Classique Tourbillon EXTRA-PLAT

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Classique Tourbillon EXTRA-PLAT
LE QUAI DE L’HOR LOGE
NO 4
Français
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BR EGUET
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Liebe Freunde und Kenner
edler Zeitmesser,
es gibt wenige ästhetische Vorlieben, die sich seit mehr
als zwei Jahrhunderten behaupten und schließlich zeitlos
werden. Sie zeichnen sich durch eine Konzeption aus, die
heute ebenso modern und attraktiv wirkt wie zu Zeiten
­ihres Aufkommens. Das beweisen die großen stilistischen
Entscheidungen unseres Gründers Abraham-Louis Breguet.
Die guillochierten Zifferblätter, die Zeiger mit der durchbrochenen „Pomme“-Spitze und die unverkennbaren Ziffern (beide sind heute branchenweit als Breguetzeiger und
Breguetziffern bekannt) ebenso wie die geriffelten bzw.
kannelierten Gehäuseflanken sind Merkmale, die untrennbar mit unserer Marke verbunden sind. Zu ihrem genetischen Erbe gehört noch ein weiteres wesentliches Element:
erstaunlich feine Profile.
Vor zweihundert Jahren wurden möglichst flache Gehäuse ein Imperativ für die von Abraham-Louis Breguet
gefertigten ebenso eleganten und erlesenen wie technisch
raffinierten Taschenuhren. Heute halten wir dieser ­Tradition
mit der Uhr Classique Tourbillon Extra-Plat die Treue, der
ein Kapitel dieser Ausgabe gewidmet ist. Die vollständig
neue Architektur ihrer Konstruktion ermöglichte es, der
Uhr ein Profil von atemberaubender Feinheit zu verleihen.
Dabei war unser Ziel nicht, mit diesem Modell einen Wettbewerb für extraflache Zeitmesser zu gewinnen, sondern
diesen spezifischen Bereich der Uhrmacherkunst weiterzuentwickeln und dennoch die Eleganz und Raffinesse des
fertigen Stücks zu wahren. Deshalb ist die Classique
­Tourbillon Extra-Plat mit einem Zifferblatt aus Massivgold,
unseren emblematischen Zeigern und dem berühmten geriffelten Gehäusemittelteil ausgestattet. Im Gegensatz zu
zahl­
reichen anderen extraflachen Mechanismen zeichnet
sich diese Kreation durch absolute Kompromisslosigkeit
aus, was ihre Robustheit und Leistung betrifft. Ich freue
mich, dass Sie auf den folgenden Seiten die Innovationen
entdecken können, die es möglich machten, diesen Zeitmesser zu verwirklichen.
Der Gründer unserer Manufaktur war zwar schweizerischer Herkunft, jedoch auch Wahlfranzose, weshalb der
Name Breguet eng mit der französischen Geschichte und
Kultur verbunden ist. In dieser Ausgabe beschäftigen wir
uns mit zwei dieser Beziehungen: Einerseits erzählen wir die
Saga jenes Breguet-Familienzweigs, der sich durch seine
­Pionierrolle in der Luftfahrt auszeichnete, und andererseits
erinnern wir an die reiche Vergangenheit des Musée du
Louvre, dessen Richelieu-Flügel nach einer von Breguet unterstützten umfassenden Renovierung kürzlich wieder seine
Pforten öffnete.
Mit freundlichen Grüßen
Marc A. Hayek, Präsident und CEO der Montres Breguet SA
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INHALT
Inhalt
1. Classique Tourbillon Extra-Plat
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2.Kameen
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3. Louis Breguet, Pionier der Luftfahrt 38
4. Reine de Naples Jour/Nuit
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5. Skelettierte Uhren
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6. Das Schicksal des Louvre
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CLASSIQUE TOURBILLON EXTRA-PLAT
Classique Tourbillon
EXTRA-PLAT
Von Jeffrey S. Kingston
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CLASSIQUE TOURBILLON EXTRA-PLAT
B
itten Sie einen kompetenten Uhrenliebhaber, eine umfassende Liste der ­Komplikationen
zu erstellen, wird diese zweifellos Mechanismen wie Kalender, ewige Kalender, Tourbillons,
Chronographen, Schleppzeiger-Chronographen, Minutenrepetitionen, die Anzeige einer zweiten
Zeitzone und die großen Schlagwerke enthalten. Zumindest, sofern Ihr Kenner kein Uhrwerkkonstrukteur ist. Ein solcher würde mit Sicherheit den extraflachen Kalibern eine ­Vorrangstellung
einräumen. Mit gutem Recht, denn diesen Fachleuten ist bestens bewusst, wie viel ­außerordentliche
Kreativität und Erfahrung erforderlich ist, um derart extrem flache Uhrwerke zu entwickeln und
zur Funktionsreife zu bringen.
◆◆◆
Beschäftigen wir uns zunächst kurz mit den verschiedenen Definitionen des extraflachen Zeitmessers. Im Französischen verwenden die Uhrmacher zwei Begriffe, die auf
den ersten Blick identisch scheinen, jedoch unterschied­
liche Bedeutungen haben: extra-plat und ultra-plat. Mit
„extraflach“ bezeichnen sie dünne Uhrwerke, die unabhängig vom Gehäuse funktionieren, während man unter „ultra­
flachen“ Uhren meist Zeitmesser versteht, bei denen ein
Teil des G
­ ehäuses als funktionelles Element des Werks
dient, beispielsweise der Boden als Platine. Hier handelt es
sich also um Uhren, deren Werke ohne diese Gehäuseteile
nicht funktionieren würden. Für mechanische Zeitmesser
ist ­diese Lösung keineswegs ideal, und die Geschichte der
ultraflachen Uhren ist denn auch reich an Problemen
­
­bezüglich Ganggenauigkeit und Zuverlässigkeit.
Als die Manufaktur Breguet mit der Entwicklung der
Classique Tourbillon Extra-Plat begann, setzte sie die
Messlatte beeindruckend hoch an. Das erklärte Ziel war,
ein atemberaubend flaches Uhrwerk mit Tourbillon zu
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konstruieren, das den Komfort des Selbstaufzugs bietet,
jedoch die Pro­bleme der ultraflachen Mechanismen vermeidet. Dieses Uhr­werk musste überdies robust gebaut
sein, da ungeachtet der reduzierten Höhe bei der Präzision
und Zuverlässigkeit keinerlei Abstriche gemacht werden
durften. Und weil schließlich jeder Kenner und Liebhaber
edler Zeitmesser auch das schöne Erscheinungsbild einer
Uhr schätzt, hatte ihr Design der Ästhetik der Linie Classique von Breguet zu entsprechen.
Das Ergebnis erfüllt das Pflichtenheft in allen Punkten.
Das Uhrwerk der Classique Tourbillon Extra-Plat, das
­Kaliber 581 DR, ist nur 3 mm hoch. Eine kurze Retrospektive auf die extraflachen Automatikwerke ohne Tourbillon
rückt diese Glanzleistung ins rechte Licht. Den Weltrekord
in Sachen Flachheit hält das Kaliber 2100 von Breguet mit
2,10 mm Stärke (es wird nicht mehr produziert). Ihm folgen
drei Kaliber mit einer Höhe von 2,40 mm: das Kaliber 502 von Breguet und zwei Automatikwerke anderer Her­
steller von vergleichbarer Stärke. In jüngster ­Vergangenheit
◆ Breguet-Uhr Nr. 4691. Halbviertelstundenrepetition,
Kalender und Anzeige der Mondphasen, Zeitgleichung
und Gangreserve, Höhe 7,7 mm. Verkauft an Lord
Henry Seymour Conway.
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CLASSIQUE TOURBILLON EXTRA-PLAT
r­eduzierte eine Uhrenmarke diesen Wert in einem neuen
Automatikwerk ohne Tourbillon kaum wahrnehmbar auf
2,35 mm. Dabei handelt es sich jedoch um einen Vergleich
zwischen Automatikwerken ohne zusätzliche Komplikation.
Das Werk der Classique Tourbillon Extra-Plat hingegen
verfügt neben dem Automatikaufzug über ein Regulier­
organ mit Tourbillon-Drehgestell und eine Anzeige der
Gangreserve, unterscheidet sich aber in der Höhe nicht
­wesentlich von diesen weniger komplexen Kalibern. Als
weiteres wichtiges Element übertrifft die Gangreserve der
Classique Tourbillon Extra-Plat mit 80 Stunden bei weitem
diejenige der meisten extraflachen Automatikwerke ohne
Tourbillon. Diese Gangautonomie ist angesichts der hohen
Frequenz von 4 Hz ihrer Unruh (28 800 ­Halbschwin­gun­gen
pro Stunde) noch beeindruckender. Die Unruhen der übrigen, deutlich einfacheren extraflachen Uhrwerke schwingen
meist mit Frequenzen von 2,25 oder 2,5 Hz (­16 200 ­bzw.
18 000 HS), im Kaliber 502 von Breguet mit 3 Hz oder
21 600 Halbschwingungen. Mit steigender F
­requenz erhöht sich auch die Präzision (die Auswirkungen von Störungen werden durch höhere Frequenzen schneller
be­­seitigt), und es wird zudem schwieriger, eine große Gang­
reserve zu erreichen. Jedes Ticktack der Uhr entspricht
­einem leichten Entspannen der Zugfeder, weshalb die Energiereserve bei höherer Frequenz notwendigerweise schneller
erschöpft ist. Das Uhrwerk der Classique Tourbillon
­Extra-Plat hebt sich also durch die drei folgenden wesentlichen Aspekte von anderen extraflachen Kalibern ab: mehr
Anzeigen, größere Gangreserve und höhere Frequenz.
Doch man trägt ja eine Uhr, nicht nur ein Uhrwerk.
Das Roségold- oder Platingehäuse der Classique Tourbillon
Extra-Plat ist 7 mm hoch, was harmonisch zu seinem
­
Durchmesser von 42 mm passt. Es entspricht in allem den
prägenden Merkmalen der Linie Classique von Breguet:
guillochiertes Zifferblatt aus Massivgold, Breguetzeiger mit
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KEIN ZAUBERTRICK.
Das Uhrwerk konnte so flach gebaut werden,
weil alle grundlegenden Komponenten neu
kreiert wurden.
der charakteristischen durchbrochenen „Pomme“-Spitze,
kanneliertes Mittelteil mit angeschweißten Bandanstößen,
transparenter Saphirglasboden.
Zu Beginn des Entwicklungsprozesses stellten sich bei
den Konstrukteuren von Breguet gewisse Vorstellungen von
selbst ein. Die letzte bedeutende Innovation, die eine
­beachtliche Verringerung der Werkhöhe zur Folge hatte, datiert von 1775. Damals erfand der französische Uhrmacher
­Jean-Antoine Lépine einen Mechanismus, der durch den
Einsatz von Brücken die Konstruktion wesentlich vereinfachte und feinere Strukturen ermöglichte. Das ­Breguet-Team
konzentrierte sich deshalb darauf, alle übrigen grundlegenden Komponenten des Uhrwerks neu zu d­ efinieren.
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CLASSIQUE TOURBILLON EXTRA-PLAT
Eine der ersten Komponenten im Zentrum ihres Interesses war das Federhaus, der Motor der Uhr. Seine drei
Hauptelemente sind die Zug- oder Antriebsfeder, die
Federhaustrommel selbst und die Federwelle, an deren
­
Kern das eine Ende der Feder befestigt ist. Die Federwelle
ist fest mit dem sogenannten Sperrrad verbunden. Bei praktisch allen Uhren wird die Zugfeder mit dem Sperrrad aufgezogen, das wiederum von der Welle der Krone oder durch
den Automatikaufzug gedreht wird. In umgekehrter Richtung entspannt sich die Feder jedesmal leicht, wenn sich die
Federhaustrommel dreht und über ihre äußere Zahnung die
Kraft an das Räderwerk der Uhr abgibt. In herkömmlichen
Uhrwerken sind diese Schlüsselelemente wie folgt aufgebaut: In der Platine als Grundlage dreht sich der Zapfen der
Federwelle, auf der die Federhaustrommel mit der Zugfeder
und dem Federhausdeckel montiert ist. Dann passiert die
Federwelle die Brücke als obere Halterung und ist darüber
starr mit dem Sperrrad verbunden.
◆ Oben: Das Federhaus wird durch drei Kugellager getragen, die in einer Nut auf
dem Umfang der Trommel rollen.
◆ Unten: Der seitlich angeordnete Aufzugrotor ruht ebenfalls auf drei Kugellagern,
die jedoch in eine Nut auf dem inneren Umfang eingreifen.
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Um die Gesamthöhe des Federhauses um 25 Prozent
zu verringern, dachten sich die Konstrukteure von Breguet
eine völlig andere Vorrichtung aus. Die Brücke und der
Federhausdeckel wurden eliminiert und die Reihenfolge
der Elemente umgekehrt. Statt der Federhaustrommel
folgt unmittelbar auf die Platine das Sperrrad. Es ist über
Kugellager mit der Platine verbunden, so dass es sich beim
Aufziehen über die Krone oder den Automatikaufzug
­
­sowie beim Entspannen drehen kann. Diese Struktur ist
insofern komplizierter, als die herkömmliche Lösung ohne
Kugellager auskommt. Als Kompensation für die fehlende
obere Halterung in Form der Brücke konzipierten die
Konstrukteure drei kleine seitliche, auf der Platine montierte Kugellager als Führungen, die in eine Nut auf dem
Umfang der Federhaustrommel eingreifen. Diese ist so
­einwandfrei fixiert und kann sich auch ohne obere Brücke
verzugfrei drehen und ihre Aufgabe als Motor erfüllen.
BEI DER KONSTRUKTION
DES UHRWERKS WURDEN KEINE
KOMPROMISSE GEMACHT.
Das Streben nach Flachheit durfte keinesfalls
die Leistungen und Funktionen beeinträchtigen.
Diese Architektur reduziert die Werkhöhe und ist gleichzeitig sehr robust und erschütterungsresistent.
Die Antriebskraft, die dieses neuartige Federhaus speichern kann, ist ebenso erstaunlich. Bei einer um ein ­Viertel
reduzierten Höhe kann es gleichzeitig über 20 Prozent
mehr Energie akkumulieren, so dass die Uhr voll aufgezogen eine Gangautonomie von 80 Stunden hat. Das ist für
ein extraflaches Uhrwerk eine außergewöhnlich hohe
­Reserve und angesichts der hohen Frequenz dieses ­Kalibers
noch bemerkenswerter.
Schauen wir nun den Mechanismus an, der das ­Feder­haus selbsttätig mit Energie versorgt: den ­Automatikaufzug.
Die weit überwiegende Mehrheit der modernen Selbstaufzugsysteme ist mit einer einseitig befestigten Schwingmasse
(auch Rotor genannt) ausgestattet, die ­aufgrund ihres Eigengewichts hin und her schwingt oder sich vollständig
dreht, je nach Heftigkeit der Handgelenkbewegungen des
Trägers. Diese Rotationen werden über ein R
­ äderwerk
auf das Sperrrad übertragen, das die Zugfeder spannt. Von
einigen Ausnahmen abgesehen ist dieser R
­ otor auf der
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CLASSIQUE TOURBILLON EXTRA-PLAT
FINESSE UND SCHÖNHEIT VERBINDEN
SICH AUF HARMONISCHE WEISE.
Dank dem peripher angeordneten Rotor bleibt
das Uhrwerk nicht nur flacher; die Brücken
und die Federhaustrommel, die alle von Hand
graviert wurden, sind auch vollständig sichtbar.
­ nterseite des Werks montiert, zwischen den Brücken und
U
dem Gehäuseboden. Dadurch erhöht sich selbstverständlich die Gesamtstärke des Werks. Um das ­zu vermeiden
und das Automatikwerk der Classique ­Tourbillon Extra-­
Plat möglichst flach zu halten, schlug das Breguet-Team
einen revolutionären Weg ein und ­montierte den Rotor
seitlich außerhalb des Werkumfangs. Dank ­dieser Lösung
bleibt die Werkhöhe gleich wie bei einer Handaufzuguhr,
und trotzdem wird die Uhr automatisch aufgezogen, wenn
ihr Träger aktiv ist.
Die Konstruktion dieses seitlichen Aufzugs ist jedoch
viel komplizierter als diejenige eines herkömmlichen, unter
dem Werk montierten Automatikaufzugs. Zunächst einmal
ist dieser Rotor ringförmig, nicht nur ein Kreissegment wie
die üblichen Schwingmassen. Da jedoch die eine Ringhälfte
durch ein Platin-Halbkreissegment verstärkt und deshalb
viel schwerer ist als die andere, arbeitet dieser Rotor dank
der Schwerkraft genau gleich wie eine herkömmliche
Schwingmasse. Ähnlich wie beim Lager- beziehungsweise
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Aufhängungssystem der Federhaustrommel ist der Rotor
mit drei kleinen Kugellagern fixiert, die hier jedoch in eine
Nut auf seinem inneren Umfang eingreifen. Dessen Zahnung überträgt die Drehung des Rotors auf ein Räderwerk,
das mit dem Sperrrad verbunden ist.
Dieses periphere Aufzugsystem bietet einen zusätzlichen Vorteil. Beim herkömmlichen Automatikaufzug verdeckt die Schwingmasse einen beträchtlichen Teil des
Uhrwerks. Will der Besitzer eines Zeitmessers mit transparentem Boden die prachtvollen Verzierungen seiner
Komponenten bewundern, muss er die Uhr hin und her
neigen, bis die Schwingmasse dank der Schwerkraft den
Teil des Werks dem Blick freigibt, den er betrachten will.
Dank der seitlichen Anordnung des Rotors entfällt dieser
Nachteil, und die dekorierte Unterseite des Uhrwerks ist
stets in ihrer ganzen Pracht sichtbar.
Besondere Aufmerksamkeit widmeten die Uhrwerkkonstrukteure von Breguet selbstverständlich dem ­Tourbillon
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CLASSIQUE TOURBILLON EXTRA-PLAT
EIN TOURBILLON MIT
EINZIGARTIGER KONSTRUKTION.
Die luftige Architektur bringt außergewöhnlich
viel Licht in die Tourbillonöffnung und wertet
die Komponenten dieses Mechanismus auf.
und der Unruh. Aufgabe des Tourbillonmechanismus ist es
bekanntlich, die Auswirkungen der Schwerkraft auf die
Elemente des Regulierorgans – Unruh, Spiralfeder und
­
Hemmung – zu kompensieren, indem diese in einem Drehgestell angeordnet sind, das sich üblicherweise einmal pro
Minute vollständig dreht. In diesem Kontext kann man sich
die H
­ erausforderungen leicht vorstellen, vor denen das Team
bei der Aufgabe stand, diesen ebenso komplizierten wie fili­
granen Mechanismus in ein extraflaches Werk einzubauen,
ist es doch schon schwierig genug, in diesem begrenzten
Raum herkömmliche Regulierorgane ohne die zusätzliche
Komplikation eines Tourbillonkäfigs unterzubringen.
Das Streben nach Verschlankung begann schon bei
der Konzeption der Unruh. Dank den gesammelten
Erfahrungen mit den extraflachen Breguet-Kalibern
­
1200, 2100 und 502, die sich seit Jahrzehnten durch ihre
Feinheit ­auszeichnen, entwarfen die Konstrukteure eine
Unruh, bei der die Spiralfeder vollständig in die Höhe des
Unruhreifs integriert ist. Dabei spielten modernste Technologien wie die Herstellung dieser Feder aus ­Silizium
eine entscheidende Rolle. Die patentierte Siliziumspiralfeder bietet vielfältige Vorteile: Sie ist amagnetisch, hat
die ideale Form, um Gewähr für höchste G
­ anggenauigkeit
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CLASSIQUE TOURBILLON EXTRA-PLAT
KENNER EDLER ZEITMESSER ­
TRAGEN UHREN, NICHT UHRWERKE.
Von grundlegender Bedeutung ist
die Art und Weise, wie ein extraflaches
Uhrwerk mit dem Zifferblatt und dem
Gehäuse der Uhr kombiniert wird.
◆ Zeichnung des Tourbillons mit der Zahnung auf dem Umfang
des Tourbillon-Drehgestells. Sie liefert die notwendige Energie für
die Rotationen und die Hemmung.
zu leisten, und bietet beim Entspannen der Zugfeder eine
länger als üblich anhaltende stabile chronometrische
­L eistung. Diese Leistungskurve wird in der Uhrmachersprache Isochronismus genannt.
Der Tourbillonkäfig selbst unterscheidet sich beträchtlich von den anderen derartigen Konstruktionen von
­Breguet, die durch einen im Rotationszentrum des Gestells
montierten Trieb mit Energie versorgt werden. Diese Anordnung erfordert selbstverständlich ein Räderwerk unter
dem Käfig, was die Gesamthöhe der Vorrichtung steigert.
Indem hier die Kraft direkt auf den gezahnten Umfang des
Käfigs übertragen wird, konnte ein flacheres Profil erreicht
werden. Das so von außen angetriebene Drehgestell ist zudem aus Titan gefertigt, einem Metall, das sehr leicht ist
und trotzdem über die notwendige Festigkeit verfügt, um
Hochleistungen zu erbringen. Der Drehmodus ist eine
weitere Neuerung dieses Tourbillons. Übliche Konstruk­
tionen basieren auf einem feststehenden Sekundenrad mit
Außenzahnung, das über einen Trieb mit der Hemmung
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verbunden ist. Statt dieses Sekundenrad unter dem Drehgestell zu montieren, hat das Breguet-Team ein großes, außen
montiertes Rad mit innerer Zahnung entwickelt, die in den
Hemmungstrieb eingreift. Abgesehen davon erfüllt es dieselbe Funktion, denn die Rotation des Käfigs im Verhältnis
zum feststehenden Rad treibt alle für die Zeitteilung wesentlichen Elemente des Regulierorgans an. Die Änderung
verringert jedoch die Höhe des Mechanismus um einige
Zehntelmillimeter und verleiht dem Tourbillon eine außergewöhnliche Transparenz, dank der die Schönheit der anderen Komponenten noch besser zur Geltung kommt.
Doch man trägt ja, wie bereits erwähnt, Uhren, nicht
nur Uhrwerke. Deshalb wurde auch der Kombination des
Kalibers 581 DR mit dem Zifferblatt und dem Gehäuse
besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei hatten die
­
Konstrukteure einen unveränderlichen Imperativ zu respektieren: das handguillochierte Zifferblatt aus Massivgold.
Bei gewissen extraflachen Uhren wird ein besonders dünnes
Zifferblatt verwendet oder ganz darauf verzichtet, um
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CLASSIQUE TOURBILLON EXTRA-PLAT
­einige zusätzliche Zehntelmillimeter zu gewinnen. Dieser
ästhetische Kompromiss kam für Breguet nicht in Frage.
Da zudem der traditionelle Zifferblattdekor mit der
Handguillochiermaschine eine bestimmte Mindeststärke
der Goldplatte erfordert und Breguet nicht auf dieses Erbe
verzichten wollte, wurde die zusätzliche Höhe in Kauf genommen. Dessenungeachtet ist ein weiterer technischer
Kniff, der zur Flachheit beiträgt, mit dem Zifferblatt verbunden. Die waagrechte, stabartige obere Tourbillonbrücke ist zwar unterseitig fest mit dem Uhrwerk verbunden,
passt jedoch beidseits der Kreisöffnung des Tourbillons
exakt in je eine Zifferblattaussparung und scheint so zum
Gesicht der Uhr zu gehören. Das flache Profil war ebenfalls
kein Hindernis für den traditionellen Uhrwerkdekor: Die
­Platine, die Brücken und das Federhaus sind sorgfältig von
Hand graviert.
Breguet verfügt über ein reiches Erbe an Innovationen,
das sich über mehr als zwei Jahrhunderte erstreckt und dem
dieses neue Mitglied der Tourbillonuhren die Ehre erweist.
Selbstverständlich gehört auch der Tourbillonmechanismus
dazu, den Abraham-Louis Breguet 1801 erfand und patentieren ließ. Der Gründer der Manufaktur Breguet bewies
sein stupendes uhrmacherisches Können jedoch auch mit
bemerkenswerten extraflachen Konstruktionen, zum Beispiel der außergewöhnlichen Uhr Nr. 3306, die ungeachtet
ihrer Viertelstundenrepetition nur 8 mm hoch ist. Noch
erstaunlicher ist die Nr. 4691 mit Halbviertelstundenrepetition, Kalender und Anzeige der Mondphasen, der Zeitgleichung und der Gangreserve, die sage und schreibe nur
7,7 mm hoch ist. Die Classique Tourbillon Extra-Plat illu­
striert, dass dieses einzigartige Erbe lebendig ist und bereichert es um weitere, noch nie dagewesene Meisterleistungen.
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KAMEEN
KAMEEN
Von Jeffrey S. Kingston
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KAMEEN
E
ine Breguet-Uhr wird immer etwas Rares sein. Die Exklusivität jedes Stücks wird stets
durch eine individuelle Nummer bescheinigt, und zwar seit Abraham-Louis Breguet 1775 seine
Werkstatt am Quai de l’Horloge in Paris eröffnete. Heute gibt es bei jeder Reine de Naples
­Cammea oder Secret de la Reine noch einen zusätzlichen Faktor der Einzigartigkeit: Beide
­Damenuhren sind mit handgefertigten Kameen aus Muschelschalen verziert; bei der Reine de
Naples Cammea ist das Zifferblatt mit einer solchen Miniatur geschmückt, während auf dem
Deckel der Secret de la Reine eine Kamee in Rosenform prangt. Dieser außergewöhnlich fein
gearbeitete Dekor unterstreicht den kostbaren Charakter jeder Uhr und verleiht ihr den Status
eines Einzelstücks, ist doch kein Exemplar genau gleich wie das andere.
◆◆◆
Die Kunst des Kameenschnitzens ist eine alte, seit der
Antike bekannte Schmucktechnik. Die frühesten bekannten, aus Stein geschnittenen Objekte stammen aus dem
Griechenland des 3. Jahrhunderts v. Chr. Die vermutlich
im 2. Jahrhundert v. Chr. im hellenistischen Alexandrien
geschaffene Tazza Farnese ist das berühmteste erhaltene Beispiel aus der Antike. Mit ihren fein abgestuften Lichtkon­
trasten und den dreidimensional gravierten allegorischen
Figuren illustriert diese exquisite Schale aus Sardonyx die
Ausdruckskraft der hellfarbenen Reliefdarstellungen auf
dunklem Grund und definierte diese Kunstgattung in den
mehr als zwei Jahrtausenden seit ihrer Kreation. Heute befindet sich die prachtvolle Tazza Farnese im A
­ rchäologischen
Nationalmuseum in Neapel. Wie andere Kunstformen war
das Kameenschneiden über die Jahrhunderte mehr oder
weniger gefragt. Im 18. Jahrhundert machte Katharina die
Große mit ihrer Vorliebe für eleganten Schmuck
die K
­ amee hoffähig. Im 19. Jahrhundert, während der
­Regierungszeit von Königin Victoria, wurden vor allem
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Perlmuttkameen populär. Die britische Monarchin schätzte
sie so sehr, dass sie sich bei bestimmten Gelegenheiten
gleich mit mehreren schmückte. Dank der steigenden
Nachfrage im viktorianischen England blühte das Kunsthandwerk der Kameenschnitzer in Torre del Greco am Fuße
des Vesuvs auf. Da das Mittelmeer vor der Türe liegt, entwickelte sich das Städtchen rasch zum Zentrum der Muschelkamee, während anderswo auch Materialien wie Glas oder
Edelsteine verarbeitet wurden. Breguet fand denn auch in
Torre del Greco zwei Graveure – Vater und Sohn – für die
Fertigung der Kameenteile der Uhren.
Obwohl von jeher verschiedenste Muschelarten zu Kameen verarbeitet wurden, benutzt man für die feinsten
­­Arbeiten die Schalen der Sardonyxmuschel (Cassis madagascariensis), die im Volksmund auch „Helmschnecke“ oder
„Sturmhaube“ genannt wird. Selbstverständlich ist auch für
die Kameen von Breguet nur das Beste gut genug. Der wissenschaftliche Name dieser bis zu 40 Zentimeter großen,
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KAMEEN
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meerschneckenförmigen Mollusken ist allerdings irreführend, da sie nicht bei Madagaskar, sondern vor allem im
westlichen Atlantik vor Florida vorkommen. Sie werden
nicht nur wegen ihrer Größe geschätzt, sondern auch wegen der intensiven und kontrastreichen Färbung ihrer Schalen. Arbeitet sich der Stichel des Graveurs durch die
milchigweiße Oberfläche, kommen die dunkleren Schichten
zum Vorschein. Die Farbunterschiede und die Tiefenwirkung erlauben, weiße Relieffiguren auf dunklem Hintergrund im klassischen Stil der Tazza Farnese zu schaffen.
Damenuhren von Hand an. Pasquale lernte sein Handwerk
beim großen Cameo-Meister Giuseppe Scialanga (1889–
1960), in dessen Werkstatt er bereits als Siebenjähriger antrat. Fabio wiederum vervollständigte seine Ausbildung an
der Accademia di belle arti in Neapel. Berühmt wurden
Pasquale und Fabio schon vor ihrer Zusammenarbeit mit
Breguet für Kameen wie jene der berühmten drei Grazien
aus Botticellis Gemälde Frühling (Primavera, das Original
hängt in den Uffizien in Florenz) und andere mit Darstellungen biblischer Szenen und neapolitanischer Heiligen.
Die Kunst der Kamee ist bei den Bewohnern von Torre
del Greco tief verwurzelt, zahlreiche Familien sind seit Generationen mit dieser Tradition verbunden. Pasquale und
sein Sohn Fabio fertigen die Kameen für die beiden Breguet-­
Pasquale und Fabio haben ihr Studio in einer kleinen,
lichtdurchfluteten Wohnung südlich des Vesuvs eingerichtet. Seit Beginn ihrer Tätigkeit für Breguet war Fabio
­ausschließlich mit den Zifferblättern und Rosen für die
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KAMEEN
◆ Nach dem Zuschneiden der Muschelschale folgt das Polieren und Abrunden der Kanten.
DIE GEBURT JEDER KAMEE BEGINNT
MIT DER SORGFÄLTIGEN PRÜFUNG UND
SELEKTION DER MUSCHELSCHALEN.
Der Künstler bestimmt dann die Bereiche
der Schale, die sich für die Herstellung
eines Zifferblatts der Cammea oder einer Blüte ­
im Fall der Secret de la Reine eignen.
◆ Ist das Zifferblatt aus der Muschelschale geschnitten, wird es mit einer Wachs-Pech-Mischung auf einem Holzstock fixiert.
Reine de Naples beschäftigt, während sein Vater seine
Zeit zwischen Breguet und anderen Arbeiten aufteilt. Früher wurden viele Kameen aus Muschelschalen geschnitten,
die von neapolitanischen Fischern angelandet wurden.
Diese Tradition verschwand, da Muscheln von besserer
Qualität und insbesondere Sardonyxmuscheln gefragt waren, die Händler im Ausland kaufen und den Künstlern in
Mengen von fünfzig bis hundert Stück liefern. Diese Schalen sind absolut natürlich und unbehandelt. Sie werden vor
dem Verkauf auf Bambusstöcken während 12 bis 18 Monaten im Freien getrocknet.
Zuerst werden die Muschelschalen sorgfältig geprüft
und selektioniert. Die beiden Graveure nehmen jede genauestens unter die Lupe, um winzige Spuren von Rissen
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und anderen Mängeln auszumachen. Nur die als perfekt
beurteilten Exemplare werden ausgewählt. Dann müssen
die Bereiche der Schalen bestimmt werden, die sich für das
Zifferblatt der Reine de Naples Cammea beziehungsweise
für die Rose der Secret de la Reine eignen. In der Regel
können aus einer Schale zwei Zifferblätter oder zwei bis drei
Rosen geschnitten werden. Nachdem deren Konturen mit
Bleistift markiert und von den Graveuren noch einmal
überprüft worden sind, schneiden sie sie mit einer feinen
Säge aus und polieren und runden anschließend die Kanten. Bevor sie mit dem Schnitzen beginnen, sind mehrere
Schritte notwendig. Zunächst fixiert man die Schale mit
einer Mischung aus Wachs und Pech auf einem Holzstock.
Dann wird die äußere Oberfläche eingeebnet. Dadurch
wird sie nicht nur gleichmäßig, was für ein Zifferblatt
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KAMEEN
◆ Vor dem Gravieren wird das Motiv aufgezeichnet.
◆ Die natürlichen Farben der Muschelschale kommen zum Vorschein, wenn sich
die Werkzeuge des Graveurs in tiefere Schichten vorarbeiten.
e­ rwünscht ist, durch das Abtragen der höckrigen und rauhen Außenseite der Muschel wird die milchigweiße Schicht
freigelegt, die den beiden Künstlern gewissermaßen die leere
„Leinwand“ für ihr reliefiertes Bild liefert.
Fabio und Pasquale zeichnen zuerst das Motiv mit Bleistift auf. Die Zifferblattkamee der Reine de Naples ­Cammea
bildet eine Sonnenblume, in deren Mitte die Zeiger befestigt sind. Breguet bietet zudem die Möglichkeit, ein personalisiertes Zifferblattmotiv zu bestellen, das auf dieselbe
Weise entworfen wird. Mit dem italienisch bulino genannten Stichel beginnen sie die Oberfläche zu bearbeiten.
­Zuerst kommen die Umrisse zum Vorschein. Allmählich
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ALLE FARBEN SIND IN DER
MUSCHELSCHALE NATÜRLICH
VORHANDEN.
Nichts wird gemalt oder beigefügt.
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KAMEEN
DAS WERKZEUG DES KÜNSTLERS.
Das Motiv wird ausschließlich
mit den „bulini“ genannten Sticheln
bearbeitet.
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KAMEEN
◆ Die künstlerische Interpretation neuer Motive für Kameen-Zifferblätter.
DIE MUSCHEL WANDELT
SICH ZUR SONNENBLUME.
Die Zeiger werden im Zentrum
der Blume montiert.
werden die Details der Blume und die Werkzeuge immer
feiner. Je tiefer die Graveure in die Schichten vordringen,
desto klarer wird der dunklere Hintergrund erkennbar. Alle
Farben sind natürlich, nichts wird gemalt oder beigefügt.
Die Farbtöne jeder Muschelschale sind einzigartig in ihren
Abstufungen, ihrer Opazität und Tiefenwirkung. Aufgrund
dieser unterschiedlichen Farbtönungen in Verbindung mit
den subtilen formalen Abweichungen des handwerklich
kreierten Blütenmotivs darf jede Kamee mit Fug und Recht
als Unikat bezeichnet werden.
Wie erwähnt, dient die Kamee bei der Reine de Naples
Cammea als Zifferblatt. Darum muss diese MiniaturReliefskulptur künstlerische Virtuosität mit den strengen
Passungsanforderungen an ein Zifferblatt samt Zeiger und
Gehäuse verbinden. Ist die Gravur beendet, wird an
­verschiedenen flachen Punkten der Rückseite eine Bodenplatte für exakte Befestigung auf dem Uhrwerk aufgeklebt.
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KAMEEN
Die Reine de Naples Cammea ist in ein Gehäuse aus
Weißgold eingeschalt, dessen Lünette mit 24 Diamanten
von insgesamt 2,32 Karat besetzt ist. Die Rosenkamee der
Secret de la Reine hingegen ist auf dem Gehäusedeckel
­befestigt, der in geschlossener Position das Zifferblatt verdeckt und von der mit Diamanten besetzten Lünette in
Form e­iner Rosette eingerahmt wird. Eine Drehung des
Deckels enthüllt das „Geheimnis“: das mit unsichtbar gefassten Diamanten geschmückte Zifferblatt und sein ovales
Perlmuttschild mit dem Breguet-Logo. Erhältlich ist dieses
Modell in Rosé- oder Weißgold mit einem Armband aus
Leder oder aus geflochtenem Gold. Beide Uhren sind mit
Automatikwerken ausgestattet.
Die Rose in Form einer Kamee ist auch in den ­Joaillerieund Haute-Joaillerie-Kollektionen von Breguet prominent
vertreten, wo sie auf Ohr- und Fingerringen, Armbändern,
Anhängern und Halsketten in unterschiedlichen Formen,
Größen und Kombinationen von Gold und Perlen blüht.
Die Reine de Naples Cammea und die Secret de la
­Reine sind die einzigen Beispiele in der zeitgenössischen
Uhrmacherei, die sich mit der Kunst des Kameenschneidens schmücken. Sie sind nicht nur einzigartig, weil sie ein
traditionelles Handwerk mit Haute Horlogerie verbinden,
sondern weil jedes einzelne Modell in Farbe und Design
einmalig ist.
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LOUIS BREGUET, PIONIER DER LUFTFAHRT
Louis Breguet,
PIONIER DER
LUFTFAHRT
und Uhrenliebhaber
Von Emmanuel Breguet
Hydravion de transport Breguet 531 Saigon de la compagnie
Air
France
photographié au-dessus
du Havre
1934 der Gesellschaft
◆ Das
Transport-Wasserflugzeug
Breguet
531en
„Saigon“
Air France, 1934 fotografiert über Le Havre in Nordfrankreich.
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LOUIS BREGUET, PIONIER DER LUFTFAHRT
D er Name Breguet ist nicht nur in der Uhrmacherkunst, sondern auch in der ­Luftfahrt
ein Begriff. Das ist das Verdienst von Louis Breguet (1880–1955), einem der großen Pioniere der
Aviatik. Und die Frage, ob Abraham-Louis und Louis Breguet wohl verwandt seien, kann mit Ja
beantwortet werden.
◆◆◆
Louis Breguet ist ein Vertreter der fünften Generation
der Familie, wenn man mit der Zählung bei seinem Ururgroßvater Abraham-Louis Breguet (1747–1823) beginnt.
Dieser war 1762 von Neuchâtel nach Frankreich gezogen,
um in Versailles und Paris seine Ausbildung als Uhrmacher
weiterzuführen. Mit seiner eigenen Werkstatt am Quai
de l’Horloge in Paris machte er Karriere, wurde zum
Mitglied der französischen Académie des sciences ernannt
und brachte zusammen mit seinem Sohn Antoine-Louis
­(1776–1858) die Uhrmacherkunst auf ihren Höhepunkt.
Dessen Sohn, der Großvater von Louis, Louis-Clément
Breguet (1804–1883), erfand unzählige elektrische Instrumente und war Ehrenmitglied der Académie des sciences.
Er entwickelte und konstruierte einen Telegrafen mit
Alphabet- und Ziffernscheibe, der von vielen Ländern
­
übernommen wurde, sowie mehrere Fernmeldesysteme,
welche die Sicherheit der Eisenbahnen erhöhten. Als Anerkennung für seine zahlreichen Verdienste wurde sein Name
auf dem Eiffelturm verewigt. Louis’ Vater, Antoine Breguet
­(1851–1882), nach Abschluss der Ecole polytechnique einer der vielversprechendsten Ingenieure seiner Generation,
führte in Frankreich das Telefon von Bell ein, bevor er mit
nur 31 Jahren starb.
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Louis Breguet, der die Ecole supérieure d’électricité absolvierte, sollte eigentlich in den Aktivitäten der Familie im
Fernmeldewesen und dem Bau von Elektromotoren – sein
Großvater hatte die Uhrenmanufaktur 1870 verkauft1 –
­tätig werden, überraschte jedoch mit dem Entschluss, sich
voll und ganz der Eroberung des Himmels zu widmen.
Die Karriere von Louis Breguet in einigen Zeilen zusammenzufassen ist nicht einfach, da er selbst und die von
ihm gegründete und geführte Société anonyme des ateliers
d’aviation Louis Breguet, die später in Breguet Aviation
umbenannt wurde, fast ein Jahrhundert lang bedeutende
Akteure der Welt der Luftfahrt waren. Der Ingenieur und
Unternehmer Louis Breguet schrieb in dreifacher Weise
Aviatikgeschichte: als Hubschrauberpionier, mit einem
wichtigen Beitrag zum Militärflugwesen und beim Aufbau
der Zivilluftfahrt.2
Der Gyroplane, Vorläufer des modernen Helikopters
Von 1905 bis 1909 machte Louis Breguet mit seinem
Bruder Jacques und Professor Charles Richet3 die ersten
Schritte in der jungen Luftfahrt. Gemeinsam entwickelten
sie über den originellen Umweg des Tragschraubers den
◆ Der Ingenieur und Pilot Louis Breguet 1910 im Cockpit eines seiner frühen Fluggeräte.
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LOUIS BREGUET, PIONIER DER LUFTFAHRT
◆ Der Gyroplane Breguet-Richet Nr.1, eine der wenigen Aufnahmen vom
Abheben am 24. August 1907 in Douai. Helfer verhindern ein seitliches
Verschieben dieses Vorläufers des Helikopters.
◆ Postkarte mit Darstellungen des kuriosen Gyroplane
Breguet-Richet Nr. 2 bis.
Vertikalflug. 1907 schwebte sein bemannter Gyroplane
Nr. 1, ein seltsames Gefährt mit vier Rotorsystemen zu je
acht Blättern, während ungefähr einer Minute in der Luft:
Am 24. August hob es 60 Zentimeter vom Boden ab, am
20. September beinahe 1,5 Meter. Über diese Weltpremiere
informierte Louis Breguet umgehend die Académie des
sciences, die das Ereignis vom 24. August an ihrer Sitzung
vom 16. September offiziell bestätigte: „Einem Apparat in
der Art eines Helikopters gelang es zum ersten Mal, sich
vollständig schwerelos zu machen und mit seinem Motor,
seiner Energieversorgung und einem Mann an Bord vom
Boden abzuheben.“
Obwohl Louis Breguet von der Zukunft des Vertikalflugs
überzeugt war, verzichtete er 1909 angesichts der ungenügenden Ergebnisse, die er mit zwei weiteren ­Maschinen mit
42
Rotationsflügeln erzielte, auf die Weiterentwicklung und
wandte sich stattdessen dem Bau herkömmlicher Flugzeuge
zu, zunächst Doppeldeckern und dann Eindeckern. Doch
damit hatte er noch nicht sein letztes Wort gesagt. Dreiundzwanzig Jahre später, anno 1932, entschloss er sich, das
Abenteuer des Gyroplanes fortzusetzen, zu einer Zeit, als er
auf dem Höhepunkt seiner Karriere war und von den Konkurrenten weltweit geachtet und beobachtet wurde. Obwohl die Technik große Fortschritte gemacht hatte, zumal
auf dem Gebiet der Motorisierung, schien dieses Unterfangen ein wenig verrückt. Doch nach drei Jahren hartnäckiger
Arbeit zusammen mit René Dorand und Maurice Claisse
war der Erfolg in Griffnähe: 1935 und 1936 brach der
Versuchs-­
Gyroplane Breguet-Dorand alle Rekorde hinsichtlich Manövrierfähigkeit, Geschwindigkeit (108 Stundenkilometer), Höhe (158 Meter), Flugdauer (63 Minuten)
und Standschwebe (10 Minuten), womit er sich unbestreitbar als erster moderner Helikopter4 erwies. Louis Breguet
prägte so zweimal die Geschichte des Helikopters auf markante Weise und inspirierte eine ganze folgende Generation
von Ingenieuren wie Igor Sikorski und Franck Piaseki.
◆ Der Gyroplane Breguet-Dorand, fotografiert bei seinem historischen
Flug vom 22. September 1936.
Breguet und die Militäraviatik
Ab 1911 baute er Doppeldecker für die Streitkräfte
Frankreichs, Großbritanniens und Russlands. Wie andere
Aviatikpioniere weltweit widmete er sich von 1914 an vollständig der industriellen Produktion von Flugzeugen, die
ausnahmslos militärischen Zwecken dienten. Am 2. September 1914, einige Tage bevor er die Front verließ, um
sich um seine Fabriken zu kümmern, unternahm er auf
­eigene Initiative einen jener gefährlichen Aufklärungsflüge,
die den französischen Führungsstab über den deutschen
Versuch informierten, Paris östlich zu umgehen. Die von
den Generälen Galliéni und Joffre sehr ernst genommenen
Nachrichten führten zum Ausbruch der Marneschlacht,
von der vor allem die berühmte Geschichte der Pariser Taxis
43
LOUIS BREGUET, PIONIER DER LUFTFAHRT
DIE BREGUET 14 STARTETE
IM NOVEMBER 1916 ZU IHREM
JUNGFERNFLUG.
Diese während mehr als zehn Jahren
im Dienst stehende Maschine machte
Louis Breguet international bekannt.
◆ Zwei Breguet-14-Maschinen, wie sie im Ersten Weltkrieg eingesetzt wurden.
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45
LOUIS BREGUET, PIONIER DER LUFTFAHRT
◆ Montagestraße der Breguet 19 in den Flugzeugwerken in Villacoublay bei Paris.
◆ Louis Breguet 1936 in seinem Büro in der Rue Georges-Bizet in Paris an seinem Zeichenbrett.
in Erinnerung bleibt, die angeheuert wurden, um eine Brigade Infanteriesoldaten möglichst schnell an die Front zu
transportieren. Louis Breguet wurde für diese außerordentliche Tat das Kriegsverdienstkreuz verliehen, und sein Name
bleibt mit dem „Sieg an der Marne“, der den Kriegsverlauf
beeinflusste, für immer verbunden.
französischen Generalstab, aber auch von Belgien und
Schweden, erst so spät geordert wurde, dass er 1940 in der
Schlacht um Frankreich nicht mehr viel ausrichten konnte.
Lieferant der Streitkräfte blieb Louis Breguet bis zu seinem
Tod, und seine Nachfolger setzten sein Werk fort. Die
1950er und 1960er Jahre waren von der Entwicklung­
und Produktion des U-Boot-Jägers Breguet 1050 Alizé ge­­
prägt, der auf den französischen Flugzeugträgern Foch und
­Clemenceau bis zum Jahr 2000 im Einsatz stand und ebenfalls an die indische Marine geliefert wurde; aber auch vom
bekannten Seefernaufklärer Breguet 1150 Atlantic, Sieger
des Nato-Wettbewerbs 1958, erworben von Frankreich,
Italien, Deutschland und den Niederlanden, von dem eine
modernisierte Version noch heute über den Ozeanen und
Wüsten unserer Erde fliegt; vom Militärtransportflugzeug
Breguet 941, das auf einem Fußballplatz landen und starten
Doch das Völkerringen zog sich hin, und es kam die
Zeit der Grabenkämpfe. Die Produktion der Flugzeuge
spielte sich ein, es brauchte allerdings noch zwei Jahre, bis
die Luftwaffe auf technologischer Ebene echte Fortschritte
machte. Im November 1916 startete die Breguet 14 zu ihrem Jungfernflug, und ab 1917 wurde sie in großer Stückzahl produziert. Dieser für die damalige Zeit ultramoderne
Zweiplätzer-Doppeldecker war das Ergebnis von Louis
­Breguets persönlichen Überlegungen. Seine Struktur be46
steht vollständig aus Metall, und zwar erstmals aus
Duraluminium, der Rumpf und die Flügel sind mit Leinwand bespannt. Das als Aufklärer und Bomber konzipierte
Flugzeug begeisterte die Piloten mit seiner Geschwindigkeit, Wendigkeit, hohen Nutzlast und maximalen Flughöhe
von 6000 Metern, unerreichbar für die damaligen gegnerischen Jagdflugzeuge. Es sollte sich als wichtiges Instrument
für den Sieg der Alliierten 1918 erweisen. Die ­Breguet­14,
von der man ungefähr 8000 Stück herstellte, die von etwa
fünfzehn Ländern, darunter den Vereinigten Staaten, gekauft wurden und während über zehn Jahren im Dienst
standen, sicherte ihrem Entwickler weltweites Ansehen.5
Das Nachfolgemodell, die Breguet 19, war von ähnlichem
Zuschnitt und stand in Luftwaffen rund um den Globus im
Einsatz.6 1934 begann die Entwicklung des taktischen
Bombers Breguet 690, eines Eindeckers, der jedoch vom
47
LOUIS BREGUET, PIONIER DER LUFTFAHRT
◆ Die Breguet 280T Limousine, 1929 fotografiert auf dem Flugplatz Paris-Le Bourget.
konnte, und schließlich vom franko-britischen Jagdbomber
Jaguar, dem eine lange und brillante Karriere beschieden war.
Jahren a­ rbeitete er daran, mit Hilfe von Beziehungen, Zusammenschlüssen und Fusionen ein bedeutendes, sinnvolles und möglichst rentables Flugverkehrsnetz aufzubauen.
Breguet und die Zivilluftfahrt
1921 wurde die Linie Paris–Le Havre als Anbindung an die
Im Bereich der zivilen Luftfahrt erwies sich Louis Schifffahrtslinie nach New York eröffnet, und im Sommer
­Breguet schon früh als brillanter Theoretiker, aber auch als 1922 konnte die Strecke Paris–Lyon–Marseille eingeweiht
visionärer Praktiker. Seinen Traum, zahlreiche Passagiere zu werden, schon bald ergänzt durch Lyon–Genf. Im März
transportieren, verwirklichte er am 23. März 1911, als er 1923 fusionierte Louis Breguet sein Unternehmen mit der
mit seinem Doppeldecker mit einem 90-PS-Motor und­ Compagnie des grands express aériens, seinem Rivalen auf
elf Passagieren abhob und so einen neuen Weltrekord der Strecke Paris–London, und nannte die von ihm präsi­aufstellte!7 Kaum war der Weltkrieg zu Ende, wandte er sich dierte neue Gesellschaft Air Union. 1929 wurde die Linie
sofort der Aviatik für zivile Zwecke zu. Im Februar 1919 Marseille–Ajaccio–Tunis lanciert, 1931 folgte Tunis–Algier
gründete er die Compagnie des messageries aériennes, die und 1932 Lyon–Cannes. 1932 begann die Air Union in
nicht ­­nur für die Luftpost, sondern auch für den Transport Zusammenarbeit mit der Swissair die direkte Linie Paris–
von ­Passagieren zwischen Paris und Brüssel und später zwi- Genf mit Anschluss an die Verbindungen innerhalb der
schen Paris und London bestimmt war. Während fünfzehn Schweiz zu betreiben. Im selben Jahr war die Air Union mit
48
◆ Blick in ein Passagierflugzeug der Gesellschaft Air Union auf der Strecke Paris–London.
Bezug auf die Flugkilometer und die Passagierzahl die größte französische Fluggesellschaft. 1933 setzte Louis Breguet
seine Unterschrift auf die Gründungsakte der Air France,
da die französische Regierung beschlossen hatte, die fünf
bestehenden Fluggesellschaften – Air Union, Air Orient,
CIDNA, Lignes Farman und Aéropostale – zu vereinigen.
Einen wichtigen Beitrag zur Zivilluftfahrt leisteten auch
die Breguet-14-Maschinen8, die von den Société des lignes
aériennes Latécoère, der späteren Aéropostale, für den Luftpostverkehr in Europa, Afrika und später auch in Lateinamerika eingesetzt und durch die Erzählungen von
Mermoz, Guillaumet und Saint-Exupéry unsterblich wurden … Erwähnenswert sind zudem die „Grands Raids“, die
Langstrecken-Erstflüge von Anfang der zwanziger bis Mitte
der dreißiger Jahre, bei denen Breguet-Flugzeuge weltweit
ENTWICKLUNG
DER FLUGGESELLSCHAFTEN
1933 setzte Louis Breguet seine
Unterschrift unter die Gründungsakte
der Gesellschaft Air France.
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LOUIS BREGUET, PIONIER DER LUFTFAHRT
◆ Die „Chronique des Avions Louis-Breguet“, Ausgabe September-­
Oktober 1930, signiert von Dieudonné Costes. Diese Zeitschrift
erschien von 1925 an.
DIE BERÜHMTE BREGUET 19
„Point d’Interrogation“ ermöglichte
Coste und Bellonte den ersten
Nonstop-Flug von Paris nach New York.
zu den wichtigsten Akteuren gehörten. Obwohl sie in der
Regel nur von einem oder zwei Piloten bemannt waren,
zeigten sie doch die Möglichkeiten des Flugverkehrs auf
und bahnten den späteren Luftstraßen den Weg. Die bekanntesten dieser Erstflüge mit Breguet-Maschinen sind:
Paris–Tokio 1924 durch Pelletier d’Oisy und Bésin;
­Madrid–Manila 1926 durch Gallarza und Loriga; Weltumrundung 1927 durch Costes und Le Brix mit der ersten
Überquerung des Südatlantiks von Saint-Louis-de-Sénégal
nach Natal in Brasilien; Paris–Peking 1929 durch Arrachart
und Rignot und schließlich der Flug mit einer Breguet, der
am meisten Aufsehen erregte: Paris–New York nonstop
durch Costes und Bellonte in 37 Stunden und 18 Minuten
am 1. und 2. September 1930 an Bord der berühmten
­Breguet 19 „Point d’Interrogation“.9
Seine Tätigkeit als Gründerpräsident einer Fluggesellschaft begann Louis Breguet zunächst mit umgebauten
­Militärversionen der Breguet 14, doch danach setzte er sich
für die Konzeption von Passagierflugzeugen wie der Breguet
28 Limousine und der dreimotorigen Breguet 393 ein, die
sich als besonders sicher erwiesen. Seine spektakulärste
Leistung nach dem Zweiten Weltkrieg ist und bleibt jedoch
die viermotorige Breguet 761 „Deux-Ponts“. Mit ihren beiden Decks für rund hundert Passagiere war sie die unbestrittene Vorläuferin des Airbus A-380 und zudem eine
außergewöhnlich zuverlässige und wirtschaftliche Maschine;
während ihres zwanzigjährigen Einsatzes kam es zu keinem
50
◆ Der Triumphzug von Coste und Bellonte auf dem Broadway am Tag nach ihrem unvergesslichen Flug.
51
LOUIS BREGUET, PIONIER DER LUFTFAHRT
DIE HUNDERTJAHRFEIERN
1923 präsidierte Louis Breguet den Ausschuss
für die Veranstaltungen zum hundertsten
Todestag von Abraham-Louis Breguet.
In Frankreich und in der Schweiz fanden
bedeutende Gedenkfeiern statt.
einzigen tödlichen Unfall. 1921 beschrieb er an einer visionären Konferenz das Flugzeug der Zukunft, das bis zu
13 500 Meter Höhe erreichen und die Strecke Paris–New
York in sechs Stunden zurücklegen werde.10 Louis Breguet
unternahm alles, um Flugreisen möglichst vielen Menschen
zugänglich zu machen, er begnügte sich nicht mit einer
­elitären, nur den Reichsten vorbehaltenen Luftfahrt. Schon
1943 wollte er den Ticketpreis dem Eisenbahntarif der­­
3. Klasse angleichen und theoretisierte dreißig Jahre vor
­ihrer Zeit über Charter- und Low-Cost-Angebote.11
1955 starb Louis Breguet mitten in seiner Geschäftstätigkeit. Breguet Aviation wurde vom französischen Unternehmer Sylvain Floirat erworben, der zahlreiche Projekte
fortführte. 1967 integrierte dann Marcel Dassault, der
­andere große französische Aviatikpionier, den Betrieb in
seinen von da an S.A. Avions Marcel Dassault-Breguet
­Aviation oder kurz Dassault-Breguet genannten Konzern.
Die französische Regierung billigte und unterstützte diese
Konzentration, die Marcel Dassault mit den Standorten
Toulouse und Anglet12 zusätzlich industrielle Mittel verschaffte, welche sich hinsichtlich seiner Ambitionen auf
den Weltmarkt als überaus nützlich erwiesen.
◆ Einladung zur Gedenkfeier in der Pariser Sorbonne vom 27. Oktober 1923.
52
Louis Breguets Beziehungen zur Uhrenindustrie
Neben seinen Aktivitäten im Bereich der Luftfahrt und
des Sports13 war Louis Breguet stets in Kontakt mit der
­Familie Brown, die seinem Großvater die Uhrenfirma abgekauft hatte, und erinnerte sich häufig mit Stolz des
uhrmacherischen Werks seiner Vorfahren. Von 1922 an ist
die Société des ateliers d’aviation Louis Breguet regelmäßig
in den Verkaufsbüchern der Uhrenmanufaktur erwähnt.
Das lässt den Schluss zu, dass Louis Breguet es verstand, den
damaligen Leitern der Montres Breguet die Zukunftsaussichten für Uhrenprodukte für die Luftfahrt aufzuzeigen.
◆ Werbebroschüre für die Einführung des Verkehrsflugzeugs Breguet 761 „Deux-Ponts“.
1923 präsidierte er übrigens anlässlich des HundertJahr-Jubiläums das Comité du centenaire d’Abraham-Louis
Breguet (1747–1823), das in Frankreich und in der Schweiz
vielbeachtete Veranstaltungen organisierte. Deren Höhepunkt war die Ausstellung im Pariser Musée Galliera, die
Louis Breguet an der Seite von Alexandre Millerand eröffnete, dem Präsidenten der Französischen Republik.14 Während mehrerer Wochen tauchte der Flugzeughersteller in
die Welt der Uhrmacherei ein und begegnete ihren herausragendsten Vertretern in Frankreich, Großbritannien und
der Schweiz. Er verbrachte viel Zeit mit dem Londoner
­Industriellen Sir David Salomons sowie mit dem Besitzer
53
LOUIS BREGUET, PIONIER DER LUFTFAHRT
◆ Die Breguet 14 F-POST
der Manufaktur Breguet, Henri Brown, und seinem Sohn
und späteren Nachfolger Georges. Am 26. Oktober empfing Louis Breguet all diese Vertreter der Uhrenwelt zu einem Besuch in seinen Fabriken in Vélizy-Villacoublay. Und
am nächsten Tag schloss er in Paris seine lange Rede im
großen Amphitheater der Sorbonne mit folgendem Satz:
„Eine der schönsten Blüten im Kranze der Uhrenindustrie
ist es, der Seefahrt bei der Lösung ihrer Navigationsprobleme auf hoher See geholfen zu haben, so wie sie heute die
Navigatoren des Himmels – deren Leistungen mir besonders teuer sind – tatkräftig dabei unterstützt, ihre Route im
Luftraum zu erleuchten und zu erkennen.“ Hier spricht
eindeutig der Ingenieur: Ja, die Uhrenindustrie hat Herausforderungen zu meistern und ihre Rolle zu spielen, um den
Aufschwung der Luftfahrt zu begleiten und sogar zu erleichtern, wie sie es einst für die Seefahrt tat. Von Louis
Breguet formuliert, dem Flugzeugkonstrukteur und Präsidenten des französischen Verbands der Flugzeugindustrie,
hatte diese Bestätigung besonderes Gewicht!
54
◆ Eine Breguet „Deux-Ponts“ der Air France.
Die häufigen Bestellungen von Breguet-Uhreninstrumenten durch den Flugzeughersteller Louis Breguet erstreckten sich über einen langen Zeitraum15, und
selbstverständlich findet man in den Cockpits der BreguetMaschinen auch Breguet-Uhren! Eines der allerersten
Chronographenmodelle aus Stahl mit „Spezialfunktion“,
das heißt mit Flyback, wurde übrigens bezeichnenderweise
1952 der Société Louis Breguet verkauft. Dass damit eines
der frühesten Exemplare der zwei Jahre später erscheinenden Type-XX-Stoppuhr durch Louis Breguet und seine
Mitarbeiter getestet wurde, belegt, wie nahe sich die beiden
Unternehmen namens Breguet standen.
Der große Flugpionier war also offensichtlich auch ein
großer Freund der Uhrmacherei. Er interessierte sich in er­
ster Linie für die Uhr als wissenschaftliches Instrument,
und obwohl seine Rolle als diskreter Berater der Manufaktur
Breguet allgemein unterschätzt wird, ist sie dennoch erwiesen und bedeutsam.
◆ U-Boot-Jäger Breguet 1050 Alizé.
1 870 verkauft Louis-Clément Breguet den Uhrenbereich seiner
Aktivitäten seinem Werkstattchef Edward Brown, einem Pariser
Uhrmacher britischer Herkunft. Drei Generationen der Familie
Brown folgten sich bis 1970 an der Spitze von Breguet.
2
Eine Gesamtübersicht der Karriere von Louis Breguet findet man
in BREGUET, un siècle d’aviation von Emmanuel Breguet, 144 S.,
Editions Privat, 2012.
3
Charles Richet (1850–1935), Freund von Antoine Breguet und Pate
von Louis Breguet. Dieser vielseitig interessierte Arzt war von der
Luftfahrt fasziniert und erhielt 1913 den Nobelpreis für Medizin.
4
Über die internationale Geschichte des Helikopters informiert das
Buch Hélicoptères, la genèse, de Léonard de Vinci à Louis Breguet, von
Bernard Bombeau, 364 S., Editions Privat, 2006.
5
Außer in Frankreich flog die Breguet 14 in Belgien, Dänemark,
Schweden, Rumänien, Polen, Spanien, Portugal, Brasilien, Siam,
Japan, in der Tschechoslowakei und den Vereinigten Staaten.
6
Die Breguet 19 wurde von den folgenden Staaten gekauft:
­Frankreich, Belgien, Jugoslawien, Rumänien, Polen, Griechenland,
­Bolivien, Venezuela, Argentinien, Persien, Türkei, Spanien, China
und Japan.
7
Dieser Rekord fand in La Brayelle bei der nordfranzösischen Stadt
Douai statt, wo Louis Breguet mit dem Flugzeugbau begann.
8
Die von Eugène Bellet geleitete Association Breguet XIV baute eine
Replik der Breguet 14 mit dem Kennzeichen F-POST; diese
Maschine ist die einzige heute noch flugtaugliche Breguet 14. 2010
flog Bellet von Toulouse nach Cap Juby (heute Tarfaya, Marokko),
dies zu Ehren der Pioniere dieser Linie. 2015 will er sich seinen
Wunsch erfüllen, die Spuren der Pioniere weiterzuverfolgen, diesmal jedoch in Südamerika mit der Route Brasilien–Uruguay–­
Argentinien. Eugène Bellet ist der Verfasser des Werks BREGUET
XIV, des tranchées à l’Aéropostale, Editions Privat, 144 S., 2011.
1
◆ Der Jagdbomber Breguet SEPECAT Jaguar, eine Gemeinschaftsproduktion von Frankreich und Großbritannien aus den 1960er Jahren.
Diese „Fragezeichen“ getaufte Breguet 19 befindet sich in der
­Sammlung des Musée de l’Air et de l’Espace im Pariser Flughafen
Le Bourget. In diesem Museum zur Luft- und Raumfahrttechnik
kann man auch eine Breguet 14 aus dem Ersten Weltkrieg besichtigen, außerdem die Breguet 19 „Nungesser et Coli“ von Costes
und Le Brix, einen Gyroplane und mehrere weitere Maschinen
jüngeren Datums. Ein Breguet-Doppeldecker aus dem Jahr 1911
befindet sich im Musée des Arts et Métiers in Paris, das in seiner
Uhrensammlung ebenfalls mehrere Meisterwerke von Abraham-­
Louis B
­ reguet besitzt.
10
L’avenir de l’aviation (Zukunft der Luftfahrt), Konferenz vom­
16. November 1921.
11
L’avenir de l’aviation de transport (Zukunft der Transportflugverkehrs), Konferenz vom 24. November 1943.
12
Nach Douai, wo Louis Breguet vor 1941 sein industrielles Debüt
gab, wurde Vélizy-Villacoublay in der Region Paris der wichtigste
Produktionsstandort für Breguet-Flugzeuge. Die Fabriken in
­Toulouse und in Anglet (einer Gemeinde zwischen Bayonne und
Biarritz) erwarb Louis Breguet 1939.
13
Als großer Skipper errang Louis Breguet an den Olympischen
Spielen von 1924 am Ruder seines 8-Meter-Segelboots Namoussa
bei den Regatten in Le Havre eine Bronzemedaille. 1928 gründete
er den Deauville Yacht Club, den er bis zu seinem Tod am 4. Mai
1955 in Saint-Germain-en-Laye präsidierte.
14
Die Ausstellung zum hundertsten Todesjahr von Abraham-Louis
Breguet, die vom 25. Oktober bis 24. November 1923 im Musée
Galliera in Paris zu sehen war, ist bis heute die größte ihrer Art
geblieben: 266 Exponate wurden gezeigt, darunter rund hundert
Leihgaben von Sir David Salomons (1851–1925), dem legendärsten
Sammler von Uhren und Pendülen aus dem Hause B
­ reguet.
15
Archives Montres Breguet SA, Paris, Verkaufsregister.
9
55
REINE DE NAPLES JOUR / NUIT
REINE DE NAPLES
Jour / Nuit
Von Jeffrey S. Kingston
56
57
REINE DE NAPLES JOUR / NUIT
A
ls Abraham-Louis Breguet sein 1801 patentiertes Tourbillon entwickelte, verfolgte er mit
dieser Konstruktion ein klares Ziel. Denn unter dem Einfluss der Erdanziehungskraft hat jede
Uhr die Tendenz, in gewissen Positionen der Unruh schneller und in anderen langsamer zu l­ aufen,
was zu Abweichungen der Ganggenauigkeit führen kann. Diesem Umstand half Breguet ab,
­indem er die Elemente des Regulierorgans so anordnete, dass sie sich dauernd um 360 Grad
­drehen. Da sie so nacheinander alle Positionen durchlaufen, die ein Vor- oder Nachgehen b­ e­wirken,
kompensieren sich diese Abweichungen gegenseitig. Das Prinzip dieses Geniestreichs ist im Kern
einfach, seine Verwirklichung erfordert jedoch ein außerordentliches uhrmacherisches Können.
◆◆◆
So zweckorientiert diese originale Erfindung war und
auch für neue Standards der Ganggenauigkeit sorgte, das
­filigrane Ballett des Regulierorgans im Tourbillon-Drehgestell hatte wohl schon damals etwas Romantisches. Und in
seiner miniaturisierten Form in der Armbanduhr regt es
heute die Phantasie ganz besonders an. Dieses poetische
Element gehörte denn auch zum Pflichtenheft für die Konstruktion der Damenuhr Reine de Naples Jour/Nuit. Sie
basiert auf dem Grundgedanken eines Tourbillons, dessen
Unruh und Spiralfeder einen 24-Stunden-Tag durchwandern. Seine Rotation dient dabei nicht nur der Steigerung
der Ganggenauigkeit, sondern bietet gleichzeitig eine bezaubernde Darstellung von Tag und Nacht.
Der Tag und die Nacht sind dabei logischerweise durch
eine Sonne und einen Mond verkörpert, die auf einem
58
Himmelszelt aus Lapislazuli angeordnet sind. Der Mond ist
traditionell in Form eines in eine Titanscheibe eingravierten
Gesichts dargestellt, das beidseits von goldenen Sternen begleitet wird. Ungewöhnlicher ist die Sonne gestaltet, wird sie
doch durch die Unruh verkörpert, die von Wolken aus Perlmutt eingerahmt wird. Der breite Unruhreif ist mit einem
gezahnten Guillochemuster verziert. Die Lapislazuli-Scheibe
mit der „Sonnen-Unruh“ für die Tages- und dem Mann im
Mond für die Nachtstunden dreht sich einmal in 24 Stunden. Diese Tag/Nacht-Anzeige ist mit einer zusätzlichen
Funktion verbunden: Der obere Arm, der die „SonnenUnruh“ trägt, hat nämlich die Form eines Zeigers, der dem
Stundenkreis mit arabischen Ziffern und Indexen folgt und
so die Zeit des 24-Stunden-Tags präzise anzeigt. Er ist j­ edoch
nicht nur eine zusätzliche Zeitanzeige, sondern als Unruhbrücke auch ein grundlegendes Element des Uhrwerks.
59
REINE DE NAPLES JOUR / NUIT
DIE KONSTRUKTION BASIERT
AUF DEM GRUNDGEDANKEN EINES
24-STUNDEN-TOURBILLONS.
In dieser Reine de Naples machen
die Unruh und die Hemmung,
die ­grundlegenden Elemente der Zeitmessung, eine Umdrehung pro Tag.
◆ Die Tag/Nacht-Anzeige auf einer drehenden Scheibe aus Lapislazuli; die Sonne wird durch
die Unruh vertreten, das Mondgesicht ist in die in den Stein eingesetzte Titanscheibe graviert.
60
Das Rotationsprinzip wirkt beinahe trivial: „Dreht sie
einfach!“ Doch wie jeder Mechanismus, der die Komponenten des Regulierorgans rotieren lassen soll, bildete die
auf 24 Stunden verlangsamte Umdrehung eine besonders
schwierige Aufgabe für die Uhrmacher, und zwar sowohl
bei der Konzeption wie bei der Montage. Zunächst mussten
die Konstrukteure von Breguet ein System entwickeln, das
einerseits die Unruh und Spiralfeder sowie s­ elbstverständlich
die Scheibe mit dem Firmament aus Lapislazuli tragen und
andererseits die Hemmung der Uhr mit Energie versorgen
konnte. Die Lösung, um diese beiden Forderungen zu vereinen, bestand darin, ein Räderwerk zu entwickeln, das
vom Federhaus aus zweigeteilt verläuft. Der eine Übertragungsast nimmt einen Trieb mit, der wiederum die Lapislazuli-Scheibe dreht, die als Tourbillonkäfig oder -drehgestell
wirkt und die Komponenten des Regulierorgans rotieren
lässt. Das zweite Räderwerk treibt den Hemmungstrieb an.
In dieser Konfiguration ist die Unruh fest mit dem fünfarmigen und auf seinem Umfang gezahnten Drehgestell verbunden. Selbstverständlich sind weder die feinen Zähne
noch die Arme auf der Zifferblattseite des Werks sichtbar.
Die völlig neue Anordnung des Hemmungsrads im Zentrum des drehenden Tourbillonkäfigs stellte die Konstruk­
teure vor eine ganze Reihe spannender Herausforderungen.
Die erste betrifft die Kombination der Drehbewegungen:
Die vom Räderwerk der Zeitanzeige mit ihrem ­12-StundenRhythmus ausgehende Rotation des Hemmungsrads ist mit
jener des Käfigs verbunden, der sich einmal pro Tag dreht.
Deshalb „verliert“ das Hemmungsrad alle 24 ­Stunden eine
61
REINE DE NAPLES JOUR / NUIT
EIN ECHTES KUNSTWERK.
Die Lapislazuli-Scheibe der 24-StundenAnzeige mit ihrem Mond aus graviertem
Titan sowie den goldenen Sternen und
Wolken aus Perlmutt.
◆ Die Lapislazuli-Scheibe mit den Sternen und Wolken
wird auf einem beweglichen Rad montiert.
62
63
REINE DE NAPLES JOUR / NUIT
DIE KOMPLEXITÄT DER
ROTIERENDEN ANZEIGE BLEIBT
DEM BLICK VERBORGEN.
Das Zifferblatt hat etwas Romantisches
mit der drehenden Anzeige von Sonne,
Mond, Sternen und Wolken.
Umdrehung. Es galt also eine Methode zu finden, um diese
Abweichung zu korrigieren. Die Lösung bestand darin, das
Hemmungsrad mit 21 statt wie üblich mit 20 oder 15 Zähnen auszustatten und eine Frequenz von 3,5 Hertz zu wählen.
Zudem drängte sich eine zweite Anpassung der Uhrwerkkonzeption auf. Die guillochierte Unruh befindet sich
sehr nahe bei der zentralen Hemmung. Deren Anker hat
zwar die traditionelle Form, wie sie für eine Schweizer Ankerhemmung erforderlich ist, er ist jedoch das kürzeste derartige Teil, das gegenwärtig in einer in Serie produzierten
Uhr verwendet wird. Auch die gesamte Hemmung wurde
übrigens von Breguet noch nie in so kurzer Form hergestellt. Wie die Spiralfeder bestehen auch die Hörner des
umgekehrten Ankers – eine von Breguet entwickelte Spezia­
lität – aus Silizium.
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Auf der Zifferblattseite der Uhr sind diese komplizierten Vorrichtungen unsichtbar, damit sich der Blick auf die
Lapislazuli-Scheibe mit Sonne und Mond, Wolken und
Sternen sowie auf den vergoldeten 24-Stunden-Zeiger
­konzentrieren kann. Der übliche 12-Stunden-Kreis für
Stunde und Minute quert die Lapislazuli-Scheibe in ihrem
unteren Drittel. Dieser Ausschnitt des Stundenkreises verkörpert gleichzeitig ein funktionelles Element des Uhrwerks, dient er doch gleichzeitig als obere Brücke für d
­ as
Tourbillon-Drehgestell. Die Kombination der sich überschneidenden 12- und 24-Stunden-Kreise enthält insofern ein poetisches Element, als sie die Konturen der
Ziffer 8 bilden.
Da die Kreation dieser Komplikationen keinesfalls den
Komfort der Trägerin beeinträchtigen durfte, wurde die
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REINE DE NAPLES JOUR / NUIT
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REINE DE NAPLES JOUR / NUIT
Reine de Naples Jour/Nuit mit einem Automatikaufzug
ausgestattet. Die sorgfältig dekorierte goldene Schwing­
masse zeigt einen ziselierten Mond, umgeben von eingravierten und vergoldeten Sonnenstrahlen. Sie rotiert auf
einem Rubinlager, um die Uhr aufzuziehen. Um eine möglichst flache Konstruktion ohne Leistungsverlust zu realisieren, erfolgt das Spannen der Feder nur in einer Richtung.
Die Reine de Naples Jour/Nuit wirkt mit ihrer überaus
schlichten, reinen Erscheinung ebenso anziehend wie geheimnisvoll. Die Lünette des eiförmigen Gehäuses aus
Rosé- oder Weißgold ist ebenso mit Diamanten besetzt
wie Teile des handguillochierten Zifferblatts mit seinen
drei Zeigern. Im Tageslauf wandern Sonne und Mond gemächlich über das Firmament, ohne etwas von dem darunter verborgenen komplizierten zweigeteilten Räderwerk
sowie seiner besonderen Frequenz und der einzigartigen
Anordnung des Hemmungsrads erahnen zu lassen. Die
Verbindung von höchst originellen Anzeigen mit avant­
gardistischen technischen Neuerungen macht die Reine de
Naples Jour/Nuit zu einer Ausnahmekreation von unwider­
stehlicher Anziehungskraft.
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SKELETTIERTE UHREN
SKELETTIERTE
UHREN
Von Jeffrey S. Kingston
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SKELETTIERTE UHREN
D
ie mechanische Uhrmacherei erlebte ihre erste Blütezeit zu Beginn des 16. Jahrhunderts
mit dem Aufkommen des Federhauses und seiner Antriebsfeder. Dank dieser Kraftquelle konnte
man erstmals tragbare Zeitmesser bauen, die wirklich funktionierten, wobei Präzision nicht
­gerade ihre Stärke war. (Eine höhere Ganggenauigkeit tragbarer Uhren wurde erst anderthalb
Jahrhunderte später mit der Erfindung der Unruh und Spiralfeder durch den niederländischen
Mathematiker Christiaan Huygens möglich.) Ja diese ersten tragbaren Uhren waren so ungenau,
dass manche zusätzlich über eine Miniatur-Sonnenuhr verfügten, damit der Besitzer die Zeit
wenigstens einigermaßen zuverlässig ablesen konnte. Da die mechanische Präzision noch außer
Reichweite lag, griffen die Uhrmacher nach anderen Mitteln, um ihre Kreationen aufzuwerten,
zum Beispiel durch künstlerische Verzierungen. Die Techniken des Emaillierens und V
­ ergoldens
florierten im Jahrhundert vor dem Erscheinen von Mechanismen mit U
­ nruh-Regulierorgan.
­A nfänglich sollte dieser Dekor vor allem den Wert des kostbaren Objekts und gleichzeitig die
Bedeutung seines Besitzers hervorheben. Doch obwohl seither die Präzision der Uhrwerke immer
wichtiger wurde, blieben künstlerische Schmuckverfahren oft entscheidende Verkaufsargumente,
die zum Aufschwung der Uhrmacherei beitrugen und Uhrenliebhaber weiterhin faszinieren.
◆◆◆
Obwohl die Skelettierung ein Paradebeispiel für den
künstlerischen Schmuck des Uhrwerks ist, gehört sie eindeutig in eine andere Kategorie als die übrigen Dekorverfahren. Denn diese Technik betrifft die grundlegenden
Komponenten des Mechanismus, während die meisten anderen schmückenden Elemente, etwa das Emaillieren von
Gehäusen und Zifferblättern, keinen direkten Bezug zum
Uhrwerk haben. Das Skelettieren hingegen entspricht einem Eingriff im schlagenden Herz der Uhr. Und so schön
die Filigranarbeiten und Ziselierungen eines skelettierten
Werks auch sind: Die Präzision der Uhr dürfen sie nicht
72
beeinträchtigen. So gesehen vereint das Skelettieren Kunsthandwerk und Uhrmacherkunst auf einzigartige Weise.
Die Suche nach den Ursprüngen des Skelettierens von
Uhren ähnelt einem Schattenboxen: Kaum glaubt man eines dieser Schemen gestellt zu haben, ist es schon wieder
verschwunden. Im Fall des Skelettierens nicht etwa, weil
historische Zeugnisse fehlten oder sehr selten wären, sondern weil man sich nicht auf eine klare Definition einigen
kann, was genau man als erste Skelettuhren bezeichnen
kann. Gewisse Uhren des 15. Jahrhunderts zeugen z­ weifellos
◆ Montage der Tourbillonbrücke in der Breguet-Uhr Classique Tourbillon Quantième Perpétuel 3797.
73
SKELETTIERTE UHREN
von einer ursprünglichen Form des Skelettierens oder lassen
sie zumindest erahnen. Denn ihr Gehäuse verfügt tatsächlich über eine Öffnung, die ihr mechanisches Innenleben
zumindest teilweise sichtbar macht. Selbstverständlich hatten sie noch keine durchbrochenen Platinen und Brücken,
da ja diese Elemente erst zwei Jahrhunderte später erfunden
wurden. Nichtsdestotrotz war die Idee geboren, die bewegten Rädchen sichtbar zu machen, und das steht schließlich
im Mittelpunkt der Skelettisierungsidee.
Einige Historiker siedeln den Beginn des Skelettierens
bei den gotischen Tischuhren des 16. Jahrhunderts an. Diese basieren auf einer offenen Eisenrahmenkonstruktion,
dank der die wichtigen Elemente des Werks vollständig
sichtbar sind. Damit stehen sie dem Begriff des Skelettierens
zweifellos näher, ist doch hier nicht nur das Zifferblatt
durchbrochen beziehungsweise ajouriert. Sie sind so konzipiert, dass sie die wichtigen Werkteile vorn und im Zen­
trum zur Schau stellen. Da es sich bei diesen Stücken jedoch
nicht um Taschen-, sondern um Pendel­uhren handelt, gehören sie in eine andere Kategorie.
All diese frühen Zeitmesser als erste Skelettuhren zu bezeichnen erfordert eine gewisse Flexibilität bei der Defini­
tion und eine großzügige Auslegung des Konzepts. Geht
man von der strengeren Norm aus, es müsse sich um eine
Taschenuhr handeln, in der die Platine und die Brücken
durchbrochen und dekoriert sind, damit man sie als Skelett­
uhr qualifizieren kann, müsste der Startpunkt in der Zeit
um 1760 angesetzt werden, also rund fünfzehn Jahre bevor
Abraham-Louis Breguet seine Werkstatt am Quai de l’Horloge in Paris eröffnete. Damals wetteiferten zwei französische Uhrmacher, Jean-Antoine Lépine und Pierre-Auguste
Caron, um den Preis für die erste Skelettuhr. In beiden Fällen haben die Uhren ziselierte und durchbrochene Platinen
für den Einblick ins Räderwerk und geöffnete Federhäuser,
74
KUNST IM HERZEN DER UHR.
Das Skelettieren eines Uhrwerks
unterscheidet sich grundlegend von den
übrigen Dekorverfahren, weil es
seine wichtigsten Komponenten betrifft.
um die Antriebsfeder zu zeigen, sowie eine auf ein Dreieck
reduzierte Unruhbrücke, dank der man die beweglichen
Teile darunter beobachten kann. Aller Wahrscheinlichkeit
nach wurden diese eindeutig skelettierten Zeitmesser geschaffen, weil Mitglieder des königlichen Hofstaats sich für
derartige Präzisionsmechanismen interessierten. Die Gelehrten dieser Epoche waren vom Studium der Wissenschaften und den dafür erfundenen Instrumenten fasziniert.
So hatte der Kronprinz und künftige Ludwig XVI., der auf
der Guillotine enden sollte, in dieser Zeit eine wahre Leidenschaft für Uhren und Mechanismen jeglicher Art entwickelt und dafür im Schloss von Versailles so etwas wie ein
Uhrmacheratelier eingerichtet.
Beinahe alle grundlegenden Elemente der skelettierten Zeitmesser der heutigen Feinuhrmacherei waren in
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SKELETTIERTE UHREN
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SKELETTIERTE UHREN
DAS ZISELIEREN DER
EINZELTEILE ILLUSTRIERT DAS
GESCHICK DES UHRMACHERS.
Skelettieren erfordert sowohl technischhandwerkliche Meisterschaft als auch
künstlerisches Talent.
den e­ rsten Uhren dieser Art von Lépine und Caron vorhanden. Die Platinen und Brücken waren nicht nur
durchbrochen, sondern auf ihren funktionellen Partien
kunstvoll graviert und verziert. Caron, der später das
Uhrmacherhandwerk aufgab, um unter dem Namen
Beaumarchais als Schriftsteller und Vater der Bühnenfigur Figaro unsterblichen Ruhm zu erlangen, trieb die Idee
der Verzierung des Uhrwerks noch weiter, indem er ein
emailliertes Porträt in die Mitte setzte. Dennoch unterscheiden sich die Uhren von Lépine und Caron in einem
fundamentalen Aspekt von den heutigen Kreationen: Sie
waren mit den damals üblichen emaillierten Zifferblättern
ausgestattet. Die Skelettierarbeit ist deshalb lediglich
durch das Glas auf dem Gehäuseboden sichtbar.
Abraham-Louis Breguet machte diesen Trend, der in
­Paris während einer gewissen Zeit florierte, nicht mit. Er
ging gestalterisch in eine andere Richtung und zog die
Funktionalität der Dekoration vor. Das beweist zum Beispiel sein revolutionärer Einsatz des ­Guillochierverfahrens
auf den Zifferblättern. Dieses ästhetische Element, das für
78
seine Zeitmesser charakteristisch wurde, diente in erster
­Linie den beiden konkreten Zielen, die Ablesbarkeit der
Anzeigen zu steigern und auf dem Zifferblatt klar definierte
Zonen abzugrenzen.
Die heutige Manufaktur Breguet hat der Kunst des
Skelettierens neue Perspektiven eröffnet. Das Durchbrechen beziehungsweise Aushöhlen der Platine und der Brücken macht die Uhren nicht leistungsfähiger, die kunstvolle
Architektur und die sorgfältige Ausführung illustrieren
­jedoch das Können ihrer Uhrmacher auf beeindruckende
Weise. Wie die großen Komplikationen ist auch die Fili­
granarbeit der skelettierten Uhrwerke ein klares Statement der Uhrmacherkunst. Beide zeugen vom Savoir-faire
ihrer Schöpfer.
Es gibt allerdings eine Grenze, die man respektieren
sollte. Auf dem Uhrenmarkt finden sich zahlreiche Zeitmesser von anderen Herstellern, die nichts mit den
­minutiös von Hand skelettierten Zeitmessern der Manufaktur Breguet zu tun haben. Diese Uhren haben Platinen und Brücken mit ausgestanzten oder ausgefrästen
Öffnungen, um die darunterliegenden Komponenten
sichtbar zu machen. Bei den gröbsten Beispielen dieser
auf computergesteuerten Automaten gefertigten Teile
fehlt jede Spur manueller Verzierungen. Einige haben
maschinenpolierte Öffnungen, doch so lobenswert es ist,
dass diese Uhren Einblick ins m
­ echanische Innenleben
gewähren, mit Haute-Horlogerie-Skelettuhren lassen sie
sich kaum vergleichen.
Bevor wir uns dem Vorgehen von Breguet beim Skelettieren zuwenden, sei daran erinnert, dass dafür sowohl
eine entschieden künstlerische als auch eine höchst technische Fertigkeit erforderlich sind. Obwohl die modernen
­Skelettuhren der Manufaktur von einer uhrmacherischen
◆ Montage der Kalender-Werkplatte in der Classique Tourbillon Quantième Perpétuel 3797.
79
SKELETTIERTE UHREN
DIE KENNZEICHEN SORGFÄLTIGSTER,
MINUTIÖSER HANDARBEIT.
Achten Sie beim Prüfen einer Skelettuhr
auf die Innenwinkel. Sind sie glänzend
glatt und leicht ausgerundet, zeugen sie von
­manueller Endbearbeitung.
Tradition zeugen, die in der wunderschönen Verzierung
der Taschenuhren aus der Mitte des 18. Jahrhunderts wurzelt, unterscheiden sie sich grundlegend von diesen alten
Zeitmessern. In der Vergangenheit ließ sich der Uhrmacher
beim Durchbrechen der Werkteile weitgehend von ästhetischen Kriterien leiten. Diese sind selbstverständlich auch
heute noch wesentlich, sie werden jedoch durch technische
Berechnungen und Tests gestützt. Die Uhrwerkkonstrukteure von Breguet studieren und analysieren, wie die kunstvoll ajourierten Teile auf Schläge und Stöße reagieren.
Denn so filigran sie auch sein mögen, Abstriche bei der
chronometrischen Leistung kommen nicht in Frage. Deshalb wird die Funktionalität der Formen durch hochpräzise
Computersimulationen geprüft.
Zurzeit sind vier Modelle der Breguet-Kollektion mit
skelettierten Uhrwerken ausgestattet: die Ref. 3555
­Tourbillon Squelette aus Platin; die Ref. 5335 Tourbillon
­Messidor; die Ref. 3795 Tourbillon Quantième Perpétuel
und der Haute-Joaillerie-Chronograph Ref. 5238. Weitere
Modelle haben zwar kein vollständig skelettiertes Uhrwerk,
jedoch durchbrochene Schwingmassen, so die Ref. 5317
Tourbillon Automatique und der Calendrier Perpétuel
­
Ref. 5327.
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SKELETTIERTE UHREN
Im Gegensatz zu den vielen für Großserien bestimmten
maschinell skelettierten Komponenten werden diese Teile
der Breguet-Skelettuhren rein manuell bearbeitet. Die Platinen, Brücken und Federhausdeckel werden sorgfältig von
Hand durchbrochen und prachtvoll ziseliert. Die Ränder
dieser Öffnungen werden in der Technik des „Langziehens“
verziert und danach angliert, zunächst mit der Feile und
dann mit dem Polierstab aus hartem Buchsholz, um den
Kanten höchsten Glanz zu verleihen. So angliert man etwa
das Werk der Uhr Tourbillon Messidor mehr als hundert
Stunden sorgfältig von Hand, bis es den letzten Schliff
­erhalten hat. Für geübte Augen ist es einfach, Stücke mit
solchen von Hand abgeschrägten Kanten von maschinell
polierten Komponenten zu unterscheiden. Die aufschlussreichen Zeichen sind bei der Inspektion der Innen- und
Außenwinkel klar sichtbar. Nur durch manuelles Feilen
­erhält man gleichzeitig saubere und glänzende Innen- und
Außenwinkel. Werden diese Flächen nur maschinell bearbeitet, sind die Winkel nicht abgerundet. Kein Wunder,
examinieren Kenner, wenn sie eine Uhr in die Hand nehmen, als erstes diese Winkel, die wahre Kunst von indu­
strieller Massenproduktion unterscheiden.
Das manuelle Langziehen und Anglieren sind nur die
ersten Etappen der bei Breguet üblichen Endbearbeitung
skelettierter Uhrwerke. Im Fall der skelettierten ­Tourbillonuhr, der Tourbillonuhr mit ewigem Kalender und des
­Haute-Joaillerie-Chronographen werden die glatten Oberflächen mit einer Vielzahl dekorativer Motive ziseliert.
Beim Modell Tourbillon Messidor wiederum werden diese
Flächen nicht ziseliert, sondern fein von Hand gebürstet
oder satiniert. In beiden Fällen erfordern diese Dekorarbeiten zahlreiche Stunden geduldiger Handarbeit.
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SKELETTIERTE UHREN
SKELETTIERTE UHREN NEHMEN
IN DER WELT DER HAUTE HORLOGERIE
Langziehen, Anglieren und Satinieren oder Bürsten
sind kunsthandwerkliche Techniken, die man erst nach
­jahrelangem Üben bei sämtlichen Uhrwerkteilen meistert.
Bei skelettierten und durchbrochenen Teilen nimmt ihr
Schwierigkeitsgrad exponentiell zu. Denken Sie nur an all
die zusätzlich entstehenden Oberflächen, die dekoriert sein
wollen. Wird ein herkömmliches Werkteil graviert, geschieht dies üblicherweise nur auf der sichtbaren Seite,
während bei durchbrochenen Teilen die manuelle Endbearbeitung sowohl der Innen- als auch der Außenseiten gleichermaßen notwendig wird. Dasselbe gilt für das Ziselieren.
Skelettuhren sind oben und unten mit Saphirgläsern aus­
gestattet, weshalb auch zahlreiche Uhrwerkteile beidseitig
einsehbar sind und verziert werden müssen. Als zusätzliche
Schwierigkeit werden bei Breguet die Ober- und Unterseiten mit verschiedenen Motiven verziert. Abgesehen von der
unterschiedlichen Zahl und Komplexität der manuellen
Endbearbeitungen sind die skelettierten Teile auch viel feiner, was ihr Bearbeiten und Verzieren um so heikler macht.
Bringt der Uhrmacher das feine Gitterwerk-Dekormotiv
auf einem skelettierten Teil an, muss er höchst vorsichtig
sein, um dieses nicht zu verbiegen oder anderweitig zu beschädigen. So schön der Schmuck auch sein soll: All diese
Präzisionsteile müssen nach der Montage einwandfrei zusammenpassen und funktionieren, was durch die manuellen Eingriffe nicht beeinträchtigt werden darf.
◆ Kontrolle der Kalender-Werkplatte auf der Rektifizier- oder
Abrichtplatte, um zu prüfen, ob sie vollkommen plan ist.
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Die gleiche Anforderung gilt auch, wenn es an die
Montage geht. Jedes skelettierte Teil wird auf die absolut
plan polierte stählerne Rektifizier- oder Abrichtplatte gelegt, um zu kontrollieren, ob das Teil beim Dekorieren verbogen wurde oder nicht. Denn selbst die kleinste
Verformung kann das einwandfreie Funktionieren des
EINEN BESONDEREN PLATZ EIN.
Die Verwirklichung eines skelettierten
­Uhrwerks ist äußerst schwierig und
erfordert große technische und
kunsthandwerkliche Fähigkeiten.
Ganzen beeinträchtigen. Stellen Sie sich vor, die Räder
und Triebe – konzipiert, um mit Toleranzen von Tausendstelmillimetern ineinanderzugreifen – würden auf einer
­verkrümmten Platine oder Brücke fixiert! Beim Schwierigkeitsgrad des Verzierens von Uhrwerkkomponenten denkt
man übrigens meist zuerst an die filigransten Teile. Denn
dem Laien erscheint schon das Manipulieren einer winzigen Schraube oder feinen Feder als kaum zu bewältigende
Herausforderung. Erstaunlicherweise sind jedoch gerade
die größten Komponenten die heikelsten Elemente, da sie
viel eher beschädigt oder verbogen werden, wenn man sie
nicht nach allen Regeln der Uhrmacherkunst behandelt.
Jedes Teil muss ohne die geringste Verformung oder Spannung einwandfrei befestigt werden.
85
SKELETTIERTE UHREN
Die Montage des Federhauses bietet in dieser Hinsicht
eine besondere Schwierigkeit. Der Deckel eines herkömmlichen Federhauses besteht aus massivem Metall, ist fest mit
der zylindrischen Trommel verbunden und kann kaum verbogen werden. Bei einer Skelettuhr hingegen ist dieser
­Deckel filigran durchbrochen und gibt den Blick auf die
Aufzugfeder frei. Beim Aufsetzen dieses Deckels muss der
Uhrmacher besonders große Sorgfalt walten lassen und ihn
völlig gleichmäßig und plan montieren, damit jeder Kontakt zwischen Deckel und Feder vermieden wird.
Skelettierte Uhren nehmen in der Welt der Haute Horlogerie einen besonderen Platz ein. Die Handwerker von
Breguet, die ihnen Leben verleihen, verstehen es, künstlerisches Talent und technische Meisterleistungen miteinander
zu verbinden. Auf diese Weise gelingt es ihnen, Zeitmesser
von bemerkenswerter Genauigkeit und außergewöhnlicher
Schönheit zu verwirklichen.
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DAS SCHICKSAL DES LOUVRE
Das Schicksal
DES LOUVRE
Von Marie-Hélène Huet
◆ Die Cour Carrée des Louvre um 1840–1845, Lithografie nach
einer Zeichnung von C. Gavard (1794–1871), Musée de la Ville de
Paris, Musée Carnavalet, Paris, Frankreich / Archives Charmet.
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89
DAS SCHICKSAL DES LOUVRE
A
nno 1685 wies André Félibien, der unter Ludwig XIV. von Staatsminister Colbert zum
­Historiographe du Roi et de ses Bâtiments ernannt worden war, seine Leser darauf hin, dass
­„ Alexander die Malerei und Bildhauerei, deren Schönheiten er kennen wollte, liebte, nicht weil
er als Maler oder Bildhauer zu arbeiten gedachte, sondern um über alles urteilen zu können, wie
es einem großen Prinzen geziemt“. Und er fügte hinzu: „Weil der Louvre auf eine Weise
­geschmückt wird, die der Größe [Ludwigs XIV.] würdig ist, wird man dort sein Leben und seine
Tätigkeiten in so edler und vielfältiger Weise beschrieben sehen, dass die Nachwelt nirgendwo
anders nach Themen für ihre Studien und Bewunderung suchen wird.“1 Heute überrascht uns an
diesen Zeilen der Umstand, dass Félibien hier nicht von Versailles spricht, sondern vom L
­ ouvre.
Diesen hatte der König einige Jahre zuvor verlassen, um in sein neues Schloss zu ziehen, welches
zutiefst mit seinem Namen verbunden bleibt. Allerdings hat heutzutage der Reichtum des L
­ ouvreMuseums die Pracht dieses Palastes, der seine Sammlungen beherbergt und der über J­ ahrhunderte
Sitz der französischen Könige war, etwas in den Hintergrund gedrängt.
◆◆◆
Die Flussschiffer, die gegen 1200 die Seine hinunterfahren, können zwei beeindruckende Baustellen bewundern:
linkerhand jene der Kathedrale Notre-Dame in ihren Anfängen und etwas unterhalb auf dem rechten Ufer die unter
Philippe-Auguste erbaute wuchtige Festung. Dieser erste
Louvre dient mit seinen zehn Türmen und dem mächtigen
Bergfried vor allem der Verteidigung und schützt sowohl
die Einwohner der allmählich heranwachsenden Stadt als
auch die Erbauer der Kathedrale. Die Könige leben hier
nur zeitweilig, denn der Louvre wird in dieser Epoche vor
allem als Arsenal und Gefängnis genutzt. Victor Hugo beschrieb ihn später im mittelalterlichen Paris als „dieses
maßlose Gebäude … [diese] Hydra von Türmen, gigantische Wächterin von Paris, mit ihren vierundzwanzig stets
aufgerichteten Köpfen und den monströsen Kruppen, mit
90
Blei bedeckt oder mit Schieferplatten geschuppt, alle mit
metallischen Reflexen wie glitzernde Bäche“.2 „Gleich dem
Tower von London“, schreibt der ehemalige Konservator
des Museums, André Blum, „weckt der Turm des Louvre
in den Minneliedern und den ritterlichen Romanen den
Gedanken an ein Gefängnis.“3
Eine erste Konzeption dessen, was später die große
Rolle des Louvre-Palasts sein wird, kann Karl V. ­(1338 –
1380) zugeschrieben werden. Er fügt dem Bau zwei Flügel
an und vereinigt in der Tour de la Fauconnerie eine prachtvolle Sammlung von Manuskripten mit Miniaturmale­
reien. Doch nach Ende des Hundertjährigen Kriegs (Juli
1453) verlieren die Könige allmählich das Interesse an­
der Festung.
◆ Oktober, die Winteraussaat mit Blick auf den Louvre-Palast, aus: „Les Très Riches Heures du Duc de Berry“,
Frères Limbourg (ca. 1400–1416, Musée Condé, Chantilly, Frankreich.
91
DAS SCHICKSAL DES LOUVRE
Hôtel du Petit-Bourbon
Eine neue Sicht
Der große französische König der Renaissance, Franz I.
(1515–1547), bringt aus seinen Kriegen in Italien eine neue
Sicht der Kunst und Architektur mit, die den Zwängen der
militärischen Anlagen die Anmut der Symmetrie vorzieht.
1527 gibt er in einem Schreiben an die Pariser Stadtverwaltung seine Absicht bekannt, den Louvre zu seiner Residenz
zu machen. Der alte Bergfried wird geschleift und das
Schloss völlig neu als königliche Residenz konzipiert. Die
Arbeiten waren noch längst nicht fertig, als Franz I. seinen
großen Rivalen, Kaiser Karl V., zu einem Besuch in Paris
einlud. Der König von Frankreich erinnerte sich zweifellos
an seine monatelange Gefangenschaft in der Gewalt des
Spaniers. Er beschloss, ihn durch seine Reichtümer zu
­blenden: Alle Säle des Louvre wurden mit kostbaren Tapisserien und gold- und silbergewirkten Seidentapeten bespannt; man vergrößerte die Fenster und ergänzte sämtliche
Dekors durch das Wappen des Königs. Dem Kaiser wurde
ein Empfang von noch nie dagewesenem Glanz b­ ereitet,
doch der imperiale Gast soll nach der ­Überlieferung ungeachtet des Prunks und der königlichen ­Festivitäten im Augenblick der Abreise kaum gelächelt, sondern eine Falle
seines ehemaligen Gefangenen befürchtet haben.
Kurz danach erhielten die Baumeister Pierre Lescot und
Jean Goujon von Franz I. den Auftrag, den Louvre in ein
Meisterwerk der Renaissance zu verwandeln. Ihre Beiträge
können heute noch bewundert werden, vor allem in der
Cour Carrée.
Verweilen wir einen Augenblick beim 12. Februar
1556, dem Tag, an dem Pierre Lescot König Heinrich II.
die Entwürfe für die Decke im Paradezimmer des Monarchen vorstellte.4 „Dieser aus Eichen-, Walnuss- und Lindenholz konstruierte Plafond war vollständig vergoldet; in
der Mitte befand sich ein riesiges Schild mit dem Wappen
92
Der Louvre im Mittelalter
Philippe Auguste und Karl V.
Der Louvre der Renaissance
Heinrich II.
Cour des cuisines
Franz I.
Grande Galerie
Heinrich IV.
Palais des Tuileries
Katharina de Medici
Grande écurie
Katharina de Medici
Jardin des Tuileries
Katharina de Medici
◆ Der Louvre, der Tuilerienpalast und die Grande Galerie im Jahr 1615.
Auszug des Merian-Plans.
Frankreichs, die Winkel schmückten Amazonenschilder mit
dem Wappen des Königs, und die Ränder waren gesäumt
von Girlanden mit Lorbeer und Rosen, Füllhörnern und
Trophäen. Damit feierte der Louvre der Renaissance gleichzeitig die Künste und die Majestät des Fürsten.“
Doch die königlichen Paläste entkamen den Wirren der
Geschichte nicht. Nach dem Unfalltod von Heinrich II.
1559 sollten die Religionskriege ausbrechen, welche die
­königliche Autorität gefährdeten und den Dichter Pierre de
Ronsard 1562 zu seinem Discours des misères de ce temps
(Rede über die Nöte der Gegenwart) inspirierten. Königin
Katharina de Medici, 1560 nach dem Tod ihres Sohnes
Franz II. Regentin ihrer beiden jüngeren Söhne geworden,
legte die Trauerkleidung nie mehr ab. Vielleicht um den
düsteren Erinnerungen zu entkommen, die der Louvre in
ihr weckte, ließ sie das Hôtel des Tournelles abreißen, wohin ihr Gatte vor seinem Ableben verbracht worden war,
und westlich davon den Palais des Tuileries als ihre persönliche Residenz erbauen. Die Königin wohnte allerdings nie
dort, weil Cosimo Ruggieri, der Astrologe ihres Vertrauens,
ihr prophezeit hatte, sie werde an einem Ort nahe von
Saint-Germain sterben. Da sie dachte, die Kirche Saint-­
Germain-l’Auxerrois sei gefährlich nahe an den Tuilerien,
überließ sie den neuen Palast anderen Bewohnern.
In den Religionskriegen, die Frankreich spalteten, wurde der Louvre zu einem Ort der Verschwörungen und Geheimnisse, in dem auch gemordet wurde. In der berüchtigten
Bartholomäusnacht vom 23. auf den 24. August 1572,
auch Pariser Bluthochzeit genannt, stand der Königspalast
im Zentrum der Massaker an den Hugenotten, die zu der
als Versöhnung gedachten Hochzeit angereist waren: ­„Unter
den Augen des Königs, der Königin und des ganzen Hofes
warf man die nackten Leichen dieser Unglücklichen vor das
Schloss“, notierte ein Augenzeuge5. Ein anderer versicherte,
König Karl IX. – der zweite Sohn von Katharina de Medici
– habe selbst mit der Armbrust aus den Fenstern des ­Louvre
auf die Protestanten geschossen.
Auf das Ende der Religionskriege und die endgültige
Thronbesteigung Heinrichs IV. anno 1594, nachdem er
1593 zum Katholizismus übergetreten war – als König
Heinrich III. von Navarra war er ein Anführer der Hugenotten gewesen –, folgte eine friedlichere Epoche. Nun
konnten die bedeutenden Erneuerungs- und Vergrößerungsarbeiten am Louvre wiederaufgenommen werden. In
dieser Zeit empfing Heinrich IV. seine Gäste im riesigen
93
DAS SCHICKSAL DES LOUVRE
„VON OBEN BIS UNTEN
findet sich nur schwarzer, roter, grauer,
jaspisartiger, rosafarbener und geäderter
Marmor. (…) Die Mittelpfosten sind
mit spindelförmigen Säulen und Nischen
mit Marmorstatuen geschmückt.“
Saal der Ambassadoren, von dem noch eine Beschreibung
erhalten ist: „Von oben bis unten findet sich nur schwarzer,
roter, grauer, jaspisartiger, rosafarbener und geäderter Marmor. (…) Die Mittelpfosten sind mit spindelförmigen Säulen und Nischen mit Marmorstatuen geschmückt.“6 Wie
sein Minister Sully in seinen Memoiren schreibt, befand
sich vor den Gemächern des Königs ein großes „Vogel­
kabinett“, von dem einige vermuten, es habe sich um eine
Voliere gehandelt.
Doch Heinrichs zweite Gattin, Maria de Medici, ertrug ihre Situation im Louvre nur schlecht. Der König hatte hier seine Mätressen installiert, unbekümmert um die
Streitereien, die in den Privatgemächern immer wieder ausbrachen. Nach seiner Ermordung ließ die Königin, die als
Regentin für ihren Sohn Ludwig XIII. herrschte, den Palais
du Luxembourg erbauen und wohnte schon vor der Beendigung der Arbeiten kurze Zeit dort. Ihr Sohn hingegen
fühlte sich wohl im Louvre. Hatte er von seinem Vater das
Interesse an den Vögeln geerbt? Sein Favorit, der Herzog
von Luynes, Maître des oiseaux im Kabinett des Königs,
richtete die Falken ab, und Ludwig ließ in den italienischen
Gärten des Louvre eine riesige Voliere errichten. Neue Pläne
wurden ausgearbeitet; dabei ging es darum, das Erweite94
rungsprojekt für den Louvre zu vervierfachen und gleichzeitig den Komfort in den Gemächern deutlich zu verbessern.
Prunkvolles Schlossleben
Ludwig XIV., der 1643 als Fünfjähriger den Thron geerbt hatte, leitete nach der Übernahme der Amtsgeschäfte
die großen Projekte für den Louvre und den Bau von
Schloss Versailles gleichzeitig. Er war im Palais Cardinal
(heute Palais-Royal) aufgewachsen und hatte den größten
Teil der Fronde-Wirren und ihrem Machtkampf zwischen
dem Adel und dem Königshaus fern der Hauptstadt verbracht. 1651 mit dreizehn für volljährig erklärt, wählte
Ludwig XIV. 1652 bei seiner Rückkehr nach Paris den
­Louvre als Residenz und blieb dort während dreißig Jahren.
Zwei Räume illustrieren den damals im Palast herrschenden
Luxus besonders, zum einen das prachtvolle „Zimmer der
Bäder“, das Königinmutter Anna von Österreich in ihren
Gemächern hatte einrichten lassen. „Das Badezimmer, dessen Ausgestaltung wir miterlebt haben“, schreibt Henri
Sauval, „entstand unter der Leitung von Jacques Lemercier;
Gold (…) wurde auf verschwenderische Weise eingesetzt;
die Wandverkleidungen sind mit Fruchtkörben und Reliefs
geschmückt, die so kunstvoll mit Gold, Email und Farbe
hervorgehoben sind, dass sie Auge und Hand der Betrachter täuschen; am Boden ruht die Badewanne nur auf sechs
Säulen aus weißem und schwarzem Marmor, deren Sockel
und Kapitelle aus feuervergoldeter Bronze bestehen.“ Und
er fügt hinzu, diese prachtvollen Säulen seien aus einem so
abwechslungsreichen Marmor gefertigt, dass man sich fragen könne, „ob die Griechen und Römer je etwas Vergleichbares gefunden haben“.7 Die Wände waren mit königlichen
Porträts und Allegorien geschmückt, welche die Tugenden
der Königin illustrierten.
◆ Die Galerie d’Apollon, französische Schule, 17. Jahrhundert, Musée du Louvre, Paris, Frankreich.
Der andere für den Louvre in der Zeit Ludwigs XIV.
charakteristische Raum ist die 1661 von Lebrun dekorierte
95
DAS SCHICKSAL DES LOUVRE
„MAN SPRICHT VON EINEM GROSSEN
UND HERRLICHEN VORHABEN,
dem schönsten Tempel der Künste aller Zeiten …
die Galerie d’Apollon soll restauriert werden.“
Galerie d’Apollon. Man sieht hier den Lauf der Sonne, welche die Züge des griechischen Gottes trägt. Die Alleinherrschaft des Monarchen hat eben erst begonnen, doch der
Sonnenkönig hat schon darüber entschieden, wie er von der
Welt gesehen werden will. Der Prunk, mit dem Ludwig
XIV. sich zu umgeben liebt, verwandelt den Louvre: Galadiners, Empfänge, Ballett und Theater finden statt; schon
ab 1658 tritt Molière mit seiner Schauspieltruppe regelmäßig hier auf. Offenbar dient der Louvre dazu, den Prunk
und die höfischen Rituale zu entwickeln, die danach in
­Versailles den Glanz des Sonnenkönigs verewigen sollten.
­Louis Le Vau leitet jetzt im Louvre die Bauarbeiten, Charles
Le Brun die Dekormalereien.
◆„Apollon vainqueur du serpent Python“, zentrale Malerei der Decke in der Galerie d’Apollon,
gemalt 1850/51 von Eugène Delacroix (1798–1863).
1682 verlässt der König Paris endgültig und verlegt den
Hofstaat nach Versailles. Den Louvre und den Tuilerien­
palast betreten Könige erst wieder im Oktober 1789 bei der
erzwungenen Rückkehr von Ludwig XVI. und Marie-­
Antoinette nach Paris.
Vom Salon zum Museum
Die erste wirklich öffentliche Gemäldeausstellung in
Paris fand im Oktober 1750 im Palais du Luxembourg statt.
Die 99 Ölbilder und 20 Zeichnungen stammten aus den
96
königlichen Sammlungen. Bedeutende Werke der flämischen, italienischen und französischen Schulen waren chronologisch gehängt, und das Publikum konnte die großen
Gemälde, die Rubens zu Ehren von Maria de Medici gemalt
hatte, in den Originalrahmen bewundern. Die Ausstellung
war jeweils am Mittwoch und Samstag geöffnet8 und
­dauerte bis 1779, als König Ludwig XVI. den Palais du
Luxembourg seinem Bruder schenkte, dem Grafen der
­
­Provence und späteren Ludwig XVIII. Damals kam der Gedanke auf, die große Galerie des Louvre der Öffentlichkeit
ständig zugänglich zu machen.
Denn nachdem der König und sein Hofstaat den ­Louvre
aufgegeben hatten, blieb der Palast nicht leer. Zahlreichen
Adligen und Höflingen war erlaubt worden, die verschiedenen Appartements ständig zu bewohnen; außerdem richteten sich mehrere Verwaltungen hier ein, darunter die
Académie Royale de Peinture et de Sculpture. Sie zeigte
1699 ihre alle zwei Jahre stattfindenden Ausstellungen erstmals im Louvre.9 Doch im Unterschied zu den späteren
Ausstellungen im Palais de Luxembourg wurden in diesen
Salons nur die Bilder von Künstlern gezeigt, die der Königlichen Akademie angehörten. Davon abgesehen war keineswegs Schluss mit den Umbauten und Veränderungen im
Louvre. Zu Ende der Herrschaft von Ludwig XV. wurden
die Cour Carrée und die prachtvolle östliche Hauptfassade
mit den Kolonnaden von Perrault von verschiedenen parasitären Anbauten befreit, welche die Ausgewogenheit der
ursprünglichen Konzeption beeinträchtigt hatten.
Der Gedanke, die königlichen Sammlungen im Louvre
zu vereinigen, hatte wie schon erwähnt bereits einige Jahre
zirkuliert, bevor der Marquis de Marigny, Bauleiter des
­Königs, Ludwig XV. ein Projekt vorlegte, das am 3. Januar
1768 genehmigt wurde. Ein zeitgenössischer Verfasser dazu:
„Die Bilder des Königs, die reichste Sammlung der Welt,
97
DAS SCHICKSAL DES LOUVRE
DREI KRIEGE
und ein berühmter Diebstahl sollten ­
das Schicksal des Louvre als Nationalmuseum
erneut stören. Ihre Auswirkungen können sich
mit den Abenteuern der Mona Lisa messen.
sind in den Lagerräumen versteckt. Man spricht von einem
großen und herrlichen Vorhaben, das den schönsten Tempel der Künste aller Zeiten bilden wird … die Galerie
d’Apollon soll restauriert und der Salon, in dem man die
Bilder ausstellt, angemessen dekoriert werden … dann wird
die kostbare Sammlung der Bilder des Königs in der riesigen Galerie des Louvre präsentiert, wo das Publikum all
­diese Schätze genießen kann.“10 Doch der Plan machte
zahlreiche Umbauten notwendig, welche die königliche
Schatzkammer nicht alle finanzieren konnte, und der für
den Louvre zuständige führende Architekt, Jacques-­
Germain Soufflot, starb 1780. Doch immerhin hatte man
ein Inventar erstellt und die letzten Entscheidungen getroffen, bevor das Schicksal des Louvre einmal mehr verändert
wurde, diesmal durch die Französische Revolution.
Das Museum und die Nation
Unter den wichtigen Reformen der ersten Revolutionsjahre stimmte die Nationalversammlung einem Antrag des
Politikers und Journalisten Bertrand Barère zu. Mit diesem
Dekret wurden der Louvre und die Tuilerien zu „einem
­nationalen Palast erklärt, der für den Wohnsitz des Königs
und die Vereinigung sämtlicher Denkmäler der Wissenschaften und der Kunst bestimmt ist“. In seinem Bericht
hatte Barère zudem geschrieben: „Die Restaurierung des
Louvre und der Tuilerien, um dem konstitutionellen König
einen der französischen Nation würdigen Wohnsitz zu geben und dort ein berühmtes Museum einzurichten, wird
weitere Maßnahmen erfordern, die mit dem König abzustimmen sind.“11 Die sich überstürzenden Ereignisse erlaubten nicht, dieses Vorhaben in Angriff zu nehmen. Doch
nach dem Tuileriensturm vom 10. August 1792, der zum
Sturz des Königshauses führte, wurde eine Kommission gebildet, die den Transport der in den königlichen Residenzen
gefundenen Kunstwerke, die nun Güter der Nation geworden waren, organisieren sollte.
98
Das Gemälde gelangte 1797 in die Sammlung
des Louvre, ohne besonderes Aufsehen zu
erregen. Während des Deutsch-Französischen
Kriegs von 1870/71 wurde das Bild ins Arsenal
von Brest ausgelagert. 1911 stahl ein kunst­
liebender Glaser das Porträt und flüchtete
damit nach Italien, wo es drei Jahre später
Die neue revolutionäre Regierung musste nun den
­Koalitionstruppen der gegnerischen europäischen Mächte
trotzen, die an den Grenzen standen, aber auch Aufständen
in der Vendée und in der Bretagne. Die Gründung eines
Nationalmuseums wurde deshalb keineswegs aufgegeben,
ja sie erschien als Symbol einer in der Bewunderung der
schönen Künste geeinten Nation um so dringender. Die
von allen Seiten zur Eile gedrängte Commission des Arts
bereitete sich darauf vor, den Louvre am 10. August 1793,
dem Tag der großen, vom Maler Jacques-Louis David organisierten Feier der nationalen Einheit, für das Publikum zu
öffnen. Doch erst am 18. November konnte dieses die
Grande Galerie besichtigen und den Catalogue des objets
contenus dans la galerie du Muséum français erwerben.
Das Musée du Louvre war geboren, doch der Palast
blieb noch immer eine prachtvolle Residenz. Die Hochzeit
Napoleons mit Marie-Louise von Österreich fand hier im
Salon Carré statt, gefolgt von einem feierlichen Defilee
durch die Grande Galerie. Der Kaiser bereicherte die
Sammlungen des Louvre um die unermesslichen Schätze,
die er von seinen Feldzügen nach Hause brachte: etwa die
Pferde der Basilika San Marco in Venedig und die prachtvolle Marmorgruppe des Laokoon und seiner Söhne, die
dem Vatikan gehörte. Die meisten dieser Schätze wurden
nach dem Ende des Ersten Kaiserreichs 1815 zurückge­
geben oder von den Alliierten verschleppt.
aufgefunden wurde. Knapp sechs Monate vor
Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrte die
Mona Lisa in den Louvre zurück und reiste
alsbald erneut, zuerst in ein Versteck in
Bordeaux, dann in Toulouse. Ein Jahr vor ­
dem Zweiten Weltkrieg begannen die Konservatoren die Schätze des Louvre in Sicherheit zu
bringen. Die Mona Lisa, die Venus von Milo
und die Nike von Samothrake wurden verpackt
und an geheime Orte verbracht.
◆ Die Siegesgöttin Nike von Samothrake, hellenistische Statue aus weißem Paros-Marmor,
um 190 v. Chr., Musée du Louvre, Paris, Frankreich, 1935.
99
DAS SCHICKSAL DES LOUVRE
Im 19. Jahrhundert hielten einige der berühmtesten
Kunstwerke Einzug im Louvre, so die Venus von Milo, die
der Marquis de Rivière 1821 König Ludwig XVIII. schenkte, oder die Nike von Samothrake, 1863 entdeckt von
Charles Champoiseau, damals Vizekonsul in Adrianopel
(Edirne). Der Umbau des großen Ensembles des Louvre
und der Tuilerien wurde im Zweiten Kaiserreich fertiggestellt, und Napoleon III. konnte am 14. August 1857 feierlich erklären: „Die Vollendung des Louvre war keine Laune
des Augenblicks, sondern die Verwirklichung eines großen
Plans, während mehr als dreihundert Jahren getragen vom
Selbsterhaltungstrieb des Landes.“12
◆ „La France au milieu des rois législateurs et des jurisconsultes
français, reçoit de Louis XVIII la Charte constitutionnelle“,
Deckengemälde im zweiten Staatsratssaal, gemalt 1827 von
Merry-Joseph Blondel (1781–1853).
Dieser „große Plan“ sollte jedoch noch anderen Veränderungen unterworfen sein. Der Tuilerienpalast brannte während des Aufstands der Pariser Kommune am 23. Mai 1871
aus und wurde später abgerissen. Doch diese Zerstörung eröffnete eine neue Perspektive, in die sich die 1989 fertiggestellte Glaspyramide von I. M. Pei heute harmonisch einfügt.
Zurück in den Louvre
Gegenwärtig geht eine Renovierung ihrem Ende entgegen, welche die Liebhaber der Kunst des 18. Jahrhunderts
besonders interessiert. Es handelt sich um die Staatsratssäle
(Salles du Conseil d’Etat) und den Salon Beauvais im Obergeschoss des sogenannten Sully-Flügels. In diesen Sälen sollen Sammlungen mit Mobiliar, Bronzearbeiten und anderen
Kunstgegenständen ausgestellt werden, die vom erlesenen
Geschmack des Ancien Régime zeugen. Der Dekor der
Staatsratssäle illustriert die Glanzzeiten der französischen
Geschichte: Das Deckengemälde La France victorieuse à
Bouvines feiert den größten Sieg von König Philippe-­
Auguste, der den ersten Louvre errichten ließ. Es wurde
1828 vom klassizistischen Maler Merry-Joseph Blondel
geschaffen, der auch die achteckige Decke des zweiten­
­
100
◆ Louvre-Saal Gilbert et Rose Marie Chagoury. Wandverkleidungen aus bemaltem Holz, Möbel und
Kunstgegenstände aus der Zeit um 1700. Musée du Louvre, Département des Objets d’art.
101
DAS SCHICKSAL DES LOUVRE
◆ Unten links: Der von Kunsttischler Adam
Weisweiler 1784 geschaffene Schreibtisch für
das Kabinett von Marie-Antoinette in Schloss
Saint-Cloud; Sammlung des Fürsten von Beauvau;
blauer Salon der Kaiserin Eugénie im Palais
des Tuileries anno 1865.
◆ Unten rechts: Der Schreibtisch mit den geflügelten
Sirenen (linke Seite) im türkischen Kabinett
des Grafen von Artois im mittleren Flügel von
Schloss Versailles.
Saals mit dem Gemälde La France recevant la Charte
­constitutionnelle des mains du roi Louis XVIII schmückte.
Acht Flachreliefs in Goldtönen stellen verschiedene patriotische Allegorien dar. Ein Gemälde von Jean-Baptiste
Mauzaisse mit dem Titel La sagesse divine donnant des lois
aux rois et législateurs entourés de l’équité et de la prudence
feiert die Legitimität der auf den Thron zurückgekehr­­ten Bourbonen und die Weisheit ihrer Entscheidungen.
Michel-­
Martin Drölling wiederum schuf das letzte Deckengemälde, La loi descend sur terre, elle établit son empire
et y répand ses bienfaits, mit den Allegorien des Friedens, der
Weisheit und des Gesetzes auf einem Triumphwagen.
Unter den zahlreichen Schätzen, die in diesen Sälen
ausgestellt werden, zeugen drei Möbel besonders von den
verschiedenen Stilen, die in der Zeit von Abraham-Louis
Breguet beliebt waren. Das erste ist die „Commode au singe“
(Affenkommode) mit erlesenen Furnierarbeiten aus Blutund Amarantholz und aufgesetzten Bronzegirlanden, in
deren Mitte ein Äffchen auf einer Schaukel sitzt, von
102
Charles Cressent. Dieser berühmteste französische Kunsttischler seiner Zeit war auch ein talentierter Bildhauer. Die
um 1745 gebaute Kommode ist ein vollendetes Beispiel des
Rokokostils der ersten Jahrhunderthälfte.
Faszinierend ist auch ein etwas späteres Möbel, der erstaunliche Konsolentisch, den Georges Jacob 1781 für ­­­das
türkische Kabinett des Grafen von Artois schuf. Die
­Türkenmode war damals im Schwange: Königin Marie-­
Antoinette ließ sich ihr eigenes türkisches Kabinett bauen,
und der Graf von Artois – als Karl X. Nachfolger seiner älteren Brüder Ludwig XVI. und Ludwig XVIII. auf dem französischen Thron – besaß nicht weniger als drei, eines in
jedem seiner drei Wohnsitze. Vier Beine aus vergoldetem
103
DAS SCHICKSAL DES LOUVRE
Holz in Form geflügelter Sirenen tragen das Marmor-Tischblatt. ­­Die Gesamtkonzeption ist zwar schlichter als die dekorativen Exzesse des Rokoko, doch der Künstler ließ hier
seiner Phantasie freien Lauf.
Bewundernswert ist auch der Schreibtisch, den der
Kunsttischler Adam Weisweiler 1784 für Königin Marie-­
Antoinette schuf. Nur drei Jahre älter als Abraham-Louis
Breguet, war er wie dieser nach Paris gekommen, um hier
seine Träume zu verwirklichen. Beiden gelang dies auf bewundernswerte Weise. Weisweiler wurde 1777 Tischlermeister und eröffnete sofort seine eigene Werkstatt, wie dies
Breguet zwei Jahre früher am Quai de l’Horloge getan hatte. Die beiden Handwerksmeister waren überaus empfänglich für die ästhetischen Strömungen, welche auf den
überflüssigen Dekor der ersten Jahrhunderthälfte verzichteten und reine Linien anstrebten, deren Verzierungen d
­ ie
formale Struktur eher betonten als überlagerten. Der
Schreibtisch von Marie-Antoinette besteht aus Ebenholz,
Japanlack, Bronze und Stahl mit einem entzückenden aufklappbaren Lesepult. Zwei Jahre zuvor hatte Breguet der
Königin eine erste Uhr geliefert.
◆ Ausstellung der Produkte der französischen Industrie in der Cour Carrée des Louvre, 1801,
Frankreich, 19. Jahrhundert, Collection De Agostini.
104
◆ Louvre-Saal Gilbert et Rose Marie Chagoury. Wandverkleidungen aus bemaltem
Holz, Möbel und Kunstgegenstände aus der Zeit um 1700. Musée du Louvre,
Département des Objets d’art.
Breguet war zweifellos bereits mit dem Louvre vertraut,
als er an der dritten Ausstellung der Produkte der französischen Industrie teilnahm, die 1802 in der Cour Carrée
stattfand und ihm eine Goldmedaille eintrug. Dies war der
Beginn einer langen Verbindung zwischen dem Louvre und
der Uhrenmarke Breguet. Vivant Denon, der im selben Jahr
zum Direktor des Museums ernannt wurde, erwarb später
eine Repetieruhr und eine Pendüle aus Biskuitporzellan.
Die Ausstellung Breguet im Louvre – Ein Höhepunkt der
­europäischen Uhrmacherkunst von 2009 vereinigte hier die
105
DAS SCHICKSAL DES LOUVRE
außergewöhnlichsten Zeitmesser des Meisteruhrmachers
und Künstlers.13 Die Renovierung der Säle, die den Möbeln
und Kunstgegenständen des 17. und 18. Jahrhunderts
­gewidmet sind, erfolgte mit einem Mäzenat von Breguet:
ein zusätzliches Zeugnis für die engen Bande zwischen der
Uhrmacherei und den schönen Künsten.
Der Dichter Léon-Paul Fargue veröffentlichte 1948
eine echte Liebeserklärung an den prachtvollen Bau des
Louvre, der seine Jugend an den Ufern der Seine beschirmt
und ihm so viel gegeben hatte: Der Besucher entdecke hier
geheime Kräfte, schreibt er, „Formen, Farben, Aspekte,
Lichter und diffuse Ströme, die von den Konturen und der
Farbgebung ausgehen … Der gesamte Louvre lebt von diesem Austausch zwischen dem Spaziergänger und den Mei­
sterwerken … Das Genie des Louvre ist eben gerade, dem
unbekannten Passanten gegenüberzustehen … eine Kombination von Vergangenheit und Gegenwart, aus der der
­letztere die Kräfte der Kunst und des Geschmacks schöpft,
eine Verbindung, die niemanden enttäuscht“.14
André Félibien des Avaux, Entretiens sur les vies et les ouvrages des
plus excellens peintres, Paris 1685, S. 24, 33.
2
Victor Hugo, Notre-Dame de Paris, Paris, Hetzel, S. 70.
3
André Blum, Le Louvre, du palais au musée, Paris, Éditions Milieu
du monde, 1946, S.19.
4
L ouis Hautecœur, Histoire du Louvre, Le château, le palais, le
musée, Paris, L’Illustration, 1928, S. 20 (übersetztes Zitat aus
­d iesem ­A rtikel).
5
De Thou, zitiert von Louis Hautecœur, L’Illustration, 1928, S. 24.
6
Henri Sauval, Histoire et recherches des antiquités de la ville de Paris,
Paris, Moette et Chardon, 1724, Bd. 2, S. 32.
7
Henri Sauval, Bd. 2, S. 34.
8
Siehe Andrew McClellan, Inventing the Louvre, Arts, Politics, and
the Origins of the Modern Museum in Eighteenth-Century Paris,
­Berkeley, University of California Press, 1994, S. 13 /14.
1
◆ Die 1989 eingeweihte Pyramide des Architekten I. M. Pei im Hof des Musée du Louvre.
106
Die früheren Ausstellungen der Akademie fanden im Palais-Royal
statt.
10
Siehe Reboul, Essai sur les mœurs du temps, London und Paris,
­Vincent, 1768, zitiert in André Blum, S. 136.
11
André Blum, S. 146 /47.
12
Zitiert von Louis Hautecœur, L’Illustration,1928, S. 99.
13
Siehe N. Hayek, A.-E. Emch, M. Bascou, E. Breguet und R. de
Pieri, Breguet, un apogée de l’horlogerie européenne, Musée du L
­ ouvre
Éditions, 2009.
14
Léon-Paul Fargue, Les Grandes heures du Louvre, Paris, Les Deux
Sirènes, 1948, S. 227/28.
9
107
4
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108
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(1794–1871).
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Images /Ms 65 /1284 f.10v Oktober, „Die Winteraussaat“
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S. 93: © Louvre. Der Louvre, der Palais des Tuileries
und die Grande Galerie im Jahr 1615. Auszug des
Merian- Plans.
S. 95: © Louvre, Paris, Frankreich / Bridgeman Images,
Innenansicht der Galerie d’Apollon.
S. 96: © RMN-Grand Palais (Musée du Louvre) / Gérard Blot, Apollon vainqueur du serpent Python von
Eugène Delacroix (1798–1863), zentrale Deckenmalerei
in ­der Galerie d’Apollon.
S. 99: Photo © Musée du Louvre, Dist. RMN-Grand
Palais / Philippe Fuzeau, Nike von Samothrake, Paris, ­
Musée du Louvre.
S. 100: Paris, Musée du Louvre, Photo © RMN-Grand
Palais (Musée du Louvre) / Daniel Arnaudet, La France
au milieu des rois législateurs et des jurisconsultes français,
reçoit de Louis XVIII la Charte constitutionnelle,
Merry-Joseph Blondel (1781–1853).
S. 101: © Musée du Louvre, Dist. RMN-Grand Palais /
Olivier Ouadah, Bau des Stadtpalasts für Claude Le Bas
de Montargis im Jahr 1707, Sully-Flügel, Obergeschoss,
Saal 38, Gilbert et Rose-Marie Chagoury, Département
des Objets d’art.
S. 102: Photo © Musée du Louvre, Dist. RMN-Grand
Palais / Thierry Ollivier, Detail des Schreibtischs von
S. 103 rechts mit den geflügelten Sirenen im türkischen
Kabinett des Grafen von Artois im mittleren Flügel von
Schloss Versailles, Georges Jacob, Paris, Musée du Louvre.
S. 103 links: © RMN-Grand Palais (Musée du Louvre)–
Daniel Arnaudet, Schreibtisch mit geöffnetem Lesepult
von Adam Weisweiler (1744 –1820) und François
Rémond (1747–1812), Musée du Louvre.
S. 104: © De Agostini Picture Library / G. Dagli Orti /
Bridgeman Images, Ausstellung der Produkte der fran-­
zösischen Industrie in der Cour Carrée des Louvre, 1801.
S. 105: siehe S. 101.
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