Missverständnisse

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Missverständnisse
passagen
Missverständnisse
Synthetic Times: Medienkunst im Reich der Mitte S. 9
New Delhi: Indisch­schweizerische Kammeroper S. 40
H.A.S.E: Musikalische Begegnung mit der Jugend S. 46
das kulturmagaZin v o n p ro helv et ia , n r. 48 /2 00 8
2
The Biggest Lie (2007)
Foto: Guadalupe Ruiz
editorial
Missverstanden?
Sie liegen richtig!
Die Entdeckung Amerikas. Das Trojanische Pferd. Der Tod Julias. Und
Romeos. Das Missverständnis blüht in unserer Welt. Es ist ein fester Be­
­stand­­teil unserer Kultur, entsteht von selbst und nistet sich in unserem
persönlichen Alltag ebenso hartnäckig ein wie im Weltgeschehen. Das ist
auch im Zeitalter des weltumspannenden Dialogs nicht anders.
Selbst die gern gelobte Schweizer Vielsprachigkeit ist ein Missver­
ständnis. Das zumindest behauptet der Schriftsteller Etienne Barilier
(S. 18). Zwischen den Schweizer Sprachregionen herrsche eine frei ge­
wählte Ignoranz. Das macht aber nichts. Dass gerade in den politischen
Debatten über den Röstigraben hinweg vieles nebulös bleibe, sei der Kon­
­sens­findung förderlich, erklärt Barilier, und eine Grundvoraus­setzung
dafür, dass wir uns in der Schweiz so gut verstehen.
Für die Literaturprofessorin Elisabeth Bronfen sind Missverständ­
nisse nicht nur der Motor für Dramen und Komödien der Weltliteratur,
sondern auch der Stoff, aus dem unsere Träume sind. Ihre Analyse von
Shakespeares Romeo und Julia (S. 30) enthüllt die geheime Natur der
Missverständnisse als verschlüsselte Botschaften, die ans Tageslicht brin­
gen, was frei heraus nicht gesagt werden darf.
Für ein Recht aufs Missverstehen plädiert der Direktor von Pro
Helvetia, Pius Knüsel (S. 16). Er sieht im Missverständnis eine enorme
so­ziale und kulturelle Produktivkraft, die besonders im Kunstwerk zum
Ausdruck komme. Die Kunst als grosses Spielfeld, in dem wir Verstehen
in Ruhe üben können, weil Nichtverstehen und Missverstehen keine dra­
matischen Folgen haben. Gerade Kunst kann die Betrachtenden zur Aus­
einandersetzung mit dem Verstehen verführen. In diesem Sinne laden die
Fotoarbeiten des jungen Schweizer Künstlers Stefan Burger, die wir zum
Thema präsentieren, zum Spiel mit Bedeutung und Mehrdeutigkeit ein.
Wir wünschen Ihnen bei Ihrer Lektüre produktive Missverständnisse
und erhellende Entdeckungen!
Janine Messerli
Redaktionsleiterin Passagen
3
inhalt
14 – 39 THEMA
Missverständnisse
2
3
EDITORIAL
Falsch verstanden?
Sie liegen richtig!
Von Janine Messerli
7
PRO HELVETIA AKTUELL
Die schöne Nachbarin zu
Besuch in der Schweiz /
Schweizer Tanz im Tessin /
Schweizer Theaterszene
im Überblick / Shiva – der
kosmische Tänzer
40 SCHAUFENSTER
Plattform für Künstlerinnen
und Künstler
Fünf kolumbianische Schweizer­
sujets der Fotografin Guadalupe
Ruiz (S. 2, 5, 6, 44, 47)
9
REPORTAGE
Synthetic Times –
Medienkunst im Reich der Mitte
Von Muriel Jarp (Text)
und Lionel Derimais (Bilder)
13
KULTURPULS
Wie lässt sich Kultur bewerten?
Von Hedy Graber
4
AUSBLICK
PASSAGEN ONLINE
IMPRESSUM
Das Recht aufs Missverstehen
Von Pius Knüsel
45 18 Glückliches Babel
Von Etienne Barilier
PARTNER
Sophie und Karl BindingStiftung: «Grosse Institutionen
sind ein Indikator für Qualität.»
Von Sandra Leis
21 Von der Schärfung des Blicks
durch den Schleier
Von Susanne Schanda
46 KOLUMNE
H.A.S.E
Von Graziella Contratto
30 Vom geheimen Verstehen
im Missverstehen
Von Elisabeth Bronfen
33 «Erst der Kunstmarkt lässt die
Werke zu Kunst werden.»
Claudia Spinelli im Gespräch mit
Wolfgang Ullrich
35 Titelbild: ohne Titel (2004)
Foto: Stefan Burger
43 16 Warschau: Geschichte,
künstlerisch animiert
Von Joanna Warsza
Irritation und Spiel mit Mehrdeutig­keit:
Stefan Burger präsentiert Fotografien
zum Thema Missverständnisse.
ORTSZEIT
New Delhi: Jenseits von
exotischen Stereotypen
Von Samar Grewal
Herzliche Grüsse aus Brisbane
Kurzgeschichte von
Corinne Desarzens
Stefan Burger
1977 in Müllheim/Baden (D) geboren.
Studium der Fotografie an der ZHdK, Zürich.
Mitbegründung und Mitarbeit in der
Forschungsgruppe f. Lebt in Zürich. Aktuelle
Ausstellungen/Projekte: Coalmine – Raum für
Zeitgenössische Fotografie, Winterthur;
Laura Bartlett Gallery, London; Sammlung,
Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich;
Shifting Identities – (Swiss) Art Now,
Kunsthaus Zürich; Swiss Art Awards, Basel.
www.stefanburger.ch
Guadalupe Ruiz
1978 in Bogotá (Kolumbien) geboren.
Studium der Fotografie an der ECAL Lausanne
und der ZHdK Zürich. Lebt und arbeitet in
Genf und Zürich. Seit 2002 Ausstellungen
in der Schweiz und Kolumbien: u.a. Helmhaus
Zürich, Centre de la Photographie Genf,
Museum Liner Appenzell und Alliance
Française Bogotá. 2004 und 2005: KieferHablitzel-Preis. Aktuelle Publikation: F:OTOTK
www.lasilueta.com. Die im Schaufenster
gezeigten Bilder entstanden in Kolumbien und
sind visuelle Erinnerungen an die Schweiz.
www.lupita.ch
Aus der
Pollo
Serie
Suiza
hang
(2007)
in there (2007)
Foto:Foto:
LukasGuadalupe
Wassmann
Ruiz
Heaven Can’t Wait (2007)
Foto: Guadalupe Ruiz
5
Fotos v.l.n.r.:
6
XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX
Heaven Can't Wait (2007)
Foto: Guadalupe Ruiz
p r o h elvet i a aktuell
Die schöne Nachbarin zu
Besuch in der Schweiz
La belle voisine – Kunst­schaffende
aus der Region Rhône-Alpes zu
Gast in der Schweiz
Mit Nachbarn wohnt man Tür
an Tür, und trotzdem kennt man sich
oft nicht. Die Schweiz hat mit ihrem
Inseldasein in Europa ein besonderes
Interesse, den Austausch mit den
Nachbarländern zu pflegen. Deshalb
fördert Pro Helvetia mit Programmen
zeitgenössischer Kultur den Austausch
mit den Grenzregionen. In Zusam­
menarbeit mit Veranstaltern hat sie so
ein dichtes Netzwerk geschaffen.
Im Rahmen des aktuellen Pro­
gramms La belle voisine en Suisse
prä­­sentieren Kulturschaffende aus
Rhône-Alpes zusammen mit Schweizer
Partnern von Januar bis Mai 2009 über
30 Projekte in der Schweiz. Zu ent­
decken sind neue Kreationen aus allen
Sparten: Das Theâtre du Passage
in Neuenburg lädt vier verschiedene
Produktionen aus Rhône-Alpes ein, das
Festival M4Music präsentiert in Zürich
ein Fenster des Festivals nuits sonores
aus Lyon, und das Architekturmuseum
in Basel zeigt zusammen mit dem
Schweizer Tanz im Tessin
Foto: Caroline Minjolle
Aktuelles Tanzschaffen in der
italienischsprachigen Schweiz.
Das Tessin bietet Ende Januar die
Gelegenheit, während vier Tagen Reprä­
sentatives aus dem aktuellen Schweizer
Tanzschaffen zu sehen. Im Rahmen
der Zeitgenössischen Schweizer Tanztage
treten vom 22. bis zum 25. Januar
2009 in verschiedenen Tessiner Städten
sowie im Mesolcina- und Calancatal
rund ein Dutzend Schweizer Tanzkom­
panien auf. Die von einer Jury ausge­
wählten Tanzgruppen – junge wie auch
etablierte – haben hier die Möglichkeit,
ihr Schaffen den eigens eingeladenen
Maison de l’Architecture 30 Architekten
aus Rhône-Alpes.
Dies sind nur ein paar Glanzpunkte
aus dem Rückspiel unserer französi­schen Nachbarn. Im letzten Frühjahr
waren über 300 Schweizer Künstlerinnen und Künstler an 160 Veranstal­
tungen in der Region Rhône-Alpes
zu Gast. Die hohe Qualität der Produk­
tionen lockte über 60’000 Besucher
und Besucherinnen an. Neben zahl­
reichen Kulturschaffenden und über 60
Veranstaltern arbeiteten mehrere
offizielle Partner am Programm mit:
Die Region Rhône-Alpes, die Stadt
Lyon, das Schweizer Generalkonsulat
in Lyon, Präsenz Schweiz und als
Projektverantwortliche Pro Helvetia.
La belle voisine ist eines von
meh­­re­­ren Austauschprogrammen mit
einer Grenzregion: Bereits im Jahr
2004 realisierte Pro Helvetia mit Genua
verschiedene Kulturprojekte und von
2004–2007 mit der Region NordrheinWestfalen. 2009 ist die Zusammenarbeit
mit Oberösterreich (Projekt Extra
Europa) und anschliessend mit der
Lombardei geplant.
Informationen zum aktuellen
Kulturprogramm Rhône-Alpes in der
Schweiz unter: www.labellevoisine.ch
Veranstaltern aus dem In- und Aus­land
zu präsentieren, Kontakte zu knüpfen
und Auftrittsmöglichkeiten zu erhal­ten. Damit leistet diese Plattform einen
wichtigen Beitrag zum nationalen
und internationalen Austausch und zur
Verbreitung des Schweizer Tanzes.
Die diesjährigen Schweizer Tanztage
werden von den Städten Chiasso,
Lugano, Bellinzona, Locarno und Reso
(Tanznetzwerk Schweiz) sowie vom
Theater Verscio in Zusammenarbeit mit
dem Stadttheater Chur organisiert.
Informationen und Programm unter
www.swissdancedays.ch
7
p r o h elveti a a kt uell
Produktion Platz Mangel von
Christoph Marthaler
Die Schweizer Theaterszene
blüht: Einen Überblick über
das aktuelle, professionelle Thea­
terschaffen gibt die neue CD
Swiss Theatre Selection 2008
der Schweizer Kulturstiftung Pro
Helvetia. In Wort, Bild und Ton
Shiva – der kosmische Tänzer
Bronze des Shiva Nataraja,
Tamil Nadu, 12. Jahrhundert,
Museum Rietberg Zürich.
Der tanzende Gott Shiva spielt
eine zentrale Rolle im visuellen
Repertoire des Hinduismus. Sein Tanz
ist heftig, voller Leidenschaft und Magie:
Als Schöpfer und Zerstörer, Spieler
und Erlöser bestimmt er den Rhythmus
des Lebens und der Zeit. Das Museum
Rietberg in Zürich zeigt in seiner
Aus­stellung Shiva Nataraja – der
kos­mische Tänzer wunderbare Bronzen
und monumentale Steinskulpturen
aus der Chola-Zeit vom 9. bis 12.
Jahrhundert.
Der Fokus der Ausstellung ist auf
das rituelle Handeln gerichtet: Eine
eigens für die Ausstellung entwickelte
Einführung mit der indischen Tänzerin
Amrita Lahiri macht diesen Zusam­
menhang deutlich. In ihren Gesängen,
Gesten und Geschichten weist sie auf
die rituellen Bedeutungen der ein­­zelnen
Objekte hin. Die in die Aus­stel­­­lung
integrierte Bühne führt das Konzept
8
konsequent weiter: Die bekannte Bha­
ratnatyam-Tänzerin Malavika Sarukkai
und die Musiker Bombay Jayashree
und T.M. Krishna treten inmitten der
versammelten Kunstwerke auf. Die
Besucherinnen und Besucher erleben
so, dass die gezeigten Bronzen und
Skulpturen Teil einer umfassenden
präsentiert sie Produktionen von rund
60 Theatergruppen und Institutionen,
die in den letzten Jahren von Pro Helvetia
gefördert wurden. Die CD gibt Einblicke
in das Kinder-, Jugend- und Erwachsenen­
theater aus den verschiedenen Sprachregionen der Schweiz und richtet sich an
Veranstalterinnen und Kultur­vermittler
aus dem In- und Ausland sowie die
diplo­matischen Vertretungen der Schweiz.
Bereits in dritter Auflage ist die
CD Swiss Dance Selection 2008 erhältlich.
Sie präsentiert eine Auswahl freier
Tanzkompanien und institutioneller
Ensembles und vermittelt so ein bewegtes
Bild der aufstrebenden Schweizer Tanz­
szene. Beide CDs können kostenlos
bestellt werden unter www.prohelvetia.ch
kulturellen Praxis sind. Diese ist mit
allen Sinnen zu erfahren: Ein Katalog
mit Beiträgen u.a. von Saskia Kersen­
boom führt in die Welt südindischer
Mythen und Rituale ein, ein Dokumen­
tarfilm gibt Einblicke in die Technik
des Bronzegusses, eine inter­aktive
DVD erlaubt eine virtuelle Tempelbegehung sowie die Teilnahme an einer
Prozession. Um das Aus­stellungserlebnis
zu vertiefen, bieten Museumspäda­
goginnen Workshops für Kinder und
Erwachsene an.
Die Ausstellung bringt Kunstwerke aus den führenden Museen
Europas, Nordamerikas und Indiens
nach Zürich. Die Leihverhandlungen
mit Indien so­­­wie die Auftritte der
indischen Künstler im Rahmen der
Ausstellung werden massgeblich von
der Pro-Helvetia-Aussenstelle in
New Delhi unterstützt. Die schweize­
risch-indische Partnerschaft, im
Rahmen derer zahlreiche Ausstellungen
indi­scher Kunst im Mu­­seum Rietberg
realisiert wurden, blickt bereits auf
eine 30-jährige Geschichte zurück. Die
von Dr. Johannes Beltz kuratierte
Ausstellung ist vom 16. November 2008
bis zum 1. März 2009 zu sehen.
Informa­tionen unter www.rietberg.ch
Fotos: Dorothea Wimmer (oben), Rainer Wolfsberger (unten)
Schweizer Theaterszene im
Überblick
r epo r tag e
Elektronische Kunst
zum Anfassen: Lichtskulptur
von Christoph Hildebrand.
Synthetic Times – Medien­kunst
im Reich der Mitte
Synthetic Times, die gross
angelegte Ausstellung zu
elektronischer Kunst aus aller
Welt, lockte diesen Sommer
in Peking 60’000 Besucher an
und sorgte für Aufsehen. Von
den 44 Installationen stamm­
ten vier aus der Schweiz.
Synthetic Times bot Gelegen­
heit zum Austausch unter
Kulturschaffenden und eröff­
nete neue Blicke auf ein Land
im kulturellen Aufbruch.
Von Muriel Jarp (Text)
und Lionel Derimais (Bilder)
Vorsichtig hilft Lü Yuying seiner Frau
auf den kleinen künstlichen Hügel vor
dem Werk von Yves Netzhammer hinauf.
Oben angekommen, betrachtet das älte­re Pärchen die aus Wandmalereien und
Video­projektionen bestehende Installation
des Schweizer Medienkünstlers. «Ich bin
ein bisschen zu alt, um das verstehen zu
können», entschuldigt sich der Siebzig­
jährige, selbst Kalligraf und immer be­
strebt, sich «auf dem Laufenden zu hal­
ten», wie er sagt. «Die elektronische Kunst
ist Teil eines ganz normalen Prozesses.
Die Bewahrung des Traditionellen ist zwar
wichtig, aber die Kunst darf sich davon
nicht in ihrer Weiterentwicklung bremsen
lassen.» Diese Meinung teilen natürlich
auch die Veranstalter von Synthetic Times,
der riesigen Ausstellung digitaler Kunst,
die in diesem Sommer in Peking für Auf­
sehen gesorgt hat. Bei der Vernissage am
9. Juni betonte Fan Di’an, der Direktor
des Nationalen Kunstmuseums Chinas
9
r e p or tag e
(NAMOC): «Das Zusammenkommen von
Kunst und Technologie ist eine unaufhalt­
bare Entwicklung.»
Vom imposanten Museum sind es
nur wenige Schritte bis zur WangfujingStrasse, einer glitzernden Einkaufsmeile,
an der sich Geschäfte bekannter Luxus­
marken und hippe Boutiquen aneinan­
derreihen. Doch auch das alte Peking ist
nicht weit: Das Labyrinth der Hutongs,
der engen Gassen aus der Zeit Dschingis
Khans, beginnt direkt am Nordausgang
des NAMOC. Das im stalinistischen Stil
Aufbauarbeiten zur
Multimedia-Installation
des Künstlers
Yves Netzhammer.
10
konzipierte Museum mit den Pagodendä­
chern ist eines von zehn grossen Bauwer­
ken, die zum zehnten Jahrestag der Grün­
dung der Volksrepublik China errichtet
wurden – an der Fassade hat sich Mao per­
sönlich und handschriftlich verewigt. Ein
halbes Jahrhundert später bildet die Aus­
senansicht des Gebäudes einen reizvollen
Kontrast zu den ausgestellten Objekten.
Schweizer Medienkunst gut vertreten
Am 7. Juni, 48 Stunden vor der Er­
öffnung, laufen die Vorbereitungen für
Synthetic Times – laut Kurator Zhang Ga
«wahrscheinlich die grösste Ausstellung im
Bereich der neuen Medien, die es je gab» –
auf Hochtouren. 44 Werke von Künstlern
aus aller Welt werden installiert, darunter
nicht weniger als vier Schweizer Produk­
tionen: Mission Eternity des Künstlerkol­
lektivs etoy, The Subjectivisation of Repetition von Yves Netzhammer, Naked Bandit
von Knowbotic Research sowie Newscocoons von Muriel Waldvogel und Jeffrey
Huang. «Wir sind in der Tat sehr gut ver­
treten», freut sich Marianne Burki, Leite­
rin der Abteilung Visuelle Künste bei Pro
Helvetia, einem der wichtigsten Partner
der Ausstellung, «insbesondere wenn man
berücksichtigt, dass die Schweiz 223-mal
kleiner ist als der Gastgeber China.»
«Wieso ich so viele Schweizer Beiträge
ausgewählt habe?» Zhang Ga wundert sich
über die Frage, als läge die Antwort doch
auf der Hand: «Weil sie gut sind. Alle vier
passen perfekt zur Thematik der Ausstel­
lung, sind sehr solide konzipiert und haben
eine klare Aussage», führt der Kurator aus,
während er Yves Netzhammers Installa­
tion einer Gruppe von chinesischen Jour­
nalisten präsentiert, die sich in ihren Be­
richten lobend über die «faszinierenden»
Schweizer Kunstwerke äussern werden.
Synthetic Times ist auch für die
Schweiz ein wichtiger Meilenstein: «Die
Ausstellung markiert den Beginn einer
zweijährigen Kooperation mit China im
Rahmen des Kulturprogramms ‹China
2008–2010›», erklärt Pius Knüsel, Direk­
tor von Pro Helvetia. Weitere Veranstal­
tungen sollen folgen, so unter anderem
Switch On, ein Festival für elektronische
Musik und visuelle Künste, das bereits im
Dezember stattfindet.
Der digitale Sarkophag
Noch bevor der Besucher das NAMOC
betritt, fällt sein Blick auf den seltsamen
orangen Container des Zürcher Kollektivs
etoy. Zwei seiner Mitglieder, Gabriela von
Wyl und Silvan Zurbrügg – alias Agent
Monorom und Agent Silvan –, beide eben­
falls in Orange, sind unter der sengenden
Sonne mit letzten Vorbereitungen be­
schäftigt. Ihr Werk ist ein ultramoderner
Sarkophag. Grabschmuck oder Statuetten
sucht man allerdings vergeblich; es sind
digitale Erinnerungen, für die sich die Künst­
ler interessieren. «Der Sarkophag ist eine
Grabstätte für grosse Figu­ren der digitalen
Ära, in der wir leben», erklärt Monorom
und deutet auf einen kleinen grauen Würfel
inmitten von 17’000 Leuchtdioden: «Das
sind sterbliche Überreste des Cyberpro­
pheten Timothy Leary, vermischt mit Ze­
ment.» 32 Gramm der Asche des umstrit­
tenen amerikanischen Psychologen und
LSD-Verfechters, die sich etoy nach zähen
Verhandlungen sichern konnte.
Auf dieselbe Weise werden in Zukunft
weitere Persönlichkeiten verewigt werden,
so zum Beispiel der Schweizer Mikrofilm­
pionier Sepp Keiser, der bereits einen «Mor­
tal Remains Contract» mit etoy abgeschlos­
sen hat. Der 86-jährige Zuger gab sofort
sein Einverständnis. Das Projekt von etoy
ist eine Reaktion darauf, dass niemand
mehr Friedhofsbesuche macht, die Nach­
kommen oft im Ausland leben und viele
Leute darüber nachdenken, wie sie ihren
Abschied vom irdischen Dasein anders ge­
stalten können.
Ein verwandtes Thema sind die digi­
talen Daten, die sich im Lauf eines Men­
schenlebens ansammeln: Welche sind er­
haltenswert, und wie können sie bewahrt
werden? Eine sehr aktuelle Frage in China,
wo Unmengen von SMS verschickt, Fotos
geschossen und persönliche Blogs ge­
schrieben werden. «Wir werden hier sicher
sehr spannende Erfahrungen sammeln»,
freut sich Agent Zai von etoy. «Die Chine­
sen sind sehr aufgeschlossen und begeis­
terungsfähig. Ich hätte eigentlich gedacht,
dass sie sich nicht so bereitwil­lig auf Neues
einlassen würden, aber das Gegenteil ist
der Fall. In der Schweiz ist die Skepsis dies­
bezüglich viel grösser.»
Die Organisation der Ausstellung be­
zeichnen die Künstler als «perfekt». «Das
Schwierigste war die Logistik», sagt Zhang
Ga. «Viele der Objekte sind sehr gross, und
dann kommen sie auch noch alle gleich­
zeitig hier an. Das ist eine enorme Heraus­
forderung.»
Neue Wege der Verständigung
Hat man das NAMOC erst einmal be­
treten, wird einem endgültig schwindlig.
Für Synthetic Times wurden der Eingangs­
bereich und die Böden vom holländischen
Architekten Lars Spuybroek komplett neu
gestaltet. «Ich war vor zwei Jahren schon
einmal hier, aber ich erkannte das Museum
kaum wieder», staunt Pius Knüsel. Die 44
Werke, auf­geteilt in vier Kategorien – Beyond Body, Recombinant Reality, Here
«Auch wenn es schon einige andere Ausstellungen gab, beginnt das chinesische
Publikum doch erst, sich dieser Art Kunst
zu öffnen.»
There and Everywhere und Emotive Digital – verblüffen und irritieren. «Das ist
schon etwas anderes als die üblichen Bil­
der und Statuen», meint auch Li Ming,
einer der zahlreichen Museumswärter, der
mit einer Mischung aus Vergnügen und
Erstaunen die interaktiven Objekte unter
die Lupe nimmt.
In einem schicken schwarzen Hemd
beobachtet Yves Netzhammer die Arbei­ten:
«Wir haben nur vier Tage Zeit, um alles
einzurichten – das ist knapp», bemerkt er
und versucht erneut, seinen chinesischen
Helfern etwas zu erklären, die diesem ul­
tratechnologischen Universum ziemlich
ratlos gegenüberstehen. «Zwar gibt es hin
und wieder Missverständnisse, aber das
gehört dazu.» Eine «sehr interessante»
Erfahrung für Netzhammer, der ohnehin
«am liebsten über Zeichnungen und Bil­
der kommuniziert.»
Für seine Installation hat er einen
ganzen Raum zur Verfügung. Die Wände
sind übersät mit schwarzen Schatten, Tie­
ren, menschlichen Gestalten, Monstern.
Was zunächst unschuldig wirkt, erweist
sich auf den zweiten Blick als «verstö­
rend», wie Marianne Burki findet. «Grau­
samkeit und Bösartigkeit sind für mich
wichtige Themen», bestätigt der Künstler,
«und die digitale Kunst ermöglicht mir,
mich auszudrücken, ohne in Kitsch zu
verfallen.» «Ein tiefgründiges und geheim­
nisvolles Werk», findet Zhang Ga. «Dem
Künstler ist es gelungen, mit computerge­
nerierten Bildern äus­serst komplexe Emo­
tionen auszudrücken.»
Nach seiner Rückkehr in die Schweiz
wird Netzhammer konstatieren, dass ihn
«die Freundlichkeit der Chinesen sehr be­
rührt» hat. Insbesondere lobt er seine lo­
kalen Helfer: «Wir fanden einen Weg, um
miteinander zu kommunizieren und uns
gegenseitig ein bisschen besser zu verste­
hen. Es war einfach genial!»
Unabhängig davon, ob sie die präsen­
tierten Werke verstehen oder nicht, lassen
sich zahlreiche Besucher jeden Alters von
der Ausstellung in den Bann ziehen. «Für
die Kinder ist es hier viel spannender als
in einem traditionellen Museum», erklärt
ein Vater in Begleitung seines Sohnes und
seiner Neffen. Der kleine Chenbin drückt
gerade Gesicht und Hände gegen die Milch­
glasscheibe der Installation Touch Me des
holländischen Kollektivs Blendid. David
Koussemaker, einer der beteiligten Künst­
ler, freut sich über den Mut des Jungen: «Es
ist toll, dass hier so viele Besucher mitma­
chen. Die Abdrücke auf der Scheibe werden
in einer Datenbank gespeichert, und ich bin
schon gespannt darauf, die Ergebnisse mit
jenen aus anderen Städten zu vergleichen.»
Natürlich blieben die Künstler von
kleineren sprachlichen und kulturellen
Problemen nicht verschont. «Oft konnte
ich den lokalen Helfern nicht klarmachen,
was ich von ihnen wollte. Wenn ich etwas
brauchte, musste ich es selbst besorgen»,
erzählt Yannick Fournier, Ingenieur an der
ETH Lausanne, der Knowbotic Research
bei ihrem Projekt unterstützte. etoy leistete
sich gar einen veritablen Fauxpas: «Ohne
böse Absicht erschreckten wir die Besucher,
als wir Spielgeld zum Verbrennen für die
Toten verteilten», erklärt Agent Silvan. Zwar
ist es in China Tradition, am Grab eines
Verstorbenen falsche Geldscheine zu ver­
brennen – einem Lebenden aber bringt
dieses Geschenk Unglück!
Obwohl einige der Schweizer Mitwir­
kenden Bedenken hatten, in einem Land
mit einem autoritären Regime auszustel­
len, war die Neugier am Ende doch stär­
ker. «Wir haben diese Frage diskutiert,
wollten uns aber schliesslich selbst ein Bild
machen», erläutert Yvonne Wilhelm von
Knowbotic Research, und Marianne Burki
fügt an: «Wie soll man begreifen kön­
nen, was in China vor sich geht, wenn man
zu Hause in der Schweiz bleibt?» Gerade
für Künstler sei eine Reise nach China sehr
bereichernd: «Es gibt hier sehr interessante
Arbeiten, von denen man bei uns noch nie
etwas gehört hat, während die Chinesen
ihrerseits über die Kunst und die Kunst­
geschichte des Westens sehr gut Bescheid
wissen.»
11
r e p or tag e
Newscocoons – Reflexion über Medien
«Nicht berühren!» ruft die für Naked
Bandit zuständige Aufseherin. Die Instal­
lation von Knowbotic Research, bestehend
aus einem kleinen Zeppelin und läng­
lichen, mit Helium gefüllten Ballons, ani­
miert immer wieder Eltern und Kinder
dazu, sich mit den Ballons wilde Schlach­
ten zu liefern. Ob die Botschaft des Werks –
eine Reflexion über Herren und Sklaven –
bei ihnen ankommt, ist eher zweifelhaft,
«obwohl wir einige kulturelle Anpassungen
vorgenommen haben», wie Yvonne Wil­
helm betont.
«Auch wenn es schon einige andere
Ausstellungen gab, beginnt das chinesi­
sche Publikum doch erst, sich dieser Art
Kunst zu öffnen», kommentiert Zhang Ga.
«Im Vorfeld hiess es, die Ausstellung würde
bei den chinesischen Besuchern vielleicht
auf Unverständnis stossen», sagt Muriel
Waldvogel, die zusammen mit Jeffrey Hu­
ang die Produktion New­scocoons präsen­
tiert, «aber meines Erachtens war das
überhaupt nicht der Fall.» Die Lausanner
Architekten zeigen eine Reflexion über Me­
dien und Nachrichten – ein heikles Thema
in China, wo einerseits die Pressefreiheit
noch keine Realität ist, andererseits aber
die Internauten mit Augenzeugenberich­
ten und Videos ihre eigenen Nachrichten
verbreiten. Waldvogel und Huang haben
grosse, mit Luft gefüllte Stoffkokons
aufgestellt. An jedem der Kokons ist ein
kleiner Bildschirm angebracht, über den
zufällig ausgewählte Nachrichtenbilder
flimmern. Je nach Inhalt der Meldung ver­
ändert der Kokon seine Farbe – grün für
den Euro, grau für das Erdbeben in Si­
chuan. «Wir wollten damit illustrieren,
dass die Nachrichten so etwas wie lebende
Wesen geworden sind, die in jeden Bereich
unseres Lebens eindringen», erklärt Hu­
ang. Die Instal­lation wirkt keineswegs be­
drückend, son­dern verströmt, findet Zhang
Ga, mit ih­ren an Wolken oder Seidenballen
erinnernden Kokons sogar einen gewissen
«poetischen Zauber».
Ein wenig benommen von all den
Eindrücken, wird man draussen von der
feuchten Hitze Pekings empfangen. «Jetzt
kann dein General nicht mehr entkom­
men!» Auf dem Gehsteig sind vier ältere
Männer in eine Partie Xiangqi – das chi­
nesische Schach – vertieft. Ob sie wissen,
dass direkt hinter ihnen eine avantgardi­
stische Ausstellung läuft? «Ach, in un­
12
serem Alter versteht man davon nicht
viel», lächelt einer der Rentner und wen­
det sich wieder dem Spiel zu.
Kulturprogramm «China 2008-2010»:
www.prohelvetia.ch/china0810
Chinesische Version: www.prohelvetia.cn
Muriel Jarp lehrte nach Abschluss ihres
Sinologie- und Japanologiestudiums drei Jahre
lang an der Abteilung für chinesische Studien
der Universität Genf, bevor sie sich dem
Jour­nalismus zuwandte. 2007 gründete sie
zusammen mit Florence Perret die Presseagen­
tur Papiers de Chine (www.papiersdechine.ch).
Zurzeit ist sie in Peking als Korrespondentin
für verschiedene Schweizer Zeitungen tätig.
Lionel Derimais arbeitet seit fast dreissig
Jahren als Fotograf. Er hat am International
Center of Photography (ICP) in New York
und anschliessend in London Fotografie
studiert und war als Korrespondent für die
französische Presse tätig. Nach Stationen
in Tokyo, Brüssel und Paris lebt und arbeitet
er heute in Peking, wo er sich auf Gemein­
schaften und Menschen, die sie ausmachen,
spezialisiert hat.
www.digitalrailroad.net/lionelderimais
Die Gruppe etoy
mit ihrem Projekt
Mission Eternity
k ulturpul s
Wie lässt sich Kultur bewerten?
Tun wir die richtigen
Dinge? Und wenn ja, tun
wir sie richtig? Das sind
Fragen, die sich auch in der
Kultur stellen.
Illustration: Sarah Parsons
Von Hedy Graber
Kulturförderung heisst Engagement
für Projekte, die sich nicht nur nach be­
triebswirtschaftlichen Grundsätzen beur­
teilen lassen, im Gegenteil: Kultur und de­
ren Bewertung hat viel mit Subjek­tivität
und Vielfalt zu tun. Nicht einfach also, Kri­
terien zu finden, um die Wirkung von Kul­
turprojekten zu bewerten. Gerade deshalb
ist Evaluation in der Kultur spannend.
Kulturevaluation ist keine magische
Zauberformel, die hilft, Löcher in den Bud­
gets von Kulturprojekten zu stopfen. Sie
ist auch kein Allerweltsmittel gegen Kon­
flikte in Kulturinstitutionen und schon
gar nicht L’art pour l’art. Evaluation als in­
tegraler Bestandteil von Kultur und Kul­
turpolitik kann kein Instrument sein, das
die Kontroll- und Disziplinierungsfunk­
tion in den Vor­dergrund rückt. Vielmehr
ist den kultureigenen Mechanismen Rech­
nung zu tragen.
Evaluationen im Kultur­bereich boo­
men. Die Kulturpolitik wünscht sich klare
Messkriterien und Wirkungsanalysen, wohl
in der Hoffnung, dann in der Lage zu sein,
Investitionen in die Kultur zu legitimieren.
Dies entbehrt nicht einer gewissen Brisanz:
Kulturelle Projekte und Programme lassen
sich nur evaluieren, wenn ihre Ziele klar de­
finiert sind.
Kultur lässt sich sehr wohl evaluie­
ren – wenn auch nicht mit den gängigen
Mess­kriterien allein. Es braucht eine dif­
ferenzierte Herangehensweise, die den
Regeln und Gesetzmässigkeiten im Kul­
turbereich Rechnung trägt. Betriebswirt­
schaftliche Kosten-Nutzen-Rechnungen
und Indikatoren für die Beurteilung von
Qualität und Zielerreichung müssen sich
die Waage halten.
Welche Kriterien zur Bewertung von
Kultur brauchen wir? Wie definiert sich die
Qualität oder Wirkung eines Kulturpro­
jekts? Und wie definiert sich dessen Ziel?
Veranschaulicht am Beispiel einer unter­
stützten CD-Produktion, sind folgende In­
dikatoren denkbar: Wie viele CDs wurden
verkauft? Wieso war die Produktion ein
Verkaufserfolg? (Wieso nicht?) Wie viele
Artikel weist das Medien-Clipping aus?
Wie viele der Medienschaffenden äussern
sich positiv? Hat der Interpret in der Folge
weitere wichtige Engagements erhalten?
Hat die Unterstützung der CD-Produk­
tion weitere Fördermittel für diesen Inter­
preten erschlossen?
Es ist interessant, möglichst viele an
einem Projekt beteiligte Akteure und ihre
unterschiedlichen Interessen von Anfang
an zu involvieren. Diskussionen schärfen
die Sensibilität für die Komplexität von
Prozessen und fördern ergebnisorien­
tiertes Denken. Dieser Dialog ist während
des ganzen Evaluationsprozesses wichtig.
Evaluation als Lernprozess innerhalb eines
Teams motiviert.
Evaluation dient dazu, in einer 360°Schau alle Aspekte eines Projekts sichtbar
zu machen, Gelungenes und Misslungenes
objektiv zu beurteilen und mit Blick in die
Zukunft wenn nötig neu auszurichten. Wer
evaluiert, bewegt sich im Spannungsfeld
von Transparenz, Kontrolle und Verände­
rung – das ist mitunter brisant. Denn das
Ergebnis einer Evaluation kann durchaus
sein, ein Projekt nicht weiterzuführen.
Evaluation muss nützlich sein, und ihr Auf­
wand muss in einem vertretbaren Rahmen
liegen. Nicht alles soll ständig evaluiert
werden. Kleine Schritte sind oft klüger als
gross angelegte Übungen.
Das Migros-Kulturprozent und Pro
Helvetia haben gemeinsam einen Leit­faden
entwickelt, der nicht eine flächendeckende
«Evaluitis» proklamiert, sondern konkret
sagt, wann, warum, was, wie evaluiert
werden soll. Praktische Beispiele und Er­
fahrungen dienen dabei als Anschauungs­
material. Dabei soll nicht vergessen ge­
hen: Evaluationen helfen den Er­­folg von
kulturellen Projekten zu be­urteilen. Sie
sind jedoch nur wirkungsvoll, wenn die
gewonnenen Erkenntnisse auch tatsäch­
lich in die Praxis umgesetzt werden.
Hedy Graber ist in Luzern und Genf aufgewachsen und hat an der Universität Genf
Kunstgeschichte, Germanistik und Fotografie
studiert. Von 1990–96 war sie Kuratorin
und Geschäftsführerin der Kunsthalle Palazzo,
Liestal, danach Direktorin der Abteilung für
moderne Kunst bei der Galerie Fischer
Auk­tionen, Luzern, und ab 1998 Beauftragte
für Kulturprojekte in Basel-Stadt. Seit 2004 ist
sie Leiterin der Direktion Kultur und Soziales
beim Migros-Genossenschafts-Bund in Zürich.
Der Leitfaden Evaluieren in der Kultur kann ab
14. November unter [email protected]
kostenlos bestellt oder unter www.prohelvetia.ch
heruntergeladen werden.
«Kulturelle
Projekte und Pro­
gramme lassen
sich nur ­evaluieren,
wenn ihre Ziele
klar definiert sind.»
13
Abstraktion und Blattmimese II (2007)
Missverständnisse
15
Das Recht aufs Missve
nisse sind die unumg
und Grundierung des V
wir gar nicht genau, wa
wollen. Dann führt uns
ständnis zum Verstän
M
issverstehen ist so alltäglich, dass
Soziologie und Sprachwissen­
schaft es bisher nicht für nötig
befunden haben, sich ernsthaft damit zu
befassen. Bis auf ein paar verstreute Titel
findet sich jedenfalls kaum Literatur. Am
ehesten hat sich die Kommunikationsthe­
orie der Missverständnisse angenommen,
aber auch nur aus der Ratgeberperspektive:
Wie kann man diese lästigen Hindernisse
erfolgreicher Kommunikation vermeiden?
Reden Sie knapp und klar! Ver­meiden Sie
versteckte Botschaften, Ironie, Anspielun­
gen! Wiederholen Sie die Kernbotschaften!
Überprüfen Sie, was das Gegenüber verstan­
den hat! Etwa so klingt es dann – Missver­
ständnisse als Verlustfaktoren in einer auf
Effizienz getrimmten Welt.
Mich schaudert. Aus der Psychologie
weiss man, dass die wenigsten, wenn sie
reden, wissen, was sie meinen. Eine Kom­
munikationstheorie, die sich am Ein­
bahnmodell orientiert – ich sende, du
empfängst – , greift deshalb zu kurz. Be­
deutung, also Verständnis, ist immer eine
gemeinsame Angelegenheit: Ich sende, du interpretierst und
handelst entsprechend, ich schliesse daraus, was du verstanden
hast und was ich allenfalls gesendet habe – so entsteht Bedeu­
tung als gemeinsame Konstruktion, aber noch lange nicht als
gemeinsamer Wert. Denn verstehen heisst noch lange nicht ein­
verstanden sein. Wer das gleichsetzen will, muss schon über
Macht verfügen…
Der Traum vom interkulturellen Dialog
So vertrackt es also um das Verstehen beschaffen ist, das Miss­
verständnis, dass es genüge, miteinander zu reden, um die Welt zu
verbessern, dass der interkulturelle Dialog der goldene Weg zur
Völkerverständigung sei, hält die Kulturpolitik im Griff. Deshalb
hat die Europäische Union 2008 zum Jahr des interkulturellen
Dialogs ausgerufen. Sie verfolgt dabei hehre Ziele wie «Sensibili­
sierung aller in der EU lebenden Menschen für die Bedeutung des
aktiven interkulturellen Dialogs in ihrem Alltag», «Förderung des
Dialogs zwischen Kulturen, um einerseits die Gemeinsamkeiten
(Werte, Lebensarten, Kulturerbe) und andererseits die Bedeutung
der Koexistenz verschiedener kultureller Identitäten zu verdeut­
lichen», «Förderung interkultureller Kompetenzen, um sich in
einer von Diversität, Pluralismus, Solidarität und Dynamik ge­
prägten Gesellschaft besser zu entfalten und umgekehrt zu deren
Entwicklung beizutragen», und ähnliche mehr.
Von da war es ein kleiner Schritt, das Novembertreffen der
europäischen Tanz- und Theaterveranstalter in Zürich, welches
Pro Helvetia gemeinsam mit Stadt und Kanton Zürich sowie
dem International Network for Contemporary Performing Arts
aus Brüssel veranstaltet, in die EU-Thematik einzuklinken.
­Immerhin unterhielt die Stiftung von 2004 bis 2007 einen
Schwerpunkt «Interkultureller Dialog». Zum Treffen (siehe www.
ietmzurich.ch) gehört auch ein Kongress. Die Diskussionen um
eine präzisere Fassung des Überthemas machten alsbald klar:
Niemand weiss genau, was die Ziele der EU bedeuten. Wie können
16
Ein Plädoyer des Direktors von Pro Helvetia
wir fördern, was unseren Alltag längst durchdrungen hat? Sind
wir nicht längst kompetente Wellenreiter in vielen Kulturen, ge­
übt in der japanischen Küche, in der türkischen Musik, im chine­
sischen Film? Worüber reden wir, wenn wir über kulturelle Gren­
zen hinweg reden? Müssen wir alle ein bisschen finnischer,
spanischer, schweizerischer, ein bisschen von allem werden?
Oder verteidigen wir besser unsere wie immer abgegrenzten kul­
turellen Identitäten – auch um den Preis von Provokation und
Aggression? Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, dass wir uns
über Kulturgrenzen hinweg verstehen?
Verstehen ist essenziell an kulturelle Faktoren gebunden,
sodass, mit Pierre Bourdieu, nur wer selber versteht, verstanden
werden kann. Was aber, wenn die Voraussetzungen des Verste­
hens maximal auseinander gehen? Wenn 12 Karikaturen zu Mo­
hammed in den dänischen Jyllands-Posten Botschaften in Brand
setzen? Wenn Bilder aus Abu Ghuraib in Verbindung mit dem
Schweizer Wappen das Schweizer Parlament in Rage bringen?
Wenn die olympischen Sommerspiele 2008 das olympische Ko­
mitee in mächtige Verlegenheit bringen? Ist der Traum vom inter­
kulturellen Dialog vielleicht selbst ein Missverständnis? Damit
waren Thema des Zürcher IETM-Treffens und der Kontrapunkt
zur offiziellen europäischen Kulturphilosophie gesetzt.
Fortschritt des Missverstehens in Europa
1997 wurde der Philosoph und Soziologe Pierre Bourdieu mit
dem Ernst-Bloch-Preis ausgezeichnet. Ulrich Beck, Soziologe in
München, widmete die Laudatio dem Missverstehen. Er diagnos­
tizierte einen Fortschritt des Missverstehens in Europa und in der
Welt. Die europäische Verständigung misst er an der Zunahme der
Missverständnisse, ähnlich die Globalisierung, deren Verwirk­
lichung sich in einer Flut von Missverständnissen manifestiert,
welche von den Kulturpolitikern gerne als Vorwand zur Förde­
rung jenes Dialogs genommen werden, der sie hervorbringt. Da­
bei gibt es, so Beck, keine Möglichkeit, diese Missverständnisse
e rstehen. Missverständ­
gängliche Begleitung
Verstehens. Oft wissen
was wir eigentlich sagen
der Weg übers Missver­
ändnis unserer selbst.
für ein Recht aufs Missverstehen. Von Pius Knüsel
auszuräumen. Wo ein Franzose, ein Schweizer, ein Brite, ein
Russe und ein Chinese sich über den Begriff des Bürgers, den
Citoyen, das Konzept der Citizenship oder der Burgermaatschappij
unterhalten, werden sie sich nie einig, aber nicht aus bösem Wil­
len, sondern weil die kulturhistorischen Voraussetzungen denkbar
unterschiedlich sind und wegen ihrer tiefen Verwurzelung nicht
einmal in den Blick geraten. Genauso mit der Globalisierung.
Jeder Brite muss sich als Sieger fühlen, die englisch sprechende
Globalisierung ist schliesslich eine süsse Erinnerung an das
Empire. Umgekehrt sind Länder wie Deutschland, Frankreich,
Schweiz Gefangene ihrer Sozialstaatlichkeit – ihre Wirtschaften
profitieren zwar von der Globalisierung, ihre Institutionen aber
ächzen unter den mobilen Lasten. So hängen Glanz und Kraft
eines jeden Begriffs von der Geschichte einer Nation, von ihrer
kulturellen Strukturierung ab. Wir können es am Beispiel der
Freiheit prüfen: Für die Schweizer bedeutet Freiheit historisch
Rückzug, für die grossen Nachbarvölker hingegen Ausdehnung:
Unfreiheit haben sie überwunden durch Zusammenschluss. Gibt
es Möglichkeiten, diesen Graben weg zu dialogisieren? Nur über
geschichtliche Gewissheit, lebbar über Generationen.
Der Raum der Unschärfe
Missverständnisse als Zeichen des Fortschritts, immerhin.
Wo wir uns missverstehen, sind wir doch im Gespräch und haben
die Festreden und das Anschweigen ein Ende. Dann ruhen, das ist
ein Argument, die Schwerter. Es erstaunt nicht, dass der Schweizer
Schriftsteller Etienne Barilier in seinem Aufsatz Glückliches
Babel (siehe S. 18) das Missverständnis als konstitutives Merkmal
der mehrsprachigen Schweiz darstellt. Mehrsprachigkeit, sagt er,
ist Multikulturalität, und sosehr wir eine andere als die Mutter­
sprache zu beherrschen glauben, so sehr wissen wir doch, dass
das Missverständnis die Mutter des Verstehens ist. Andersrum:
Wir bewegen uns in einem sozialen Raum der Unschärfe. Wir
reden und verhandeln, aber wir haben nie Gewissheit, den Mit­
bürger aus der anderen Kultur wirklich
verstanden zu haben. Wir reden vom Sel­
ben. Aber wir meinen Unterschiedliches.
Die Volksabstimmun­gen bringen es ans
Licht, indem sie alles auf Ja und Nein ver­
kürzen. Zum Glück bietet der Föderalis­
mus zuletzt den Spielraum, die Differenz
zu leben. Man könnte ihn darum die kul­
turelle Relativitätstheorie nennen.
Missverständnisse sind Zeichen von
Vielfalt, von kulturellem Reichtum. Wird
der Röstigraben einmal zugeschüttet, wird
die Schweiz in vielerlei Hinsicht verarmen.
Wie der Kulturhistoriker Jacob Burk­hardt
es im Blick auf Europa vor mehr als einem
Jahrhundert schon formulierte: Wer wün­
schte sich denn einen Kontinent, in dem
die Besonderheiten der Literaturen und
der Kulturen dem Komfort durchgehender
Nachtzüge geopfert werden? In dem der
weltläufige Universalismus der kritischen
Aufklärung herrscht? Der Satz funktio­
niert prächtig, wenn man Kontinent durch
Schweiz ersetzt…
Der Kristallisationspunkt der Kultur
Als Kulturmensch plädiere ich deshalb für das Recht aufs
Missverstehen. Das Missverständnis ist eine enorme soziale wie
kulturelle Produktivkraft. Es verfügt über einen direkten Draht
zur Phantasie. Künstler wissen das am besten. Sie spielen mit der
Unschärfe der Bedeutung, der Vieldeutigkeit, in der Verstehen und
Missverstehen untrennbar zusammen gehen. Sie erfahren in der
Regel erst dann, wenn das Kunstwerk in den gesellschaftlichen
Raum eindringt und dadurch Kultur wird, welche Botschaft sie
aussenden. Diese ist ein soziales Produkt, das sich mit der Zeit
verändert. Kunst ist jenes grosse Feld, in dem wir Verstehen in
Ruhe üben, weil Nichtverstehen und Missverstehen keine blutigen
Konsequenzen haben. Deshalb ist Kunst für die Gesellschaft so
wichtig. Und eignen sich Kunstwerke so gut für den Austausch.
Sie sind die Kristalle, in denen die Kulturen sich brechen. In ihnen
verwirklicht sich das Recht aufs Missverstehen!
Hier aber muss die Diskussion ein Ende finden. Denn das
Recht aufs Missverstehen könnte sich seinerseits als Missver­
ständnis entpuppen, wenn es mit dem Anspruch auf Unverbind­
lichkeit gleichgesetzt wird. So ist es nicht gemeint. Wenn schon:
Verstehen ist ein Spiel mit Licht und Schatten. Es verlangt Sorg­
falt, Geduld, Grosszügigkeit. Wer’s nicht aushält, auf den wartet
am Ausgang aller Missverständnisse nicht der Himmel – dort
lauert vielmehr die Hölle der Eindeutigkeit.
Pius Knüsel ist Direktor der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.
Er war von 1985 bis 1992 Kulturredaktor beim Schweizer
Fernsehen, anschliessend Musikveranstalter und von 1998 bis 2002
Sponsoringchef bei der Credit Suisse.
17
E
uropa glaubt gerne, dass die Schweiz ein Land der aktiven
und blühenden Mehrsprachigkeit ist und dass alle ihre
Einwohner sämtliche Landessprachen beherrschen. Und
vielleicht sagt sich Europa auch, dass die Schweiz in dieser Hinsicht
ein Vorbild ist, von dem man sich einiges abschauen könnte. Denn
ist es nicht das Geheimnis des Zusammenhalts der Eidgenossen­
schaft, dass ihre Bürger in der Lage sind, die internen Sprachbar­
rieren zu überwinden? Und ist es nicht auch diese Fähigkeit, die
von den Bürgern Europas verlangt wird, wenn sie ein echtes Zu­
sammengehörigkeitsgefühl entwickeln wollen?
Allerdings gilt es in Bezug auf die helvetische Mehrsprachig­
keit einiges klarzustellen. Es stimmt zwar, dass in der Schweiz vier
Sprachen gesprochen werden; aber der einzelne Schweizer verwen­
det oft nur eine davon, und auch die nicht immer besonders gut.
Das liegt nicht an fehlenden Fremdsprachenkenntnissen. Die Blo­
ckade ist emotionaler Natur, die Ignoranz freiwillig gewählt: Der
Westschweizer weigert sich, die Sprache der Deutschschweiz zu
sprechen, die das Idiom der Mehrheit und damit potenziell bedroh­
lich ist; und der Deutschschweizer ist zwar grundsätzlich bereit,
Französisch zu sprechen, antwortet dem Romand, der glaubt, ihm
mit drei gestammelten Wörtern in der Sprache Goethes eine Freude
zu machen, aber nur höchst widerwillig auf Hochdeutsch. Einen
Deutschschweizer auf Hochdeutsch anzusprechen, ist etwa das­
selbe, wie mit ihm zu reden, ohne ihn dabei anzuschauen.
Die freiwillige Ignoranz und die dadurch entstehenden Ver­
ständigungsprobleme sind in gewisser Weise wichtige Grundpfei­
ler der Schweiz. Man darf nicht vergessen, dass die Eidgenossen­
schaft das Ergebnis einer Vereinigung unabhängiger Stände ist,
die sich nur zusammengeschlossen haben, um das bleiben zu
können, was sie sind. Anders gesagt ist die Eidgenossenschaft ein
Pakt, der jedem seiner Vertragspartner das Recht und das Privileg
garantiert, sich von den anderen zu unterscheiden; das Recht und
das Privileg, sich dem anderen nicht anzupassen, ihn nicht zu ver­
stehen und von ihm nicht verstanden zu werden. Was alle Schwei­
zer verbindet, ist ihr gemeinsames Recht, sich gegenseitig den
Rücken zuzudrehen. Der Schweizer Staat existiert trotz, ja in ge­
wissem Masse sogar dank der gegenseitigen Taubheit zwischen den
verschiedenen Bevölkerungsgruppen – und das gilt nicht nur für
den Staat, sondern auch für die Nation. Schliesslich ist es ja nicht
so, dass den Schweizern jegliches Gefühl nationaler Zugehörigkeit
und jeglicher Patriotismus fremd wären, das hat die Fussballeuro­
pameisterschaft eindrücklich bewiesen. Patriotismus geht über
Wörter und Sprache hinaus, er manifestiert sich manchmal auch in
Gesängen oder in einem Jubelschrei. Patriotismus ist prälinguis­
tisch oder translinguistisch, je nach Betrachtungsweise. Natürlich
ist der Schweizer Patriotismus gemässigt und zurückhaltend, so
wie alle Schweizer Emotionen, aber er existiert.
Politische Debatten im Nebel
Apropos Zurückhaltung: Möglicherweise besteht ein sub­
tiler Zusammenhang zwischen dieser schweizerischen Tugend
und der Scheu der Schweizer vor den anderen Landessprachen.
Die bewusste Unwissenheit über den anderen – und das meine
ich durchaus ernst – wirkt sich positiv auf die Politik des pragma­
tischen Kompromisses aus, eine Kunst, die die Schweizer meisterhaft beherrschen. Die Debatten der Parlamentarier in Bern
sind stets in einen leichten Nebel gehüllt. Man wird vorsichtig
und höflich, wenn man es mit einer Fremdsprache zu tun be­
kommt und das Gesagte nur ungefähr versteht. Man protestiert
18
Glückliches
gelobte Mehrsprach
ist ein Missverstän
schen den versch
regionen herrscht
willig gewählte Ign
Grundpfeiler der E
und die Voraus
dass sich die Schwe
hen. Eine Analyse
Babel und ein App
pflege in
Von Etienne
mit weniger Elan und stimmt mit weniger Überzeugung zu. Am
Ende nimmt man eine Position in der Mitte ein, zwischen der
Angst, einen Vorteil zu verlieren, und der Furcht, einen Nachteil
zu übersehen, und schliesst mit seinem fremdsprachigen Gegen­
über ein – im wahrsten Sinne des Wortes – stillschweigendes Ab­
kommen. Den Schweizer Parlamentariern geht es ein wenig wie
den Protagonisten des berühmten Gefangenendilemmas, das in
der Wirtschaftstheorie gerne zitiert wird: Da keiner der Häftlinge
weiss, was der andere tun wird, ist die Kooperation für beide das
kleinere Übel.
Babel. Die viel
higkeit der Schweiz
ndnis. Denn zwi­
hiedenen Sprach­
Taubheit, eine frei­
noranz. Sie ist ein
Eidgenossenschaft
s setzung dafür,
weizer so gut verste­
e des helvetischen
pell zur Sprachenn Europa.
Barilier
Wenn man die parlamentarischen Debatten in der Schweiz
zum Beispiel mit jenen in der französischen Nationalversamm­
lung vergleicht, wird sofort klar, worin der Vorteil liegt, Schwei­
zer zu sein. Die französischen Abgeordneten können sich mühe­
los miteinander verständigen, was schreckliche Folgen hat: Sie
gehen mit offenem Visier aufeinander los und sind sich immer
bewusst, dass jedes ihrer Voten in all seinen inhaltlichen und
stilistischen Feinheiten verstanden und sowohl lautstarke Zu­
stimmung ihrer Mitstreiter als auch scharfe Ablehnung ihrer
Gegner auslösen wird. Ihre Positionen sind eindeutig und absolut
unmissverständlich und somit auch unvereinbar. Das franzö­
sische Parlament ist zum ewigen Disput, das schweizerische zum
ewigen Ringen um gegenseitiges Verständnis verdammt. Auch in
seiner Muttersprache ist der Schweizer Redner meistens weniger
gewandt und präzise als sein französischer, deutscher oder italie­
nischer Kollege – als ob er wüsste, dass Präzisierungen sinnlos
sind, da sie bei seinen fremdsprachigen Zuhörern ohnehin nicht
ankommen, dass sprachliche Nuancen nichts zu gütlichen Ei­
nigungen und pragmatischen Lösungen beitragen und dass es
besser ist, sich auf der sprachlichen Ebene nicht allzu gut zu ver­
stehen, um gut miteinander auszukommen. «Wir verstehen uns
gut, weil wir einander nicht verstehen», sagen die Schweizer
gerne im Scherz. Doch in dieser Aussage steckt mehr als nur ein
Körnchen Wahrheit.
Es steht dem Leser dieses Textes frei, ihn als humoristische
Glosse zu interpretieren. Ich glaube aber durchaus, dass das Bei­
spiel der Schweiz klar beweist, dass ein Staat und auch eine Na­
tion mehrsprachig sein kann, ohne dass alle seine Bürger mehr­
sprachig sein müssen. Wenn aber die Qualität der sprachlichen
Verständigung zwischen den Bürgern keine zwingende Voraus­
setzung für die Existenz von Staaten oder sogar Nationen ist,
könnte man daraus schliessen, dass sie für ein Gebilde wie Eu­ropa
noch weniger Bedeutung hat. Schliesslich hat sich Europa, was
auch immer man sich genau darunter vorstellt, nie als Nation
verstanden und beschränkt sich, was Patriotismus angeht, auf
Verfassungspatriotismus. Inwiefern sollte also die aktive Mehr­
sprachigkeit für das europäische Zusammengehörigkeitsgefühl
und das Wohlergehen des politischen Europas notwendig sein?
Vielleicht erwachsen dem europäischen Parlament, dessen Mit­
glieder sich, ähnlich wie ihre Kollegen in Bern, stets in einem
leichten sprachlichen Nebel bewegen, aus diesem Umstand ja so­
gar die gleichen Vorteile wie seinem helvetischen Pendant, und
es macht sich auch in Europa ein alles erleichternder Hang zu
Kompromissen breit…
Europa als Idee
Doch halt: Es stimmt schon, dass ein mehrsprachiger Staat
oder eine mehrsprachige Nation auch dann existieren kann,
wenn sich die Bürger kaum aus ihrem sprachlichen Schnecken­
haus hinauswagen, aber ebenso wahr ist es auch, dass Europa,
zumindest in meinen Augen, nicht wirklich existieren kann,
wenn die verschiedenen europäischen Länder keine Kenntnisse
der Sprachen ihrer Nachbarländer besitzen (und die Pflege ihrer
eigenen Sprache vernachlässigen, was oft damit einhergeht).
Kurz gesagt: Wenn sich die Bürger Europas zur gegenseitigen
Verständigung mit Basic English zufriedengeben, hat Europa
seine raison d’être verloren – und ich meine damit nicht nur das
kulturelle Europa, sondern Europa als Ganzes und Europa an
sich. Weshalb? Eben weil Europa weder eine Nation noch ein Staat
ist. Eine gewisse Geringschätzung anderer Sprachen, die für eine
Nation oder einen Staat keine Gefahr darstellt, kann sich auf euro­
päischer Ebene verheerend auswirken. Europa kann seinen Zu­
sammenhalt nicht auf dem kollektiven Bewusstsein abstützen,
das einer Nation als Kitt dient. Europa, es sei noch einmal betont,
ist keine Nation und wird nie eine sein. Europa ist mehr als ein
Amalgam von Einzelinteressen, Europa ist eine Idee – und genau
das ist zugleich seine Stärke und seine Schwäche. Was der euro­
päischen Idee Kraft gibt und geben wird, was sie aufrecht hält
und halten wird, sind weder die Artikel einer Verfassung noch
19
Aber wie sieht das Pflegen der Sprachenvielfalt in der Praxis
patriotische Gesänge, sondern das Teilen einer gemeinsamen
Vision (eigentlich sollte und möchte ich sagen,einer gemein­ aus? Es wäre utopisch, von den Europäern zu verlangen, dass sie
samen Liebe) für die menschliche Person, Freiheit, Würde und alle schon in jungen Jahren damit beginnen, sämtliche europä­
Perfektibilität.
ischen Sprachen zu erlernen. Es geht nicht darum, Sprach­genies
Doch inwiefern macht es diese gemeinsame Vision oder Liebe heranzuzüchten. Ziel müsste es vielmehr sein, dass alle europä­
erforderlich, dass sich die Europäer ihrer Sprachenvielfalt bewusst ischen Länder der Verwendung von Basic English eine klare Ab­
sind und entsprechende Kenntnisse besitzen? Nun, zum Wohl des sage erteilen und sich stattdessen verstärkt um die liebevolle
Menschen und seiner Freiheit, Würde und Perfektibilität müssen Pflege ihrer eigenen Sprache kümmern, ohne dabei zu vergessen,
Fähigkeiten gehegt und gepflegt werden, die untrennbar mit der so oft wie möglich einen vergleichenden Blick auf die anderen
Sprachkultur und der Liebe zur Sprache verbunden sind: Krea- Sprachen Europas zu werfen. Daran ist nichts Widersprüchliches –
tivität und Sinn für Nuancen, Vielfalt und
denn, ich möchte es an dieser Stelle noch einmal
Qualität. Mit Sprache meine ich natürlich
Die Vielfalt der
betonen, je mehr man seine eigene Sprache liebt
nicht die mehr oder weniger technische, nüch­
Sprachen ist die
und je besser man sie kennt, desto empfänglicher
terne und standardisierte Form der Kommuni­
zwingende
ist man für die Geheimnisse und den Reichtum
kation, wie sie im Rahmen von wirtschaftlichen
Voraussetzung
einer anderen Sprache.
d a f ü r, d a s s au s
Mit «alle europäischen Länder» meine ich
Beziehungen Verwendung findet. Nein, ich
unserer Zukunft
meine damit die Sprache als intimer Schatz,
natürlich auch die Schweiz. Und wenn ich schon
nicht eine genaue
als schillerndes Spiegelbild menschlicher Er­
gezwungen bin, anzuerkennen, dass ein Land
Kopie unserer
fahrungen, als aktive Bewahrerin unserer Kul­
auch existieren kann, ohne seine Sprachen zu
Gegenwart wird.
tur und unserer Geschichte; als geheimnis­
pflegen, so stimmt es mich doch traurig, dass
voller Ort, wo sich das Alte mit dem Neuen
die Schweiz ihre Sprachen zu wenig pflegt und
verbindet, das Erbe mit der Schöpfung, das Erhaltene mit dem liebt und somit in jenem Sinn, den ich darzu­legen versucht habe,
nicht besonders europäisch ist.
Gegebenen, das Wissen mit der Liebe.
Die künstlichen Kommunikationssprachen (was falsch aus­
gedrückt ist, denn sie dienen nicht wirklich der Kommunikation,
Etienne Barilier, Schriftsteller und Essayist, geboren 1947, lebt in
Pully. Er hat rund 40 Werke verfasst. Zu seinen Romanen gehören
sondern nur dem Austausch von verbalen Waren) sind Antispra­
Le Chien Tristan, Le dixième ciel und L’Enigme; zu den Essays Contre le
chen, denn ihre zugleich gewollte und als notwendiges Übel hin­
nouvel obscurantisme, das auf Deutsch unter dem Titel Gegen den
neuen Obskurantismus 1999 bei Suhrkamp erschienen ist.
genommene Dürftigkeit und ihr verzweifeltes Streben nach Ein­
deutigkeit beraubt sie jeder Möglichkeit, etwas Neues, noch nie
Bei diesem Artikel handelt es sich um die gekürzte Fassung des gleich­
Dagewesenes zu erschaffen – genau das, was die natürlichen und
namigen Beitrags im Kulturreport – Fortschritt Europa 1/2007
(Hrsg. Institut für Auslandsbeziehungen und Robert Bosch Stiftung,
gepflegten Sprachen ausmacht.
Stuttgart).
Der Turmbau zu Babel
Ist eigentlich schon einmal jemandem aufgefallen, dass die
biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel einen grossen Wider­
spruch enthält? Wenn die Menschen früher tatsächlich auf der
ganzen Welt nur eine Sprache gesprochen hätten, hätten sie nie­
mals den Bau eines solchen Turms in Angriff genommen! Denn
eine einsprachige Menschheit wäre eine blockierte, erstarrte
Menschheit ohne Wünsche und Pläne gewesen, die sich mit der
Welt, wie sie ist, zufriedengegeben hätte, ohne danach zu streben,
bis zum Himmel vorzudringen, um sich auf eine Stufe mit Gott zu
stellen; ohne danach zu streben, die Welt zu verändern, zu ver­
bessern, zu erforschen und neu zu erfinden. Diese einsprachige
Menschheit hätte sich selbst nicht als Menschheit der Möglich­
keiten betrachtet; sie hätte nie davon geträumt, den Turm von
Babel zu errichten. Um den Antrieb für ein solches Unternehmen
zu haben, hätte sie der später verhängte Fluch schon im Voraus
ereilen müssen…
Die Vielfalt der Sprachen ist also ein Fluch? Nein, natürlich
nicht – im Gegenteil. Die Vielfalt der Sprachen ist die zwingende
Voraussetzung dafür, dass aus unserer Zukunft nicht eine ge­
naue Kopie unserer Gegenwart wird. Die Sprachen eröffnen in
ihrer Vielfalt dem Menschen die Möglichkeit, von Dingen zu spre­
chen, die noch nicht Realität sind, die Möglichkeit, selbst zum
Schöpfer und Gestalter zu werden. Und diese Möglichkeit zu pfle­
gen, ist die Essenz des menschlichen Wesens – und insbesondere
Europas, wo sich der Mensch seit jeher als entwicklungs- und
vervollkommnungsfähiges Wesen sieht.
20
Aus dem Französischen von Reto Gustin, Redaktion der gekürzten
Fassung: Janine Messerli.
Von der Schärfung des Blicks durch den Schleier. «Kann
man das Thema Islam ansprechen, ohne dass alles in die Luft
fliegt?», fragte sich der Performance-Künstler Yan Duyvendak
aus Genf, bevor er nach Kairo reiste. Dort tauchte er in einen
Kosmos ein, sah und staunte. Zusammen mit dem ägyp­
tischen Künstler Omar Ghayatt setzte er die Erfahrungen von
Kulturschock, Identität und interkulturellen Missverständnis­
sen künstlerisch um.
Von Susanne Schanda
E
in strahlender Frühsommertag im Kunsthof Zürich. Es
ist 11.29 Uhr, die folgende Stunde gehört den beiden Per­
formance-Künstlern Yan Duyvendak und Omar Ghayatt.
Die Sonne brennt, das Publikum drängt sich in den Schatten. In
Jeans, T-Shirt und etwas irritierend wirkenden schwarzen DamenHandschuhen streift sich Yan einen langen, ebenfalls schwarzen
Mantel und einen Gesichtsschleier mit einem schmalen Schlitz
für die Augen über und setzt sich an einen Tisch. Von dem nimmt
er einen mit Linsen gefüllten Teller und beginnt zu essen: Mit der
rechten Hand den Schleier vor seinem Gesicht anhebend, schiebt
er sich mit der linken einen Löffel Linsen nach dem anderen in
den Mund. Eine Mahlzeit ohne mich heisst dieser Teil aus der
Performance-Reihe Made in Paradise.
Beim nächsten Fragment übernimmt Omar Ghayatt die tra­
gende Rolle. Zuerst werden mehrere Gebetsteppiche auf dem Bo­
den ausgebreitet. Dann erklärt der Ägypter, wie man als Muslim
betet, und macht es gleich vor: Schuhe ausziehen und sich auf
dem Teppich Richtung Mekka aufstellen. Beide Hände neben den
Kopf nehmen, den Satz «Allahu Akbar» (Gott ist gross) ausspre­
chen und alle Arroganz und weltlichen Sorgen hinter sich lassen.
Auf die Knie gehen und mit den Händen und der Stirne den Bo­
den berühren. «Der Boden ist unsere Quelle», erklärt Omar und
dass es darum gehe, sich ganz auf Gott zu konzentrieren und al­
les andere auszublenden. Dann lädt er das Publikum ein, es ihm
nachzutun. Yan stellt sich ebenfalls auf einen Teppich in die von
Omar angegebene Richtung. Nur ein einziger Zuschauer, ein
Araber, schliesst sich dem Gebet an. Für die anderen scheint dies
doch etwas gewagt zu sein. Dabei heisst die Performance: «Just
give it a try».
Noch ist alles Work in Progress, die Premiere soll im Februar
2009 in Genf stattfinden.
Der Kulturschock ist nah
« Made in Paradise ist kein Projekt über Toleranz», stellt Yan
Duyvendak nach der Vorstellung klar. Es sei vielmehr eine Erfor­
schung der islamischen Kultur und der Welt der Muslime als das
Andere. Dieses Andere soll hautnah erfahren und erfahrbar ge­
macht werden. Ein Stipendium von Pro Helvetia für einen
dreimonatigen Aufenthalt in Kairo ermöglichte dem Niederlän­
der, der seit langem in Genf und Barcelona lebt, und der Genfer
Filmemacherin und Dramaturgin Nicole Borgeat, sich dem An­
deren vor Ort auszusetzen. Das Interesse für die arabische Kultur
hatte jedoch schon Jahre zuvor begonnen.
«Nach dem Schock der Terroranschläge vom 11. September
2001 wollte ich wissen, was dort geschieht, wo die Terroristen her
kamen», sagt Duyvendak, der 1965 in Holland geboren wurde und
in der Schweiz aufwuchs. «Mit den Anschlägen ist das Andere
brutal in unser Leben eingebrochen. Sie bilden den Auftakt zu
einer zerstörerischen Zwangsbeziehung. Von jenem Moment an
war es unmöglich, den Anderen zu ignorieren.»
So stand denn am Anfang seines Kairo-Aufenthalts die Idee,
Jihadisten zu interviewen, also Männer, die im Namen der Religion
töten. Es gestaltete sich schwierig, an solche Männer heranzukom­
men. Immer wieder wurde ihm eine Begegnung in Aussicht ge­
stellt, doch unter Bedingungen, die Duyvendak ablehnte (zeitlich
extrem kurze Treffen gegen hohe Honorare). Schliesslich gab er
den Plan auf. Im Kairoer Alltag begegneten Yan Duyvendak und
Nicole Borgeat dem Fremden, dem Anderen, dem Rätselhaften und
den Missverständnissen in gewöhnlichen Männern und Frauen auf
der Strasse. «Wir merkten, dass es gar nicht nötig ist, Extremisten
zu treffen und die Extreme zu untersuchen, denn die kulturellen
Unterschiede sprangen uns überall ins Auge», so Duyvendak. «Der
Kulturschock war da – im Alltag», ergänzt Nicole Borgeat.
Das Fremde selbst erproben
Zum muslimischen Alltag gehören auch die fünf Gebets­
zeiten am Tag. «Die Fernseh-Bilder von Massen betender Männer
in Socken kennen wir zur Genüge. Wir wollten dahinter sehen –
oder besser spüren, was es mit dem muslimischen Gebet auf sich
hat», sagt Yan Duvendak. Als Omar Ghayatt ihm den Ablauf des
Gebets zum ersten Mal erklärte und vormachte, sei er tief be­
rührt gewesen, erzählt Duyvendak: «Die Klischee-Bilder der be­
tenden Männer verschwanden aus meinem Kopf. Obwohl ich
selbst nicht gläubig bin, fühlte ich eine starke Wirkung, als ich
in mich ging und die weltlichen Probleme beiseite schob, wie
Omar mich angewiesen hatte.» Beim Niederknien und Vorbeu­
gen realisierte der Performer:
«Eine so extrem demütige Position nehmen wir im Westen
nie ein. Diese Bewegung selbst auszuführen, brachte mich dem
Islam näher, als es ausführliche Studien je gekonnt hätten.»
21
Mit dem Umstand, dass bei der Vorstellung im Kunst­hof jemand, das sei ganz anders. Ich hatte das Gefühl, dass man mir
Zürich die Beteiligung des Publikums so gering war, hat mitteilen wollte, ich als Westler könnte gar nichts verstehen.»
So verloren wie Yan Duyvendak in Kairo war Omar Ghayatt,
­Duyvendak kein Problem: «Wenn sie nicht mitmachten, fragten
sie sich vielleicht, warum sie dies nicht taten. Damit hat unsere als er in die Schweiz kam: «Ich hatte keine sozialen Codes mehr,
Performance bereits etwas ausgelöst.» Das Ziel dieser interkul­ keine Orientierungspunkte, an denen ich mich festhalten
turellen Begegnung sei nicht in erster Linie, den Islam zu erklä­ konnte», erinnert er sich an die erste Zeit. In der Schweiz fing er
ren, sondern vielmehr «unsere Haltung zu dieser Kultur. Der an, seine eigene Kultur zu erforschen. Das Gleiche geschah mit
andere spiegelt mich, wirft mich auf mich selbst zurück und bil­ Yan Duyvendak: «Die Fragen von Omar führten dazu, dass ich
det so mein Bewusstsein für die eigene Identität.»
mich selbst und meine Kultur aus Distanz betrachtete und mir
Für den gläubigen Muslim Omar Ghayatt war dieses Per­ so meiner unbewussten Denk- und Verhaltensstrukturen be­
formance-Fragment anfangs etwas problematisch: «Ich wollte wusst wurde.»
den Islam nicht als Spiel missbrauchen», sagt der 32-Jährige.
Erst als er von der Ernsthaftigkeit und dem echten Interesse «Just do it» versus «Inschallah»
Yan Duyvendaks überzeugt war, willigte er in diese Art Einfüh­
In der Dokumentation zu ihrem Projekt geben Yan
rungskurs in das Gebet ein. Wenn er sich auch als hundertpro­ ­Duyvendak und Nicole Borgeat Einblick in ihre Streifzüge, Be­
zentig gläubig sieht, hat er doch seine eigene Vision des Glau­ obachtungen und Reflexionen: «Bei uns sagt man sich ‹just do
bens, wie er im Sufismus, der mystischen Ausrichtung des it›. Die gegenüber sagen ‹Inschallah›… so Gott will… Wie kön­
nen wir miteinander Bekanntschaft machen?
Islams, praktiziert wird.
Und ist das überhaupt möglich?» Denn beiden
«Ich bete und trete in Verbindung mit
Eine so extrem
Gott, aber ich lege wenig Wert auf äussere
demütige Position
Künstlern ist durchaus bewusst, in welch gros­
nehmen wir
sem Spannungsfeld sie sich bewegen, wenn sie
Formen», so Ghayatt. Zum umstrittenen Alko­
im Westen nie ein.
einerseits fragen: «Ist Multikulturalität mehr
holverbot sagt der Muslim: «Im Koran steht
nicht, es sei verboten, Alkohol zu trinken, nur
als ein kulinarischer Begriff?» und anderer­
die Trunkenheit wird abgelehnt.» Die vielen Fragen der west­ seits: «Kann man das Thema Islam als Laie überhaupt anspre­
lichen Performance-Künstler in Kairo brachten den Ägypter sei­ chen, ohne dass alles in die Luft fliegt?»
nerseits dazu, gewohnte Glaubensstrukturen zu hinterfragen.
Das Kunstprojekt, das im Titel das Bedeutungsfeld zwi­
Etwa beim Thema des Neids.
schen der westlichen Macher-Mentalität («Made in») und dem
«In der orientalischen Kultur geht man davon aus, dass je­ religiösen Paradies des Islam aufspannt, stellt sich sowohl dem
mand, der durch Besitz, eine schöne Frau oder zahlreiche Kin­ Banalen wie dem Explosiven des Themas und wächst in der expe­
der den Neid anderer oder den so genannten Bösen Blick auf sich rimentellen Erfahrung über die Angst vor dem Anderen hinaus.
zieht, unglücklich wird und leidet», erzählt Omar. «Das ist für Es zeigt, wie ein simpler Blick durch den Sehschlitz eines isla­
Yan und Nicole absurd, denn in ihrer Kultur leidet nicht der Besit­ mischen Gesichtsschleiers eine ganze Welt erschliessen kann.
zende, sondern der Neidische. Plötzlich leuchtete mir die west­
liche Sichtweise viel mehr ein als meine gewohnte.» Der Ägypter,
Made in Paradise: www.duyvendak.com/article150.html
Pro Helvetia Kairo: www.prohelvetia.org.eg
der für zwei Jahre an der Zürcher Hochschule der Künste Szeno­
grafie studiert, kommt in der Schweiz zu neuen Einblicken in
Susanne Schanda ist Kulturjournalistin mit den Themenbereichen
Mittlerer Osten und Schnittstellen zwischen den Kulturen. Sie
seine ägyptische Kultur.
«Die Reise beginnt»
Als Yan Duyvendak und Nicole Borgeat im Februar 2007
nach Kairo kamen, fühlten sie sich erst einmal fremd. Hebba
Sherif, die Leiterin des Pro-Helvetia-Büros in Kairo, machte die
Künstler aus der Schweiz mit verschiedenen ägyptischen
Künstlern bekannt. «Aber erst bei Omar hat es gefunkt», er­
zählt Yan Duyvendak. «Durch Omar und seine Familie im wei­
testen Sinn, durch seinen Freundeskreis, öffnete sich uns die
Stadt. Da hat die Reise angefangen.» Seither seien sie in Kairo
nie mehr alleine gewesen, immer war da jemand darum be­
müht, dass es ihnen gut ging. «Die Wärme und Anteilnahme
der Menschen war überwältigend. Wir wurden immer wieder
eingeladen, man liess uns nicht einmal unseren Tee bezahlen»,
erinnert sich Yan Duyvendak.
Doch gab es durchaus auch schwierige Phasen bei der Ent­
deckungsreise in die fremde Welt. Je länger er in Kairo war, desto
deutlicher wurden ihm seine Vorurteile bewusst. Er merkte, wie
komplex diese Welt war und wie wenig er darüber wusste. Was den
Künstler frustrierte, war, dass niemand seine «Lernerfolge» be­
züglich der fremden Kultur anerkennen wollte. «Wenn ich meinte,
etwas verstanden zu haben und dies erklärte, sagte mir bestimmt
22
lebt in Bern und arbeitet für die Internetplattform Swissinfo sowie
die Zeitungen Der Bund und Neue Zürcher Zeitung.
ohne Titel (2008)
23
24
ohne Titel (2008)
D, heranbaumelnd (2007)
25
Verschwundenes dialogisches Problem (2007)
ohne Titel (2008)
27
28
sitespecific unspecificity (2008)
Scheitern als Chance (freiere Motivhandhabung) (2008)
29
Vom geheimen Verstehen im M
sind der Stoff, aus dem zahlreic
Weltliteratur gewoben sind. Sie wir
als kreative Kraft und steigern un
auf Shakespeares Romeo und Julie
oft verschlüsselte Botschaften sin
ausgesprochen
Von Elisabeth
E
igentlich ist Romeo seinem Freund Mercutio nur auf
das nächtliche Fest im Hause der Capulets gefolgt, weil er
dort die von ihm angebetete Rosaline zu sehen hofft.
Gänzlich unerwartet trifft sein Auge jedoch auf die Tochter des
Hauses. Diese plötzlich entfachte Liebe auf den ersten Blick
steht am Anfang jener Kette von Missverständnissen, die in den
schicksalhaften Tod münden muss. Unglück im Glück könnte
man die fehllaufende Deutung nennen, mit der die beiden Lie­
benden ihre Leidenschaft in Worte zu fassen suchen. Zuerst
nennt Romeo sie ein Heiligenbild und vergleicht seine Lippen
mit den frommen Händen eines Pilgers. Im Kuss soll die Ange­
betete ihn all seiner Sünden entbinden. Mit ihren Lippen nimmt
Julia ihm tatsächlich seine Sünden ab, gibt ihm dieses gefähr­
liche Gut aber mit dem nächsten Kuss zurück. Unterbrochen
wird dieses Wortspiel, das eine romantische Berührung zum re­
ligiösen Akt umdeutet, durch den Auftritt der Amme, die Julia
zu ihrer Mutter ruft. Sie ist es auch, die Romeo über das wesent­
lich weniger spielerische Missverständnis aufklärt, das sich in
der verstohlenen Liebkosung ereignet hat. Jetzt erst begreift
er: Die schöne Fremde ist wegen der Feindschaft ihrer beiden
Familien ein verbotenes Liebesobjekt und die Sünde, über die
sie vorher noch scherzen konnten, real. Denn der Vollzug jenes
Begehrens, dem beide nun nicht mehr ausweichen können,
fordert einen doppelten Regelverstoss. «O Romeo,» fleht Julia,
«leg deinen Namen ab, und für den Namen, der dein Selbst
nicht ist, nimm meines ganz!» Sie will sich nicht nur gegen die
Hochzeit mit dem Grafen Paris zur Wehr setzen, den ihre Eltern
für sie ausgesucht haben. Sie will sich auch mit dem Sohn des
Erzfeindes verbinden, nachdem beide ihrer Familienzugehörig­
keit entsagt haben.
30
Unglückliche Zufälle und fatale Fehldeutungen
Der weitere Verlauf dieser Tragödie Shakespeares ist von ei­
ner Verquickung unglücklicher Zufälle und Fehldeutungen ge­
tragen. Zwar kann Julia ihre Amme dafür gewinnen, geheime
Botschaften an ihren verbotenen Geliebten weiterzuleiten, wie
auch Romeo den Pater Lorenzo davon überzeugen kann, sie beide
heimlich zu trauen. Noch bevor diese Hochzeit leiblich vollzogen
werden kann, unterliegt Romeo jedoch einem weiteren Missver­
ständnis. Er greift in den Streit zwischen Mercutio und Tybalt
ein und führt somit unwillentlich jenen Dolchstoss herbei, der
seinen Freund tödlich trifft. Die Hoffnung auf einen Frieden zwi­
schen den beiden Häusern, die Pater Lorenzo an der heimlichen
Eheschliessung festgemacht hatte, erweist sich ebenso als falsche
Deutung wie Romeos Vorstellung, seine Vermählung würde dem
schrecklichen Familienkrieg ein Ende setzen. Denn er muss den
Tod Mercutios rächen, auch wenn er damit seinen angetrauten
Vetter Tybalt tötet. Auch die Geheimhaltung der Trauung, die ei­
gentlich das Paar schützen sollte, fungiert als Auslöser weiterer
Missverständnisse. Der Prinz von Verona, sowohl mit Paris wie
mit Mercutio verwandt, verbannt Romeo aus der Stadt, nicht
wissend, dass er damit das heilige Bündnis einer Ehe unterbin­
det. Auch er schätzt die Lage falsch ein und ruft damit die letzte
Staffel an verunglückter Kommunikation hervor. Der Pater hält
an seinem hoffnungslosen Versuch fest, doch noch alles richten
zu können. Julia soll in der Nacht vor ihrer Hochzeit mit Paris (die
verhindert werden muss, weil sie einem Akt der Bigamie gleich­
käme) ein Schlafmittel zu sich nehmen. Romeo hingegen soll
sie, die als Scheintote zu Grabe getragen worden ist, in der darauf
folgenden Nacht in der Gruft ihrer Ahnen aufsuchen und im
Schutz der Dunkelheit mit ihr fliehen.
M issverstehen. Missverständnisse
he Dramen und Komödien der
ken im literarischen Text nicht nur
nsere Leselust. Ein genauer Blick
et offenbart, dass Missverständnisse
n d, die enthüllen, was direkt nicht
n werden darf.
Bronfen
Die Dramaturgie der Missverständnisse, die Shakespeares verständnis ist der Stoff, aus dem unsere Träume sind, zumindest
Tragödie strukturiert, verlangt natürlich, dass der Brief des für die Dauer der Theateraufführung.
Geistlichen nicht rechtzeitig ankommt. Weil Romeo die im Sarg
festlich aufgebahrte Braut falsch deutet, nimmt er sich das Le­ Das Missverständnis als verschlüsselte Botschaft
Wie diese kurze Wiedergabe der klassischen Tragödie deut­
ben. Julia kann ihrerseits nur noch mit ihrem eigenen Freitod
antworten. Spätestens an dieser Stelle im Stück muss man sich lich macht, ist der Begriff des Missverständnisses komplex. So­
fragen, ob in diesem Willen zur Selbstverschwendung womög­ wohl die glücklichen wie die unglücklichen Zufälle gehen vom
lich gar kein falsches Verstehen liegt. Immerhin hatte Julia, als Fehlen eines Einverständnisses zwischen zwei Familienvätern
sie das Schlafmittel zu sich nahm, bereits eine schreckliche aus. Deren Kinder materialisieren in ihrer Selbstverschwendungs­
Vision davon gehabt, frühzeitig in der Gruft ihrer Ahnen zu lust – der verstohlenen Hochzeit wie dem gegenseitigen Töten –
erwachen und dort dem Wahnsinn zu verfallen. Hat Julia mit das Nichtverstehen ihrer Eltern. Zugleich wird dieser Handlungs­
dieser Vorahnung etwa den tödlichen Zug ihrer verbotenen Liebe akt von einer geistigen Haltung begleitet. Am Missverständnis
richtig benannt? Und ist die fatale Kette von
wird auch ein fehlerhaftes, verfehltes oder fehl­
Zufällen, die nicht nur den Tod der beiden Lie­
laufendes Deuten der Situation, in der man sich
Das Missverständ­
n i s i s t d e r S t o f f,
befindet, deutlich.
benden fordert, sondern auch den der anderen
aus dem unsere
Wie also haben wir die Vorsilbe ‹miss› zu
Söhnen Mercutio, Tybalt und Paris, nicht eine
Tr ä u m e s i n d.
verstehen, die etymologisch auf Wechselseitig­
konsequente Deutung des Familienkrieges
keit und Tausch hinweist? Es mag zwar ein ver­
zwischen dem Hause Capulet und Montague?
Tarnt das dramaturgisch eingesetzte Fehllaufen von Botschaften unglücktes Verstehen sein, das den Stoff der Tragödie ausmacht,
nicht ein Machtgefüge, in dem die blinde Strenge des politischen aber die Vorsilbe zeigt an: Es bleibt eine Art des Verstehens. Im
Streits die Abtötung der Nachfolgegeneration als zwingende Sprechen und Handeln der Akteure wird eine Botschaft vermit­
telt, auch wenn der Inhalt vom Empfänger nicht so aufgenom­
Folge enthüllt?
Produktiv ist dieses verunglückte Verstehen allemal, und men wird, wie er vom Sender gemeint ist. Es findet also durchaus
das im doppelten Sinn: Auf der Ebene der Geschichte läuft es auf eine Verständigung statt. Was hingegen fehlt, ist eine Überein­
jene goldene Statue der beiden verstorbenen Kinder hinaus, an­ stimmung zwischen der Intention, mit der eine Aussage gemacht
hand derer die Väter, wenn auch im Lichte eines düsteren Mor­ wurde, und der Art, wie sie der Andere auffasst. Die Vorsilbe ‹miss›
gens, ihren Friedensvertrag öffentlich zementieren. Produktiv weist darauf hin, dass es sich beim Missverständnis um ein Ver­
ist das Missverständnis jedoch auch, weil es zwei Stunden lang stehen handelt, das den Umweg über eine verunglückte Aussage
jenen erbauenden Liebestod anbahnt und zugleich aufzuhalten benötigt. Das Fehlgehen öffnet einen Raum an Bedeutungen, in
weiss, der bereits im Prolog des Stückes angekündigt ist. Das Miss­ dem die Intention einer Aussage instabil wird. Aufgrund der Viel­
31
deutigkeit von Sprache setzt ein Austausch zwischen Bedeutungen les anders werden. Zugleich bietet der Aufschub der narrativen
ein, der diese in ihr Gegenteil umschlagen lässt. Die Botschaften, Auflösung, der mit jeder verunglückten Kommunikation einher­
die der Andere fälschlicherweise für richtig hält, sind auch rich­ geht, eine doppelte Identifikationsmöglichkeit für den Leser, stellt
tig. Aus irgendeinem Grund entspricht das falsche Verstehen also auch in diesem Sinne eine Situation der Wechselseitigkeit
hingegen den Erwartungen oder dem Verlangen des Empfängers dar. Wir können uns von der Verblendung der Charaktere hinreis­
der Botschaft weitaus mehr als das, was der Andere eigentlich zu sen lassen und ihre fehlgegangene Deutung teilen. Wir können
aber auch eine ironische Distanz zu den Missverständnissen ein­
vermitteln intendierte.
Der reizvolle Umweg, den die Bedeutung in Folge eines Miss­ nehmen, in die sie eingefangen sind, um uns an ihren Fehlern zu
verständnisses einschlägt, enthüllt auch die Zauberkraft des lite­ erfreuen und zu erbauen.
Entpuppt sich somit die verunglückte Rede oft auch als
rarischen Schreibens. Deutlich wird, dass die Sprache, aus ihrem
alltäglichen Gebrauch herausgelöst, vieldeutig ist und somit auch Glück im Umglück, stellt das Missverständnis nicht nur eine dra­
nicht regulierbar. Sie stellt eine subversive Kraft dar, die mit dem maturgische Konstante der Tragödie dar. Es ist auch der Stoff,
Fehlgehen einer intendierten Botschaft auch die Möglichkeit er­ von der jegliche Literatur, die um Verwechslungen kreist, zehrt;
öffnet zu denken, was normalerweise verboten ist, und sei es eine ein unermessliches schöpferisches Potenzial! Dabei erfreuen wir
Liebe, die gegen das blinde Verbot zerstrittener Väter gerichtet uns nicht nur der fatalen Konsequenzen, die mit dem Wunsch,
ist. Zugleich wird im Missverständnis deutlich, dass selbst die Be­ eigenmächtig über das eigene Leben sowie das der Anderen zu
ziehung zwischen Intention und Aussage instabil ist. Denn im verfügen, einhergehen. Auch wir sollen erzogen werden, hält uns
Verunglücken des Verstehens enthüllt sich nicht nur etwas. Wie doch eine Tragödie wie Romeo und Julia mit der Frage danach,
bei anderen Fehlleistungen treten dank der Verstellung, die das wie die Zeichen der Liebe sind, welche die beiden star crossed lo­
Missverständnis darstellt, ein Wissen oder ein Wunsch zu Tage, vers gegenseitig zu entziffern suchen, den Spiegel unserer eige­
die vom Bewusstsein nicht direkt ausgesprochen werden konn­ nen hermeneutischen Lust entgegen. Auch wir wollen beim Le­
ten. Mit Nachdruck hat Freud in seiner psychoanalytischen Lehre sen unserer Fantasie freien Lauf lassen, vom schillernden Licht
darauf beharrt: Wir können nicht nur nie sicher sein, was wir mit des Textes inspiriert. Auch wir wollen uns auf falsche Fährten be­
geben, weil wir nur so ungewohnte und im All­
unseren Aussagen meinen. Gleichzeitig verfeh­
tag oft unmögliche Lebensentwürfe imaginär
len wir mit unseren Aussagen aber auch nie
A u c h w i r w o l ­erfahren können. Insgeheim erfreut uns kaum
len uns auf falsche
unser Begehren, selbst wenn wir scheinbar
der nüchterne Frieden zwischen den beiden
Fährten beeinem Missverständnis aufsitzen oder dieses
Familien, der im grauen Morgen nach dem Lie­
g e b e n, w e i l w i r n u r
auslösen. Jedes verunglückte Sprechen, jedes
bestod endlich eintritt. Was uns nachhaltig be­
so ungewohnte
falsche Verstehen hat einen psychischen Grund
strickt, ist vielmehr das Beharren der beiden
und im Alltag oft
und enthält einen psychischen Gewinn. Wie an­
Liebenden, die Welt nicht nur eigenwillig zu
­u n m ö g l i c h e
dere Symptome stellen Missverständnisse ver­
deuten, damit sie ihre Liebe vollziehen können,
­L e b e n s e n t w ü r f e
schlüsselte Botschaften dar. Sie erlauben uns,
sondern diese Welt überhaupt ihren Fantasien
­i m a g i n ä r e r f a h etwas zum Ausdruck zu bringen, das wir direkt
anzugleichen. Dass die Verwechslungen, die
re n kö n n e n.
auszusprechen uns verbieten müssen. Die Vor­
daraus entstehen, schliesslich aufgelöst wer­
silbe ‹miss› deutet eine produktive Wechselsei­
tigkeit an. Eine Aussage oder eine Handlung stimmt zwar nicht den, bleibt ein Nebeneffekt. Die kreative Kraft der Missverständ­
überein mit deren gewöhnlicher Bedeutung, durchaus aber mit nisse, die von ihnen ausgeht, ist es, die nachhallt und uns zu
einer verborgenen Intention, die sich im Zuge dieses Tauschver­ einem erneuten Besuch dieses Stückes ermuntert.
fahrens an ihr festgemacht hat.
Somit legt die in der Vorsilbe ‹miss› angedeutete Verfehlung
Elisabeth Bronfen ist Lehrstuhlinhaberin am Englischen Seminar der
Universität Zürich und seit 2007 zudem Global Distinguished Professor an
in mehrfachem Sinn etwas offen: Sowohl jene Erkenntnis, die zu
der New York University. Ihr Spezialgebiet ist die angloamerikanische
verbergen eine verfehlte Kommunikation überhaupt erst entste­
Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie ist Autorin zahlreicher
Publikationen in den Bereichen Genderstudies, Psychoanalyse, Film und
hen liess, als auch den Umstand, dass diese vermeintliche Verun­
Kulturwissenschaften. Ihr aktuelles Buch erschien im Frühjahr 2008
glückung des Verstehens notwendig ist, damit es im falschen Ver­
bei Hanser: Tiefer als der Tag gedacht. Eine Kulturgeschichte der Nacht.
ständnis zum wahren Verstehen kommt.
Die Lust des Lesers am Missverständnis
Für die Literatur entscheidend ist zudem der Umstand, dass
nicht nur auf der Ebene der Handlung dank dem Missverstehen
eine Wiedererkennung (anagnoresis) stattfindet, sondern auch
auf der Ebene der Lektüre. Schliesslich liegt unsere Freude am li­
terarischen Text nicht zuletzt darin, dass für die Dauer eines
Bühnenstückes oder eines Romans jene Auflösung, von der wir
ausgehen dürfen, aufgeschoben wird. Missverständnisse zwischen
fiktionalen Figuren bilden jene riskanten Momente in der Entfal­
tung einer Geschichte, in denen noch alles offen ist. Wir genies­
sen sie, weil sie uns die Freude des Lesens verlängern. Noch ist
nichts geklärt. Entscheidungen sind noch nicht – zumindest
nicht endgültig – gefällt. Noch ist alles möglich. Noch könnte al­
32
«Erst der Kunstmarkt lässt die Werke zu
Kunst werden.»Wolfgang Ullrich ist für
seine pointierten Analysen unseres Umgangs
mit der Kunst bekannt geworden. Claudia
Spinelli hat sich mit dem Kunstwissenschaf­
ter über den aktuellen Kunstbegriff und
einige Missverständnisse unterhalten, die
den Kunstbetrieb und sein gesellschaftliches
Umfeld am Laufen halten.
Interview: Claudia Spinelli
C
laudia Spinelli: Während meines Studiums wurde ich
mit einem reichlich überfrachteten Kunstbegriff konfrontiert: Ein Kunstwerk galt, ganz ähnlich wie der Dornenbusch, dem Moses in der Wüste begegnete, als eine Manifestation des Göttlichen. Demgegenüber wird heute insbesondere
durch die Medien ein Kunstbegriff postuliert, der sich sehr am
Spektakulären und Glamourösen und vor allem auch am Preis
orientiert.
Wolfgang Ullrich: Nun, wir haben ja tatsächlich die Vorstel­
lung, dass der Preis einer Sache einen Gegenwert findet in dem,
was diese Sache bewirkt oder kann. Deshalb ist die Entwicklung
auf dem Kunstmarkt auch sehr spannend. Wenn so und so oft
Millionengrenzen übersprungen werden, wird natürlich sugge­
riert, dass Kunstwerke eine unglaubliche Wirkungsmacht haben.
Wenn Sie 100 Millionen Euro oder mehr für ein Werk zahlen,
dann erwarten Sie mindestens einen brennenden Dornbusch.
Der hohe Preis unterstellt einem Kunstwerk jedoch eine Bedeu­
tung, die gar nicht nachvollziehbar ist und deshalb vor allem Be­
fremden erzeugt.
Als Kunstliebhaberin würde ich dies jetzt als Missverständnis bezeichnen, dem man mit gezielter Vermittlung beikommen könnte.
Nun, der «einfache» Rezipient weiss, dieser Jackson Pollock
hat 140 Millionen gekostet. Er kann diese Summe nicht sehen, er
kann sie nicht spüren, er kann sie nicht erleben. Wenn aber je­
mand so viel Geld bezahlt, muss doch irgendwas dran sein. Man
gibt eine solche Summe ja nicht grundlos aus. Dadurch fühlt er
sich eingeschüchtert und in seinem Wertekosmos durcheinander
gebracht. Man sieht, wie Hierarchien geschaffen werden, wie
plötzlich derjenige, der moderne Kunst sammelt und sich mit ihr
zeigt, eine Überlegenheit postulieren kann gegenüber dem, der das
Bild an und für sich schon nicht so toll findet und erst recht ent­
setzt ist, wenn er den Preis erfährt.
Vermittlung ist also gar nicht erwünscht. Aus Ihrer Perspektive klingt das alles sehr bitter!
Wenn ein Sammler jetzt seine 140 Millionen für einen Airbus
ausgäbe, würde der kleine Mann sagen: Wow, toll! Wenn ich so
viel Geld hätte, würde ich mir auch ein eigenes Flugzeug kaufen.
Es würde Neid aufkommen. Wenn ein reicher Sammler heutzu­
tage moderne Kunst kauft, dann kommt aber kein Neid auf, son­
dern Verlegenheit. Das weiss natürlich auch der Sammler: Er
nutzt moderne Kunst, um sich als jemand mit elitärem Ge­
schmack, aber auch mit speziellen Fähigkeiten im Umgang mit
etwas vermeintlich so Schwierigem und Anspruchsvollem in
Szene zu setzen – und um so sein Image zu verbessern. Das aber
heisst: Es macht durchaus Sinn, wenn sich Kunst so gibt, dass sie
eigentlich gar nicht verstanden werden kann. Erst wenn sie rät­
selhaft, schroff, grell, abweisend ist, kann man mit ihr angeben
und abschrecken. Es wäre also ein Missverständnis zu glauben,
dass Kunst dann besonders gelungen ist, wenn viele Menschen
einen Zugang dazu finden.
Ihre Beschreibungen klingen ernüchternd, und doch ist der
Schulterschluss zwischen der Kunst und der Macht ja eigentlich ein alter Hut.
Die Diskrepanz zwischen dem, was man als Kunstwerk sehen
und erleben kann, und dem, was es kostet, könnte man tatsäch­
lich in der Tradition des Erhabenen beschreiben. Das Erhabene,
als ästhetische Kategorie seit dem 18 Jahrhundert etabliert, war
ja immer dadurch definiert, dass etwas unbegreifbar ist und die
33
Dimension des Alltäglichen, Vertrauten sprengt. Es geht mit
einem Schauder einher, und man hat das Gefühl, dass es noch et­
was Grösseres gibt jenseits dieser vertrauten, kleinen, alltäglichen
Welt. Dass sie Erlebnisse des Erhabenen erzeugt, hat man ja von
der Kunst lange und wiederholt erwartet.
Wo liegt nun das Neue?
Heute haben wir die interessante Situation, dass eigentlich
erst der Kunstmarkt mit seinen Preisen diese Erhabenheitserleb­
nisse schafft. Erst der Kunstmarkt lässt die Werke zu Kunst wer­
den. Weil er das Kriterium, dass die Kunst erhaben sein und an­
dere Dimensionen ansprechen soll, eigentlich erst erzeugt. Diese
Erhabenheit, die sich im Kunstmarkt manifestiert, ist natürlich
ein wunderbarer Stoff für die Medien. So landen die Bilder in den
Zeitungen und sind eine Sensation.
Sie empfinden das nicht als negativ…
Nein. Denn wenn man noch einen Schritt weitergeht, dann
kann man feststellen, dass es inzwischen auch Künstler gibt, die
kapiert haben, dass man heute die Eigen­
art von Kunst, Erhabenheit zu erzeugen,
im Kunstmarkt schaffen kann. Denken
Sie nur an Damien Hirst. Ganz bewusst
versucht er, die Preise seiner Werke zu
gestalten. Beispielsweise indem er direkt
ins Auktionshaus geht und auf den Ga­
leristen verzichtet. Er ist ein Künstler,
der sich sagt: Ich will gleich den Hype,
die spektakuläre, auch obszön grosse
Summe sofort. Ich will Kunst schaffen,
indem ich das teuerste Werk erzeuge und
damit automatisch die grössten Erha­
benheitserlebnisse schaffe.
Der mit Diamanten besetzte Totenschädel, den Damien Hirst für 14
Millionen Pfund herstellen liess und auf
einer Auktion schliesslich für 50 Millionen Pfund innerhalb eines KäuferKonsortiums selbst kaufte, war in allen
Medien.
Mit dem Totenschädel ist es Hirst tatsächlich gelungen, der
Erhabenheit, von der wir im Moment sprechen, eine visuell über­
zeugende Form zu geben. Zum einen hat er diese irrsinnige Summe,
50 Millionen Pfund, ins Spiel gebracht. Zum andern hat er ein
Bild gewählt, das diese Erhabenheit erdet. Das Motiv des Toten­
schädels, das Glitzernde der Diamanten, das sind klassische Va­
nitassymbole. Damien Hirst hat sie sehr bewusst gesetzt.
Auch spannend ist bei Damien Hirsts For The Love of God,
so der Titel des Werkes, dass er mit einem Motiv arbeitet, das populärer nicht sein könnte. Totenschädel schmückten nicht nur
die Stücke, die Hirst für Prada entwarf, sondern auch T-Shirts,
die man in der Kinderabteilung von H&M findet. Alles zeitgleich wohlgemerkt!
Die Avantgarde bestand darauf, dass auch der Künstler das
Andere ist, das Erhabene, Unverständliche und nicht nur das
Kunstwerk. Das ist heute anders, der Künstler kann durchaus in
der Mitte der Gesellschaft sein. Er kann ein Star werden und die
34
Eigenschaften verkörpern, die sich alle Menschen wünschen: so
etwas wie Kreativität, eine gewisse Frechheit, eine gewisse
Coolness, Souveränität. Ein Vorbild à la van Gogh hat längst aus­
gedient. Vorhin haben wir davon gesprochen, dass es Distinktion
erzeugt, wenn jemand für viel Geld Kunst kauft. Wenn jetzt aber
der Künstler viel Geld verdient, ist das kein Distinktionsmoment,
sondern dann ist der Künstler Vorbild für alle. Der Künstler leis­
tet zudem dem Traum Vorschub, dass man viel Geld kriegen
kann, ohne viel zu arbeiten. Man muss nur schlau sein. Und raffi­
niert. Man muss den Coup machen!
Sie schildern diese Entwicklungen als durchaus positiv.
Keine Verlustgefühle, kein Bedauern?
Nein, ganz und gar nicht. Diese Dinge sind nicht negativ. Es
ist einfach so, dass sich das Bild des Künstlers innerhalb der Ge­
sellschaft sehr stark verändert hat.
Die Art und Weise, wie Damien Hirst die Logik des Kapitalismus zum Gegenstand seiner Werke macht, sagt tatsächlich
sehr viel über unsere Zeit aus. Inwiefern aber mag man das noch als Kunst
bezeichnen?
Nun, Damien Hirst ist eben gerade
ein sehr schönes Beispiel für jemanden,
der diese Möglichkeiten nutzt, der etwas
macht, was jemand aus einem anderen
Bereich nicht kann. Wie entstehen Werte?
Wie vergehen Werte? Wissenschaftler,
Soziologen, Philosophen können alle nur
darüber reden. Der Künstler hingegen
hat diese ganz eigenen performativen
Möglichkeiten. Er kann Dinge tun, die
einer, der mit Marketing, Werbung oder
Wissenschaft arbeitet, nicht kann. Diese
Künstler finde ich denn auch am stärk­
sten: Künstler, die etwas tun, was man
nur im Namen der Kunst tun kann.
Hans-Uwe (2008)
Wolfgang Ullrich (geb. 1967) hat Philosophie
und Kunstgeschichte studiert. Er war frei­beruflich tätig als Autor, Dozent und Unternehmensberater (u.a. für Red
Bull, Swarovski und Volkswagen AG). Seit 2006 ist er Professor für
Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung
in Karlsruhe. Er beschäftigt sich mit Wohlstandsphänomenen sowie
der Geschichte und Kritik des Kunstbegriffs. Aktuelle Publikation:
Gesucht: Kunst! Phantombild eines Jokers (2007). www.ideenfreiheit.de
Die Kunsthistorikerin Claudia Spinelli (geb. 1964) ist freie Autorin und
Kuratorin. Ihre Texte erschienen u.a. in der Neuen Zürcher Zeitung,
im Kunst Bulletin, in der Welt am Sonntag und in der Weltwoche. In ihren
Ausstellungsprojekten spürt sie vorzugsweise den Wechselwirkungen
zwischen Kunst und Gesellschaft nach. Ausstellungen u.a.: Reprocessing
Reality (Château de Nyon und PS1, New York).
Herzliche Grüsse aus
Brisbane. Time flies like an
arrow. Fruit flies like a banana. Please come, stand in
dem Brief aus Australien.
Diese Woche muss ich mich
nicht um die Kinder
kümmern…
Kurzgeschichte von Corinne Desarzens
M
anchmal darf man dem Zufall
einfach nicht mehr vertrauen. Es
überkommt einen wieder jenes
heftige Verlangen, es möge etwas passie­
ren. Iris machte Google an, klickte auf Aus­
tralien, es öffneten sich die verschlüsselten
Pop-ups von Hunderten von Fluggesell­
schaften, und sie entschied sich für die
leuchtend roten Uniformen einer österrei­
chischen Linie. Ein Ticket Wien-Sydney mit
Zwischenlandung in Kuala Lumpur. Eines
Sydney-Brisbane. Ein Kinderspiel.
Sie hatte Tim seit sieben Jahren und
sieben Monaten nicht wiedergesehen. Von
ihm hatte sie nichts weiter als eine Postfach­
nummer und eine elektronische Ad­resse.
Eine Woche war schon sehr kurz. Doch
sie wollte einfach wissen, wie das nächste
Kapitel war. Zwangsläufig würde man ihr
Gegenstände vor die Augen halten: eine
Bordkarte, eine Teemarke, selbst die Zäh­
nung einer Briefmarke, ein Busticket, eine
Eintrittskarte.
Geschichten zum gegenseitigen Er­
zählen, auf vier Quadratmetern weissen
Lakens.
Verspätete Landung in Sydney, und
die Maschine nach Brisbane ist schon weg.
Die Gepäckkarussells stehen still, und Iris
schrumpft unter dem grellen, idiotischen
Licht, den Kofferkuli schiebend, sie, eine
in einem grossen Glas Zucker verlorene
Ameise, dabei liebt sie nichts so sehr wie
den kurzen Wiedererkennungsblick des­
sen, auf den sie wartet, er, der Grossbuch­
stabe in einem Text aus lauter Kleinbuch­
staben, der Baumstamm im abgebrannten
Wald, und schliesslich die Flucht ins Freie.
Aber da wartet niemand auf sie, dabei ist
sie doch um die Welt gereist. Nein, keine
Nachricht. Ein Angestellter zeigt ihr ein
öffentliches PC-Terminal. Ins Terminal ge­
hen aber nur zwei Dollar in Münzen. Iris
hat einen Zehn-Dollar-Schein mit dem
Porträt der Königin darauf. Kleingeld?
Nein, es ist Sonntagabend, Madame, alles
ist geschlossen. Iris möchte am liebsten
wieder mit der nächsten Maschine dort­
hin zurück, von wo sie kommt. Nehmen
Sie diesen Schein doch, behalten Sie alles,
helfen Sie mir. Unmöglich, Madame. Die
Welt ist ein globales Dorf, doch zwei Dol­
larmünzen können den Unterschied aus­
machen und dich retten. Gehen Sie doch
in die Stadt, flüstert ihr eine Dame zu,
steigen Sie in einem Hotel ab, nehmen Sie
ein Bad und schlafen Sie.
– Nein, nein, ich bin verreist, sagt die
Stimme am Telefon, das mitten in der
Nacht klingelt. Da stand nur noch ein Name
auf ihrer Liste: der einer Passagierin im
Rollstuhl. Einen Augenblick glaubte ich…
Iris berührt die Scheibe zwischen ihr
und der Strasse, die etwa zehn Stockwerke
tiefer liegt. Sie öffnet ihre Handtasche und
schaut nach, ob sich etwas an ihrem In­
halt geändert hat. Einem schwarzen Volvo
entsteigen zwei kräftige Waden. Iris denkt
zurück an den Sekundenbruchteil des
Zögerns, als sie im schwachen Licht des
Februarmorgens das Haus verliess. Den
Sekundenbruchteil, in welchem sie die
Nachricht bekommen hätte, dass diese Wo­
che die falsche war. Er schiebt seine Son­
nenbrille nach hinten, betrachtet sie lang­
sam, bewegt dabei die Nasenflügel und
freut sich, dass sie noch keinen Rollstuhl
braucht.
35
36
dere sehen sollte, wenn sie sich eines Ta­
ges besuchen würden.
Die neunundzwanzig Tatoos auf dem
Rücken eines bad girls, das jedes Jahr ein
weiteres kriegt. Der Zoo und was er am
meisten mag: die drückend feuchte Luft,
der Asphalt, den der Wärter soeben be­
sprengt hat, wenn in der Allee zwei Gestal­
ten stehenbleiben, wenn wie von Mund zu
Mund, wie von einem Gefäss, dessen Inhalt
sich in ein anderes ergiesst, der stickige Ge­
ruch der Schlangen und die Spötteleien der
indischen Drosseln hereinströmt.
Doch er zeigt ihr nichts von all dem.
In der Mangrove regt sich eine grüne
Krabbe, die umkippt und der es dann ge­
lingt, sich an eine Wurzel zu klammern.
Tim geht voraus, seine Arme schwingen
wie Pendel: weder Pfadfinder noch Lieb­
haber, noch Fremder.
– Die Krabbe wird auf die Sitzfläche
des Rollstuhls zu liegen kommen, sagt er.
Das ist meine Frau, wird der Kerl sagen,
der den Rollstuhl schiebt. Ja, er wird die
Krabbe im Rollstuhl spazierenfahren. Die
Leute werden sich umdrehen, weil er mit
ihr reden und sie genauso anschnauzen
wird, als wäre sie seine Frau.
Seine Eltern laden Iris ins Restaurant
ein, lassen sich alle italienischen Teigwa­
ren beschreiben und nehmen dann mit
einem Atlantikfisch vorlieb. Tim setzt sie
bei einer Hitchcock-Retrospektive ab. Der
Ozean ist hundert Kilometer weit weg.
Tim lädt ein Freundespaar ein, Wesley
und Rowan. Wesleys Gesichtszüge sind fein
wie die eines indischen Weisen, und er hat
ein verstohlenes Lächeln. Rowan hätte bei­
nahe vergessen, sich anzuziehen. Bei jeder
Bewegung sucht ihr Arm nach Luft, ihre
Beine, fleischig und glänzend, können sich
nur mit Mühe übereinanderschlagen, und
eine Brust quillt ihr aus dem Minikleid. Tim
schlägt vor, draussen beim Swimmingpool
zu essen. Rowan gelingt es, sich in einen
Badeanzug zu zwängen, der speziell von
einem Designer für sie kreiert worden ist:
eine zweite Haut mit Ärmeln, gallertartiges
Material, Heldentat der Hochtechnologie,
fähig, einer Gabelzinke standzuhalten.
– Sie sind ja nicht mehr jung, riskiert
Wesley und wendet sich zu Iris. Sie ver­
bringen einen ganzen Tag im Flugzeug,
um einen Mann zu sehen, der mein Freund
ist. Was sagen da wohl Ihre Nachbarn,
wenn sie erfahren, dass Sie ans andere
Ende der Welt reisen, um jemanden zu be­
suchen, den Sie seit so langem nicht mehr
gesehen haben? So weit reisen nur zum…
Iris’ Lächeln mischt zehn Arten des
Bedauerns und genauso viele des Froh­
lockens.
– Zwei Männer, die an einem Strand
nebeneinander liegen, sind nicht zwangs­
läufig schwul. Eine Frau, die mit ihren
Kindern spielt, ist nicht zwangsläufig für
immer unter der Haube. Eine nackte Frau
am Strand kann ein sehr diszipliniertes
Leben führen. Nicht wahr?
– Der Held in Der Leopard, der Fürst
von Palma, sagt, von dreiundsiebzig Jah­
ren habe er eigentlich nur drei Jahre wirk­
lichen Lebens gelebt. Und, lässt man da­
von einen Drittel wegfallen, den er mit
Schlafen verbrachte, so habe ich ausgerech­
net: Das sind vierzehn Tage pro Jahr. Gar
nicht übel.
– Die Spinne wiederum liebt wahr­
haftig drei oder vier Tage während ihres
Daseins. Und da ihr Leben aber selten län­
ger als zwei Jahre dauert, so ist das schliess­
lich sehr viel mehr als der Fürst von Palma.
Nach dem Kaffee lehnt sich Rowan
über die Armstütze zurück und streckt ihre
Beine nach Wesleys Knien aus. Ihre Füsse
berühren sein Kinn, wenn er spricht. Er
beginnt ihr die Beine zu streicheln, vom
Knie bis zum Knöchel, geistesabwesend.
Hügel von Schweineschmalz kommen ihm
unter seine Gelehrtenfinger. Seht uns doch
an. Wir sind reich, sagen die Hände, sagen
die Füsse. Ihr seid arm.
Wesley und Rowan wollten und wollten
einfach nicht gehen. Die Nacht ist still. Tim
und Iris stehen in der Küche und denken
an Rowans Beine. So riesig und glänzend,
dass sie alles unterbinden. Schlafen? Sich
lieben? Weniger schlafen als einen Wim­
pernschlag lang? Keine einzige Sekunde?
A
Der Volvo fährt durch einen Vorort mit
Häusern, die verstreut liegen zwischen
Tankstellen, verlorenen Kreuzungen und
Parks zum Picknicken, die wie verlassene
Fussballstadien wirken. Beton wechselt ab
mit Sümpfen. DAIRY SWAMP, steht auf
einem Schild. Iris stellt sich pralle Euter
vor und Schlangen, die sich um die Beine
der Kühe schlingen, ohne dass die etwas
davon mitbekommen. Die Mischung von
Milch und Salz bleibt etwas Besorgnis­
erregendes.
Tim biegt zu einem Tor ab, an wel­
chem er einen Code eintippt. Einen Schlüs­
sel für den Eingang, einen Schlüssel für
den winzigen Hof hinten, einen Schlüs‑
sel für jedes Fenster, einen Schlüssel für
den gemeinsamen Swimmingpool, einen
Schlüssel für den Umkleideraum. Ein sehr
gesundes Quartier, es entspricht den vom
Richter geforderten Kriterien, der die
Scheidung zwischen Tim und seiner Frau
ausgesprochen hat. Im Zimmer seiner
Tochter thront ein schmales Sofa mit ei­
ner Tagesdecke im Patisseriestil. Gefaltete
Hände und Erinnerungsbibeln segnen die
hintersten Winkel dieser Zelle, die Tim Iris
sofort zuweist. Er sieht auf seine Uhr. Er
sieht die ganze Zeit auf seine Uhr. Seine
Kinder drehen den Schlüssel, der ihm
noch immer im Rücken steckt. Um sechs
Uhr morgens sieht es draussen so aus, als
wär’s Mittag.
Nach dem Abendessen vor sieben Jah­
ren und sieben Monaten hatte Tim es sich
angewöhnt, mit Iris eine Geschichte aus­
zutauschen, und ihre Lieblingsgeschichte
ging wie folgt: Eine Frau giesst sich jeden
Abend ein Glas ein und geniesst das Ge­
tränk langsam. Dann geht sie ins Bett. Sie
freut sich aufs Einschlafen, weil sie näm­
lich von ihrem Sohn träumt, der nach Aus­
tralien ausgewandert ist und zu dem sie
nun geht. Sie steht am Rand einer hohen
Felsklippe, nimmt Anlauf und fliegt jede
Nacht davon, Richtung Australien. Doch
ihr Mann hasst den Spass, den sie am Er­
zählen und noch mehr am Fliegen hat.
Also tauscht er die Flasche aus. Sie trinkt
etwas anderes. Beim Erwachen sind ihre
beiden Beine gebrochen.
Auch Tim wollte eine Geschichte.
Also sagte Iris zu ihm, eine erfundene
oder eine wahre? Ist das denn so wichtig?
fragte er.
Sieben Jahre und sieben Monate lang
hatten sie sich geschrieben. Auf Papier und
via Elektronen. Jeder hatte über die Orte
nachgedacht, die er liebte und die der an­
m Morgen teilt Tim ihr mit, er
könne nicht wie geplant mit ihr in
den Zoo, doch für den Abend habe
er ein kleines Fest für sie im Sinn.
Unter Iris’ Lidern defilieren mit hoher
Geschwindigkeit die Hochzeitssuite, die
pastellfarbene Tagesdecke aus Satin und
das klebrige Menü. Weiss er denn nicht,
dass es drei Dinge gibt, die sie nicht aus­
stehen kann: die Farbe Rosa, die Ausru­
fungszeichen in Anzeigen und im Voraus
entscheiden, ordentlich feiern zu wollen.
Die Herzen, der Zuckerguss auf den Creme­
schnitten und die Quallen, die Elizabeth
Taylors altem Négligé aus rosa Nylon zum
Verwechseln ähnlich sehen? Dass das Be­
ste ihrer Freude gerade in der Suche nach
ihr besteht?
– Brauchst mich nirgendwohin zu fah­- Weise machen wollte, nie in Erfüllung zu
ren. Ich möchte nach Hause. Und zwar gehen und sich auch nie so abzuspielen
scheinen, wie man es gerne gehabt hätte.
jetzt.
Dennoch gehe ich oft schlafen und
Er rührt sich nur ganz unmerklich.
Er schaut auf seinem Palmtop nach, und denke mir verschiedene Szenarien mit
sämtliche Nummern der Luftfahrtgesell­ dir aus. Du giesst Rotwein in mein Glas,
schaften schiessen wie Spritzer auf das schaust mich an und sagst, die VerganDisplay. Männer und Frauen mit Hygiene­ genheit, an die man sich erinnert, ist
mützen auf dem Kopf bereiten in einer zeitlos. In den Büchern, da funkeln die
Flugzeughalle schon Alubehälterchen mit Augen der Heldin plötzlich auf. Sie jubelt
Rind- und Pouletfleisch zu, die auf neun und hat alles verloren. Ein Missverständmal fünf Zentimetern Platz finden. Ein Sa­ nis. Sie lächelt und weint zugleich. Das
lat mit zehn Gramm vakuumverpackter ist etwas sehr Schönes. Ich bedauere aufSauce. Ein Ellbogen wird einem anderen richtig, dass wir uns nicht noch einmal
Ellbogen ausweichen. Rote Westen stür­ miteinander haben verbinden können,
zen auf Iris zu. Angezogen wie für die Hetz­ einfach um zu spüren, wie sich die Brüjagd. Das Verb Reisen entspricht der Wucht cke neu bildet, die uns in die Vergangeneines kleinen Balls, der auf Tausende an­ heit hinüberführt, um zu spüren, wie sich
derer Bälle aufschlägt. Jede Ziffer ist ein dieses Beben in die Länge zieht und weiterbesteht, während nur ein klein wenig
kleiner Soldat in Rot.
Der Volvo ist eine glühende Konserven­ mehr vom Geheimnis dessen, was eine
dose. Sitzt da hinter der getönten Scheibe Person zur anderen hinzieht, offenbart
wirklich derselbe Mann, der zugab, jedes würde. Doch es war, oh, all das war viel zu
irreal: Wirklich, die
Mal, wenn er einen ih­
Mangrovenkrabbe im
rer Briefe im Stapel
Es ist schon
Rollstuhl war viel re­m e r k w ü r ­d i g , w i e d i e
Post sah, einen Anflug
­D i n g e , d i e m a n
aler. Was soll’s. Du hast
von Erregung verspürt
­s a g e n , u n d j e n e , d i e
mir gefehlt. Hmmm.
zu haben? Der sogar
m a n a u f n a t ü r ­eine kleine Spirale
Ganz unten in der
l i c h e W e i s e ­m a c h e n
Tasche ihrer Jacke, die
zeichnete, um die Krei­
wollte, nie in
sie zum Reinigen ge­
selbewegung, die ihn
­­­E r ­f ü l l u n g z u ­g e h e n
geben hat, stösst Iris
plötzlich ins Schwan­
und sich auch nie
auf einen kleinen Zet­
ken brachte, besser be­
so abzuspielen
schreiben zu können?
tel, auf dem sie sich
­s c h e i n e n , w i e m a n e s
Am Kiosk gibt es
aufgeschrieben hatte:
gerne gehabt hätte.
Zeitschriften für kleine
Poesie ist, wenn die
Leute weg sind.
junge Mädchen. In
Quiz werden sie aufgefordert, ihre Defini­
Aus dem Französischen von Markus Hediger
tion des Glücks anzukreuzen. Ist es a) ein
Muskel, den man noch trainieren muss, b)
Corinne Desarzens lebt und arbeitet in
Nyon. Ihr letztes Buch, Tabac de Havane
jetzt-sofort, c) Rühreier mit Trüffeln?
évoluant vers le chrysanthème (JeanEin Fest zu deinem letzten Abend.
Paul Rocher Editeur, Paris), steht auf der
Ist man auf Wörter fixiert, verflüch­
Liste der Preisträger der Académie française
«für die Verbreitung und Wirkung der
tigt sich, was man brennend gern wissen
französischen Sprache». Demnächst er­möchte. Das ausgesprochene Wort, auf das
scheint: Récits sur assiette (camPoche). Ihr
Lieblingssatz: «Hebe nichts auf für eine
man gewartet und das man ebenso erhofft
besondere Gelegenheit. Jeder Tag, den du
wie gefürchtet hat, fällt zeitlich genau mit
verlebst, ist eine besondere Gelegenheit.»
dem Augenblick zusammen, da, wie in
Zukunftsfilmen gesagt wird, sofern man
sich nicht an die Spielregeln hält, die Kassette sich von selbst zerstört.
Es ist zwar ziemlich seltsam, doch
du beschäftigst oft meine Gedanken, steht
in dem E-Mail aus Brisbane, das Iris vier
Monate nach ihrer Rückkehr erhält, selbst
nach der Reise hierher, die unter einem
ungünstigen Stern stand. Es ist schon
merkwürdig, wie die Dinge, die man sagen, und jene, die man auf natürliche
37
Kryptisches Mehrfachpunktum (2008)
38
39
o r t s Zei t
Die Schweizer Kulturstiftung
Pro Helvetia unterhält ein
weltweites Netz von Aussen­
stellen. Sie dienen dem Kultur­
austausch mit der Schweiz
und erweitern die kulturellen
Netzwerke.
n e W Yor k
pa ris
ro m
Wa rsc h au
k a iro
k a p sta d t
n e W de l h i
Jenseits von exotischen
Stereotypen
Seit zwei Jahren ist Pro Helvetia
mit ihrem Verbindungsbüro in New
Delhi präsent. Nun hat sie ein indischschweizerisches Pionierprojekt lanciert: eine zeitgenössische Kammeroper, die eine traditionelle indische
Geschichte neu erzählt.
Von Samar Grewal – Wer in New
Delhi seinen kulturellen Hunger mit dem
schmalen Angebot der wenigen europä­
ischen Kulturzentren der Stadt zu stillen
versucht, erhielt im Oktober 2007 von der
Schweizer Kulturstiftung einen willkom­
menen Leckerbissen serviert. Das Konzert
der Schweizer Schwestern Silvia (Geige)
40
und Eva Crastan (Klavier) stiess auf
grosses Interesse, doch leider lösen derar­
tige Events kaum je einen nachhaltigeren
kulturellen Dialog aus. Das weiss auch
Chandrika Grover, Leiterin des Pro­Helve­
tia­Verbindungsbüros in New Delhi, merkt
dazu aber an: «Wir sind kein Kulturzen­
trum. Zwar haben wir einige öffentliche
Veranstaltungen durchgeführt, aber in er­
ster Linie konzentrieren wir uns auf den
Aufbau und die Förderung von Partner­
schaften sowie auf unser Artists­in­Resi­
dence­Programm.» Ihres Erachtens sollte
die Stiftung vorwiegend als Vermittlerin
im Hintergrund tätig sein und ihren Fo­
kus über den blossen Austausch hinaus
auf Projekte legen, die Impulse für Nach­
folgeaktivitäten geben können. Das Büro
in New Delhi erreichte rasch eine gute
Vernetzung, indem es viele Kontakte zu
lokalen Kultur­ und Bildungseinrich­
tungen knüpfte, einige Veranstaltungen
organisierte und genug Bewerber für Ate­
lieraufenthalte anzog, um das Programm
bis nächstes Jahr auszulasten. Sein bis­
her kühnstes Projekt dürfte jedoch der
Auftrag für eine Kammeroper an den indi­
schen Dichter und Performancekünstler
Jeet Thayil und den in Zürich wohn­
haften britischen Komponisten Edward
Rushton sein.
Fotos: Sundeep Bali
Casting in New Delhi: Rajiv Khati
(links) und Suman Sridhar (oben)
werden in der Oper mitsingen.
Am Piano (links) der Komponist
Edward Rushton.
Indien als romantisch-exotische
Opernkulisse
Die Rolle des indischen Subkontinents
in der Opernwelt beschränkte sich lange
auf diejenige als Schauplatz. Im Zuge der
europäischen Indophilie entstanden bis in
die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hi­
nein einige bis heute bekannte Werke, wie
die Perlenfischer von Bizet oder Masse­
nets König von Lahore. Eines der meist­
aufgeführten Stücke aus Opern, die auf
dem Subkontinent spielen, ist das Blu­
menduett aus Delibes’ Lakmé, eine Unter­
haltung zweier indischer Mädchen am
Ufer des Ganges. Natürlich setzte diese Art
der Verbindung von Romantik und Exotik
im Lauf der Zeit etwas Patina an; dies
wirkte sich wiederum einschränkend auf
das Repertoire der hiesigen Gesangslehrer
und -schüler aus, deren Zahl in den in­
dischen Metropolen stetig zunimmt – ein
Trend, der unter anderem auf die Verbrei­
tung von international anerkannten Di­
plomkursen für westliche klassische Mu­
sik und das wiedererwachte Interesse der
Inder an Liveunterhaltung zurückzufüh­
ren ist. Nach und nach wurde das ein­
schränkende Kriterium des Indien-­Bezugs
immer häufiger ausser Acht gelassen, und
man wandte sich stattdessen traditio­
nelleren Werken zu. Die Klassiker vermö­
gen auch hier das Publikum zu begei­
stern, auch wenn es leider den meisten
indischen Inszenierungen etwas an Ori­
ginalität fehlt.
Moderne Nacherzählung einer alten,
indischen Geschichte
Pro Helvetia entschied sich in dieser
Situation für ein anderes Vorgehen, be­
scheidener in den Dimensionen, aber weit­
aus komplexer in der Umsetzung: die Pro­
duktion einer indischen Oper. Die Idee
dazu hatte Grover, kurz nachdem sie 2006
zur Stiftung gekommen war, und in der
Folge erarbeitete sie gemeinsam mit Thayil
die Grundlagen des Konzepts. Das derzeit
entstehende Werk dürfte nicht nur ein
ausgezeichnetes Vehikel zur Präsen­tation
zeitgenössischer Schweizer Kunst in In­
dien werden, sondern auch einige interes­
sante Fragen aufwerfen, dies nicht zuletzt
«Unser Werk soll
nicht nur dem
absoluten Opernfan,
sondern jedem,
der sich für Musik
und Theater interes­siert, Vergnügen
bereiten.»
in Bezug auf die Modernisierung der Oper
im Orient (der in diesem Bereich über ein
Jahrhundert aufzuholen hat) sowie, so ist
zu hoffen, in Bezug auf die Modernisierung
des Bilds des Orients in der Oper, weg von
exotischen Stereotypen.
«Unser Werk richtet sich nicht an ein
spezifisches Zielpublikum», betont Thayil.
«Es soll nicht nur dem absoluten Opern­
fan, sondern jedem, der sich für Musik und
Theater interessiert, Vergnügen bereiten.»
Die Handlung des Stücks beschreibt der
renommierte Dichter, Performance-Poet,
Gitarrist und Songwriter als «moderne
Nacherzählung einer alten indischen Ge­
schichte.»
Die Rollen auf den Leib geschrieben
Als das Vorsingen in New Delhi statt­
fand, war die Oper noch längst nicht fer­
tiggestellt. «Das ist ungewöhnlich», gibt
Rushton zu. «Normalerweise schreibt man
zuerst das Stück und castet erst danach.
Aber die Auswahl an geeigneten Sängern
ist hier kleiner, und für eine Kammeroper
müssen wir ja nicht so viele Rollen beset­
zen. Deshalb beschlossen wir, uns zuerst
die Kandidaten anzuhören, um ihnen ihre
Rollen auf den Leib schreiben zu können.
Das funktioniert ausgezeichnet – ich frage
mich, warum man das nicht öfter so
macht!» Rushton, zurzeit als freischaffen­
der Pianist und Komponist tätig, plant
eine Partitur für Geige, Bratsche, Kontra­
bass, Flöte und Perkussion, eingespielt
von Musikern aus Zürich. Das Stück, das
die Kandidaten für das Vorsingen einstu­
dieren mussten, wird zwar in der endgül­
tigen Fassung nicht vorkommen, gibt aber
einen Eindruck davon, was die Zuhörer er­
warten wird: eine hypnotische Stunde voll
vokaler Akrobatik, Passagen in weiter Lage
und eindringliche Lieder, die sowohl an
Musicalmelodien als auch an Harry
Partchs Studien altgriechischer Ton­­sys­
teme erinnern.
Als eigentliche Pioniere auf diesem
Gebiet wussten Thayil und Rushton nicht,
was sie vom Vorsingen erwarten sollten,
wurden dann aber angenehm überrascht.
«Am ersten Tag drängte sich niemand für
eine Hauptrolle auf. Jeet dachte schon, wir
müssten eine weitere Castingrunde pla­
nen… doch am zweiten Tag wurde klar,
dass das nicht nötig sein würde», meinte
ein sichtlich zufriedener Rushton nach Ab­
schluss des Auswahlverfahrens. «Wir er­
wogen sogar, zusätzliche Rollen einzu­
bauen, um auch die besten Kandidaten
des dritten Tages berücksichtigen zu kön­
nen», fügte Thayil an. Obwohl das Stück,
das sie vorbereiten mussten, äusserst an­
spruchsvoll war, zeigten sich die meisten
Sänger der Herausforderung gewachsen
und machten fehlende Perfektion durch
Selbstbewusstsein und die Bereitschaft
wett, sich auf neues Terrain zu wagen.
Bis April nächsten Jahres soll die Oper
fertiggestellt sein, sodass dann die Proben
beginnen können. Die Uraufführung in In­
dien ist für Herbst 2009 geplant, und 2010
soll das Werk dann auch in der Schweiz zu
sehen sein.
Chandrika Grover, Leiterin
Pro Helvetia New Delhi.
Samar Grewal ist Musiker, Schriftsteller und
Journalist bei der indischen Ausgabe des
Rolling Stone. Daneben beschäftigt er sich
intensiv mit Film und Musik. Er lebt und
arbeitet in New Delhi.
www.prohelvetia.in
41
ORTS ZEIT
die Diskussionen über das architektonische
Erbe des Kommunismus und die Organi­
sation der Fussball-Europameisterschaft
2012 in Polen waren Anlass für eine Reihe
von Per­formances unter dem Titel Finissage des Stadions des Jahrzehnts. Im Rah­
men der Finissage fanden sechs Aktionen
statt; an drei von ihnen nahmen Schwei­
zer Kunstschaffende teil, die ich 2007,
dank der Einladung von Pro Helvetia
Warschau, während meiner Recherche­
reise in der Schweiz kennen­
gelernt hatte.
Gesprächen mit den eingeladenen Exper­
ten – einem Ornithologen, einem Spezia­
listen für Militärtechnik und einem
tschetschenischen Flüchtling – zuhören
konnten. Die Aktion regte an zum Nach­
denken über ein verschwindendes Denk­
mal der Geschichte und bot Gelegenheit,
es ein letztes Mal zu betrachten.
Ein letzter Blick auf die «Berliner
Mauer» Warschaus
Die Finissage belebte einen von den
Warschauern vergessenen Ort wieder, mit
dem, wie sich zeigte, jeder auf irgendeine
Art und Weise verbunden ist. Das Interesse
Dialog mit der Baustelle
Den Anfang machte Bo- an dem Projekt war enorm. Unter den
niek!, eine Aktion Massimo 3’000 Personen, die zur Finissage kamen,
Furlans, der die Choreogra­ war nicht nur das Kunstpublikum vertre­
fie Zbigniew Bonieks im ten, sondern befanden sich auch viele Be­
­historischen Spiel Polen-­ sucher, die einen Blick auf die Warschauer
Belgien bei der WM 1982 in «Berliner Mauer» werfen wollten. Die Fi­
Spanien nachspielte. Furlan nissage wurde von der Tageszeitung GaStadion des
hatte schon früher berühmte zeta Wyborcza, dem Fernsehsender TVP
Jahrzehnts:
Nachdenken über
Fussballer verkörpert, Spiel­ Kultura und der Zeitschrift Aktivist für
ein schwindendes
ort war diesmal jedoch ein den Preis Ereignis des Jahres nominiert,
Denkmal
zerstörtes Stadion ohne jeg­ und die Aktion Boniek! erhielt den Publi­
liche Infrastruktur. Dem Objekt wurde kumspreis Wdecha 2007. Die Schweizer
1955 als Nationalstadion
neues Leben eingehaucht. Zum Spiel ka­ Künstler, die am Projekt teilnahmen, hat­
auf den Kriegsruinen erbaut, wurde
das Warschauer Stadion des Jahrmen über 700 Zuschauer. Die Beschwö­ ten die Gelegenheit, sich mit einem unge­
zehnts in den 90er-Jahren als Basar
rung der Wirklichkeit gelang: Das Stadion wöhnlichen und symbolträchtigen Objekt
genutzt. Auf Einladung der Prowar antikes Kolosseum und WM-Spiel­ auseinanderzusetzen, und dies vor einem
­Helvetia-Aussenstelle Warschau begrossen und vor allem heterogenen Publi­
stätte zugleich.
spielten Schweizer Künstler den
Von anderer Art war die Aktion Palo- kum, was in der künstlerischen Alltag­
historisch be­deutsamen Ort heuer
wanie (Pfahlgründung) der aus zwei Tän­ spraxis eine Seltenheit ist.
mit einer Serie von Performances.
zern, zwei Architekten und einer Vi­deo‑
künstlerin bestehenden Zürcher Gruppe
Stadion des Jahrzehnts: www.stadion-x.pl
Von Joanna Warsza – Das Stadion annas kollektiv. Die Künstler arbeiteten im
Aus dem Polnischen von Andreas Volk
des Jahrzehnts in Warschau und der Markt Frühjahr 2008 zwei Wochen lang im Sta­
Joanna Warsza ist Kuratorin partizipativer
um das Stadion herum sind so etwas wie dion – gerade als die Tests für den Stadi­
Kunstprojekte und des Zyklus Finissage of
eine Stadt in der Stadt. Das Leben beginnt onneubau begannen. Ergebnis ihrer Arbeit
the Stadion X. Sie ist Präsidentin der
hier um drei Uhr nachts, die Menschen war ein nächtliches Schauspiel auf der Bau­
Laura-­Palmer-Stiftung und lebt in Warschau.
sprechen asiatische Sprachen, Wildpflan­ stelle, bei dem Bagger und Maschinen zum
zen überwuchern den Sportplatz, und auf Einrammen von Pfählen zusammen mit
den Tribünen suchen Archäologen nach Menschen tanzten.
mittelalterlichen Schätzen. Das Stadion
Ihren Abschluss fand die Finissage
wurde 1955 mit dem Schutt der im Krieg mit der ganztägigen Installation Schengen
zerstörten Stadt aufgeschüttet, als ein Vor­ des Theaters Schauplatz International.
zeigeobjekt der stalinistischen Ära. Anfang Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass
der 80er-Jahre war es als Sportstätte tot, Stadien ähnlich wie Grenzen dem Bau na­
danach wurde es von den Händlern reani­ tionaler Identitäten dienen. Die Künstler
miert, die auf der Stadionkrone auf Feld­ malten auf den Rasen ein Fragment der
betten ihre Ware ausbreiteten. Das Stadion polnischen Ostgrenze, die zugleich EUund der Markt werden bis Ende 2008 ver­ Aussengrenze ist. Auf der Stadionkrone
schwinden; an ihrer Stelle entsteht das wurden Punkte eingerichtet, von denen
neue Nationalstadion. Gerade die langjäh­ aus die Zuschauer durch Ferngläser die
rige stille Anwesenheit der Ruinen inmit­ von den Schauspielern arrangierten Situ­
ten der postkommunistischen Stadt sowie ationen beobachten und gleichzeitig den
42
Foto: Marta Orlik
Geschichte,
künstlerisch
animiert
a usb l i ck
reaktion e n / o n lin e
im p re ssu m
Nächste Ausgabe
Zustimmung,
Ergänzung,
Widerspruch?
Herausgeberin:
Pro Helvetia
Schweizer Kulturstiftung
www.prohelvetia.ch
China
Mit kritischer Neugier beobachtet
die Welt Chinas ökonomischen und
kulturellen Aufbruch. Was bedeuten der
rasante gesellschaftliche Wandel und
die zaghafte Öffnung gen Westen für die
jungen chinesischen Kunstschaffenden?
Welche Chancen und Schwierigkeiten
birgt ein Kulturaustausch der Schweiz
mit China? Und wie erleben Chine­
sinnen und Chinesen die Schweiz und
ihre Kultur?
Die nächste Ausgabe des Kulturma­
gazins Passagen widmet sich dem Reich
der Mitte im Aufbruch und erscheint
im April 2009.
Passagen
Zuletzt erschienene Hefte:
Neue Töne in der
Musikförderung 1/08
Balkan in Bewegung 3/07
Mit Passagen-Spezial:
Schweizer Kulturprogramm
Südosteuropa und Ukraine
Mobile Worte 2/07
Unterwegs zu einer schwei­
zerischen Buch-, Lese- und
Kulturpolitik
Ihre Meinung interessiert uns!
Schreiben Sie uns, wie Ihnen
das neue Kulturmagazin Passagen
gefällt, welcher Heftbeitrag Ihre
Zustimmung oder Ihren Widerspruch
geweckt hat und vor allem, warum!
Das Redaktionsteam nimmt Ihre
Leserbriefe gerne entgegen.
[email protected]
Passagen online
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Only For Promo (2007)
Foto: Guadalupe Ruiz
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PARTNER: SOPHIE UND KARL BINDING STIFTUNG
Jahrzehntelang wirkte
die Binding-Stiftung im Verborgenen. Schliesslich trat
sie an die Öffentlichkeit und
möchte jetzt verstärkt mit
anderen Förderstellen zusam­
menarbeiten.
Illustration: Raffinerie AG
Von Sandra Leis
Schaut man sich die Stiftungsland­
schaft Schweiz an, so ist die Sophie und
Karl Binding Stiftung ein Musterbeispiel
helvetischen Zuschnitts: 1963 vom Ehe­
paar Binding mit Sitz in Basel gegründet,
wirkte die gemeinnützige Stiftung wäh­
rend der ersten Jahrzehnte ganz im Ver­
borgenen – bis 1998 war sie nicht einmal
im Telefonbuch aufgeführt. Sophie und
Karl Binding waren naturverbunden, lieb­
­ten die Jagd und die Berge, und so erstaunt
es nicht, dass neben den Förderbereichen
Soziales, Bildung und Kultur die Umwelt
ein Kernanliegen der Stiftung ist. 1987 in­
itiierte das Stifterpaar den mit 200’000
Franken dotierten Binding Waldpreis, der
jährlich einem Schweizer Waldbesitzer
ver­­­­­­­­­liehen wird.
Breit gefächert ist das Engagement
der Binding-Stiftung, die sich positionie­
ren will als «Nischenplayer, der sein Mo­
dell bewusst pflegt», wie Geschäftsführer
Benno Schubiger sagt. Rund die Hälfte
der Mittel fliesst in eigene Schwerpunkt­
projekte, die andere Hälfte vergibt die Stif­
tung als Förderbeiträge auf Gesuch. Jähr­
lich unterstützt die Binding-Stiftung 150
bis 200 Gesuche.
Grundlage des Stiftungskapitals ist
das Erbe der jung verwitweten Sophie von
Opel-Hübscher (1902–1989), die in erster
Ehe mit Hans von Opel verheiratet war,
einem Enkel des Gründers der Opel-Auto­
werke. Mit ihrem ersten Mann zog die ge­
bürtige Frankfurterin 1929 in die Schweiz
nach Liestal, wo sie 1951 den ebenfalls aus
Frankfurt am Main stammenden Karl Bin­
ding (1911–1994) ehelichte, einen Spross
der gleichnamigen Brauereifamilie. 1955
liess sich das Paar im Fürstentum Liech­
tenstein nieder; die acht Jahre später ge­
gründete Stiftung allerdings unterstützt
ausschliesslich Projekte in der Schweiz.
Nach dem Tod der kinderlosen Stifter
stiegen die finanziellen Mittel stark an.
Mittlerweile liegen die Vermögenserträge
jährlich bei rund drei bis vier Millionen
Schweizer Franken, die gesamthaft aus­
geschüttet werden. Neben der Projektför­
derung auf Gesuch begann die Stiftung
eigene Projekte ins Leben zu rufen, im
Jahr 2000 waren es gleich deren vier: das
Nachdiplomstudium Kulturmanagement
an der Universität Basel, die Académie Fra­
gile Suisse, eine Lern- und Begegnungs­
stätte für hirnverletzte Menschen, das Ba­
«Grosse
Institu­tionen sind
ein Indikator für
Qualität.»
rockorchester La Cetra Basel und Trans
Helvetia, ein Theateraustausch im jeweils
anderen Sprachgebiet.
Des weiteren vermietet die BindingStiftung Ferienwohnungen für Behin­
derte, vergibt jährlich zwei Stipendien an
Diplomanden des Studiengangs Konser­
vierung und Restaurierung an der Hoch­
schule der Künste der Berner Fachhoch­
schule und fördert in Kooperation mit
der Vereinigung Schweizer Kunstmuseen
Ausstellungen von über vierzigjährigen
Schweizer Künstlerinnen und Künstlern
(Binding Sélection d’Artistes). Ihr jüngstes
Projekt hat die Binding-Stiftung in enger
Zusammenarbeit mit der Schweizerischen
Studienstiftung entwickelt: Austausch­
stipendien sollen Studierende in andere
Landesteile locken (Univers Suisse).
Derzeit stammen die Anfragen zu 80
Prozent aus der freien Theaterszene – das
soll sich ändern mit den neuen Vergabe­
richtlinien, die im Herbst 2008 in Kraft
treten. Die Stiftung will sich ein schär­
feres Profil verpassen und definiert je ein
Kernthema in den Bereichen Umwelt, So­
ziales, Bildung und Kultur. Für förde­
rungswürdig befundene Projekte werden
während fünf Jahren unterstützt. Einga­
ben ausserhalb der Kernthemen sind nach
wie vor willkommen, allerdings sind die
Gesuchsteller verpflichtet, auch anderwei­
tig Gelder aufzutreiben. «Wenn Pro Helve­
tia oder das Migros-Kulturprozent auf ein
Gesuch eintreten, so ist die Chance deut­
lich höher, dass auch wir mitziehen», sagt
der studierte Kunsthistoriker Benno Schu­
biger. «Grosse Institutionen sind ein Indi­
kator für Qualität.»
Schubiger, von 2001 bis 2005 Grün­
dungspräsident von Swiss Foundations,
dem Verband der Schweizer Förderstif­
tungen, macht sich stark für eine Koope­
ration zwischen staatlichen und privaten
Förderstellen. Gerne möchte er im Kul­
turförderungsgesetz folgenden Satz ver­
ankern: «Der Bund sucht in der Kultur­
förderung die Zusammenarbeit mit den
Privaten.» Bis jetzt erfolglos.
Strategisch weniger klug erachtet
Schubiger ein Vorgehen wie dieses: Pro
Helvetia fördere mit dem Programm echos
die Volkskultur, wolle damit das eigene
Image aufpolieren, das Projekt aber nur
teilfinanzieren; die restlichen Gelder sol­
len die Privaten aufbringen. «Eine solche
Idee stösst bei uns auf wenig Gegenliebe.
Wir suchen die Zusammenarbeit, wir wol­
len Partner sein, keine Lückenfüller.»
Bündelung der Mittel sei das Ziel, sagt
Schubiger, doch dann müsse imagemäs­
sig für jeden Beteiligten etwas heraus­
springen. Das leuchtet ein – auch wenn
Pro Helvetia nicht sämtliche privaten För­
derer miteinbeziehen kann.
Sandra Leis ist Literaturkritikerin und
Ressortleiterin Kultur bei der Tageszeitung
Der Bund in Bern. Sie ist regelmässige freie
Mitarbeiterin bei Schweizer Radio DRS 2,
Stiftungsrätin der Schweizerischen Schiller­
stiftung und Jurorin beim Schweizer Buch­preis, der diesen November erstmals
verliehen wird.
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k o l um n e
H.A.S.E.*
Von Graziella Contratto
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alte Wunsch nach Kontinuität? BBB!**
Nach historischer Verantwortung? FG!***
Ich stürzte mich auf meine alten Si­
cherheitscodes: Sollte ich vor allem rhyth­
misch geprägte Musik programmieren?
(«Strawinsky hat nämlich den Techno er­
funden. Hört mal hin!») Sollte ich auf
Stings Zitate aus Rachmaninovs Klavier­
konzert pochen? («Auch Sting kocht nur
mit Wasser…!») Konnte man in Schu­
manns Dichterliebe nicht die glühende
Seelenlandschaft der Jugend nachweisen?
(«Heine hätte euch super verstanden…!»)
Oder sollte man Komponisten beauftra­
gen, die Musik der Jungen einzubauen?
(«Jetzt klatscht mal diese Triole mit…!»)
Misserfolg über Misserfolg. Ich stand mit
einem Mikro auf der Bühne, hinter mir
das Orchester und mein bleierner Bil­
dungsanspruch, vor mir diese geballte
Kraft an erwachenden Hormonen und
(musikalischen) Geschmacksnerven, an
potenziellen Drei-Gesangsstunden-Karri­
eren, an Spaghettiträgern, Tiefschritt-Ho­
sen und immensem Selbstbewusstsein,
das nur auf sich selbst gründet.
Zeit für eine Lektion.
Es blieb mir nur, mich selbst zu än­
dern; ein neuer Wertekatalog musste her!
Ab jetzt hiess es: Anerlesenes gilt nicht!
Erleben kommt vor Analysieren! Spür,
wer du bist, Mann! Und dann kannst du
mit deinen Sounds wieder ankommen.
Dann hören wir hin, wir finden sie wahr­
scheinlich immer noch langweilig, aber
wenn DU sie geil findest, ist das ok. Viel­
leicht nehmen wir auch mal einen Loop
aus der Basslinie, wie heisst der noch­
mals? Lamentobass? (Ich jubilierte.)
Bin ich heute glücklicher? Ich Bil­
dungsnostalgikerin? Jocelyne, 15, meint:
Relax, babe, ein guter contact ist die halbe
Miete.
*
habe Sehnsucht
** bye bye baby
*** frech grins
Graziella Contratto ist geboren in Schwyz,
weg­gegangen bis nach Berlin und Lyon,
dann zurückgekommen wegen Davos. Dirigiert
trotz gebrochenem Verhältnis zur Macht.
Stiftungsrätin bei Pro Helvetia. Mag Menschen.
Und halt immer noch Bücher.
www.graziellacontratto.com
Illustration: Lina Müller
In meiner Adoleszenz hatte ich mir als
verschupfte Innerschweizerin mit Kunst­­­­
anspruch einen persönlichen Wertekatalog
zusammengekritzelt: Schwierige Bücher
lesen und Sekundärliteratur erkunden: 30
Punkte. Komplexe Kom­positionen analy­
sieren, dazu Adornos Philosophie der
Neuen Musik studieren: 25 Punkte. Sich
verlieben ohne Gegenliebe zwecks Inspi­
ration: 20 Punkte. Modetrends verneinen:
10 Punkte.
Innerhalb meines Denksystems hatte
ich schliesslich alle Anforderungen erfüllt
und das höchste Glücksgefühl bedeutete,
in den Cafeterien der unzähligen Kon­
servatorien, die ich während meiner Aus­
bildung zur Berufsmusikerin besuchte,
mit einem gescheiten jungen Mann mit
kleinglasiger Brille über Ernst Kurths
Schopenhauer-Projektion auf Wagners
Tris­tan zu diskutieren. Oder über die
Kretz­schmar-Kapitel in Thomas Manns
Doktor Faustus. Oder über Peter Greena­
ways Ritual-Parodie.
Als einen schweren Sack, gefüllt mit
dantesken Felsbrocken, schleppte ich die
humanistische Last meiner Jugend jahre­
lang hinter mir her, es war ein lustvolles
Schleppen, das mir das Gefühl gab, Edles
zu tun. Meine Arbeit als Dirigentin und
Programmgestalterin trug das Gütesiegel
der bildungsbürgerlichen Rückbindung.
Und dann… kam die unvermeidliche
Begegnung mit der Jugend von heute in
musikpädagogischen Konzerten – DIE
Herausforderung für jeden Musikvermitt­
ler: jung, kreativ, von alten akademischen
Werten freigegoogelt, das Leben herun­
tergeladen, die Liebe zur Weisheit (PhiloSophia) relaxed transformiert in smsBotschaften, Netze, Virtuelles. Die Musik
dieser Generation: omnipräsent, im DauerPräsens, in ständiger Metamorphose. Die
alten dialektischen Kriterien? 4get it! Der
Lina de Appenzell (2007)
Foto: Guadalupe Ruiz
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«Ist Multikulturalität mehr als
ein kulinarischer Begriff?»
Von der Schärfung des
Blicks durch den Schleier
Susanne Schanda, S. 21
«Wir verstehen uns gut, weil wir
einander nicht verstehen», sagen die
Schweizer gerne im Scherz.
Glückliches Babel
Etienne Barilier, S. 18
Jedes verunglückte Sprechen, jedes falsche Verstehen
hat einen psychischen Grund und enthält einen psy­
chischen Gewinn.
Vom geheimen Verstehen im Missverstehen
Elisabeth Bronfen, S. 30
Kunst ist jenes grosse Feld, in dem wir Verstehen in Ruhe
üben, weil Nichtverstehen und Missverstehen keine blutigen
Das Recht aufs Missverstehen
Konsequenzen haben. Pius Knüsel, S. 16
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Die Stiftung Pro Helvetia fördert und vermittelt Schweizer Kultur in der Schweiz und rund um die Welt.