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K.WEST
ISSN 1613-4273
NO.01
JANUAR 2009
4,50 EURO
Das Feuilleton für NRW
Zukunftsmusik: Martin Stadtfeld und Hans Werner Henze //
Porträt: Sarah Viktoria Frick // Projekt Kunst: Joseph Beuys //
Monty PythonMusical in Köln // DesignTalente auf der Möbelmesse //
Termine und Tipps
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Leben mit der
Zwischenlösung
Das Museum für Angewandte Kunst in Köln zeigt
Wohnen »In deutschen Reihenhäusern«
Fotos: Deutsche Reihenhaus AG / Marc Räder
bis 18. Januar 2009
Text: Andrej Klahn
// Das Reihenhaus hat bekanntlich ein Imageproblem. Das lässt sich an der Architektur derartiger Heime festmachen, mehr noch aber an
den unterstellten Lebensformen ihrer Bewohner.
Das geht in etwa so: Wer zwei seiner eigenen vier
Wände mit dem Nachbarn teilt, verreist in der
Regel auch pauschal in den Urlaub. Samstags ist
Waschtag im Carport, sonntags werden Hochleistungen am Grill erbracht. Aus den handtuchgroßen Vorgärten grüßen Gartenzwerge, und
in den piccobello Hobbykellern sensibilisieren
Väter Söhne für die unvergleichliche Schönheit
monumentaler Modelleisenbahnlandschaften.
So viel zum Klischee. Wo ein Haus wie das an-
dere aussieht, ist der Raum für die feinen Unterschiede eben begrenzt. Deshalb sind Reihenhäuser uncool, günstig zu erwerben, dem sozialen
Status aber nicht unbedingt zuträglich.
Das Wohnen im Dazwischen ist bis heute Inbegriff deutscher Spießigkeit; und ganz falsch liegt
nicht, wer bei Reihe auch an Glied denkt, an Disziplin, Ruhe und Ordnung. War das kostengünstige Wohneigentum den bürgerlichen Sozialreformern doch ein Mittel, das im Zuge der Industrialisierung in die Großstädte drängende Proletariat zu zivilisieren. »Man muss das Übel an der
Wurzel fassen und den Grubenarbeiter mit seinem rauhen, dumpfen und schweren Schicksal
dadurch zu versöhnen suchen, dass man ihm ein
Heim ermöglicht« zitiert der Berliner Stadtsoziologe Hartmut Häußermann in seiner ebenso informativen wie knappen Einführung im Bildband
zur Ausstellung aus der Leipziger Illustrierten
Zeitung von 1873. Dreh- und Angelpunkt dieses
Zivilisierungsprogramms war mit dem eigenen
Heim auch der Herd, an dem die Hausfrau »dem
aus dem finsteren Schoß der Erde« zurückkehrenden Gatten seine warme Mahlzeit bereiten
sollte, damit der »lieber den Schritt nach seiner
Hütte als zum Wirtshaus lenkt«. Familien und
Reihenhäuser, die gehören auch heute noch zusammen. Es kann auch nicht überraschen, dass
Friedrich Engels zur selben Zeit das Hauseigentum
als Instrument der Entproletarisierung bekämpfte.
Revolutionierst du noch, oder wohnst du schon?
Die »Deutsche Reihenhaus AG« hat es sich
nun zur Aufgabe gemacht, dieses Negativbild zu
korrigieren. Es ist eine mutige, die Klischees ironisierende Imagekampagne, deren Ergebnis nach
München nun vom 9. Januar bis zum 1. März
auszugsweise im Kölner Museum für Angewandte Kunst Station macht. Zufriedene Bewohner von 50 Reihenhäusern in Deutschland hat der
Kölner Fotograf Albrecht Fuchs porträtiert, während sich Marc Räder mit der Kamera Reihenhaussiedlungen angenommen hat. Mit einem
NS-Dokumentationszentrum
der Stadt Köln, EL-DE-Haus
Appellhofplatz 23–25
50667 Köln, 0221/221-26332
[email protected]
Dienstag, Mittwoch
und Freitag 10–16 Uhr
Donnerstag 10–18 Uhr
Samstag, Sonntag, Feiertag
11–16 Uhr
Weitere Informationen und
Begleitprogramm unter
www.nsdok.de
Jüdisches
Leben in Köln
1918-1945
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Fotos: Deutsche Reihenhaus AG / Albrecht Fuchs
Hubwagen ist der Architekturfotograf durch
Deutschland gefahren, um diese Ensembles aus
der Vogelperspektive in den Blick zu bekommen.
Auf akkurate Weise unecht sieht das aus, so
künstlich wie – ja – eine dieser Modellbaulandschaften, die der voreingenommene Betrachter
in den Hobbykellern der abgebildeten Häusern
vermuten könnte. Ist das jetzt einfach von oben
herab aufgenommen, um einmal mehr das Bild
vom kleinbürgerlichen Idyll zu bestätigen? Oder
wahrt Räder so eine notwendige Distanz zu diesen kleinen, vermeintlich heilen Welten, die den
Betrachter erst genau hinschauen lässt?
Albrecht Fuchs hingegen hat sich der Aufgabe gestellt, den Nachweis zu erbringen, dass die
Einförmigkeit der Behausung nicht das Leben
darin infiziert. Wie sieht es also aus »in deutschen Reihenhäusern«? Auf- und vollgeräumt,
mal hell, dann wieder dunkel, beklemmend,
freundlich, karg, gemütlich, nüchtern, geschmacklos. Hier finden sich Gelsenkirchener
Barock genauso wie eher minimalistische Einrichtungen. Die 33-jährige Aysun M. wohnt in
einem Reihenhaus, der 48-jährige Martin W., der
61-jährige Trajko S. und die 24-jährige Giusy C.,
Berufssoldaten und Versicherungskauffrauen,
Architekten und frühverrentete Tierärzte – Singles, Paare, Familien. »In deutschen Reihenhäusern« geht es also weniger uniform und spießig
zu, als das Hörensagen vermuten ließe.
Wenngleich Fuchs natürlich auch Gartenzwerge gefunden hat. »Sie strahlen für uns eine
besondere Zuversicht aus.« So lässt sich die
48-jährige Krankenschwester Elvira W. zitieren.
Auch Sätze wie die folgenden hat die mit den
Kurzporträts der Bewohner betraute Journalistin
Inken Herzig zu Papier gebracht: »Ihren Schrebergarten haben die B.s aufgegeben. Heute liegt
ihr Idyll unmittelbar vor dem Wohnzimmer.«
Ganz neu und anders wird das Leben hier also
nicht ansichtig. Zumal Albrecht Fuchs Porträts
auch erahnen lassen, dass in Sachen ReihenhausRaumkonzept dann doch noch einiges zu tun
bleibt. Es wäre also an der Zeit, nicht nur einen
wohlwollenden Blick in »deutsche Reihenhäuser« zu werfen, sondern auch einen kritischen
auf deren Architektur. //
»In deutschen Reihenhäusern«, bis zum 1. März 2009
im Kölner Museum für Angewandte Kunst,
der gleichnamige Bildband ist im Callwey Verlag erschienen
und kostet 39,90 Euro
www.museenkoeln.de/museum-fuer-angewandte-kunst
www.reihenhaus.de
TEMPS D’IMAGES 2009
PERFORMANCES
Jo Fabian (D), Pere Faura (NL),
Davis Freeman (USA/B),
Tarek Halaby (USA/B), Ludica (D),
Jan Machacek (A), Alan Lucien Øyen (N),
Stephanie Thiersch (D), Hiroaki Umeda (J)
CHANTIERS
Richard Siegal & Frédéric Bevilacqua (F),
Silke Z. & Michael Thies (D)
08.01. BIS 24.01.2009
INSTALLATIONEN
Billy Cowie (GB), Susanne Fasbender (D),
Manuel Graf (D), Padao/Sternfels (D),
Johanna Reich (D)
FILMPROGRAMM
AUSSTELLUNGEN
GESPRÄCHSRUNDE
TEMPS D’IMAGES wird gefördert durch Kultur 2007 – 13 der Europäischen Union und durch das Institut Français Düsseldorf. Die
tanzhaus-Reihe „Zwischen Wirklich“ wird gefördert durch die Kunststiftung NRW. Das tanzhaus nrw wird gefördert durch die Landeshauptstadt
Düsseldorf und den Ministerpräsidenten des Landes NRW. Medienpartner TEMPS D'IMAGES Düsseldorf: Coolibri, Kwest. www.tempsdimages.org
www.tanzhaus-nrw.de
Erkrather Straße 30 40 233 Düsseldorf
Festivalbroschüre erhältlich unter Tel. 0211 17270-0