Im Plenum ging es zunächst um Schicksale von Migrantinnen: Mit dem Verweis auf Bilder und Berichte über Vergewaltigungen und sexuelle
Folter an Frauen im Krieg in Bosnien forderte Dr. Erika Riemer-Noltenius: „Vergewaltigung
muß in den Katalog der Kriegsverbrechen aufgenommen werden.“46 Die Sozialarbeiterin
Semra Ulusoy wies auf die menschenunwürdigen Verhältnisse in den Flüchtlingsunterkünften hin, die oft besonders für Frauen belastend waren. Denn war es ihnen tatsächlich
gelungen, der Hölle des Krieges durch Flucht zu entkommen, mussten sie in Bremen, wo
sie Zuflucht zu finden hofften, damit rechnen, in den Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg
untergebracht zu werden.
Aber es meldeten sich auch Frauen zu Wort, die auf die „hierzulande üblichen Formen
des Kaputtmachens und der Gewalt im Alltag“ hinwiesen. Eine junge Teilnehmerin forderte die Frauen dazu auf, sich gegen die Frauenverachtung in der Werbung und in der Mode
zu wehren: „Frauen sollten das nicht hinnehmen.“47
Nach zwei Stunden wurde das Tribunal beendet. Doch die Frauen gaben keine Ruhe. Auf
dem Weg vom Plenarsaal zum Frauenfest im Gewerkschaftshaus ließen sie auf der Straße
ihre Trillerpfeifen ertönen. Dabei stellten sie fest, dass ihnen das Pfeifkonzert auf der Straße
sofort Respekt verschaffte. „Das sollten wir öfter machen“, wurde vorgeschlagen.48
336
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
Das Thema „Contra Gewalt“ war damit noch nicht ganz abgearbeitet: Am 9. März veranstaltete eine Frauengruppe noch eine Plakatwandaktion unter dem Motto „Männergewalt gegen Frauen“.
Die Bremer Debatte war Teil einer bundesweiten Protestbewegung gegen rassistische
Gewalt, die sich im Herbst 1993 zum Netzwerk „Initiative zur Änderung des § 19 Ausländergesetz“ zusammenschloss. Sie forderte ein unabhängiges Aufenthaltsrecht für verheiratete Migrantinnen, denn diese besaßen kein eigenes Aufenthaltsrecht in der BRD. Die
Initiative organisierte Unterschriftenaktionen, Protestmärsche und Veranstaltungen und
hatte damit schließlich Erfolg. 1997 erhielten Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden,
ein eigenständiges Aufenthaltsrecht. Und die rot-grüne Koalition beschloss im Jahr 2000
auch ein eigenständiges Aufenthaltsrecht für ausländische Ehegatten nach zwei Jahren
Aufenthalt in der Bundesrepublik.49
Während der Vorbereitungen zum Internationalen Frauentag 1993 erlebten die Gewerkschafterinnen männliche Vorherrschaft und Machtausübung auch in der eigenen Organisation. Die Auseinandersetzung entspann sich um das Motto des DGB zum 1. Mai
1993. Nachdem die Frauen lange Diskussionen um Frauenförderpläne und Gleichstellung
in der Organisation geführt hatten, sollte mit dem Motto „Frau geht vor“ zum 1. Mai ein
Zeichen gesetzt werden, dass es den Gewerkschaften mit der Frauenförderung wirklich
ernst sei. Das Motto wurde nach intensiven Beratungen gemeinsam beschlossen. Nach der
Veröffentlichung des Beschlusses erklärte IG Metallvorsitzender Franz Steinkühler, dass er
am 1. Mai nicht unter einem solchen Motto marschieren werde. Und er erhielt viel Beifall
von Kollegen. Der DGB-Bundesvorstand ging einer Auseinandersetzung mit der IG Metall
aus dem Weg und präsentierte im Dezember 1992 kurzerhand ein neues Motto: „Zeichen
setzen: für Gleichberechtigung, Toleranz und Frieden“.50 Jetzt war Frauenförderung nur
noch ein Thema unter anderen und in seiner Bedeutung entsprechend zurückgestuft –
das Wort Frau kam schon gar nicht mehr vor. Die Kolleginnen waren empört und die
Frauen protestierten, doch sie fanden sich schließlich mit dem Kompromiss ab.
Die Frauen in Bremen wollten das jedoch nicht so einfach hinnehmen. Sie beschlossen
eine Protestaktion am 1. Mai des Jahres. Monique Troedel kündigte im Pressegespräch
zum Frauentag an: „Erstmals werden wir am diesjährigen 1. Mai nicht Seite an Seite mit
den Männern, sondern als geschlossener Frauenblock gehen.“51 Den Kollegen sollte vorgeführt werden, dass sie in Zukunft mit dem „geschlossenen Block“ der Frauensolidarität
rechnen mussten. „Wir sind dann auch an der Spitze des Zuges marschiert mit der Losung:
Frau geht vor!“, berichtete Monique Troedel in einem Gespräch im Jahr 2009.
Frauenstreiktag – Frauentag 1994
Vorbereitungen
Nicht nur in den Gewerkschaften, überall im vereinigten Deutschland erlebten die Frauen, dass „antifeministische Positionen [wieder] bei Männern und Frauen willkommen“ waren.52 Zum Beispiel
machte sich das ZDF-Kulturmagazin Aspekte auf die Suche nach der „antifeministischen
Feminität“.53 Solche ideologischen Kampagnen lieferten die Begleitmusik für den Kurs der
Bundesregierung, die der Massenarbeitslosigkeit und den wachsenden sozialen Problemen
1990–2010
337
mit Einschnitten in das Sozialsystem begegnete. Dabei waren die Frauen von der wirtschaftlichen Krise weitaus härter betroffen als die Männer und auch die Zahl der arbeitslos gemeldeten Frauen stieg weitaus schneller. Vor allem in den neuen Bundesländern, aber auch
im Westen der Republik wurden Frauenarbeitsplätze abgebaut.54 Ebenso betraf die Ausweitung der Teilzeitarbeit vor allem Frauen. Ein Drittel aller abhängig beschäftigten Frauen
war teilzeitangestellt und viele der Frauen wurden weiter zurückgedrängt in ungeschützte
Beschäftigungsverhältnisse und Minijobs.55 Insgesamt wurden ungleiche Arbeits(ver)teilung
und Arbeitsentlohnung zwischen Frauen und Männern weiter verfestigt.
Gleichzeitig wurden die staatlichen Zuschüsse für Frauenhäuser, Notrufgruppen, feministische Gesundheits- und Beratungszentren gekürzt und ABM-Stellen gestrichen. Das
bedeutete für diese Einrichtungen, dass sie ihre Angebote reduzieren mussten oder sogar
ganz schließen.
An diesem Punkt erlebte die Frauenbewegung erneut eine Niederlage im Kampf um die
Abschaffung des § 218. Ihre Hoffnung war gewesen, dass die in der DDR gültige Fristenregelung im vereinten Deutschland übernommen würde. Doch eine entsprechende Gesetzesinitiative scheiterte am Bundesverfassungsgericht. Die Richter und eine Richterin
erklärten die vom Parlament beschlossene Fristenregelung mit Beratungspflicht in Teilen
für grundgesetzwidrig.56
Verschiedene Frauengruppen und -organisationen und viele politisch aktive Frauen
hatten die Entwicklung nach der Vereinigung mit wachsendem Zorn beobachtet. An unterschiedlichen Orten und in verschiedenen Gruppen setzten sie sich zusammen und besprachen, wie Widerstand organisiert werden könnte. Es gab erste Überlegungen, auch
in Deutschland einen Frauenstreik durchzuführen, die erfolgreichen Streikaktionen der
Schweizerinnen 1991 waren dabei ein Vorbild.
Die Gewerkschafterinnen im Bundesfrauenausschuss besprachen die Idee bereits im
März 1992. Auf dem Bundesfrauenkongress der Grünen im November 1992 diskutierten
die Delegierten einen Frauenstreik als Aktionsmöglichkeit und noch auf der Rückfahrt
vom Kongress verständigten sich ein paar Frauen darauf, einen solche vorzubereiten. Wenig später bildete sich das Köln-Bonner Streikkomitee.
Auch die Teilnehmerinnen eines Kongresses des UFV debattierten Anfang Juni 1993
vor dem Hintergrund des Verfassungsgerichtsurteils zum § 218 über einen Frauenstreik.
Die Frauen waren empört und wollten ihren Protest in der Öffentlichkeit vortragen.57 Doch
sollte es bei dem Streik nicht nur um den § 218 gehen, sondern um das gesamte Spektrum
weiblicher Diskriminierungen. Dementsprechend hieß es dann auch in dem vom UFV und
dem Köln-Bonner Streikkomitee gemeinsam verfassten Streikaufruf: „Wir kündigen den
patriarchalen Konsens.“58
Unter den aktiven Frauen stieß der Aufruf sofort auf ein breites Echo. Binnen kurzem
bildeten sich örtliche Streikkomitees. Im Bündnis schlossen sich der UFV, grüne Feministinnen, autonome Frauen und die Frauenabteilungen der Einzelgewerkschaften und des
DGB zusammen. Zunächst war auch der Deutsche Frauenrat, der Dachverband von 56
Frauenverbänden und -organisationen, dabei. Doch angesichts „unterschiedlicher Positionen und Taktik“ kam es zu Spannungen. Der Frauenrat organisierte dann eine eigene
Großdemonstration am Sonntag, dem 5. März 1994, in Bonn.59
Die Streikkomitees konzentrierten sich dagegen auf dezentrale Aktionen in den Regionen, Städten und Betrieben. Dort sollten die Frauen selbst aktiv werden und mit eigenen
Beiträgen das Streikgeschehen beeinflussen. Entsprechend war auch im Streikaufruf ein
Katalog von Frauenforderungen zusammengestellt, der die vielfältigen Interessen der beteiligten Frauen berücksichtigte. Doch darin steckte zugleich ein entscheidender Mangel
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Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
des Frauenstreiktags. Es fehlte das gemeinsame Thema, das alle hätte zusammenschweißen und mobilisieren können.
Außerdem gab es im Vorfeld Auseinandersetzungen über die Frage, was denn ein
Frauenstreik sei und wie die Gewerkschaften mit Frauenstreikaktionen in den Betrieben umgehen sollten. Denn in der Bundesrepublik dienen Streiks der Durchsetzung von
Forderungen im Lohnarbeitsverhältnis und sind in ein System von Regeln und Rechtsnormen eingebunden, auf deren Einhaltung die Gewerkschaften pochten. Zwar hatten die
Gewerkschaften auch Formen politisch begründeter Arbeitsniederlegungen praktiziert,
so zum Beispiel die „5 Mahnminuten für Frieden und Abrüstung im Oktober 1983“, doch
die Zulässigkeit blieb rechtlich anfechtbar.60 Innerhalb der Einzelgewerkschaften waren
die Männer in den Führungspositionen wenig bereit, für Frauenforderungen betrieblichen
Arbeitsniederlegungen zuzustimmen. Außerdem war nicht klar erkennbar, für welche Ziele
eigentlich gestreikt werden sollte, denn die Themenvielfalt war als Streikziel zu umfangreich. So konnten betriebliche Arbeitsniederlegungen allenfalls symbolische Akte sein.
Doch gegen Arbeitsniederlegungen gab es auch bei den beschäftigten Frauen selbst
Bedenken. Die Frauen hatten angesichts herrschender Arbeitslosigkeit Angst um ihren
Arbeitsplatz. Die DGB-Frauenabteilung fand dann eine Sprachregelung, die innerbetriebliche Aktionen zuließ, aber nicht als „Streik“ interpretiert werden konnten. Die Kolleginnen
wurden aufgerufen, sich aktiv am „FrauenProtestTag“ zu beteiligen, der unter dem Motto
„FrauenStreikTag“ stand. Der DGB hatte zu diesem Zweck „Aktionstips“ zusammengestellt, die auch betriebliche Aktivitäten umfasste.61 Einzelne Gewerkschaften wie ÖTV,
GEW und HBV ließen sich auf diesen Kompromiss nicht ein und engagierten sich für den
FrauenStreikTag.
PROTEST – STREIT – STREIK: Frauentag 1994
Der Streikaufruf in Bremen begann mit den Worten:
Die Wiederherstellung eines großen Deutschlands und der Aufbau einer Festung
Europa finden auf Kosten von Flüchtlingen, auf Kosten der „anderen“, der Schwachen, der Armen, das heißt mehrheitlich auf Kosten der Frauen statt. Deshalb rufen
wir zu einem bundesweiten Frauenstreik auf.
1990–2010
339
1975 traten die Frauen in Island in den Generalstreik. 1991 haben die Schweizerinnen gestreikt. Dabei ging es hauptsächlich um eine bessere Beteiligung von Frauen
am öffentlichen Leben, um eine gerechtere Arbeitsteilung und um höhere Löhne.
Bremer Frauen streiken mit …
… weil es auch hier eine Vielzahl von Diskriminierungen gegenüber Frauen unabhängig ihres Alters, ihrer Herkunft oder ihrer Lebenssituation gibt;
… weil sexistische und rassistische Gewalt gegen Frauen wächst;
… weil die Mehrzahl der armen Bevölkerung Frauen und Kinder sind;
… weil Frauen im Erwerbsbereich noch immer benachteiligt sind und zunehmend
vom Arbeitsmarkt verdrängt werden;
… weil Hausarbeit und Kinderbetreuung fast ausschließlich zu Lasten der Frauen gehen;
… weil Frauen bis heute nicht frei über ihren Körper entscheiden können.
Jetzt ist Schluß – uns reicht’s!
Wir streiken für eine eigenständige Existenzsicherung für jede Frau! 62
Im Februar 1994 hingen in Bremen bereits die ersten Plakate mit dem Streikaufruf aus, außerdem erschien der Aufruf als Anzeige in den Zeitungen. Die Bremerinnen gehörten zu den
Ersten, die sich an den Vorbereitungen zum Frauenstreik beteiligten. Bereits seit Mitte August
1993 trafen sich aktive Frauen regelmäßig zur Streikvorbereitung. Im Oktober verschickten
sie ihren Aufruf an Bündnisgruppen und Projekte und luden die Frauen ein, sich mit eigenen
Ideen an den Vorarbeiten zum Streik zu beteiligen. In Vorbereitungsseminaren wurden Konzepte für wirksame Auftritte in der Öffentlichkeit am 8. März entwickelt und geprobt.
Die Akteurinnen in Bremen hatten mit ihrer aktiven Bündnisarbeit und den Straßenaktionen zu den Internationalen Frauentagen in den vorangangenen Jahren bereits Vorarbeiten für die Organisierung eines FrauenStreikTages geleistet.63 Die Kooperation funktionierte
ziemlich reibungslos, Flugblätter, Plakate, Kinodiawerbung und Videoclips wurden gestaltet
und verteilt.64 Mit den ersten Aktionen begann das Bremer Streikkomitee am 15. Januar
1994. Um Geld in die Streikkasse zu bekommen, hatte das Komitee einen Trödelmarkt im
DGB-Haus organisiert. Außerdem wurden Filme der Frauenstreiks auf Island (1975) und der
Schweiz (1991) gezeigt. Am 8. Februar lud der Kreisfrauenausschuss des DGB zu einer Talkshow mit „ungeschützten“ Frauen und der Senatorin für Frauen und Arbeit ein.
Für den 8. März selbst war eine Vielzahl von Aktionen geplant. Dabei sollte es wie bei
den Frauenstreiks in Island und der Schweiz auf jeden Fall laut zugehen. Unter dem Motto
„Jetzt schlägt’s 13“ sollten die Frauen Bremens zur Mittagszeit ihre Arbeit niederlegen und
sich krachschlagend auf dem Marktplatz versammeln.65
Die Daten, die von der Bundesanstalt für Arbeit Anfang März veröffentlicht wurden,
lieferten weitere Argumente für den Frauenstreik: „Mehr als 1,6 Millionen weibliche Arbeitnehmer sind derzeit ohne Job bei den Arbeitsämtern gemeldet. Mit einem Anteil von 62
Prozent sind die Frauen in den neuen Bundesländern besonders hart von der schlechten
Arbeitsmarktlage betroffen.“66
Am 8. März 1994 waren in Bremen die ersten Aktivistinnen um 6 Uhr morgens in der Innenstadt unterwegs. Begleitet von Presse und Fernsehen gestalteten sie die Bremer Innenstadt um.
Unter der Losung „Bremen wird weiblich“ bekam der Roland67 einen lila Rock verpasst und erhielt den neuen Namen Rolanda. Anschließend wurden Straßen in der Innenstadt umbenannt.
„Rosa Luxemburg, Helene Lange, Lily Braun und Clara Zetkin wurden endlich gewürdigt und
bekamen entscheidende Straßen“68, und: „Der Marktplatz mitsamt Rolanda heißt nun nach der
Frauenrechtlerin ‚Hedwig-Dohm-Platz‘!“69, berichtete die taz Bremen vom 9. März 1994.
340
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
In mehreren Einrichtungen, Kindergärten und Frauentreffs hatten sich Frauen zum
Frauenfrühstück verabredet, Frauenprojekte hatten Transparente rausgehängt. Das Kultur- und Bildungszentrum belladonna, der Beratungsladen und das Frauengesundheitshaus waren geschlossen und die Frauen in Sachen Streik unterwegs. In der Handwerkskammer fand eine Frauenversammlung statt und im Amt für soziale Dienste Mitte-West
vertraten Männer ihre Kolleginnen während deren Diskussionsfrühstück zum Thema Teilzeitarbeit. Die Kirchenfrauen der evangelischen Kirche hielten eine Versammlung ab. Über
vierzig Frauen debattierten über „Arbeitsplatz Kirche – für Frauen ideal?“. Und in einer
gemeinsamen Aktion von Studentinnen und weiblichen Beschäftigten erhielt die Universität Bremen den Namen „Flora Tristan Universität Bremen“. Danach „zogen wir gemeinsam
zum Marktplatz, um all die anderen frauenstreikaktiven Frauen zu treffen“, berichtete die
FrauenLesbenStreikGruppe der Uni.70
Bei Radio Bremen gab es eine Frauenversammlung mit den Tagesordnungspunkten
Frauenchancen/Frauenrechte und Frauenbilder in den Medien. Der Ortsfrauenausschuss
der Postgewerkschaft hatte in einem Postamt ein Frühstück für und mit Kolleginnen organisiert und führte ein Tagesseminar in Bremen durch. Mittags beteiligten sich alle Teilnehmerinnen an den Aktionen auf dem „Hedwig-Dohm-Markt-Platz“.71 Doch bei den großen privaten Unternehmen blieben die Gewerkschaftsfrauen draußen vor dem Werkstor.
„Hemelingen, Mercedes-Werk, 6 Uhr 30. Das angekündigte Frauenfrühstück schrumpft
zur Flugblattaktion vor dem Werk. Betriebsrätin Hermine Fischer: ‚Mehr konnten wir nicht
riskieren. Nachher lassen wir die Kolleginnen ins offene Messer laufen.‘ Sie betonte, den
Frauen hätten Abmahnungen und Kündigungen gedroht.“72
Zur Kundgebung kamen dann etwa 1.000 Frauen. Die Rednerinnen prangerten in kurzen Statements die allgegenwärtige Benachteiligung der Frauen an: Männergewalt gegen
Frauen, sexueller Missbrauch, das langsame finanzielle Austrocknen von Mädchen- und
Frauenprojekten. Als Kontrastprogramm dazu malten sich die Frauenprojekte eine glänzende Zukunft für das Jahr 2014 aus. Doch in der Gegenwart fehlten Kindergarten- und
Hortplätze und alltäglicher Rassismus begleitete das Leben der ausländischen Frauen.
Noch einmal wurden – untermalt von Sambarhythmen – Forderungen und gesellschaftliche Diskriminierungen vorgetragen.73
Dann mussten die Frauennamen von den Straßenschildern wieder entfernt werden und
es gab erste Einschätzungen zum Verlauf der Aktionen. Auf dem Marktplatz war das Echo
unter den demonstrierenden Frauen geteilt. Die einen freuten sich: „Toll, daß es so voll geworden ist“, andere klagten: „Schade, daß so wenige gekommen sind.“74
Die Akteurinnen in Bremen waren sich bereits in der Vorbereitungsphase klar darüber,
dass das hoch gesteckte Ziel eines allgemeinen Frauenstreiktages nicht zu erreichen war.
Deswegen hatten sie in realistischer Einschätzung der Kräfteverhältnisse von vornherein
zum „Protest – Streit – Streik“ aufgerufen. Immerhin hatten sich neue Gruppen an den
Aktivitäten beteiligt. Doch das Defizit war erkennbar. Es war nicht gelungen, die Proteste
in die Betriebe zu tragen. Es gab zwar Bereiche im öffentlichen Dienst und bei den Medien,
die sich mit Betriebsaktionen beteiligt hatten, doch insgesamt seien „betriebliche Aktionen
ausgeblieben“, stellte der DGB-Landesvorstand Niedersachsen/Bremen auf seiner Sitzung
vom 18. April 1994 fest.75 In der Presse sparten Journalistinnen nicht mit Häme, dass die
Frauenbewegung es nicht geschafft hatte, innerhalb der Gewerkschaften einen Frauenstreik durchzusetzen und dass sie so wenig kämpferisch aufgetreten war. „Schön brav
bleiben lautet daher das Motto, eine Betriebsversammlung mit Frauenaussprache hier, ein
verlängertes Frauenfrühstück da, alles höchst legal und schön unspektakulär.“ So die Kritik von Susanne Kaiser in der taz.76 Und im Weser Report, einem viel gelesenen Anzeigen-
1990–2010
341
blatt, kommentierte Manuela Beer die Aktionen vom 8. März in Bremen mit den Worten:
„Frauenstreiktag, keine(r) hat’s gemerkt und ändern tut’s sowieso nichts“. Sie stellte fest,
dass die Masse der Frauen ihren Alltag fortgesetzt habe. „Kein Gedanke an Protest und
oft auch keine Ahnung. Die Wurstverkäuferin verkaufte ihre Würstchen und die Bankfrau
stand am Schalter … Schade, Chance vertan oder Thema verfehlt.“77 In diesen Kommentaren drückte sich wohl vor allem Enttäuschung darüber aus, dass der Frauenprotest nicht
stärker und der Zulauf unorganisierter Frauen nicht größer gewesen war.
Es war nur zu deutlich, dass die Frauenbewegung an Anziehungskraft eingebüßt hatte.
Doch die Veranstalterinnen zogen trotzdem eine positive Bilanz, denn die Bremer Frauenbewegung war wieder als politische Kraft wahrgenommen worden.
Die Initiative des bundesweiten Frauenstreiks gab in Bremen den Anstoß für ein besonderes Frauenprojekt. In Fortführung des Tribunals „Contra Gewalt gegen Frauen“, das zum
8. März 1993 stattgefunden hatte, erarbeitete Gabi Grete Kellerhoff im Verlauf des Jahres
1993 mit Künstlerinnen und anderen Frauen die Gemeinschaftsproduktion „Gewaltige
Frauen – Gewalt gegen Frauen“. Das Thema wurde mit unterschiedlichsten künstlerischen
Mitteln bearbeitet. Es entstanden sieben Einzelproduktionen, darunter zwei Ausstellungen, eine Ton-Dia-Schau, Video-Filme, Theaterinszenierungen und Kabarettprogramme,
die zum Internationalen Frauentag präsentiert wurden.
Mit dieser Präsentation begann die zweite Phase des Frauenprotestes in Bremen. Im
Kulturzentrum Schlachthof fand am 11. März 1994 das große Frauenkulturstreikfest statt.
Im Rahmen des Festprogramms wurden Ausschnitte aus den Produktionen vorgeführt. Im
Turm des Schlachthofs waren Teile der Fotoausstellung und die aus Malerei und Zeichnungen bestehende Ausstellung „Medea“ zu sehen. Die Veranstaltung wurde vom Video-Team
des offenen Kanals aufgenommen und live gesendet. Vom 17. März bis zum 9. April wurde
die Fotoausstellung „Frauen und Gewalt“ in der Angestelltenkammer gezeigt. Sämtliche
Produktionen wurden im Verlauf der nächsten Wochen an verschiedenen Orten der Stadt
aufgeführt. „Bis in den Monat Mai hinein waren Gewaltige Frauen – Frauen und Gewalt
ein bißchen ein Thema in Bremen.“78
Die Initiatorinnen und beteiligten Frauen beendeten ihre Dokumentation über den
FrauenStreikTag ’94 mit dem Hinweis auf die Jahre 1995 bis 2000.79
342
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
Frauen- und Mädchenparlamente –
Frauentage 1995 bis 1997
Demonstrationen, Diskussionen, Frauen- und Mädchenparlamente, alles an einem Tag – Frauentag 1995
Die Streikaktivistinnen hatten sich in Vorbereitung auf den vergangenen Streiktag in regelmäßigen Abständen in Kassel getroffen. Nach dem 8. März gab es eine Reihe von Frauen,
die das überregionale Bündnis zusammenhalten und ihm eine verbindlichere Struktur
geben wollten. Doch mehrheitlich gingen die Frauen zurück in ihre Organisationen und
Gruppen. In Bremen verstärkte sich nach dem Streiktag die Tendenz des Rückzugs in die
Nischen der Frauenprojekte und politischen Gruppen. Bei den Planungen zum Frauentag
1995 zeigte sich, dass immer weniger Frauen Zeit und Energie in Bündnisarbeit investieren
wollten. Die taz Bremen berichtete über die Probleme der Organisatorinnen, die über 300
Einladungen verschickt hatten, um möglichst viele Frauen an den Vorbereitungen zum
Frauentag zu beteiligen. „Das Ergebnis war lau: Die Vertreterinnen des Kommunikationszentrums belladonna, die Frauen des DGB und der ZGF blieben bei den Vorbereitungen
weitgehend unter sich.“80 Bei der weiteren Recherche der taz-Journalistin nannten die Mitarbeiterinnen der Frauenprojekte zwei Gründe für ihre Nichtbeteiligung. Vor allem waren es
die knappen Arbeits- und Finanzressourcen. „Dass wir nicht mitmachen, ist keine politische
Entscheidung, […] wir haben einfach nicht genügend Kapazitäten“, war die häufigste Entschuldigung. Doch es gab auch ideologische Begründungen: „Das ist nicht unbedingt unser
Tag.“ Die feministische Szene habe zu diesem „Gedenktag mit eher sozialistischer Tradition
[…] schon immer kritische Distanz geübt“, erklärte die Vertreterin des Frauenkulturhauses.81 Dabei war der 8. März auch für autonome Gruppen zu einem akzeptierten Aktionstag
geworden – wahrscheinlich gab es auch andere Gründe für die Distanzierungen: Viele Projekte und Initiativen waren abgeschreckt von den langwierigen und mühsamen Aushandlungsprozessen im Bündnis. Und sie wollten keine Fortsetzung der unendlichen Debatte,
ob Männer zugelassen waren oder nicht. Das autonome Frauen- und Lesben-Plenum zum
Beispiel organisierte am 8. März lieber eigene Aktionen. Auch andere Gruppen, Organisationen und Institutionen gingen zu separaten Veranstaltungen über.
So drängten sich schließlich Demonstrationen, Diskussionsrunden, Frauen- und Mädchenparlamentssitzungen an einem einzigen Tag zusammen und machten sich gegenseitig Konkurrenz. Zusätzlich gab es vor und nach dem Stichtag weitere Angebote in den
Stadtteilen, Bildungsurlaube, Konzerte und Ausstellungen.
Der 8. März 1995 begann mit zwei Stadterkundungen zur Frauengeschichte. Mit Christine Holzner-Rabe vom Verein Bremer Frauenmuseum ging es durch die Bremer Innenstadt, und die Geschichtswerkstatt des Kommunikationszentrums belladonna bot eine
Radrundfahrt durch einen Bremer Vorort und seine Umgebung an.
Auch das Mädchen-Kulturhaus war den Vorbereitungen des Frauenbündnisses fern
geblieben und initiierte ein eigenes Videokrimiprojekt für Mädchen. Und das autonome
Frauen- und Lesben-Plenum organisierte eine Knastkundgebung vor der Jugendvollzugsanstalt im Blockland82, wo sie gegen die Kündigung ihres Sonntagstreffs protestierten. Sie
hatten sich seit über einem Jahr einmal im Monat zum Sonntagskaffee in einem offenen
Gesprächskreis mit inhaftierten Frauen getroffen. Dann hatte es Auseinandersetzungen
mit der Anstaltsleitung gegeben und den Frauen wurde der Zutritt zur Haftanstalt ver-
1990–2010
343
weigert. Die autonomen Frauen wollten ihre Arbeit fortsetzen und forderten: „Wir wollen
wieder rein.“ Doch der Anstaltsleiter erklärte auch gegenüber der Journalistin von der taz,
dass sich die Frauen an die übergeordneten Instanzen, den Innensenator gewandt hätten,
und der solle nun auch entscheiden. Den Frauen wurde der Zugang zur Vollzugsanstalt
trotz Presseunterstützung weiterhin verweigert.83
Bereits am Vormittag des 8. März 1995 hatte die Bremer Ausländerbeauftragte eingeladen. Fünf ausländische Mitbürgerinnen wurden in einer Feierstunde für ihr ehrenamtliches „Engagement und Zivilcourage“ geehrt. Mit dieser Initiative wollte die Ausländerbeauftragte den Blick auf die etwa 50.000 Migrantinnen in Bremen lenken und auf die
Defizite staatlicher Sozialpolitik hinweisen.84
Das Bündnis von belladonna, DGB-Frauen und der ZGF hatte wieder zum Frauenparlament in die Bürgerschaft eingeladen. Etwa dreihundert Frauen nahmen an den Beratungen teil. Die Gastgeberinnen, die Abgeordneten des Ausschusses für Gleichberechtigung
der Frau in Bremen hörten schweigend die Anklagen und Forderungen der Frauen an. Sie
hatten sich selbst zum Zuhören verpflichtet, denn sie wollten sich „Anstöße holen, die wir
in die Politik einbringen können“, erläuterte die Vorsitzende des Ausschusses das Konzept
gegenüber der Presse. „Ungeschützt und doppelt frei – eigenständige Existenzsicherung
für alle Frauen“ stand als Thema auf der Tagesordnung. In ihrem Eingangsreferat forderte
Birgit Pfau-Effinger von der Universität Bremen „eine neue Normalität im gesellschaftlichen Leben“. Dazu müsse ein System geschaffen werden, „das den Frauen entgegenkommt
und ihnen Unabhängigkeit zusichert“. Wichtige Bestandteile der neuen Ordnung seien
Frauen- und Elternförderpläne, flexible Gestaltung der Lebensarbeitszeit, volles Gehalt
auch bei Teilzeitarbeit wegen Kindererziehung und ein Bürgergeld statt Sozialhilfe.85 Die
Frauen diskutierten dann im Einzelnen über die Umstrukturierung der Arbeitswelt und
die Folgen für Frauen, die Probleme der Teilzeitarbeit, über ehrenamtliche Arbeit und
Ausbildungs- und Karrierechancen.
Auch beim Mädchenparlament, das am 8. März im Bürgerhaus in Vegesack tagte, stand
die berufliche Benachteiligung junger Frauen zur Debatte. Doch für die rund 600 Mädchen, die sich am Vormittag an den Aktionen und Arbeitsgruppen beteiligten, standen
andere Fragen im Mittelpunkt. Gleich 140 von ihnen strömten in die Arbeitsgruppe „Let’s
talk about sex“. Andere wollten über den Islam und die Kopftuchfrage diskutieren. In dreizehn Workshops erarbeiteten die Mädchen eine ganze Reihe von Forderungen. Die Senatorin Sabine Uhl versprach, sich um drei Punkte zu kümmern, berichtete taz Bremen: „Sie
will Sportvereine und Schulen ermuntern mehr Selbstverteidigungskurse anzubieten. Sie
will das Arbeitsamt auffordern viel früher in den Schulen Berufsberatung anzubieten. […]
Und Uhl will einen Mädchentreff in Bremen Nord einrichte. Jubel.“86 Die neue Idee eines
Mädchenparlaments hatte viele angezogen und zum Mitmachen bewegt.
Doch die Aktivistinnen in Bremen stellten fest, dass es schwieriger geworden war, die
Frauen zu mobilisieren. Im Pressegespräch wies die Gewerkschafterin Monique Troedel
auf die „im Laufe der Jahre gesunkene Beteiligung“ der Frauen hin.87 Zwar hatten sich
am Frauenparlament einige hundert Frauen beteiligt, doch es war nicht gelungen, neue
Frauengruppen für den Frauentag zu begeistern. Trotzdem stand für die Organisatorinnen
fest, dass der Internationale Frauentag nach wie vor eine wichtige Institution war, da er
die Chance bot, unterschiedliche Gruppen zusammenzubringen. Die Aktivistinnen waren
entschlossen, ihre Arbeit fortzusetzen, zumal der Frauentag in der bundesrepublikanischen Gesellschaft zu einem festen Datum geworden war, an dem Frauenthemen in der
Öffentlichkeit verhandelt wurden und Frauenforderungen mit medialer Aufmerksamkeit
rechnen konnten.
344
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
Frauenprojekte gegen Rotstiftpolitik – Frauentag 1996
„Der Frauentag stößt auf breite Resonanz bei Politikern und Verbänden“, so lautete der
Untertitel des Berichts im Weser-Kurier über die politischen Initiativen und Stellungnahmen zum Internationalen Frauentag 1996.88 Der Deutsche Frauenrat hatte sich mit der
Bitte an Bundeskanzler Helmut Kohl gewandt, er möge sich persönlich der Frauenprobleme annehmen. Frauen aus Gewerkschaften, Oppositionsparteien, alternativen Frauenorganisationen und Sozialwissenschaftlerinnen hatten sich zu einem „Frauenbündnis
gegen Sozialabbau“ zusammengeschlossen. Sie starteten am Internationalen Frauentag
eine Kampagne zur Unterzeichnung des von ihnen formulierten Manifestes.89
Wenige Tage vor dem 8. März erging das Urteil des Bundesarbeitsgerichts zum Bremer
Gleichstellungsgesetz für den öffentlichen Dienst. Das Gericht hatte entschieden, dass
die im Gesetz festgelegte Frauenquote gegen europäisches Recht verstoße und deshalb
unwirksam sei. Der § 4 des Gesetzes sah vor, dass Frauen bei gleicher Qualifikation in Bereichen, in denen sie unterrepräsentiert waren, bevorzugt eingestellt und befördert werden
mussten. Die Richter befanden, dass eine solche Regelung eine unzulässige Bevorzugung
der Frauen darstelle, es müsse deshalb eine Härteklausel zum Schutz der Männer eingebaut werden. In Bremen nannte die Senatorin Christine Wischer das Urteil „politisch
ärgerlich“ und der Vorsitzende der Senatskommission für das Personalwesen erklärte, das
Land Bremen werde sich an den Spruch des Bundesarbeitsgerichts halten.90 Doch das
Urteil hatte weitreichendere Folgen. Denn es verpflichtete auch alle anderen Bundesländer, die Quotenregelung im Interesse der Männer einzuschränken.
In Bremen stand zum Internationalen Frauentag 1996 eine andere Initiative im Vordergrund. Ulrike Hauffe, die Frauenbeauftragte für das Land Bremen, hatte eine „Informationsbörse für Frauen“ initiiert. Sie sollte „dazu dienen, die Arbeit der vielen Initiativen,
Gruppen, Institutionen von und für Frauen in Bremen einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen, über ihr Angebot zu informieren, Kontakte herzustellen und mit möglichst vielen
Frauen ins Gespräch zu kommen“.91 Über siebzig Gruppen und Initiativen hatten sich
angemeldet. Und zur Eröffnung am 6. März drängten sich im Festsaal der Bremer Bürgerschaft bereits zahlreiche Besucherinnen um die vielen Informationstische. Die Börse zeigte
nicht nur die Vielfalt der Frauenprojekte, sondern auch das große Interesse der Bremerinnen daran. Und Ulrike Hauffe konnte am 8. März der Presse mitteilen, dass an den ersten
beiden Tagen bereits 1.000 Frauen die Börse besucht hatten.92
Trotz dieser großen Nachfrage stand es finanziell um die Frauenprojekte jedoch keineswegs gut. Die taz informierte über die finanziellen Schwierigkeiten, mit denen Frauenprojekte zu kämpfen hatten. Maren Bock vom Kultur- und Bildungszentrum belladonna
berichtete „wütend“ von den Kürzungen der Zuwendungen für belladonna in Höhe von
42.000 DM durch die Kulturdeputation. In der Zwischenzeit war auch klar, dass das Frauentherapiezentrum wegen Kürzungen in Zukunft auf Beratungen und Therapien Gebühren erheben musste und der Frauenberatungsladen hatte an der Infobörse schon gar nicht
mehr teilgenommen, denn seine Schließung zum ersten April war bereits beschlossene
Sache.
1990–2010
345
Gegen diese „Rotstiftpolitik“ hatten die Frauenprojekte zum 8. März zur Demonstration
aufgerufen:
„Frauenräume erhalten – Mädchen- und Frauenprojekte fördern – unterstützen – absichern“ lautete der Leitspruch, unter dem die Frauen durch die Innenstadt zogen, begleitet
von der „Raupe“ als Sinnbild der Vielfalt und dem Zusammenhalt der Frauenprojekte.94
Die „Raupe“ – viele Beine und Köpfe bilden doch eine Gemeinschaft, die zusammenhält.
Bei der Demonstration der Frauenprojekte war es dann doch nur „ein kleines Häuflein
Demonstrantinnen“ – wie der Weser-Kurier feststellte95 –, das sich am Nachmittag des
8. März vor dem Gebäude der Bürgerschaft versammelte. „Wir demonstrieren hier, weil
wir um den Erhalt der Bremer Frauenprojekte kämpfen müssen“, erklärte Ulrike Hauffe in
ihrem Redebeitrag. „Die Frauenprojekte in Bremen sind ein wesentlicher Bestandteil des
sozialen Netzes, mit eng an die Bedürfnisse der jeweiligen Nutzerinnen angepaßten Angeboten. Es muß im Interesse dieser Stadt liegen, sie zu erhalten, zu unterstützen und nicht
bloß mit einem warmen Händedruck zu würdigen.“96 Im Anschluss an die Demonstration
mischten sich die Frauen unter die Teilnehmerinnen des Frauenparlaments, das wieder im
Plenarsaal der Bürgerschaft tagte.
Die Organisatorinnen hatten erneut das Thema Arbeit in den Mittelpunkt ihrer Debatte gestellt. Unter dem Motto „Was heißt hier eigentlich Arbeit? “ wurden drei Schwerpunkte behandelt, nämlich einmal Sozialberufe wie Altenpflegerin und Kindergärtnerin,
346
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
dann der Dienstleistungssektor – dabei ging es auch um die Situation der Frauenprojekte – und im dritten Schritt wurde nach gesellschaftlichen Perspektiven gefragt.97 Doch
das Interesse an den Diskussionen hatte merklich nachgelassen. Die Zahl der Besucherinnen war zurückgegangen und die Presse berichtete nur noch in wenigen Sätzen über
die Veranstaltung.98
Ganz anders sah es beim Mädchenparlament aus. Das zweite Mädchenparlament tagte
1996 im Bremer Osten, im Ortsteil Tenever. Die besonderen Merkmale dieses Bremer Neubauviertels beschrieben die Organisatorinnen mit den Worten: „In Tenever leben heute
Menschen aus 60 Nationen. Dieses entspricht einem Bevölkerungsanteil aus anderen kulturellen Zusammenhängen von etwa 50 Prozent. Der Anteil an Kindern und Jugendlichen
im Alter bis 25 Jahren liegt bei ca. 46 Prozent.“99 Der Andrang beim Mädchenparlament am
8. März war entsprechend groß, etwa 400 Mädchen beteiligten sich.
Mit dem Motto des Mädchenparlaments „Nichts ist unmöööglich“ wurde ein Zeichen des Optimismus gesetzt – entgegen aller Probleme und
Schwierigkeiten, mit denen die Mädchen in dem Stadtteil zu kämpfen
hatten. Von 11 bis 16 Uhr gab es Workshops und Gesprächsrunden. Im
Verlauf der Diskussionen notierten die Mädchen auf Papierbahnen: „Was
mir stinkt“ – „Was ich will“.
Sie nahmen kein Blatt vor den
Mund und stellten selbstbewusst
ihre Forderungen: „Die Jungs
sind zu laut; ich will ein eigenes Zimmer; mehr Angebote für
Mädchen; einen zuverlässigen
Vater; mehr Hilfe in der Schule;
Mädchen aus anderen Ländern
sollten genauso als Freundinnen
akzeptiert werden wie deutsche
Mädchen; Mädchen sollen gleich
behandelt werden wie Jungs.“100
1990–2010
347
Die neue Frauensenatorin Christine Wischer hörte sich auf dem Abschlussplenum die
Kritik und die Wünsche der Mädchen an. Doch Versprechungen macht sie keine, obwohl
die Mädchen sie dringend baten, im Jugendfreizeitheim Oslebshausen die Sozialpädagogin
für die Mädchenarbeit wieder einzustellen, die „der Sparwut zum Opfer gefallen“ war. Die
Senatorin erklärte: „Mir blutet doch auch das Herz, wenn ich das alles höre. Aber ich habe
einen Haushalt, und den muß ich verantworten.“ Sie ließ die Mädchen enttäuscht zurück.101
Auch die Arbeiterfrauen in Bremen Vegesack nutzten den Internationalen Frauentag.
Mehrere hundert Frauen demonstrierten am 8. März gegen die drohende Schließung der
Bremer Vulkan Schiffswerft, einem der größten Arbeitgeber in Bremen.102
Und natürlich gehörte auch zum 8. März 1996 das von den Gewerkschafterinnen als
fester Bestandteil organisierte Frauenfest. Und ebenso wichtig waren die Kulturangebote
rund um den Frauentag. Es fanden auch wieder Frauenstadtrundgänge auf den Spuren
der Bremer Frauengeschichte und ein Literaturabend bei belladonna statt. Außerdem hatte der Dachverband der Ausländer-Kulturvereine Künstlerinnen aus Peru sowie ein kurdisch-deutsches Quintett und Musikerinnen aus Zimbabwe eingeladen und veranstaltete
einen Theaterabend und zwei Konzerte am 7., 9. und 13. März.
Die Angebote zeigten die Aktivitäten und den Ideenreichtum der Frauenbewegung –
doch konnte das nicht darüber hinwegtäuschen, dass in Krisenzeiten die Anliegen der
Frauen und die Verwirklichung der Gleichberechtigung wieder als nachrangig galten und
viele der Initiativen der Rotstiftpolitik zum Opfer fielen.
Ein vielfältiges Programm und ein Frauentag
ohne politisches Profil103 – 1997
Die Auswirkungen der rigiden Sparmaßnahmen in Bremen machten sich am 8. März 1997
deutlich bemerkbar. „So blöd es klingt – wir Engagierten sind so dermaßen eingespannt,
daß uns die Zeit zum demonstrieren fehlt“, hatte eine Frau am Rande einer Veranstaltung
zum Frauentag zur taz-Redakteurin gesagt.104 Und tatsächlich fehlte jede besondere Frauenaktivität in der Stadt. Die Gruppen und Projekte waren mit den eigenen Angelegenheiten beschäftigt und für gemeinsame Aktionen fehlten die Kräfte.
Am Samstag, dem 8. März, hatten der Bremer Frauenausschuss zusammen mit der
Zentralstelle für Gleichberechtigung der Frau zu einer Diskussionsveranstaltung am Vormittag eingeladen. Als Rednerinnen waren die Senatorin Christine Wischer und die Frauenbeauftragte Ulrike Hauffe eingeladen. Doch bevor die Referentinnen beginnen konnten,
gab es einen kleinen Eklat um den Auftritt der Bremer Chorwerkstatt, die von den Organisatorinnen eingeladen worden waren, um Lieder der Frauenbewegung zu singen. Denn
in dem Chor wirkten auch Männer mit – was einige Frauen veranlasste, aus Protest den
Saal zu verlassen. Wieder hatte das leidige Thema um die Anwesenheit und Mitwirkung
von Männern für Aufregung gesorgt und der Presse bot sich ein guter Aufhänger für die
Berichterstattung. In der Sonntagsausgabe des Weser-Kuriers lautete die entsprechende
Überschrift: „Ja zu einsichtigen Männern“.105
Nach der ersten Aufregung referierte zunächst die Senatorin Christine Wischer zum
Thema „Sozialabbau: Die Auswirkungen der Sparmaßnahmen auf die Frauen“. Die Senatorin fasste in ihrer Bestandsaufnahme Zahlen und Fakten des sozialen Kahlschlags, der
sich vor allem gegen die Frauen richte, zusammen. Ulrike Hauffe machte im Anschluss
daran auf den gesellschaftlichen Druck aufmerksam, dem die Frauen in wachsendem
348
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
Maße ausgeliefert seien. In Krisenzeiten müssten sich die Frauen wieder anhören, dass es
Wichtigeres gebe als die Frauenfrage. Doch wenn die Hälfte der Bevölkerung benachteiligt
werde, stehe die Demokratie auf dem Prüfstein. „Wir wollen nicht ein bißchen Frauenbeteiligung, sondern eine Strukturveränderung“, erklärte sie106 und nahm damit deutlich
Stellung gegen die auch im Land Bremen herrschende Politik.
Am Nachmittag des 8. März hatten die interkulturelle Frauengruppe De Colores und
der Migrantinnenrat Bremen zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Vertreterinnen aus
Gewerkschaften, Kirchen und Parteien diskutierten über neue Perspektiven in der Asylund Migrationspolitik. Doch keine der Bremer Zeitungen berichtete über diese Podiumsdiskussion, genauso wenig wie über die vielen anderen Aktivitäten, die aus Anlass des
Frauentages stattfanden. Dass die Presse wenig Notiz von den Aktivitäten zum Internationalen Frauentag 1997 nahm, lag auch an der Vielzahl der Angebote und dass es keine
klar erkennbaren Schwerpunkte gab.
Um den Überblick zu erleichtern, hatte die ZGF ein Faltblatt herausgebracht. Auf dem
Flyer waren weit über dreißig Veranstaltungen und Aktivitäten von Frauenprojekten, Fraueninitiativen und Frauenorganisationen aufgeführt. Einen Schwerpunkt bildete die Frauengeschichte Bremens, die die Teilnehmerinnen bei Stadtrundgängen erkundeten. Außerdem stellten die Frauenforscherinnen und Historikerinnen Elisabeth Hannover-Drück und
Romina Schmitter zwei Materialbände zur Frauenerwerbsarbeit in der „guten alten Zeit“
und den „goldenen zwanziger Jahren“ vor. Die Planungsgruppe „Vor Ort“ nahm unter Beisein von Politikerinnen die Innenstadt mit Kinderwagen und kleinen Kindern unter die
Lupe. Im Arbeitslosenzentrum im Ortsteil Tenever trafen sich Frauen zum Frühstück mit
Musik und Kabarett. Im Kultur- und Bildungszentrum belladonna gab es eine Theateraufführung des Klassikers „Ein Zimmer für sich allein“ und das Frauenkulturhaus feierte mit
Livemusik und Disco sein 15-jähriges Bestehen. In Bremen Nord fanden Bildungsurlaube,
Wochenendseminare und weitere zahlreiche Veranstaltungen statt. Und dann war da noch
der Frauentag bei der Autofirma Nissan.107
Wie viele Frauen von dieser Anzeige angeregt wurden, einen Nissan zu kaufen, ist nicht
bekannt.
1990–2010
349
Die Nissan Firmenzentrale hatte bereits im Vorjahr den Verkaufsstellen empfohlen,
einen Frauentag durchzuführen. Doch nur die Niederlassung Lilienthal hatte sich der
Idee gegenüber aufgeschlossen gezeigt.108 Ein Jahr später, 1997, bot auch Nissan in Bremen-Hastedt einen Tag nur für Besucherinnen an. Doch das blieb eine einmalige Aktion.
Der Internationale Frauentag war als Werbeträger offensichtlich nicht gut zu vermarkten.
Zum Frauentag 1997 war also ein buntes Programm zusammengekommen. Doch war
die Frauenbewegung als politischer Faktor in der Öffentlichkeit trotzdem kaum mehr
wahrnehmbar. Eine taz-Kommentatorin fasste ihre Eindrücke vom Bremer Frauentag
1997 zusammen: „Enttäuscht ging Frau nach Hause und kam zu der Erkenntnis, daß
sich der Frauentag tatsächlich (nur noch) bei den Frühstücksrunden, Feten und Parties
abspielt. Darf der Frauentag vor allem Spaß machen? Darf er. Unser Mann im Haus reichte
allen weiblichen Mitbewohnerinnen Ferrero Rocher.“109
Doch mit einer Schachtel Pralinen war für die Frauen von belladonna, die Gewerkschafterinnen und andere politisch aktive Frauen die Sache nicht erledigt. Für sie stand
fest, dass für den Frauentag wieder eine klare Struktur entwickelt werden musste. Und
die Frauenbewegung sollte wieder mit Aktionen im öffentlichen Raum in Erscheinung
treten.
Mit neuen Ideen und Konzepten –
Frauentage 1998/99
„Einbrüche, Umbrüche, Aufbrüche“ –
Frauentag 1998
Das frühere Konzept der Frauentage, bei dem die beteiligten Organisationen und Projekte eine zentrale Veranstaltung und verschiedene Aktionen gemeinsam geplant hatten,
war offensichtlich nicht mehr realisierbar. Die einzelnen Gruppen wollten am Frauentag
eigenständige Beiträge präsentieren. Deshalb wurde es umso dringlicher, die unterschiedlichen Vorhaben untereinander abzustimmen und zu koordinieren. Zum Frauentag 1998
waren die einzelnen Programmpunkte in ein Gesamtangebot eingebettet, das vom Kommunikations- und Bildungszentrum belladonna, den Frauenausschüssen des DGB, den
Einzelgewerkschaften, dem Kulturzentrum Schlachthof, dem Schnürschuh-Theater, der
Frauengruppe des Asta der Universität Bremen und der AWO-Begegnungsstätte mitgestaltet wurde.110
Der Veranstaltungsreigen zum Frauentag wurde am 5. März mit dem internationalen
Frauenkongress von belladonna eröffnet.111
350
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
„Einbrüche – Umbrüche – Aufbrüche; Globale Chancen für Frauen in der Arbeitsgesellschaft“, lautete der
Titel des Kongresses, der vom 5. bis 8. März in den
Räumen der Universität Bremen stattfand. Insgesamt
nahmen etwa 700 Frauen teil. In zwei Podiumsdiskussionen, fünf Foren und zehn Workshops mit 48 in- und
ausländischen Referentinnen konnten sich die Teilnehmerinnen mit den Fragen und Problemen von Globalisierung und dem Strukturwandel in der Arbeitswelt
auseinandersetzen. Theoretische und praktische Fragestellungen wurden in den Foren und Workshops
zusammengeführt. Daraus entwickelten sich lebhafte
Debatten und auch Kontroversen zwischen Referentinnen und Teilnehmerinnen. Vor allem bot der Kongress
den Besucherinnen die Möglichkeit, mit Frauen aus
unterschiedlichen kulturellen und gesellschaftlichen
Kontexten ins Gespräch zu kommen.112
Nicht nur für die Kongressteilnehmerinnen gab
es am 5. März im Kulturzentrum Schlachthof einen
Frauenkabarettabend und am 7. März ein Konzert mit
anschließender Frauendisco. Das Schnürschuh-Theater hatte seine Produktion vom Frauenstreik 1994 wieder ins Programm genommen und
veranstaltete am 7. und 8. März zwei Frauentheaterabende.
Alle diese Angebote fanden unter schützenden Dächern statt. Die Open-Air-Aktionen
hatten die Gewerkschaftsfrauen übernommen. Am Samstag, dem 7. März, wollten sie auf
dem Marktplatz Stimmung machen gegen die sozialen Einschnitte, die den Frauen den
Arbeits- und Lebensalltag erschwerten. Im Jahr 1998 betraf es vor allem arbeitende Mütter,
die damit konfrontiert waren, dass die Hortzeiten der Schulkinder nach den Sommerferien verkürzt werden sollten. Die Kolleginnen hatten Infostände und Mitmachaktionen
für Erwachsene und Kinder vorbereitet. Doch dann ließen pausenloser Regen und heftige
Windböen die geplanten Aktionen buchstäblich ins Wasser fallen. „Wochenlange Arbeit ist
einfach weggespült worden“, erinnerte sich Monique Troedel beim Anblick der Regenfotos,
die sie zum Interview 2009 mitgebracht hatte.113
1990–2010
351
Der Regen machte nur einmal eine Pause, und zwar zufällig genau, als die große Seilaktion „Der Kuss der Spinnenfrau“ geplant war. So konnte wenigstens dieser besondere
Höhepunkt realisiert werden.114
„In einem gespannten Seil von 14 Metern Höhe spielten drei Spinnen und ein Opfer ein bedrohliches und skurriles Spiel“, begleitet von Tubamusik und Gesang.115 Danach blieb den
Gewerkschafterinnen nur noch, ihre Materialien und Infotische endgültig einzupacken.
Am 8. März, einem Sonntag, konnten sich interessierte Frauen vormittags wieder an
Stadtrundgängen beteiligen. Ab 14 Uhr gab es dann das Frauenkulturfest in Tenever, mit
Musik, Gesang, Kabarett, Bauchtanz und internationalen Gerichten in der AWO-Begegnungsstätte. Am Nachmittag veranstaltete die Frauengruppe des AStA der Universität
Bremen im DGB-Haus eine Diskussion zum Thema „Krieg und Frauen – sexualisierte
Gewalt“ und für den Abend hatte die Frauengruppe des Asta eine Frauen-/Lesbenparty
im DGB-Haus organisiert. Mit der Veranstaltung der Ausländerbeauftragten „Verfolgt und
schutzlos – Frauen auf der Flucht und im Asyl“, am Montag, dem 9. März, waren die zentralen Veranstaltungen zum Internationalen Frauentag beendet.
Doch rund um den 8. März gab es außerdem eine ganze Reihe Veranstaltungen in
den Stadtteilen. Auch in den Betrieben luden Vertrauensfrauen und Betriebsrätinnen die
Kolleginnen aus Anlass des Internationalen Frauentages ein. Wenn der 8. März auf ein
Wochenende fiel, trafen sich die Frauen am darauf folgenden Werktag – wie hier im Werk
Atlas Elektronik in Bremen:116
Damit die Kolleginnen den richtigen Weg finden – ein passendes Hinweisschild.
352
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
Kaffeerunde am 8. März bei Atlas Elektronik Bremen.
Das Programm zum Internationalen Frauentag 1998 machte deutlich, dass die politisch
aktiven Frauen am Frauentag festhalten wollten. Sie verlegten sogar den Internationalen
Frauenkongress auf den 8. März und entwickelten neue Aktionsformen zur Gestaltung des
Tages. Das gab neuen Schwung – trotz Unwettereinbruch.
Dazu hatte möglicherweise auch die im September anstehende Bundestagswahl beigetragen. Jedenfalls hatte die Frauenbeauftragte Ulrike Hauffe in ihrer Pressemitteilung
zum 8. März die Erwartungen der Frauen benannt: „In diesem Jahr fordern Frauen eine
andere Politik, in der ihr Anspruch auf gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft, in
allen sozialen Beziehungen, im Erwerbsleben und in der Politik endlich eingelöst wird.“117
Und tatsächlich gab es einen Regierungswechsel in Bonn, die Frauenstimmen hatten
wesentlich dazu beigetragen. Die politisch aktiven Frauen hofften auf einen Wandel in der
Frauenpolitik, wie ihn Ulrike Hauffe vorgezeichnet hatte. Doch der Aufbruch blieb aus.
Für die rot-grüne Koalitionsregierung war die Frauenfrage von nachrangiger Bedeutung.
„Der letzte Frauentag im alten Jahrtausend“118 – 1999
In Bremen ging nach der Bundestagswahl der Wahlkampf weiter, denn im Stadtstaat standen im Juni 1999 Bürgerschaftswahlen an. Die Frauen hofften mit ihren Forderungen bei
den PolitikerInnen vor den Wahlen eher Gehör zu finden. Auch deshalb wurden die Auftritte und Aktionen für den Frauentag 1999 „sorgfältig vorbereitet“.
Der 8. März 1999 fiel auf einen Montag und der Zeitplan musste besonders exakt abgestimmt werden, weil für die zentralen Aktionen und Veranstaltungen nur der Nachmittag
und der Abend zur Verfügung standen. Außerdem startete der Bremer Frauenausschuss
an diesem 8. März ein neues Projekt. Zu Beginn der neunziger Jahre hatte der BFA aktiv an den Frauentagaktionen mitgewirkt. Auf Initiative der damaligen Vorsitzenden, Dr.
Erika Riemer-Noltenius, hatten an mehreren Frauentagen Frauenparlamente – über die
bereits berichtet wurde – stattgefunden. Doch seit 1996 war der BFA an den Aktionen des
Frauentages nicht mehr beteiligt gewesen. Die Vorstandsfrauen hatten jetzt festgestellt,
dass der 8. März zum entscheidenden frauenpolitischen Forum in Bremen geworden war,
deswegen hatte der Vorstand entschieden, dass sich auch der BFA dort präsentieren soll-
1990–2010
353
te. Es sollte eine besondere Veranstaltung werden, die jährlich wiederholt werden konnte.
Die damalige stellvertretende Vorsitzende erläuterte im Gespräch am 9. November 2010
die Intentionen des Frauenausschusses: „Wir wollten den Frauenausschuss richtig repräsentativ machen.“ Am 26. Januar 1999 wurde die Presse zu einem Informationsgespräch
eingeladen und im Einladungsschreiben wurde das Vorhaben skizziert:
„Der Bremer Frauenausschuss e. V. – Landesfrauenrat Bremen – organisiert als
Dachorganisation von mehr als 40 Frauenverbänden die zentrale Veranstaltung zum
8. März – Internationaler Frauentag –. Damit soll eine Tradition eingeleitet werden
für die kommenden Jahre.
Im Rahmen dieser Veranstaltung wird die ‚Bremer Frau des Jahres‘ geehrt.“119
Der Frauentag selbst begann mit einer Aktion von ZGF und Weser-Kurier, die gemeinsam
am 8. März eine Telefonsprechstunde von 10 bis 12 Uhr organisiert hatten, bei der sich
Anruferinnen von fünf Expertinnen zum Thema „Frau und Beschäftigung“ beraten lassen
konnten.120 Am Nachmittag gab es Aktionen auf dem Marktplatz. Eine Inszenierung des
Mädchenkulturhauses zum Thema „Überlebensformen von Mädchen und Frauen nach erfahrener sexueller Gewalt“ machte den Anfang. Belladonna präsentierte wenig später die
satirische Talkshow „Frauenmacht 2000“. In der Show blickten die Frauen aus dem Jahr
2000 zurück auf die Frauenrevolution im Herbst des Jahres 1999.
Und zu diesem 8. März 1999 leisteten auch Männer einen Beitrag. Unter dem Motto
„Gleichberechtigung ist auch Männersache“ wurde von grünen Bürgerschaftsabgeordneten gebügelt, gekocht und gespült. Der hausarbeiterische Eifer grüner Abgeordneter
geschah auch mit Blick auf die Wählerinnen, die Männer von Bündnis 90/Die Grünen
hofften, durch diese Vorführung auf dem Marktplatz die Frauen von der Ernsthaftigkeit
Grüner Gleichstellungspolitik besser überzeugen zu können als durch lange Reden und
Flugblätter.
Parallel zum Spektakel auf dem Marktplatz wurde im DGB-Haus auf Einladung der Gewerkschafterinnen über neue Zeitbedürfnisse und Zeitzwänge im beruflichen und im Lebensalltag der Arbeitnehmerinnen diskutiert. „Zukunft gestalten – Zeit neu verteilen“ war
das Motto der Veranstaltung. Es wurden Tarifverträge vorgestellt, in denen Frauen ihre
Ansprüche zur Veränderung der Arbeitszeiten realisieren konnten. In Bremen starteten
die Gewerkschafterinnen eine Fragebogenaktion mit einer 24-Stunden-Uhr, in der Frauen
den Ablauf ihres Normalarbeitstages notieren sollten.
Das Thema frauenspezifische Arbeitszeiten war auch bei den Kirchenfrauen, die sich
am 8. März zum Frauenfrühstück getroffen hatten, zentrales Thema. Die Hausarbeitsaktion der Grünen-Abgeordneten war ein Hinweis darauf, dass die Frage, wie die Erwerbsund Hausarbeit zwischen Frauen und Männern aufzuteilen sei, an vielen Stellen und nicht
nur in der Frauenbewegung intensiv diskutiert wurde.
Doch im Mittelpunkt des Interesses stand am 8. März 1999 die neue Initiative des Frauenausschusses, also der Festakt in der oberen Rathaushalle zur Ehrung der Frau des Jahres.
Der Vorstand des BFA hatte einige Monate zuvor aufgerufen, eine Frau vorzuschlagen,
354
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
die sich zu dem Leitthema des Europäischen Parlaments „Gewalt gegen Frauen“ ehrenamtlich besonders engagiert hatte. Eine Jury aus Politikerinnen, Medienrepräsentantinnen
und Vertreterinnen von Frauenverbänden sowie der Gleichstellungsstelle wählte Angelika
Dornhöfer. Sie hatte sich innerhalb der evangelischen Kirche ehrenamtlich engagiert, hatte
dort unter anderem den Arbeitskreis „Sexuelle Gewalt in der Kirche“ gegründet. Vor allem
habe sie – so begründete die Jury ihre Entscheidung – „ihr Engagement über zwanzig Jahre
hinweg ausgebaut und dabei mutig über den Tellerrand“ geblickt und „unter anderem auch
das Thema Beschneidung von Frauen öffentlich gemacht“.121 Die Veranstaltung fand große
Zustimmung. Fast 400 Frauen waren der Einladung des BFA-Vorstandes gefolgt.
Der Frauenausschuss hatte mit dieser Initiative dem Frauentag einen neuen Schwerpunkt gegeben. Außerdem hatten die Frauen erreicht, dass nach den Festveranstaltungen
der 1950er und 1960er Jahre zum ersten Mal wieder eine Veranstaltung des Internationalen Frauentages im Rathaussaal stattfand. Auch für den BFA begann ein neuer Abschnitt.
Er organisierte ab 1999 eine Wahl der Frau des Jahres.
Im Verlauf der vergangenen zwanzig Jahre waren immer wieder neue Projekte an den
Frauentagen initiiert worden, die dann nach einigen Jahren ihren Reiz verloren hatten und
wieder verschwanden – wie zum Beispiel die Frauenparlamente. Auch die Mädchenparlamente wurden nicht fortgesetzt, stattdessen andere Angebot für Mädchen entwickelt. Für
das Weiterbestehen des Frauentages waren jedoch gerade diese Veränderungen wichtig.
Der Wandel in der Ausgestaltung weckte das Interesse der Besucherinnen. Ebenso reagierte die Presse auf neue Initiativen, über die dann ausführlicher berichtet wurde. Diese
Entwicklung setzte sich auch im neuen Jahrtausend fort.
8. März 2000: Wahl der Bremer Frau des
Jahres und 25 weitere Veranstaltungen
Zum ersten Internationalen Frauentag im neuen Jahrtausend verwies die rot-grüne Bundesregierung besonders auf ihre Initiativen zum Thema Gewalt gegen Frauen. Die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Marieluise Beck (Grüne), stellte die geplante Neuregelung des § 19 Ausländergesetz vor: „Mißhandelte ausländische Ehefrauen werden in
Zukunft bundesweit ein eigenständiges Bleiberecht erhalten.“ Der Regierungsvorschlag
sah grundsätzlich ein regelmäßiges Aufenthaltsrecht für Ehegatten nach zwei Jahren vor.
Doch in Fällen von sexuellem Missbrauch und bei Misshandlungen sollte diese Wartezeit
entfallen. Die Ausländerbeauftrage versicherte, dass das Gesetz am 16. März im Deutschen
Bundestag abschließend beraten und noch im Frühjahr des Jahres in Kraft treten werde.122
Mit dieser Neuregelung im Ausländerrecht war eine zentrale Forderung der Migrantinnen
und der Frauenbewegung, welche auch an den Frauentagen immer ein wichtiges Thema
gewesen war, erfüllt.
Ein weiteres Ergebnis politischer Lobbyarbeit der Parlamentarierinnen und der Frauennetzwerke in den Ministerien war der „Aktionsplan zur Bekämpfung von Gewalt gegen
Frauen“, der vorsah, die verschiedenen Maßnahmen zum Schutz von Frauen vor Gewalt in
einem Gesamtkonzept zusammenzuführen. In ihrem Festvortrag am 8. März 2000 stellte
Edith Niehuis, Staatssekretärin im Bundesministerium für Familie, Senioren und Frauen,
das Konzept in Bremen vor. Edith Niehuis war Gastreferentin auf der Festveranstaltung
des Bremer Frauenausschusses.
1990–2010
355
Zum zweiten Mal hatten der Bremer Frauenausschuss und als Schirmherrin die Senatorin für Arbeit und Frauen Hilde Adolf in die Obere Rathaushalle eingeladen.123 Im
Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Ehrung der Bremer Frau des Jahres 2000. Die
Auszeichnung für das besondere Engagement gegen Gewalt an Frauen und Mädchen ging
in diesem Jahr an zwei Frauen, Ingrid Hebel und Ursula Müller. Beide hatten wesentlich
dazu beigetragen, dass sexueller Missbrauch von Mädchen und die Folgen für die Opfer
in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden und sie hatten für die Opfer in Bremen ein
Beratungs- und Hilfsangebot, die Beratungsstelle Schattenriss, aufgebaut.124
Da im Jahr 2000 der Internationale Frauentag und Aschermittwoch auf das gleiche
Datum fielen, hatten die Gewerkschafterinnen zum „politischen Aschermittwoch“ eingeladen. Parallel zur Festveranstaltung des BFA diskutierten die DGB-Frauen im Gewerkschaftshaus die Wünsche und Forderungen der Frauen nach anderen Arbeitszeiten als
die von den Arbeitgebern festgesetzten Zeittakte. Unter dem Motto „Unsere Zeit ist unser
Leben“ informierte Barbara Dürk, Arbeitszeitberaterin, über ihre Tätigkeit und die ersten erfolgreichen Projekte: „Wir bringen alle Betroffenen an einen Tisch und handeln
die unterschiedlichen Interessen aus.“ Ziel sei es, betriebliche Zeitanforderungen, die
Öffnungszeiten von Dienstleistungsangeboten und private Interessen aufeinander abzustimmen, um gerade für Frauen mehr Zeitsouveränität zu gewinnen. In der Aussprache
berichteten die Frauen über ihren Arbeitsalltag und ihre Erfahrungen in den Betrieben.
Von „Wunscharbeitszeit“ war da keine Rede – die Arbeitgeber forderten Flexibilität von
den Frauen „und sind selbst unflexibel“, erklärte eine Teilnehmerin. Dabei wären „andere
Arbeitszeitmodelle ein wesentlicher Schritt zu mehr Gleichberechtigung“, stellte die Bremer Gewerkschaftssekretärin zum Abschluss der Diskussion fest.125
Neben diesen beiden Veranstaltungen gab es rund
um den 8. März weitere Aktivitäten, an denen sich
immer mehr Frauengruppen, Frauenorganisationen
und Projekte beteiligten. So bot das Faltblatt, in dem
die ZGF die Angebote zum Internationalen Frauentag zusammenfasste, eine gute Orientierungshilfe.
Der Veranstaltungskalender wurde den Frauengruppen dann zur Verfügung gestellt.126
In dem breiten Themenspektrum zeichneten sich
Schwerpunkte ab, die auch in den folgenden Jahren
das Bild des Frauentages prägten:
– Im Mittelpunkt standen die Veranstaltungen am
8. März.
– In Diskussionsforen, Talkshows und Gesprächskreisen wurden aktuelle politische Fragestellungen
verhandelt.
– Die Auseinandersetzungen mit (neuen) feministischen Theorien leisteten Vermittlungsarbeit zwischen der Frauenforschung an den Hochschulen und
der Frauenbewegung.
– Bei den Stadtrundgängen lernten die Teilnehmerinnen die Frauengeschichte Bremens kennen.
– Migration und die Lebensbedingungen der Frauen
anderer Kulturen blieben zentrale Themen an den
Frauentagen.
356
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
Die vielfältigen Kulturprojekte waren fester Bestandteil des Frauentagprogramms.
Für die Ausbreitung der Idee des Internationalen Frauentages leisteten die Aktionen
in den Stadtteilen einen wichtigen Beitrag. Zugleich entstanden damit in den Stadtteilen
eigene regionale Netzwerke.
Die Programmübersicht des Faltblattes machte auch eine weitere Tendenz sichtbar.
Die Frauenorganisationen, Frauengruppen und Projekte organisierten – jeweils getrennt
voneinander – separate Veranstaltungen. Es gab zwischen den Veranstalterinnen offensichtlich wenig Neigung, die Angebote zu koordinieren oder den 8. März im Bündnis vorzubereiten. Das betraf nicht nur die Gruppen der Migrantinnen, die in den Jahren zuvor
zusammengearbeitet hatten und die sich jetzt im Jahr 2000 mit eigenen Beiträgen beteiligten, sondern auch der BFA und der DGB-Frauenausschuss organisierten ihre Veranstaltungen separat. Im Jahr zuvor hatten die beiden Organisationen ihre Termine noch
aufeinander abgestimmt, doch am Abend des 8. März 2000 fanden der Festakt zur Ehrung
der Frau des Jahres und die Veranstaltung der Gewerkschafterinnen zum gleichen Zeitpunkt statt.
Über Bremen verteilt und zeitlich
ausgedehnt – Frauentage 2001 bis 2006
Diskussionen in kleiner Runde, Geburtstagsfeier
mit Paula und abends zum Tanz – Frauentag 2001
Der Veranstaltungskalender für den Internationalen Frauentag 2001 umfasste vom 2. bis
25. März einen Zeitraum von drei Wochen und es waren über 30 Angebote aufgelistet.
Doch der Presse fehlten offensichtlich Orientierungsmarken in dem Programm – es wurde
wenig über die Veranstaltungen berichtet. Stattdessen gab es allgemeine Berichte zu Frauenfragen und am 8. März kamen die Politikerinnen der Bürgerschaft und Führungsfrauen
aus Wirtschaft und Verbänden zu Wort.127
So befragte der Weser-Kurier Bürgerschaftsabgeordnete über ihr Verhältnis zum Internationalen Frauentag. Doris Hoch von den Grünen störte der „Gedenkcharakter“ des Tages.
Es würden immer wieder dieselben Forderungen vorgetragen und trotzdem käme der Prozess, Männer und Frauen gleichzustellen, „einfach zu langsam voran“. Gleichwohl wollte sie,
angesichts der vielen Benachteiligungen der Frauen, nicht auf den Frauentag verzichten.
Auch die Vorsitzende des Gleichstellungsausschusses, Barbara Wulff (SPD), hielt den Tag
für „sinnvoll“, um „frauenspezifische Themen in die Öffentlichkeit zu bringen“. Und die CDUAbgeordnete Annedore Windler sah im Frauentag eine Chance, „die Kräfte zu bündeln“.
Für die Parlamentarierinnen war der 8. März ein „Pflichttermin“. Doch das bot ihnen auch
die Möglichkeit, auf Probleme von Frauen und die immer noch bestehende „grundsätzliche
Schlechterstellung der Frauen“ gegenüber Männern in der Öffentlichkeit hinzuweisen.128
Auch für Führungsfrauen in Unternehmen und Leiterinnen von Verbänden und Instituten war der Frauentag zum Thema geworden. Den Zusammenhalt untereinander zu
stärken, sich zu stützen, Frauennetzwerke zu schaffen, das waren wichtige Anliegen für
die weiblichen Führungskräfte. Und wie alle anderen berufstätigen Frauen kritisierten sie,
dass „Karriere, Küche, Kinder“ in der Bundesrepublik kaum vereinbar seien.129
1990–2010
357
Für die Presse war der Festakt zur Feier der Frau des Jahres interessant. Der Weser-Kurier berichtet darüber am 9. März 2001: In dem vom Europaparlament ausgerufenen „Jahr
der Freiwilligen“ wurde auch in Bremen eine Frau für ihr ehrenamtliches Engagement geehrt. Gewählt worden war Maren Heiser, die als „Grüne Dame“ seit elf Jahren den Besuchsdienst der Evangelischen Krankenhaushilfe in Altersheimen organisierte.130
Der DGB-Kreisfrauenausschuss hatte bereits am Vormittag des 8. März zu einer Frühstücksrunde „für Schichtarbeiterinnen und alle Frauen, die abends nicht kommen können“
eingeladen. Wie zu erwarten traf sich nur ein kleiner Kreis von Frauen. Doch auch bei der
Veranstaltung am späten Nachmittag, der „Talk-Runde – Meine Zeit ist mein Leben“ mit
Betriebs- und Personalrätinnen, blieben die Gewerkschafterinnen weitgehend unter sich.131
Für interessierte Frauen boten die drei Wochen rund um den 8. März neben politischen
Diskussionsrunden und Vorträgen auch ein breites Kulturangebot mit Ausstellungen,
Kunstworkshops, Literaturveranstaltungen, Museumsbesuchen – zum Beispiel zum 125.
Geburtstag von Paula Becker-Modersohn – und Tanzperformances. Vor allem aber war
der Veranstaltungszeitraum des Internationalen Frauentages eine Zeit zum Feiern und
Tanzen: Am 8. März luden die Gewerkschafterinnen ein, am 9. März feierte der Migrantinnenrat und am 10. März veranstaltete das Kultur- und Bildungszentrum belladonna ein
Frauenfest mit Tanzabend.
Doch diese Aktivitäten wurden in der Öffentlichkeit in Bremen kaum wahrgenommen.
Es fehlte das Echo in der Presse und die Aktivistinnen selbst waren auf den Straßen und
Plätzen der Stadt nicht mehr mit politischen Inszenierungen sichtbar. Vielerorts hingen
Plakate, lagen Flyer und Veranstaltungshinweise aus, doch ansonsten fand der Internationale Frauentag in geschlossenen Räumen statt.
„Wie ein Spinnennetz über Bremen“132 – Frauentag 2002
Die zahlreichen Angebote zum Internationalen Frauentag 2002 wurden von einer Redakteurin des Bremer Anzeigers mit einem riesigen Netz, das die Frauen über Bremen
ausgespannt hätten, verglichen. Denn die Veranstaltungen erstreckten sich nicht nur
räumlich bis in die Vororte Bremens, sondern waren auch zeitlich noch weiter gestreut
als im Vorjahr. Bereits am 21. Februar wurde mit einem Seminar des Bildungszentrums
belladonna über feministische Theorie gestartet, die letzte Veranstaltung war ein Vortrag über den Ursprung des Kusses am 21. März bei Pro Familia. Bei den Angaben zu
den Angeboten im Veranstaltungskalender des ZGF fiel auf, dass von den über 30 Aktivitäten, darunter Stadtführungen, Lesungen, Vorträge, Frauenfeste und Modenschauen,
ungefähr zwei Drittel Eintritt kosteten. Die Spanne reichte von einem Euro Eintritt für
Mädchen zum Frauen- und Mädchenfest im Sozialzentrum Amersfooter Straße bis zu
100 Euro für den Bildungsurlaub „Von Rosa L. bis Angela M.“.133 Für diese Entwicklung
gab es im Wesentlichen zwei Ursachen. Einerseits hatten sich die Frauen in ihren Fachgebieten professionalisiert und Vorträge, Workshops und Kabarettauftritte waren zwar
Beiträge zum Frauentag, aber auch Arbeitsleistungen, mit denen die Frauen ihren Lebensunterhalt verdienten. Und andererseits gab es kaum noch finanzielle Unterstützung
für Fraueninitiativen und Gruppen. So war dann der Eintritt eine Möglichkeit, Geld in
die Gruppenkasse zu bekommen.
Gleichwohl war das Veranstaltungsangebot beeindruckend und lieferte den Nachweis
für die Vielseitigkeit und das Engagement der Frauenszene in Bremen, die offenbar auch
358
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
von außen als eine politische Kraft gesehen wurde. Das kam auch darin zum Ausdruck,
dass die taz Bremen – trotz mancher kritischer Kommentare aufgrund der „Bravheit“
der Frauenbewegung – zum Internationalen Frauentag 2002 „ein taz-Spezial in Sachen
Frauen“ herausgab. Zum 8. März erschien der Sonderdruck „Frauen am Fluss“.134
Der Weser-Kurier informierte ausführlich über den Festakt am 8. März im Rathaus zur
Ehrung der Bremer Frau des Jahres. Im Jahr 2002 war die Gynäkologin und Psychotherapeutin Edith Bauer gewählt worden, die sich besonders gegen die Genitalverstümmelung
von Mädchen engagiert hatte und Aufklärungskampagnen und Projekte in afrikanischen
Staaten zur Eindämmung der Beschneidungspraktiken unterstützte.135
Dagegen hatte sich die taz Bremen bei den autonomen Frauen umgesehen. Die „trafen sich im Viertel136 und gingen dort auf die Straße“. Die Veranstalterinnen hatten zum
„FrauenLesben-Kampftag“ aufgerufen. 50 Frauen versammelten sich zur Kundgebung auf
dem Ziegenmarkt im Steintorviertel. Und die Frauen wollten „für alles und gegen alles
kämpfen. Vor allem gegen die sogenannten Anti-Terror-Gesetze, das Zuwanderungsgesetz
und die Afghanistan-Politik der westlichen Industrienationen“.137 Nach der Kundgebung
setzten die Teilnehmerinnen ihre Aktionen „tanzend“ auf der Straße fort und blockierten
damit schon bald den Verkehr, was ein empörtes Hupkonzert auslöste. Anschließend an
den Bericht über die Aktionen im „Viertel“ folgte in der taz nur noch eine kurze Notiz über
die „offizielle“ Feierstunde zur Ernennung der Frau des Jahres.
Über die unterschiedliche Schwerpunktsetzung der Redaktionen wurde die Spanne der
Meinungen und Interessen der Frauenbewegung etwas sichtbarer.
Für Frieden und Frauenrechte – Frauentag 2003
Je mehr sich die Frauenbewegung ausdifferenzierte und in unterschiedlichen Angeboten
in den Wochen um den 8. März herum artikulierte, desto wichtiger wurden die Stellungnahmen der Frauenbeauftragten. Sie konnte in Interviews und Presseartikeln zum Internationalen Frauentag allgemeine Grundtendenzen der Frauenbewegung darlegen, Forderungen zusammenfassen und jeweils den Blick auf die dringendsten Aufgaben lenken.
Besonders vor Wahlen waren ihre politischen Erklärungen gefragt, konnten die Parteien
doch damit gegenüber den Wählerinnen zeigen, dass ihnen Frauenthemen ein wichtiges
Anliegen waren.
Im Mai 2003 waren Wahlen zur Bremischen Bürgerschaft und zum 8. März veröffentlichten zwei Zeitungen eine politische Stellungnahme der Landesbeauftragten Ulrike
Hauffe. „Der 8. März lebt“, so die Überschrift ihres Artikels im Bremer Forum, der Lokalbeilage im Vorwärts, dem Parteiorgan der SPD138. Sie wies in diesem Artikel auf die politische Bedeutung des Frauentages als Protesttag der Frauenbewegung hin.
Im Sonderdruck der taz, „Frauen am Fluss 2003“, zog sie „die Bilanz“ ihrer achtjährigen
Arbeit als Frauenbeauftragte in der großen Koalition in Bremen.139 Sie bezeichnete dabei
den Zustand der Kinderbetreuung in Bremen als „katastrophal“. Ebenso habe die Gleichstellungsstelle bei der Mädchenarbeit „nicht wirklich was erreicht“. Besonders empört zeigte sie sich über die neuen Hartz-Gesetze. Mit ihnen werde die Ungerechtigkeit zwischen
den Geschlechtern zulasten der Frauen weiter voranschreiten. Gefördert würden die „Leistungsstarken“ unter den Arbeitslosen. Die alleinerziehenden Mütter, Migrantinnen, auch
Frauen, die sich nach der Erziehungspause erst neu orientieren müssten, sie alle hätten
bei diesen Förderungsprinzipien keine Chance. Positiv bewertete sie dagegen die Bremer
1990–2010
359
Existenzgründungsinitiative für Frauen, dort seien für Frauen neue Berufsperspektiven
entwickelt worden.
Am entscheidenden Datum traten dann alle diese Themen angesichts des drohenden
Krieges im Irak in den Hintergrund. „NEIN“ stand mit großen Lettern auf dem Transparent, das am 8. März 2003 auf dem Domshof in Bremen aufgespannt worden war.140 Zahlreiche Bremer Fraueninitiativen hatten zur Kundgebung aufgerufen:
Frauen, Mütter, Großmütter
kommt am 8. März,
dem Internationalen Frauentag,
um 12 Uhr auf den Bremer Marktplatz
Die Bremerinnen wurden aufgerufen, ihren Protest und Zorn gegen die zum Krieg bereiten Militärmächte USA und Großbritannien zum Ausdruck zu bringen.141 Unter dem
Motto „Brot statt Bomben – Ja zum Leben“ machten die Initiatorinnen vor allem auf die
Not und die Probleme der Menschen im Irak aufmerksam, die nun schon seit geraumer
Zeit unter dem Embargo zu leiden hätten. Auf der Kundgebung schilderte eine Studentin
die Erlebnisse ihrer Reise in den Irak. In anderen Redebeiträgen wurde betont, dass ein
weiterer Krieg die ganze Region bedrohe und vor allem die Bevölkerung in noch größeres
Elend stürzen werde.142
Zum Abend des 8. März hatten belladonna, die DGB-Frauen, der Migrantinnenrat und
die ZGF gemeinsam ein Frauenfest organisiert. 450 Frauen waren gekommen.143 Die Frauen des DGB-Regionalausschusses – wie der Kreisfrauenausschuss nach der Reform des
DGB hieß – zogen allerdings eine kritische Bilanz. Sie stellten fest, dass die eigene Veranstaltung am 6. März zum Thema Arbeitszeit „schlecht besucht“ war und dass zu wenige
Gewerkschafterinnen an dem Frauenfest teilgenommen hätten.144
Der BFA veranstaltete weder 2003 noch 2004 eine Feier zur Ehrung der Frau des
Jahres. In beiden Jahren konnte die Raumfrage nicht gelöst werden, da weder die obere
Rathaushalle noch der Plenarsaal der Bürgerschaft zur Verfügung standen und auch keine
angemessene Alternative gefunden werden konnte. „Denn wir brauchten einen Saal für ca.
400 Frauen, so viele sind immer gekommen. Außerdem wollten wir einen angemessenen
Rahmen. Das waren wir schon den geehrten Frauen schuldig. […] Als dann alles nicht geklappt hat, haben wir lieber ganz drauf verzichtet.“145
Dafür hatten die Frauen der Bremer Evangelischen Kirche (BEK) für das Wochenende
des 8. und 9. März Aktivitäten vorbereitet. Am 8. März wurde die Ausstellung „Frauen im
Gesangbuch“ eröffnet und ab 20 Uhr begann „Die Nacht der Frauen“. Am Sonntagmorgen
gestalteten Frauen einen „besonderen Gottesdienst“, zu dem Frauen und Männer eingeladen waren.
Offensichtlich war eine ganze Reihe von Veranstalterinnen unzufrieden damit, dass die
Aktionen am 8. März so unkoordiniert abliefen. Deshalb lud die ZGF bereits im Sommer
2003 die Gruppen, Initiativen und Organisationen zu Gesprächen ein. Der Internationale
Frauentag 2004 sollte besser vorbereitet werden. Über die Ergebnisse dieser ersten Gespräche wurde auf der Sitzung des DGB-Regionsfrauenausschusses am 27. Oktober berichtet: „Der 8. März soll in Bremen zum Thema ‚Sozialabbau‘ stattfinden. […] Festgelegt
wurde, dass es ein zentrales Abschlussfest im Gewerkschaftshaus geben sollte.“ Und alle
Gruppen, auch der Bremer Frauenausschuss, sollten dieses Fest gemeinsam tragen. Für
die weitere Planung war vorgesehen, „eine große Runde unterschiedlicher Frauengruppen
und Initiativen“ für ein nächstes Treffen einzuladen.146
360
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
Ein Frauentag mit wenig Presseecho –
Frauentag 2004
Doch dieses Vorhaben wurde nicht realisiert. In einer Notiz vom 6. März 2004 wurde in der
taz Bremen auf die Abendveranstaltungen am 8. März hingewiesen: „Von 19 bis 22 Uhr
lädt die ZGF Frauen in ihre Räume […] zu Klönschnack und Tanz. Bremens-Norderinnen
brauchen nicht in die Stadt zu fahren, um sich einen schönen Abend zu machen. Die VHS
und der Arbeitskreis Frauen in Bremen-Nord feiern von 19 bis 22 Uhr ein Internationales
Frauenfest. […] Am selben Abend findet um 19.30 Uhr im Konsul-Hackfeld-Haus eine
Podiumsdiskussion statt. Titel: „Kopftücher, Kriege, Katastrophen – Frauenpolitik im globalisierten Wahnsinn.“147
Für die Veranstaltungen, die unmittelbar am 8. März stattfinden sollten, gab es keinen
koordinierten Zeitplan. Im Veranstaltungskalender waren 13 verschiedene Aktionen aufgelistet. Dabei war das DGB-Programm für den 8. März nicht einmal aufgeführt, weil die
DGB-Frauen versäumt hatten, den Termin der ZGF zu melden. Auch in der taz-Information vom 6. März wurden die DGB-Frauen nicht erwähnt.148
Dabei hatten die Gewerkschafterinnen für den 8. März ein umfangreiches Programm
vorbereitet, es stand unter dem Motto „Sozialabbau trifft immer zuerst die Frauen!“ Um 16
Uhr begann es mit einem Nachmittagskaffee und Bücherflohmarkt. Am Abend folgte ein
Vortrag über die Auswirkungen der von der Bundesregierung beschlossenen neuen Maßnahmen zur Arbeitsmarkt-, Renten- und Gesundheitspolitik. „Hartz und die Auswirkungen
auf Frauen“ lautete das Thema.149
Einige Gruppen hatten zum Frauentag 2004 die Themen Internationalismus und Globalisierung auf die Tagesordnung gesetzt. Der Verein Frauenmuseum veranstaltete einen
Vortragsabend über „Frauen in Vietnam – gestern und heute“. Die Frauengruppe De Colores lud zusammen mit dem Frauennetzwerk attac und dem Rosa-Luxemburg Club Bremen zu einer Podiumsdiskussion über Frauenpolitik im Prozess der Globalisierung ein.
Mit einem Infostand vor dem Kaufhaus von C&A protestierte die „Bremer Kooperation
zur Kampagne für saubere Kleidung“ gegen die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen, unter denen junge Frauen in den Schwellenländern die Kleidung produzierten, die
in Kaufhäusern wie C&A verkauft wurde. Die Solidaritätsbewegung forderte die großen
Kaufhauskonzerne auf, eine Sozialcharta mit sozialen Mindeststandards zu unterzeichnen und deren Einhaltung bei ihren Produzenten durchzusetzen.150 An einem Vortragsund Diskussionsabend wurde das Projekt erläutert und über die Situation von Textilarbeiterinnen in Bulgarien/Osteuropa informiert.
Insgesamt umfasste der Veranstaltungskalender 40 Angebote. Darüber wurde auf
den Lokalseiten des Weser-Kuriers berichtet.151 Etwa ein Drittel des Programms waren
Aktivitäten in den Stadtteilen. Außerdem gab es Bildungsseminare, Vorträge und Workshops von belladonna, Initiativen von Migrantinnen, Vorträge von Pro Familia, Projekte
der Kirchenfrauen, Stadtrundgänge, Beiträge der Frauen vom Frauenmuseumsverein
und Veranstaltungen der Gewerkschafterinnen, der ZGF und des Bremer Frauenausschusses. Sie bildeten zusammen die Gruppe der wichtigsten Trägerinnen.
Die Angebote zeigten, dass die Frauen weiterhin am Konzept eines politischen Forums
wie dem Frauentag Interesse hatten und sich beteiligten. Doch weiterhin fehlte eine Institution oder Organisation, die in der Lage und bereit gewesen wäre, die Arbeiten zusammenzuführen. Auch wenn das einige Organisationen sicherlich wünschten, änderte sich
vorerst nichts an den Strukturen.
1990–2010
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„Wo bitte geht’s zur Zukunft?“152 – Frauentag 2005
Am 14. März 2003 hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder im Bundestag sein Reformprojekt „Agenda 2010“ verkündet. Es war „die größte Sozialreform in der Geschichte der
Bundesrepublik“.153 Sie betraf unter anderem die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und
Sozialhilfe, eine Verschärfung der Zumutbarkeitsregeln, einen neuen Beratungsservice
durch Jobcenter sowie die Förderung von sogenannten Ich-AGs und Minijobs. Ebenso wurde das Arbeitslosengeld gekürzt und der Kündigungsschutz gelockert. Die Anrechnung
von Partnereinkommen sorgte dafür, dass viele Frauen aus dem Bezug von Arbeitslosenund Sozialhilfe herausfielen. Und so war „Hartz154 und Frauen“ das zentrale Thema am
Internationalen Frauentag.
In vier Veranstaltungen wurde das Problem aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet: Den Anfang machte die Bürgerschaftsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen am
28. Februar mit einer Podiumsdiskussion zu „Hartz und Frauen – Chancen und Risiken
der neuen Arbeitsmarktgesetze“. Am 3. März diskutierten Frauen auf Einladung von belladonna „über erste Auswirkungen vom Arbeitslosengeld“ unter dem Leitspruch „Wo bitte
geht’s zur Zukunft?“. Auch in der Diskussionsrunde der DKP-Frauen standen die HartzGesetze im Mittelpunkt. Und die Gewerkschafterinnen fragten nach den beruflichen Perspektiven von Arbeitnehmerinnen, die durch die neuen Jobcenter verpflichtet wurden,
beinahe jede Arbeit anzunehmen. Die Veranstaltung am 8. März stand unter dem Motto
„Arbeit um jeden Preis? – wie verändert sich Arbeit in Bremen und wo können Frauen gemeinsam etwas bewegen?“.
Aus Anlass des Internationalen Frauentages gab es am 6. März 2005 eine Sondersendung von Radio Bremen: „Buten un binnen und die Frauen“. Gast im Studio war die
Landesbeauftragte für Frauen, Ulrike Hauffe. Die zu Beginn der Sendung eingeblendeten
Spielszenen machten anschaulich, dass Frauen in der Bundesrepublik Deutschland auch
2005 noch immer nicht auf den Chefsesseln saßen. Deshalb war auch die erste Frage
der Moderatorin an Ulrike Hauffe: „Hat die Frauenbewegung am 8. März einen Grund
zum Feiern?“ In ihrer Antwort verwies Ulrike Hauffe sowohl auf die Fortschritte, aber
auch auf fortbestehende Diskriminierungen und Benachteiligungen der Frauen. So habe
es auf „jeden Fall Verbesserungen gegeben“, besonders im Bezug auf das Thema „Gewalt
gegen Frauen haben wir was zu feiern“. Denn mit dem Gewaltschutzgesetz und den Wegweisungsrechten auf Länderebene sei die Situation für die betroffenen Frauen wirklich
verbessert worden. Vor allem aber habe sich in der Gesellschaft ein Bewusstseinswandel
vollzogen. Das betreffe auch das Thema Schwangerschaftsunterbrechung. Vor allem die
jungen Frauen träten selbstbewusster auf, forderten ihre Rechte und nähmen sexistische
Übergriffe nicht mehr passiv hin. Doch das alles könne nicht darüber hinwegtäuschen, erklärte die Frauenbeauftragte, dass die „Ungleichheit zwischen den Geschlechtern immer
noch bestimmend“ sei in der Gesellschaft der Bundesrepublik.
Deshalb, so betonte sie, habe der Frauentag auch weiterhin für die Frauenbewegung
große Bedeutung. Als Gedenktag sei er auch notwendig, „damit man darüber nachdenkt,
ob man Grund zum Feiern hat“.155
Der Bremer Frauenausschuss hatte auf jeden Fall einen Grund zum Feiern. Nach zweijähriger Pause lud der BFA wieder in die obere Rathaushalle zur Ehrung der Frau des Jahres
ein. Frauenhandel war das Thema der Veranstaltung am 8. März 2005 und die Sozialpädagoginnen Andrea Wessel und Manuela Kortmann wurden für ihre Beratung und Betreuung
von Zwangsprostituierten und von Menschenhandel betroffenen Frauen ausgezeichnet.
362
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
Gefeiert wurde auch bei den Frauentreffen in den Stadtteilen. Vor allem in Tenever, dem
„Problemstadtteil“ des Bremer Ostens, hatte sich seit einigen Jahren der Internationale
Frauentag zu einem großen Frauen-Kultur-Fest entwickelt. 2005 lautete das Motto „Abbrüche – Umbrüche – Aufbrüche, Frauenleben in Tenever“. Das dreistündige Programm
gestalteten die Frauen selbst und schöpften dabei aus dem multikulturellen, oft auch
schwierigen Zusammenleben im Alltag. Die Frauen unterschiedlicher Nationalitäten, auch
ihre Kindertanzgruppen, alle hatten ihre kurzen Auftritte.156
Moderiert wurde die Veranstaltung von Gabi Grete Kellerhoff157, die seit 1994 im Arbeitslosenzentrum auch die Frauenarbeit mit anleitete.
Ein wichtiger Programmpunkt beim Frauenfest waren die zahlreichen Essensstände
mit internationalen Speisen, an deren Zubereitung und Verkauf sich viele Frauen beteiligten. „Die Frauen kamen nur zum Fest, wenn sie selbst oder Bekannte aufgetreten sind
oder sie sich an einem Essenstand beteiligen konnten. Das war oft nicht so professionell“,
meinte Gabi Grete Kellerhoff in ihrem Bericht über ihre Arbeit.158 Doch gerade diese
Mischung des Programms machte den Frauentag in Tenever so attraktiv, dass selbst
Frauen „aus der Stadt“ anreisten. Wobei es mit rund 250 Besucherinnen in erster Linie
das große Frauenfest des Stadtteils blieb.159 Der Frauentag in Tenever entwickelte sich
im Lauf der Jahre zu einem wichtigen Ereignis im Stadtteil. Immer mehr Gäste nahmen
teil. Am 8. März 2010 fand das Frauenfest in dem Saal des neu geschaffenen Zentrums
von Osterholz-Tenever statt und mit 400 BesucherInnen war dieser bis auf den letzten
Platz voll besetzt.
Im Protokoll der Nachbereitungssitzung zu den Frauentagaktionen 2010 hieß es:
„Überall weniger Besucherinnen als im Vorjahr, nur Tenever war rappelvoll.“160 Das Beispiel Tenever zeigte, dass der Internationale Frauentag den Frauen Möglichkeiten der
Partizipation eröffnete und der Frauenarbeit in den Stadtteilen Aufmerksamkeit einbrachte.
1990–2010
363
95. Internationaler Frauentag,
60 Jahre Bremer Frauenausschuss:
Der Frauentag ist in die Jahre gekommen – 2006
Im weiteren Verlauf des Jahres 2005 erhielt das Thema „Frauen in Führungspositionen
und an den Schalthebeln der Macht“ eine besondere Bedeutung. Aus den vorgezogenen
Bundestagswahlen im September 2005 ging die CDU/CSU mit ihrer Kanzlerkandidatin
Angela Merkel als stärkste Fraktion hervor. Damit übernahm zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik eine Frau die Führung bei den Koalitionsverhandlungen und
der Regierungsbildung. Obwohl diese neue Entwicklung zunächst eine Abwehrhaltung bei
einigen Männern hervorrief, wurde Angela Merkel am 21. November 2005 vom Deutschen
Bundestag zur Bundeskanzlerin gewählt.161
Zum 95. Jahrestag des Frauentages schloss sich auch die Bild-Zeitung dem allgemeinen
Trend in den Medien an, an diesem Tag Frauenthemen vorrangig zu behandeln. So gab es
für die Leserinnen und Leser der Bild am 8. März 2006 eine Überraschung: „An diesem
Mittwoch halten Bild-Zeitungsleser eine Ausgabe in Händen, die ausschließlich unter weiblicher Regie entstanden ist“, meldete dpa am 8. März 2006.162 Die stellvertretende Chefredakteurin, Marion Horn, hatte für die 8.-März-Ausgabe die Leitung der Redaktion übernommen. Sie teilte den LeserInnen mit, für den einen Tag
werde nicht nur die Redaktion von Frauen geleitet, auch die
Zeitung selbst werde zur Frau: „Heute ist Bild eine Frau“,
hieß es im Editorial.
Entsprechend gab es „Seite 1 einmal ohne blanken Busen“,
stattdessen ein männliches Pin-Up. Auf der zweiten Seite
präsentierte Bild ein Foto der Bundeskanzlerin, wie sie
freundlich lächelnd Kaffee einschenkt und dabei die Fragen
der Journalistinnen beantwortet. Gefragt wurde sie nach
ihrem weiblichen Regierungsstil, nach besonderen weiblichen Tugenden und ihrem Verhältnis zu den „Polit-Machos
wie Jaques Chirac, Wladimir Putin, George W. Busch“. Auf
die Frage „Was bedeutet Ihnen der Internationale Frauentag?“ erklärte die Kanzlerin: „Ich finde, es ist ein wichtiger
Tag. Er erinnert daran, daß wir schon einiges erreicht haben bei der Gleichstellung von
Frau und Mann. Und er mahnt uns auch heute, nicht nachzulassen im Kampf gegen die
Benachteiligungen von Frauen in vielen Teilen der Welt.“ Nach dem Handlungsbedarf in
der Bundesrepublik wurde die Kanzlerin nicht gefragt. Eine solche kritische Debatte hätte
auch nicht zu dem „kessen Stil“ der 8.-März-Ausgabe von „Die Bild“ gepasst.163
„Die Bild“ war offensichtlich ein Probelauf. Es sollte getestet werden, ob mit einer feminisierten Bild-Zeitung am 8. März zusätzlicher Profit zu machen war. Doch wie die
Werbekampagne der Firma Nissan, so wurde auch die Aktion der Bild nicht wiederholt.
Offensichtlich eignete sich der Internationale Frauentag nicht als Werbeträger. Mit der Idee
des Frauentages verbindet sich nach wie vor die Geschichte der Frauenemanzipation und
des politischen Protestes – ein solches Projekt widersetzt sich offensichtlich den üblichen
Vermarktungsstrategien.
Im Programm des Internationalen Frauentages in Bremen tauchte 2006 ein neues
Thema auf: das Alter. Das Thema war in zweifacher Hinsicht aktuell geworden. Einerseits waren unter den Organisatorinnen und den Besucherinnen viele Frauen, die sich
364
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
seit Anfang der 1980er Jahre an den Frauentagen beteiligten. Die jungen Mütter, die
beim Frauenfest 1987 noch mit ihrem Kinderwagen die Aufgänge im Gewerkschaftshaus blockiert hatten, mussten sich 2006 mit den Wechseljahren auseinandersetzen.
Pro familia reagierte auf diesen Bedarf. Unter der Überschrift „Ich bin in den Wechseljahren – soll ich Hormone nehmen? “ bot die Organisation einen „Infoabend für Frauen
ab 40“ an und der Frauenbuchladen Hagazussa veranstaltete eine Podiumsdiskussion
zum Thema „Lesben und Alter“.
Andererseits war die Frauenbewegung selbst in die
Jahre gekommen. In Bremen feierte der Frauenausschuss im Jahr 2006 sein 60-jähriges Jubiläum. In
der Zentralbibliothek wurde aus diesem Anlass im
März eine Ausstellung mit Dokumenten und Bildern
eröffnet, die aus der jahrzehntelangen Arbeit des
BFA berichteten.
Am 15. März fand die Festveranstaltung „60 Jahre Bremer Frauenausschuss“ und die Ehrung der Frau des Jahres statt. Doch die Frauen wollten dabei nicht nur auf vergangene
Zeiten zurückblicken. Im Festvortrag setzte sich Prof. Dr. Ute Gerhard mit dem aktuellen
Stand der Frauenpolitik auseinander und ging der Frage nach, ob eine neue Frauenbewegung notwendig sei.
Die ZGF und belladonna veranstalteten eine Podiumsdiskussion, die diese Frage unter
dem Gesichtspunkt des demographischen Wandels diskutierte. Zwar war bereits im Rahmen vorangegangener Demonstrationen durch die Forderungen betroffener Rentnerinnen
auf die Probleme einer alternden Gesellschaft aufmerksam gemacht worden, aber erst jetzt
rückte die Thematik in den Fokus der Frauentagsveranstaltungen.
In beiden Veranstaltungen wurde die Frage nach der Zukunft der Frauenbewegung,
nach einer neuen frauenpolitischen Initiative gestellt. Damit verband sich auch die Frage
nach einer Perspektive für den Internationalen Frauentag in Bremen. Die Aktivistinnen registrierten, dass es kaum noch Resonanz in der Presse gab. Die Journalistinnen sahen offenbar in den Veranstaltungen zum Frauentag keine politisch relevanten Ereignisse mehr,
über die es sich zu berichten lohnte. Die taz Bremen-Redakteurin schrieb dazu: „Ginge
das nicht ein bisschen kühner? Warum nicht die unpatriarchalisch sozialisierte Kinderschar im Rathaus spazieren führen? Oder ein Zug durch die Stadt mit einer Schafsherde
am Band, um das Ende der Unmündigkeit zu demonstrieren? Wie auch immer – nur nicht
so öde.“165
Nach dem 8. März kam eine Diskussion in Gang. „Bei Treffen haben wir darüber geredet, dass wir beim Frauentag was ändern wollten“, so beschrieb Kornelia Koczorowski,
Sprecherin des Regionsfrauenausschusses, die Situation nach dem 8. März 2006.166 Im
1990–2010
365
Verlauf des Sommers 2006 trafen sich auf Einladung der ZGF Vertreterinnen von Frauenorganisationen, Projekten und Institutionen zu einer Debatte über die zukünftige Gestaltung des Internationalen Frauentages und über die Form der Kooperation untereinander.
Die Frauen einigten sich darauf, für 2007 wieder gemeinsam eine zentrale Veranstaltung
zu organisieren. Der Flyer zum 8. März 2007 listete die Organisationen und Institutionen
auf, die an der Vorbereitung und Durchführung des Frauentages beteiligt waren:
–
–
–
–
–
–
–
Arbeitnehmerkammer Bremen
belladonna e.V.
Bremer Frauenausschuss e.V.,
Bremische Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF)
Deutscher Gewerkschaftsbund
Evangelische Frauenarbeit in Bremen e.V.
Frauenunion der CDU167
Zum neuen Start hatten sich nahezu alle wichtigen frauenpolitischen Akteurinnen zusammengeschlossen. Die ASF hatte sich wegen Arbeitsüberlastung nicht direkt an den
Vorbereitungen beteiligen können, gehörte aber ab 2008 mit zur Koordinationsgruppe.
Nicht zu alt für die Zukunft –
Internationale Frauentage 2007–2010
Erstmals wieder eine gemeinsame
zentrale Veranstaltung – Frauentag 2007
In der Pressemitteilung vom 6. März 2007, die die Gleichstellungsstelle und der Bremer
Frauenausschuss gemeinsam herausgegeben hatten, hieß es: „Erstmals wird es in Bremen
wieder eine zentrale gemeinsame Veranstaltung am 8. März, dem Internationalen Frauentag, geben. Im Mittelpunkt steht dabei das Thema Frauen und Arbeit.“168 Die Organisatorinnen hatten es geschafft, zwei politische Aktionen in einem sorgfältig abgestimmten
Terminplan zusammenzuführen und unter ein gemeinsames Thema zu stellen, welches
die Brücke bildete zwischen der Festveranstaltung in der oberen Rathaushalle zur Ehrung
der Frau des Jahres und der anschließenden Podiumsdiskussion im Haus des Deutschen
Gewerkschaftsbundes.
„Mehrere hundert Frauen und wenige Männer“ hatten sich am Nachmittag des 8. März
zur Feier der Frau des Jahres in der oberen Rathaushalle versammelt. Den Festvortrag
hielt Dr. Hella Baumeister zum Thema „Was bedeutet Arbeit für Frauen?“. Sie berichtete
über die wechselvolle und widersprüchliche Entwicklung, die die Frauenerwerbsarbeit seit
der Durchsetzung des Frauenwahlrechts 1919 durchlaufen habe. „Doch bei allen Fortschritten auf dem Weg in die Gleichberechtigung, so Dr. Hella Baumeister, gebe es immer
noch bedeutende Lohnungleichheiten und eine spürbare Diskriminierung der Frauen.“
Und die Vorsitzende des Bremer Frauenausschusses, Gisela Hülsbergen, stellte fest, dass
„die Chancengleichheit bis heute nicht erreicht“ sei.169
Und deshalb wollte der Frauenausschuss mit der Wahl der Frau des Jahres 2007 eine
Person auszeichnen, die sich um die Integration von Migrantinnen im Lande Bremen –
insbesondere um die Verbesserung ihrer Chancen am Arbeitsmarkt – verdient gemacht
hatte.170 Die Preisträgerin war Ayten Kocaoglu. Die Laudatorin betonte die Bedeutung von
Ayten Kocaoglus Arbeit: „Sie leitet erfolgreich die Koordinierungs- und Betreuungsstelle
366
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
des Vereins Frauen in Arbeit und Wirtschaft, die sich mit ihrem Angebot an Migrantinnen
und Nichtmigrantinnen wendet. […] Und sie ist heute anerkannter und unverzichtbarer
Partner der bremischen Arbeitsmarktpolitik.“171 Im Anschluss an die Feier im Rathaus
zogen die Frauen ins Gewerkschaftshaus um.172
Im Gewerkschaftshaus hatten die Gruppen, Organisationen und Parteien in den Fluren
ihre Informationsstände aufgebaut.
Nach einer kurzen Pause begann die Podiumsdiskussion mit Frauen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Medien über das Thema „Wie arbeiten wir morgen?“. Zum Abschluss des
Tages legte DJane Gülbahar Kültür auf und es konnte getanzt werden.
Neben dieser zentralen Veranstaltung gab es wie immer weitere Aktivitäten. Auch die
im Mai bevorstehenden Bürgerschaftswahlen warfen ihre Schatten voraus: Die Parteien
wurden am 8. März in Sachen Frauenrechte aktiv. Für den Nachmittag des 8. März planten die Grünen eine Protestdemonstration auf dem Marktplatz „gegen die Lohnunterschiede von Männern und Frauen“.173 Und die taz Bremen interviewte Monique Troedel,
die Spitzenkandidatin der Linkspartei für die Bürgerschaftswahlen. Sie hatte mehr als 10
Jahre als Vorsitzende des DGB-Frauenausschusses die Frauentage in Bremen mitgestaltet.
Jetzt engagierte sie sich als Bürgerschaftskandidatin für den Frauentag. „Der 8. März ist
der einzige Tag, an dem die Frau mal in den Mittelpunkt des Geschehens rückt.“ Doch
nach wie vor „leben [wir] im Patriarchat“ und darum müsse, erläuterte Monique Troedel
das Wahlprogramm der LINKEN, Gleichstellungspolitik in Zukunft Bestandteil aller politischen Entscheidungen werden.174
Ein besonderes Ereignis war die erste Bremer Frauentagsveranstaltung in Berlin. Die
Bevollmächtigte der Freien Hansestadt Bremen beim Bund und für Europa, Staatsrätin Dr.
Kerstin Kießler, hatte „mehr als 150 Frauen aus Kultur, Politik, Wissenschaft und Verwaltung in die Bremer Vertretung in Berlin eingeladen. Auf der Frauenversammlung am 15.
März berichteten die Vorsitzende des Bremer Frauenausschusses Gisela Hülsbergen und
die Historikerin Prof. Renate Meyer-Braun den anwesenden Gästen von der 60-jährigen
Geschichte der bremischen Frauenarbeit.“175
Als sich die Organisatorinnen Ende März versammelten, um die Frauentagaktionen
auszuwerten, waren sich alle darin einig, dass „eine gute Zusammenarbeit zwischen den
1990–2010
367
Verbänden stattgefunden“ habe und dass die Arbeit fortgesetzt werden sollte. Ab Juli 2007
traf sich der „Arbeitskreis 8.3.08“. Neu hinzugekommen gegenüber dem Vorjahr waren u.a.
der Migrantinnenrat (migra), das Mädchenkulturhaus und die ASF.176 Der Teilnehmerinnenkreis war nicht immer beständig, aber es wuchs das Interesse, sich an den Vorbereitungen zum Internationalen Frauentag zu beteiligen.
Im Jahr 2008 war der 8. März ein Samstag. Und die Frauen hatten erreicht, dass ihnen
das Rathaus den ganzen Tag zur Verfügung stand. „Für die Veranstaltung ist das gesamte
Rathaus gebucht“, hieß es dazu im Protokoll der DGB-Regionsfrauenausschusssitzung
vom 28. August 2007. Damit gab es ausreichend Platz und Zeit, ein umfangreiches Programm zu realisieren.177
„Frauengenerationen – Fortschritt
mit Rückblick“ – Frauentag 2008
Unter dem Leitspruch „Frauengenerationen – Fortschritt mit Rückblick“ sollte die Veranstaltung zum Internationalen Frauentag 2008
einen Dialog zwischen den Generationen in Gang setzen. Die Veranstalterinnen erläuterten ihr Anliegen und das inhaltliche Konzept in der Einleitung zur
Programmübersicht:
„Liebe Frauen,
der 8. März, der Internationale Frauentag, kann inzwischen auf eine fast 100-jährige
Geschichte zurückblicken. Viele Frauen auf der ganzen Welt nutzen diesen Tag, um
darauf aufmerksam zu machen, wo sie in ihrem jeweiligen Land noch benachteiligt
sind. Sie nutzen aber auch diesen Tag, um das bereits erreichte zu feiern. […]
Frauen haben sich über Generationen hinweg stark gemacht für die Belange von
Frauen und ihre Positionen haben sich immer wieder verändert.
Wir wollten wissen: Wo standen wir vor dreißig Jahren, wo stehen wir heute? Wie
denken junge Frauen/junge Mädchen/Migrantinnen über ihre Rolle in der Gesellschaft und über den 8. März?
Wir – das sind die Vorbereitungsfrauen aus mehreren Frauenverbänden im Bremer
Frauenausschuss und der ZGF.
So entstand unser Titel: Frauengenerationen – Fortschritt mit Rückblick. Unserem Thema nähern wir uns mit einer Podiumsdiskussion, einer Talkrunde, einem
Schreibwettbewerb, der ‚Bremer Frau des Jahres‘ und v.a.m.
Wir wollen natürlich auch feiern: Es gibt Musik, Aktionen, Infostände, Essen und
Trinken und die vielen spannenden und unterhaltenden Gespräche mit vielen tollen
Frauen.
Am 8. Februar ist Schaffermahl und das Rathaus ist fest in Männerhand; sorgen wir
dafür, dass am 8. März das Rathaus in vielen Frauenhänden ist!!!
Die Frauen der Vorbereitungsgruppe“178
Und wie von der Vorbereitungsgruppe gewünscht, besetzten die Frauen am Samstag das
Rathaus. Um 14 Uhr empfing eine Trommelgruppe gleich im Eingangsbereich die Besucherinnen. Über zwei Etagen verteilten sich die Infotische und -stände der Organisationen
und Gruppen. In den verschiedenen Räumen des Rathauses liefen Projekte, Lesungen,
368
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
Diskussionen. Um 14.30 Uhr hatten als erste die jungen Frauen und Mädchen ihren Auftritt, denn in diesem Jahr wurde nicht nur die Frau des Jahres geehrt, sondern auch die
Siegerinnen eines Schreibwettbewerbs. Den Wettbewerb hatten das Mädchenkulturhaus,
der Migrantinnenrat und die Frauenunion initiiert. Mädchen und junge Frauen sollten in
einem kurzen Text die Frage beantworten: „Bist du wirklich gleichberechtigt oder fühlst
du dich nur so?“ Eine Jury hatte aus den Einsendungen drei Texte ausgewählt und die
Verfasserinnen wurden am Nachmittag des 8. März ausgezeichnet und gebührend gefeiert.
Im Presseraum berichteten zwei Migrantinnen über ihren Weg nach Deutschland und
über ihren beruflichen Werdegang hier in der Bundesrepublik.
Um 16 Uhr begann eine Podiumsdiskussion, zu der belladonna und die ZGF-Frauen aus
vier Generationen eingeladen hatten. Es diskutierten: Ulrike Helwerth, Presse und Öffentlichkeitsreferentin des deutschen Frauenrates, Prof. Dr. Yasemin Karakasoglu, Professorin
für interkulturelle Bildung an der Universität Bremen, Claudia Bogedan, ehemalige stellvertretende Juso-Bundesvorsitzende und Mitarbeiterin am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut, sowie Leonie Schönhagen, Preisträgerin des Young Women in Public
Affairs Award des ZONTA Club Bremen. Moderiert wurde die Diskussionsrunde von Ulrike
Hauffe. Diese Gesprächsrunde hatte den Frauen besonders gut gefallen. Die lebendige Diskussion zwischen den vier Generationen, war „als sehr spannend erlebt worden“.179
An die Podiumsdiskussion schloss sich die Ehrung der Frau des Jahres an. In ihrer Rede
wandte sich Gisela Hülsbergen, 1. Vorsitzende des BFA, besonders an junge Frauen. Sie ermunterte zum weiteren Dialog und betonte, dass gerade der Internationale Frauentag für
den Austausch unter den Frauen von großer Bedeutung sei. „Erfolg im Beruf solltet ihr nicht
dem Zufall überlassen. Seid kritisch gegenüber denen, die behaupten, Gleichstellung sei faktisch erreicht. […] Vergesst nicht, dass die meisten Männer euch lieber in den Mantel helfen
als in eine Führungsposition. Nehmt sie in die Pflicht im Haushalt, drängt sie, aktive Väter zu
sein.“180 Damit wies Gisela Hülsbergen nicht nur die jungen Frauen darauf hin, dass Erwerbsarbeit und Hausarbeit zwischen den Geschlechtern neu aufgeteilt werden müssten und dass
die Herstellung der Gleichberechtigung eine Aufgabe von Frauen und Männern zu sein habe.
Beispielhaft für die Kämpfe und Auseinandersetzungen um Gleichberechtigung war die
Frau des Jahres 2008, Antje Treptow. Sie war die Kandidatin, die die DGB-Frauen dem Frauenausschuss vorgeschlagen hatten.181 Die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern hatte
sich nach der Erziehungszeit ihre Teilzeitstelle mit familiengerechten Arbeitszeiten gegen
den Willen ihres Arbeitgebers, des Unternehmens Schlecker, vor Gericht erstreiten müssen.
Und sie setzte außerdem gegen den massiven Druck des Unternehmens Betriebsratswahlen
durch – woraufhin 2007 ihre fristlose Kündigung erfolgte.182 Zuvor war Antje Treptow jedoch
noch die erste Betriebsratsvorsitzende in Bremen bei der Firma Schlecker geworden. Jetzt,
im März 2008, kämpfte sie vor dem Landesarbeitsgericht gegen ihre Kündigung.
Margareta Steinrücke, Arbeitnehmerkammer Bremen, wies in ihrer Laudatio darauf
hin, dass Antje Treptow in mehrfacher Hinsicht exemplarisch sei für einen großen und
wichtigen Teil der deutschen Frauenbewegung, der die letzten Jahrzehnte zu wenig Beachtung gefunden hätten: Das seien die vielen jungen Frauen, die trotz guter Abschlüsse
häufig in schlecht bezahlten Jobs arbeiteten und die sich dann in der Betriebsratsarbeit
vor Ort für die schweigende Mehrheit der Frauen einsetzten. „Diese Betriebsrätinnen und
aktiven Gewerkschafterinnen“, erklärte Margareta Steinrücke, „bilden den größten, aber
weitgehend unbeachteten Teil der heute real aktiven Frauenbewegung.“ 183
Bereits drei Tage nach dem 8. März trafen sich die Veranstalterinnen zur Reflektionssitzung. Alle waren mit dem Programmablauf und den inhaltlichen Aussagen zufrieden. Dabei blieb die Frage offen, wie weit es wirklich gelungen war, jüngere Frauen anzusprechen.
1990–2010
369
„Es seien dort eher ‚altgediente‘ Frauen wahrgenommen worden, viele Besucherinnen seien um die 40 [Jahre] gewesen“, so ein Rückmeldung aus dem Kreis der Organisatorinnen.
Mehrheitlich waren die Frauen dafür, im kommenden Jahr wieder ins Rathaus zu gehen.
„Es sei zentral gelegen, ein neutraler Ort, gleichzeitig aber ein Ort mit einem hohen symbolischen Wert und es biete gute Politisierungsmöglichkeit.“
Für die weitere Arbeit wurden Regeln beschlossen: „1. Nächstes Jahr soll es eine feste
Vorbereitungsgruppe geben. D.h. aus jedem interessierten Projekt gibt es eine fest an der
Vorbereitungsgruppe teilnehmende Frau (ggfs. Vertreterin). 2. Diese Gruppe legt für sich
einen festen regelmäßigen Termin für die Vorbereitungstreffen fest.“184
Wenig später hatte sich die Organisationsgruppe eine Geschäftsordnung gegeben und
die Beratungstermine bestimmt. Auf der Sitzung am 26. November 2008 wurden die Programmpunkte zusammengetragen und „nach langen Mühen [wurde] in geheimer Abstimmung der Titel ‚60 Jahre Gleichberechtigung – noch nicht am Ziel’ festgelegt“.185
„60 Jahre Gleichberechtigung – noch nicht am Ziel“ –
Frauentag 2009
Die Frauen verwiesen mit diesem Leitspruch darauf, dass zwar seit 60 Jahren die Gleichberechtigung von „Männern und Frauen“ im Grundgesetz verankert, aber die Gleichstellung der Frauen noch lange nicht durchgesetzt war. Die wichtigsten Punkte, an denen die
Benachteiligung von Frauen deutlich wurde, zählte Ulrike Hauffe in einem Interview mit
dem Bremer Anzeiger auf: „Entgelt-Ungleichheit, prekäre Beschäftigung und auch Gewalt gegen Frauen – wir haben nach wie vor viele Baustellen.“ Und sie fügte ergänzend
hinzu, dass das Bundesland Bremen bei der Lohnungleichheit „bundesweit herausragend
negativ“ sei. Es zeige sich, dass alle bisherigen Maßnahmen wenig gebracht hätten und
„deshalb meine ich, wir müssen radikaler werden“. Dabei könnten die Frauen durchaus
mit Unterstützung rechnen. „Gerade erst hat beispielsweise die Vorsitzende des Verbandes
deutscher Unternehmerinnen eine Quotenregelung gefordert.“
Doch auf dem Weg zur Gleichberechtigung spiele auch Erziehung eine wichtige Rolle,
betonte Ulrike Hauffe. Bereits in Kindergärten und Schulen müssten die Jungen und vor
allem die Mädchen mit alternativen Lebensmodellen bekannt gemacht werden, um nicht
in den tradierten „Rollen-Klischees stecken zu bleiben“.186
Ulrike Hauffe hatte in diesem Gespräch die Themen angesprochen, die auch bei den
Aktivitäten zum Internationalen Frauentag im Rathaus im Mittelpunkt standen. Dort präsentierten sich wie in den Vorjahren die Frauenverbände und -initiativen mit ihren Infoständen. Für die Zeit von 11 bis 18 Uhr gab es ein umfangreiches Programm: Diskussionen, Lesungen, Musik und Tanz. Und auch für Essen und Trinken war gesorgt. Außerdem
konnten sich die Frauen zwischen den Programmpunkten verschiedene Ausstellungen anschauen. Der Bremer Frauenausschuss präsentierte noch einmal seine Dokumentation zu
60 Jahren Bremer Frauenausschuss. Die Arbeitnehmerkammer zeigte die Fotogalerie „Die
Gesichter der Geschlechter“. Besonderes Interesse fand die Ausstellung von internationalen Plakaten, die belladonna aus seinen Archivbeständen zusammengestellt hatte. Unter
dem Motto „Weltfrauentag ganz plakativ“ vermittelten die Exponate einen Einblick in die
wechselvolle Geschichte des Frauentages. Wie bei den Veranstaltungen standen auch bei
den Ausstellungen die Fragen im Vordergrund: Wo stehen wir heute mit der Gleichberechtigung? Und wie geht es weiter?
370
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
Außerdem wurde der Dialog zwischen den Generationen fortgesetzt. In diesem Jahr
waren erneut Mädchen und junge Frauen zu einem Mal- und Schreibwettbewerb eingeladen, diesmal mit der Frage, ob Mädchen und junge Frauen die gleichen Möglichkeiten
und Freiheiten haben wie Jungen. Zu diesem Thema – „Gleichberechtigung?!“ – hatten
sich eine ganze Reihe Mädchen und junge Frauen geäußert, deren Aussagen im Grundton
weitgehend übereinstimmten: „Mädchen und Frauen sind viel weniger gleichberechtigt, als
immer behauptet wird.“187 Eine Jury hatte vier Beiträge ausgewählt und die Siegerinnen des
Wettbewerbs wurden am 8. März im Rathaus gefeiert.
Am späten Nachmittag fand dann der Festakt des Bremer Frauenausschusses zur Ehrung der Frau des Jahres statt. Gisela Hülsbergen gab die Ernennung von Erika RiemerNoltenius zur Bremer Frau des Jahres 2009 bekannt. Sie betonte in ihrer Begrüßungsrede,
dass sich Erika Riemer-Noltenius über Jahrzehnte hinweg, ganz im Sinne der Vorkämpferinnen von 1949, für die Gleichstellung der Frau eingesetzt habe. Als Personalratsvorsitzende der Handelskammer habe sie dafür gekämpft, dass Frauen bei gleicher Arbeit auch
den gleichen Lohn wie Männer erhalten. In ihrer Zeit als Vorsitzende des Bremer Frauenausschusses von 1991 bis 1997 habe sie den Bremer Frauenklub gegründet.
Vor allem aber sei sie weit über Bremen hinaus bekannt geworden mit ihrem Bremer
EXPO-Projekt Beginenhof, einem Wohn- und Gewerbeprojekt für Frauen.188 Das Projekt
hatte ihr zunächst überall Anerkennung, politische Zustimmung und Unterstützung eingetragen. Dann aber war das Unternehmen 2001 pleite, nachdem in Aussicht gestellte
Fördermittel nicht bewilligt worden waren. Nach politischen und juristischen Auseinandersetzungen konnte das Unterfangen letztlich gerettet werden.189 Seit Januar 2009 lebten im
Beginenhof 70 Frauen und 30 Kinder und Jugendliche in einer gemeinschaftlichen Wohnform.190 Dieses
Konzept hatte weit über Bremen hinaus Interesse
geweckt und auch andere Frauengruppen angeregt,
neue Formen des Zusammenlebens auszuprobieren.
Noch bevor am Sonntagmorgen des 8. März die
Frauen in der oberen Rathaushalle mit ihrer Veranstaltung begannen, feierten die evangelischen
Frauen den Internationalen Frauentag in einem Gottesdienst. Der Gottesdienst im Zeichen der Gleichberechtigung wurde live von Radio Bremen und vom
NDR übertragen.
Nur wenige Tage später luden Maren Bock und
Halima Cengiz zum interkulturellen Dialog in die
Mevlana-Moschee in Bremen Gröpelingen ein. Maren Bock, Geschäftsführerin des Frauenkulturzentrums belladonna, und Halima Cengiz, engagierte
Muslima, organisierten bereits seit zwei Jahren Gesprächsabende unter dem Titel „Zu Gast bei der
Nachbarin“.192 In diesem Jahr hatten sie zum ersten
Mal einen Gesprächsabend in den Veranstaltungskalender zum Frauentag gesetzt. Das Gesprächsthema am Abend hieß: „Welche Werte vermitteln wir
unseren Kindern?“193
„Geschaffen gleichberechtigt“ –
Einladung zum Gottesdienst.191
1990–2010
371
Am 10. März eröffneten die Frauen vom Verein Frauenmuseum e.V. ihre Ausstellung „90
Jahre Frauenwahlrecht“.194
In der Nachbereitung zum Frauentag am 31. März 2009 informierte Monique Troedel
ihre Kolleginnen darüber, dass sie und ihre Fraktion, DIE LINKE, in der Bremischen Bürgerschaft den Antrag eingebracht hätten, den Internationalen Frauentag zu einem gesetzlichen Feiertag in Bremen zu machen.195
Der Antrag196 wurde auf der Sitzung der Bürgerschaft am 29. April 2009 verhandelt. In der
Antragsbegründung erinnerte Monique Troedel daran, dass den Frauen immer noch die
gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft verwehrt werde. Sie listete die Defizite auf
und wies auf die Einschränkungen hin, mit denen Frauen qua Geschlecht in ihrer Persönlichkeitsentfaltung behindert würden. Mit dem Internationalen Frauentag hätten sich die
Frauen einen Raum geschaffen, über den sie seit „fast 100 Jahren weltweit ihr Recht auf
Gleichberechtigung“ einforderten. Er sei „das Sinnbild der Anmahnung von Frauenrechten
und Ermutigung zum solidarischen Handeln zugleich, Ermutigung zur Gegenwehr gegen
Gewalt“. Deshalb habe ein Beschluss der Bürgerschaft „diesen Tag zum Feiertag zu erklären, mehr als nur symbolische Bedeutung“. Er sei auch „Mahnung für noch nicht erreichte
Gleichstellung“.197
372
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
Die Stellungnahmen zu dem Antrag wurden – mit Ausnahme des FDP-Beitrags – von
weiblichen Abgeordneten abgegeben. Ursula Arnold-Cramer (SPD), Doris Hoch (Bündnis 90/Die Grünen) und Elisabeth Motschmann (CDU) waren mit Monique Troedel einer
Meinung, dass die Frauen vom Ziel einer tatsächlichen Gleichberechtigung noch weit entfernt seien. Sie betonten übereinstimmend die Bedeutung des Frauentages für eine aktive Frauenpolitik. Trotzdem lehnten sie den Antrag ab. Elisabeth Motschmann wies auf
die negativen Folgen eines weiteren Feiertages für die Wirtschaft hin. Außerdem würden
symbolische Akte wie die Etablierung eines Feiertages die Frauen „nicht weiter bringen“.
Stattdessen seien „Taten und Fortschritte“ gefragt. Und die Abgeordnete Doris Hoch betonte, dass für die weitere Entwicklung Maßnahmen und deren gesetzliche Regelungen
erforderlich seien. 198
Ursula Arnold-Cramer hätte eine Zustimmung zu dem Antrag der Linksfraktion „reizvoll“ gefunden. Denn prinzipiell gab es keinen Dissens zu den Ausführungen von Monique
Troedel. Doch sie verwies auf die Schwachstelle dieses Antrags, dem „ein tragfähiges Fundament“ fehle. Denn DIE LINKE habe es versäumt, sich für ihren Antrag innerhalb der
Frauenbewegung Unterstützerinnen zu organisieren. Dort war über die Idee, den Frauentag zum gesetzlichen Feiertag zu machen, nicht weiter diskutiert worden. Ursula ArnoldCramer machte den Vorschlag, in eine außerparlamentarische Debatte einzutreten. „Nehmen wir alle in diese Diskussion auf, die in verschiedenen Verbänden aktiv sind, und alle
Punkte, zu denen auch die Forderung nach einem gesetzlichen Feiertag 8. März gehört.
Wenn dann aus den Frauenverbänden heraus nicht nur in Bremen, sondern bundesweit
die Forderung nach einem Feiertag erhoben wird, dann kann sich die Männerwelt, so bin
ich mir sicher, dem kaum widersetzen.“199 Doch zunächst wurde in der Bremischen Bürgerschaft über den Antrag abgestimmt. Vizepräsident Ravens stellte fest: „Die Bürgerschaft
(Landtag) lehnt den Antrag ab.“200 Nur die Linksfraktion hatte für die Annahme des Antrages gestimmt.
Es gab keine weitere Diskussion über das Thema. Augenscheinlich war den Frauen
eine Debatte darüber, ob der Internationale Frauentag ein Feiertag werden solle, nicht
besonders wichtig.
Eine Jahrhundertfeier wird verschoben
Am 18. März 2009 trafen sich die Vertreterinnen der Frauenorganisationen und Institutionen zur Nachbereitung der 8.-März-Aktionen im Rathaus. Alle stimmten darin überein,
dass es eine gelungene Veranstaltung gewesen war. Die feste Organisationsgruppe hatte
sich bewährt. In der Zwischenzeit waren die meisten Frauengruppen, Frauenorganisationen und Institutionen am 8. März mit eigenen Infoständen vertreten.201 Kritik gab es an
der Presse, „für die nur die Bremer Frau des Jahres interessant [gewesen] sei“.
Die Gewerkschaftsfrauen drängten darauf, für das nächste Jahr frühzeitige Absprachen
zu treffen. Denn der 8. März 2010 fiel auf einen Montag, und damit standen für Aktionen
nur die Zeit des späten Nachmittags und der Abend zur Verfügung – die Gewerkschafterinnen planten aber für 2010 eine große 100-Jahr-Feier des Internationalen Frauentages.
Denn 100 Jahre zuvor hatten die Delegierten auf der zweiten sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen beschlossen, dass die sozialistischen Frauen aller Länder jährlich
einen Frauentag veranstalten sollten. Und die DGB-Frauen berichteten, dass sie aus Anlass dieses 100. Jahrestages im ganzen Gewerkschaftshaus Aktionen planten.202
1990–2010
373
Nach der Sitzung begannen die DGB-Frauen mit den konkreten Vorbereitungen zur
geplanten Festveranstaltung „Hundert Jahre Internationaler Frauentag“. Alle Einzelgewerkschaften wurden angeschrieben und aufgefordert, ihre Archive durchzusehen und
das Material über Frauentagaktionen den DGB-Kolleginnen zuzuschicken.203 Es wurden
Arbeitsgruppen gebildet und Pläne für die Ausgestaltung des Hauses entwickelt. Im Treppenhaus sollten die Dokumente, Plakate und Bilder der einzelnen Gewerkschaften zu
einer Ausstellung über die hundertjährige Geschichte des Frauentages zusammengefasst
werden.
Bis zum September gingen die Organisatorinnen in Bremen davon aus, dass 2010 in
der Bundesrepublik der 100. Jahrestag des Internationalen Frauentages begangen würde.
Auch als es erste Hinweise gab, dass der DGB mit dem Verweis auf die ersten großen
Demonstrationen 1911 den 100. Jahrestag auf das Jahr 2011 festsetzen würde, ließen sich
die Gewerkschafterinnen zunächst nicht beirren.
Dann beschloss der DGB-Bundesfrauenausschuss am 9. September 2009:
„dass im Jahr 2011 ‚100 Jahre Internationaler Frauentag‘ begangen werden soll. Damit beziehen sich DGB und die Gewerkschaften auf das Jahr, in dem die ersten
öffentlichen Demonstrationen und Veranstaltungen stattfanden (1911) und nicht auf
das Jahr, in welchem beschlossen wurde, dass es einen solchen Tag geben soll (1910).“
Das Motto für den 8. März 2010:
„Kurs halten! Gleichstellung“204
Am 16. September traf sich die „Vorbereitungsgruppe 8. März 2010“. Nachdem sich die erste
Aufregung gelegt hatte, herrschte Einigkeit darüber, dass auch in Bremen die 100-Jahr-Feier
2011 stattfinden sollte.205 Und für 2010 organisierten die Gruppen jeweils eigene Veranstaltungen und koordinierten diese untereinander. Die Organisation der Jahrhundertfeier wurde
auf das folgende Jahr verschoben, die Vorbereitungsgruppe stellte ihre Arbeit ein.
Suppenengel begegnet Helene Schweida,
Rosa Luxemburg und Clara Zetkin – Frauentag 2010
Zum Frauentag 2010 war das Veranstaltungsprogramm so umfangreich wie nie zuvor. In
bunter Reihenfolge gab es:
– Stadtteilveranstaltungen;
– Stadtrundgänge;
– eine Theateraufführung, die Multimediale Performance zu Niki de Saint Phalle und ein
Konzert mit Musik von Komponistinnen der Romantik;
– Parteiversammlungen;
– Gottesdienste und feministische Kritik religiöser Texte;
– eine Talkrunde zur aktuellen Situation von Lesben und Schwulen;
374
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
– Berichte zu Frauenleben in Nairobi, in der Westsahara und Palästina;
– eine Aktion von Frauen der Universität Bremen zu Kunst – Frauen – Technologie.
– Den Abschluss bildeten am 26. März ganztägige Aktivitäten rund um den Marktplatz
zum „Equal Pay Day“ organisiert vom Business and Professional Woman Club Bremen.206
Zum Festakt des Bremer Frauenausschusses am 8. März 2010 waren in der oberen Rathaushalle wieder mehrere hundert Frauen gekommen. Die Preisträgerin war in diesem
Jahr Zia Gabriele Hüttinger. Der Suppenengel, Gabriele Hüttinger, gehörte mit ihren HelferInnen zum Innenstadtbild Bremens. Sie war zur Frau des Jahres gewählt worden, „weil sie
sich in besonderem Maße für die Rechte und das Wohl bedürftiger Menschen einsetzte“.207
Seit fast 13 Jahren versorgte sie viermal in der Woche Obdachlose und Hilfsbedürftige mit
Suppe, Salat, Brot und Obst. Sie kochte die Suppe in der Küche einer Kirchengemeinde
in der Bremer Neustadt, unterstützt von einer Gruppe Ehrenamtlicher. Gemeinschaftlich
wurde das Essen mit Lastfahrrädern zu bestimmten Zeiten an festgelegte Orte der Stadt
gebracht und verteilt. Doch Gabriele Hüttinger gab nicht nur Suppe aus, vor dem Einbruch
der Frostperiode verteilte sie auch Schlafsäcke an Bedürftige. Und sie half beim Ausfüllen
von Anträgen und begleitete die AntragstellerInnen bei Behördengängen, wenn es nötig
war.208 Sie verteilte, wie sie selbst es nannte, „Suppe der Hoffnung“209.
Renate Meyer-Braun berichtete über den Lebensweg dieser Frau, die sich mit ihrer
Arbeitslosigkeit nicht abfand und das soziale Projekt „Initiative für Obdachlose und Bedürftige e.V.“ geschaffen hatte – das schon bald von den Obdachlosen nur noch „die Suppenengel“ genannt wurde. Nach dem Festakt machte sich die Mehrheit der Teilnehmerinnen auf den Weg zum Gewerkschaftshaus.
„Frauen erkämpf(t)en ihren Tag“210 lautete der Leitspruch für die Veranstaltung der DGBFrauen. Die Frauen wollten zurückblicken auf die vergangenen Kämpfe und zugleich sollte
der Blick nach vorn auf die Herausforderungen und Kämpfe der Gegenwart und der Zukunft gerichtet werden.
Bereits die Plakate im Treppenhaus und auf der Galerie gaben einen Einblick in vergangene Aktivitäten der Frauenbewegung. Und in ihrer Begrüßungsrede spannte Annette Düring, Vorsitzende des DGB Bremen/Elbe Weser, den Bogen von den Anfängen des Internationalen Frauentages zu den gegenwärtigen Problemen. Sie stellte fest, dass Frauen,
gemessen an den Verhältnissen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, einiges erreicht hätten.
Aber viele alte Themen bestünden bis heute. Frauen verdienten im Durchschnitt 24 Prozent weniger als Männer, und diese hielten immer noch die entscheidenden Führungspositionen besetzt. „Und“, fuhr sie fort, „Frauen tragen dann auch noch ein erhöhtes Risiko der
1990–2010
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Altersarmut.“ Allein schon diese kurze Auflistung zeige, dass Frauen noch lange nicht am
Ziel angekommen seien. „Da ist noch viel zu tun und wir gehen weiter und bleiben beharrlich“, rief sie den Frauen im überfüllten Clara-Zetkin-Saal des Gewerkschaftshauses zu.211
Im Festvortrag referierte Dagmar Stuckmann über die Entstehungsgeschichte des
Internationalen Frauentages, über die gesellschaftlichen Verhältnisse und die politischen
Bedingungen, die die Delegierten auf der Frauenkonferenz in Kopenhagen 1910 veranlasst
hatten, einen Kampftag der sozialistischen Frauen zu beschließen.212
Nach dem Referat hatten die Theaterfrauen der Gruppe Interaktiwo das letzte Wort. Sie
waren in die Rollen von Clara Zetkin, Rosa Luxemburg und der Bremerin Helene Schweida,
verh. Kaisen, geschlüpft, und kommentierten die Geschichte der Frauenbewegung in Bremen. Damit waren die Besucherinnen auf die Jahrhundertfeier im Jahr 2011 eingestimmt.
Zwischenbilanz
Im Verlauf der vergangenen zwanzig Jahre hatte sich das Erscheinungsbild des Internationalen Frauentages gewandelt. Die Zahl der beteiligten Gruppen und Akteurinnen war
gewachsen und die Kommunikationsstrukturen hatten sich diesen Veränderungen angepasst. Zugleich entdeckten die Frauen den Frauentag als Ereignis mit einer eigenen
Geschichte. In Bremen wurde der Tag mittlerweile als traditioneller Gedenktag der Frauenbewegung wahrgenommen.
Zu Beginn der 1990er Jahre gehörten spektakuläre Straßenaktionen und Demonstrationen mit maskierten Teilnehmerinnen zum Frauentag. Auch die politischen Veranstaltungen waren häufig kreative Inszenierungen. Und die Frauenfeste waren alljährlich besondere Höhepunkte. Im Jahr 2010 hatten sich die Frauen zu einem Festakt in der oberen
Rathaushalle versammelt. Begrüßt durch die Senatorin feierten sie die Frauen des Jahres.
Im Anschluss daran gab es im DGB-Haus einen langen historischen Vortrag. Die Organisatorinnen waren damit zu tradierten Versammlungsformen zurückgekehrt. Doch zugleich
376
Der Internationale Frauentag im vereinigten Deutschland
hatten die Frauen diese Formen mit eigenen Inhalten gefüllt. Und auf den Podien und in
den Diskussionsforen saßen qualifizierte Fachfrauen, die ihre Positionen und Forderungen
in der Öffentlichkeit engagiert vertraten.
Der Internationale Frauentag umfasst jedes Jahr ein vierwöchiges Veranstaltungsprogramm, in dessen Mittelpunkt die zentralen Aktivitäten im Rathaus und im Gewerkschaftshaus stehen. Außerdem gibt es über die gesamte Stadt verteilt ein Frauenprogramm mit Angeboten zu Kunst und Kultur, Politik und Gesundheit, zum Mitmachen, Zuhören, Treffen und
miteinander Reden. Und die Liste der Trägerinnen umfasst nahezu alle Frauenverbände und
Institutionen, die mit Frauenpolitik oder mit Frauenthemen befasst waren. Der Internationale Frauentag ist zum zentralen Treffpunkt geworden. Seitdem sich die Aktionen zeitlich und
räumlich ausgedehnt haben und die Zahl der Akteurinnen ständig zugenommen hat, ist die
ZGF eine wichtige Schaltstelle für die Organisierung der Frauentagswochen. Bei ihr laufen
die Fäden zusammen, alle Veranstalterinnen, die sich am Programm des 8. März beteiligen
wollen, melden dort ihre Angebote an, und die ZGF übernimmt auch die Zusammenstellung
im Veranstaltungskalender und dessen Veröffentlichung.
Angesichts der Vielfalt der Frauenorganisationen und der unterschiedlichen Interessen
haben die politischen Stellungnahmen der Frauenbeauftragten eine besondere Bedeutung gewonnen. In ihren Erklärungen, die in den Medien am 8. März besondere Beachtung
finden, führt sie die Themen der Frauen zusammen, formuliert Schwerpunkte und nennt
die zentralen Forderungen.
Zugleich hat sie die Moderation und Koordination bei der Vorbereitung und Durchführung der zentralen 8.-März-Veranstaltungen übernommen. Bei den Vorbereitungen zeigen
sich Veränderungen durch die neuen Kommunikationsstrukturen: Statt der langen Aushandlungsprozesse in den Bündnisverhandlungen früherer Jahre mit ungewissem Ausgang, arbeitet jetzt eine Koordinationsgruppe mit festen und verbindlichen Strukturen an
der Entwicklung und Umsetzung eines Veranstaltungskonzeptes. Nach wie vor steht am
Anfang die politische Debatte über das Leitthema, in dessen Rahmen dann die Veranstalterinnen ihre eigenen Beiträge entwickeln.
Auch im Themenspektrum und für den Forderungskatalog gibt es neue Akzente. So
fehlt immer noch ein Antidiskriminierungsgesetz, das Frauenförderpläne auch für die privaten Unternehmen und Quotierungen bei den Führungspositionen vorsieht. Daher hat
eine Reihe von Abgeordneten zusammen mit Gewerkschafterinnen eine Initiative für eine
Frauenquote bei der Besetzung von Aufsichtsratsmandaten gestartet. Außerdem richtet
sich die Kritik gegen den Um- und Abbau des Sozialstaates, der besonders die Arbeitsund Lebensbedingungen der Arbeitnehmerinnen verschlechtert.
Sehr viel präziser als in früheren Jahren wird am 8. März die Forderung nach der Beteiligung an der Macht formuliert. Diese Forderung stimmt mit den Ansprüchen und Erwartungen der jungen Frauengeneration überein. Allerdings zeigen die jungen Frauen sonst
wenig Inter