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DISCOVERY
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Rubensfrauen
oder
Magermodels
Was ist schön?
Athletische Figuren in der Antike, grazile,
rundliche Formen in der Renaissance oder
Leibesfülle im Barock. Was wir schön
finden, ist immer auch ein Zeichen der
Zeit, in der wir leben.
Um 1613 malte der Künstler Peter Paul Rubens
seine «Venus vor dem Spiegel» und dokumentiert
damit auch das Schönheitsideal dieser Zeit.
A
von Sabine Schritt
n der pummeligen Venus von Willendorf hätten Schönheitschirurgen
von heute viel zu tun. Entspricht die
steinerne Frauenfigur aus dem Jahr
25.000 vor Christus doch so gar nicht
unserem Schönheitsempfinden. Mit ihrem extrem
dicken Bauch, ihren grossen hängenden Brüsten
und kurzen Beinen.
«Es ist ein bisschen fragwürdig, mit unserem Begriff
von Schönheit auf die historische Entwicklung zu
schauen», sagt der Soziologe Professor Otto Penz.
«Die Figur der Venus von Willendorf ist ja eher ein Symbol der Fruchtbarkeit. So kann man davon ausgehen,
dass zu ihrer Zeit der Begriff Schönheit mit dem der
Fruchtbarkeit gleichzusetzen war.» Der Schönheitsbegriff ist dynamisch, er hat sich im Laufe der Geschichte immer wieder verändert. Nicht nur verschiedene
Kulturkreise, auch die unterschiedlichen historischen
Epochen haben ihre ganz eigenen Schönheitsideale.
Penz beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Wandel der Schönheit im Laufe der Zeit und weiss: «Es fliessen immer soziale und geschichtliche Entwicklungen
in den jeweiligen Schönheitsbegriff mit ein.»
Das antike Griechenland beispielsweise war eine sehr
kriegerische Gesellschaft. Es kam also auf körperliche Kraft an. Es wundere daher nicht, so Penz, dass
der Fokus der Schönheit erstens auf den Männern
lag und zweitens kraftvolle und athletische Körper als
schön galten. Es blüht bereits der Handel mit allem,
was den Körper verschönte. Aus dem Griechischen
stammt auch das Wort Kosmetik. Abgeleitet von kosmeo, was übersetzt ordnen oder schmücken bedeutet. Die Römer übernehmen die Schönheitsideale der
Griechen. Doch schon viel früher, im Alten Ägypten,
tobte ein wahrer Schönheitskult. Wandmalereien aus dieser Zeit
zeigen fast ausnahmslos junge Frauen mit grossen Augen, vollen
Lippen und ultraschlanker Taille. Beide Geschlechter schminken
sich mit pflanzlichen oder mineralischen Zutaten.
«Schönheit – Eines der seltenen
Wunder, die unsere Zweifel an
Gott verstummen lassen.»
Jean Anouilh (1910-1987), frz. Dramatiker
Im Christentum tritt die Körperlichkeit in den Hintergrund. Von
innerer Schönheit ist die Rede. Trotzdem wird parallel zu dieser Weltanschauung im Mittelalter körperliche Schönheit geradezu vergöttert. Schlanke, mädchenhafte Frauen mit weisser Haut, fülliger Taille, schmalem Becken und kleinen festen
Brüsten verkörpern das Idealbild. Bei Frauen wie bei Männern
sind lange, hellblonde lockige Haare ein wichtiges Schönheitsmerkmal. Der Mann soll schmale Schultern und ein schmales
Becken haben.
Rubens aus dem 17. Jahrhundert sind weltberühmt. Wie die
«Venus vor dem Spiegel» und «Die drei Grazien» zeigen alle Werke,
dass Leibesfülle, ein dicker Busen und breite Hüften durchaus als
schön galten. Zeigt sich in der Kunst vor allem nackte Haut, gilt
es, sich im Leben stets korrekt zu kleiden.
Die Frauen quetschen sich ab Mitte des 17. Jahrhunderts in enge Korsetts und polstern ihren Hintern, um die Männer mit Wespentaille und Sanduhrfigur zu beeindrucken. Die Haare werden
stets hochgesteckt und mit Schleifen geschmückt. Aber auch die
Männer legen Wert auf ihr Aussehen, hüllen sich in feine, seidene
Stoffe. Die Haut wird weiss gepudert, die Wangen zinnoberrot
betont. Nur bleiche Haut ist gesellschaftsfähig. Sie grenzt die
Oberschicht von den sonnengebräunten Arbeitern ab. Im Rokoko
tragen Mann und Frau stets weisse Perücken, die zusätzlich mit
Mehl bestäubt werden.
Weisser Puder und dicke Hintern
In der Renaissance wird wieder Wert auf Körperlichkeit gelegt.
Haare spielen auch im 16. Jahrhundert eine wichtige Rolle, lockig
und goldblond müssen sie sein. Immer wieder haben Dichter und
Maler das jeweilige Bild von Schönheit dokumentiert. Die korpulenten Frauen auf den Gemälden des Barock-Malers Paul Peter
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Brigitte Bardot war das kurvige Schönheitsvorbild der
1950erJahre, kurz bevor der knabenhafte jugendliche Typ
zum Inbegriff von Schönheit wurde.
«Alles, was man
mit Liebe betrachtet,
ist schön.»
seiner eigenen Attraktivität tun zu müssen, so Penz. «Im Prinzip
setzt sich hier die Entwicklung der letzten 30, 40 Jahre fort.» Aber
Penz beobachtet auch einige Gegenbewegungen. Modemagazine
beispielsweise, die nicht mehr mit Magermodels arbeiten wollen,
und Werbeagenturen, die die Schönheit des Alters entdecken.
«Dass sich langsam die Meinung verbreitet, dass man auch im
Alter schön sein kann, ist sicher dadurch bestimmt, dass unsere
Gesellschaft massiv altert», so Penz.
Christian Morgenstern (1871-1914), dt. Lyriker
positive Attribute in der Tat am Körper scheinbar wie von selbst
abzulesen», erklärt Penz. Das führe dazu, dass den Schönen
auch immer ein guter Charakter zugeschrieben werde. «Es gibt
aber auch negative Attribute, zum Beispiel blond gleich dumm
oder dass schönen Männern immer noch nachgesagt wird, sie
seien schwul.»
Was die Menschen als schön empfinden, sei im höchsten Masse
kulturell geprägt. «Schönheit», sagt Penz, «ist auch immer ein Abbild der jeweiligen Gesellschaft.» Und dazu brauche man gar nicht
so weit in die Geschichte zurückzuschauen, sondern nur mal die
zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Ende des 20. Jahrhunderts vergleichen. Vornehme Blässe signalisiert noch Ende
des 19. Jahrhunderts, dass die Frau es nicht nötig hat zu arbeiten.
Auch der medizinische Mainstream ging in die Richtung, dass die
Frau sich möglichst vor körperlichen Anstrengungen hüten sollte,
weil dies der Fruchtbarkeit schaden könnte. «Das markiert einen
ganz deutlichen Unterschied zum Ende des 20. Jahrhunderts, als
sich in Medizin und Gesellschaft die Meinung durchgesetzt hat,
dass es auch für die Frau nichts Gesünderes gibt, als Sport zu
treiben», erklärt Penz. Und so wird auch die gebräunte Haut zu
einem wichtigen Schönheitsattribut. Diese symbolisiert jetzt: Ich
habe Freizeit und Geld, um meine Zeit am Strand oder beim Sport
zu verbringen. «Wenn die Frau nicht die Möglichkeit gehabt hätte, Sport zu treiben, hätte auch kein sportlicher Frauenkörper als
vorbildhaft gelten können», so Penz. Das zeige ganz klar, dass
kulturelle Voraussetzungen geschaffen sein müssen, damit eine
bestimmte Körperlichkeit als attraktiv gelten könne.
In Zeiten des Barock gingen Mann und Frau stets mit weiss
gepuderter Perücke und feinen Kleidern. Die Frauen betonten
ihre Taille und steckten den gepolsterten Hintern heraus.
Nur Jung kann schön sein
Mit dem Beginn des bürgerlichen 19. Jahrhunderts geht Mann
nicht mehr in bunten Seidenröcken sondern im grauen Anzug, der
neue Inbegriff an Seriosität. Von nun an bestimmt Arbeit das Leben.
Die Frau bleibt ihrer Wespentaille treu. Sie trägt lange Reifröcke
und hat fortan nur eine Aufgabe: schön sein. Obwohl ja Schönheit sehr subjektiv ist und bekanntlich im Auge des Betrachters
liegt, treibt sie seit Jahrzehnten die Wissenschaftler um. Forscher
meinen, dass es einige Dinge geben muss, die wohl alle Schönen
gemein haben. Mal ist es die Durchschnittlichkeit eines Gesichtes,
die die Attraktivität bestimmt, mal sind es Symmetrie und Proportionen. Das richtige Brust-Taille-Hüfte-Verhältnis soll ein Schönheitsmerkmal sein. 90-60-90 als Mass aller Dinge. Doch das letzte
Wort haben nicht die Attraktivitätsforscher. «Die längste Zeit in der
Geschichte hat die gesellschaftliche Elite darüber bestimmt, was
schön ist und was man sich unter Schönheit vorzustellen hat», sagt
Penz. In einer Sklaven- und Feudalgesellschaft ging es den Bauern
und Leibeigenen nicht um Schönheit. Bei Hofe dagegen sehr.
Nach dem Ersten Weltkrieg war die knabenhafte Gestalt in. Die
Frauen legten das Korsett ab, die Sanduhrfigur kam aus der Mode. Kurze Haare, blasser Teint, schwarz umrandete Augen markierten das schöne Frauengesicht in den 1920er Jahren.
In den 1950er Jahren verzauberten die kurvigen Ideale der Nachkriegs-Aufschwungszeit wie Marilyn Monroe oder Brigitte Bardot.
«Dies war aber auch die einzige Epoche im 20. Jahrhundert, in
der kurvige und etwas fülligere Frauen als vorbildhaft und erotisch galten», so Penz. Ein fülliger Körper veranschaulichte Wohlstand. In dieser Zeit erscheinen auch die ersten Sex-Magazine für
Männer. Die Vollweib-Frauen halten sich nicht lange am Schönheitszenit. Der grösste Wandel im Zeichen der Schönheit bahnt
sich an: die Jugendbewegung.
Schönheitsideale werden immer dünner und immer jünger. Das
Magermodel Twiggy ist eine Ikone dieser Zeit. Vorbild für tausende junger Frauen, die dem Schlankheits- und Schönheitswahn
nacheifern. «So eine radikale Jugendlichkeit des Schönheitsideals
hat es in der Geschichte vorher noch nie gegeben», sagt Penz.
Schöne sind gesund, charakterstark, selbstbewusst und erfolgreich. So ist die gängige Assoziation. «Inwieweit der Mensch
diszipliniert ist, ob er Sport treibt, sich gesund ernährt, sind als
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Der Soziologe versucht, Schönheit als eine Handlungsressource
zu begreifen, und hat in seinem neuen Buch «Schönheit als Praxis»
untersucht, für wen Schönheit wirklich von Bedeutung ist. In zahlreichen Interviews hat er herausgefunden, dass diejenigen, die in
Berufen der Mittelschicht arbeiten, welche Attraktivität erfordern,
einem besonderen Schönheitszwang ausgesetzt sind und grosse Anstrengungen unternehmen, um attraktiv auszusehen. «Das
sind auch die Menschen, die den Schönheitsidealen am meisten nacheifern.» In den Berufsgruppen der höheren Klassen trete
das Schönheitsideal hinter fachlichem Wissen deutlich zurück.
«Attraktivität basiert dort auf anderen Kompetenzen. Es ist wichtiger, seriös zu wirken als wirklich schön zu sein.»
Der enorme Aufschwung der Jugendbewegung machte Jugendlichkeit zur unabdingbaren Voraussetzung für Schönheit. Die
Sechziger haben die Einstellung der Gesellschaft zu Nacktheit,
Sexualität und Mode revolutioniert.
«Die Schönheit der Dinge
lebt in der Seele dessen,
der sie betrachtet.»
David Hume, (1711-1776) Schottischer Philosoph
In den Achtziger Jahren nähern sich die Frauen dem Hosenanzug, sie tragen hochgeschlossene Blusen und betonen und polstern sich die Schulterpartie, um sich dem männlichen Erscheinungsbild anzugleichen. Soll heissen: Die Frauen entdecken die
Möglichkeiten des beruflichen Aufstiegs für sich und setzen mit
ihrer Emanzipationsbewegung bei den Männern damit ein ganz
neues Schönheitsbewusstsein frei. Jetzt zählen nicht mehr nur
deren Einkommen und Position. Die Frauen verdienen nun ihr eigenes Geld, und die Männer müssen sich mehr Mühe geben mit
ihrer Schönheit, um bei den Frauen zu punkten. Und die erobern
langsam die Führungsetagen in Wirtschaft und Politik.
Otto Penz ist Adjunct Associate Professor am Department of Sociology, University
of Calgary, und Lehrbeauftragter für Soziologie an der
Wirtschaftsuniversität Wien und der Universität Wien. Er forscht
seit vielen Jahren auf dem Gebiet der Schönheit. In seinem ersten
Buch «Metamorphosen der Schönheit» untersucht er die gesellschaftlichen Prozesse, die vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur
Gegenwart zu unterschiedlichen Vorstellungen von schönen Körpern geführt haben. In seinem neuen Buch: «Schönheit als Praxis»
thematisiert er das tägliche Bemühen um das eigene Aussehen
und verknüpft es mit der Frage der sozialen Macht.
Männer müssen aufholen
Immer mehr Menschen legen Hand an ihre Schönheit, sie arbeiten täglich daran, möglichst perfekt auszusehen. Die Schönheitsindustrie etabliert sich bereits in den 1960er Jahren und wächst
parallel zum Jugendwahn. «Das Schönheitsbestreben dehnt sich
langsam auf alles aus, was am Körper möglich ist», so Penz.
Grosse Wachstumsraten zeigten sich vor allem im Bereich der
Männerkosmetik. Die Veränderung der Geschlechterrollen hatte
ein neues Schönheitsdenken und -handeln zur Folge, das sich
bis heute stets gesteigert hat.
Otto Penz: «Schönheit als Praxis.
Über klassen- und geschlechterspezifische Körperlichkeit.»
Campus Verlag, 2010, 205 Seiten
«Dass es den Menschen so wichtig ist, schön sein zu müssen, ist
einerseits auf den Druck der Schönheitsindustrie und der Werbung
zurückzuführen», sagt Penz. Andererseits spielten auch die visuellen Medien, insbesondere das Fernsehen, eine wichtige Rolle im
Diskurs der Schönheit. «Es ist fast unmöglich, sich der Ausbreitung
von Schönheitsidealen und den allgegenwärtigen Schönheitsvorbildern zu entziehen.» Was den Wunsch zur Folge habe, etwas an
Otto Penz: «Metamorphosen der
Schönheit. Zur Kulturgeschichte
moderner Körperlichkeit.»
Verlag Turia + Kant, 2001, 254 Seiten
(derzeit vergriffen)
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