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Keine tricky-electronic-miracle-gimmicks:
Selten ist der Alteisen-Charme so überwältigend wie
bei diesem Sowjet-Stück. Durchatmen und genießen
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BIKERS NEWS
Januar
Das hier ist noch echtes Eisen.
Es verkörpert darüber hinaus eine
Menge sozialistischer Tugenden
J
ens lebt zwar im Westen unserer Republik,
ist aber nach wie vor bekennender Ossi.
Für ihn zählen die Tugenden, die auch
im Osten erforderlich waren: Starke Nerven,
Ausdauer, Erfindungsgeist und Freunde. „Der
heutigen Szene“, so meint er, „geht’s doch nur
noch darum, sich mit den Namen berühmter
Customizer zu schmücken. Aus deren Regal lässt
man sich sein ganz persönliches Bike einfach
zusammenstellen.“
Jens war noch kurz vor der Maueröffnung im
Jahr 1989 die Flucht über die Prager Botschaft
gelungen. Zuvor hatte er sein Motorrad in
Dresden eingemottet und durch Kaufverträge
mit Bekannten sein zurückgelassenes Eigentum
gegen die Enteignung durch die Stasi geschützt.
Im Westen hatte er mit eisernem Sparen schnell
seinen Traum von der eigenen Harley verwirklicht: Eine Shovelhead Wide-Glide, nach seinen
Vorstellungen umgebaut und bis nach Schottland
und Irland gefahren.
Eine M 72 namens
„Molotov“
Aber die Leute rund um den Harley-Kult
gingen Jens auf den Sack. Er dachte viel an
sein altes Motorrad, das er beim MC Red
Sun Rider in Dresden gefahren hatte. Und er
dachte an den willensstarken Protagonisten
des Buches „Wie der Stahl gehärtet wurde“.
Jens wollte sich mal wieder durchbeißen und
das eingemottete Motorrad in Dresden wieder
zum Leben erwecken. Es war eine russische
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Nikolai Alexejewitsch Ostrowski:
„Wie der Stahl gehärtet wurde“
Foto: Fenz
Nikolai Ostrowskis Buch „Wie der Stahl gehärtet wurde“ war Pflichtlektüre
in allen DDR-Schulen. Es erzählt von der Oktoberrevolution 1917 und vom
nachfolgenden Bürgerkrieg in Russland. Der Hauptdarsteller des Buches
ist Pawel Kortschagin, ein Mann mit nie schwindender Hoffnung, Disziplin
und Ausdauer. Mit vierzehn Jahren wird er Revolutionär und ein Jahr später
Mitglied der Roten Armee. Schwere, mehrfache Verwundungen bringen
ihn jung außer Gefecht. Mit seinem eisernem Willen kompensiert er seine
körperliche Hilflosigkeit. So wird für Pawka die Arbeit im Kommunistischen
Jugendverband „Komosomol“ zur neuen Front: „Das Kostbarste, was der
Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und leben
soll er so, dass nicht sinnlos vertane Jahre ihn schmerzen ...“
Das ist natürlich Propaganda-Literatur. Die stalinistischen Säuberungen
werden in diesem Buch nicht mehr geschildert, denn dann verbrachten
fast alle Revolutionäre der ersten Stunde sinnlos vertane Jahre in sibirischen Lagern.
Geschmackssache:
Die Lochblechverstrebung des hinteren
Fenders. Das Dioden-Rücklicht ist
irritierend modern
Kopie der seitengesteuerten BMW R 71. Sie
wurde von der Irbiter Motorradfabrik unter
der Bezeichnung M 72 gebaut. In der Szene
nannte man sie „Molotov“.
Seine Maschine konnte sogar eine gut
dokumentierte Geschichte aufweisen. Sie war
von 1954 bis 1965 in der russischen Armee
gelaufen, danach ein Jahr als Gespann bei der
DDR-Polizei, und von 1966 bis 1987 war das
Gespann der Lastesel eines Dachdeckerbetriebs.
Dort hatte es „Bubi“, ein Member des Charon
Limbach/Oberfrohna, abgestaubt. Doch Bubi
musste vor Jens die DDR verlassen. So war 1988
Jens Schlecht zum Besitzer geworden.
Noch im Osten hatte Jens das seltene Stück
über Beziehungen nach Westdeutschland und
Umwege über die Tschechei mit WisecoKolben, Zylinderkopfdichtungen mit Kupfereinfassung und mit neuem Lack aufgerüstet.
In der DDR war dafür kaum ein Ersatzteil
aufzutreiben.
Die PneumatikKlemmverbinder
funktionieren
auch in der
Spritleitung
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Ersatzteile in
Eigenfertigung
Und irgendwann nach dem Mauerfall lagen auf
der Veterama diese derben Reifen herum. Die
würden ja hervorragend zur M 72 passen! Die
russische Qualität erschien Jens nun unbrauchbar. Denn im Westen waren Materialbeschaffung und Zugang zu den Werkzeugmaschinen
einfacher geworden. Ersatzteile stellte der
Maschinenbauer selbst her.
Die Räder kamen als erstes dran. Die maroden
Kegelrollenlager aus der Hinterradnabe tauschte
Jens gegen geschlossene Rollenlager. Genau
eingepasste Zwischenhülsen sorgen jetzt für den
satten Sitz der modernen Lager. Eine 16 Zoll
Harley-Felge passte über die Hinterradnabe.
Muss an dieser Stelle erwähnt werden,
dass nicht nur die Russen, sondern auch
Harley-Davidson mit der XA-Flat Twin einen
Auch ein Flathead:
Die Seitenventil-Motoren der alten
deutschen und russischen Boxer
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Dell’Orto-Vergaser ersetzen
die russischen
Kopien. Die
dürfen nun durch
offene K&N-Filter
schnorcheln
Zwei Seilzüge
gespart:
Der Choke wird
nun direkt am
Vergaser betätigt
Nachbau der BMW R 71 im Programm hatte?
Und dass die Chinesen einen Nachbau des
Nachbaus noch heute fertigen? Derzeit wären
Ersatzteile gut zu kriegen. Aber zu Beginn seiner
Arbeiten war Jens vollständig aufs Selbermachen eingeschossen.
Für das Vorderrad hatte er schon zu OstZeiten eine Bremsnabe des MZ Zweitaktboxers
BK eingebaut. Der Radspanner Peter Böhm
punzte und bohrte ihm einen passenden Felgenring, fertigte geeignete Speichen und verstärkte
sogar die Stellen der Doppelsimplex-Trommel,
an denen der hohe Magnesiumanteil im Alu
Altersschwäche erzeugt hatte.
Leistungssteigerung
im BMW-Gehäuse
Nächste Zielsetzung war Leistungssteigerung,
aber die verkraftet ein russisches Gehäuse kaum.
Ein fast identisches BMW R 71-Gehäuse samt
Kurbelwelle kam als Ersatz ins Spiel.
Der Radspanner Peter Böhm
punzte und bohrte eine
passende Felge für die Doppelsimplex-Bremstrommel
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Die Strömung der flachen Zylinderkopfdeckel wurde optimiert. „Gussklumpen“
nennt Jens die SV-Zylinder, in denen Ein- und
Auslasskanal integriert sind. Die Auslassventile
am Seitenventilmotor brennen gerne fest. Deshalb hatte Jens den Grauguss ausgebohrt, neu
gefertigte Ventilführungen eingepresst, BleifreiVentilsitze gedreht, die Zylinder ausgespindelt
und die Ringe eingepresst … und dann noch
passend gemachte LKW-Ventile eingebaut.
Die russischen Vergaser hatten leistungsfähigeren Dell’Ortos mit CNC-gefertigten
Ansaugstutzen zu weichen. Die Kaltstarteinrichtungen baute Jens von Seilzug auf Direkt-
betätigung um. Ungewöhnlich sind auch die
Benzinleitungsanschlüsse: Die abgeänderten
Klemmverbinder aus Aluminium kommen
normalerweise in Pneumatik-Anlagen zum
Einsatz.
Die schwache 6 Volt Lichtmaschine ersetzt
eine 12 Volt Lima vom Trabi. Statt über Keilriemen muss sie über die Steuerräder angetrieben
werden, und für die dickere Trabant-Lichtmaschine war das Gehäuse auszuspindeln. Als
Antriebselement ist nun ein originales Zahnrad
auf den Zapfen der neuen Lima angepasst.
Urzeitlich mutete die Getriebe-Schaltwippe
an. Hier baute Jens auf moderne Schaltkinematik
Den Starrrahmen
der ersten
Boxer folgte
eine Geradwegfederung. Die
Schwinge kam
später
Die maroden
Kegelrollenlager
aus der Hinterradnabe tauschte Jens
gegen geschlossene Rollenlager.
Genau eingepasste
Zwischenhülsen
sorgen jetzt für
den satten Sitz der
modernen Lager.
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mit japanischen Innereien um. Der Alu-Anguss
für den Luftfilter auf dem Getriebe wurde
abgeflext. Die Vergaser schnorcheln nun durch
K&N-Filter.
Die Kupplung arbeitet jetzt mit erleichterter
Masse und verstärkten Federn. Wer nach dem
Ausrückmechanismus sucht, findet ihn unten
mit neu entwickelter Mechanik.
Dank für
Solidarität
Jens wird erst mit der Aufzählung bewusst,
wie viel Arbeit er in sein Projekt gesteckt
hat. Seinen Stahl hat er mit eiserner Disziplin
gehärtet, aber auch mit Solidarität. Auch das
war ja so ein Schlagwort des real existierenden
Sozialismus. Und so erlauben wir es Jens noch
ausnahmsweise, einen persönlichen Gruß zu
entrichten: „Mein Dank gilt allen, denen ich
auf die Nerven gegangen bin, besonders Pawel
Beeg, meinem alten Freund.“
« Text: Horst Heiler
Fotos: Rost / Heiler
Eine Bewerbung
für unsere Bikeshows kann sich
lohnen: Die StudioFotos entstanden
auf unserer Bikeshow am Rande
der „Faszination
Motorrad“
Die 19. Faszination
Motorrad findet
vom 22. bis 24.
Januar 2010 in der
Messe Karlsruhe
statt.
www.faszinationmotorrad.de
Technische Daten
SpEciALS
CHASSiS
pOwERtRAin
Molotov M 72
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Hersteller ............ Irbiter Motorradfabrik
Baujahr.................. 1954
Besitzer ................. Jens Schlecht
Motor .................... Basis BMW R 71
Hubraum ............. 750 ccm
Zylinder................ SV, modifiziert
Kolben................... Schmiedekolben von KS
Zylinderköpfe ... R 71, strömungsoptimiert
Kurbelwelle ........ R 71, feingewuchtet, neu gelagert
Nockenwelle ..... optimiert
Ventile ................... LKW Ventile, bleifrei, seitengesteuert
Gehäuse............... modifiziert für Trabant.................................. Lichtmaschine
Zündung .............. Spezialanfertigung Laubersheimer
Ölsystem ............. optimiert
Vergaser ............... Dell’Orto
Luftfilter ............... K&N
Auspuff ................. Jens Schlecht Eigenbau aus
.................................. Edelstahl, geschwärzt
Getriebe .............. modifiziert
Primärtrieb......... über Kupplung / Schwungmasse
Kupplung ............. erleichtert / Zweischeibenkupplung
Sekundärtrieb... Kardan mit Soloübersetzung
Gabel ..................... Harley-Davidson
Gabelbrücken ... Jens Schlecht, Aluminium
Tauchrohre ......... H-D, modifiziert
Standrohre ......... H-D, gekürzt
Lenker ................... Jens Schlecht Eigenbau,
.................................. Durchmesser 27, Züge innenliegend
Federbeine ......... Geradwegfederung
Rad vorn .............. Spezialanfertigung Peter Böhm
Rad hinten .......... Harley-Davidson 3x16“
Bremse vorn...... MZ BK 350, Doppelsimplex
Bremse hinten .. Original Molotov Halbnabe
Lack ........................ Toplac Dresden,
.................................. Schwarzmatt Strukturlack
Tank ........................ Honda Bol d’Or, modifiziert
Elektrik .................. Eigenbau, Regler von Data Kleiber
Lampe ................... Traktor
Rücklicht .............. Detlev Loius
Armaturen.......... Außenzughebel
Sitz .......................... Eigenbau aus Aluminiumblech
Lederarbeiten ... Lederwerkstatt Jochen Vonier,
.................................. Neckargemünd
Fußrasten ............ Eigenbau
Verkleidung ........ Eigenbau, aus Lochblech
.................................. und Rundstahl
Schutzbleche ..... Eigenbau, Kotflügelfragmente vorne
.................................. von Harley-Davidson
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Die Elektrik rüstete
Jens auf 12 Volt um. Damit die
größere Trabant-Lichtmaschine
passt, musste der Antrieb geändert und die Gehäuse-Bohrung
ausgedreht werden
Der Mann schraubt und fährt noch selbst:
Jens Schlecht, bekennender Ossi und genialer Schrauber
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