der Freitag | Nr. 40 - Juristische Fakultät

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der Freitag | Nr. 40 - Juristische Fakultät
≫freitag.de/der-turm Die Community rezensiert die Verfilmung des Tellkamp-Romans
Echte Kerle Der berühmteste
Frauenversteher Amerikas sagt:
Ein gleichberechtigter Partner
bringt mehr Spaß Alltag S. 25
Generation Gesichtslos Der BolognaProzess hat die Unis stark verschult.
Und nun wird über junge Akademiker so
laut geklagt wie noch nie Wochenthema S. 6/7
Partner des Guardian
4. Oktober 2012
40. Woche
Deutschland 3,60 €
Ausland 3,90 €
„Sind es
nicht wir,
die zu lange
arbeiten?“
gérald cordonnier
Das Mein
Meinungsmedium
nungsmedium
M O N TA G E : D E R F R E I TA G , M AT E R I A L : H E R M A N N B R E D E H O R S T / L A I F, F O T O L I A , D D P ; F O T O ( O B E N ) : F O T O L I A
Politik Die Community fragt
sich, ob es wirklich die Griechen
sind, die umdenken sollten
≫freitag.de/fremdbestimmung
Der Lotse will
an Bord
Wie der Beamte Peer Steinbrück der
neue Helmut Schmidt werden will S. 4 /5
Der Kandidat täuscht
Kompetenz Der neue
Gegenspieler von Kanzlerin
Angela Merkel hat die
Ursachen der Eurokrise bis
heute nicht verstanden
■ Albrecht Müller
E
in Medienprodukt wird Kanzlerkandidat der SPD. So war es 2009
mit Frank-Walter Steinmeier, so
ist es jetzt mit Peer Steinbrück.
Wieder eine sichere Bank für Angela Merkel. In einem beachtlichen Teil der
Medien – von der Süddeutschen („Warum
Steinbrück die beste Wahl ist“) über die
Frankfurter Rundschau („Merkels gefährlichster Gegner“) bis zum Kampagnenmedium SpiegelOnline („Die beste Wahl“) –
herrscht Zustimmung, Respekt, Jubel. Doch
die Ernüchterung wird spätestens am
Wahlabend 2013 groß sein. Wer sich bis dahin nicht betrunken machen will, sollte
schon heute auf die Fakten schauen.
Denn Peer Steinbrück täuscht: Er gibt
sich als unabhängig und kritisch gegenüber Banken und Spekulanten – und ist
doch einer der ihren. Er gebärdet sich als
schnoddrig, aber gradlinig und verantwortungsbewusst – tatsächlich leugnet er Verantwortung. Er wird als guter Wahlkämpfer
dargestellt – doch er war es nicht und wird
es auch nicht sein.
Aber der Reihe nach. Steinbrück ist ein
miserabler Makroökonom. Noch im Jahr
2008, als die Signale schon erkennbar auf
eine Konjunkturabschwächung hindeuteten, polemisierte er als Finanzminister gegen Konjunkturprogramme. Wenige Wochen später beschloss er sie dann im Kabinett Merkel mit. In seinem dicken Papier
vom 26. September mit dem Titel „Vertrauen zurückgewinnen: Ein neuer Anlauf zur
Bändigung der Finanzmärkte“ gibt er gleich
auf der ersten Seite zu erkennen, dass er
den Zusammenhang von Konjunkturbelebung und Schuldenabbau nicht verstanden
hat. Er schreibt dort, die „2.000 Milliarden
US-Dollar für Konjunkturprogramme“
weltweit seien gleichbedeutend mit neuen
Schulden. Er nimmt nicht einmal jetzt, angesichts der Entwicklung in Griechenland
und Spanien, die Zusammenhänge wahr:
Wenn man die Wirtschaft kaputtspart,
dann baut man nicht Schulden ab, sondern
auf. Mit Steinbrück als Kanzler oder Vizekanzler werden wir an den Vorurteilen dieser minderbemittelten Ökonomen kleben
bleiben. Zulasten aller Menschen, die einen
Arbeitsplatz suchen oder Angst um ihren
Arbeitsplatz haben.
In seinem Papier taucht auch kein einziger Hinweis darauf auf, dass er die Hauptursache der Euro-Krise verstanden hat: die
Auseinanderentwicklung der Wettbewerbsfähigkeit der Euro-Staaten. Steinbrück sieht
die Relevanz der Binnennachfrage nicht
und bringt wie Bundeskanzlerin Angela
Merkel dem Götzen Exportweltmeisterschaft Opfer.
Banker sind bei
Peer Steinbrück
gut aufgehoben,
SPD-Anhänger
dagegen nicht
Steinbrück hat als früherer Finanzminister auch die gravierenden Mängel auf den
Finanzmärkten mit zu verantworten, für
die er in seinem Papier nun wieder Korrekturen vorschlägt. In der Koalitionsvereinbarung 2005 wird der Deregulierung das
Wort geredet. Es wird der Ausbau des Verbriefungsmarktes gefordert. Die Finanzmarktaufsicht soll mit Augenmaß vorgehen – also ein Auge zudrücken. Das alles
und vieles mehr seien vordringliche Maßnahmen zur Stärkung des „Finanzplatzes
Deutschland“.
Steinbrück betrieb dieses Geschäft, obwohl damals, zwischen 2005 und 2008, die
Krise deutscher Finanzinstitutionen schon
erkennbar war. Sie hatten schon im Februar 2003 von Kanzler Gerhard Schröder die
Unterstützung für eine sogenannte Bad
Bank gefordert. Die 2007 auffliegende Krise
der Industriekreditbank und die Blase bei
der Hypo Real Estate mussten für die Bankenaufsicht, für die wiederum der Bundesfinanzminister zuständig ist, absehbar gewesen sein.
Und jetzt schreibt dieser dafür Verantwortliche in seinem Papier, „aus einem verhältnismäßig kleinen Problem mit US-Immobilienkrediten“ habe „sich eine Finanzund Bankenkrise“ entwickelt. Das ist
unglaublich. Das ist der geläufige Versuch,
die Entstehung der Finanzkrise auf die USA
abzuschieben.
Steinbrück ist wie auch Merkel in den
Fängen der Finanzwirtschaft. Unter
Schwarz-Rot wurde die IKB mit zehn Milliarden Euro aufgefangen. Zehn Milliarden
an Steuergeldern für eine lächerliche Bank,
die man ohne Folgen für die Gesamtwirtschaft hätte in die Insolvenz gehen lassen
können. Im Fall der HRE wurden bereits
über 100 Milliarden Euro öffentlicher Gelder aufgewendet, um eine einzige private
Bank zu retten. Wer solche Hypotheken auf
uns und unsere Jugend lädt, sollte sich in
sein Kämmerlein zurückziehen. Die FAZ
hat sich bereits treffend geäußert: „Die Taten von früher beruhigen die Banker offenbar mehr als sie Steinbrücks Worte von
heute beunruhigen. Vielleicht wählen sie
den Mann sogar.“
Die Banker sind bei Steinbrück in der Tat
gut aufgehoben, SPD-Anhänger nicht. Das
wird einer der Gründe dafür sein, dass
Steinbrücks Ergebnis bei der Bundestagswahl 2013 jämmerlich schlecht sein wird.
Die SPD wird nämlich nur gewinnen, wenn
sie eine wirkliche Alternative zu Angela
Merkel und Schwarz-Gelb darstellt und es
ihr gelingt, die eigenen Sympathisanten zu
mobilisieren. Nur so wird es möglich sein,
die feste Verankerung der Kanzlerin bei
den meinungsführenden Medien auszugleichen. Steinbrück als Person und Politiker besitzt nichts, was diese Mobilisierung
möglich macht.
Albrecht Müller machte bis Mitte der
neunziger Jahre für die SPD Politik. Er ist heute
Herausgeber von nachdenkseiten.de
Christina Ujma über den Vatileaks-Prozess
Der Kammerdiener des Papstes soll’s
gewesen sein? Dan Brown, übernehmen Sie!
D
er Vatileaks-Prozess ist der vorläufige Höhepunkt eines massiven Skandals, der den notorisch
geheimniskrämerischen Papst-Staat seit
2011 aufs kräftigste blamiert. Auf einmal
liegen die sorgsam verborgenen Mechanismen der katholisch-politischen Hierarchie offen, denn jede Menge geheimer
Dokumente sind von sogenannten
verräterischen Raben an Journalisten
verscherbelt worden oder erschienen auf
der Website Vatileaks.com. Neben viel
Belanglosem kam auch Brisantes ans
Tageslicht. So soll die Vatikanbank
Mafiagelder gewaschen haben, zudem
herrschen offenkundig auch beim
Papst Vetternwirtschaft und Korruption.
Lange konnte man das Leck nicht
finden. Dann wurde der Kammerdiener
des Papstes als Schuldiger präsentiert,
der im Alleingang die Geheimnisse des
Vatikans enthüllt haben soll. Zumindest
in Italien glauben aber nur wenige, dass
der biedere Diener Paolo Gabriele, auf
den der Papst ursprünglich große Stücke
gehalten haben soll, der alleinige Schuldige ist, zumal die Lecks nach dessen
Festnahme nicht sofort gestopft waren.
Viele sehen ihn als Sündenbock, als
Bauernopfer, das ausgewählt wurde, um
die wahren Zusammenhänge zu verschleiern.
Die Vatileaks-Story ist eine Geschichte
mit vielen Facetten, die unsere Einbildungskraft befeuern: Von der Homestory,
die Monsignore Gänswein und den
Papst in trauter Harmonie zeigt, bis zum
Plot für einen Vatikankrimi reichen die
Möglichkeiten. Letzteres ist ein eigenes
Genre, hierzuande haben Johanna Alba
und Jan Chorin Papstkrimis vorgelegt.
Auch im Vatileaks-Fall riecht es nach
großer Verschwörung. Von den angebotenen Plots überzeugt allerdings keiner
vollkommen, auch die Experten haben
sich bisher nicht festlegen wollen. Die
ersten, die in Verdacht gerieten, waren
natürlich die versprengten Progressiven.
Sie stört die absolute Monarchie im
Vatikan, ebenso viele der enthüllten
Transaktionen. Als Tatverdächtige taugen
sie aber nur bedingt, denn sowohl Papst
Benedikt wie sein Vorgänger haben
dafür gesorgt, dass kein Progressiver in
die Nähe geheimer Dokumente kommt.
Die Traditionalisten haben da viel eher
Zugang, und sie sind auch zahlreicher
am Hofe Benedikts vertreten. Allerdings
fehlt es ihnen an einem Tatmotiv,
denn der Papst ist ihnen ausgesprochen
freundlich gesonnen.
Bleiben die reinen Machtkämpfe ohne
politischen oder theologischen Hintersinn: Da heißt es einerseits, das Ziel sei,
Tarcisio Bertone, den Premierminister
des Vatikans abzuschießen, der sich
viele Feinde beim Missbrauchsskandal
machte. Andere sagen, es gehe gegen
die zahlreichen Deutschen, die Benedikt
installiert habe. Hier sei vor allem sein
engster Vertrauter, eben jener Monsignore Georg Gänswein Zielscheibe. Der
immer noch recht ansehnliche Privatsekretär entlastet den greisen Papst
zunehmend von Tagesaufgaben und
entscheidet selber. Das sei dem italienischen Apparat des Vatikans ein Ärgernis.
Seit neustem hält der Vatikan wieder
dicht. Ob die Wahrheit jemals ans
Licht kommen wird, ist unklar. Umso
gespannter darf man sein, ob Vatileaks
tatsächlich einen Krimi insprieren wird.
Müsste es nicht mit dem Teufel zugehen,
wenn nicht der Verschwörungsspezialist
Dan Brown himself längst Lunte gerochen hätte? Seit der Papst 2005 seinen
Bestseller Sakrileg (The Da Vinci Code)
verbieten wollte, hat er mit dem Vatikan
zumindest eine Rechnung offen.
Christina Ujma ist Literaturwissenschaftlerin
und schreibt im Freitag regelmäßig über
italienische Zustände
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40
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Tagebuch
02 Seite 2
Inhalt
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
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Die Gewinnende
Malu Dreyer soll neue Ministerpräsidentin in Mainz werden. Selbst die Opposition hat kaum etwas an ihr auszusetzen
Titelthema
Der Lotse will an Bord S. 4/5
Wie der Beamte Peer Steinbrück
der neue Helmut Schmidt
werden will
Politik
USA S. 3
Soziale Gerechtigkeit ist im Wahl­kampf ein Riesenthema, vor allem, wenn
die Sportübertragungen ausfallen
Konrad Ege
Spanien S. 9
Premier Rajoy hat inzwischen links
wie rechts gegen sich. Nun werden auch
noch die Separatisten laut
Giles Tremnet, The Guardian
Zeitgeschichte S. 12
Der Ausgang der Spiegel-Affäre gilt als
Beweis für funktionierende Demokratie.
Es sei denn, man schaut genauer hin
Wolfgang Wippermann
Kultur
Manifest S. 13
Den Intellektuellen fiel es bisher leicht,
auf Brüssel zu schimpfen. Nun beginnen
sie, für die europäische Idee zu brennen
Steffen Kraft
Literatur S. 16
Ist doch egal, welcher Autor auf der
Shortlist des Buchpreises steht. Die
Auswahl folgt nicht üblichen Kriterien
Katrin Schuster
Wissen S. 23
Unser IQ ist in den letzten 100 Jahren
stark gestiegen. Warum, erklärt der
Psychologe James Flynn
Ian Tucker, The Guardian
Alltag
Dazwischen S. 28/29
Ob wir einen Mann oder eine Frau vor
uns sehen, ist nur eine Frage des Blicks.
Das zeigt die Porträtserie „ErSieEs“ von
Yvonne Most
Der, die, das S. 30
Prostitution ist in China verboten. Das
interessiert ausländische Geschäftsleute
wenig. Sex nach dem Deal muss sein
Adrian Kummer
Grenzstreifen S. 31
Der Berliner Checkpoint Charlie ist nicht
nur ein Symbol des Kalten Krieges. Hinter
der Kulisse tobt die Schlacht ums Geld
Florian Buchmayr
A – Z Friseure S. 32
Haare schneiden als Event
Leserbriefe, Impressum S. 24
■■Verena Schmitt-Roschmann
D
er Legende nach löste schon
Malu Dreyers Berufung 2002 im
rheinland-pfälzischen Sozialministerium wahre Jubelschreie
aus. Das lag womöglich weniger
an der SPD-Politikerin selbst, die damals aus
dem Mainzer Jugendreferat in die Landespolitik wechselte, als an ihrem Vorgänger Florian
Gerster. Denn der galt als ehrgeizig und eitel,
sich stets zu Höherem berufen fühlend, und
als er dann endlich als Krisenmanager zur
Bundesanstalt für Arbeit weggelobt wurde,
sollen ihm aus seinem Ministerium nicht nur
Segenswünsche hinterhergeeilt sein.
Sinnigerweise stürzte Gerster bei der BA nur
knapp zwei Jahre später über eine undurchsichtige Affäre um millionenschwere Beraterverträge. Für Malu Dreyer dagegen begann
tatsächlich ein Höhenflug – wenn das Bild für
eine bodenständige Politikerin überhaupt
passt. Es begann jedenfalls eine durchaus ungewöhnliche politische Karriere, die die 51-Jährige nun als Nachfolgerin des angeschlagenen
Dauerministerpräsidenten Kurt Beck in die
Mainzer Staatskanzlei führen soll.
Auch dabei begleitet die Lehrerstochter aus
Neustadt an der Weinstraße eine Art euphorisches Wohlwollen. Sozialdemokraten feiern
die Juristin, die erst mit 34 Jahren in die SPD
eintrat, als „Königin der Herzen“, als kompetent, charmant, volksnah, mit gewinnendem
Wesen. Die grüne Koalitionspartnerin Eveline
Lemke freut sich: „Ich bin fest überzeugt, sie
wird das klasse machen. Sie ist auch eigentlich
unser heimlicher Wunschkandidat gewesen.“
Selbst bei der Konkurrenz ist kaum Kritik zu
hören. Der sonst so bissigen CDU-Oppositionsführerin Julia Klöckner hat es die Sprache
verschlagen. Und der FDP-Sozialpolitiker Heinrich Kolb, der Dreyer aus dem Vermittlungsausschuss in Berlin kennt, räumt ein: „Sie ist
einfach eine angenehme Person. Sie weiß, was
sie will, aber sie ist nicht ideologisch. Man
weiß bei ihr, woran man ist.“
So viel Lob ist selten im politischen Hauen
und Stechen, schon gar in Berlin. Vielleicht ist
das politische Klima etwas milder im beschaulichen Mainz, wo Kurt Beck 18 Jahre lang als
provinzieller Patriarch Furore machte und
selbstzufrieden mal mit der FDP, mal mit den
Grünen regierte. Vielleicht ziehen auch Dreyers politische Erfolge. Unter Druck geriet sie
nur ein einziges Mal, wegen eines Mordes in
einem Jugendheim 2003. Nach zehn Jahren
Sie studierte
erst Theologie,
später Jura
mit dem Ziel,
Arbeitsrichterin
zu werden.
­Stattdessen stieg
Malu Dreyer
zur Hoffnung
der rheinlandpfälzischen
SPD auf
F o t o : B o r i s R o e s s l e r / d pa
Liebe Leserinnen und Leser,
warum sollte man als Mann
zum Feministen werden?
Über diese Frage stolperte
ich, als ich vor Kurzem ein Buch des
Soziologen Michael Kimmel in der Hand
hielt. Kimmel ist der bekannteste Männerforscher der USA. Er hat die akademische Teildisziplin Men­’s Studies mitbegründet und zusammen mit Michael
Kaufmann den Guy’s Guide to Feminism
geschrieben, in dem die Autoren erklären,
was es bedeutet, Feminist zu sein.
Natürlich hielt ich mich schon vor
dem Lesen des Guy’s Guide für einen
emanzipierten Mann. Und dass wir in
einigen Bereichen weit von gleichen
Chancen für Frauen und Männer entfernt
sind, ist zweifellos Fakt. Aber auf die Idee,
mich selbst als Feministen zu bezeichen,
war ich noch nie gekommen. Als ich
Kimmel nun in Berlin zum Gespräch
traf, erklärte er mir, warum viele Männer
sich bei Genderfragen nicht zuständig
fühlen. Es liege an der Unsichtbarkeit
von Privilegien für die Privilegierten. Sie
nehmen sie nicht wahr, weil sie nicht
gezwungen sind, darüber nachzudenken.
In welcher Situation Kimmel das merkte,
und warum man auch als Feminist richtig
Spaß haben kann, lesen Sie auf S. 27.
Ihr Jan Pfaff
Amtszeit kann die Sozialministerin auf eine
Arbeitslosenquote von nur 5,1 Prozent verweisen. Dreyer gilt als detailgenau und sachorientiert, offen und entscheidungsfreudig. Und
doch geht es hier nicht nur um Konzepte und
Programme, die Sympathie gilt vor allem der
Person. „Vielleicht ist es diese ungewöhnliche
Mischung aus physischer Zerbrechlichkeit
und Willensstärke, die ihr diese Aura verleiht“,
sagt einer, der Dreyer lange kennt.
Die Ministerin leidet seit zwei Jahrzehnten
an Multipler Sklerose. 2006, da war sie schon
vier Jahre im Amt, machte sie das selbst öffentlich, als man ihre Schwierigkeiten beim
Laufen schon erahnte. Zuletzt sah man sie bisweilen im Rollstuhl. Als im Frühjahr die Spekulationen über Becks Nachfolge losgingen,
hieß es noch, Dreyer wäre eine fast ideale Kandidatin – wenn nur ihre chronische Krankheit
nicht wäre. Nun ist sie es trotzdem geworden.
Angespannt sieht sie aus, als sie am Freitagabend langsam am Arm einer Kollegin mit
Beck zur Pressekonferenz in der Staatskanzlei
schreitet. Der Ministerpräsident selbst wirkt
tief deprimiert, dass er mitten in der Affäre
um das Pleiteprojekt Nürburgring nun doch
das Feld räumen muss – wo er doch im Sommer noch trotzig behauptet hat, er werde bis
zur Wahl 2016 bleiben. Er spricht mit schleppender Stimme von seinen Gesundheitsproblemen, von „recht ernsten“ Schwierigkeiten
mit der Bauchspeicheldrüse und seinem
Selbstverständnis, sein Amt nur ganz oder gar
nicht auszufüllen.
Dreyer, nur sehr dezent geschminkt, in
dunklem Oberteil und Blazer, blickt immer
wieder ernst zu Beck herüber. Man nimmt ihr
das Mitgefühl ab und auch die Selbsterkenntnis, dass sie sich eine Bürde aufhalst. „Kurt
Beck hat für einen Mann recht kleine Füße“,
versucht sie einen Scherz. „Aber wenn ich an
die Fußstapfen denke, die er hinterlässt, habe
ich doch richtig Herzklopfen.“ Und dann
kommt sie zum Punkt: „Ich fühle mich gesund, und ich spreche das ganz bewusst an,
weil ich nicht möchte, dass meine Gesundheit
beziehungsweise meine eingeschränkte Mobilität irgendwann mal ein Tabuthema in diesem Land werden sollte.“ Wenn nötig, werde
sie einen Rollstuhl nutzen. Das ist alles.
Dreyer trägt ihre Krankheit nicht zu Markte,
und sie definiert sich nicht über ihr Handicap.
Aber es ist klar, dass sie in einem Maße authentisch wirkt, wie es viele Wähler bei den
Florian Gersters der Politik vermissen. „Malu
Dreyer hat die Gabe, auf die Menschen einzuwirken und sie mitzunehmen“, und zwar
„nicht nur pro forma“, so sagte es der ehemalige SPD-Minister Karl Peter Bruch dem SWR.
Dem politischen Motto auf ihrer Webseite „Tolerant handeln. Sozial entscheiden. Selbst bestimmt leben“ folgt sie selbst. Mit ihrem
Mann Klaus Jensen, dem Oberbürgermeister
von Trier, und dessen drei Kindern lebt Dreyer in einem integrativen Wohnprojekt mit
jungen und alten, behinderten und nichtbehinderten Menschen.
Trotzdem wäre es wohl falsch anzunehmen,
Dreyer sei zu nett für die Politik. Zehn Jahre
Gesundheitsministerin, das gehe nicht ohne
eine gewisse Härte, sagt einer, der sie in BundLänder-Verhandlungen erlebt hat. „Die würde
nicht durchkommen, wenn sie nicht auch beißen könnte.“ Und in diesen oft elend langen
Reformrunden ist sie keinesfalls eine der ersten, die zu Boden gehen. „Ich habe sie für ihr
Durchhaltevermögen immer bewundert“, sagt
der FDP-Politiker Kolb. „Sie ist eine taffe,
kämpferische Person.“
Lutz Herden über Benjamin Netanjahus Rettungsanker Iran
Wolfgang Heininger über den AKW-Stresstest der EU
Die Farbe Rot
Alibi-Veranstaltung
M
it einer Rakete und
rotem Filzstift auf
weißem Papier hat
Israels Premier der UN-Vollversammlung zu verstehen ge­
geben: Wir haben es zehn vor
zwölf. Wird der potenziellen
Kernwaffen-Macht Iran nicht
Einhalt geboten, ist es irgendwann zu spät. Das passte zu
den Roten Linien, die Benjamin
Netanjahu zuvor für die Iran-Politik der USA gezogen hatte. Als
besäße er die Richtlinien-Kompetenz im Weißen Haus und
könnte auf einer Gewaltpflicht
gegenüber Teheran bestehen.
Ein zweifelhaftes Verhalten. Warum tut sich Netanjahu das an?
Schließlich befürwortet der
Republikaner Mitt Romney als
Präsidentenbewerber einen
Militärschlag gegen Iran ohne
großes Wenn und Aber. Und
Amtsinhaber Barack Obama
hat die Formel geprägt, es sind
alle Optionen im Spiel, von Verhandlungen über Sanktionen
bis zum Krieg. Kaum anzunehmen, dass er plötzlich für einen
diplomatischen Ausgleich mit
der Islamischen Republik wirbt.
Dieser Präsident hat verglichen
mit der Bush-Administration
lediglich die Rhetorik poliert
und auf den Begriff Schurkenstaat verzichtet.
Allen Turbulenzen im Nahen
und Mittleren Osten zum Trotz
bleiben die USA vorerst in
zweierlei Hinsicht berechenbar:
In der Feindschaft zum Iran, die
es ohne dessen Atomprogramm
vermutlich genauso gäbe, und
in der Tolerierung der Kompromisslosigkeit Israels gegen­über den Palästinensern. Deren
Aussichten auf den eigenen
Staat sind heute schlechter als
zu Zeiten von George Bush, der
2002 wenigstens eine Road Map
zur Zweistaatlichkeit zustande
brachte. Obama hingegen blieb
schuldig, was er in seiner KairoRede 2009 versprochen hatte:
Hilfe für das palästinensische
Volk, damit es nicht vergeblich
auf seinen Staat hofft. Premier
Netanjahu darf eigentlich mit
der Obama-Regierung zufrieden
sein. Weshalb werden ihr Rote
Linien aufgezeigt?
Es könnte der Tag kommen,
an dem ein US-Präsident die
Belange seines Landes denen
Israels voranstellt, weil ihm
die politisch-religiösen Erben
des Arabischen Frühlings keine
Wahl lassen. Momentan kreist
die US-Nahostpolitik in einer
Warteschleife. Man muss abwarten, was aus dem zu Zeiten
Mubaraks so gefälligen Ägypten
unter dem Muslim-Bruder Mursi
Redaktion Artikel von Redakteuren und Autoren des Freitag
wird. Es lässt sich wenig tun gegen die vom Terror gefütterten,
selbstzerstörerische Obsessionen im Irak. Man hat zu erdulden, dass Saudi-Arabien, Ägypten und die Türkei den Iran
dabei haben wollen, um als
Quartett nach einer Lösung in
Syrien zu suchen. Und überhaupt – wie reagieren die Amerikaner, wenn Assads Diktatur
einer islamistischen weicht,
die einem jüdischen Staat das
Existenzrecht bestreitet?
Die arabische Welt lässt sich
nicht mehr nach Schwarz und
Weiß sortieren. Schon vor den
Umbrüchen 2011 war das Raster
wenig realitätstauglich – heute
ist es anachronistisch. Israel
muss das beunruhigen. Durch
alte Feindbilder schimmern
neue Bedrohungen. In Nord­
afrika sind US-Botschafter nicht
mehr sicher. Wo soll das enden?
In dieser Lage kann der IranKonflikt für einen israelischen
Regierungschef auch ein
Rettungsanker sein, damit die
strategische Partnerschaft mit
den USA nicht davon treibt.
Das geht weit über hoch angereichertes Uran aus den Gas­
zentrifugen von Natans hinaus.
Wenn Netanjahu über Rote
Linien redet, sind damit auch
die Grenzen Israels gemeint.
Community Beiträge von Mitgliedern der Freitag-Community
F
ast alle Atomkraftwerke in
Europa sind gegen Naturkatastrophen und technische Störfälle unzureichend gesichert – auch die noch laufenden Meiler in Deutschland. Dies
belegt der Sicherheitscheck, den
EU-Energiekommissar Günther
Oettinger erarbeiten ließ.
Wie ernst das ist, wird manchmal verdrängt. Beim AKWStresstest-Simulator im Internet
ist es ähnlich wie bei Loriots
uraltem Sketch „Wir bauen ein
Atomkraftwerk“. Bei einem
Fehler macht es „Puff“, Kühe
und Bäume fallen um und der
Reaktor brennt sich durch den
Fußboden. Nur im wirklichen
Leben bleibt es eben nicht
beim „Puff“, wenn so ein Meiler
durchgeht. Tausende sterben
unmittelbar oder an den Spätfolgen. Landstriche werden
unbewohnbar. Die Folgekosten
sind gar nicht zu beziffern.
Ein solcher Größter Anzunehmender Unfall (GAU) sollte rein
statistisch eigentlich nur alle
35.000 Jahre vorkommen – so
rechneten „Experten“ das Risiko
klein. Die Unfälle in Harrisburg,
Tschernobyl und Fukushima
haben diese Statistik aber schon
lange ad absurdum geführt.
Gelernt haben die Verantwortlichen aus schweren und
schwersten Störfällen trotzdem
nichts, wie die EU-Prüfung belegt. Bei fast allen Anlagen wurden gravierende Defizite aufgezeigt. Dabei wurde doch bereits
nach Tschernobyl 1986 die
Nachrüstung unsicherer Kraftwerke beschlossen. Nur ist sie
nicht in allen Ländern umgesetzt – eigentlich ein Skandal.
Die EU hat zwar festgelegt,
welche elektrische Leitfähigkeit
Waldhonig besitzen darf, aber
in Sachen Atompolitik und -aufsicht agieren die Mitgliedsstaaten weiter nach eigenem Gusto.
Auch der nach Fukushima
eilig angesetzte „Stresstest“ ist
eine Alibi-Veranstaltung. Die
darin aufgelisteten Defizite, deren Behebung bis zu 25 Milliarden Euro kosten soll, sind nur
die Summe bereits bekannter
Fakten. Ein wesentliches Risikoelement, der weltweite Terrorismus, wurde erst gar nicht in
die Prüfkriterien aufgenommen.
Würde diese Gefahr, etwa durch
den gezielten Absturz eines
Großflugzeugs auf ein AKW,
realistisch bewertet, müssten
sämtliche Meiler eher heute als
morgen abgeschaltet werden.
Wolfgang Heininger kommentierte
zuletzt Japans Atomwende
Syndication Artikel unserer Syndication-Partner wie zum Beispiel dem Guardian
Politik 03
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
Feste Betriebsrenten waren früher Teil vieler
Tarifverträge. Bei Tarifverhandlungen heute
stehen die Renten ganz oben auf der Abschussliste.
Im Trend liegen NFL und NHL auch mit Forderungen nach Zugeständnissen selbst bei
Profitabilität. Eher unglaubwürdig ist jedoch
der Appell, die Schiedsrichter müssten sich
veränderten Wirtschaftsbedingungen und der
Marktwirtschaft anpassen. Die NFL ist in den
USA ausgenommen vom Kartellgesetz: Sie hat
mit Marktwirtschaft wenig zu tun. Die Eigentümer konkurrieren nicht gegeneinander, sondern teilen die Profite auf, sprechen sich ab
beim Vertragsabschluss mit Neuzugängen und
verpflichten sich zu Gehaltsobergrenzen.
Am Ende schalteten sich sogar Barack Obama und Mitt Romney in den Tarifstreit ein.
Sie drängten auf ein schnelles Ende. Selbst
Scott Walker, der republikanische Gouverneur
von Wisconsin, sprach sich für die Rückkehr
der regulären und gewerkschaftlich organisierten Schiedsrichter aus. Er war entrüstet
über die Niederlage der Green Bay Packers,
dem Team aus Wisconsin. Gleichzeitig will
eben jener Walker in Wisconsin den im öffentlichen Sektor Beschäftigten das Recht auf Gewerkschaften absprechen.
Nur Verlierer
Foto: J i m M c I sa ac/G e t t y I m ag e s
Eis mit Stil?
Streik Die US-Eishockey-Liga NHL hat ihre Spieler ausgesperrt, die NFL die
Schiedsrichter. Und das mitten im Wahlkampf um die Präsidentschaft
■■Konrad Ege
M
itt Romney spricht von den
47 Prozent, die ein Schmarotzer-Dasein auf Kosten
des Staates führen. Occupy
wiederum sagt, 99 Prozent
leiden unter einem Prozent der Bevölkerung.
Kurz: Soziale Gerechtigkeit ist in den Vereinigten Staaten ein Riesenthema. Sogar dort,
wo der Amerikaner bei Bier und Burger den
Alltag vergessen möchte – beim Sportschauen – ist harter Arbeitskampf angesagt, denn
in der National Hockey League (NHL), der
nordamerikanische Eishockey-Profiliga, wird
gestreikt.
Genauer: Die Tarifverhandlungen zwischen
der NHL und der Spielergewerkschaft sind gescheitert. Die Eigentümer der 30 nordamerikanischen Profiteams wollen den Anteil der Spieler von den NHL-Einnahmen – vergangene
Saison waren es 3,3 Milliarden Dollar und damit höher als jemals zuvor – von geschätzten
57 Prozent auf 47 Prozent reduzieren. Bereits
bestehende Spielerverträge würden aufgelöst.
Die Spieler sagten Nein, und die Eigentümer
machten die Stadien dicht. Lockout – das
heißt, die Teambesitzer schickten ihre Angestellten in die unbezahlten Zwangsferien. Vorbereitungsspiele wurden abgesagt, die Büros
der Teams arbeiten auf Sparflamme. Die Florida Panthers haben sogar ihr Maskottchen entlassen – beziehungsweise den Mann, der im
Panther-Kostüm die Zuschauer anfeuert.
Die arbeitsrechtlichen Zustände in der NHL
ist kompliziert: Die Liga darf mit den Spielern
Gesamtarbeitsverträge abschließen. Diese Verträge umfassen über 500 Seiten und regeln alles von Verpflegungspauschalen bei Auswärtsspielen, Umzugskosten bei Transfers, Anzahl
der Flüge der Lebenspartnerin zwecks Wohnungssuche, maximal erlaubte Trainingszeiten
oder Anzahl der Vorbereitungsspiele pro Spieler. Im Kern aber geht es um etwas sehr Kluges:
Finanzausgleich zwischen profitablen und defizitären Klubs. Der sogenannte Salary Cap –
eine Art Lohnobergrenze – soll verhindern,
dass nicht, wie im europäischen Fußball, die
reichsten Vereine die besten Spieler mit hohen
Salären anlocken können. Denn eine ausgeglichene Liga ist attraktiver für die Fans und für
die Spieler, denen dadurch mehrere interessante Arbeitgeber zur Verfügung stehen.
Trotz dieser an sich guten Ideen ist das Klima in der NHL vergiftet. Man erinnert sich an
den Lockout von 2004, der eine ganze Saison
lang dauerte. Eine ganze Saison ohne Eishockey! Die Fans in Nordamerika sind sauer. Die
europäischen freuen sich. Warum?
Manche NHL-Spieler überbrücken die
Zwangspause mit „Gastspielen“ in Europa. Beliebt ist die Schweiz (Joe Thornton und Rick
Nash zieht es nach Davos, Star-Center Jason
Spezza an den Zürichsee). Viele zieht es aber
auch in die Heimat: Jaromir Jágr spielt im
tschechischen Kladno, Evgeni Malkin bei Metallurg Magnitogorsk, Pavel Datsuk geht zu
ZSKA Moskau und Superstar Alexander
Ovechkin zum Stadtkonkurrenten Dynamo
Moskau. Unklar ist noch, wo der vermeintlich
beste Spieler der NHL hinwechselt: Sidney
Crosby. Russland erteilte er eine Absage, die
Schweiz macht sich Hoffnungen.
Europas Problem mit der NHL
Für die Spieler ist die Pause ein Problem.
Ovechkin äußerte sich in der Washington Post
über den Lockout: „Die Eigentümer spielen
nicht Hockey, sie blockieren keine Schüsse, sie
schlagen sich nicht, sie kriegen keinen drauf.
Sie sitzen nur auf der Tribüne und genießen
das Spiel.“ Und sie wollen weniger zahlen. Deshalb ging er nach Russland.
Aber so sehr sich die europäischen Fans auf
die die Topstars freuen, den Ligen bereiten die
temporären Neuzugänge Bauchschmerzen.
Vor allem die horrenden Summen für die Versicherung der Löhne sind eine große Belastung; zwischen 2500 und 20.000 Dollar kostet
die Versicherung eines Spieler im Monat. Das
hat dazu geführt, dass Niklas Bäckström, der
finnische Torhüter von Minnesota, nicht zu
HIFK Helsinki wechselt, wo er Miteigentümer
ist, sondern nach Minsk, das bereit war, seine
Versicherung zu decken.
Aber auch die russische Liga (KHL) hat Restriktionen eingeführt. Die 20 Klubs dürfen maximal je drei NHL-Spieler zu maximal 65 Prozent ihres NHL-Lohns verpflichten, zwei davon müssen Russen sein. In der schwedischen
Eliteserie wiederum sind nur Lockout-Spieler
willkommen, die Verträge bis Ende der Saison
abschließen, unabhängig von der Dauer des
Lockouts. Man will keine Superstars haben,
die sich für ein paar Spiele im Glanz sonnen
und dann wieder verschwinden, sobald der
Lockout in der NHL wieder beendet ist.
Auch im Football, dem profitabelsten Profisport in den USA, gab es dieses Jahr einen dramatischen Lockout: Er richtete sich gegen die
Schiedsrichter. Die 121 Unparteiischen sollten
eine Gehaltsreduzierung hinnehmen. Zudem
wollte die NFL die garantierte Altersversorgung durch Zahlungen an Aktienfonds ersetzen. Die Schiedsrichter weigerten sich. Und
wurden ausgesperrt.
An drei NFL-Spieltagen pfiffen stattdessen
Ersatzschiedsrichter, die zuvor nur Spiele in
Amateur- und Spaß-Ligen geleitet hatten. Es
war kein schöner Anblick. Das Regelwerk der
NFL ist komplex. Die Männer (und erstmals
eine Frau!) in den schwarz-weiß gestreiften
Hemden verloren häufig den Überblick. War
das nun ein Foul oder nicht? Ein Touchdown
oder nicht? Regelverstöße und Gewalt nahmen zu. Dem Quarterback der Dallas Cowboys, Matt Schaub, wurde beim Zusammenstoß mit einem Verteidiger der Denver Broncos ein Stück vom Ohr abgerissen. Das Spiel
der Washington Redskins gegen die Cincinnati Bengals endete im Chaos beim Streit um
verbleibende Spielsekunden und einen wutentbrannt auf das Feld stürmenden Coach.
Ausgesprochen unschön war die Partie Green
Bay Packers gegen Seattle Seahawks. Mit einem umstrittenen Touchdown in letzter Sekunde gewann Seattle 14 : 12.
Die Aussperrung der Referees ist schwer zu
erklären. Angeblich ging es um einen Streitwert von gerade eben drei Millionen Dollar.
Peanuts gemessen am Umsatz der Liga. Die
NFL hat im Vorjahr rund neun Milliarden Dollar eingenommen. Ein Schiedsrichter verdient
im Schnitt 8.000 Dollar pro Spiel. Die Eigentümer sind Multimillionäre oder gar Milliardäre
wie Terry Jones von den Dallas Cowboys, Paul
Allen von den Seattle Seahawks und Dan Snyder von den Washington Redskins. 15 der 32
Besitzer stehen auf der „Forbes Liste der 400
reichsten Amerikaner“.
Schwere Gehirnschäden
Diesen Eigentümern – die Mehrzahl bekannt
als stramm konservativ – geht es bei der Aussperrung der Schiedsrichter offenbar ums
Prinzip. Sie benehmen sich wie das sprichwörtliche eine Prozent. Großer Konfliktpunkt
war offenbar die Altersversorgung, denn bisher finanzierten die Eigentümer eine Rentenversicherung für die Unparteiischen, die zu
festen Rentenzahlungen verpflichtete. Dazu
erläuterte NFL-Commissioner Goodell in der
Huffington Post, das könne nicht so weitergehen, in den USA sei diese Art der Altersversorgung am Verschwinden. Da hat er recht.
Die Krise der
Eishockey-Liga
NHL trifft alle:
Die FloridaPanthers
haben
sogar ihr
Maskottchen
entlassen
Die Erleichterung bei Coaches, Spielern und
Fans war schließlich groß, als es letzte Woche
zu einer Einigung kam. Der Druck und die Unzufriedenheit der Zuschauer dürfte es der Vereinigung der NFL-Schiedsrichter (NFLRA) in
den Verhandlungen mit der Liga leichter gemacht haben, ihre Positionen durchzusetzen.
Im neuen, auf acht Jahre angelegten Vertrag
erhalten die Schiedsrichter höhere Löhne und
bessere Renten. Ihre Löhne sollen von derzeit
149.000 Dollar auf 173.000 Dollar im nächsten
Jahr und schließlich auf bis zu 205.000 Dollar
im Jahr 2019 steigen. Manche Schiedsrichter
sollen ab nächstem Jahr zudem als Vollzeitkräfte arbeiten können.
Aber damit sind noch lange nicht alle Probleme der NFL gelöst: Immer mehr wissenschaftliche Studien können belegen, dass
Footballspieler beim gewaltsamen Zusammenstoß langfristig schwere Gehirnschäden
davontragen mit alzheimerartigen Symptomen. Bis vor wenigen Jahren hat die NFL das
stets kleingeredet. Wer auf dem Spielfeld umgehauen wurde und k.o. ging, der musste sich
anschließend nur mal kurz hinsetzen, dann
ging es weiter. Die organisierte Gewalt der
modernen Gladiatoren auf dem Rasen hat die
NFL groß gemacht.
Heute wird der Zusammenhang von Football und Gehirnschäden ernster genommen.
Die Helme wurden verbessert und das regelwerk verändert, um Kopf-gegen-Kopf-Kollisionen – eine der spektakulärsten, aber eben
auch gefährlichsten Situationen im Football
– zu vermeiden.
Mehr als 3.000 Ex-Spieler haben die NFL
aufgrund von Spätschäden verklagt. Das
könnte selbst einer neun Milliarden Dollar
schweren Industrie schwer zu schaffen machen. Auch wegen der Nachwuchs- und Versicherungsfrage: NFL-Spieler kommen aus den
Football-Ligen der Colleges. Und die haben
keine finanziellen Reserven für Zivilklagen
und eskalierende Versicherungsprämien.
Und wie geht es weiter beim Eishockey? Es
gibt zwei Interessentengruppen, die in den
letzten sieben Jahren von der NHL profitiert
haben. Zum einen die Spieler, die durchschnittlich 2,4 Millionen Dollar pro Jahr verdienen. Und zum anderen die oberen zehn
Prozent der NHL-Besitzer, die aufgrund der
Lohnobergrenze für Spieler jetzt Millionen in
die eigene Tasche stecken konnten.
Wer aber profitiert vom diesjährigen Lockout? Wenig wird ruchbar über die Gespräche
mit der Spielergewerkschaft. Die Eigentümer
und die Spieler seien weit entfernt voneinander, heißt es nur. Schon jetzt ist absehbar, dass
es am Ende wohl vier Verlierer geben wird:
1. Die Besitzer – denn ohne Eishockeyspiele
hat der Verein auch keine Einnahmen.
2. Die Spieler – besonders jene, die weder in
Europa überwintern, noch ein hohes Gehalt
haben.
3. Die Nebenverdiener – die Eishockey-Liga ist
ein gigantisches Unternehmen, an dem viele
kleinen Betriebe mitverdienen. Keine Spiele
in der NHL bedeutet große Verluste für die
Bars im Umfeld, für die Hot-Dog-Verkäufer,
für die Ordner und Ticket-Verkäufer.
4. Die Fans – denn so sehr man sich in Europa
über die Stars freut; es ist ein bisschen wie die
Vorrunde beim DFB-Pokal schauen, wenn
Bundesligisten Hobbykicker 14:0 abfertigen,
aber auch mal straucheln. Nett anzusehen,
aber irgendwann freut man sich wieder auf
echte Duelle.
Konrad Ege hatte zuletzt die schwindenden
Chancen der Republikaner im US-Wahlkampf
kommentiert
04
Titelthema
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
Der Lotse will an Bord Wie der Beamte Peer Steinbrück der neue Helmut Schmidt werden will
Nur einer wird
gewinnen
Unter vielen Ein Kandidat wird dann Kanzler, wenn er den
Zeitgeist verkörpert: Peer Steinbrück will die Hartz-Reformen
vergessen machen, indem er die Finanzmärkte kontrolliert
■■Georg Fülberth
I
m Herbst 2011 durfte gelacht werden. Ein Buch-Cover zeigte den Altkanzler Schmidt und den Abgeordneten Steinbrück vor einem falsch
aufgestellten Schachbrett. Im Inneren des Bandes redeten sich beide mit „Helmut“ und „Peer“ und per Sie an und bestätigten einander, wobei der Jüngere den Älteren verhalten anbetete und dieser ihn als
seinen politischen Erben empfahl. Das
wirkte peinlich. Aufmerksame Beobachter
wiesen darauf hin, dass dieses Arrangement Teil einer Kampagne sein könnte,
vermuteten dahinter aber eher eine pfiffige
Geschäftsidee der Zeit, vielleicht auch der
Holtzbrinck-Verlagsgruppe oder von Hoffmann und Campe.
Danach wurde das Marketing im Innenleben der SPD kleingehäckselt. Schmidts
Eleve erschien als einer, der zu früh gestartet und dann in einer Troika gelandet war.
Jetzt aber ist er nominiert, und es fragt sich,
ob er immer noch der kleine Gernegroß am
Schachbrett oder jetzt ernst zu nehmen ist
und Chancen gegen die amtierende Kanzlerin hat? Dies soll hier zum Anlass genommen werden, die lange Reihe früherer Oppositionspolitiker, die gegen Amtsinhaber
antraten, Revue passieren zu lassen. Sie zerfallen in zwei Gruppen: Zählkandidaten
oder gefährliche Herausforderer.
Dabei mag das persönliche Format der
Bewerber zwar nicht völlig belanglos sein,
ausschlaggebend aber ist es nicht. Denn
wichtiger als Personen und Events sind gesellschaftliche Grund-Strömungen, die von
den Kandidaten genutzt werden können.
Die Frage lautet dann: Was hat der eine
Kandidat, das der andere nicht hat?
Im Duell zwischen Konrad Adenauer und
Kurt Schumacher im Jahr 1949 verkörperte
der CDU-Bewerber ein Projekt, das als zukunftsträchtig wahrgenommen wurde:
Westintegration, Kampf gegen den Kommunismus an der Seite der stärksten Militär- und Wirtschaftsmacht der Erde. Marshallplan und D-Mark wirkten als Vorentscheidungen zu seinen Gunsten nach. Er
gewann. 1953 und 1957 war Erich Ollenhauer nur noch ein Zählkandidat der SPD, denn
Adenauer hatte jetzt auch noch den dauerhaften Wirtschaftsaufschwung auf seiner
Seite.
Adenauer, Brandt, Schmidt …
Vier Jahre später aber, im Jahr 1961, verkörperte Willy Brandt ein neues Projekt: Flexibilisierung der Außenpolitik (auch zur Öffnung von Märkten im Osten), Modernisierung der Infrastruktur, Erschließung von
Begabungsreserven. Dieses Vorhaben trug
ihn dann nicht sofort, auch nicht vier Jahre,
sondern erst acht Jahre später ins Amt. So
lange die Reformagenda noch mitten im
Kampf stand, konnten die Christdemokraten Rainer Barzel (1972) und Helmut Kohl
(1976) als Zählkandidaten zurückgelassen
werden, mochte die Dynamik der Wahlkämpfe sie auch zeitweilig als nicht völlig
aussichtslos dastehen lassen.
Mit Franz Josef Strauß war das 1980 anders. Sein Slogan „Freiheit statt Sozialismus“ nahm ein Stereotyp der AdenauerZeit wieder auf, transportierte aber zugleich die wirtschaftspolitische Botschaft
von Margaret Thatcher. Demnach galt der
Sozialstaat als Zwangsanstalt und die Entfesselung der Märkte als großes Durch­
atmen. Durch die Bresche, die Strauß damit
geschlagen hatte, zog Helmut Kohl zwei
Jahre später ins Kanzleramt.
Den Klartext zur von ihm proklamierten
„geistig-moralischen Wende“ lieferte das
marktradikale Lambsdorff-Papier. Gegen
Helmut Schmidt, der dazu nicht bereit war
und dem seine Partei auf einem solchen
Weg damals auch nicht gefolgt wäre, wurde
Kohl der Mann der Stunde.
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Konjun
Das Leibniz-Journal.
Jetzt für 3 Euro an Flughäfen und Bahnhöfen.
Was bei aller Aufregung nicht vergessen werden darf: Nun steht uns ein langer Wahlkampf bevor, denn gewählt wird ja …
Aber er schwächelte in den Folgejahren
immer mehr, da er aus Angst vor Stimmenverlusten nicht nur auf die Wirtschaftsführer, sondern zwischendurch auch auf den
Sozialpolitiker Norbert Blüm hörte. Wohl
deshalb ließ Oskar Lafontaine seit dem Jahr
1988 einen Zukunftsentwurf vorbereiten:
den sozialökologischen Umbau. Wir wissen
nicht, was ohne Mauerfall und Messer-Attacke daraus geworden wäre. Aber sein
Konzept widersprach dem – sagen wir es so
– Lebensgefühl einer neuen Wirtschaftsgeneration: flotte Renditen an den „Märkten“
statt nachhaltiger Sanierung der Grundlagen der kapitalistischen Ordnung durch
gut bezahlte Arbeit und Schonung der natürlichen Ressourcen. Es ist schwer vorstellbar, dass sich Lafontaine als Kanzler
schließlich gegen diesen Trend hätte
durchsetzen können. Das nationale Groß­
ereignis des Mauerfalls ließ ihn bei der
Wahl von 1990 untergehen und wirkte sich
auch noch vier Jahre später zu Kohls Gunsten aus. Rudolf Scharping war mal wieder
nur ein Routinegegner, ein klassischer
Zählkandidat
Helmut Kohls langjährige Förderer aber
– unter ihnen dürften sich auch diejenigen
befunden haben, deren Namen er in der
Schwarzgeld-Affäre von 1999 verschwieg –
wurden mit seiner eher hinhaltenden
Wirtschafts- und Sozialpolitik immer unzufriedener, ablesbar war das an den Kommentaren der von ihnen gewiss nicht unbeeinflussten Mainstream-Medien. Gerhard Schröder nun, der sich gern als „der
Genosse der Bosse“ porträtieren ließ, stellte jene Entschlossenheit dar, die der amtierende Kanzler vermissen ließ. Als Kandidat des Jahres 1998 präsentierte er den
Unternehmer Jost Stollmann als seinen
Wunsch-Wirtschaftsminister. Und Oskar
Lafontaine warb nach links.
Als der nach gewonnener Wahl aber Jost
Stollmann verhinderte und stattdessen die
Bundesbank und die Börsen herausforderte, wurde Gerhard Schröder, nun Kanzler,
in den großen Printmedien abgemahnt.
Die Bundesrepublik, so kolportierte man
dort, werde zum Gewerkschaftsstaat, vielleicht sei der neue Kanzler auch nicht besser als der alte. Erst nach Oskar Lafontaines
Rücktritt ist Gerhard Schröder dann wieder
zum Hoffnungsträger derer geworden, die
an seinem Vorgänger zuletzt verzweifelt
waren – was wiederum im Jahr 2002
schlecht für Edmund Stoiber war. Darauf
betätigte sich Schröder, der Wiedergewählte, als Vollstrecker des 20 Jahre alten
Lambsdorff-Papiers – ab März 2003 hieß es
Agenda 2010. Allerdings drohte die Sozialdemokratie an diesen neuen Gesetzen, der
Teilprivatisierung der sozialen Sicherungssysteme und der Senkung des Spitzensat-
zes der Einkommenssteuer von ehemals 53
Prozent auf 42 zu zerbrechen. So erhielt
Angela Merkel, die kein Kontrastprogramm,
sondern nur ein Kraftwort – „durchregieren!“ – anzubieten hatte, 2005 ihre Gelegenheit.
2000 war die „Initiative Neue Soziale
Marktwirtschaft“ vom Arbeitgeberverband
Gesamtmetall und anderen kapitalistischen Interessenverbänden gegründet
worden. Mit der Kanzlerin war diese Initiative nicht durchgehend zufrieden, sie erschien ihr als zu kompromissbereit. Ihre
Chance beruhte auf der Hoffnung, dass die
FDP 2009 irre gut abschneiden werde, sodass mit vier Jahren Verspätung doch noch
marktradikal durchregiert werden könne.
Frank-Walter Steinmeier wirkte daneben
nur noch als ein Schröder-Imitator und
Statist.
Nun also Peer Steinbrück, der – unabhängig von seiner Fortüne – ein aussichtsreiches Programm hat: die Rettung der Beute,
die mit der Agenda 2010 und der Rente mit
67 gemacht wurde, durch Kontrolle der Finanzmärkte. Das ist kein Widerspruch.
Das Feuilleton
wird ihn
bejubeln.
Steinbrück
muss gar
nicht viel tun
Als die FDP 2009 ihr Rekordergebnis erzielte, waren die Voraussetzungen für eine
Realisierung ihrer Verheißungen – noch
weniger Steuern und mehr Deregulierung
– aufgrund der Krise des Vorjahres schon
entfallen. Das wurde allerdings erst mit
den Bankenrettungen der Folgezeit deutlich. Zugleich war klar: Die Entfesselung der
Finanzmärkte – beginnend mit der Aufhebung der festen Wechselkurse 1973 und
dem „Big Bang“ an der Londoner Börse
1986 – gefährdet auf Dauer die Stabilität
des gesamten Wirtschaftssystems.
Für eine Teilreform steht nun Peer Steinbrück bereit. Die hohen Renditen, die bislang beim Zocken erzielt wurden, müssen
nun eben anderwärts hereingeholt werden:
durch weitere Senkung der Lohnstückkosten und der Sozialabgaben, beides günstig
für den Export. Dass Steinbrück ein Schröder-Mann ist, wird ihm dabei nicht scha-
den. Der Ex-Kanzler und sein Finanzminister Hans Eichel haben vor Kurzem eine
Rechtfertigungsoffensive mit verteilten
Rollen gestartet. Schröder: Dank der Agenda 2010 stehe Deutschland derzeit gut da.
Eichel: Ja, er habe den Finanzmarkt auch in
Deutschland dereguliert, aber CDU/CSU
hätten noch viel mehr verlangt – er sei also
das kleinere Übel gewesen.
Kohl, Merkel … Steinbrück?
Vor Monaten war aus dem linken Flügel zumindest in der Provinz noch da und dort
die Drohung zu hören: Für einen Kandidaten Steinbrück werde man nicht in den
Wahlkampf ziehen. Das wird sich legen,
denn die Spitzenvertreter dieser Richtung
haben schon recht deutlich Einverständnis
signalisiert. Hier findet man: Eine siegreiche SPD mit einem auch von vielen Unternehmern geschätzten Kandidaten ist besser als das Verbleiben in der Opposition.
Man wird sogar inhaltlich Gefallen an
Steinbrück finden: wegen seines Versprechens, die Finanzmärkte bändigen zu wollen. Dies ist ja das Mantra all derer – innerhalb und außerhalb der SPD – die sich der
Linken zurechnen. Die antikapitalistische
Rhetorik der Feuilletons, die seit Jahren im
Schwang ist, ja sogar die Demonstrationen
gegen die Welt der Banken – sie werden
Steinbrücks Wahlkampf beflügeln, ohne
dass er ihren radikaleren Wortführern das
geringste Zugeständnis machen muss.
Weil: Der frisch gekürte SPD-Kanzlerkandidat gehört der IG Bergbau, Chemie, Energie an. Die ist gegen eine umverteilende
Steuer- und Abgabenpolitik, die IG Metall
letztlich auch. Mit diesen beiden stark an
der Ausfuhr orientierten Gewerkschaften
wird Steinbrück keine Schwierigkeiten haben. Und: Indem er eine Ampelkoalition
nicht völlig ausschließt, ermutigt er die
Sponsoren der FDP. Es rentiert sich wieder,
in diese so oft totgesagte Partei zu investieren. Dass die SPD sich Steinbrück leisten zu
können meint, zeigt, dass sie keine Angst
vor der Linkspartei mehr hat.
Ob er im nächsten Jahr wirklich Kanzler
wird, ist nicht in erster Linie wichtig: Der
von ihm vorgeschlagene leichte Richtungswechsel in der Wirtschaftspolitik kann
auch von anderen realisiert werden, vielleicht sogar von Angela Merkel. Falls Steinbrück scheitern sollte, mag ihm eine Zeile
der Ballade „Tord Foleson“, die in der alten
Arbeiterbewegung gern gesungen wurde,
Trost spenden: „Das Banner kann stehen,
wenn der Mann auch fällt.“
Georg Fülberth schrieb zuletzt über die
geistig-moralische Wende des Jahres 1982
Titelthema 05
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
… erst irgendwann im September 2013. Bis dahin kann noch die eine oder andere Partie Schach gespielt werden
Verbotene Liebe
Allein Eigentlich sind sich SPD und Linke in vielen Punkten einig. Dennoch wird sich Peer
Steinbrück kaum auf Kipping & Co. zubewegen, der Hanseat denkt in dieser Frage ideologisch
■■Benjamin von Brackel
F
ür Peer Steinbrück hat sie nur einen
Satz übrig. Es ist kurz nach 12 Uhr an
diesem Montag, Katja Kipping steht
zusammen mit ihrem Co-Parteivorsitzenden Bernd Riexinger auf einer Bühne vor
dem Kanzleramt. „Guten Morgen“, begrüßt
die Linken-Chefin die etwa drei Dutzend
Senioren, die ihr zuhören, wie sie der Regierung Betrug vorwirft und eine Angleichung der Renten in Ost und West fordert.
Die SPD sei in der Sache kaum besser, sagt
Kipping. „Die hat ja jetzt auch einen Kanzlerkandidaten – oder soll ich sagen: Vizekanzlerkandidaten?“ Eine kleine Spitze,
mehr nicht.
Eigentlich hätte Kipping allen Grund,
beleidigt zu sein. Sie hat es geschafft, ihre
Partei dazu zu bringen, sich für eine Regierungsbeteiligung im Bund zu öffnen
und die Bedingungen dafür auf ein Maß
herunterzuschrauben, das Verhandlungen
nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ein riskantes Unterfangen, zumal
die Linke an dieser Frage auf ihrem Parteitag in Göttingen noch fast zerbrochen
wäre.
Gedankt wurde Kipping das aber nicht:
Steinbrück war noch nicht mal offiziell als
Kandidat bekanntgegeben worden, da hatte er schon eine Koalition mit der Linken
ausgeschlossen. Und das, obwohl sich auch
die SPD in ihren Oppositionsjahren nach
links bewegt hat. Nach und nach hat die
Partei ihre marktfreundlichen Positionen
relativiert, sich für die Vermögenssteuer
und die Erhöhung des Spitzensteuersatzes
ausgesprochen, für Mindestlohn, Transaktionssteuer und nun für eine Reform der
Rente, auch wenn die genaue Ausgestaltung noch aussteht.
Kein Politikwechsel
Noch nie waren sich SPD und Linke so nah
wie heute – zumindest was die Inhalte angeht. Und trotzdem ist ein Politikwechsel
nach links in weite Ferne gerückt.
Das hat vor allem mit dem Kandidaten
Peer Steinbrück zu tun. Seine persönliche
Ablehnung resultiert aus seiner Zeit als Referent an der Ständigen Vertretung der
Bundesrepublik in Ostberlin, wie sein Biograf Daniel Goffart schreibt. Damals besuchte Steinbrück auch das Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen. Die Eindrücke
festigten sein Bild der DDR als ein System,
in dem die Menschenwürde verachtet
wird. Seitdem gehe er gegen jeden Versuch
von „Sozialismusverklärung und DDRNostalgie“ an. Die Linke als normale Partei
zu betrachten, die 22 Jahre nach der Wiedervereinigung ihre Vergangenheit in großen Teilen kritisch betrachtet, fällt ihm
schwer.
Wichtiger noch dürfte ein anderer Punkt
sein: Steinbrück und die Linke trennen
Gräben in der ideologischen Grundausrichtung. Steinbrück fährt trotz der Beschlüsse
seiner Partei einen eigenen Kurs, verteidigt
die Agenda 2010 und lehnt nach wie vor
eine Vermögenssteuer ab, genau wie die
Forderung der Parteilinken, das Rentenniveau nicht weiter zu senken.
Dahinter steckt seine Überzeugung, dass
sich die Partei stärker um Aufstiegswillige
kümmern muss, um Mittelständler, Existenzgründer und Facharbeiter. Die SPD
sieht er weniger als Umverteilungs- denn
als Wertschöpfungspartei. Klar, dass er die
Linke als Gegner sieht.
Was heißt das nun für die Linke selbst?
Muss Kipping angesichts der neuen Situation nicht befürchten, dass die alten Kämpfe in der Partei entlang der zwei Lager wie-
Sein Aufstieg zum Kanzlerkandidaten
Peer Steinbrück hat in seiner
politischen Karriere einige
Niederlagen eingesteckt – und er
hat sich noch nie als Spitzenkandidat bei einer Wahl durchgesetzt.
Trotzdem führt er nun die SPD in
den Bundestagswahlkampf 2013.
Seine politischen Lehrjahre
verbringt der Hamburger in den
Büros bedeutender Sozialdemo­
kraten. Er arbeitet im Kanzleramt
unter Helmut Schmidt, 1986 leitet
er das Büro von NRW-Ministerpräsident Johannes Rau. In SchleswigHolstein geht er 1990 in die
Regierung, erst als Staatssekretär,
dann als Minister. 1998 wechselt
Steinbrück nach NordrheinWestfalen. Dort wird er zunächst
Wirtschaftsminister, dann
Finanzminister, 2002 schließlich
Ministerpräsident des Landes.
Doch sein steiler Aufstieg
bekommt im Juni 2005 einen
ersten großen Dämpfer: Bei der
Kandidatur zur Wiederwahl in
Nordrhein-Westfalen steckt er mit
der SPD eine krachende Niederlage
ein – der Anfang vom Ende von
Rot-Grün auch im Bund. Letztlich
schadet das Steinbrücks Karriere
aber kaum. Ein halbes Jahr später
steigt er zum Bundesfinanzminister in der Großen Koalition auf.
In der SPD wird er Vizeparteichef.
Nach der Niederlage der SPD
bei der Bundestagswahl 2009 zieht
sich Steinbrück aus der ersten
Reihe der Bundespolitik zurück.
Er gibt alle Parteiämter auf
und behält nur sein Bundestagsmandat. Er wolle sich nun mehr
um seine Familie kümmern,
sagt er. Die freie Zeit nutzt er,
um ein Buch über die Finanzund Wirtschaftskrise zu schreiben:
„Unter‘m Strich“. Damit tourt
er durch die Republik. Es juckt ihn,
ins Rampenlicht zurückzukehren.
Als gefragter Redner streicht
er üppige Honorare ein – auch von
Banken, die ja eigentlich stärker
reguliert werden sollen.
Dennoch gilt Steinbrück als
wichtigster Finanzfachmann seiner
Partei. In Umfragen bleibt der
ehemalige Bundesminister, der
sich in der Krise neben Kanzlerin
Angela Merkel profiliert hat,
einer der beliebtesten Politiker
der SPD. Als solchen braucht
ihn seine Partei. Im Juli 2011 wird
er Mitglied der sogenannten
Troika mit dem Parteivorsitzenden
Sigmar Gabriel und Fraktionschef
Steinmeier. Im Oktober vor einem
Jahr ruft ihn dann Altkanzler
Helmut Schmidt quasi im
Alleingang zum Kanzlerkandidaten
aus: „Er kann regieren“,
sagt Schmidt im Spiegel über
Steinbrück.
Die SPD nimmt Steinbrück die
Inszenierung zunächst krumm.
Auf dem Parteitag Ende 2011
schlägt ihm Unmut entgegen,
und er zieht sich etwas aus
dem Rampenlicht zurück. Erst
nach einer Kräfteverschiebung
in der Troika – Gabriel rechnet
sich wenig Chancen aus und
Steinmeier zögert – wird im
Spätsommer deutlich, dass alles
auf den 65-Jährigen zuläuft.
In einer überstürzt angesetzten
Pressekonferenz präsentieren
ihn Gabriel und Steinmeier als
Kanzler­kandidaten.
bvb/tt
In Wahrheit
aber ist der neue
Kandidat ein
willkommener
Gegner für
die Linkspartei
Deswegen sei sie bereit, auch unter einem Kanzler Steinbrück eine rot-rot-grüne
Regierung zu bilden. Entscheidend sei
nicht der Kanzlerkandidat, sondern das
Programm. Und hier sehe sie Schnittmengen. Gleichzeitig forderte sie die SPD auf,
sich von „kindischen Abgrenzungsritualen“
zu lösen.
Von ihrer Partei bekommt sie dafür Unterstützung – keine Selbstverständlichkeit
nach den heftigen Debatten vor ein paar
Monaten. „Wir machen das ja nicht zum
Null-Tarif“, sagt Kipping. „Nicht als Andienerei, sondern als nach vorne gerichtetes
Reformprogramm.“
Selbst von Sahra Wagenknecht, der Vizechefin der Linken, sind neue Töne zu hören: „Wenn die Inhalte stimmen – etwa die
Wiederherstellung der gesetzlichen Rente,
Verbot von Leiharbeit, ein Mindestlohn
von zehn Euro und eine Vermögenssteuer
– dann werden wir uns nicht verweigern.“
Aber, schränkt sie ein, „Steinbrück hat sich
ja bereits festgelegt, dass er die Banken lieber gemeinsam mit der FDP regulieren
will.“ Auch Gerhard Schröder sei 1998 mit
einem relativ linken Wahlkprogramm
Kanzler geworden, erinnert Wagenknecht.
Steinbrück, der Schröder als Vorbild für seinen Wahlkampf bezeichnet hatte, könnte
einen ähnlichen Weg einschlagen.
Der Schachzug ist wohl durchdacht: Indem die Linke sich der SPD anbietet, wirft
sie das Licht auf die Kluft zwischen Steinbrück und seiner Partei. Will die SPD ihr
linkes Programm ernst nehmen, dann
muss sie dem Wähler erklären, warum ihr
Kanzlerkandidat eine Koalition mit der Linken ausschließt, nicht aber eine mit der
FDP.
Wahlkampfthema Rente
Im Wahlkampf könnte die Linke von dieser
Ungereimheit profitieren. Kein Wunder,
dass die Parteispitze nun einen besonderen Schwerpunkt setzt: „Die Linke wird die
Rente zum zentralen Thema des Wahlkampfs machen“, verkündete Bernd Riexinger auf der Veranstaltung vor dem Kanzleramt. „Große Teile der zukünftigen Generation werden eine Rente kriegen, von der sie
nicht leben können.“ Zur Gegenfinanzierung des Parteimodells für höhere Altersbezügen will er paritätische Beiträge von
Arbeitgebern und Arbeitnehmern.
Die Linke hat das Thema auch gewählt,
um daran – für den Wähler sichtbar – zu
testen, wie ernst es die SPD mit „sozialer
Politik“ meint. Gerade streitet diese über
ihr Konzept: Die Parteilinke kämpft gegen
das Ansinnen Steinbrücks, das Rentenniveau auf 43 Prozent des durchschnittlichen
Nettolohns zu senken, wie es 2004 unter
Schröder beschlossen wurde. Steinbrück
wisse ja nicht mal, ob er Rentnern steigende oder sinkende Renten versprechen könne, stichelte Kipping jüngst in einem Interview im Hamburger Abendblatt.
Denn trotz aller Avancen und der Betonung auf die Schnittmengen beider Parteien in den Programmen ist der Kanzlerkandidat auch ein willkommener Gegner.
„Steinbrück ist Programm: Er steht zur
Agenda 2010 und damit für Niedriglöhne
und Armutsrenten, er steht in keiner Weise
für einen Politikwechsel“, sagt Wagenknecht. Sollte auch Steinbrück für die SPD
eine Wahlniederlage einfahren, hoffe sie
darauf, dass in dem Fall jemand aus dem
linken Parteiflügel an die Spitze komme.
Neben der Bühne spricht auch Kipping
sich Mut zu. Eine Gefahr will sie nicht darin
erkennen, dass mit der Festlegung auf
Steinbrück die Linke auf lange Sicht ohne
Machtperpektive dastehen könnte. „Steinbrücks politische Halbwertszeit wird möglicherweise sehr kurz sein – soviel wie er
ausgeschlossen hat“, meint Kipping. Denn
nicht nur gegen eine Koalition mit der Linken hat sich der Kandidat verwahrt. Er
weist es auch weit von sich, in einer großen
Koalition nur Minister zu werden.
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F o t o S : F e l i x H e y d e r / D PA , B E A R B EIT U NG : d e r F r e i ta g
der aufflammen? Muss sie nicht gar einsehen, dass es nichts bringe, sich auf die SPD
zuzubewegen? Muss sie sich damit zufrieden geben, dass die Linke eine Protestpartei ist – und diejenigen, die auf Frontalopposition und Systemwechsel setzen, am
Ende doch Recht haben?
Kipping wählt den umgekehrten Weg.
Sollte es eine Versuchung gegeben haben,
auf die Zurückweisung beleidigt zu reagieren und den Kandidaten frontal anzugreifen, so hat sie ihr widerstanden.
„Wir sind ja nicht bei Verbotene Liebe“,
sagt Kipping, die inzwischen von der Bühne herabgestiegen ist, während sich die
Versammlung aus Fahnenträgern und Senioren vor dem Kanzleramt auflöst. „Es
geht nicht um eine Politikheirat, sondern
um die politischen Inhalte.“
06
Wochenthema
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
„Ich arbeite mit dem System dagegen“
Generation Gesichtslos Bald beginnt das neue
Semester. Eigentlich ein Grund zur Freude. Aber die
Klagen über junge Akademiker sind so laut wie nie:
Sie seien unauffällig, ohne Ecken und Kanten. Aber
stimmt das? Und wenn ja, wer hat Schuld an dieser
­Entwicklung? Sie selbst oder doch der Bologna-Prozess?
Sprechstunde Unsere Autorin macht gerade ihren Master. Mit ihrem Lieblingsprof
Ottmar Ette sprach sie über die Chancen, die das neue Uni-System trotz aller Nachteile birgt
Die Kinder
der Krise
Herbstsemester Das Studium wird immer verschulter, statt
dem Lieblings- wird das Vernunftfach gewählt. Darin spiegelt
sich auch die Angst, in der Globalisierung zu verlieren
E
s ist eine fast süßliche Szenerie,
die der berühmte Reisende aus
den USA da in Heidelberg beobachtet. Er ist gerade dem europäischen Geist auf der Spur: „Man
sieht zu jeder Stunde so viele Studenten auf
der Straße, dass man sich manchmal fragt,
wann sie eigentlich arbeiten. Einige tun es,
andere nicht... denn das deutsche Universitätsleben ist ein sehr freies Leben.“
Der Fremde ist verblüfft, aus der Heimat
kennt er eine rigidere Taktung. Er heißt
Mark Twain und hält dieses Erlebnis in
dem Band „Bummel durch Europa“ fest, der
von seinen Erfahrungen auf dem alten
Kontinent berichtet. Die Visite findet Ende
der 1870er Jahre statt: mitten in der machtvollen Epoche eines deutschen Kaiserreichs, das Disziplin und Untertänigkeit zu
Leittugenden auserkoren hat. Nur in den
Universitäten gelten andere Gesetze. Sie
sind Inseln libertärer Widerspenstigkeit,
die von den Herrschenden toleriert werden. Denn das Humboldt’sche Bildungsideal, das die Unabhängigkeit der Wissenschaft vorsieht, ist unantastbar.
Wer heute in die Unis blickt, wird rasch
feststellen, dass sich die Studenten so gut
wie keine Freiheiten mehr gewähren. Seit
Beginn des sogenannten Bologna-Prozesses,
der 1999 beschlossen und im Jahr 2010 beendet wurde, betrachtet die junge Generation ihre Lehrjahre als eine Art berufsqualifizierende Maßnahme, so konsequent wie
keine zuvor. Mit Bologna ist der europäische
Bildungsraum vereinheitlicht worden, damit Abschlüsse nun grenzübergreifend gelten können. Im Zuge dessen wurde das
zweistufige Bachelor-/Master-System eingeführt, auch, um die Unizeiten massiv zu verkürzen. Ein Studium soll nun nicht mehr als
jene Phase gelten, in der Interessen jenseits
des fachlichen Kanons vertieft oder neue
Lebensentwürfe erprobt werden. Stattdessen ist der bruchlose Übergang zwischen
Schule, Uni und Job das angestrebte Ideal.
Was aber hat diese Entwicklung, die man
ohne zu untertreiben als europäische Bildungsrevolution bezeichnen kann, mit den
Studierenden selbst gemacht? Wie sind die
jungen Akademiker von heute eigentlich?
Lern was Vernünftiges!
Seit den frühen achtziger Jahren blickt der
Hochschulforscher Tino Bargel in die Seele
der deutschen Studenten, er erforscht ihre
Werte und Wünsche und erhebt repräsentative Umfragen wie den Studierendensurvey, an dem regelmäßig Zehntausende teilnehmen. „Studenten erwarten von ihrem
Studium heute in erster Line die Befähigung zu einem Beruf zu erlangen“, sagt er.
Diese sogenannte employability, die maßgeschneiderte Ertüchtigung für den Arbeitsmarkt, sei wichtiger als alles andere
und ein sehr neues Phänomen. Normalerweise scheut Bargel Etikettierungen, aber
nun wählt er Begriffe, die die heute Immatrikulierten sehr fade erscheinen lassen:
„Ohne spezifisches Profil, ohne Kanten,
ohne besondere Farbe“ seien sie. Eine „unauffällige Generation“.
Früher waren Unis autarke Laboratorien
für Experimente, Parallelgesellschaften im
Guten, wo sich junge Menschen ihre persönlichen Erleuchtungen erlaubten. Geschadet hat die Zügellosigkeit den wenigsten, im Gegenteil, etliche Persönlichkeiten
haben diese Freiräume genutzt. Im Kaiserreich, in der Weimarer Republik, in der Bundesrepublik. Da ist Rosa Luxemburg, die
eine notorische Fachwechslerin war und
sich nach den Naturwissenschaften auch
der Ökonomie, dem Recht und der Philosophie zuwandte. Theodor W. Adorno, der sich
neben der Lehre an der Philosophischen Fakultät auch dem Dandytum im Kaffeehaus
widmete. Oder Helmut Kohl: Er hat sich für
sein Geschichtsstudium mit anschließender Promotion heute undenkbare acht Jahre Zeit genommen. Und nicht zu vergessen:
In den sechziger und siebziger Jahren waren Hörsäle und Seminare Keimzellen für
politische Strömungen, die die Bundesrepublik der Nachkriegszeit umwälzten.
Nicht wenige Studenten von heute klinken sich aus dieser Kontinuität aus. Fragt
man Soziologen nach einem Psychogramm
dieser Generation, hört man Attribute, die
Karriere-Ratgebern entnommen sein könnten: pragmatisch, utilitaristisch, opportunistisch. Auch Klaus Hurrelmann, Leiter
der Shell-Jugendstudie, zählt solche Eigenschaften auf, wirbt aber zugleich um Verständnis für das Nutzen-Kalkül-Denken:
„Sie richten sich damit nur auf die Chancenstrukturen in unserer Gesellschaft ein.“
Mit anderen Worten: Die jungen Menschen
F o t o s : U t e G r a b o w s k y/ p h o t o t h e k . n e t, p r i vat ( u n t e n )
■■Philipp Wurm
Studenten der Universität Bonn tragen wieder jene Talare im amerikanischen Stil, unter denen die 68er den Muff von tausend Jahren vermuteten
Noch nie
zuvor haben
so viele BWL
studiert
wie heute
erhoffen sich einen sicheren Arbeitsplatz.
Der sei ihnen „sehr wichtig“, gaben 65 Prozent der Studenten an Universitäten im
aktuellen Studierendensurvey an – 1993 lag
dieser Wert noch bei 50 Prozent. Also belegen sie am liebsten Fächer, zu denen der
gönnerhafte Onkel rät, wenn er zur AbiFeier eingeladen den Neffen beiseite
nimmt: „Lern was Vernünftiges!“
Das Fach BWL ist der gemeinsame Nenner dieser Generation – eine Schicksalsgemeinschaft der Besitzstandswahrer und
Bildungsaufsteiger, Überflieger und Underdogs, Rastlosen und Ratlosen. Wer einen
BWL-Abschluss in der Tasche hat, darf sich
auf der sicheren Seite wähnen, denn so
massenkompatibel mit den Jobprofilen in
Großkonzernen, mittelständischen Betrieben oder im öffentlichen Dienst ist kein
anderer Studiengang. Im Wintersemester
2010/11 waren hier laut Statistischem Bundesamt 184.846 eingeschrieben, so viele
wie in keinem anderen Fach und knapp ein
Drittel mehr als noch vor 20 Jahren. Bei
Jura, Medizin und Germanistik dagegen
stagnieren die Zahlen
Neben BWL stehen aber auch noch andere
Fächer hoch im Kurs, die in den Berufsinfor-
Wochenthema 07
Mehr zu unseren aktuellen
und vergangenen Wochen­
themen finden Sie online auf
freitag.de/wochenthema
mationszentren feilgeboten werden wie
Tannenbäume in der Adventszeit: Maschinenbau und Verfahrenstechnik etwa wurden 2010 zusammengerechnet von 171.869
studiert, Informatik wies 133.750 Immatrikulierte auf. Nun sind dies alles grundsätzlich keine ehrlosen Studiengänge, problematisch jedoch ist, dass die Studenten an
Pioniertaten immer weniger Interesse zeigen. Nur noch 62 Prozent geben in Bargels
Survey an, es sei ihnen „sehr wichtig“, eigene Ideen zu verwirklichen. 1993 lag der Wert
noch bei 73 Prozent.
Zu dieser Mentalität, einer Mischung aus
Sicherheitsdenken und Willfährigkeit, passen auch die Beschwerden dieser Generation. Sie stöhnen, ächzen und brechen zusammen wie sonst nur Büroangestellte,
deren Nine-to-Five-Routine und Gehorsam
durch Gehaltsabrechnungen erkauft wurde
und bislang das Gegenmodell zum Campusleben war. Nun finden sich die Studenten im selben Hamsterrad wieder. Bei einer
Umfrage der TU Chemnitz unter Psychologen von Studentenwerken kam heraus,
dass 61 Prozent der Beratungsstellen vor
allem in den vergangenen fünf Jahren „einen deutlichen Anstieg von Burn-out im
engeren Sinne“ registriert haben. In die Gefühlswelten vieler deutscher Hochschüler
hat sich eine Verstörung eingeschlichen,
die das Studium zu einer Last macht.
Überall Rationalisierung
Natürlich hat die Einführung der Bachelor-/Master-Studiengänge etwas mit diesen
Stresssymptomen zu tun. Universitäten
haben sich vielerorts in Lernfabriken verwandelt, in denen Studenten Referate und
Hausarbeiten ausbrüten wie Legehennen,
getrieben von den Credit Points. Das Studium ist schneller, verschulter, leistungsorientierter geworden. Diese Rationalisierung
folgt der Marschroute, die die europäischen
Bildungsminister ausriefen, als sie den Bologna-Prozess einleiteten. In einer Deklaration formulierten sie als Ziel, „die arbeitsmarktrelevanten Qualifikationen der europäischen Bürger (…) zu fördern“. Aus Sorge,
die Volkswirtschaften könnten im global
verschärften Wettstreit um das beste Humankapital den Anschluss verlieren, wurde
Abschied genommen vom traditionellen
Studentenbild und seiner altehrwürdigen
Rahmung, dem Humboldt’schen Bildungsideal. Zweckmäßig sollte sie nun sein, die
Lehre an Hochschulen, organisiert in straffen Stundenplänen, ausgerichtet nach den
Bedürfnissen der Personalabteilungen in
den Unternehmen. Wenn junge Menschen
ihre Vita nun also nüchtern durchplanen
wie ein Consultant eine PR-Strategie, aufgepeppt mit Praktika und Auslandssemestern, machen sie nichts anderes, als dieser
ökonomischen Logik zu gehorchen. Kollektiv frönen sie der employability.
Die Bachelor-/Master-Reform erklärt
aber nicht allein, warum viele Studierende
sich so bereitwillig in ihre Rolle als Objekte
fremder Begehrlichkeiten fügen. Geprägt
haben sie auch die Gefühlsaggregate, die
sich in die brüchigen Wohlstandsidyllen
ihrer Elternhäuser einnisteten, als sie noch
mit erstem Liebeskummer und der neuen
Sido-Platte beschäftigt waren. In den frühen und mittleren Nullerjahren, in ihrer
Teenager-Phase, sickerten Gifte in bürgerliche Familien, die man zumindest in der
westdeutschen Nachkriegsgeschichte bis-
lang nicht gekannt hatte: Ohnmacht angesichts weltwirtschaftlicher Triebkräfte,
Angst vor dem sozialen Abstieg.
Da war die Pisa-Studie, die deutschen
Schülern das Wissensniveau Ungarns und
der Slowakei bescheinigte und an der Tauglichkeit des Nachwuchses zweifeln ließ. Die
Arbeitslosigkeit, die wie ein Menetekel über
den noch nicht abbezahlten Reihenhäusern
schwebte – und von der rot-grünen Regierung mit der Hartz-IV-Reform bekämpft
wurde, einer beispiellosen Aufkündigung
sozialstaatlicher Gewissheiten. Überhaupt
der ganze Sabine-Christiansen-Alarmismus
dieser Ära, der von der Mittelschicht mehr
Leistung, Härte, Egoismus forderte, damit
Deutschland in der Globalisierung den Anschluss nicht verpasse. Der Bologna-Prozess
spielte sich vor dem Firmament dieser Untergangsstimmung ab.
„Studenten sind Kinder ihrer Zeit“, sagt
der Hochschulforscher Tino Bargel, „und
die ökonomische Begleitmusik ihrer Sozialisation hat Irritationen ausgelöst.“ Die
größte Furcht wurde ihr jedoch eingeimpft,
als 2008 mit den Pleiten großer Banken die
Erosion des Finanzsystems begann.
Die Studenten
sind geprägt
von der
Abstiegsangst
ihrer Eltern
Doch die Verfehlungen einer Managerkaste, deren Verhaltenslehren noch Teil ihrer Erziehung waren, hat statt Protest nur
Passivität ausgelöst. Sie fühlen sich machtlos gegenüber den Urgewalten einer wankenden Welt. Umso wichtiger ist ihnen die
Kontrolle über die eigene Biografie. Vielleicht ist das auch der Grund, warum eine
Bewegung wie Occupy hierzulande nicht
mehr als ein pfadfindergroßes Zeltlager
war. Überhaupt sagen nur 37 Prozent der
Befragten im Studierendensurvey, allgemeines politisches Interesse zu hegen. 1983
waren es noch 54 Prozent.
Kaum arbeitslose Akademiker
Dabei ist die Angst, die ihre Hände im Spiel
hat bei der nervösen Bastelei an einer bombensicheren Zukunft, eine Schimäre. Ob
man sein Studium in neun oder zwölf Semestern geschafft hat, ist den meisten Arbeitgebern egal. Und die Gefahr, nach einem
Studium ins Prekariat abzustürzen, tendiert
gegen Null, selbst in geisteswissenschaftlichen Fächern. Die Akademikerarbeitslosigkeit beträgt in Deutschland gerade einmal
2,5 Prozent. Es gibt keine Anzeichen, dass
sich daran etwas ändern wird. Existenzängste müssen allein die gleichaltrigen, meist
männlichen Grenzgänger aus den Randgebieten der deutschen Komfortzone verspüren, diejenigen, die in Berlin-Marzahn, in
der Dortmunder Nordstadt oder in mecklenburgischen Dörfern um ihren Hauptschulabschluss kämpfen mussten. Doch
deren raue Lebenswirklichkeit zwischen
Niedriglohnjob und Arbeitslosengeld wird
vor lauter Selbstbespiegelung gerne vergessen. Kein Wunder, an den Unis bleiben die
Sprösslinge aus der Mittelschicht meist unter sich. Nur zwei Prozent der Studierenden
kommen aus Arbeiterhaushalten.
Es ist eine tragische Ironie, dass mittlerweile selbst Personalverantwortliche großer
Unternehmen, jene Gatekeeper, die Einlass
in die Führungsetagen gewähren, von jungen Bewerbern abgeschreckt sind. Ein ehemaliger Personalvorstand der Citibank forderte jüngst: „Die Fähigkeit zur Selbstreflexion muss an den Hochschulen zum Thema
gemacht werden.“ Dabei waren es gerade
solche Arbeitgeber, denen es die Studenten
recht machen wollten. Die Schelte ist auch
eine Kritik an der Bachelor-/Master-Umstellung, die den studentischen Profilverlust
begünstigt hat. Sie kommt ausgerechnet
von denen, die diesen Bruch forciert haben.
Vor allem ist sie ein Eingeständnis: Es geht
um den Unsinn einer akademischen Bildung, deren Primat der Arbeitsmarkt ist.
Und darum, dass diese Ökonomisierung
letztlich sogar der Wirtschaft schadet.
Aus dem Klammergriff können sich nur
die Studenten selbst befreien – indem sie
ihr Studium nicht zur bloßen Stufe auf der
Karriereleiter degradieren. Trotz des Tunnelblicks, zu dem die Bachelor-/MasterStudiengänge verleiten, lassen sich immer
noch genug Anreize für Anarchie finden.
Man kann zum Beispiel vom Vernunftzum Lieblingsfach wechseln. Oder ein Semester aussetzen, um zu kellnern. Oder
sich an Gleise ketten. Es könnte sein, dass
das mehr zur Persönlichkeit beiträgt als die
hastige Zufuhr von neuen Credit Points.
Philipp Wurm schrieb im Freitag zuletzt die
Titelgeschichte „Der lange Weg nach oben“
Der Freitag: Uns Studieren­
den wird oft vorgeworfen,
wir seien mehr an den
Bedingungen des Studiums
als an den Inhalten
interessiert. Ist das so?
Die Lehr- und Lernsituation
hat sich durch den BolognaProzess sehr stark verändert.
Mittlerweile existieren verschiedene Logiken gleichzeitig.
Viele studieren auf Bachelor
und wissen, dass es zugleich
Kommilitonen gibt, die in
den alten Studiengängen auf
Magister und Diplom studieren oder noch Studiengänge
belegen, die schon wieder
abgeschafft sind. Von daher
ist für diese Generation eine
Situation entstanden, in der
sie sich ständig auf neue
Bedingungen einstellen muss.
Das heutige Studium funktioniert archipelisch. Es gibt
verschiedene Studienorte,
die jeweils nach einer eigenen
Logik funktionieren. Das ist
insofern paradox, als der
Bologna-Prozess ja gerade eine
Logik schaffen wollte: Man
beginnt etwa ein Studium in
Dublin, setzt es in Paris fort
und endet in Palermo.
Aber das schafft auch Un­
sicherheit. Wir witzeln oft,
dass wir zur Not Taxi fahren.
Die Frage, was man mit seinem
Studiengang anfängt, ist in
den Geisteswissenschaften
nicht unbedingt eine neue.
Das haben sich Ihre Vorfahren
auch immer gefragt. Ich würde
sagen, etwa 70-80 Prozent unserer Studierenden haben eine
Arbeit gefunden, die für ihre
Ausbildung adäquat ist. Bei mir
im Bereich haben schätzungsweise über 90 Prozent der
Doktoranden und Doktorandinnen innerhalb von kurzer
Zeit Stellen gefunden. So
schlecht sieht es nicht aus.
Aber für die meisten, die
ich kenne, kommt nach
dem Bachelorabschluss fast
selbstverständlich der
Masterstudiengang. Viele
fühlen sich nach sechs
Semestern nicht ausreichend
gelehrt – anders als es
Bologna eigentlich vorsieht.
Bologna ist ein velozifärisches
System. Das heißt, es setzt
auf Schnelligkeit, und die Entscheidungsprozesse kommen
von außerhalb, aus den Ministerien. Die am Anfang sehr
starken Proteste gegen das
System wurden von der Politik
relativ schnell ausgeschaltet.
Universitäten und Fakultäten,
die sich zunächst dagegen
entschieden hatten, sind
mittlerweile längst überrollt
worden. Auch sie mussten das
System, mit einer gewissen
Verspätung, aber im Grunde
doch relativ schnell einführen.
Velozifärisch heißt, es hat
auch etwas Teuflisches. In den
neuen Studiengängen müssen
ständig neue Leistungen erbracht werden.
Dennoch wirft man uns vor,
wir seien stromlinienförmig.
Diese Befürchtung hatte ich
zunächst auch. Das sehe
ich mittlerweile überhaupt
nicht mehr, außer in Einzel­
fällen, aber die gab es immer.
Es gibt heute durch das Internet eine Vielzahl an digitalen
Informationsquellen, die
ausgeschöpft werden, und
zwar immer mit Blick auf
spätere Arbeitsmöglichkeiten.
Die Leute fangen sehr früh
an, quer zu denken. Ich
habe es jetzt zweimal erlebt,
dass Studierende sehr früh
Kontakt zu Fernseh­sendern
hergestellt und dort Arbeit
gefunden haben.
Ist unser Wissen oberfläch­
licher geworden?
Die alte Universität im Sinne
von Wilhelm von Humboldt
funktioniert so nicht mehr.
Ein klassisches Bildungsideal
des Studierens in die Breite
ist ganz bewusst ausgeschaltet
worden. Durch die Geschwindigkeit bleibt nicht mehr ausreichend Zeit zur Vertiefung
und Suche. Dieses Suchen
ist zugleich aber auch das
Forschen im weitesten Sinne.
Meine persönliche Haltung
dazu ist eine sehr negative,
weil das für mich in meinem
Studium der wichtigste Wert
war. Ich habe für mein Studium relativ lange gebraucht
und mir gleichzeitig verschiedene Gegenstände und Methodologien erarbeitet. Damit
war ich sehr glücklich. Ich sehe
den Bologna-Prozess als einen
Verlust. Trotzdem kann es damit auch einen anderen Wert
geben. Neue Fähigkeiten, wie
sich auf ständig verändernde
Verhältnisse einzustellen,
können entstehen. Etwa ein
hohes Maß an Flexibilität.
Damit geht aber auch eine
gewisse Überforderung ein­
her. Das zeigt auch die Situa­
tion in den psychologischen
Beratungsstellen. Der emoti­
onale Druck ist sehr hoch.
Studierende
von heute
sind nicht
besser oder
schlechter,
sie sind
signifikant
anders
Das kann man auch in den
Sprechstunden feststellen. Ich
würde sogar eine geschlechterspezifische Unterscheidung
machen. Es sind in aller Regel
die Studentinnen, die ein­
räumen, ich schaff das nicht,
und es geht alles nicht mehr.
Die Studenten mauern eher.
Ich kenne auch Geschichten
von Kommilitoninnen, die in
einer Sprechstunde weinend
zusammengebrochen
sind, obwohl es „nur“ um
eine Hausarbeit ging.
Das passiert bei mir häufig,
der Druck in den Fächern ist
gewaltig. Die Sprechstunde ist
dafür Ventil und Signal. Ich
bin da sehr vorsichtig, allerdings auch aus einer alten Zeit
heraus. Vor 20 Jahren habe ich
an einer Universität studiert,
an der sich zwei Studentinnen
nach dem Besuch einer
Sprechstunde bei einem Dozenten das Leben genommen
haben. Dieser Stress ist also
kein völlig neues Phänomen.
Anders ist aber heute diese intensive Thematisierung. Diese
Vier-Augen-Gespräche sind
oft keine wissenschaftlichen
Sprechstunden mehr. Es geht
zunehmend um allgemeine
Lebensfragen, etwa die nach
dem Lebensrhythmus und der
Zukunft nach dem Studium.
Ich nehme mir dann Zeit und
versuche, die Studierenden zu
beruhigen.
Was ist der größte Unter­
schied der Bachelor-/
Master-Studierenden zu
früheren Generationen?
Ich selber hatte nie das
Gefühl, dass die Studierenden
heute besser oder schlechter
sind, sondern signifikant
anders. Sie fragen sehr schnell
nach den Spielregeln. Es gibt
viele, die geradezu verwaltungstechnisch abfragen,
welche Leistung sie erbringen
müssen, oder welche Möglichkeiten zur Umrechnung der
Leistungspunkte es gibt. Das
ist aus dieser viellogischen
Struktur heraus zu erklären.
Schreibe ich etwa eine Masterarbeit in einem lehramtsbe­
zogenen Studiengang, ist die
Masterarbeit kürzer als in
einem nicht-lehramtsbezogenen. Es gelten für alle Varia­
tionen immer etwas andere
Spielregeln, die auch manchmal für mich nicht mehr
überblickbar sind.
Und das war früher anders?
Da waren die Studienbedingungen klarer. Gleichzeitig
waren die Möglichkeiten, den
Studierenden entgegenzukommen und Freiräume zu
lassen, wesentlich größer. Ich
habe mich lange Zeit dagegen
gewehrt, meine Vorlesungen
mit einer Klausur abzuschließen, bis ich dazu gezwungen
wurde. In meinem Studium
ging es nicht um die Frage, ob
man am Ende ein abprüfbares
Wissen zertifizieren lassen
muss, sondern darum, was ich
– pathetisch gesprochen – für
mein Leben mitnehme. Die
neuen Studiengänge funktionieren nach einer anderen
Logik. Es geht um abfragbares
und kanonisiertes Wissen,
nicht die Vermittlung einer
Grundhaltung. Insofern
ist die klassische Vorlesung
das absolute Gegenmodell
zu den Bachelor- und Masterstudiengängen.
Wie haben Sie dieses
Problem gelöst?
Ich versuche die Klausuren
radikal zu entschärfen. Es ist
nicht so, dass man als Dozentin oder Dozent keine Spielräume hätte. Meine Haltung
gegenüber dem Bologna-Prozess lässt sich zurückführen
auf die Maßgabe, welche die
spanischen Kolonien seit dem
16. Jahrhundert hatten. Da
gab es diesen Rechtsgrundsatz:
la ley se obedece pero no se
cumple. Ich gehorche dem
Gesetz, aber ich führe es nicht
aus. Das heißt bei der Vor­
lesung, dass ich zwar eine
Klausur schreiben lasse. Aber
ich verändere den Spirit dessen, was ich damit auslösen
möchte, nicht. Ich mache
nur eine äußere Korrektur,
die keine inhaltlichen
Konsequenzen hat.
Uns bleibt kaum Zeit, unser
Wissen zu vernetzen. Wir
treffen uns meist nur einmal
im Semester als Gruppe
zum Lernen, jeweils kurz
vor einer Klausur.
Da ist auch ein großer Unterschied zu früher. Die Sozialstruktur innerhalb der Kurse
ist prekär, weil sich die Leute
Ottmar Ette, geboren
1956, ist das, was man eine
Koryphäe nennt. Der
Professor für Romanische
Literaturwissenschaft und
Allgemeine und Vergleichende
Literaturwissenschaft an
der Universität Potsdam
hat u.a. den Forschungsverbund Lateinamerika BerlinBrandenburg mitgegründet.
oft nur ein einziges Mal pro
Woche sehen. Für Diskussionszirkel bleibt überhaupt keine
Zeit. Bei mir im Studium
kannte man sich eigentlich
ziemlich gut, auch an großen
Universitäten. Umgekehrt hat
die soziale Vernetzung über
digitale Netzwerke und andere
Kommunikationsformen zugenommen. Die Studierenden
bekommen heute mit, was auf
den anderen Inseln läuft.
Das bietet einem auch
Chancen.
Absolut. Es ist ein Lernprozess.
Die Ablehnung von Bologna
hat bei mir eher dem Versuch
Platz gemacht, die Lücken dieses Systems zu nutzen. Früher
wurden Studiengänge für sehr
lange Zeiträume eingerichtet.
Heute haben wir welche, die
mit einem Federstrich von­
seiten des Ministeriums oder
des Dekans beseitigt werden
können. Insofern hat sich bei
mir eine gewisse Gelassenheit
entwickelt. Ich achte vor
allem darauf, wo ich die mir
wichtigen Lehrinhalte implementieren kann. Und wo ich
die Möglichkeit habe, mit
dem System etwas gegen das
System zu machen. Eines ist
ganz sicher: Die Studierenden
verstehen das sofort.
Im Umkehrschluss schafft
das für Studierende
eine existenzielle Angst.
Was mache ich, wenn sich
mein Studiengang auflöst?
Ich sehe da nicht den Untergang des Abendlandes. Der
aus meiner Sicht gut gedachte,
aber schlecht implementierte
Bologna-Prozess bietet durch
sein Zerreißen eine ganze
Reihe von Zusatzchancen.
Insofern bin ich optimistisch.
Es ist eine hochgradig transitorische Situation. In der
Geschichte des Studiums gab
es wohl noch nie eine Übergangszeit, in der mit so hoher
Geschwindigkeit und so
kurzen Verfallszeiten studiert
wurde. Das hat neben allem
zusätzlichen Stress auch ganz
eindeutig Vorteile.
Wie meinen Sie das?
In unserer Situation gibt es
die Chance, etwas wie einen
Bildungsbegriff neuen Zuschnitts zu entwickeln. Er
wäre nicht nationalkulturell,
sondern als weltweiter,
archipelischer Bildungsbegriff
möglich. Meine Lehre zielt
darauf ab, ein Bewusstsein
dafür zu entwickeln, nach
unterschiedlichen Logiken zu
reagieren. Zu wissen, dass es
jenseits von Brandenburg,
Deutschland und Europa
Arbeitsmöglichkeiten und Betätigungsfelder gibt. Es gehört
zu den Privilegien der Fächer,
für die ich zuständig bin,
genau in diese Richtung eine
Neugier in Gang zu setzen.
Wie kann ich mir das
konkret vorstellen?
Wenn es in einer Vorlesung
um die Frage der Globalisierung geht, ist mein Zweck
neben der Vermittlung
bestimmter Inhalte, letztlich
die Studierenden dazu zu
bringen, ihre Position innerhalb dieser Entwicklung zu
überdenken. Was hat das, ganz
simpel gesagt, eigentlich mit
mir zu tun? Ich lege die Ver­
anstaltungen insgesamt so an,
dass sie versuchen, ein Handwerkszeug allgemeiner Art,
sozusagen ein Lebenswissen,
zu vermitteln, das auf der Basis
des alten Begriffs des Weltbewusstseins funktioniert.
Und das erfüllt mich sehr.
Das Gespräch führte
Juliane Löffler
08 Politik
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
In den Stollen staut sich die Wut
Südafrika Beim Streik der Bergarbeiter von Marikana wurden im August 64 Menschen getötet. Nun werden auch andere Minen von sozialen Aufständen erfasst
chen Besitz der Männer sichern. „Wir leben
und arbeiten hier wie Tiere“, stöhnt Mokwane. „Wenn man sich beschwert, sagen
sie dir: Du wohnst hier nicht allein, also
richte dich gefälligst ein.“
Das Essen, für das die Minengesellschaft
aufkommt, hat mit Essen nur entfernt etwas zu tun. „Morgens bekommst du eine
Tasse Tee und einen Viertellaib Brot, das
manchmal schon alt und so hart ist, dass es
keiner essen kann“, schildert Mokwane
skandalöse Verhältnisse. „Das Mittagessen
ist meist vom Vortag und der Reis so verkocht, dass er wie Brei schmeckt .“
■■David Smith
F o t o : A B A L L O T H E K I S O /af p/ g e t t y i m a g e s
U
nten im Stollen herrschen
Qual, Schinderei, Hitze und die
kalte Angst, niemals zurückzukommen. Am schlimmsten
aber – sagt der Driller Mbuzi
Mokwane – sei der Tag, an dem man seinen
Lohn erhalte. „Für mich ist das der elendeste
Moment von allen. Wenn ich meinen Lohnzettel bekomme, auf dem 4.000 Rand (380
Euro – die Red.) stehen, fange ich an, meine
Ausgaben zu berechnen und könnte verrückt werden. Man wird am helllichten Tag
ausgeraubt.“ Mokwane schuftet in der Blyvooruitzicht-Mine bei Carletonville in einem
Gebiet, das in der lokalen Sesotho-Sprache
Ort des Goldes heißt. Hier fahren die Bergleute Tag für Tag mit der Angst in den Stollen, es
könnte ihr letzter sein. Sie klagen über
schlechte Bezahlung, schlechtes Essen, menschenunwürdige Behausungen und die Ignoranz ihrer Bosse, die sie immer noch behandeln wie Tiere. Ihr schwelender Groll
kann sich jeden Augenblick entladen.
Südafrikas Minenarbeiter stehen im
Kampf um soziale und ökonomische Befreiung an vorderster Front. Wenn es sein
muss, stellen sie sich der Polizei mit Knüppeln in den Weg und lassen sich von Streiks
in den großen Platin-, Gold- und Kohlebergwerken des Landes nicht abhalten. Gerade erst musste das Unternehmen Anglo-
Unter Tage herrschen 40 bis 45 Grad in der Platinmine Phokeng. Sie liegt 120 Kilometer nordwestlich von Johannesburg
Gold Ashanti einräumen, die meisten seiner etwa 35.000 Arbeiter hätten bei einem
illegalen Ausstand die Arbeit niedergelegt.
Zugleich gehen Arbeitskämpfe bei Gold
Fields und Anglo American Platinum weiter, so dass in deren Rustenburg-Minen
derzeit weniger als ein Fünftel der Belegschaft einfährt. Viele hat der Streik in Marikana angespornt, bei dem im August 46
Menschen von der Polizei getötet wurden,
letztlich aber eine beachtliche Lohnerhöhung durchgesetzt werden konnte.
Anzeige
Das große »Blätter«-Paket
Nur für kurze Zeit: Das Aktionsangebot für Politikhungrige
Moeletsi Mbeki, Ökonom und Bruder des
früheren Präsidenten Thabo Mbeki, zufolge
hat „Marikana gezeigt, dass es 1994 mit
dem Ende der Apartheid offenbar nur darum ging, eine neue schwarze Elite in das
sozioökonomische System zu integrieren,
wie es die Weißen seit 1870 betreiben“.
Die Regierung scheint enttäuscht darüber, dass sich momentan nur neun, statt
der angestrebten 15 Prozent der Minen in
der Hand schwarzer Eigentümer befinden.
Es hat kaum den Anschein, als würden die
angestrebten 26 Prozent bis 2014 erreicht.
18 Jahre nach dem Abschied von der Apartheid ist jedoch die Geduld der Arbeiter am
Ende. Von Julius Malema, dem hitzköpfigen
Ex-Vorsitzenden der ANC-Jugend, hören
sie: „Sie haben euch das Gold gestohlen.
Jetzt seid ihr dran.“ Eine von extremer Ausbeutung geprägte Industrie am Kap, in der
großer Reichtum und eben solche Armut
aufeinanderprallen, durchlebt eine existenzielle Krise. In den tiefsten Stollen der
Welt kamen im Vorjahr 123 Menschen ums
Leben. Unter den Arbeitern ist die Tuberkulose sechsmal mehr verbreitet als in der
Gesamtbevölkerung Südafrikas.
Fallende Steine
Seit dem Crash von Lehman Brothers im September
2008 hat sich die Welt radikal verändert. Was als
Finanzkrise begann, hat sich längst zu einer
Staats- und Demokratiekrise ausgeweitet.
+
EXIT: Mit Links aus der Krise
Blätter für deutsche und internationale Politik (Hg.)
Blätter für
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Wie aber ist dieser Krise zu begegnen?
Wie sehen wirksame politische Alternativen
zum realexistierenden Kapitalismus aus?
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Frankfurter Rundschau
ISBN-13 978-3-9804925-6-0
ISBN-10 3-9804925-6-7
EXIT
edition Blätter
Das Buch zur Krise
288 Seiten mit 24 Beiträgen von:
Elmar Altvater, Colin Crouch,
Birgit Mahnkopf, Antonio Negri,
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Der 33-jährige Mokwane erzählt, was passiert, wenn sich im Schacht Blyvooruitzicht die Tür des Förderkorbes schließt.
„Für mich ist das Einfahren wie eine Folter. Ständig quält mich die Frage: Werde
ich je wieder lebend herauskommen oder
sterben? Herabfallende Steine können einen verletzten oder gar töten.“ Beim Bohren liegen die Männer in einer anderthalb
Meter hohen Spalte, können also nicht
aufrecht stehen, müssen knien oder kauern. Mokwane: „Die Schwierigkeit besteht
darin, beim Bohren die Maschine im
Gleichgewicht zu halten. Alles wackelt und
kostet Kraft. Und dann der Rauch – man
kann keine Atemmaske aufsetzen, denn
die wird leicht nass. Also atmest du den
Rauch ein. Nur wird es manchmal so heiß,
dass du gar nicht mehr atmen kannst.
Aber die Bosse verbieten, dass man sich
im Frischluftstollen erholt.“ Im November
sei ein Kollege so erschöpft gewesen, dass
er nicht auf fallende Steine achtete und
verschüttet wurde. Er habe überlebt, sitze
jetzt aber im Rollstuhl. Bis heute warte er
auf sein Schmerzensgeld.
Auch der Rassismus macht nicht an den
Toren der Minen halt: „Die weißen Bosse
respektieren uns nicht“, sagt Mokwane.
„Sie respektieren sich nur gegenseitig. Es
kümmert sie nicht, was unten im Schacht
passiert. Unsere schwarzen Bosse sind
nicht besser.“
Wie viele andere schickt Mokwane mehr
als die Hälfte seines Lohns an die verarmte
Familie, die weit weg im Dorf Mqanduli in
der Provinz Eastern Cape lebt. Seine Frau,
drei Kinder, die Mutter und drei Geschwister sind auf ihn angewiesen, um Nahrung,
Unterkunft und Schulgebühren bezahlen
zu können. Mokwane vermisst sie sehr,
kann aber nur Weihnachten und Ostern
nach Hause. Sein Zimmer in der Unterkunft für die Arbeiter riecht nach Schweiß.
Fliesen sind gesprungen, die Wände
schmutzig, in der Küche stehen leere Bierflaschen in einer Ecke, verwitterte, rot besprühte Schließfächer sollen den persönli-
Vergessenes Blut
Vor einer Woche ließen Mokwane und seine Kollegen die Gewerkschaft wissen, dass
auch sie 12.500 Rand (1.190 Euro – die Red.)
im Monat verdienen wollten wie ihre Kollegen in den Platinschächten von Marikana. „Wenn die Gewerkschaft das nicht herausholt, werden wir streiken. Ja, ich finde,
wir sollten streiken und erst dann anfangen zu verhandeln. Niemand sollte wieder
arbeiten gehen, solange unsere Forderungen nicht erfüllt sind.“
Der Frust über die dem ANC nahestehende Gewerkschaft National Union of Mineworkers (NUM) ist groß. Soto Maqundweni,
einer von Mokwanes Zimmergenossen,
meint: „Wir halten die meisten von denen
für Betrüger. Sie sind schuld, wenn wir keine höheren Löhne kriegen, weil sie gar
nicht daran denken, unsere Interessen zu
vertreten.“ Andere Bergleute – zumeist Arbeitsmigranten vom Ostkap oder aus dem
Nachbarland Lesotho – äußern sich ähnlich. Die von Arbeitslosigkeit und Armut
ins Arbeitsjoch der Gruben Getriebenen
sehen in den Ereignissen von Marikana –
dem letzten Endes doch erfolgreichen Arbeitskampf – einen Wendepunkt im Verhältnis zwischen Unternehmern und Arbeitern. Was etwas damit zu tun haben
dürfte, dass sie jedes Vertrauen in den
NUM, aber auch den ANC verloren haben.
Man atmet den
Rauch ein. Nur
wird es oft so
heiß, dass man
gar nicht mehr
atmen kann
Mit einer Liste der Beschwerden von Arbeitern konfrontiert, antwortete vor Tagen
eine Sprecherin von Village Main Reef, dem
die Blyvooruitzicht-Mine gehört: „Ich glaube, dass es viel Unmut der Angestellten
über die kollektiven Strukturen der Tarifpartner gibt. Das Management der Mine
wird sich darum kümmern. Aber Beschwerden, von denen wir offiziell keine Kenntnis
haben, können nicht durch die Medien auf
die Agenda gesetzt werden. Seitdem Village
Main Reef die Mine am 1. Juni 2012 übernahm, haben wir uns offen mit allen Anteilseignern wegen der Herausforderungen
auseinandergesetzt, von denen die Zukunft
des Unternehmens bedroht ist.“
In seinem Buch Der Weg nach Wigan Pier
schrieb der Schriftsteller George Orwell
1937: Obwohl die Arbeit von Bergleuten
überall auf der Welt so notwendig sei, bleibe sie der Wahrnehmung entrückt und in
der Gesellschaft unsichtbar – als würde das
Blut in unseren Adern vergessen.
Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Südafrika ist das Land mit der tiefsten sozialen Kluft im Bergbau weltweit. Die Mittelschicht will von den Arbeitsbedingungen
unter Tage nichts wissen, obwohl die ihre
Privilegien erst möglich machen. Charles
Abrahams, ein Anwalt, der über 3.000 ehemalige, heute lungenkranke Kumpel vertritt, ist überzeugt: „Wir haben es mit der
gleichen sozialen Ungleichheit zu tun wie
zu Zeiten der Apartheid. Die oben wollen
um Gottes willen nicht wissen, wie es unten aussieht.“
David Smith ist einer der
Afrika-Korrespondenten des Guardian
Übersetzung: Holger Hutt
Politik 09
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
Protestwelle Die Regierungen der Eurozone schleifen
den Sozialstaat, um die Finanzkrise einzudämmen.
Doch inzwischen wächst der Widerstand: Am
vergangenen Wochenende gingen in Paris, ­Madrid,
Lissabon, Athen und Berlin Hunderttausende
Menschen für mehr Gerechtigkeit auf die Straße
Holz sammeln
für den Winter
Griechenland Das jüngste Sparpaket der Regierung
sieht vor, den Renten-Etat nochmals zu verkleinern
D
er Däne Poul Thomsen, der
unter den Troika-Inspektoren
bei den Verhandlungen in
Athen den IWF vertritt, ließ
sich nicht beirren: Was der
griechische Finanzminister Jannis Stournaras an Sparvorschlägen präsentiert habe,
sei unzureichend. Her müssten Einschnitte
im Renten-Budget, mindestens 4,5 Milliarden Euro. Doch damit wäre für die Koalition aus Nea Dimokratia, Pasok und Dimar
(Demokratische Linke) eine Schmerzgrenze
erreicht, die zu überschreiten den Koalitionsfrieden und damit das Kabinett gefährden würde. Ob Thomsen das wolle, fragte
Minister Stournaras.
Vorgeschlagen wird nicht nur, die Altersbezüge zu kürzen. Zudem soll das Renteneintrittsalter von 65 auf 67 Jahre steigen.
Damit ließen sich weitere 1,1 Milliarden
Euro einsparen, sagt die Troika. Durchgesetzt hat sie bereits, dass beim 11,6 Milliarden Euro umfassenden neuesten Sparpaket
die Gehälter im öffentlichen Dienst weiter
schrumpfen. Aber noch ist nichts offiziell
bestätigt, erst im Oktober will die Regierung das Parlament entscheiden lassen.
Dann wird sich zeigen, wie belastbar die
Koalition ist. Abgeordnete von Pasok und
Dimar haben bereits wissen lassen, dass sie
gegen die Vorlage stimmen wollen.
Dass es dann wieder einen Generalstreik
gibt wie in der Vorwoche, als ganz Griechenland die Arbeit niederlegte, kann nicht
ausgeschlossen werden. Eine Konsequenz
der angeordneten sozialen Auszehrung ist
auf jeden Fall die wachsende Bereitschaft
zur Steuerhinterziehung. Wer kann, steckt
die Mehrwehrsteuer in die eigene Tasche:
Kioske, Restaurants, Fuhrunternehmen,
jede Art von Kleingeschäften. Und sollte
die Regierung tatsächlich eine Kopfsteuer
für Immobilienbesitzer einführen, werden
Mieten künftig unter dem Tisch bezahlt.
Zudem dürfte es noch mehr Schwarzarbeit
geben. So rutscht die Wirtschaft weiter ab.
Gegenwärtig ist der private Konsum so
schwach wie der politische Wille zum Wandel. Die Griechen sparen an allem und
plündern die Wälder, um Holzvorräte für
den Winter zu beschaffen, da sich Heizöl
um 40 Prozent verteuern soll. Mieten werden nur noch gelegentlich bezahlt. Gleiches gilt für Kredite, wodurch den Banken
Verluste von 57 Milliarden Euro entstanden
sein sollen, wie es heißt.
Misere der Sozialkassen
Schlimmer noch ist der offenbar nicht
mehr abwendbare Kollaps der Sozialkassen, den die Politiker in Kauf genommen
haben. Ohne die im Oktober erwartete
31-Milliarden-Euro-Tranche aus Brüssel, die
vom Testat der Troika abhängt, wird es in
Griechenland keine öffentliche Gesundheitsversorgung mehr geben. Schon jetzt
sind die Ambulanzen überlaufen, Behandlungen und Medikamente nur noch gegen
Barzahlung zu haben. Schuld an dieser Misere ist die ungleiche Behandlung von Banken und Sozialkassen.
Während man nach dem Schuldenschnitt
im März die Geldhäuser rekapitalisierte,
wurde nichts gegen die bei den Versicherungskassen aufgerissenen Finanzlöcher
getan. Diese Institute sahen sich bis dahin
per Gesetz gezwungen, ihr Vermögen in
Staatsanleihen anzulegen, und zählten zu
denen, die bei der Umschuldung viel Geld
verloren. Wie nicht anders zu erwarten, bezahlen die Bürger einen Teil dieses „Haircuts“ und müssen gleichzeitig für das Unvermögen und die Verweigerungsmentalität ihrer Beamten büßen: Heizöl war
bislang im Vergleich zu Diesel nur wenig
besteuert. Also kauften Großhändler riesige Mengen an Heizöl und verkauften sie als
Diesel weiter, mit dem Wissen ranghoher
Politiker. Weil ein simpler Kontrollmechanismus nicht zustande kam, wurde der
Steuersatz für Heizöl dem für Diesel kurzerhand angepasst.
f o t o : D A N I P O Z O /A F P/ G e t t y I m ag e s
■■Richard Fraunberger
Jeder gegen jeden
Dabei könnte Griechenland in Geld
schwimmen und der Staat seine Kassen in
kurzer Zeit mit gut 40 Milliarden Euro füllen, würden Gelder aus säumigen Steuern,
Schulden und Strafbescheiden eingetrieben. Doch kaum etwas geschieht. Immerhin sollen nun Freiberufler mit einem Einheitssteuersatz von 35 Prozent bedacht
werden. Eine gute Idee, die 20 Jahre zu spät
kommt und ohnehin an mangelnden Kontrollen scheitern dürfte. Laut einer Studie
der University of Chicago sind es Ärzte, Ingenieure, Rechtsanwälte und Architekten,
die das meiste Geld am Fiskus vorbei
schleusen – also genau jene Berufsgruppen,
die besonders häufig im Parlament vertreten sind. Der dadurch verursachte Schaden
wird auf mehr als 20 Milliarden Euro pro
Jahr beziffert. So bereichert sich eine Gesellschaftsschicht auf Kosten der anderen,
so kämpft jeder gegen jeden. Einig ist man
sich allenfalls bei der Suche nach Schuldigen: die deutsche Kanzlerin, die EU-Kommission, die eigenen Politiker. Was im Kaffeehaus völlig untergeht, ist der Umstand,
dass die Regierung unter dem Druck der
Troika der Bevölkerung unter anderem das
abpresst, was jeder vor dem Fiskus zu verstecken sucht.
Während die Regierungskoalition sich
streitet und händeringend alles nieder
kürzt, um Forderungen der Gläubiger zu
erfüllen, und die Finanzpolizei gerade gegen 36 namhafte Politiker ermittelt, fordert
die linke Oppositionspartei Syriza einen
parlamentarischen Ausschuss, der Reparationszahlungen für die während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg begangenen Gräuel und verursachten Schäden eintreiben soll. Deutschland müsse
seinen Verpflichtungen nachkommen, sagte Syriza-Chef Alexis Tsipras. Leider habe es
bisher keine Regierung geschafft, Griechenlands berechtigte Ansprüche erfolgreich
geltend zu machen. Ein erstaunlicher
Schachzug, ausgerechnet diesen seit Jahren
zwischen Athen und Berlin ausgetragenen
Streit zu beleben. Dass Syriza in den Umfragen an Zuspruch verliert, könnte eine
Erklärung dafür sein.
Im Aufwind weiß sich die neonazistische
Partei Chrysi Avgi (Goldene Morgendämmerung). Augenblicklich liegt sie im Parteien-Ranking an dritter Stelle und würde bei
Wahlen mehr Stimmen erhalten als die
einst mächtige Pasok. Erst kürzlich zertrümmerten Parteimitglieder in Athen die
Marktstände von Migranten. Sie hätten keine Lizenz, und da die Polizei nicht kontrolliere, schreite man eben selber zur Tat, hieß
es zur Begründung. Der soziale Frieden unter den sonst toleranten und gelassenen
Griechen schwindet erkennbar.
Richard Fraunberger schrieb zuletzt über die
Koalition aus Nea Dimokratia, Pasok und Dimar
Fahrzeug-Puffer der Polizei vor dem Parlament in Madrid
Wenn der Tiger erst einmal springt
Spanien Die Politik von Premier Mariano Rajoy führt nicht nur zu immer
größeren Protesten, sie fördert auch den Separatismus in den Regionen
■■Giles Tremnet
T
rümmer, die von den gewaltsamen
Zusammenstößen mit der Polizei
vor dem Parlamentsgebäude in Madrid zurückbleiben, bezeugen, wie sich sozialer Widerstand radikalisieren kann. Vor
einem Jahr noch hatten friedlich demonstrierende Indignados den Occupy-Aktivisten an der Wall Street Pate gestanden. Bei
den jüngsten Protesten nun verweigerten
Indignado-Gruppen eine Teilnahme, weil
sich die Wut in Gewalt zu entladen drohte.
Genau so kam es.
Was zeigt diese Konfrontation? Zunächst
einmal, dass die Regierung unter Premier
Mariano Rajoy ungehaltener auf den Widerspruch der Straße reagiert als je zuvor
in ihrer bisherigen Amtszeit. Regierungsbeamte werden nicht müde zu verkünden,
bei den Demonstranten dieser Tage handele es sich um Krawallmacher, linke wie
rechte. Vielleicht glaubte die Bereitschaftspolizei deshalb auch, sie dürfe ohne Identifikationsmarken aufmarschieren. Viele
Spanier sehen in dieser Anonymisierung
ein Indiz dafür, dass sich Sicherheitskräfte
über dem Gesetz wähnen.
Der eigene Staat
Was sie in diesem Eindruck bestärkt, ist
ein Tweet von José Manuel Sánchez von
der Vereinigten Polizeigewerkschaft SUP.
„Wir unterstützen Sie darin, keine Marken
zu tragen“, schrieb er seinen Kollegen.
„Gebt es ihnen!“ Jüngste Fernsehbilder
von Gummiknüppeln und -geschossen gegen Demonstranten legen nahe: Genau
das ist geschehen. Die Polizei rechtfertigt
sich mit Protokollen, in denen steht, dass
am Wochenende nach dem Marsch aufs
Parlament 260 Kilogramm Steine zusammengetragen worden seien, die auf Polizisten geworfen wurden.
„Der Regierung entgleitet die Kontrolle
über das Land“, meint der sozialistische
Oppositionsführer Alfredo Pérez Rubalcaba. „Es ist ein Fehler, angesichts sich häufender Demonstrationen nur über öffent-
liche Ordnung zu reden, die gewahrt sein
muss.“ Das kann als Ermahnung verstanden werden, sich stattdessen vielmehr
dem Phänomen der Sezession zu widmen.
Knapp vier Jahrzehnte nach dem Tod Francos im November 1975 zeigen sich im seinerzeit durch die Zentralregierung geschlossenen Abkommen mit den Regionen immer bedrohlichere Risse. Artur
Mas, Chef der katalanischen Regionalregierung, fordert vorgezogene Wahlen für
den 25. November, während sich in Barcelona Politiker aller Lager immer wieder
gewaltigen Manifestationen für die Unabhängigkeit anschließen.
Mas will den eigenen katalanischen Staat,
und Wahlen würden sich als Plebiszit über
diesen Ausfallschritt anbieten. Noch hüllt
sich seine nationalistische Koalition Convergència Democràtica de Catanlunya
(CDC) allerdings in Euphemismen und
nimmt das Wort „Unabhängigkeit“ nicht in
den Mund. Einmal aus dem Käfig gelassen,
dürfte sich der Tiger schwer wieder einfangen lassen. Umfragen zeigen, dass sich inzwischen mehr als 50 Prozent der Katalanen von Madrid trennen möchten.
Wie ernst diese Tendenz genommen
wird, zeigt die Rückkehr des Königs aufs
politische Parkett. Juan Carlos, der weithin
als wichtigster Vermittler der spanischen
Demokratie gilt, warnte die Separatisten
davor, Schimären nachzujagen. Wütende
Stimmen von ganz rechts drohen unverhohlen: Man habe doch eine Verfassung,
nach der die Armee berufen sei, die Inte­
grität des Landes zu schützen. 1934 habe
die republikanische Regierung sogar den
Kriegszustand erklärt, als die Katalanen
Wie ernst die
Lage ist, zeigt
die Intervention
von König
Juan Carlos
schon einmal nach der Souveränität griffen. Premier Rajoy sorgt sich dennoch mehr
um die rezessionsgeplagte Wirtschaft, die
eine Arbeitslosenquote von 25 Prozent produziert, als um den Separatismus. Bis 2014
werde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) noch
einmal um drei Prozent schrumpfen, sagen
Analysten. 2011 lag das Haushaltsdefizit bei
neun Prozent. Nun soll es kategorisch reduziert werden, da sonst die Kreditaufnahme
stetig wächst. Nur wie ein Defizit verringern, wenn dank Rezession die Einnahmen
des Staates weiter abnehmen?
Die Regierung hat einen Sparhaushalt
und ein Reformpaket für 2013 vorgestellt,
die für einen wahrscheinlichen Beistand
(Bail-out) durch die anderen Euroländer
vorbereiten sollen. Der jüngste Stresstest
offenbarte, dass für eine Rekapitalisierung
der durch die Immobilienblase geschwächten Banken etwa 60 Milliarden Euro gebraucht werden. Der Europäische Rat hatte
Ende Juni beschlossen, dass aus dem Hilfsfonds EFSF 100 Milliarden an die fallsüchtigen Finanzhäuser gehen. Nur fließt dieses
Kapital zunächst in den staatlichen Bankenrettungsfonds Frob und treibt die
Staatsschulden nach oben. Ende September
sprang so der Zinssatz, den Investoren für
Kredite verlangen, erneut auf über sechs
Prozent. Rajoy wird keine andere Wahl bleiben, als mit Haut und Haaren unter dem
Rettungsschirm Zuflucht zu suchen.
Die EU könnte das in einen Zwiespalt
bringen, denn auch die katalanischen Nationalisten hoffen auf Zuspruch aus Brüssel
bei ihrem Umgang mit dem spanischen
Zentralstaat. Was sie sich vorstellen, reicht
von völliger Unabhängigkeit und eigener
EU-Mitgliedschaft hin zu einer neuen föderalen Übereinkunft mit Madrid. Das heißt,
viele Katalanen betrachten Europa als ihre
Rettung. Die EU-Spitzen sollten sich das
vielleicht vor Augen führen, wenn sie über
die Härte der Konditionen für einen der
Staaten entscheiden, dessen Bürger mit
größter Inbrunst auf Europa hoffen.
Giles Tremnet ist Guardian-Kolumnist
Übersetzung: Zilla Hofman
10 Politik
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
Für tot Erklärte
leben länger
Venezuela Nachdem auf den schwerkranken Hugo Chávez schon
die ersten Nachrufe geschrieben wurden, kehrt er vor den
Präsidentschaftswahlen nun auf die politische Bühne zurück
N
och zwei Monate hätte er zu
leben, meldeten Teile der venezolanischen Presse im Mai.
Also dürfte es Hugo Chávez
inzwischen nicht mehr geben. Wie dramatisch sein Zustand tatsächlich war, zeigte sich Anfang April, als er in
einer Kirche seiner Geburtsprovinz Barinas
kniete und weinte. „Jesus, gib mir deine
Krone, gib mir dein Kreuz, gib mir deine
Dornen, damit ich bluten kann – aber gib
mir auch Leben. Ich möchte noch mehr für
dieses Land und dieses Volk tun. Nimm
mich noch nicht zu dir.“
Damals glaubten viele, Chávez werde die
Präsidentenwahl am 7. Oktober nicht mehr
erleben. Es ist wenig über seine Krankheit
bekannt; sie wird wie ein Staatsgeheimnis
gehütet. Im Vorjahr soll der Comandante
auf Kuba dreimal operiert worden sein. In
dieser Zeit wurde das Land hauptsächlich
per Twitter regiert, lästert die Opposition,
die öffentlich fragt, ob die lange Absenz des
Staatschefs verfassungskonform sei. Mitte
Juli jedoch ließ sich Hugo Chávez als Kandidat für das Präsidentenvotum registrieren
und teilte bei dieser Gelegenheit mit: „Ich
bin absolut gesund und habe sogar angefangen, wieder eine Runde zu gehen!“
Der 58-Jährige gibt nicht mehr den streitbaren Caudillo, der „den Yankees einen
Knock-out verpassen“ will, sondern den
versöhnlich milden, teils romantischen
Survivor. „Chávez, corazón de mi patria“
wird als das Chanson seiner Wahlkampagne intoniert. „Chávez, Herz meines Vaterlandes“, heißt es da und weiter: „Chávez ya
no soy yo, Chávez es el pueblo“ (Chávez, das
bin ich schon längst nicht mehr allein, Chávez ist das Volk).
Ein einziges Jahr
Verantwortlich für diese Metamorphose
zeichnet Joao Santana, ein brasilianischer
Marketingstratege, der zuvor schon in seinem Land die Kampagne für die Lula-Nachfolgerin Dilma Roussef managte. Santana
versucht, die hartgesottene Chávez-Rhetorik weichzuspülen, wo es nur geht. Slogans
wie „Yankees, fahrt zur Hölle!“ mögen zwar
gut bei seinem Anhang ankommen, doch
hat Chávez als Scharfmacher kaum Chancen, Stimmen bei den noch Unentschiedenen einzusammeln. Aber jede Konzilianz
hat Grenzen: „Zu den Reichen im Land sage
ich“ – so der Wahlkämpfer zuletzt gewohnt
forsch –, „Sie tun gut daran, mich zu wählen, denken Sie darüber nach! Sind Sie an
einem Bürgerkrieg interessiert? Ich glaube,
keiner von Ihnen ist das!“
Wer verstehen will, weshalb 14 Jahre nach
der ersten Präsidentschaft noch immer so
viele Venezolaner hinter Chávez stehen,
der sollte zum Gang durch Caracas aufbrechen und mit den Menschen reden. Mit
Maria Toro etwa, der Eigentümerin eines
Souvenirladens. „Wissen Sie, wann man
eine Revolution erlebt?“, fragt sie. „Dies geschieht, wenn Wunder täglich Wirklichkeit
werden. Die Bolivarische Revolution hat
nur ein einziges Jahr gebraucht, um den
Analphabetismus im Lande zu besiegen. Ist
das keine Effizienz?“ Es sind Zweifel bei allzu viel Selbstlob angebracht, denn nach
dem Statistischen Institut INE waren Ende
2011 etwa 95 Prozent der Venezolaner alphabetisiert, was trotzdem beeindruckt.
Der 58-Jährige
gibt nicht mehr
den Caudillo, der
den Yankees
­einen Knock-out
verpassen will
In Toros Laden stehen zwischen Hängematten und Puppen aus Afrika Kaffeebecher mit dem Bildnis der Präsidenten, der
alte Omis knutscht. „Unter dem Comandante sind wir nationalistischer geworden.
Deswegen werden immer mehr venezolanische Produkte gekauft. Natürlich stört
das manchen, der es mit der Opposition
hält. Sie kommen rein, drehen die Becher
um, als ob eine Kakerlake zu sehen wäre,
und rennen kreischend weg“, erzählt Toro.
Auch Elsy Torrealba glaubt fest an die
Revolution und Chávez’ „Sozialismus des
21. Jahrhunderts“. Man findet sie an der Esquina Caliente (heißen Ecke) am Plaza
Bolívar im Zentrum von Caracas. „Ich bin
eine Revolutionärin“, sagt die 55-Jährige.
Torrealbas Esquina besteht aus sechs Reihen mit Plastikstühlen, von denen aus Senioren das in einem Partyzelt dargebotene Fernsehprogramm verfolgen können,
das allerlei Gutes über die Revolution verkündet. Torrealba hat klare Vorstellungen,
wie ein Revolutionär sein soll. „Das ist jemand wie Ché Guevara, der alles für die
Gemeinschaft gibt, ohne davon selbst Vorteile zu haben. Ich selbst hatte bisher nicht
viel von der Revolution, aber es geht Venezuela deutlich besser. Und allein das
zählt!“
Ob sie das genauer beschreiben könne.
„Señor, das führt zu weit. Aber gut, denken Sie nur an die Misión Sucre, die Misión
Barrio Adentro, die Misión Vivienda, die
Misión Robinson, die Misión En Amor Mayor ...!“ Torrealba vergisst kein Sozialprogramm der Regierung. In der Tat hat Hugo
A n z ei ge
PapyRossa Verlag |
Luxemburger Str. 202 | 50937 Köln
Charlotte Wiedemann
Werner Ruf
Vom Versuch,
nicht weiß zu
schreiben
Der Islam –
Schrecken
des Abendlands
Oder: Wie
Journalismus
unser Weltbild prägt
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diesem Werkstatt-Bericht, wie Journalismus unser
Weltbild prägt. Dem Eurozentrismus des Mainstreams setzt sie einen Journalismus entgegen,
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F o t o : J U A N B A R R E TO /A F P/ G e t t y I m age s
■■Jeroen Kuiper
Hugo Chávez – der ewige Präsident
Rotes Barett
Seine erste Wahl gewinnt
Hugo Chávez Ende 1998
mit 56 Prozent der
Stimmen. Sein Erkennungszeichen ist das rote
Barett der Fallschirmjäger.
Im Amt proklamiert er
Venezuelas Bolivarische
Revolution.
Staatsstreich scheitert
Im April 2002 putscht ein
Teil der Streitkräfte und
stellt Chávez für 48
Stunden unter Arrest.
Massenproteste in Caracas
sowie das Verhalten loyaler
Einheiten erzwingen seine
Freiheit und die Rückkehr
ins Amt.
Chávez Milliarden in die Bildung seiner
Landsleute, eine kostenlose Gesundheitsfürsorge, in Wohnungen für Arme und
Pensionen für Alte gesteckt. Die Popularität des Präsidenten stieg oder fiel mit den
Ausgaben für die Misiónes. Hugo Pérez,
Professor für Sozialwissenschaft an der
Universität Caracas, relativiert, sicher sei
die Armut im Land gewichen. Aber das gelte nur bis 2007. Seitdem gebe es wieder einen entgegengesetzten Trend.
Beim Votum am 7. Oktober ist Henrique
Capriles der aussichtsreichste Bewerber der
Opposition. Der Sohn einer jüdischen Polin
und eines Vater mit Wurzeln auf Curacao
kommt aus einem wohlhabenden Milieu.
Der 40-Jährige setzt sich vom „alten, angeschlagenen Caudillo“ (wie er Chávez bezeichnet) schon dadurch ab, dass er seine
Wahlmeetings regelmäßig nach kilometerlangen Fußmärschen erreicht, was Chávez
zu parieren sucht, indem er seinen Gegner
nie beim Namen, sondern stets nur Majunche – Verlierer – nennt. Capriles verkörpere
die Oligarchie, der nichts weiter vorschwebe, als die seit 1999 verfolgte Sozialpolitik
zu beenden. Tatsächlich hat der Bewerber
mehrfach angedeutet, bei einigen Misiónes
bleiben zu wollen.
Anfangs führte Chávez in allen Umfragen, doch Capriles hat aufgeholt. Hugo Pérez meint: „Wer auch immer gewinnt, muss
sich einer Inflation von mehr als zehn Prozent wie einer völlig außer Kontrolle geratenen Kriminalität erwehren. Zudem ist
Venezuela hoch verschuldet. Genau genommen wäre es für Chávez gar nicht so
schlecht, jetzt dem unerfahrenen Capriles
den Vortritt zu lassen, um in fünf Jahren als
Retter in Not zurückzukehren.“
Was passiert, sollte sich die Gesundheit
von Chávez erneut verschlechtern? Pérez:
„Die Nachfolge ist nicht geregelt, aber es
Noch ein Triumph
60 Prozent der Wähler
verhindern im August
2004 per Plebiszit ein
gegen Chávez gerichtetes
Amtsenthebungsverfahren
der Opposition. Der
Präsident feiert den Sieg
als „sauber und transparent“.
Schlag ins Kontor
Mit der dritten Präsidentschaft, die Chávez 2006
mit 63 Prozent klar
gewinnt, ereilt den
Comandante eine schwere
Niederlage: Er verliert
Ende 2007 das Referendum
über eine neue Magna
Charta des Landes.
gibt Kandidaten wie Außenminister Nicolás Maduro, Parlamentspräsident Diosdado
Cabello oder jemanden aus der Chávez-Familie. Sie alle haben zwar nicht dieses Charisma, aber der Chávismo wird nicht von
heute auf morgen verschwinden. Chávez
hat Hunderttausende politisiert – von moderaten Sozialdemokraten über Kommunisten bis zu Milizionären in den Volksvierteln von Caracas, die ihre Revolution verteidigen wollen.“
„Reich sein ist schlecht, reich sein ist inhuman!“, intonierte Chávez 2009. „Es ist
wichtiger, nützlich zu sein!“ Um zu unterstreichen, was gemeint war, aß er einen
Keks, der aus dem Mund eines neben ihm
stehenden Knirpses kam. „Schauen Sie sich
dieses Kind an, merken Sie sich seine Generosität! Später kommt die kapitalistische
Gesellschaft, die uns mit Egoismus betankt.
Aber dieses Kind teilt mit mir, was es in seinem Mund hat. Gott segne es!“
Gott segne dieses Kind!
Laut Vladimir Villegas, einst Vizeaußenminister, sei es eine Illusion zu glauben, dass
aus Venezuela ein sozialistisches Land werde. „Chávez ist ein Mann der Armee, demokratische Institutionen findet er hinderlich.
Er ist letztendlich nur an einem interessiert
– und das ist die Macht. Er träumt von einem Superstaat, der ihm völlig zu Diensten
ist. Ich weiß nicht, ob er einen Masterplan
hat, wo genau er mit seinem Land hin will.
Natürlich redet er viel über Simon Bolívar,
aber irgendwann zeigte er sich auch am
Dritten Weg von Tony Blair interessiert.
Wie kann das Sozialismus sein? Seine Politik erinnert an tropischen Obstsalat. Von
allem etwas.“
Seit Villegas 2007 mit Chávez brach,
schmäht er ihn als zwielichtigen Populis-
Notfalls 200 Jahre
Die Bolivarische Revo­
lution werde noch 200
Jahre dauern, verkündet
Chávez im Februar 2009
nach dem Sieg bei einem
weiteren Verfassungs­
referendum, das ihm eine
unbegrenzte Amtszeit
sichert.
LH
ten, der seinem Land mehr schade als nütze. „Die Gewaltenteilung funktioniert
nicht mehr. Wir haben mittlerweile Militärrichter. Weder ist die Autonomie der
Universitäten garantiert noch das Privateigentum geschützt.“ Kaum anders äußert
sich Douglas Bravo, Venezuelas berühmtester Ex-Guerillero, der in den siebziger
Jahren in den Bergen gegen die Armee
kämpfte. 1992 holte er zusammen mit
Chávez und anderen Militärs zu einem
Coup d’Etat aus, der scheiterte. Seinerzeit
habe Chávez, erinnert sich Bravo, noch
nicht an den Sozialismus geglaubt. „Sein
größtes Verdienst besteht darin, dass unter seiner Präsidentschaft, Venezuelas politische Linke erstmals darüber nachdenken musste, was sie genau will. Ansonsten
aber hat Chávez einfach die alte Bourgeoisie durch eine andere ersetzt. Für mich
gibt es nichts Sozialistisches an seiner Politik. In Venezuela dreht sich noch immer
alles um die Öl-Einnahmen. Wir haben
eine Economía de Puerto (Hafenwirtschaft
J.K.). Wir produzieren nichts, die Landwirtschaft ist tot, wir importieren nur. Trotz
seiner linken Rhetorik bleibt Chávez Garant für das Öl des kapitalistischen Westens. Daher herrscht bei uns noch immer
Staatskapitalismus.“
Hugo Chávez selber sieht das natürlich
anders. „Ein Wahlsieg ist kein Luxus – das
ist eine Notwendigkeit!“, schärft er bei allen
Kundgebungen seinen Anhängern ein.
„Eine Niederlage für die Bolivarische Revolution wäre nicht nur eine Niederlage für
Venezuela. Es wäre eine Niederlage für die
ganze Welt!“
Jeroen Kuiper hat jüngst im Freitag
über das Los der Bergarbeiter in den Stein­
kohlengruben Kolumbiens geschrieben
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
Positionen 11
Meinungen und Essays finden
Sie unter freitag.de/positionen.
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Geheimnisvolle Nabelschnur
Community
Debatte
Urheberrecht Der Begriff „geistiges Eigentum“ ist ein Geschöpf der Romantik. Wir aber stehen vor einer neuen Revolution
Alzheimer vorbeugen:
die Suche nach
dem richtigen Weg
■■Wolfgang Michal
F
Sonderstellung des Autors
Vor der bürgerlichen Revolution war das Urheberrecht nämlich ein rein vermögensrechtlich ausgerichtetes Verlagsrecht. Es schützte
den Verleger vor dem illegalen Nachdruck
„seiner“ (dem Autor abgekauften) Manuskripte. Bei der Durchsetzung dieses Schutzrechts
half ihm in der Regel ein vom Feudalherrn
verliehenes Privileg. Wenn heutige NetzSchlaumeier behaupten, unser gegenwärtiges
Urheberrecht sei nichts anderes als ein Privilegienrecht der Verwerter, so blenden sie den
für die Urheber wichtigsten Zeitabschnitt –
die Romantik – einfach aus. Sie unterschlagen
die emanzipatorische Weiterentwicklung des
Verlagsrechts zum Autorrecht.
Die Erfindung des bürgerlichen Persönlichkeitsrechts war auch der philosophisch-juristische Hebel, um den Autor als neuen „Player“
in das bis dahin auf Verleger beschränkte Interessenspiel einzuführen. Jetzt stritten nicht
mehr nur die Verleger untereinander um die
Druckberechtigung, es stritten zwei verschiedene Parteien um dasselbe „geistige Eigentum“. Der Schutz der persönlichen Interessen
der Urheber am Werk mischte sich nun a) mit
den wirtschaftlichen Interessen der Urheber
und b) mit den wirtschaftlichen Interessen
der Verwerter. Diese Verquickung stürzte die
Juristen in begriffliche Konfusion. Denn das
geistige Eigentum war nun einerseits im Sinne von a) und b) vollständig veräußerbar und
deshalb zwischen den beteiligten Interessengruppen als Wirtschaftsgut frei verhandelbar,
Gegen diese Form von Demenz ist
bis jetzt kein Kraut gewachsen. Jedoch ist der Verzehr von Obst und
Gemüse laut Community-Mitgliedern in jedem Fall empfehlenswert.
Beim Fett ist es wie mit den anderen
Lebensmitteln: je weniger verarbeitet, desto besser. Angeblich cholesterinsenkende Margarine ist ein
Kunstprodukt und bestimmt nicht
gesund. Sie enthält pflanzliche
Sterine. Industriell gehärtete Fette,
Transfette, müssen verboten
werden. Sie verursachen Diabetes,
Alzheimer, Herzkrankheiten und
sind für Ungeborene schädlich. In
Dänemark wurde ein Grenzwert für
Transfettsäuren festgelegt. In den
USA und Kanada muss auf Lebensmittelpackungen der Gehalt an trans
fats angegeben werden. Schachnerin
I l l u s t r at i o n : O t t o F ü r d e r F r e i ta g
ür Leute, die Ordnung und Systematik schätzen, ist das deutsche Urheberrecht die ultimative Herausforderung. Seit 100 Jahren versuchen
sich kluge Köpfe an einer Neuordnung – es gelingt ihnen aber nicht, denn unsere Rechtsphilosophen und Begriffsjuristen
sind dermaßen verliebt in ihre Haarspaltereien und pathetischen Irrationalismen, dass die
Formulierung eines klaren positiven Rechts
durch Rechthaberei nur weiter verzögert wird.
Dazu gehört auch der religionskriegähnliche
Streit um Inhalt und Begriff des „geistigen Eigentums“.
Das moderne deutsche Urheberrecht – entwickelt unter dem Eindruck der französischen
Revolution (und in Preußen 1837 erstmals kodifiziert) – ist bis heute eine romantische Verquickung von Persönlichkeits- und Vermögensrechten, die so unauflösbar miteinander
verquirlt sind, dass nur Explosivstoffe beide
wieder voneinander trennen können.
Das geistige Werk, das ein Urheber aus seinem Innersten heraushebt – wie die Romantiker glauben –, existiert zwar nach der Schöpfung als ein selbstständiges Wirtschaftsgut
außerhalb seines Schöpfers, bleibt aber auf
geheimnisvolle Weise mit diesem verbunden!
Für Verwerter und Nutzer ist diese fast schon
mystische Rückbindung bis heute ein steter
Quell des Ärgernisses. Doch für den Urheber
war die „Erfindung“ des „Autorrechts“ ein
enormer Fortschritt. Das Autorrecht ist mit
der Arbeits- und Eigentumstheorie John Lockes verbunden und wurde von Naturrechtsphilosophen, Aufklärern und Idealisten (Kant,
Fichte, Hegel) definiert und erstritten.
Geistiges Eigentum war demnach eine Folge
der bürgerlichen Persönlichkeit und der Freiheit des Individuums (Hegel!). Nur in einem
freien Bürger konnte etwas so Fundamentales
wie das (An-)Recht auf Sachen entstehen –
und zwar auf körperliche wie auf unkörperliche. An diese idealistische Tradition knüpfen
Schriftsteller, Tatort-Autoren oder Chefredakteure an, wenn sie pathetische Manifeste und
wortmächtige Wutreden für den Schutz des
geistigen Eigentums unterzeichnen. Sie verkennen dabei, dass wir uns nicht mehr in der
Romantik, sondern am Anfang der nächsten
Revolution befinden.
Das Urheber-Persönlichkeitsrecht ersetzte
in der Zeit der Romantik allmählich den Begriff des geistigen Eigentums, das bis zu dieser
Wende als reines Immaterialgüterrecht verstanden wurde. In vor-romantischer Zeit verkaufte ein Schöpfer sein Werk komplett an einen Verleger. Die idealistische Vorstellung einer unauflösbaren Einheit von Schöpfer und
Werk existierte noch nicht. Also betrachtete
sich der Verleger nach dem Kauf des Manuskripts auch als hundertprozentiger Eigentümer des in den Druckbuchstaben enthaltenen
geistigen Werks. Das Manuskript wechselte –
wie die Fachjuristen sagen würden – „als restlos übertragbares Wirtschaftsgut“ für einen
Batzen Geld den Eigentümer.
Wenn NetzSchlaumeier
­sagen, unser
­Urheber­recht sei ein
Privilegienrecht
der ­Verwerter,
­blenden sie
den wichtigsten
­Zeitabschnitt
aus
andererseits war es untrennbar mit der Gruppe der Urheber verwachsen. Diese Sonderstellung der Autoren im modernen Urheberrecht
verteidigen die Urheber seither mit Zähnen
und Klauen.
Im Laufe der Jahre wurde die juristische Argumentation so parteiisch, dass der „materielle Gehalt“ des geistigen Eigentums aus dem
Blick geriet. Diesen könnte man in dem sperrigen Satz zusammenfassen: „Geistiges Eigentum ist die Idee einer allein kraft Schöpfungsaktes in der Person des Erzeugers entstehenden ausschließlichen und übertragbaren
Berechtigung am geschaffenen Geisteswerk.“ Der ursprüngliche Begriff des geistigen Eigentums meinte also nicht das Eigentum im
landläufigen Sinn (wie das Sacheigentum) – er
zielte vielmehr auf die Idee einer exklusiven
und übertragbaren Berechtigung.
Das heißt: Schöpfer und Werk werden sofort
nach der Geburt getrennt. Der Schöpfer hat
lediglich die exklusive Berechtigung, das Werk
zu verwerten. Er kann diese Berechtigung an
Dritte übertragen. Damit steht das vom
Schöpfer abgenabelte geistige Eigentum als
handelbares Gut im Zentrum der juristischen
Überlegungen – und nicht der Besitzanspruch
des Schöpfers. Zweck einer Schöpfung ist ja
die Veröffentlichung, nicht ihr Privatbesitz.
Der materielle Gehalt des geistigen Eigentums entspricht damit dem Begriff des Immaterialgüterrechts, wie ihn der deutsche Jurist
Josef Kohler 1907 geprägt hat, um den ideologisch überfrachteten Begriff des Privateigentums zu vermeiden und das begriffliche Kuddelmuddel juristisch aufzulösen.
Kohler, davon ist der Schweizer Wirtschaftsjurist Cyrill P. Rigamonti überzeugt, hat die
ideologische Verkürzung des geistigen Eigentums auf Privateigentum rückgängig gemacht
und den rechtsdogmatischen Gehalt des geistigen Eigentums in seiner ursprünglichen Bedeutung „restauriert“. Diese ursprüngliche
Bedeutung meint eben nicht Eigentum, sondern „ein Recht an einem außerhalb des Menschen stehenden, aber nicht körperlichen,
nicht fass- und greifbaren Rechtsgut“.
Würde man Kohlers Sichtweise akzeptieren,
könnte man die verschiedenen Interessen, die
auf das gleiche Werk gerichtet sind, rechtlich
besser zueinander in Beziehung setzen. Es
würde nämlich anerkannt, dass Urheber, Nutzer und Verwerter ein prinzipiell gleichberechtigtes (wenn auch unterschiedliches) Interesse an sämtlichen geistigen Schöpfungen
haben. Die Sonderstellung der Urheber würde
kassiert.
Kohler, so Rigamontis Überzeugung, vollendete damit die Entwicklung des Urheberrechts
vom einstigen Verlags- zum kommenden Immaterialgüterrecht, indem er die romantische
Konstruktion des mit seinem Schöpfer verwachsenen Eigentums eliminiert.
Kohlers Vorstellungen entsprachen allerdings nicht den sozialen Ideen seiner Zeit,
und so wandte sich die Debatte in den folgenden 100 Jahren wieder von der Immaterialgüteridee ab. Man pflegte das „geistige Eigentum“ lieber als sozial-politischen Kampfbegriff, anstatt seinen ursprünglichen Gehalt als
Chance für einen neuen Interessenausgleich
zwischen Verlegern, Autoren und Verbrauchern zu begreifen.
Einsatz der Verwerter
In den Jahren der Weimarer Republik verfestigte sich die Auffassung weiter, dass das Urheberrecht einzig den Urhebern zu dienen
habe und für deren Interessenmaximierung
geschaffen sei. Die Rechtsprechung der Bundesrepublik hat diese Sichtweise übernommen. Deshalb wurden sämtliche Einschränkungen zugunsten anderer Interessen (wie
etwa denen der Verbraucher) als „Ausnahmen“ oder „Schrankenregelungen“ formuliert
und meist mit der Sozialpflichtigkeit des Eigentums nach Art.14 GG begründet.
Die ideologische Aufladung des Begriffs
„geistiges Eigentum“ erfolgte im Übrigen
nicht von rechts, sondern von Seiten der SPD
und der Gewerkschaften, die im Urheberrecht
den Hebel sahen, Künstlern ein gesichertes
Einkommen zu verschaffen. Erst spät erkannten die Verwerter, dass der Begriff des geistigen Eigentums auch für ihre Interessen hervorragend einsetzbar ist, insbesondere zur
Abwehr der mit dem Internet aufkommenden
Nutzer-Ansprüche. Die bestehende große Koalition aus Urhebern und Verwertern für ein
politisch verstandenes „geistiges Eigentum“
ist dieser historischen Entwicklung geschuldet. Es führt deshalb zu nichts, den unterschriftsfreudigen Urhebern immer wieder
ihren „veralteten Begriff vom geistigen Eigentum“ um die Ohren zu hauen. Die Urheber
werden ihn verteidigen, weil er mit ihrer
Emanzipationsgeschichte verbunden ist.
Produktiver wäre es, wenn die heutigen
Netzpolitiker den ungeliebten Begriff endlich
akzeptieren würden, ihm aber sein ideologisches Mäntelchen ausziehen und konstruktiv
mit ihm arbeiten – im Sinne der Schaffung eines modernen Immaterialgüterrechts.
Wolfgang Michal bloggt unter wolfgangmichal.de.
Lektürehinweise: Cyrill P. Rigamonti Geistiges
Eigentum als Begriff und Theorie des Urheberrechts
(2001); Ludwig Gieseke Vom Privileg zum
Urheberrecht, Die Entwicklung des Urheberrechts in
Deutschland bis 1845 (1995)
Es käme auf einen Versuch an, Supermärkte zu eröffnen, die lediglich die
notwendigen Lebensmittel und die
für den Alltag gebräuchlichen Dinge
anbieten. Man wird regelrecht erschlagen von dem immer größeren
Massenangebot an Süßigkeiten.
Allein schon bei der Betrachtung des
süßlichen Angebots reagiert das
Gehirn mit einem Insulinschub, was
sich später dann, als Nebeneffekt, bei
manchen Kindern als Aufmerksamkeitsdefizit Hyperaktivitätssyndrom
(ADHS) fortsetzt. Martin Gebauer
Es fehlt die Kontrollinstanz, die
den schädlichen Teil der Industrie
dicht macht. Aber woher soll diese
Kontrolle kommen im marktfreien
Betrieb, der den Abgeordneten
Lobbyisten vor die Nase setzt?
Dieses System macht immer mehr
Menschen krank. Aber solange
die (Einfluss-)Reichsten den Eindruck
machen, dass es ihnen noch gut geht,
wird der Karren jeden Tag tiefer in
den Dreck gefahren. h.yuren
Im Zusammenhang mit der Ernährung ist wichtig, dass langsam das
erschreckende Ausmaß des Ein­
flusses belegt werden kann. Es lohnt
sich, kalorienbewusst und ausge­
wogen zu kochen und zu essen, die
Umstände der täglichen Mahlzeiten
in den Griff zu bekommen, sich
zu bewegen und Stoffwechsel­
entgleisungen nicht auf die leichte
Schulter zu nehmen.
Alzheimer-Demenz, ursprünglich
eher genetisch begründet und daher
schicksalhaft hingenommen, wird
wohl durch alltägliches und lang­
jähriges Verhalten mitgesteuert und
ausgelöst.
Columbus
Alle, die jetzt Alzheimer haben,
haben Notzeiten erlebt und
waren mehrjährig mangeler­nährt. Speziell in Kindheit und
Jugend.
TheBigRedOne
Wirklich vorbeugen kann man,
nach aktuellem Wissensstand, durch
moderates Ausdauertraining von
30 Minuten pro Tag, das kann auch
schon Spazierengehen sein. Das
senkt das Risiko für Herzkreislauferkrankungen, Krebs und Demenz,
und zwar auch wenn man Über­
gewicht hat. Bewegung hat einen
positiven Einfluss auf den Effekt
von Insulin. Es könnte natürlich
sein, dass Menschen, die sich be­
wegen, auch sonst eher dazu neigen,
sich der Gesundheit zuträglich
zu verhalten. Man sieht, es ist
kompliziert. merdeister
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der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
12 Chronik
F O T O S : A F P/ G E T T Y I M A G E S
Die Woche vom 27. September bis 2. Oktober 2012
Gorleben
Syrien
Urteil
China
USA
Strahlende Kanzlerin
Für immer verloren
Vermittlung von Toleranz
Ausgestoßen
Ohne Terror-Stigma
Die Opposition mühte sich redlich,
aber an Angela Merkel bissen sich SPD,
Grüne und Linke im Gorleben-Untersuchungsausschuss die Zähne aus.
Als Bundesumweltministerin hatte sie
sich in den neunziger Jahren stets
für den niedersächsischen Salzstock
als Atomendlager ausgesprochen,
ohne dass der mit anderen möglichen
Standorten verglichen worden war.
Hat sie die Standortsuche also manipuliert? Es dürfte kaum überraschen,
dass die Kanzlerin vor dem Ausschuss
alle Unterstellungen zurückwies.
Auf die Frage, warum sie sich damals
nicht so differenziert ausgedrückt
habe, antwortete sie nur: „Weil ich damals noch nicht so perfekt war wie
heute.“
MYS
Bei den Gefechten in Aleppo ist ein
Teil des historischen Zentrums zerstört
worden. Das zeigt ein Video der syrischen Opposition. Darauf zu erkennen
sind brennende Geschäfte und Marktstände, die zum weltberühmten Basar
Aleppos gehören. Seit August herrscht
in der Handelsmetropole ein fragiles
Patt – Assad-Armee und Rebellen-Einheiten beherrschen jeweils eine Hälfte
der Stadt. Da die Kämpfe nicht abflauen, leidet die urbane Infrastruktur, so
dass manche Viertel tagelang ohne
Wasser bleiben und Löscharbeiten unmöglich sind. Mit der Zerstörung des
alten Suoks von Aleppo hat der Bürgerkrieg bei einer weiteren Stätte des
Weltkulturerbes zu irreversiblen Schäden geführt.
LH
Mit dem Antrag auf Befreiung ihrer
Tochter vom Schwimmunterricht ist
eine muslimische Familie vor dem
hessischen Verwaltungsgerichtshof
gescheitert. Einen Burkini – einen weiten Ganzkörperbadeanzug – anzuziehen reiche nicht, der Koran verbiete
auch gemeinsamen Schwimmunterricht mit Jungen, argumentierten die
Zwölfjährige und ihre Eltern. Berührungen seien nicht ausgeschlossen.
Doch der Gerichtshof bekräftigte den
staatlichen Erziehungsauftrag. Im Unterricht gehe es auch um die Vermittlung von Toleranz im Umgang mit
Andersgläubigen, und auch das Mädchen könne sich dem nicht entziehen.
Die Familie kann jetzt vor dem Bundesverwaltungsgericht klagen.
MYS
Noch im Mai galt Bo Xilai als designiertes Mitglied im Ständigen Ausschuss
des KP-Politbüros, dem inneren Führungskreis. Nun ist der Ex-Parteichef
der Metropole Chongqing aus der
Partei verbannt und wird schwerer Vergehen angeklagt. Wie die Agentur
Xinhua informiert, soll Bo in Kürze vor
Gericht stehen. Ihm würden „Amtsmissbrauch, Bestechlichkeit und andere Verbrechen“ vorgeworfen. Schon für
Korruption kann in China die Höchststrafe verhängt werden. Im August
war Gu Kailai, die Ehefrau des außer
Dienst gestellten Politikers, eines
Giftmordes für schuldig befunden und
zum Tode verurteilt worden. Inzwischen wurde die Strafe in lebenslängliche Haft umgewandelt.
LH
Die von der US-Regierung geführte
Liste terroristischer Vereinigungen
wird kürzer. Sie muss ohne die Mujahedin-e Khalq (MEK/Volksmujahedin)
auskommen. Wie das State Department mitteilt, trägt die iranische
Gruppierung nicht länger das TerrorStigma. Schon 2001 hatten die MEK
der Gewalt offiziell abgeschworen. Die
Volksmujahedin spielten 1979 eine
Schlüsselrolle beim Sturz des Schah
und folgten damals einem militanten
Anti-Amerikanismus. Bald darauf
ins irakische Exil vertrieben, wurden
sie von Diktator Saddam Hussein
als Fünfte Kolonne gegen den Iran in
Reserve gehalten. Vor Jahren bereits
hat die EU die Volksmujahedin aus ihrem Terror-Dossier gestrichen.
LH
1962 Bedingt demokratisch
■ Wolfgang Wippermann
D
ie Bundeswehr war 1962 nur „bedingt abwehrbereit“. Sie wäre
nicht in der Lage gewesen, einen
(vermuteten!) Angriff der Truppen des Warschauer Paktes abzuwehren. Zu dieser Einschätzung der Lage in
einem wohlgemerkt vermuteten Konfliktfall
hatte das NATO-Herbstmanöver Fallex 62 geführt. Das war allgemein bekannt und wurde
auch einigen Journalisten des Magazins Der
Spiegel bekannt gemacht. Sie verwerteten die
ihnen von einigen Militärs zugesteckten Informationen für einen Artikel, der am 8. Oktober
1962 unter der Überschrift „Bedingt abwehrbereit“ veröffentlicht wurde. Dies geschah freilich erst, nachdem sein Inhalt wiederum mit
Militärs und Politikern abgesprochen, dazu
vom Bundesnachrichtendienst (BND) überprüft worden war. Es handelte sich um eine
höchst merkwürdige, ja eigentlich skandalöse
journalistische Praxis, die es in einer vollendeten Demokratie nicht geben sollte. Diesem Anspruch genügte die Bundesrepublik nicht – sie
war nur bedingt demokratisch.
Schließlich griff der Staat ein und machte
aus der Spiegel-Affäre einen Staatsskandal. Es
kam dazu, als am 28. Oktober 1962 normale
und Sondereinheiten der Polizei wie die „Sicherungsgruppe Bonn“ die Redaktion des Spiegel besetzten, Dokumente konfiszierten und
Journalisten verhafteten, darunter den Herausgeber und Chefredakteur Rudolf Augstein.
Das Szenario erinnerte die Zeitgenossen an
Vorgänge, wie sie sich 29 Jahre zuvor in ähnlicher Form in den ersten Monaten der NS-Diktatur abgespielt hatten. Doch lassen wir diesen
möglicherweise unzulässigen Vergleich zwischen einer deutschen Diktatur und einer
deutschen Demokratie und widmen uns zunächst der Frage, warum der Staat so spät zugriff. Was war zwischen dem 8. Oktober 1962,
als die „Bedingt abwehrbereit“-Nummer des
Magazins erschien, und den überfallartigen
Festnahmen und Durchsuchungen Ende Oktober geschehen? Um die Frage zu beantworten,
müssen wir unseren Blick vom nebligen Hamburg auf das sonnige Kuba richten. Hier hatten
die Sowjets Abschussvorrichtungen für Mittel-
streckenraketen installiert. Von denen hätte,
wären sie mit Atomköpfen bestückt worden –
was bekanntlich nicht passiert ist – eine direkte Bedrohung der USA ausgehen können. Die
so hervorgerufene neue militärische Lage hätte eine neue militärische Strategie der NATO
erfordern können. Im englischen Kauderwelsch des Nordatlantikpaktes gab es die bereits unter dem Label preemptive strike – sie
meinte einen präventiven Atomkrieg. Tatsächlich haben den seinerzeit NATO-Generäle
ernsthaft erwogen und vorgeschlagen – nicht
zuletzt unter Verweis auf die Lehren des NATOHerbstmanövers Fallex 62. Ihrer Auffassung
schloss sich der damalige westdeutsche Verteidigungsminister an. Sein
Name war Franz Josef Strauß.
rie
Hier schließt sich der SpiegelFreitag-Se
Kreis. Im bewussten Artikel war
die Preemptive-Strike-Strategie
r Bonner
Tabus de
zwar mit keinem Wort erwähnt
Republik
worden, man hätte sie aber zwischen den Zeilen lesen und folgende Forderung aufstellen können:
Anstatt einen Angriff der Truppen des
Warschauer Paktes mit konventionellen Waffen abzuwehren, sollte die NATO lieber mit
atomaren angreifen.
Ein präventiver Atomkrieg verstieß allerdings gegen nationales und internationales
Recht. Immerhin war die „Vorbereitung eines
Angriffskrieges“ vom Nürnberger Kriegsverbrechertribunal 1945/46 geächtet worden. Angeklagt, einen Angriffskrieg geplant und ausgelöst zu haben, waren von diesem Gericht Generäle und Politiker Hitlers als Kriegsverbrecher
zum Tode beziehungsweise zu langjährigen
Freiheitsstrafen verurteilt worden. Das wollten
sowohl die alten wie die neuen Generäle und
Politiker der Bonner Republik unbedingt vermeiden. Daher – um von sich und ihrer Schuld
abzulenken – riefen sie „Haltet den Dieb!“ und
verlangten, diesen vermeintlichen Dieb in Haft
zu nehmen. Gemeint war der Spiegel.
Die Spiegel-Redakteure wurden aber nicht
wegen Diebstahls von irgendwelchen geheimen Dokumenten (die waren ihnen ja von den
Generälen und Politikern ausgeliefert worden),
sondern wegen Landesverrats verhaftet. Dabei
handelte es sich um ein Vergehen, das von den
autoritären und zutiefst antidemokratischen
F O T O : F R I T Z F I S C H E R / D PA
Zeitgeschichte Mit der Spiegel-Affäre kommt es zu einem
Staatsskandal, wie ihn die Bundesrepublik noch nicht erlebt hat.
Der danach gern reklamierte Liberalisierungsschub bleibt aus
Augstein (l.) und Ahlers nach ihrer Freilassung im Februar 1963
Besonders
empörend war,
dass der
„Spiegel“Redakteur
Ahlers durch
die Polizei
eines
faschistischen
Staates
verhaftet
wurde
Vorgängern der Bundesrepublik erfunden, ins
Strafgesetzbuch geschrieben und für antidemokratische und zutiefst verbrecherische
Zwecke und Ziele genutzt worden war.
Dennoch und obwohl der entsprechende
Paragraf 94 des deutschen Strafgesetzbuches
von den siegreichen Alliierten kassiert wurde,
hatten ihn die demokratische Bundesrepublik
wie die diktatorische DDR wieder in Kraft gesetzt und für Zwecke verwandt, die fundamentalen demokratischen Grundsätzen widersprachen. Dies war nicht nur, aber besonders
beim Spiegel-Skandal der Fall. Bei dem es sich
genau genommen gleich um mehrere Skandale handelte. Zu der unrechtmäßigen Festnahme der Spiegel-Redakteure in Deutschland
durch deutsche Polizisten kam die Verhaftung
des Spiegel-Redakteurs Conrad Ahlers in Spanien durch spanische Polizisten. Schon dies
war empörend. Noch empörender war jedoch,
dass die Verhaftung von Ahlers durch die
Handlanger eines faschistischen Staates erfolgte, womit man es bei Francos Spanien
zweifellos zu tun hatte.
Ungeachtet dessen unterhielt die Bundesrepublik enge Beziehungen zu Francos Diktatur
– dies nicht nur in politischer und wirtschaftlicher, sondern auch in militärischer Hinsicht.
Kurz zuvor hatte man sich in Bonn sogar um
Militärbasen auf der Iberischen Halbinsel be-
müht. Es lässt sich zumindest vermuten, dass
die Geheimdienste beider Länder recht gut
miteinander konnten. Ohne diese Kooperation hätte es nicht zur sofortigen Festnahme
von Ahlers kommen können.
Damit war die Skandal-Kette noch nicht zu
Ende. Skandalös und eines demokratischen
Rechtsstaates unwürdig war ferner, dass einige der Ende Oktober 1962 verhafteten Journalisten erst im Februar 1963 wieder auf freien
Fuß kamen, obwohl es von Anfang an außer
Frage stand, dass sie in keiner Weise für die
ihnen angelasteten Vergehen verantwortlich
waren. Hier saßen völlig Unschuldige in Haft.
(Einige von ihnen teilten dieses Schicksal mit
Personen, die nach und wegen des KPD-Verbots von 1956 zu langjährigen Freiheitsstrafen
verurteilt worden waren.)
Mindestens ebenso skandalös war es, dass
die am Spiegel-Skandal wirklich schuldigen
Politiker und Polizisten ihre nur kurz unterbrochene berufliche und politische Karriere
fortsetzen konnten. Der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß wurde zwar
von Kanzler Adenauer entlassen, stand aber
bei der Bundestagswahl 1980 kurz davor,
selbst Regierungschef zu werden.
All das scheint heute vergessen. Der Ausgang
der Spiegel-Affäre wird landauf und landab und
in nahezu allen Medien als Beweis für die Festigkeit der westdeutschen Demokratie und ihre
Überlegenheit gegenüber der ostdeutschen
Diktatur gefeiert. Letzteres ist sicher richtig.
Doch hat die Spiegel-Affäre wirklich einen
„kräftigen Liberalisierungsschub“ gebracht, wie
der Historiker Heinrich August Winkler meinte?
Hier sind Zweifel angebracht. Immerhin
blieb vieles von dem dauerhaft beschädigt,
was im Herbst 1962 Schaden genommen hatte. Die demokratischen Rechte und Freiheiten
der Bundesbürger sind nicht erweitert, sondern eingeschränkt worden. „Mehr Demokratie“ hatte Willy Brandt versprochenen – es
wurde weniger: Man denke an die Notstandsgesetze, Berufsverbote, ein beschnittenes Demonstrationsrecht, gestärkte Verfassungsschutzbehörden oder die Perfektionierung
von staatlichen Überwachungsmethoden. All
das hat es nach und trotz der Spiegel-Affäre
gegeben – und gibt es immer noch. Ein Ende
und die wirkliche Wende zum Guten und Demokratischen sind nicht abzusehen.
Wolfgang Wippermann schrieb zuletzt
über das Luxemburger Abkommen von 1952
13
Glotzen Mit Joko und Klaas durch die Nacht gefahren S. 14
Leben Der Kommunist Erwin Jöris und das 20. Jahrhundert S. 15
Denken Warum wir immer intelligenter werden S. 23
Die Cut UpMethode von
W. S. Burroughs
ist nur eines
von vielen
Themen unserer
Literaturseiten
S. 16 – 21
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
Sehnsucht Europa
Kulturkommentar
Stephan Porombka
Kein Krisengerede
mehr: Die Literatur
im Netz boomt
Pathos Den Intellektuellen
fiel es bisher leicht, auf Brüssel
zu schimpfen. Nun beginnen
sie, für die europäische
Idee zu brennen. Endlich
D
■ Steffen Kraft
Nur Frieden zieht nicht mehr
Es ist ja ein alter Vorwurf, dass die Kulturschaffenden sich nicht um das Zusammenwachsen von Europa kümmerten, dass sie
gar die Begeisterung für dieses „Jahrtausendprojekt“ vermissen lassen. Abgesehen
davon, dass sich Begeisterung schwer einfordern lässt, kam die europäische Staatengemeinschaft bisher auch ohne Beistand
von Intellektuellen rasch voran. Sie riss die
Grenzen zwischen den Mitgliedsstaaten ab,
schaffte eine übernationale Währung und
sog nach 1989 einen großen Teil der osteuropäischen Länder in sich hinein. Es scheint
sogar so, als rührte der historische Aufstieg
der Europäischen Union gerade daher, dass
sie ihre Macht ohne Pathos ausübte und
keines der neuen Mitglieder zwang, sein
Nationalnarrativ für eine andere, „europäische Erzählung“ aufzugeben – abgesehen
von der Floskel, dass doch in Zukunft Frieden herrschen solle.
Im Interview mit dem European antwortet Frank-Walter Steinmeier auf die Frage
nach dem, was Europa verbindet, pflichtschuldig mit einem Zitat des luxemburgischen Premiers Jean-Claude Juncker: „Wenn
du einem jungen Menschen den Sinn von
I L L U S T R AT I O N : D E R F R E I TA G , F O T O : B R I O N G Y S I N , W I L L I A M S . B U R R O U G H S / I N S T I T U T F R A N C A I S / T H E B A R R Y M I L E S A R C H I V E
O
kay, nicht alle Versuche finden sofort Applaus: „Unser
Vaterland ist von jetzt an Europa. Unsere Hymne die ,Ode
an die Freude‘. Und unsere
Fahne zeigt zwölf Sterne auf himmelblauem Grund“, schreiben der Grüne Daniel
Cohn-Bendit und der liberale Ex-Premier
Belgiens Guy Verhofstadt allen Ernstes in
ihrem soeben als Buch erschienenen Manifest Für Europa! Stakkato-Sätze, apokalyptischer Duktus, regelmäßig eingestreute Slogans – Verhofstadt und Cohn-Bendit nutzen Propaganda-Mittel, an deren Wirkung
schon lange niemand mehr zu glauben
wagte. Sie schrecken nicht einmal davor zurück, den Leser per Du aufzufordern: „Vollende, was die europäischen Pioniere einst
begonnen haben.“
Dass solche Sätze leicht befremdlich wirken, braucht man nicht zu betonen. Dennoch stellt sich die Frage, warum Pathos
im Zusammenhang mit Europa generell
fehl am Platz sein sollte. Ja, mehr noch:
Braucht die Idee eines demokratischen
Europa in dieser Zeit nicht wirklich
eine starke Sprache, wenn sie nicht
unter dem vorgeblichen Gewicht
der Finanzkrise ersticken will?
Braucht es nicht tatsächlich ein
kräftiges Gegengewicht zur kühlen Rhetorik der Alternativlosigkeit? Schließlich suggeriert die
Sprache der Technokraten ja auch, dass
das supranationale Wirtschaftsregime so
bürgerfern bleiben muss, wie es zurzeit ist.
Es scheint, dass die Intellektuellen das
vermehrt auch so sehen. Noch Ende 2011 begegnete man einem Aufruf der Zeit lieber
mit dem Hinweis, ein kapitalistisch verfasstes Europa sei per se nicht demokratisierbar.
Inzwischen registriert man einen offeneren
Umgang mit Visionen für Europa – nicht
nur bei Cohn-Bendit, der eine Kurzform seines Manifests schon im Mai zusammen mit
dem Soziologen Ulrich Beck veröffentlichte.
Auch der österreichische Schriftsteller Robert Menasse hat unter dem auf Georg
Büchner anspielenden Titel Der europäische
Landbote eine Verteidigung Brüssels auf den
Markt gebracht. Und auf dem Zeitschriftenmarkt erscheint seit vergangener Woche das
vor drei Jahren gegründete Online-Magazin
The European nun auch als Printtitel – mit
einer festen Rubrik für Interviews über die
Zukunft Europas.
Europa erklären willst, dann gehe mit ihm
über einen Soldatenfriedhof “. Doch die
Rede von Europa als Friedensprojekt wirkt
auf jüngere Generationen kaum mehr. Und
so fordert selbst SPD-Kanzlerkandidat Peer
Steinbrück nun eine „neue Erzählung“ für
Europa. In seiner Ende 2010 erschienenen
Biographie hatte er die Idee eines transnationalen Union noch als „Wolkenkuckucksheim“ bezeichnet. Helmut Kohl fleht wiederum Angela Merkel an, sich die EU auch
jenseits der Finanzkrise zur Chefinnensache zu machen. Und der faktische Bundespräsident Helmut Schmidt trifft den formalen Amtsinhaber Joachim Gauck zum
TV-Talk, um den Deutschen klarzumachen,
dass die Idee Europas über Verordnungen
zu Energiesparlampen hinausgeht.
Wenn all diese Vorstöße auch aus unterschiedlichen Motiven erfolgen, sie verfolgen doch ein ähnliches Ziel: Europa muss
für sich das Primat der Politik zurückfordern. Es ist diese These, die den Grünen
Cohn-Bendit und den Liberalen Verhofstadt zusammenführt: Nationalstaaten allein können sich im Sog der Globalisierung
nicht behaupten. Um Märkte heute noch
ansatzweise zu bändigen, braucht es das
Gewicht einer transnationalen Demokratie, die sich nicht im Gestrüpp nationaler
Interessenskämpfe verheddert.
Klar, diese These wiederholt ein Jürgen
Habermas in Variaten schon seit Jahren,
Die Vereinigten
Staaten von
Europa wollen
das Primat der
Demokratie
zurückfordern
zuletzt in seiner Schrift Zur Verfassung Europas. Habermas spricht von Europa stets
als einem „politischem Projekt“. Das mag
angenehm zurückhaltend klingen, doch
impliziert das auch seine Ersetzbarkeit. Warum sollten die Europäer nicht einfach ein
neues „Projekt“ starten, die Renationalisierung der Politik beispielsweise, wenn das
bequemer scheint?
Der Beamte als Aufklärer
Dezidierter ist da schon Robert Menasse.
Seine Landboten-Schrift ist Ausfluss wochenlanger Aufenthalte in Brüssel. Resultat ist verblüffenderweise ein Lob der
Brüsseler Bürokratie, deren Protagonisten
Menasse als Träger einer postnationalen
Aufklärung beschreibt – kompetent ausgebildet, die Interessen Europas und nicht
ihrer Herkunftsländer verfolgend. Anders
als Hans Magnus Enzensberger, der in der
Brüsseler Bürokratie den bevormundenden Hegemon erblickt, kann Menasse an
der Normierungsarbeit der EU-Kommission nicht viel anrüchiges finden. Der Feind
der Europäer seien nicht die Bürokraten,
vielmehr die Regierungschefs der Mitgliedsstaaten, die sich im Europäischen
Rat treffen, um die nationalen Interessen
der Einzelstaaten zu vertreten – und damit
eine wirkliche transnationale Entwicklung
behindern.
Hart kritisiert Menasse natürlich Angela
Merkels Politik in der Eurokrise. Dabei steigert er sich in die These hinein, dass Merkel im Grunde nichts mit Europa anfangen
könne, weil sie als junge Frau in der DDR
die Idee der Völkerfreundschaft als Propagandalüge erfahren habe. Das mag übertrieben sein, verweist aber auf einen kaum
beachteten Umstand: Die Erzählung von
der EU als Friedensprojekt verfängt nicht
nur in der neuen Generation nicht mehr.
Vielmehr ist es auch eine geographische
Grenze, an die sie stößt. Sicher, die Bedeutung der europäischen Einigung für die
deutsch-französische Aussöhnung ist unbestreitbar. In Osteuropa allerdings hat die
Idee Europas als Friedensstifter zurecht
große Schwierigkeiten. War es nicht eher
das Gleichgewicht der Kräfte zwischen Ost
und West, der neue Kriege in Europa verhindert hat? In dieser Perspektive erweist
sich auch der Drang Konrad Adenauers in
die EU eher als Projekt zur Westbindung,
denn als getrieben von einem Friedensideal. Es ist solche Vorsicht, die viele Linke
immer noch gegen pathosgeschwängerte
Appelle für eine Vereinigung Europas hegen: Dass die Idee nur vorgeschoben sei,
um harte wirtschaftliche und militärische
Interessen durchzusetzen.
Auch gegen solche Bedenken ziehen
Cohn-Bendit und Verhofstadt ins Feld. Sie
sind sich mit Menasse einig: Problematisch
an der EU ist, dass dort vor allem nationale
Interessen vertreten werden. Für Europa!
schlägt daher die Abschaffung des Europäischen Rats vor, jenes Gremiums, in dem
die Regierungschefs der Mitgliedsstaaten
selbst zunehmend über die Geschicke der
EU bestimmen. An seine Stelle soll ein
transnationaler Senat treten, zusammengesetzt aus Abgeordneten der nationalen
Parlamente. Mit zwei parlamentarischen
Kammern, so das Kalkül, wäre das Demokratiedefizit – immerhin das wichtigste Argument gegen eine Entwicklung der EU zu
einem Bundesstaat neuen Typs – widerlegt.
So gesehen kann man sich vom hohen Ton
schon ein wenig verführen lassen.
Für Europa! Ein Manifest Daniel Cohn-Bendit &
Guy Verhofstadt, Hanser 2012, 141 S., 8 €
Der Europäische Landbote. Die Wut der
Bürger und der Friede Europas Robert
Menasse, Zsolnay Verlag 2012, 112 S., 12,50 €
er amerikanische AvantgardePoet Kenneth Goldsmith war
gerade noch im Weißen Haus
und hat zum Vergnügen von Barak Obama Staumeldungen als Lyrik gelesen.
Nun erklärt er dem Publikum in Berlin
auf Einladung der Kulturstiftung des
Bundes, wie die kommende Literatur
aussehen wird. „Die Zukunft des Schreibens heißt: nur noch zu zeigen und
zu klicken“, ruft er gut gelaunt. „Und die
Zukunft des Lesens heißt: nicht mehr
zu lesen!“ Was er meint: Autoren werden zukünftig nicht mehr Romane,
Kurzgeschichten oder Gedichte verfassen. Stattdessen forwarden, posten und
twittern sie, was sie im Netz finden.
Das klingt für alle, die an die klassische Literatur glauben, nach einem
schlechten Witz. Doch Goldsmith meint
es ernst. Er will die Aktivitäten im Netz
nicht verdammen, sondern ihr kreatives Potential freilegen. Damit setzt er
sich an die Spitze einer Bewegung, die
derzeit den Literaturbetrieb aufmischt.
Seit die eBooks bis auf die Spitzenplätze
der Bestsellerlisten vorstoßen, erscheint
das Netz immer deutlicher als Plattform neuer Möglichkeiten. Jetzt können
die Autoren schneller publizieren und
direkter mit Lesern kommunizieren.
Jetzt können sie neue Formen des Marketings erfinden und über ein Erzählen nachdenken, das nicht auf ein Buch
beschränkt bleibt. Der Leser muss nicht
erst in die Geschichte eintauchen. Er
kann mit seinen smarten Lesegeräten,
die er als Telefon, Tablet oder Labtop
bei sich trägt, immer schon eingeloggt
sein.
Experimente dieser Art werden nicht
nur von Autoren unternommen. Derzeit schießen Projekte aus dem Boden,
die Programme, Plattformen oder Apps
entwickeln, um Texte anders zu schreiben, zu vernetzen, zu bearbeiten, mit
Bildern, Filmen und Audiofiles aufzuladen und weiterzusenden. Die Formate der Literatur explodieren. Sie tun
das mit einer Druck- und Begeisterungswelle, die selbst etablierte Akteure des
Buchmarkts nicht unberührt lässt.
Die ahnen längst, dass sie den Experimenten aufmerksam folgen müssen.
Hier werden die Potentiale der Literatur
und die Zukunftsfähigkeit des gesamten Betriebs erprobt. Auch wenn damit
noch nicht viel zu verdienen ist: Von
Krise kann keine Rede sein. Stattdessen
beginnt gerade jetzt im Netz und rund
um das Netz herum die Boom-Zeit der
Literatur. Das Buch wird dabei nicht
verschwinden. Aber ihm wird im
Medienset eine neue Aufgabe zugewiesen. Es wird mit Nervosität aufgeladen.
Texte werden über Links mit Filmen,
mit Bildern, mit Audios und mit LivePerformances verbunden sein. Die
gehören dann zu einem großen Medienwerk, in dem das einzelne Buch ein
Puzzlestück und ein Relais ist.
Dass dabei, wie Kenneth Goldsmith
meint, das Schreiben nur noch ein
Zeigen und Klicken ist und das Lesen
durch das Posten ersetzt wird, ist unwahrscheinlich. Gleichwohl sieht er
richtig: Diese neue Literatur wird auch
eine neue Geschwindigkeit haben, die
durch den Rhythmus von Empfangen,
Bearbeiten und Weiterversenden bestimmt ist. Das klingt nach ferner Zukunft. Ist es aber nicht. Wir machen es
längst, wenn wir an unseren Computern
sitzen und mit unseren Smartphones
spielen und lesen, schreiben und posten,
kommentieren und senden. Der Boom
der Literatur ist da. Gut, wenn ab und zu
einer wie Goldsmith vorbei kommt
und uns daran erinnert.
Stephan Porombka ist Professor für
Kulturjournalismus und Literaturwissenschaft an der Uni Hildesheim
14 Kurz & Klein
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
Am Sonntag ein „Tatort“
aus Konstanz (20.15 Uhr,
ARD), K
­ ritik im Anschluss
auf freitag.de
Film „Beziehungsweisen“ von Calle Overweg und „Schönheit“ von Carolin Schmitz
Antlitz sparet nicht noch Mühe
Medientagebuch
Je oller, desto doller:
Durch die Nacht
mit Joko und Klaas
Durch die Nacht mit … XXL
100 min., Oktober 23.05 Uhr auf Arte
F o t o : Fa r b f i l m V e r l e i h
A
Viel investiert: Wer anfängt, den eigenen Körper zu optimieren, findet schnell die nächste verbesserungswürdige Stelle
S
cripted Reality ist ein Vorwurf, den
man dem Privatfernsehen macht.
Dort wird, etwa in Dokusoaps, Laientheater gegeben, Kleindarsteller sagen Text
auf. Denn Kleindarsteller kosten nicht viel,
und das wahre Leben als vorgefertigter,
ausgedachter Text lässt sich leichter in
Richtung Sensation und exploitation steuern, als das bei tatsächlichen Lebensumständen der Fall wäre.
Das ist im Dokumentarfilm zumeist anders, aber nicht unbedingt deshalb, weil
der Dokumentarfilm auch mal ins Kino
darf. Die entscheidende Frage lautet, wie
und zu welchem Zwecke inszeniert wird,
und sie wird anregend gestellt von zwei Filmen, die fast zeitgleich ins Kino kommen:
Schönheit von Carolin Schmitz (diese Woche) und Beziehungsweisen von Calle Overweg (11. Oktober).
Letzterer nennt sich selbst „gespielter
Dokumentarfilm“, weil hier drei Schauspielerpärchen mit jeweils echten Psychotherapeuten Sitzungen abhalten. Zwischendurch sieht man kleinere Spielzenen, jeder
Illusion von „Echtheit“ wird aber von Be-
ginn an vorgebeugt durch die Sichtbarmachung der Mittel. Gedreht wurde in einem
theaterhaften Studio, in dem Autos oder
Räume nur markiert werden, durch Geräusche etwa. Außerdem interveniert Overweg selbst, befragt die Therapeuten nach
ihren Wahrnehmungen: „Es gibt Paare, die
sind so hochstrittig, da krieg ich kein Bein
rein.“
Das Spiel mit dem Dokumentarischen,
das Beziehungsweisen betreibt, leuchtet
ein: Psychotherapie ist, so konkret der Leidensdruck sein mag, der den Einzelnen
Alter schützt vor
Ohrwurm nicht
Die Sache mit dem Rock’n’Roll und John
Cale ist ein großes Missverständnis. Dieser
Irrtum rührt noch aus den Sechzigern und
Siebzigern her, als Cale mit Velvet Underground das Verhältnis von Melodie und
Verzerrung neu sortierte und später als
Produzent von den Stooges und Nicos düsterem Kleinod The Marble Index den Punk
um eine gutes Jahrzehnt vorwegnahm. So
richtig nah ist Cale dem Rock’n’Roll wahrscheinlich nur in Konkurrenz zu seinem
alten Weggefährten Lou Reed gekommen:
damals ging es vor allem um Mädchen (bei
denen Cale meist den Kürzeren zog) und
Drogen. Cales beste Soloarbeiten hingegen
traten in ihren vielgestaltigen Entwürfen
aus dem Schatten des Pop hervor – das gilt
gleichermaßen für sein unbestrittenes
Meisterwerk Paris 1919 mit seinen grandiosen Tin-Pan-Alley-Gesten zu sparsamen
Laurel-Canyon-Innerlichkeitsballaden wie
für das neurotisch-sprunghafte Album Helen of Troy, das auch einen Schlussstrich
unter seine kurze, fruchtbare Zusammenarbeit mit Island Records setzte. Cale war
immer dann am Besten, wenn er seinen
am New Yorker Minimalismus geschulten
Erfindergeist in konventionelle Bahnen
lenkte. Er will eigentlich nur spielen, auch
wenn er nicht immer den Eindruck erweckte, er hätte Spaß dabei.
Cales kindliche Neugier erklärt auch,
warum er auf Shifty Adventures in Nookie
Wood einen Autotune-Effekt über seinen
markanten Bariton legt. Die Hookline von
„Mothra“ ist ein echter Ohrwurm, trotzdem mutet das Stück innerhalb des JohnCale-Kosmos hochgradig bizarr an. Auf
diesem Album, das sich munter an den
unterschiedlichsten Stilen und den technischen Möglichkeiten des Studios versucht, erscheint es wiederum gar nicht
einmal so deplatziert. Es fügt sich wunderbar in die anderen kleinen Absonderlichkeiten und Eigenarten auf Shifty Adventures in Nookie Wood ein. Erstmals seit
Velvet-Underground-Zeiten setzt er die Violine als Drone-Instrument ein, so dezent
allerdings, dass der einprägsame, leicht
nervige Klang Cales Produktion eher Textur verleiht, als sich gegen die Harmonien
zu stemmen. Ein wiederkehrendes Thema
aber ist die Stimme, die Cale schon auf seinem 1974er Album Fear auf verschiedenste
Weise verfremdete. Im Song „December
Rains“ jagt er sie beispielsweise durch diverse Filter, was dem Stück einen FrenchHouse-Einschlag verleiht. Bei „Living With
You“ weicht ein psychedelisches Reverb
seinen warmen Bariton auf.
Wenig überraschen sollte also, dass Cale
für dieses Album mit dem Hip-Hop-Produzenten Danger Mouse zusammengearbeitet hat, der in der Vergangenheit mit
Beatles-Mash-Ups und Italo-WesternSoundtracks Cales formativer Dekade, den
Sechzigern, seine Reverenz erwiesen hat.
„I Wanna Talk to U“ könnte mit seiner trockenen Bassdrum auch direkt aus Cales
Solophase Mitte der Siebziger übrig gebliebe sein. Das gilt auch für die bittersüße
„Mary“, das vielleicht konventionellste,
aber auch schönste Stück auf Shifty Adventures in Nookie Wood, dem ein leicht synthetischer Rhythmus unterliegt, das ansonsten aber ein klassischer Cale ist: eine
Hommage an die großen Frauenballaden
auf Helen of Troy mit einer interessanten
Wendung. Mit Shifty Adventures in Nookie
Wood zeigt Cale, dass sein Gespür für Pop
auch mit 70 noch immer auf der Höhe der
Zeit ist. Zwar kein Meisterwerk, aber ein
Album, das den Pop ernst nimmt.
Andreas Busche
Shifty Adventures in Nookie Wood John Cale
Domino Records (Godtogo)
Ausstellung „Schwarze Romantik“ im Städel in Frankfurt am Main
F i l m s t i l l : F r i e d r i c h W i l h e l m M u r na u 1 9 2 2
Musik „Shifty Adventures in Nookie Wood“ von John Cale
F o t o : s h aw n b r a c k b i l l
m Ende muss noch einmal
Michel Friedman ran, mit
dem zwar nicht alles angefangen
hat, dessen Streifzug mit Christoph
Schlingensief durch Frankfurt 2003
aber ohne Zweifel der Urknall des
Formats war. Seit nunmehr zehn Jahren
schickt Arte in der Reihe Durch die
Nacht mit … zwei Prominente, zumeist
Künstler, in einer Limousine durch
eine Stadt, ziemlich häufig durch Berlin
oder Paris, aber auch durch entlegenere
Orte wie Dubai, Nashville oder Münster.
Es gibt keinen Moderator, keine
Regieanweisungen und bestenfalls geschieht dann das, was Tocotronic einmal über einen Abend im Rotary Club
sangen: „Man aß und trank und unterhielt sich / die Wertschätzung war
gegenseitig / Und es herrschte ein Vertrauen/ Es war mir selbst ein wenig
unheimlich“. Eben dies ist die Währung
der Sendung: Der Zuschauer hofft,
Zeuge ehrlicher, intimer Momente
zu werden, die sich in einer klassischen
Interviewsituation so nicht ergeben
würden. Und natürlich war auch
Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow
einmal Gast des Formats, sein Berliner
Abend mit dem Theaterregisseur
René Pollesch – Folge 82 – zählt zu den
leisen Höhepunkten der Reihe, eben
weil sich im Laufe dieser Nacht ohne
großes Remmidemmi vermittelte,
was beide interessiert und umtreibt.
Für die 100. Folge hat Arte entschieden, ein einziges Mal alles anders zu
machen: Ein eingespieltes Moderatorenteam – die aktuelle Allzweck-Wunderwaffe Joko & Klaas, die auch Pro
Sieben, ZDF Neo, die Sparkasse und die
Bundeszentrale für Bildung einsetzen –
wird zwei Tage lang in einem Tourbus
auf eine Schnitzeljagd D‘Europe durch
Berlin, Hamburg, Gent, London und
Paris geschickt, in deren Verlauf sie alte
Protagonisten treffen. Als erste klettert
die Musikerin Peaches in den Bus
(Folge 16: Mit Heike Makatsch in Berlin),
der nichts Originelleres einfällt, als Klaas
Heufer-Umlauf mit grünen Trauben
zu bewerfen. Zwischenstop in einem
Boxclub, wo Ralph Herforth zu erzählen
weiß, dass sein Begleiter Dolph Lundgren „gar nicht wie in seinen Filmen so
ein dummer, sondern ein ganz kluger
Mann“ ist. Musste wohl gesagt werden,
und in diesem Binsenmodus geht es
weiter. Dabei hat die Gäste-Auswahl
Potenzial: Bis Hamburg steigen unter
anderem Lars Eidinger (Folge 70: Mit
Oda Jaune in Sofia) und die als Über­
raschung angekündigte Nina Hagen
(Folge 8: Mit Katharina Thalbach auf
Ibiza) zu, dort angekommen sagt man
Heinz Strunk Hallo (Folge 53 : Mit H.P.
Baxxter eben dort), und in Gent zeigt
der Künstler Wim Delvoye (Folge 39: Mit
Ai Weiwei in Kassel) seine Sammlung.
Dass Delvoye auf Heufer-Umlaufs Frage,
warum Kunst so teuer geworden sei,
nichts Sinnfälliges zu antworten weiß,
ist ihm schwer zu verdenken, und auch
dass Oda Jaune für Eidinger die zweitschönste Frau neben seiner eigenen ist,
hätte man sich nach dem Einspieler
ohne Moderatorennachfrage gedacht.
So macht sich bei diesen Best-Of-Zusammenschnitten die blöde Nostalgie
breit, die durch das AllzweckwaffenSchnitzeljagd-Manöver wohl hätte vermieden werden sollen.
Und Michel Friedman? Der sitzt am
hellen Nachmittag mit Joko und Klaas in
einem der Uhrzeit entsprechend leeren
Pariser Edelrestaurant und sagt mit
dem Gestus des Elder Statesman sein
„non, je ne regrette rien“ auf. Wie ein
großkotziger Macker habe Friedman
sich in der Schlingensief-Folge be­
nommen, tadelt ihn Heufer-Umlauf.
Wenn ich so drauf war, dann war es so,
antwortet Friedman mit einem über­
legenen Lächeln: „Lieber bizarr als
Mainstream“. Sein Wort in den Ohren
der Programmchefs. Christine Käppeler
dazu motiviert, noch keine gesellschaftliche Fragestellung. Indem Overweg nun das
Persönliche an den Geschichten ausstreicht, weil er sie Schauspieler sprechen
lässt, summieren sich die drei Episoden
(ein Paar in der Schwangerschaft, eines mit
zwei kleinen Kindern, ein altes) zu einem
Essay. Der handelt schließlich weniger von
Therapie, sondern vielmehr von der Liebe
– die, wie eine Therapeutin sagt, in den seltensten Fällen das Bindemittel von Beziehung ist (zumeist: „Schulden und gemeinsame Kinder“), und die er leichthändig, ja
vergnügt sucht in den eigenartigen, arbeitsintensiven Erzählsituationen, die Therapie hervorbringt.
Schönheit ist von anderer Gestimmtheit.
Statt die Form aufzubrechen, wird hier verdichtet. An eine fulminante Eingangsszene,
in der zwei Frauen in irrem Redefluss über
eine Autoausstellung laufen – und dabei
die Vorzüge von Marken und die Vorstellungen von Geschlechterfragen diskutieren
–, schließen sich kommentarlose Selbstpräsentationen der namenlosen Protagonisten an. Carolin Schmitz‘ Film zeigt eine totalrationalisierte Welt, in der ein wohlständiger Hedonismus permanent mit allen
Mitteln an der eigenen, körperlichen Optimierung arbeitet.
Bei der Premiere auf dem Dokfilmfest
Leipzig im vergangenen Jahr ist Schönheit
vorgeworfen worden, seine Protagonisten
vorzuführen. Dabei verlängert der Film
kühl lediglich die Logik der neurotischen
Selbstdarstellung in seine Erzählung, wenn
er die Leute vor der Kamera sich mit drängenden, dichten Erklärungen präsentieren
lässt. Schönheit zeigt eine Welt, die bei
Günther Jauch nicht vorkommt und daher
im schichtenbewussten Akademiker Verachtung hervorruft, wie das Privatfernsehen sie lehrt. Dabei ist Schönheit, wie das
vielleicht eindrücklichste Zitat weiß, ein
Film über Sucht: Wer einmal mit dem Verbessern angefangen hat, hört nicht wieder
auf.
Matthias Dell
Wirklich, sie lebten
in finsteren Zeiten
In der Alltagssprache sind die Wörter „romantisch“ und „Romantik“ diffus positiv
besetzt. Die Literatur- und Kunstwissenschaft hingegen kannte seit dem Beginn
der romantischen Epoche um 1800 immer
auch deren schwarze Kehrseite. Mit einer
Studie von Mario Praz bürgerte sich 1930
dafür der Begriff „schwarze Romantik“ ein.
Überhaupt war die Romantik eine Gegenbewegung zum Zeitalter der Aufklärung,
zur Zeit des Lichts also, man denke nur an
das französische „Siècle des Lumières“ und
das englische „Age of Enligthenment“.
Unter dem Titel Schwarze Romantik. Von
Goya bis Max Ernst zeigt das Frankfurter
Städel-Museum nun rund 200 Werke.
Gleich der erste Raum wirkt wie ein Paukenschlag – sieben Werke von Johann
Heinrich Füssli (1741-1825). Den Besucher
begrüßt das berühmte Gemälde Der
Nachtmahr. Es zeigt eine weiß gekleidete,
lasziv ausgestreckt daliegende Frau, die
schläft oder träumt. Sie wird beobachtet
von einem brünstigen Pferd. Auf ihrem
Bauch hockt ein schwarzer, affenartiger
Gnom, dessen Augen auf ihren Schoß starren. Diese imaginierte Welt der Monster,
Dämonen und Gespenster ist jedoch nur
eine mögliche Kehrseite der Vernunft.
Die andere ist die Absenz jeglicher Vernunft. Das demonstriert der zweite Raum
mit 10 der 80 Caprichos von Francisco de
Goya (1746-1828) sowie vier Radierungen
aus dem Zyklus Die Schrecken des Krieges.
Das berühmte Capricho Nr. 43 Der Schlaf
der Vernunft gebiert Ungeheuer bildet den
Schlüssel zu den in ihrer Drastik und Brutalität unüberbietbaren Radierungen, die
an die Schandtaten der napoleonischen
Soldateska bei der Besetzung Spaniens
1808 erinnern. Goya selbst hat erklärt, was
gefährlicher ist als die Traumwelt der
schwarzen Romantik mit ihren Monstern
und Gespenstern. Menschliches Handeln
ohne Vernunft: „Ich fürchte keine Kreatur
außer eine: den Menschen“, schrieb er.
Neben den Werken bekannter Maler wie
Delacroix, Géricault, Blake oder Böcklin
werden verdienstvollerweise auch Werke
unbekannter Künstler präsentiert. Das
Bild Hunger, Wahnsinn und Verbrechen des
belgischen Malers Antoine Joseph Wiertz
(1806-1895) zeigt eine Frau mit verstörend
irrem Blick, die auf ihrem Schoß ein blutendes, in Tücher gehülltes Baby trägt und
in der rechten Hand ein blutiges Messer
hält. Aus einem großen Kochtopf am Bildrand ragt gerade noch das Beinchen eines
anderen Kindes heraus. Vor der Frau liegt
der Steuerbescheid auf dem Fußboden.
Das Bild übertrifft in seiner Direktheit Delacroix‘ Rasende Medea. In dessen Zentrum sitzt die fleischfarben-rötlich gemalte
Medea mit dem Dolch in der linken Hand
und zwei leblosen Kinderkörpern auf ihrem Schoß.
Romantik ist ein Epochenbegriff, der kurioserweise zeitlos geworden ist. Das trifft
insbesondere auf die schwarze Romantik
zu, die Künstler vom Symbolismus Ende
des 19. bis zum Surrealismus des 20. Jahrhunderts inspirierte. So zeigt der zweite
Teil der Ausstellung Werke von Rodin (Der
Schmerz – Erinnerung an Eleonora Duse),
Odilon Redon, Franz von Stuck, James Ensor und Edvard Munch bis zu Dalí, Brassai,
Magritte und Max Ernst. In die Räume
sind Kabinette eingebaut, in denen Ausschnitte von Stummfilmen wie Frankenstein, Dracula, Vampyr und Nosferatu
(Bild) gezeigt werden, die seit den Zwanzigern Motive der schwarzen Romantik aufgriffen. Eine hervorragende Ausstellung zu
einem uferlosen Thema. Rudolf Walther
Schwarze Romantik Städel-Museum
­Frankfurt, bis 20. Januar 2013, Katalog 34,90 €
Kultur 15
F o t o S : P r i vat b e s i t z e r w i n j ö r i s , p r i vat b e s i t z a n d r e a s p e t e r s e n ( u n t e n )
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
Erwin Jöris mit Freunden bei einem Ausflug im Jahr 1931. Sechs Jahre später als Gefangener in Lubjanka und schließlich am Tag seiner Hochzeit 1949 vor dem Lichtenberger Standesamt. Mit Gerda Jöris
Der Zeuge, der keiner sein durfte
Schicksal Erwin Jöris saß in fast allen Lagern des 20. Jahrhunderts. Am 5. Oktober wird der Kommunist nun 100 Jahre alt. Über ein Ausnahmeleben
■■Andreas Petersen
D
ie Biografien deutscher Kommunisten im Sowjetexil wurden in den Terrorjahren
1937/38 entschieden. Damals
nämlich wurden mehr von ihnen ermordet als unter Adolf Hitler. Diese
Jahre waren eine Wasserscheide. Und auch
Erwin Jöris, 1912 geboren und ein Berliner
Urgestein, überlebte damals nur mittels eines hochriskanten Unterfangens. Der ehemalige Lichtenberger Unterbezirksleiter des
Kommunistischen Jugendverbandes hatte
kommen sehen, dass die sowjetischen Genossen ihn nach Sibirien bringen wollten
und beantragte deshalb in der nationalsozialistischen Botschaft in Moskau einen Pass
für Deutschland. In Berlin erwartete ihn ein
Prozess wegen Hochverrats.
Dieser Plan brachte ihm eine Verhaftung
durch den sowjetischen Geheimdienst ein.
Nach qualvollen Monaten im berüchtigten
Untersuchungsgefängnis Lubjanka lieferte
man ihn dann doch an die Gestapo aus. Die
ließ ihn nach einem halben Jahr laufen,
wohlwissend, dass ihm im mittlerweile
braunen Lichtenberg des Jahres 1938 kaum
einer mehr über den Weg trauen würde.
Lubjanka, Sonnenburg
Dennoch wollten einige der ehemaligen Jugendgenossen, mit denen er als Frontmann
in die Straßenschlachten der untergehenden Weimarer Republik gezogen war, von
ihm wissen, wie es in Moskau gewesen war.
Aber Erwin Jöris schwieg. Er wollte ihnen
nicht die Hoffnung nehmen und mit der
Wahrheit über den Stalinismus den Nazis
in die Hände spielen. Und er dachte dabei
an seine erschossenen Freunde aus dem
Untergrund, und an die SA-Keller, in denen
er traktiert wurde, das Konzentrationslager
Sonnenburg, wo er Carl von Ossietzky und
Erich Mühsam begegnet war. Erst als 1939
der Hitler-Stalin-Pakt bekannt wurde, grinste er die an, die ihn für einen NS-Spitzel gehalten hatten: „Na, darf ich euch zur neuen
Freundschaft gratulieren?“
Dann wurde Erwin Jöris eingezogen und
musste mit der Wehrmacht gen Osten – in
einen Krieg, gegen den er all die Jahre gekämpft hatte. Als LKW-Fahrer für ein Militärkrankenhaus in der West-Ukraine verbrachte er die Kriegsjahre und überlebte
den Rückzug nur knapp. In den endlosen
Gefangenenzügen nach der Kesselschlacht
von Halbe humpelte er schwer verwundet
Richtung Osten und landete schließlich in
einem sowjetischen Gefangenenlager vor
den Toren Moskaus. Den Ort kannte er von
seiner Komintern-Zeit, als sie zu Sonntagsausflügen vom berühmten Hotel Lux auf-
gebrochen waren. Aber die Zeit verschwieg
er. Anfang 1946 stand er wieder in der Lichtenberger Kohlehandlung seines Vaters.
Was sollte werden? Wieder trat er in die
KPD ein und damit auch bald in die SED.
Aber da waren seine Mitgenossen aus der
Weimarer Zeit, Moskau-Überlebende wie er.
Von der Parteispitze hatten nur drei Männer
die Sowjetunion überlebt: Wilhelm Florin,
Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht. Im Chor
der Rückkehrer sang man propagandistische Loblieder auf das „Vaterland der Werktätigen“ und schwieg über den Großen Terror von 1937/38. Man einigte sich auf eine
„Verschwörung des Schweigens“. Sie wurde
das Politikfundament des neuen Staates.
Jöris arbeitete hart, suchte alte Genossen
auf und ging mit ihnen zu den Parteiveranstaltungen. Aber die herablassende Art der
nun zurückkehrenden stalinistischen AllesWisser, die die Kominternschulen durchlaufen hatten, ärgerte ihn. Jene, die zwölf
Jahre im Untergrund ausgeharrt hatten,
sollten nun nach ihrer Pfeife tanzen. Vor
allem aber brachte ihn die schnelle Parteiaufnahme ihrer ehemaligen Feinde auf.
„Und schon lief mancher von den alten Nazis mit dem SED-Parteibombel rum und
stand als Kandidat auf der Einheitsliste.“ Da
schwieg Jöris nicht mehr und erzählte von
den Moskauer Schreckensjahren.
Im Dezember 1950 wurde er in seiner
Ost-Berliner Wohnung verhaftet, saß Monate in den unterirdischen Zellen des UBoots in Hohenschönhausen und wurde
schließlich von einem russischen Militär-
Weder in der
DDR noch im
Westen wollte
man seine
Geschichte hören
Jöris im Alter von 90 Jahren
tribunal unter den gleichen Anwürfen wie
1937 – konterrevolutionäre-faschistische
Tätigkeit – zu 25 Jahren Gulag verurteilt.
Wieder stand er gedrängt in einem Gefangenenwagen im Berliner Ostbahnhof. Diesmal ging es nach Workuta, ins Ewige Eis.
Unter dem dauergefrorenen Boden im hohen Norden der Sowjetunion, in 900 Meter
Tiefe, schlug er Kohle, zusammen mit einem der schlimmsten Wärter und Mörder
aus dem KZ Sachsenhausen.
Hohenschönhausen, Workuta
Dann starb Stalin, der Lageraufstand in
Workuta wurde zusammengeschossen,
und Konrad Adenauer holte nach seinem
Besuch 1955 alle deutschen Kriegsgefangenen heim. Ausgemergelt bis auf die Knochen stand Erwin Jöris fünf Jahre nach seiner Verhaftung auf der Berliner Stalinallee
vor seiner Frau Gerda, die nicht gewusst
hatte, ob er überhaupt noch lebte. Zwei
Tage später flohen die beiden in der Straßenbahn nach West-Berlin und fanden sich
schließlich in Köln in einem ehemaligen
Tanzsaal mit 30 Familien wieder.
Und seine Erfahrungen? Es war wenig
Zeit zum Erzählen. Das Leben musste sich
auch in Westdeutschland neu erfinden. Oft
arbeitete er zwei Schichten hintereinander
in einem Lebensmittelkühlhaus. „Aber eigentlich gab es mich gar nicht“, sagt er. „Es
war immer nur die Rede von ‚den letzten
deutschen Kriegsgefangenen’, den verurteilten Kriegsverbrechern. Die DDR leugnete die vielen Politischen unter den Verschleppten, und der Westen erwähnte sie
nicht.“ Nur einmal, als im Betrieb das Gerücht aufkam, dass er wegen seiner vermeintlichen SS-Mitgliedschaft so spät entlassen worden war, stand er bei einer Betriebsversammlung auf. „Da musste ich
mal ein paar Dinge zu meinem Lebensweg
klar stellen“, erklärt Erwin Jöris.
Es war Wirtschaftswunderzeit, Zeit des
Vergessens, die Frontstadt Berlin weit weg,
irgendwann kam der sogenannte Wandel
durch Annäherung. „Für Stasi, Hohenschönhausen oder Workuta interessierte
sich hier keiner“, sagt er. Und selbst unter
denen, die auf das Unrecht im Osten aufmerksam machen wollten, blieb er ein Spezialfall. Jöris ging zwar zu den Treffen der
Opferverbände oder erzählte auf antikommunistischen Tagungen seine Erlebnisse.
Aber man blieb auf Distanz. Der ehemalige
Kommunist war suspekt.
Seine Geschichte störte die große Machtlosigkeitserzählung der Nachkriegsjahre
mit ihren Ausflüchten, dem Gedruckse um
politische Ahnungslosigkeit und den geschönten Familiengeschichten. Vom Widerstand wollte man nichts hören. Den
kommunistischen verschwieg man.
Und im Osten? Seine einstigen Genossen
wucherten nach den Moskauer Überlebensjahren mit dem Pfand ihrer Biografien:
kommunistische Jugend, Illegalität, Konzentrationslager, Komintern-Schulung. Sie allein hatten Hitler besiegt. Es war die Hochzeit der Polit-Legenden. Dabei war derjenige,
der Jöris immer wieder denunziert hatte,
nun auserkoren zum Botschafter in Nordkorea. Ein anderer stieg zum entscheidenden
Mann der Volkspolizei in Görlitz auf, verantwortlich für viele politische Verhaftungen.
Ein Dritter baute die Staatssicherheit in
Sachsen auf, nachdem er in der Krankenbaracke des KZ Buchenwald in eigenmächtiger
Selektion für den Tod von 176 Mithäftlingen
verantwortlich geworden war.
Erwin Jöris kommentierte dies in seiner
Art: „’Hättste dich man gut gestellt mit der
DDR, dann hättste heute einen hohen Posten’, hat mancher zu mir gesagt. Aber dann
hätte ich ja alles runterschlucken müssen:
den ganzen Verrat, die Verhaftungen, den
Terror, die Lager. Wo wäre ich dann heute?
Einer von diesen Verbrechern.“ Überlebt
hat der heute Hundertjährige sie alle, in
der kleinen Kölner „Rückkehrer“-Wohnung,
die ihm 1956 zugewiesen worden war.
Andreas Petersen ist Historiker
und veröffentlichte soeben die Biografie
von Erwin Jöris Deine Schnauze wird
dir in Sibirien zufrieren
Anzeige
16 Literatur
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
Der treue
Marxist
Nachruf Eric Hobsbawm,
der große Historiker
des 20. Jahrhunderts, ist tot
■■Martin Kettle, Dorothy Wedderburn
Martin Kettle und Dorothy Wedderburn
sind Autoren des Guardian.
Übersetzung der gekürzten Fassung:
Zilla Hofman
f o t o : K ata r i na S u n d e l i n / p h o t o a lt o / DPA
W
äre er vor 25 Jahren von uns
gegegangen, hätte es in den
Nachrufen geheißen, er sei
der angesehenste marxistische Historiker Großbritanniens gewesen – und dabei wäre es geblieben. Nun ist Eric
Hobsbawm mit 95 Jahren gestorben,
und er hatte eine einzigartige Stellung
erreicht. Er ist zum wohl geachtetsten
britischen Historiker überhaupt geworden, der sowohl im rechten, als auch im
linken politischen Lager Anerkennung,
wenn nicht Zustimmung erfahren hat,
auch international. Das ist nur sehr wenigen Historikern irgendeiner Zeit gelungen.
1917 als Sohn jüdischer Eltern in Ägypten geboren, verbrachte er seine Jugend
in Wien, Berlin und London. In Deutschland kam er 1933 erstmals mit der KPD
in Kontakt – wenige Tage vor der Machtergreifung Hitlers. „Es war unmöglich,
sich von der Politik fernzuhalten, die
Monate in Berlin machten mich zu einem lebenslangen Kommunisten“, sagte
er einst. Über ein halbes Jahrhundert beseelte die sozialistische Idee sein Schreiben, und gerade als sie sich in historischer Verwirrung und schlimmeren Zustand befand, als ihm selbst bewusst
war, begann Hobsbawms Renommee zu
wachsen. Noch mit 94 veröffentlichte er
Wie man die Welt verändert, eine energische Verteidigung der anhaltenden Relevanz Marx’ in den Nachwehen der Bankenzusammenbrüche zwischen 2008
und 2010.
Seine wichtigste Arbeit war sicher die
Zeitalter-Serie, die er mit dem 1962 mit
dem Buch Europäische Revolutionen.
1789 bis 1848 begann. 1975 folgte Die Blütezeit des Kapitals, 1987 dann Das imperiale Zeitalter. Der vierte Band mit dem
Titel Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts (1994), war
zwar der eigenartigste und spekulativste, aber auch der bemerkenswerteste
und großartigste von allen.
Was an diesem Autoren so einzigartig
war: Eric Hobsbawm konnte immer zum
großen Schwung ausholen, kombinierte
die Weite seiner Gedanken aber mit aufschlussreichen Anekdoten und statistischem Wissen. Er hatte Auge fürs Detail
und die Bedeutsamkeit von Ereignissen
und Worten, aber seine absolute Stärke
war vielleicht, wie er all diese Beobachtungen zusammenführen konnte. Das
machte seine Bücher schon bei Erscheinen zu Klassikern.
Im Zweifel schnell ans Meer, dann schreibt man, was das Herz begehrt
Für die Dame ein Roman
Deutscher Buchpreis Egal, welcher Autor auf der Shortlist fehlt: Mit den üblichen Kriterien ist die Auswahl nicht zu erklären
■■Katrin Schuster
I
m Gegensatz zur Shortlist des Deutschen Buchpreises ist die Kritik an
diesem Preis nur selten überraschend. Alle Jahre wieder lauten die
Einwände: Der fehlt, die fehlt, der
gehört da nicht hin, die gehört da nicht
hin. Das Konzept als solches steht dagegen
kaum mehr zur Diskussion.
Vor vier Jahren, im Herbst 2008, brach
sich noch ein fundamentaler Unmut Bahn.
Daniel Kehlmann kritisierte in der FAS die
Preisverleihung, bei der Autoren „nebeneinander vor die Kamera“ gesetzt würden „wie
Schlagersänger in einer Castingshow“. Mehrere Schriftsteller, darunter die BuchpreisGewinnerin Julia Franck, pflichteten ihm
bei. Eine Kritikerin erinnerte jedoch an „die
Damen um die 60, deren Herzen & Portemonnaies mit dem Deutschen Buchpreis
erobert werden sollen“. Und der Vorsteher
des Deutschen Börsenvereins tröstete den
Beschwerdeführer: Kehlmann sei doch das
beste Beispiel, dass man, auch ohne Buchpreisträger zu sein, gut verdienen könne. Als
sei es dem Autor ums Geld gegangen.
Dass der Buchpreis, der sich stets als heiteres, fortgesetztes Aussortieren präsen-
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edition text+kritik
Zum 80. Geburtstag von Edgar Reitz
Film-Konzepte 28
Herausgegeben von
Thomas Koebner und Fabienne Liptay
Edgar Reitz
Edgar Reitz
n
e
u
2012/9
edition text+kritik
Von den jungen Filmemachern, die 1962 das
Oberhausener Manifest unterschrieben,
mit dem sie einen neuen deutschen Film
und die Abkehr vom alten Kommerzbetrieb
forderten, gehört Edgar Reitz zu den wenigen, die sich in der Praxis behaupten und
neue Maßstäbe setzen konnten. Das Heft
enthält unter anderem Beiträge von Weggenossen, die sich mit beharrlichem Interesse
der Arbeit des großen deutschen Filmemachers widmen, der nach langer Pause in
diesem Jahr, in dem er am 1. November
seinen 80. Geburtstag feiert, den Kinofilm
»Die andere Heimat« in deutsch-französischer Koproduktion inszenierte.
Film-Konzepte 28
Film-Konzepte
Herausgegeben von Thomas Koebner
und Fabienne Liptay
Heft 28
EDGAR REITZ
etwa 100 Seiten, ca. € 20,–
ISBN 978-3-86916-206-5
Levelingstraße 6 a
81673 München
[email protected]
www.etk-muenchen.de
tiert, allein als nationale Produktprämierung taugt, bedeutet bereits sein Name,
und am besten beweist dies der 2010 ausgezeichnete Roman Tauben fliegen auf der
Schweizerin Melinda Nadj Abonji, der sich
merklich schlechter verkaufte als die Bücher der bisherigen Gewinner.
Mit den üblichen Kriterien ist der Shortlist des Deutschen Buchpreises mithin
nicht beizukommen. Wer moniert, dass der
oder die darauf fehle, misst mit den falschen Maßstäben. Um über die Shortlist zu
sprechen, muss man nicht die Literatur,
sondern die Tauglichkeit der Romane im
Blick haben: als deutsche Produkte, als Eroberer der Herzen und der Portemonnaies
der Damen um die 60.
Ein Punkt extra
Beginnen wir mit der einfachsten Kategorie, dem Geldbeutel. Das mit 29,90 Euro
teuerste Buch auf der diesjährigen Shortlist
ist Ursula Krechels Roman Landgericht
(Jung & Jung). Es folgen Indigo von Clemens
Setz und Fliehkräfte von Stephan Thome zu
je 22,95 Euro (beide Suhrkamp). Die verbleibenden drei Bücher sind für je 19,95 Euro
zu haben: Robinsons blaues Haus von Ernst
Augustin (C.H. Beck), Sand von Wolfgang
Herrndorf (Rowohlt) und Nichts Weißes
von Ulf Erdmann Ziegler (Suhrkamp). Womit noch nichts entschieden ist, denn da
wäre ja noch das Preis-Leistungs-Verhältnis. Das ist bei Sand dank der 475 Seiten am
besten, da Robinsons blaues Haus und
Nichts Weißes weniger verzeichnen (319
bzw. 257 Seiten) und vergleichbar dicke Bücher (Indigo mit 477 und Fliehkräfte mit 474
Seiten) drei Euro teurer sind.
60-jährige Damenherzen wiederum
könnten vielleicht lyrisch klingende Frauenbeschreibungen wie „Sie hatte die Schwerelosigkeit von Aktmodellen, die nicht zögern,
splitternackt am Jasmintee zu nippen“ und
religiös aufgeladenen Figurennamen erobern: ein Punkt extra für Nichts Weißes.
Leer in der Gefühlskategorie gehen in jedem
Fall Indigo und Sand aus. Clemens Setz’ Roman dürfte die Zielgruppe sogar ordentlich
verstören (genau darum geht es ja): Julia ist
vor allem damit beschäftigt, ihren Freund,
den stets Psychose-paraten Mathematiklehrer Clemens Setz, der sich auf der Spur einer
Krankheit namens Indigo befindet, ins Lot
zu bringen. Und Robert, ein ehemals an Indigo Erkrankter, lobt an seiner Beziehung
gleich mehrmals, dass seine Freundin Cordula seit drei Jahren „gut eingestellt“ sei.
In Wolfgang Herrndorfs Roman findet
man zwar erotische Momente, doch denen
19,95 Euro
sticht: Doch
der Preis allein
ist nicht
­entscheidend
ist nicht zu trauen, da Sand – welch trefflicher Titel! – von der Zerstreuung der Zeichen und ihrer Bedeutung handelt, und
menschliche Konstellationen deshalb lieber als literarische denn als herzergreifende Phänomene begreift. Ähnlich Robinsons
blaues Haus, in dem der Ich-Erzähler – ein
Mann mit vielen Namen, der sich ständig
auf der Flucht befindet – plötzlich feststellen muss, dass sein ersehnter Freitag eine
Frau ist, von der er allerdings nicht mehr
erblickt als ihren Schritt.
Auch Landgericht punktet nur auf den
ersten Blick in der Herz-Kategorie. Im Zentrum steht die Ehe von Richard und Claire
Kornitzer, die vom Nationalsozialismus
auseinander gerissen wird, da Richard Jude
ist und nach Kuba emigriert, während die
beiden Kinder nach England verschickt
werden. Auf ein Happy End wartet man
vergeblich. Richard kehrt zurück, das Paar
findet wieder zusammen, die Kinder aber
sprechen kaum mehr Deutsch und wissen
mit ihren Eltern nichts anzufangen. Die
Frage nach Entschädigung und Gerechtigkeit, aus der Richard nicht mehr herausfindet und die das Nachkriegsdeutschland mit
perfider Bürokratie beantwortet, stellt Krechel, mithilfe dokumentarischen Materials,
auf poetisch kluge Weise.
Probleme wegschwimmen
Am besten geeignet für das Damenherz
dürfte Fliehkräfte sein: Der Professor Hartmut Hainbach geht auf die 60 zu, als ihn
Zweifel an seinem Leben ergreifen, weil seine Frau mittlerweile auf eigenen beruflichen Beinen steht und er im Job eine
schwere Entscheidung treffen muss. Also
begibt er sich auf eine Reise Richtung Süden, um endlich ans Meer zu gelangen:
„Die Fliehkräfte ruhen. Er schwimmt.“
Sowieso kann Thome bei „Damen“ gleich
welchen Alters punkten, denn ums Bürgerliche bemüht er sich redlich. Fliehkräfte
spielt im akademischen Milieu (auch nicht
mehr das, was es mal war!); die Probleme
sind privater Natur (die Tochter ist lesbisch,
der Seitensprung misslingt, im Eigenheim
hallt die Leere, der Garten verwildert) und
lassen sich folglich durch Reden, Schweigen oder eben Schwimmen lösen.
Noch passgenauer trifft das Ansinnen
des Deutschen Buchpreises, bedrucktes
Papier als tolles Produkt vorzustellen, nur
der Roman Nichts Weißes, da er von gedruckten Lettern und dem Lebensweg einer Typografin erzählt. Gegen dererlei Melancholien – wie der Buchpreis selbst eine
ist, weil er sich so ausdrücklich an den Begriff „Buch“ klammert – kommen weder
Landgericht noch Indigo noch Sand noch
Robinsons blaues Haus an: Ursula Krechel
zeichnet den von Rassisten eingeleiteten
und Juristen verantworteten Abstieg des
Richters Kornitzer nach; auch Setz und
Herrndorf unterminieren die sozialen
Konstrukte gründlich. Und Ernst Augustin
gebraucht den Durchschnittsbürger als
Einheitsmaske, die den Ich-Erzähler vor
seinen Verfolgern verbirgt. Jede seiner vielen Behausungen gleicht der anderen:
„Wenn ich jetzt den Kleiderschrank öffne,
hängen dort Mantel und Hut, oh ja, der
gleiche lehmgelbe Mantel und der gleiche
lehmgelbe Hut, auf dem Küchenregal liegt
das sehr schöne Eßbesteck aus Dresden,
auf dem Sofa die Komfortdecke […], sogar
die geliebte Flauschjacke befindet sich zusammengerollt auf dem Stuhl, wo sie hingehört.“
Und was ist mit dem Nationalen? Da
kann Augustin jedenfalls nicht punkten, da
die fortgesetzte Ortlosigkeit das literarische Prinzip von Robinsons blaues Haus ist.
Auch Indigo und Sand gehen in dieser Kategorie leer aus, beide Romane spielen
nicht in Deutschland. Landgericht, der die
Behauptung der Stunde Null und der Entnazifizierung auf so klare wie bittere Weise
widerlegt, darf eben deshalb kaum auf die
Bestsellerliste hoffen. Bleiben Fliehkräfte
und Nichts Weißes: gut fürs Herz, nie über
den Tellerrand des Bürgerlichen hinaustretend und das Deutsche höchstens vorsichtig in Frage stellend, jedoch stets mit einem
Hauch metaphysischen Begehrens überzuckert. Ach, wer wollte sich zwischen diesen
beiden entscheiden? Am besten, man lässt
es und liest stattdessen Sand, Indigo, Robinsons blaues Haus und Landgericht, denn
diese Romane glauben gerade nicht, die
Antwort schon gefunden zu haben, sondern sind weiterhin auf der Suche nach
(und, wie Indigo, manchmal sogar auf der
Flucht vor) dem, was Sprache sein und tun,
was sie beweisen und bedeuten kann.
Katrin Schuster ist Literaturwissenschaftlerin
Literatur 17
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
Apocalypse Anytime
Mit Wucht Karl Marlantes, ein
Veteran des Vietnamkrieges,
hat ­einen historischen
Kriegs­roman geschrieben, der
erschreckend gegenwärtig ist
Grenze zum Wahn überschreitet. Eine Wut
„auf die Felswand, die Verarschung, den
Hunger, den Krieg – auf alles“. Denn
schließlich wissen die Marines um den Betrug. Sie wissen, dass sie einen aussichtlosen Krieg kämpfen, in dem sie, wie es Marlon Brando in Apocalypse Now formuliert,
die „Laufburschen von Kolonialwarenhändlern“ spielen. Sarkastisch fragt ein Soldat aus Mellas’ Platoon: „Sagen sie mir einfach, wo das Gold ist. Das Scheißgold, oder
das Öl oder Uran. Irgendwas. Herrgott noch
mal irgendwas, wegen dem wir hier draußen sind. Einfach irgendwas. Dann würde
ich’s kapieren. Bloß irgendwelches Scheißgold, damit das alles irgendeinen Sinn ergibt.“ Doch Sinn ergibt auch die schlussendliche Rückeroberung des Matterhorns
nicht – sondern nur noch mehr Tote.
■■Nils Markwardt
B
is heute ist der Vietnamkrieg
eine offene Wunde im kollektiven Gedächtnis Amerikas. In
den Debatten über Irak und
Afghanistan wird er oft nur
„the V-word“ genannt, als handle es sich
um einen Dämon, dessen Namen man
nicht aussprechen darf. Über 60.000 USVeteranen haben sich mittlerweile das Leben genommen – mehr Soldaten, als damals im Krieg gefallen sind. Doch nicht
nur die Toten werfen einen langen Schatten auf Vietnam, auch die Pop- und Hochkultur wird nicht müde, an das Leid und
die Lügen zwischen Hanoi und Saigon zu
erinnern. Die unzähligen Protestsongs, Filme wie Full Metal Jacket, Platoon oder Apocalypse Now und die Texte Tim O’Briens
und Denis Johnsons bilden einen Kanon
gegen das Vergessen. In diesen reiht sich
mit Matterhorn nun ein weiterer fulminanter Roman ein, der in quälender Präzision und geradezu hyperrealistischem
Duktus davon erzählt, welches Grauen
Menschen zu ertragen vermögen. Bevor
man über diesen Roman sprechen kann,
muss man jedoch ein paar Dinge über seinen Autor wissen.
„Sagen Sie
mir einfach, wo
das Gold ist.
Das Scheißgold.
Oder das Öl“
Karl Marlantes, heute 67, studierte in Yale
und Oxford, bevor er sich 1968 als 23-jähriger Zugführer der US Marines freiwillig
nach Vietnam meldete. Dreizehn Monate
später kam er ebenso hoch dekoriert wie
gebrochen zurück. Gezeichnet vom Posttraumatischen Stresssyndrom ließ er seine
zahlreichen Auszeichnungen im Keller verschwinden, um das erlebte Grauen fortan
zu beschweigen. Doch Orden lassen sich
wegpacken, Erinnerungen nicht. Bald suchten Marlantes Flashbacks und unkontrollierte Wutausbrüche heim. Vietnam wollte
nicht vergehen. Er entschied sich für eine
Therapie, in deren Zuge er 1977 das Schreiben begann. Nach über 30 Jahren liegt das
fast 700-seitige Ergebnis vor: Matterhorn.
Ein autobiografisch inspirierter VietnamRoman, der amerikanische Kritiker bei seiner Veröffentlichung 2010 begeisterte und
nun in deutscher Übersetzung erscheint.
Dabei ist Matterhorn zunächst verhältnismäßig konventionell erzählt, sprüht
nicht gerade von sprachlicher Raffinesse
und bedient sich allerlei genretypischer
Klischees: ruppige Männerfreundschaften;
kaltblütige Stabsoffiziere; die einförmige,
mit Bourbon imprägnierte Etappe.
Doch Marlantes rührt aus diesen üblichen Versatzstücken eben nicht die gängige Kolportage aus Heldenmut und Opfertod an, sondern dringt in einer überwälti-
foto: Bettmann/CORBIS
Orden lassen sich wegpacken
Aufbauen, abziehen, zurückerobern: Marlantes schildert die ganze Sinnlosigkeit des Grauens
genden und schonungslosen Wucht zum
inneren Kern des Krieges vor.
Die Sinnlosigkeit des Grauens dokumentiert bereits die Rahmenhandlung. Winter
1969, vietnamesischer Dschungel an der
Grenze zu Laos: Man folgt dem jungen und
unerfahrenen Offizier Waino Mellas, der mit
der Bravo-Kompanie der 5. Marineinfanteriedivision eine Feuerunterstützungsbasis
(FSB) auf einer Bergkuppe errichtet. Kaum
ist das Matterhorn, wie die FSB von den Soldaten getauft wird, fertig gestellt, wird die
Kompanie jedoch zu einer großangelegten
Operation in den Süden verlegt. Wenige Wochen später lautet der Befehl, das mittlerweile von der nordvietnamesischen Armee
besetzte Matterhorn wieder zurückzuerobern. Was zunächst wie eine militärstrategische Groteske erscheint, eröffnet sich bald
als Modus Operandi eines Kriegs, dessen
einziges Ziel die blutige Zermürbung ist. Zunehmend erkennt auch Mellas’ Kompanie,
dass man sie als menschliche Manövriermasse verheizt: Sie werden so lange in den
Busch geschickt, bis die Kill Ratio, das Verhältnis von eigenen und feindlichen Verlusten, befriedigend erscheint.
Multirassistisches Milieu
Darüber hinaus kämpfen Mellas’ Marines
gegen zwei weitere Gegner. Zum einen gegen den unendlichen Dschungel, der die
Soldaten mit seiner meterhohen Vegetation aus Bambus und Elefantengras regelrecht verschluckt, um sie Wochen später
als knochige Gespenster wieder auszuspucken. Denn selbst ohne Feindkontakt entlässt diese grüne Hölle – in der Blutegel
unaufhaltbar den Körper befallen, Dschungelfäule die Haut mit Eiter überzieht und
Moskitos die zerebrale Malaria hinterlassen – nur „weggeworfene Lumpenpuppen“.
Zum anderen führen sie aber auch einen
Kampf gegen sich selbst. Die Marines sind
nicht nur Exporteure des Todes, sie beliefern den Dschungel auch mit heimischem
Rassismus. Fernab der offiziellen Rhetorik
von treuer Kameradschaft offenbart sich
das Marine Corps als multirassistisches Milieu, in dem Weiße Schwarze hassen,
Schwarze Weiße hassen und Schwarze und
Weiße gemeinsam die Gooks hassen.
Unglaublich stark ist der Roman vor allem dann, wenn er den Krieg minutiös als
steten Prozess psychischer Zerrüttung
nachzeichnet. In mikroskopischen Nahaufnahmen illustriert Marlantes immer wieder, wie in den Sekunden bevor „weiches
Fleisch gegen heißes Metall anrennt“
Panik­attacken den Körper durchziehen,
wie leere Mägen vor Angst erbrechen und
zitternde Hände sich für die Ewigkeit in
den nassen Lehmboden zu krallen versuchen. Er zeigt, wie im Angesicht des zu erklimmenden Matterhorns die Wut die
Die GIs in Matterhorn firmieren aber
nicht nur als Opfer machthungriger Politiker und seelenloser Generäle. Schließlich
sind sie es, die in diesem „endlosen Tanz
der Infanterie“ töten – aus Angst, aus Freude, auf Befehl. Deshalb entbehrt Matterhorn jedweder patriotischen Mythisierung. Der Krieg entlässt hier nur jene als
Helden, die er zuvor zu „Tiermenschen“
gemacht hat.
Matterhorn ist einerseits ein sehr amerikanischer Roman. Nicht nur, weil seine
Sprache sich maßgeblich aus den Eigenheiten und Codes des Army-Slangs speist, sondern auch, weil die Erzählperspektive nicht
über den Blick des US-Offiziers hinausgeht.
Vietnamesen tauchen nicht als individuelle Charaktere, sondern lediglich als schablonenhafte Chimären auf. Und doch ist
Matterhorn auch ein Roman, der etwas
sehr Universelles erzählt. Wie der Journalist und Dokumentarfilmer Sebastian Junger, der mit War eine hoch gelobte Reportage über den Afghanistankrieg schrieb,
bereits richtig in der New York Times bemerkte, ist Matterhorn nämlich nicht nur
ein Buch über den Vietnamkrieg, sondern
ein Buch über jeden Krieg. Es ist eine überwältigende und gleichsam verstörende Geschichte über Angst, Schuld, Hass, Wut,
Wahn, Verzweiflung und Tod. Die ewige Geschichte des Krieges.
Matterhorn Karl Marlantes
Arche 2012, 672 S., 25,70 €
Nils Markwardt besprach für den Freitag auch
Jonathan Littells Notizen aus Homs
Oksanen - freitag neues Format_320 - 112 27.09.12 16:59 Seite 1
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»Ein Roman von großer
erzählerischer Kraft«
taz
Deutsch von
Angela Plöger
Gebunden
496 Seiten
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© Toni Härkönen
»Bulimie als Metapher für ein Leben in der Ost-West-Kluft« (taz) – ein
furioser Roman über ein in der Literatur bisher nicht beachtetes Thema.
Sofi Oksanen kommt nach Deutschland: 8.10. Stuttgart | 9.10. München | 10./11. Frankfurt / Buchmesse
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18 Literatur
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
Werkgenetische Isolierung
Widerrede Céline war ein herausragender Schriftsteller – und Antisemit. Daran lässt sich nichts beschönigen, auch wenn Philippe Muray das versucht
■■Bettina Hartz
L
f o t o : S pa a r n e s ta d / R u e d e s A r c h i v e s / S Z P h o t o
ouis-Ferdinand Céline ist einer
der problematischsten Fälle der
französischen Literatur: An ihm
diskutieren unsere europäischen
Nachbarn seit Jahrzehnten die
Frage, ob ein Schriftsteller nach rein ästhetischen Kriterien beurteilt werden sollte,
oder auch nach seinem Charakter, seiner
Lebensführung und den von ihm geäußerten Ansichten. Die Frage also nach Leben
und Kunst, Ästhetik und Moral.
Wie Knut Hamsun, Carl Schmitt, Ezra
Pound, Martin Heidegger und Ernst Jünger,
gehört Céline zu den politisch kontaminierten Autoren. Sein Erstling Reise ans Ende
der Nacht ist 1932 ein durchschlagender Erfolg. Céline erfindet darin ein neues Französisch, aus Bettlerjargon und Hochfranzösisch verschmolzen, mit Wortschöpfungen
und Lautmalereien gespickt, den Satzbau
zerhackt in einem Gestus von Hysterie und
Paranoia, in dem sich die Brutalität, der Nihilismus, die Anarchie, die Angst von einem
spiegelt, der durch die Hölle des Ersten
Weltkriegs gegangen ist. Auf diesen Roman
jedoch folgen zwischen 1937 und 1941 drei
Pamphlete, Bagatelles pour un massacre,
L’École des cadavres und Les Beaux Draps,
die durch ihren extremen Antisemitismus
und Rassismus schockieren.
Die Tragödie als Farce
Es folgt die Kollaboration mit den Deutschen während der Okkupation. 1944 flieht
Céline nach Deutschland, dann nach Dänemark, um dem absehbaren Todesurteil zu
entkommen. Jede Beschäftigung mit Céline, und sei es eine rein werkimmanente,
sieht sich daher zu einer Positionierung gezwungen; selbst die Edition seiner Werke,
über Jahrzehnte lückenhaft, zeugt von den
Schwierigkeiten, jenseits des Entsetzens, ja
Ekels, eine Form zu finden, die Rezeption
zulässt. Die meisten Kritiker und Exegeten
ziehen sich damit aus der Affäre, dass sie
die verstörenden Fakten kurz erwähnen,
die Pamphlete ästhetisch abwerten und
das Werk auf die Romane reduzieren. Bevorzugt auf die Reise ans Ende der Nacht,
das Werk „davor“, das man als noch unproblematisch sieht – eine Auffassung, die erst
der französische Kulturkritiker Philippe
Muray 1981 in seinem gut 260 Seiten starken Essay Céline demontiert.
Jetzt, 31 Jahre später, ist diese umfangreiche Analyse auch auf Deutsch erhältlich.
Muray unternimmt darin den Versuch,
Werk, Werkphasen und Autor nicht auseinander zu dividieren, sondern zu fragen,
welche Linien sich durch all das ziehen und
ob Céline vor den Pamphleten tatsächlich
frei von Antisemitismus war. Die deutsche
Übersetzung erlaubt dabei nicht nur einen
anderen Blick auf Céline, sondern auch einen ersten Blick auf Muray, der in Deutschland wenig bekannt ist und bislang kaum
übersetzt wurde.
Philippe Céline (1894 – 1961); hier in der Wohnstube seines letzten Domizils in Meudon
Muray, 1945 geboren und vor sechs Jahren an Lungenkrebs gestorben, zählt mit
seinen Thesen zur Herrschaft des Guten
(L’Empire du Bien von 1991 ist eines seiner
Hauptwerke) zur Posthistoire und mit dem
von ihm geprägten „Homo festivus“ zu den
„nouveaux réactionnaires“, einer Gruppe
von Intellektuellen, die sich als Verfolgte
der linken Konsenskultur inszenieren, in
der Rolle des Außenseiters gefallen und
dem vorgeblich siegreichen Geist von 68
den Krieg erklärt haben. Céline taugt hier
als Identifikationsfigur, auch wenn das,
etwa bei Michel Houellebecq, eher wie die
Wiederkehr der Tragödie als Farce wirkt.
Célines Literatur
­verkörpert ­
die Grund­
erfahrung des
20. Jahrhunderts
Muray immerhin bemüht sich darum,
einmal den ganzen Céline in den Blick zu
bekommen. Für ihn gibt es nicht drei Célines – den guten Schriftsteller, den bösen
Pamphletisten und schließlich den Menschen –, sondern nur einen, ungeteilt. Der
Bruch verläuft für Muray nicht innerhalb
Célines, sondern zwischen Céline und allen
und allem anderen. Ausgenommen von
der Célinschen Negation sei allein das
­Schreiben, das es ihm erlaube, von dem
Empfinden zu sprechen, dass der Krieg nie
aufhört, und von der Angst vor dem Sterben, das immer weitergeht und in dem jeder total allein ist. Céline habe zwar überlebt, schreibt Muray, gleichwohl habe der
Krieg, der vom Frieden ununterscheidbar
geworden sei und unaufhaltbar auf einen
neuen Krieg zusteuere, ihn in das Lager der
Toten katapultiert. Céline schreibe von der
„anderen Seite des Lebens“, von jenseits
des Todes. Seine Literatur verkörpere die
Grunderfahrung des 20. Jahrhunderts: die
totale Zerstörung.
So weit kann man Muray trotz vieler
dunkler Stellen in seinem Buch gut folgen;
wenn er sich aber an die Erklärung des Célineschen Antisemitismus macht, beginnt
er einerseits eine sexualisierende, psychologisierende Argumentation, die vollkommen krude ist, andererseits versucht er, die
Gruppe der Pamphlete anhand werkgenetischer und stilistischer Kriterien zu isolieren; die gewählten Zitate sind in Stil und
Gestus denen aus den Romanen aber so
ähnlich, dass man seiner Differenzierung
nicht zu folgen vermag. Den Verdacht, dass
die unterschiedliche Beurteilung der Werkgruppen doch kontextbedingt ist, widerlegt
Muray jedenfalls nicht.
Grotesk wie Satire
Vielleicht ist es so banal: Céline wird Antisemit, weil er einen Schuldigen sucht. Für
den Krieg, für den erfolglosen zweiten Roman, für die von den Opernhäusern abgelehnten Ballette, seinen Nihilismus, sein –
inszeniertes – Außenseitertum. Seine Anschuldigungen gegenüber der angeblichen
jüdischen Verschwörung sind so grotesk,
dass André Gide die Pamphlete für Satire,
für eine exaggerierte Parodie des Antisemitismus nahm.
Letztlich sind es aber nicht nur die Pamphlete, die ihren Autor als Antisemiten
brandmarken, sondern dass er sich im Leben konform zu ihnen verhalten hat. Anders als in seinen Romanen macht Céline
in den Pamphleten die Erfahrung seiner
selbst als eines von Angst beherrschten Parias nicht produktiv, sondern verkehrt sie
in den Wunsch, einmal selbst Täter und dadurch erlöst zu werden: indem er den anderen, der reine Projektionsfläche ist, zu
vernichten wünscht. Das Schreiben ist
nicht mehr Zweck in sich, frei in seiner Bewegung, es erstarrt zu Ideologie. Die in der
Realität, in der Céline hoffte, sich nicht länger als Opfer fühlen zu müssen, millionenfach die Erfahrungen reproduzierte, von
deren Brutalität er durchdrungen war.
Céline Philippe Muray Übersetzung Nicola Denis,
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der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
Monster
der Herzen
Kontextualisierung Der italienische Philosoph
Domenico Losurdo untersucht die
Legenden, die sich um Josef Stalin ranken
■ Sabine Kebir
D
omenico Losurdos Werke haben in den letzten Jahren
weltweit Beachtung erfahren.
Im Unterschied zu seiner
2009 auf deutsch erschienenen Nietzsche-Monografie handelt es sich
bei dem in Italien bereits in der dritten Auflage gedruckten und nun auch hier vorliegenden Stalin-Buch nicht um eine Arbeit,
die mit sensationellen Neuigkeiten aufwartet. Stalin. Geschichte und Kritik einer
schwarzen Legende wirft vielmehr methodische Fragen für das Geschichtsverständnis auf, die für Historiker selbstverständlich sein sollten, es aber nicht sind. Die
Verletzung gewisser Regeln hat erhebliche
Auswirkungen auf die Vermittlung von Geschichte in Medien und Lehranstalten. Das
Buch beschäftigt sich kritisch mit dem Reden über Stalin – und zwar weniger mit den
sowjetischen Lobpreisungen zu seinen Lebzeiten als mit den Diskursen, die im Westen
über ihn geführt wurden, und mit denen,
die seine Nachfolger auf und nach dem XX.
Parteitag produzierten.
Es ist kein Zufall, dass aus Italien, wo es
eine starke Hegel-Tradition gibt, vom dort
führenden Hegelianer Losurdo der Appell
ausgeht, an die verschiedenen Gesellschaftsformen und Persönlichkeiten in
Geschichte und Gegenwart die gleichen
Maßstäbe der Beurteilung anzulegen. Losurdo bekämpft bei der Popularisierung
von Geschichte den beliebten Trick, die
schlechten Taten des Gegners in Gegensatz zu den eigenen hehren Werten zu
stellen. Verglichen werden sollten jedoch
nur Taten einerseits und Wertesysteme
andererseits, wobei der Vergleich des Tuns
prioritär zu sein hat. Üblich ist es aber, die
eigenen schlechten Taten vergessen zu
machen – wie es zum Beispiel mit dem
Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern oder den Kolonialverbrechen
des Westens geschieht – und dem Gegner,
in diesem Falle Stalins Sowjetunion, zu
unterstellen, es verfüge über gar kein Wertesystem. Die so bewerkstelligte Dämonisierung führt im Falle Stalins dazu, dass
die rationale Auseinandersetzung mit ihm
von vornherein für abwegig erklärt wird.
So aber wird aus der geschichtlichen Erfahrung nicht gelernt, sondern nur das
Bedürfnis nach moralischer Bewertung
befriedigt.
Erschießung Berijas
Losurdo erinnert an vergessene StalinBilder des Westens, die heute erstaunen.
Wer weiß noch, dass Churchill 1943 in Teheran seinen damaligen Waffenbruder als
„Stalin den Großen“ ansprach und später
mehrfach äußerte: „I like that man.“ 1944
erklärte das amerikanische Time Magazine Stalin zum „Mann des Jahres“. Die Prozesse von 1937 fielen seinerzeit offenbar
nicht weiter ins Gewicht, man kürte den
Kremlchef sogar zum „genialen“ Feldher-
ren. Genau das Gegenteil behauptete dann
der XX. Parteitag der KPDSU. Und dieser
ist – mehr noch als der Kalte Krieg – für
Losurdo der Scheidepunkt in der Bewertung Stalins. Hier wurde er durch seine
Weggefährten vom Halbgott zu jener
„schwarzen Legende“ umgedeutet, als die
er heute allgemein gilt: „ein enormes, finsteres, kapriziöses, degeneriertes menschliches Monster“. Im Nachspiel, das nicht
mit rechtsstaatlichen Prozessen, sondern
mit der Erschießung Berijas vor dem Zentralkomitee begann, deutete sich bereits
an, dass die Nachfolger bei der Überwindung des strukturellen Stalinismus nicht
demokratisch vorgingen. Sie benötigten
das Monster vor allem, um sich selbst Legitimität zu verschaffen.
War Stalin nun Genie, Halbgott oder
Monster? Für eine Beurteilung sollten weder die ganz negativen noch die überschwänglich positiven Diskurse isoliert
1943 kürte das
„Time-Magazine“
Josef Stalin
zum „Mann des
Jahres“
und verabsolutiert werden. Losurdo plädiert dafür, sie alle zu problematisieren
und Stalin nicht nur im moralischem, sondern auch im historischen Kontext zu sehen – also die von ihm verantworteten Taten mit denen der Mächtigen seiner Zeit zu
vergleichen.
Skeptiker können fragen, ob man geschichtliche Fakten oder Persönlichkeiten
– etwa das KZ-System und den Gulag oder
eben Stalin und Hitler – überhaupt vergleichen dürfe. Führt das nicht in einen
Relativismus, der erklärt und entschuldigt? Vergleichen muss weder Gleichsetzen noch Entschuldigen bedeuten. Losurdo wendet sich gegen die gängige Verschwisterung von Stalin und Hitler. So
hatte sich die Lage der Juden in der Sowjetunion im Vergleich zum Zarenreich fundamental verbessert, Führungspositionen
besetzten sie sogar überproportional. Die
Lage änderte sich durch die antisemitischen Kampagnen an Stalins Lebensende
– einer der vielen Punkte, die eine Idealisierung untersagen.
Das dürfe man, so Losurdo, aber auch
nicht mit Trotzki tun, der oft als Gegenpol
gilt. Dessen Idee von der zu beschleunigenden Weltrevolution war außerhalb der russischen Welt illusorisch. Und sie hätte
Russland selbst überfordert. Wie volontaristisches revolutionäres Vorpreschen in
Korrekturen am
Stalin-Bild gab es immer
Katastrophen münden kann, offenbarte die
Zwangskollektivierung, die Stalin nach
dem radikalen Muster vorantrieb, das er
kurz zuvor Trotzki vorgeworfen hatte. Interessant ist Losurdos These, dass der Trotzkismus mit der Ausweisung Trotzkis keineswegs aus der sowjetischen Geschichte
verschwand. Er blieb eine Konstante bei allen, denen die Entwicklung zu langsam verlief. Das hielt das Land in einem schwelenden Bürgerkrieg und bestimmte immer
wieder Entscheidungen der Führung – wie
Chrustschows Versuch, Atomraketen auf
Kuba zu stationieren oder Breschnews Einmarsch in Afghanistan. Auch die radikalsten Entscheidungen Stalins entsprangen
dem Streben, revolutionäre Prozesse zu beschleunigen. Verdienste hat Stalin – laut
Losurdo – eher in der Revision einiger Utopien, die auf Marx und Lenin zurückgingen, wie die Vorstellung, dass Staat, Familie, Markt und sogar das Recht abgeschafft
werden könnten. Dass er in manchen linken Kreisen deshalb als Verräter galt und
dass die Durchsetzung der Revisionen mit
fehlerhaften, oft verbrecherischen Mitteln
geschah, ändere nichts an ihrer grundsätzlichen Notwendigkeit.
Seerechtsvertrag, den Hitler 1935 mit England in der Hoffnung schloss, dass es seine
kontinentalen Expansionsansprüche anerkennen würde? Der heute als einziger inkriminierte deutsch-sowjetische Vertrag
war der letzte, den ein Land mit Hitler vor
Kriegsbeginn schloss.
Losurdos Buch provoziert. Aber sein Anliegen ist es nicht, Stalin zu entschulden,
sondern zu verhindern, dass in seinem
Schatten Menschen- und Völkerrechtsver-
Domenico Losurdo Stalin. Geschichte und Kritik
einer schwarzen Legende Mit einem Essay von
Luciano Canfora, Papyrossa 2012, 22,90 €
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Occupy – Wie geht der Protest weiter?
Peter Mörtenböck und Helge Mooshammer, Autoren des
Buchs »Occupy. Räume des Protests«, diskutieren mit
Aktivisten die Perspektiven einer globalen Kultur des
Widerstands: Was hat sich mit den Besetzungen von
»Occupy« verändert und wie geht der Protest weiter?
Pakt Hitlers
Um sich vom historischen Relativismus abzugrenzen, schlägt Losurdo eine komparatistische Methode vor, die weder für postmoderne Parallelisierung von allem und
jedem plädiert, noch auf Bewertung nach
den Maßstäben des Menschen- und Völkerrechts verzichtet. So findet Stalins Bombenkrieg gegen Finnland und die Besetzung Ostpolens einschließlich des Massakers von Katyn zwar eine Erklärung als
Präventionsmaßnahme gegen den zu erwartenden deutschen Angriff. Dennoch
waren es Verstöße gegen Menschen- und
Völkerrecht.
Eine solche Beurteilung müsste, so führt
Losurdo aus, aber auch der Krieg der USA
gegen Kambodscha Anfang der siebziger
Jahre erfahren, bei dem mehr Bomben abgeworfen wurden als über Japan im Zweiten Weltkrieg – eine Präventionsmaßnahme im Krieg gegen Vietnam, bei der Hunderttausende Kambodschaner starben. Der
sie verantwortende Außenminister Henry
Kissinger ist Friedensnobelpreisträger.
Für ein umfassenderes Verständnis von
Losurdos Komparatistik sei darauf hingewiesen, wie der Autor das historische Umfeld des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts beschreibt. Zum historischen
Kontext gehört, dass Polen damals nicht
nur Opfer war. Es hatte sich 1938 durch das
Münchener Abkommen ermutigt gefühlt,
das zur Tschechoslowakei gehörende Teschener Olsagebiet zu okkupieren und war
seit 1934 mit Deutschland durch einen gegen Russland zielenden Nichtangriffspakt
verbunden. Ähnliche Verträge hatte Hitler
mit etlichen europäischen, darunter auch
den skandinavischen Ländern geschlossen.
Mit dem Vatikan kam es zu einem Konkordat. Wer spricht noch davon? Oder vom
brechen anderer verborgen oder verharmlost werden. Wer eine Welt von Gleichberechtigten anstrebt, sollte Geschichte unter
Anlegung gleicher Maßstäbe diskutieren.
Peter Mörtenböck,
Helge Mooshammer
Occupy
Räume des Protest
2012, 200 S., kart., 18,80 €
ISBN 978-3-8376-2163-1
Teilnehmer
• Peter Mörtenböck und Helge Mooshammer, Autoren
von »Occupy. Räume des Protests«
• Alexander Beck, konzipierte in Kassel das Projekt
Occupy d13
• Thomas Seibert, Philosoph und Aktivist in der Interventionistischen Linken (IL)
• Occupy Frankfurt (angefragt)
• Moderation: Rainer Winter, Autor von »Widerstand im
Netz«
Weitere Informationen unter:
www.transcript-verlag.de/fokus/occupy
Am 12.10.2012, 11 Uhr, Buchmesse Frankfurt,
Raum »ARGUMENT«, Halle 3.C, Westseite
»Nonfiction, die sich so elegant,
schillernd und abenteuerlich liest
wie ausgedacht.«
Johanna Adorján,
›Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung‹
Emmanuel Carrère erzählt in dieser
dokumentarischen Romanbiografie
die schillernde Geschichte Eduard
Limonows, einer umstrittenen
und widersprüchlichen Figur, er
rekonstruiert ein Leben, das ihn
fasziniert aber auch abstößt – und
skizziert wie nebenbei seine eigene
Annäherung an das heutige Russland.
Matthes & Seitz Berlin
www.matthes-seitz-berlin.de
Emmanuel Carrère
Limonow
414 Seiten, geb. mit SU
A. d. Franz. von Claudia Hamm
ISBN: 978-3-88221-995-1
24,90 € / 33,90 CHF
F O T O : D I M I TA R D I L K O F F /A F P/ G E T T Y I M A G E S
Literatur 19
20 Literatur
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
Schmerzkillerkunst
Cut-Up Durchschneiden und überkleben: Ein neuer Bildband bringt den Schriftsteller William S. Burroughs zurück in unser Gedächtnis
planten, experimentellen Roman-Triologie,
der Nova Triology, zusammenzufassen, von
der einige Originalseiten im vorliegenden
Buch zu sehen sind. Ihr Tun sprach sich
rasch herum, und es ist überliefert, wie Sa­
muel Beckett auf Burroughs trockenene
Bemerkung: „Wörter tragen keine Marken,
wie Rinder es tun. Oder haben sie jemals
von einem Wörter-Viehdieb gehört?“, auf­
gebracht erwiderte: „Das ist nicht Schrei­
ben, was sie tun, das ist Klempnern!“
1961 tritt ein Mathematik- und Compu­
terwissenschaftsstudent aus Cambridge
auf die Bildfläche und entwickelt gemein­
sam mit Gysin eines der ersten psychedeli­
schen Kunstwerke, die Dream-Machine. Ian
Sommerville wird Burroughs Geliebter, ge­
meinsam erarbeiten sie nach der Cut-Up
Technik erste Film- und Tonaufnahmen,
bis Burroughs aufgrund einer drohende
Klage wegen Drogenschmuggels die fran­
zösische Kapitale verlassen muss und zu­
rück nach Tanger flieht. Dort entstehen
neue Serien von Foto-Collagen, die sich
ebenfalls im Buch finden.
■■Corinna Koch
A
einem heißen Nachmittag des
Jahres 1951 schoss ein Mann
seiner Frau in Mexico-City
eine Kugel in die Stirn, nach­
dem Alkohol, Amphetamine
und Opiate die beiden zu einem WilhelmTell-Spiel verführt hatten. Und dann? Selt­
sam, aber der Lauf der Dinge wurde ange­
halten und das Treibgut der Moral im Krei­
se derer, die diesen Mann bedingungslos
verehrten, namentlich die jungen Beat-­
Poeten Allen Ginsberg und Jack Kerouac,
neu verteilt. William S. Burroughs kam frei,
musste allerdings das Land verlassen. Er­
leichterung verschaffte nur das Schreiben:
Sein Debütroman Junkie erschien 1953 und
leuchtete mit kaltem Licht in Winkel der
Nachkriegsgesellschaft, für die es bis dahin
weder Bewusstsein noch Namen gab.
Marokko, 1954: Burroughs geht durch
die staubige Hitze von Tanger. Er trägt wie
üblich Anzug, Krawatte und Hut. Um sei­
ne Lederschuhe neu zu binden, bückt er
sich und als er sich wieder aufrichtet, ist
es bereits Nacht. Der Drogenkonsum hatte
ihm die Kontrolle über die zahlreichen Er­
zählstränge seines neuen Manuskripts so
sehr entgleiten lassen, dass die treuen
Freunde Ginsberg und Kerouac aus New
York kommen mussten, um Ordnung in
die vielen hundert Seiten zu bringen. Es
war Kerouac, der schließlich den Titel
Naked Lunch für ein Buch fand, dem es ge­
lungen war, die Agenten der Macht zu be­
nennen und ihre Strukturen zu durch­
leuchten. Geschrieben von einem Mann,
den seine Drogensucht, seine Homosexu­
alität, seine Reputation als Frauenmörder
und nicht zuletzt seine psychische Sensi­
bilität zum unmöglichsten Menschen sei­
ner Zeit gemacht hatten. Aber seine Freun­
de gaben ihm weiter Rückhalt, erst Gins­
berg und Kerouac, dann auch Brion Gysin,
Ian Sommerville und Anthony Balch, de­
ren Wissen um darstellende Kunst, Ton­
technik und Informatik er aufsaugte.
a b b . : L O s a n g e l e s c o u n t y m u s e u m O F A R T / e s tat e of w i ll i a m s . b u rro u g h s
Ordnungs­organe
aufzuschlitzen,
bereitete
Burroughs das
größte Vergnügen
Skizzenbücher
In einem jetzt neu erschienen Buch CutUps, Cut-Ins, Cut-Outs: The Art of William S.
Burroughs kann man verfolgen, wie der
Künstler für seine Gedanken nicht nur eine
textliche, sondern auch eine visuelle Spra­
che fand. Unter den Dokumenten befindet
sich eine Reihe von bisher nicht gekannten
Arbeiten, die Burroughs mit der Emsigkeit
eines verrückten Professors zwischen 1951
und 1994 erstellte. Er durchschnitt, über­
klebte, übermalte und durchschoss vorge­
fundenes Bild- und Textmaterial und setze
dieses in schier nicht enden wollenden Se­
rien von Skizzenbüchern und Collagen wie­
der zusammen.
Diese Arbeit von Brion Gysin und Burroughs ist namenlos und um 1965 entstanden
Brion Gysin war es, der an einem Nach­
mittag 1959 diese legendäre Cut-Up-Me­
thode zufällig entdeckte. Wie Burroughs
hatte Gysin Tanger verlassen und sich in
einem „Beat-Hotel“ in der Pariser Rue Gîtle-Cœur einquartiert. Sobald Burroughs
die ihrer ursprünglichen Bedeutung ent­
hobenen Zeitungsnachrichten sah, erkann­
te er darin eine Methode, mit der er gleich­
sam an den Nullpunkt von Sprache und
Wahrnehmung vordringen konnte. Der
Gedanke, die Ordnungsorgane aufzuschlit­
zen, mit denen die Menschen gelernt hat­
ten, das Chaos im Zaum zu halten, bereite­
te Burroughs das größte Vergnügen, und
mit Gysin machte er sich daran, sowohl
seine eigenen, als auch die Texte anderer
zu zerstückeln und, angereichert mit Foto­
grafien, neu zu collagieren.
Fieberhaft erstellten die beiden immer
neue Bild-Text Collagen, um sie in einer ge­
Burroughs war einer der ersten, der die
Bewusstseinslage einer durchmedialisier­
ten Generation vorher gesehen hatte und
ihr den Weg wies. Ihm folgte ein ganzer
Schwarm von Künstlern wie Andy Warhol,
Laurie Anderson, Ian Curtis, Kurt Cobain.
William Burroughs selber, der trotz seines
Lebenswandels 81 Jahre alt wurde, hatte am
Ende die Geduld für diese sich endlos in die
Zukunft fortsetzende Arbeit verloren und
sich in seine eigene, schnarrenden Stimme,
die im Alter noch ein leichtes Zischeln am
Ende eines jeden Wortes entwickelt hatte,
verkrochen. Einer seiner letzten Tagebuch­
einträge wurde nach seinem Tod 1997 im
New Yorker veröffentlicht. Er lautetet: „Lie­
be? Was ist das? Der natürlichste Schmerz­
killer; den es gibt. LIEBE.“
William S. Burroughs: Cut-ups, Cut-ins,
Cut-outs Kunsthalle Wien Verlag für moderne
Kunst 2012, 176 S., 30 €
Corinna Koch ist die Bildband-Expertin
des Freitag
Sachlich richtig Literaturprofessor Erhard Schütz beschäftigt sich diesmal mit Lebensläufen, die der Realsozialismus schrieb
Honecker hasste Mundgeruch
Günter Mittag vom ZK war der
unangenehmste Esser und Trinker,
den Lothar Herzog zu bedienen
hatte. Herzog war nämlich „Perso­
nenschützer“ und Erich Honeckers
Kellner, 22 Jahre lang. Darüber hat
er jetzt ein Buch geschrieben. In all
den Jahren hat Erich Honecker (EH)
ihn wie Luft behandelt, weil der
Proletenstaatsoberste keine Diener
regieren, aber doch einen persön­
lichen haben wollte. Seine Säuer­
lichkeit hat er durch morgendlichen
Zitronensaft trainiert, wenn’s süßer
sein sollte, musste Langnese-Honig
aus dem Westen her. Und Margot
rauchte HB. Wer soll da nicht gleich
in die Luft gehen? Mit Herzog zie­
hen wir von Wandlitz nach Drewitz
über Hubertusstock und Döllnsee,
fliegen staatsbesuchend immer mit
in die weite, meist sozialistische
oder Dritte Welt, wo – Höhepunkt!
– Herzog aus Guinea eine Bananen­
staude illegal einführte. Hat den
Kindern geschmeckt! Und EH?
Einsam, einsam! Aber gern gejagt
hat er und gegen Günter Gaus
gewonnen: der hatte nur zwei,
EH aber 18 Haserln erledigt! Und
Mundgeruch hasste EH auch.
Mundgeruch war für Erwin Jöris
das Geringste, denn der hatte die
Schnauze bald voll. Half ihm aber
nicht; er musste mit seiner losen
Klappe durch die rotbraune Mühle
des Jahrhunderts. 1912 geboren als
Prolet in Lichtenberg, KPD-Jugend­
funktionär, ’33 abgetaucht, in die
Sowjetunion gegangen, dort 1938
vom NKWD als „faschistischer
Hetzer“ verschleppt, an die Nazis
ausgeliefert, als Soldat nach Russ­
land zurück, Kriegsgefangenschaft
in Sibirien, zurück nach Berlin,
bei den Genossen angeeckt, von
den Russen neuerlich verschleppt
und als Agent der Gestapo etc. zu
25 Jahren verurteilt, von denen
sechs in Sibirien abgearbeitet, zu­
rückgekommen. Eine gar nicht so
seltene Kommunistengeschichte.
Eine Zeitzeugengeschichte des Jahr­
hunderts. Was sie von anderen aus
der gewaltigen biografischen Welle
unterscheidet – dies ist kein Privat­
gejammer, sondern von einem ver­
sierten Historiker aufgezeichnet
und derart materialreich, zugleich
so gut strukturiert, dass man eine
plastische, komplexe Geschichte
des Jahrhunderts erhält, einge­
spannt zwischen ideologischen
Fronten und inhumanen Appara­
ten. Da sind 520 Seiten nicht zu viel.
Nach Sibirien ist Erika Riemann
nicht gekommen, auch wenn es
ihr angedroht wurde. Aber acht
Jahre in Bautzen, Sachsenhausen
und Hoheneck sind kaum weniger
menschenunwürdig, vor allem
wenn man mit 14 Jahren inhaftiert
wird. Keine 64 Gewaltdelikte wie
Mehmet, sondern lediglich eine
Schleife um Stalins Bart, gemalt
mit Lippenstift, trug ihr das ein.
Damit sie überhaupt eingesperrt
werden konnte, wurde sie von den
Sowjetbehörden zwei Jahre älter
gemacht. Erika Riemanns Buch da­
rüber ist 2006 zuerst erschienen,
nun als Taschenbuch zu haben.
Es schildert, was man gedankenlos
eine Odyssee zu nennen pflegt,
aber hier gibt’s keine Kirke, keine
Phäaken, sondern Hunger und
Herabwürdigungen, Prügel und
psychische Zusammenbrüche.
Das ist ebenso beeindruckend dar­
gestellt wie schlimm. Aber damit
hört das Buch nicht auf, sondern
zeigt, wie ein Leben buchstäblich
sich verläuft, das so beginnt
und von dem anschließend nicht
gesprochen wird. 45 Jahre dauert
es, bis Riemann mit sich im Reinen
ist. Mit 70 Jahren hat sie das auf­
geschrieben. Die Aufmerksamkeit
darauf bekam ihr nicht nur gut. Sie
wurde von Stefan Raab verhöhnt.
Das steht auf einem anderen Blatt,
kommt aber auch aus Menschen­
verachtung.
Noch einmal Zeitzeugen. Doppelt
– als Dokumentarfilmer Zeitbeglei­
ter der DDR, nun Rückblickende
auf diese Begleitung. Für Filminter­
essierte eine wahrlich ehrfurchts­
gebietende Versammlung. 21 RegieAutoren, darunter, um wenigstens
die zu nennen: Winfried und Bar­
bara Junge (Die Kinder von Golzow),
Volker Koepp (Sommergäste bei
Majakowski, Wittstock-Serie), Kurt
Maetzig oder Konrad Wolf. Das
Spektrum des Erzählten ist so groß
wie das der Themen und Arbeits­
bedingungen, Jahrgänge und Tem­
peramente. Entstanden ist ein be­
merkenswertes Kompendium zum
Dokumentarfilm der Defa, dessen
Ruhm ja nun wahrlich nicht unbe­
gründet war, damit hoffentlich auch
ein Stachel gegen das Vergessen.
Dazu jedoch ebenso ein Kompendi­
um zu den künstlerischen Lebensund Arbeitsbedingungen in der
DDR – und damit keineswegs nur
für Cineasten interessant!
Honecker privat. Ein Personen­
schützer berichtet Lothar Herzog
Das Neue Berlin 2012, 191 S., 12,95 €
Deine Schnauze wird dir in
Sibirien zufrieren. Ein Jahrhundert­
diktat. Erwin Jöris Andreas Petersen
marix 2012, 520 S., 24,90 €
Die Schleife an Stalins Bart. Ein
Mädchenstreich, acht Jahre Haft und
die Zeit danach, Erika Riemann dtv
2012, 254 S., 9,90 €
Das Prinzip Neugier. Defa-Dokumen­
tarfilmer erzählen. Ingrid Poss,
Christiane Mückenberger, Anne Richter
neues leben 2012, 639 S., 29,95 €
Literatur 21
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
Sebastian Dörfler über den Musiker und Lyriker Hans Unstern
f o t o s : S o p h i e B r a n d s t r o m / P i c t u r e ta n k , j ü r g e n d a k a r ( RECHTS )
Anleitung zur
Fremdverwirklichung
Seltene Ruhe: Die dänische Freistadt Christiania ist längst ein Touristen-Magnet
Der Legolandfaktor
Utopia Zwei Autoren haben alternative Kommunen bereist. Findet dort unsere Zukunft statt?
■■Sebastian Triesch
D
ie Utopie hat als literarisches
Genre ein grundsätzliches Dilemma. Einerseits sind Utopien im Wortsinn Bilder von
Nicht-Orten, also Gedankenspiele, die nicht umgesetzt werden können,
anderseits ist schon Thomas Morus’ Utopia
ein Bericht über den „besten Zustand des
Staates“ und damit doch eine Anleitung für
eine angenehmere Zukunft. Davon abgesehen ist die Beschäftigung mit Utopien
meist eine theoretische geblieben. So hat
Ernst Bloch in seinem Prinzip Hoffnung einen Abriss der Sozialutopien seit Morus
gegeben und als Kern aller Wunschbilder
eine Mischung aus Christentum und Marxismus herausgestellt, ohne dass damit
konkrete Handlungsaufforderungen verbunden gewesen wären. Während schön
formulierte Gedankengebäude für eine lebenswertere Welt immer aufs große Ganze
gingen, aber letztlich wirkungslos blieben,
sind seit den siebziger Jahren in verschiedenen Regionen Europas Enklaven entstanden, die gegen alle Widerstände versuchen
ein Utopia im Kleinen zu verwirklichen; irgendwie also das viel zitierte „richtige Leben im falschen“ zu führen.
Zurück zur Scholle
Die Aktivisten Isabelle Fremeaux und John
Jordan haben solche Projekte für ihr Buchund Filmprojekt Pfade durch Utopia aufgesucht. Beide sind in der kapitalismuskritischen Bewegung verwurzelt, Fremeaux beschäftigte sich als Dozentin an der Londoner
Universität mit antikapitalistischen Bewegungen und kreativen Formen des Widerstands, John Jordan ist als Mitbegründer der
Clownsarmee bei allen großen Events der
Globalisierungskritiker dabei. Wie sie
­schreiben, wollten sie auf der Reise Mikromodelle alternativer Gesellschaften ausfindig machen, bei denen soziale und ökologische Gerechtigkeit die entscheidenden Werte sind und keine hierarchischen Ordnungen
oder sektenhafte Strukturen herrschen.
Die elf Stationen ihrer Tour können grob
in drei Kategorien unterteilt werden. Sie
begegnen wie beim Projekt Landmatters
radikalen Wachstumsskeptikern, die wieder im Einklang mit der Natur leben wollen, aber auch, wie im spanischen Marinaleda, Arbeitern, die vor allem die Eigentumsverhältnisse im Kapitalismus infrage
stellen, sich von der industriellen Produktion aber nicht lösen wollen, sowie stark von
’68 geprägten Einrichtungen wie dem Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung (ZEGG) in Belzig, wo vor allem
Konzepte von „befreiter Liebe“ im Mittel-
punkt stehen. Was alle Orte, die sie besuchten, verbindet, ist der Umstand, dass die
Berichte von Fremeaux und Jordan wenig
Lust auf diese Utopien machen. Gerade bei
den ökologischen Projekten scheint allzu
oft eine „Zurück-zur-Scholle“-Romantik
durch, die sich verkürzt auf die Formel Mittelalter minus Feudalismus minus Kirche
plus Sonnenkollektoren bringen lässt. Damit ist man erstaunlich nah an dem, was
William Morris angesichts der Industrialisierung in Großbritannien schon 1890 in
seiner Utopie News From Nowhere schrieb.
Bereits damals war es in Mode, die Schönheit des Dorfes, das ehrliche Handwerk und
die Landwirtschaft gegen den mechanisierten, entfremdenden Arbeitsalltag der Fabrik­
arbeit zu stellen.
Es stimmt ja: Die technizistischen Träumereien des 20. Jahrhunderts haben die
Zukunftsgestaltung bisher kaum weitergebracht und auch die Sache mit den „Grenzen des Wachstums“ hat sich in den vergangenen 40 Jahren rumgesprochen. Deshalb aber gleich die Moderne in Bausch
und Bogen zu verdammen, ist sicher keine
Antwort. Die Projekte, die sich in erster Linie als libertäre Einrichtungen sehen, wie
eben das ZEGG oder Christiania in Kopenhagen, sind mit ganz anderen Problemen
konfrontiert. Für sich genommen sind es
vielleicht nette Orte, aber als Folie für ein
Zusammenleben im größeren Maßstab erscheinen sie nicht geeignet, zu sehr sind
sie auf die Alimentierung durch die Mehrheitsgesellschaft angewiesen. Sei es, dass
Besucher im ZEGG teure Seminare belegen,
oder dass die Freistadt Christiania in Kopenhagen wahrscheinlich mehr Touristen
empfängt als das Legoland und so die eigene Folklorisierung betreibt. Diese Umstände tauchen im Buch am Rande auf, werden
aber von der Begeisterung der Autoren
recht schnell beiseite geschoben, die ihre
Version der Zukunft lieber heute als morgen verwirklicht sähen.
Bisweilen sind aber auch sie entnervt,
vor allem dann, wenn es um das demokratische Prozedere der selbstverwalteten Einrichtungen geht. In der französischen Siedlung Longo Maï erleben sie eine ebenso
freie wie ergebnislose Versammlung, in der
Die Moderne
in Bausch
und Bogen zu
verdammen,
kann nicht die
Antwort sein
sich am Ende durchsetzt, wer am lautesten
ist und die meiste Ausdauer hat. Ähnliche
Erfahrungen machen sie in Christiania und
so kommen auch sie nicht umhin zu erkennen, dass die Achillesferse solcher Projekte
in der grundsätzlichen Schwierigkeit besteht, zu konsensualen Entscheidungen zu
kommen.
Auf nach Frankreich
Wie es doch funktionieren kann, vermitteln
ihre Erfahrungen aus Paideia, einer anarchistischen Schule im Südwesten Spaniens.
Hier bilden die Schüler ihre eigenen, funktionierenden Kommissionen und Vollversammlungen, um den Schulbetrieb nach
ihren Wünschen zu gestalten. Die Schule
wird hier tatsächlich zum Ort einer Lerngemeinschaft und wirkt auf die menschliche
Bildung, statt nur auf den Kampf um Arbeitsplätze vorzubereiten.
Als Zugabe gibt es eine DVD zum Buch,
die Impression der Reise einfängt und dem
Projekt mit einem künstlerischen Anspruch begegnet. Von Zeit zu Zeit wird der
Eindruck erweckt, die Aufnahmen aus Utopia seien in einer postapokalyptischen Zukunft des 22. Jahrhunderts entstanden, in
der nur die wackeren Kämpfer für die bessere Welt vom Zusammenbruch verschont
geblieben sind. Zurück bleibt Unbehagen.
Nicht nur gegenüber der Zukunft, sondern
auch angesichts der Gegenwart. Das Projekt, das Orte der Utopie zeigen will, zeichnet vor allem eine Dystopie, denn unausgesprochen steht immer im Raum, dass
ein solcher Lebensstil nicht für alle zu haben ist. Und auch wenn die Zukunftsversprechen des Kapitalismus schon länger
ihren Glanz verloren haben, nimmt die
Annahme, dass eine menschliche Zukunft
nur jenseits von technischer Weiterentwicklung und städtischen Räumen zu haben ist, nicht gerade für die utopischen
Projekte ein. So wichtig es ist, die Chimäre
vom „nachhaltigen Wachstum“ und die
Annahme, dass der westliche way of life
für die ganze Welt gelten könne, zu dechiffrieren: Buch und Film lassen den Leser
ernüchtert zurück. Die Suche nach Wegen
in die Welt von morgen geht weiter. Fremeaux und Jordan schlagen derweil ihren
eigenen Pfad nach Utopia ein. Auf einem
Hof in der Bretagne bauen sie jetzt selbst
einen postkapitalistische Kommune auf.
Was für eine kalte Welt.
Und jetzt hat dieser
Johann Holtrop auch noch
das letzte wärmende
Lagerfeuer, das der Literatur, ausgetrampelt. Hat
die Welt eines asozialen
Egomanen beschrieben,
ganz ohne Empathie, nur
Verachtung. So kann doch
nur jemand schreiben, der
längst ebenso kalt geworden ist, konnte man lesen.
Ein Blick auf die herz­
erwärmenden Videos auf
­johannholtrop.de hätten
gereicht, um von dieser
Sichtweise abzurücken.
Zum Beispiel das eine, in
dem sich Rainald Goetz
bei der Buchvorstellung in
der Suhrkamp-Zentrale
überschlägt mit Hinweisen
an die Rezensenten, zum
Beispiel dem, nicht mit
jeder Buchkritik auch ein
Porträt des Autors
­schreiben zu wollen.
Um solche Kurzschlüsse
zwischen Werk und Autor
zu vermeiden, entwirft
sich Hans Unstern einfach
alle paar Jahr neu. Wollte
man vor zwei Jahren etwas
über den zotteligen
Musiker und sein erstes
Album schreiben, war
nicht mehr zu erfahren,
als dass er sich vor ein
paar Jahren eben „Hans
Unstern“ genannt habe,
mehr gäbe es dazu nicht
zu sagen. Vor ein paar
Monaten gab er dann sein
vorerst letztes Konzert.
Und jetzt sitzt da einer,
frisch rasiert, mit Sonnenbrille, weißem Anzug und
blauen Haaren, vor dem
Bücherregal des MerveVerlags (viel bunter als das
bei Suhrkamp!) und stellt
seinen ersten Gedichtband
vor – mit den Worten
„das ist nur ein Übergang“.
Profi-Pose: Unstern
vorm Verlagsregal
mich / Für mich / Schämen sich sogar die Läuse“.
Da fühlt sich jemand so
ungenügend, dass er sich
auf die Suche nach etwas
anderem macht. Auf dem
Buchumschlag sieht
man, wie Hans Unstern
versucht, sich aus einem
Raster, das auf sein Gesicht projiziert ist, herauszusingen: „Kratz den
Mann aus dir raus, verrat
das Land deiner Väter“,
lautete das Programm
seines ersten Albums. Aber
was heißt Programm?
Eher müsste man von
einer Fluchtbewegung vor
dem Selbst sprechen. Wer
will schon so sein, wie er
oder sie eben ist? Dagegen
hilft nur Fremd­­ver­wirk­­
lichung. Hans Unsterns
Ziel ist es: „Der Fremd­­
verwirklichung / So nah
wie möglich kommen“.
Manchmal kommt
man ihr sehr nah. Und
manchmal verfolgt einem
das alte Selbstbild noch
(„Jeden Morgen aufstehen
/ Immer in Sorge / Ich
könnte schon auf dem Klo
sitzen / Wenn ich ins Bad
komme“). „Paris“, eines
seiner schönsten Lieder,
in dem Buch allein
auf über 150 Seiten abgedruckt, mit meist nur mit
einem Wort pro Seite.
Und mittendrin die
Frage: „Wann sehe ich ein
Gesicht, das mich nicht an
dich erinnern kann“?
Das sind die Kollateral­
schäden der „Fremdverwirklichung“. Aber gibt es
einen anderen Weg aus
der Kälte, aus der Einsamkeit, als diesen? „Ich such
die Teile zusammen die
nicht passen / Ich stell mir
vor ich bau mich zusammen / Ich stell mir vor du
baust mich zusammen /
Dann wird es eine Operation sein“. Das Leben ist
eine Operation am offenen
Herzen.
Ein paar der Menschen,
aus denen sich Hans
Unstern auf seinem Weg
zusammengesetzt hat,
sind auf der letzten Seite
gelistet. Unter diesen
„Ghostwritern“ sind Sibylle
Berg, Sarah Kane, Andreas
Spechtl und viele andere.
Wir hoffen, dass man von
Hans Unstern nach dem
nächsten Entwurf auch
wieder Neues und Anderes
hören kann. Bis es soweit
ist, nehmen wir erst
einmal die Ghostwriter
mit auf unsere Flucht.
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Sprichst du noch
oder kommunizierst du schon?
Ein leidenschaftliches Plädoyer für
Liebe und Schönheit in Sprache
und Leben.
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Oben bleiben
Deutscher Kabarettpreis 2011,
Deutscher Kleinkunstpreis 2012
Pfade durch Utopia Isabelle Fremeaux und
John Jordan Aus dem Französischen übersetzt
von Sophia Deeg, Buch (320 S.), DVD (109 min),
Edition Nautilus 2012, 24,90 €
Sebastian Triesch studiert Public History an
der Freien Universität Berlin
Nicht schon wieder, denkt
man noch, und fängt an
zu lesen. Das Buch heißt
Hanky Panky Know How.
Das „Know How“, um
das es hier geht, ist das
passende, um gegen diese
verdammte Kälte anzu­
gehen.
„Mit einem Strauß /
Blattläuse / Stehe ich vor
meiner eigenen Tür /
Woher kommt diese Einsamkeit?“, heißt es im
ersten Gedicht. Und im
nächsten: „Ich schäme
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22 Wissen
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
Lässt sich Gefährlichkeit messen?
Sicherungsverwahrung Ein neuer Gesetzentwurf soll ­Klarheit in die vielmals kritisierte „Haft nach der Haft“ bringen. Experten zeigen Mängel auf
■■Susanne Donner
F o t o : O l i v e r B e r g / D PA
S
ex-Straftäter raus aus Chemnitz.
Hau ab!“ Solche Parolen, aus denen Wut und Abscheu aufgebrachter Bürger sprechen, die sich
gegen aus der Haft entlassene
Straftäter richten, hat es in den vergangenen Monaten häufiger gegeben. Die Vorgeschichte: Im Mai 2011 beanstandete das
Bundesverfassungsgericht die deutschen
Regelungen zur Sicherungsverwahrung als
verfassungswidrig, weil nicht mit den Menschenrechten vereinbar. Es folgte damit
dem vorausgegangenen Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte.
Der zentrale Kritikpunkt: Die Sicherungsverwahrung gleiche zu sehr der Haft und
damit einer Strafe. Die aber hat der Täter
zuvor bereits verbüßt. Die Verwahrung soll
per Definition keine neuerliche Strafe sein,
sondern in erster Linie die Bevölkerung vor
einem gefährlichen Straftäter schützen. Ein
kleiner Teil der rund 500 Verwahrten musste auf diese Urteile hin unvorbereitet entlassen werden – was zu den Protesten in
den betroffenen Gemeinden führte.
Diese Situation soll sich nun ändern. Bis
Mai 2013 muss die Bundesregierung nun
die Regelungen reformieren. Seit Juli liegt
Leben mit dem Risiko: Gefährliche Straftäter bleiben unter Überwachung
ihr Gesetzentwurf vor. Kann er eine Wende
bringen?
Nach der geplanten Neuregelung untergliedert sich die Sicherungsverwahrung
künftig in eine kaum überschaubare Fülle.
Da wäre die „vorbehaltene“, die „nachträgliche“ und die „primäre“ Sicherungsverwahrung und dann die „Therapieunterbringung“, auch sie nichts weiter als eine
­kaschierte nachträgliche Sicherungsverwahrung. Zwar stehen den Verwahrten nun
ein Anspruch auf Therapie, mehr Platz in
der Zelle und andere Privilegien zu. Aber
die eigentlich heiklen Fragen, nämlich wie
ein Gewalttäter in Verwahrung gelangt und
wie er daraus freikommt, hat man weitgehend ausgeklammert. Dabei hatte das Bundesverfassungsgericht sogar die Frage aufgeworfen, ob der Gesetzgeber überhaupt
an der Sicherungsverwahrung festhalten
wolle. Wissenschaftler üben nun deutliche
Kritik an der Halbherzigkeit der geplanten
Anzeige
Früher hast du viel riskiert, um
weiße Flecken von der Landkarte
verschwinden zu lassen. Heute
bist du hier, um einen zu bewahren.
Neuregelung. Die Deutsche Gesellschaft für
Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) beschwerte sich im
September sogar bei den Gesundheitsministern der Bundesländer. Denn in die
nachträgliche Verwahrung können künftig
weiterhin Täter gelangen, wenn sie „eine
psychische Störung“ haben.
Der Begriff der psychischen Störung „ist
so vage, dass wir eine Flut von gesunden
Straftätern mit angeblicher Störung in der
Sicherungsverwahrung fürchten. Denen
können wir nicht helfen, weil sie nicht
krank sind“, erklärt der Vorsitzende der DGPPN Peter Falkai. Umgekehrt würden dadurch Kranke stigmatisiert. Wenn eine
Schizophrenie Grund genug ist, einen
Straftäter von der Gesellschaft auszuschließen, wachsen die Berührungsängste vor
Schizophrenen im Allgemeinen.
Tatsächlich stellten Gutachter in Bayern
bei vier Inhaftierten einmal eine Schizophrenie, zweimal eine Psychose und einmal eine Störung der sexuellen Neigung
fest – darunter Fetischismus. Alle vier kamen in die nachträgliche Sicherungsverwahrung. Auch eine gestörte Persönlichkeit
taugt künftig als Argument fürs Wegschließen, kann man der Begründung des Gesetzentwurfes entnehmen. Aktuell begutachtet man den „Vanessa-Mörder“ in Bayern auf eine mögliche psychische Störung
hin. Bei dem nun 29-Jährigen seien während der zehnjährigen Haft Tötungsfantasien offenbar geworden – in Briefen und
Gesprächen, berichtet Psychologe Johann
Endres vom kriminologischen Dienst des
bayerischen Justizvollzugs in Erlangen. Die
Gedankenwelt des Mannes bewertet Endres als triftigen Grund für eine Sicherungsverwahrung. Sein Wort hat Gewicht, denn
er ist immerhin Gutachter für Fälle wie den
Vanessa-Mörder.
Pseudo-Gutachten
Die andere Säule, auf die sich die Verwahrung seit langem stützt, sind Gefährlichkeitsprognosen. Auch ihr Status bleibt im
Gesetzentwurf unangetastet. Gutachter
leiten aus der Biografie, aus Persönlichkeitsmerkmalen und Befragungen ab, wie
wahrscheinlich ein Rückfall ist. Wird ein
Gewalt- oder Sexualstraftäter als gefährlich eingeschätzt, kann sich das Gericht zu
einer Verwahrung entschließen. Endres,
selbst Gutachter, hält die Prognosen für
„sehr verlässlich“. „Anhand von Merkmalslisten und von Risikofaktoren etwa Pädophilie, Persönlichkeitsstörungen und einer
Suchtproblematik kann man das gut einschätzen.“
Doch Jörg Kinzig, Direktor des Instituts
für Kriminologie in Tübingen, widerspricht: „Viele Gutachten überschätzen die
Gefährlichkeit.“ Nach einer seiner Studien
wurden von 22 Verwahrten mit schlechter
Prognose später nur zwei schwer rückfällig.
Der eine beging einen Raubüberfall, der
andere Brandstiftung. „Viele werden zu Unrecht auf Dauer inhaftiert“, urteilen die Bochumer Kriminologen Thomas Feltes und
Michael Alex. Sie stützen sich auf eine eigene Untersuchung: Von 67 nachträglich Sicherungsverwahrten mussten sich 23 erneut vor Gericht verantworten. Drei wegen
schwerer Taten, wie sie die Verwahrung
verhindern soll.
Von den rund 70 Männern, die seit 2010
vorzeitig aus der Verwahrung entlassen
wurden, sind bisher zwei rückfällig geworden. Ein 55-Jähriger kam wegen Raubes und
Körperverletzung für dreieinhalb Jahre er-
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„Viele werden
zu Unrecht
auf Dauer
­inhaftiert“
neut in Haft und wird anschließend wieder
sicherungsverwahrt. In Dortmund wurde
im vergangenen Jahr ein 49-Jähriger festgenommen, der nach dem Ende der Polizeiüberwachung eine Siebenjährige missbraucht hat. Ein dritter steht unter Verdacht, trotz elektronischer Fußfessel ein
Mädchen sexuell belästigt zu haben.
Unstreitig geht von einigen Tätern eine
Gefahr aus. Doch der Mehrzahl wird den
Studien und Erfahrungen zufolge ein zu
hohes Risiko unterstellt. „Aus Furcht, bei
einem Rückfall an den Pranger gestellt zu
werden, halten die meisten Gutachter und
Gerichte die Täter für gefährlicher als sie
sind“, glaubt Kinzig.
Die Erfahrungen des Freiburger Bewährungshelfers Peter Asprion deuten jedoch
noch auf ein anderes gravierendes Problem
hin: Sechs aus der Sicherungsverwahrung
Entlassene betreute er in den vergangenen
Monaten persönlich. „Teils glichen sich die
Gutachten aufs Wort und oft ist der Erstautor auch derjenige, der weitere Gutachten
in den Folgejahren verfasst.“ Dabei gilt die
Zweitbegutachtung in der Wissenschaft als
das Maß aller Dinge, und das Plagiat ist
höchst verpönt. Doch bei den Gefährlichkeitsprognosen scheint weder das Abschreiben noch die Einzelmeinung tabu zu
sein. Darauf deutet auch ein Fall hin, über
den die Süddeutsche Zeitung berichtete.
Der Würzburger Psychiater Pantelis Adorf
begutachtete jüngst den Vanessa-Mörder.
Vor Gericht musste er jedoch einräumen,
weite Teile seiner Einschätzung von anderen Wissenschaftlern übernommen zu haben, ohne dass diese Passagen in irgendeinem Bezug zum Täter standen.
„Man kann nicht einmal sagen, ob mit
dem neuen Gesetzentwurf nun weniger
oder mehr Menschen als bisher sicherungsverwahrt werden“, analysiert Kinzig.
Der vage Begriff der psychischen Störung
und das flexible Instrument der Gefährlichkeitsprognose eröffnen Gutachtern,
Richtern und den Bundesländern Spielräume, die Täter entweder von der Gesellschaft
fernzuhalten oder eben nicht. Fairness und
Gleichbehandlung kann man im Räderwerk der Verwahrung auch künftig nicht
unbedingt erwarten. Darauf weist schon
die Erfahrung mit dem Therapieunterbringungsgesetz von 2011 hin. Dem zufolge
rechtfertigt eine psychische Störung erstmals das Wegsperren. Nirgendwo sind so
viele Personen therapieuntergebracht wie
in Bayern, legt Asprion in seinem Buch Gefährliche Freiheit? dar. Die bayerischen Täter sind aber weder psychisch gestörter
noch rückfälliger als anderswo.
Kinzig befürchtet gar, dass die Neuregelung in Teilen spätestens vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gekippt wird. Kinzig warnt: „Möglicherweise
müssen dann wieder Menschen unvorbereitet in die Freiheit entlassen werden. Und
die Angst in der Bevölkerung wird erneut
hochkochen.“
Susanne Donner berichtete im Freitag zuletzt
über Sexualwissenschaft in der Krise
Wissen 23
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
Licht
aus, bitte!
F o t o s : C h r i s t o p h e r F u r l o n g / G e t t y I m a g e s , A l a n D o v e / u n i v e r s i t y o f o ta g o ( u n t e n )
Melatonin Wer vor dem
Schlaf noch am Laptop sitzt,
schläft schlechter, warnen
Wissenschaftler. Stimmt’s?
Was haben Hund und Hase gemeinsam? Wie Menschen auf diese Frage antworten, spielt eine Rolle für die Berechnung ihres IQs
„Sie schneiden super ab“
Im Gespräch Unser IQ ist in den letzten 100 Jahren stark gestiegen. Warum, erklärt der Psychologe James Flynn
J
ames Flynn hat an der
Universität von Chicago
Mathematik und Physik
studiert, bevor er sich der
politischen Philosophie
zugewandt hat. Heute lehrt der
78-Jährige als Professor für Politische Studien an der Universität
von Otago in Neuseeland. Der
Emeritus ist der Entdecker des
„Flynn-Effekt“: dem Phänomen,
dass der Intelligenzquotient im
vergangenen Jahrhundert von
einer Generation zur nächsten
signifikant gestiegen ist.
Ian Tucker: Was misst der IQ
eigentlich?
James Flynn: Das hängt davon
ab, wofür er verwendet wird.
Manchmal dient ein IQ-Test geradezu einem guten Zweck: Ein
Schüler ist schlecht im Unterricht.
Sie glauben aber, dass er eigentlich mehr kann und geben ihm
einen IQ-Test – und das Ergebnis
haut alle von den Socken! Auf
diese Weise kann man den IQ-Test
zur Diagnose von individuellen
Lernproblemen verwenden.
Einige Universitäten führen ihn
aber auch im Rahmen von
Eignungsprüfungen durch.
In Ihrem Buch Are We Getting
Smarter? schreiben Sie darüber,
dass die IQs von Frauen in der
jüngsten Vergangenheit besonders gestiegen seien.
Frauen liegen heute mit Männern
gleichauf – allerdings nur in
Ländern, in denen sie gleichberechtigt sind. Besonders interessant ist etwa, dass der IQ von
Frauen an Universitäten ungefähr
zwei, vielleicht drei Punkte unter
dem der Männer liegt. Viele
Wissenschaftler behaupten dann,
daraus würde hervorgehen,
dass Frauen weniger klug seien.
Doch was glauben Sie, woran
das wohl liegt?
Es hängt damit zusammen, dass
ein Mädchen, das eine weiterführende Schule besucht und einen
IQ von Hundert hat, bessere
Noten bekommt als der typische
Junge. Das bedeutet, dass das
Mädchen mit so einem IQ wahrscheinlich studieren wird, der
ähnlich intelligente Junge aber
nicht. Die in der Stichprobe
enthaltenen Männer an der Uni
stellen also eher eine Elite dar.
Sie haben eine höhere Schwelle
überwinden müssen. Daran zeigt
sich einer der verstörendsten
Aspekte des britischen Bildungssystems: Die Statistiken der
­Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigen, dass am
Ende der weiterführenden ­Schule
nur das obere Drittel der Jungen
im Lesen so gut ist wie die obere
Hälfte der Mädchen. In den USA
ist nur das obere Viertel der
Jungen im Verfassen von Texten
so gut wie die oberen fünfzig
Prozent der Mädchen.
Wenn ich heute einen, sagen
wir 20 Jahre alten IQ-Test
machen würde, hätte ich dann
Probleme mit den Fragen?
Nein, Sie würden super abschneiden, weil die Leute, die die
frühen Tests erstellt haben, ihrer
Zeit voraus waren. Das waren
hochprofessionelle Leute, die im
wissenschaftlichen Ethos geschult wurden und nicht typisch
für ihre Zeit waren. Eine Frage,
die Sie richtig verstehen würden,
eine intelligente Person aus
dem Jahr 1900 aber eventuell
nicht, wäre: „Was haben Hunde
und Hasen gemeinsam?“
Es sind beides Säugetiere.
Richtig. Damals hätte man gesagt:
„Mit Hunden jagt man Hasen.“
Er hätte die Frage falsch verstanden. Damals, als eine formale
Ausbildung noch nicht so üblich
war, ging man viel mehr vom
praktischen Nutzen aus. Wir heute hingegen sind in einer wissenschaftlichen Welt groß g
­ eworden
und wissen, dass es erst einmal
notwendig ist, Dinge zu klassifizieren, um sie zu verstehen.
Für uns sind ein Hund und ein
Hase einfach Säugetiere. Es
interessiert uns nicht, ob es sich
bei dem Hund um einen Beagle
handelt und ob die sich gut für
die ­Hasenjagd eignen. Deshalb
ist der Anstieg des IQs im Laufe
der Zeit so faszinierend. Man
muss ihn nur entsprechend
interpretieren.
Diese Beobachtungen zeigen
also, dass der Intelligenzquotient eher von der Umwelt
beeinflusst wird als von den
Genen?
Auf der individuellen Ebene sind
die Gene ebenso wichtig wie für
andere Eigenschaften wie etwa
die Körpergröße. Etwas ganz anderes ist es allerdings, anhand
des IQs Vergleiche zwischen
Gruppen anzustellen und dann
aus dem niedrigeren IQ einer
Gruppe auf deren mutmaßliche
genetische Unterlegenheit zu
schließen.
Es gibt sechs Schwellenländer,
für die uns gute Daten über den
IQ der Bevölkerung zur Verfügung stehen. In drei davon steigt
der IQ schneller als bei uns Europäern: in der Türkei, in Brasilien
und in Kenia. Meine Prognose
ist, dass alle drei die gleichen IQWerte erreichen werden wie wir.
Bei den anderen drei Schwellenländern, zu denen wir Daten
haben, sind das Problem nicht
die Gene, sondern die Umstände.
Im Sudan herrscht immer wieder
Bürgerkrieg. In Saudi Arabien
sitzt ein großer Teil der Bevölkerung verwöhnt auf den Ölquellen
herum. Und in der Domini­
kanischen Republik wird die Infrastruktur alle zehn Jahre von
Hurrikans, Tsunamis und Tornados ausradiert. Ein niedriger IQ
in diesen Ländern hat nichts mit
den Genen zu tun. Würde die
­Infrastruktur Großbritanniens
alle zehn Jahre zerstört, würden
wir auch nicht so gut abschneiden.
Was meinen Sie eigentlich,
wenn Sie von „Intelligenzabgabe“ schreiben?
Man hat immer angenommen,
dass der Verstand kluger Leute ab
dem 65. Lebensjahr weniger stark
abnimmt. Ich habe herausgefunden, dass das zwar auf die verbalen Fähigkeiten zutrifft, aber
nicht auf die analytischen, die
dann umso schneller nachlassen,
James Flynn,
geboren 1934,
wurde durch
seine Untersuchungen im
Bereich der
Intelligenzforschung weltweit
bekannt. Zuletzt erschien: How
to improve your mind: 20 keys to
unlock the modern world
je schlauer man ist. Das wirft
eine interessante Frage auf: Ist
das analytisch gute Gehirn etwas,
das wie ein Hochleistungssportwagen im hohen Alter mehr zur
Instandhaltung braucht, als der
Körper zur Verfügung stellen
kann? Oder liegt es daran, dass
wir unsere analytischen Fähigkeiten hauptsächlich bei der
Arbeit einsetzen? Hat, wer klug
ist, einen kognitiv anspruchsvollen Job – und beginnt in der
Rente zu verkümmern?
„Ein
­niedriger
IQ hat
nichts mit
den ­Genen
zu tun“
Wie kann man diesem kognitiven Abbau ab dem 65. Lebensjahr entgegenwirken? Soll man
Kreuzworträtsel machen? Joggen? Oder etwa noch eine neue
Sprache lernen?
Denksport tut in jedem Alter gut.
Selbst wenn das Hirn abbaut,
tut es das langsamer, wenn es benutzt wird. Genau so, wie ich
heute zwar nicht mehr so schnell
meine zehn Kilometer laufen
kann wie in meiner Jugend. Aber
jemand, der in wirklich schlechter
Form ist, wird es dennoch schwer
haben, gegen mich 78-Jährigen
anzukommen.
Verraten Sie mir Ihre Zeit auf
zehn Kilometer?
Als ich jung war, waren es 32 Minuten – und der Weltrekord
damals lag irgendwo bei 29 Minuten. Mit 66 bin ich die Strecke
immer noch in 45,5 Minuten
gelaufen. Seit ich die Siebzig
erreicht habe, schaffe ich es
aber kaum noch unter fünfzig
Minuten.
Warum laufen Sie – von den
offenkundigen physischen
Vorteilen einmal abgesehen?
Es steht außer Frage, dass eine
gute Blutversorgung auf die in
den Frontallappen des Gehirns
beheimatete Intelligenz förderlich
wirkt und dass die Blutversorgung
des Gehirns wiederum abhängig
ist von der Stabilität des gesamten Kreislaufes. Das ist zwar nicht
der Grund, warum ich laufe.
Aber ich bin mir sicher, dass ich
von dem beschriebenen Nutzen
profitiere.
Die OECD hat in einer wunderbaren Studie Tests zu Gedächtnisleistungen durchgeführt. Schade,
dass sie keine analytischen
Fähigkeiten getestet haben... Auf
jeden Fall haben die Forscher
die Länder aufgeteilt in solche wie
Frankreich, wo achtzig Prozent
der Bevölkerung zwischen 55 und
65 in Rente gehen, und solche
wie Schweden oder die Schweiz,
wo in diesem Alter achtzig Prozent der Leute noch arbeiten. Der
Verlust an Gedächtniskraft in
dieser Altersgruppe war in Frankreich doppelt so hoch. Das sagt
uns, dass das Gedächtnis besser in
Schuss bleibt, wenn man sein Gehirn bei der Arbeit in Übung hält.
Sie haben in diesem Jahr vier
Bücher geschrieben. Auch eins
über den Klimawandel.
Ein kleines Büchlein. Der Titel
ist Climate Change and the Environment (Klimawandel und
die Umwelt). Derzeit suche ich
noch einen Verlag.
Ich komme darin zu dem
Schluss, dass die langfristig aussichtsreichste Hoffnung auf
­saubere Energie, die wir zur Eindämmung des von Menschen
verursachten Klimawandels dringend benötigen, vermutlich die
Laserfusion bietet. Dabei wird
schwerer Wasserstoff beschossen
und eine Interaktion in Gang
gebracht, bei der mehr Energie
erzeugt wird, als hineingegeben
wurde. Die Forschung dazu ist
aber noch um die siebzig Jahre
davon entfernt, sich durchsetzen
zu können. Die Zeit bis dahin
müssen wir wohl mit einer Notlösung überbrücken.
Das Gespräch führte Ian Tucker für
den Guardian
Übersetzung: Zilla Hofman
■■Alok Jha
W
er abends seinen Tablet-Computer mit ins Bett nimmt,
sollte sich nicht über Schlafstörungen wundern. Den Zusammenhang wollen New Yorker Wissenschaftler
vom Rensselaer Polytechnic Institute
(RPI) nachgewiesen haben. Ein Team unter Leitung von Mariana Figueiro stellte
bei Probanden ein erhöhtes Risiko von
Schlafstörungen fest, nachdem sie dem
Licht von selbstleuchtenden Displays
ausgesetzt worden waren. Die Geräte
würden optische Strahlen mit kurzen
Wellenlängen aussenden. Genauer: einer Wellenlänge, die nahe an dem Wert
liegt, welcher die größtmögliche Unterdrückung der körpereigenen MelatoninProduktion bewirkt, heißt es in einer
aktuellen Studie der Gruppe, die im Magazin Applied Ergonomics erschien.
Melatonin ist ein Hormon, das dem
Körper als biologischer Indikator dient,
um festzustellen, wie dunkel es draußen
ist. Reisenden nützt das, wenn sie einen
Jetlag überwinden müssen. Es hilft dem
Körper, seinen Tag-Nacht-Rhythmus an
die neue Zeitzone anzupassen.
In Figueiros Experiment wiesen diejenigen der 13 Probanden, die vor dem Einschlafen zwei Stunden lang einen TabletComputer benutzt hatten, um bis zu 23
Prozent geringere Melatonin-Werte auf.
Einer, der die Ergebnisse skeptisch beurteilt, ist Russell Foster, Professor für
Tagesrythmische Neurowissenschaft an
der Universität von Oxford. Zunächst
einmal eigne sich der Melatonin-Spiegel
nicht gut für eine Vorhersage, wie viel
Schlaf ein Mensch bekommen wird.
„Melatonin ist kein Schlafhormon – es
leistet lediglich eine biologische Darstellung der Dunkelheit.“ Es gebe keinerlei
empirische Hinweise darauf, dass geringere Melatonin-Werte eine direkte Auswirkung auf die Schlafachse hätten.
„Die Einnahme von Melatonin kann
die Wirkung des Lichts auf die innere
Uhr beschleunigen und bei manchen
Menschen eine leichte schlaffördernde
Wirkung haben“, sagt der Wissenschaftler. „Von dem, was wir biologisch von
Melatonin wissen, kann jedoch nicht auf
die Wirkung geschlossen werden, die es
auf die Menge an Schlaf hat.“
Die Lichtmengen, die erforderlich
sind, um die Produktion von Melatonin
zu unterdrücken, lägen um Größenordnungen niedriger als jene, die für die
Umstellung der inneren Uhr eines Menschen gebraucht werden, so Foster. In
Figueiros Studie wurden die Teilnehmer
mit Lichtstärken von 5 bis 50 Lux ausgesetzt. Foster zufolge braucht es aber zwischen 500 und 1.000 Lux, um den TagNacht-Rhythmus eines Menschen umzustellen.
Die Untersuchung könne deshalb keine empirischen Hinweise darauf liefern,
welche Auswirkungen Licht auf die innere Uhr hat, resümiert Foster. Darum müsse man sich wegen der Studie keine unnötigen Sorgen machen. „Auf Grundlage
dieser Daten können wir rein gar nichts
Empirisches über den Schlaf aussagen.“
Die übergeordnete Frage nach dem
Einfluss von Licht, insbesondere vor
dem Zubettgehen, müsse man aber sehr
ernst nehmen – Licht könnte durchaus
einen Einfluss darauf haben, wie wach
man ist.
Von der Kritik abgesehen: Überraschend ist, dass ausgerechnet die von
der Sharp Corporation geführte Forschungseinrichtung Sharp Laboratories
of America die Studie mitfinanziert hat.
Der TV- und PC-Hersteller brachte 2010
einen eigenen Tablet auf den Markt, ließ
ihn aber 2010 wieder fallen. Im März
diesen Jahres stellte das Unternehmen
einen neuen vor. Das Tablet trägt den
wenig eingängigen Namen RW-T110.
Alok Jha schreibt für den Guardian
Übersetzung: Holger Hutt
24 Post
Rolf Gössner
Tarnname „Verfassungsschutz“
Als Folge des NSU-Skandals soll der
Nachrichtendienst gestärkt werden.
Dabei kann er der Demokratie erst
dienen, wenn er seine Privilegien verliert
der Freitag 38 vom 20. September 2012
Rolf Gössner nennt den „Ver­
fassungsschutz“ beim Namen:
Ge­heim­dienst. Die Vorfälle um
die NSU zeigen eine Duldung der
Morde, wenn nicht sogar Ver­
strickung des „Verfassungsschutz“
mit der faschistischen NSU-Terror­
gruppe. Nicht nur die Linkspartei
fordert die Auflösung des Inland­
geheimdienstes Verfassungsschutz.
Es gibt in großen Teilen der Bevöl­
kerung eine deutlich gewachsene
Ablehnung gegenüber diesen
Machenschaften von staatlichen
Behörden. Mal sehen, wie lange
sich Innensenator Henkel noch
halten kann. Die Trennung
von Polizei und Geheimdienst ist
eine historische Lehre aus dem
deutschen Faschismus. Der Ver­
fassungsschutz muss deshalb
auf­gelöst werden und die NaziOrganisationen gehören verboten!
Felix Weitenhagen,
Freitag-Community
Man sollte realistisch bleiben:
Die Geheimdienste in Deutschland
werden nicht aufgelöst. Eher das
Gegenteil wird passieren, ein wei­
teres Amt (oder mehrere) wird not­
wendig sein, um die Verfassungs­
schutzbehörden zu kontrollieren.
foolon, Freitag-Community
Er ist uns fremd
Gespräch
„Klar kann ein Krüppel Kanzler“
Anlässlich des 70. Geburtstages von
Wolfgang Schäuble hat der Journalist
Hans-Peter Schütz ein Buch über
den Finanzminister geschrieben.
Jakob Augstein sprach mit ihm und
Oskar Lafontaine
der Freitag 38 vom 20. September 2012
Was für ein Mann ist Schäuble?
Laut Interview ist er jemand, der
sich an Schwächeren, eigenen
Leuten und Angestellten massiv
vergreift, ein gestörtes Rechtsemp­
finden hat, Schwarzgeld und Spen­
den annimmt. Für einen relativ
geringen Betrag (wie sein Partei­
genosse, der Bundespräsident)
verkauft er hoch gehaltene Prinzi­
pien, er lügt, ordnet sich Macht­
personen blind unter, und er er­
kennt nicht, dass er benutzt wird.
Eine solche Person wurde als
Kanzlerkandidat gehandelt und ist
Die besten Zitate aus den Kommentaren auf freitag.de/community
sich auf die westdeutschen Psycho­
logencouchs zu legen. Bei allen
Ausnahmen, die es immer gibt.
Schön, dass westdeutsche Psy­
chologen und Psychotherapeuten
den einheitsgebeutelten Ost­
deutschen dabei helfen, den zum
Trauma mutierten Traum von
der deutschen Einheit zu verarbei­
ten und zu bewältigen.
Hans Springstein,
Freitag-Community
„Mir ist egal, welcher
SPD-Politiker im nächsten Jahr
nicht Kanzler wird“
ratcreutz
„Agenda 2010 und
Schröder lassen grüßen“
seriousguy47
freitag.de/community
zurzeit Bundesminister der Finan­
zen. Die buchhalterische Verar­
beitung klappt nun möglicherweise
besser. Die unreflektierte Unter­
ordnung unter Machtpersonen
verläuft geschmeidiger. Genau das
qualifiziert ihn, bei der Zerstörung
von Demokratie und Rechtsstaat
aktiv mitzuwirken. Was schützt
ihn? Ein Krüppel-Bonus?
MopperKopp, Freitag-Community
Unabhängig von seiner Behinde­
rung hat Schäuble zweifellos die
intellektuelle Fähigkeit zur Kanz­
lerschaft. Aber ebenso hat er durch
eine Reihe von Vorgängen (unter
anderem im Parteispendenskan­
dal) bewiesen, dass ihm die ethischmoralischen Grundsätze, die
dafür ebenfalls erforderlich sind,
absolut fehlen. Insoweit können
wir dankbar sein, dass uns ein
Kanzler Schäuble erspart wurde.
Vaustein, Freitag-Community
Wolfgang Schäuble, das Mysterium
der deutschen Politikerlandschaft:
körperlich versehrt im Rollstuhl
ausgerechnet in dem Gewerbe, das
mehr als alle anderen auf kruden
Behauptungen, Machtgebaren
und animalischer Durchsetzungs­
fähigkeit begründet ist. Wie kann
einer selbst betroffen und politisch
aktiv sein, aber gleichzeitig die
großen politischen Dimensionen
seines persönlichen Schicksals
so erfolgreich ausblenden? Beim
Lesen des Interviews bekomme
ich den Eindruck, dass der Autor
sich nicht an die neuralgischen
Punkte traut. Die große unbe­
antwortete Frage, die sich einem
bei der Betrachtung von Schäuble
immer von Neuem aufdrängt,
ist doch: Wie ist es möglich, dass
seine körperliche Einschränkung
seine politische Haltung nicht
grundlegend ver­ändert hat? Wieso
macht er keine fortschrittliche,
soziale Politik? Woher kommt
der tiefe Spalt zwischen seiner
Wirklichkeit und dem, was er als
politisch vertretbar und moralisch
richtig empfindet? Das ist der
Abgrund, den es auszuloten gilt.
Lafontaine ist an dem Thema
dran, das spürt man, wenn er von
Ängsten spricht und davon, dass an
ein Aufhören nicht zu denken ist.
silvio spottiswoode,
Freitag-Community
Ich finde das Gespräch spannend,
vor allem, was die Position von
Oskar Lafontaine betrifft. Interes­
sant ist die Äußerung, dass
eine große Koalition 1998 vielleicht
besser gewesen wäre als die rotgrüne Regierung, die mit Hartz IV
und anderen Maßnahmen den
Sozialabbau in Deutschland einläu­
tete und damit zu dieser massiven
Umverteilung von unten nach
oben beigetragen hat, die aufs Neue
im Reichtums- und Armuts­
bericht thematisiert werden soll.
Die grüne Ignoranz der sozialen
Frage gegenüber ist bislang leider
viel zu wenig thematisiert worden.
Seifert, Freitag-Community
Der Zerstörer
Man sollte
­realistisch
bleiben:
Die Geheimdienste in
Deutschland
werden nicht
aufgelöst
Gerhard Henschel
Eine peinliche Qual Helmut Kohl
wird wieder gefeiert. Habt ihr die
grauenhaften Achtziger alle schon
vergessen? Unser Autor erinnert sich
noch gut an diese Zeit
der Freitag 39 vom 27. September 2012
Nach 1945 sah es so aus, als würde
sich, neben all den Nazis, Mit­
läufern und Schwindlern, in Politik
und Medien auch ein bisschen
ein Anspruch an Charakter und
K a r i k at u r : K l a u s S t u t t m a n n F ü r d e r F r e i ta g
Weg damit?!
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
Wert­orientierung einbürgern. Das
führte zwar häufig zu oberlehrer­
haften Diskursen zum Zwecke
demokratischer (Re-)Sozialisation,
aber hin und wieder wehte auch
ein Hauch von „Edlem“, von
Würde durch die Luft, der Hoffnung
auf Besseres machte. Manche
verbanden das mit Brandt.
Genau das beendete/zerstörte
dann Kohl, bevor mehr wachsen
konnte, und öffnete weit die
Schleusen für Mittelmäßigkeit,
Streber- und Duckmäusertum,
Vetternwirtschaft, Korrumpierbar­
keit und Selbstbediener. Das Bild
des Vereinsstammtisches trifft es
gut. Und im Grunde ist die Wahl
von Gauck zum Bundespräsidenten
der erste Moment seit Kohl, wo
der Bürger zumindest hoffen
durfte, dass es auch anderes gibt
als das, was mit dem System Kohl
über ihn hereingebrochen war.
seriousguy47, Freitag-Community
Kohl ist der historisch bedeutends­
te Kanzler, denn er hat es zustande
gebracht, kleinbürgerlichen Mief
und intellektuelle Borniertheit
als gesellschaftliche Konzession zu
etablieren, die einen Fischer,
Schröder und eine Merkel möglich
gemacht haben.
GEBE, Freitag-Community
Schwarzes Schaf DDR
Jana Hensel, Susanne Kailitz
Born in the GDR Nach einem so
tiefgreifenden Umbruch wie dem
Mauerfall leiden viele Ostdeutsche an
psychischen Langzeitfolgen
der Freitag 39 vom 27. September 2012
Es sind keine neuen Erkenntnisse,
dass sich Sozialisation und histo­
rische Ereignisse über Generationen
hinweg manifestieren. Diskussions­
würdig ist die besondere Situation
der Ostdeutschen allerdings schon.
Denn sie tragen mehrfach an
der Last der Vergangenheit und
Gegenwart. Als Deutsche stehen
sie natürlich in der historischen
Verantwortung für die Greuel des
National­sozialismus. Als Ostdeut­
sche müssen sie aber auch die Last
des realsozialistischen Zusammen­
bruchs tragen. Da ist die Häme der
vermeintlichen Sieger. Da sind aber
auch die unausgesprochenen Be­
schuldigungen der westdeutschen
Linken, dass die Ostdeutschen die
Utopie von einer gerechteren Welt
nicht nur vergeigt, sondern schließ­
lich für den billigen Konsum von
Bananen, gebrauchte VW Golf und
Mallorca-Reisen verraten haben.
Sisyphos Boucher,
Freitag-Community
Ostdeutschland wurde nie als
gleichbechtigter Teil der vereinheit­
lichten Bundesrepublik gebraucht,
sondern nur als Absatzmarkt
für die westdeutsche Industrie, mit
allen Folgen für die Ostdeutschen,
deren Arbeitskraft nicht gebraucht
wurde und nicht mehr gebraucht
wird. Dafür haben sie ja jetzt Zeit,
Was mir im Artikel zu kurz kommt
(wahrscheinlich ist das einer der
Bereiche, die nur mitgedacht, aber
nicht mitgeschrieben wurden),
ist, welche Rolle das gegenwärtige
Gesellschaftssystem bei der Genese
psychologisch bedingter Er­
krankungen spielt. Dass die Gesell­
schaft, in der wir heute leben, ge­
nauso viel Druck ausübt, nur nicht
mehr auf politischer, sondern
auf wirtschaftlicher Ebene, taucht
im Artikel nur schemenhaft auf,
wenn es darum geht, vor welchen
Herausforderungen die Ostdeut­
schen nach der Wende standen.
Wollte man sehr einseitig argu­
mentieren, könnte man folgende
Gedankenkette etablieren. Seit
Jahren nehmen die psychischen
Probleme in der gegenwärtigen
Gesellschaft zu. Psychologen
betrachten bei der Auseinander­
setzung mit psychischen Proble­
men des Einzelnen seine indivi­du­
elle Biografie. Da ein Teil der
Bevölkerung in der DDR sozialisiert
wurde, spielt hierfür nun auch die
DDR plötzlich eine Rolle, obwohl
die akuten individuellen Probleme
durch die gegenwärtige Gesell­
schaft verursacht/ausgelöst
wurden. Dies nur einmal als Gegen­
these.
ich, Freitag-Community
Die Redaktion behält sich vor,
Leser­briefe zu kürzen.
Impressum
Verleger Jakob Augstein
Chefredakteur Philip Grassmann
Stellv. Chefredakteurin Jana Hensel
CvD Michael Pickardt
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Redaktion Ulrike Baureithel, Max Büch,
Matthias Dell, Maike Hank, Lutz Herden,
Michael Jäger, Jörn Kabisch, Christine
Käppeler, Steffen Kraft, Maxi Leinkauf,
Jan Pfaff, Cara Wuchold, Kathrin Zinkant
Layout Jana Schnell (stellv. AD),
Max Sauerbier, Felix Velasco (Titel)
Bildredaktion Niklas Rock, Kevin Mertens
Redaktionelle Übersetzer
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Projektmanagement Nina Heinlein (Leitung),
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25
Vorne weg Harald Glööckler designt nun Hunde-Accessoires S. 26
Dazwischen Eine Porträtfotografin löst Geschlechtergrenzen auf S. 28/29
Rückwärts Am Checkpoint Charlie tobt ein Kampf ums Gedenken S. 31
Die Welt der
Friseure ist im
Umbruch: PromiCoiffeur Udo Walz
hört auf. Und
Jung-Friseure
peppen mit Haareschneiden auf dem
Dach den Beruf auf.
Unser A–Z S. 32
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
Alltagskommentar
Jörn Kabisch
Raus aus der Schulkantine: Tauscht
eure Pausenbrote
F O T O S : J E N N I F E R O S B O R N E F Ü R D E R F R E I TA G , E L E N AT H E W I S E / F O T O L I A ( O B E N )
D
Come
on,
Guys!
Michael Kimmel will, dass
Männer zu Feministen werden.
Und zwar aus reinem Eigennutz.
Der amerikanische Männerforscher ist überzeugt: Mit mehr
Gleichberechtigung haben
alle mehr Spaß S. 27
ie besten Pausenbrote hatte
immer der Christian. Und
er wusste das. Also musste man
was drauflegen, wenn man mit ihm
tauschen wollte. Ein Nutellabrot gegen
eine Schinkensemmel mit Gewürzgurken? Machte zwei Panini-Bilder extra.
Ich war ein guter Kunde. Bis ich mir
einmal von einer seiner Stullen den
Magen verdarb. Am nächsten Tag
suchte ich mir auf dem Schulhof einen
anderen Zulieferer und entdeckte die
dunklen Vollkornscheiben von Miriam,
dick mit Vegetarier-Schmalz bestrichen.
Sie liebte Nutella.
Dreißig Jahre später ist an eine solche
Art der Schulverpflegung nicht mehr
zu denken. Und die Geschichte vom
kindlichen Risiko-Management nach
dem Try-and-Error-Prinzip mag sich für
manche anfühlen wie bröseliges Karamell aus den guten alten Zeiten. Aber
was ist das für ein Risiko-Management,
wenn sich wie vergangene Woche
mehr als 8.000 Kinder am Schulessen
den Magen verderben? In mehreren
Bundesländern blieben ganze Schulen
für Tage geschlossen, das Bundesverbraucherministerium hat eine Task
Force eingerichtet, wieder sind die
Keim-Jäger und Epidemiologen unterwegs und sammeln Essensproben
wie zu EHEC-Zeiten.
Eine Schinkensemmel reicht heute
auch längst nicht mehr als Schulspeisung. Viele Kinder bekommen inzwischen mittags in Schulen und Kitas ihre
tägliche Hauptmahlzeit vorgesetzt, und
je mehr Ganztags-Einrichtungen
entstehen, um so mehr Kinder sitzen in
den Schulkantinen. Diese Massenspeisung ist ein großer Markt, auf dem ein
starker Preiskampf herrscht. Im Durchschnitt 2,43 Euro – mehr für das Schulessen auszugeben, sind Eltern, Schulen
oder Kommunen heute nicht bereit.
Gleichzeitig sollen die Gerichte alle Ernährungsziele erfüllen, ihre Zubereitung
folgt schärfsten Hygieneregeln. So zu
produzieren, das schaffen paradoxerweise nur noch Groß-Caterer wie Sodexo,
aus dessen Töpfen das verdorbene
Essen stammen könnte (die Erregerquelle war bis Anfang der Woche noch
unbekannt). Sie kaufen in Massen ein,
verarbeiten Lebensmittel mit viel
Technik weiter und haben auch das
Personal rationalisiert. Die Folge: Das
Essen ist sicher wie nie, aber falls es
doch mal verdorben ist, dann sind die
Folgen weitreichend.
Aber was machen Schüler, wenn sie
dieses Essen nicht wollen? Sie haben
leider keine große Wahl mehr. Die Berliner Schulverwaltung empfiehlt Eltern
derzeit, ihren Kindern Essen mitzugeben. Sie sollten ihnen gleich ein paar
Brote mehr einpacken. Wäre doch schön,
wenn der Tauschhandel wieder blüht.
≫ Netz Schau
Keimzelle der Gewalt
„Soziale Brennpunkte“ heißt eine
neue Satire-Reihe des Bloggers
Frank Rawel. Im Auftakt geht es um
langsame Senioren im Supermarkt,
die Aggressionen auslösen, allerdings verdeckte. Zutage treten
sie erst da, wo sie gesellschaftlich
akzeptiert sind, im Fußballstadion
oder beim Sadomaso. Oberham
fühlt sich ertappt. In seinem Kommentar gibt er zu, auch die Schlange
aufzuhalten. Aber aus einem
ganz anderen Grund: Er unterhält
sich gerne mit der Kassiererin.
Mehr auf: freitag.de/Supermarkt
≫ freitag.de/community
26 Szenen & Bilder
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
I l l u s t r at i o n : S i m o n S c h wa r t z F ü r d e r F r e i ta g
Storyboard
Werbekritik
Eventkritik Für den besten Freund: Der Glitzer-Designer Harald Glööckler will die Welt auch für Hunde glamouröser machen
„Ein Hund ist kein Accessoire!“
Ein Schnappschuss vom diesjährigen
Christopher Street Day zeigt den Regierenden Berliner Bürgermeister Klaus
Wowereit mit Innensenator Frank Henkel. Sie stecken ihre Köpfe zusammen,
wirken aufgrund der körperlichen
Nähe sehr vertraut. Dieses Bild nutzt
die Werbeagentur Glow gerade für eine
Anzeige des Reiseanbieters Adamare
Single­reisen. Darüber prangt der Slogan:
„Bessere Flirtpartner gibt’s bei uns!“
Nun wird im politischen Journalismus
ja gern mit Beziehungsmetaphern um
sich geworfen. Da ist die „Zweck­ehe“
nicht weit. Wenn es kracht, hat man
sich „auseinandergelebt“, und natürlich
wird mit anderen Parteien „geflirtet“.
Auch dass die Große Koalition in Berlin
mit Wowereit (Flughafendesaster)
und Henkel (Pannen bei der NSU-Aufklärung) nicht gerade auf einer Erfolgswelle reitet, ist sicher richtig. Durch die
offene Homosexualität des Regierenden Bürgermeisters und die offene
Heterosexualität seines Innensenators
bekommt das Spiel mit der körperlichen
Anziehung aber einen unguten Beigeschmack. Wer soll sich hier einen
anderen Flirtpartner suchen? Und was,
bitteschön, heißt in diesem Kontext
„besser“? Etwa heterosexueller?
Die Anzeige ist kaum als Signal
dafür zu lesen, wie selbstverständlich
gleichgeschlechtliche Liebe bereits im
politischen Raum ist. Vielmehr setzt die
Agentur auf Provokation. Der Sprecher
des Berliner Senats teilte bereits mit,
dass man rechtlich dagegen vorgehen
werde. Bilder von Wowereit lasse
man in Werbung generell nicht zu,
weder in negativem noch in positivem
Zusammenhang.
Sophia Hoffmann
zu sich nach Hause bestellen. Von seinen
Fans wird Glööckler, ein Meister der
Selbstinszenierung, wie ein Popstar verehrt. Und wer sich die Frage stellt, wer diese
Leute sind, bekommt im Futterhaus eine
überraschende Antwort. Es sind die Leute,
deren Leben mit Glamour überhaupt nichts
zu tun hat, deren Leben in Wahrheit von
dem Leben einer Prinzessin oder eines
Prinzen nicht weiter entfernt sein könnte.
Die aber genau deswegen danach lechzen.
Darauf gründet sich Glööcklers Erfolg, auf
dieser Erkenntnis hat er sein Modeimperium erbaut.
An den Glööckler-Ankündigungsbannern
am Futterhaus zerrt der Wind. Auf dem
Parkplatz hat sich eine Schlange vor einem
Glücksrad gebildet – vorwiegend Senioren
mit kleinen Hunden, ein paar junge Frauen
in Jogginghosen. Ein gelb-rot gekleideter
Futterhaus-Mitarbeiter fragt die Wartenden
nach den Namen ihrer Haustiere – Hund
oder Katze? Er tanzt redend zu einer der
Präsentkisten und holt Gratis-Probepackungen hervor.
Im hinteren Teil des Ladens, hinter Futter
und Spielzeug, ist eine schwarze Bühne
aufgebaut. Darauf steht ein goldener Thron,
eine mit goldenener Schleife verzierte Vitrine und Podeste, auf denen Hundenäpfe
präsentiert werden. Die Fans stehen links
und mittig zur Bühne oder blicken von der
Galerie herab. Überall wuseln Hunde in allen Farben und Größen herum. Manche
sind von ihren Frauchen oder Herrchen im
Einkaufswagen verstaut worden.
Im Pressebereich drängeln sich Fotografen und Kameramänner. Eine Fotografin
fängt an zu pöbeln. Sie wirft einem jungen
Mädchen vor, von der Schülerzeitung zu
sein und im Pressebereich nichts zu suchen zu haben. Hat sie dann aber doch.
Man solle sich doch mal die Hände reichen
und vertragen, versucht ein Sicherheitsmann zu schlichten. Schwierig. Glööckler
kommt eine halbe Stunde zu spät, eine lange halbe Stunde. Es ist stickig, es riecht
nach Katzenstreu und viel zu süßem Parfüm. Überall sind Ellenbogen. Immer wieder fangen Hunde an zu jaulen.
Schon mit sieben nur ein Ziel
Glööckler selbst ist mit strassbesetzen Kreationen und durch Auftritte im Privatfernsehen bekannt geworden. Er verkauft seine
Kollektionen über Teleshopping-Sender
und erzählt gern, dass er schon als Siebenjähriger nur ein Ziel hatte: Er wollte die
Welt glamouröser machen.
In Glööcklers Reich gibt es alles, was es in
der realen Welt auch gibt, nur eben wesentlich bunter, schriller, glitzender. Ringe, Ketten, Tapeten, Teppiche, Kissen, Möbel, Pflegeprodukte und Kunst. Und wenn der Glamour nach dem Kauf der Produkte immer
noch nicht im eigenen Leben angekommen
ist, kann man das Glööckler-Designerteam
F o t o : D e r F r e i ta g
Foto: Presse
M
an würde es nicht vermuten, aber
an diesem Mittag findet im „Futterhaus“ im Berliner Außenbezirk Buckow tatsächlich eine Weltpremiere
statt. Eingeladen hat der selbsternannte
„Prince of Pompöös“, der Berliner TrashDesigner Harald Glööckler. Er will sich in
einem neuen Marktsegment etablieren.
Mit einem Hersteller für Heimtierzubehör
hat er eine Dog-Couture-Kollektion entworfen. Inspiriert habe ihn sein Zwergspaniel Billy King, heißt es in der Broschüre.
Die Kollektion besteht aus Kunstlederhalsbändern und Hundeleinen in Schwarzgold oder mit rosa Raubkatzenoptik. Und
aus Spielzeug, Decken, Sitzkissen und Näpfen, auf denen die goldene Krone, das Markenzeichen Glööcklers, prangt. Die Kissen
und Näpfe tragen Namen wie „Kampen“,
„Las Vegas“ und „St. Tropez“. Es soll nach
Luxus und großer weiter Welt klingen, und
das ist ein bisschen schwer zusammenzubringen mit dem Futterhaus.
In Buckow gibt es Wohnsiedlungen, Gasthäuser, Kleingewerbe, Kioske, Tankstellen.
Als Maskottchen hat das Futterhaus einen
Comic-Hund, der breit grinst und einen
Daumen in die Höhe reckt. Die Tierhandlungskette hat ihre Filialen in ganz
Deutschland. Und wie die Filialen von Ikea
oder Hornbach sind auch sie in überdimensionalen Containern mit großen Parkplätzen drumherum untergebracht.
Der „Prince of Pompöös“ ist präsent, auch wenn er noch gar nicht auf der Bühne ist
Dann ist es soweit. „Who let the dogs out“
schallt blechern aus einer kleinen Box.
Glööckler schreitet eine Treppe herab. Begleitet wird er von einer Frau in beigefarbenem Trenchcoat. Er trägt einen engen
schwarzen Anzug, Cowboystiefel und riesige Ringe an der Hand, auf dem Arm einen
kleinen Hund. Die Fans rufen „Harald, Harald“. Eine Frau hält eine selbstgebastelte
Samttasche hoch. „Schön“, sagt Glööckler.
Konservativer Hintergrund
Die Fotografen rufen. Glööckler lächelt jetzt
für die Presse. Er posiert im Stehen, kuschelt mit dem kleinen Hund, setzt sich auf
den goldenen Thron. Während des Fototermins ist die beige Frau immer dort, wo sie
nicht sein soll, neben oder hinter Glööckler
im Bild. Das führt zu allgemeiner Verstimmung, ihr konservatives Auftreten passt
nicht in Glööcklers Welt. Sie ist die Vertreterin des Halsbandherstellers.
Zwei blondierte Models klettern in roten
Kostümen auf die Bühne. Auch sie tragen
Hündchen auf dem Arm. „Die eine kenn’
ich doch aus ’nem Porno“, ruft jemand.
Dann bittet der Moderator nacheinander
vier Hunde samt ihrer Normalo-Frauchen
auf die Bühne. Sie stehen für das, worum es
eigentlich gehen soll – eine Schau mit Hunden, die einzelne Stücke der Kollektion präsentieren.
Zum Schluss reißen sich Glööckler und
die beige Frau immer wieder gegenseitig
das Mikro aus der Hand. Noch einmal berichten sie euphorisch von der Restaurantliege „Monte Carlo“, einem laptoptaschengroßen Sitzkissen mit Henkel. Statt auf
eiskalten Fliesen soll der Vierbeiner auf ihr
Platz nehmen, wenn Herrchen sich mal
wieder zu lang im Restaurant aufhält.
Schließlich würden wir den Tieren unseren
Lebenswandel aufzwingen, sagt die beige
Frau. Aber indem man dieses Kissen anschaffe, übernähme man im positiven Sinne dafür die Verantwortung.
Zum Schluss möchte Glööckler noch etwas klarstellen: „Ein Hund ist und bleibt
ein Hund und kein Accessoire.“ Dass das
bloß keiner verwechselt. Anna Fastabend
Porträt 27
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
„Ein gleichberechtigter
Partner ist sexy“
M
ichael Kimmel lächelt breit. Kein
aufgesetztes Höflichkeits-Lächeln,
es wirkt, als ob er
sich wirklich über seinen Kurztrip
nach Europa freut. Er steht in der
Lobby eines Seminargebäudes in
Berlin-Mitte, ein kleiner Mann mit
dunklem Jackett und korrekt gebundener Krawatte. Das GundaWerner-Institut für Geschlechterdemokratie hat den New Yorker
Soziologie-Professor mit dem
Schwerpunkt Gender eingeladen,
damit er mal erklärt, wie das zusammengehen soll: Feminismus
und Spaß. Kimmel gilt als einflussreichster Männerforscher der USA.
Zusammen mit seinem Kollegen
Michael Kaufmann hat er den Guy’s
Guide to Feminism geschrieben, in
dem die Autoren erklären, warum
Männer Feministen sein sollten.
Vor seiner Lesung ist noch Zeit für
ein Gespräch – von Mann zu Mann
selbstverständlich.
Der Freitag: Herr Kimmel, wenn
ich als Mann zum Feministen
werde, ist es dann nicht mit dem
Spaß vorbei, weil ich mich stän­
dig selbst kontrollieren muss, ob
ich mich auch korrekt verhalte?
Michael Kimmel: Nein, ich glaube,
das Gegenteil trifft zu. Was bedeutet es, ein Feminist zu sein? Zwei
Dinge: Erstens muss man sich die
Welt anschauen, dann sieht man,
Männer und Frauen werden nicht
gleichbehandelt. Und das Zweite
ist eine moralische Position –
nämlich die Forderung, dass das
anders sein sollte. Es ist doch
grotesk, wenn Männer glauben,
dass sie umso weniger Spaß haben,
je gleichgestellter Frauen sind.
Das würde nicht gerade fürs männliche Selbstbewusstsein sprechen,
wenn wir nur glücklich wären,
wenn wir das Gefühl hätten, die
Überlegenen zu sein.
Es geht nicht nur um eine mora­
lische Haltung. Sie behaupten
auch, Männer hätten selbst etwas
davon, sich für Feminismus
einzusetzen.
Geschlechtergerechtigkeit ist kein
Nullsummenspiel, das ist meine
feste Überzeugung. Alle können
davon profitieren. Das lässt sich
sogar statistisch belegen. Studien
mit amerikanischen Ehepaaren
zeigen: Je gleichberechtigter eine
Beziehung geführt wird, je gleicher
die Lasten der Hausarbeit aufgeteilt sind, desto glücklicher sind
die Frauen – und die Männer. Diese
Männer sind allgemein zufriedener. Sie trinken weniger Alkohol,
rauchen seltener, gehen regelmäßiger zum Arzt. Und vor allem: Sie
haben auch mehr Sex.
Überzeugt!
Das ist doch logisch. Nichts hat
mehr Anziehungskraft als die
Auseinandersetzung mit einem
gleichberechtigten Partner. Insofern ist Gleichberechtigung sexy.
Wo fange ich an, wenn ich
Feminist werden will?
Am besten beginnen Sie klein.
Gehen Sie in Gedanken Ihr bisheri-
ges Verhalten durch und überlegen
Sie, an welcher Stelle Sie von
der Ungleichbehandlung der Geschlechter profitiert haben. Dann
können Sie sich fragen, wie Sie
das ändern können. Es ist übrigens
als Mann leichter, zu einer Frau
zu sagen: „Hey, ich bin jetzt für Geschlechtergerechtigkeit“ als zu
einem Mann zu sagen: „Ich finde
es nicht richtig, wie du diese Frau
behandelst – hör’ damit auf!“
Man muss sich bewusst machen:
Stillschweigen ist eine Form der
Zustimmung. Männer machen
abfällige Kommentare über Frauen,
weil sie davon ausgehen, dass
andere Männer diese billigen.
Wenn eine Frau auf der Straße
blöd angemacht wird, ist der Fall
klar, aber es gibt ja viel subtilere
Formen der Diskriminierung.
Richtig, und es ist auch nicht einfach, da immer gegenzuhalten. Ein
paar Männer sitzen zum Beispiel
zusammen im Auto, und vor ihnen zieht ein Wagen quer über alle
Fahrspuren. Dann sagt einer: „Ah,
da fährt eine Frau, typisch Frau
am Steuer ...“ Wenn man dann antwortet: „Die Statistiken zu rücksichtslosem Verhalten im Straßenverkehr besagen aber, dass meistens Männer …“, hat man schnell
das Image eines Spaßverderbers.
Das will keiner. Aber wenn wir Stereotype wirklich bekämpfen wollen, bleibt uns nichts anderes übrig.
Was sollte ein Feminist noch tun?
Die politischen Forderungen von
Frauen unterstützen. Wenn Frauen
heute mehr Teilzeitarbeit fordern,
denken viele Männer im Stillen:
„Lass sie mal machen. Wenn die
Teilzeit arbeiten, steigen meine
Chancen auf eine Beförderung, weil
ich immer da bin.“ Stattdessen
sollten Männer sich lieber fragen,
ob sie nicht auch mehr Zeit mit
ihren Kindern verbringen wollen.
Darf man als Feminist einer
Frau eigentlich noch auf den
Hintern schauen?
Natürlich darf man das. Der weib­
liche Körper ist etwas sehr Schönes.
Man kann das ästhetisch schätzen
– völlig okay. Es bedeutet aber
nicht, dass man sich zu irgendwas
berechtigt fühlen darf. Es ist auch
okay, einer Frau ein Kompliment
über ihr neues Oberteil zu machen
und ihr die Tür aufzuhalten. Nur
„Natürlich
darf man als
Feminist
einer Frau
auf den Hintern schauen“
weil man Feminist ist, muss man
nicht unhöflich sein. Es muss nur
klar sein, dass es da endet.
Kein Mann würde jemals so
etwas anschauen, deswegen nur
rein hypothetisch gefragt: Was
ist als Feminist mit Pornos? Darf
man die anschauen?
Das Problem mit Pornos ist
nicht, dass sie Sex zeigen, sondern
dass sie Sex zu oft mit Sexismus
ver­mischen – und diesen so sexy
erscheinen lassen. Mein Vorschlag:
Wir sollten nicht weniger Pornografie haben, sondern lieber mehr
und bessere. Das heißt, wir brauchen Bilder, die uns zeigen, wie es
wirklich aussieht, wenn Menschen
F o t o : T h o m a s C a m p e a n / L NP/ D PA
Michael Kimmel ist bekennender Frauenversteher. Und er will seine Geschlechtsgenossen auch zu solchen machen. Ein Gespräch unter Männern
Seite an Seite: Frauen und Männer demonstrieren gemeinsam beim Slutwalk 2012 gegen sexuelle Gewalt
Warum Feminismus auch Männer etwas angeht
Hassen Feministinnen
Männer? Was meinen
Frauen, wenn sie von
männlichen Privilegien
sprechen? Warum ist für
Paare eine gleiche Auf­
gabenverteilung im
Haushalt besser als eine
ungleiche? Und warum,
zum Teufel, sollten
einen Mann diese Fragen
überhaupt interessieren?
In kurzen, oft witzigen
Einträgen, sortiert von
A bis Z, gibt der Guy’s Guide
to Feminism (Seal Press)
von Michael Kimmel und
dem Gleichberechtigungsaktivisten Michael
Kaufmann Antworten
darauf. Man erfährt, dass
Feministinnen grundsätzlich Männer mögen –
und ihnen auch einiges
zutrauen, nämlich dass
sie sich nicht nur um ihr
eigenes Wohlergehen
sorgen, sondern auch um
sich begehren. Und wie wirkliche
Menschen aussehen, wenn sie
Sex haben. Stattdessen schleicht
sich die stereotype Porno-Ästhetik
in unseren Alltag.
Wie meinen Sie das?
Ein Beispiel: Viele junge Männer
denken heute, dass Frauen sich
die Schamhaare abrasieren sollten.
Diese Vorstellung hat die PornoIndustrie geprägt. Sie fing damit
an, nicht weil sie wollte, dass Frauen wie kleine Mädchen aussehen,
sondern weil es sich am Set einfacher ausleuchten und filmen lässt,
wenn keine Haare im Spiel sind. So
wurde aus einem filmtechnischen
Problem eine gesellschaftliche
Mode. Aber gerade weil viele junge
Männer das erste Mal in ihrem
Leben Sex sehen, wenn sie Pornos
schauen, ist es wichtig, dass wir
den Klischees der Industrie andere
Vorstellungen entgegensetzen.
Wie könnte das gehen?
Möglicherweise löst sich das Problem allein durch die technischen
Veränderungen, durch Internet
und Handykameras. Mittlerweile
hat jeder die Produktionsmittel
zu Hause, um eigene Videos zu
drehen und übers Netz zu verbreiten. Die Demokratisierung der Produktionsmittel führt ja in vielen
Bereichen zur Entwertung der Profis. Bei der Pornografie könnte das
eine befreiende Wirkung haben.
Wieso hat der Feminismus als
Bewegung so ein spaßfreies
Image, nicht nur bei Männern?
Die Fragen, mit denen sich der
Feminismus beschäftigt, sind oft
sehr ernste: sexuelle Belästigung,
Gewalt gegen Frauen, Lohndis­
kriminierung, Machtverteilung.
Ich glaube allerdings, diese Fragen
sind so ernst, dass man manchmal
das ihrer Partnerinnen,
Mütter, Töchter und
Schwestern. Und dies sollte
sie zu Unterstützern des
Feminismus machen.
Michael Kimmel beschäftigt
sich seit mehr als 30 Jahren
mit Geschlechterfragen.
Der 61-Jährige ist Professor
für Soziologie an der Stony
Brook University in New
York und begründete die
akademische Teildisziplin
etwas Humor braucht, sonst hört
einem da überhaupt keiner zu. Das
ist aber nur ein Teil der Antwort.
Und der andere?
Dieses spaßfreie Image hat auch
mit einer selektiven Wahrnehmung zu tun. Die Medien haben
oft Bilder und Interviews mit
Feministinnen gezeigt, die gerade
wütend waren. Weil man nicht
viel mehr wusste, hatten viele
den Eindruck: Feministinnen sind
Frauen, die 24 Stunden am Tag
wütend sind, die sich nicht um
Körperpflege scheren und keinen
Mann abbekommen, weswegen
sie dann alle lesbisch werden. Diese
Stereotype sind nach wie vor sehr
mächtig. Wenn ich heute meine
Studentinnen frage, wer von ihnen
sich als Feministin bezeichnet,
melden sich nur ganz wenige.
Wenn man sie jedoch nach konkreten feministischen Zielen fragt,
stimmen sie eigentlich allen zu.
Sie kritisieren auch, dass sich die
meisten Männer beim Thema
Gender nicht zuständig fühlen.
Ja, viele Männer denken, Geschlechterfragen haben nichts mit
ihnen zu tun. Sie glauben, das sei
eine reine Frauensache. Und
das hat politische Konsequenzen.
Inwiefern?
Für die Privilegierten selbst sind
Privilegien unsichtbar, sie nehmen
sie nicht wahr. Und deswegen sehen sie auch keine Notwendigkeit,
etwas zu verändern. Ich erinnere
mich noch genau an den Moment,
in dem ich merkte, dass ich selbst
die Bedeutung von Gender bis zu
diesem Zeitpunkt überhaupt nicht
richtig verstanden hatte.
Wann war das?
Vor etwa 30 Jahren. Ich war gerade
dabei, meine Doktorarbeit in
der Men’s Studies in den
USA mit. Er gibt die
Fachzeitschrift Men and
Masculinities heraus und
ist Sprecher der National
Organization For Men
Against Sexism. Kimmel
ist verheiratet und hat
einem 13-jährigen Sohn.
Ein Videomitschnitt seiner
Lesung in Berlin ist auf der
Website des Gunda-WernerInstituts (tiny.cc/99lalw)
zu sehen. jap
Soziologie zu schreiben, und wir
hatten eine Studiengruppe, in der
wir neue feministische Texte lasen
– elf Frauen und ich als einziger
Mann. Eine weiße Studentin sagte
da: „Frauen sind alle gleich, wir
leiden alle unter den patriarchalen
Strukturen dieser Gesellschaft.“
Eine schwarze Studentin schüttelte
den Kopf: „Ich bin mir nicht so
sicher, dass wir alle gleich sind. Was
siehst du, wenn du morgens in
den Spiegel schaust?“ Die Weiße
antwortete: „Eine Frau.“ „Das ist
der Unterschied“, sagte die Schwarze. „Ich sehe eine schwarze Frau.“
Das Unsichtbare der Privilegien ...
Plötzlich wurde mir klar: Natürlich
ist es ein Privileg, dass man als
Weißer nicht dauernd über die
Hautfarbe nachdenken muss. Und
genauso ist es ein Privileg, dass
man als Mann nicht dauernd über
das Geschlecht nachdenken
muss. Bis zu diesem Punkt hielt
ich mich als weißer Mann aus
der Mittelklasse für den Inbegriff
wissenschaftlicher Neutralität.
Das ging danach nicht mehr.
Männer glauben oft, sie müssten
sich schuldig fühlen, wenn es um
Gleichberechtigung geht.
Sie denken, dass Frauen – wenn sie
diese Themen ansprechen – auf
sie als Individuen sauer seien, nur
weil sie Männer sind. Ich glaube
aber, Frauen sind dafür zu klug. Sie
können unterscheiden zwischen
der Wut auf ein ungerechtes System
und einzelnen Männern.
In Familien engagieren sich
Männer heute sehr viel stärker
als noch vor 30, 40 Jahren. Sie
warnen aber vor dem „Fun Dad“.
Bei Umfragen geben Männer heute
weit mehr Stunden an, die sie
der Hausarbeit widmen. Das klingt
toll, aber oft ist es so, dass sie die
Zeit, die sie mit ihren Kindern verbringen, dazu zählen. Dann geht
der Vater mit den Kindern in den
Zoo, während die Mutter daheim
staubsaugt. Papa ist für den Spaß
zuständig, Mama für den Rest – so
war das nicht gedacht.
Väter, die Vollzeit arbeiten, sagen
manchmal, sie würden die weni­
gen Stunden mit ihren Kindern
besonders intensiv erleben.
Ich glaube nicht an dieses Gerede
von Quality Time. Ich bin für
Quantity Time. Man kann emotionale Nähe nicht in einen Zeitplan
zwängen. Als ich zusammen mit
meinem Sohn zum 43. Mal Toy
Story anschaute, kletterte er plötzlich auf meinen Schoß und sagte:
„Oh Daddy, das ist so schön, das mit
dir anzuschauen.“ Diesen Moment
hätte ich nie erlebt, wenn ich
nicht vorher schon 42. Mal diesen
Film mit ihm angeschaut hätte.
Bisher fühlten sich meist berufs­
tätige Mütter schuldig, dass sie
weder Kindern noch Job richtig
gerecht werden. Nun fangen auch
Väter an, sich schuldig zu fühlen.
Ist das wirklich ein Fortschritt?
Ja, definitiv. Man muss das im g
rößeren geschichtlichen Kontext
sehen. Bisher hatten Männer wenig
Stress, Karriere und Familie zu
vereinen, nun steigt ihr Stresslevel.
Das erhöht den Druck. Und nur
so wird sich unsere Welt verändern.
Das Gespräch führte Jan Pfaff
Anzeige
Postdemokratie
Ist die Demokratie am Ende
oder nur die Verkrustung, die sie
gelähmt hat?
Colin Crouch im Gespräch mit Carolin Emcke
So 7.10., 12 Uhr
schaubühne
Kurfürstendamm 153 | 10709 Berlin
www.schaubuehne.de | Tickets: 030.890023
2,50 Euro | Ermäßigungsberechtigte frei
28 Alltag
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
Alltag 29
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
„Beim Fotografieren
entsteht ein intimer
Raum. Oft kommt
es zu sehr privaten
Gesprächen“
„Immer stellt sich
die Frage: Wie nehmen
sich Menschen wahr
und welches Bild halte
ich fest?“
Dazwischen
Identität Ob wir eine Frau oder einen Mann sehen, ist keine rein biologische Frage.
Diese Einordnung hängt von unserem Blick ab: Nehmen wir Gesichtszüge als weiblich oder männlich
wahr? Die Porträtserie „ErSieEs“ lässt sich auf Zwischenräume ein und sucht deren Schönheit
Text und Fotografie Yvonne Most
W
ir treffen uns an
einem trüben Novembertag im
Café in einer
Stadt, aus der wir
beide längst weggezogen sind. Es war
mir klar, dass es eines Tages zu der
Offenbarung kommen wird, und ich
bin nicht überrascht. Es bewegt mich,
denn sie möchte von nun an mit einem Männernamen angesprochen
werden. Sie möchte als das wahrgenommen werden, als das er sich
sieht. Der Schritt der körperlichen
Angleichung ist die Konsequenz. Die
Hormone ändern sich, die Stimme
senkt sich, die Brüste verschwinden.
Ich habe sie seither nie als Frau gesehen, welche sich als Mann verkleidet.
Sie ist er, ein Transmann.
Seitdem ist mein Bedürfnis geweckt, diesen Prozess der Angleichung fotografisch festzuhalten. Ich
beschäftige mich mit Geschlechterentwürfen und Begriffen aus der
Genderszene und erkenne, wie mich
Sprache einengt. Überall sehe ich
Gender. Beim Ausfüllen von Formularen mit den Kästchen für Frau und
Mann fange auch ich an zu fragen,
wo die fehlenden Kästchen sind.
Mein bisheriges Bildergedächtnis ist
geprägt von inszenierten Selbstdarstellungen, wenn es fotografisch um
das Thema Geschlechterrollen geht.
Eine Vorher-Nachher-Serie kommt
nicht in Betracht, ich will das voyeuristische Element nicht bedienen.
Am Anfang ist Irritation
Bald ist er nicht mehr mein Hauptakteur, sondern wird der Anlass für
die Porträtserie ErSieEs. Private sexuelle Vorlieben sind keine Kriterien
für meine Auswahl der Porträtierten.
Vielmehr stehen Irritation und Annäherung im Vordergrund. Immer
stellt sich die Frage: Wie nehmen
sich die Menschen wahr, und welches Bild halte ich fest?
Anfangs hatte ich Bedenken andere mit meiner Anfrage zu verunsichern, doch ich bin immer wieder
überrascht, wie offen und vertrauensvoll der Umgang miteinander
ist. Denn für eine Frau kann es sehr
kränkend sein, auf ihre maskulinen
Züge hingewiesen zu werden. Oder
sie an ihr wahrzunehmen. Umgekehrt ähnlich für einen Mann. Die
meisten haben in meiner Wahrnehmung sowohl weibliche als auch
männliche Gesichts­züge. Bei der
Frage nach diesen Kategorien sind
wir dazu verleitet, sie biologisch zu
beantworten. Was sie aber in sozialer, psychischer und emotionaler
Hinsicht als Antworten bereithalten, ist nur sehr komplex wiederzugeben, ich wage dies nicht.
Beim Fotografieren entsteht ein
intimer Raum – manchmal reden
wir kaum, oft kommt es zu sehr privaten Gesprächen. Die Fotografien
sind Zeugen einer Kommunikation,
die gesucht und zugelassen wird.
Manches bleibt verborgen, oder es
gibt keine Worte dafür, was in den
Gesichtern zu sehen ist. Es ist die
verborgene Schönheit, die wir mit
Blicken herausholen wollen. Etwas
fordert unsere Aufmerksamkeit heraus, der wir uns nicht entziehen
können. Was ist das? Jemand möch-
te bekannte Anteile seiner und ihrer
Selbst sehen, die nicht körperlich
sind, vielmehr Teile der Persönlichkeit. Ich fotografiere Individuen, die
sich im Zwischenraum bewegen,
aber auch Charaktere, die diesen
Raum an sich nicht vermuten, und
den ich durch das Fotografieren erst
geschaffen habe.
In der Reflexion über Identität
und Körperlichkeit ist das beladene
Wort Heimat nicht abwegig: sich in
der eigenen Haut wohlfühlen, einen
Platz finden in sich und in der Umwelt, die Heimat im eigenen Körper.
Das „Dazwischensein“ ist viel mehr
Normalität, als es uns unsere Vor-
stellung davon suggeriert. An den
Männernamen und seine tiefe Stimme habe ich mich längst gewöhnt, an
seinen weiblichen Geburtsnamen
denke ich kaum noch. Er ist Teil der
Serie und es ist nicht wichtig, wer der
Transmann unter ihnen ist.
Yvonne Most, geboren 1981, wuchs
in Thüringen auf, hat B.A. Cultural
­Engineering, M.A. Fotografie und bei
Sibylle Bergemann (Ostkreuz) ­studiert.
Seit 2008 arbeitet sie als Dozentin für
analoge und digitale Fotopraxis. Wer
sich für ErSieEs porträtieren lassen
möchte, ist eingeladen, sich zu melden:
[email protected]
30 Der, die, das
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
Frauensache
Männersache
Warum hassen viele
Männer nette Kerle
wie Markus Lanz?
Angelo D’Abundo hat sich vorgenommen,
Markus Lanz bei seinem Wetten, dass..?Debüt eine Chance zu geben
F o t o : P ETE R PA R K S /A F P/ G e t t y I m a g e s
L
eicht hat es Markus Lanz wirklich
nicht. Der neue Wetten, dass..?Moderator soll am kommenden
Samstag Europas größter Fernsehshow
neues Leben einhauchen. Aber schon
vorher sind sich viele einig, dass
das nichts werden kann. Einer Umfrage
einer TV-Zeitschrift zufolge trauen
ihm 64 Prozent der Befragten nicht zu,
damit Erfolg zu haben.
Lanz kämpft aber wohl noch gegen
etwas anderes. Er muss sich dem Kernprinzip der Evolution entgegenstemmen: der Herrschaft des Alpha-Tiers.
Noch skeptischer als der Durchschnitt
der Befragten war die Gruppe der Männer. Und es waren männliche Journalisten, die für die ätzendsten Angriffe auf
den 43-jährigen Südtiroler verantwortlich zeichneten. So demontierte Stefan
Niggemeier den Moderator im Spiegel
derart drastisch, dass Zweifel daran aufkamen, dass die Abneigung gegen Lanz
nur mit seinen journalistischen Qualitäten oder deren Fehlen zu erklären sei.
Womöglich stößt jemand wie Lanz
auf so viel Kritik, weil er nicht dem
Typus des alpha males entspricht.
Schließlich ist dieser nicht nur für die
Hackordnung im Tierreich verantwortlich, sondern prägt nach wie vor auch
den Umgang in Männergruppen.
Das Alpha-Männchen zeichnen seine
Aggressivität, seine körperliche Dominanz und sein Führungsanspruch
aus. Vor allem aber redet ein Leitwolf
nicht, sondern lässt Taten sprechen.
Bei Politikern fallen einem als Beispiele
gleich Altkanzler Gerhard Schröder
(„Wir machen jetzt Hartz IV, basta!“)
oder Potenzprotz Silvio Berlusconi
(„Wir machen jetzt Liebe, basta!“) ein.
Der TV-Moderator ist jedoch qua
Beruf zu einem Dasein als beta male
verdammt. Mehr als Reden soll er nicht,
und vor allem auch bitteschön nicht
zu viel. Schließlich sollen die Gäste zu
Wort kommen. Auch auf Kraftmeierei
à la Stefan Raab muss Lanz auf der
öffentlich-rechtlichen Fernsehbühne
verzichten, deren Gestalter peinlich
darauf bedacht sind, gängige gesellschaftliche Konventionen einzuhalten
und nicht zu viel zu riskieren.
Scheitert Lanz in seiner neuen Rolle,
mag das durchaus mit seinem soften
Auftreten zu tun haben. Die testosterongetriebenen Gesetze der Natur könnte er
sich allerdings zunutze machen: Be­kann­
termaßen sterben Männer um einiges
früher als Frauen, zumindest die harten
Kerle. So gesehen könnte der weiche
Lanz seine männlichen Kritiker dann
einfach aussitzen.
Angelo D’Abundo
Viele Karaoke-Bars in Peking lassen mit ihrer Straßenwerbung keinen Zweifel aufkommen, dass dort nicht nur gesungen wird
Sexpatriats
China Prostitution ist illegal, aber trotzdem gesellschaftlich akzeptiert. Vor allem in der Wirtschaftswelt spielt sie eine große Rolle
■■Adrian Kummer
I
m Pekinger Botschaftsviertel liegt
eine Bar namens Maggie’s. Gerhard*, der seit sieben Jahren für ein
großes deutsches Unternehmen in
der chinesischen Haupstadt arbeitet, steht lässig am Tresen und trinkt chinesisches Bier aus der Flasche. Er hat sich
herausgeputzt – aus Respekt vor der Frau,
die er gleich bezahlen wird.
Das Maggie’s ist kein Bordell. Es ist ein
Treffpunkt für Frauen, die in knappen Kleidern und mit eindeutigen Fragen um Freier werben. Und für westliche Männer, die
sich werben lassen. „Wie heißt du?“ – „Woher kommst du?“ – „Willst du Spaß?“
Das Thema Prostitution sei unter chinesischen wie ausländischen Geschäftsleuten
alltäglich, weshalb er keine Hemmungen
habe, über seine Erfahrungen zu sprechen,
sagt Expat Gerhard. „Ein hübsches Mädchen kann man ab 80 Euro bis zum nächsten Morgen mitnehmen.“ Wenn man weniger zahle, gingen die Mädchen am selben
Abend wieder auf Männerfang. Gerhard
kommt oft ins Maggie’s, obwohl er Frau
© Erasmus Schröter
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05.10.2012–28.01.2013
GESCHLOSSENE
GESELLSCHAFT
KÜNSTLERISCHE FOTOGRAFIE IN DER DDR 1949–1989
Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124–128, 10969 Berlin, Mi–Mo 10–18h
www.berlinischegalerie.de
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und Kind hat. „Die meisten Männer hier
sind verheiratet. Aber Nutten gehören für
viele zum Expat-Lifestyle dazu.“
Auf der anderen Straßenseite stehen Soldaten vor den Botschaften. Das Treiben im
Maggie’s interessiert sie nicht. Nicht nur,
weil die Bar von ehemaligen Polizeioffizieren betrieben wird. Die Behörden stellen
sich blind und taub. Nur während der
Olympischen Spiele mussten Etablissements schließen, weil sich die Volksrepublik kurzzeitig um ihr Image sorgte.
In Massage-Salons und Hotels
In China ist trotz Verbots die gesellschaftliche Akzeptanz von Prostitution hoch, wesentlich höher als in Deutschland. Der
deutsche Ergo-Skandal wäre hier kaum einer. Eine Umfrage unter Studenten ergab,
dass sich die Hälfte vorstellen kann, sexuelle Dienste in Anspruch zu nehmen. Wo Studenten in Europa mit illegalen Drogen experimentieren, sehnen sie sich in China
nach illegalem Sex. Vor allem in der Wirtschaft spielt Prostitution eine große Rolle.
Mancher Kunde bekommt nach den Verhandlungen Frauen angeboten, spätestens
beim gemeinsamen Karaoke.
Man findet Prostitution nicht nur in
Bars, sondern auch in Diskotheken, Massage-Salons, Hotels und Karaoke-Bars, von
denen viele über stundenweise nutzbare
Nebenräume verfügen. In Fünf-Sterne-Hotels lauern die Mädchen in der Lobby, in
billigeren Unterkünften gehen sie von Tür
zu Tür oder rufen auf dem Zimmer an. Sogar Flyer liegen mancherorts auf den Zimmern aus, dazu Kondome.
Trotz der Allgegenwart ist Prostitution in
China aber nicht so sichtbar wie in Thailand, Hamburg oder Amsterdam. Ob eine
Massage nur eine Massage ist, erkennt man
häufig nur am Preis. Denn über Sex wird
nicht geredet. Alles, was mit Nacktheit und
Sexualität zu tun hat, gehört ins Private.
Die Aufklärung an den Schulen ist mangelhaft. Die meisten Jugendlichen klären sich
selbst auf. Es gibt quasi ein stillschweigendes Abkommen: Prostitution ist eine akzeptierte Grenzüberschreitung.
Verboten ist sie offiziell erst seit 1991, obwohl die Kommunisten sie seit ihrer
Machtübernahme 1949 bekämpften. Unter
Mao war sie durch Kontrollen und Bordellschließungen in den sechziger Jahren fast
verschwunden. Mit Deng Xiaopings Liberalisierung der Wirtschaft kehrte sie in die
Städte zurück. Trotz der Verschärfung der
Gesetze ist sie heute im ganzen Land weit
verbreitet. Die meisten Konkubinen leben
in Shenzhen, der Hauptstadt der Prostitution. Dort verdient einer von 50 Bewohnern
sein Geld mit Sex, auch Männer.
Die Gesetze finden, auch wegen der Bedeutung für den Tourismus, häufig keine
Anwendung. Was das für die Frauen heißt,
steht auf einem anderen Blatt. „Bei den
Mädchen hier im Maggie’s“, die alle aus der
Mongolei kommen, „weiß man nicht, ob sie
das freiwillig machen, ob sie eine Familie
ernähren müssen, oder ob sie aus ihrer
Heimat verschleppt wurden“, sagt Gerhard.
Frauen in anderen Clubs kommen aber
auch aus China, aus Thailand und anderen
Teilen Südostasiens. Dass ein junges Mädchen aus Bangkok freiwillig nach China
kommt, um seinen Körper zu verkaufen,
scheint kaum nachvollziehbar.
Ob eine Legalisierung der Prostitution
die Zustände der Sexarbeiterinnen verbessern würde, ist strittig. Wegen Gewalt- und
Missbrauchsdelikten drängen internationale Organisationen auf die Entkriminali-
„Nutten
gehören für
viele hier zum
Lifestyle“, sagt
ein d
­ eutscher
Geschäftsmann
sierung. Ob sich aber die Zahl der Prostituierten dadurch verringern würde, scheint
angesichts des Geldes, dass eine Frau in
China mit dem Verkauf ihres Körpers verdienen kann, zweifelhaft. Der Durchschnittslohn liegt bei umgerechnet 140
Euro im Monat. Im Club Manhattan in
Shanghai kann man so viel in einer Nacht
verdienen. Einige Frauen versorgen mit
dem Geld ihre ganze Familie – wenn sie
keine Familie haben, reicht es für ein gutes
Leben. Ein Leben in wahrem Luxus darf
man im Konkubinat mit einem Parteibonzen erwarten: Taschengeld, Autos, eine
Wohnung. Hinzu kommt der Umgang mit
den oberen sozialen Schichten. Viele ent-
scheiden sich offenbar auch deswegen, als
Sexverkäuferin zu arbeiten. Roger, Gast im
Manhattan, ist wie Gerhard Abgesandter
eines internationalen Unternehmens. Er
sagt es so: „Manche sind für eine LouisVuitton-Handtasche zu allem bereit.“
Das Manhattan in Shanghai ist schicker
als das Maggie’s in Peking. Die Männer hier
sind jünger. Die wenigen Chinesen sind Geschäftsleute. Die Frauen kleiden sich elegant, wie in hippen Diskotheken. Sie wirken
eher wie teure Escort-Damen. „Ich kenne
einen Laden in Shanghai, wo man sich sauberer Prostitution sicher sein kann“, hatte
Gerhard gesagt – und das Manhattan empfohlen.
Es ist Donnerstag. Die Bar ist voll. Die
Musik ist so laut, dass die Frauen die Köpfe
der Männer zu sich ziehen müssen, wenn
sie mit ihnen reden. Eine Bauchtänzerin
posiert auf dem Tresen. Die Männer grölen.
Das Manhattan liegt in einer ruhigen Seitenstraße, umringt von kleinen Wohnhäusern, aber die Anlieger beschweren sich
nicht, und auch die Polizei scheint das Treiben nicht zu stören. Roger stimmt Gerhard
zu: „Die meisten Mädchen, die man im
Manhattan findet, machen das auf eigene
Faust. Sie haben sich für diesen Beruf entschieden. So verdienen sie ein Vielfaches
dessen, was sie in einem normalen Bürojob
verdienen könnten.“
„Lässt sich mit Geld lösen“
Fragt man die Frauen hier, warum sie sich
für Sex bezahlen lassen, erntet man verständnislose Blicke. „Ich mache das heute
zum ersten Mal“, sagt etwa eine 18-Jährige
aus Bangkok. Einen dicken, alten Chinesen
hat sie schon abgelehnt. Auf die Frage, warum sie sich prostituiere, wendet sie sich ab.
Die hohe Bezahlung scheint Rechtfertigung
genug. Später verschwindet sie mit einem
jungen Mann, einem Ausländer.
Das Risiko für die Freier ist gering. Ob
Roger in Shanghai Angst hat, von der Polizei erwischt zu werden? „Das kam noch nie
vor. Und wenn, dann lässt sich das mit Geld
lösen.“ Sorgen macht ihm etwas anderes:
„Meine größte Angst ist es, versehentlich
mit einem Ladyboy ins Hotel zu gehen.“
* alle Namen von der Redaktion geändert
Adrian Kummer ist freier Journalist und
beschäftigt sich für das Magazinprojekt 21China
gerade intensiv mit Fernost
Alltag 31
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
Kein bisschen Frieden
Checkpoint Charlie Der
Grenzstreifen ist das Symbol
des Kalten Krieges. Heute ist
er ein modernes Schlachtfeld:
Jetzt wird um Geld gekämpft
■■Florian Buchmayr
Posen für die Authentizität
Vor dem Museum ließ das „Haus am Checkpoint Charlie“ eine originalgetreue Kommandobaracke aufbauen. Authentizität soll
Käufer anziehen. Im Kampf ist alles erlaubt.
Auf der kleinen Verkehrsinsel zwischen
dem Museum und einer McDonald’s-Filiale
stehen als amerikanische Soldaten verkleidete Männer und posieren für Fotos. Man
ist sich erst nicht ganz sicher, zu wem sie
gehören, zum Museum oder zu McDonald’s.
Doch die Tourismusshow vor dem Wachposten ist ein privates und eigenständiges
Gewerbe, die sogenannte „Dance Factory“,
ein Partyveranstalter aus Berlin.
Museumsbesitzerin Alexandra Hildebrandt stören diese unechten Soldaten. Auf
einen angeblichen Fußtritt von ihr folgte
ein Gerichtsurteil. Jetzt ignoriert man sich
gegenseitig.
An den Soldatengürteln baumelt das
Preisschild, der Wert eines Fotos mit ihnen:
„2 Euro pro Person“. Meist kommunizieren
die Soldaten nur durch das Vorzeigen des
Schildes. Ihre Mienen sind ernst, manche
wirken sogar böse. Das Gesetz: Bevor nicht
gezahlt wurde, gibt es kein Foto. Bleiben die
Touristen dennoch neben ihnen stehen,
verdecken die Soldaten das Gesicht der
Schummler mit der Flagge.
Den ganzen Tag lang bilden sich immer
wieder große Menschentrauben vor den
Soldaten. Die Stimmung ist friedlich, das
Geschäft mit dem früheren Krieg läuft gut.
Es geht Schlag auf Schlag, Foto auf Foto.
F o t o : D AV I D G A N N O N /A F P/ G e t t y I m ag e s
D
er ehemalige Todesstreifen ist
heute voller Leben. Touristen
laufen sich gegenseitig ins
Bild. In der Luft hängt der Geruch von Currywurst. Imbissbuden stehen allerorten, auch eine Strandbar gibt es hier. An kleinen Ständen werden
russische Wintermützen und Gasmasken
verkauft. Wild gestikulierende Guides zeigen, wo Osten, wo Westen war, während
Busse die Menschenmassen entladen und
wieder aufnehmen. Dieser Ort, an dem sich
russische und amerikanische Panzer gegenüberstanden, hat noch immer seinen
Reiz. Und es wird noch Krieg gespielt, wenn
auch im unsichtbaren.
Der Berliner Senat ist ein Akteur unter
anderen. In der provisorischen „Black Box
Kalter Krieg“ dokumentiert eine neue Ausstellung die Konflikte zwischen den Großmächten von 1945 bis 1990. Der Berliner
Senat hat das ehemals mit öffentlichen
Geldern geförderte „Museum Haus am
Checkpoint Charlie“ viele Jahre als unwissenschaftlich kritisiert. Streitpunkt war
vor allem die „unprofessionelle Museumsarbeit“, wie der Senat auf seiner
Homepage kritisiert. Die Interventionen
scheiterten. Das Museum hat seine Gemeinnützigkeit abgemeldet und finanziert sich seitdem privat. Der Senat spricht
nun von einer „Intransparenz des Geschäftsgebarens“.
Die „Black Box Kalter Krieg“ fungiert als
wissenschaftliche Konkurrenz zum Museum am Checkpoint Charlie. Eine Art Gegenschlag in der Schlacht um das richtige Gedenken. Es ist nicht der einzige Kampf, der
hier ausgefochten wird. Der gesamte
Checkpoint Charlie ist eine Krisenregion.
Feindschaften werden gepflegt, Fronten
laufen hier zusammen: Vor allem um Geld
wird gekämpft. Das Museum kann schon
kleine Siege verbuchen: Trotz 12 Euro 50
Eintritt strömen Woche für Woche Tausende Besucherinnen ins Museum, um sich
Fluchtautos, NATO-Kriegsspielzeug, Gandhis Sandalen oder Reagans Motorsäge anzuschauen. Diese Schau, etwas wirr und
konzeptlos, wirkt ziemlich beliebig.
Im Erdgeschoss befinden sich vier Souvenir-Shops mit Buttons, T-Shirts, Streichholzschachteln, Schokolade, Kühlschrankmagneten. Alles checkpoint-charlifiziert.
„Eine Welt ohne Mauern“, so die Botschaft
des Museums am Ausgang. Die Mauer kann
man dort stückweise erwerben.
Motiv für Grenztouristen: Zwei Schauspieler lassen sich am Checkpoint Charlie in Westalliierten-Verkleidung fotografieren
Wenn es ein Tourist wünscht, lassen sich
die Soldaten auch zu verschiedenen Posen
hinreißen, so als würden sie für ein AlbumCover posieren.
Marcel hat heute seinen ersten Arbeitstag, bis jetzt sei er zufrieden, sagt er. „Man
ist draußen und lernt nette Leute kennen.
Bevor ich irgendwo auf meinen Knien herum schrubbe, weiß‘te? Da steh ich lieber
hier.“ Er ist groß und breitschultrig. Seine
silber glänzenden Ohrringe und die Solariumbräune in seinem Gesicht wirken ein
bisschen wie aus den Neunzigern. In sein
Englisch mischt sich sein Berliner Akzent.
Und hinten an seinem Gürtel hängt ein
schwarzes Täschchen. Hier hortet er das
Geld. Das soll authentisch sein?
such aus der DDR. Er lag dann angeschossen in der Zimmerstraße. Weder DDRGrenzer noch Alliierte halfen.
Gesten der Ratlosigkeit
Ein Name auf einem Straßenschild? Holzapfel weiß, dass sich die Stadt mit solchen
symbolischen Gesten schwer tut. Es ist ein
zäher Prozess. Ein einsamer Kampf.
Und auch die „Black Box Kalter Krieg“
wirkt auf dem Checkpoint Charlie nur wie
eine hilflose, symbolische Geste. Jahrelang
ließ der Senat dort die Ballung absurden
Geschäftstreibens zu. Nun hat er angekündigt, zumindest das finanzielle Überleben
eines gemeinnützigen Museums zu garantieren, welches der provisorischen Black
Box folgen soll. Aber was ändert das? Der
Senat sollte nicht die Bedeutung des Ortes
diktieren, sondern den Raum dafür schaffen, dass auch kritische Ansichten zur Vergangenheit und den Umgang mit ihr einen
Platz bekommen. Ein Vorhaben, das bislang
gescheitert ist.
In dem kleinen Kubus erhält man viele
Fakten, eine detaillierte Videoanimation
des Todesstreifens, eine Collage der DDRMassenproteste, unterlegt mit pathetischer
Filmmusik, und das deutsche Grundgesetz
kann man gratis mitnehmen. Unter dem
Titel „Die neuen Herausforderungen“ hängt
ein riesiges Bild vom explodierenden World
Trade Center. Im Informationstext wird die
Staatengemeinschaft auf den Kampf gegen
den internationalen Terror eingeschworen.
So sehen hier kritische Perspektiven aus.
Auf einer Hauswand hinter dem „Freedom Park“ am Checkpoint Charlie steht:
„Sie betreten den Non-Profit-Sektor“. Eine
Werbung des Bundesverbandes Deutscher
Stiftungen. Hinter welcher Linie soll der
anfangen? Hinter dem Wachposten?
So absurd und folkloristisch sich das
kommerzielle Treiben an diesem Ort zeigt:
Wenn die Fronten härter werden zwischen
Akteuren und ihren Interessen, kann es
leicht gewaltsame Ausmaße annehmen.
Wie neue Panzer, die sich gegenseitig bedrohen.
Florian Buchmayr ist 21 Jahre und studiert
Sozialwissenschaften an der HU Berlin
Anzeige
Die „Black Box
Kalter Krieg“
wirkt nur wie
eine hilflose,
symbolische
Geste
Die Soldaten stehen symbolisch weniger
für die Vergangenheit des Ortes, als mehr
für den gegenwärtigen Zustand des Checkpoints. Der ehemalige Grenzübergang ist
ein napoleonisches Feld geworden, jeder
kämpft hier um seinen Platz im Business
der Vergangenheitsbewirtschaftung. Aber
kein Kampf ohne Widerstand.
Auch die Soldaten werden bekämpft.
Bürger und Touristen haben sich bereits
über das Schauspiel beschwert. So wie Carl
Wolfgang Holzapfel. Der Vorsitzende der
„Vereinigung 17. Juni 1953 e.V.“ hat mit einer Unterschriftenaktion gegen die Soldaten protestiert. Er konnte einen Teilfrieden aushandeln: Die Soldaten dürfen keine sowjetischen oder DDR-Uniformen
mehr anziehen. „Es fände ja auch niemand
geschmackvoll, wenn vor der Topographie
des Terrors Männer in SS-Uniformen stehen würden!“ Holzapfel ist 68 Jahre alt. Er
hat einen ruhigen Blick, wirkt als Veteran
noch ziemlich agil und ist noch kriegstüchtig. Gelassen und mit Hörbuch-Stimme erzählt er Geschichten von einst. In
West-Berlin aufgewachsen und politisiert,
wusste er früh, dass der Feind im Osten
sitzt. Seine Wut, die sich manchmal noch
in einer geballten Faust sammelt, hatte
ein Ziel. Auf die Mauer schrieb er eines Tages „KZ“.
Große Teile seines politischen Kampfes
hat Holzapfel am Checkpoint Charlie ausgefochten. Hungerstreiks, Demonstrationen, Kunstaktionen. Im Sommer 1989,
kurz bevor die Mauer fiel, lag er stundenlang auf dem weißen Grenzstreifen, der
die Welt spaltete. Inzwischen macht ihm
dessen Kommerzialisierung Sorgen.
Wüsste er, wann, von wem und welche feine Linie da überschritten wurde, Holzapfel würde sich hungerstreikend darauf legen. Im Moment kämpft er erstmal mit
einer Unterschriftenaktion für die Umbenennung der Zimmerstraße in PeterFechter-Straße. Peter Fechter starb vor
mehr als 50 Jahren bei einem Fluchtver-
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So hab ich das noch nie gesehen
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32 A – Z
der Freitag | Nr. 40 | 4. Oktober 2012
A–Z Friseure
finition meiner Oberarmmuskulatur,
wenn man regelmäßig Veronica Ferres
mit vier Rundbürsten die Mähne föhnt,
geht das ganz schön in die Arme. Sah aber
gut aus! Und ihr Trinkgeld war auch immer ganz okay ... Sophia Hoffmann
Foto: Jens Rötzsch/ostkreuz
M
Haare lassen Udo Walz, der als Star-Coiffeur dem deutschen Friseurhandwerk
Glamour gab, hört auf. Er hinterlässt eine schlecht bezahlte Branche, in der vor
allem Frauen arbeiten, die sich aber mit In- und Outdoor-Events neu erfindet.
Was man für den nächsten Haircut wissen muss, erklärt unser Lexikon
A
Abschied Als ich den Salon von Udo Walz
am Ku’damm betrat, hörte ich als erstes
seine Stimme. „Die Barbara rufe ich später zurück“, rief er durch den klimatisierten Raum, in dem Föhne dezent summten. Barbara Becker meinte er, wie ich erfuhr. Wollte ich mir hier wirklich vom
Meister persönlich die Haare schneiden
lassen? Als (eher) linke Medienfrau? Ja, ich
wollte. Denn Walz hatte 2005 mein Interesse ja nicht etwa deshalb geweckt, weil er
einen Hundesalon mit Frau Christiansen
betrieben oder Alt-Kanzler Schröder die
Haare nicht gefärbt hatte. Sondern weil
er plötzlich in die CDU eingetreten war.
Als homosexueller Promifriseur. Als ich
den Laden verließ, trug ich Angie-Highlights und war um ein nettes Gespräch
reicher. Jetzt hört Udo Walz auf. Geht in
Rente. Sehr schade! Susanne Lang
C
Coen-Brüder Filme über Friseusen gibt es
einige. Doris Dörrie drehte eine Komödie
um eine arbeitslose Haarstylistin in BerlinMarzahn. Melancholisches aus Kanada lieferte Léa Pool mit dem Drama Mama ist
beim Friseur. Und auch in Manta, Manta
geht’s nur um schöne Haare. Ein Filmmeisterwerk aber gelang den Coen-Brüdern
2001 mit The Man who wasn’t there. Der
Neo-Noir spielt in einem US-Kaff in den
vierziger Jahren, wo Ed Crane als Friseur
arbeitet. Der schweigsame Barbier will
aus seinem monotonen Leben ausbrechen, was ihm bei allen Anläufen nicht
gelingen will. Der Antityp des American
Dream. Die Idee zum preisgekrönten Film
hatten Ethan und Joel Coen beim Dreh einer Friseursalon-Szene für The Hudsucker
Proxy. Ein Poster mit Vierziger-Jahre-Frisuren erregte ihre Aufmerksamkeit: Wie
musste ein Typ nur ticken, der solche
Haarschnitte beherrschte? Tobias Prüwer
D
Dauerwelle Es ist noch nicht lange her, da
hatte jede über Sechzigjährige einen
Helm auf dem Kopf. Friseure verdienten
sich dumm und dämlich an diesem Dauerwelle genannten Aufbau, bei dem schönen glatten Haaren mit Säure und purer
Gewalt der Wille gebrochen wurde. Allein
schon die Bezeichnung „Dauerwelle“
war ein Witz: Nach manchmal schon
vier Wochen glich die Welle einer einzigen Sumpflandschaft.
Urheber dieser Geschmacksverirrung
war übrigens ein Deutscher: Karl Ludwig
Nessler. Er entwickelte um die Jahrhundertwende eine Apparatur, die einem
Waffeleisen ähnelte. Seine Erfindung wurde zum Welthit. Und feiert nun offenbar
nach Jahren der verdienten Ächtung ein
Comeback. Trendbeobachter melden: Der
Lockenschopf ist wieder in. Nur heißt die
Mode jetzt: Permanent Curl. Mark Stöhr
F
Frauendomäne Nicht trendig, sondern
sehr traditionell, zumindest was das Geschlechterverhältnis betrifft: Das Frisieren ist nach wie vor eine Frauendomäne. So waren 2010 exakt 89,7 Prozent aller
haarschneidenden Frauen – was nur von
wenigen anderen Berufen (Erzieherin,
Kosmetikerin) getoppt wird. Das Friseurhandwerk war 2002 für sechs Prozent aller weiblichen Auszubildenden der Beruf
ihrer Wahl, 1980 waren es zehn Prozent.
Nur viel zitierte Top-Friseure sind Männer. Und diese Stylisten heben sich auch
in punkto Bezahlung von ihren Kolleginnen ab. Denn sind weiblich dominierte
Berufe generell die schlecht bezahlten, so
trifft das besonders auf die Friseurin zu.
Im Jahr 2010 betrug der Anteil von Beschäftigten mit Niedriglohn bei Friseurinnen und Friseuren krasse 85,6 Prozent.
Knapp 16.000 Euro Jahreseinkommen
bringt eine vollzeitbeschäftigte Friseurin
brutto nach Hause.
TP
H
Handwerk Mit Anfang 20 schmiss ich
mein Studium und machte eine Friseurlehre. Gemäß dem Motto: „Was Kreatives,
womit man überall auf der Welt Geld verdienen kann!“ Schnell merkte ich, dass
schlechte Bezahlung, unbezahlte Überstunden und ständiges Kunden-in-denArsch-Kriechen mich nicht vollends befriedigten. Trotzdem zog ich es bis zum
Gesellenbrief durch und muss sagen, dass
ich während dieser Ausbildung viel fürs
Leben gelernt habe: Ich kann perfekt und
in jeder Situation Smalltalk betreiben,
freundlich und professionell lächeln,
selbst wenn mir zum Heulen zumute ist.
Ich bin seitdem viel ordentlicher, da ein
reibungsloser Salonbetrieb stets sofortiges Aufräumen erfordert. Auch Lektionen
in Geduld wurden erteilt, einer Kundin
mit wallend Haaren den ganzen Kopf mit
Strähnchen in Fünf-Blond-Tönen zu tapezieren, erfordert einiges an Durchhaltevermögen. Toller Nebeneffekt war die De-
Mentalität „Ich kann besser“, entgegnete
mir der Friseur, nachdem ich mich etwas
zögerlich dazu entschlossen hatte, die
Bartrasur lieber meiner eigenen Geschicklichkeit zu überlassen. Also gut, sein Argument war simpel wie schlüssig. Auch
wenn die an Pedanterie grenzende Genauigkeit der Linienführung nicht unbedingt meinen ästhetischen Vorstellungen entspricht und man hinterher
nach unsäglich unmännlichem Babypuder duftet, muss man doch feststellen,
was für eine Wohltat es ist, rasiert zu
werden. Einmal diese unliebsame Angelegenheit nicht selbst machen zu müssen:
Das fühlt sich grandios bis erhaben an.
Ebenso erhaben ist die türkische und
arabische Frisiermentalität, die einen
deutlichen Unterschied zur hiesigen
Zunft aufweist: nämlich ihr Eingeständnis männlicher Problemhaarzonen, derer
sich viele deutsche Männer offensichtlich
nicht einmal bewusst sind, der Nasenund Ohrenhaare. Mein Friseur hat recht:
Die können besser. Max Büch
Missverständnisse Eine Tortur ist ein Friseurbesuch ohnehin: Da wird man zwei
Stunden lang mit seinem Konterfei konfrontiert, mit dem spitzen Kinn und dem
Pickel am Hals, der wegen der nass zurückgekämmten Haare hervorsticht. Vielleicht ist es deshalb so schwer, seine Vorstellung von sich selbst zu vermitteln.
Hinten einen Bob, vorne angeschrägt, der
Scheitel leicht nach rechts ... und der Pony
nicht zu lang! Sie schnippelt. Sieht schräg
aus. Warten Sie doch, bis das trocken ist,
beruhigt sie. Ich warte. Schnipp-Schnapp.
Zuviel des Guten. Sehe aus wie angenagt.
Der Föhn hilft da auch nicht mehr. Mit
Friseuren ist es wie mit Ärzten: Wir hoffen auf Runderneuerung, sie werkeln in
Möglichkeitsgrenzen. Vertrauen ist alles.
Es dauert, bis man ein Goldstück gefunden hat.
Ulrike Baureithel
N
Namen Waschen, Schneiden, Legen im
„Salon Uschi“ oder im „Haarstudio Brigitte“ gibt es wahrscheinlich nur noch auf
dem Land. Städter haben die Wahl zwischen einem schlechten und einem sehr
schlechten Wortspiel über dem Eingang:
„Hairreinspaziert“ steht dort oder
„Haarmonie“ und „Haareszeiten“, gerne
auch „Haargenau“, „Haarscharf “ oder
„Haarakiri“. Doch Achtung: Hinter dem
Kalauer verbirgt sich nicht selten die
Uschi von früher mit der bunten Strähne
im Haar, die einem eine Frikadelle ans
Ohr quatscht. Wer einen diskreteren und
exklusiveren Service wünscht, kann sich
auch an der höheren Ambition der Namensgebung orientieren. Hier ist schlichte Eleganz Trumpf: „Hauptsache Haare“
klingt vielversprechend oder „Pony &
Kleid“. Da gibt‘s zur 50-Euro-Frisur noch
den 100-Euro-Rock dazu. MS
O
Outdoor-Friseur Mit dreißig hat man
noch Träume, vor allem in Berliner Stadtteilen wie Neukölln und Kreuzberg. Dort
versucht ein gewisser Semih Usta nun
mit einer, nun ja, ungewöhnlichen Geschäftsidee sein berufliches Glück. Der
Coiffeur schneidet an allen Orten und
Plätzen, die Kunde oder Kundin wünschen. Zum Beispiel auf einem Dach eines Wohnhauses. Oder auf einer Brücke.
Oder an einem der zahlreichen Seen im
Brandenburger Umland (das kostet allerdings vier Euro Aufpreis, innerhalb der
Kernkieze ist seine Anfahrt inklusive).
Keine Ahnung, wer das aus welchen Gründen in Anspruch nimmt. Aber es reicht ja,
wenn Usta selbst eine Ahnung hat, die er
zum Glück der Berliner BZ auch verraten
hat: „Wir sind halt in Berlin – in keiner anderen Stadt würden Menschen auf die
Idee kommen, sich auf einem Hausdach
die Haare schneiden zu lassen.“ SL
S
Schutzpatronin Über das Wohl des Friseurhandwerks wacht eine ganze Reihe
von Heiligen. Katharina von Alexandria
etwa, die auch bei Migräne hilfreich sein
soll. Oder die Zwillingsbrüder Cosmas
und Damian, die nicht nur im Falle einer
misslungenen Dauerwelle angerufen werden können, sondern auch bei Pest und
Pferdekrankheiten. Die schillerndste
Schutzpatronin der Coiffeure ist aber
Maria Magdalena, die Ex-Prostituierte
und fleißigste Jüngerin von Jesus. Maria
Magdalena war der biblischen Erzählung
nach immer vorn mit dabei: bei der Kreuzigung und bei der Kreuzabnahme, sie
war Zeugin des leeren Grabes und lief als
erste Jesus nach seiner Auferstehung über
den Weg. Warum sie das für die Friseurinnung prädestinieren soll, bleibt rätselhaft.
Weil der ganze Heiligenkram ziemlich an
den Haaren herbeigezogen ist? Daran darf
man nicht einmal denken!
MS
W
Werkzeugkult Ist Ihnen eigentlich bewusst, wie viel Geld professionelle Friseure für ihr Arbeitswerkzeug so auf den
Tisch blättern? Richtig gute Scheren fangen erst bei 300 Euro an. Die Besten
kommen aus Japan, wen wundert’s,
auch die japanischen Friseure genießen
weltweit das höchste Ansehen. Wer
schnurgerades, störrisches asiatisches
Haar akkurat in Form schneiden kann,
der sieht einen zotteligen mitteleuropäischer Krautkopf als die geringste Herausforderung. Nach dem Erwerb einer neuen
Schere verletzt man sich quasi bei jedem
Schnitt, so scharf sind diese zu Beginn. An
dieser Stelle sollte man auch mit einem
weit verbreiteten Angst-Mythos aufräumen. Alle Kunden, die Angst vor Verletzungen durch den Friseur haben: In 99,9
Prozent der Fälle schneidet der Friseur
sich selbst. Ist das nicht beruhigend? SH
Z
Zumutung Endlich etwas für den richtigen Mann: die Sportschau, eine Bar und
hübsche Mädels. Wir befinden uns im
Whistler, einem Männerfriseur in Hamburg. Der Boden ist grün, aufgemalt sind
die Linien eines Fußballfeldes. An den
Wänden verteilt hängen Fotos von Sportlern. In der Stellenausschreibung heißt es,
dass männliche und weibliche Mitarbeiter gesucht werden. Doch im Laden sind,
bis auf den dickbäuchigen Chef im Anzug, nur Frauen zu sehen, sie tragen ein
Schiri-Outfit – hauteng – in Kleidergröße 36, versteht sich. Die Stammkundschaft kommt alle zwei Wochen hierher.
Wegen der Mädels in den kurzen Höschen? Nein, natürlich in erster Linie wegen der Dienstleistungen: ein bisschen
Frisieren, eine Handmassage und noch
Augenbrauen zupfen. Ein Frisiersalon für
richtige Männer eben. Myriam Schäfer