Raphael Zweifelvon 3p im Gespräch

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Raphael Zweifelvon 3p im Gespräch
Macintosh, Atari, Cello, Hip-Hop
Raphael Zweifel von 3p im Gespräch
Mit dem Einsatz virtueller Synthesizer ist in der Musik die zweite Revolution seit dem Start des MIDI-Zeitalters
bereits in vollem Gange. Umso angenehmer ist der Einsatz echter Instrumente zwischen all der Studiotechnik.
Thomas Raukamp unterhielt sich mit Raphael Zweifel, Cellist beim Hip-Hop- und Soul-Label 3p, Produzent so erfolgreicher Acts wie Sabrina Setlur, Glashaus, einstmals Xavier Naidoo und dem legendären Rödelheim Hartreim
Projekt. Wie hier (Macintosh-)Technik und Akustik zusammenlaufen, lesen Sie in unserem Interview.
ML / Raphael, wie ist es, mit echten
Stars zusammenzuarbeiten?
Raphael / Ein echter Star ist für mich
jemand, der seine Kunst mit viel Liebe
tut und diese mit einer professionellen Attitüde ausübt. Zur Professionalität
gehört eine konkrete Vorstellung von
dem, was man erreichen will, Pünktlichkeit und die Gabe, sich hundertprozentig konzentrieren zu können und dabei
trotzdem locker zu bleiben, wenn es
darauf ankommt. Diese Fähigkeiten habe
ich zum Beispiel bei Cassandra Steen,
Moses Pelham und Martin Haas, sprich:
Glashaus, auch ausmachen können. Deswegen macht mir die Arbeit mit ihnen
sehr viel Spaß. Die Proben werden aufgenommen, um dann von Moses himself
analysiert zu werden, damit am folgenden Probetag die Fehler oder Stücke, bei
denen irgendwo der Soul fehlt, verbes-
sert werden können.
Der Unterschied zwischen der Arbeit
mit guten Musikern, die aber keine Stars
sind, und den „echten“ Stars liegt wohl
darin, dass, sobald ein Starlevel erreicht
ist, weniger Zeit da ist, einen kreativen
Prozess voll auszuleben, da die zu realisierende Musik irgendwie kommerziell
verwertbar sein soll und normalerweise
alles schnell gehen muss – Stückeauswahl, Vorproduktion, Aufnahmen, Veröffentlichungstermin, Tour, ...
Man muss kein Virtuose sein, um
wunderbar Musik machen zu können.
Das Wissen um die eigene Kreativität ist
der Schlüssel zum künstlerischen Erfolg.
ML / Welche Instrumente spielst du
neben dem Cello?
Raphael / Das ist lustig, denn du
nennst Heather Nova, die – wenn ich
mich richtig erinnere – 1994 ihre SirenTour mit dieser Cellistin machte. Ich habe
ihr Konzert in Frankfurt in der Batschkapp gesehen. Das war einer der wichtigen Momente für mich, während derer
ich mir sagte: „Ja, ich möchte auch einmal Cello in einer Popband spielen!“
Raphael / Ich spiele auch E-Bass, EGitarre, Klavier und ein bisschen Schlagzeug. Meine neue musikalische Liebe ist
der Gesang – kein Wunder, wenn man
live neben einer der schönsten Stimmen
Deutschlands sitzt (lacht).
Glashaus live: Raphael
Zweifel, Cassandra Steen
und „der gute Geist“.
ML / Interessant, dass du das Cello
vornehmlich in der populären Musik einsetzt. Ich habe das live auch bei Heather
Nova gesehen, was mich sehr beeindruckt
hat. Wie bist du gerade in die „U-Musik“
reingerutscht, Cellisten sind ja doch eher
in der „E-Musik“ beheimatet?
04.2003
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ML / Das derzeit angesagteste Projekt, für das du derzeit arbeitest, ist
ohne Zweifel „Glashaus“ von dem Frankfurter Label 3p. Wie kam der Kontakt mit
Moses Pelham zustande?
Raphael / Das lief alles flott über
Willy Wagner, dem 3p-Bassisten, den ich
während meines Studiums in Frankfurt
kennen lernte und welchem ich einmal
sagte, dass 3p, falls sie einmal ein Cello bräuchten, nicht zögern sollen, mich
anzurufen.
ML / Glashaus ist ja ein Projekt, das
eher eine minimalistische Instrumentierung bevorzugt. Wird bei den Produktionen daher auch weniger Technik beansprucht?
Glashaus pur: Moses
Pelham, Cassandra
Steen, Martin Haas.
ML / Auch sonst wird in der populären Musik gern wieder auf „echte“
Streicher zurückgegriffen, obwohl die
heutigen Sampler und Synthesizer vom
reinen Klangmaterial her eigentlich perfekt sind. Kannst du einen Trend erkennen? Warum sind echte Musiker wieder
stärker gefragt?
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Raphael / Da bin ich nicht ganz deiner Meinung. Es ist wohl die Durchsichtigkeit dieser Pelham-/Haas-Produktionen, die die Musik minimalistisch erscheinen lässt. Hört man wirklich genau
hin, wabern da unzählige kleine und
größere Fragmente durch Raum und Zeit.
Bei der Produktion wurde genau dieselbe Technik benutzt wie bei anderen 3pProduktionen von Moses und Martin.
ML / Wie sieht diese Technik aus?
Raphael / Du sagst „perfekt“. Da
liegt genau der Ansatz zur Antwort:
Menschen sind nie perfekt. „Perfektes“
Klangmaterial klingt unmenschlich. Will
ein Künstler dies als Stilmittel ausnutzen,
Raphael / Zwei Macintoshs, einmal
mit Cubase für das MIDI-Sequencing
und ProTools TDM für den Audiobereich.
Ich glaube, Martin arbeitet mit Cubase,
weil er zu Atari-Zeiten schon mit Cubase
braucht er keinen atmenden Musiker.
Betrachtet man den Trend in der Popmusik, ist eindeutig wieder der menschliche
Groove gefragt. Bei der Produktion der
letzten Glashaus-Platte „Jah Sound System“ beispielsweise haben wir das Cello bei fast allen Stücken mit eingebaut.
Manchmal ist es aber beinahe unhörbar und drückt sich vor allem als „guter Geist“, als ein spezielles Vibe, aus.
Filmmusikkomponisten arbeiten sehr oft
so: Der komplette Score wird mit Samplern und Synthesizern aufgenommen
und dann von einem Streichquartett und
den entsprechenden Bläsern gedoppelt.
So erhält man den vollen Klang eines
Orchesters mit einem minimalen räumlichen und finanziellen Aufwand.
hantierte.
ML / Du selbst bevorzugst ja Atari-Computer bei der Musikproduktion.
Weshalb haben diese technisch zum Teil
veralteten Geräte deiner Ansicht nach
immer noch einen so hohen Stellenwert
in der Musikproduktion?
Raphael / Da sage ich dir nichts
Neues: Die Teile sind, was MIDI-Timing
betrifft, mindestens so gut, manchmal
besser und vor allem leichter zu handhaben als aktuelle Systeme – echtes Plug
& Play eigentlich. Betrachtet man den
MIDI-Teil eines der „großen“ Programme
wie Logic, Digital Perfomer oder Cubase,
hat sich nicht viel verändert, außer die
Möglichkeit, den Bildschirm mit Tausenden von Farben voll zu kleckern. Zudem
finde ich, dass Atari definitiv auch einen
guten Vibe besitzt, ein Feeling, was mir
von keinem anderen Computer geboten wird: Einfachheit, Gutmütigkeit (gab
es je einen robusteren Computer?) und
nach all den Jahren schon so etwas wie
eine Persönlichkeit. Gerade diese Komponente sollte man nicht unterschätzen:
Denkt man an die Schulzimmer, in welchen man normalerweise Jahre seiner
Kindheit verbrachte, fällt sehr schnell
auf, dass in angenehmen, einfachen,
gut riechenden Räumen viel besser gelernt, und dass gute Konzentration viel
eher erreicht wird, als in einer überladenen und chaotischen Umgebung
– der „Menschen-Faktor“ ist hier also
sehr wichtig. Atari ist menschlich, einfach, ehrlich. Wenn ich die Entwicklung
des neuen Apple-Betriebssystem OS X
ML / In einem älteren VIVA-Bericht
über das Rödelheim Hartreim Projekt ist
auch öfters ein Atari im Bild. Weißt du,
wie intensiv 3p den Atari eingesetzt hat?
Raphael / Da ich erst seit 2001 ein
3p-Musiker geworden bin, kann ich das
nicht mit hundertprozentiger Sicherheit
sagen. Ich weiß jedoch, dass der erste Sabrina Setlur-Longplayer vollständig mit Hilfe eines Atari entstanden ist.
Beim zweiten Album wurde der Atari für
das MIDI-Sequencing und ein Mac für
ProTools verwendet.
„Live in Berlin“ bringt die Spannung und
Atmosphäre, die in der Musik von Glashaus liegt, erst richtig rüber. Wer das „Jah
Sound System“ live verpasst hat, sollte
sich die Atmosphäre ins Haus holen.
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betrachte, komme ich nicht umhin zu
denken, dass diese „Ehrlichkeit“ abhanden kommt: Ohne stundenlanges Lernen
von Unix-Befehlen wird es unmöglich,
die Struktur und den Unterbau unter
den Programmen zu verstehen. Einfach
ist die Oberfläche, und sofern man nicht
den neuesten G4 besitzt, auch unglaublich langsam, was den Grafikaufbau auf
dem Bildschirm betrifft.
ML / Was hältst du überhaupt von
der Entwicklung, dass Software im Studio immer wichtiger wird? HardwareSynthesizer sind ja klar auf dem Rückzug, Software wird immer flexibler und
verbreiteter ...
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Tagen vor einer neuen Tour statt und
sind dann jeweils ziemlich intensiv.
ML / Setzt ihr auf der Bühne auch
Sequenzer ein?
Raphael / Sequenzer setzen wir live
nicht ein. Alle Samples, die von einer
Akai MPC3000 und einem Kurzweil kommen, werden live von Moses und Maze,
dem Glashaus-Keyboarder, angetriggert.
ML / Gary Numan sagte einmal, dass
er vor kurzem vom Atari auf den Mac
umgestiegen sei, und dass er (Zitat)
Raphael / Da immer mehr Musiker
ihre eigenen Studios zu Hause besitzen, ist dieser Trend schon einmal sehr
positiv, da immer weniger Equipment
herumstehen muss und alles im Computer machbar ist. Aber wie gesagt, man
haucht einer Musik durch Flexibilität al-
„Scheiße, nicht wüsste, ob das ein Fehler war“. Angeblich stürzen seine Macs
bei jeder Gelegenheit ab. Ich selbst
lein noch keine spezielle Note ein. Neulich hatte ich wieder einmal die Gelegenheit, VIVA und MTV in Deutschland zu
nen Seite haben wir reine Money-Maschinen wie Bro´Sis, auf der anderen
Seite gibt es auch wieder Hoffnungsträ-
habe den Schritt vom Mac zurück zum
Atari ganz bewusst gemacht, da der No-
gucken. 80 Prozent der Musik erschien
mir völlig überflüssig, ohne Persönlich-
ger wie Alicia Keys. Steht die Branche
still?
tator auf dem Atari mir eigentlich schon
alle Funktionen bietet, die ich als Musiker brauche. Ist die Musikwelt deiner
Ansicht konstanter in der Auswahl eines
Computersystems?
keit. Darin sehe ich auch das Dilemma
der Plattenfirmen, die nur auf das Geld
aus sind: Ein neuer Act soll möglichst
erst einmal nach einem anderen schon
erfolgreichen klingen. Die Optik wird zur
Überoptik (mit Gruß an Illmatic), und die
Musik ist ein nettes Beigemüse.
Raphael / Ich finde schon: Never
change a winning team! Eigentlich ist es
ML / Wie siehst du den derzeitigen
Stand der populären Musik? Auf der ei-
Raphael / Ich finde, dass die Branche zurzeit ziemlich still steht, die Musik
jedoch nicht. Den Plattenfirmen fehlt es
eindeutig an Mut zum Risiko, weil sie es
nicht mehr eingehen können, da die
nötigen Gelder fehlen. Einen Flop kann
sich niemand mehr leisten. Leute wie
ja egal, mit welchem Computersystem
man arbeitet, solange es den eigenen
Ansprüchen gerecht wird. Das Problem
liegt darin, dass durch die Presse der
einschlägigen Musikmagazine dem Musiker weisgemacht wird, welche Ansprüche er haben soll, und dass gute Musik
nur mit neuestem Equipment realisierbar
ist – aus meiner Sicht der totale Trug-
ML / Du hast gerade die sehr erfolgreiche „Jah Sound System Tour“ (dokumentiert auf dem aktuellen Live-Album)
mit Glashaus hinter dir. Welche Eindrücke haben dich diesmal besonders geprägt?
schluss. Nimm nur die erste Beck-CD:
Der Hammer, der kreative Prozess ist
auf einer Vierspur entstanden. Spinnt
man den Faden weiter, kommt man nicht
umhin, an einen der berühmten Komponisten klassischer Musik zu denken,
zum Beispiel Mozart. Er würde heute
bestimmt auch die verlockenden Möglichkeiten der Computer nutzen. Aber
würde seine Musik besser damit? Jede
ren Tour wirklich eine Band geworden
sind. Im Jahr 2001 wurde die Band nach
dem Erfolg von „Wenn das Liebe ist“ im
Schnellzug-Tempo zusammengestellt
und hatte noch nicht ganz die Tightness,
die wir auf der vergangen Tour ausspielen konnten. Und es ist immer ein spezieller Moment, zu Tränen gerührte Menschen im Publikum zu erkennen ...
derzeit so gering ist, dass die Industrie
aus eben diesem Grunde zusammenbricht? Ich finde, das Kopieren durch CDs
und MP3 allein verantwortlich zu machen, ist eine billige Ausrede ...
neue technische Errungenschaft birgt
eine Folge von Reaktionen in sich, die
man schlussendlich einfach als Veränderung bezeichnen kann. Ich könnte somit sagen: „Veränderung = Fortschritt“,
also „Neuestes Super-Plug-in (und den
neuesten Dualprozessorsuperpentium) =
Fortschritt“. Wird dadurch die Tiefe, das
Universum einer Musik, besser, tiefer?
ML / Ein Höhepunkt von „Live in Berlin“ ist ja auch diesmal „Wenn das Liebe
ist“, bei dem neben Cassandras Stimme
dein Cello weit im Vordergrund steht. Erfordert so ein „Duo“ lange Proben?
10 Jahren. Das Problem liegt darin, dass
immer weniger Musiker – ein Kreis von
„ausgewählten“ Superstars – immer
mehr verkaufen, und dass unbekanntere
Künstler immer weniger, oft nur wenige
Tausend Kopien, von ihren Tonträgern
verkaufen können.
Raphael / Ich hatte den Eindruck,
dass wir mit dieser zweiten, größe-
Raphael / Nicht wirklich, da wir uns,
was Tempi und das Arrangement betrifft,
an die Vorgabe des Albums halten. Unsere Proben finden ungefähr an sieben
Kritischer E-Musiker in der
U-Musik: Raphael Zweifel.
Alicia Keys und Vanessa Carlton finde ich
super, weil sie einen künstlerischen Anspruch an ihre Musik haben, ihre Instrumente beherrschen und zudem noch
eine gewisse Persönlichkeit zeigen.
ML / Wie stehst du zur ganzen „Copy
kills Music“-Diskussion? Ist es nicht so,
dass die allgemeine Qualität der Musik
Links_
http://lozee.free.fr/
www.3-p.de/
www.imglashaus.de/
Raphael / Da stimme ich dir zu. Es
ist ja auch bekannt, dass in absoluten
Zahlen gesehen nicht wesentlich weniger CDs verkauft werden als noch vor
Das Interview führte Thomas Raukamp.
04.2003