Schäuble wirbt für Ende der Niedrigzinspolitik - E-Kiosk FAZ

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Schäuble wirbt für Ende der Niedrigzinspolitik - E-Kiosk FAZ
Z E I T U NG F Ü R D E U T S C H LA N D
Montag, 11. April 2016 · Nr. 84 / 15 D 2
Ankara fordert
Strafverfolgung
Böhmermanns
sat. BERLIN, 10. April. Die Regierung
in Ankara fordert eine Strafverfolgung
des ZDF-Moderators Jan Böhmermann in Deutschland wegen seiner Satire über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Die türkische Botschaft hat dies in einer Verbalnote an
das Auswärtige Amt deutlich gemacht,
hieß es am Sonntag in Regierungskreisen. Die Bundesregierung werde den Inhalt der Note „sorgfältig und so zügig
wie möglich prüfen“ und dann entscheiden, wie mit dem Verlangen zu verfahren sei. Mitarbeiter des Kanzleramtes,
des Auswärtigen Amtes sowie des Justizministeriums wollen zu Wochenanfang zusammenkommen und darüber
beraten. Die Staatsanwaltschaft Mainz
ermittelt gegen Böhmermann wegen
des Verdachts auf eine strafrechtlich relevante Beleidigung von Vertretern ausländischer Staaten. Die Beleidigung
des türkischen Präsidenten in Deutschland kann aber nur juristisch verfolgt
werden, wenn die Türkei oder Erdogan
persönlich ein Strafverlangen stellen.
Paragraph 103 des Strafgesetzbuchs
sieht für die Beleidigung ausländischer
Staatsoberhäupter oder Regierungsvertreter eine Geld- oder eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren vor. Das ZDF
hat die ZDFneo-Sendung mit dem
Schmähgedicht Böhmermanns inzwischen aus der Mediathek genommen.
(Siehe Feuilleton, Seite 11.)
Heute
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D’INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
Flüchtlinge stürmen Grenzzaun
Die Rente ist grün
Von Jasper von Altenbockum
leich aus mehreren Richtungen
G
wächst der Druck auf die große
Koalition, in der Rentenpolitik umzu-
Idomeni – Flüchtlinge reißen eine Öffnung in den Zaun, der
Griechenland von Mazedonien trennt. Mazedonische Sicherheitskräfte feuerten am Sonntag Tränengas, Blendgranaten
und Gummigeschosse in die Menge, um den Ansturm von
Hunderten Flüchtlingen zurückzudrängen. Einige Flüchtlin-
ge warfen Steine. Sie kamen vor allem aus dem wilden Lager
im griechischen Grenzdorf Idomeni. Zu der Aktion war dort
in Flugblättern aufgerufen worden. Einige wenige Flüchtlinge konnten kurz nach Mazedonien gelangen, wurden aber
umgehend nach Griechenland zurückgebracht.
Foto AFP
Eine kleine Stadt in Hessen stand
vor dem langsamen Verschwinden.
Das nahmen die Bürger nicht hin.
Deutschland und die Welt, Seite 9
Geteiltes Land
Die russische Wirtschaftskrise
trifft auch Karelien stark. Ihr Oberhaupt hat sich den Unmut des
Kremls zugezogen. Politik, Seite 5
Metaphysik der Mannequins
Merkwürdige Nachbarschaften:
Die Staatsgalerie Stuttgart zeigt
eine exzellente Schau zu Giorgio
de Chirico. Feuilleton, Seite 11
Bundesfinanzminister legt Plan gegen Geldwäsche und Steuerhinterziehung vor
hig./mas. KRONBERG/BERLIN, 10.
April. Bundesfinanzminister Wolfgang
Schäuble will auf dem G-20-Treffen in
Washington Ende dieser Woche für ein
Ende der Niedrigzinsphase werben. Dazu
solle die Politik die großen Notenbanken
in den Vereinigten Staaten, der Eurozone
und Großbritanniens ermutigen, sagte er
auf einer Veranstaltung in Kronberg. Die
Einsicht wachse, dass das „Übermaß an
Liquidität inzwischen mehr Ursache als
Lösung des Problems“ sei.
Schäuble zog bei der Entwöhnung der
Märkte vom billigen Geld einen Vergleich
zur Behandlung von Rauschgiftabhängigen, an deren Entzug man behutsam herangehen müsse. Zugleich hob er die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank
hervor. Diese sei ein hohes Gut. Schäuble
sagte, er sei mit EZB-Präsident Mario
Draghi verabredet, um zu überlegen, wie
man in Deutschland der starken Kritik an
der Europäischen Zentralbank entgegenwirken können. Der Bundesfinanzminister wurde in Kronberg unter anderem für
seine Verdienste um die Konsolidierung
der Staatsfinanzen geehrt.
Schäuble will in Washington außerdem
einen Plan zur Bekämpfung von Steuerhinterziehung vorstellen. Der CDU-Politiker will Länder wie Panama, aber auch
Banken und Berater unter Druck setzen,
die Geschäfte mit Briefkastengesellschaften machen. Mithilfe eines weltweiten Registers der wirtschaftlich Berechtigten solcher Firmen, sollten „die Hintermänner
von Unternehmenskonstruktionen transparenter“ gemacht werden. Dieses Regis-
ter solle auch Nichtregierungsorganisationen und Medien offenstehen. Kombinieren will Schäuble dies mit einer Ausweitung des automatischen Informationsaustauschs und strengeren Sanktionen für Finanzinstitute und andere Unternehmen.
Wenn alle Länder mitmachten, erhielten
die Finanzbehörden umfassenden Durchblick. Überdies plant Schäuble eine Verschärfung des Steuerstrafrechts. Die Verjährung einer Steuerhinterziehung solle
erst beginnen, wenn ein Steuerpflichtiger
seinen Meldepflichten für Auslandsbeziehungen nachgekommen ist. „Es ist nicht
hinnehmbar, wenn Steuerhinterzieher auf
Straffreiheit durch Verjährung spekulieren können, indem sie Auslandsbeziehungen verschweigen.“ (Siehe Seite 10 und
Wirtschaft, Seite 17.)
Verwöhnte Juristen
Im Europäischen Patentamt
tobt ein Streit zwischen der
Führung und den privilegierten
Mitarbeitern. Wirtschaft, Seite 26
Viel Geld für Billigflieger
Michael O’Learys neun Jahre alter
Wallach Rule The World gewinnt
das Grand National in Aintree.
Sport, Seite 32
Magerer Geschäftsbericht
In Zeiten der Überinformation
muss die Kommunikation über
Kapitalmärkte entschlackt
werden. Der Betriebswirt, Seite 18
Briefe an die Herausgeber
Seite 20
Jazenjuk kündigt Rücktritt an
Bisheriger Parlamentspräsident Hrojsman soll neuer ukrainischer Ministerpräsident werden
ul. KIEW, 10. April. Der ukrainische Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk hat seinen Rücktritt angekündigt. In einer Fernsehansprache am Sonntag sagte er allerdings zugleich, seine Volksfront werde Teil
der gegenwärtigen Regierungskoalition
mit dem Block des Präsidenten Petro Poroschenko bleiben. Der Präsidentenblock,
die größte Fraktion in der Werchowna
Rada, habe den Parlamentsvorsitzenden
Wolodymyr Hrojsman als seinen Nachfolger vorgeschlagen. „Im Bestreben, alles für
die Stabilität und die Kontinuität unseres
Kurses zu tun, teile ich mit, dass ich beschlossen habe, meine Verpflichtungen als
Haupt der ukrainischen Regierung niederzulegen“, sagte Jazenjuk. Er hatte die
ukrainische Regierung seit der Revolution
im Februar 2014 geführt. Seine Koalition
verlor ihre Mehrheit allerdings, nachdem
drei andere Fraktionen das Bündnis verlassen hatten – teils, weil ihnen der Kampf gegen die Korruption nicht schnell genug
ging, teils, weil sie die Regierung verdächtigten, in der Abwehr der russischen Aggression nicht standhaft genug zu sein.
Zu den ausgeschiedenen Fraktionen
gehörten die Partei „Vaterland“ der früheren Ministerpräsidentin Julija Timoschenko, die nationalpopulistischen „Radikalen“ unter Oleh Ljaschko und die reformorientierte „Selbsthilfe“ des Lemberger Bürgermeisters Andrij Sadowij. Außerdem waren Jazenjuks Umfragewerte
eingebrochen, weil die Reformen, die er
im Einklang mit den westlichen Geldgebern der Ukraine erzwungen hat, (etwa
die Abschaffung der ruinösen Subventio-
nen für das von Privathaushalten verbrauchte Gas) in der Bevölkerung ausgesprochen unbeliebt sind. Mitte Februar
war ein Antrag zur Abwahl Jazenjuks im
Parlament gescheitert; zuvor hatte Präsident Poroschenko ihn zum Rücktritt aufgefordert.
Am Sonntag war noch nicht klar, woher die verbliebenen beiden Koalitionsfraktionen, die Jazenjuks und die Poroschenkos, eine Mehrheit für die Wahl
Hrojsmans zum Ministerpräsidenten nehmen würden. Kiewer Parlamentarier sagten dieser Zeitung jedoch, es sei offenbar
gelungen, genügend parteilose Abgeordnete für den Eintritt in diese Fraktionen
zu gewinnen. Die Wahl des neuen Regierungschefs ist für Dienstag geplant. (Siehe Seite 5; Kommentar Seite 10.)
106 Tote bei Brand
in indischem Tempel
Grüne streben
„Terrorzelle plante noch
Regierungsbeteiligung an einen Anschlag in Paris“
Dortmund und Schalke
spielen unentschieden
DELHI, 10. April (KNA). Bei einem
Brand in einem Hindu-Tempel im indischen Bundesstaat Kerala sind am Sonntag mindestens 106 Menschen ums Leben
gekommen und Hunderte weitere verletzt
worden. Ursache war nach Medienberichten eine Explosion von Feuerwerkskörpern bei einer religiösen Feier zu Ehren
der Göttin Devi. Regierungschef Narendra Modi sprach den Angehörigen der Toten angesichts der „herzzerreißenden und
schockierenden“ Katastrophe sein Beileid
aus. (Siehe Deutschland und die Welt.)
Lt. BERLIN, 10. April. Die Grünen streben nach der nächsten Bundestagswahl
eine Regierungsbeteiligung an. Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter sagte auf einem kleinen Parteitag in
Berlin, die Partei wolle 2017 dafür kämpfen, im Bund mitzuregieren. Die Führungsriege der Grünen zeigte sich nach
dem Wahlerfolg in Baden-Württemberg,
wo unter dem Spitzenkandidaten Winfried Kretschmann mehr als 30 Prozent
grün wählten, auch in anderen Ländern
und im Bund bereit, neue Wählerschichten zu erschließen. Die Grünen dürften
sich nicht länger als Avantgarde verstehen, sie müssten „Orientierungspartei“
für gesellschaftliche Mehrheiten sein, sagte Kretschmann. (Siehe Seiten 3 und 4.)
F.A.Z. FRANKFURT, 10. April. Borussia
Dortmund hat in der Bundesliga durch
das 2:2 im Revier-Derby beim FC Schalke
04 weiter Boden im Kampf um die deutsche Fußball-Meisterschaft verloren. Die
Dortmunder haben fünf Spieltage vor Saisonende sieben Punkte Rückstand auf Spitzenreiter Bayern München, der am Samstag gegen Stuttgart gewonnen hatte. Im
Abstiegskampf haben Bremen und Frankfurt Heimniederlagen gegen die Konkurrenten aus Augsburg und Hoffenheim erlitten. Radprofi Mathew Hayman hat die
114. Auflage des Klassikers Paris–Roubaix gewonnen. Der 37 Jahre alte Australier verwies Tom Boonen aus Belgien nach
257,5 Kilometern am Sonntag auf den
zweiten Platz. (Siehe Sport.)
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now./sat. BRÜSSEL/BERLIN, 10. April.
Die für die Brüsseler Anschläge verantwortliche Terrorzelle soll geplant haben,
einen weiteren Anschlag in Paris zu verüben. Zu diesem Schluss kamen belgische
Ermittler durch Aussagen des am Freitag
festgenommenen Muhammad Abrini. Insgesamt ergingen in Brüssel am Wochenende vier Haftbefehle. Nach Einschätzung
von Verfassungsschutzpräsident HansGeorg Maaßen hat die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) auch Ziele in Deutschland im Visier. „Der IS will auch Anschläge gegen Deutschland und deutsche Interessen durchführen“, sagte Maaßen der Zeitung „Welt am Sonntag“. Das islamistischterroristische Potential läge hierzulande
bei 1100 Personen. (Siehe Seite 3.)
steuern. Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank ist dafür der
jüngste Anlass, aber nicht der Grund.
Den gibt es schon seit einiger Zeit, die
Demographie, nur haben die Konsequenzen, die gezogen wurden, bislang
nicht den gewünschten Effekt gehabt
und deshalb nicht zur Beruhigung der
Jahrgänge beigetragen, die in zehn bis
zwanzig Jahren in Rente gehen oder
dann die Beiträge zahlen müssen. Die
niedrigen Zinsen legen die Konstruktionsmängel einer anfälligen Altersvorsorge frei, die sich bislang noch immer
schönreden ließen. Horst Seehofer hat
den nackten Tatsachen jetzt seine
Kampfansage an die „Neoliberalisierung“ des deutschen Rentensystems
entgegengeschleudert: Weg mit der
Riester-Rente!
Seehofers Vorstoß hat seine Berechtigung, weil die Einführung des „dritten Pfeilers“ der Rentenversicherung,
der privaten Vorsorge, zur dauerhaften Absicherung des Rentengebäudes
nie die dazu nötige Breite der Bevölkerung erreicht hat. Der CSU-Vorsitzende weiß aber auch die SPD an seiner
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH; Abonnenten-Service: 0180 - 2 34 46 77 (6 Cent pro Anruf aus dem dt. Festnetz, aus Mobilfunknetzen max. 42 Cent pro Minute). Briefe an die Herausgeber: [email protected]
Belgien, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Kanaren, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Portugal (Cont.), Slowenien, Spanien 3,40 € / Dänemark 26 dkr / Großbritannien 3,20 £ / Schweiz 4,80 sfrs / Türkei 17,00 TL / Ungarn 920 Ft
F. A. Z. im Internet: faz.net
Seite, die seit jeher kritisiert hat, dass
es viel zu viele Beitragszahler gibt, die
sich das zusätzliche „Riestern“ nicht
leisten können – oder für die es sich
einfach nicht lohnt. Für sie ist die Perspektive der Altersarmut ein ständiger
Begleiter. Darin aber das Produkt einer neoliberalen Marotte zu sehen, womit Seehofer offenbar Protestwähler
ködern will, geht in die Irre. Die Modelle anderer Länder, etwa der skandinavischen, die unverdächtig sind, liberalen Ideologien anzuhängen, zeigen
schließlich in dieselbe Richtung. Die
schwarz-grüne Idee einer neuen Privatvorsorge, der „Deutschland-Rente“,
knüpft daran an.
Die SPD setzt sich davon ab, indem
sie sich vollends auf den Weg der Restauration begibt. Sie will noch einen
anderen Eckstein der Rentenreformen entfernen, die Senkung des Rentenniveaus. Damit sollte die gesetzliche Rente entlastet werden, weil es ja
den dritten Pfeiler gibt. Der hat den
Rentenarchitekten der SPD aber noch
nie gefallen. Also soll das alte Gebäude wiederhergestellt werden. Das hätte nur Sinn, wenn die SPD eine Flexibilisierung des Renteneintrittsalters in
Angriff nähme. Sie ist aber eher in umgekehrter Richtung unterwegs. Vor
der Bundestagswahl wird sich daran
nicht viel ändern. Und danach? Für
diese Zeit geben ohnehin schwarz-grüne Konzepte den Takt vor.
Der Abstieg der SPD
Von Majid Sattar
as Schlimmste ist diese Ahnung,
D
dieses Gefühl, man wisse ohnehin, wie es am Ende kommen werde.
Schäuble wirbt für
Ende der Niedrigzinspolitik
Wanfried
ist wieder da
2,60 € D 2954 A
Sigmar Gabriel spürte es schon im September vergangenen Jahres, nach jenem Wochenende, das alles veränderte: Die Flüchtlingskrise werde gewiss
in den Unionsparteien den alten Streit
um die Verkümmerung des konservativen Kerns wiederaufleben lassen.
Doch am Ende werde es die SPD sein,
die weiter abrutsche. Diese Sorge um
die Mitte der Gesellschaft, wie er es
nannte, äußerte er schon im Herbst in
der Parteiführung. Die Umfragewerte,
welche die Sozialdemokraten nun auf
einem historischen Tief sehen, haben
den Parteivorsitzenden in seiner Ahnung bestätigt. Der Erfolg der AfD in
den Landtagswahlen, das war Gabriel
klar, speiste sich nicht nur aus enttäuschten Unionswählern und Nichtwählern, die sich zuvor von der Politik
abgewandt hatten. Die Wählerwanderung aus dem verunsicherten, männlichen Kleinbürgertum traf auch die
SPD.
Das Gefühl, die Geschichte sei unabwendbar, geht aber noch viel weiter.
Schauen sich die deutschen Sozialdemokraten um in Europa, sehen sie im
Norden, im Süden und im Westen eine
Sozialdemokratie in der Krise. Die linke Volkspartei, die Westeuropa in den
Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg mit geprägt hat, ist hier und da
schon verschwunden. Das verunsichert die SPD zutiefst und führt obendrein dazu, dass die frühe Ahnung,
was passieren werde, dem Parteivorsitzenden nur wenig nutzte. Denn vielen
SPD-Politikern ist anzumerken, dass
sie, indem sie für sich werben, nicht
mehr wirklich an sich glauben, sondern mit ihrem Schicksal hadern. Wen
aber im Wahlvolk selbst – konkrete
oder abstrakte – Zukunftsängste plagen, der sucht sein Heil selten bei jenen, die Klagelieder anstimmen.
Die tiefe Verunsicherung, welche
die Flüchtlingskrise an der sozialdemokratischen Wählerbasis bewirkte,
zwingt Gabriel – wie bereits in der vergangenen Legislaturperiode – zu einem Strategiewechsel. Damals wie
heute wollte er eigentlich die Mitte für
seine Partei zurückerobern und den
Fortschritts- sowie Freiheitsgedanken
wieder sozialdemokratisch besetzen.
Die SPD sollte als gesellschaftlicher
Modernisierer und nicht ausschließlich als Betriebsrat der Nation wahrgenommen werden. Es gab einst sogar
Überlegungen, den Gerechtigkeitsbegriff durch den der Fairness zu ersetzen. Anderthalb Jahre vor der Bundestagswahl kehrt Gabriel zurück zum
Traditionalismus: Die SPD müsse den
Anspruch erneuern, Schutzmacht der
kleinen Leute zu sein – das müsse die
Antwort auf das Erstarken des Rechtspopulismus sein, sagte er jetzt.
Die kurzfristige Lehre aus dem
Wahldebakel vom 13. März ist ein Konsolidierungskurs: Ansprache der Kern-
klientel ist Pflicht, Modernisierung
Kür. Doch waren nicht bereits die sozialdemokratischen Projekte des Koalitionsvertrags Ansprache der Kernklientel genug? Die SPD kommt damit
nicht aus der Defensive. Sie droht zwischen Grünen und AfD zerrieben zu
werden.
Hinzu kommt, dass Gabriel, der seiner Partei nun Mut machen müsste,
Misstrauen entgegenschlägt. Als der
SPD-Vorsitzende zu Beginn der großen Koalition gefragt wurde, wie er
diesmal verhindern wolle, dass seine
Partei nach vier Jahren als Verliererin
dastehe, gab er sich zuversichtlich: Die
SPD habe seinerzeit den Fehler gemacht, Regierung und Opposition
gleichzeitig sein zu wollen. Das dürfe
sie nicht wiederholen. Das tat sie auch
Gabriel versucht den
Kurswechsel: zurück zum
kleinen Mann. Aber kann
das der SPD noch helfen?
nicht. Nur ihr Parteivorsitzender tat
es. Um den Graben in der Flüchtlingspolitik zwischen sozialpolitisch und
kulturell verängstigter Wählerbasis
und den von Ideologie geleiteten Funktionären zu überbrücken, erweckte der
Vizekanzler zwischenzeitlich den Eindruck, an geraden Tagen für und an ungeraden Tagen gegen den eigenen Regierungskurs zu sein.
Der Warnschuss auf dem Bundesparteitag – das miserable Wahlergebnis
für Gabriel – hat nur eine Sache verändert: Die engere Parteiführung stärkt
ihm nach außen demonstrativ den Rücken und versucht nach innen, den Vorsitzenden von neuerlichem taktischen
Geplänkel abzuhalten. Niemand aus
dem Führungszirkel hat ein Interesse
an einer weiteren Demontage des Parteivorsitzenden. Mag Angela Merkel
in der Flüchtlingskrise an Glanz und
die Union an Stärke verloren haben –
keinen der potentiellen Nachfolger Gabriels drängt es vor 2017 an die Spitze.
Die Schwierigkeiten der SPD gehen
nicht nur Sozialdemokraten etwas an.
Es geht um die Stabilität des Parteiensystems. Welche Auswirkungen der
Abstieg der linken Volkspartei hat, verdeutlichen die Landtagswahlen: Weder in Stuttgart noch in Magdeburg verfügen Bündnisse aus CDU und SPD,
die man einst eine große Koalition
nannte, über eine Regierungsmehrheit. In Sachsen-Anhalt vereinen populistische Parteien links und rechts zudem 40 Prozent der Wählerstimmen
auf sich. Das Land ist insofern bereits
„europäisiert“. Was bleibt der SPD?
Die Hoffnung, dass nicht nur die
Flüchtlingskrise, sondern auch die
AfD ihren Scheitelpunkt bereits überschritten hat? Selbst wenn dies so
wäre – die Erfahrung spricht nicht dafür, dass der Wähler einfach zur SPD
zurückkehrt.
SE IT E 2 · M O N TAG , 1 1 . A P R I L 2 0 1 6 · N R . 84
Kroatien blockiert
Serbiens Weg
in die EU
kps. WIEN, 10. April. Noch ist keine
Lösung in der Frage der Anerkennung
des Kosovos in Sicht, da türmt sich ein
weiteres Hindernis auf dem Weg Serbiens in die EU auf. Kroatien kündigte
vorige Woche an, die Öffnung des Kapitels 23, zu Justiz und Grundrechten,
in den serbischen Beitrittsverhandlungen so lange zu blockieren, bis sich Belgrad zur uneingeschränkten Zusammenarbeit mit dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag bekennt. Außerdem solle Serbien ein Gesetz aus dem
Jahr 2003 aufheben, das der serbischen Justiz die universelle Zuständigkeit für Kriegsverbrechen inner- und
außerhalb seines Territoriums zuspricht, und der kroatischen Minderheit eine ständige Vertretung im Belgrader Parlament garantiert werden.
„Serbien kann nicht darauf hoffen,
ein Mini-Den-Haag zu werden“, begründete der kroatische Außenminister Miro Kovać die Blockade. Gegenüber Serbien befindet sich Kroatien
seit seinem EU-Beitritt in einer ähnlich vorteilhaften Lage wie einst das
EU-Land Slowenien während der kroatischen Beitrittsverhandlungen. Laibach (Ljubljana) bestand damals auf
der Abtretung kroatischer Küstengewässer, um freien Zugang zur hohen
See zu erhalten. Dazu kam es zwar
nicht, aber die Regierung in Zagreb
musste nach erheblichem Druck der
EU einem internationalen Schiedsverfahren zustimmen, von dem sich Slowenien ein günstiges Ergebnis erhoffen
durfte. Nach erfolgtem Beitritt nahm
die Regierung in Zagreb jedoch einen
schwerwiegenden Regelverstoß des slowenischen Vertreters in der Schiedskommission zum Anlass, um aus dem
Verfahren auszuscheiden.
Einer Lösung des Streites um die
Seegrenze sind die beiden EU-Staaten
seither um keinen Schritt näher gekommen. Die Beilegung des serbisch-kroatischen Streites dürfte um nichts leichter fallen, denn Belgrad empfindet die
kroatische Blockade als „Demütigung“.
„Serbien hat die Position der Republik Kroatien zur Kenntnis genommen“, hieß es am Wochenende in einer Stellungnahme des serbischen Ministerpräsidenten Aleksandar Vučić:
„Es wird nicht zulassen, durch irgendjemanden in Europa und in der Welt,
auch nicht durch die Republik Kroatien, auf irgendeine Weise erpresst, erniedrigt oder verachtet zu werden.“
Serbien werde ein Ultimatum niemals
akzeptieren.
Das umstrittene Gesetz über die universale Zuständigkeit für Kriegsverbrechen erlaubt es der serbischen Justiz,
auch im Ausland begangene Kriegsverbrechen zu verfolgen, zum Beispiel solche, die von Kroaten während des Jugoslawien-Krieges auf kroatischem Territorium an serbischen Zivilisten verübt
wurden. Vučić hat eine Aufhebung dieses Gesetzes dezidiert ausgeschlossen.
Er verwies darauf, dass auf der Grundlage dieses Gesetzes auch die Kriegsverbrechen von Serben im kroatischen
Ovčara und im bosnischen Srebrenica
geahndet wurden.
Wie schon im Falle der slowenischen Blockade hängt es nun davon
ab, ob es der EU-Kommission gelingen
kann, genügend Druck aufzubauen,
um einerseits Zagreb, andererseits Belgrad zu Konzessionen zu zwingen. Das
Interesse der EU daran ist groß, da der
serbische EU-Beitritt allgemein als
Voraussetzung einer dauerhaften Stabilisierung des westlichen Balkans gilt.
Zagreb teilt dieses Interesse. Für die
Regierung in Belgrad geht es allerdings um eine Frage des nationalen
Prestiges. Die kroatische Regierung,
an der die konservative HDZ beteiligt
ist, würde sich ihrerseits dem Vorwurf
des nationalen Verrates aussetzen, sollte sie ihr Veto ohne erhebliches serbisches Entgegenkommen aufheben. In
einer kroatischen Meinungsumfrage
sprachen sich zuletzt 60 Prozent für
die Blockade des serbischen Beitritts
aus. Seit das Kriegsverbrechertribunal
in Den Haag den serbischen Ultranationalisten Vojislav Šešelj freisprach,
steigt der Druck auf die Regierung, gegen Serbien einen härteren Kurs einzuschlagen.
Politik
FPM
FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG
Streit über
Zahl der
Abschiebungen
Wenn das Volk aufwacht
Hauptsache, dagegen: Junge Franzosen protestieren gegen Arbeitslosigkeit, Mietsteigerungen, Leistungsdruck, Islamfeindlichkeit, Homophobie und Umweltzerstörung.
ekommt jetzt auch Frankreich seine
Indignados? An der Place de la RépuB
blique in Paris harren weiter jede Nacht
mehrere hundert Protestbewegte der
„Nuit debout“ aus. Sie haben inzwischen
auch Nachahmer in anderen französischen Großstädten gefunden. Was am 31.
März als Widerstand gegen die von der
Linksregierung geplante Arbeitsmarktreform begann, hat sich in eine allgemeine
Protestbewegung gegen gesellschaftliche
Missstände verwandelt. Das Lieblingswort der Aktivisten von „Nuit debout“
(etwa: Aufrecht in der Nacht) ist „non“
(nein). Sie wollen sich nicht von den Parteien vereinnahmen lassen und protestie-
ren gegen die Politik der Linksregierung,
gegen Arbeitslosigkeit, Mietsteigerungen,
Leistungsdruck, Islamfeindlichkeit, Homophobie und Umweltzerstörung. „Das
Volk wacht auf“ lautet einer ihrer Sprüche.
Für ihre nächtlichen Diskussionsgruppen haben sie sogar eine Zeichensprache
erfunden, damit alle mit diskutieren können. Am Samstagabend wollte eine Gruppe besonders entschlossener Aktivisten
von der Place de la République zum nahegelegenen Domizil des Premierministers
unweit der Opéra Bastille ziehen. „Apéritif bei Manuel Valls“ hieß die Parole. Die
Polizei löste den Protestzug unter Einsatz
Foto AFP
von Tränengas auf. Der Premierminister
bekam von den Auseinandersetzungen
nichts mit, er weilte zu einem offiziellen
Besuch in Algerien. Aus Ärger über die
verpatzte Aktion warfen die Demonstranten Brandsätze in Mülleimer sowie Flaschen und Steine auf die nahe gelegene
Polizeiwache.
Auch in Rennes und in Nantes kam es
zu gewaltsamen Zwischenfällen am Ende
von Demonstrationen gegen die Arbeitsmarktreform. In Rennes wurden vier Polizisten verletzt und mussten im Krankenhaus behandelt werden. Auch mehrere
Demonstranten erlitten Verletzungen. In
Nantes errichteten Demonstranten Barri-
kaden und warfen Schaufenster in der Innenstadt ein. 26 Personen wurden in ganz
Frankreich festgenommen, teilte das Innenministerium mit. Die Beteiligung an
den von den Gewerkschaften organisierten Protestmärschen geht dabei deutlich
zurück. Landesweit beteiligten sich am
Samstag nur mehr 120 000 Menschen an
den Kundgebungen. Am 31. März waren
es noch 390 000 gewesen. Über die Arbeitsmarktreform wird vom 3. Mai an im
Parlament beraten. Die Regierung verfolgt mit wachsender Unruhe die Bewegung „Nuit debout“, die anders als die Gewerkschaften nicht zu Verhandlungen bereit ist. (mic.)
ten. Allerdings seien die Beträge etwas höher als in den meisten anderen Fällen. Den
Vorwurf des Rechtsbruchs erhob niemand.
Man erlange aber einen weiteren Einblick
in das „ganze Ethos“, mit dem die „sehr
Reichen“ ihre Steuerangelegenheiten gestalteten, sagte Oppositionsführer Jeremy
Corbyn am Wochenende.
Kein prominenter Politiker forderte Camerons Rücktritt. Dies taten nur einige tausend Demonstranten, die am Samstag im
Regierungsviertel protestierten. Schon in
der vergangenen Woche hatte Corbyn eine
Erklärung des Regierungschefs vor dem
Unterhaus verlangt. Am kommenden Mitt-
woch, bei den wöchentlichen „Prime Minister´s Questions“ kann er Cameron direkt
mit der Angelegenheit konfrontieren, und
es ist gut möglich, dass der es bei einer Replik belassen wird. Entlastung erhofft sich
der Premierminister von der Einsetzung einer Expertenkommission, welche die Legalität der Firmen- und Fonds-Konstruktionen überprüfen soll, die durch die
Panama-Papiere ans Tageslicht gekommen
sind. Zur Unterstützung dieser Aufgabe,
die von Steuerbeamten und Geldwäschespezialisten aus dem Sicherheitsapparat
wahrgenommen werden soll, würden zehn
Millionen Pfund im Haushalt freigemacht,
berichteten Zeitungen am Wochenende.
Die Panama-Papiere haben in Großbritannien eine Diskussion angestoßen, die
weit über vermeintliche oder tatsächliche
Verfehlungen des Premierministers hinausgeht. In Zeitungen, aber auch in den Parteien wird über eine allgemeine, jeden Bürger
in die Pflicht nehmende Transparenz in
Steuerangelegenheiten nachgedacht. Corbyn kündigte bereits an, seine Finanzverhältnisse freiwillig offenzulegen, und hofft
so, zunächst den Druck auf andere Spitzenpolitiker zu erhöhen. Vor allem Schatzkanzler George Osborne, der Lieblingsfeind der Labour Party, soll so in die Defensive getrieben werden. Es gibt aber auch
Stimmen, die die Transparenzoffensive –
nie zuvor hatte ein britischer Regierungschef eine vergleichbare Liste vorgelegt –
kritisieren und um die Attraktivität des öffentlichen Amtes fürchten. Camerons Vorstoß, schrieb die Zeitschrift „The Spectator“ am Wochenende, „ermutigt das lüsterne Interesse am finanziellen Leben der anderen und schreckt finanziell erfolgreiche
Leute vom Eintritt in die Politik ab“.
Purzelnde Pfunde
Cameron legt seine
Steuererklärung offen und
will damit für Ruhe nach dem
Panama-Sturm sorgen.
Vergeblich: Jetzt geht es um
eine Schenkung seiner Mutter.
Von Jochen Buchsteiner
LONDON, 10. April
s sei „keine großartige Woche“ gewesen, resümierte David Cameron
am Samstag vor Parteifreunden
beim konservativen Frühjahrsforum. Er
hätte die Affäre um seine Verwicklung in
die Panama-Papiere „besser handhaben“
können, gab der britische Premierminister
zu und nahm ausdrücklich seine Berater in
Schutz: Nicht denen sei die Schuld am unglücklichen Krisenmanagement zuzuweisen, sondern allein ihm. Reumütig sollte
das klingen – aber auch retrospektiv. Kurz
danach legte er seine Steuerverhältnisse offen und hoffte, damit endgültig Ruhe zu
schaffen. Das schlug fehl. Schon wenige
Stunden nach der Veröffentlichung hatte
er mit neuen Vorwürfen zu tun.
Im Mittelpunkt stand, was die Boulevardzeitung „The Sun“ am Sonntag „Camerons 200 000-Pfund-Geschenk von Mami“
nannte. Die drei Seiten, auf denen der Regierungschef seine Einkünfte und Versteuerungen der vergangenen sechs Jahre
aufgelistet hatte, enthielten nicht nur sein
offizielles Salär und Einnahmen aus der
Vermietung seines Privathauses – im letzten Berechnungsjahr zahlte er 75 898
Pfund Steuern auf ein Gesamteinkommen
E
von 200 307 Pfund. Die Liste wies auch
zwei Schenkungen seiner Mutter aus dem
Jahr 2011 von jeweils 100 000 Pfund aus.
Den Zeitpunkt empfinden viele als auffällig, weil er im Jahr zuvor von seinem Vater
300 000 Pfund geerbt hatte – ab 325 000
Pfund hätte er Erbschaftsteuer zahlen müssen.
Wieder, wie schon im Fall der Beteiligung am Offshore-Fonds seines Vaters, bewegt sich Cameron in der Grauzone des
Legitimen. Der Steueranwalt Robert Levy
erklärte dem Sender BBC am Wochenende, es sei „nicht unüblich“, dass Eltern ihren Kindern auf diese Weise Geld schenk-
Volk und Ethos: Demonstranten am Wochenende vor der Downing Street
Foto Getty
STIMMEN DER ANDEREN
Mehr Einsatz für Europa
Die Amsterdamer Zeitung „NRC Handelsblad“ kommentiert am Samstag die Ablehnung des EU-UkraineAbkommens durch die niederländischen Wähler:
„Nachdem der Assoziierungsvertrag mit der Ukraine
am vergangenen Mittwoch niedergestimmt wurde, entscheidet sich die Regierung einmal mehr für die Analyse
eines Wahlergebnisses. Doch große Untersuchungen zu
den Motiven derjenigen, die gegen das Abkommen gestimmt haben, kann sich das Kabinett sparen, indem es
in die Archive von 2005 schaut. Nach dem Nein bei der
Volksabstimmung über die europäische Verfassung war
bereits gründlich analysiert worden, was den Wähler
dazu bewog. Faktoren wie Angst, Unsicherheit und Pessimismus hinsichtlich der sozialen Sicherheit waren damals die dominanten Kräfte. Es gab in dieser Untersuchung eine interessante Anmerkung: Bereits drei Jahre
zuvor, 2002, sei diese Stimmungslage konstatiert worden. Der Feststellung war die Empfehlung für die Politik
hinzugefügt worden, sich endlich um die Unterstützung
der Bevölkerung für die europäische Zusammenarbeit
zu bemühen. Diese Empfehlung ist auch 14 Jahre danach aktuell.“
Referenden als Instrument der EU-Gegner
Die französische Tageszeitung „Le Monde“ schreibt
zu diesem Thema:
„Drei Monate vor der Wahl über den Verbleib Großbritanniens in der EU offenbart die Abstimmung in den
Niederlanden eine Atmosphäre des Misstrauens gegenüber Europa. Die politische Botschaft richtet sich eindeutig an Brüssel: Misstrauen gegenüber Einwanderung
und Ablehnung jeder zusätzlichen EU-Erweiterung. Vor
dem Hintergrund, dass die EU immer häufiger als weit
entfernte, wenig demokratische Maschine wahrgenommen wird, könnte der Rückgriff auf ein Referendum zu
einem Instrument der Erpressung für euroskeptische
Parteien werden.“
Camerons Stolpern zur ungünstigsten Zeit
Die Wiener Zeitung „Der Standard“ kommentiert die
Lage des britischen Premierministers Cameron:
„Er gab erst unter Druck zu, dass er und seine Frau
bis 2010 Anteile an einer steuerschonenden Briefkastenfirma seines Vaters auf den Bahamas hatten. Es geht dabei nicht um riesige Summen. Dennoch ist nicht mehr
auszuschließen, dass der Premierminister die Affäre
nicht überlebt. Für die EU-Partner ist nun Feuer am
Dach. Cameron gleicht einer Zeitbombe. Sein Stolpern
kommt zur ungünstigsten Zeit. Ende Juni stimmen die
Briten über den Verbleib in der Union ab. Basis beim Referendum sind Sonderrechte in der EU, die der Premier
persönlich im Februar ausgehandelt hat. Fiele er jetzt,
würde das Lager der EU-Skeptiker triumphieren. Ein
Brexit wäre nicht auszuschließen. In der EU bliebe dann
kein Stein auf dem anderen.“
Ein gewaltiger Schritt nach vorn
Die „Nordwest-Zeitung“ (Oldenburg) kommentiert
das päpstliche Schreiben zu Ehe und Familie:
„Kritiker bemängeln, erneut seien die Belange von
wiederverheiratet Geschiedenen, von Homosexuellen
und anderen Gruppen, denen die Kirche Jahrhunderte
die kalte Schulter gezeigt hat, unzureichend gewürdigt.
Doch das ist nicht das Ziel dieses Schreibens. Innerkirchlich bedeutet ,Amoris Laetitia‘ einen gewaltigen Schritt
nach vorn. Und innerhalb wie außerhalb der katholischen Kirche macht der Papst die Botschaft der Bibel
klarer.“
Barmherzigkeit und die Not der Menschen
„Der neue Tag“ (Weiden) schreibt dazu:
„Dieser Papst will keine Revolution, er setzt seine Politik der Nadelstiche fort. Es geht um Wandel von innen,
statt Diktat von oben. Das Gewissen ist wichtiger als
kirchliche Ausführungsbestimmungen. Die reine Lehre
bleibt – auch in Sachen Liebe und Sex. Aber was sind
schon Doktrinen gegen die Not der Menschen? Priester
und Bischöfe dürften moralische Gesetze nicht anwenden, ,als seien es Felsblöcke, die man auf das Leben von
Menschen wirft‘. Ja, so könnte das mit der christlichen
Barmherzigkeit ursprünglich gemeint gewesen sein.
Und wer, wenn nicht die Kirche, sollte Experte im Verzeihen sein.“
F.A.Z. BERLIN, 10. April. Zwischen
Bund und Ländern ist abermals Streit
über die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber ausgebrochen. Der Flüchtlingskoordinator der Bundesregierung,
Kanzleramtsminister Peter Altmaier
(CDU), forderte, die Zahl der Abschiebungen zu verdoppeln. „Da sind die
Länder gefordert.“ Im vergangenen
Jahr habe es 37 220 freiwillige Rückkehrer und 22 200 Abgeschobene gegeben,
sagte Altmaier den Zeitungen der Funke Mediengruppe. „Ein realistischer
Maßstab für 2016 wäre eine Verdoppelung dieser Zahlen.“
Die Länder verweisen dagegen auf
die Verantwortung des Bundes für
schnellere Asylverfahren. Der badenwürttembergische Ministerpräsident
Winfried Kretschmann (Grüne) äußerte, die Forderungen „gehen mir auf die
Nerven“. Der hessische Innenminister
Peter Beuth (CDU) sagte: „Schuldzuweisungen sind völlig unangemessen.“
Und der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) hob hervor,
Nordrhein-Westfalen schiebe bereits
konsequent ab. Er kritisierte, dass Asylverfahren immer noch zu lange dauerten und der Aktenstau beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
(Bamf) weiter wachse. Dennoch rechne er damit, dass die Zahl der Abschiebungen in diesem Jahr wachse. Der
scheidende baden-württembergische
Innenminister Reinhold Gall (SPD) sagte, die Zahl der Abschiebungen hänge
vor allem von der Rücknahmebereitschaft der Herkunftsländer ab. „Da ist
eindeutig der Bund in der Pflicht.“ Der
bayerische Innenminister Joachim
Herrmann (CSU) nannte die Forderung Altmaiers hingegen „völlig richtig“. Dafür müsse das Bamf aber mehr
Ablehnungsbescheide erlassen.
Die Bundesregierung dringt seit längerem darauf, dass abgelehnte Asylbewerber zügiger abgeschoben werden.
Bei der Umsetzung durch die Bundesländer gibt es aber Probleme. Zum Teil
weigern sich Herkunftsländer, jemanden wiederaufzunehmen, weil Dokumente fehlen. Hinzu kommen rechtliche Hürden: So gilt zum Beispiel ein Abschiebeverbot, wenn dem Betroffenen
im Heimatland Folter oder die Todesstrafe drohen. Nach Syrien und dem
Irak stammten die meisten Asylsuchenden in den vergangenen Monaten aus
Afghanistan. Die dortige Regierung verkündet Fortschritte bei einem Abkommen mit Deutschland zur Rückführung
von Flüchtlingen. Ein Entwurf werde
in den kommenden Tagen der deutschen Botschaft in Kabul vorgelegt, sagte Flüchtlingsminister Said Hussain Alemi Balkhi der Deutschen Presse-Agentur. Bis das Abkommen unterzeichnet
sei, werde Afghanistan keine Abschiebungen dulden.
Steinmeier will zu
G 8 zurückkehren
pwe. HIROSHIMA, 10. April. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hat Russland in Aussicht gestellt, in den Kreis der Siebenergruppe
der großen Industriestaaten zurückkehren zu können. „Ich würde mir
wünschen, dass G 7 nicht das dauerhafte Format bleibt, sondern dass wir Bedingungen schaffen, um zu G 8 zurückzukehren“, sagte Steinmeier vor Beginn eines Treffens der Außenminister der Siebenergruppe in der japanischen Stadt Hiroshima. In diesem Jahr
gebe es die Bedingungen aber noch
nicht, äußerte Steinmeier. Russland
war 2015 aus dem Kreis der G-8-Staaten ausgeschlossen worden, nachdem
es die zur Ukraine gehörende Halbinsel Krim annektiert hatte. Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine über die Krim und das Gebiet im
Donezbecken dauert an.
Steinmeier nannte vor Journalisten
als Bedingung, dass Russland die
Minsk-Vereinbarung einhalten und zu
einer politischen Lösung des UkraineKonflikts beitragen müsse. Russland
müsse zudem weiter zeigen, dass es
bei der Lösung der Konflikte in Syrien
und in Libyen konstruktiv mitarbeite.
Steinmeiers Vorstoß ist für Japan
von besonderem Interesse. Das Land
bemüht sich intensiv um Russland, um
eine Rückgabe der Südkurilen-Inseln
zu erlangen, die Japan als seine nördlichen Territorien ansieht. Eine Sprecherin des japanischen Außenministeriums teilte mit, angesichts der Lage
in der Ukraine sei eine Diskussion
über die Wiederaufnahme Russlands
in die Gruppe ohne Bedeutung. Japan
betont seit langem die Homogenität
der Siebenergruppe als Staaten demokratischer Werte. Es sei aber wichtig,
den Dialog mit Russland aufrechtzuerhalten, sagte die Sprecherin.
Steinmeier erreichte das Außenministertreffen in Hiroshima später als
geplant. Wegen eines technischen Defekts an seinem Flugzeugs flog er erst
mit mehr als acht Stunden Verspätung
in China ab, das er zuvor besucht hatte. Schon im Jahr 2008, beim vorherigen G-8-Außenministertreffen in Japan, war Steinmeier zu spät gekommen. Damals verzögerte nach Angaben von Reiseteilnehmern ein deutsches Fußballländerspiel die Anreise.
Politik
FRANKFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TU NG
MONTAG , 11. APRIL 2016 · NR . 8 4 · S E I T E 3
Der Mann mit dem Hut spielte Bingo
Durch die Festnahme
Muhammad Abrinis
haben die belgischen
Ermittler weitere
Belege für eine
Verbindung zwischen
den Brüsseler und den
Pariser Anschlägen.
Von Michael Stabenow
BRÜSSEL, 10. April
elgiens Innenminister Jan Jambon übte sich am Wochenende in
Vorsicht. „Eine Schlacht wurde
gewonnen, aber noch nicht der
Krieg“, sagte der flämische Politiker. Das
war am Samstagnachmittag – nach der Bekanntgabe durch die Staatsanwaltschaft,
dass die Polizei am Vortag Muhammad
Abrini gefasst habe, und kurz vor der offiziellen Bestätigung, dass es sich dabei um
den ominösen „Mann mit dem Hut“ handele. In die Erleichterung darüber, dass
ein Hauptverdächtiger der Brüsseler Terroranschläge am 22. März endlich gefasst
worden sein dürfte, mischt sich in Belgien die Befürchtung, dass damit die Terrorgefahr noch nicht gebannt ist. So
bleibt es in Belgien nach der Festnahme
Abrinis und dreier weiterer verdächtiger
Personen bei der zweithöchsten von vier
Terrorwarnstufen, bei der eine Bedrohung als „ernst und wahrscheinlich“ gilt.
Seit den Anschlägen auf dem Flughafen und in einer U-Bahn, bei denen drei
Selbstmordattentäter 32 Menschen töteten, und zu denen sich die Terrormiliz „Islamischer Staat“ bekannte, war fieberhaft nach Abrini und möglichen Komplizen gefahndet worden. Schon am 2. März
hatten die Fahnder ein unmittelbar vor
dem Anschlag in der Abfertigungshalle
des Flughafens aufgenommenes Bild von
drei Tatverdächtigen mit Gepäckwagen
veröffentlicht. Kurz darauf gelang es,
zwei der drei Männer als Selbstmordattentäter zu identifizieren: den 24 Jahre alten Najim Laachraoui und den fünf Jahre
älteren Ibrahim El Bakraoui.
Wer der daneben laufende und mit weißer Jacke sowie Hut bekleidete Mann
war, wurde erst am Samstag aufgeklärt.
B
Dabei schien der Polizei der „Mann mit
dem Hut“ schon am 24. März in die Fänge gegangen zu sein. Die Meldungen, es
handele sich um einen 35 Jahre alten freien Journalisten, erwiesen sich rasch als
falsch. Die auch nach seiner Festnahme
im Stadtteil Anderlecht am Freitag fortbestehenden Zweifel an der Identität des
„Manns mit dem Hut“ hat Abrini, ein im
Brüsseler Problemviertel Molenbeek aufgewachsener 31 Jahre alte Sohn marokkanischer Einwanderer, offenbar selbst beseitigt. „Er ist mit den Ergebnissen verschiedener Ermittlungen konfrontiert
worden und hat seine Anwesenheit während der Ereignisse zugegeben“, teilte
die Staatsanwaltschaft mit. Sie verriet zudem, Abrini habe erklärt, nach dem Anschlag „seine Jacke in einen Abfalleimer
geworfen und seinen Hut verkauft zu haben“. Abrini war schon als Minderjähriger erstmals mit der Justiz in Konflikt gekommen. In Molenbeek, wo er in einer
Bäckerei gearbeitet hatte, war er unter
dem Spitznamen „Brioche“ bekannt.
Vor seiner Festnahme in Anderlecht
hatte er einige Tage bei einer 43 Jahre alten Frau auf dem Sofa übernachtet. Wie
die Zeitung „La Dernière Heure“ am
Sonntag berichtete, soll er der Frau zunächst in einer Kneipe ein Bier ausgegeben haben. Abrini habe ihr erzählt, dass
er versehentlich die Haustür zugeschlagen und daher weder Schlüssel noch
Portemonnaie noch Handy bei sich habe.
„Er spielte viel Bingo, hatte viel Geld bei
sich. Er hatte Bündel an Zwanzig- und
Fünfzig-Euroscheinen bei sich. Er hat sie
mir gezeigt“, zitierte die Zeitung Assia B.
Sie habe Abrini, der am Freitagabend
wieder ausziehen wollte, erst wenige
Stunden vor dessen Festnahme durch
Fernsehbilder erkannt, sich aber nicht getraut, umgehend die Polizei zu informieren. Abrini, der die Wohnung vor allem
abends verlassen habe, habe sie „gut“ behandelt. „Er hat mit mir niemals über Religion gesprochen. Im Gegenteil, er hat
mir nur Unsinn erzählt“, soll die Frau gesagt haben.
Aufschlussreicher war der Hinweis der
Staatsanwaltschaft, Abrinis Fingerabdrücke und DNA-Spuren seien in jenem
Haus in Schaerbeek gefunden worden,
von dem aus die Attentäter am 22. März
mit dem Taxi zum Flughafen aufgebrochen waren. Der Taxifahrer hatte die drei
Männer auf dem Fahndungsbild wiedererkannt und den Ermittlern den Weg in
die Wohnung gewiesen, in der die Spreng-
le, er habe sein Hütchen verkauft. „Daran glaube ich keine Minute“, sagte Van
Ostaeyen. Eher sei ein Manöver mit dem
Ziel zu vermuten, andere Mitglieder des
Terrornetzes zu schützen.
uch wenn nach der Festnahme
Abrinis und des am Freitag im
Stadtteil Laeken verhafteten
Osama Krayem die zwei zuletzt
noch auf freiem Fuß befindlichen mutmaßlichen Hauptverdächtigen der Brüsseler Anschläge hinter Schloss und Riegel
sind, herrscht weiter Ungewissheit über
die Verzweigungen des Terrornetzes. Mit
Krayem, der mit Khalid El Bakraoui sowie mit einem ähnlichen Rucksack wie
der Selbstmordattentäter kurz vor dem
Anschlag auf die U-Bahn gefilmt worden
war, führt abermals eine Spur nach
Schweden und zu Syrien-Kämpfern. Krayem, der die beim Anschlag auf den Flughafen verwendeten Sporttaschen in einem Einkaufszentrum erworben haben
soll, ist in Malmö aufgewachsen. In
Schweden, unweit von Stockholm, hatte
auch der 35 Jahre alte algerischstämmige
Muhammad Belkaid gelebt. Er wurde Mitte März bei einem Schusswechsel mit der
Polizei im Brüsseler Stadtteil Forest getötet und könnte, wie belgische Medien berichten, eine Schlüsselrolle im Terrornetz
gespielt haben. In Forest waren auch Spuren Abdeslams entdeckt worden.
Abdeslam soll im September 2015 Belkaid und den späteren Flughafenattentäter Laachraoui aus Ungarn abgeholt haben. Anfang Oktober soll er von Ulm aus
den mit ihm am 18. März gefassten
Amine Choukri und Krayem per Mietwagen nach Belgien gebracht haben. Wie es
am Sonntag hieß, soll die Polizei einen
weiteren, namentlich nicht bekannten
Mitfahrer suchen. Außerdem werde noch
jener Rucksack gesucht, den Krayem am
22. März an einem U-Bahnhof im Stadtteil Etterbeek getragen haben soll. Rund
einen Kilometer davon entfernt hatte die
Polizei am Samstag nach einem Verhör
Krayems eine Wohnung durchsucht, dort
aber weder Rucksack noch Waffen gefunden. In einem Punkt scheinen die Ermittler jetzt jedoch Gewissheit zu haben,
dass sich die Attentäter am Morgen des
22. März nicht allein aus Schaerbeek, sondern auch von der jetzt entdeckten Wohnung in Etterbeek auf den Weg gemacht
haben.
A
Zugriff in Anderlecht: Eine Handyaufnahme eines Anwohners zeigt die Festnahme Abrinis am Freitag.
sätze vorbereitet worden sein sollen.
Auch in einer anderen Wohnung in
Schaerbeek, in der Sprengstoffwesten gefunden wurden, soll Abrini Spuren hinterlassen haben.
amit scheinen die Ermittler weitere Belege für eine Verbindung
zwischen den Brüsseler und den
Pariser Anschlägen gefunden zu
haben, bei denen am 13. November 130
Menschen getötet worden waren. Zwei
Tage zuvor an einer Autobahnraststätte
in Nordfrankreich aufgenommene Bilder
zeigen Abrini gemeinsam mit seinem am
18. März in Molenbeek gefassten Jugendfreund Salah Abdeslam. Ihr schwarzer Renault Clio diente später als Fluchtfahrzeug bei den Pariser Anschlägen. Obwohl
Abrini sich am Abend des 13. Novembers
nach Zeugenangaben in Brüssel befunden haben soll, zählte er kurz darauf, wie
D
der am Morgen nach den Anschlägen aus
Paris zurückgekehrte Abdeslam, zu den
meistgesuchten Männern Europas. Abrini und Abdeslam sollen auch eine Bleibe
in Alfortville bei Paris angemietet haben,
die den Pariser Attentätern als Unterschlupf diente. Seit dem 22. März haben
sich die Hinweise auf Verbindungen zwischen den Brüsseler und Pariser Anschlägen verdichtet. So sind an den in Paris verwendeten Sprengstoffgürteln Fingerabdrücke des Flughafenattentäters Najim
Laachraoui entdeckt worden. Khalid El
Bakraoui, der jüngere Bruder des zweiten
Selbstmordattentäters am Flughafen, hatte sich im U-Bahnhof Maelbeek in die
Luft gesprengt. Er soll eine von den späteren Pariser Attentätern genutzte Wohnung in Charleroi angemietet haben.
El Bakraouis Bruder Ibrahim hatte in
einem Abfallbehälter in Schaerbeek eine
Art „Testament“ hinterlassen. Darin hieß
Foto Reuters
es, dass er nicht wie der kurz zuvor verhaftete Abdeslam sein Leben hinter Gittern verbringen wolle und sich verfolgt
fühle. Schon damals hatte dies die Vermutungen gestützt, der Anschlag in Brüssel
sei früher als geplant ausgeführt worden.
Diese These soll Abrini nach seiner Festnahme mit weiteren Belegen unterfüttert
haben. So soll er beim Verhör angegeben
haben, es habe Pläne für einen weiteren
Anschlag in Frankreich gegeben: unter
dem Fahndungsdruck der Polizei sei
dann aber früher als geplant – und zwar
in Brüssel – zugeschlagen worden.
In Belgien gibt es jedoch Stimmen, die
vor vorschnellen Schlüssen aus den Aussagen Abrinis warnen. Dazu gehört der
flämische Terrorismusforscher Pieter
Van Ostaeyen. Der Nachrichtenagentur
Belga sagte er, es sei kaum vorstellbar,
dass ein ranghoher IS-Kämpfer beim Verhör so schnell auspacke und zudem erzäh-
Auf der Achterbahn
Die CDU in Baden-Württemberg schafft klare Verhältnisse / Von Rüdiger Soldt
STUTTGART, 10. April. Wer derzeit Politiker in Baden-Württemberg ist, muss damit rechnen, dass sich die Lebensplanung
so schnell ändert wie die Fahrtrichtung
auf der Silverstar-Achterbahn im Ruster
Freizeitpark. Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann und der
CDU-Landesvorsitzende Thomas Strobl
erleben das gerade. Kretschmann hätte
vor fünf Jahren niemals damit gerechnet,
dass er mal eine Koalition mit der CDU
als Juniorpartner anführen müsste. Für
Thomas Strobl hatten sich alle Pläne, in
Stuttgart Ministerpräsident zu werden,
am Nachmittag des 5. Dezembers 2014 erledigt, als das Ergebnis einer Mitgliederbefragung bekanntgegeben wurde, nach
der gut 55 Prozent der Mitglieder für Guido Wolf und nur 44 Prozent für Strobl gestimmt hatten.
Vor vier Wochen verlor Wolf die Landtagswahl, damit ist der 56 Jahre alte
Strobl automatisch zum starken Mann der
Südwest-CDU geworden. In den ersten
Wochen nach der Wahlniederlage hatte
Strobl seine Partei und auch den Koalitionspartner noch mit einem Satz Erwin
Teufels vertröstet: „Erst das Land, dann
die Partei, dann die Person.“ Je länger der
Wahltag zurücklag, desto lauter wurden
die Bitten an Strobl, endlich für eindeutige Machtverhältnisse zu sorgen. Die CDU
und auch der grüne Koalitionspartner verlangten nach klaren Führungsstrukturen.
Strobl schuf diese am Freitagabend während einer Konferenz des Landesvorstandes und der Kreisvorsitzenden, die sich
zur Analyse des Wahlergebnisses getroffen hatten. „Ja, ich bin bereit, nach Stuttgart zu gehen. Dazu gehört auch, dass es
einen klaren Führungsanspruch für den
Parteivorsitzenden gibt in den nächsten
fünf Jahren.“ Und: „Ich fände es schön,
wenn Guido Wolf in der neuen Regierung
ein wichtiges Amt bekleiden würde.“ Mit
diesen Sätzen bekräftigte Strobl seinen
Führungsanspruch für die Koalitionsverhandlungen sowie seine Bereitschaft, als
stellvertretender Ministerpräsident und
wahrscheinlich als Innenminister, in eine
grün-schwarze Regierung zu gehen.
Interessant dürfte die Frage werden,
wer die Landtagsfraktion anführen wird.
Guido Wolf legte sich in dieser Frage am
Freitag nicht fest. Es ist aber zu erwarten,
dass er Minister wird, zum Beispiel für die
Ressorts Justiz und Europa. Die Zahl von
Wolfs Anhängern in der Fraktion
schwand noch am Freitagabend. Wolfs
Tage als Fraktionsvorsitzender dürften
auch deshalb gezählt sein, weil in der
CDU viele einen Dualismus zwischen
Fraktionschef und stellvertretendem Ministerpräsidenten unbedingt vermeiden
wollen.
Die Stimmung während der Sitzung am
Freitag wurde als „recht explosiv“ beschrieben, weil die Wahlforscher Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wah-
Grün, grün, grün sind alle meine Kleider, grün, grün, grün ist alles, was ich hab. Darum
lieb ich alles, was so grün ist, weil mein Schatz ein Grüner ist: Strobl und Kretschmann
am Mittwoch in Stuttgart
Foto dpa
len und Frank Brettschneider von der Universität Stuttgart-Hohenheim vor allem
Wolfs Wahlkampfführung für die Niederlage verantwortlich machten. In der CDU
ist die Unzufriedenheit mit Wolfs Wahlkampf genauso groß wie die Angst, in der
Koalition mit den Grünen an den Rand gedrängt zu werden.
Für die „neuartige Konstellation GrünSchwarz“, heißt es, brauche man nun einen Fraktionsvorsitzenden, der ein Vermittler sei – einen, der Kontakte ins grüne Regierungslager habe und zugleich
Themen der CDU profilieren könne. Genannt werden derzeit drei Abgeordnete:
der frühere Europaminister Wolfgang
Reinhart, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Volker Schebesta und auffallend häufig auch Willi Stächele, der frühere Finanzminister. Stächele gehörte über
einen Zeitraum von insgesamt 13 Jahren
unterschiedlichen Landesregierungen an
und ist seit 1992 Mitglied des Landtags.
Er zählt somit zu den erfahrensten Politikern der CDU im Südwesten.
Vor einer großen Herausforderung
steht auch der Landesvorsitzende Strobl.
Ein Verbleib in Berlin wäre für ihn risikoärmer gewesen als der Wechsel nach Stuttgart, wo noch ungewiss ist, wie gut oder
schlecht die erste grün-schwarze Koalition arbeiten wird. Der Heilbronner Bundestagsabgeordnete kann aber auf eine
breite politische Erfahrung zurückblicken. Seine Karriere begann in Heilbronn
in der Kommunalpolitik und als parlamentarischer Berater der CDU-Landtagsfraktion, zu dem er vom damaligen Fraktionsvorsitzenden Günther Oettinger gemacht wurde. Strobl gehörte immer zum
liberalen Lager des Landesverbandes.
Gleichwohl blieb er unter Ministerpräsident Stefan Mappus Generalsekretär, was
dazu führte, dass er nach der Wahlniederlage 2011 mit einem schlechten Ergebnis
zum Landesvorsitzenden gewählt wurde.
Zu Wahlkampfzeiten überhäufte Strobl
die Medien schon mal mit verbalradikalen Statements über die „grüne Dagegenpartei“, im politischen Normalbetrieb gehörte er aber stets zu denen im Landesverband, die mit Winfried Kretschmann, als
dieser noch in der Opposition war, regelmäßig das Gespräch suchten. Seit 2011
tat er viel, um die CDU zu modernisieren,
etwa mit dem Förderprogramm „Frauen
im Fokus“. Strobl hat sich somit auf die
neue Aufgabe nicht nur mit grünen Freizeithemden und Trachtenjankern mit grünem Einstecktuch vorbereitet, wie er sie
bei den Koalitionsverhandlungen jetzt
gern trägt. Wird er gefragt, ob er als christlicher Demokrat Brücken bauen könne,
antwortet er gern mit einem Hinweis auf
sein Privatleben: Er sei ein „evangelischer Franke“, der mit einer „katholischen Badenerin“ verheiratet sei. Gemeint ist Christine Strobl, die Tochter von
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble.
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Politik
SE IT E 4 · M O N TAG , 1 1 . A P R I L 2 0 1 6 · N R . 8 4
Orientierungslos auf Regierungskurs
Die Grünen diskutieren nach
dem Wahlsieg im Südwesten
ihren weiteren Weg. Die
Partei müsse Antworten
geben können, fordert
Winfried Kretschmann.
Von Johannes Leithäuser
BERLIN, 10. April
ie Grünen probieren neue Formeln aus, um die Geschlossenheit
zwischen ihren Parteiflügeln zu
wahren – jetzt, da sie in Baden-Württemberg mit einem Wahlergebnis von mehr
als 30 Prozent in den Rang einer Volkspartei vorgerückt sind, während sie in anderen Bundesländern bei den Wahlen im
März die Fünfprozenthürde nur knapp
überwinden konnten. Das Schlagwort für
das neue Selbstverständnis der Grünen
lautet „Orientierungspartei“ – auf dem
Länderrat, dem kleinen Parteitag der Bundes-Grünen am Wochenende in Berlin,
führten es viele Redner im Munde.
Während die Führungsriege der Realpolitiker in der Partei schon seit mehreren Jahren – seit dem Reaktorunglück
von Fukushima im Jahr 2011 – darauf
dringt, die Grünen müssten über ihre traditionelle Rolle einer Avantgarde- und
Minderheitenkraft hinauswachsen, fürchtet die Parteilinke stets, damit könnten zu
große inhaltliche Kompromisse verbunden sein. Nun haben sich beide Seiten auf
den neuen Orientierungsbegriff verständigt – und auf ein „ja, aber“, was den künftigen Regierungspragmatismus der Grünen betrifft.
Beim Länderrat der Grünen klang diese neue Verständigungslinie ungefähr so:
Der Wahlsieger Winfried Kretschmann,
der wohl auch künftig Baden-Württemberg als grüner Ministerpräsident regiert,
stellte erstens fest, die grünen Themen –
Klimaschutz, Ernährung, Menschenrechte – seien in der Gesellschaft längst keine
Minderheitenthemen mehr, sondern
mehrheitsfähig. Die Grünen könnten es
daher also zweitens nicht länger damit bewenden lassen, Idealforderungen zu vertreten, sie müssten vielmehr „Antworten“ geben, wie der Klimaschutz zu verbessern, wie die Flüchtlingskrise zu handhaben sei. Sie müssten über ihre eigene
Wählerklientel „anschlussfähig“ sein in
alle gesellschaftlichen Milieus hinein.
Der schleswig-holsteinische Umweltmi-
D
Neues pflanzen: Anton Hofreiter und Katrin Göring-Eckardt
nister Robert Habeck, einer der Bewerber
um die Spitzenkandidatur für die Grünen
zur Bundestagswahl, beteuerte, die Menschen suchten angesichts der aktuellen
Krisen nach Orientierung – „und die hat
keinen Ort“. Die Grünen seien aufgefordert, ihre Relevanz „in Taten und Vorschlägen zu beweisen“. Wenn es stimme,
dass Mehrheiten in der Bevölkerung
schon grünem Gedankengut folgten,
dann müssten die Grünen jetzt diese
Mehrheiten „erden und fluchten“. Und
Reinhard Bütikofer, der frühere Bundesvorsitzende und jetzige Chef der europäischen Grünen, stellte auf dem Berliner
Länderrat fest, die Partei könne „nicht
Foto dpa
länger erfolgreich sein mit der Addition
kleinteiliger Minderheiten-Interessen“.
Bütikofer, der vor Wochen schon die gegenwärtige Lage der Partei in der TwitterEmpfehlung zusammenfasste, die Grünen
sollten nun „Kretschmann nicht kopieren,
aber kapieren“, stellte jetzt die dringlichste Forderung auf, die Grünen müssten
nun „zur Orientierungspartei werden“.
Seine Kollegin im Europaparlament Rebekka Harms sekundierte: Bislang hätten
es die Grünen noch nicht geschafft, ihre
Strukturen „von APO auf Regierungsbeteiligung umzustellen“.
Konkrete Forderungen der Realos nach
Änderungen oder Öffnungen im Pro-
gramm der Partei blieben eher die Ausnahme, ein Schwerpunkt lag allerdings auf
der Frage, wie die Partei ihr Verhältnis zur
Wirtschaft und Industrie gestalten solle.
Der Parteivorsitzende Cem Özdemir gab
an, Wirtschaft und Umwelt seien doch keine Gegensätze, die Grünen reichten Handwerk und Mittelstand die Hand. Kretschmann ließ wissen, er besuche alle zwei Wochen ein Unternehmen: es sei einfach an
den Grünen, den Beweis zu führen, dass
ökologische Modernisierung und Prosperität gemeinsam möglich seien.
Die Parteilinke unterließ am Wochenende den offenen Widerspruch, sie markierte lediglich in Nuancen ihre Vorbehalte.
Die Parteivorsitzende Simone Peter sagte,
„unter den richtigen Bedingungen“ könnten die Grünen weiter wachsen, und setzte
hinzu, diese Bedingungen seien eben von
Land zu Land und von den Ländern zum
Bund jeweils verschieden. Die Unterschiede zwischen den Parteien müssten sichtbar bleiben, mahnte sie außerdem. Der
stellvertretende Fraktionsvorsitzende Gerhard Schick sagte, es dürfe nicht dahin
kommen, dass die Kompromisse, zu denen die Grünen in Regierungsverantwortung gezwungen seien, „das grüne Bild“
bestimmten. Das zielte auf Kretschmanns
Verhalten in der Flüchtlingspolitik; die baden-württembergische Landesregierung
hatte zweimal Asylverschärfungen der großen Berliner Koalition im Bundesrat zu einer Mehrheit verholfen.
Der gleichfalls zur Parteilinken gezählte Bundestags-Fraktionschef Anton Hofreiter zeigte gleichfalls auf diesen Punkt:
Natürlich seien einerseits „Kompromisse
auf Landesebene“ kein „Verrat“ – andererseits aber „muss klar sein, was ist unsere
Haltung?“ Hofreiter ließ allerdings auch
erkennen, dass sich in der gegenwärtigen
Lage der Flügelstreit der Grünen nicht
länger an den Wunsch-Koalitionspartnern orientiert, also die Linke nicht
mehr, wie einst, ausdrücklich für ein rotgrünes oder rot-rot-grünes Bündnis plädiert. Jetzt ließ es der Fraktionsvorsitzende damit bewenden, einen allgemeinen
Regierungsanspruch für seine Partei zu
formulieren: „Dieses Land braucht wieder Grün auf Bundesebene“, rief Hofreiter, „und dafür kämpfen wir.“ Eine Satzungsänderung, wonach künftig Koalitionsverträge im Bund rasch durch Mitgliederentscheide bestätigt werden können,
wurde von den Delegierten einstimmig
angenommen.
Schließung der Schmerzgrenze
Wie sich die AfD anderen europäischen Rechtspopulisten annähert – auch dem Front National / Von Justus Bender
FRANKFURT, 10. April. Wäre Alexander Gauland ein Pedant, er müsste sich
für seine Worte selbst bestrafen. Der Beschlusslage des AfD-Vorstandes folgend,
müsste der stellvertretende Bundesvorsitzende auf die Einleitung eines Ordnungsverfahrens dringen und sich selbst eine
Abmahnung zustellen – genauso wie den
Landesvorsitzenden von Berlin, Thüringen und Sachsen-Anhalt, Beatrix von
Storch, Björn Höcke und André Poggenburg. Der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende Marcus Pretzell wiederum
müsste sich im Rückblick als ungerecht bestraft fühlen – denn für Annäherungen an
ausländische Rechtspopulisten, wie sie
dieser Tage von seinen Parteifreunden zu
hören sind, war Pretzell im März 2014
noch von der Parteiführung mit einer Verwarnung gerügt worden.
Damals hatte Pretzell eine Veranstaltung der AfD-Jugendorganisation „Junge
Alternative“ (JA) besucht, auf der Nigel
Farage von der britischen Ukip-Partei
eine Rede hielt. Die Teilnahme von Pretzell galt als Affront. Mit der rechtspopulistischen Ukip wollten damalige AfD-Politiker wie Bernd Lucke und Hans-Olaf Henkel nichts zu tun haben. Schon im November 2013 hatte der AfD-Bundesvorstand
beschlossen, „dass Kontakte von Funktionsträgern der AfD zu ausländischen Parteien mit dem Bundesvorstand abzustimmen sind“. Pretzells Verhalten sei eine
„Missachtung“ dieses Beschlusses gewesen, deshalb werde er verwarnt. Das war
vor fast drei Jahren.
Und im April 2016? Da trifft sich Gauland am 5. April mit dem FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky in Nauen und
spricht über Gemeinsamkeiten. Da verkündet die Europaabgeordnete Beatrix
von Storch am Freitag ohne Rücksprache
mit der Parteiführung ihren Beitritt zur
rechtspopulistischen
EFDD-Fraktion,
der auch Ukip angehört. Da lobt Höcke
am Samstag auf einem Landesparteitag
in Arnstadt nicht nur die Pegida-Bewegung, sondern auch die österreichische
FPÖ und sagt, man müsse das Verbindende mit dem rechtsextremen Front National (FN) in Frankreich herausstellen –
und nicht das Trennende. Im März 2014
hätte eine solche Aussage von Höcke mit
an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu einem Ordnungsverfahren geführt. Schließlich hatte seine ähnlich gefärbte Aussage, nicht alle NPD-Mitglieder seien extremistisch, den AfD-Bundesvorstand im Mai 2015 zu einem Amtsenthebungsverfahren inspiriert, das nach
der Abspaltung des wirtschaftsliberalen
Flügels eingestellt wurde. Wie sehr sich
die Schmerzgrenzen der AfD-Funktionäre seither verschoben haben, zeigt der
Vergleich mit der Gegenwart.
Im April 2016 ist aus der AfD vor allem Zustimmung zu hören. Am Sonntag
verkündete Poggenburg auf Twitter: „Die
FPÖ ist die natürliche Verbündete der
AfD!“ Ebenfalls am Sonntag spekulierte
Gauland über eine gemeinsame Europafraktion mit dem FN. Sollte sich in naher
Zukunft eine Fraktion aus EU-Kritikern
unter Beteiligung des FN gründen, sollte
die AfD dieser beitreten, sagte Gauland
dieser Zeitung. „Man muss den FN ja
nicht lieben, aber es kann der Moment
kommen, in dem man sagen muss, wir
können mit dem FN zusammenwirken,
auch wenn wir nicht mit allem einverstanden sind, wofür er steht.“ Und die einstigen Empfindlichkeiten des AfD-Bundesvorstandes zu Kooperationen mit ausländischen Rechtspopulisten? „Das hat sich
weitgehend entkrampft“, sagte Gauland.
Gemeinsamkeiten mit dem Front National: Höcke am Samstag in Arnstadt
Frankfurter Zeitung
Gründungsherausgeber Erich Welter †
VERANTWORTLICHE REDAKTEURE: für Innenpolitik: Dr. Jasper von Altenbockum; für
Außenpolitik: Klaus-Dieter Frankenberger, Dr. Nikolas Busse (stv.); für Nachrichten: Dr. Richard Wagner; für „Zeitgeschehen“: Dr. Reinhard Müller; für „Die Gegenwart“: Dr. Daniel
Deckers; für Deutschland und die Welt: Dr. Alfons Kaiser; für Politik Online: Thomas Holl;
für Wirtschaftspolitik: Heike Göbel; für Wirtschaftsberichterstattung und Unternehmen:
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An solchen Lockerungsübungen hat
auch die AfD-Bundesvorsitzende Frauke
Petry ihren Anteil. Gemeinsam mit Pretzell und dem bayerischen Landesvorsitzenden Petr Bystron hatte sie den FPÖ-Vorsitzenden Heinz-Christian Strache in Düsseldorf getroffen – und über „Visionen für Europa“ gesprochen. Das Ergebnis der Veranstaltung war die Verkündung einer „Blauen Allianz“ zwischen dem bayerischen
AfD-Landesverband und der FPÖ. In der
Praxis sollen FPÖ-Politiker künftig vermehrt zu AfD-Veranstaltungen eingeladen werden. „Die Summe der Gemeinsamkeiten ist groß“, sagte Bystron. Man wolle
künftig auch mit ähnlichen Parteien in der
Schweiz und der Tschechischen Republik
zusammenarbeiten.
In der Vergangenheit wurden Debatten
über Bündnisse in der AfD wie Stellvertreterkriege geführt. Sie hatten in Wahrheit
nicht eine Bewertung des Front National
oder der FPÖ zum Inhalt, sondern die Frage, in welche Richtung sich die AfD entwickeln soll. Entsprechend pikiert reagierte
der als gemäßigt geltende Bundesvorsitzende Jörg Meuthen, als Höcke dem FN
im Dezember zum Wahlsieg bei den französischen Regionalwahlen gratulierte. Er
halte dies „für falsch und unangemessen“,
erklärte Meuthen damals. Petry hingegen
hat seit 2014 eine Wandlung durchlaufen.
Als im damaligen sächsischen Landtagswahlkampf drei AfD-Kandidaten den
FPÖ-Politiker Andreas Mölzer einluden,
reagierte sie verhalten. Der frühere Europaabgeordnete Mölzer hatte die EU einst
als „Negerkonglomerat“ bezeichnet und
das „Dritte Reich“ im Vergleich als „liberal“. Petry sagte damals im MDR, die Einladung sei die „Einzelaktion“ eines Kandidaten, der seine „Kompetenzen überschritten“ habe – zwanzig Monate bevor sie
selbst den FPÖ-Vorsitzenden Strache einlud. Dabei stand unter dem Vorstandsbeschluss, der solche Alleingänge kritisierte,
im Jahr 2013 auch ihr eigener Name.
F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G
Die ganze Wahrheit
mit ein paar Lücken
Krise zwischen Italien und Ägypten wegen toten Studenten
ROM, 10. April. Italien hat kein Interesse an einem Konflikt mit Ägyptens Regierung; auch die Europäische Union
und die Vereinten Nationen brauchen
Kairo, unter anderem zur Beruhigung
der Lage in Libyen. Aber nun ist der Konflikt da: Abberufung des italienischen
Botschafters aus Kairo, Herabstufung
der bilateralen diplomatischen Kontakte, Reisewarnung an Touristen. Italiens
Ministerpräsident Matteo Renzi will
sich mit nichts anderem „als der vollen
Wahrheit“ über den grausamen Mord
am italienischen Doktoranden Giulio
Regeni zufriedengeben. Das versprach
er dessen Familie und der Nation. Aber
alles deutet darauf hin, dass Sicherheitsleute von Machthaber Abd al Fattah al
Sisi den 28 Jahre alten Soziologen, der
Ägyptens Sozialbewegung und die Gewerkschaften erforschte und in oppositionellen Kreisen verkehrte, am 25. Januar verschleppten, folterten und Tage
später an der Ausfallautobahn nach
Alexandria in den Graben warfen. Die
ägyptische Staatsanwaltschaft beteuert
stets, „volle Kooperation bei den Ermittlungen“ zu leisten, aber die italienische
Regierung ist mehr als skeptisch.
In der vergangenen Woche trafen sich
die ägyptischen und italienischen Ermittler zu zweitägigen Beratungen der
bisherigen Ermittlungsergebnisse. Immerhin brachten die Generäle aus Kairo
ein Dossier von 2000 Seiten mit. Darin
fehlten aber Videos, die Überwachungskameras in Regenis Nachbarschaft aufgenommen hatten, und die besonders begehrten Listen der wohl einige hundert
Namen umfassenden Kontakte Regenis
sowie seine Telefondaten, die darüber
Aufschluss geben, mit wem der Ermordete in seinen letzten Tagen gesprochen
hatte. Doch die ägyptische Staatsanwaltschaft verweigert die Einsicht in diese
Daten mit Hinweis auf den in der Verfassung verankerten Datenschutz: „Diese
Forderung verstößt gegen die Verfassung und könnte eine Straftat darstellen“, sagte Vize-Generalstaatsanwalt
Mostafa Suleiman bei einer Pressekonferenz am Samstag in Kairo. In Italien hält
man das für Chuzpe, scherten sich ägyptische Sicherheitsdienste doch sonst
auch nicht um Datenschutz. Hier sollten
offenbar eigene Sicherheitsleute gedeckt werden, so der Vorwurf; und so waren die zweitägigen Beratungen am Freitag ohne Ergebnis abgebrochen worden.
Noch am selben Tag rief Italiens Außenminister Paolo Gentiloni seinen Botschafter in Kairo, Maurizio Massari „zu
Konsultationen“ zurück. Am Sonntag
berichteten Zeitungen von einer bevorstehenden Herunterstufung, einem
„downgrade“, der bilateralen Beziehungen. Man könnte die jährlichen Regierungsgespräche einfrieren. Das Außenministerium könnte Italiens Touristen
von Reisen nach Ägypten abraten. Auf
dem ökonomischen Sektor wird von
Sanktionen gesprochen. Da aber dürfte
ziemlich schnell eine Schmerzgrenze erreicht sein. Nach jüngsten bilateralen
Ramallah hofft auf Obama
Resolutionsentwurf zur Zwei-Staaten-Lösung
hcr. JERUSALEM, 10. April. Die palästinensische Führung versucht, mit einer
Resolution des UN-Sicherheitsrats neue
Bewegung in die Bemühungen um eine
Beilegung des Nahost-Konflikts zu bringen. Ein erster Entwurf verlangt laut Presseberichten, Verhandlungen wiederaufzunehmen und binnen eines Jahres die
Zwei-Staaten-Lösung zu verwirklichen.
Zudem verurteilt der Text, der auch im Internet kursierte, die israelischen Siedlungen im Westjordanland als illegal zu bezeichnen. Vor fünf Jahren war im UN-Sicherheitsrat eine ähnlich lautende Resolution am amerikanischen Veto gescheitert.
Damals hatten alle anderen Mitglieder
des Gremiums den Vorstoß unterstützt,
den die Gruppe der arabischen Staaten
mit den Palästinensern eingebracht hatte.
Unter ihnen waren auch Deutschland,
Frankreich und Großbritannien. Der Text
hatte „jede israelische Siedlungsaktivität“
in den besetzten Gebieten und Ostjerusalem als illegal sowie als ein Hindernis für
die Zwei-Staaten-Lösung kritisiert.
In Ramallah hofft man nun darauf,
dass die amerikanische Regierung dieses
Mal keinen Einspruch einlegt. Nach mehreren gescheiterten Vermittlungsbemühungen war in Washington die Ungeduld
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Vereinbarungen will Italien durch seinen Eni-Konzern fünf Milliarden Euro
in den Abbau riesiger Gasvorkommen
vor Ägyptens Küste stecken. Kairo könnte zum Schaden Roms einen anderen Investor finden. Italien ist einer der wichtigsten Waffenexporteure für Ägypten.
Offenbar ein lukrativer Markt, den Italien nicht verlieren möchte. Bei dem gemeinsamen Kampf gegen islamistischen
Terror braucht Rom Ägypten ebenso.
Seitdem immer mehr Syrer versuchen,
über den langen Seeweg von der ägyptischen Küste aus Sizilien oder Kalabrien
zu erreichen, möchte Rom – im Interesse der gesamten EU – mit Kairo einen
Vertrag zum Kampf gegen Schlepper
schließen. Auch der könnte nun in Gefahr geraten. Aber nicht nur Italien
braucht Ägypten. Zur Stabilisierung der
erst zehn Tage alten libyschen Einheitsregierung von Fayez Serraj in Tripolis
spielt das Regime al Sisi eine wichtige
Rolle.
Offenbar hat aber auch Ägypten kein
Interesse an einer Zuspitzung der Regeni-Krise. Bei der Pressekonferenz in Kairo sagte der Vizestaatsanwalt, dass man
doch auf 98 Prozent der italienischen
Wünsche in Bezug auf das Regeni-Dossier eingegangen sei. Das Zurückhalten
der Kontaktlisten sei nur eine kleine
Ausnahme. „In jedem Fall haben wir beschlossen, weiter mit der italienischen
Justiz zusammenzuarbeiten.“ Bei den
Gesprächen habe es „keine großen Divergenzen gegeben, weder im Grundsatz noch von Bedeutung“, beteuerte Suleiman. „Mit Bedauern“ soll Außenminister Samech Shoukry auf die Abberufung des italienischen Botschafters reagiert haben. Der Minister habe mit Gentiloni telefoniert, um die Misshelligkeiten beizulegen.
Vor der Mordtat waren die bilateralen
Beziehungen geradezu aufgeblüht. Renzi war der erste EU-Ministerpräsident,
der dem ägyptischen Machthaber al Sisi
in Kairo die Aufwartung machte; und
dieser kam bei seiner ersten Europa-Reise nach Rom. Doch dann verschwand
Giulio Regeni, der sich mit einem Forschungsstipendium der Universität Cambridge in Kairo aufhielt, und wurde
neun Tage später tot und schwer misshandelt aufgefunden. Seine Finger- und
Fußnägel waren ausgerissen, seine Ohren abgeschnitten. Erschrocken reagierte Ägyptens Obrigkeit und wartete mit
immer neuen Ermittlungsergebnissen
auf. Regeni sei von einer Bande von fünf
Kriminellen überfallen und ermordet
worden; Islamisten hätten Regeni getötet, um der ägyptischen Regierung zu
schaden, lauteten zwei von fünf Versionen. Tatsächlich aber weist nicht zuletzt
die Art der Folterungen auf den ägyptischen Sicherheitsdienst hin. Auch sei
auffällig, dass die ägyptische Polizei genau die Informationen zurückhalte, die
ihr bei der Verfolgung der linken ägyptischen Opposition nützlich sein könnten,
wird in Italien beobachtet. In Rom hieß
es am Sonntag trocken. „Wir wollen weiter die ganze Wahrheit.“ (jöb.)
mit der israelischen Regierung gewachsen. Im März zitierte der amerikanische
Journalist Jeffrey Goldberg Präsident Barack Obama, kaum ein anderer Politiker
im Nahen Osten habe ihn so sehr enttäuscht wie der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. In Jerusalem
hatte man zuletzt befürchtet, dass Frankreich eine Nahost-Resolution einbringen
könnte. In Paris war zeitweise auch eine
neue Nahost-Friedenskonferenz ins Gespräch gebracht worden.
Netanjahu warf dem palästinensischen
Präsidenten Mahmud Abbas vor, direkten
Gesprächen aus dem Weg zu gehen. Eine
UN-Resolution würde Verhandlungen
nur erschweren. Sowohl Netanjahu als
auch Abbas haben sich zu Gesprächen bereit erklärt, nachdem sie sich seit Jahren
aus dem Weg gegangen sind. Laut israelischen Berichten wird Abbas am 22. April
in New York sein, um an einer Klimakonferenz teilzunehmen. Bei dieser Gelegenheit könnte er sich auch vor dem UN-Sicherheitsrat für die neue Resolution einsetzen. Die Existenz eines entsprechenden Entwurfs bestätigte am Wochenende
ein Sprecher des amerikanischen Außenministeriums, ohne Hinweise auf das eigene Abstimmungsverhalten zu geben.
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Politik
FRANKFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TU NG
MONTAG , 11. APRIL 2016 · NR . 8 4 · S E I T E 5
Wo Finnland nah und doch fern ist
Wichtiges in Kürze
Syrer gesteht Brandstiftung
Nach der Brandstiftung in einem auch
als Flüchtlingsunterkunft genutzten
Haus in Bingen hat ein festgenommener Mann aus Syrien die Tat gestanden.
Er gab auch zu, das Haus mit Hakenkreuzen beschmiert zu haben. Als Motiv habe der 26 Jahre alte Mann die beengten Wohnverhältnisse in der Unterkunft sowie eine fehlende Zukunftsperspektive angegeben, teilten Polizei und
Staatsanwaltschaft am Sonntag in
Mainz mit. Das Amtsgericht erließ Haftbefehl wegen schwerer Brandstiftung.
Bei dem Brand waren in der Nacht auf
Donnerstag vier Bewohner und zwei
Feuerwehrleute verletzt worden. (dpa)
In Karelien trifft
die russische
Wirtschaftskrise auf
einen Machtkampf der
Regierung mit örtlichen
Widersachern. Doch
auch ihr Oberhaupt hat
sich nun den Unmut
des Kremls zugezogen.
Von Friedrich Schmidt
PETROSAWODSK, im April
ie sich die Wirtschaftskrise auf
sein Leben auswirkt, misst Sergej
Inin, Unternehmer aus Petrosawodsk im Nordwesten Russlands, in Tonnen. Vor der Krise verkaufte er jede Woche bis zu fünf Tonnen Ersatzteile für Autos. Jetzt nur noch eineinhalb Tonnen. Entsprechend verdient Inin weniger, während
die Preise gestiegen sind. Weniger Geld,
weniger Reparaturen. „Die Leute spüren
die Krise“, sagt er.
Inin, Mitte 30, sitzt in einem Café am Lenin-Prospekt im Zentrum von Petrosawodsk, der Hauptstadt der Teilrepublik Karelien. „Neubrandenburg“ heißt es, zu Ehren der mecklenburgischen Partnerstadt.
Bei Inin sind an diesem Nachmittag drei
weitere Teilnehmer eines Seminars der
„Moskauer Schule der Selbstverwaltung“.
Die Nichtregierungsorganisation will Russen, die sich dafür interessieren, bei Wahlen anzutreten, beibringen, wie sie die vielen Hürden überwinden. Inin will im September, wenn im ganzen Land gewählt
wird, in den Stadtrat seiner Heimatstadt
einziehen und dort dafür sorgen, dass das
Leben in seinem Viertel besser wird. Er ist
Mitglied der Regierungspartei „Einiges
Russland“, aber klagt wie die anderen am
Tisch, die der Opposition zuneigen, dass
„die Macht“ in der Republik vor allem eigene Geschäftsinteressen vertrete und ihre
Gegner einschüchtere.
Sie feilen an einer Wahlkampagne für
Inin, um das Ergebnis später den anderen
Seminarteilnehmern vorzustellen. Ein
Mann der Regierungspartei im Austausch
mit Andersdenkenden: So etwas gibt es in
Karelien. Wie auch Unternehmergeist,
Machtkämpfe mit den für Russland typischen Kampfmitteln im Gewand von
Recht und Ordnung, und eine Rüge von
höchster Moskauer Stelle an die Adresse
des Republikoberhaupts. Was im Nordwesten passiert, spiegelt Entwicklungen in
ganz Russland womöglich deutlicher als andernorts; vielleicht, weil es Grenzland ist.
Die Region Karelien war lange zwischen Finnland und Russland umstritten.
Auf einer Kreuzung in Petrosawodsk, das
wie das 400 Kilometer entfernte Sankt Petersburg 1703 von Zar Peter dem Großen
gegründet wurde, erinnert ein Panzer daran, dass 1944 finnische Truppen aus der
Stadt getrieben wurden. Heute ist Karelien
zwischen beiden Ländern geteilt. In der
russischen Republik leben 630 000 Menschen, fast die Hälfte von ihnen in der
Hauptstadt. Die finnische Grenze verläuft
wenige Autostunden von Petrosawodsk
entfernt. Wer es sich trotz Rubeleinbruchs
und Wirtschaftskrise – das Durchschnittseinkommen soll bei umgerechnet rund
340 Euro liegen – leisten kann, fährt gern
hinüber. Zum Beispiel, um Westkäse zu
kaufen, seit Moskaus Lebensmittelembargo gegen die EU das Angebot ausdünnt.
Die Nähe bewirkt auch, dass es einen Vergleichsmaßstab gibt. Den Westen, sagen
Bewohner der „Hauptstadt am Onegasee“, erkennt man an den Straßen. In Petrosawodsk schwappt im März auch auf
Hauptverkehrsachsen Schmelz- oder Regenwasser, sammelt sich in Senken, verbirgt Schlaglöcher. In Karelien, sagen
manche zudem, glauben weniger Leute
die Moskauer Fernsehgeschichten von
auswärtigen Feinden und inneren Verrätern, die an Missständen schuld sein sollen, als andernorts.
Finnland ist auch konkret ein Hort der
Freiheit. Der wichtigste Oppositionspolitiker der Republik, Wassilij Popow von der
Papst reist in Krisenregion
W
Instruktionen aus Moskau: Präsident Wladimir Putin empfängt das Oberhaupt Kareliens, Alexander Chudilajnen.
Partei Jabloko, ist vor einem Jahr in die finnische Stadt Joensuu nahe der Grenze geflohen, weil ihm in der Heimat die Verhaftung droht. Seine Frau, die Jabloko im Regionalparlament vertritt, und zwei weitere
Frauen stehen vor Gericht. Es geht um einen angeblichen Betrug zu Lasten des Staates beim Ankauf eines öffentlichen Unternehmens, den Popow organisiert habe.
Laut Beobachtern ist das Verfahren einer
von mehreren Versuchen der Republikführung um deren Oberhaupt Alexander Chudilajnen, mit politischen Gegnern abzurechnen und sie im Wahljahr kaltzustellen.
Die Regierung in Helsinki prüft ein Gesuch Russlands, Popow auszuliefern. Einstweilen spricht er mit seiner Partei und seinem Unternehmen, einem Milchkombinat, vor allem über Skype, manchmal kommen Mitstreiter und Angestellte über die
Grenze. Popows Frau und die Kinder können ihn nicht mehr besuchen: Die Angeklagte musste ihren Pass abgeben. Bald
fällt das Urteil, ein Freispruch erscheint
ausgeschlossen.
Auch auf die Medien wächst der Druck,
berichten örtliche Journalisten. Ein kritischer Kollege floh vor kurzem ins Baltikum. Er war wegen eines „extremistischen“ Fotos im Internet; mittlerweile ist
der Extremismusvorwurf einer der gängigsten Vorwände zur Einschüchterung.
Noch vor wenigen Jahren, sagt einer der
Journalisten, war so etwas hier kaum vorstellbar. Ein örtlicher Bauunternehmer –
ein Mitglied von „Einiges Russland“, das
aber mit der Republikführung in Konflikt
geriet –, sitzt seit zwei Jahren ohne Anklage in Haft. Finnland ist doch weit weg.
Kein Wunder, dass sich viele ganz heraushalten aus der Politik. Der Vater einer
der Erfolgsgeschichten der Stadt zählt
dazu. Wadim Markelows Unternehmen
MB Barbell stellt hier seit drei Jahrzehnten
Trainingsgeräte für Fitnessstudios her: 350
Mitarbeiter, 5000 Tonnen in alle Welt ver-
FINNLAND
Halbinsel Kola
Kol
e
Weißes M
Archang
Archangelsk
changelsk
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Karelien
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Petersburg
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Ladogasee
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Sortavala
kaufte Geräte im Jahr. In der Fertigungshalle am Rande von Petrosawodsk, eine
Viertelstunde Fahrt über gewellte Pisten
entfernt, türmen sich Stahlgerüste. Es
riecht nach Eisen. Ein Motor hebt und
senkt seit Tagen ein knallblaues Gerät, an
dem man unter freiem Himmel an Gewichten trainieren kann; es wird getestet und
soll bald auf einer Messe in Köln vorgestellt werden. Markelow, Gründer und Eigentümer des Familienunternehmens,
sagt, man expandiere in der Krise, „möge
sie lange dauern“. Denn man verkaufe
mehr als zuvor, bedingt auch durch den
Fall des Rubels.
Er legt großen Wert auf Unabhängigkeit. Nicht einmal Bankkredite nehme er:
zu teuer wegen hoher Zinsen, zu viele Risiken. Und mit Politikern, sagt Markelow,
schließe er aus Prinzip keine Freundschaft.
Der Jabloko-Mann Popow habe ihn einmal zu einer Kandidatur bewegen wollen,
erzählt der Unternehmer. Aber da sei er kategorisch: „Entweder du verdienst Geld
oder du gehst in die Politik.“ Er will nicht
ausschließen, dass der Prozess gegen Popows Frau und die anderen nun politisch
motiviert sei. Aber das sei eine „Nuance“,
sagt Markelow. Der Fehler grundsätzlich:
Politiker und Geschäftsmann gleichzeitig
zu sein.
as Recht kann aber auch ein
stumpfes Schwert sein. Zurück in
der Innenstadt, nicht weit vom
Ufer des zugefrorenen Onegasees, wäre
Michail Goschkijew froh, wenn Entscheidungen der Gerichte vollstreckt würden.
Der pensionierte Richter, ein schmächtiger Mann Ende 60, sitzt in seiner kleinen
Wohnung am Alexander-Newskij-Prospekt, in der er mit seiner Frau seit mehr
als dreieinhalb Jahrzehnten wohnt. Als
ihr Mehretagenhaus aus roten Ziegeln gebaut wurde, regierte in Moskau noch Leonid Breschnew. Goschkijews Rechtskenntnisse prädestinierten ihn zum Sprecher
der Bewohner des Hauses im Kampf gegen die Einkaufspassage, die zwei Unternehmer und Brüder vor sechs Jahren an
das Haus anbauen ließen. Das Einkaufszentrum liegt zur Straße hin und direkt
unter den Fenstern der Bewohner – ohne
deren Zustimmung und ist damit illegal,
wie die Gerichte von Stadt und Republik
bis in die höchste Instanz bestätigten. Im
Sommer können die Goschkijews und die
anderen Bewohner wegen Ausdünstungen vom Dach des Baus nicht die Fenster
öffnen. Der Kriegsveteran im dritten
Stock könne sie auch nicht im Winter öffnen, sagt Goschkijew: wegen Schneemassen vor dem Fenster auf dem Dach der
Passage. „Schämen Sie sich nicht?“, habe
er den obersten Gerichtsvollzieher Russlands neulich bei dessen Besuch in Petrosawodsk gefragt. Angeblich sollen die Brüder nun bis Mitte Juni einen Plan zum Abbruch des Schwarzbaus vorlegen. Goschijew ist nach Jahren vergeblichen Kampfes
D
skeptisch: „Wir haben kein Vertrauen.“
Aber wehren müsse man sich doch.
Wehren will sich auch Galina Schirschina. Auch wenn ihre Erfolgsaussichten
noch geringer sind als die der Bewohner
des Hauses. Von September 2013 bis Ende
2015 war die junge Psychologin Bürgermeisterin von Petrosawodsk: Sie trat als unabhängige, von Jabloko unterstützte Kandidatin an und besiegte ihren Mitbewerber
von „Einiges Russland“. Seit der Stadtrat
sie ihres Amtes enthob, weil sie, so die Begründung, ihr Amt nicht ausgefüllt habe,
sitzt sie oft in einem Restaurant im Zentrum der Stadt, das ihr einen Platz zur Verfügung stellt. Anfangs sogar mit dem
Schild „Reserviert“, bis sie hier einmal einen finnischen Journalisten traf, der während des Gesprächs abgeführt und später
wegen Einreisevergehen des Landes verwiesen wurde.
In Karelien haben alle Instanzen Schirschinas Amtsenthebung bestätigt. Mittlerweile klagt sie vor Gericht in Moskau. Die
frühere Bürgermeisterin berichtet, wie
die Vertreter der Regierungspartei ihre
Arbeit sabotierten. Wie eine Lobby aus
Transportunternehmern im Stadtparlament die von ihr durchgesetzte Senkung
des Fahrpreises hintertrieb. Wie die Republikführung zugesagte Mittel zum Ankauf
eines Kindergartens in einem Neubaugebiet wieder zurückgezogen habe, so dass
die Stadt das Gebäude nicht habe ankaufen können. Bis heute steht es da, schlüsselfertig, schön, neu und leer. Für Schirschina ist ihre Amtsenthebung Teil eines
politischen Feldzugs der Republikführung gegen die Opposition.
„Waräger“ ist ein Wort, das in dem Zusammenhang oft fällt in Petrosawodsk:
eine ironische Anspielung auf den mittelalterlichen Stamm nordischer Krieger
und Händler. Moskaus Waffenbrüder, soll
das heißen, sollten die Republik auf Linie
bringen und örtliche Eliten ausschalten.
Karelier nennen das Beispiel eines Tochterunternehmens von Gasprom, das nun
die kommunale Energieversorgung kontrolliert. Sie weisen darauf hin, dass ein
Sohn von Republikoberhaupt Chudilajnen im Leningrader Gebiet in führender Stellung für den Konzern arbeitet. Es
gab Demonstrationen und Unterschriftensammlungen für die Amtsenthebung Chudilajnens, den Präsident Wladimir Putin
2012 aus dem benachbarten Leningrader
Gebiet nach Karelien geschickt hatte. In
Wahlen ließ sich das Oberhaupt bisher
nicht bestätigen, nächstes Jahr soll es so
weit sein. Wenn es so weit kommt. Denn
vor kurzem erteilte Putin seinem Mann in
Petrosawodsk eine „Rüge“, eine letzte
Warnung vor der Amtsenthebung. Anlass
ist ein Programm zur Übersiedlung von
Bürgern, die in Notunterkünften wohnen:
Bauten, die auf wenige Jahre ein Heim
bieten sollten, aus denen Jahrzehnte wurden. Viele von ihnen sind entsprechend
baufällig. Nur zu elf Prozent seien die Vorgaben des Programms in Karelien erfüllt,
Foto Imago
klagte der zuständige Minister im Februar
in einer Sitzung Putins mit dem Kabinett;
man kann sich eine Aufzeichnung auf der
Website des Kremls ansehen.
Der Präsident reagiert wie stets in solchen Fällen mit demonstrativem Unmut.
„Sekündchen. Haben Sie ihnen vielleicht
das Geld nicht rechtzeitig gegeben oder
nicht genügend?“, fragt Putin. „Nein, Wladimir Wladimirowitsch, alles wurde rechtzeitig überwiesen, dabei gab es keinerlei
Probleme“, antwortet der Minister. Die
Rüge folgte.
ehausungen, wie sie mit dem Moskauer Programm ersetzt werden
sollen, finden sich selbst im Zentrum von Petrosawodsk. So gleich hinter
dem Busbahnhof. „Ihr Haus wird umgesiedelt“, steht auf kleinen weißen Plaketten
an der Vorderseite einiger Holzhäuser.
Bis zum 1. September kommenden Jahres
soll es so weit sein. Aber das Feld, wo die
zukünftige Adresse stehen soll, ist leer.
Im obersten Stock von einem der Häuser
empfängt ein Rentner, der sagt, er habe
nie so gut gewohnt wie hier. Bei ihm sei
es warm, sagt der Mann, nur im Erdgeschoss frören die Bewohner im Winter.
Dann lädt er den Besucher nachdrücklich
zu Wodka ein.
Anders als Republikoberhaupt Chudilajnen wurde dessen Gegenüber im sibirischen Gebiet Transbaikalien wegen Nichterfüllung der Pflichten aus dem Umsiedelungsprogramm gleich entlassen. Die Schonung wird damit erklärt, dass das karelische Oberhaupt einen einflussreichen Fürsprecher habe: Sergej Naryschkin, Sprecher der Duma, des Unterhauses in Moskau, und früherer Leiter der Präsidialverwaltung, soll sich für seinen Bekannten
eingesetzt haben.
So gibt es viele Fragen an das Republikoberhaupt. Es empfängt in seinem Amtssitz ebenfalls am Lenin-Prospekt. Das örtliche Fernsehen filmt, wie Chudilajnen den
deutschen Gast eingangs misstrauisch
fragt, was denn das Interesse an Karelien
wecke. Er kenne „halb Moskau“, sagt er
dann zur Sache mit Naryschkin. In Richtung Moskau bekundet das gerügte Oberhaupt Reue und gelobt Besserung: Er sei
bestraft worden, weil er sich „vor Bevölkerung und Präsident schuldig“ gemacht
habe. In Richtung Opposition weist Chudilajnen die Vorwürfe zurück. Es laufe ein
„Kampf gegen Korruption und für Ordnung“, sagt er. Den Sicherheitskräften und
ihm selbst sei es gleichgültig, welcher Partei jemand angehöre. „Nur ein kleiner
Teil“ der Prozesse sei mit Jabloko verbunden, und nur die Partei beschwere sich.
Zugleich warnt das Republikoberhaupt
vor Aktivitäten ausländischer Geheimdienste in Karelien – welcher, will Chudilajnen nicht sagen, verweist aber auf Vorgänge in der arabischen Welt und der
Ukraine. „Man kann die Lage sehr leicht
destabilisieren, und unsere Aufgabe ist es,
das nicht zuzulassen.“
B
Der Vatikan hat am Samstag einen Besuch von Papst Franziskus in Armenien und Aserbaidschan angekündigt.
Auf Einladung des Patriarchen der Armenischen Apostolischen Kirche, Karekin II., werde Franziskus vom 24. bis
zum 26. Juni Armenien und vom 30.
September bis zum 2. Oktober
Georgien sowie Aserbaidschan besuchen. So wie der Papst im vergangenen Jahr auch die Zentralafrikanische
Republik besuchte, wird er damit in
zwei Staaten reisen, zwischen denen
es zuletzt in der Region Nagornyi Karabach zu Kämpfen mit mehr als 70 Toten gekommen war. (jöb.)
OSZE-Beobachter angegriffen
In der Ostukraine liefern sich die ukrainische Armee und prorussische Separatisten schwere Gefechte nördlich der
Großstadt Donezk. Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) verzeichneten an Frontabschnitten um Donezk
Hunderte Explosionen und Feuerstöße. Zum zweiten Mal in einer Woche
gerieten sie selbst unter Beschuss. Wie
die Mission in Kiew mitteilte, ereignete sich der Vorfall bei dem Ort Saizewe
auf ukrainisch kontrolliertem Gebiet.
Demnach hörte die Patrouille Samstag
Mittag den Einschlag einer Mörsergranate in 100 bis 200 Meter Entfernung.
Dann flogen drei oder vier Gewehrkugeln über die Beobachter hinweg. Niemand sei verletzt worden. Schon am
Donnerstag waren OSZE-Beobachter
beschossen worden. (dpa)
Guelleh bleibt Präsident
Djiboutis Staatspräsident Ismail Omar
Guelleh hat die Wahl wie erwartet im
ersten Durchgang gewonnen. Wie der
französische Rundfunksender RFI berichtete, erreichte er nach den am Samstag vorliegenden Zwischenergebnissen
87 Prozent der Stimmen. Der Oppositionspolitiker Omar Elmi Khaireh kam
als Zweitplazierter nur auf etwa sieben
Prozent. Mehrere Oppositionsparteien
boykottierten die umstrittene Wahl.
Menschenrechtsorganisationen werfen
Guellehs Regierung willkürliche Verhaftungen und Folter vor. (dpa)
Sanders gewinnt Wyoming
Der amerikanische Präsidentschaftsbewerber Bernie Sanders hat die Vorwahl der Demokraten im Bundesstaat
Wyoming mit 56 Prozent der Stimmen
gewonnen. Die frühere Außenministerin Hillary Clinton erreichte 44 Prozent und unterlag zum siebten Mal in
Folge ihrem Konkurrenten. Bei der Gesamtzahl der für die Nominierung zum
Präsidentschaftskandidaten der Demokraten notwendigen Delegierten verfügt Clinton gleichwohl weiter über einen deutlichen Vorsprung gegenüber
Sanders. Während beide Bewerber in
Wyoming nur um ihren Anteil an den
dort zu vergebenen 14 Delegiertenstimmen kämpften, entscheiden die Demokraten im Bundesstaat New York am
19. April über 291 Delegiertenstimmen. Dort könnte Clinton von ihrer
früheren Tätigkeit als Senatorin des
Bundesstaates profitieren. (dpa/Reuters)
Korrektur
Panama wurde 1989 von amerikanischen Truppen nicht während der Präsidentschaft Ronald Reagans besetzt,
wie es in unserer Ausgabe vom 9. April
hieß, sondern unter seinem Nachfolger
George H. W. Bush. (F.A.Z.)
Ein Mann, der eine Chance bekommen soll
Der voraussichtliche Nachfolger des ukrainischen Ministerpräsidenten Jazenjuk ist ein Mann des Präsidenten, gilt aber als sauber / Von Konrad Schuller
nes Schokoladenkonzerns „Roshen“ steht.
Dort lag der Direktwahlkreis, aus dem er
sich immer wieder ins Parlament wählen
ließ, und Wolodymyr Hrojsman, der jetzt
Regierungschef werden soll, war von seinem 27. Lebensjahr an als Bürgermeister
von Winnitza der verlässliche Administrator dieses Hinterlandes. Heute gilt er manchen Kritikern als Schirmherr der „Winnitza-Gruppe“ im Parlament – einer jener
vielen großen und kleinen Seilschaften,
die vor allem dazu da sind, Staatsbetriebe
zu kapern und zu plündern. Der vielleicht
bekannteste „Oligarchenjäger“ der Ukraine, der Journalist und Abgeordnete Serhij
Leschtschenko, weist jedenfalls auf Presseberichte hin, denen zufolge zwei frühere
Geschäftspartner Hrojsmans, die Brüder
Tkatschuk, eine der bedeutenden Pfründen des Landes, die staatliche Post, unter
ihre Kontrolle gebracht hätten – der eine
als Vorstandsvorsitzender und der andere
als „politischer Arm“ des Clans in der Präsidentenfraktion des Parlaments. Solche
Verflechtungen von Politik, Familie und
Geschäft sind zwar keine Beweise, aber
doch typische Indizien für die ukrainische
Form der Oligarchenwirtschaft. Für
Leschtschenko ist Hrojsman allein deshalb schon inakzeptabel – dass er in seiner
Funktion als Parlamentsvorsitzender
nicht immer dazwischengefahren ist,
wenn das Präsidentenlager wieder einmal
versuchte, den Kampf gegen die Korruption zu bremsen, kommt erschwerend hinzu.
Aber Leschtschenko steht mit seiner
harten Kritik an Hrojsman auch unter seinen eigenen politischen Weggefährten
ziemlich allein da. Für viele der Reformkräfte in der Ukraine ist er akzeptabel, obwohl sie seine Nähe zum Präsidenten mit
Unbehagen sehen. „Er sollte seine Chance
haben“, sagt etwa der Abgeordnete Mustafa Najem, der einer der Köpfe der MajdanRevolution war. „Es ist nicht das
Schlimmste, was uns passieren konnte.“
Ähnlich äußert sich Switlana Salischtschuk, seinerzeit eine der führenden
Aktivistinnen der Zivilgesellschaft und
heute wie Najem beim „demokratischen
Flügel“ der Präsidentenfraktion im Parla-
ment: Hrojsman, sei
zwar keine Traumbesetzung als Regierungschef. Im Gegenteil: Er
sei ganz klar „ein
Mann des Präsidenten“, der sich durch
ihn „das größte Stück“
von der „Torte“ der
W. Hrojsman
ukrainischen Machtstrukturen sichere – aber eines spreche
ebenso klar für diesen Kandidaten: „Wir
haben bei ihm nie etwas von schmutzigen
Geschäften gehört.“
Kein Schmutz an den Händen – das ist
der Minimalkonsens in der Ukraine, deren
demokratische Revolution wegen der russischen Aggression nach ihrem Sieg im
Frühjahr 2014 rasch gezwungen war, einen unbequemen Pakt mit einem Teil jener politisierenden Milliardäre zu schließen, die sie eigentlich entmachten wollte.
Das fleischgewordene Sinnbild dieses
Pakts ist Poroschenko, der demokratisch
ins Präsidentenamt gewählte Großunternehmer, unter dem der Kampf gegen die
Foto Picture-Alliance
KIEW, 10. April. Schon mehrere Male sah
es in den vergangenen Wochen so aus, als
stehe eine Lösung in der Regierungskrise
in der Ukraine unmittelbar bevor – und
dann kam doch noch irgendetwas dazwischen. Dabei gibt es seit fast zwei Wochen
eine Einigung darüber, wer anstelle von
Arsenij Jazenjuk Ministerpräsident werden soll: Parlamentspräsident Wolodymyr
Hrojsman. Mit Jazenjuk lieferte sich Präsident Petro Poroschenko stets einen unausgesprochenen Machtkampf, Hrojsman ist
sein Kandidat. Wenn Hrojsman im Parlament bestätigt wird, tritt ein Mann an die
Spitze der Regierung, der sich seit langem
im Einflussbereich des Präsidenten bewährt hat.
Poroschenko nämlich besitzt wie viele
ukrainische Wirtschaftsmagnaten neben
einem privaten Fernsehsender, einer
Bank, einer politischen Partei und einem
Industriezweig auch so etwas wie ein persönliches Fürstentum – in seinem Fall ist
das die Gegend um die Provinzhauptstadt
Winnitza an der moldauischen Grenze,
wo die wichtigste Produktionsanlage sei-
Korruption zwar millimeterweise vorangeht, aber eben immer nur so weit, wie es
die Aktivisten erzwingen und die Interessen seiner Kaste erlauben.
Viele Aktivisten des Majdan scheinen
vor allem auch wegen der Lage im Osten
des Landes Hrojsman nun akzeptieren zu
wollen. Selbst die radikaleren unter ihnen,
etwa Oksana Syroid, deren kleine Parlamentsfraktion „Selbsthilfe“ den Präsidenten und die Regierung wegen ihres allzu
lauen Kampfes gegen Korruption und
Pfründenwirtschaft längst nicht mehr unterstützt, ist hier sehr pragmatisch: „Wir
müssen einfach jemanden finden, der weitermacht. Wenn die Koalition jetzt sagt,
das solle Hrojsman sein, dann ist das ok.“
Außer den äußeren Umständen spricht
aber noch etwas für Hrojsman – seine bisherigen Leistungen. Als jugendlicher Bürgermeister in Poroschenkos Winnitza (er
trat das Amt Ende 2005 im Alter von 27
Jahren an) war er geradezu phänomenal
erfolgreich. Ihm gelang die Öffnung der
autistischen postsowjetischen Verwaltung
für die Bürger, er brachte neuen Asphalt
auf die Straßen und Gratis-Internet in die
Straßenbahn – so stark war der frische
Wind, den dieser Sohn jüdischer Eltern,
gelernte Schlosser und früh gestartete Geschäftsmann in seiner Stadt wehen ließ,
dass das kleine Winnitza den Ruf erwarb,
die fortschrittlichste Stadt der Ukraine zu
sein.
Jetzt also könnte er im Alter von 38 Jahren Arsenij Jazenjuk ablösen, den Mann,
der 2014 nach dem blutigen Ende der Revolution ins Amt kam. Er bezeichnete sich
damals selbst als „Kamikaze-Ministerpräsidenten“ – über seine Popularität sagt er
mit beißendem Sarkasmus: Er werde wie
alle Regierungsmitglieder vom ganzen
Land gehasst „außer von der eigenen Familie“. Aber offenbar hat Jazenjuk Hoffnung, dass sich das wieder ändern könnte:
Populariätswerte seien eine vorübergehende Sache, sagte er in seiner Abtrittsrede.
Hrojsman übernimmt von ihm ein Land
im Überlebenskampf, geschüttelt von wirtschaftlicher Krise und einer äußeren Aggression, die bei weitem noch nicht zum
Stillstand gekommen ist.
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Die Gegenwart
FRANKFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TU NG
ie friedliche Revolution, die
Überwindung des Ost-WestSystemkonflikts, die Vereinigung Deutschlands und die
Überwindung der Spaltung
Europas: Erst 25 Jahre ist das her. Schon
wieder erleben wir eine neue, dramatische Wendung der Geschichte. Hunderttausende Flüchtlinge sind nach Europa gestürmt, nach Deutschland – eine Bewegung, die manche von einer neuen Völkerwanderung sprechen lässt. Sie trifft auf
ein verunsichertes, zerstrittenes Europa,
Deutschland darin eingeschlossen. Niemand weiß genau, welche Veränderungen
diese Entwicklung bewirken wird. Vermutlich aber werden die Wirkungen der nun
nicht länger zu leugnenden Tatsache, dass
Deutschland ein Einwanderungsland geworden ist, viel folgenreicher sein als die
der Wiedervereinigung.
Wir erleben jedenfalls, wie sich die politische Tagesordnung verändert hat –
durch die Hunderttausende, die zu uns geflüchtet sind, als wäre Deutschland das
Gelobte Land, das Paradies auf Erden.
Welch riesige Hoffnungen, welche zu befürchtenden
Enttäuschungen
(denn
Deutschland kann das Paradies auf Erden
nicht sein), welche große Aufgabe!
Gewiss ging und geht es auch weiterhin
vor allem um unmittelbare Hilfe und um
menschenfreundliche Aufnahme und damit um die Bewältigung immenser praktischer Probleme. Die Willkommenskultur,
die freundliche Aufnahme durch eine
Mehrheit der Deutschen, ist so überraschend wie erfreulich. Sie macht mir das
eigene Land unendlich viel sympathischer. Aber wir können sehen, wie schwer
das durchzuhalten ist, und haben auch deshalb keinen Anlass zu moralischer Überheblichkeit.
Könnten wir das miteinander verknüpfen: Empathie mit den Flüchtlingen, menschenfreundliche Aufnahme derer, die aus
Krieg und Not zu uns kommen, das herzliche Willkommen, das so viele Bürger auf
beeindruckende Weise gezeigt haben –
mit der nüchternen Einsicht, dass diese so
sympathische Willkommenskultur übersetzt werden muss in den mühseligen Alltag von Integration, die nicht ohne viele
praktische Probleme ist und ohne soziale
und finanzielle Lasten nicht zu haben sein
wird? Hier ist politische Rationalität gefragt und weniger der Versuch, daraus parteipolitisch Kapital zu schlagen oder gar
Ängste, Unsicherheiten, Vorurteile, Wut
auszubeuten für den eigenen politischen
Vorteil.
Wir ahnen, dass die deutsche Gesellschaft sich durch Migration stark verändern wird. Sich auf diese Veränderung einzulassen ist anstrengend, erzeugt Misstöne und Ressentiments und macht vielen
(Einheimischen) Angst, vor allem unübersehbar und unüberhörbar im östlichen
Deutschland. Pegida ist dafür ein schlimmes Symptom. Vertrautes, Selbstverständliches, soziale Gewohnheiten und kulturelle Traditionen: Das alles wird unsicher,
geht gar verloren. Individuelle und kollektive Identitäten werden in Frage gestellt –
durch das Fremde und die Fremden, die
uns nahe gerückt sind, durch die Globalisierung, die offenen Grenzen, die Zuwanderer, die Flüchtlinge. Die Folge sind Entheimatungsängste, die sich in der Mobilisierung von Vorurteilen, in Wut und aggressivem Protest ausdrücken. Genau das
ist die politisch-moralische Herausforderung für die Demokratie: dem rechtspopulistischen, rechtsextremistischen Trend,
der sichtbar stärker und selbstbewusster
geworden ist, zu begegnen, zu widersprechen, zu widerstehen.
Was ist zu tun? Worüber müssen wir
uns in unserem Land, in unserer verunsicherten, gespaltenen Gesellschaft verständigen? Notwendig ist erstens Ehrlichkeit
im Ansprechen und Aussprechen der Probleme und Aufgaben durch die Einwanderung so vieler Menschen. Ohne Beschönigungen, aber auch ohne Dramatisierungen und ohne Hysterisierung, also so sachlich wie möglich, sollten Politiker über diese Probleme sprechen, aber auch die Chancen benennen.
Das heißt vor allem zu begreifen, dass
eine pluralistischer werdende Gesellschaft keine Idylle ist, sondern voll von sozialem und kulturellem Konfliktpotential
steckt. Das heißt auch zu begreifen, dass
Integration eine doppelte Aufgabe ist: Die
zu uns Gekommenen sollen, sofern sie
hier bleiben wollen, heimisch werden im
fremden Land – und den Einheimischen
soll das eigene Land nicht fremd werden.
Heimisch werden heißt, die Chance zur
Teilhabe an den öffentlichen Gütern des
Landes zu haben, also an Bildung, Arbeit,
sozialer Sicherheit, Demokratie und Kultur partizipieren zu können. Es heißt
auch, menschliche Sicherheit und Beheimatung zu erfahren. Das ist mehr, als Politik zu leisten vermag. Gefragt ist vor allem
die Zivilgesellschaft mit ihren Strukturen
und Gesellungsformen, die einladend
oder abweisend sein können.
Die Erfüllung dieser doppelten Aufgabe verlangt viel Kraft und viel Zeit. Erinnern wir uns an die Integration von 15 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen
nach 1945: ein schwieriger Prozess, der
mindestens zwei Jahrzehnte gebraucht
hat. Erinnern wir uns an die sogenannten
Gastarbeiter. Der Schweizer Max Frisch
hat einmal gesagt: „Wir haben Arbeitskräfte gerufen, und gekommen sind Menschen.“ Die alte Bundesrepublik hat lange
der Selbsttäuschung angehangen, dass
man sich um die Gastarbeiter und deren
Integration nicht kümmern müsse. Die
Folgen dieser Fehleinschätzung sind bis
heute nicht überwunden. Und erinnern
wir uns an die „innere Einheit“ der Deutschen: Auch nach 25 Jahren sind nicht alle
Differenzen überwunden.
Notwendig sind, selbstverständlich,
sichtbare und hoffentlich erfolgreiche Anstrengungen zur praktischen Lösung der
Probleme der Aufnahme so vieler Fremder. Dabei wissen wir: Je größer die Zahl,
D
umso größer die Integrationsprobleme.
Deshalb sind ja fast alle Politiker der Meinung, dass eine Begrenzung der Einwanderung unvermeidlich ist. Der Streit geht
darüber, wie das politisch vernünftig,
rechtlich einwandfrei und menschlich anständig gelingen kann.
Notwendig ist auch eine offene und offensive Debatte darüber, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. In einer unsolidarischen, „homogenen“, eingesperrten
Gesellschaft? Wir Ostdeutschen haben
aber doch nicht die Mauer eingedrückt, damit wir unter uns bleiben in einer geschlossenen, eingesperrten Gesellschaft. Wir
wollten doch ins Offene und Freie! Wollen wir also jetzt das vereinigte Land egoistisch und etwa wieder mit Hilfe eines
Schießbefehls verteidigen und einen Wohlstandsnationalismus oder gar Wohlstandschauvinismus pflegen? Oder wollen wir
nicht vielmehr eine Gesellschaft der
Grundwerte, der Menschenrechte sein?
Und ein Land, das seinen humanen Verpflichtungen nachkommt? Der wichtigste
Satz des Grundgesetzes heißt: Die Würde
des Menschen ist unantastbar. Da steht
nicht: Die Würde des Deutschen ist unantastbar.
Das ist also die doppelte Aufgabe, die
der Begriff Integration meint: Sie wird nur
dort gelingen, wo beide Seiten, sowohl die
zu uns Kommenden wie auch die Aufnahmegesellschaft, Integration wollen und
das Notwendige dafür tun. Gegen die Mehrheit einer Gesellschaft kann Integration
nicht gelingen, und ohne die Integrationsbereitschaft und den Integrationswillen
der zu uns Gekommenen auch nicht!
Darauf müssen wir uns einstellen: Unser
Land wird dauerhaft pluralistischer, also
ethnisch und religiös und kulturell vielfältiger und widersprüchlicher werden. Dieser
Pluralismus wird keine Idylle sein, sondern
steckt voll von politisch-sozialem und religiös-kulturellem Konfliktpotential.
Diese Herausforderung ist nicht nur politischer, ökonomischer, finanzieller und
sozialer Art, sondern ganz wesentlich
auch kultureller Natur. Denn wenn in einer migrantischen Gesellschaft, die
Deutschland noch mehr werden wird, Integration eine der großen Aufgaben ist und
bleiben wird, dann müssen wir eine Vorstellung davon haben, wo hinein die zu
uns Kommenden integriert werden sollen. Dann müssen wir die einfache und zugleich manchen unangenehme Frage beantworten, wer wir sind, was wir anzubieten haben, wozu wir einladen.
Wir könnten das durchaus mit gelassenem Selbstbewusstsein tun. Schließlich
kommen die Flüchtlinge ausdrücklich
nach Deutschland, wollen unbedingt zu
uns – wegen unseres wirtschaftlichen Erfolgs und unseres Wohlstands, gewiss.
Aber doch auch wegen unseres Rechtsstaates, unserer Demokratie, unserer politischen Stabilität – die Schutz und Sicherheit und Zukunft verheißen.
Da ist zunächst und vor allem das Angebot unserer Verfassungswerte, auf die alle
gleichermaßen verpflichtet sind, die Einheimischen und die zu uns Kommenden.
Das sind die Regeln und Angebote unseres
Rechts- und Sozialstaates, die für alle gelten.
Erster Punkt: Die Grundwerte unserer
Verfassung stehen nicht zur Disposition.
Unantastbarkeit der Menschenwürde,
Gleichberechtigung, Respekt vor den Gesetzen des säkularen Rechtsstaates, Unterscheidung von Politik und Religion, Trennung von Kirche und Staat, Religionsfreiheit und Freiheit der Kunst, Toleranz,
Selbstbestimmung des Individuums (die
auch nicht durch Kollektivnormen, auch
nicht die einer patriarchalen Kultur, beschränkt werden darf). Diese Werte verpflichten alle, die zu uns Kommenden wie
auch die Einheimischen – sie verpflichten
also auch AfD, Pegida, Neonazis!
Des Weiteren: Die deutsche Sprache zu
erlernen, Ausbildung und Arbeit zu finden, das sind die ersten und weiteren notwendigen Schritte von Integration. Sie verlangen Anstrengungen von beiden Seiten,
den zu uns Kommenden, denen wir sie abverlangen müssen und dürfen, und der aufnehmenden Gesellschaft, unserem Bildungssystem, den Arbeitgebern, den Gemeinden, die diese Anstrengungen erbringen müssen. Wenn diese Integration gelingt, dann wird sie unseren Wohlstand
und unser friedliches Zusammenleben befördern!
Damit sie aber gelingt, stellen sich über
das bereits Benannte weitere Fragen, die
wir zu beantworten haben. Das sind Fragen nach unserem kulturellen Selbst: Wer
sind wir Deutschen, was ist das Eigene?
Was sind unsere Gemeinsamkeiten, die
den Zusammenhalt einer vielfältiger, widersprüchlicher und konfliktreicher werdenden Gesellschaft ermöglichen und sichern? Wie schützen wir uns vor Parallelgesellschaften und religiösem Fanatismus? Wie begegnen wir Ängsten, Vorurteilen und Entheimatungsbefürchtungen?
Für den Zusammenhalt einer pluralistischen Demokratie reicht nicht das allein
aus, auf das ganz selbstverständlich zunächst hingewiesen werden kann und
muss: die gemeinsame Sprache, die Anerkennung von Recht und Gesetz, der vielgerühmte und gewiss notwendige Verfassungspatriotismus. Auch nicht die Beziehungen, die die Gesellschaftsmitglieder
über den Markt und Arbeitsprozesse miteinander eingehen, nämlich als Arbeitskräfte oder Konsumenten.
Über all dies Selbstverständliche und
Notwendige hinaus bedarf es grundlegender Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen in dem, was wir Maßstäbe, Normen oder „Werte“ nennen. Es bedarf tendenziell gemeinsamer Vorstellungen von
der Freiheit und ihrer Kostbarkeit, vom Inhalt und Umfang von Gerechtigkeit, vom
Wert und von der Notwendigkeit von Solidarität, gemeinsamer oder wenigstens verwandter Vorstellungen von sinnvollem
und gutem Leben, von der Würde jedes
Menschen, von der Integrität der Person,
von Toleranz und Respekt.
MONTAG , 11. APRIL 2016 · NR . 8 4 · S E I T E 7
Das Fremde und
das Eigene
Deutschland hat in Europa nicht nur wirtschaftliche und politische
Macht. Unser Land ist auch eine kulturelle Macht durchaus besonderer Art. Für die, die zu uns kommen, enthält Integration diese
historisch-kulturelle Zumutung – auch wenn und gerade weil sie
aus muslimischen Ländern stammen.
Von Wolfgang Thierse
rungsgesellschaft? Die Antworten darauf
werden wir nur gemeinsam mit den zu uns
Kommenden muslimischen Glaubens finden. Wir sollten sie dazu einladen.
Zu der notwendigen Selbstverständigung darüber, was das Eigene ist, was wir
den zu uns Kommenden anzubieten haben, wozu wir sie einladen, muss die Antwort auf die Frage gehören, welchen (nicht
nur historischen) Rang und welche Gegenwärtigkeit die christlich-jüdische Prägung
unserer Kultur beanspruchen darf und
soll. Diese Frage erzeugt nicht selten Reaktionen zwischen Irritation und Unsicherheit, zwischen Trotz und Verschämtheit.
Als sei schon der Hinweis etwas Unziemliches und Integrationsfeindliches, dass unsere Kultur (nicht allein, aber doch wesentlich) christlich geprägt ist. Man dient aber
der Integration nicht, wenn man sich
selbst verleugnet und nur noch „Interkultur“ für zeitgemäß und legitim hält. Das
Bundesverfassungsgericht hat im Jahr
2009 in einem Urteil festgestellt: „Die Religionsfreiheit beschränkt sich nicht auf die
Funktion eines Abwehrrechts, sondern gebietet auch im positiven Sinn, Raum für
die aktive Betätigung der Glaubensüberzeugung und die Verwirklichung der autonomen Persönlichkeit auf weltanschaulich-religiösem Gebiet zu sichern.“
as ist die eigentliche Herausforderung von zunehmendem
religiös-weltanschaulichem
Pluralismus: Nicht einfach
Atheismus, nicht Laizismus
ist die Antwort auf „Religion im Plural“.
Es geht darum, diese Zumutung anzunehmen und sich der Anstrengung zu unterziehen, das Eigene zu vertreten und zu übersetzen, den anderen zu verstehen, eine gemeinsame Sprache zu finden. Jürgen Habermas formuliert es so: „In der Rolle von
demokratischen ,Mitgesetzgebern‘ gewähren sich alle Staatsbürger gegenseitigen
grundrechtlichen Schutz, unter dem sie
als Gesellschaftsbürger ihre kulturelle
und weltanschauliche Identität bewahren
und öffentlich zum Ausdruck bringen können.“ Daran werden wir miteinander zu arbeiten haben: an einem gemeinsamen Bürgerbewusstsein über alle kulturellen und
religiös-weltanschaulichen Differenzen
hinweg, gewissermaßen an einem neuen
Wir, das in der Lage ist, Toleranz, gemeinsame Verantwortung und Solidarität zu begründen!
„Niemand kann verlangen, dass unser
Land sich ändert“ (Viktor Orbán). Das ist
ein Satz der Angst, den mutmaßlich viele
Menschen auch in unserem Land teilen.
Es ist aber auch ein fataler Satz. Denn nur
offene, sich verändernde Gesellschaften
sind produktiv und haben Zukunft! Das
ist doch auch die Erfahrung von 1989: Geschlossene, eingesperrte Gesellschaften
bedeuten Stillstand, sind nicht überlebensfähig, müssen überwunden werden.
Die Veränderungen, die wir erleben, machen den Kulturbegriff in der Tradition
von Herder, die Fiktion einer homogenen
Nationalkultur, endgültig obsolet. Aber ist
deshalb Kultur nur noch vorstellbar als
Interkultur? Und haben wir die Tendenz
zur „Kreolisierung“, zum „kulturellen
McWorld“, zum „Kulturplasma“, also zum
kulturellen Einheitsstrom mehr als nur
durch Migrationsbewegungen durch ökonomische Macht befördert? Die Ängste allerdings genau davor, die Abwehr dessen,
der Kampf dagegen machen einen wesentlichen Teil der gegenwärtigen kulturellen
Globalisierungskonflikte aus, von denen
die emotionalen Auseinandersetzungen in
Deutschland ein Widerhall sind.
Offensichtlich erscheinen in Zeiten von
Massenwanderung und von gewalttätigen
Auseinandersetzungen gerade kulturelle
Identitäten besonders bedroht. Nationale
Identitäten geraten in Bewegung, aber sie
verschwinden deshalb nicht. Sie zu schützen wird ein verbreitetes und heftiges Bedürfnis, global und sogar im eigenen
Land. Dies als Kulturalisierung ökonomischer und sozialer Gegensätze zu kritisieren, halte ich für unangemessen. Vielmehr sollte es gehen: um die Unterscheidung zwischen legitimer kultureller Selbstbehauptung einerseits und fundamentalistischer Politisierung kultureller Identität
andererseits; um kulturellen Dialog als Begegnungs- und Verständigungsprozess
zwischen Verschiedenen; um die Ausbildung kultureller Intelligenz, also um die
Fähigkeit zum Verständnis von Denkmustern und Geschichtsbildern, von Narrativen, Ängsten und Hoffnungen der anderen, der Fremden – und diese Fähigkeit ist
nicht zu haben ohne ein Quantum an Distanz gegenüber der eigenen und kollektiven Identität.
Deutschland hat in Europa nicht nur
wirtschaftliche und politische Macht. Unser Land ist auch eine kulturelle Macht
durchaus besonderer Art, wie ein Blick in
die Geschichte zeigt: In den guten und
glücklichen Phasen der deutschen Geschichte hat unsere Kultur eine besondere
Integrationskraft bewiesen – und in den
schlechten Phasen unserer Geschichte
war das Land mit Abgrenzung und Ausgrenzung befasst. In der Mitte des Kontinents hat Deutschland in immer neuen
Anstrengungen und geglückten Symbiosen Einflüsse aus West und Ost, Süd und
Nord aufgenommen und etwas Eigenes
daraus entwickelt in gewiss widersprüchlichen und unterschiedlich langwierigen
Prozessen. Das macht die besondere Leistungsfähigkeit der deutschen Kultur aus.
Diese Geschichte und Tradition der kulturellen Integration gilt es selbstbewusst
fortzuschreiben.
D
Dieses nichtpolitische, sondern ethische
und kulturelle Fundament gelingender Demokratie – das ist nicht ein für alle Mal da,
sondern es ist gefährdet, ist umstritten,
kann erodieren. Es muss immer wieder
neu erarbeitet werden, es muss weitergegeben, vitalisiert, vorgelebt, erneuert werden.
Das ist der Sinn des so oft zitierten Satzes
des ehemaligen Verfassungsrichters ErnstWolfgang Böckenförde: „Der freiheitliche,
säkulare Staat lebt von Voraussetzungen,
die er selbst nicht garantieren kann.“ Die
Verantwortung für diese Voraussetzungen,
für dieses ethische Fundament unseres Zusammenlebens tragen alle Bürger, insbesondere die kulturellen Kräfte einer Gesellschaft und darin eben auch und in besonderer Weise Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, und zwar im Dialog, in
der Debatte miteinander.
ierter Punkt: Gerade in Zeiten
heftiger Umbrüche, beschleunigter technisch-wissenschaftlicher, wirtschaftlicher, sozialer und eben ethnischer Veränderungen ist das individuelle und kollektive Bedürfnis nach Vergewisserung und
Verständigung, nach Identität besonders
groß. Damit sind wir im Zentrum der Kultur. Sie und darin insbesondere die Künste
schaffen Erfahrungsräume menschenverträglicher Ungleichzeitigkeit, in denen die
Menschen jenseits ihrer Marktrollen agieren und sich wahrnehmen können.
Hier, in der Kultur, wird über Herkunft
und Zukunft, über das Bedrängende und
das Mögliche, über Sinn und Zweck, über
das Eigene und das Fremde reflektiert,
kommuniziert, gespielt und gehandelt.
Kultur ist eben mehr als normativer Konsens, als individuelle Werteübereinstimmung, auch mehr als das Bewusstsein von
der Kostbarkeit und der Gefährdung der
Freiheit und der Menschenwürde, mehr
als der notwendige Verfassungspatriotismus. Das ist sie alles auch, aber sie ist vor
allem Raum der Emotionen, der Artikulation und Affektation unserer Sinne, Raum
des Leiblichen und Symbolischen – wie
auch und gerade des Religiösen und des
V
Weltanschaulichen. Und sie ist der Ort
der Differenzen, ihrer Schärfung und Milderung zugleich.
Als je konkrete, je bestimmte, je besondere Kultur ist diese aber nicht nur ein Modus, ein Raum von Verständigung, sondern ein immer geschichtlich geprägtes
Ensemble von Lebensstilen und Lebenspraktiken, von Überlieferungen, Erinnerungen, Erfahrungen, von Einstellungen
und Überzeugungen, von ästhetischen Formen und künstlerischen Gestalten. Als solche prägt Kultur mehr als andere Teilsysteme der Gesellschaft die (relativ stabile)
Identität einer Gruppe, einer Gesellschaft, einer Nation.
Gilt das nicht mehr in globalisierter
Welt? Darf dies nicht mehr gelten in pluralistischer, migrantischer Gesellschaft?
Die beide gerade das Bedürfnis nach Identität verstärken – und dessen Befriedigung
zugleich erschweren. Von Hölderlin
stammt der Satz: „Das Eigene muss so gut
gelernt sein wie das Fremde.“
Aber was ist dieses Eigene? Was ist unser kulturelles Selbst? Dürfen, ja müssen
die Deutschen darüber reden und, ja, auch
streiten? Oder ist dies schon „kultureller
Protektionismus“ (Simone Peter)? „Mit
dem Hinweis auf Kultur fängt die ganze Misere an“, meint der Soziologe Armin Nassehi: „Was also ist das Deutsche? Hier zu leben. Mehr sollte man darüber nicht sagen
müssen.“ Aber vielleicht dürfen, hoffe ich!
Die islamistischen Terroristen nehmen
die westliche Kultur und den westlichen
Lebensstil so ernst wie der Westen vielleicht längst nicht mehr, so ernst, dass sie
ihn bekämpfen. Aber das von Ihnen Bekämpfte kann doch nicht bloß der müde
oder trotzige Hedonismus sein, der sich in
den Aufrufen nach den Pariser Mordtaten
ausgedrückt hat, nun erst recht auf Partys
zu gehen. Nichts gegen Spaßkultur, aber
sie allein kann ja nicht gemeint sein. Der
italienische Ministerpräsident Matteo Renzi sagt zu Recht: „Die wollen Terror, aber
wir antworten mit Kultur, die stärker ist als
Ignoranz.“ Oder mit den Worten von Daniel Barenboim: „Ich glaube, es ist wichtig,
den Ankommenden die hiesige Kultur zu
geben. Die Deutschen müssen überwin-
den, sich andauernd wegen ihrer Kultur
und Sprache schlecht zu fühlen . . . Sie haben eine grandiose Kultur. Die Flüchtlinge, die herkommen, sollen das lernen.“
Wer nach Deutschland kommt, der
muss sich auf den Grundkonsens einlassen, der dieses Land zusammenhält. Dann
kann er Teil der Nation werden – egal, woher er ist. Solche oder ähnliche Sätze hört
man jetzt häufig. Sie sind richtig, wenn in
den Grundkonsens auch kulturelle Gemeinsamkeiten eingeschlossen sind. Das
allerdings ist umstritten. Jedenfalls
scheint die Frage nach dem Eigenen (als
eine wesentlich kulturelle Frage) eigentümlich tabuisiert. Sie gilt irgendwie als
anrüchig-konservativ. Das ist sie aber
nicht, sollte es wenigstens nicht sein.
Denn wer nach Deutschland kommt,
der kommt in ein geschichtlich geprägtes
Land, der kommt – und das ist eine wesentliche Dimension von Kultur – in eine Erinnerungsgemeinschaft. Bundespräsident
Joachim Gauck hat es Anfang vorigen Jahres so gesagt: „Die Erinnerung an den Holocaust bleibt eine Sache aller Bürger, die
in Deutschland leben.“ Und: „Es gibt keine
deutsche Identität ohne Auschwitz.“
Gauck spricht hier von einer kulturellen
Erbschaft, die nicht auszuschlagen ist.
Integration nach Deutschland hinein
enthält diese historisch-kulturelle Zumutung für die zu uns Kommenden, auch
wenn und gerade weil sie aus muslimischen Ländern kommen. Charlotte Knobloch formuliert es so: „Wer hier leben will,
muss verstehen und respektieren, dass die
aktive Erinnerung an den Holocaust ebenso Staatsräson ist wie der Kampf gegen
Antisemitismus sowie das Einstehen für
die Existenz und die Sicherheit Israels.“
Was Charlotte Knobloch sagt, gilt
selbstverständlich nicht nur für die Neuankömmlinge, sondern auch für die Alteingesessenen. Aber wir sollten auch wissen,
dass die uns in Deutschland vertraute Erinnerungskultur durch die Veränderungen, die der Begriff Einwanderungsgesellschaft meint, auf den Prüfstand gestellt
ist. Was taugt von den Traditionen, Institutionen, Methoden, Ritualen für die Zukunft des Gedenkens in einer Einwande-
쏆 쏆
쏆
Der Verfasser war von Juni bis September 1990
Vorsitzender der in der DDR neu gegründeten
SPD und gehörte von 2013 an der Bundestagsfraktion der SPD an. Von 1998 bis 2005 war Thierse
Präsident des Deutschen Bundestages, von 2005
bis 2013 dessen Vizepräsident.
Robert Motherwell, Lyric Suite, 1965, Tusche auf
Reispapier, 27,9 × 22,9 cm © Dedalus Foundation,
Inc./VG Bild-Kunst, Bonn 2016
S E I T E 8 · N R. 84
MONTAG , 11. APRIL 2016
Deutschland und die Welt
F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G
Als das Terminal
zur tödlichen Falle wurde
Brandkatastrophe
nach verbotenem
Feuerwerk in Indien
Heute vor 20 Jahren brannte der Flughafen Düsseldorf
DELHI, 10. April (dpa/AFP). Bei der
unkontrollierten Explosion von Feuerwerk an einem Hindu-Tempel sind in Indien vermutlich mehr als 106 Menschen ums Leben gekommen. Das Unglück geschah in der Nacht zum Sonntag während des hinduistischen Neujahrsfestes Vishu im Bundesstaat Kerala. Neben dem Puttingal-Tempel explodierte ein Schuppen mit Feuerwerkskörpern. Bei der Explosion und der anschließenden Panik wurden laut Polizei
mehr als 300 Personen verletzt. Zum
Zeitpunkt der Explosion waren noch
Tausende bei der Vishu-Feier.
Die Explosion des Feuerwerks brachte auch ein angrenzendes Verwaltungsgebäude aus Beton zum Einsturz, wie
auf Fernsehbildern zu sehen war. Als
das Gebäude einstürzte, habe der Boden gebebt, sagte der Augenzeuge Lallu S. Pilla der Nachrichtenagentur
IANS. „Es herrschte absolutes Chaos,
und Betonstücke lagen überall verstreut.“ Die Opfer starben beim Einsturz des Gebäudes und dem anschließenden Feuer, wie die Polizei mitteilte.
Zudem sei bei dem Unfall eine Massenpanik entstanden, bei der weitere Menschen ums Leben kamen.
Am Nachmittag besuchte der indische Premierminister Narendra Modi
die Unfallstelle und einige Überlebende im Krankenhaus. Die Regierung werde der Staatsregierung in Kerala alle
mögliche Hilfe zur Verfügung stellen,
ließ er anschließend mitteilen.
Auch aus Europa kamen Beileidsbekundungen. Regierungssprecher Steffen Seibert schrieb auf dem Kurznachrichtendienst Twitter: Kanzlerin Merkel trauere mit den Menschen in Indien
um die Toten des Unglücks im Tempel
von Paravur und hoffe auf Genesung
der Verletzten. Auch Papst Franziskus
drückte sein tiefes Beileid für die Opfer
aus und ließ mitteilen, er bete für alle
Betroffenen.
Als das Feuer gegen 3.30 Uhr am
Morgen ausbrach, waren noch immer
mindestens 8000 Menschen an dem
Tempel versammelt, um das Neujahrsspektakel zu verfolgen. Nach Medienberichten fand an dem Tempel ein Wettbewerb zwischen zwei Feuerwerk-Veranstaltern statt. Derlei Wettbewerbe
sind gerade in Südindien üblich. Legal
sind sie in der Regel nicht.
Der Regierungschef von Kerala,
Oommen Chandy, sagte, die Tempelmitarbeiter hätten das Feuerwerk abgehalten, obwohl ihnen von den örtlichen
Behörden eine Genehmigung aus Sorge um die Sicherheit verweigert worden war. Anwohner berichteten, sie hätten sich schon früher bei den Behörden
über mangelnde Sicherheitsvorkehrungen bei Feuerwerken beklagt. Die Polizei leitete ein Strafverfahren gegen die
Tempelverwaltung ein. Die Zeitung
„The Hindu“ veröffentlichte ein Dokument auf der Internetseite, das ebenfalls belegen soll, dass die Veranstaltung nicht genehmigt war.
DÜSSELDORF, 10. April. Es war kurz
vor 16 Uhr am 11. April 1996, als sich
mit einem Mal eine gewaltige Feuerwalze durch die Ankunftsebene des Terminals A am Düsseldorfer Flughafens fraß.
16 Reisende erstickten binnen weniger
Minuten; eine Frau starb später im Krankenhaus an ihren schweren Verletzungen. 88 Reisende wurden zum Teil
schwer verletzt. Es entstand ein Schaden
in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro. Eine „peinliche, hochkonzentrierte Summe misslicher Einzelfaktoren“ führte nach Einschätzung des damaligen nordrhein-westfälischen Justizministers Jochen Dieckmann zu der größten Brandkatastrophe auf einem Passagierflughafen in Deutschland.
Es war der Donnerstag nach Ostern.
Neben Geschäftsreisenden waren viele
Urlauber und Abholer im Flughafen unterwegs. Es herrschte reger, aber routinierter Betrieb. Zur Routine zählten
auch Instandhaltungsarbeiten. Auf einer
Zufahrt über der Ankunftsebene von Terminal A begannen Arbeiter gegen 13
Uhr an einer metallbewehrten Dehnungsfuge mit Schweißarbeiten. Eigentlich handelte es sich nicht um eine große
Sache. Aber Schweißen ist brandgefährlich. Deshalb gibt es dicke Abhandlungen, Regelwerke und Vorschriften über
die Sicherheit beim Schweißen. Doch
der Chef der Schweißer hatte die vorgeschriebene Brandwache vergessen.
Gegen 15.30 Uhr fielen einem Taxifahrer Funken und Rauch an der Decke in
der Nähe eines Blumenladens auf. Er
alarmierte die Flughafenfeuerwehr.
Zwei ihrer Einsatzkräfte trafen zwar nur
wenige Minuten später ein, doch es verging noch einmal wertvolle Zeit, bis sie
im weitläufigen Gebäude die Arbeiter
auf der Zufahrt zur Abflugebene über
dem Blumenladen entdeckten. Umgehend forderten die Feuerwehrleute sie
auf, das Schweißen einzustellen.
Wie weit sich der Schwelbrand schon
ausgebreitet hatte, der durch kochendheißes Bitumen entstanden war, das aus der
Dehnungsfuge im vorschriftswidrig verwendeten Dämmmaterial tropfte, konnten die beiden Feuerwehrleute nicht ahnen. Wenig später spitzte sich die Lage
dramatisch zu. Durch die Hitzeentwicklung stürzte die Zwischendecke ein.
Schlagartig drangen große Mengen Sauerstoff ein, und aus dem Schwelbrand
wurde auf einer Länge von mehreren
hundert Metern eine Feuerwalze. Weite
Teile des Abfertigungsgebäudes waren
blitzschnell verraucht.
Besonders betroffen war die VIPLounge der Fluggesellschaft Air France,
wo allein acht Personen erstickten. Einige Reisende schlugen sich ihre Finger
blutig an Fenstern, die sich nicht öffnen
ließen. Nur einem französischen Unternehmer gelang es, sich aus der Lounge
zu retten. Er griff sich einen schweren
Sessel und zertrümmerte damit die Glasfront. Bei einem Sprung mehrere Meter
in die Tiefe zog er sich schwere Schädelverletzungen zu. Sieben Personen, unter
ihnen ein Vater mit seinem kleinen
Sohn, kamen ums Leben, weil Fahrstühle sie aus dem Parkdeck direkt ins Inferno transportierten. Als sich ihre Türen
öffneten, strömte der Rauch in den Fahrkorb und blockierte die Lichtschranke.
Ein Entkommen war für die Menschen
im Lift nicht mehr möglich. Derweil versuchten andere Reisende verzweifelt,
sich in den Flughafentoiletten in Sicherheit zu bringen. Ein Brite erinnerte sich
nach der Katastrophe, wie er mit anderen Fluggästen verzweifelt versuchte, die
Tür zum Waschraum mit feuchtem Toilettenpapier abzudichten. Einem Geschäftsmann gelang es, sein Unternehmen im heimischen Dresden per Mobiltelefon zu erreichen. Nach mehreren Versuchen schaffte es seine Mitarbeiterin
dann endlich, die Leitstelle der Düsseldorfer Feuerwehr zu erreichen und die
Einsatzkräfte aus der Ferne zu ihrem
Chef zu lotsen.
Die Düsseldorfer Feuerwehr kam in einem offiziellen Bericht zu der Einschätzung, dass sie der Einsatz bei der Flughafen-Katastrophe nicht nur „bis an die
Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gefordert“ habe, sondern dass diese auch überschritten wurde. Das Einsatz-Chaos be-
gann damit, dass die FlughafenFeuerwehr zu lange glaubte, die Sache
selbst in den Griff zu bekommen. Später
kamen dann zwar neben der Düsseldorfer Berufsfeuerwehr auch Einsatzzüge
aus Ratingen, Duisburg, Neuss oder Wuppertal hinzu. Doch die starke Rauchentwicklung führte zum Zusammenbruch
des Straßenverkehrs am Flughafen.
Schon die Anfahrt stellte die Einsatzkräfte vor die erste Herausforderung. Der
Qualm, die schiere Größe des Flughafenkomplexes und die chaotischen Verhältnisse verhinderten eine umfassende Erkundung. Weil die Flughafenfeuerwehr
auf einer anderen Frequenz funkte, war
es ihr nicht möglich, fortwährend und zügig mit den anderen Feuerwehren zu
kommunizieren. So mussten sich die auswärtigen Einsatzkräfte im weitläufigen
Flughafen selbst zurechtfinden. Das gelang mehr schlecht als recht, denn sie
hatten keine Gebäudepläne.
Als besonders problematisch erwies
sich, dass der Flugbetrieb zunächst nicht
eingestellt wurde. Maschinen fuhren bis
etwa 16.30 Uhr von den Terminals ab
oder steuerten sogar noch Flugbrücken
an. Auf den Rollfeldern und um die Terminals herum habe reger Verkehr geherrscht, heißt es in dem offiziellen Bericht der Düsseldorfer Feuerwehr. Die
flüchtenden Personen seien dadurch „in
hohem Maße“ gefährdet worden.
Auch bei der strafrechtlichen Aufarbeitung des Brandes kam es zu unsäglichen Pannen. Dreieinhalb Jahre nach
dem Unglück begann am Landgericht
Düsseldorf der Strafprozess wegen fahrlässiger Brandstiftung gegen elf Angeklagte. Doch als bekanntwurde, dass einer der Schöffen alkoholkrank war, platzte das Verfahren nach 42 Verhandlungstagen. Im zweiten Anlauf musste dann
ein Richter ausgetauscht werden – er hatte schon in einem Zivilprozess zum
Großbrand mitgewirkt. Dann wurde bekannt, dass gegen anderen Schöffen in einem anderen Fall wegen Brandstiftung
ermittelt wurde. Nach 89 Verhandlungstagen stellte das Gericht den FlughafenBrandprozess gegen die angeklagten Manager, Schweißer, Architekten und Verantwortlichen von Flughafen und Feuerwehr schließlich Ende 2001 ein.
Sie kamen mit Geldauflagen zwischen
3000 und 20 000 Euro, die nach ihrem
Einkommen bemessen waren, davon
und blieben straffrei. Denn nach Überzeugung des Gerichts war die Schuld jedes Einzelnen zu gering, um den Prozess
noch jahrelang fortzusetzen. Auch konnte das Gericht nicht klären, ob das Bündel von Baumängeln oder ein mögliches
Versagen der Einsatzkräfte für das Ausmaß der Katastrophe entscheidend war.
Auch durch die Untersuchung einer
von der Landesregierung eingesetzten
Expertenkommission sind die wichtigsten Zusammenhänge der Katastrophe bekannt. Demnach wurde beim Bau des
Terminals gegen Vorschriften verstoßen,
als in die Zwischendecke aus Kostengründen leicht brennbare Dämmplatten
eingebaut wurden. Es kam auch deswegen zu so vielen Todesopfern, weil die
Aufzüge mitten im Rauch stehen blieben
und es überall im Gebäude an Rauchmeldern und Fluchttüren mangelte. Auch in
der VIP-Lounge von Air France hatte
eine solche Tür gefehlt – was der Bauaufsichtsbehörde nicht aufgefallen war.
Als Konsequenz aus der Katastrophe
wurden die deutschen Brandschutzvorschriften verschärft. Gemeinsame
Übungen von Berufs- und Flughafenfeuerwehr sind heute selbstverständlich.
Auch verfügt die Düsseldorfer Feuerwehr heute über die Pläne aller wichtigen öffentlichen Gebäude.
Als „Düsseldorf International“ am 1.
Juli 2001 neu aufgebaut wiedereröffnete,
galt er als einer der modernsten und sichersten Flughäfen der Welt. Allein für
den Brandschutz wurden 100 Million
Euro ausgegeben. Heute sind Tausende
Rauchmelder und Sprinklerköpfe installiert, die Aufzüge fahren bei einem
Brand automatisch in eine sichere Etage, und es gibt große Entrauchungsanlagen. Auch für den noch immer nicht eröffneten Berliner Großflughafen gilt
„Düsseldorf International“ als Brandschutz-Maßstab.
REINER BURGER
Schweres Beben in Afghanistan
Zahlreiche Verletzte auch im Nachbarland Pakistan
KABUL, 10. April (dpa). Ein Erdbeben
der Stärke 6,6 hat am Sonntag den Nordosten Afghanistans und Teile Pakistans
erschüttert. Das Epizentrum lag nach
Angaben der amerikanischen Erdbebenwarte USGS in der Nähe der afghanischen Stadt Ashkasham im Hindukusch
nahe der Grenzen zu Pakistan und Tadschikistan. In Pakistan kamen nach ersten Angaben des Senders NDTV zwei
Menschen bei dem Beben ums Leben. In
der pakistanischen Stadt Peshawar wurden laut BBC 27 Menschen verletzt ins
Krankenhaus gebracht. Erschütterungen waren auch im Norden Indiens zu
spüren. In der Hauptstadt Delhi hätten
die U-Bahnen aus Sicherheitsgründen
eine halbe Stunde lang stillgestanden,
berichtete NDTV. In Srinagar in der
Kaschmir-Region im äußersten Norden
Indiens rannten Einwohner in Panik ins
Freie. Dort wurden auch Gebäude bei
dem Beben beschädigt. Erst im vergangenen Oktober hatte ein starkes Erd-
Ihm konnte geholfen werden: Ein ver-
letzter Junge in Peshawar wird ins Krankenhaus gebracht.
Foto AP
beben die Region heimgesucht. Mehr als
400 Menschen wurden getötet und Hunderte Häuser zerstört. In dieser Himalaja-Region stoßen die Indische und die
Eurasische Erdplatte aufeinander. Daher handelt es sich um eine der am
stärksten von Erdbeben gefährdeten Gegenden der Welt.
Vor der Landung: Die Falcon-Rakete nähert sich der Plattform im Atlantik an.
Bei der Landung: Die Falcon-Rakete setzt nach Plan auf.
Fotos Space X
Der Falke ist gelandet
Zum ersten Mal landet
eine Weltraumrakete
unversehrt auf dem
Meer. Nun kann sie wiederverwendet werden.
Von Horst Rademacher
SAN FRANCISCO, 10. April. Auf dem etwas unscharfen Video sieht alles ganz einfach aus. Auf dem offenen Meer, das vom
Wind zu weißen Schaumkronen aufgepeitscht ist, liegt ein rechteckiger Seeleichter aus Stahl vor Anker. Plötzlich
kommt von rechts oben ein extrem dünner langer Zylinder ins Blickfeld, der zunächst mit hoher Geschwindigkeit senkrecht auf einem Feuerschweif reitend auf
die Stahlfläche zuschwebt.
Kurz bevor der Zylinder das antriebslose Schiff erreicht, bremst er ab, landet
und steht, etwas unbeholfen balancierend,
auf der Plattform. Das Feuer unter ihm erlischt, der Rauch zieht ab – und in diesem
Moment wird auf der 2700 Quadratmeter
großen schwimmenden Stahlfläche mit
dem poetischen Namen „Natürlich liebe
ich Dich noch immer“ ein Stück
Raumfahrtgeschichte geschrieben. Zum
ersten Mal landete eine Weltraumrakete,
die zur Wiederverwendung bestimmt ist,
unversehrt auf dem Meer.
Genau achteinhalb Minuten zuvor, am
Freitag um 16.43 Uhr (Ortszeit), war die
zweistufige Falcon-9-Rakete mit der unbemannten Kapsel Dragon (Drache) an ihrer Spitze von der Startrampe 40 des Fliegerhorstes am Cape Canaveral in Florida
gestartet. Im Auftrag der Nasa sollte die
Rakete die Kapsel in eine Erdumlaufbahn
bringen, die für ein Rendezvous mit der Internationalen Raumstation (ISS) geeignet
ist. Dazu war die Kapsel mit mehr als drei
Tonnen Versorgungsgütern für die sechs
Astronauten beladen, die sich zurzeit an
Bord der ISS befinden. In den vergangenen Jahren wurde die ISS schon mehrfach
von der Kombination aus Falcon-Rakete
und Dragon-Kapsel versorgt, die vom amerikanischen Privatunternehmen Space-X
gebaut und betrieben wird.
Obwohl es sich bei der zweistufigen Falcon9 um eine Rakete handelt, die mit den
klassischen Flüssigtreibstoffen Kerosin
und Sauerstoff angetrieben wird, ist ihre
erste Stufe etwas ganz Besonderes. Sie ist
nämlich so konstruiert, dass sie schon wenige Wochen nach einem Einsatz wieder
zu einem Flug in den Weltraum starten
kann. Die Idee, Weltraumgefährte zu recyclen, ist nicht neu. Die Raumtransporter
der Nasa, mit deren Entwicklung vor
knapp 40 Jahren begonnen wurde, waren
ebenso wiederverwendbar wie die mit festem Treibstoff operierenden Zusatzraketen, die bei jedem Flug eines Space-
shuttles zum Einsatz kamen. Im Vergleich
zu den mehr als 8000 Raketenstarts, die es
seit Beginn des Raumfahrtzeitalters im
Jahr 1957 gab, flogen die Spaceshuttles allerdings sehr selten, nämlich nur 135 Mal.
Für alle anderen Weltraumflüge galt die
schon von Wernher von Braun bei den ersten Raktenversuchen während des Zweiten Weltkriegs in Peenemünde praktizierte Wegwerfregel: Satelliten und einige Reste von Raketen verglühen am Ende ihrer
Dienstzeit im Orbit in der Erdatmosphäre. Die meisten Raketenteile gehen jedoch
nach einem Start irgendwo weit weg von
Land im Ozean nieder und versinken.
Mit der fast 50 Meter langen und im
Durchmesser gut 3,50 Meter großen ersten Stufe der Falcon9 soll sich das nun
grundsätzlich ändern. Sie kann wiederverwendet werden, allerdings nur, wenn es gelingt, sie nach einem Start sicher und unversehrt zu landen. Bei früheren Flügen
traf die Rakete bei ihrer Rückkehr zwar
den Seeleichter, explodierte aber beim
Aufsetzen oder beim Umkippen kurz
nach der Landung. Im Dezember gelang
es erstmals, die mit neun Triebwerken ausgerüstete Rakete nach dem Start eines
Nachrichtensatelliten auf dem Gelände
des Cape Canaveral sicher auf den Boden
zu bringen.
Auf den ersten Blick mag es paradox erscheinen – aber für die amerikanische
Weltraumfahrt ist eine Landung auf der
Erdoberfläche technisch viel aufwendiger
und teurer als eine Landung auf einem
Seeleichter. Der Grund dafür ist die geographische Lage der amerikanischen Weltraumbahnhöfe. Sowohl das Cape Canaveral in Florida als auch der Fliegerhorst
Vandenberg in Kalifornien liegen jeweils
unmittelbar an der Küste. Aus Sicherheits-
Nach der Landung: Space-X-Gründer
Elon Musk erzählt am Cape Canaveral
von seiner historischen Tat.
Foto Imago
gründen erfolgen alle Raketenstarts von
beiden Orten aus jeweils seewärts, damit
es bei einem Zwischenfall zu keinem Absturz einer Rakete über Land kommen
kann. Bei diesen Starts über dem Ozean
sind die Raketen aber schon bis zu 300 Kilometer vom Land entfernt, wenn die erste Raketenstufe ausbrennt. Von einer solchen Position ist es dann recht schwierig,
das Gefährt zur Küste zurückzufliegen.
Für die russische Raumfahrt gilt das übrigens nicht, denn die beiden Kosmodrome
Baikonur in Kasachstan und Plesetsk in
Nordrussland liegen jeweils weit vom
Meer entfernt.
Für Space-X war es daher viel einfacher,
einen Seeleichter in einer günstigen Position auf dem Meer zu verankern. Am Freitag befand er sich etwa 320 Kilometer von
der Küste Floridas entfernt auf dem Atlantik. Dennoch waren eine ganze Reihe komplizierter Flugmanöver nötig, um die erste
Stufe der Falcon-9 zurückzubringen. Zunächst trennten sich die beiden Raketenstufen knapp 150 Sekunden nach dem
Start. Während die Oberstufe mit der Dragon-Kapsel weiter auf einen Orbit zuflog,
zündeten drei der neun Triebwerke der ersten Stufe nach der Trennung kurz und drehten dabei die Flugrichtung der Rakete um.
Statt sich immer weiter von der Erde zu
entfernen, drehte die Falcon9 in einer
Höhe von etwa 160 Kilometern einen Looping zurück in Richtung Erde. Die Geschwindigkeit der Rakete betrug dabei
etwa 4700 Kilometer pro Stunde.
In etwa 70 Kilometern Höhe, knapp
fünf Minuten nach dem Start, zündeten die
Triebwerke abermals für kurze Zeit. Sie
bremsten die Raketenstufe ab, damit sie
sich beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre nicht zu sehr aufheizte. Danach
sank die Stufe im freien Fall in Richtung
Seeleichter. Knapp 30 Sekunden bevor die
Rakete die Wasseroberfläche erreichte,
zündeten die Raketen wieder. Ihr nach
oben gerichteter Schubvektor bremste dadurch den Fall nach unten so weit ab, dass
die Rakete vier Federbeine ausfahren konnte, auf denen sie dann mit einer Endgeschwindigkeit von nur sieben Kilometern
pro Stunde auf dem Leichter landete. Kleine ausfahrbare Stummelflügel halfen in
den letzten Flugsekunden, die Rakete trotz
des Windes in der Vertikalen zu halten.
Kurz nachdem die Rakete auf der Plattform gelandet war, wurde eine Schweißerkolonne auf dem Leichter abgesetzt. Die
Monteure schweißten die Federbeine auf
der Stahlplattform fest, damit die knapp
50 Meter hohe Rakete bei Seegang nicht
umkippt. Dann manövrierten Schlepper
den Leichter zurück ans Cape Canaveral.
Dort wird die Raketenstufe in den nächsten Tagen mit einem Kran vom Leichter
abgehoben. Anschließend werden alle
Triebwerke, Tanks und Kontrolleinrichtungen überprüft und nötigenfalls ersetzt
oder repariert. Space-X plant, diese Stufe
schon im Juni für einen weiteren Raketenstart einzusetzen. (Siehe Firmen.)
Kurze Meldungen
Ein neuer Turm im Emirat Dubai soll
den derzeit höchsten Wolkenkratzer
der Welt überragen. Der Aussichtsturm
werde etwas höher sein als der ebenfalls in Dubai stehende Burj Khalifa,
teilte der Bauträger Emaar am Sonntag
mit. Die genaue Höhe werde aber erst
bei der Fertigstellung bekanntgegeben.
Der Turm sei „ein Geschenk an die
Stadt“ und solle noch vor der Expo im
Jahr 2020 in Dubai fertiggestellt werden, sagte Emaar-Chef Mohamed Alabbar. Der von Santiago Calatrava entworfene Turm soll an ein Minarett erinnern. Geplant sind Aussichtsplattformen sowie 18 bis 20 Etagen für Restaurants und ein Hotel. (AFP)
Die Schüsse im Rockermilieu in Heidenheim sind für eines der beiden Opfer tödlich gewesen. Ein Neunundzwanzigjähriger starb am Samstag an seinen
schweren Verletzungen, wie die Polizei
mitteilte. Er war am Donnerstag auf einer Straße von drei Schüssen getroffen
worden. Bei den Angeschossenen handelte es sich um Mitglieder der United
Tribuns. Die Angreifer gehörten den
Black Jackets an. Ein Fünfundzwanzigjähriger wurde bei dem Angriff verletzt. Die Polizei hatte kurz nach der
Tat drei Verdächtige im Alter zwischen
23 und 30 Jahren im benachbarten
Giengen festgenommen. Gegen einen
von ihnen wurde am Freitag Haftbefehl erlassen. Die anderen beiden kamen wieder auf freien Fuß. (dpa)
Eine junge Ladendiebin ist wegen eines vergessenen Handys an den Tatort
in Stuttgart zurückgekommen – und
wurde als Diebin erkannt. Wie die Polizei am Sonntag mitteilte, hatte sie Ohrringe in dem Geschäft gestohlen. Später merkte sie, dass sie ihr Handy dort
vergessen hatte. Sie kehrte zurück und
fragte eine Verkäuferin nach dem Mobiltelefon. Die erkannte jedoch den gestohlenen Schmuck, den die Sechsundzwanzigjährige bereits trug, und alarmierte einen Kollegen. Als der die
Frau darauf ansprach, griff sie eine
Bambusmatte und schlug auf den Verkäufer ein. Sie flüchtete, kehrte wenig
später aber reumütig zurück. Ihr blüht
nun eine Anklage wegen räuberischen
Diebstahls. (dpa)
FRANKFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TU NG
WANFRIED, im April. Der Fluss fließt,
doch die Zeit scheint zu verharren. Der
große Gasthof am Hafen, die Häuser an
der Schlagd, die gewundene Straße – sie
liegen im Tal der Werra wie seit Jahrhunderten, und die einfallende Dämmerung
bestärkt den Eindruck, dass alles unverändert ist, denn in der blauen Stunde löst
sich in den Silhouetten alles auf, was im
Straßenbild aktuell sein könnte – und es
bleiben die Häuser zum Wohnen, Arbeiten und Lagern, die Kirche und die Höfe.
Diese kleine Werrastadt entstand
durch Handel und Wandel, zog Reisende
an und ließ sie zu Bleibenden werden.
Denn an der Schlagd der Hafenstadt wurden tief im mitteldeutschen Binnenland
Schiffe mit Kaffee, Zucker, Öl, Gewürzen, Tabak, Tuch- und Wollwaren, Honig
und Wein, Fisch und Dörrobst be- und
entladen. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts
wurde Wanfried sogar in der Liste der
„fürnembsten Städte Europas“ geführt.
Mit dem Bau der Eisenbahn wurde es ruhiger am südlichen Endpunkt der Schifffahrt auf Weser und Werra. Doch die
Fachwerkstadt blieb ein Kreuzungspunkt
im Leben der Suchenden bis heute, ein
für den Einzelnen lange ungekannter und
vielfach spät entdeckter Sehnsuchtsort.
Zunächst kamen vor zehn Jahren die
Niederländer an die Werra, wo ihr „Wähnen Frieden fand“ – auch Richard Wagner soll von dem Namen „Wanfried“ berührt gewesen sein, so dass er sein Haus
in Bayreuth danach nannte. Seit ein paar
Jahren kommen die Deutschen und die
Italiener, weil die Wanfrieder liebevoll
mit ihrer Stadt umgehen und jeden, der
kommt, offen empfangen.
Die Häuser finden ihre Menschen.
Zum Beispiel Erich Böck, den Öko-Baustoffhändler aus Franken, und Sabine Niggewöhner, die Gesundheits- und Wellness-Unternehmerin aus Westfalen. Oder
Friedhilde Banholzer, die Lehrerin aus
Freiburg, und ihren Mann Schorsch, den
gebürtigen Münchner.
Wenn das westfälisch-fränkische Unternehmerpaar von Wanfried und der Begegnung mit den Einwohnern berichtet,
dann hat die Stadt die Fremden eingenommen. Das Paar traf zunächst in einem
Fernsehbericht auf die Stadt. Daraufhin
sah sich Erich Böck die Gegend an. „Und
ich bin dann da reingeschlittert“, sagt seine Partnerin. „Es gibt Orte, da könnte ich
nicht wohnen. Aber hier: Es herrscht Eigeninitiative, man wird angesprochen,
und das Haus hat uns gefunden.“
In Wahrheit sind es zwei Häuser, zudem zwei neuere, knapp hundert Jahre
alte, die das Paar „Vor dem Gatter“ zurzeit in Handarbeit ökologisch und mit
viel Hanf saniert. Die beiden Eigentümer
trinken sogar Hanfkaffee und essen Hanfschokolade – rauschfrei, wie sie glaubhaft
versichern, sonst sähen die frisch gelehmten Decken und Wände nicht so proper
aus. Beide Häuser haben im Erdgeschoss
ein Ladenlokal, in dem die Bewohner ihrem Broterwerb nachgehen können. Sabine Niggewöhner pendelt obendrein, denn
sie hat in Westfalen noch ein paar Aufgaben. Über den Läden lebt in einem Haus
das Paar, im anderen ist Raum für Gäste
und Probe-Bewohner, die einmal in einem Öko-Zimmer schlafen möchten, bevor sie selbst zu Lehm und Hanf greifen.
Das Ehepaar Banholzer aus Süddeutschland wohnt wiederum ein paar
Häuser weiter „Vor dem Gatter“ in einer
Fachwerkimmobilie. Das Holz für das
Tragwerk wurde noch vor der Reformation geschlagen. Unterm Dach wäre noch
viel Platz für ein Loft, und der Gewölbekeller ist groß. Doch Erd- und Obergeschoss reichen den beiden, selbst wenn
Kinder und Enkel einmal kommen. Ihre
Katze ist schon aus dem Badischen mit
umgezogen. Mit einem Satz steht sie auf
dem Tisch, betrachtet die Menschen rundherum auf Augenhöhe und lässt sich räkelnd auf der Holzplatte nieder, als sei alles ihres, ganz selbstverständlich.
Ähnlich erging es wohl ihren zweibeinigen Mitbewohnern. Sie kamen her und
fühlten sich wohl: „Es sagt ein jeder ,Guten Tag‘. Wenn man steht und suchend
Deutschland und die Welt
MONTAG , 11. APRIL 2016 · NR . 8 4 · S E I T E 9
Neues Leben im alten Fachwerk
Der Stadt Wanfried im Werratal liefen die Einwohner davon. Dann verhalf eine Bürgergruppe dem Ort zu neuer Blüte. Von Claus Peter Müller
So schön wie am Hafen sieht’s natürlich nicht überall aus: Aber Wanfried an der Werra gestaltet seine Randlage in der Mitte Deutschlands aufs Schönste.
schaut, hilft sofort einer, und wenn wir
eine Frage zu Wanfried haben, na, wer
ruft dann an? Der Bürgermeister!“ Anderswo, in München oder Freiburg, sei
das nie geschehen.
Dabei war der Umzug nach Wanfried
alles andere als ein Abenteuer, sondern
durch Recherche gut vorbereitet. Am Anfang stand die Liebe zum Fachwerk und
zu alten Städten. Der Norden, den die
Banholzers auch in Augenschein genommen hatten, war den Süddeutschen zu
flach und dem Schorsch aus München
viel zu preußisch. Hessen, auf halbem
Weg nach Süden, sei dagegen so etwas
wie der Vorhof zum Paradies. In und um
Wanfried gebe es alle Infrastruktur, in der
Stadt sogar einen Discounter, und der große Lebensmittelmarkt werde neu gebaut.
„Wenn Aldi kommt, hat die Stadt eine Zukunft“, sagt der Bayer, denn die Händler
recherchierten sehr genau.
Vor allem aber ließ die Bürgergruppe
die Fremden näher kommen und zu Mitbürgern werden. Denn einst sah es hier
bitter aus. Nicht nur der Warenstrom auf
dem Fluss war lange versiegt, auch die
Weltgeschichte hatte ihren Strich durch
die Rechnung der Wanfrieder gezogen –
die kleine Stadt in der Mitte Deutschlands wurde in einer Randlage zurückgelassen. Die einstige hessische Hafenstadt für das westliche Mitteldeutschland,
mit Handelswegen nach Mühlhausen und
Erfurt, lag unmittelbar westlich der Zonengrenze mit Stacheldraht, Selbstschussanlagen und Minen. Ein scheinbar hoff-
Fotos Nora Klein
nungsloser Niedergang begann. In Kassel, eine gute Autostunde westlich von
hier, hieß es ebenso derb wie offen: „Wir
sind zwar nicht am Arsch der Welt, aber
wir können ihn schon sehen.“
Die Jungen aus dem Werratal wandten
sich nach Westen ab, allein die Alten blieben bis zum Tod. Und der kam irgendwann, mit großer Zuverlässigkeit. Nach
dem Mauerfall setzte eine Zwischenblüte
ein. Denn die Thüringer dachten zwar an
die Ansiedlung von Gewerbe und Behörden, nicht aber an die Aufnahme von
Fremden, die der neuen Aufgaben wegen
nach Osten zogen. Vielfach wohnten sie
Auch die Katze ist dabei: Friedhilde Ban-
Sie retten ihre Stadt: Wilhelm Gebhard,
Mit viel Hanf renoviert: Erich Böck und
holzer kam aus Freiburg – die Liebe zum
Fachwerk war nur einer der Gründe.
der Bürgermeister (links), und Jürgen Rüdiger, der Sprecher der Bürgergruppe
Sabine Niggewöhner haben sich einen
Traum ausgebaut.
im Osten des Westens, wie in Wanfried,
und pendelten von dort aus in den Westen des Ostens, wo nicht wenige bis heute
lieber unter sich bleiben. Zu alter Blüte
kehrte Wanfried freilich nicht zurück,
und schon war die Einwohnerzahl von
5000 in Richtung 4000 im Fall.
Da begannen einige Wanfrieder, sich
dem Niedergang entgegenzustellen. Sie
schlossen sich vor zehn Jahren zu jener
Gruppe zusammen, von der die Neubürger so begeistert sprechen, legten ein Kataster der damals 21 leerstehenden Häuser an und boten Interessenten, die ein
Haus suchten, unentgeltlich zu jeder Tages- und Nachtzeit ihren fachmännischen
Rat an. Die Gruppe, unter ihnen auch Architekten und ein Elektrotechnik-Ingenieur als Sprecher, wollte andere von der
Schönheit Wanfrieds überzeugen. Der Erfolg war ihr Lohn.
Auch Wilhelm Gebhard gehört von Anfang an zur Bürgergruppe. Im Jahr 2007
wählten ihn die Wanfrieder erstmals zu ihrem Bürgermeister. 2013 bestätigten sie
ihn mit mehr als 90 Prozent der Stimmen.
Während der vergangenen sieben Jahre,
sagt Gebhard, gab es etwa 250 Eigentümerwechsel von Grundstücken und
Häusern in der Stadt. Etwa 50 der Überschreibungen ging die Beratung durch die
Bürgergruppe voraus, die sogar ein eigenes Fachwerkmusterhaus hat, um über
alle Tücken, Formen und Chancen der Sanierung aufzuklären.
Zunächst kamen die Niederländer,
kauften die von ihnen geliebten Fachwerkhäuser und ließen sie sanieren. Das
Haus selbst, teils mit Schuppen, Wald
und Wiese, war meist unglaublich günstig, aber der Sanierungsaufwand konnte
mit bis zu 2500 Euro je Quadratmeter
Wohnfläche gewaltig sein. Nach einer Immobilienkrise in den Niederlanden kamen die Deutschen, vor allem aus den
teuren Ballungsräumen, und sogar eine
italienische Familie.
Seit einigen Jahren ermuntern die niedrigen Zinsen die Neugierigen, ihren Wünschen nachzuziehen und in der Summe einige Millionen Euro entlang der Werra
auszugeben. Zu- und Wegzüge, sagt Bürgermeister Gebhard, halten sich wieder
die Waage. Früher zogen jedes Jahr im
Saldo 100 Bürger fort.
Die Stadt, sagt Gebhard, hat – außer zu
dem Musterhaus – zu all dem keinen Cent
hinzugegeben. Im Gegenteil, Geld wäre
Gift. Denn der Erfolg ist nicht zu kaufen.
Die Eigeninitiative, die Offenheit und
Freundlichkeit gegenüber den Suchenden
begründen den Erfolg. Die Wanfrieder
kennen darum Neider, die glauben, das alles ginge nicht mit rechten Dingen zu, vielleicht weil sie selbst nie so selbstlos handelten, wie es die Mitglieder der Bürgergruppe tun. Andere, sagt Gebhard, entschieden von oben herab: „So wie in Wanfried machen wir es auch.“ Die Stadtverordneten stellten dann im schlimmsten
Fall den Antrag auf die Gründung einer
Bürgergruppe und beauftragten ein Unternehmen mit einem Leerstandskataster.
Um das kümmere sich am Ende keiner,
denn das Bürgerengagement, so meint
Gebhard, lässt sich doch nicht befehlen
oder beschließen.
Diana Wetzestein, die aus einer Familie
mit einer viele hundert Jahre alten Zimmermannstradition stammt, sieht die leeren Stadtkassen als Vorteil: „Das Bürgerengagement kann wachsen. Wir wollen
mitmachen, ohne in eine Ecke gedrängt
zu werden.“ Nun gibt es sogar eine Bürgergenossenschaft, die Häuser kauft, saniert,
vermietet und weitere Bürger für Wanfried als Wahlheimat gewinnt. „Es sind alles besondere Leute, die kommen“, sagt
Friedhilde Banholzer, „innovativ und aufgeschlossen, die alles neu machen.“ An
dieser alten Stadt am Fluss fließt der
Strom der Zeit nicht mehr vorbei.
PERSÖNLICH
Es war eine Rettung wie im Film: Drei
Seeleute, die auf einer unbewohnten Pazifik-Insel gestrandet waren, haben die
Buchstaben „HELP“ (Hilfe) in den Sand
geschrieben und so Rettungsflugzeuge
auf sich aufmerksam gemacht. Die Buchstaben hatten sie aus Palmblättern zusammengelegt. Die amerikanische Küstenwache auf Hawaii berichtete, die Männer
seien am 4. April mit einem kleinen Boot
zur Insel Weno in Mikronesien unterwegs
gewesen, als sie schiffbrüchig wurden und
sich schwimmend auf das unbewohnte Eiland Fanadik, mehrere hundert Kilometer
nördlich von Papua-Neuguinea, retten
konnten. Zuvor konnten sie noch einen
Hilferuf absetzen; die Rettungsmannschaften waren also alarmiert. Die amerikanische Küstenwache – im amerikanischen
Außengebiet Guam stationiert – und die
Navy suchten mit mehreren Maschinen.
Nach drei Tagen fanden die Piloten den
Schriftzug am Strand der Insel – und drei
Männer, die mit ihren roten Schwimmwesten winkten. Die Küstenwache schickte
ein Boot und brachte die drei, die unverletzt blieben, in die Stadt Pulap in Mikronesien zurück. (dpa)
Foto dpa
Die Verwechslungsgefahr war programmiert, als sich die eineiigen Zwillingsbrüder Zhao Xin und Zhao Xuan aus dem
Norden Chinas in Frauen verliebten, die
ihrerseits eineiige Zwillingsschwestern
sind. Und tatsächlich sind sich die vier oft
unsicher, ob sie es mit ihrem Ehepartner
oder mit dessen Zwilling zu tun haben.
Denn laut der staatlichen chinesischen
Nachrichtenagentur CNS sehen die Zwillingspaare nicht nur identisch aus, sondern haben auch ähnliche Stimmen und
Gesichtsausdrücke. Schon bei der Hochzeit, die sie gemeinsam am selben Tag feierten, mussten sie beim Ringtausch aufpassen. Deshalb haben laut einem Bericht der britischen „Times“ jetzt alle vier
entschieden, sich plastischen Operationen zu unterziehen. Ärzte am HongkangKrankenhaus in Schanghai sollen sich bereit erklärt haben, sie so zu verändern,
dass sie noch aussehen wie sie selbst, sich
aber ein wenig unterscheiden. Die ungewöhnlichen Operationen will das Krankenhaus kostenlos durchführen. (lfe.)
Hotel war 2008 eines der Ziele der islamistischen Terroranschläge, bei denen mehr
als 160 Menschen starben. Kate und William unterhielten sich mit Hotelangestellten, die damals die Anschläge überlebt
hatten. Im Oval Maidan, einem großen
Park im Herzen der Stadt, ging es dann
um Cricket. Der Sport ist in England und
Indien gleichermaßen populär. Es wird
von Straßenkindern gespielt, während andererseits die großen Cricket-Stars des
Landes Millionen verdienen. Im Oval Maidan traf beides zusammen. Das Paar spielte ein paar Bälle mit eingeladenen Straßenkindern und mit dem wohl bekanntesten Cricket-Spieler des Subkontinents, Sachin Tendulkar. Anschließend ließen sie
(unser Bild) am Banganga-Wasserreser-
Prinz William und Kate
erinnern an Terroropfer
Der britische Thronfolger Prinz William
und seine Frau Kate haben zum Auftakt
ihrer Indien-Reise der Opfer des Terroranschlags in Bombay gedacht. Das Paar
legte am Sonntag am berühmten Taj Mahal Palace Hotel einen Kranz nieder. Das
Foto AP
voir Blumen schwimmen. Für den Abend
war ein Essen mit Bollywood-Schauspielern und Unternehmern aus der Stadt geplant. Für den Dreiunddreißigjährigen
und seine 34 Jahre alte Frau ist es die erste offizielle Reise nach Indien. An diesem
Dienstag geht es für Kate und William
weiter in die Hauptstadt Delhi, wo sie unter anderen den indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi treffen sollen. Anschließend reisen sie weiter in das benachbarte Königreich Bhutan und die indische
Stadt Agra zum Taj Mahal. (dpa)
Justin Welby
stammt anders ab
Der Erzbischof von Canterbury, Justin
Welby, hat bestätigt, dass er einer unehelichen Beziehung entstammt. Zuvor hatte
ihn ein renommierter Autor des „Daily Telegraph“ mit Recherchen konfrontiert, denen zufolge der 1977 verstorbene Whisky-Händler Gavin Welby höchstwahrscheinlich nicht sein leiblicher Vater sei.
Daraufhin hatte der oberste Würdenträger der Anglikanischen Kirche einen
DNA-Test in Auftrag gegeben. Das Ergebnis habe ihn „völlig überrascht“, sagte der
Erzbischof der Zeitung. Welby war von
seiner Mutter, die schon lange in zweiter
Ehe lebt, darüber in Kenntnis gesetzt worden, dass sie vor ihrer ersten Hochzeit
eine Affäre mit einem Arbeitskollegen gehabt habe. Dabei handelt es sich um den
vor drei Jahren verstorbenen Diplomaten
Anthony Montague Browne, der wie sie
im engsten Kreis des früheren Premierministers Winston Churchill gearbeitet
hatte, und der Justin Welby persönlich bekannt war. Allerdings sei sie fest davon
ausgegangen, dass ihr Sohn das leibliche
Kind ihres ersten Ehemannes sei. Justin
Welby war ziemlich genau neun Monate
nach der Hochzeit auf die Welt gekommen. Das Ergebnis (mit einer Sicherheit
von 99,97 Prozent) sei für sie ein „nahezu
unfassbarer Schock“ gewesen, sagte sie
der Zeitung. Berufliche Konsequenzen
muss Welby offenbar nicht befürchten.
Jahrhundertelang waren uneheliche Kinder
vom Amt des Erzbischofs ausgeschlossen gewesen. Eine Prüfung des anglikanischen Kirchenrechts,
die Welby gleich nach
den DNA-Ergebnis in
Auftrag gegeben hatte, habe aber ergeben,
dass dieser Vorbehalt
in den fünfziger Jahren des vergangenen
Jahrhunderts im Zuge
einer wenig beachteten Reform aufgehoben worden sei. Über die private Dimension der Nachricht äußerte sich Welby gefasst. „Es gibt keine existentielle Krise
und auch keinen Groll gegen irgendwen“,
sagte er dem „Daily Telegraph“. Welby
war, in seinen eigenen Worten, unter
schwierigen Umständen aufgewachsen,
weil seine Eltern tranken. Er sei nach wie
vor „enorm stolz“ auf seine Mutter, dass
sie es geschafft habe, ihre Alkoholkrankheit zu besiegen, sagte er. „Trotz trauriger
– und im Fall meines Vaters sogar tragischer – Aspekte ist dies eine Geschichte
der Erlösung und der Hoffnung.“ Die Antwort auf die Frage nach seiner Identität,
sagte der Geistliche, finde er nicht in der
Genetik, sondern in Jesus Christus. (job.)
Foto Reuters
Zhao Xin
will nicht Zhao Xuan sein
Zeitgeschehen
SE IT E 10 · M O N TAG , 1 1 . A P R I L 2 0 1 6 · N R . 8 4
F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G
Land der Spione
Wie die Stasi Niedersachsen mit einem Netz aus Agenten überzog / Von Reinhard Bingener
Falsches Signal
ußenminister Steinmeier bewegt
sich mit seinen Äußerungen über
eine Rückkehr Russlands in die G 7
auf einem schmalen Grat: Er sagt zwar
einerseits klar, dass die Bedingungen
dafür wegen der russischen Politik derzeit nicht gegeben sind, sendet andererseits aber das Signal aus, dass in den
Beziehungen zwischen Russland und
dem Westen die Rückkehr zu der Normalität der Zeit vor dem UkraineKrieg doch irgendwie näher rückt.
Aber so sinnvoll es ist, der russischen
Führung immer wieder zu verdeutlichen, dass der Westen stets gesprächsbereit ist, weist das Winken mit solchen vor allem symbolisch bedeutsamen Schritten in die falsche Richtung.
Solche Äußerungen wie die Steinmeiers werden von der russischen Führung als Erfolg ihrer Politik verkauft –
als Ergebnis einer Unnachgiebigkeit,
die den Westen gezwungen habe, wieder auf Moskau zuzugehen. Diesen Gefallen sollte man Wladimir Putin und
seinen Gefolgsleuten nicht tun. Man
muss Russland nicht wieder in den
Club der Großen aufnehmen, um mit
seiner Regierung über die Ukraine, Syrien und vieles andere zu reden. rve.
A
Jazenjuks Rücktritt
ie Regierungskrise in der Ukraine
schien sich zuletzt ins UnendliD
che zu ziehen. Seit zwei Monaten hat
sich die politische Elite in Kiew vornehmlich mit sich selbst befasst – in einer Zeit, in der das Land in einer katastrophalen wirtschaftlichen Verfassung ist, die korrupten Seilschaften
des alten Regimes immer dreister auftreten und die westlichen Verbündeten
immer offener zeigen, dass sie die Geduld verlieren. Worum es in den Gesprächen über die Bildung einer neuen Koalition zuletzt noch ging, warum
sie mal kurz vor dem erfolgreichen
Ende zu stehen schienen und dann
von den Beteiligten wieder als aussichtslos bezeichnet wurden, hat sich
auch aufmerksamen Beobachtern
kaum noch erschlossen. Was auch immer die Gründe gewesen sein mögen,
die Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk
dazu bewogen haben, jetzt einen
Schlussstrich zu ziehen – sein Rücktritt
beendet einen unhaltbaren Zustand.
Damit schafft er einen Abgang, der seiner Leistung als Regierungschef angemessen ist: Es gibt viele Gründe zur
Kritik, aber er hat sich beachtlich aus
der Affäre gezogen.
evr.
Naturgesetze in Stuttgart
ass ein Politiker aus einer Niederlage Statur gewinnen kann, widerD
spricht eigentlich den politischen Naturgesetzen. Da gilt: Nichts macht so erfolgreich wie Erfolg. Winfried Kretschmann steht für diesen Lehrsatz, Thomas Strobl für das seltenere Naturereignis. Er hat vor zwei Jahren in der CDU
den Mitgliederentscheid gegen Guido
Wolf klar verloren und war zum König
ohne Land geworden. Das erobert er
sich gerade Stück für Stück zurück.
Nicht nur, indem er Wolf zur schwarzgrünen Koalition verdonnerte, sondern
auch, indem er ihm den Fraktionsvorsitz abhandeln wird. Denn Strobl ginge
nicht von Berlin nach Stuttgart, wenn
Wolf, der damals den Sieg so deutlich
davontrug, weil er der Mann der Landtagsfraktion war, deren Vorsitzender
bliebe. Strobl braucht dafür einen Verbündeten. Dann wäre aus ihm ein
Mann geworden, der seinen Ehrgeiz zügeln musste, um Souveränität zu gewinnen und wieder erfolgreich zu sein.
Winfried Kretschmann wird es zwar
recht sein, weil er sich so auf die CDU
verlassen kann. Der Erfolg Strobls
könnte allerdings sehr schnell erfolgreicher machen als sein eigener.
kum.
Deutsche
Asset Management
HANNOVER, 10. April
In den sechs Bundesländern mit eigener
DDR-Vergangenheit sind große Anstrengungen zur Aufarbeitung der Tätigkeit
des Ministeriums für Staatssicherheit
(MfS) unternommen worden. In den zehn
westlichen Bundesländern wurden die Aktivitäten der Stasi hingegen nur in Ansätzen erforscht, obwohl der ostdeutsche Geheimdienst auch auf ihrem Gebiet in erheblichem Umfang tätig geworden ist. So
soll die Stasi zeitweise in der Lage gewesen sein, in Westdeutschland 100 000 Telefonanschlüsse zu überwachen und bis
zu 5000 Telefonate gleichzeitig aufzuzeichnen. Angestoßen durch umfangreiche Recherchen des NDR zu diesem Thema, hat sich der Landtag in Hannover vor
gut einem Jahr dazu entschlossen, eine
Enquetekommission mit der Aufarbeitung der MfS-Tätigkeiten in Niedersachsen zu betrauen. Die Kommission soll
den Umfang, die Methoden und die Ziele
der Stasi-Aktivitäten ermitteln, Opfer des
MfS anerkennen, Täter ausfindig machen
und diese gegebenenfalls auch noch einer
Strafverfolgung zuführen.
Aus dem Blickwinkel des MfS kam dem
Land Niedersachsen schon allein geographisch eine herausgehobene Bedeutung
zu. Kein anderes Land verfügte über eine
längere Grenze zur DDR, und nirgends anders verliefen so viele wichtige Verkehrswege in die DDR und nach West-Berlin,
die auch intensiv für nachrichtendienstliche Tätigkeiten genutzt wurden. Niedersachsen, insbesondere Hannover als Drehkreuz geheimdienstlicher Tätigkeiten,
war für die Nachrichtendienste beider Seiten von großem Interesse. Die Stasi nutzte diese Verkehrswege nicht nur, sie spionierte auch ihre Überwachung durch den
westdeutschen Geheimdienst aus.
Der Stasi gelang es zum Beispiel, im
Niedersächsischen
Verfassungsschutz
zwei Inoffizielle Mitarbeiter (IM) an entscheidenden Stellen zu plazieren: HansJürgen A. und Wilhelm B. versorgten das
MfS über Jahre unabhängig voneinander
mit äußerst sensiblen Daten. Hans-Jürgen A. hatte sich 1979 als „Schwarzhaupt“ bei der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), dem Auslandsgeheimdienst
der Stasi, von sich aus gemeldet. Er wollte
Geld. Der Polizist, der seit 1971 für den
Verfassungsschutz arbeitete, soll vom
MfS insgesamt 420 000 D-Mark für seine
Dienste erhalten haben. Als Sachgebietsleiter für „methodische Spionageabwehr“
konnte A. dem MfS präzisen Einblick in
die westdeutschen Bemühungen geben,
Einschleusungen und Kuriertätigkeiten
aus dem Osten aufzudecken. Wilhelm B.
bot sich dem MfS als IM an, weil er sich
im Niedersächsischen Verfassungsschutz
bei Beförderungen übergangen fühlte.
Auch er lieferte wertvolle Informationen.
Nach der Enttarnung der beiden im Zuge
der Wiedervereinigung wurde Hans-Jürgen A. zu sieben Jahren und Wilhelm B.
zu neun Jahren Haft verurteilt.
An sensibler Stelle in Niedersachsen
war auch Irene S. tätig. Als Sekretärin im
Innenministerium in Hannover hatte sie
als eine der ganz wenigen Personen Zugang zur Geheimregistratur. Über Jahre
schmuggelte sie Verschlusssachen abends
in ihrer Handtasche aus der Behörde, fotografierte sie zu Hause ab, legte sie am
nächsten Arbeitstag wieder zurück. Die
Aufnahmen übergab sie bei konspirativen
Zusammentreffen ihrem MfS-Verbindungsmann. Irene S. beschaffte der Stasi
auf diesem Weg Organigramme und Informationen über Übungen der Nato und
auch den „Zivilen Alarmplan“, den es als
Dokument in Niedersachsen nur ein einziges Mal gab. Im Lauf von 22 Jahren hat
die Sekretärin etwa 170 000 D-Mark dafür bekommen. 1994 wurden Irene S. und
ihr Ehemann zu fünf Jahren Haft verurteilt.
Bei einem Symposion zur bisherigen
Arbeit der Enquetekommission sagte deren Vorsitzende Silke Lesemann am Freitag, das MfS habe in Niedersachsen vor allem „militärische und sicherheitspolitisch
relevante Einrichtungen“ ausspioniert.
Neben Verfassungsschutz und Innenministerium seien auch die Bundeswehr, die
Polizei, der Zoll und der Bundesgrenzschutz zum Ziel des MfS geworden, erklärte die SPD-Landtagsabgeordnete. Mit der
Ausleuchtung dieser Tätigkeiten betrete
Niedersachsen „Neuland“ und könnte damit zum „Vorreiter“ für andere westdeutsche Bundesländer werden, zumal es bisher kaum Studien über MfS-Aktivitäten
in den West-Ländern gebe.
Diese Aufarbeitung ist schwierig, weil
die Akten der HVA fast alle vernichtet
wurden. Da aber Westdeutschland nicht
allein vom Auslandsgeheimdienst bearbeitet wurde, sondern auch andere Einrichtungen des MfS an der West-Spionage
beteiligt waren, ist eine nachträgliche Aufklärung der Geschehnisse dennoch teils
möglich. Die Enquetekommission beschränkt sich dabei nicht auf den Bereich
der niedersächsischen Sicherheitsbehörden. Die Historikerin Daniela Münkel
von der Behörde für Stasi-Unterlagen, die
die Enquetekommission berät, berichtete, dass man in der Forschung generell davon ausgehe, dass die HVA mit etwa drei-
Ende einer Flucht: Der Wagen, in dem Lutz Eigendorf im März 1983 umkam
Foto dpa
ßig bis vierzig Prozent den größten Teil ihrer Kapazitäten auf die Spionage in Wirtschaft und Technik verwendete, um die
Defizite der DDR-Ökonomie auszugleichen. In welchem Ausmaß jedoch die
Volkswagen-Werke oder die Forschungsarbeit niedersächsischer Universitäten in
den Fokus des MfS rückten, müsse erst
noch aufgearbeitet werden. Für die TU
Braunschweig berichtete Klaus Oberdieck, Leiter des Universitätsarchivs,
über den Stand der erst jüngst begonnenen Forschungen. Demnach könnte insbesondere der „Sonderforschungsbereich
Flugführung“ von Karl Heinrich Doetsch,
der zuvor in Großbritannien die Concorde mitentwickelt hatte, Ziel der Stasi
gewesen sein. Das MfS scheint sich auch
intensiv für die Forschungen von Hans
Herloff Inhoffen auf dem Gebiet der organischen Chemie interessiert haben, aus
denen das heutige Helmholtz-Zentrum
für Infektionsforschung hervorging.
Aufgegriffen wurde auf der Tagung im
provisorischen Plenumssaal des Landtags
auch der Fall des Fußball-Profis Lutz Eigendorf. Bei einem Gastspiel des berüchtigten Stasi-Clubs BFC Dynamo in Westdeutschland setzte sich Eigendorf 1979
ab und spielte dann für Eintracht Braunschweig in der Bundesliga. Stasi-Chef
Mielke musste sich bei Auswärtsspielen
von den gegnerischen Fans den Sprechchor „Willst du in den Westen türmen,
musst du bei Dynamo stürmen“ anhören.
1983 kam Eigendorf dann unter mysteriösen Umständen bei einem Verkehrsunfall
ums Leben. Es gibt Hinweise darauf, dass
sein Tod vom MfS herbeigeführt worden
sein könnte. Neue Erkenntnisse in dem
Fall wurden auf der Hannoveraner Tagung jedoch nicht präsentiert.
Ziel der Aufarbeitung der Tätigkeit des
MfS auf niedersächsischem Boden
scheint auch weniger der Erkenntnisfortschritt in den spektakulären Fällen zu
sein, sondern die Nachzeichnung der Tätigkeiten des MfS in seiner Breite. Dazu
gehören etwa seine Aktivitäten in den
grenznahen Regionen Niedersachsens,
wo die Stasis intensiv Mitarbeiter der
Landkreise und Lokaljournalisten bespitzeln konnte und offenbar auch beim Bundesgrenzschutz über gute Quellen verfügte. Objekt der MfS-Aktivitäten war auch
die in Niedersachsen ansässige „Zentrale
Erfassungsstelle“ in Salzgitter, die das
staatliche Unrecht in der DDR dokumentierte und damit mögliche Täter abschrecken sollte.
Fremde Federn: Thorsten Schäfer-Gümbel, Carsten Schneider, Norbert Walter-Borjans
Harte Regeln gegen globalen Steuerbetrug
ie „Panama-Papiere“ zeigen,
dass die Bekämpfung von Steuerbetrug,
Steuerhinterziehung,
Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung ganz oben auf die politische Agenda gehört. Große Steuersummen systematisch über dubiose Offshore-Konstruktionen zu hinterziehen ist nicht
nur illegal, sondern auch ein Verbrechen an der Gemeinschaft. Die Helfershelfer, also Banken, Anwalts- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften,
sind
ebenso in Haftung zu nehmen wie die
Hinterzieher selbst.
Dafür müssen wir mehr Licht ins Dunkel dieser Schattenwelt bringen. Die
Adresse richtet sich an die Finanzminister der G-20-Staaten. Es ist ihr Job, dafür zu sorgen, dass möglichst viele, idealerweise alle Staaten am automatischen
Informationsaustausch teilnehmen und
kooperieren. Zusätzlich müssen sie zeitnah Unternehmensregister einrichten,
die Angaben zu den wirtschaftlich Begünstigten von Unternehmen machen.
Das muss ein völkerrechtlicher Vertrag
regeln, der die Empfehlungen der
OECD umsetzt. Wer hierbei nicht mitmacht, muss die Konsequenzen spüren.
Die „schwarze Liste“ der OECD zu
nichtkooperierenden Staaten muss angepasst und verschärft werden. Ein
Durchmauscheln darf es künftig nicht
mehr geben. Im Dezember dieses Jahres
D
beginnt auch die G-20-Präsidentschaft
Deutschlands. Ausreden, ausweichen,
auf die lange Bank schieben – das wird
sich der deutsche Finanzminister dann
nicht mehr leisten können.
Natürlich hat Europa eine gewichtige
Rolle. Die EU hat die Größe und den Hebel, um international neue Ansätze
durchzusetzen. Der nächstliegende
Schritt ist die Verschärfung der Aufsicht
über die Helfer und Helfershelfer, die
im Massengeschäft Briefkastenfirmen
in Offshore-Staaten einrichten. Jedes
einzelne Geschäft soll und muss meldepflichtig werden, um genau erfassen zu
können, was es mit dem Geschäft auf
sich hat. Einmal mehr: Wer nicht kooperiert, wird unmittelbar bestraft und hart
sanktioniert. Es muss in Anbetracht der
Dimension und Schwere der Verbrechen sogar so weit gegangen werden,
dass Finanzanlagen in Offshore-Gebieten grundsätzlich und ohne Ausnahme
verboten werden. Anonyme Finanzgeschäfte mit Offshore-Gebieten dürfen
keine Chance mehr auf Erfolg haben.
Zusätzlich müssen die Empfehlungen
der OECD zur Bekämpfung von Gewinnverlagerung und Gewinnoptimierung international tätiger Unternehmen endlich und vollständig umgesetzt
werden. Lücken in der Besteuerung, wie
zum Beispiel die Steuervergünstigungen
für spezielle Einkünfte aus Lizenzen
oder Patenten, sogenannte „weiße Einkünfte“, müssen der Vergangenheit angehören. Derzeit ermöglichen unterschiedliche nationale Regelungen, dass
Einkünfte in keinem der beteiligten
Staaten besteuert werden. Das darf es
nicht länger geben. Zudem muss die Einführung einer gemeinsamen Grundlage
für die Körperschaftsteuer inklusive
Mindeststeuersätze ganz oben auf die
Tagesordnung.
Auch Nationalstaaten haben aber
Handlungsmöglichkeiten. Dazu gehören schmerzhafte Sanktionen gegen die
geschäftsmäßige Beihilfe zu Geldwäsche und Steuerhinterziehung durch
Banken. Das Aufsichtsrecht ist hier in
der Pflicht. Vorgeschlagen hatte das im
Jahr 2013 bereits der Bundesrat, aber
die CDU blockiert bislang die Umsetzung. Die Sanktionen reichen bis zum
Entzug der Banklizenz und der zivilrechtlichen Haftung für den Schaden
über Geldbußen. Unternehmen, die
sich an solchen illegalen Aktivitäten beteiligen, müssen deutlichere Konsequenzen spüren. Staatsanwaltschaften müssen auch bei Ordnungswidrigkeiten die
Pflicht haben, zu ermitteln. Und Steuerpflichtigen in Deutschland, die Geschäftsbeziehungen zu oder in Staaten
auf der „schwarzen Liste“ unterhalten,
müssen erhöhte Mitwirkungspflichten
gegenüber der deutschen Steuerverwal-
tung auferlegt werden. Und wieder: Bei
Nichtkooperieren wird hart sanktioniert, und zwar bis hin zum Zugriff auf
das gesamte aus den Straftaten herrührende Vermögen. Die Strafverjährung
wird verschärft.
In Deutschland war Geldwäsche zu
lange zu einfach. Deswegen muss sie
nun schärfer bestraft werden, als die EU
es derzeit noch vorschreibt. Die unmittelbare Reaktion ist die Einrichtung eines nationalen Transparenzregisters
und einer Obergrenze für Bargeldzahlungen im Geschäftsverkehr. Zudem
muss die Meldepflicht auch für Anwaltskanzleien oder Immobilienmakler dort
verschärft werden, wo große Vermögen
verschoben werden.
Doch wir müssen auch vor der eigenen Tür kehren. Innerhalb Deutschlands darf es keine sogenannten Steueroasen geben. Zu wenig Personal als Ausrede für eine laxe Steueraufsicht ist kein
akzeptables Argument. Die Gesellschaft beruht auf dem Grundverständnis, dass jeder seinen gerechten Teil
dazu beiträgt. Was gerecht ist, definiert
die Demokratie. Wer sich dem entzieht,
handelt nicht nur kriminell, sondern
auch antidemokratisch.
Thorsten Schäfer-Gümbel ist stellvertetender
Vorsitzender der SPD, Carsten Schneider ist stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, Norbert Walter-Borjans ist Finanzminister von Nordrhein-Westfalen.
Juan Carlos VARELA
Foto dpa
Im Sturm
Zwei Botschaften stehen im Zentrum
der öffentlichen Äußerungen von Präsident Juan Carlos Varela seit dem Beginn der Veröffentlichungen der
„Panama Papers“ vor einer Woche. Erstens werde sein Land, das zu Unrecht
als eine Art Schurkenstaat der Finanzwelt hingestellt werde, eine Transparenzoffensive zur Wiederherstellung
seines guten Rufes beginnen. Und zweitens werde er seinem langjährigen Weggefährten Ramón Fonseca, dem Miteigentümer der im Mittelpunkt der Enthüllungen stehenden Kanzlei Mossack
Fonseca, gerade jetzt nicht die Freundschaft kündigen: „In schwierigen Zeiten wie diesen hauen Freunde nicht einfach ab“, sagte der Präsident.
Tatsächlich verbindet Varela und
Fonseca vieles: Beide gehören der konservativen „Panameñista“-Partei an,
beide sind Zöglinge der panamaischen
Oberschicht, und beide haben im Ausland studiert – Varela in den Vereinigten Staaten, Fonseca in London. Vor allem aber war Fonseca nach Varelas
Amtsantritt im Juli 2014 dessen Berater im Ministerrang. Von diesem Amt
war Fonseca im März kurz vor Veröffentlichung der „Panama-Papers“ zurückgetreten, nachdem Verwicklungen
seiner Kanzlei in den Korruptionsskandal um den brasilianischen Ölriesen Petrobrasbekannt geworden waren.
Varela, der am 12. Dezember 1963 in
Panama-Stadt geboren wurde, entstammt einer Unternehmerfamilie, die
ihren Wohlstand vor allem der RumDestille „Varela Hermanos“ verdankt.
Der praktizierende Katholik Varela ist
mit einer Journalistin verheiratet und
hat drei Söhne. Varela engagierte sich
früh in der Politik, er kämpfte aktiv gegen die Gewaltherrschaft des zunächst
von den Vereinigten Staaten unterstützten und 1989 schließlich von ihnen gestürzten Diktators und Drogenbosses
Manuel Noriega. Seine Sporen als
Wahlkämpfer verdiente er sich in den
zwei Kampagnen der Präsidentin Mireya Moscoso – bei ihrem erfolglosen
ersten Anlauf 1994 und bei ihrem Sieg
1999. Seit 2006 führt Varela den „Partido Panameñista“.
Seine Ambitionen aufs höchste
Staatsamt stellte Varela bei den Wahlen von 2009 zugunsten seines konservativen Mitbewerbers Ricardo Martinelli noch zurück, um gemeinsam einen
Sieg der Sozialdemokratin Balbina Herrera zu verhindern. Wahlsieger Martinelli machte Varela darauf zu seinem
Vizepräsidenten und Außenminister.
2011 kam es zum Zerwürfnis zwischen
den beiden, die seither verfeindet sind.
Bei der Wahl im Mai 2014 setzte sich
Varela gegen den von Martinelli gekürten Nachfolgekandidaten durch. Varela
bezichtigte den scheidenden Präsidenten, der sich gemäß Verfassung nicht
um die Wiederwahl bewerben durfte,
der Bestechlichkeit. Im Wahlkampf versprach Varela neben dem Kampf gegen
die grassierende Korruption den Ausbau der Sozialprogramme für die fast
40 Prozent Armen unter Panamas rund
vier Millionen Einwohnern und Verbesserungen im maroden öffentlichen Bildungswesen. Ob Varelas Präsidentschaft bis 2019 als erfolgreich gewertet
wird, entscheidet sich nicht nur an Wirtschaftszahlen und Zustimmungsquoten, sondern vor allem an dessen Umgang mit den Folgen der „Panama Papers“.
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FRANKFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TU NG
Feuilleton
M O N TAG , 1 1 . A PR I L 20 1 6 · N R . 8 4 · S E I T E 11
Andersrum
Der entschärfte
Reformator
Wäre Ratzinger ein
Papst nach Luthers
Herzen gewesen? Die
Ökumene ist gerade
dabei, sich ein ahistorisches Dreamteam zu
erfinden. Warum darin
mehr Wahrheit als
Satire steckt.
at nun auch die Theologie ein
Satire-Problem? Setzt man im
Vorfeld des Luther-Jubiläums
2017 auf die Maximalprovokation, um den ökumenistischen Betriebsjargon zu stören? In Joseph Ratzinger als
Benedikt XVI. sei der Kirchengeschichte
ein Papst erwachsen, „wie ihn sich auch
nicht Martin Luther besser hätte vorstellen können“, sagte jüngst Rudolf Voderholzer, Regensburger Bischof und als solcher Gründungsdirektor des in Regensburg ansässigen „Instituts Papst Benedikt XVI.“, in welchem unter anderem
Ratzingers gesammelte Schriften herausgegeben werden. Wäre es womöglich gar
nicht zur Eskalation zwischen Rom und
Wittenberg gekommen, wenn damals
schon Ratzinger und nicht Leo X. auf
dem Papststuhl gesessen hätte? Wäre Luther zum Kardinal ernannt worden,
wenn sein – laut Voderholzer – Wunschkandidat Ratzinger in Rom am Ruder gewesen wäre? Hätte Luther ihn schließlich gar im Papstamt beerbt?
Den satirischen Einfällen sind keine
Geschmacksgrenzen gesetzt, wenn man
der Regensburger Insinuation eines
Dreamteams Luther/Ratzinger die Zügel
schießen lässt. Voderholzers Aussage,
eher beiläufig während eines Pilgerbesuchs in Rom gemacht und als solche
nicht weiter erläutert, führt geradewegs
hinein ins theologische Dilemma des Lutherjubiläums. Worin besteht das Dilemma? Sehr kurz und mit der gebotenen
Vorsicht gesagt: Luther war kein Ökumeniker. Soll man ihn, den wuchtigen Apokalyptiker (der ja nicht nur diesen und jenen römischen Amtsinhaber, sondern
das Papsttum als solches für den endzeitlichen Antichristen hielt), jetzt so lange
in historische Kontexte zerlegen, bis sich
die ganze Reformation als historisches
Missverständnis auffassen lässt?
Der Paternalismus einer Auf-Teufelkomm-raus-Ökumene folgt stets derselben Prämisse: die damaligen Protagonisten heute besser zu verstehen, als diese
sich selbst verstanden haben. Bedauerlich ist, dass sich mit diesem Verfahren
substantielle Fragen des Christentums,
denen Luthers Zeit nicht ausgewichen
ist, heute einfach als „konfessionalistisch“ ausmustern lassen, wiewohl sie in
der Sache unerledigt geblieben sind. Mit
anderen Worten: Luthers Fragestellungen sind heute nicht deshalb unverständlich geworden, weil sie mittlerweile „geklärt“ wären, sondern weil man ihnen
durch selektive katholische Rezeption
und neuprotestantische Transformation
den Stachel der Bedeutung zog.
Vor diesem Hintergrund ist Voderholzers Aussage bemerkenswert. Sie muss
einen alles einebnenden Ökumenismus
provozieren, „einen Ökumenismus der
Resignation, der es für altmodisch hält,
sich noch um die Wahrheit zu streiten“,
wie Ratzinger schon 1966, also in seiner
progressiven Phase, schrieb. Und zwar in
einem Vorwort zu einem Luther-Buch,
welches im theologischen Rezensionswesen seinerzeit für gehörige Kontroversen
sorgte: Paul Hackers Werk „Das Ich im
Glauben bei Martin Luther. Der Ursprung der anthropozentrischen Religion“. Der Katholik Hacker, von Haus aus
Indologe, setzte sich mit Luthers Glaubensbegriff auseinander, dergestalt, dass
dessen psychologische Indienstnahme
für Luthers Heils- und Gewissheitsbedürfnis deutlich wurde.
Ratzinger erkannte in Hacker die Passion des Betriebsfremden. In der Konzentration der zugespitzten Darstellung
schlug das Buch zunächst wie eine Bombe ein. Ist Luthers Glaubensverständnis
bei aller Christusfrömmigkeit psychologisch bestimmt? Setzt Luther, wie Hacker schreibt, in seiner Fixierung auf
Heilsgewissheit „das Heil mit dem Heilsbewusstsein, mit der Getröstetheit gleich
und fürchtet darum den Verlust der Heilsgewissheit als das Unheil selbst – sieht
sich dann aber doch gezwungen, die Not
der Nichtbeständigkeit des Trostgefühls
zu einer Tugend zu erklären; die Ungewissheit soll vor Sorglosigkeit bewahren,
und der Mensch soll sich in mühsamen
Denkübungen freikämpfen“? Ersetzte
Luther, mit anderen Worten, die Werkgerechtigkeit durch Psychostress? Die Kritik sprach von einer „Sensation“, nannte
Hackers Buch „erregend“, gar „spannend wie ein Roman“.
So etwa urteilte Otto Hermann Pesch,
einer der auf Ausgleich bedachten frühen katholischen Ökumeniker, in der
„Theologischen Revue“ 1968, wo er er-
H
klärte, dass Hacker trotz mancher methodischer Mängel „scharfsinnig auf den
neuralgischen Punkt in Luthers Glaubensverständnis aufmerksam macht:
Derselbe Luther, der den Glauben als reines Gottesgeschenk nicht genug unterstreichen, vor jedem menschlichen, ,erdichteten‘ Glauben nicht genug warnen
kann, ermahnt mit größtem Nachdruck
zum heilsnotwendigen, ichbezogenen
Glauben wie zu einer psychischen Anstrengung. Wie beides gedanklich zusammenpasst, ist kaum zu sehen, vor allem
dann nicht, wenn man seine Lehre von
der Unfreiheit des Willens ohne kritische Rückfrage durchhalten will. Bekanntlich scheiden sich ganze Schulen
der Lutherdeutung an dieser Spannung
in Luthers Glaubensverständnis.“
Auch Ratzinger sah wie Pesch und andere Kritiker die Übertreibung in Hackers Ansatz, fand jedoch, dass dessen
zugespitzte Betrachtung wichtige Einsichten in Luthers Denkstil freisetzte,
welche er, Ratzinger, nicht ökumenistisch beseitigt sehen wolle: „Von einem
solchen Ökumenismus hätte die Christenheit nichts zu erhoffen – er würde ihr
Ende ankündigen, weil ein Friede, der
auf dem Verzicht auf Wahrheit beruhte,
zugleich den Friedhof des Glaubens darstellen würde“, so Ratzinger am Ende seines Hacker-Vorworts, dessen Wiederabdruck er auch für die Neuauflagen des
Buches zustimmte.
Am Beispiel Hacker stellen sich zwei
Fragen. Warum, zum einen, ist von diesen Überlegungen, um die offenbar ganze Schulen stritten, heute nichts mehr zu
hören? Sind sie inzwischen geklärt worden? Oder einfach unter den ökumenischen runden Tisch gefallen (mit der stereotypen Begründung, hinter Luthers
Worten müsse Luthers „Anliegen“ freigelegt werden, welches erlauben würde, seine Worte im Zweifel nicht so ernst zu
nehmen). Hat, zum anderen, die heutige
Unsichtbarkeit von Luthers Psyche-Ansatz damit zu tun, dass er als solcher keine Antithese mehr darstellt, weil auch
der katholische Glaubensbegriff mittlerweile derart psychologisiert und soziologisiert ist (ersichtlich bis hin zum betont
lebensweltlich orientierten Stil des aktuellen Pontifikats), dass er als Zündstoff
ausfällt. Die Entschärfung Luthers ginge
in diesem Fall auf einen blinden Fleck
für die Glaubenssubstanz zurück (oder,
je nach Sehweise, auf vertiefte Einsicht
in selbige), nicht jedoch auf ein vordergründiges ökumenistisches Kalkül.
o oder so beginnt man zu ahnen,
warum Luther und Ratzinger womöglich doch ein Dreamteam im
Sinne Voderholzers darstellen.
Was die Protagonisten Luther und Ratzinger zusammenführt: Beide nehmen
einander beim Wort, statt es durch die
Schau in mutmaßliche Hinterwelten des
Wortes („Anliegen“) zu depotenzieren.
Freilich nur insofern, in solch fairer Gegnerschaft, ist vorstellbar, dass Ratzinger
ein Papst nach Luthers Herzen sei, dass
Luther Benedikt XVI. für satisfaktionsfähig gehalten haben könnte. Ratzingers,
gelinde gesagt, ökumenische Zurückhaltung hätte sich als Dienst an Luthers Sache erwiesen. Inklusive all der Provokationen des ökumenischen Betriebs, an
denen es Ratzinger nicht fehlen ließ
(vom Hacker-Vorwort über die Erklärung „Dominus Iesus“ bis zur demonstrativen Verweigerung von „ökumenischen Gastgeschenken“ bei seinem Besuch als Papst in Luthers Erfurter Augustinerkloster). Mit der Dreamteam-Prämisse im Rücken stünden sie in einem
anderen, einem lutherfreundlichen,
aber lutherjubiläumsskeptischen Licht.
„Gerade die Fremdheit Luthers und
seiner Botschaft ist seine ökumenische
Aktualität“, schreibt Walter Kardinal
Kasper, der emeritierte römische Ökumene-Chef, in einer eben erschienenen
kleinen Schrift über Luther. Lässt sich
auf dieser Linie etwa sagen: Zurück zu
Luther? Wahrscheinlich ja nicht, denkt
man an manche grobianischen Ausfälle
des Reformators, die heute ohne weiteres den Tatbestand der Volksverhetzung
erfüllen würden. Kasper warnt denn
auch davor, Luther einer besseren Jubiläumsgängigkeit wegen als Bahnbrecher
der Geistesfreiheit und Bannerträger
der Neuzeit zu stilisieren. „Luthers Berufung in Worms auf das Gewissen war
zweifellos ein wichtiger Schritt in der
neuzeitlichen Freiheitsgeschichte, auch
wenn es sich bei ihm nicht um die Berufung auf ein autonomes, sondern auf
das im Wort Gottes gefangene Gewissen handelte“, so Kasper. Auch dies
Klarstellungen im Dienste Luthers gegen seine Jubiläums-Strategen, die mit
1517 die Neuzeit einläuten möchten.
Hier einmal im Schulterschluss mit
Ratzinger versteht man Kasper so, dass
man Luthers „Wort [soll] lassen stan“,
statt es ökumenistisch zu deformieren.
Ein einziger Satz von Kasper macht
schlagartig klar, warum: „Wir sind uns einig, dass wir die Einheit wollen, aber
nicht einig, worin die Einheit besteht,
und sind uns darum nicht einig, wohin
die ökumenische Reise führen soll.“ Anders gesagt: Für ein Himmelfahrtskommando sollte man Luther nicht verscherbeln.
CHRISTIAN GEYER
S
er Fortschritt, sagt Hegel, vollzieht
D
sich, wie alles Lebendige, in Widersprüchen. Die Chinesen übertreiben es
Giorgio de Chirico, „Der Traum des Tobias“, April bis August 1917. Mit dem Fisch spielt das Gemälde auf die biblische Geschichte
des Tobias an, das Instrument in seinem Zentrum ist ein Blutdruckmessgerät.
Foto Katalog/VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Der Mann, der lange Schatten wirft
Stuttgart inszeniert um den Maler Giorgio de Chirico die „Magie der Moderne“
Er ist selbst zu einer mythischen Figur der
Moderne geworden, Giorgio de Chirico,
der 1888 als Sohn italienischer Eltern in
Volos in Griechenland geboren wurde und
1978 in Rom starb. Der Vater war Ingenieur und arbeitete beim Eisenbahnbau in
Griechenland. Gerätschaften, die im Ingenieurberuf, den auch Giorgio de Chirico
zunächst am Polytechnikum in Athen studierte, Verwendung finden, werden immer wieder auftauchen in seinem Œuvre,
Messinstrumente, kantige Winkeleisen
oder Lineale, allerdings in unerwarteter
Nachbarschaft zu anderen Dingen.
Sie gehören in den Fundus der „Pittura
metafisica“, jener metaphysischen Malerei, die als seine Erfindung gelten kann
und die ihn berühmt gemacht hat. Eben
für solche befremdlichen Arrangements
wie auch für die weiten, gespenstisch beschatteten Plätze, in denen Türme ragen
und die von humanoiden Gliederpuppen,
die stets fragmentiert, niemals intakt sind,
bevölkert werden. De Chiricos Hauptwerke sind, schon zu seinen Lebzeiten, zu veritablen Totems eines Zeitgefühls geworden, das Sinnentleerung regelrecht zelebrierte, und das sich, auch in seinem künstlerischen Ausdruck, bei der Suche nach einer Wahrheit hinter der Wirklichkeit nachgerade versessen selbst beobachtete. Der
Surrealismus in seiner ganzen Bandbreite,
dem de Chirico voranging und dem er
eine Zeitlang nahstand, gibt dafür den
augenfälligsten Beleg ab.
Die Stuttgarter Ausstellung ist um das
großformatige „Metaphysische Interieur
(mit großer Fabrik)“ arrangiert, das seit
1970 der Staatsgalerie gehört. De Chirico
malte es vor einem Jahrhundert, Ende
1916, während seiner Zeit in Ferrara, wo
er von 1915 bis 1918 den Militärdienst ableistete und wo seine wichtigsten Werke
überhaupt entstanden. Die Direktorin der
Staatsgalerie, Christiane Lange, hat das
Bild zum Angelpunkt der Schau gemacht,
die sich auf diese Phase seines Schaffens
konzentriert. Die Werke der Ferrareser
Jahre werden der Auslöser für seinen Einfluss auf ihm wahlverwandte Künstler, die
wesentlich die Moderne seit den zehner
Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts mitprägen. In Teilen ist die Schau identisch
mit der Ausstellung „De Chirico a Ferrara.
Metafisica e Avanguardie“, die dort im Palazzo dei Diamanti von November 2015
bis zum Februar zu sehen war. Doch in
Stuttgart haben die Kuratoren Paolo Baldacci und Gerd Roos sie um mehr Arbeiten von Künstlern wie Max Ernst, George
Grosz, René Magritte, Oskar Schlemmer
oder Niklaus Stoecklin ergänzt, die den
Blick auf jene „Magie der Moderne“ zusätzlich schärfen. In rund hundert Gemälden, Zeichnungen, Graphiken und Fotografien ist es die mitunter unerwartet frappante Berührung mit ihnen – etwa dem
frühen Giorgio Morandi oder dem schar-
fen Sozialkritiker Grosz –, die der Ausstellung nicht nur so hohen Reiz, sondern
auch den nachhaltigen Aha-Effekt verleiht. Dass sie ihre Ambition nicht zu weit
treibt – etwa bis hin zum Enigmatiker Balthus oder dem Erotiker Hans Bellmer, die
sich da direkt anbieten –, ist eine kluge
Einschränkung des (Blick-)Felds.
Giorgio de Chiricos entscheidenden
Trick in der Hochphase seiner Kunst könnte man eine Art strukturalistische Tätigkeit nennen. Er fügt ganz heterogene Dinge so zusammen – niemals übrigens sind
intakte menschliche Gestalten dabei –,
dass sie dem Betrachter eine verborgene
Bedeutung suggerieren, die freilich in keiner Weise festlegbar ist. Er dekonstruiert
die Erwartungen an das gegenständliche
Bild komplett; Abstraktion, Expression
oder Dynamisierung, immerhin einflussreiche Strömungen seiner Gegenwart,
lässt er links liegen. Als Belege für diese
Machart kann Stuttgart berühmte Beispiele zeigen, allen voran den „Großen Metaphysiker“ von 1917 (aus der italienischen
Sammlung Gianni Mattioli). Inmitten einer leeren verschatteten Piazza unter hohem grünlichen Himmel ragt eine aus heterogenen Elementen zusammengezimmerte Stele, bekrönt vom gesichtslosen
Kopf einer Schneiderpuppe. Jede taugliche Deutung ist ausgeschaltet, es besticht
aber die unbezweifelbar ästhetische Attraktivität des Gemäldes in seiner renaissancehaften Farbigkeit. Der Eierkopf
oben ist seinerseits Fragment von jenem
für de Chirico typischen Personal, das wie
Proto-Cyborgs immer wieder bei ihm auftaucht. Mit „Hektor und Andromache“ hat
Stuttgart auch für diese Figurinen ein prominentes Beispiel zu bieten.
Ihre Kontingenz ist die Macht dieser
Bildschöpfungen; wiederkehrende Motive
unterstützen die Methode, mitsamt der Titel, die zusätzlich Verwirrung oder – je
nach Temperament des Betrachters –
Überschuss an Sinn generieren. Damit
liegt de Chirico voll im Trend seiner zeitgenössischen Diskurse, nicht zuletzt dem
von Unbewusstem und Traum, dem sich
die Surrealisten unter der Ägide von André Breton und dann Salvador Dalí begeistert verschreiben. René Magritte wird die
Anregungen, auch das ist in Stuttgart nachzuvollziehen, in seine singulären unhintergehbaren Motivtapeten übertragen, und
Max Ernst nimmt sich auch seinen Teil
vom großen Kuchen.
Tatsächlich liegt de Chiricos Originalität, ja doch: seine originäre Leistung darin, dass er bei dieser gleichsam Übertragungsarbeit auf die Leinwände mit seinen
„metaphysischen“ Erkundungen die Nase
vorn hatte. Dass seine tiefsten Quellen
wiederum bei den Symbolisten Arnold
Böcklin und Max Klinger liegen, die er
während seiner Zeit an der Kunstakademie München von 1906 bis 1909 kennen-
lernte, kann nicht verwundern; er treibt ihnen freilich den Geist aus. Und es ist
Krieg, als er seine besten Bilder malt. Er
leistet in Ferrara seinen Militärdienst, ist
ihm aber gesundheitlich wohl nicht gewachsen. Gemeinsam mit dem Kollegen
Carlo Carrà ist er von April bis August
1917 im psychiatrischen Militärkrankenhaus Villa del Seminario in der Nähe von
Ferrara untergebracht. Beide können dort
malen, und an de Chiricos Seite wandelt
sich Carrà, zuvor ein Mitbegründer des italienischen Futurismus mit seiner Ideologie der Beschleunigung, zum engsten Mitstreiter der „metaphysischen Schule“.
Es ist ausgesprochen anregend, wie die
Stuttgarter Schau Carrà in eindrucksvollen Arbeiten, auf denen er seine „Manichini“ – die gliederpuppenhaften Wesen, die
den zeitgleichen Kubismus eines Picasso
oder Braque aber nicht ganz so verleugnen – mit de Chiricos Schöpfungen konfrontiert. Eine weitere ihrer Stärken liegt
darin, in einzelnen Räumen, Kapiteln ähnlich, de Chiricos Schaffen in den Zusammenhang eben einer „magischen“ Moderne zu stellen: So gewinnt der Stuttgarter
Hausheilige Oskar Schlemmer unter der
Rubrik „Blick nach innen“ noch einmal
beunruhigende Intensität mit seinem „Ruheraum“ von 1925. Oder es wird unter
dem Vorzeichen „Metaphysische Stillleben“ nachvollziehbar, was nicht nur Morandi, sondern auch Alexander Kanoldt,
als Protagonist der sehr deutschen Neuen
Sachlichkeit, und Heinrich Hoerle mit de
Chirico verbinden kann.
Das ganz große Verdienst dieser Ausstellung ist es, der Tatsache Rechnung zu
tragen, dass zu viel Giorgio de Chirico gar
nicht guttut – nicht ihm selbst und nicht
dem Betrachter. Denn allzu offensichtlich
würde sonst sein Hang zur Wiederholung,
der nicht bloß obsessiver künstlerischer
Notwendigkeit entsprungen ist. Das ließ
sich im Frühjahr 2009 in Paris überprüfen
bei der großangelegten De-Chirico-Retrospektive im Musée d’Art moderne de la
Ville. Nicht nur hat de Chirico seit den
dreißiger Jahren seine metaphysische Ambition mit einem akademischen, retroklassisch-barocken Stilmix verleugnet.
Sondern er kopierte obendrein, als diese
Melange kommerziell nicht funktionierte,
später sich selbst, seine eigenen frühen Arbeiten (von betrügerischen Nachahmern
hier ganz zu schweigen). So betrachtet,
hat Stuttgart es geschafft, de Chirico nicht
zu demontieren, sondern ihm Ehre zu erweisen, wo sie ihm gebührt. Dass dabei
auch Künstler einer europäischen Moderne sichtbar werden, die gemeinhin nicht
im Scheinwerferlicht stehen, macht die
Ausstellung zum unbedingt sehenswerten
Ereignis.
ROSE-MARIA GROPP
Giorgio de Chirico – Magie der Moderne. In der
Staatsgalerie Stuttgart, bis zum 3. Juli. Der Katalog
im Sandstein Verlag kostet im Museum 29,90 Euro.
damit allerdings: Ihre Kapitalakkumulation wird von Sozialisten geplant, ihr kompletter Ostblock hieß Albanien und hielt ihnen nur fünf Minuten lang die Treue, ihre jüngste Weltraummission SJ-10 dient nicht der Erforschung des Alls, sondern stellt Experimente mit Rohöl an, um herauszufinden, wie sich dieses Zeug in den tiefsten Regionen der Erde verhält (statt
etwa auf dem Mars), und ihr Programmierer Fang Binxing, der für die Abschottung der chinesischen Sektoren
des World Wide Web verantwortlich ist,
benutzt bei einem öffentlichen Vortrag
an seiner alten Uni, dem Harbin Institute of Technology in Heilongjiang, öffentlich genau wie Millionen Chinesen,
die das seinetwegen tun müssen, aber
nicht dürfen, ein virtuelles privates
Netzwerk, um im Rahmen einer Erläuterung der Funktionsweise des Netzes
Südkorea, Facebook und Google zu erreichen. Das entspricht als performativer Akt des Wahnsinns etwa einer Gastkolumne des türkischen Botschafters
im deutschen Satiremagazin „Titanic“,
in der dieser seine Regierung auf Türkisch unflätig beleidigen würde, um seinem Gastland zu demonstrieren, wie so
was geht. Der neueste Widerspruch, an
dem sich Maos Erben vergnügen, treibt
das Zusammenbacken der Gegensätze
endgültig naturwidrig auf die Spitze:
Chinesische Techniker haben einen Solarkollektor gebaut, der Strom nicht aus
Sonnenlicht, sondern aus Regengüssen
gewinnt. Bedeckt von einer hauchdünnen Schicht aus Kohlenstoff-Bienenwaben, also sogenanntem Graphen, welches, wenn Wasser dazukommt, Elektronen an positiv geladene Ionen bindet, dient der Apparat damit nicht nur
der Gewinnung von elektrischer Energie, sondern wohl mehr noch der Verhöhnung westlichen Ökologiedenkens,
das sich seine kleinen Aufkleber von
fröhlichen Sonnengesichtern jetzt ja
auf den Regenschirm kleben kann,
wenn es immer noch nicht begreift,
dass Yin eigentlich Yang ist und umgekehrt. Wundern aber wird sich die Welt
hoffentlich nicht mehr, wenn aus China
demnächst eine Smartphone-App gemeldet wird, deren Bedienfeld man mit
Gänsefeder in Schönschrift ausfüllen
muss, dann ein Verhütungsmittel, das
den Anwendern garantiert zu Sechslingen verhilft, und schließlich eine komplizierte philosophische Synthese aus
Konfuzianismus, Quantengravitation
und Gender Studies, die Chinas letzte
Geheimnisse offenlegt, aber so abstrakt
und verwickelt ist, dass nur unaufmerksame Fünfjährige sie verstehen.
dda
Vor dem Kadi
Türkei will Anklage Böhmermanns
Das als „Schmähkritik“ annoncierte
Spottgedicht des ZDF-Satirikers Jan
Böhmermann über den türkischen
Staatspräsidenten Erdogan hat die befürchteten politischen und juristischen
Folgen. Die türkische Regierung verlangt jetzt, wie diese Zeitung auf Anfrage erfuhr, dass gegen Böhmermann ein
Strafverfahren wegen Beleidigung aufgenommen wird. Der türkische Botschafter in Berlin hat dies in einer Verbalnote zum Ausdruck gebracht. Die
Bundesregierung, die einem Verfahren
nach Paragraph 103 Strafgesetzbuch
(Beleidigung ausländischer Staatsorgane) zustimmen muss, berät heute, wie
sie weiter vorgeht. Sie sitzt in einer
Zwickmühle, die Böhmermann aufgemacht hat: Stimmt sie dem Strafverfahren zu, wird sie zu Erdogans Handlanger; lehnt sie ab, wird der türkische
Staatspräsident, auf den Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Flüchtlingskrise besonders angewiesen ist, eventuell politisch reagieren.
Am vergangenen Freitag hat Böhmermann indes noch Unterstützung erfahren. Bei der Verleihung des Grimme-Preises wurde er für seine Scharade um den „Stinkefinger“ des früheren
griechischen Finanzministers Varoufakis nicht nur mit dem Spezialpreis Unterhaltung ausgezeichnet, sondern
auch mit der „besonderen Ehrung“ des
Deutschen Volkshochschul-Verbands.
Dessen Chefin, die saarländische Ministerpräsidentin Annegret KrampKarrenbauer lobte Böhmermann als
„leidenschaftlichen Medienmacher“,
der Grenzen auslote und bewusst verletze. In der Debatte um den ErdoganText wünsche sie sich eine „mutige und
demokratisch-gelassene Medienwelt“.
Unterdessen hat der Vorstandsvorsitzende des Springer-Konzerns, Mathias
Döpfner, einen Offenen Brief geschrieben, in dem er sich mit Böhmermann
solidarisiert. Er würde, heißt es darin,
sollte es zu dem Prozess wegen Beleidigung kommen, gerne mit dem Satiriker auf der Anklagebank sitzen: Er
schließe sich dessen „Formulierungen
und Schmähungen inhaltlich voll und
ganz“ an und mache sie sich „in jeder
juristischen Form zu eigen“. Böhmermanns Aktion sei Kunst. Die Staatsanwaltschaft Mainz hatte, nachdem Anzeigen gegen Böhmermann und Verantwortliche im ZDF wegen Beleidigung eingegangen waren, Vorermittlungen aufgenommen.
miha.
SE IT E 12 · M O N TAG , 1 1 . A P R I L 2 0 1 6 · N R . 8 4
Donnerstags
nur links
In „Alles kein Zufall“
stöbert Elke Heidenreich
in ihren Zettelkästen
In der Peter-Pan-Verfilmung „Hook“
lebt Tootles, einer der verlorenen
Jungs, zu Beginn der Geschichte bereits alt geworden, im Londoner Haus
von Wendy Darling und leidet. Sein
Schatz, ein Beutel voll bunter Murmeln, ist verloren. Sie stehen für seine
Erinnerungen. Am Ende des Films bekommt er den Sack von Peter Pan zurück, findet ein paar Körnchen Feenstaub darin, sprenkelt ihn sich aufs
Haupt und reist zurück ins Nimmerland. Ähnlich verhält es sich mit Elke
Heidenreichs Buch „Alles kein Zufall“,
das sie als Hörbuch selbst eingesprochen hat. Die vielen Miniaturen, oft
nur eine Buchseite lang, kommen dahergerollt wie lauter bunte Murmeln.
„Alles kein Zufall“ versammelt Erinnerungen, Anekdoten, Flausen, Erkenntnisse, Spöttereien und Liebenswürdigkeiten, die Elke Heidenreich aus Zetteln, Tagebucheintragungen, Kladden
zusammengetragen hat – sprich dem
ganzen Papierkrieg, der ihr Leben ist.
Es beginnt mit der Erinnerung an
die Urgroßmutter, von der ihr zweierlei
geblieben ist: Der Satz „Friss, Vogel,
oder stirb!“ und ein sepiafarbenes Pappfoto, das sie als alte Frau zeigt, mit straffem Haar und kleinen Augen. Sie sah
aus wie ein „General, der Widerspruch
nicht duldet“. Nur drei ihrer acht Kinder blieben am Leben, darunter Heidenreichs Großvater. Ihre Familie – der Vater verstrickt in etliche Verhältnisse,
die Mutter streng, aber nicht ohne Liebe – taucht in den 187 versammelten
Texten immer wieder auf. Und wie eine
Murmel betrachtet Heidenreich die Erinnerungen, die das Gefühlsrepertoire
einer Kindheit mit sich bringt, von allen Seiten: Da findet sich Enttäuschung, Zuneigung, Absurdes und Tragisches. Einmal erklärt die Mutter kalt,
sie stürze sich vom Balkon, wenn ihre
Tochter (mit Fischallergie) den Fisch
nicht esse. Ein andermal freut sie sich
über ein Weihnachtsgedicht.
Nicht alles ist autobiographisch: So
berichtet Heidenreich in „Chakra“ von
ihrer „Friseuse“, die ihr rät, donners-
Hörbuch
F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G
Wenn ich erwachsen bin, verstehe ich es
Irmgard Keun lässt 1938 ein kleines Mädchen sprechen, das durchs Exil vagabundiert: „Kind aller Länder“
Gegen die Verbrennung der eigenen Bücher im Jahre 1933 gerichtlich zu klagen,
wagte unter den zahlreichen betroffenen
Schriftstellern nur eine einzige: Irmgard
Keun forderte 1935 beim Berliner Landgericht Schadensersatz für die Vernichtung
ihrer Werke ohne rechtskräftiges Urteil.
Das war ungeheuerlich und führte zwangsläufig zu ihrer Verhaftung. Doch die freche Berlinerin ließ sich den Mund auch in
der rückeroberten Freiheit nicht verbieten. Aus dem niederländischen Exil von
1936 bis 1940 – bevor sie mit gefälschten
Papieren als Illegale zu ihren Eltern nach
Köln zurückkehrte – schoss sie gleich vier
Exilromane in die Welt. Sich dabei auf historische Themen zurückzuziehen – wie
Feuchtwanger auf Nero, Heinrich Mann
auf Henri Quatre, Thomas Mann auf Lotte
in Weimar oder Zweig auf Erasmus von
Rotterdam –, lehnte sie ab. Wie „Nach Mitternacht“ oder „D-Zug dritter Klasse“
spielt auch „Kind aller Länder“ (1938) in
der Gegenwart des Nationalsozialismus
vor dem Zweiten Weltkrieg.
Das Besondere an diesem jetzt erstmals
seit 1950 wieder als Buch (Kiepenheuer
& Witsch) und nun auch als Hörbuch erschienenen Roman ist die Perspektive:
Die Kreuz-und-Quer-Züge durch Europa,
im weiten Bogen um Deutschland herum
– von Ostende über Brüssel, Amsterdam,
Paris, Südfrankreich, Italien, Österreich,
Polen und mit einem Abstecher nach Amerika bis zurück nach Amsterdam – werden
ausschließlich aus Sicht der zehnjährigen
Kully erzählt. Diesen atemlosen bannenden, oft assoziativen, höchst impressionistischen inneren Monolog zu hören statt zu
lesen hat viel für sich. Zumal wenn sich
für dieses kecke, unerschrockene und dabei erstaunlich zuversichtliche Kind eine
so frische, junge, einnehmende Stimme
findet wie die der Schauspielerin Jodie
Ahlborn. Ihr gelingt es zugleich, die von
Kully in ihre Rede eingeflochtenen Zitate
der Mutter, des Verlegers, der Hotelangestellten, vor allem aber des äußerst witzigen Vaters, markant abzusetzen und den
Monolog so in ein lebendiges Hörpiel zu
verwandeln. Die Idee für die konsequente
Kindperspektive kam Keun in Ostende.
Da lauschte die Autorin einem kleinen
Emigrantenjungen aus Berlin, der sich mit
seinem berlinischen Französisch pfiffig
durchschlug und die Frage nach Heimweh
mit Schnauze parierte: „Det is mir ejal, wo
ick bin, ick spiel überall mit alle Kinder,
ick muß nur immer wieder bei meine Mutter sein, weil die mir kocht.“ So ähnlich
geht es Kully. Die Frage nach dem Heimweh am Ende des Romans versteht sie
überhaupt nicht, weil das Wort und erst
recht das Gefühl ihr unbekannt ist. Höchstens sehnt sie sich an die Côte d’Azur zurück, zu den Weihnachtsbäumen der Großmutter, dem Schnee in Polen, einer Wiese
bei Salzburg oder schuhgroßen Riesenmuscheln in Virginia. Mit Heimat hat all das
wenig zu tun. Dieses Kind findet eben seine „Behaustheit im Exil“, wie der Emigrant Albert Vigoleis Thelen das einmal
nannte. Ohne ihre Mutter und ihren Vater
wäre das aber nicht denkbar, eigentlich
schafft nur die kleine Familie so etwas
Ähnliches wie Heimat.
Angestellte in der Krise:
„Kleiner Mann, was nun?“
von Hans Fallada
Als das Foto entstand, war Irmgard Keun 27 Jahre alt und Bestsellerautorin, ein Jahr später wurden ihre Bücher verboten.
Genau diese unsentimentale, aus der
Distanz beobachtende Perspektive, mit
der sich das Kind in einer Mischung aus
Naivität und Scharfblick die Welt erschließt, macht den Roman so großartig.
Die neue Sachlichkeit, die man dafür gerne als literarische Kategorie aufgerufen
hat, scheint hier überhaupt nicht gemacht,
sondern ergibt sich wie von selbst aus der
kindlichen Neugierde. „Man muß dafür
sorgen, daß man alles auf der Welt allein
,rausfindet“, meint Kully: „Ich habe auch
schon viel rausgefunden.“ Sie versteht einige Sprachen, darunter Polnisch, was sich
dann aber als Jiddisch erweist. Sie weiß,
dass der Hotelkoch, bei dem sie Futter für
ihre Schildkröte organisiert, nur spaßt,
wenn er sie das nächste Mal mitzukochen
droht. Aber die Bemerkung ihres Vaters:
„heutzutage ist alles Furchtbare möglich“,
macht sie dann doch nachdenklich.
Die Familie ist zwar nicht jüdisch, wurde aber aus politischen Gründen ins Exil
gezwungen: „weil mein Vater es nicht
mehr ausgehalten hat“, – so Kully – „denn
er schreibt Bücher und für Zeitungen.“
Geld ist nie vorhanden, der Vater ist ein Filou und Charmeur, unentwegt auf der Suche nach Aufträgen, der ungeheuer viel
trinkt, auf zu großem Fuße lebt und deshalb ständig Schulden macht, die er dann
mit Ausständen anderer bei sich selbst verwechselt. Seine Tochter lässt er gern als
Pfand in Restaurants und Hotels zurück,
weil sie angeblich „einen höheren Versatzwert als Diamanten und Pelze“ habe. Dieser Vater ist ein argloser Hochstapler und
Leichtfuß, der schon mal seine Frau im
Hotelzimmer vergisst und das erst merkt,
als er mit Kully auf dem Schiff nach Amerika ist. Wenn sie hingegen leise über seine
Handküsse für andere Damen klagt, antwortet er mit entwaffnender Schlagfertigkeit: Wer das nicht mache, küsse auch der
eigenen Frau nicht die Füße.
Mit Witz und Leichtigkeit schnattert
Kully so weiter, nie langweilig, immer
scharfblickend, durchsetzt von Seitenhieben gegen Hitlerdeutschland. Selbstverständlichkeiten wie ein Pass, ein Visum
oder ein Stempel, die nach 1933 alles andere als selbstverständlich, sondern lebens-
Foto Ullstein
entscheidend waren, werden hier mit Kinderaugen neu gesehen und erklärt. Das ist
nur scheinbar naiv und wirkt gerade als radikale Infragestellung der Wirklichkeit beklemmend. Es ist der unverstellte Blick einer Zehnjährigen auf eine Welt, die aus
den Fugen gerät und deshalb kaum noch
zu verstehen ist. Irgendwann fragt Kully
den Verleger ihres Vaters, der ein Manuskript hartnäckig einklagt, ob Kinder keine Romane schreiben können. Sie stellt
sich nämlich vor, den ausstehenden Text
selbst zu tippen. Der Verleger hält das für
ausgeschlossen. Nachdem man Kully aber
fünf Stunden gelauscht hat und noch nicht
bereit ist, den Raum der Fiktion zu verlassen, fragt man sich, ob das auch wirklich
stimmt.
ALEXANDER KOŠENINA
Irmgard Keun: „Kind
aller Länder“. Roman.
Ungekürzte Lesung von
von Jodie Ahlborn. Der
Audio Verlag, Berlin
2016. 4 CDs, 259 Min.,
19,99 €.
Stracciatella und Pistazie isst man nicht gleichzeitig
Erinnerungen an die Familie, Freunde
und Feinde: Die Autorin und Kritikerin Elke Heidenreich
Foto dpa
tags nur auf der linken Straßenseite zu
gehen, sich nie auf grüne Korbstühle zu
setzen und in Monaten mit „R“ kein
Kernobst zu essen. Alles im Umfeld der
Autorin wird Teil der Galerie, die sich
als Hörbuch mit Hilfe der Shuffle-Funktion aufs schönste durcheinanderwürfeln lässt. Für Katzen hat sie diesmal indes kaum Platz, außer in Form von unliebsamen Kalendern, die sie zuhauf geschenkt bekommt, seit sie „Nero Corleone“ geschrieben hat. Dafür gibt es
Hunde wie Mops Vito, Italien-Bilder,
Porträts von Liebhabern, Freunden,
Feinden. Das Hörbuch gewinnt vor allem in der Figurenzeichnung der Sprecherin, bei der man ihre Kabarettfigur
„Else Stratmann“ heraushört.
Mitunter ist Elke Heidenreich aber
auch ein bisschen selbstgerecht, wenn
sie etwa das Verhalten von nicht näher
benannten Bekannten und Kollegen
verurteilt oder von Leuten, die das
Pech hatten, ihr im falschen Moment
über den Weg zu laufen. Geweint wird
auch gerne. Am liebsten in der Oper.
Manchmal überlässt sie das Wort auch
Dichtern, wie Robert Walser, der an
Carl Seelig schrieb: „Das Glück ist kein
guter Stoff für Dichter. Es ist zu selbstgenügsam. Es braucht keinen Kommentar. Es kann in sich zusammengerollt schlafen wie ein Igel. Dagegen das
Leid, die Tragödie und die Komödie:
sie stecken voll von Explosivkräften.
Mann muss sie nur zur rechten Zeit anzünden können. Dann steigen sie wie
Raketen vom Himmel und illuminieren die ganze Gegend.“ Das ist dann
der Feenstaub in Heidenreichs Murmelbeutel.
AXEL WEIDEMANN
Elke Heidenreich:
„Alles kein Zufall“.
Kurze Geschichten.
Autorenlesung. Verlag
Random House Audio,
München 2016. 3 CDs.,
224 Min., 19,99 €.
Ausflug mit Goldrand: Frank Goosen feiert in „Förster, mein Förster“ den Alltag als Gipfel der Lebenskunst
Bis zum Morgengrauen: Es ist fünf Uhr
früh an einem Sonntag, Förster ist auf
dem Heimweg nach einer anstrengenden
Nacht, als er einen entlaufenen Hamster
auf einer Brücke findet. Sein Nachbar
Dreffke, vormals Polizist, sieht den übernächtigten Förster und sagt: „Du bist blass
wie Edward Cullen.“ Förster hat keine Ahnung, dass es sich bei jenem um einen
Protagonisten der Vampir-Serie „Twilight“ handelt – da ist er nicht mehr Zielgruppe, er wird demnächst fünfzig –, aber
der Name gefällt ihm so gut, dass er den
Hamster Edward Cullen tauft. Aber erst,
nachdem er überprüft hat, dass es sich um
ein Männchen handelt.
Männchen sind auch ansonsten die bevorzugten Charaktere in Frank Goosens
siebtem Roman „Förster, mein Förster“,
den der Autor für die Hörbuch-Ausgabe
selbst eingelesen hat. Neben der vornamenlosen Hauptfigur, einem Schriftsteller, dem nichts einfällt, sind das der besagte Nachbar Dreffke, die Freunde Fränge
und Brocki, die sich und Förster seit gemeinsamen Schultagen kennen. Und dann
gibt es noch Finn, einen wohlstandsverwahrlosten, aber herzensklugen Teenager,
dessen Vater ihm soeben die Freundin ausgespannt hat. Fränge ist Kneipensitzer
und fährt gerade die Ehe mit „der Uli“ an
die Wand, Brocki ist Lehrer und Sprachkritiker. Alle Herren eint, dass ihr Leben,
nimmt man alles nur in allem, auf der Stelle tritt, was aber nicht heißt, dass ihnen
das unangenehm wäre.
Förster freilich hat den Blues, weil seine
Lebensgefährtin Monika – sie spricht ihn
am Telefon mit „Förster, mein Förster“ an
– auf den Äußeren Hebriden als Fotografin tourt. Obendrein hat ihm Monikas
Tochter angekündigt, dass er demnächst
„Opa Förster“ wird. Und sein Arzt hat
eine Gewebeentnahme verordnet. In dieser wackeligen Lage wird Förster auch
noch als seelischer Mülleimer für die Ehekrise Fränge-Uli eingesetzt, und seine betagte Nachbarin Frau Strobel, um die er
sich rührend kümmert, zeigt Anzeichen
Komödie
der Angst
geistiger Verwirrung. Neben einem verstopften Klo wartet sie mit einem Brief
auf, der sie zur Wiedervereinigung der
„Tanzkapelle Schmidt“, einer Damencombo, in der die Strobel einst das Saxofon
blies, in ein Seebad an die Ostsee beordert. Und so bekommt sogar Förster plötzlich das Gefühl, dass es nicht verkehrt
wäre, mal die Tapete zu wechseln.
So weit die Ausgangslage. Wer jetzt
denkt, am Ende ende das Ganze an der
Ostsee in einem Seebad, liegt goldrichtig.
Und wer obendrein vermutet, dass bis dahin in Sachen Handlung nicht viel passiert, tut auch dies zu Recht, gleichwohl es
Momente in Försters Leben gibt, in denen
sich seine Existenz wie ein Kontinuum anfühlt, also wie etwas, das eigentlich mit
dem Anbruch der Moderne verlorengegangen ist: Das Leben „tat so, als wäre es eine
zusammenhängende Geschichte“.
Das soziale Bindemittel zwischen den
Figuren ist gerade der Umstand, dass sie
sich in- wie auswendig kennen. Sie sind
Kumpel in einer westdeutschen Großstadt, die Bochum heißen könnte. Sie teilen Jahrzehnte gemeinsamer Geschichte,
haben nie Mangel an popkulturellen
Rechthabereien im Stil von AutoquartettSpielen. Bei Frank Goosen, der wie sein
Förster dieses Jahr fünfzig Jahre alt wird,
ist das Tableau stets gerahmt vom tiefempfundenen Ruhrgebiet mit Abendsonne.
Der Heimatroman ist nie weit und damit
einhergehend die Skepsis gegenüber der
Gegenwart, auch wenn der allwissende Erzähler der Vergangenheit nicht zugesteht,
in allem besser gewesen zu sein – den Gelenken, dem Augenlicht, das schon.
Goosens Figuren wollten jedenfalls damals schon nicht erwachsen werden, und
sie wollen es im Grunde auch heute nicht,
weil das bedeuten würde, sich als der zu erkennen, der Mann ist. Nämlich im Falle
Försters einer, der sich permanent selbst
beobachtet beim Älterwerden, damit er
wenigstens aus Selbstzweifel eine Produktivkraft schöpfen kann, um sich in Text zu
verwandeln. Dabei hilft die permanente
Besteht hier Schnitzelpflicht? Blick auf die A1 aus dem Brückenrestaurant der Raststätte Dammer Berge, an der Frank Goosens Romanpersonal haltmacht.
Foto Andreas Pein
Selbstvergewisserung durch Abtauchen in
der eigenen Biographie – und gelegentlich
wird diese in Form der Ex-Freundin Martina lebendig. Sie ist als „Tatort“-Kommissarin im Fernsehen erfolgreich und mit Förster emotional durchaus noch nicht fertig.
So häkelt Goosen mit vielen reminiszierlichen Platzdeckchen aus dem abgenudelten Genre „Schriftsteller, dem nichts einfällt“, einen Roman, der einen Bogen um
die Schilderung dieser geistigen Leere
macht. Muss man auch können.
Wenn an dieser Stelle von der Lektüre
abgeraten wird, dann aus einem einfachen
Grund: Man sollte Frank Goosen zuhören. Denn in der gelesenen Version holt er
mehr aus seinem Text heraus, auf eine
sehr einnehmende Weise fühlt man sich
alsbald mit seinem Personal wohl. Goosen liest, ohne dialektal auf den Putz zu
hauen, mit leicht angerauhtem Timbre
und einem melancholischen Flor in der
Stimme, der gut zu den defensiv agierenden Herren passt. Ob Kneipe, Eisdiele,
Auto, Supermarkt, Fensterbank – geredet
wird viel in diesem Buch, weil Goosen die
ihm vertrauten Stimmen nur abzurufen
braucht. Er tut das stets menschenfreundlich, trägt eine aufgeräumte, schrecklich
sympathische Literatur vor, die harmlos
tut und keine wirklichen Abgründe kennt.
Zu guter Letzt geht es eben mit Frau
Strobel im restaurierten VW-Bulli gen Ostsee, viele Erinnerungen an Urlaubsfahrten vergangener Jahrzehnte reisen mit
und werden mit Besuchen bei Zwischenstopps reanimiert. Was aber bleibet, stiftet
der Förster: Es ist die Erkenntnis, dass
auch ein vampirbleicher Jammerlappen
die Chance auf mindestens eine große Liebe hat. Er muss nur so eine wie die MoniHANNES HINTERMEIER
ka finden.
Frank Goosen: „Förster,
mein Förster“. Roman.
Ungekürzte Autorenlesung. Verlag tacheles!,
Roof Music, Bochum
2016. 5 CDs, 313 Min.,
19,99 €.
Es ist das Durchbruchswerk Hans Falladas, ein Bestseller des Jahres 1932, Zeitbildnis der niedergehenden Weimarer
Republik und, bis zur triumphalen Wiederentdeckung von „Jeder stirbt für
sich allein“, das erfolgreichste Buch des
Autors. In einigen Wochen wird eine
Neuausgabe von „Kleiner Mann – was
nun?“ erscheinen, die erstmals ohne
Glättungen und Kürzungen die Originalfassung nach dem Manuskript bietet; man darf gespannt sein. Unterdessen kann man sich mit einem Hörspiel
auf das Werk einstimmen.
Johannes Pinneberg, der Kleinbürger mit der ungeliebten Mutter aus Berliner Halbweltkreisen, und die Arbeitertochter Emma Mörschel („Lämmchen“) sehen in der Provinzstadt Ducherow der Geburt ihres „Murkel“ entgegen. Nico Holonics und Laura Maire
spielen mit heller Herzhaftigkeit das
Paar, das im Strudel der Weltwirtschaftskrise das Floß einer Kleinfamilie in ruhiges Wasser zu bringen versucht; sie finden überzeugende Töne
für den Schlingerkurs aus Hoffnung
und Desillusion, Lebensfreude und Alltagsverdruss der beiden Figuren, wobei
Pinneberg zu vorschneller Entmutigung, Lämmchen zu Es-wird-schonwerden-Optimismus neigt.
Zwar ist es riskant, einen Roman von
400 Seiten auf siebzig Hörspielminuten
herunterzukürzen. Aber hier gelingt
die Komprimierung auf knappe, suggestive Szenen, in denen sich um das Liebespaar ein skurriler Reigen von Nebengestalten formiert. Es sind zugleich
Charakterporträts der Epoche, ohne
dass durch die Typisierung die Glaubwürdigkeit und Lebendigkeit der Figuren geschmälert würde. Da ist die inflationstraumatisierte Witwe Scharrenhöfer, bei der das Paar die Schrecken des
Untermieterdaseins erfährt, da ist der
clevere Kollege Heilbutt, der sich durch
seine Neigungen zur „Freikörperlehre“
und Aktfotografie angreifbar macht.
Da ist der Nationalsozialist Lauterbach, der regelmäßig mit schweren
Saalschlacht-Blessuren zur Arbeit erscheint; Jens Wawrczeck spricht ihn
mit einer dünnen, hohen Stimme, die
nicht gerade zu einem Kämpferkörper
zu gehören scheint. Der Düngemittelhersteller Kleinholz ist nicht begeistert
über seinen lädierten Angestellten, übt
sich aber in vorauseilendem Opportunismus: „Politik ist ja ganz gut, und Nationalsozialismus vielleicht sehr gut,
werden wir sehen nach den Wahlen.
Aber dass ausgerechnet ich die Kosten
dafür tragen soll.“
Falladas Ingenium, das Zeittypische
mit leichter Hand zu fixieren, trägt dem
Hörspiel immer wieder Momente historischer Triftigkeit ein. Wolf-Dietrich
Sprenger als Kleinholz bringt den Sadismus eines Chefs zur Geltung, der in der
Massenarbeitslosigkeit nach Belieben
über Schicksale verfügen kann: „Die
Herren haben nichts zu tun? Werde ich
einen abbauen! Rationalisieren! Wo
drei faul sind, können zwei fleißig
sein.“ Pinneberg verschont er nur so
lange, wie er auf ihn eine Option als
Ehemann für seine schwer verheiratbare Tochter zu haben meint.
Die Lebenswelt der Angestellten in
der Dauerkrise – das ist Falladas Thema, inspiriert durch bittere Eigenerfahrung und Siegfried Kracauers Studie
„Die Angestellten“. Dank der schlitzohrigen Intervention Jachmanns, des neuen Geliebten seiner zu Alkohol und
Hysterie neigenden Mutter, erhält Pinneberg in Berlin eine neue Stelle als
Verkäufer. Im Kaufhaus Mandel gibt es
allerdings den forschen „Organisator“
Spannfuß, Prototyp des schreckenverbreitenden Unternehmensberaters, der
den Angestellten kaum erfüllbare Umsatzquoten abverlangt. Fallada beschreibt Verkaufsgespräche als Komödie der Angst – wahre Panik erfasst Pinneberg, als der Filmschauspieler Schlüter viele Anzüge anprobiert, aber keinen kaufen will. Burghart Klaußner
spricht den in Selbstherrlichkeit gehüllten Star, dessen arrogante Beschwerde
(„Komische Verkäufer haben Sie hier!
Die notzüchtigen einen ja, damit man
ihnen ihr Zeug abkauft“) Pinnebergs
Entlassung zur Konsequenz hat. „Das
gerade ist ja nun nicht nötig“, setzt
Schlüter im sonoren Klaußnerton
nach; ein bisschen Moral ist man sich
als Künstler schuldig. Klaußners Auftritt ist ein Beispiel dafür, wie das Hörspiel mit vorzüglichen Sprechern auch
kleinen Rollen Präsenz und Gewicht
gibt; etwa Matthias Brandt als gemütvoll an der Kriminalität entlangschlitternder Lebenskünstler Jachmann.
Pinneberg reiht sich ein ins Millionenheer der Arbeitslosen. Mit Frau und
Kind lebt er illegal in einer Laube, während die Republik dem Untergang entgegentaumelt. Kleines Hörspiel, ganz
groß – das darf man dieser NDR-Inszenierung attestieren, die durch die guten
Stimmen und die vielfältigen Stimmungen, die Sabine Worthmanns Musik dezent und ausdrucksstark vermittelt,
überzeugt. WOLFGANG SCHNEIDER
Hans Fallada: Kleiner
Mann – was nun?“
Hörspiel mit Laura
Maire, Matthias Brandt
u.a. Verlag Osterworld
Hamburg 2016, 1 CD,
74 Min., 12,– €.
FRANKFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TU NG
Feuilleton
M O N TAG , 1 1 . AP R I L 2 0 1 6 · NR . 8 4 · S E I T E 13
Nichts Neues aus
der Gulaschkanone
Zeit zum Träumen in
einer langen Nacht: Mit
„Švejk“ schickt Frank
Castorf seine Darsteller
am Residenztheater in
München auf einen
Hochleistungsparcours.
ine halbe Stunde vor Mitternacht
klettert Bibiana Beglau in die
Gulaschkanone. Frank Castorfs
Münchner Inszenierung des
„Švejk“, die mit dem berühmten, 1921 erschienenen Weltkriegsroman von Jaroslav
Hašek kaum etwas zu tun hat, dauert zu
diesem Zeitpunkt bereits mehrere Ewigkeiten. Bibiana Beglau, eine Schauspielerin, die für ihren Wagemut und ihre unbändige Lust an Grenzüberschreitungen bekannt ist, geht jetzt dorthin, wo noch niemand war, nicht einmal ihr Regisseur.
Ist nicht das Innere einer k. u. k. Gulaschkanone aus dem Ersten Weltkrieg
womöglich der letzte unerforschte Ort des
postdramatischen Theaterpauschalreisebetriebs? Was könnte, was müsste jetzt
nicht alles passieren! Eigentlich sollte,
wie immer bei Castorf, dort bereits ein Videokameramann auf sie warten, der in
grobkörnigen Bildern dokumentiert, wie
die Schauspielerin im unterseebootartig
eingerichteten
Gulaschkanoneninnenraum ihren Körper mit den dort reichlich
vorhandenen Erbsensuppenresten einschmiert, während sie zentrale Szenen aus
kanonischen U-Boot-Kriegsfilmen wie
„Das Boot“, „Jagd auf Roter Oktober“ und
„Unternehmen Petticoat“ nachspielt.
Ein großer Teil des Publikums hat das
Residenztheater bereits verlassen, nicht
wenige sind schon vor der Pause gegangen. Wer geblieben ist, blinzelt nun in gebanntem Halbschlaf mit schweren Lidern
auf die beiden Videoeinspielflächen, die
Aleksandar Denić gewohnt souverän in
E
seinem Bühnenbild untergebracht hat.
Müsste man nicht dort mitansehen können, wie das Erbsensuppenunterseeboot
jetzt erzittert, die Bolzen reißen und statt
Wasser eine bräunlich-klebrige, von einem bösen amerikanischen Weltkonzern
produzierte Brühe namens Coca-Cola in
den Innenraum eindringt? Castorfs Gulaschkanone ist die „Titanic“ unter den
Theatergulaschkanonen, müsste also zügig untergehen. Bibiana Beglau würde das
Schiffsunglück als Einzige überleben und
sofort weiterspielen. Während Suppenreste und Colafluten auf ihrem Körper langsam trockneten, könnte sie etwas Schönes
singen, zum Beispiel „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“.
Aber ach, all das ist ja gar nicht passiert.
Castorf, jetzt auch noch Beinahe-Feldküchenchefkoch deutscher Bühnen, hat es
sich entgehen lassen. Er hat aus dem Einfall, Bibiana Beglau in der Gulaschkanone
verschwinden zu lassen, einfach nichts gemacht. Sie klettert hinein, spricht ein paar
Sätze, und klettert wieder heraus. Das ist
schon alles. Gehen dem alten Volksbühnen-Kaleu etwa die Ideen aus?
Andererseits herrscht an wirren Einfällen auch an diesem Abend kein Mangel.
Das fängt damit an, dass der Regisseur seinen Hauptdarsteller Aurel Manthei als
Švejk über weite Strecken des Abends von
der Bühne verbannt. Das Zentrum der
knapp fünfstündigen Inszenierung bildet
eine Leerstelle, die sich von ihren ausgefransten Rändern her nicht auffüllen lässt.
Švejk, der Prager Hundehändler, der in
die Maschinerie des Ersten Weltkriegs gerät und sich ihr mit berechnender Naivität
zu entziehen versucht, der sich um Sieg
oder Niederlage nicht schert und kein höheres Ziel kennt, als die eigene Haut zu retten, ist die durch und durch unheroische
Symbolfigur des Widerstands gegen Diktaturen jeglicher Art. Immer wieder, etwa in
der Verfilmung mit Heinz Rühmann im
Jahr 1960, musste Švejk Verhunzung
durch Verharmlosung über sich ergehen
lassen. Jetzt, bei Castorf, wird er nicht verharmlost, sondern marginalisiert.
Das geschieht vermutlich aus zwei
Gründen: Das Loblied des sogenannten
Tröstliche Traurigkeit,
wuchtiges Wetterleuchten
Thomas Sanderling dirigiert in Berlin die fünfte
Symphonie von Mieczysław Weinberg
Keine Live-Musik-Erfahrung ähnelt der
anderen. Jede ist für sich einzigartig, unwiederholbar. Doch was sich am Freitagabend im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt ereignete, fiel aus der Reihe dergestalt, dass wir uns zwischendurch, etwa, als im zweiten Satz das tief
eindringliche Unisono der Bratschen
aufglomm, eine mit slawischen Wendungen pathosgefütterte, schlichte Melodie,
unterminiert von seltsam tröstlicher
Traurigkeit, oder wenigstens doch für
das wuchtige Fugato im Finale eine Repeat-Taste gewünscht haben.
Der Dirigent Thomas Sanderling, geboren in Nowisibirsk, heute in London
lebend, ältester Sohn aus der Sanderling-Dynastie, trat ans Pult und dirigierte das letzte Orchester seines Vaters. Er
hatte die fünfte Symphonie f-moll op.
76 von Mieczysław Weinberg einstudiert. Auch wenn das nicht großartig so
angekündigt worden war, so handelte es
sich gleichwohl um das, was man „Wiedergutmachung“ nennt.
Nun heißt zwar das vormalige Berliner Sinfonie-Orchester (BSO), von Kurt
Sanderling siebzehn Jahre lang geprägt,
gedrillt und für seine SchostakowitschRezeption berühmt gemacht, nicht nur
seit der Wende anders, nämlich Konzerthausorchester. Es machte auch harte
(Spar-)Zeiten durch und ist erst in den
letzten Jahren, seit nämlich Iván Fischer
ans Chefdirigentenpult trat, wieder zu
einer ernstzunehmenden Konkurrenz
geworden für Staatskapelle, Philharmoniker und Rundfunkorchester. Außerdem hat sich dieses Orchester personell
verjüngt: Hier ist gewiss keiner mehr an
Bord, der noch unter dem alten Sanderling spielte. Auch hätten sie weiland dieses Repertoire, diese vom Gros des sowjetischen Musikestablishments weitgehend ausgegrenzte ironische Klagemusik, nie gespielt.
Weinbergs Fünfter, entstanden 1962,
ist, wie all seinen im quasi klassischen
Formenkorsett formulierten Werken (in
den Streichquartetten etwa) die Nähe zu
Dmitri Schostakowitsch direkt anzumerken. Im Aufbau, im Gestus, in den verborgenen politischen Pointen, den wuchtigen Lamenti, den Gewaltausbrüchen
ebenso wie in der folkloristischen Einbindung der Aussage sind die beiden
geistes- und seelenverwandt.
Doch zugleich hat Weinberg, der aus
Warschau geflohene Jude, der die längste Zeit seines Lebens als Exilant in Moskau lebte, einen eigentümlich elegischen, gesanglichen Grundton entwickelt, der seiner Musik persönliches Profil verleiht. Alles, auch die kleinteilige
Motorik, scheint letztlich aus dem Gesang entwickelt. Der erste Satz, Allegro
Moderato, rauscht als unheimliches Wetterleuchten vorbei. Das ferne Trompetensignal und die rhythmischen Pattern
sprechen von Krieg, Streicher und Holzbläser von Hoffnung, die unerbittlichen
Bässe von Schicksal.
Thomas Sanderling, der sich einst, als
junger Mensch, von seinem Vater und
der Sowjetunion losgeeist hatte, lenkt
das Konzerthausorchester mit sparsamer, aber entschiedener Geste, er
muss weder den Bläsern noch Streichern lange erklärt haben, wozu diese
Musik ein so romantisches Superlegato
braucht. Spitz führt die Militärpikkoloflöte das Scherzo an, weich wiegt sich
im Wiegenlied-Trio der Schmelz der Klarinette. Zuvor, im ersten Teil des Konzertes, spielte der junge, tschechische, kurzfristig eingesprungene Geiger Josef
Špaček den Solopart im Beethovenschen Violinkonzert, mit schön altmodischem Brio, aber nicht zu großem Ton.
Sanderling, seinerseits, hielt sich ans
ELEONORE BÜNING
Tempo Giusto.
Weichen gestellt
Bausch, eine Produktionsstätte für Gastchoreographen, das „Forum Wupperbogen“ als Ort für Forschung und Bildung
sowie die Pina Bausch Foundation untergebracht werden, soll 2022 stattfinden.
Die Kosten bezifferte der Oberbürgermeister auf 58,4 Millionen Euro. Bereits
im November hatte der Bund eine Förderung in Höhe von 29,2 Millionen Euro bewilligt, die andere Hälfte teilen sich das
Land Nordrhein-Westfalen und die
Stadt. Das denkmalgeschützte Schauspielhaus, ein 1966 entstandenes Gebäude des Architekten Gerhard Graubner,
war 2013 geschlossen worden, weil die
verschuldete Kommune sich Sanierung
und Unterhalt nicht leisten konnte. aro.
Pina-Bausch-Zentrum Wuppertal
Die Stadt Wuppertal hat für ihr Vorhaben, das Schauspielhaus zum PinaBausch-Zentrum umzubauen, erste Weichen gestellt. „Es ist ausgesprochen positiv, dass wir so zügig vorankommen“,
kommentierte Oberbürgermeister Andreas Mucke (SPD) den Verlauf des Verfahrens, im nächsten Jahr werde mit den
konkreten Planungen und 2019 mit der
Sanierung des maroden Theaters und
der Errichtung eines ergänzenden Neubaus begonnen. Die Eröffnung des Zentrums, in dem das Tanztheater Pina
Schwerstarbeit: Aurel Manthei, Franz Pätzold, Katharina Pichler und Götz Argus in Frank Castorfs Münchner Adaption von Jaroslav Hašeks „Švejk“
„kleinen Mannes“, der mit Witz, Chuzpe,
und einem unreflektierten, anarchischen,
aber völlig unpolitischen Instinkt die stupende Mechanik des Militärs entlarvt,
wollte Castorf gewiss nicht singen, die
anekdotische Form des unvollendet gebliebenen Romans, der Geschichtchen
um Geschichtchen aneinanderreiht, liegt
ihm ebenso wenig. Deshalb flüchtet er
sich mit seinem Ensemble auf seinen Privatabenteuerspielplatz, eine wandelbare
Bretterburg mit Coca-Cola-Leuchtreklame (versehen mit dem Zusatz „Migrants
free“), Latrine, Stacheldrahtverhau, Gal-
gen und Grenzerhäuschen. Auf der einen
Seite ist sie ein Güterwaggon für den Soldatentransport, auf der anderen ein
Kunsttempel, den Denič der Berliner
Volksbühne nachempfunden hat, den großen Kronleuchter eingeschlossen und zur
späteren Nutzung als Gartenlaube für
den Intendanten im Ruhestand durchaus
geeignet.
Castorf gefällt sich in Selbstreferentialität, lauen Witzen und müden Provokationen. Die Energie, die seinen nach einem
Rechtsstreit mit den Brecht-Erben im letzten Jahr abgesetzten „Baal“ durchzuckte,
scheint spurlos verschwunden. Stattdessen kokette Verweigerung, die Beliebigkeit mit Unabhängigkeit verwechselt. Der
Regisseur überlässt es seinen Zuschauern,
herauszufinden, was sie an Hašeks Roman
interessieren könnte, treibt ihnen aber
alle Lust aus, es zu versuchen.
Wenn Jeff Willbusch, der zunächst wie
der junge Maxim Gorki aussieht, später als
Kadett Biegler mit heruntergelassener Unterhose und baumelndem Geschlechtsteil
über der Latrine steht und einen Song der
Achtziger-Jahre-Band „Trio“ mitsummt,
die auf der Videoeinspielfläche auftaucht,
Foto Matthias Horn
muss das niemanden schockieren. Aber
Mitleid regt sich in solchen Momenten.
Vielleicht ist dies das Einzige, was Castorf
noch provozieren kann. Die Schauspieler,
allen voran Valery Tscheplanowa als irrlichternde Witwe im Kostüm einer brasilianischen Sambatänzerin, leisten überwiegend Schwerstarbeit. Und tatsächlich:
Auch an einem solchen Abend gelingen
Castorf noch immer einige betörende Bilder, in denen hinter einem Wall von Routine, erschöpfter Wut und der schütteren Allüre der Selbstgefälligkeit etwas wie Sehnsucht erkennbar wird. HUBERT SPIEGEL
1,1 Terabyte wollen aufbereitet sein
Erschließung digitaler Nachlässe: In welche Richtung entwickelt sich die Zukunft der Literaturarchive?
Hätten Schriftsteller wie Thomas Mann
oder Ingeborg Bachmann bereits soziale
Netzwerke wie Facebook oder Whatsapp
genutzt – was wüssten wir über die politische Haltung der großen Denker, was
über ihre glücklichen und unglücklichen
Lieben?
„Nichts, was an die Ausführlichkeit von
Briefwechseln heranreicht“, vermutet
Dirk Weisbrod, der an der Humboldt Universität in Berlin über digitale Autorennachlässe promoviert wurde. Obwohl digitale Nachlässe in ihrem Umfang den eines analogen häufig deutlich überschreiten, seien zum Beispiel die über soziale
Netzwerke laufenden Konversationen
pragmatischer und weniger ausführlich
geworden. Würde man jedoch den
digitalen Nachlass eines Schriftstellers in
seiner Gesamtheit auswerten, zu dem
E-Mail-Postfächer, Einträge in sozialen
Netzwerken, aber auch mehrere Festplatten gehören können, wüsste man wahrscheinlich eine ganze Menge.
Vor seiner Dissertation arbeitete der
Diplom-Bibliothekar Weisbrod sechs Jahre lang als wissenschaftlicher Mitarbeiter
am Institut für Informationswissenschaft
der damaligen FH Köln, seit 2006 ist er
bei einem IT-Dienstleister angestellt und
dort zuständig für Content- und Dokumentenmanagement. Mit dem resultierenden Wissen sowohl um Informationstechnik als auch um die Archivars- und Bibliothekarstätigkeit versucht Weisbrod in seiner Freizeit, Archive durch Vorträge und
Publikationen für das Thema digitaler
Langzeitarchivierung zu sensibilisieren.
Er beschäftigt sich mit der Zukunft deutscher Nachlässe.
Die wird in absehbarer Zeit eine digitale sein. Sobald die ersten Autoren und
Künstler digitale Nachlässe anstelle von
kistenweise beschriebenem Papier hinterlassen, werden Archivare und Literaturwissenschaftler so stark auf technische
Hilfe angewiesen sein wie nie zuvor. Das
Deutsche Literaturarchiv in Marbach
(DLA), das Fontane-Archiv in Potsdam
oder das Archiv der Akademie der Künste
in Berlin: sie alle kümmern sich um die
Konservierung und Aufbereitung verstorbener Künstlernachlässe, um diese für Öffentlichkeit und Forschung zugänglich zu
machen. Bevor das möglich ist, müssen
zunächst die Rechte am jeweiligen Nachlass geklärt und das Hinterlassene chronologisch sortiert und inhaltlich erschlossen werden.
„In manchen Archiven in Deutschland
werden E-Mails aus Nachlässen noch ausgedruckt, weil man es gewohnt ist, ausschließlich mit Papier zu arbeiten“, sagt
Weisbrod. Manchmal fänden sich auch
Bierdeckel oder Servietten in den Nachlässen, wenn Autoren darauf künstlerisch tätig wurden. Aber digitale Daten werden
laut Weisbrod größtenteils erst in zehn
bis zwanzig Jahren in den Archiven erwartet. Das digitale Zeitalter ist ja „erst“ 35
Jahre jung und immer noch nicht in allen
Nachlassarchiven angekommen.
Eine der wenigen Ausnahmen stellt
der Nachlass von Thomas Strittmatter
dar. Der 1995 im Alter von 33 Jahren verstorbene Schriftsteller und Drehbuchautor begann bereits in den achtziger Jahren am Computer zu schreiben. Als das
DLA im Jahr 2000 seinen Nachlass übernahm, begann man dort Strategien für
den Umgang mit digitalen Nachlässen zu
entwickeln.
Neun Festplatten, 648 Disketten, 100
CD-Roms – ungefähr 1,7 Millionen Dateien im Umfang von 1,1 Terabyte vererbte
später der Medien- und Literaturwissenschaftler Friedrich Kittler dem DLA.
„Darunter sind Privatfotos, E-Mails und
andere persönlichkeitsrechtlich relevante
Daten, wie Texte über noch lebende Personen. So etwas kann man ja nicht einfach an die Öffentlichkeit geben“, erklärt
Heinz Werner Kramski, der sich im DLA
um digitale Nachlässe kümmert.
Auch Dirk Weisbrod sieht die größten
Probleme im Bereich Datenschutz. Würde zu einem digitalen Nachlass zum Beispiel das Facebook-Profil des Verstorbenen gehören, wäre die Frage nach den
Bildrechten nicht zwischen dem Nachlasser oder dessen Erben und dem Archiv zu
klären, sondern läge beim Anbieter, in
diesem Fall bei Facebook.
Die Datenträger aus einem Nachlass
müssen in Marbach zunächst in Form
einer sogenannten Image-Datei gesichert
werden. Dabei geht es darum, die Datenträger als gesamte Einheit zu kopieren.
Nur so können eines Tages gelöschte Daten nachvollzogen werden. Wo Schriftsteller einst in ihren Handschriften Passagen
durchstrichen, überschreiben sie heute
ihre Dateien auf Festplatten. Diese müssen wiederhergestellt werden, will die Forschung die Textgenese nachvollziehen.
Anschließend müssen die Originaldaten
gesichert werden.
„Wir benötigen dringend sogenannte
Digitalkuratoren“, erklärt Kramski, der
seit dreizehn Jahren im Literaturarchiv
Marbach mit seinen Kollegen Programme
entwickelt, um digitale Nachlässe zu sichern. Das habe in der Vergangenheit
zwar gut funktioniert, aber es fehle an ausgewiesenem Personal, das die aktuellen
und künftigen Datenmengen bewältigen
und inhaltlich erschließen kann. Der digitale Teil des Kittler-Nachlasses, der 2012
ins DLA kam, sei dafür ein gutes Beispiel:
Aufgrund seines enormen Umfanges und
der neuen Herausforderungen ist er erst
zu einem gewissen Teil inhaltlich erschlossen worden.
Der erste Band einer Kittler-Gesamtausgabe soll im Herbst dieses Jahres beim
Wilhelm Fink Verlag erscheinen. Er wird
Foto The Denver Post
Die Floppy-Disc,
einst digitales
Speichermedium der
Zukunft, kennt
inzwischen nur noch,
wer älter als vierzig
ist. Archivare, mit
digitalen Materialien
in dieser oder anderer Form konfrontiert, müssen nicht
nur das Medium
kennen, sondern
auch Zugang zu
einem entsprechenden Abspielgerät
haben. Das Deutsche
Literaturmuseum
in Marbach, das
mit dem Nachlass
von Friedrich Kittler
in dieser Hinsicht
einiges zu tun
hat, sammelt diese
Geräte, um gewappnet zu sein.
die Dissertation „Der Traum und die
Rede“ enthalten. Sie erschien 1977, ist
aber heute vergriffen. Zurzeit arbeiten
außerdem Bernhard Doltzer und Moritz
Hiller am ersten Band mit Nachgelassenem, „Musik und Mathematik II“, dessen
Erscheinung ebenfalls für den Herbst angekündigt ist. Darin sollen bislang unveröffentlichte Vorträge Kittlers publiziert
werden, die größtenteils nur in digitaler
Form vorliegen. Insgesamt soll die von
Martin Stingelin herausgegebene Gesamtausgabe rund 25 Bände umfassen.
Vor allem die vielfältigen Medienformate stellen eine Herausforderung im
Umgang mit Kittlers digitalem Nachlass
dar. „Natürlich wird es noch einige Jahre
dauern, bis das gesamte digitale Material
ediert werden kann“, sagt Susanne Holl,
die Witwe Friedrich Kittlers. „Aber andersherum betrachtet: Dank des ,KittlerIndexers‘ konnten die Daten in einem Rekordtempo von zwei Jahren durchforstet,
evaluiert und ein Editionsplan ausgearbeitet werden.“ Der Informatiker Jürgen
Enge hat zusammen mit dem DLA das
Suchmaschinenprogramm „Kittler-Indexer“ entwickelt, das es ermöglicht, durch
die ganzen 1,1 Terabyte Daten zu
„browsen“. Damit diese enorme Datenmenge anschließend aber auch inhaltlich
aufbereitet werden kann, bedarf es eines
Teams, das im Umgang mit digitalen
Nachlässen geschult ist.
Um diese Lücke in den Archiven zu
schließen, fehle es noch an finanziellen
und personellen Ressourcen, sagt Kramski vom DLA. In Stuttgart wird an der
Staatlichen Akademie der Bildenden
Künste seit mittlerweile zehn Jahren ein
Studiengang namens „Konservierung
Neuer Medien und Digitaler Information“ angeboten. Dort beschäftigt man
sich mit Fragen wie „Was ist ein vertrauenswürdiges digitales Archiv?“ – Fragen,
die für einen Archivar der Zukunft, der
im Umgang mit digitalen Daten geschult
sein sollte, essentiell sein werden. Mit Abschluss des Studiengangs nennt man sich
„Preservation Manager“. Die Absolventen lernen, sowohl die Originaldaten und
deren Digitalisate zu konservieren als
auch mit den Daten umzugehen.
In einigen Jahrzehnten werden Interessierte wohl nicht mehr den Briefwechsel
zweier Autoren, sondern deren Facebook-Verläufe untersuchen, um biographische Hintergründe nachvollziehen zu können. „Digitale Nachlässe bieten auch
Chancen“, sagt Dirk Weisbrod. Unter den
richtigen Voraussetzungen könne die
Textgenese eines Werks anhand überschriebener digitaler Daten schneller und
präziser nachvollzogen werden als bei
Nachlässen auf Papier. Das böte den Literaturwissenschaftlern in Zukunft die
Möglichkeit, sich bei Editionen wesentlich stärker auf die Kommentierung eines
Werkes konzentrieren zu können, statt zuvor aufwendig dessen Entstehungsstufen
zu rekonstruieren. NADJA AL-KHALAF
Feuilleton
SE IT E 14 · M O N TAG , 1 1 . A P R I L 2 0 1 6 · N R . 8 4
F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G
Zum Schluss noch
einmal Körper und Seele
Ein Lebenswerk wird abgebaut: Österreichs größtes
Privatmuseum schließt wegen Finanzierungsproblemen
WIEN, im April
Selten dauerte der Applaus nach einer Eröffnungsrede so lang: In seiner bewegten
und doch um Contenance bemühten
Rede gab der Kunstsammler Karlheinz
Essl am Abend bekannt, was die Vernissage-Gäste bereits mittags aus den Medien erfahren hatten. Die Schließung des
Essl Museums zum 1. Juli ist der Schlussstrich unter ein in Österreich einmaliges
privates Kulturengagement. „Wir haben
die Kunst nie als unseren persönlichen Besitz betrachtet“, betonte der Museumsgründer, der mit seiner Frau Agnes in den
siebziger Jahren Malerei zu kaufen begann. Fast siebzehn Jahre lang fuhr man
zu Vernissagen oder auf Sonntagsausflügen „hinaus zum Essl“. Mal ging es im
Auto zu dem unprätentiösen und doch eleganten Museumsbau am Fuß des Stifts
Klosterneuburg, mal mit der Schnellbahn, selten im kostenlosen Shuttlebus,
der pinkfarben vor der Oper Touristen köderte. Dort bei den grünen Donauauen,
in den großzügig auf einen Innenhof hin
verglasten Ausstellungshallen, schien
stets mehr Licht vorhanden als in Wien,
wo die Moderne im fast fensterlosen Mumok gebunkert wird.
Das Essl Museum ist ein Opfer der
Wirtschaftskrise – und doch auch wieder
nicht. Das Geld für seine Errichtung
stammte aus der Heimwerkerkette BauMax, mit der die Essls zunehmend stark
gen Osten expandierten. Als die Konkurrenz nachzog, geriet der zu schwach eigenfinanzierte Konzern ins Schleudern. Im
Frühjahr 2014 wurde klar, dass die Gläubigerbanken bereits die Hände nach dem
Kunstschatz der Essls ausstreckten. Damals versuchte das Sammlerpaar, sein, je
nach Zählweise, 5000 bis 7000 Arbeiten
umfassendes Lebenswerk an den Staat zu
verkaufen. Aber der höchst umstrittene
Ankauf, gegen den sogar die Künstler der
Secession in Wien protestierten, kam
nicht zustande. Stattdessen wurden im
Oktober 2014 bei Christie’s in London
die vierzig höchsttaxierten Gemälde –
von Gerhard Richter, Polke, Fontana und
anderen – versteigert. Bereits kurz zuvor
war der Bauindustrielle Hans Peter Haselsteiner in die Sammlung Essl eingestiegen und hatte mit seiner Privatstiftung
sechzig Prozent daran erworben. Bis zuletzt galt Haselsteiner als der Retter der
sonst womöglich in alle Winde zerstreuten Kollektion, wobei auch immer das Museum eingeschlossen schien.
Mit den 66 Millionen Euro aus der Auktion und dem Teilverkauf schien die Gefahr für Essls Lebenswerk gebannt. In
Wahrheit aber hatte Haselsteiner wenig
Interesse, die 3200 Quadratmeter Ausstellungsfläche in der Peripherie zu finanzieren. Der Baulöwe sah sich bald nach eigenen Hallen in Wien um und wurde mit
dem heruntergekommenen Ringstraßenbau des Künstlerhauses fündig. In die Renovierung dieses neben dem Wiener Musikverein gelegenen Ausstellungsgebäudes, die dreißig Millionen Euro kosten
soll, wird Haselsteiner nun investieren.
Außerdem hat er den Direktor der Albertina, Klaus Albrecht Schröder, eingeladen,
bei der Programmgestaltung der Kunstinstitution mitzumischen, die 2018 ihr
150. Jubiläum feiert. Essl muss dieser
Schachzug besonders sauer aufstoßen,
hatte er doch bereits 1995 dieselbe Idee:
Mitte der neunziger Jahre suchte der niederösterreichische Unternehmer nach
einer Präsentationsmöglichkeit in der
Hauptstadt, erhielt aber beim geplanten
Museumsquartier ebenso eine Abfuhr
wie beim Künstlerhaus. Nachdem auch
noch öffentlich Zweifel an der Qualität
seiner Sammlung laut wurden, zog Essl
nahe seiner Firmenzentrale ein Museum
mit seinem Namen darauf hoch.
Im vergangenen Jahr hat das Land Niederösterreich kolportierte 460 000 Euro
an Subventionen für das Essl Museum bereitgestellt. Die notwendige Summe für
den Ausstellungsbetrieb in dem VierzigMitarbeiter-Haus dürfte bei mehr als dem
Vierfachen liegen. Aber das Land errichtet derzeit für rund 35 Millionen Euro in
Krems ein neues Kunstzentrum und wollte Essl daher nur weiterfördern, wenn der
Bund sich gleichermaßen beteiligt. Wie
es aussieht, schloss Kulturminister Josef
Ostermayer („ich habe nie mit Essl persönlich darüber gesprochen“) diese Option von vornherein aus. Die aktuelle
Sammlungsschau „Body & Soul“ wird
also der letzte Akt in der Geschichte des
größten österreichischen Privatmuseums
sein – und sie offenbart abermals seine
Schwächen. Der in der Kunsttheorie rauf
und runter behandelte Topos Körper tritt
dort als Allerweltsthema auf, das eine
Menge nackter Tatsachen in Öl zeitigt.
Dieser wilde Mischmasch, der die Wiener
Aktionisten mit Jörg Immendorff, Nan
Goldin und Jonathan Meese in einem
Atemzug nennt, wirkt nach dem Motto
„Das haben wir auch noch“ addiert und
lässt einen roten Faden vermissen.
Erst von 1989 an kaufte das Sammlerpaar auch internationale Kunst, zuvor galt
der Fokus der heimischen österreichischen Malerei. Die Essls setzten nie
Trends, aber sie holten die Neue Leipziger
Schule, die angesagten Zeitgenossen chinesischer oder indischer Metropolen nach
Österreich, als es kein Wiener Museum
tat. Durch die enge Zusammenarbeit mit
den Künstlern entstanden tadellose Einzelausstellungen, sei es zu Georg Baselitz,
Elke Krystufek oder Alex Katz. Und auch
die Nachwuchsförderung war dem Essl
Museum ein Anliegen. Aber der Sammlung fehlten die Kanten, die durch persönliche Setzungen entstehen, durch formale
oder inhaltliche Liebhaberei. Oft dankte
der gläubig-demütig auftretende Protestant Essl bei Reden Gott für sein Museum,
er studierte im Fernstudium Malerei und
erzählte stolz, wie er in Neo Rauchs Küche zu Spaghetti eingeladen wurde. Galeristen und Künstler kannten hingegen das
andere Gesicht des Unternehmers, der
sich mit dem Herunterhandeln von Preisen in der Szene unbeliebt gemacht hat.
Das Essl Museum war nie ein Hotspot
der Kunstschickeria, eher ein niederschwelliges Familienmuseum mit Bildungsanspruch. Es mag seltsam klingen,
aber der schöne Museumsbau federte enttäuschende Ausstellungen ab, der offene
Charakter des Hauses ließ über so manches mittelmäßige Bild hinwegblicken.
Dass es in Zukunft nur mehr als Depot dienen wird und zum Geister-Museum wird,
tut bestimmt nicht nur Karlheinz Essl „in
NICOLE SCHEYERER
der Seele weh“.
Kino-Wegweiser
bewerb seien die „interessanteren Filme“,
so Carsten Spicher, der die Sektion verantwortet, „fast durchweg außerhalb der
Film-Ausbildungsstätten
entstanden“.
Ein großes thematisches Programm ist unter dem Titel „El pueblo“ einer „Neuen
Welle“ des lateinamerikanischen Kinos
gewidmet; mit Retrospektiven werden
Sun Xun (China), Josef Darbernig (Österreich), Anne Haugsgjerd (Norwegen),
Jeanne Faust (Deutschland) und Raquel
Chalfi (Israel) gewürdigt. Die Vielfalt des
Ausdrucks, der Erzählungen, Formen
und Experimente sei enorm, betonte Festivalleiter Lars Henrik Gass: „Wer verstehen will, wo sich das Kino hin entwickelt
und welche Alternativen eine Gesellschaft besitzt, kann heute in kurzen Filmen besser als in langen eine Vielzahl
von Entwürfen entdecken.“
aro.
Kurzfilmtage in Oberhausen
Größer, neuer, bunter. Das Programm der
diesjährigen 62. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, die vom 5. bis zum
10. Mai veranstaltet werden, zählt fast
550 Arbeiten. Das ist ein Rekord in der
Geschichte des Festivals. Knapp die Hälfte der Beiträge in den fünf Wettbewerben
sind Weltpremieren. „Im Auswahlprozess
haben wir festgestellt, dass die traditionelle Dominanz von Ländern wie den Vereinigten Staaten oder Großbritannien abnimmt“, sagte Hilke Doering, Leiterin
des Internationalen Wettbewerbs, so seien vermehrt Filme von den Philippinen,
aus Südafrika, Algerien, Paraguay oder
Neuseeland zu sehen. Im deutschen Wett-
Wir trauern um unseren langjährigen
ehemaligen Beiratsvorsitzenden
Dr. Joachim Harms
der im Alter von 86 Jahren verstorben ist.
Herr Dr. Harms hat die Entwicklung von Lenze über
viele Jahre mit großem Einsatz begleitet.
Die Gesellschafter und Geschäftsführer der
Lenze-Gruppe konnten immer auf seinem fundierten
und fairen Rat bauen und haben ihn als sehr engagierten
Freund und Begleiter erlebt und geschätzt.
Wir werden Herrn Dr. Harms
nicht vergessen.
Lenze
Gesellschafter, Vorstand
und Mitarbeiter der Lenze-Gruppe
Da wollen westliche Modehäuser, die einen großen Markt wittern, doch auch mithalten: Präsentation von „islamischer Bademode“ in Istanbul
n Frankreich leben mehr Muslime
als in jedem anderen europäischen
Land. Das stellt die Grande Nation
des Laizismus immer wieder vor
Herausforderungen: Politiker und Intellektuelle suchen den richtigen Umgang
mit den Kleidungsgewohnheiten der
Musliminnen. Bisher endete das meist
im Verbot. Seit 2011 sind Burkas untersagt, religiöse Symbole an Schulen, also
auch Kopftücher, seit 2004. Jetzt werden
Rufe nach einem Verbot islamischer Kleidung laut. Doch das, was westliche Designer darunter verstehen, ist schwer als religiös motiviert zu identifizieren, so dass
der französische Weg hier erstmals scheitern dürfte: Der Begriff islamische Mode
dient vor allem Marketingzwecken und
wird vielfältig ausgelegt.
Mit der Kleidung bedeckt der Mensch
seine Blöße – und gibt sich eine neue.
Denn kein Kleidungsstück ist ohne Aussage; mindestens besagt es, dass sich hier jemand Mühe gebe, keine Aussage zu treffen. Es muss also nicht das Dirndl sein, es
reicht das graue T-Shirt, um etwas über
den Menschen darin zu verraten. Das ist
der Segen der Mode, und es ist ihr Fluch.
Denn sich über seine Kleidung auszudrücken und sie daher gezielt auszuwählen
bedeutet auch: auf alles, was zum Selbstbild nicht passt, zu verzichten. Vorausgesetzt ist selbstverständlich, dass es diese
Ausdrucksfreiheit gibt und keine sanktionierte Kleiderordnung – für Frauen –, wie
sie in islamischen Ländern herrscht.
Die Aufgabe der Modeindustrie ist es,
für jedes Selbstbild die richtige Kleidung
zu liefern. Manche Designer schneidern
nur für schlanke Frauen. Manche entwerfen, was als islamische Kleidung gilt. Die
Kollektionen richten sich an Musliminnen, die sich als modisch, aber auf traditionelle Art religiös verstehen – und daher darauf verzichten, kurze Röcke und
enge Jeans zu tragen.
Pierre Bergé, Mitbegründer des Modehauses Yves Saint Laurent, warf den Desi-
I
Nicht immer der
alte Schleier
Frankreich streitet um islamische Mode, die nun
auch westliche Designer entwerfen: Dient sie allein
dem Verhüllungszwang, oder schafft sie Freiräume?
gnern vor, sie seien „Komplizen einer Diktatur, die Frauen dazu zwingt, sich zu verstecken“. Seine Kollegen sollten auf das
Geld verzichten, das auf diese Weise zu
verdienen sei, bat der Fünfundachtzigjährige. Die Ministerin für Frauen und Sport,
Laurence Rossignol, verstieg sich auf den
Hinweis hin, manche Frauen verhüllten
sich schließlich freiwillig, zu der Aussage:
„Es gab auch amerikanische Neger, die für
die Sklaverei waren.“ Später entschuldigte
sich Rossignol für ihre Wortwahl, blieb jedoch bei ihrer Forderung nach einem Verbot für islamische Mode. Die Philosophin
Élisabeth Badinter sagte in „Le Monde“,
die Toleranz gegenüber Verhüllungen wende sich nun gegen die muslimischen Frauen, denen man ursprünglich zu helfen geglaubt habe. Einzig das Gesetz könne sie
von dem Druck zur Verschleierung befreien, unter dem sie stünden.
Diese Diskussion lässt die Modefirmen
jedoch völlig kalt: Der Markt geht dahin,
wo das Geld ist. DKNY war das erste große westliche Unternehmen, das diesen Bereich erschließen wollte. 2014 offerierte es
eine Ramadan-Kollektion, fließende Stoffe, weite Hosen, geschlitzte Röcke – nicht
aufreizend, aber auch nicht gerade betont
defensiv. Tommy Hilfiger zog ein Jahr später nach mit einer Kollektion, die elegante
Kleider und Röcke in Schwarz und Petrol
an die Frau bringen wollte. Sie alle sind bodenlang. Aber auch eine knallenge Jeans
fand das Unternehmen passend. Inzwischen führen auch Net-a-Porter, Zara, Oscar de la Renta und Mango islamische
Mode. Die Entwürfe zeigen keine nackten
Schultern oder Beine, doch sie betonen zumeist die Taille. Die religiöse Zuschreibung ist auf den ersten Blick nicht erkennbar. Das stellt die Forderung nach einer legislativen Lösung vor Probleme: Wie sollte man diese Art islamischer Mode verbieten, ohne das Verdecken von Knien im Allgemeinen zu verbieten? Die Kleider würden sich ganz sicher auch hierzulande in
den Modeketten gut verkaufen, landeten
jedoch direkt in den orientalischen Ländern, auf die sie zugeschnitten waren. Bei
fast allen gibt es einen Bezug zum Fastenmonat Ramadan, aber nicht aus religiösen
Gründen. Der Ramadan mit seinen feierlichen Essen im Familienkreis wurde in den
letzten Jahren mehr und mehr zum Anlass
für Konsumräusche.
Marks & Spencer ging unterdessen viel
weiter als DKNY mit einem Burkini, ei-
Foto Panos Pictures/VISUM
nem Ganzkörperbadeanzug, der sogar
die Knöchel der Hände und Füße bedeckt. Dieser allenfalls körpernahe blaue
Anzug mit Blumenmuster auf der Brustpartie macht die Abstufung zwischen
Männern und Frauen in der islamischen
Welt besonders deutlich: Männer tragen
im Schwimmbad keine spezielle Kleidung. Damit steht der Burkini deutlicher
für die Verhüllung des weiblichen Körpers als jeder bodenlange Mantel.
Nach von Thomson Reuters erhobenen
Finanzdaten lohnt sich der Markt für die
Modeunternehmen. 2013 gaben Muslime
weltweit 266 Milliarden Dollar für Kleidung und Schuhe aus. Das meiste Geld
fließt in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien und der Türkei. Es
wird geschätzt, dass es 2019 schon 484
Milliarden Dollar sein werden. Denn die
junge,
konsumfreudige
Zielgruppe
wächst rasch nach: Gegenwärtig sind 62
Prozent der Muslime jünger als dreißig
Jahre. Für 2030 wird erwartet, dass 29
Prozent aller jungen Leute muslimisch
sind. Aus ökonomischer Sicht wäre es geradezu fahrlässig, wenn die Modebranche
sich darauf nicht einstellte.
Allerdings definieren nicht alle Musliminnen ihren Kleidungsstil über ihre Religion. Und selbst unter jenen, die es tun,
herrscht Vielfalt. Zu islamischer Kleidung zählt nicht nur das Kopftuch oder
der Tschador, sondern auch der Salwar
Kamiz, die Kombination aus Hose, langem Hemd und Schal, die etwa in Indien
häufig getragen wird – sowohl von Frauen als auch von Männern. Auch die Strenge der Verhüllung wird unterschiedlich gehandhabt: Die Kollektionen von Tommy
Hilfiger und Zara dürften strenggläubigen Muslimen ebenso wenig gefallen wie
der Gedanke, den Fastenmonat Ramadan
zum Shopping zu nutzen. So können die
westlichen Designer zumindest behaupten, im Konsumverhalten zu Feiertagen
neue Gemeinsamkeiten der Religionen
JULIA BÄHR
geschaffen zu haben.
Was Rembrandt wohl dazu sagen würde?
Ein Algorithmus lässt den alten Meister wieder malen, sein neuestes Werk kommt aus dem 3D-Drucker
„Der Mann mit dem Goldhelm“ war bekanntlich kein echter Rembrandt, selbst
wenn er lange dafür gehalten wurde. Und
der Mann mit dem schwarzen Hut, der uns
aus dem in Amsterdam enthüllten Bild entgegenblickt? Er stammt ebenso wenig von
der Hand des Meisters, will aber die Essenz seines Schaffens darstellen. Dabei
stammt er nicht einmal von Menschenhand, sondern aus dem 3D-Drucker und
ist computergeneriert. „The Next Rembrandt“ wird von den Kunsthistorikern, Informatikern und Ingenieuren, die hinter
ihm stehen, als wahr gewordener Traum
gefeiert: einen Ausnahmekünstler 347 Jahre nach seinem Tod „zurückzuholen“ und
ein weiteres Gemälde schaffen zu lassen –
mit Hilfe eines Algorithmus.
Anderthalb Jahre hat ein Team, das sich
aus Mitarbeitern des Museums Het Rembrandthuis in Amsterdam, des Mauritiushuis in Den Haag, der Delfter University
of Technology und von Microsoft zusammensetzte, an der Fertigstellung gearbeitet. Wie, zeigt ein Promo-Film der ebenfalls beteiligten Werbeagentur J. Walter
Thompson. 3D-Scans von 346 Originalen
lieferten die Datengrundlage. Die digitale
Auswertung der Bildsujets kam zu dem
Schluss: Ein typischer Rembrandt ist das
Porträt eines kaukasischen Mannes zwischen dreißig und vierzig Jahren mit Bart,
dunkler Kleidung und Hut, dessen Gesicht
nach rechts weist.
Als Nächstes frästen sich eine Statistikund eine Gesichtserkennungssoftware
durch die Werke und erfassten Farben, Art
und Höhe des Farbauftrags, Geometrie
der Kompositionen, Größenverhältnisse
sowie typische Nasen, Augen und Ohren.
Eine gigantische Datenmasse häufte sich
so auf, fünfzehn Terabyte – das ist fast
sechsmal so viel, wie die Panama Papers
zählen. Je größer die Menge an Informationen über einen Menschen, desto besser
die Voraussetzungen, sein Handeln möglichst präzise zu simulieren und vorauszusagen. Das ist die Logik, die auch hinter
der Datensammelwut der Netzkonzerne
steht. Und der Glaube daran, dass die Summe statistisch häufiger Gesten und Gesichtsausdrücke das Repertoire einer Person ausmachten, steckt ebenfalls im Bestreben, toten Schauspielern neues Leinwandleben einzuhauchen. Doch obwohl
„The Next Rembrandt“ sich aus 148 Millionen Pixeln und 168 263 Rembrandt-Bildfragmenten zusammensetzt, obwohl der
3D-Drucker dreizehn Farbschichten übereinanderlegte, um möglichst überzeugend
Big-Data-Art aus dem 3-D-Drucker: „The Next Rembrandt“ ist enthüllt
Foto dpa
die Anmutung eines Ölgemäldes zu simulieren, obwohl das Gesicht des Herrn im
Bild tatsächlich sofort an eine RembrandtFigur denken lässt und die Garderobe an
Hollands Goldenes Zeitalter – von Leben
ist doch keine Spur.
Wie sollte es auch anders sein. Schließlich liegt der Reiz eines echten Rembrandts darin, dass das Bild einen Kontakt
herstellt von Mensch zu Mensch, über Jahrhunderte und Kulturen hinweg, zu einem
Künstler, der sich der Erforschung des
Selbst verschrieben hat wie kaum ein anderer und gar nicht anders konnte, als in seine Bilder zu packen, dass hier einer malte,
der gelebt, geliebt und gelitten hat wie alle
Menschen. Die statistisch wahrscheinliche
Computercollage ist für einen Rembrandt
unwahrscheinlich glatt: eine perfekte Simulation nach Rembrandtart. Brauner
Hintergrund, helle Schattierungen, knubbelnasiger Mann mit weißer Halskrause.
Rembrandtstyle zum Selbstausdrucken
wie Falschgeld.
Der Künstler sei besonders geeignet gewesen, weil er so große Datenmassen hinterlassen habe, sagte einer der Initiatoren.
Das lässt Schlimmes befürchten für Shakespeare, Picasso und andere. Aber vielleicht
ist „The Next Rembrandt“ auch einfach
nur der Beweis dafür, dass der Mensch
schlicht nicht zu ersetzen ist und ein Genie
unberechenbar bleibt. Es müssten nur ein
paar Künstler kommen, die den Repro-Algorithmus gehörig in die Mangel nähmen
um etwas gänzlich Eigenes, Neues damit
anzustellen, dann würde die Sache sogar
URSULA SCHEER
richtig interessant.
FRANKFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TU NG
ch gehöre zu den trotzig Deutschen: Ganz gleich, wie oft jemand
nachfragt, woher ich denn in Wirklichkeit stamme oder – noch indiskreter – woher meine Eltern kommen, stets antworte ich: aus Köln. Im
Laufe von fast fünf Jahrzehnten habe ich
gelernt, Kommentare, die in Richtung
„Du siehst gar nicht aus wie ein Kölner“
gehen, höchstens mit einem Lächeln zu
kommentieren.
Damit bin ich bisher ganz gut gefahren.
Ich habe sogar meine Scheu überwunden,
mit anderen nicht deutsch aussehenden
Deutschen öffentlich zu verkehren. Diese
Macke entstand in meiner Kölner Kindheit. Damals wurde ich in der Regel für
ein Gastarbeiterkind gehalten, und das bedeutete: Mein Status war denkbar niedrig.
Das empörte und beleidigte mich, denn
ich war kein Gastarbeiterkind, ich war
von dort, wo ich zur Welt gekommen war,
und das hat sich nie geändert. Heute weiß
ich, dass man das „Ius Solis“ – Gesetz des
Bodens – nennt. Es ist das einzige Gesetz,
dass Kinder da abholt, wo sie stehen: an
ihrem Geburtsort.
Natürlich lag in meiner Empörung der
Kern meines eigenen Rassismus: Ich wollte nicht zur unteren Kaste gehören, sondern Brahmane sein. Vermutlich spreche
ich deshalb so betont korrektes Deutsch,
damit man zumindest, wenn ich den
Mund öffne, gleich eines Besseren belehrt wird. Diese Strategie habe ich bei
vielen beobachtet, deren Äußeres sich in
ähnlicher Differenz zum „normalen“
Deutschen befindet. Meistens funktioniert sie. Die Ausfälle derer, die einen für
die tollen Sprachkenntnisse loben, muss
man achselzuckend hinnehmen. Im Laufe
der Jahrzehnte sind es immer weniger geworden, und das ist eine gute Nachricht.
Neuerdings aber haben sich die Dinge
rasant verschoben, und das Schlimmste
ist, dass ich nicht genau erkennen kann,
in welche Richtung die Reise geht. In meiner Kindheit waren die Koordinaten der
Straße festgelegt: Es gab die Altnazis, die
mich im Vorbeigehen beleidigten. Sie achteten genau darauf, dass es keine Zeugen
gab, und sie waren nicht handgreiflich. Es
gab die Gleichaltrigen, die naiv genug waren, Parolen von Erwachsenen zu wiederholen. Sie zu ignorieren war schwierig bis
unmöglich. Und es gab die angespannte
Öffentlichkeit, die immer nicht genau
wusste, wie sie mit einem wie mir kommunizieren sollte, um nicht rassistisch
zu sein. Dieses watteartige Gefühl der
Fremdheit, das mir überall entgegengebracht wurde, war vielleicht am schwerwiegendsten, und das lag daran, dass ich
lange nicht wusste, woran es lag: an mir
oder an den anderen?
Deutschland befand sich bis zur Wiedervereinigung gewissermaßen unter
Quarantäne. Sowohl in der DDR als auch
in der Bundesrepublik war Rassismus als
Folge des Holocausts und vor allem des
daraus resultierenden Gesichtsverlusts
nach der totalen Niederlage im Zweiten
Weltkrieg tabuisiert. In der DDR war das
Tabu absolut – es gab keine nennenswerten Kontakte mit Fremdarbeitern, und in
der offiziellen Lesart lebten die Faschisten in Westdeutschland, während die sozialistische DDR bereits daran arbeitete,
einen neuen Menschen zu erschaffen.
Auf diese Weise fand keine brauchbare
Auseinandersetzung mit der Vergangenheit statt.
In Westdeutschland gab es dasselbe
Tabu, aber die Strategie, derer sich die Gesellschaft bediente, um zur Normalität zurückzukehren, war eine andere. Sie lautete, grob gesagt: Vergangenheitsbewältigung. Was die Amerikaner gleich nach
dem Krieg betrieben – die Menschen aus
der Umgebung von KZs zwingen, sich diese von innen anzusehen –, wurde nach
und nach zur kulturellen Ausrichtung
einer ganzen Gesellschaft. Unter dem
Motto der Wiedergutmachung wurde
Geld an Israel gezahlt – ein Novum in der
Rechtsgeschichte. Noch nie waren Reparationen an einen Staat gezahlt worden, der
als solcher überhaupt nicht geschädigt
worden war, weil er zum Zeitpunkt des
Holocausts noch gar nicht existierte, und
weil die Geschädigten Privatpersonen waren. Als die düsteren fünfziger Jahre end-
I
lich zu Ende gingen, begann die zunehmend schonungslose Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus.
All die Schuldbewusstheit und Aufklärung und Wiedergutmachung, die seitdem um sich griff, war von dem dringenden Wunsch angetrieben, wieder ein vollwertiges Mitglied in der Gemeinschaft
der Völker zu werden. Normalität war die
große Meta-Erzählung der Deutschen
und ist es, zumal seit dem Fall der Mauer
und der Wiedervereinigung, bis auf den
heutigen Tag geblieben. Als Barometer
diente der Blick von außen. Die Frage
„Wie sehen uns die anderen?“ wurde mit
manischer Regelmäßigkeit in den Medien
gestellt und von Politikern beantwortet –
möglichst positiv natürlich.
Das Problem an der Motivation, Normalität zu erlangen, bestand darin, dass
die Westdeutschen glaubten, sie könnten,
nach getaner Vergangenheitsbewältigung, einen Schlussstrich unter die unangenehme Nazi-Zeit mit ihren Völkermorden ziehen. Diese Haltung setzte unmittelbar nach Kriegsende ein und hat sich bis
heute nicht geändert. Sie prägt das historische Bewusstsein vieler Deutscher.
Auf diese Weise konnte es auch in Westdeutschland nicht zu einer wirklichen
Überwindung des Rassismus kommen.
Das zeigte sich bereits am Umgang mit
den Gastarbeitern. Weil viele von ihnen
nach getaner Arbeit nicht in ihre Heimatländer zurückkehren wollten, wurden sie
zähneknirschend als dauerhafte Gäste
akzeptiert – und so blieb es erst einmal.
Bis ins 21. Jahrhundert hinein haben namhafte Politiker behauptet, Deutschland
sei kein Einwanderungsland, obwohl dies
bereits seit einem halben Jahrhundert
nicht mehr der Wahrheit entsprach.
Ein wichtiger Grund für diese Blindheit
war die Tabuisierung des real existierenden Rassismus in der Gesellschaft. Was in
der DDR zu einem völligen Ausblenden
führte, erzeugte im schuldbewussten Westdeutschland allgemeine Verunsicherung. Viele Menschen fühlten
sich in der Gegenwart von ausländisch
aussehenden
Menschen, die aber offenbar Deutsche waren, eher unwohl,
weil sie nicht wussten, wie man sich
nichtrassistisch verhält. Die meisten überspielten ihre Verlegenheit, indem sie mich einfach nicht beachteten. Das führte in Geschäften oft zu recht wort- und blicklosen
Kontakten.
In den Achtzigern gab es dann eine
eigenartige Gegenreaktion. So konnte es
mir passieren, dass ich ahnungslos auf
einer Bonner Café-Terrasse saß und sich
plötzlich jemand ungebeten zu mir setzte,
um mir davon vorzuschwärmen, was für
prima Menschen Türken doch seien.
Oder aber ich wurde von wildfremden
Leuten auf eine höchst aufdringliche Weise angelächelt, als wollten sie mir sagen:
Gut, dass du unter uns weilst. Das passiert mir heute übrigens auch wieder verstärkt. Ich habe nie gewusst, wie ich darauf reagieren soll, meistens habe ich einfach nur verblüfft zurückgeglotzt und mir
anschließend Sorgen gemacht, ob meine
Reaktion nicht unfreundlich rüberkam
und qua Enttäuschung aus einem positiven einen negativen Rassisten macht.
ls Deutschland sich wiedervereinigte und nur wenige
Jahre später eine Welle von
ausländerfeindlichen Attacken durch das Land ging,
war die große Mehrheit der Deutschen geschockt, hatten sie doch gedacht, den Rassismus überwunden zu haben. Meinesgleichen dagegen spürte eine große Erleichterung, denn endlich war das Geleugnete
sichtbar geworden. In der Folgezeit erlebte ich, wie die Menschen sich in Lichterketten und Solidaritätsbekundungen vom
Damoklesschwert, allesamt Fremdenfeinde zu sein, befreiten. Das Verhalten der
Öffentlichkeit entspannte sich. Der Rassismus wurde zwar wieder hoffähig, Rassisten zogen in Landesparlamente und
Rathäuser ein, alles sehr unerfreulich.
A
Feuilleton
M O N TAG , 1 1 . AP R I L 2 0 1 6 · NR . 8 4 · S E I T E 15
Die Sache mit
den Fremden
Ich werde selten als Deutscher angesehen,
aber nun nehme auch ich, der gebürtige Kölner,
den deutschen Blick an. Von Steven Uhly
Die Kleidung mag normal sein, wir
achten aber auf die Hautfarbe.
Foto Lucas Wahl
Aber sie verkörperten zugleich die Sichtbarkeit des Rassismus, und das war für
alle, die ansonsten an sich selbst gezweifelt hätten, eine gute Sache.
Und so wurde ich tatsächlich nach drei
Jahrzehnten, die ich in meiner unsichtbaren Nische zugebracht hatte, doch noch in
die Gesellschaft integriert. Verkäuferinnen und Kassiererinnen sahen mich an, in
der Öffentlichkeit ging man erst einmal davon aus, dass ich der Landessprache mächtig bin. Eine Zeitlang vergaß ich fast, dass
ich eigentlich kein echter Deutscher bin.
Bis jetzt.
Während andere Deutsche mit Sorge
die Nachrichten verfolgen und sich entweder auf die Angst vor Terroristen, Frauenvergewaltigern, Kulturzersetzern, Schmarotzern, Krankheitsüberträgern oder das
Auseinanderfallen der EU durch die
Flüchtlingskrise spezialisieren, versuche
ich stets mit einem Auge abzuschätzen,
was das für meinen und den Status meiner Kinder in der anonymen Öffentlich-
keit, das heißt auf der Straße, im Alltag bedeutet. Wie sicher sind wir vor dem Pöbel? Wie stark ist die zivilisatorische
Schicht, die die Groben, die Radikalvereinfacher, die Hetzer, die kollektiven Psychopathen in Schach hält, während ich
einkaufen oder spazieren gehe, meine
Kinder zur Schule fahren oder einfach
nur mit Freunden draußen herumlaufen?
Ich kann diese Frage nicht beantworten, weil sich in meiner Umgebung augenscheinlich nichts verändert hat. Doch ich
bemerke, dass mein eigenes Verhalten
nicht mehr dasselbe ist. War in der Vergangenheit stets eine Art Frühwarnsystem für plötzlich auftauchende Neonazis mit Gewaltabsichten in mir aktiv, so
merke ich heute auch auf, wenn plötzlich
muslimisch anmutende Männer auf der
Bildfläche erscheinen. Werden sie Waffen ziehen, Bomben schmeißen, Frauen
angrapschen? Alarmstufe Gelb! Das dauert meistens nur ein paar Sekunden, bis
sich die Neuankömmlinge als vollkom-
men harmlos entpuppen. Doch der bedingte Reflex ist da.
Ärgerlich nur, dass auch ich als nicht
deutsch aussehender Deutscher wieder
einmal zum Objekt ebendieser besonderen Aufmerksamkeit durch andere Leute
werde. Und ich kann es ihnen nicht einmal verübeln. Vermutlich würde ich mir
selbst erst einmal misstrauen, wenn ich
mir als Fremder über den Weg liefe.
Diese Furcht, die einerseits durch die
Flüchtlingswelle und andererseits durch
die terroristischen Attacken islamistischer Fundamentalisten in westeuropäischen Städten entstanden ist, hat anscheinend nichts mit dem pathologischen Rassismus gemein, in dem die Ausländerhasser gefangen sind. Das Besondere an den
Neonazis ist ja, dass im Urgrund ihrer Haltung nicht das gemeinsame politische
Ansinnen liegt, sondern die gemeinsame
psychische Störung, und die erst führt sie
zusammen. Ursache und Wirkung ins Gegenteil zu verkehren und die Ausländer
als Grund zu sehen, entspricht dann bloß
dem gewöhnlichen Selbsterhaltungstrieb,
dem auch andere Störungen gehorchen.
Ich bin sicher, diese Menschen sind sich
eigentlich selbst fremd.
Der neue Rassismus, dem auch ich anheimgefallen bin, funktioniert anders.
Man könnte ihn als traumatisch bezeichnen, denn er hat viel mit den Ereignissen
in Paris im letzten Jahr und während der
Kölner Silvesternacht zu tun. Mit anderen
Worten: Dieser Rassismus reagiert zwar,
wie der pathologische, auf das Äußere
eines Menschen, doch er basiert auf tatsächlichen Ereignissen, und das macht
ihn für viel mehr Menschen ansteckend, als dies bislang der Fall
war, denn er scheint gar
nicht rassistisch zu sein.
Es ist eine neue Variante des unsichtbaren Rassismus, die als berechtigte Sorge in Erscheinung tritt. Und wer wollte dem widersprechen?
Die
Grenzen
verschwimmen hier gleich in
mehrfacher Hinsicht. IS-Terroristen und vergewaltigende Flüchtlinge stammen beide aus dem islamischen Kulturkreis. Der Islam als gemeinsamer Nenner
des Übels – allein da strömen so viele Ressentiments zusammen, dass die Unterschiede zwischen Neonazis, Islamisierungsgegnern und „besorgten Bürgern“
zu verschwinden drohen.
Man darf eines nicht vergessen: An der
Entstehung dieses traumatischen Rassismus war die mediale Vermittlung der dramatischen Ereignisse maßgeblich beteiligt. Das bedeutet: Die meisten von uns
haben selbst gar nichts erlebt. Das erinnert ein wenig an den pathologischen
Rassismus, der bekanntlich dort am
stärksten ausgeprägt ist, wo es die wenigsten Ausländer gibt.
Die mediale Vermittlung lässt uns teilhaben an Ereignissen, die in unmittelbarer Umgebung – in unserem Land – geschehen und dennoch für unsere Augen
unsichtbar bleiben. Ich habe noch keinen
IS-Terroristen gesehen, war bei keinem
Massaker zugegen, musste nicht mitansehen, wie Nordafrikaner deutsche Frauen sexuell belästigen. Aber gerade die
Dopplung aus medialer Allgegenwart und
Unsichtbarkeit im Alltag schürt meine
Furcht. Wenn ich derzeit in die Stadt fahre, tasten meine Sinne unablässig die Umgebung nach Anzeichen von Gefahr ab,
und nur beim Anblick von Polizisten verspüre ich Momente der Erleichterung.
Auch das ist mir neu.
Als im weitesten Sinne muslimisch anmutender Mann stehe ich, wie gesagt,
auch selbst unter Beobachtung, aber es
gibt noch eine weitere Furcht, die unmittelbar damit zu tun hat. Ich frage mich:
Wird der massive Zuzug südlich aussehender Menschen nicht den pathologischen
Rassisten Auftrieb geben? Die Antwort
muss Ja lauten, denn es gibt konkrete Zahlen über den Zulauf, den die Rechten derzeit genießen.
Mit diesem Gedanken leiste ich abermals einen Offenbarungseid, denn meine
Angst vor Rassisten ist selbst rassistisch.
Mit der linken Herzkammer heiße ich die
armen Flüchtlinge willkommen, während
ich mit der rechten Herzkammer das Erstarken des Rassismus eben durch die Gegenwart der Flüchtlinge befürchte. Ich
würde dies als Rassismus zweiter Ordnung bezeichnen oder als über die Bande
gespielten Rassismus. Das gibt es leider
auch: Leute, die etwas gegen Flüchtlinge
haben, weil sie selbst Einwanderer der
ersten oder zweiten Generation sind.
assistischer Antirassist, der
ich bin, glaube ich, dass eine
„Durchrassung“ der Deutschen dem arischen Wahn ein
für alle Male den Garaus machen könnte. Deshalb: Nur her mit den
dunklen Leuten! Am liebsten würde ich
ganz Deutschland mit Ausländern fluten,
damit auch die Menschen im hintersten
Winkel der Republik endlich zur Vernunft kommen und lernen, mit Leuten zusammenzuleben, die anders aussehen.
Gleichzeitig aber war ich als Kind zu
oft das Opfer von blöden deutschen Normalrassisten und will nicht, dass diese
Gruppe noch weiter anwächst. Und wenn
muslimische Männer deutsche Frauen vergewaltigen, geschieht das gewiss.
Wie ich sie hasse, diese Hasskranken!
Und es wird immer schlimmer mit mir: Inzwischen traue ich auf Anhieb keinem
mehr, der mir allzu deutsch daherkommt.
Denn wer weiß schon, ob der traumatische Rassismus der Verängstigten sich
nicht jederzeit zu einem krankhaften
Hassrassismus auswachsen kann?
Wie gern würde ich Menschen einfach
nur als Individuen betrachten! Ein jeder
anders als der andere, wäre das nicht
phantastisch? Aber es gibt zu viele Schemata in meinem Kopf, zu viele Wahrnehmungsgewohnheiten, zu viele Ängste
und Ängste vor Ängsten.
Ach, wir sind alle Rassisten. Dabei ist
es ganz müßig. Eine Mutter aus dem Kindergarten, in den meine jüngste Tochter
geht, ist weißer als die meisten Deutschen, ihr Haar ist hellblond, sie würde
niemals von einem hiesigen Rassisten ausgeguckt werden. Doch sie ist das Kind bosnischer Einwanderer, ihre Eltern waren
Muslime. Der Vater eines dreijährigen
Jungen aus demselben Kindergarten,
genauso hell und blond, ist Brasilianer,
Nachfahre italienischer, finnischer und
russischer Auswanderer. Und überhaupt
die Russen, von denen gibt es so viele in
München, aber man kann sie nicht erkennen, wenn sie nichts sagen. Ganz zu
schweigen von den Polen. Auf der Straße,
in der anonymen Öffentlichkeit sehen sie
alle deutsch aus, was immer das sein mag:
deutsch aussehen.
Ein Freund von mir ist neulich nachts
beim Trampen in München von zwei
Nazis mitgenommen worden. Er ist der
Sohn portugiesischer Einwanderer, sein
Name ist Carlos, kleine Statur, schwarze
Haare, dunkle Augen. Als die Nazis ihn
fragten, wie er heiße, sagte er: „Stefan.“
Damit waren sie zufrieden.
Kein Wunder. Mancher Kölner sieht
aus wie ein Nachfahre der römischen
Stadtgründer, viele Urbayern sind so dunkel, dass ich meinen Ohren nicht traue,
wenn sie den Mund aufmachen und heraus kommt dieser Dialekt, den ich kaum
verstehe.
Was also ist der Rassismus wert, wenn
seine Adepten so unfähig sind? Als echtes Ausschlusskriterium taugt er jedenfalls nicht. Im Gegenteil, er fördert geradezu die Vermischung der Ethnien, weil
er das Deutsche nicht an der Sprache festmacht, sondern am Anschein, und der ist
so subjektiv und so vage, dass er mindestens die Hälfte der potentiellen Zersetzer
unserer wertvollen deutschen Kultur
schlicht übersieht.
Nun ja, so gesehen hat es auch wieder
sein Gutes.
R
Steven Uhly, geboren 1964 in Köln, ist Schriftsteller. Zuletzt erschienen sein Flüchtlingsroman
„Königreich der Dämmerung“ und die Gedichtsammlung „Tagebuch“ (beide Secesssion Verlag
für Literatur). Der von uns abgedruckte Text entstand für das Goethe-Institut und wird im kommenden Monat auf Arabisch in dessen Zeitschrift
„Fikrun wa Fann“ (Denken und Kunst) erscheinen.
Medien
SE IT E 16 · M O N TAG , 1 1 . A P R I L 2 0 1 6 · N R . 8 4
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5.30 ZDF-Morgenmagazin 9.00 Tagesschau 9.05 Rote Rosen 9.55 Sturm der
Liebe 10.44 Tagesschau 10.45 Gefragt –
Gejagt 11.35 Giraffe, Erdmännchen & Co.
Die Pelikane ziehen um 12.00 Tagesschau 12.15 ARD-Buffet. Frank Buchholz
bereitet Schinkenfleckerl mit Tomatensoße zu 13.00 ZDF-Mittagsmagazin. Mit
heute Xpress 14.00 Tagesschau 14.10
Rote Rosen. Telenovela 15.00 Tagesschau
15.10 Sturm der Liebe. Beatrice erfährt,
wer Sebastian den entscheidenden Tipp
für sein erfolgreiches Börsengeschäft
gegeben hat. 16.00 Tagesschau 16.10
Nashorn, Zebra & Co. Müll-Alarm 17.00
Tagesschau 17.15 Brisant. Boulevardmagazin 18.00 Wer weiß denn sowas?
Mit Andrea Sawatzki, Katharina Wackernagel 18.50 Großstadtrevier. Krimiserie.
Auf den Barrikaden 19.45 Wissen vor
acht – Zukunft 19.50 Wetter 19.55 Börse
5.30 ZDF-Morgenmagazin 9.00 heute
Xpress 9.05 Volle Kanne – Service täglich.
Top-Thema: Streit mit dem Nachbarn
10.30 Die Rosenheim-Cops. Krimiserie.
Die kalte Gräfin 11.15 SOKO Wismar. Krimiserie. Die Stimme 12.00 heute 12.10
drehscheibe. Bauer teilt Sportplatz durch
Zaun – Aus für Fußball und Sport 13.00
ZDF-Mittagsmagazin. Mit heute Xpress
14.00 heute – in Deutschland 14.15 Die
Küchenschlacht. Mario Kotaska sucht den
Spitzenkoch 15.05 Bares für Rares. Die
Trödel-Show mit Horst Lichter 16.00 heute – in Europa 16.10 SOKO Wien. Krimiserie. Ein mörderischer Preis 17.00 heute
17.10 hallo deutschland. Magazin 17.45
Leute heute. Enya in Berlin – Stargast bei
„Echo“-Verleihung 18.05 SOKO 5113. Krimiserie. Der falsche Weg 19.00 heute
19.20 Wetter 19.25 WISO. Streit mit den
Nachbarn – Was Sie machen können
6.15 Medizin in fernen Ländern 6.45
ARTE Reportage 7.35 Journal Junior 7.45
Der Rhein von oben 8.30 X:enius 8.55 Das
Geschäft mit dem Artenschutz. Franz.
Dokumentarfilm, 2010 10.40 360° Geo
Reportage 13.20 ARTE Journal 13.35 Reisen für Genießer. Wales – Großbritannien
14.05 Cocktail für eine Leiche. Amerik.
Thriller mit James Stewart, 1948 15.25
Medizin in fernen Ländern. Uganda: Das
Leben in Händen halten 15.50 Magische
Gärten. Valsanzibio 16.20 Drohnen – Von
der Waffe zur Überwachung. Dokumentation 17.10 X:enius. Grün, Rot, Blau – Wie
Farben die Welt erobern 17.40 Die Donau – Lebensader Europas. Vom Schwarzwald zum Schwarzen Meer 18.25 Dänemark – Glück und Meer (1/2) Auf dem
Festland 19.10 ARTE Journal 19.30 Zauberhaftes Albanien (1/2) Der Norden –
Von den Bergen in die Hauptstadt
6.20 Kulturzeit. Kunst und Panama 7.00
nano. Atomausstieg 7.30 Alpenpanorama 9.00 ZIB 9.05 Kulturzeit 9.45 nano
10.15 Riverboat 12.15 sonntags 12.45
Schätze der Welt 13.00 ZIB 13.15 Auf
euch hat hier niemand gewartet (1/2)
14.05 unterwegs 14.45 Vierwaldstättersee, da will ich hin! 15.15 Unterwegs in
den Hohen Tauern. Dokumentation
15.30 Chinas Grenzen (1/2) Tiger,
Schmuggler, Festungsinsel 16.15 Chinas
Grenzen (2/2) Wüsten, Pässe, wilde Reiter
17.00 Chinas explodierende Städte. Doku
17.45 ZDF-History. Auf einmal Prinzessin
18.15 Can Can und Champagner – Das
Moulin Rouge. Dokumentation 18.30
nano. Bakterienschleuder – der Arztkittel
soll kurzärmelig werden. Moderation:
Kristina zur Mühlen 19.00 heute 19.20
Kulturzeit. Paradiesgarten – André Hellers Projekt Anima in Marokko
6.00 Guten Morgen Deutschland. Magazin 8.30 Gute Zeiten, schlechte Zeiten.
Soap 9.00 Unter uns. Soap 9.30 Betrugsfälle. Doku-Soap 10.00 Die Trovatos – Detektive decken auf. Doku-Soap 11.00 Die
Trovatos – Detektive decken auf. DokuSoap 12.00 Punkt 12. Das RTL-Mittagsjournal 14.00 Der Blaulicht-Report. Aufregende Geschichten aus dem Berufsalltag von Polizisten, Sanitätern und
Notärzten 15.00 Der Blaulicht-Report.
Aufregende Geschichten aus dem Berufsalltag von Polizisten, Sanitätern und Notärzten 16.00 Verdachtsfälle. Doku-Soap
17.00 Betrugsfälle. Doku-Soap 17.30
Unter uns. Soap. Mit Tabea Heynig 18.00
Explosiv – Das Magazin 18.30 Exclusiv –
Das Star-Magazin 18.45 RTL aktuell 19.03
Wetter 19.05 Alles was zählt. Soap. Mit
Silvan-Pierre Leirich 19.40 Gute Zeiten,
schlechte Zeiten. Soap. Mit Janina Uhse
5.05 Schicksale. Ein Vater sinnt auf Rache
5.30 Sat.1-Frühstücksfernsehen. Moderation: Marlene Lufen, Jan Hahn 10.00
Auf Streife – Die Spezialisten. Reportagereihe 11.00 Richterin Barbara Salesch.
Show 12.00 Richter Alexander Hold.
Show 14.00 Auf Streife. Reportagereihe
15.00 Auf Streife. Reportagereihe 16.00
Anwälte im Einsatz. Doku-Soap 17.00
Mein dunkles Geheimnis. Showtime im
Wohnzimmer 17.30 Schicksale – und
plötzlich ist alles anders. Papa undercover
18.00 Auf Streife – Die Spezialisten. Reportagereihe 19.00 Einsatz in Köln – Die
Kommissare. Detektiv Deerek Soost wird
erschossen in seinem Auto aufgefunden.
Zuletzt betreute der Lebemann einen
vermeintlichen Routinefall: Er musste
den Ehemann einer wohlhabenden Kölner Autohausbesitzerin beschatten.
19.55 Sat.1 Nachrichten
20.00 Tagesschau
20.15 Der Reise-Check Traumschiffe
im Mittelmeer. Mit Susanne
Gebhardt. Ein Expertenteam
nimmt drei Veranstalter von
Kreuzfahrten unter die Lupe.
21.00 Hart aber fair Terror im Namen
Gottes – hat der Islam ein Gewaltproblem? Zu Gast: Constantin Schreiber (Moderator), Holger
Münch (BKA), Katrin GöringEckardt (B’90/Grüne), Aiman
Mazyek (Zentralrat der Muslime
in Deutschland), Michael
Wolffsohn (Historiker), Dominic
Musa Schmitz (ehem. Salafist)
22.15 Tagesthemen
22.45 Im Land der Lügen
Wie uns Politik und Wirtschaft
mit Zahlen manipulieren
23.30 Akte D (1/3) Die Macht
der Pharmaindustrie
0.15 Nachtmagazin
0.35 Tatort Die Geschichte vom
bösen Friederich. Dt. Krimi, 2016
20.15 Ein gefährliches Angebot
Dt. Thriller mit Petra SchmidtSchaller, Armin Rohde, André
Hennicke. Regie: Hannu Salonen,
2016. Ina, eine junge, ehrgeizige
Polizistin, ist gelangweilt von
ihrem Polizeialltag. Da bekommt
sie ein Job-Angebot von ihrem
Ex-Ausbilder: sie soll für seine
Sicherheitsfirma arbeiten. Doch
dort gelten andere Regeln.
21.45 heute-journal Mit Wetter
22.15 The Cold Light of Day
Amerik./Span. Actionthriller
mit Henry Cavill, Bruce Willis,
Sigourney Weaver. Regie:
Mabrouk El Mechri, 2012
23.40 heute+ Magazin
23.55 Die langen hellen Tage GEO/
Dt./Franz. Drama mit Lika
Babluani, Mariam Bokeria, Zurab
Gogaladze. Regie: Nana Ekvtimishvili, Simon Groß, 2013
1.30 ZDF-History Global Players –
die Superreichen
20.15 Der Tod steht ihr gut Amerik.
Komödie mit Meryl Streep, Bruce
Willis, Goldie Hawn. Regie: Robert Zemeckis, 1992. Nachdem
ihr ihre langjährige Freundin
Madeline den Verlobten ausgespannt hat, sinnt Helen auf Rache. Mit Hilfe eines Elixiers will sie
sich unwiderstehlich mache.
Doch das hat Nebenwirkungen.
21.50 Die Gräfin Franz./Dt. Historienfilm mit Julie Delpy, Daniel Brühl
Regie: Julie Delpy, 2009
Die mächtige ungarische Gräfin
Erzebet Bathory verliebt sich
in den jungen Istvan Thurzo.
Als dessen Vater Istvan zwingt,
die Beziehung zu beenden,
steigert sich die Gräfin in
einen Jugendwahn hinein.
23.25 Frankenstein Amerik. Gruselfilm
mit Boris Karloff, Colin Clive, Mae
Clarke. Regie: James Whale, 1931
0.35 Noch hier. Schon da Dt. Dokufilm. Regie: Roswitha Ziegler, ’13
20.00 Tagesschau
20.15 Netz Natur Vom Ursprung
des Lernens. Tiere sind sehr
lernfähig. Das beweist der Tiertrainer Heini Gugelmann, der
für seinen Zirkus verschiedene
Haustiere trainiert. Auch in der
freien Wildbahn zeigen viele Tiere ein enormes Lernvermögen.
21.05 Universum Libellen –
Die Himmelsjäger
22.00 ZIB 2
22.25 Boris Nemzow – Tod an der
Kremlmauer Dt. Dokufilm, 2015
Am 27. Februar 2015 wurde der
russische Oppositionspolitiker
Boris Nemzow in der Nähe des
Kreml ermordet. In der Dokumentation wird der Frage nachgegangen, was bisher zur Aufklärung der Tat geschehen ist.
23.55 Ohne Eltern im fremden Land
Jugendliche auf der Flucht
0.25 10vor10
0.55 Willkommen Österreich
20.15 Wer wird Millionär? Show
Moderation: Günther Jauch
In der beliebten Quizshow
haben Kandidaten die Möglichkeit, bis zu einer Million Euro zu
gewinnen. Zuvor müssen sie jedoch etliche knifflige Fragen aus
allen Bereichen des Lebens richtig beantworten.
21.15 Rach sucht: Deutschlands Lieblingsrestaurant (2/6) Dokureihe
22.15 Extra – Das RTL Magazin
Moderation: Birgit Schrowange
23.30 30 Minuten Deutschland
Letzte Hoffnung Zivilklage –
Wenn mutmaßliche Mörder
frei herumlaufen
0.00 RTL Nachtjournal / Wetter
0.30 Meine Gesundheit (1/5) Das gefährliche Knirschen mit den Zähnen in der Nacht – Ein MassenPhänomen, das nicht unbehandelt bleiben sollte. Zu Gast: Prof.
Dr. Dr. Dr. Robert Sader
0.55 CSI: Den Tätern auf der Spur
20.15 Detective Laura Diamond
Krimiserie. Laura und der mysteriöse Besucher. Mit Debra
Messing. Das IT-Wunderkind
Zac Romero wird tot in seinem
Appartement gefunden. Jemand
hat ihn geradezu niedergemetzelt. Aber wie konnte der Täter
in die mit allen Schikanen gesicherte Wohnung gelangen?
21.15 Detective Laura Diamond
Laura und der ungelöste Fall
22.15 Elementary Krimiserie. Die Mistgabel im Heuhaufen. Dennis
Hicks wurde erschossen. Er arbeitete für ein College, das auch entlassenen Straftätern eine Ausbildung verspricht. Für die Studiengebühren mussten die Bewerber
jedoch hohe Schulden anhäufen.
23.10 Navy CIS Krimiserie. Neben
der Spur. Mit Mark Harmon
0.05 Criminal Minds Krimiserie
Das Geschäft der Lust
1.00 Detective Laura Diamond
Pro Sieben
6.10 Marie Antoinette. Amerik./Franz./
Japan. Drama, 2006 8.25 Die Bestimmung – Divergent. Amerik. Sci-Fi-Film,
2014 10.55 Mike & Molly 11.45 How I Met
12.35 Two and a Half Men 14.20 2 Broke
Girls 15.15 The Big Bang Theory 17.00 taff
18.00 Newstime 18.10 Die Simpsons
19.05 Galileo 20.15 The Big Bang Theory
21.10 Prankenstein 22.15 Circus Halligalli 23.15 Studio Amani 0.15 The Big Bang
Theory 1.10 Family Guy 1.35 Futurama
Phoenix
5.50 Al Capones Valentinstag 6.35 Hexenjagd in Salem 7.30 Wilde Türkei 9.00
Vor Ort 9.10 Bon(n)jour 9.30 Anne Will
10.35 Augstein und Blome 10.45 Thema
12.00 Vor Ort 12.45 Thema 14.00 Vor Ort
14.45 Thema 16.00 Wie gerecht sind unsere Steuern? 16.45 Schuften bis zum
Schluss 17.15 Auf der Suche nach dem
alten Russland 17.30 Vor Ort 18.00 Aktuelle Reportage. Die „Frankfurt“ und die
Flüchtlinge im Mittelmeer 18.30 Wilde
Türkei 20.00 Tagesschau 20.15 Terra X
21.45 heute journal 22.15 Unter den Linden 23.00 Der Tag 0.00 Unter den Linden
Tele 5
5.10 Reich und schön 5.50 Serien-Insider
6.00 Joyce Meyer 6.24 Dauerwerbesendung 7.25 Joyce Meyer 7.54 Dauerwerbesendung 14.05 Star Trek – Deep Space
Nine 15.05 Star Trek – Das nächste Jahrhundert 16.05 Star Trek – Raumschiff
Voyager 18.05 Star Trek – Deep Space
Nine. Sci-Fi-Serie 19.05 Star Trek – Das
nächste Jahrhundert. Sci-Fi-Serie 20.15
Das Phantom (1-2/2) Kanad./Amerik. Actionfilm, 2009 23.55 Saint Sinner. Amerik.
Horrorfilm, 2002 1.35 WWE RAW
KIKA
6.30 Charlie & Lola 6.55 Ene Mene Bu
7.05 Tobys Traumtoller Zirkus 7.25 Die
Sendung mit dem Elefanten 7.50 Bing
8.00 Sesamstraße 8.30 Das Zauberkarussell 8.50 Mein Bruder und ich 9.00 Tilly
und ihre Freunde 9.25 Jim 9.45 Dreckspatzplatz 9.55 Au Schwarte! 10.18 Kikaninchen 10.25 Briefe von Felix 10.50
Kokosnuss 11.10 Der kleine Prinz 11.35
Yakari 12.00 Nils Holgersson 12.25 Die
Maus 12.55 Sherlock Yack 13.15 Die Wilden Kerle 13.40 Die Pfefferkörner 14.10
Schloss Einstein 15.00 Dance Academy
15.25 H2O 15.50 Zoom 16.20 Lassie
17.15 Das Dschungelbuch 17.35 Yakari
18.00 Shaun, das Schaf 18.15 Kokosnuss
18.40 Dinotaps 18.50 Sandmännchen
19.00 Der kleine Prinz 19.25 Wissen
macht Ah! 19.50 logo! 20.00 Ki.Ka Live
Hessen
5.30 Meine peinlichen Eltern 5.55 Horizonte 6.25 Hessen-Reporter 6.55 Rote
Rosen 7.45 Sturm der Liebe 8.35 Herkules 9.05 Sportschau – Bundesliga am So.
9.25 heimspiel! Bundesliga 9.35 hessenschau 10.05 Eisbär, Affe & Co. 10.55 2
durch Deutschland 11.25 In aller Fr. 12.10
Alle Zeit der Welt. Dt. Komödie, 2011
13.40 Die Sache mit der Wahrheit. Dt.
Drama, 2014 15.10 Verrückt nach Meer
16.05 hallo hessen 16.45 hessenschau
17.00 hallo hessen 17.50 hessenschau
18.00 Maintower 18.25 Brisant 18.50
Service: Zuhause 19.15 Alle Wetter! 19.30
hessenschau 20.00 Tagesschau 20.15
Wunderschön! 21.45 Zu Gast in ... Rheinland-Pfalz 22.30 hessenschau 22.45
Heimspiel! 23.30 Hecht und Haie 0.20
Bottle Shock. Amerik. Komödie, 2008
NDR
5.50 Lindenstraße 6.20 Die Fallers 6.50
Lieb und teuer 7.20 Rote Rosen 8.10
Sturm der Liebe 9.00 Nordmagazin 9.30
Hamburg Journal 10.00 Schleswig-Holstein Magazin 10.30 Regional 11.00 Hallo Niedersachsen 11.30 Wölfe! Zurück in
Deutschland 12.15 In aller Fr. 13.00 Einfach genial 13.30 Eisenbahn-Romantik
14.00 NDR//aktuell 14.15 Bilderbuch
Deutschland 15.00 NDR//aktuell 15.15
An der Nordseeküste 16.00 NDR//aktuell
16.10 Mein Nachmittag 17.10 Am Kap
der wilden Tiere 18.00 Regional 18.15 Die
Nordreportage. Die Helikopter-Männer
18.45 DAS! Zu Gast: Nelson Müller 19.30
Regional 20.00 Tagesschau 20.15 Markt
21.00 plietsch. Vitamin D 21.45 NDR//
aktuell 22.00 45 Min 22.45 Kulturjournal
23.15 Männerpension. Dt. Komödie mit
Til Schweiger, 1996 0.45 Anne Will
HÖRSPIEL
Ein Angebot, das sie nicht ablehnen kann
Das ZDF schickt eine Polizistin als Datenspionin durch einen Thriller und landet beim Wolf und den sieben Geißlein
Stumm sitzt eine junge Frau im Abendkleid
in einem finsteren Keller. Ein Lichtkegel beleuchtet ihre zarten Züge. Während ein
Mann, der erst gegen Ende des Films entlarvt wird, ihr eine verdrehte Version des
Märchens vom Wolf und den sieben Geißlein erzählt, legt er von hinten seine Hände
auf ihre nackten Schultern. Entscheiden
soll sie sich, ob sie lieber Geißlein oder
Wolf sein will. Die Szene könnte bedrohlich wirken. Schließlich scheint die Frau gefangen zu sein, ein anzugtragender Aufpasser steht im Hintergrund – wer weiß, was
der Peiniger noch mit ihr zu tun gedenkt.
Von Bedrohlichkeit aber keine Spur. Am
Ende des Films wird die Szene mit veränderter Perspektive noch einmal gezeigt.
Nun ist zu sehen, wie der Zeigefinger des
Mannes besitzergreifend ihr Schlüsselbein
berührt. Doch zu diesem Zeitpunkt ist der
Spannungsaufbau längst an das Desinteresse verschenkt. Ina Roth guckt stoisch vor
sich hin. Zudem ist die Geschichte vom
Wolf – der für skrupellose Manager steht –
einfach zu schlicht gestrickt und wirkt die
Bösewichtanmutung gewollt.
Petra Schmidt-Schaller spielt Ina Roth,
eine junge Polizistin mit Ambitionen, die gerade die Prüfung für den höheren Polizeidienst absolviert hat. Ohne Abi, klagt sie ihrem Freund und Kollegen Martin Stutz (Fabian Busch), könne man bei der Polizei ohnehin nichts werden. Beim Joggen ruft ihr
Exkollege Theissen (Armin Rohde) an. Er
biete genau die Chance, auf die sie warte.
Seine Sicherheitsfirma Cerberus – wie der
Höllenhund in der griechischen Mythologie – habe sich auf das Makeln mit Daten
und Informationen spezialisiert. Das Geschäft laufe blendend. Man arbeite nur mit
den größten Kunden, wie der Firma Ecotecs, die erneuerbare Energien zu Geld
macht. Er biete ihr die Stellung ihres Lebens, sagt Theissen. Im Übrigen sei sie
durch die Prüfung gerasselt.
RBB
6.20 Rote Rosen 7.10 Sturm der Liebe
8.00 Brandenburg aktuell 8.30 Abendschau/Brandenburg aktuell 9.00 Zurück
in die Armut 9.30 Täter – Opfer – Polizei
9.55 ARD-Buffet 10.40 Willkommen in
Kölleda. Dt. Komödie, 2012 12.10 Verrückt nach Meer 13.05 Schloss Einstein
13.30 Auf Leben und Tod – Die jungen
Ärzte14.15 Planet Wissen 15.15 Tiere, die
Geschichte schrieben (6/6) 16.00 rbb
UM4 17.05 Panda, Gorilla & Co. 18.00 rbb
um 6 18.30 zibb 19.30 Abendschau/Brandenburg aktuell 20.00 Tagesschau 20.15
Tatort. Rabenherz. Dt. Krimi, 2009 21.45
rbb aktuell 22.15 Wo unser Wetter entsteht (2/2) 23.00 Polizeiruf 110. Das habe
ich nicht gewollt. Dt. Krimi, 1986 0.20
Nordisch herb 1.10 Täter – Opfer – Polizei
WDR
6.10 Tiere suchen ein Zuhause 7.20 Du
bist kein Werwolf 8.10 ¡Pregunta Ya! 8.20
Achtung! Experiment 8.30 Planet Wissen
9.30 Mit Bock durchs Land 10.15 Aktuelle Stunde 10.35 Westpol 11.05 Seehund,
Puma & Co. 11.55 Leopard, Seebär & Co.
12.45 Planet Wissen 13.45 WDR aktuell
14.00 Servicezeit Reportage 14.30 Sylt –
eine Insel, ein Mythos 15.15 Geheimnis
16.00 WDR aktuell 16.15 daheim & unterwegs 18.00 WDR aktuell / Lokalzeit
18.15 Servicezeit. Magazin 18.45 Aktuelle Stunde. Magazin 19.30 Lokalzeit. Magazin 20.00 Tagesschau 20.15 Mord mit
Aussicht 21.45 WDR aktuell 22.10 Hier
und heute 22.40 West ART 23.25 Ich und
du. Ital. Drama, 2012 1.00 Domian
MDR
6.15 LexiTV 7.15 Rote Rosen 8.00 Sturm
der Liebe 8.50 In aller Freundschaft – Die
jungen Ärzte 9.40 Kripo live 10.05 Panda,
Gorilla & Co. 11.00 MDR um elf 11.45 In
aller Fr. 12.30 Der Kotzbrocken. Dt. Tragi-
Radio am Montag
15.10 „Macbeth“ (1) – MDR Figaro
Nach William Shakespeare
Mit Fred Düren, Marion van de Kamp u.a.
Regie: Fritz Göhler, ca. 20 Min.
21.30 „Rolltreppen ins Nichts“ – DKultur
Von Hans Delbruck
Mit Mira Partecke, Gustav-Peter Wöhler u.a.
Regie: Judith Lorentz, ca. 60 Min.
22.00 „Das Massaker von Paris“ – MDR Figaro
Nach Christopher Marlowe
Mit Klaus Mertens, Jürgen Holtz u.a.
Regie: B. K. Tragelehn, ca. 90 Min.
KLASSIK
13.00 Klassik à la carte – NDR Kultur
Gast: Maria Schneider, künstlerische Leiterin
des Festivals "Movimentos"., ca. 60 Min.
20.00 NDR-Sinfonieorchester – NDR Kultur
Ludwig van Beethoven: Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 C-Dur; Peter Tschaikowski: Francesca
da Rimini, sinfonische Fantasie aus Dantes
„Göttliche Komödie“ op. 32 Arien von
Mozart, Verdi und Francesco Cilea (Margaret
Price, Sopran; NDR-Sinfonieorchester, Klavier
und Ltg.: Christoph Eschenbach)
ca. 120 Min.
20.03 Konzertabend – BR-Klassik
Alberto Ginastera: „Pampeana Nr. 1“ op. 16
(Arabella Steinbacher, Violine; Peter von
Wienhardt, Klavier); „Cinco canciones populares argentinas“ (Ofelia Sala, Sopran; Donald
Sulzen, Klavier); Sonate Nr. 1 op. 22 (Haochen Zhang, Klavier); Streichquartett Nr. 1
op. 20 (Henschel-Quartett); „Canción a la
lunanca“ (Philharmonische Cellisten)
ca. 57 Min.
20.03 Abendkonzert – SWR 2
Carl Nielsen: „Pan und Syrinx“, sinfonische
Dichtung für Orchester; Bent Sørensen:
„L’Isola Della Citta“ für Violine, Violoncello,
Klavier und Orchester; György Ligeti:
„Atmosphères“ für großes Orchester; Claude
Debussy: „La Mer“, 3 sinfonische Skizzen für
Orchester (Trio con Brio; Dänisches
Nationalorchester, Leitung: Joshua Weilerstein); Wolfgang Amadeus Mozart: Violinkonzert G-Dur KV 216 (Dänisches
Nationalorchester, Solist und Leitung: Leonidas Kavakos), ca. 117 Min.
20.04 Schöne Stimmen – RBB Kulturradio
Der Tenor Cesare Valletti, ca. 56 Min.
20.04 Konzert – SR 2
Erich Wolfgang Korngold: Violinkonzert
D-Dur op. 35; Gustav Mahler: Das Lied von
der Erde (Vilde Frang, Violine; Alisa Kolosova,
Mezzosopran; Christian Elsner, Tenor;
Ochestre Philharmoniwue de Radio France,
Leitung: Marzena Diakun), ca. 146 Min.
20.05 Konzert – HR 2
Dvorák: „Stabat Mater“ (Layla Claire, Sopran;
Karen Cargill, Mezzosopran; Garrett Sorensen, Tenor; John Relyea, Bass; Chor des
Orchestre Métropolitain; Orchestre Métropolitain, Leitung: Yannick Nézet-Séguin)
ca. 90 Min.
21.05 Schleswig-Holstein Musik Festival 2015
– DLF Köln
Peter Tschaikowski: Ausschnitte aus „Eugen
Onegin“, lyrische Szenen op. 24 (Michaela
Kaune, Sopran; Markus Eiche, Bariton;
Schleswig-Holstein-Musik-Festival-Orchester,
Ltg.: Christoph Eschenbach),
ca. 55 Min.
JAZZ, POP, ROCK
19.35 Jazz Lounge – MDR Figaro
Mit Tony Bennet, ca. 25 Min.
20.03 In Concert – DKultur
The Roger Cicero Jazz Experience, ca. 87 Min.
20.05 Figaro im Konzert – MDR Figaro
Ein Konzertabend für Herbert Grönemeyer
zum 60. Geburtstag, ca. 115 Min.
FEATURE & MAGAZIN
Droht hier Gefahr? Wenigstens Ina Roth (Petra Schmidt-Schaller) scheint sich da sicher.
Als Thriller ist der Fernsehfilm „Ein gefährliches Angebot“ von Sven Poser (Buch)
und Hannu Salonen (Regie) etikettiert. Das
setzt ein Mindestmaß an Unvorhersehbarkeit und gefährlichen Wendungen voraus.
Hier aber ahnt man gleich, wohin die Reise
geht. Das Handlungsmuster ist im Prinzip
seit 1748 bekannt, als in England der empfindsame Briefroman „Clarissa“ von Samuel Richardson erschien. Zahllose Nachahmungen und Parodien folgten, auch in
Deutschland. Die verfolgte Unschuld Clarissa wird da von dem Libertin und Verführer
Lovelace durchs Land gejagt. Der Triumph
der Tugend über die Verderbtheit ist die
komödie, 2015 14.00 MDR um zwei 15.00
LexiTV 16.00 MDR um vier 17.45 MDR
aktuell 18.10 Brisant 18.54 Unser Sandmännchen 19.00 MDR Regional 19.30
MDR aktuell 19.50 Mach dich ran! 20.15
Eins ist nicht von dir. Dt. Komödie, 2015
21.45 MDR aktuell 22.05 Fakt ist ...! Weg
mit dem Knast? 23.05 Nackt unter Wölfen. Dt. Drama, 2015 0.45 Buchenwald –
Heldenmythos und Lagerwirklichkeit
SWR
5.45 Der Schwarzwald 6.00 natürlich!
6.30 Grünzeug (1/2) 7.30 Eisbär, Affe &
Co. 8.20 Eisenbahn-Romantik 8.50 Landleben 4.0 in Kusterdingen 9.35 Expedition in die Heimat 10.20 Bekannt im Land
10.50 ARD-Buffet 11.35 Elefant, Tiger und
Co. 13.15 Planet Wissen 14.15 EisenbahnRomantik 15.15 Länder – Menschen –
Abenteuer 16.05 Kaffee oder Tee 18.00
Landesschau 18.15 Mensch, Leute! 18.45
Landesschau BW 19.30 Landesschau
20.00 Tagesschau 20.15 Das Traumhotel.
China. Dt./Österr. TV-Familienfilm, 2008
21.45 Landesschau 22.00 Sag die Wahrheit 22.30 Meister des Alltags 23.00 Die
Quiz-Helden 23.45 Schlauberger 0.10
Dings vom Dach 0.55 Wer weiß es?
Bayern
6.30 Sturm der Liebe 7.20 Tele-Gym 7.35
Panoramabilder 8.30 Tele-Gym 8.45 Pinguin, Löwe & Co. 9.35 Eisbär, Affe & Co.
10.30 Tausche Firma gegen Haushalt. Dt.
Komödie, 2003 12.00 Ein Gauner Gottes.
Dt. Gaunerkomödie, 2004 13.30 In aller
Freundschaft 14.15 Bärenkinder 15.00
Das ist mein Tagwerk 15.35 Café Meineid
16.00 Rundschau 16.15 Wir in Bayern
17.30 Abendschau – Der Süden 18.00
Abendschau 18.30 Rundschau 19.00 Unkraut 19.30 Dahoam is Dahoam 20.00
Tagesschau 20.15 Bayern erleben 21.00
Lebenslinien 21.45 Rundschau Magazin
22.00 Blickpunkt Sport 22.45 nacht:sicht
Pointe des Buchs. „Ein gefährliches Angebot“ wirkt, als habe man das Clarissa-Konzept in eine Version, in der das gehobene
Management eines Erfolgsunternehmens
die Lovelace-Rolle übernimmt, übertragen.
Dabei verdiente die Geschichte hinter der
Geschichte – Inspirationen für das Drehbuch lieferten die Skandale bei der HSH
Nordbank – durchaus eine fiktionale Aufarbeitung. Im Fernsehfilm geht es um den
Ecotecs-Vorstand Michael Dithardt (Christian Berkel) und seinen Gegenspieler Ronald Klostermeier (Anian Zollner). Erst verwanzt und überwacht Cerberus seine Privaträume, dann wird ein fiktiver Zugang zu
23.15 Sena Jurinac – Jedes Ding hat seine
Zeit 0.15 Rundschau Nacht 0.25 Ein Gauner Gottes. Dt. Gaunerkomödie, 2004
RTL 2
5.25 Privatdetektive im Einsatz 9.15 Frauentausch 11.15 Family Stories 13.15 Köln
50667 14.15 Berlin – Tag & Nacht 15.15
Hilf mir! Jung, pleite ... 16.10 Die Straßencops Süd – Jugend im Visier 17.05 KLUB
18.00 Köln 50667 19.00 Berlin – Tag &
Nacht 20.00 RTL II News 20.15 Die Geissens 21.15 Daniela Katzenberger – Mit
Lucas im Hochzeitsfieber 22.15 Sarah &
Pietro ... im Wohnmobil durch Italien
23.15 Scary Movie III. Amerik./Kanad.
Horrorkomödie mit Anna Faris, 2003 0.50
Privatdetektive im Einsatz. Doku-Soap
Super RTL
6.00 Olivia 6.35 Der kleine Tiger Daniel
7.00 Peter Hase 7.30 Caillou 8.00 Die Oktonauten 8.25 Der phantastische Paul
8.50 Wow! Wow! Wubbzy! 9.15 Zeo 9.35
Kati & Mim-Mim 9.45 Thomas und seine
Freunde 10.00 Lazy Town 10.30 Angelo!
10.55 Die Tom & Jerry Show 11.20 Scooby-Doo! 11.45 Inspector Gadget 12.10
Camp Sumpfgrund 12.35 Go Wild! 13.05
Coop gegen Kat 13.30 Bugs Bunny &
Looney Tunes 14.00 Dinotrux 14.30 Der
gestiefelte Kater – Abenteuer in San Lorenzo 14.55 DreamWorks: Die Drachenwächter von Berk 15.20 Zig & Sharko
15.50 Familie Fox 16.15 Scooby-Doo!
16.40 Go Wild! 17.10 Dinotrux 17.40 Inspector Gadget 18.10 Bugs Bunny & Looney Tunes 18.45 WOW 19.15 Der gestiefelte Kater 19.45 Die Drachenwächter
von Berk 20.15 Monk 22.05 Fairly Legal
23.55 Monk 0.40 Infomercials
Kabel 1
5.50 Numb3rs 6.35 Without a Trace 7.30
Cold Case 8.30 Navy CIS 9.25 The Men-
Foto ZDF
Kinderpornoseiten geschaffen. Informationsbeschaffer Torsten Gütschow (André
Hennicke) leitet die Operation. Einzelverbindungsnachweise, Kreditkartenabrechnungen, Ina Roth erhält Datensätze sonder
Zahl, um den Mann in den Dreck zu ziehen.
Ihre einmalige Chance ist, wie sollte es anders sein, die Chance für eine einmalige kriminelle Karriere. Das Ganze aber ist so
schludrig erzählt und auf Effekt gebürstet,
dass weder die unterforderten Darsteller
noch die Kameraarbeit von Wolf Siegelmann viel retten.
HEIKE HUPERTZ
Ein gefährliches Angebot, heute um 20.15 Uhr im
Zweiten.
talist 10.20 Castle 11.15 Without a Trace
12.05 Numb3rs 13.00 Cold Case 14.00
Navy CIS 14.55 The Mentalist 15.50 News
16.00 Castle 16.55 Abenteuer Leben
17.55 Mein Lokal, dein Loka 18.55 Achtung Kontrolle! 20.15 Rocky Balboa.
Amerik. Boxerfilm, 2006 22.20 Rambo.
Amerik. Actionfilm, 1982 0.15 Rocky Balboa. Amerik. Boxerfilm, 2006
Vox
5.15 CSI: NY 6.50 Verklag mich doch!
11.00 Mein himmlisches Hotel 12.00
Shopping Queen 13.00 4 Hochzeiten und
eine Traumreise 14.00 Spa Wars 15.00
Shopping Queen 16.00 4 Hochzeiten und
eine Traumreise 17.00 Mein himmlisches
Hotel 18.00 mieten, kaufen, wohnen
19.00 Das perfekte Dinner. Tag 1: Manu,
Bergisches Land 20.00 Prominent! 20.15
Night Shift 22.10 Suits 23.55 vox nachrichten 0.15 Medical Detectives
ARD-alpha
6.15 Kirchenfenster erzählen Geschichten 6.45 Dossier 7.00 Willi wills wissen
7.30 Meilensteine 7.45 Great Moments
in Science and Technology 8.00 Englisch
für Anfänger 8.30 Russisch bitte! 9.00
Telekolleg Biologie 9.30 Die Geschichte
der Homöopathie (6/6) 10.00 alphaCentauri 10.15 quer 11.00 Planet Wissen
12.05 Tagesgespräch 13.00 alpha-Forum
13.45 Meilensteine 14.00 Grundlagen
der Genetik 14.15 Enzyme und Organismus 14.30 Willi wills wissen 15.00 Planet
Wissen 16.00 Kulturjournal 16.30 nano
17.00 Das Einstein-Projekt (4/6) 17.15
Geschichte Mitteldeutschlands 18.00 Ich
mach’s! 18.15 Ich mach’ weiter 18.30 Telekolleg Geschichte 19.00 alpha-Campus
19.30 X:enius 20.00 Tagesschau 20.15
alpha-Forum 21.00 Ostwärts – eine Reise
durch Georgien (1/2) 21.45 Die Magie der
Farben (2/6) 22.00 Planet Wissen 23.00
alpha Österreich 23.45 Die Tagesschau
vor 25 Jahren 0.00 alpha-Forum 0.45
Phase 3 1.15 Bob Ross 1.45 Space Night
N24
Stündlich Nachrichten 5.15 Die UFOAkten 12.45 Börse am Mittag 13.05 Catching Hell – Die Speerfischer von Florida
14.05 Top Gear USA 15.25 N24 Cassini
16.05 Die UFO-Akten 18.15 Börse am
Abend 18.25 N24 Cassini 19.10 Welt der
Wunder 20.05 Apokalypse – Der Erste
Weltkrieg 0.50 Raketenwerfer und Haubitzen – Die Artillerie der Bundeswehr
n-tv
Stündlich Nachrichten 5.35 Auslandsreport 7.10 Telebörse 12.30 News Spezial
13.10 Telebörse 13.30 News Spezial
14.10 Telebörse 14.30 News Spezial
15.20 Ratgeber – Test 15.40 Telebörse
16.05 Katastrophen – Der Düsseldorfer
Flughafenbrand 17.10 Das Duell 18.20
Telebörse 18.35 Ratgeber – Hightech
19.15 „Spiegel“-TV 20.15 Die fünf Besten
22.10 Giganten der Luftfahrt 23.10 Das
Duell 0.05 Katastrophen – Der Düsseldorfer Flughafenbrand 1.00 Die fünf Besten
CNN
5.30 Supercharged 6.00 CNN Newsroom
(with World Sport) 10.30 The Best of
Quest 11.00 Political Mann 11.30 African
Voices 12.00 CNNMoney View with Nina
Dos Santos 13.00 CNN Newsroom 13.30
World Sport 14.00 News Stream (with
World Sport) 15.00 CNNMoney with
Maggie Lake 16.00 International Desk
(with World Sport) 17.00 Connect the
World with Becky Anderson 18.00 International Desk 18.45 Marketplace Africa
19.00 Wolf 20.00 Amanpour 20.30 CNN
Newsroom 21.00 The World Right Now
with Hala Gorani 22.00 Quest Means
Business 23.00 Amanpour 23.30 World
Sport 0.00 CNN Today (with World Sport)
6.05 Kulturfrühstück – HR 2
Darin: „Alcina“ von G. F. Händel im Staatstheather Wiesbaden
8.30 kulturWelt – BR 2
U.a.: Die Neuverfilmung von „The Jungle
Book“ / Muss der Staat den Glauben an die
Leine legen?, ca. 30 Min.
10.05 Notizbuch – BR 2
Bewegungstraining für Parkinson-Patienten
ca. 55 Min.
10.10 Kontrovers – DLF Köln
Europa in Zeiten des Umbruchs: Sind die
Populisten auf dem Vormarsch?, ca. 80 Min.
11.55 Verbrauchertipp – DLF Köln
Tintenkombinationen für Farbdrucker
im Test, ca. 5 Min.
12.05 Doppelkopf – HR 2
Am Tisch mit Christine Schornsheim,
Cembalistin, ca. 55 Min.
14.55 Die Buchkritik – SWR 2
Reinhard Kaiser: Der glückliche Kunsträuber.
Das Leben des Vivant Denon, ca. 5 Min.
16.05 Eins zu Eins – BR 2
Gast: Carl Fechner, Dokumentarfilmer
ca. 55 Min.
16.10 Büchermarkt – DLF Köln
U.a.: John Irving: Straße der Wunder
ca. 20 Min.
16.35 Forschung aktuell – DLF Köln
Blutfette sagen Krebs voraus / Der Klimawandel verschiebt die geographischen Pole,
ca. 25 Min.
17.05 Forum – SWR 2
Wer zahlt den Atomausstieg?, ca. 45 Min.
17.35 Kultur heute – DLF Köln
„Plasters“ – die große Henry Moore-Retrospektive im Skulpturenpark Wuppertal
ca. 25 Min.
17.45 Politikum – WDR 5
Darin: Bargeldlose Zukunft?, ca. 15 Min.
18.05 Der Tag – HR 2
Tolle Geschichte, oder? Die Panama Papers
und die Folgen, ca. 55 Min.
18.05 IQ – Wissenschaft und Forschung – BR 2
U.a.: Gefährliches Schmerzmittel. Warum
Fentanyl tödlich sein kann, ca. 25 Min.
19.05 Zündfunk – BR 2
Die Situation der Sinti und Roma, ca. 55 Min.
19.15 Andruck – DLF, SR 2
U.a.: Garance Le Caisne: Codename Caesar.
Im Herzen der syrischen Todesmaschinerie
ca. 45 Min.
19.30 Feature – DKultur
Einschüchtern, isolieren, zermürben. Wie
Arbeitnehmervertreter aus Unternehmen
gedrängt werden, ca. 30 Min.
20.30 Das Forum – NDR Info
Frauen auf der Flucht – der schwere Weg
nach Europa, ca. 20 Min.
21.05 Theo.Logik – BR 2
Erotik-, Selfie- und Star-Wars-Gottesdienste
Muss sich die Kirche zum Affen machen?
ca. 55 Min.
22.03 Essay – SWR 2
Bilderverbote in Philosophie, Literatur und
Kunst, ca. 57 Min.
LESUNG
8.30 Am Morgen vorgelesen – NDR Kultur
Pierre Jarawan: „Am Ende bleiben
die Zedern“ (1/10), ca. 30 Min.
9.05 Lesezeit – MDR Figaro
Bruno Frank: „Cervantes“ (3/20), ca. 40 Min.
9.30 Lesezeit – HR 2
Frankfurt liest ein Buch: Dieter David Seuthe:
„Frankfurt verboten“ (1), ca. 30 Min.
Wirtschaft
FRANKFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TU NG
M O N TAG , 1 1 . A PR I L 20 1 6 · N R . 8 4 · S E I T E 17
Streit über
Bonuszahlungen
für VW-Vorstände
F.A.Z. FRANKFURT, 10. April. Die Mission ist heikel. Wenn an diesem Montag
die sechs Personen des Aufsichtsratspräsidiums von Volkswagen zusammenkommen, geht es um die Bonuszahlungen an
die Vorstände des Konzerns. Millionensummen stehen im Raum, obwohl das
Jahr 2015 eine Katastrophe für den Autohersteller war. Die 120 000 Mitarbeiter im
VW-Haustarif haben keinen Anspruch auf
ihre gewohnte Erfolgsbeteiligung. Die Aktionäre müssen sich auf eine drastisch zusammengestrichene Dividende einstellen.
Doch für die aktuellen und ehemaligen
Vorstände, darunter auch der ausgeschiedene Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn, gelten andere Regeln. Ihre Vergütungen orientieren sich nicht an kurzfristigem
Erfolg – und damit auch nicht am Misserfolg. Für sie werden mehrjährige Betrachtungen zu Rate gezogen. Der Aufsichtsrat
ist sich jedoch der verheerenden Signale
bewusst, die üppige Bonuszahlungen in
der Öffentlichkeit auslösen würden. Sie
werden schließlich auch Erfolgsbeteiligung genannt, aber dem Konzern drohen
wegen des Abgasskandals Milliardenstrafen, und viele Kunden sind verärgert. Das
Einsehen der Vorstände scheint jedoch
kaum vorhanden. Ein kompletter Verzicht
gilt als ausgeschlossen. Matthias Müller,
im September von Porsche an die VW-Spitze gewechselt, will dem Vernehmen nach
aber einen Verzicht auf 30 Prozent der Ansprüche vorschlagen. (Winterkorn lässt
VW-Präsidium zappeln, Seite 23.)
hig. KRONBERG, 10. April. Die wachsende öffentliche Kritik an der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB)
aus Deutschland treibt auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU)
um. Auf dem Treffen der Finanzminister
und Notenbankchefs der 20 wichtigsten
Industrie- und Schwellenländer (G 20)
Ende dieser Woche in Washington will
Schäuble für einen Ausstieg aus der extrem lockeren Geldpolitik werben. Das
sagte Schäuble am Freitagabend auf einer
Veranstaltung der Stiftung Marktwirtschaft zu seinen Ehren. Er habe gerade
mit dem amerikanischen Finanzminister
Jack Lew telefoniert und ihm gesagt: „Ihr
solltet die Federal Reserve ermutigen,
und wir die Europäische Zentralbank und
die Bank of England ermutigen, mit den
Amerikanern im Geleitzug, aber doch
langsam rauszugehen.“ Man müsse bei
Drogenabhängigen behutsam rausgehen.
Nach Schäubles Ansicht sind auch die
Amerikaner inzwischen „hochbesorgt“
über die Volatilität an den Finanzmärkten, die durch die extrem lockere Zinspoli-
Wertvolle Ansprüche: Dem ehemaligen VW-Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn stehen weiter hohe Boni zu.
Foto dpa
tik der großen Notenbanken entstanden
ist. Die Einsicht wachse, dass das „Übermaß der Liquidität inzwischen mehr Ursache als Lösung des Problems“ sei. Zur Verteidigung des ökonomischen Mainstreams, der diese Geldpolitik stützt, gebe
es aber nur das Argument, dass der Ausstieg aus der Niedrigzinspolitik noch
schwerer werde als die Beibehaltung.
Schäuble hätte sich auch gewünscht,
„dass die Fed etwas mehr Mut gehabt hätte mit dem Ausstieg aus der ungewöhnlichen Geldpolitik“. Die amerikanische Notenbank hat vor einigen Monaten nach
langem Zögern mit einer kleinen Zinserhöhung die Wende eingeleitet. Weitere
Schritte lassen aber auf sich warten.
Mit Blick auf die deutschen Vorwürfe
an die EZB und deren Präsidenten Mario
Draghi warnte er, die Unabhängigkeit der
EZB sei ein hohes Gut. Er verteidige Draghi nicht. Aber „wenn wir nun den Fehler
machen, die Unabhängigkeit der EZB in
Deutschland anzugreifen, wären die Schäden größer als der Nutzen“, sagte der Minister, aus dessen Fraktion ebenfalls Unmut laut wird. Die Deutschen seien für die
Unabhängigkeit der EZB eingetreten.
„Dann muss man ihre Entscheidungen
auch akzeptieren, wenn sie einem nicht gefallen. Die Unabhängigkeit der EZB in Frage zu stellen, halte ich nicht für klug.“ Er
wies darauf hin, dass das Inflationsziel
von „unter, aber nahe 2 Prozent“, das die
EZB seit drei Jahren verfehlt, von deren
einstigem deutschen Chefvolkswirt Otmar Issing durchgesetzt wurde.
Obwohl die niedrigen Zinsen den Haushalt stark entlasten und maßgeblich dazu
beitragen, dass der Finanzminister diese
Wahlperiode wohl keine neuen Schulden
machen muss, versicherte Schäuble, ihm
seien höhere Zinsen lieber als niedrige.
Sein Augenmerk gilt den vom fehlenden
Zins ausgehenden Fehlanreizen für private Vorsorge. Aus dieser Sicht gelte: „3 Prozent Zins bei 3 Prozent Inflation ist nicht
dasselbe wie 0 Prozent Zins bei 0 Prozent
Inflation.“ Schäuble zog auch eine Linie
von der Niedrigzinspolitik der EZB zum
Erstarken der AfD. Er habe Draghi gesagt, er könne „stolz“ sein – die Hälfte ihres Wahlergebnisses könne er der Auslegung seiner Geldpolitik zuschreiben.
Draghi sucht nun das Gespräch mit
Schäuble, um zu diskutieren, wie den Attacken zu begegnen sei. Den Angriffen aus
der Versicherungswirtschaft und den Sparkassen hat sich jetzt für die privaten Banken der künftige Präsident des Bankenverbands, Hans-Walter Peters, angeschlossen. Er sagte der Frankfurter Allgemeinen
Sonntagszeitung, der Negativzins bestrafe
Banken, die hohe Liquiditätsreserven halten. „Das wäre an und für sich gesund. Insofern wird die Stabilität des Finanzsystems durch die EZB bedroht.“ Schäuble
sagte, er sei diese Woche mit Draghi verabredet, „um zu überlegen, wie man in
Deutschland der Kritik an der EZB entgegenwirken kann“. Seiner Meinung nach
könnten die niedrigen Zinsen nur ein vorübergehendes Phänomen sein.
Sehr skeptisch äußerte sich der Minister
auch über die Ansiedelung der Bankenaufsicht der Euroländer in der EZB. Das sei
wegen der möglichen Interessenkonflikte
zwischen Geldpolitik und Aufsicht „hochproblematisch“. „Ich sehe die ,Chinese
Walls‘ nicht zwischen Bankenaufsicht und
EZB“, sagte Schäuble. Aber alle anderen
Lösungen hätten eine einstimmige Änderung der EU-Verträge erfordert.
Schäuble wurde in Kronberg mit dem
Wolfram-Engels-Preis der privaten Stiftung Marktwirtschaft ausgezeichnet für
seine Verdienste um die Konsolidierung
der Staatsfinanzen und sein Bemühen, im
Euroraum das Haftungsprinzip zu wahren. Der neue Präsident des Ifo-Instituts,
Clemens Fuest, lobte Schäuble als „überzeugten Europäer, der auch bereit ist, aufzustehen und sich bei Freunden und Partnern unbeliebt zu machen“. Trotz mancher Fortschritte zum Beispiel mit der
Bankenunion, sei die Governance im Euroraum problematisch. Die Schuldenaufsicht in Brüssel „ist eher ein Meinungsaustausch als Kontrolle“, kritisierte Fuest.
Der Freiburger Ökonom Lars Feld
nannte Schäuble den „ordnungspolitischen Anker im Kabinett“. Der Gelobte
ließ freilich durchblicken, wie begrenzt
sein Einfluss in der Koalition ist. Entscheidungen würden zunehmend allein
von den Parteivorsitzenden getroffen. So
sei er gegen die Kaufprämie für Elektroautos. Hier drehe sich ihm der Magen um.
„Was sind das für Leute in der Autoindustrie?“, fragte der Minister erbost. An der
Kaufzurückhaltung bei Elektroautos werde eine Prämie nichts ändern. „Die Interessenvertretung der Wirtschaft ist kein
Ruhmesblatt in der Ordnungspolitik“,
schrieb er den versammelten Unternehmern, Ökonomen und Bankern ins
Stammbuch. Aber als Minister lege man
sich nur eine bestimmte Zeit mit seinem
Parteichef an. Manchmal sei er zwar überrascht, was er sich leiste, sagte der Minister augenzwinkernd. Aber: „Ich bin nicht
der Diktator der Bundesregierung.“
Deutschland setzt Länder wie Panama unter Druck
Zehn-Punkte-Plan gegen Steuerhinterziehung und Geldwäsche vorgelegt
mas. BERLIN, 10. April. Finanzminister
Wolfgang Schäuble hat einen Zehn-Punkte-Plan zur Bekämpfung von Geldwäsche
und Steuerhinterziehung auf globaler Ebene erarbeitet. Der CDU-Politiker will Länder wie Panama, aber auch Banken und
Berater unter Druck setzen, die noch in
großem Umfang Geschäfte mit Briefkastengesellschaften machen. Kern des Konzepts ist ein weltweites Register der wirtschaftlich Berechtigten solcher Firmen,
„um die Hintermänner von Unternehmenskonstruktionen transparenter zu machen“, heißt es in seinem Aktionsplan.
Kombinieren will Schäuble dies mit einer Ausweitung des Informationsaustauschs: „Einhundert Staaten sind nicht
genug.“ Wenn alle Länder und Jurisdiktionen mitmachten, erhielten die Finanzbehörden den vollen Durchblick: Am Ende
stünde der gläserne Firmeninhaber. Ergänzend plant der Ressortchef unter der
Überschrift „Steuerbetrug, trickreiche
Steuervermeidung und Geldwäsche konsequent bekämpfen“ eine drastische Verschärfung des Steuerstrafrechts.
Seit bekanntwurde, dass die panamaische Kanzlei Mossack Fonseca in mehr
als 200 000 Fällen geholfen haben soll,
Briefkastenfirmen zu gründen, dringt der
deutsche Minister darauf, den internatio-
Der Verbotsminister
Von Heike Göbel
Von Joachim Jahn
ür die politische Unabhängigkeit
eutschland schreitet voran auf
F
D
der Europäischen Zentralbank
dem Weg in einen bevormundenhat sich Deutschland bei der Grün- den „Nanny-Staat“. Ernährungsminis-
Schäuble will höhere Zinsen
Der Finanzminister sagt,
die Zeit der extrem
lockeren Geldpolitik
müsse enden. Mit EZBPräsident Draghi will er
Antworten auf die
heftige Kritik suchen.
Reden und hoffen
nalen Druck auf das kleine Land zu erhöhen. „Wenn Panama nicht rasch kooperiert, werden wir dafür eintreten, bestimmte in Panama getätigte Finanzgeschäfte international zu ächten.“ Das
Land müsse möglichst rasch dem automatischen Informationsaustausch in Steuersachen beitreten. Auch müsse es sein Gesellschaftsrecht so weiterentwickeln, dass
inaktive und substanzlose Gesellschaften
und deren Gesellschafter identifiziert
werden könnten. Dazu soll die OECD Kriterien entwickeln. „Wir müssen unterscheiden können zwischen unschädlichen
leeren Firmenmänteln und sogenannten
Briefkastengesellschaften.“
Schäuble will seinen Plan Ende dieser
Woche in Washington vorstellen. Das
Konzept soll er in engem Kontakt mit europäischen Partnern und der Industrieländerorganisation OECD entwickelt haben.
Wie bei der Initiative gegen aggressive
Steuergestaltung internationaler Konzerne hofft er auf eine gemeinsame Initiative
mit seinen europäischen Amtskollegen,
nicht zuletzt den Ministern aus Frankreich und Großbritannien, Michel Sapin
und George Osborne.
Die OECD soll nach Schäubles Vorstellungen eine zentrale Rolle bei der Erarbeitung einer einheitlichen „schwarzen Lis-
Preisbremse für Arznei
Die Regierung will Verbraucher
vor Mondpreisen für neue
Medikamente schützen. Seite 19
te“ spielen, auf der Länder geführt werden, die beim Kampf gegen Geldwäsche
und Steuerhinterziehung nicht mitmachen. Möglichst alle Staaten sollen sich
am Informationsaustausch beteiligen.
Dazu müssten die ehrlichen Staaten den
Druck erhöhen: „Es darf sich nicht mehr
lohnen, eine Heimat für Schwarzgeld zu
bieten.“ Das „Global Forum“ der OECD
sollte die konsequente Umsetzung des
Austauschs überwachen und wirksame
Sanktionen für nachlässige oder nicht kooperierende Staaten entwickeln. Eine entsprechende Feststellung wäre dann auch
eine Rechtsgrundlage für nationale Abwehrmaßnahmen.
Um die Hintermänner von Briefkastengesellschaften identifizieren zu können,
sollen in jedem Land Register aufgebaut
werden, wie es Europa derzeit mit der vierten Anti-Geldwäsche-Richtlinie vereinbart hat. Nicht nur neue, sondern auch bestehende Firmen sollen flächendeckend
erfasst werden. Die nationalen Verzeichnisse sollten miteinander vernetzt werden. Einheitliche Standards sollten dafür
zügig entwickelt werden. „Zudem brauchen die Steuerverwaltungen Zugriff auf
dieses Geldwäscheregister.“ Die Informationen sollten Nichtregierungsorganisationen und Fachjournalisten offenstehen
Bekanntes Flugobjekt gelandet
Eine Rakete ist unbeschadet aus
dem Weltraum zurückgekehrt – ein
Meilenstein der Raumfahrt. Seite 22
können. „Umgekehrt erwarten wir, dass
diese Nichtregierungsorganisationen und
Journalisten die Ergebnisse ihrer Recherchen auch den zuständigen Behörden zur
Verfügung stellen.“ Auch Unternehmen
und Finanzinstitute nimmt Schäuble in
den Blick. „Wir werden dafür sorgen, dass
Banken und Berater die Rechtsrisiken aus
dem Anbieten oder Vermitteln solcher Modelle künftig nicht mehr eingehen wollen“, heißt es drohend. Man brauche für
Unternehmen schärfere Verwaltungssanktionen. Eine wirksame strafrechtliche Verfolgung von Fehlverhalten scheitere oft
am Nachweis persönlichen Verschuldens.
Schließlich sollen Steuerhinterzieher
nicht länger hoffen können, dass ihre Taten verjähren: Schäuble plant eine generelle „Anlaufhemmung“. Die Verjährung soll
erst beginnen, wenn ein Steuerpflichtiger
seinen Meldepflichten für Auslandsbeziehungen nachgekommen ist. Bisher gibt es
eine solche Anlaufhemmung nur für bestimmte Kapitalerträge außerhalb Europas, zudem endet diese spätestens nach
zehn Jahren. Sie soll nun erheblich verschärft werden, denn von einer Frist ist
nicht mehr die Rede. Bisher wurden in
Deutschland nur für Mord und Völkermord die Verjährungsfristen aufgehoben.
(Amerikas eigene Steueroase, Seite 20.)
Der zweite Musk
Der Bruder des Tesla-Gründers ist
auch erfolgreich. Er steckt sein
Geld in etwas ganz anderes. Seite 24
dung der Währungsunion eingesetzt
wie kein anderes Land. Am Ende war
man stolz darauf, dass die EZB formal
unabhängiger wurde als die hochgeschätzte Bundesbank. Nun ist das Unbehagen über die geldpolitische Festung am Main groß, in der Präsident
Mario Draghi ohne Rücksicht auf die
Befindlichkeiten deutscher Sparer und
Banken herrscht. Das öffentliche Maß
ist voll, seit die EZB selbst den Schlüsselzins auf null gesetzt und die Strafzinsen erhöht hat, mit denen sie Banken
zwingen will, überschüssiges Geld
nicht bei der Notenbank zu halten, sondern an Investoren zu verleihen. Auch
diese Kosten spüren die Sparer. Wie
sehr dies die Bundesregierung umtreibt, zeigen die freimütigen Äußerungen ihres Finanzministers. Wolfgang
Schäuble wagt sich rhetorisch weit vor,
doch mehr als reden und hoffen bleibt
ihm nicht – solange die EZB ihren Auftrag, die Sicherung der Preisstabilität
bei 2 Prozent, nicht verletzt. Juristisch
ist Draghi bisher mit seiner unerträglich weiten Auslegung der Handlungsspielräume durchgekommen. In einer
Währungsunion gilt ebender alte
Spruch: mitgegangen, mitgefangen . . .
ter Schmidt (CSU) will der Tabakreklame gänzlich den Garaus machen, sein
Justizkollege Maas (SPD) „sexistische“
Werbung unterbinden. Maas will keineswegs nur pornographieähnliche
Plakate verbieten. Selbst ein Slogan
wie „Auch Männer haben Gefühle:
Durst“ sind nach Ansicht eines von Genossen dominierten Verbands künftig
unzulässig. Die Sprach- und Denkpolizei lässt grüßen. Bemerkenswert ist,
wie sehr sich ausgerechnet ein linker
Sozialdemokrat, der sonst eher die
Freiheit des Bürgers vor der Obrigkeit
propagiert, zum Vorreiter bei immer
neuen Verbots- und Strafgesetzen aufschwingt. So bei der stärkeren Kriminalisierung von Doping und Wettbetrug. Nach der Kinderpornoaffäre eines Parteifreundes hat er „bloßstellende Bilder“ so weitgehend verboten,
dass dies ahnungslose Partyfotografen
treffen kann. Und mit Blick auf die Ereignisse in der Kölner Silvesternacht
will Maas den Straftatbestand der Vergewaltigung drastisch ausweiten. Das
Verbot „geschlechterdiskriminierender Werbung“ hatte der SPD-Parteivorstand übrigens aus demselben Anlass
zum Programm erhoben.
Zweckgemeinschaft Bankenverband
Von Markus Frühauf
s gibt eigentlich mehr als drei SäuE
len in der deutschen Bankenlandschaft, wenn man genauer auf die privaten Banken blickt. Die Interessen
von Großbanken, Häusern mit ausländischen Eigentümern und kleinen Regionalbanken sind oft sehr unterschiedlich. Ihnen fehlt die Klammer,
die Sparkassen und Volksbanken eint.
In der Sparkassengruppe sorgen die öffentlich-rechtlichen Eigentümer, bei
den Volksbanken das genossenschaftliche Prinzip für die Bindung. Dagegen erinnert der Bundesverband deutscher Banken (BdB), der die privaten
Häuser unter seinem Dach versammelt, an eine Zweckgemeinschaft.
An diesem Montag wird Hans-Walter Peters, der Chef der Hamburger
Privatbank Berenberg, neuer Bankenpräsident. Er löst Jürgen Fitschen ab,
den noch bis Mitte Mai amtierenden
Ko-Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank. Deren Bilanzsumme ist
fast 350 Mal so groß wie die der 1590
gegründeten ältesten deutschen Privatbank Berenberg Das verdeutlicht,
welche unterschiedlichen Institute
der Bankenverband vertreten muss.
Eine Gemeinsamkeit, die beide derzeit verbindet, ist alles andere als erfreulich: Beide Häuser wurden in den
Enthüllungen der „Panama-Papiere“
an vorderster Stelle bei der Vermittlung von Briefkastenfirmen genannt.
Mit Skandalen musste der Bankenverband in den vergangenen Jahren öfters umgehen. Das lag daran, dass an
der Verbandsspitze ein prominenter
Vertreter der Deutschen Bank stand.
An Fitschen sind die vielen Rechtsprobleme nicht spurlos vorüber gegangen. Er steht noch immer in München
vor Gericht, weil ihm mit anderen früheren Führungskräften Betrug im
Kirch-Prozess vorgeworfen wird.
Doch Vertreter aus anderen privaten
Banken behandeln Fitschen mit Nachsicht. Sie halten ihm zugute, dass er
die unterschiedlichen Lager im Bankenverband nicht noch weiter auseinanderdriften ließ. Dazu dürfte auch
beigetragen haben, dass die Streitereien zwischen den beiden wichtigsten
Mitgliedern, Deutsche Bank und Commerzbank, abgeklungen sind.
Als Josef Ackermann für die Deutsche Bank und Klaus-Peter Müller
oder Martin Blessing für die Commerzbank im Vorstand des Verbandes
saßen, war es rauher zugegangen. Die
Deutsche Bank hatte sich damals an
der staatlichen Rettung der privaten
Commerzbank gerieben, was diese zu
Retourkutschen veranlasst hatte. Ein
Streit zwischen den wichtigsten Beitragszahlern kann den Verband lähmen. Unter Fitschen und seinem
Hauptgeschäftsführer Michael Kemmer haben sich die privaten Banken jedoch nach außen überraschend einig
darstellen können. Unter den Großbanken gibt es auch wieder mehr gemeinsame Interessen. Doch innerhalb
des Verbands bestehen die Gegensätze fort. Sie können durch die Heraus-
forderungen aus Digitalisierung, Regulierung und niedrigen Zinsen rasch
wieder offen zutage treten.
Nun verlaufen die Konfliktlinien
vor allem zwischen groß und klein.
Das zeigt sich in der gemeinsamen
Einlagensicherung. Die kleinen Institute sind auf den Bankenverband angewiesen. Doch den Großbanken wird
die freiwillige Einlagensicherung zu
teuer. Der Schutz von Kundengeldern
oberhalb der gesetzlichen Garantie
von 100 000 Euro betrifft vor allem
das Geschäft mit institutionellen Kunden, also Kommunen oder Unternehmen. Der jüngste Schadensfall der
über das Dividendenstripping gestol-
Die privaten Banken
müssen die Interessen
deutscher Sparer in
Europa verteidigen.
perten Maple Bank kostete 2,6 Milliarden Euro, die an institutionelle Kunden flossen. Es gibt im Bankenverband Bestrebungen, die Garantien für
institutionelle Kunden zu senken. Als
wichtigste Beitragszahler schützen
Deutsche Bank und Commerzbank
Einlagen von Wettbewerbern – und
stärken diese so im Geschäft mit Großkunden. Ohne diesen Schutz können
die kleinen privaten Banken in der
Konkurrenz um Unternehmen gegenüber Sparkassen oder Volksbanken
nicht bestehen. Deren Verbünde versprechen den vollen Schutz der Einlagen.
Die Größenunterschiede schlagen
sich auch in der Aufsicht nieder. Die
Großbanken werden von der Europäischen Zentralbank (EZB) überwacht.
Für die kleinen Banken sind weiterhin
die deutschen Aufseher Bafin und
Bundesbank zuständig, auch wenn die
EZB die Vorgaben definiert. An der
Spitze des Bankenverbandes wird mit
Peters der Vertreter eines Hauses stehen, das nicht von der EZB beaufsichtigt wird. Der Bedeutungsverlust des
Verbandes zeigt sich daran, dass die
Großbanken gegenüber der EZB zunehmend eigene Unterhändler einsetzen. Eine stärkere Rolle spielt auch
der Europäische Bankenverband EBF,
der seit kurzem mit einem Büro in
Frankfurt am EZB-Sitz Flagge zeigt.
Peters muss beweisen, dass eine nationale Interessenvertretung in Zeiten
einer europäischen Bankenaufsicht
noch sinnvoll ist. Es ist erfreulich,
dass ihn der neue Deutsche-BankChef John Cryan im Vorstand des Verbandes unterstützen wird. Aus Sicht
der Kunden gibt es deutsche Interessen, die private Banken zusammen
mit Sparkassen und Volksbanken in
Europa verteidigen müssen. Denn
den Brüsseler Versuch, die Einlagensicherung in Europa und damit die
Bankrisiken zu vergemeinschaften,
lehnen alle deutschen Sparer ab.
SE IT E 18 · M O N TAG , 1 1 . A P R I L 2 0 1 6 · N R . 8 4
Wirtschaft
F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G
Europlatz Frankfurt
DER BETRIEBSWIRT
Rückkehr einer alten Gefahr
Die Nadel ohne den Heuhaufen
Von Holger Schmieding
eschichte wiederholt sich nicht.
Aber manchmal klingt im aktuelG
len Geschehen doch ein Echo vergange-
Transparente Kapitalmarktkommunikation
in Zeiten der Informationsüberflutung kann
nicht heißen: immer
mehr. Man muss den
Geschäftsbericht eher
entschlacken.
Von Ralf Thomas
aron Fürstenberg hatte mit seinem
berühmten Bonmot Unrecht: Aktionäre sind weder „dumm“ noch
„dreist“. Sie sind intelligent, kennen ihre
Rechte und haben Zugriff auf eine Vielzahl von Informationsquellen. Unternehmen müssen sich bei den Anlegern Gehör
verschaffen, nicht umgekehrt. Das wird
immer schwieriger.
Die Digitalisierung hat nicht nur ein
Überangebot an Musik, Bildern und Filmen mit sich gebracht, sondern auch an
Informationen über Unternehmen. Investoren stehen vor derselben Qual der Wahl
wie Musikliebhaber oder Cineasten. Die
Frage lautet nicht länger: „Wie und wann
gelange ich an die nötigen Informationen?“, sondern: „Welchen Informationen
soll ich meine Aufmerksamkeit widmen
und welchen kann ich trauen?“
Zugleich belegen Studien, dass die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen abnimmt, während die Informationsfülle zunimmt. Sowohl die Standardsetter, die
vorgeben, wie viel Informationen Unternehmen bereitstellen müssen, als auch
die Unternehmen müssen unter diesen
Bedingungen Transparenz für die Adressaten gewährleisten. Kapitalmarktinformationen müssen heute und zukünftig
vor allem übersichtlich, verständlich und
zielgruppengerecht sein. Aber nicht nur
die Empfänger der Information haben die
Aufgabe, für sich Relevantes aus der Fülle
der Informationen herauszuarbeiten, sondern auch die Sender sind mehr denn je
gefragt, adressatengerecht zu kommunizieren.
Die Unternehmen setzen dazu heute
eine Vielzahl von Instrumenten ein, um
sämtliche Kommunikationserfordernisse
abzudecken. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen Investoren einmal im Jahr
auf den Geschäftsbericht der Unternehmen angewiesen waren, der ihnen als
Hauptinformationsquelle für ihre Anlageentscheidungen diente. Inzwischen gibt
es einen konstanten Informationsfluss,
durch den Anleger, Analysten und Journalisten rund um die Uhr eine Vielzahl immer umfangreicherer Pakete an Informationen über Unternehmen erhalten.
Infolgedessen hat sich auch die Rolle
des Geschäftsberichts geändert. War er
früher ein, wenn nicht der zentrale Baustein der Kapitalmarktkommunikation,
ist er heute nur noch eines von vielen Instrumenten. Dennoch ist der Umfang der
Geschäftsberichte vieler Unternehmen
in den letzten Jahren erheblich angestiegen. Die Gründe reichen von einer Vielzahl an neuen regulatorischen Vorgaben,
die im Zuge verschiedener Unternehmens-, Wirtschafts- und Finanzkrisen
verabschiedet wurden, bis hin zum Versuch, ein möglichst breites Spektrum an
Adressaten mit einem einzigen Bericht
zu bedienen. Die Folge: Adressaten haben es zunehmend schwerer, wesentliche
von unwesentlichen Informationen zu unterscheiden.
Siemens hatte sich daher schon im Geschäftsjahr 2015 zum Ziel gesetzt, basierend auf den gegenwärtig einschlägigen
Regelungen, aktiv den Trend umzukehren. Durch die Fokussierung auf vor al-
ner Zeiten mit. Die große Depression ab
1929 läutete einen Aufstieg radikalster
Nationalpopulisten ein, der in der von
Deutschland angezettelten Katastrophe
der Jahre 1939 bis 1945 endete. Zum anhaltenden Elend, dem Nährboden der
Radikalpopulisten, hatten zwei politische Kardinalfehler beigetragen. Zum einen hatte die Fed
nach der Finanzkrise von 1929
einen Einbruch der Geldmenge
zugelassen, statt energisch gegenzusteuern. Die Analyse dieses Fehlers machte Milton Friedman später zum Gründervater
des Monetarismus. Zum anderen hatten die Vereinigten Staaten mit den „Smoot-Hawley-Zöllen“ von 1930 eine Protektionsspirale in
Gang gesetzt und so den Wachstumsmotor Welthandel schwer beschädigt.
Den ersten Fehler hat die Geldpolitik
nach dem Finanzinfarkt vom September
2008 vermieden, auch wenn die Europäische Zentralbank ein derart mickriges
Wachstum der Geldmenge M3 toleriert
hat, dass unser Wiederaufschwung auch
deshalb störanfällig und wacklig geblieben ist. Seit die EZB Anfang 2015 zur
klassischen Offenmarktpolitik mit dem
Ankauf von Anleihen auf dem offenen
Markt übergegangen ist, hat der Zuwachs der Geldmenge M3 das angemessene Tempo von rund 5 Prozent erreicht.
Auch vor dem zweiten Fehler war die
Wirtschaftspolitik auf beiden Seiten des
Atlantiks bisher auf der Hut. Trotz
schmerzhafter
Wirtschaftsprobleme
sind wir nach der Finanzkrise von 2008
nicht der protektionistischen Versu-
B
Illustration Peter von Tresckow
lem entscheidungsrelevante Informationen konnte der Umfang der Finanzberichte deutlich verringert, zugleich aber die
Transparenz erhöht werden. Dazu wurde
ein Bündel an Maßnahmen eingesetzt. Allein der Finanzteil des Geschäftsberichts
konnte um mehr als 100 Seiten gekürzt
werden. Viele der nicht mehr enthaltenen
Angaben, darunter die Mehrjahresübersicht zu einigen Kennzahlen, werden nun
hauptsächlich über andere geeignete Kanäle, vor allem den Internetauftritt, bereitgestellt. Die Reaktion darauf war bei
nahezu allen Adressatengruppen positiv.
Doch der Ansatz von Unternehmensseite, die Informationen, die bereitgestellt
werden müssen, zu bündeln oder auf verschiedene Kommunikationskanäle zu verteilen, ist nur ein Weg, um sie im Sinne
der Adressaten verständlicher und zugänglicher zu machen.
In einem weiteren Schritt gilt es auch
da anzusetzen, wo entschieden wird, welche Informationen in welchem Umfang
offengelegt werden sollen: bei den Standardsettern und Regulatoren. Vorab sei
unmissverständlich gesagt, dass die Existenz von strengen Rechnungslegungsstandards und Offenlegungspflichten per se
zweifelsohne Errungenschaften sind, an
die es in jedem Falle festzuhalten gilt.
Doch auch hier muss man immer wieder
aufs Neue abwägen, ob einzelne Standards tatsächlich zu der gewünschten
Transparenz beitragen oder gar das Gegenteil bewirken.
Denn die Zunahme an Regelungen hat
zu einem Phänomen geführt, das in Fachkreisen als „Disclosure Overload“ bezeichnet wird. Auch die Standardsetter
und Regulatoren haben dies mittlerweile
erkannt und erste Initiativen gestartet,
die sich mit Lösungsansätzen dieser Fra-
gestellung beschäftigen. Allerdings haben
zahlreiche Projekte der Standardsetter in
den vergangenen Jahren gezeigt, dass sie
sich lange hinziehen und häufig mit einer
Einigung auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner enden.
Um dem „Disclosure Overload“ entgegenzuwirken, muss der regulatorische
Rahmen angepasst werden. Es wäre wünschenswert, wenn Politik und Standardsetter eine zukünftige Entwicklung in diesem Sinne begleiten würden. Hier sind
drei Beispiele, wo ein Umdenken stattfinden muss:
쐍 Neue beziehungsweise überarbeitete
Vorschriften sollten wirklich prinzipienorientierte Vorgaben statt zahlreiche Einzelfallregelungen enthalten, welche die
Interpretation der bereitgestellten Informationen auch ohne umfangreiche zusätzliche Angaben in Form von „Fußnoten“
ermöglichen.
쐍 Die Zusammenarbeit der nationalen
und internationalen Standardsetter und
Regulatoren muss deutlich intensiviert
werden. Gleich mehrere Institutionen machen den Unternehmen Vorgaben, was
teils zu erheblichen Redundanzen führt.
So werden deutsche Regelungen zur Verwendung von Leistungskennzahlen im
Konzernlagebericht, die in den Rechnungslegungsstandards nicht definiert
sind, durch neue Vorgaben auf europäischer Ebene erweitert.
쐍 Eine stringente Abwägung von Kosten
und Nutzen einer Vorschrift sollte nicht
nur vor der Einführung einer neuen Angabe, sondern regelmäßig auch einige Jahre
danach stattfinden. Die Welt ändert sich
laufend, viele Produkte und Prozesse veralten immer schneller und werden nicht
mehr benötigt. Auch bei Bilanzierungsstandards und anderen Offenlegungsvor-
schriften sollte regelmäßig überprüft werden, ob die Vorschriften noch zeitgemäß
sind.
Ein weiterer Punkt, der zu mehr Transparenz führen soll, wird noch dieses Jahr
durch die nationale Umsetzung der EUAbschlussprüferreform eingeführt: die Erweiterung des Bestätigungsvermerks um
sogenannte Key Audit Matters. In diesem
neuen Abschnitt hat der Wirtschaftsprüfer künftig nicht nur darzustellen, was er
geprüft hat, sondern wie und welche Prüfungsfelder besonders viel Aufmerksamkeit bedurften. Hier lohnt ein Blick nach
Großbritannien oder in die Niederlande,
wo der erweiterte Bestätigungsvermerk
bereits zum Einsatz kommt. Je nach bilanzierendem Unternehmen und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft sind große
Differenzen im Detailgrad der Erläuterung der Prüfungshandlungen festzustellen. Insbesondere bei den ausführlichen
Erläuterungen erschließt sich nicht immer unmittelbar, warum die Ausführungen so detailliert sind, da zahlreiche dargestellte Prüfungshandlungen für den Laien wenig verständlich und den Experten
selbstverständlich erscheinen. Die Erweiterung des Bestätigungsvermerks ist als
weiterer Beitrag zur Steigerung der Transparenz zu begrüßen, sollte sich aber auf
die wirklich wesentlichen Informationen
beschränken.
Vertrauen ist das höchste Gut der erfolgreichen
Kapitalmarktkommunikation. Aspekten der aktuellen Kapitalmarktkommunikation und den neuen Anforderungen an das Zusammenspiel von
Aufsichtsrat, Vorstand und Wirtschaftsprüfer widmet sich die Schmalenbachtagung der Schmalenbach-Gesellschaft für
Betriebswirtschaft am 28. April in Köln.
Ralf P. Thomas ist Finanzvorstand der Siemens AG.
Revenue Management heißt die in der Luftfahrt erfolgreich angewandte Methode / Von Danilo Zatta
W
Der Autor ist Chefvolkswirt bei Berenberg.
WIRTSCHAFTSBÜCHER
Mehr Gewinn durch Preis- und Kapazitätssteuerung
ie können Unternehmen bei
Nachfrageschwankungen bessere Preise erzielen und dabei Kapazitäten optimal auslasten? Die Antwort auf diese Frage lautet Revenue Management (RM). Revenue Management
umfasst eine Reihe von quantitativen Methoden zur Entscheidung über Annahme
oder Ablehnung unsicherer, zeitlich verteilt eintreffender Nachfrage unterschiedlicher Werthaltigkeit. Ziel ist es, in einem
begrenztem Zeitraum verfügbare, unflexible Kapazität durch Preismanagement so
effizient wie möglich zu nutzen – mit
dem Ziel der Erlösmaximierung. RM wird
bereits erfolgreich in der Luftverkehrsindustrie eingesetzt. So konnte die Lufthansa in nur einem Jahr durch Revenue Management 105 Millionen Euro an zusätzlichem Ertrag erwirtschaften. Bisher galt
jedoch Revenue Management als unerforscht, wenn es um Anwendungen im
produzierenden Gewerbe ging.
Die Technischen Universität München
in Zusammenarbeit mit der Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners
hat jetzt die Anwendung von RM in der
Prozessindustrie erforscht. Hierbei wurden mehr als 600 Manager aus Europa
und Nordamerika befragt. Wiederholt
chung erlegen. Leider droht sich dies zu
ändern. Viele Briten lehnen heute eine
der vier Grundfreiheiten des Gemeinsamen Marktes, die Freizügigkeit für Arbeitnehmer, derart vehement ab, dass
ein britisches Votum gegen den Verbleib
in der Europäischen Union am 23. Juni
möglich geworden ist. Wir sehen ein Risiko von 35 Prozent für einen Brexit.
Schlimmer noch: Ein Brexit könnte all
den Populisten am linken und
rechten Rand in anderen EULändern Auftrieb geben, die in
der Wirtschaftsfreiheit innerhalb der EU statt der Basis unseres Wohlstandes vor allem ein
kapitalistisches Übel sehen.
Selbst in Amerika gerät die
wirtschaftliche Vernunft in die
Defensive. Vor den Wahlen geben Protektionisten immer mehr
den Ton an. Auf republikanischer Seite
möchte Spitzenreiter Trump gemäß
manch wirrer Aussage bei einem Einzug
ins Weiße Haus als Erstes einen Handelskrieg mit China und Mexiko anzetteln.
Auf demokratischer Seite setzt Linkspopulist Sanders der Favoritin Clinton derart zu, dass auch die ohnehin nur sehr begrenzt liberale Clinton kaum noch ein gutes Wort für freien Handel findet. Im
Kongress erfreuen sich Protektionisten
regen Zulaufs. Ob das geplante Freihandelsabkommen mit Europa jemals abgeschlossen werden kann, ist eine offene
Frage. Stattdessen droht selbst bei einem
Wahlsieg gemäßigter Kräfte eher eine
protektionistische Tendenz. Gerade für
das weltoffene Europa wäre das eine Gefahr, die den verhaltenen Aufschwung
dämpfen und damit auch die Geldpolitik
vor neue Probleme stellen könnte.
wurde von den Befragten ausgeführt,
dass durch Revenue Management erzeugtes Umsatzwachstum auch unmittelbar zu
Ertragswachstum führe. Als Begründung
wurden das Setzen von höheren Preisen
für Aufträge mit knappen Lieferterminen
sowie die Generierung zusätzlicher Deckungsbeiträge durch die Vermarktung
nicht genutzter Kapazitäten zu niedrigen
Preisen genannt.
3 bis 6 Prozent Ertragssteigerung lässt
sich mit RM im Durchschnitt erzielen. Die
Ertragssteigerung beträgt im ersten Jahr
nach der Einführung im Durchschnitt 3
Prozent. Wenn man Unternehmen aus
Nordamerika mit denen aus Europa vergleicht, dann sticht die höhere durchschnittliche Ertragssteigerung nach dem
ersten Jahr von 3,6 Prozent im Vergleich
zu 2,5 Prozent hervor. Eine Erklärung dafür könnten folgende drei Fakten sein: In
Amerika erfolgt die Steuerung von Revenue Management stärker durch Preise und
in Europa stärker durch Kapazitäten. Der
Preis-Faktor hat jedoch einen stärkeren
Einfluss auf den Ertrag als die Mengen.
Ein zweiter Einflussfaktor ist, dass in
Amerika RM systemgestützt erfolgt, während es in Europa noch teilweise manuell
gestaltet wird und somit ineffizienter ist.
Die empirische Befragung zeigt, dass
die Mehrheit der Unternehmen RM als
ein wichtiges und zukunftsfähiges Managementkonzept erachtet. Als wesentliche Hindernisse bei der Einführung werden das Fehlen einer klaren Preisstrategie, die begrenzten Erfahrungen sowie
das Fehlen geeigneter Ansätze genannt.
Thyssen-Krupp VDM ist ein global führender Anbieter metallischer Hochleistungswertstoffe aus Nickellegierungen,
Sonderstahl oder Titan, aus denen Bleche, Bänder, Stangen und Drähte hergestellt werden. Diese Produkte werden in
zahlreichen Industrien eingesetzt. Die
Einführung von RM wurde von der Thyssen-Krupp VDM Geschäftsführung beschlossen, weil man sich davon eine Verbesserung der Auftragsannahmeentscheidung bei hoher Nachfrage versprach. Ausgehend von einer hohen Varianz der Deckungsbeiträge einzelner Aufträge, die
auf der hohen Anzahl angebotener Produkte sowie der Preisverhandlungen zurückzuführen ist, war das Ziel, den erwirtschafteten Ertrag zu erhöhen. Vor der Einführung wurden mit positivem Ergebnis
die Einsatzvoraussetzungen geprüft: Kapazitätsanpassungen zur kurzfristigen Befriedigung von Nachfrageschwankungen
sind nicht möglich. Die Nachfrage ist heterogen, stochastisch und kann unterschiedlichen Kundensegmenten zugeordnet werden. Weiterhin können Kundenanfragen
auf Basis der Zielmarge einzelner Aufträge abgelehnt werden, was voraussetzt,
dass der Entscheidungsprozess wirtschaftlich und legal unabhängig ist, Die Kundenanzahl ist sehr hoch (mehrere tausend
Kunden), einzelne Kunden sind sehr unterschiedlich, und die Auftragshöhe ist in
der Regel relativ gering. Zudem ist nur
ein geringer Anteil der Kapazität an langfristige Verträge gebunden.
RM hat bei Thyssen-Krupp VDM zu folgenden Ergebnissen geführt: 1) Marge
und Qualität sind jeweils um 13 Prozent
und 8 Prozent gestiegen. 2) Der Auftragsannahmeprozess wurde effizienter, weil
die Kapazitätsanforderungen aller einzelnen Aufträge geprüft wurden. 3) Die Anzahl der abgewiesenen Kundenanfragen
wurde reduziert, und die Anzahl der aufgenommenen Aufträge wurde gleichzeitig erhöht. 4) Im Vergleich zu einer „first
come, first serve“-Annahme von Aufträgen wurde die Kapazitätsauslastung optimiert.
Danilo Zatta ist Partner bei Simon-Kucher & Partners
Einser-Abitur für alle?
Ein Streifzug durch den ORDO-Band
In den letzten sechs Jahren hat die Zahl
der Einser-Abiturienten in Deutschland
um 40 Prozent zugenommen. Ist dieser
Trend Ausdruck einer gesteigerten Leistungsfähigkeit, oder handelt es sich um
eine galoppierende Noteninflation? Fabian Schleithoff weist für die Jahre 2000
bis 2012 einen statistisch signifikanten
Trend der Notenverbesserung nach. Am
stärksten ist er in den Leistungskursen –
also dort, wo Lehrer um Schüler konkurrieren –, vor allem in Latein sowie in Musik, Informatik und Mathematik. Interessant ist auch, dass sich die Noten in den
Grundkursen besonders in mündlichen
Prüfungen signifikant verbessert haben.
Hat sich auch die Leistungsfähigkeit erhöht? Die Ergebnisse sind uneinheitlich.
Aber die Studienabbruchquoten an der
Universität sind gerade in Mathematik
und in den naturwissenschaftlichen Fächern drastisch gestiegen.
Der Erfolg oder Misserfolg einer Gesellschaft hängt nach Hayek entscheidend davon ab, ob sie in der Lage ist, vorhandenes Wissen effizient zu nutzen
und neues Wissen hervorzubringen. Ist
diese Theorie im Sinne der Popperschen
Wissenschaftslehre falsifizierbar? Diese
Frage stellt Erich Weede. Gibt es Beobachtungen, die Hayeks Wissenstheorie
verbietet? Ja, meint Weede, sie verbietet
„das Gelingen großflächiger oder gesamtgesellschaftlicher Zentralisierungsversuche des Wissens und von darauf beruhenden Entscheidungen“. Hayeks
Theorie hat viele Falsifizierungsversuche überstanden. Für eine Anomalie hält
Weede den ökonometrischen Befund,
dass es wichtiger ist, von anderen Ländern zu lernen, als selbst durch rechtsstaatliche Institutionen die Bedingungen
für eigene Wissensproduktion zu schaffen. Sein Beispiel ist China. Aber verbietet Hayeks Theorie die Nachahmung?
Charles Blankart sieht das historische
Erfolgsgeheimnis Europas im friedlichen Wettbewerb der Staaten. Sein Untersuchungszeitraum reicht von den römischen Kaisern bis zur Französischen
Revolution. Die mangelnde Eigenständigkeit der Provinzen habe wesentlich
zum Untergang des Römischen Reiches
beigetragen. Das Vertragssystem des
Feudalismus habe einen Aufschwung er-
möglicht, der aber bald durch politische
Kartelle und regionale Machtmonopole
erstickt wurde. Der Westfälische Friede
habe erneut ein kooperatives Wettbewerbssystem etabliert, aber die Zentralisierung Frankreichs habe zu Angriffskriegen, Ausbeutung, Revolution und
weiteren Kriegen geführt.
Vier Beiträge behandeln die Ordnung
Europas: den möglichen EU-Austritt
Großbritanniens (Renate Ohr), den
Wettbewerb in der Unternehmensbesteuerung (Marco C. Melle) und die Bankenunion (Uwe Vollmer und Alfred
Schüller). Ohr sieht in der EU-weiten
Zentralisierung der Arbeits- und Finanzmarktregulierung und in der Fehlentwicklung der Eurozone die Hauptgründe
für das britische Referendum. Vollmer
begrüßt, dass marode Banken in Zukunft
nicht mehr nur auf Kosten der Steuerzahler saniert werden sollen, aber die für die
Finanzstabilität zentralen Fragen hält er
für unbeantwortet. Schüller sieht die
Bankenunion kritisch: „Sanierungs-, Abwicklungs- und Einlagensicherungsfonds sind bei den einzelnen Mitgliedstaaten besser aufgehoben, wenn Fehlanreize vermieden werden sollen.“
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Ordnung der Internetökonomie. Am Beispiel der Taxi-Plattform Uber zeigen
Heidi Dittmann und Björn Kuchinke,
wie das Internet bestehende Regulierungen auf den Prüfstand stellt und hilft, Deregulierungspotentiale
aufzudecken.
Problematisch ist, dass solche Plattformen keine Steuern zahlen. Um einen unverfälschten Wettbewerb zu ermöglichen, schlagen die Autoren vor, Plattformen ab einem gewissen Jahresumsatz
zur Anmeldung eines Gewerbes und damit zur Steuerzahlung zu verpflichten.
Oliver Budzinski und Karoline Köhler legen dar, dass die Kritik an Amazon
weitgehend unberechtigt ist. Sie wenden
sich dagegen, Amazon zu entflechten
oder einer besonderen Regulierungsbehörde zu unterstellen. Gegen irreführende Preisinformationen, Unterbietungsverbote und vertikale Quersubventionierung könne und solle die Wettbewerbsbehörde vorgehen. ROLAND VAUBEL
ORDO: Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft
und Gesellschaft. Band 66. Lucius & Lucius, Stutt-
gart 2014, 450 Seiten, 110 Euro
Cyberkrank
Gegen ein Multitasking ohne Muße
Es fehlt nicht an euphorischen Kommentierungen der schönen neuen digitalisierten Welt, die anscheinend nur Vorteile im Geschäfts- und Privatleben verheißt. Da ist es nicht verkehrt, wenn
auch einmal auf die möglichen Kehrseiten des digitalisierten Lebens hingewiesen wird. Dies tut der bekannte, streitbare Gehirnforscher Manfred Spitzer mit
der vorliegenden, in jedem Falle nachdenklich stimmenden Schrift.
Seine Diagnose: Wir werden cyberkrank, wenn wir den digitalen Medien
die Kontrolle aller Lebensbereiche überantworten, stundenlang uns mit OnlineSpielen vergnügen, in Permanenz in sozialen Netzwerken unterwegs sind und
am Arbeitsplatz Multitasking ohne Mußezeit praktizieren. Hieraus entsteht
eine gefährliche Form von Stress: Cyberstress. Dieser macht cyberkrank. Trotz
seiner vehement vorgetragenen Warnungen sieht sich Spitzer nicht als Digitaltechnikstürmer. Er verurteilt jedoch die
Auswüchse der Techniknutzung, denn
wie in der Medizin mache die Dosis das
Gift. Man muss Spitzer nicht überall folgen, muss ihm aber attestieren, dass er
ein wichtiges gesellschaftliches Problem,
das nur langfristig zu lösen sein wird,
ROBERT FIETEN
adressiert hat.
Manfred Spitzer: Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert. Droemer,
München 2015, 448 Seiten, 22,99 Euro
Wirtschaft
FRANKFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TU NG
M O N TAG , 1 1 . AP R I L 2 0 1 6 · NR . 8 4 · S E I T E 19
Verbote für sexistische Werbung und Tabakreklame
SPD kämpft gegen frauenverachtende Anzeigen, CSU gegen Zigarettenplakate
jja. BERLIN, 10. April. Die Bundesregierung plant neue Verbote für die Werbewirtschaft: Bundesjustizminister Heiko
Maas (SPD) will „sexistische“ Reklame
verbieten,
Bundesernährungsminister
Christian Schmidt (CSU) Zigarettenwerbung auf Plakaten und im Kino. Beide Gesetzentwürfe stehen offenbar kurz vor
der Fertigstellung. Das Justizministerium
wollte einen entsprechenden Bericht
zwar nicht ausdrücklich bestätigen und
sprach von einer „Prüfung“. Doch hat die
Initiative starken Rückhalt in der SPDBundestagsfraktion. Ihr rechtspolitischer
Sprecher Johannes Fechner sagte dieser
Zeitung, „frauenverachtende Werbung“
solle ausdrücklich verboten werden.
Anknüpfungspunkt ist das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG),
das bisher „aggressive geschäftliche Handlungen“ untersagt. Juristen zählen dazu
auch „menschenverachtende“ Werbung.
Das aber reicht den Sozialdemokraten
nicht. Auch wenn sexistische Werbung
kein Massenphänomen sei, komme sie
doch vor. „Wir brauchen eine klare Definition im Gesetz, damit die Wettbewerbszentrale in solchen Fällen einschreiten
kann.“ Diese kann Unternehmen dann abmahnen und – wenn sie nicht nachgeben
– vor Gericht auf Unterlassung verklagen.
Treiber ist der Verein „Pinkstinks“, wie
der „Spiegel“ am Wochenende berichtete.
Aufreger: Werbung wie dieser für Tangas droht nach Regierungsplänen das Aus.
Er hat einen konkreten Gesetzesvorschlag ausgearbeitet. Öffentlich unterstützt wird er bislang von 18 SPD-Bundestagsabgeordneten, darunter Generalsekretärin Katarina Barley und vier Männer
aus den Ausschüssen für Menschenrechte, Bürgerengagement, Familie und Frauen sowie Umweltschutz. Sie wollen Reklame verbieten, die Menschen aufgrund ihres Geschlechts bestimmte Eigenschaften
oder Rollen zuordnet. Unzulässig sein sollen Anzeigen, Werbespots und Plakate zudem, wenn sie „sexuelle Anziehung als
ausschließlichen Wert von Frauen“ darstellen oder diese optisch „auf einen Gegenstand zum sexuellen Gebrauch“ reduzieren. Als Negativbeispiel sieht der Verein etwa Werbung für die Kräuterlimonade Almdudler mit dem Slogan: „Auch
Männer haben Gefühle: Durst.“
Der Gesetzentwurf zum Tabakwerbeverbot werde in Kürze im Kabinett behandelt, sagte Ernährungsminister Christian
Schmidt der Funke Mediengruppe. Rauchen sei das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko. „Vor allem Kinder und Jugendliche sollen nicht den Eindruck bekommen, Rauchen sei ein harmloser Spaß.“
Das geplante Verbot ab 2020 schließt
demnach auch E-Zigaretten ein und erstreckt sich auf Außenflächen wie Plakatwände oder Litfaßsäulen; zulässig bleibt
Werbung an Außenflächen von Fachge-
schäften und innerhalb von Verkaufsstellen wie Trinkhallen oder Tankstellen. In
Kinos soll das Verbot bei allen Filmen gelten, die für Zuschauer unter 18 Jahren freigegeben sind. Deutschland sei das letzte
Land in der EU, in dem noch uneingeschränkt Außenwerbung für Tabakerzeugnisse zulässig ist.
Der Deutsche Zigarettenverband DZV
reagierte empört. „Die Ausweitung der
schon seit Jahrzehnten bestehenden Werbeverbote im Fernsehen, Radio, Internet,
Zeitungen und Zeitschriften auf die Außen- und Plakatwerbung und die Einschränkungen bei der Kinowerbung kommen einem Totalverbot gleich“, bemängelt die Branchenvereinigung. Damit dürfe erstmals nicht mehr für ein legales und
gegenüber Erwachsenen frei handelbares
Produkt geworben werden. Der DZV
sieht in diesem „Neopuritanismus“ eine
Einschränkung des Eigentumsrechts.
Dem Gesetzentwurf stehe „die Verfassungswidrigkeit auf der Stirn geschrieben“; er sei ein „Anschlag auf die ordnungspolitischen Prinzipien der Marktwirtschaft“. Nach Ansicht der Tabaklobby ist das Vorhaben überdies eine „Regulierungsblaupause für alle Genussmittel“,
von denen potentiell gesundheitliche Gefahren ausgingen – etwa Zucker. „Dieser
Tugendfuror wird auch vor Wein, Bier,
Spirituosen und fetthaltigen Erzeugnissen keinen Halt machen.“
Foto picture-alliance
Preisbremse für neue Arznei geplant
Gesundheitsminister Gröhe
will Mondpreise der
Pharmahersteller bei der
Markteinführung künftig
unterbinden.
ami. BERLIN, 10. April. Für neuartige
Arzneimittel kann deren Hersteller in
Deutschland im ersten Jahr der Einführung jeden Preis verlangen, erst danach
greift der mit den Kassen verhandelte Erstattungsbetrag. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will das
nun ändern. Um Missbrauch zu Lasten
der Kassen und Beitragszahler vorzubeugen, will er den Umsatz, den der Hersteller mit den neuen Mitteln im ersten Jahr
machen kann, begrenzen. Dafür soll ein
„Schwellwert“ in das Arzneimittelrecht
aufgenommen werden. Wird der erreicht, würden Kassen und private Versicherer dann nur noch den verhandelten
und damit niedrigeren Preis erstatten.
Der Vorschlag gehört nach Informationen dieser Zeitung zu den Änderungen,
die Gröhe am Dienstag vorschlagen will.
Dann werden die Ministerien für Gesundheit, Forschung und Wirtschaft offiziell eine Bilanz ihres mehr als zwei Jahre laufenden „Pharmadioalogs“ ziehen.
Der geplante Schwellwert ist eine direkte Folge der Debatte um „Mondpreise“ für neue Arzneien. Stellvertretend dafür steht das hochwirksame HepatitisC-Präparat „Sovaldi“, für das der Hersteller zunächst 700 Euro je Pille verlangte.
Auch nach Preissenkungen kostete die
Therapie für einen Patienten mehr als
40 000 Euro. „Sovaldi“ gehört zu den
zwei oder drei neuen Präparaten, für die
die Kassen im vergangenen Jahr mehr
als 500 Millionen Euro ausgeben mussten. Nach Erhebungen des Ministeriums
machen ein halbes Dutzend Pillen im
Jahr nach der Einführung mehr als 100
Millionen Euro Umsatz, rund ein Dutzend kommt auf mehr als 50 Millionen
Euro. Auf welchem Umsatzniveau Gröhe den neuen Schwellwert ansetzen will,
bleibt einstweilen ebenso so offen, wie
die Frage, wann die Änderung eingeführt werden soll.
Mit der neuen Ausgabenbremse soll
verhindert werden, dass die Hersteller in
der Erwartung schwieriger Preisverhandlungen mit den Kassen ihren Gewinn im
ersten Jahr rücksichtslos maximieren.
Die Krankenkassen verlangen deshalb
sogar, dass der verhandelte Preis rückwirkend zum Tag der Einführung, spätestens aber ein halbes Jahr danach gelten
solle. Mit dem Schwellwert käme Gröhe
ihnen ein Stück entgegen.
Die Pharmahersteller hoffen im Gegenzug auf eine Regelung, nach der der
verhandelte Preis in Deutschland nicht
mehr veröffentlicht wird. Dann könnten
sie in anderen Ländern, die sich am deutschen Markt orientieren, höhere Preise
durchsetzen und die Mindereinnahmen
am deutschen Markt kompensieren.
Ein persönliches Anliegen ist Gröhe
die Erforschung und Bereitstellung neuer
Antibiotika. Im Rahmen der deutschen
G-7-Präsidentschaft hatte er voriges Jahr
dafür auch international geworben, die
Bundesregierung dafür eine „Strategie“
beschlossen. Denn die eingeführten Präparate erweisen sich bei Patienten immer
öfter als wirkungslos. Für solche Resistenzen gibt es unterschiedliche Ursachen:
Zum einen verordnen Ärzte Patienten zu
oft und unnötig Antibiotika, zum anderen werden allein in Deutschland im Jahr
rund 1500 Tonnen Antibiotika in der Tier-
mast eingesetzt, die damit indirekt und
ungewollt auf Menschen wirken – die Belastung des Grundwassers mal ganz außer Acht gelassen.
Hinzu kommt, dass es laut Regierung
an neuen Präparaten fehlt. Die Industrie
forsche nicht intensiv genug daran, weil
sie dafür keinen lukrativen Markt sehe.
Deshalb sollen nicht nur die Anstrengungen in Forschung und Entwicklung verstärkt und Ärzte angehalten werde, die
Präparate den Leitlinien gerecht zu verordnen. Auch sollen die Krankenkassen
angehalten werden, für bestimmte „Reserveantibiotika“ die bisherigen Preisgrenzen aufzuheben. Konkret geht es
darum, solche Antibiotika von den Festbeträgen, die die Kassen als obere Erstattungsgrenze festlegen, freizustellen.
Ein weiteres Ergebnis des „Pharmadioalogs“ ist die Idee, niedergelassene
Ärzte über Wirkungen und Preise der
Arzneimittel besser zu informieren. So
könnten die Bewertungen des Gemeinsamen Bundesausschusses, der den Nutzen
der Präparate für unterschiedliche Patientengruppen ermittelt, in die Arzneimittelsoftware der Ärzte eingespeist werden. Damit würde den Medizinern geholfen, jedem Patienten genau das für ihn
beste Präparat zu verordnen und sich zugleich wirtschaftlich zu verhalten. Die
von den Ärzten gefürchteten Regresse
der Kassen wegen „zu teurer“ Verschreibungen könnten damit überflüssig werden. Überflüssig werden könnten damit
aber auch die Arzneimittelabmachungen
der Kassenärztlichen Vereinigungen und
Kassen auf regionaler Ebene. Der Pharmaindustrie gelten sie als ärgerliche
zweite Preishürde, nachdem auf Bundesebene schon einmal der Nutzen der Präparate und der Preis dafür ausgehandelt
worden ist.
Italien erhöht wieder mal das Defizit
Die Ausgaben steigen, und der Haushaltsausgleich wird verschoben auf 2019
tp. ROM, 10. April. Die italienische Regierung von Ministerpräsident Matteo
Renzi will im Haushalt für 2017 wieder
das Defizit vergrößern, das Ziel des
Haushaltsausgleichs
hinausschieben
und gegenüber der Europäischen Kommission auf Flexibilität für Italiens Haushaltsziele bestehen. Zur Entwicklung
des Haushaltsdefizits hatten Renzi und
sein Finanzminister Pier Carlo Padoan
vor einem Jahr geschrieben, dass ohne
Korrekturen 2016 ein Defizit von 1,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichbar sei, 2017 von 0,2 Prozent. Die Regierung hatte danach aber für 2016 das Defizit kräftig erhöht, um Raum für zusätzliche Ausgaben zu haben. Die Zielgröße
für 2016 lautet nun 2,3 Prozent des BIP.
Daher ergäbe sich automatisch auch für
2017 ein höheres Defizit ohne Korrekturen von 1,1 Prozent.
Wirtschaft fordert von
Mexiko mehr Reformen
jja. BERLIN, 10. April. Vor dem Staatsbesuch des mexikanischen Präsidenten Enrique Peña Nieto fordert die deutsche
Wirtschaft Reformen in dem lateinamerikanischen Land. Dort gebe es zu viel ungeschultes Personal, beklagt der Bundesverband der Deutschen Industrie. Die Regierung Mexikos müsse das Bildungssystem stärken, sagte BDI-Geschäftsführer
Stefan Mair dieser Zeitung. Zudem gebe
es zu wenig Transparenz, zu viel Korruption und in einigen Bundesstaaten große
Armut. „Mangelnde Rechtssicherheit ist
ein großes Problem“, mahnte auch der
Präsident des Deutschen Industrie- und
Handelskammertages (DIHK), Eric
Schweitzer. Nieto wird an diesem Montag von Bundespräsident Joachim Gauck
begrüßt. Am Dienstag stehen Treffen mit
Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Unternehmern auf dem Programm.
Die Regierung will jedoch wiederum
zusätzlichen Spielraum für Ausgaben
und plant für 2017 mit einem Defizit von
1,8 Prozent des BIP. Der Haushaltsausgleich, der im Fiskalpakt als Gegenleistung für den europäischen Staatsrettungsfonds versprochen worden war,
muss damit ein weiteres Jahr hinausgeschoben werden. Im vergangenen Jahr
war im Rahmenplan für den Haushalt
2018 ein ausgeglichenes Budget in Aussicht gestellt worden, nun soll dieses Ziel
2019 erreicht werden. Die Regierung hat
zugleich ihre Prognosen für das reale
Wachstum reduziert, für das Jahr 2016
von 1,6 auf 1,2 Prozent, für das Jahr 2017
von 1,6 auf 1,4 Prozent. Wegen des geringen Wachstums und der niedrigen Inflation wird es nun schwierig, wie versprochen, die Schuldenquote von 2016 an zu
verringern. Nachdem der Schuldenstand
Ende 2015 den Wert von 132,7 Prozent
des BIP erreicht hat, wird für 2016 nun
der Wert von 132,4 Prozent des BIP versprochen, unter anderem mit Hilfe von
Privatisierungseinnahmen in Höhe von
0,5 Prozent des BIP.
Mit der zusätzlichen Schuldenaufnahme will die italienische Regierung im
kommenden Jahr versprochene Steuererleichterungen finanzieren. Medienberichten zufolge wird auch überlegt, mit staatlichen Mitteln einen flexibleren und damit
früheren Renteneintritt zu finanzieren.
Schatz- und Finanzminister Padoan wies
jeglichen Verdacht zurück, dass Italien
bei den Wünschen nach Flexibilität bei
den Haushaltszielen unersättlich sei. „Italien hat alles Recht, Flexibilität zu verlangen und zu erhalten“, sagte Padoan. Italien gehöre zu den europäischen Staaten
mit der besten Haushaltsführung.
„Schuldenerlass gegen Grexit“
Alfa-Partei will Griechenland aus dem Euro drängen
jja. BERLIN, 10. April. Die eurokritische
„Allianz für Fortschritt und Aufbruch“
(Alfa) macht sich für einen Schuldenschnitt zugunsten von Griechenland
stark. Dafür solle Athen aus der Gemeinschaftswährung aussteigen, forderte der
Europa-Abgeordnete Hans-Olaf Henkel
gegenüber dieser Zeitung. In der Partei
haben sich insbesondere Ökonomen und
Unternehmer versammelt, die sich zuvor
– wie der Alfa-Vorsitzende Bernd Lucke
– in der AfD engagiert hatten. Henkel
glaubt, dass die Milliarden, die Deutschland in die bisherigen drei Finanzspritzen für Griechenland gesteckt hat, ohnehin verloren seien. Durch einen Ausstieg
Athens bliebe den Steuerzahlern wenigstens „das fünfte bis siebte Rettungspaket“
erspart. Umgekehrt könne Ministerpräsident Alexis Tsipras bei seiner Bevölke-
rung damit werben, dass das Land mit
Wiedereinführung der Drachme seine
Währung abwerten und auf schmerzhafte Reformen verzichten könne.
Allerdings vermutet Henkel, dass Tsipras seine entsprechenden Zusagen an
die internationalen Kapitalgeber ohnehin nicht mehr einhalten wird. Denn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe
sich in der Flüchtlingspolitik zu sehr erpressbar gemacht, um die Reformen
noch durchzusetzen. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) weigere
sich aber noch immer, die Kredite und
Bürgschaften abzuschreiben, um auf dem
Papier an der „schwarzen Null“ im Haushalt festhalten zu können. „Zuzugeben,
dass das Geld sowieso weg ist, überlässt
er seinem Nachfolger nach der Bundestagswahl im kommenden Jahr.“
STINAG Stuttgart Invest AG
Stuttgart
– Wertpapier-Kenn-Nummer: 731 800 –
Wir laden hiermit unsere Aktionärinnen und Aktionäre zu unserer ordentlichen
Hauptversammlung für das Geschäftsjahr 2015 am Mittwoch, 25. Mai 2016, um
10.00 Uhr, in den Schiller-Saal des Kultur- & Kongresszentrums Liederhalle,
Berliner Platz 1 – 3 in 70174 Stuttgart, ein.
Tagesordnung
der ordentlichen Hauptversammlung
der STINAG Stuttgart Invest AG, Stuttgart,
am Mittwoch, 25. Mai 2016, um 10.00 Uhr
1. Vorlage des festgestellten Jahresabschlusses und des gebilligten Konzernabschlusses für das Geschäftsjahr 2015, des zusammengefassten
Lageberichtes für die STINAG Stuttgart Invest AG und den Konzern
sowie des Berichtes des Aufsichtsrates für das Geschäftsjahr 2015.
2. Beschlussfassung über die Verwendung des Bilanzgewinns des
Geschäftsjahres 2015.
3. Beschlussfassung über die Entlastung der Mitglieder des Vorstandes für
das Geschäftsjahr 2015.
4. Beschlussfassung über die Entlastung der Mitglieder des Aufsichtsrates
für das Geschäftsjahr 2015.
5. Wahl des Abschlussprüfers und Konzernabschlussprüfers für das
Geschäftsjahr 2016.
Die vollständige Tagesordnung mit den Beschlussvorschlägen der Verwaltung
kann bei der STINAG Stuttgart Invest AG, Vorstandssekretariat, Böblinger Straße
104, 70199 Stuttgart, kostenfrei angefordert werden und ist auf der Internetseite
der Gesellschaft unter www.stinag-ag.de/investor_relations/hauptversammlung
zugänglich.
Ebenfalls sind die vollständigen Angaben zur Einberufung der Hauptversammlung im Internet unter der Adresse www.stinag-ag.de/investor_relations/
hauptversammlung zugänglich.
Voraussetzungen für die Teilnahme an der Hauptversammlung und die Ausübung des Stimmrechtes
(1) Zur Teilnahme an der Hauptversammlung und zur Ausübung des Stimmrechtes sind nur diejenigen Aktionäre berechtigt, die sich bis zum Ablauf des
18. Mai 2016, 24.00 Uhr, in Textform (§ 126b BGB) in deutscher oder englischer Sprache bei der folgenden für die Gesellschaft empfangsberechtigten
Stelle zur Hauptversammlung angemeldet und ihre Berechtigung zur Teilnahme an der Hauptversammlung und zur Ausübung des Stimmrechtes durch
die Bescheinigung ihres Anteilsbesitzes durch das Depot führende Institut
nachgewiesen haben:
STINAG Stuttgart Invest AG
c/o Landesbank Baden-Württemberg,
4035 H Hauptversammlungen,
Am Hauptbahnhof 2, 70173 Stuttgart,
Telefax: +49 (0) 711 127 79264
E-Mail: [email protected]
mit allen Filialen der Baden-Württembergische Bank
(2) Der Nachweis der Berechtigung zur Teilnahme an der Hauptversammlung
und zur Ausübung des Stimmrechtes hat durch eine in Textform (§ 126b BGB)
in deutscher oder englischer Sprache erstellte Bescheinigung des Depot
führenden Institutes über den Anteilsbesitz zu erfolgen. Der Nachweis hat
sich auf den Beginn des 04. Mai 2016 (d. h. 00.00 Uhr) zu beziehen.
Wie die Anmeldung muss auch der Nachweis des Anteilsbesitzes der Gesellschaft unter der vorgenannten Adresse spätestens am 18. Mai 2016, 24.00
Uhr, zugehen.
Wir weisen darauf hin, dass im Verhältnis zur Gesellschaft für die Teilnahme
an der Hauptversammlung und die Ausübung des Stimmrechtes als Aktionär
nur gilt, wer den Nachweis der Berechtigung zur Teilnahme an der Hauptversammlung und zur Ausübung des Stimmrechtes erbracht hat. Die
Gesellschaft ist berechtigt, bei Zweifeln an der Richtigkeit oder Echtheit des
Nachweises einen geeigneten weiteren Nachweis zu verlangen. Wird dieser
Nachweis nicht oder nicht in gehöriger Form erbracht, kann die Gesellschaft
den Aktionär zurückweisen.
Die Berechtigung zur Teilnahme an der Hauptversammlung und der Umfang
des Stimmrechtes richten sich ausschließlich – neben der Notwendigkeit zur
Anmeldung – nach dem Aktienbesitz zum 04. Mai 2016, 00.00 Uhr (Nachweisstichtag). Mit dem Nachweisstichtag ist keine Sperre für die Veräußerung
von Aktien verbunden. Auch bei vollständiger oder teilweiser Veräußerung
von Aktien nach dem Nachweisstichtag ist für die Teilnahme und den Umfang
des Stimmrechtes ausschließlich der Aktienbesitz zum Nachweisstichtag
maßgebend; d. h. Veräußerungen von Aktien nach dem Nachweisstichtag
haben keine Auswirkungen auf die Berechtigung zur Teilnahme und auf den
Umfang des Stimmrechtes. Entsprechendes gilt für Erwerbe und Zuerwerbe
nach dem Nachweisstichtag. Personen, die zum Nachweisstichtag keine Aktien besitzen und erst danach Aktionär werden, sind für die von ihnen gehaltenen Aktien nur teilnahme- und stimmberechtigt, soweit sie sich bevollmächtigen oder zur Rechtsausübung er-mächtigen lassen. Der
Nachweisstichtag hat keine Bedeutung für die Dividendenberechtigung.
Nach ordnungsgemäßem Eingang der Anmeldung und des Nachweises
werden den Aktionären Eintrittskarten für die Hauptversammlung übersandt.
Diese Eintrittskarten enthalten auch ein Formular für die Erteilung einer Vollmacht zur Stimmrechtsabgabe bei der Hauptversammlung. Um den rechtzeitigen Erhalt der Eintrittskarten sicher zu stellen, bitten wir die Aktionäre
frühzeitig für die Übersendung der Anmeldung und des Nachweises ihres
Anteilsbesitzes an die Gesellschaft Sorge zu tragen.
Verfahren für die Stimmabgabe durch einen Bevollmächtigten
Aktionäre, die nicht persönlich an der Hauptversammlung teilnehmen möchten,
können ihr Stimmrecht auch durch einen Bevollmächtigten, z. B. durch ein
Kreditinstitut, eine Aktionärsvereinigung oder einen sonstigen Dritten, ausüben
lassen. Auch in allen Fällen der Bevollmächtigung bedarf es der ordnungsgemäßen Anmeldung durch den Aktionär oder den Bevollmächtigten; ferner ist
auch in diesen Fällen der Nachweis des Anteilsbesitzes des Vollmachtgebers
erforderlich. Sofern nicht Kreditinstitute oder diesen nach § 135 Abs. 8 bzw. Abs.
10 AktG i.V.m. § 125 Abs. 5 AktG gleichstehende Aktionärsvereinigungen, Personen, Finanzdienstleistungsinstitute oder Unternehmen bevollmächtigt werden,
bedarf die Erteilung der Vollmacht, ihr eventueller Widerruf und der Nachweis der
Bevollmächtigung gegenüber der Gesellschaft der Textform (§ 126b BGB).
Bevollmächtigt der Aktionär mehr als eine Person, so kann die Gesellschaft eine
oder mehrere von diesen zurückweisen.
Aktionäre, die einen Vertreter bevollmächtigen möchten, werden gebeten, zur
Erteilung der Vollmacht das Formular zu verwenden, das die Gesellschaft hierfür
bereithält. Es ist in der Eintrittskarte enthalten, die der Aktionär bei rechtzeitiger
Anmeldung und Nachweiserbringung erhält. Dieses Formular steht ebenfalls
unter www.stinag-ag.de/investor_relations/hauptversammlung zum Download
zur Verfügung. Die Bevollmächtigung kann auch auf beliebige andere formgerechte Art und Weise erfolgen.
Die Bevollmächtigung kann nachgewiesen werden durch Vorweisen der
Vollmacht bei der Einlasskontrolle am Tag der Hauptversammlung oder durch die
vorherige Übermittlung des Nachweises der Bevollmächtigung oder der
Bevollmächtigung selbst per Post oder Telefax an STINAG Stuttgart Invest AG,
Postfach 10 43 51, 70038 Stuttgart, Böblinger Straße 104, 70199 Stuttgart,
Telefax-Nummer: 0711 93313 604 sowie durch die Übersendung des Nachweises der Bevollmächtigung oder der Bevollmächtigung selbst an die folgende
E-Mail-Adresse: [email protected]. Entsprechendes gilt für den Nachweis eines
etwaigen Widerrufs der Bevollmächtigung.
Für die Bevollmächtigung von Kreditinstituten und diesen nach § 135 Abs. 8
bzw. Abs. 10 AktG i.V.m. § 125 Abs. 5 AktG gleichstehenden Aktionärsvereinigungen, Personen, Finanzdienstleistungsinstituten und Unternehmen gelten
die gesetzlichen Bestimmungen, insbesondere § 135 AktG, die von den vorgenannten Bestimmungen über Bevollmächtigungen abweichen. Die genannten
Institutionen und Personen müssen beispielsweise die Vollmacht nachprüfbar
festhalten und können zum Verfahren für ihre eigene Bevollmächtigung besondere Anforderungen vorsehen.
Gesamtzahl der Aktien und Stimmrechte
Zum Zeitpunkt der Einberufung der Hauptversammlung beträgt das Grundkapital der Gesellschaft EUR 39.000.000,00 und ist eingeteilt in 15.000.000
Stückaktien. Jede Stückaktie gewährt eine Stimme. Die Gesamtzahl der zum
Zeitpunkt der Einberufung der Hauptversammlung bestehenden Stimmrechte
beträgt damit 15.000.000. Die Gesellschaft hat 113.342 Stück nennbetragslose
eigene Aktien im Bestand, aus der ihr keine Rechte zustehen. Das stimmberechtigte Grundkapital beträgt damit zum Zeitpunkt der Einberufung der Hauptversammlung 38.705.310,80 Euro, dies sind 14.886.658 stimmberechtigte Aktien.
Fragen zu einzelnen Tagesordnungspunkten, insbesondere Tagesordnungspunkt 1
Im Interesse eines zügigen und effizienten Ablaufes der Hauptversammlung
bitten wir die Aktionäre, Fragen zu einzelnen Tagesordnungspunkten, wenn
möglich, vorab schriftlich oder per Telefax, ausschließlich an die Verwaltung der
STINAG Stuttgart Invest AG, Vorstandssekretariat, Böblinger Straße 104, 70199
Stuttgart, oder per Telefax (nur +49 (0)711 93313-604), zu übermitteln. Dieses
empfehlen wir insbesondere bei Fragen zum Jahresabschluss und zum Konzernabschluss. Die Beantwortung der vorab gestellten Fragen erfolgt in der Hauptversammlung. Durch eine sorgfältige Vorbereitung der Beantwortung Ihrer
Fragen möchten wir das Verständnis der sehr komplexen rechtlichen Materie
erleichtern und den Ablauf der Versammlung verbessern.
Rechte der Aktionäre nach §§ 122 Absatz 2, 126 Absatz 1, 127, 131 Absatz 1
Aktiengesetz
Ergänzungsanträge zur Tagesordnung gemäß § 122 Absatz 2 AktG
Gemäß § 122 Absatz 2 Aktiengesetz können Aktionäre, deren Anteile zusammen
den zwanzigsten Teil des Grundkapitals oder den anteiligen Betrag von EUR
500.000,00 erreichen, verlangen, dass Gegenstände auf die Tagesordnung
gesetzt und bekannt gemacht werden („Ergänzungsanträge“). Jedem neuen
Gegenstand muss eine Begründung oder eine Beschlussvorlage beiliegen. Das
Verlangen muss bei der Gesellschaft unter der nachfolgend bekannt gemachten
Adresse spätestens am 30. April 2016, 24.00 Uhr schriftlich zugehen.
Es wird darum gebeten, Ergänzungsanträge von Aktionären zu richten an:
STINAG Stuttgart Invest AG
Vorstand
Postfach 10 43 51, 70038 Stuttgart
Böblinger Straße 104, 70199 Stuttgart
Gegenanträge gemäß § 126 Abs. 1 AktG und Wahlvorschläge gemäß § 127 AktG
Jeder Aktionär kann einen Gegenantrag zu einem Vorschlag von Vorstand und
Aufsichtsrat zu einem bestimmten Punkt der Tagesordnung übersenden. Gegenanträge müssen mit einer Begründung versehen sein.
Jeder Aktionär kann außerdem der Gesellschaft einen Wahlvorschlag zur Wahl
von Aufsichtsratsmitgliedern oder von Abschlussprüfern übermitteln. Wahlvorschläge müssen nicht begründet werden.
Gegenanträge und Wahlvorschläge von Aktionären sind ausschließlich zu richten
an:
STINAG Stuttgart Invest AG
Postfach 10 43 51, 70038 Stuttgart
Böblinger Straße 104, 70199 Stuttgart
Telefax: 0711 93313-604 · E-Mail: [email protected]
Zugänglich zu machende Gegenanträge und Wahlvorschläge von Aktionären
werden einschließlich des Namens des Aktionärs sowie zugänglich zu machender Begründungen nach ihrem Eingang auf der Internetseite der Gesellschaft
unter www.stinag-ag.de/inves-tor_relations/hauptversammlung zugänglich gemacht. Dabei werden die bis zum 10. Mai 2016, 24.00 Uhr, bei der Gesellschaft
über einen der vorgenannten Zugangswege zugehenden Gegenanträge und
Wahlvorschläge zu den Punkten dieser Tagesordnung berücksichtigt. Eventuelle
Stellungnahmen der Verwaltung werden ebenfalls unter der genannten Internetadresse veröffentlicht.
Es wird darauf hingewiesen, dass Gegenanträge und Wahlvorschläge nur dann
gestellt sind, wenn sie während der Hauptversammlung mündlich gestellt
werden. Das Recht eines jeden Aktionärs, während der Hauptversammlung
Wahlvorschläge oder Gegenanträge zu verschiedenen Tagesordnungspunkten
auch ohne vorherige oder fristgerechte Übermittlung an die Gesellschaft zu
stellen, bleibt unberührt.
Auskunftsrecht in der Hauptversammlung gemäß § 131 Absatz 1 AktG
Nach § 131 Absatz 1 AktG ist jedem Aktionär auf Verlangen in der Hauptversammlung vom Vorstand Auskunft über Angelegenheiten der Gesellschaft, die
rechtlichen und geschäftlichen Beziehungen der Gesellschaft zu verbundenen
Unternehmen sowie der Lage des Konzerns und der in den Konzernabschluss
einbezogenen Unternehmen zu geben, soweit sie zur sachgemäßen Beurteilung
eines Gegenstandes der Tagesordnung erforderlich ist (§ 131 Abs. 1 Aktiengesetz). Das Auskunftsrecht kann in der Hauptversammlung ausgeübt werden,
ohne dass es einer vorherigen Ankündigung oder sonstigen Mitteilung bedarf.
Unterlagen zur Hauptversammlung und Informationen entsprechend § 124a
AktG
Ab dem Tag der Einberufung der Hauptversammlung liegen die unter Tagesordnungspunkt 1 genannten Unterlagen (der Jahresabschluss und der Konzernabschluss für das Geschäftsjahr vom 01. Januar 2015 bis 31. Dezember 2015,
der zusammengefasste Lagebericht für die STINAG Stuttgart Invest AG und den
Konzern und der Bericht des Aufsichtsrates), der Vorschlag des Vorstandes für
die Verwendung des Bilanzgewinnes sowie die Informationen entsprechend §
124a AktG in den Geschäftsräumen der Gesellschaft, Böblinger Straße 104,
70199 Stuttgart, aus und sind auf der Webseite www.stinag-ag.de/investor_relations/publikationen als pdf.-Datei abrufbar. Die Unterlagen zum Tagesordnungspunkt 1 sowie der Vorschlag des Vorstandes für die Verwendung des
Bilanzgewinnes werden auch in der Hauptversammlung am Versammlungsort
zur Einsichtnahme zugänglich gemacht.
Stuttgart, im April 2016
Der Vorstand
Sitz der Gesellschaft: Stuttgart
Registergericht Stuttgart, HRB 66
Wirtschaft
SE IT E 20 · M O N TAG , 1 1 . A P R I L 2 0 1 6 · N R . 8 4
F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G
Wirtschaft
Briefe an die Herausgeber
Auf dem Prüfstand
Amerikas eigene Steueroase
Zum Artikel „Dem Terror trotzen“ (F.A.Z.
vom 2. April): Reinhard Müller hat recht.
Der RAF-Schrecken ist verflogen. Verflogen ist auch das Bewusstsein, dass sich der
Staat im Herbst 1977 genötigt sah, ein
Menschenleben preiszugeben. Die Berufung auf die Stärke des Rechtsstaats verbrämte vorhergegangenes Unterlassen des
Gesetzgebers. Selbst der zwei Tage nach
der Ermordung von Hanns Martin Schleyer vom damaligen Bundeskanzler Helmut
Schmidt im Bundestag geäußerte Wunsch
verhallte, „Vorschläge zur besseren Bekämpfung des Terrorismus in eine gemeinsame Gesetzgebungsinitiative der drei
Bundestagsfraktionen zusammenzufassen“.
Auch der Appell von Bundespräsident
Walter Scheel zu einem „tiefgreifenden
Der Bundesstaat Delaware ist
bekannt für seine Briefkastenfirmen. Was passiert, wenn
man am Sitz von 285 000
Unternehmen klingelt?
Von Winand von Petersdorff
WILMINGTON, 10. April. In den
Panama-Papieren ist bisher kein prominenter Amerikaner aufgetaucht. Eine Erklärung dafür lautet, dass eine Exkursion
nach Mittelamerika nicht nötig scheint,
liegt das Gute doch so nahe: im Bundesstaat Delaware zum Beispiel, speziell in
Wilmington, der mit 72 000 Einwohnern
größten Stadt des mit knapp einer Million Bürgern nicht allzu großen Bundesstaates. Verdachtsmomente gegen Wilmington kommen allein deshalb auf, weil
wohl niemand freiwillig in diese Stadt
käme, wenn er hier nicht dringende Geschäfte zu erledigen hätte oder vielleicht
noch Verwandte besuchen müsste. Die
Stadt ist von einer eher schäbigen Durchschnittlichkeit. Die Ausnahme bildet das
gepflegte Geschäfts- und Finanzviertel.
Versicherungen und Banken haben hier
große Bürotürme errichtet. Dann gibt es
noch einige Hochhäuser, die gar kein Firmenschild tragen. Dazwischen stehen bemerkenswert viele Parkhäuser, die einem
zügiges Her- und Wegkommen erlauben
– und überwachtes Parken, wonach offenbar Nachfrage herrscht. Letztes Jahr wurde in Wilmington im Schnitt an jedem
Tag ein Auto geklaut.
Wilmington ist keine anheimelnde
Stadt. Wer sich nur einen Kilometer vom
Finanzviertel weg bewegt, wittert Armut.
Im Supermarkt Fresh Grocer zahlt die
Kundin in der Schlange vor dem Reporter
mit staatlichen Essenmarken. Kein Weißer verliert sich hierher. Wenn Wilmington eine Steueroase ist, was die Regierung vehement bestreitet, dann keine
mondäne. Viel Geld bleibt nicht kleben,
zumindest nicht so, dass man es den Vierteln dieser derben Stadt ansehen könnte.
Für 2015 notiert die öffentliche Datenbank 131 Schießereien, bei der 151 Menschen verletzt und 26 erschossen wurden.
Die Zeitschrift „Newsweek“ hat Wilmington/Delaware 2014 in einem Bericht Amerikas Mörderhauptstadt getauft, was einen Aufschrei der Empörung unter den
braven Bürgern provozierte. Dieser Erregungsgrad wurde nur noch übertroffen,
als Ende vergangenen Jahres Überlegungen des Fernsehsenders ABC publik wurden, die Stadt zum Schauplatz eines Fernsehdramas mit dem Titel „Murder Town“
werden zu lassen, im dem die Hauptfigur,
eine schwarze Staatsanwältin, für Gerechtigkeit kämpft. Da gaben 20 religiöse Führer der Stadt eine Pressekonferenz, um
ihre tiefempfundene Ablehnung des
Film-Projektes klarzumachen. Welche
Prüfungen will der Herrgott dieser Stadt
noch auferlegen?
Wilmington ist die Stadt der Briefkasten-Firmen, einige hunderttausend sind
hier registriert. Der ganze Bundesstaat
Delaware hat nach Angaben des Zensus
knapp eine Million Einwohner, aber etwas mehr als eine Million hier gemeldete
Unternehmen. Die Regierung des Bundesstaates meldet in werbender Absicht,
dass 65 Prozent der im Börsenindex Fortune 500 notierten Unternehmen ihren
rechtlichen Sitz in Delaware haben, in
der Regel aber nicht ihre Firmenzentrale.
Daran ist im Prinzip nichts Verwerfliches. Der Bundestaat hat sich in 200 Jahren eine besondere Reputation im Wirtschaftsrecht angeeignet, ein eigenes Gesellschaftsrecht entwickelt und eine –
einzigartig in Amerika – eigene für Wirtschaftsfragen zuständige Gerichtsbarkeit
aufgebaut, in der allein eine Jury aus
Fachjuristen die Urteile zügig spricht. In
anderen Bundesstaaten müsse man lan-
DR. HARALD PEIPERS, ESSEN
Krisen, Krisen und kein Ende
Zum Leserbrief „Politische Entgleisung“
von Dr. Florian Keisinger (F.A.Z. vom 5.
April): Seit über zehn Jahren verfolgen
nicht nur wir mit zunehmender Verzweiflung die Politik Angela Merkels und können den Krankheitsbefund (der CDU/
CSU) von Markus Buschmann („Differenzieren statt assimilieren“, F.A.Z. vom 30.
März) nur bestätigen. Die CDU ist nicht
mehr die konservativ-liberale Partei von
Ludwig Erhardt hätten sich sonst so viele
ehemalige treue Parteifreunde inzwischen
enttäuscht verabschiedet. Angela Merkel
hat es verstanden, aus dem Bundestag einen parlamentarischen Einheitsbrei zu
machen, in dem „originäre Ideen zu einem konstruktiven Wettstreit der Konzepte“ verlorengegangen sind.
Alle unter einem flachen Dach: Der Firmensitz „1209 North Orange Street in Wilmington, Delaware“
ge auf sein Urteil warten, und wenn man
Pech hat, fällt ein Verkehrsrichter den
Spruch, schreibt Jennifer Reuting, Unternehmerin und Autorin des Buches „Limited Liability Companies for Dummies“,
was grob übersetzt heißt: „GmbHs für
Blödmänner“. In Delaware dagegen finden die Unternehmer zudem ein umfassendes Netz an Wirtschaftsjuristen, das
ihnen beisteht.
Der größte Freund der Unternehmer
ist aber die Regierung des Bundesstaates: Sie hat eine eigene Abteilung für Firmen, die auf der Regierungs-Website so
beschrieben wird: „Sie wurde eingerichtet, um Unternehmen und ihren Beratern auf schnelle und effiziente Weise
Dienstleistungen zu erbringen. Der Staat
Delaware bezieht einen erheblichen Anteil seines Umsatzes aus Unternehmensgründungen und nimmt diese Rolle daher sehr ernst. Die Mitarbeiter der Division of Corporations sehen sich selbst als
Dienstleister.“ Hier endet das Zitat. Die
Absicht dieser Botschaft ist klar: Diese
Dienstleistungsorientierung sei es, die
Delaware so sexy für Firmen mache, und
nicht etwa das laxe Steuerrecht.
„Steueroase“ ist ein Begriff, der in den
vergangenen Tagen recht freihändig eingesetzt wurde. Delaware wehrt sich dagegen mit der Argumentation, dass Unternehmen hier Steuern zahlen müssen, auf
dem Papier sogar mehr als in einigen anderen Bundesstaaten. Die Lage schien
unübersichtlich, als sich 2012 die drei
Wissenschaftler Scott Dyreng, Bradley
Lindsey und Jacob Thornock darangemacht haben, die Frage abschließend zu
klären mit einer Untersuchung, die den
Titel trägt: „Exploring the Role Delaware Plays as a Domestic Tax Haven“. Welche Rolle spielt Delaware als heimische
Steueroase? Eine ziemlich eindeutige, ist
das Resultat. Die Verlagerung von rechtlichen Hauptsitzen nach Delaware mag
der besonders wirtschaftsfreundlichen
Rechtskultur des Bundesstaates geschuldet sein, die Ansiedlung von Tochterge-
sellschaften dagegen hat demzufolge
steuerliche Gründe. Sie sparen nach
Schätzung der Wissenschaftler bis 9,5
Milliarden Dollar, weil sie eine besondere Lücke nutzen.
Der Trick ist bekannt. Delaware verlangt zwar Unternehmensteuern, aber
nicht auf alle Einkommensklassen: Erträge aus Patenten, Markenrechten oder anderen immateriellen Vermögenswerten
sind steuerfrei. Das hat zahllose Firmen
veranlasst, eine Tochtergesellschaft in Delaware zu gründen und ihr Markenrechte
oder Patente zu übertragen. Für die Nutzung dieser immateriellen Rechte zahlt
die Firma eine Lizenzgebühr, die ihren
Gewinn und damit ihre Gewinnsteuern
in einem anderen Bundesstaat schmälert.
Nachbar-Bundesstaaten wie Pennsylvania sind deshalb höchst verstimmt über
Delawares Aktivitäten. Viele ÖlförderUnternehmen aus Pennsylvania scheinen
die Möglichkeit zu nutzen. Die Form der
Steuerreduzierung ist ärgerlich für Nachbarn, die ihrerseits mit Steuerrechtsänderungen dagegen arbeiten. Doch es handelt sich um eine ziemlich transparente
Angelegenheit.
Die Panama-Papiere aber werfen das
Schlaglicht auf ein anderes Phänomen,
das der Briefkastenfirmen. Und hier spielen Delaware und speziell sein staatlicher Dienstleister eine wichtige Rolle.
An kaum einem Ort der Welt ist es so einfach, ein Unternehmen rechtlich zu gründen. Die Regierungsabteilung für Firmengründungen, die 15 Stunden am Tag
geöffnet hat, kennt mehrere Klassen: Es
gibt den Ein-Stunden-Service, den ZweiStunden-Service oder den 24-StundenService. Man muss nicht in Delaware
wohnen, um dort eine Firma zu haben,
ein Business-Agent kann damit betraut
werden. Dieser Business Agent muss
kein Mensch aus Fleisch und Blut sein, er
kann ein Dienstleistungsunternehmen
wie CT Wolter-Kluwer sein, das in Wilmington unter der berüchtigten Adresse
1209 North Orange Street zu finden ist
und als Marktführer im Metier gilt. Hin-
ter der Adresse verbirgt sich ein etwas
heruntergekommenes ockerfarbenes Gebäude.
Auf das Klingeln des Reporters wird
nicht reagiert, später taucht ein privater
Sicherheitsmann auf, der aber kein Gespräch vermitteln kann. Die „New York
Times“ berichtet, dass 285 000 Firmen
1209 North Orange Street als Adresse angeben. Wer hinter diesen Unternehmen
steckt, ist nicht immer transparent. Die
Namen der Eigentümer müssen nicht angegeben werden. Delawares Regierung
sagt, dass aber die Direktoren des Unternehmens namentlich und mit Adresse genannt sein müssen. Das sind oft Rechtsanwälte, welche die Rolle des Direktors in
zahllosen Firmen wahrnehmen. Viele bekannte Unternehmen nutzen die Adresse, aber auch echte Schurken wie ein gesuchter Waffenhändler und ein Betrüger
haben sie verwendet für ihre Geschäfte.
Das Weiße Haus arbeitet jetzt an einer
Regelung, die Banken und andere Finanzinstitutionen zwingt, die natürliche Person hinter jedem Konto zu identifizieren. Das könnte je nach Ausgestaltung
Delawares Geschäfte trüben oder die anderer Steueroasen in den Vereinigten
Staaten. Doch bisher sind vergleichbare
Transparenzregeln stets am politischen
Widerstand gescheitert.
So muss es doch ein Hedgefonds-Unternehmer richten. Paul Singer, der Gründer von Elliott Management und Gläubiger von Argentinien-Anleihen, vermutete, dass Argentinien Millionen-Beträge
in 123 Firmen versteckt, welche die panamaische Kanzlei Mossack Fonseca in der
aufstrebenden Steueroase Nevada gegründet hatte. Er erzwang vor einem Gericht in Nevada Informationen von den
verdächtigen Firmen, wenn auch noch
kein Geld. Doch er will weiter kämpfen.
Was heißt das für Diskretion suchende
Unternehmer? Wenn Nevada nicht mehr
sicher ist, dann kommt noch Wyoming in
Frage, sagt Gründungs-Expertin Jennifer Reuting, der „versteckte Diamant“ unter Amerikas Steueroasen.
Der aufgeflammte Kaukasus-Konflikt lenkt von wirtschaftlichen Problemen der Beteiligten ab
flation aufgrund des Absturzes der Landeswährung Manat. Deren Kurs musste
von der Zentralbank unter dem Druck
des fallenden Erdölpreises zunächst abgewertet und Ende 2015 ganz freigegeben
werden. Der Preisverfall hat für Aserbaidschan einschneidende Folgen: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des drittgrößten
Ölproduzenten im postsowjetischen
Raum wird laut Weltbank 2016 um 2 Prozent schrumpfen; schon 2015 ist es nur
um rund 1 Prozent gewachsen.
Der größte Teil des aserbaidschanischen BIP hängt direkt vom Erdöl ab –
und weite Teile des Rests von der staatlichen Verteilung der Öleinnahmen. Der
Staat hat die Ausgaben schon stark gekürzt, was ihn aber nicht vor einem hohen Defizit bewahren wird. Laut Internationalem Währungsfonds (IWF) wäre
2016 für ein ausgeglichenes Budget ein
Preis von 60 Dollar je Fass nötig. Der Gesellschaftsvertrag, basierend auf wachsendem Wohlstand für die Bürger im Austausch für unangefochtene Macht des Alijew-Clans, ist in Gefahr.
Auch in Armenien könnte die Lage
schöner sein. Im vergangenen Sommer
erlebte das Land die größten Proteste
seit Jahren, als in Eriwan Bürger gegen
die Belastungen durch steigende Strompreise demonstrierten. Die Regierung
entschloss sich, die Erhöhung zunächst
selbst zu zahlen, was den Haushalt stark
ins Minus drückte. Die Sensibilität der
Bevölkerung ist verständlich: Zwar ist
die Armut seit der Jahrhundertwende
deutlich gesunken, aber zuletzt stockte
der Prozess. Laut der Weltbank liegt der
Anteil der Personen, die mit (kaufkraftbereinigt) weniger als 2,50 Dollar pro
Tag auskommen müssen, seit 2009 zwischen 25 Prozent und 30 Prozent. Drei
UKRAINE
RUSSLAND
KASACHSTAN
Kaspisches
KAU
Meer
KA
SU
Schwarzes Meer
TURKS
MENISTAN
TÜRKEI
500 km
Krim
Südossetien
GEORGIEN
Kaspisches
Meer
RUSSLAND
Tiflis
ARMENIEN
Eriwan
Stepanakert
ASERBAIDSCHAN
Baku
Nagornyj Karabach
von Armeniern
besetztes Gebiet
Nachitschewan
(zu Aserbaidschan)
100
00 km
F.A.Z Karte lev.
F.A.Z.-Karte
IRAN
Die FDP Führung ist in ihrer vierjährigen
Regierungsmitarbeit ebenso unter die Merkelschen „Räder“ gekommen wie die SPD in
den sogenannten „Großen Koalitionen“.
Für die FDP war das Ergebnis dieser Mitwirkung tödlich, für die SPD bedeutet es Abschied von dem Status „Volkspartei“. Wie
sollen aus diesem Einheitsbrei noch vernünftige Konzepte entstehen können? Die Ergebnisse dieser desaströsen Politik seit 2005
sind: die verkorkste EU-Politik, Griechenland und die verschuldeten Südländer Europas, die Euro-Krise und kein Ende, die Energiewende und kein Ende, die Flüchtlingskrise und kein Ende. Es soll Leute geben, die sagen: Es kann erst besser werden, wenn die
CDU an der Fünfprozenthürde scheitert.
RÜDIGER UND FRAUKE DIERKE, LINGEN
Das Gegenteil ist richtig
Foto Winand von Petersdorff
Krieg mit Gewinn
bet. MOSKAU, 10. April. Mit den
schwersten Kämpfen seit 1994 ist in der
vergangenen Woche die Gewalt in den
Südkaukasus zurückgekehrt. Die Gefechte zwischen aserbaidschanischen und armenischen Truppen rund um die abtrünnige Region Nagornyj Karabach haben
Dutzende Tote gefordert, bevor eine brüchige Feuerpause die Lage etwas entspannte. Ein unmittelbarer Auslöser für
die Auseinandersetzung um die völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehörende,
aber von einem armenischen Regime
kontrollierte Gegend ist nicht ersichtlich. Manche Analysten sehen als möglichen Grund die Absicht der Regierungen, vor allem jener in Baku, von wirtschaftlichen Problemen abzulenken.
Das Aufflammen des alten Konflikts
hat in beiden Ländern eine Welle der Propaganda und des Patriotismus ausgelöst.
In Baku und in Eriwan versammelten
sich Hunderte, um Unterstützung für den
Waffengang zu demonstrieren. Zuvor waren eher Proteste zu beobachten gewesen:
Besonders in Aserbaidschan, das vom repressiven Regime des autokratischen Präsidenten Ilham Alijew kontrolliert wird,
kam es nach dem Jahreswechsel zu sonst
seltenen Unmutsbekundungen.
Im ganzen Land demonstrierten Bürger gegen Kaufkraftverlust und hohe In-
Wandel“ fand beim Gesetzgeber keinen
Widerhall. Angesichts der Schreckensereignisse von Brüssel und der seit Jahren
wachsenden Terrorgefahren ist ein Rekurs
auf den „Deutschen Herbst“ hoch aktuell
und sollte nicht mit dem Hinweis auf die
Unterschiedlichkeit von Ursachen und Bedingungen zurückgewiesen werden. In beiden Fällen steht das Verständnis vom
Rechtsstaat auf dem Prüfstand. Das höchste von ihm zu schützende Gut ist das
menschliche Leben. In Zeiten des Terrors
muss er seine Organe in die Lage versetzen, effektiv zu handeln. Unterlässt er das,
so verfälscht er die rechtsstaatlichem Denken zugrunde liegende Idee, die auch und
gerade in der liberalen Demokratie der
Freiheit Grenzen auferlegt.
Viertel haben weniger als 5 Dollar am
Tag zur Verfügung.
Bis 2018 erwartet die Weltbank keine
Besserung der Armut. Eine Rolle spielt
der Sog durch die Wirtschaftskrise beim
engen Partner Russland: Wenn das russische BIP um 4 Prozent schrumpft, fällt
die armenische Wirtschaftsleistung um 3
Prozent, schätzte der IMF im Oktober. Damit ist der „Russland-Schock“ für kaum
ein Land in der Region so groß wie für Armenien. Vor allem die Heimatüberweisungen armenischer Gastarbeiter fallen
ins Gewicht. Rücküberweisungen trugen
2014 rund ein Fünftel zum BIP bei, der
Großteil kam aus Russland. Die Gastarbeiter erwirtschaften ihre Einnahmen
vor allem in Wirtschaftszweigen mit international nicht handelbaren Gütern, zum
Beispiel am Bau. Dieser Sektor hängt in
Russland aber noch stärker als die Gesamtwirtschaft vom Ölpreis ab, ist sehr
volatil, und die Arbeitsverhältnisse sind
laut Experten besonders unsicher. Kehren die Migranten nach Hause zurück, suchen sie dort nach Stellen, was sich in steigender Arbeitslosigkeit oder sinkenden
Löhnen bemerkbar machen kann. Offiziell sind schon ein Fünftel der Armenier
ohne Arbeit, tatsächlich dürfte die Zahl
höher liegen. Für 2016 erwartet die Weltbank ein Wirtschaftswachstum von nur
knapp 2 Prozent.
Der Replik von Leserin Dr. Anuscheh Farahat „Wer sich verändert, bleibt sich
treu“ (F.A.Z. vom 5. April) auf den Gastbeitrag „Ein neues Staatsvolk“ von Ferdinand Weber (F.A.Z. vom 31. März) im Zusammenhang mit dem Staatsangehörigkeitsrecht ist Gedanke für Gedanke
schärfstens zu widersprechen, da genau
das Gegenteil richtig ist. Deutschland
hat mit seiner Abkehr vom Abstammungsprinzip (Ius sanguinis) beim Einbürgerungsrecht hin zum Geburtsortsprinzip (Ius soli) sehenden Auges einen
fatalen und anhaltenden Fehler begangen. Dies just in einer Zeit, in der namhafte französische Politiker seinerzeit – leider vergeblich – dafür eintraten, deren
Ius-soli-Prinzip der deutschen Handhabung anzupassen. Dies vor dem Hintergrund der Rechtslage, dass eine Ausweisung nicht integrierbarer, da nicht inte-
grationswilliger Mitbürger vorwiegend
nordafrikanischer Herkunft die französische Gesellschaft zu spalten drohte und
dies bis heute tut.
Für besonders bedauerlich halte ich
die zahlreichen Behauptungen von Frau
Farahat, die einer Überprüfung nicht
standhalten. So weist sie in ihrem Brief
unter anderem auf die fehlende Flankierung der rechtlichen Gleichbehandlung
in Frankreich hin. Da fragt man sich als
Kenner des Landes aus eigener Anschauung doch, ob sie weiß, wovon sie
schreibt. Dass eher in sich geschlossene
demokratische Gesellschaften, Japan,
Südkorea und so weiter durchaus erfolgreich sind, kann wohl kaum geleugnet
werden. Deren Gesellschaftsprobleme
sind zumindest „hausgemacht“ und nicht
noch zusätzlich importiert.
CHRISTIAN KARL RIMEK, FRANKFURT AM MAIN
Breslau einst und heute
Zum Beitrag „Alles fließt ineinander“
(F.A.Z. vom 30. März): Das Porträt der
heute polnischen Stadt Breslau ist in mancherlei Hinsicht äußerst lesenswert. Der
Autor weist auf den „offenen Geist“ hin,
der – nicht zuletzt dank des liberalen Stadtpräsidenten Dutkiewicz – in der Odermetropole lebendig ist. Hier, wo ein liberales
Klima selbst eine „anarchistische Spaßgesellschaft“ duldet, haben nationalkonservative, ja deutschfeindliche Stimmen keinen fruchtbaren Nährboden, auch wenn
es aus dieser Ecke freilich Anfeindungen
gibt. Von polnischer Seite wird diese Offenheit damit begründet, dass die Stadt,
die mit zehn deutschen Nobelpreisträgern
verbunden ist, 1945 durch Zuwanderer
aus allen Teilen Polens zum „Schmelztiegel“ wurde – im positiven Sinne des Wortes. Der Autor betont, dass heute in Breslau die deutsche Geschichte der Stadt –
schon der originalgetreue Wiederaufbau
der Altstadt zeugt davon – in keiner Weise
geleugnet wird: Verwiesen wird auf das
Denkmal des Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer an der Elisabethkirche
am Ring oder an das Eichendorff-Denkmal im Scheitniger Park; ferner auf die
Wiederaufnahme der alten Namen „Königsschloss“ und „Jahrhunderthalle“.
Nicht zuletzt wird an einen Akt der Wiedergutmachung erinnert: Anstelle der
einst geschändeten deutschen Friedhöfe
wurden die noch auffindbaren Grabsteine
in eine Gedenkwand an der Gräbschener
Straße vermauert. Soweit der Blick in das
heutige Breslau, der kenntnisreich vorgenommen wird und positiv ausfällt.
Ergänzungsbedürftig scheinen dagegen
manche geschichtlichen Rückblicke zu
sein. Was das Mittelalter angeht, so mag
der Übergang Breslaus an die böhmische
Krone am Rand vielleicht auch eine finanzielle Aktion gewesen sein. Wesentlich jedoch war für alle schlesisch-piastischen
Teilfürstentümer die Abwendung vom Königreich Polen und – über Böhmen – die
Hinwendung zum deutschen Reichs- und
Kulturraum. Schließlich hatte im 13. Jahrhundert in Breslau unter Herzog Heinrich
I. die friedliche, großflächige Besiedlung
Schlesiens durch Mönche, durch Bauern,
durch Handwerker und Kaufleute aus dem
Westen und Süden Deutschlands begonnen, eine Entwicklung, die Schlesiens Gesicht für 700 Jahre prägte und – durch Verschmelzung mit alteingesessenen Slawen
– den ostdeutschen Neustamm der Schlesier schuf. Seit dem Verzicht der polnischen Krone auf Schlesien (1335) gab es
zwar im Laufe der Jahrhunderte so manchen Herrscherwechsel, aber Schlesien
blieb, wie es seit dem Hochmittelalter geworden war.
Was das 20. Jahrhundert angeht, so ist
auch da einiges ergänzungsbedürftig.
Wenn es heißt, im Jahr 1945 hätten „die
Alliierten das Land (Polen) nach Westen“
verschoben, so dürfte man doch nicht die
Anmerkung außer Acht lassen, dass Polen
nicht nur hilflos den Großmächten ausgeliefert war, sondern selbst schon seit langem expansive Machtpläne hatte, die bereits nach dem Ersten Weltkrieg rücksichtslos umgesetzt wurden. Und wenn
von „zwei Massenvertreibungen“ gesprochen wird, so sollte doch differenziert werden: Schließlich gab es zwar viele Vertreibungen von einzelnen Menschen und ethnischen Minderheiten in Europa, aber es
gab nur eine flächendeckende Vertreibung, die eine millionenfache, homogene
Bevölkerung ihrer angestammten Siedlungsgebiete beraubte.
Am Ende sei noch der „Versöhnungsbrief“ der polnischen Bischöfe von 1965
erwähnt, der seinen Ausgang von Breslau,
von Erzbischof Kominek nahm. Dieser
Brief bedeutete – wie es wenig später in einem gemeinsamen Hirtenbrief der Bischöfe Polens hieß – keinerlei Anerkennung
von Schuld auf polnischer Seite; dies wurde sogar energisch bestritten. Der Brief
war – und das ist längst kein Geheimnis
mehr – in der Absicht verfasst, die deutschen Amtsbrüder noch vor den sogenannten Ostverträgen zur Anerkennung der gewaltsam von Staat und Kirche geschaffenen Fakten in Ostdeutschland zu bewegen. Ein Akt keineswegs von „welthistorischer Größe“.
Wie dem auch sei, diese Ergänzungen
mindern nicht den Wert des Beitrags über
Breslau, sieht man ihn als Ganzes.
DR. JOHANNES SZIBORSKY, JANDELSBRUNN
Technik-und-Motor-Lesevergnügen
„Der Technik-und-Motor-Teil“ der F.A.Z.
vom Dienstag ist mir ein wöchentlicher Lesehöhepunkt, und erst wenn auch der letzte
Beitrag gelesen ist, wandert die Beilage ins
Altpapier. Was ich nicht schaffe, wird später gelesen. Ich möchte Ihnen einmal danke
sagen für viele Jahre großes Lesevergnügen
und schier unzählige gute Tipps. Noch nie
hat mich ein Ding enttäuscht, das ich aufgrund Ihrer „Empfehlung“ angeschafft
habe. Es erweist sich einfach, dass die praxisnahe Herangehensweise an Produkte tausendmal hilfreicher ist als scheinbar objektive Testergebnisse, die Leistungswerte zwar
bis auf die dritte Nachkommastelle ermitteln, aber völlig außer Acht lassen, welchen
Nutzen ein Ding im Alltag haben kann. Machen Sie alle bitte weiter so! Ich freue mich
schon jetzt auf den nächsten Dienstag!
EBERHARD HEUSEL, FREIBURG I. BRG.
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Es geht um mehr als ein Auto.
Es geht darum, wohin es dich führt.
SE IT E 22 · M O N TAG , 1 1 . A P R I L 2 0 1 6 · N R . 8 4
Unternehmen
F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G
Deutsche Unternehmen
im Ausverkauf
So viele Übernahmen und Fusionen wie noch nie
Heil wiederkommen: Start einer SpaceX-Rakete in Cape Canaveral
Foto AFP
Elon Musk erreicht weiteren Meilenstein
Eine Rakete von SpaceX
landet auf einer
schwimmenden Plattform im
Ozean. Damit kann sie
wiederverwertet werden. Auch
Barack Obama gratuliert.
lid. NEW YORK, 10. April. Im fünften
Anlauf hat es geklappt: Dem von Elon
Musk geführten Raumfahrtunternehmen
SpaceX ist es am Freitag zum ersten Mal
gelungen, eine Trägerrakete nach absolvierter Mission auf die Erde zurückzubringen und auf einer schwimmenden
Plattform im Ozean landen zu lassen.
Das ist ein Meilenstein auf dem Weg, solche Raketen wiederverwertbar zu machen und damit die Kosten von Flügen in
den Weltraum erheblich zu senken.
Das könnte zum Beispiel auch dabei helfen, Weltraumtourismus erschwinglicher
zu machen. Musk nannte die geglückte
Landung in einer Pressekonferenz „einen
weiteren Schritt zu den Sternen“, an dem
SpaceX hart gearbeitet habe. Selbst der
amerikanische Präsident Barack Obama
gratulierte dem Unternehmen und twitterte: „Wegen Innovatoren wie Ihnen und der
Nasa spielt Amerika weiter eine führende
Rolle in der Erkundung des Weltraums.“
Die zurückgekehrte Rakete könnte nach
Musks Worten im Juni wieder abheben. In
der Zukunft wolle SpaceX seine Raketen
innerhalb weniger Wochen wiederverwerten. Musk schätzte, dass seine Raketen
zehn- bis zwanzigmal genutzt werden
könnten und mit „geringfügiger Instandsetzung“ sogar einhundertmal. Traditionell werden Weltraumraketen nur für eine
einzige Mission verwendet.
Erst im Dezember war SpaceX ein ähnlicher Erfolg gelungen. Auch damals brachte das Unternehmen eine Rakete zurück.
Sie landete aber auf festem Grund in der
Nähe der Startrampe. Eine Landung auf
dem Wasser, die nach Darstellung von
Musk für viele Missionen notwendig ist,
hat sich dagegen als deutlich schwierigeres Unterfangen herausgestellt. Mehrere
Versuche von SpaceX schlugen fehl, zuletzt im Januar, als eine zurückgeholte Rakete bei der Landung auf der Plattform umkippte und explodierte.
Die jetzt zurückgebrachte Rakete war
im Auftrag der Raumfahrtbehörde Nasa
unterwegs. Sie brachte die Raumkapsel
„Dragon“ mit Ausrüstung für die Raumstation ISS ins All. Space X ist zu einem wichtigen Partner für die Nasa geworden und
fliegt schon seit einigen Jahren in ihrem
Auftrag zur ISS. Bislang handelt es sich dabei um unbemannte Versorgungsflüge,
aber von Ende nächsten Jahres an will
SpaceX auch Astronauten ins All bringen.
Damit würde das Unternehmen die Rückkehr der Vereinigten Staaten in die bemannte Raumfahrt ermöglichen.
Seit dem Ende des Spaceshuttle-Programms im Jahr 2011 müssen die Amerikaner Plätze in russischen Sojus-Maschinen buchen, wenn sie Astronauten ins
All bringen wollen. SpaceX ist indessen
nicht nur für die Nasa im Einsatz, sondern arbeitet auch für kommerzielle Kunden und bringt zum Beispiel Satelliten
für sie ins All.
Neben SpaceX gibt es mittlerweile
auch eine Reihe anderer junger privater
Raumfahrtunternehmen, die von sich reden machen. Für Schlagzeilen hat in
jüngster Zeit vor allem Blue Origin gesorgt, das Zweitunternehmen des sonst
vor allem als Gründer des Online-Händlers Amazon bekannten Jeff Bezos. Zwi-
schen Musk und Bezos ist derzeit eine
aufkeimende Rivalität zu beobachten. Bezos gelang es mit Blue Origin schon im
vergangenen Herbst, eine Rakete nach
dem Start wieder auf die Erde zurückzubringen, wobei Musk darauf hinwies,
dass dies für die Missionen von SpaceX
ungleich schwieriger sei.
Vor weniger als einem Jahr musste
Elon Musk mit SpaceX noch einen herben Rückschlag hinnehmen, als eine Trägerrakete nur kurz nach Start explodierte. Seither schwimmt er aber auf einer Erfolgswelle, und das nicht nur wegen der
gelungenen Starts und Landungen von
SpaceX. Neben dem Raumfahrtunternehmen führt Musk auch den Elektroautohersteller Tesla Motors. Vor wenigen Tagen stellte er ein neues Tesla-Modell vor,
das deutlich billiger sein soll als die bisherigen Fahrzeuge des Unternehmens. Innerhalb weniger Tage hat Tesla 325 000
Vorbestellungen für das Auto bekommen, weit mehr, als der Hersteller von seinen bisherigen Modellen insgesamt verkauft hat. Seine größte Herausforderung
ist derzeit nicht die Nachfrage, sondern
das Überwinden von Schwierigkeiten in
der Produktion der Autos.
Die fliegende Werbetrommel
Der goldene Haribo-Flieger ist nun blau und wirbt für TUI selbst / Sonderbemalungen als beliebtes Marketingmittel
kpa. FRANKFURT, 10. April. Wer das
goldfarbene Haribo-Flugzeug noch nie zu
Gesicht bekommen hat – sei es als Passagier oder als Zaungast an einem Flughafen, der wird es auch künftig nicht mehr
am Himmel finden. Denn diese Boeing
737 der Ferienfluggesellschaft TUIfly
wurde im Februar umlackiert. Verschwunden sind der Goldbär auf dem Leitwerk,
die Gummibärchen auf dem Rumpf sowie
der rot-schwarze Haribo-Schriftzug. Inzwischen leuchtet die Maschine in sattem
dunklen Blau und trägt in weißen Lettern
den Namen „TUI Blue“. Sie soll künftig
zusammen mit anderen Flugzeugen für
den TUI-Konzern selbst und seine Kernmarken wie zum Beispiel Robinson- oder
RIU-Hotels werben.
Besonders lackierte Flugzeuge gibt es
auf der Welt viele, auch die großen und
kleinen Fans sind zahlreich. Manche Fluggesellschaften zeigen sich rege, andere dagegen wie Lufthansa, Air France oder British Airways bleiben zurückhaltend. Eher
selten werden die Flugzeugrümpfe allerdings als reine Werbefläche verkauft wie
zum Beispiel von TUIfly. Viele Fluggesellschaften werben für ihr Land oder sportliche Ereignisse, wie Etihad Airways für
Reisen nach Abu Dhabi oder das dortige
Formel-1-Rennen. Auch Air China wirbt
mittels Flugzeugen des Typs Boeing 777
mit 40 lächelnden Porträts und der Aufschrift „Smiling China“ oder der „Love
China“-Bemalung für Sympathie.
Daneben steht häufig auch der Sport
oder das Sponsoring im Mittelpunkt. Air
New Zealand zum Beispiel hat aktuell
drei Flugzeuge zu Ehren der wohl bekanntesten Rugby-Mannschaft der Welt, den
neuseeländischen „All Blacks“, vollständig in Schwarz lackiert – mit Ausnahme
des Silberfarns auf dem Leitwerk. Andere
Konzerne wiederum begehen durch Sonderbemalungen Jubiläen der verschiedensten Art wie Turkish Airlines. Die türkische Gesellschaft hat das 300ste Flugzeug ihrer Flotte, einen Airbus 330, mit einer besonderen Aufschrift versehen. Emirates wiederum setzt sich auf zwei Airbus-Flugzeugen des Typs A 380 für den
Schutz wilder Tiere ein und bildet dort
Elefanten, Löwen, Tiger oder Gorillas ab.
„Fluggesellschaften haben den Wert
dieser Marketingmaßnahmen erkannt
und nutzen sie entsprechend vielfältig“,
sagt Jens Grefen, Kreativdirektor der Markenberatung Interbrand Deutschland. Sei
es, um neue Streckenverbindungen oder
ein Jubiläum zu feiern, oder einfach nur,
um das Image aufzubessern. Auch Partnerschaften mit anderen Marken seien
gängig, um zum Beispiel Spenden einzusammeln. „Mit Maschinen im Retro-Look
wiederum wird zudem der Mythos des
Fliegens wiederbelebt“, sagt Grefen. Diese Individualisierung rücke Unternehmen
in den Blickpunkt, ohne dass diese selbst
darüber sprechen müssten.
In manchen Flugzeugen reicht das besondere Design bis in das Innere, wie bei
den inzwischen drei Boeings der japanischen Gesellschaft All Nippon Airlines,
die passend zum jüngsten Kinofilm au-
ßen und innen im Star-Wars-Design gestaltet sind. Bekanntes Beispiel sind auch
Jets der taiwanischen Eva Air, wo sich inklusive der Uniformen des Flugpersonals
alles um die Kultfigur „Hello Kitty“ dreht
(F.A.Z. vom 8. August 2015).
Und wie geht es mit Haribo und TUIfly
weiter? Haribo bleibe ein enger Kooperationspartner, sagt Jan Hillrichs, Pressesprecher von TUIfly. Denn noch immer
sei in der 40 Maschinen umfassenden
Flotte der bunte „Paradiesvogel“ unter-
D-ATUD bisher: Dieses TUI-Flugzeug machte Werbung für Haribo.
Seit Februar: Die Boeing ist Werbeträger für den TUI-Konzern selbst.
Foto Haribo
Foto Kerstin Papon
wegs, der seit rund einem Jahr für Tropifrutti von Haribo werbe. Weiterer Werbepartner des Unternehmens ist der Fotospezialist Cewe Colour mit einer überwiegend in Rot lackierten Maschine.
Man habe sich nun entschieden, den eigenen Konzern stärker zu bewerben, auch
wenn man Werbeanfragen jederzeit offen
gegenüberstehe, sagt Hillrichs. Solche Kooperationen dauerten bisweilen auch nur
ein Jahr. Der Haribo-Flieger sei seit dem
Jahr 2010 auf europäischen Strecken im
regulären Flugbetrieb unterwegs gewesen. Ein früherer Kunde von TUIfly war
unter anderen auch die Deutsche Bahn
mit einem als ICE lackierten Flugzeug
und einer Regio-Maschine.
Über die Preise schweigt sich Hillrichs
jedoch aus. Das Haribo-Flugzeug habe ohnehin neu lackiert werden müssen, sagt
der Sprecher von TUIfly. Dies müsse regelmäßig geschehen, da sich der Lack
durch die starke UV-Strahlung, Reibung
mit hoher Geschwindigkeit und das deutliche Temperaturgefälle während des Fluges abnutze. Eine Standardlackierung koste von rund 80 000 Euro an, besondere Bemalungen entsprechend mehr. Sie würden von eigenständigen Lackierbetrieben
durchgeführt, wie für „TUI Blue“ im britischen Norwich. Kleinere Details könnten
mit Folien aufgeklebt, größere Flächen
müssten aber lackiert werden, da die Flugzeuge sonst zu schwer würden und dadurch zu viel Kerosin verbrauchten.
Von Haribo heißt es, man habe im vergangenen Jahr den Schwerpunkt auf die
neue Werbefigur Michael Bully Herbig gelegt. Daher habe man den Vertrag über
das goldfarbene Flugzeug mit TUIfly
Ende Oktober 2015 auslaufen lassen, sagt
ein Sprecher von Haribo. Mit dem Erfolg
dieser Art des Marketings sei man aber
sehr zufrieden, denn die beiden Marken
ergänzten sich auch mit Blick auf ihre Familieorientierung ideal. Die Haribo-Flugzeuge seien nicht nur bei den Fluggästen
mit viel Begeisterung aufgenommen worden. Der Vertrag für den „Paradiesvogel“
laufe auf jeden Fall noch bis April 2017.
Die neuen TUI-Sonderlackierungen
wiederum werden in dieser Woche in
Hannover der Öffentlichkeit präsentiert.
Die Flugdaten einiger bunter Vögel veröffentlichen Gesellschaften wie TUIfly als
Kundenservice im Internet. Eine Sonderbemalung schaffe Sympathie und Fans
und gebe dem Fliegen ein Stückchen Faszination zurück, sagt Grefen. Auf jeden
Fall fällt sie auf.
chs. PARIS, 10. April. Auf dem deutschen Markt gab es im vergangenen Jahr
so viele Fusionen und Übernahmen wie
nie zuvor. Zu diesem Ergebnis kommen
die Wirtschaftsprüfer von Price Waterhouse Coopers (PWC) auf Basis der
M&A-Datenbank Zephyr. Die Zahl von
Fusionen und Übernahmen wuchs in
Deutschland gegenüber dem Vorjahr
um 57 Prozent auf mehr als 2500 Transaktionen. Das sind auch etwa 400 Transaktionen mehr als im bisherigen Rekordjahr 2007.
„Deutschland ist wahrscheinlich das
Land in Europa, das in den nächsten
fünf Jahren für Übernahmen und Fusionen am attraktivsten ist“, sagt Erik Hummitzsch, Partner von PWC in Deutschland, gegenüber dieser Zeitung. 54 Prozent der Transaktionen kamen durch einen ausländischen Investor zustande, gegenüber nur 39 Prozent im Vorjahr. Der
Grund liegt zum einen auf der Nachfrageseite, die „maßgeblich vom aktuellen
Nullzins-Umfeld getrieben wird“, sagt
Hummitzsch. Schuldenfinanzierte Übernahmen seien wegen der günstigen Finanzierung interessant.
So seien jetzt wieder viele amerikanische und britische Fonds in Deutschland
unterwegs, ergänzt durch Investoren aus
China, Singapur und dem Mittleren Osten. Reiche Privatinvestoren aus
Deutschland sowie neugegründete deutsche Private-Equity-Gesellschaften kämen hinzu. Konzerne, die sich strategisch erweitern wollen, blickten ebenfalls auf Deutschland, weil dort noch etliche Unternehmen mit Weltmarktführerstatus zu finden seien. Firmen aus dem
Internet- und E-Commerce-Bereich bereicherten das Angebot.
PWC rechnet wieder mit einem „starken Jahr“, kann aber nicht sagen, ob es
das vergangene Jahr übertrifft. „Das
hängt nicht zuletzt von den Folgen des
britischen Referendums über die EU-Zugehörigkeit und von der allgemeinen
wirtschaftlichen Entwicklung im zweiten Halbjahr ab.“
Auch im zweitgrößten Land des Euroraumes, Frankreich, ist der Aufschwung
bei den Übernahmen zu spüren. Dort
nahm ihre Zahl im vergangenen Jahr um
ein gutes Drittel auf rund 2700 Transaktionen zu. Vom Rekordjahr 2007 ist
Frankreich dabei allerdings noch ein gutes Stück entfernt. Deutsche Unternehmen hätten „häufig Respekt vor Investitionen in Frankreich, nicht zuletzt aufgrund des komplexeren Arbeitsrechts“,
sagt Hemmitzsch. „In der Wahrnehmung vieler Unternehmen entstehen
bei einer Übernahme in Frankreich andere Herausforderungen, als man sie
aus Deutschland gewohnt ist.“ Dennoch
stiegen die Investitionen deutscher Unternehmen auf dem französischen
Markt im Jahr 2015 um ein gutes Drittel.
In umgekehrter Richtung ist die rege
Szene französischer Kapitalbeteiligungsgesellschaften stark an Deutschland interessiert. Frankreich realisierte im vergangenen Jahr 59 Übernahmen oder Fusionen auf dem deutschen Markt, gut
die Hälfte mehr als im Vorjahr. Nach der
Transaktionszahl
investierten
in
Deutschland 2015 nur Kanada, Luxemburg und die Niederlande mehr. Zu den
größten deutsch-französischen Übernahmen gehörte im vergangenen Jahr
nach Angaben von PWC der Kauf des
deutschen Anbieters von Laboren und
Gesundheitspraxen, Amedes, durch den
französischen Infrastrukturfonds Antin
für 700 Millionen Euro sowie die schon
2014 eingeleitete Übernahme der französischen Filmgesellschaft Wild Bunch
durch Senator Entertainment für 360
Millionen Euro.
SAP übertrumpft Oracle
Gewinn legt deutlich zu / Umsatz wächst nur schwach
fib. FRANKFURT, 10. April. Trotz Rückschlägen zum Jahresstart hat der Softwarekonzern SAP im ersten Quartal einen deutlichen Gewinnsprung verbucht. Das operative Ergebnis legte
nach vorläufigen Zahlen gegenüber
dem Vorjahr um 28 Prozent auf 810 Millionen Euro zu. Das teilte SAP in der
Nacht zum Samstag mit. Damit ging das
im kurpfälzischen Walldorf bei Heidelberg ansässige Softwarehaus abermals
deutlich besser durchs Quartalsziel als
der kalifornische Erzrivale Oracle.
Den Amerikanern hatte zuletzt der
starke Dollar zugesetzt. Im abgelaufenen Geschäftsquartal sank der Überschuss, verglichen mit dem Vorjahreswert, um 14 Prozent auf 2,1 Milliarden
Dollar (1,8 Milliarden Euro). Der Umsatz ging um 3 Prozent auf 9 Milliarden
Dollar zurück. Auch für die Deutschen
liefen die Geschäfte im Eröffnungsquartal des Jahres indes nicht so gut wie erwartet. Kunden hätte einige Aufträge,
die bis Ende März eingeplant waren,
erst für den April gebucht. Das erste
Quartal fällt im Softwaregeschäft üblicherweise schwächer aus, weil die Unternehmen in der Regel zum Jahresende in IT investieren. Die Gesamterlöse
stiegen um fünf Prozent auf 4,7 Milliarden Euro. Die Umsätze mit klassischen
Softwarelizenzen gingen zurück, wäh-
rend das neue Geschäft mit Mietsoftware abermals zweistellig gewachsen
ist. Seine endgültige Quartalsbilanz für
das erste Quartal legt SAP nächste Woche am 20. April vor.
Der Konzern ist seit einigen Jahren
dabei, sein Geschäftsmodell umzustellen. Statt Softwarelizenzen zu verkaufen, werden den Kunden vermehrt Programme zur Miete angeboten. Das
bringt den Walldorfern stetigere und
von der Konjunktur unabhängigere Einnahmen. Das Cloudgeschäft hat allerdings niedrigere Gewinnspannen als der
Verkauf, die Implementierung und Wartung von verkauften Softwarepaketen.
In den vergangenen Jahren hatte SAP
außerdem Arbeitsplätze in weniger zukunftsträchtigen Abteilungen gestrichen, die nicht so stark wie das Neugeschäft wuchsen. Ein dafür gestartetes
Abfindungsprogramm in Europa hatte
im vergangenen Jahr auf den Gewinn
gedrückt. Zuletzt hatte SAP seine Erlöse auch dank Übernahmen gesteigert.
Für das laufende Jahr hatte der Konzern schon prognostiziert, dass sich das
Wachstum abschwächen wird. Der Kurs
der Aktie legte in den vergangenen
sechs Monaten von 56 auf vorübergehend mehr als 70 Euro zu. Vergangene
Woche wurde das Papier zu einem
Stückpreis von rund 68 Euro verkauft.
Brillen aus dem 3D-Drucker
Die Branche steht vor völlig neuem Geschäftsmodell
MÜNCHEN, 10. April (dpa-AFX). Brillen aus dem 3D-Drucker sind in
Deutschland auf dem Vormarsch. Nach
anfänglicher Skepsis bieten einige Optikgeschäfte bereits gedruckte Brillengestelle nach den Wünschen des Kunden
an. „Der 3D-Druck hat keinen Exotenstatus mehr und wird seinen Platz am
Markt finden“, sagt Ingo Rütten vom
Zentralverband der Augenoptiker. Richtig in Schwung soll das Geschäft durch
die individuelle Anpassung der gedruckten Brillengestelle an die Gesichtsform
kommen. Auf der Optikmesse opti in
München stellt das hessische Unternehmen Framelapp Anfang des Jahres einen Kopf-Scanner vor, der die Form der
Nase und andere Merkmale des Gesichts erfasst und den Drucker mit diesen Daten speist.
„Der 3D-Druck wird die Optikbranche über kurz oder lang revolutionieren“, meint Geschäftsführer Hendrik
Wieburg, der im Auftrag von Optikgeschäften mehrere tausend Brillen im
Jahr per 3D-Druck herstellt. Gemessen
am gesamten Markt ist das zwar noch
sehr wenig – die großen Mitspieler verfolgen die Entwicklung aber genau: Brillengestelle aus dem 3D-Drucker seien
eine spannende technologische Entwicklung, heißt es beim Online-Brillenhändler Mister Spex. „Noch bieten wir keine
Brillengestelle aus dem 3D-Drucker an,
evaluieren aber regelmäßig die relevanten Technologien“, sagt Gründer und
Geschäftsführer Dirk Graber.
Ähnlich äußert sich Konkurrent Brille-24. Auch die größte AugenoptikerKette Fielmann mit ihren rund 700 Niederlassungen behält die 3D-Technologie
im Blick: „Wir beobachten die Entwick-
lung“, sagt Vorstandsmitglied Stefan
Thies. Für Design-Brillen und Prototypen sei der 3D-Druck bereits interessant.
Als Knackpunkt für den Massenmarkt gilt bislang unter anderem der
Preis von rund 300 Euro für ein Brillengestell. Für stationäre Optiker könnte
der Kopf-Scanner in Kombination mit einem Brillen-Drucker aber eine Chance
sein, die Kunden in die Geschäfte zu locken. Denn in den vergangenen Jahren
haben viele Menschen ihre Brille im Internet bestellt: 2014 wurden nach Angaben
des
Augenoptikerverbandes
650 000 Korrektionsbrillen online verkauft – fast ein Drittel mehr als im Vorjahr.
Grundsätzlich muss sich die Optikbranche in nächster Zeit aber keine Sorgen um ihre Kunden machen: Rund 40
Millionen Menschen tragen in Deutschland einer Allensbach-Studie zufolge
eine Brille. Die Alterung der Gesellschaft spielt den Optikern in die Hände:
Selbst wer als junger Mensch keine
braucht, muss meist ab Mitte 40 beim Lesen zur Brille greifen. Bei den 45- bis
59-Jährigen beträgt der Anteil der Brillenträger 73 Prozent und steigt danach
weiter an.
Aber auch bei jüngeren Leuten ist der
Anteil der Brillenträger in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsen. Wie
sich der Smartphone-Boom auf das Sehvermögen auswirkt, ist unter Experten
noch immer umstritten: Langzeitstudien über die gesundheitlichen Auswirkungen der Geräte stehen noch aus.
Aber ein Spaziergang ist das permanente Fixieren eines kleinen Monitors für
die Augen wohl nicht.
Unternehmen
FRANKFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TU NG
M O N TAG , 1 1 . AP R I L 2 0 1 6 · NR . 8 4 · S E I T E 23
Hannover fordert Verbesserungen
für Bahnreisende zur Messezeit
Winterkorn lässt VW-Präsidium zappeln
Der Aufsichtsrat ringt um
einen öffentlichkeitswirksamen
Verzicht auf Boni. Doch der
einstige Vorstandsvorsitzende
will sich alles auszahlen lassen.
Den Anspruch hat er.
F.A.Z. FRANKFURT, 10. April. Der Umgang mit den Bonuszahlungen an seine
Vorstände beschäftigt den VW-Konzern
wohl noch bis zum 28. April. Auf diesen
Termin hat der Konzern die Vorstellung
der Bilanz und auch die Veröffentlichung
des Geschäftsberichts verschoben. Reichlich mehr als einen Monat nach allen anderen Dax-Konzernen muss der Konzern zu heiklen Themen Farbe bekennen. Dazu gehören die Bonuszahlungen
an die Vorstände wie auch die Dividende
an die Aktionäre – beides im Lichte drohender Milliardenstrafen wegen des Abgasskandals.
An diesem Montag wird sich das aus
sechs Personen bestehende Präsidium
des Aufsichtsrats mit den Themen befassen. Mit endgültigen Entscheidungen
wird nicht gerechnet, wohl aber mit lebhaften Diskussionen. Die Krux aus Sicht
des Aufsichtsrats ist die Rechtslage. Alle
Vorstände haben Verträge, aus denen
ihre Bonusansprüche eindeutig abgeleitet werden können. Auch der Vertrag des
im September zurückgetretenen Martin
Winterkorn läuft weiter. Millionenzahlungen stehen im Raum. Gerade er, so berichtet es die Frankfurter Allgemeine
Sonntagszeitung, ist zu keinerlei Kompromissen bereit. Die Unterhändler des
Konzerns beißen sich gegenwärtig daran
die Zähne aus, ihren ehemaligen Chef
zum Einlenken zu bewegen, heißt es.
„Ich kann bestätigen, dass er einen gültigen Vertrag hat“, ließ die Konzernzentrale
am Sonntag wissen. Winterkorn ist zwar
„im Interesse des Unternehmens“ zurückgetreten, fügte damals aber an, „obwohl
ich mir keines Fehlverhaltens bewusst
bin.“ Auf sein Gehalt wollte er nicht verzichten. Es wird ihm nach dem Abtritt weiterhin gezahlt. Bonusansprüche erwirbt er
damit auch weiterhin. Die Details für 2015
werden wohl Ende April bekannt. 2014
war Winterkorn mit einem Jahressalär
von 16 Millionen Euro Spitzenverdiener
im Dax. Seine Pensionsvorsorge wurde auf
29 Millionen Euro taxiert.
Ob nun der neue Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch der geeignete
Mann ist, um ein Maßhalten der Vorstände in der schwierigen Lage des Konzerns
Niedersachsen setzt das Management der Bahn unter Druck
BRAUNSCHWEIG, 10. April (dpa). Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf
Lies fordert von der Bahn während der angekündigten Sperrung der wichtigen Strecke Kassel–Hannover Verbesserungen für
Reisende. Die Bahn hatte erst Ende März
angekündigt, die Strecke vom 23. April an
für rund zwei Wochen zu sperren. In dieser Zeit findet auch die Industrieschau
Hannover Messe statt. Im Fernverkehr
verlängern sich die Fahrzeiten wegen der
Umleitungen um rund 60 Minuten. Lies
sagte am Wochenende, er habe der Bahn
seine Verärgerung mitgeteilt und setze
nun noch auf qualitative Verbesserungen
bei der nun gefundenen Kompromisslösung.
Danach will die Deutsche Bahn an den
Messetagen vom 25. bis zum 29. April
morgens zwei zusätzliche ICE von Frankfurt Flughafen über Frankfurt Süd ohne
weiteren Halt nach Hannover Messe fahren. Am Nachmittag und frühen Abend
geht es dann mit zwei ICE auf derselben
Modemarken gibt es jetzt
auch im Discounter
Aldi Süd heuert Jette Joop an und geht nun in die Offensive
Beschädigt: Das Image von VW hat in den vergangenen Monaten erheblich gelitten.
einzufordern, wird bezweifelt. Wie die
F.A.S. berichtet, wurde dem vorherigen
Finanzvorstand der Wechsel an die Aufsichtsratsspitze zur Kontrolle seiner ehemaligen Vorstandskollegen im Herbst
mit einer Ausgleichsprämie von zehn
Millionen Euro schmackhaft gemacht.
Das Land Niedersachsen hat als Großaktionär nun schon wissen lassen, es gebe
ein großes Problembewusstsein bei der
Boni-Frage. Der IG-Metall-Vorsitzende
und VW-Aufsichtsrat Jörg Hofmann will
mit den Vorständen diskutieren, was in
der jetzigen Situation angemessen ist. Er
gehe davon aus, dass der Vorstand der Ankündigung des Vorstandsvorsitzenden
Matthias Müller folge, der angemahnt hatte, den Gürtel enger zu schnallen. Die
Rede ist nun von dem Vorschlag, auf 30
Prozent der Bonuszahlungen zu verzich-
ten. Doch dem Aufsichtsrat bleibt nichts
anderes übrig, als auf ein Einsehen der
Vorstände zu hoffen. Die Bonuszahlungen basieren nicht auf kurzfristigen Erfolgen oder Misserfolgen, sondern sind längerfristig ausgelegt, und vor dem Abgasskandal ging es dem VW-Konzern ausgezeichnet.
Die Signalwirkung wäre Ende April
gleichwohl verheerend, würden die Vorstände auf der vollen Höhe ihrer mitunter
millionenschweren Bonuszahlungen beharren. Denn gleichzeitig wird der Konzern die Höhe seiner Dividende bekanntgeben müssen. Gerechnet wird mit einer
drastischen Reduzierung. Die zwischenzeitlich diskutierte Komplettstreichung
wird jedoch für eher unwahrscheinlich gehalten, schließlich hängen von der Tatsache, ob eine Dividende gezahlt wird, auch
Foto dpa
die Vergütungen der Führungsriege ab.
Außerdem würden die Vorzugsaktionäre
nach zwei dividendenlosen Jahren ein
Stimmrecht bekommen, was aus Sicht der
großen Stammaktionäre Porsche und Niedersachsen zu vermeiden wäre.
Aber auch den 120 000 Mitarbeitern
im VW-Haustarif muss irgendwann mitgeteilt werden, ob und in welcher Höhe
sie eine Anerkennungsprämie erhalten.
Auf die gewohnte Erfolgsbeteiligung –
vergangenes Jahr 5900 Euro je Mitarbeiter – haben sie wegen des ausgebliebenen Erfolgs im Jahr 2015 keinen Anspruch. Auch über mögliche Einsparungen beim Personal wird derzeit heftig gestritten. Die Sitzung des gesamten Aufsichtsrats zu den Themen findet wohl
nicht am 20. April statt, sondern mindestens zwei Tage später.
Vivendi und Mediaset greifen gemeinsam Netflix an
Fernsehserien stehen hoch im Kurs / Europäer wollen den Markt daher nicht den Angelsachsen überlassen
tp./chs. ROM/PARIS, 10. April. Der französische Medienkonzern Vivendi nimmt
den Kampf mit Netflix und Sky auf. Dazu
verbündet sich der französische Unternehmer und Vivendi-Chef Vincent Bolloré mit Silvio Berlusconi und seinem italienischen Sender Mediaset. So soll ein neuer Gigant im Bezahlfernsehen mit stark
südeuropäischen Akzenten entstehen,
der sowohl dem amerikanischen VideoAnbieter Netflix als auch dem Bezahlfernsehen Sky von Rupert Murdoch die
Stirn bietet. Geplant ist, in einigen Jahren gemeinsam vor allem TV-Serien zu
produzieren, die ähnlich wie bei Netflix
je Episode Millioneneinnahmen erwirtschaften.
Doch bis dahin dürfte noch eine Weile
vergehen, auch wenn die französische
Presse schon von einem Sendestart in diesem September schreibt. Nach dem Plan,
der noch von den Wettbewerbsbehörden
genehmigt werden muss, übernimmt Vivendi das Bezahlfernsehen „Mediaset
Premium“ aus dem Mediaset-Konzern
von Berlusconi vollständig. Gleichzeitig
erhält Mediaset eine Beteiligung von 3,5
Prozent am größeren Vivendi-Konzern,
während Vivendi den gleich hohen An-
teil an Mediaset bekommt. Zudem wollen die Unternehmen bei der Produktion
von Fernsehinhalten zusammenarbeiten. Auch eine Beteiligung amerikanischer Sender sowie eine Erweiterung der
Achse um den Telefonica-Konzern in
Spanien halten Pariser Unternehmenskreise künftig für möglich.
Vivendi und Mediaset ergänzen sich
vor allem in Südeuropa. Die Gesellschaft
von Berlusconi ist in Italien und Spanien
präsent. Zudem besitzt Mediaset den
auch im Kinogeschäft erfolgreichen Filmproduzenten Medusa und ein Drittel des
holländischen Fernsehprogrammgestalters Endemol. Vivendi wiederum sucht
eine neue Plattform für seine Tochtergesellschaft Studiocanal, den größten Filmproduzenten Europas, der jetzt auch
stark ins Seriengeschäft einsteigen will
und kürzlich Beteiligungen an unabhängigen Filmfirmen in Spanien und Großbritannien angekündigt hat. Im Bereich
von Videos auf Abfrage ist Vivendi in
Deutschland mit der Gesellschaft Watchever unterwegs, die vor einiger Zeit
noch verkauft werden sollte, nun aber im
Konzernkreis entwickelt werden soll. In
Frankreich bearbeitet die Tochtergesell-
schaft Canal Plus diesen Markt. Berlusconis Bezahlfernsehen konzentrierte sich
bisher vor allem auf Italien und hatte
nach der Gründung 2005 einige Achtungserfolge gegen den Konkurrenten
Sky errungen. Denn bei Mediaset mussten die italienischen Fußballfans nicht
wie bei Sky langfristige Abonnements abschließen, sondern konnten für einzelne
Fußballspiele eine Codekarte am Zeitungskiosk oder im Tabakladen erwerben. Zuletzt steckte Mediaset Premium
jedoch in einer Sackgasse. Der Sender bekam keine Lizenzen für zusätzliche terrestrische Digitalkanäle, um damit Sky
Konkurrenz zu machen. Die zuständigen
Minister, zuletzt politische Gegner von
Silvio Berlusconi, haben dabei trotz Mangels an Bewerbern für die zur Verfügung
stehenden Kanäle auf die Vergabe neuer
Lizenzen verzichtet und darauf verwiesen, dass Mediaset ja schon über elf freie
terrestrische Kanäle verfüge. Mediaset
hat sich daher im Bezahlfernsehen auf
das Internet konzentriert, doch steht
man damit vor einem zweiten Problem:
in Italien ist schnelles Internet noch immer nicht so verbreitet, dass damit Bezahlfernsehen rentabel wird. Die Toch-
tergesellschaft Mediaset Premium weist
daher für 2015 einen Umsatz von 641 Millionen Euro und einen Nettoverlust von
83,9 Millionen Euro aus.
Dennoch wurde diese Gesellschaft im
Abkommen zwischen Mediaset und Vivendi großzügig bewertet, derzeit mit
rund 740 Millionen Euro. Der Wert ergibt sich aus der Differenz der beiden Aktienpakete, die in Höhe von jeweils 3,5
Prozent zwischen Vivendi und Mediaset
ausgetauscht werden. Berlusconis Holding Fininvest gibt dabei ein Paket ihres
Mediaset-Aktienbesitzes von 41,3 Prozent an Vivendi ab und sichert Vivendi in
einem Aktionärspakt ein Mitspracherecht zu. Die ausgetauschten Aktienpakete haben sehr unterschiedlichen Wert.
Mediaset erzielt an der Börse eine Marktkapitalisierung von 4 Milliarden Euro; Vivendi hat dagegen einen Börsenwert von
25 Milliarden Euro.
Mediaset kann mit dem Verkauf des
Bezahlfernsehens eine große Verlustquelle stopfen. Nur dank guter Geschäfte in
Spanien ergaben sich für die Gruppe ein
Umsatzplus von 3,2 Prozent auf 3,52 Milliarden Euro und ein magerer Nettogewinn von 4 Millionen Euro.
Die Flucht vor dem Filmteam
Dreharbeiten auf dem Traumschiff sind ein Reisemangel / Ein Gericht sprach einem Ehepaar Entschädigung zu
casc. FRANKFURT, 10. April. Mit dem
ZDF-„Traumschiff“ verbinden viele Menschen Flucht aus dem Alltag und Entspannung. Für ein Berliner Ehepaar war
es das Gegenteil. Dieses hatte eine 26
Tage umfassende Kreuzfahrt von Vietnam nach Neuseeland auf der „MS Amadea“ für 11 080 Euro gebucht. Was die erfahrenen Kreuzfahrer nicht wussten: Das
relativ kleine Schiff mit 600 Passagieren
ist seit Anfang 2015 Drehkulisse fürs
„Traumschiff“ gewesen. Entsprechend
waren immer Teile des Luxusliners, vor
allem das Promenadendeck, für Aufnahmen mit Sascha Hehn als Kapitän und
Heide Keller als Chefstewardess gesperrt. Das Ehepaar fühlte sich auch gestört durch lautes Hämmern und Sägen
und Megafon-Anweisungen. Als Passagier sei man stets auf der Flucht vor dem
Filmteam gewesen.
Wegen Beeinträchtigung durch den
Dreh während ihrer Kreuzfahrt sollte
das Ehepaar nun Geld zurückbekommen. Das Amtsgericht Bonn gab ihrer
Klage auf Reisepreisminderung im Januar 2016 statt. Das betreffende Bonner
Reiseunternehmen wurde angehalten,
den 82 und 79 Jahre alten Eheleuten für
die Reisetage, an denen auf ihrem Kreuz-
Strecke wieder zurück. Die Züge fahren
auf einer Umleitungsstrecke und brauchen rund drei Stunden. Die Hannover
Messe ist die größte Industriemesse der
Welt. Zehntausende Besucher werden
Ende April über den Flughafen in Frankfurt in Deutschland einfliegen und dann
mit dem ICE nach Hannover auf die Messe fahren.
Die Bahn wies unterdessen Medienberichte zurück, wonach sie bereits vor Jahren vom Eisenbahn-Bundesamt (EBA)
zur Sanierung der ICE-Strecke aufgefordert worden sein soll. „Die Strecke wurde
zu jedem Zeitpunkt in den vergangenen
Jahren regelwerkskonform betrieben. Anordnungen seitens der Aufsichtsbehörde
EBA sind in dieser Zeit nicht eingegangen“, sagte ein Sprecher der Bahn. Eine
große Erneuerungsmaßnahme sei für
2019 vorgesehen. Bis dahin bestehe der
aktuell anstehende Sanierungsbedarf in
einem Schottertausch, um die Gleislagestabilität sicherzustellen.
Für manchen kein Traumschiff
Foto dpa
fahrtschiff gedreht wurde, 1022,76 Euro
zurückzahlen. Das ist eine Minderung
um 20 Prozent an zwölf Drehtagen.
Es gehöre zum Vertrag einer ordnungsgemäßen Reise, so das Urteil der Bonner
Amtsrichterin im Januar, dass Passagiere
jederzeit alle Freizeitmöglichkeiten nutzen könnten. Einschränkungen beispielsweise durch die Absperrungen des Promenadendecks für die Dreharbeiten seien ein Reisemangel und müssten nicht
hingenommen werden (Az: Amtsgericht
Bonn 101C 423/15). Das Reiseunternehmen legte aber Berufung ein. Nun muss
das Landgericht Bonn sich Ende Mai
(Az. Landgericht Bonn 8S5/16) mit dem
Fall beschäftigen.
Enttäuschte Urlauber und Reisemängel – das ist in Deutschland seit Jahren
ein Evergreen. Es fängt schon vor der Reise an. Ein Terroranschlag oder politische
Unruhen im Urlaubsland – die persönlichen Ferien können mit vielen Ungewissheiten beginnen. Man hat aber schon
längst seinen Urlaub gebucht, und es
stellt sich dann die Frage: Was tun? Stornieren oder trotzdem fahren? Das ist die
eine Seite. Ein anderes Problem stellt
sich, wenn man seinen Urlaub wie das betreffende Ehepaar auf dem Kreuzfahrt-
schiff angetreten hat und man schon vor
Ort mit den Leistungen nicht zufrieden
ist. Was passiert dann?
Der ADAC bietet hierzu Hilfe an. Auf
der Homepage des Automobilclubs findet sich ein Musterschreiben für die Mängelanzeige, in der jeder Urlauber den
Sachverhalt schildern und die Mängel
festhalten kann, um es dem Veranstalter
zuzuschicken. Wichtig ist zu wissen, dass
der Reisemangel spätestens innerhalb eines Monats nach dem Urlaubsende beim
Reiseveranstalter schriftlich zu melden
und die Reisepreisminderung zu verlangen ist. Auch hierzu bietet der ADAC ein
Musterformular an.
Stellt sich dann nur die Frage: Was ist
ein Reisemangel? Eine aktuelle Übersicht über die bundesweite Rechtsprechung zur Reisepreisminderung aus den
letzten zehn Jahren findet man ebenfalls
beim ADAC. Hier wurden mehr als 270
Urteile zu einem systematischen und vereinfachten Überblick zusammengefasst.
B.K. DÜSSELDORF, 10. April. Wenn ein
sonst so überaus verschwiegener Handelskonzern wie der Discounter Aldi Süd
plötzlich einen Presserummel veranstaltet, der bis in die einschlägigen Frauenzeitschriften
und
Modeblättchen
schwappt, hat dies handfeste Gründe.
Zum einen wird der Preiskampf unter den
beiden Marktführern Aldi und Lidl immer härter. Und zwar nicht zuletzt, weil
der deutsche Pionier des Discounts nun
ebenfalls immer mehr Markenartikel ins
Sortiment aufnimmt. Zum anderen haben die klassischen Supermarktketten
von Edeka und Rewe zuletzt deutlich Boden gutgemacht und den beiden großen
Discountern sogar Marktanteile abgejagt.
Da gilt es, mit neuen Aktionen und
Dienstleistungen weitere Kundengruppen anzulocken, und zwar auch solche,
die bisher nicht im Discountsegment eingekauft haben.
Genau das versucht die Mülheimer
Aldi-Süd-Gruppe nun mit einer eigenen
Damenmodekollektion, welche die Handschrift der Schmuck- und Modedesignerin Jette Joop trägt. Am vergangenen
Dienstag hatte das Unternehmen schon
die Filiale an der Düsseldorfer Königsallee kurzfristig für eine Rote-Teppich-Veranstaltung umgerüstet und zwischen
Kühl- und Getränkeregalen die ersten Modelle präsentiert. Zum Wochenstart geht
der Verkauf in allen Filialen los. Mode,
Gartengeräte, Babywindeln, das ist die
bunte Mischung, die die Werbung für die
aktuelle Aktionsware bestimmt. Die limitierte, unter der Eigenmarke Blue Motion
verkaufte Damenkollektion ist breit gefä-
chert und reicht von Blusen und Kleidern
bis zu Handtaschen und Halstüchern. Mit
der Ware, deren Preise sich in der Bandbreite zwischen 7,99 Euro und 19,99 Euro
bewegen, will das Unternehmen nach eigenen Angaben Kundinnen aus allen Bevölkerungsschichten bedienen.
Aldi Süd und Aldi Nord zählen nach einer Auflistung des Fachblattes „Textilwirtschaft“ trotz ihres in der Regel begrenzten Angebots an Bekleidung zu den zehn
größten Textilhändlern Deutschlands.
Vor allem bei Kinderkleidung besetzen
die Discounter starke Positionen. Offenbar bieten sich hierzulande gerade im Segment der Billigtextilien noch Chancen in
einem insgesamt eher schwierigen Marktumfeld. So setzt die vor allem auf junge
Mode konzentrierte irische Billigkette Primark ebenso auf Expansion wie der zur
Mülheimer Tengelmann-Gruppe gehörende Textildiscounter Kik.
Dass sich eigentlich mehr auf preisgünstige, sich schnell drehende Mode konzentrierte Handelsketten für besondere
Aktionen mit den Namen prominenter
Designer schmücken, ist nicht neu. Die
schwedische Modekette H&M beispielsweise lockt seit vielen Jahren auch Nichtstammkundinnen mit Sonderkollektionen in die Läden, die mit international renommierten Modemachern – von Karl Lagerfeld über Stella McCartney bis hin zu
Balmain – entwickelt wurden. Auch Lidl
hat schon mit Designern kooperiert und
beispielsweise Schmuck von Harald
Glööckler entwerfen lassen. Schlagersängerin und Echo-Preis-Gewinnerin Helene
Fischer gibt ihren Namen für eine Modekollektion des Kaffeerösters Tchibo.
Neue Runde im iPhone-Streit
Washington drängt Apple zu Hilfe für Entschlüsselungen
NEW YORK, 10. April (Reuters). Im
Streit mit Apple über die Entschlüsselung
von iPhones lässt die amerikanische Regierung nicht locker. Obwohl den Behörden zuletzt gelungen war, das Smartphone eines Attentäters zu knacken,
pocht das Justizministerium in einem anderen Fall weiterhin auf Schützenhilfe
des Konzerns. Es bekräftigte in einem
Schreiben an ein Bundesgericht in New
York, Apple müsse seinen Beitrag leisten,
dass die Ermittler Zugriff auf die HandyDaten eines Drogendealers erhalten.
Der Konflikt hatte sich an der Aufklärung des Anschlags im kalifornischen San
Bernardino entzündet. Das Justizministerium wollte Apple per Gerichtsurteil
zwingen, eine neue Software zu schreiben, um den Passwort-Schutz auszuhebeln. Nach wochenlangem juristischem
Schlagabtausch nahmen die Strafverfolger aber die Klage zurück, da die Bundespolizei FBI das Smartphone ohne Hilfe
des Unternehmens entsperren konnte.
Die Ermittler wollen über das Gerät herausfinden, ob die Attentäter in Kontakt
zur Islamisten-Miliz IS standen. Bei dem
Anschlag wurden im Dezember 14 Menschen getötet.
Gerichtsdokumenten zufolge hat Apple den Strafermittlern in etwa 70 früheren Fällen Zugang zu Daten ermöglicht.
Ein weiterer Rechtsstreit dreht sich um
das iPhone eines Bandenmitglieds. Hier-
zu ordnete ein Gericht in Boston an, dass
der Konzern die Staatsanwaltschaft unterstützen müsse, wie gerade veröffentlichte
Dokumente zeigen.
Apple lehnt es ab, den Forderungen
der Behörden widerspruchslos Folge zu
leisten. Das Management will nicht dazu
beitragen, dass Hacker Sicherheitsvorkehrungen umgehen können, und sieht sich
darin von der Technologiebranche unterstützt. Es sei bereit, den Streit bis vor dem
Obersten Gericht auszutragen. Hintergrund ist ein Richterspruch, der Apples
Position stärkt. So befand Richter James
Orenstein laut dem Ende Februar bekanntgemachten Urteil, das Unternehmen könne nicht auf der Grundlage eines
Gesetzes aus dem 18. Jahrhundert zu einer Mitwirkung in solchen Prozessen gezwungen werden.
Die Frage ist, welche Erkenntnisse die
Strafermittler aus der Entschlüsselung
des iPhones von San Bernardino ziehen
können. Laut FBI funktioniert diese Methode nicht bei anderen iPhone-Modellen. Im New Yorker Fall geht es um eine
frühere Variante der Smartphones aus
dem Hause Apple, die einfacher zu knacken wäre. Die Entwicklung einer eigenen Software wäre nicht nötig. Das
schwächt die Position der Regierung.
Denn sie muss nun nachweisen, dass sie
nicht auch selbst an die gewünschten Informationen kommen kann.
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Der Weltverbesserer
Der Name Musk ist
bekannt von Tesla,
Hyperloop und Co.
Doch der zweite der
erfolgreichen Brüder
steckt sein Geld in
etwas ganz anderes.
Von Anna Steiner
tändig blinkt das LED-Lämpchen
des Smartphones und kündigt
eine neue Nachricht an. An fast allen Ereignissen auf der ganzen
Welt kann man über irgendeinen Kanal
mindestens passiv teilnehmen. Das, was
als Erstes unter dieser schnellen Taktung
leidet, ist der Mensch. Zwar sind alle gut
vernetzt – über Instagram, Twitter und
Co. Doch in der Realität haben viele Menschen weniger Zeit für echte Kontakte.
Sie schlafen schlecht und ernähren sich
falsch. Einer, der diese Entwicklung umkehren will, ist Kimbal Musk.
Geboren 1972, wuchs Kimbal Musk in
Pretoria in Südafrika auf. Seine Mutter
ist eine dort bekannte Ernährungsspezialistin, sein Vater ein Ingenieur. Nach der
Highschool wanderten beide Söhne
nach Kanada aus. Kimbal begann ein
Studium der Wirtschaft. Elon Musk,
Kimbals älterer Bruder, gilt heute als einer der innovativsten Manager Amerikas und macht als Tesla-Gründer und
Vorstandsvorsitzender von Space X regelmäßig Schlagzeilen mit innovativen
Ideen, die die Welt zu einem besseren
Ort machen sollen. Auch Kimbal sitzt
im Vorstand von Tesla und dem privaten
Weltraumunternehmen Space X. Wie
Elon setzte er in den Neunzigern auf Internet und Digitalisierung.
Das erste Musk-Start-up gründeten die
beiden Brüder 1995 gemeinsam: Aus einem Roadtrip, dem Startkapital von
38 000 Dollar, das ihnen ihr Vater zur
Verfügung gestellt hatte, und einem gebrauchten BMW entstand Zip2, ein Online-Stadtführer, der ein Verzeichnis von
Unternehmen aufbauen und in Karten
einbauen sollte. Die Idee war damals revolutionär. 1999 verkauften die MuskBrüder ihr Unternehmen für über 300
Millionen Dollar an Compaq. Es war bis
dahin der höchste für ein Internetunternehmen gezahlte Preis. Über die Beteiligung blieb beiden Brüdern ein zweistelliger Millionenbetrag, den sie in neue Projekte investierten. Elon in Paypal und Tesla, Kimbal zudem in seine Ausbildung als
Küchenchef.
In den Neunzigern war Kimbal Musk
von der Zugkraft des Internets überzeugt. Es war die Chance für die junge
Unternehmergeneration, Geld zu verdienen und es zu etwas zu bringen. Heute ist
die Sache für Kimbal klar: Die größte
Chance der jungen Generation liegt in
S
Kimbal Musk
der gesunden, bewussten Ernährung und
in gutem Essen.
2004 eröffnete Kimbal gemeinsam mit
zwei Freunden das Restaurant „The Kitchen“ in Boulder, Colorado. „Wir haben
den Namen ausgewählt, weil die Menschen hier zusammenkommen sollen“,
sagt Kimbal Musk. „Wie in einer Familie,
wo man sich zum Essen um einen Tisch
in der Küche versammelt.“ Das hochpreisige Feinschmeckerrestaurant zeichnet
sich durch eine Besonderheit aus, die
Musk so wichtig ist: Die Küchenchefs arbeiten eng mit den Produzenten vor Ort
zusammen, und richten ihre Speisenauswahl nach dem Produktangebot der Region und der Saison.
„Echtes Essen“ (real food), so nennt
Musk das Konzept. Im Gegensatz zur Effizienz und Kostensenkung, Zielen der industriellen Nahrungsmittelproduktion,
steht hier die Erfahrung des Genusses im
Fokus. Effizienz ist ein Wort, das Musk
ohnehin nicht leiden kann. „Heutzutage
wird alles in Plastik verpackt angeliefert,
ist vorgeschnitten und schockgefrostet.“
Oft wird es um den halben Globus geflogen, um dann verkocht zu werden. Die industrielle Produktion mache hungrig und
Foto Andreas Müller
fett, so der Südafrikaner. Sie sei darauf
ausgelegt, dass die Menschen schnell wieder Hunger haben und noch mehr kaufen. „Denn so verdienen die Lebensmittel-Konzerne ihr Geld.“ Das führe jedoch
nur dazu, dass je nach Studie zwischen
15 und 30 Prozent der Weltbevölkerung
übergewichtig seien. Bereits unter den
Kindergartenkindern in den Vereinigten
Staaten seien zwanzig Prozent durch
Fehlernährung zu dick.
Kimbal Musk selbst musste erst eine
schmerzhafte Erfahrung machen, bevor
er sich entschied, „zu den Wurzeln“ zurückzukehren. 2010 brach er sich bei einem schweren Unfall das Genick und verbrachte mehrere Monate im Krankenhaus. Statt immer neuen Ideen nachzujagen oder schlicht weitere Gourmet-Restaurants zu eröffnen, gründete er gemeinsam mit seinem Partner Matheson
die „Kitchen Community“. Die Non-Profit-Organisation speist sich aus Abgaben
der Kitchen-Restaurants, die mittlerweile in mehreren Städten von Denver bis
Chicago zu finden sind. Das Ziel: Gemeinschaft durch Essen. „Viele Kinder
haben zwar mal eine Tomate gesehen –
vielleicht in einem Comic –, aber bei ei-
ner Kartoffel wird es oft schon schwierig“, sagt Kimbal Musk. „Wenn die Kids
dann selbst Beete bepflanzen und unter
ein bisschen Grün über der Erde bei der
Ernte plötzlich eine Karotte zum Vorschein kommt, ist das fast wie Zauberei.“
An Dutzenden Schulen wurden Lerngärten angelegt und Familien dazu angehalten, wieder zu Hause zu kochen. Über
120 000 Schüler haben jeden Tag Zugang
zu den Gärten und lernen Grundlegendes über Ernährung, Kochen und Landwirtschaft. „Das klingt zwar nach viel,
aber eigentlich ist es nur ein Tropfen im
Ozean“, so Musk.
Auch Kimbal Musk weiß, dass er die
Technologisierung nicht aufhalten kann,
und das ist auch nicht sein Ziel – im Gegenteil. Er glaubt daran, dass es gerade
in der Lebensmittelbranche ein enormes
Potential für Entwicklungen gibt. „Die
neueste Erfindung in der Küche ist aus
den Siebzigern – die Mikrowelle“, so
Musk. „Vor lauter industriellem Essen haben wir die Küche ganz vergessen.“ Das
sei schon längst nicht mehr zeitgemäß.
Anstatt ständig zu vermarkten, wie wenig Zeit die Menschen haben und wie
sehr sie daher von Fastfood und Fertigge-
richten abhängig seien, sollte mehr Energie in neue Erfindungen investiert werden, die Zeit sparten und dennoch nicht
ungesund seien. „Es wird viele spannende Entdeckungen in der Küche geben,
wenn die Menschen nur wieder dorthin
zurückkehren.“
Doch nicht nur die Gesundheit ist dem
Kitchen-Gründer wichtig: Eine gute Ernährung wirke zudem produktivitätssteigernd. Nicht zuletzt weil Musk dort im
Vorstand sitzt, setzt der Elektroauto-Hersteller Tesla daher in seiner Kantine seit
langem auf das Konzept von „echtem Essen“ und Gemeinschaft durch Essen. Anstatt sich in einer Reihe anzustellen, wie
es rund um die Welt heute in vielen Kantinen üblich ist, wird das Essen dort direkt an großen und langen Tischen ausgegeben und so die Kontakte der Mitarbeiter gestärkt.
„Es wird eine Welle kommen, seid
euch da sicher“, so Musk. „Denn die
heutige junge Generation ist postmateriell. Sie legt keinen Wert mehr auf
Geld und Besitz, sondern sucht nach einer echten Erfahrung.“ Und die kann sie
– laut Musk – im Essen finden.
ANNA STEINER
Zwischen künstlerischer Freiheit und Zensur
Die Schwestern Selma Wels und Inci Bürhaniye gründeten in Berlin den Kleinverlag Binooki und haben Großes im Blick
egen eines Theaterprojektes reiste
W
Selma Wels im November 2010 zur
Istanbuler Buchmesse. Ihre Schwester
Inci Bürhaniye begleitete sie vor allem
aus Liebe zur Literatur. Als die in Pforzheim geborenen Schwestern, deren Eltern Mitte der sechziger Jahre aus der
Türkei nach Deutschland kamen, vor Ort
feststellten, wie digitalisiert und modern
der türkische Buchmarkt vertreten war,
beschlossen sie, endlich eine Plattform
für türkische Literatur in Deutschland zu
schaffen. Sie entschieden sich, den Binooki Verlag zu gründen, um türkische Literatur in deutscher Übersetzung verlegen
zu können. Der Name kommt vom türkischen Wort „Binokel“, der altmodischen
Lesehilfe, auch als Zwicker bekannt.
Die Gründer
Der 2011 gegründete Binooki Verlag
sitzt heute in der Motzstraße im Berliner
Bezirk Schöneberg. Neben den Schwestern Wels und Bürhaniye hilft eine Studentin im Verlag aus. Die Juristin und
Mitbegründerin Inci Bürhaniye steht
dem Verlag heute hauptsächlich beratend zur Seite. Übrig bleiben also eineinhalb Mitarbeiter, die sich um das Marketing, den Druck, die Übersetzungen und
um die Suche nach geeignetem Stoff kümmern: „Eine normale 40-Stunden-Woche
ist das nicht“, gibt die Verlegerin Selma
Wels zu. Auf die Frage, ob es ihr schwerfiel, vom Angestelltenverhältnis in die
Selbständigkeit zu wechseln, antwortet
sie trotzdem, ohne zu zögern, mit einem
klaren Nein. Den hohen Arbeitsaufwand
nimmt sie in Kauf. Dank des Internets,
meint sie, sei das heute überhaupt erst
machbar.
Die studierte Betriebswirtin Wels und
ihre Schwester Bürhaniye schrieben
2010 einen Business-Plan, den sie dem
Berliner Gründer-Center vorlegten, um
einen Kredit zu beantragen. Vor allem
Kleinverlage wie Binooki müssen ein
starkes Profil vorweisen, um zwischen alteingesessenen Verlagen und dem Online-Versandhandel aufzufallen. Zeitgleich stellten die Schwestern ihr erstes
Lesestunde mit Selma Wels und Inci Bürhaniye in den Räumen des Binooki Verlags in Berlin
Verlagsprogramm auf. Als das GründerCenter das Startkapital genehmigt hatte,
begannen sie, Lizenzen von türkischen
Autoren und Verlegern einzuholen und
Übersetzer zu finden. All das funktionierte besser, als die beiden es erwartet hatten. In der Türkei hatte man sich schon
gewundert, warum das Interesse aus
Deutschland bis dahin so gering war.
„Es geht darum, Mauern in den Köpfen der Menschen abzubauen“, sagt Selma Wels sechs Jahre später. Den Vorurteilen gegenüber türkischer Literatur entgegenzutreten, empfindet sie seit der Ver-
lagsgründung als die größte Herausforderung. Deshalb hat sich das Verlagsmotto
„Achtung Klischeefreie Zone“ auch seit
ihrer ersten Buchmesse 2012 nicht mehr
verändert. In Deutschland wird häufig davon ausgegangen, dass es in türkischer Literatur ausschließlich um Themen wie
das Kopftuch oder den Islam gehe, erzählt Selma. Viele können sich kaum vorstellen, dass türkische Literatur genau
wie deutsche Literatur Geschichten erzählt, die über die Landesgrenzen hinweg funktionieren. Vor allem gab es bis
zur Gründung des Binooki Verlages die
Foto Julia Zimmermann
meisten Werke türkischer Autoren überhaupt nicht in deutscher Übersetzung zu
kaufen.
Eine Marketing-Abteilung hat der kleine Verlag auch heute noch nicht. Um
trotzdem medienwirksam aufzutreten,
bewarb Wels den Binooki-Verlag seit seiner Gründung in den sozialen Netzwerken. Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse bekamen sie den Virenschleuderpreis 2012 für ihre innovativen Marketing-Maßnahmen im Social Web verliehen. Aber nicht nur virtuell ging Binooki
kreativ vor: Für das Verlagsprogramm
warben sie auch vor den Türen des Berliner Buchkaufhauses Dussmann, bis man
dort auf den Verlag aufmerksam wurde
und ihn in das Sortiment aufnahm.
Selma Wels geht es um „die inneren
Werte der Bücher“. Um gehaltvolle Literatur aus der Türkei, die auch jenseits der
türkischen Grenze etwas zu sagen hat.
Deshalb freut sie sich besonders, dass Binooki mit Ehrungen – wie 2013 mit dem
Kurt-Wolff-Förderpreis – ausgezeichnet
wurde. „Das ist sehr wichtig, um sowohl
bei den Buchhändlern als auch bei den
Kunden auf sich aufmerksam zu machen.“
Fünf Jahre nach der Gründung hat der
Binooki Verlag heute 27 Titel im Programm. In der Regel gehen sie mit einer
Startauflage von maximal 2000 Büchern
in den Druck. Autoren, die bei Binooki
bereits eine Stammleserschaft haben,
werden teilweise auch 3000 Mal gedruckt. Das Programm des Verlages bewegt sich zwischen türkischen Klassikern wie Oguz Atay und zeitgenössischen Autoren. Die Leser seien fast ausschließlich Deutsche, entnimmt Selma
Wels der Kundenkartei der Online-Bestellungen. Und Stammkunden. Wer einmal bestellt hat, mache das in der Regel
immer wieder.
Der Beruf des Verlegers ist seit jeher
auch ein politischer Beruf – zwischen
künstlerischer Freiheit und Zensur. Das
bekommt auch Binooki zu spüren, seit
der Verlag im Mai 2014 die „Gezi-Anthologie“ veröffentlichte. In dem Buch nehmen junge Autoren Stellung zu den Protesten, die 2013 in Istanbul stattfanden.
Seit Erscheinen des Buches bekommt der
Verlag keine Übersetzungsförderung
mehr aus der Türkei. Die Anträge auf Förderung werden so lange verzögert, bis sie
als „nicht mehr förderfähig“ eingestuft
werden. Vor allem kleine Verlage, die
wie Binooki ohne Rücklagen publizieren,
profitieren jedoch enorm von solchen
Förderungen. Aber der kleine Berliner
Verlag hat sich inzwischen freigeschwommen. „Es gehe auch so, aber schwieriNADJA AL-KHALAF
ger“, sagt Wels.
itz. WIEN, 10. April. Die Gläubiger der
österreichischen Krisenbank Hypo Alpe
Adria müssen sich auf kräftige Verluste
einstellen. Nach dem Scheitern einer Einigung zwischen den Geldgebern und dem
Bundesland Kärnten als Garantiegeber
für die Anleihen hat die österreichische
Finanzmarktaufsichtsbehörde FMA am
Sonntag einen Schuldenschnitt verordnet. In ihrer Eigenschaft als Abwicklungsbehörde für das jetzt Heta genannte Institut bestimmte die FMA, dass Käufer nachrangiger Schuldverschreibungen vollständig auf deren Rückzahlung verzichten
müssen. Für vorrangige Verbindlichkeiten beträgt der Schuldenschnitt knapp 54
Prozent. Zuvor hatte Kärnten die Rückzahlung von 30 beziehungsweise 75 Prozent angeboten, das aber hatten die Gläubiger abgelehnt. Auch bestätigte die Behörde einen früheren Beschluss, wonach
die Heta seit dem 1. März 2015 keine Zinsen mehr bezahlen muss. Seit diesem Tag
unterliegt die „Bad Bank“ einem neuen
Gesetz zur nationalen Umsetzung einer
EU-Richtlinie. Diese sieht für den Umgang mit existenzbedrohten Geldhäusern
eine höhere Gläubigerbeteiligung vor, damit nicht mehr die Steuerzahler dafür aufkommen müssen. Die FMA legte darüber
hinaus fest, dass die Fälligkeiten der Verbindlichkeiten einheitlich auf den 31. Dezember 2023 gelegt werden. Gemäß dem
bisher gültigen Plan sollten eigentlich alle
verbliebenen Vermögensgegenstände der
Heta bis 2020 verwertet und das Haus
dann endgültig abgewickelt werden. Die
FMA teilte am Sonntag mit: „Die Rückführung all ihrer Forderungen sowie der
rechtskräftige Abschluss aller offenen
Rechtsstreitigkeiten sind aber realistischerweise erst bis Ende 2023 zu erwarten. Erst dann kann das Vermögen letztgültig aufgeteilt und die Gesellschaft liquidiert werden.“ Gegen die Heta sind mehrere Klagen anhängig, vor allem aus
Deutschland, wo die wichtigsten Gläubiger für die Verbindlichkeiten von fast 11
Milliarden Euro sitzen.
Vodafone schafft fast alle
Roaming-Gebühren ab
DÜSSELDORF, 10. April (dpa). Der Telefonkonzern Vodafone Deutschland will
für viele seiner Kunden die Extragebühren für die Handynutzung im EU-Ausland abschaffen. „Noch in diesem Monat
heißt es Goodbye Roaming: Dann schaffen wir für Neukunden und Vertragsverlängerer in den meisten Tarifen die Roaming-Zuschläge in der EU ab“, sagte der
Vorsitzende der Vodafone-Geschäftsführung, Hannes Ametsreiter, der in Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“.
Zudem werde Vodafone sein schnelles
LTE-Netz für alle Privatkunden öffnen.
LTE-Netze können binnen Sekundenschnelle mehr Daten auf einmal übertragen als alle bisherigen KommunikationsANZEIGE
MORGEN IN
TECHNIK UND MOTOR
Hissen lassen
Assistenzsysteme auf der Segelyacht
Nüsse raspeln
Muskatmühlen schonen die Finger
Watt wandern
Wie weit kommt der elektrische Nissan?
Deutsche Augen
Im Huawei P9 steckt Kameratechnik
von Leica
Kostenloses Probeabo
0180 2 52 52*, www.faz.net/probeabo
* 6 Cent pro Anruf aus dem deutschen Festnetz,
Mobilfunkhöchstpreis 42 Cent pro Minute.
netze. Kunden mit neuen wie bestehenden Verträgen sowie Prepaidkunden
könnten dann mit maximaler LTE-Geschwindigkeit surfen, sagte Ametsreiter.
Der Wegfall der Roaming-Gebühren für
die Tarifkunden komme zum 14. April, ergänzte ein Vodafone-Sprecher. Bei Prepaid-Karten sei dieser Schritt für Ende
April vorgesehen. Die Öffnung des LTENetzes komme ebenfalls am 14. April.
Die Roaming-Gebühren in der EU fallen
nach einem Beschluss des Europaparlaments am 15. Juni 2017 weg. In einem
Zwischenschritt sinken die Kosten für das
mobile Telefonieren, den SMS-Versand
und das Internetsurfen im EU-Ausland bereits zum 30. April dieses Jahres. Dann
sind Aufschläge von 5 Cent je Minute für
abgehende Anrufe, 2 Cent je SMS und 5
Cent je Megabyte digitaler Daten jeweils
plus Mehrwertsteuer erlaubt. So will Vodafone den deutschen Markt fit für die
„Datengesellschaft“ machen, in der alles
und jeder miteinander verbunden sind
und riesige Mengen digitaler Daten zu
kleinen Preisen ausgetauscht werden.
Unternehmen
FRANKFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TU NG
M O N TAG , 1 1 . AP R I L 2 0 1 6 · NR . 8 4 · S E I T E 25
Das Unternehmergespräch: Klaus Steger, Vorstandsvorsitzender des Textilkonzerns Erwo
„Wir mussten aus der Ecke des Garnherstellers heraus“
Textilien made in
Germany – das kann
funktionieren. Wenn
man sich wie Erwo
mehrfach neu erfindet.
SCHWAIG, 10. April
ein Onkel Erhard, erinnert sich
Klaus Steger, ist in den achtziger
Jahren ins Rheinland aufgebrochen und hat zwei Wochen Kunden besucht. Damals hat man sich noch
viel Zeit genommen. Steger erledigt das
heute, wenn überhaupt, an einem Tag.
Nicht, weil die Verkehrsmittel schneller
geworden sind – es gibt einfach nicht
mehr so viele Abnehmer hierzulande, dreißig Jahre und zahlreiche Existenzkrisen
mit dem Auszug der Textilindustrie aus
Deutschland später. Steger kennt die Welten von Weberei, Spinnerei, Wirkerei oder
Textilveredelung vor und nach der Krise.
Zwischen ihnen lag der Untergang einer
traditionsreichen deutschen Branche, in
der zwischen 1955 und 1980 rund 400 000
Arbeitsplätze verlorengingen, dann noch
einmal 450 000 Stellen seit 1980. Nur 5
Prozent der heute in Deutschland verkauften Textilien sind made in Germany. In
diesem Niedergang hat sich die Erwo Holding AG gehalten und ist eines der größten verbliebenen deutschen Textilunternehmen. Warum das so ist? „Wir mussten
uns immer wieder neu erfinden.“
Er ist Vorstandsvorsitzender eines Unternehmensgeflechts, in dem sich eine
Fülle von Marken wiederfinden, die Garne und Textilien für verschiedenste Einsatzbereiche herstellen. Steger ist in Personalunion Geschäftsführer der Südwolle-Gruppe als größter Hersteller von
Kammgarnen; der mit Abstand bedeutendste Teil der Holding. Als Vorstandschef leitet er die börsennotierte Hoftex,
bei der Erwo mit 85 Prozent das Sagen
hat. Hinter Hoftex verbirgt sich die in den
neunziger Jahren in Insolvenz gegangene,
traditionsreiche Textilgruppe Hof. Sie hat
sich als Anbieter von Industrietextilien
der Marke Tenowo zur Perle entwickelt.
Onkel Erhard und Vater Wolfgang hatten die erste große und vermutlich lebenserhaltende „Erfindung“ schon zu Zeiten,
als sie die Geschicke der 1966 gegründeten Südwolle als Vorläufer der Erwo bestimmten. Mit der „Just-in-time-Weberei“, wie Steger es nennt, konnten sie Bekleidungshersteller auf Abruf mit Garnen
beliefern. Waren es damals drei unterschiedliche Weberei-Produkte, sind es
heute 1000. Noch immer liegen die meisten auf Lager und sind sofort verfügbar.
Allerdings produziert Südwolle heute in
China, Polen, Rumänien oder Bulgarien.
Technische Textilien und industrielle
Vliesstoffe kommen indes aus Hof.
Es war Glück im Spiel, dass die Textilgruppe nicht nur die Krisen überlebt hat,
sondern auch floriert. „Wir haben Schlüsselentscheidungen getroffen, die sich im
Nachhinein als richtungsweisend für unsere Zukunft erwiesen haben“, sagt Steger,
S
muss aber zugeben: „Auch wenn die Motive und Argumente für sie anfangs ganz andere waren.“ Das fing mit durchaus Banalem an. „Die örtliche Trennung von Verwaltung und Produktion von Beginn an
war entscheidend für die Entwicklung unserer heutigen Unternehmensstruktur.“
Verwaltet wird die Gruppe von Schwaig
bei Nürnberg aus, weit entfernt von der
nächsten Produktionsstätte in Hof. Diese
Distanz machte eine Holdingstruktur für
Steger erst möglich, in der viele, zum Teil
akquirierte Marken für unterschiedliche
Märkte ausgerichtet werden. „Das gab
uns die nötigen Freiheiten und die Flexibilität in wichtigen Standortentscheidungen.“ Zum Beispiel, wenn es um tiefe Einschnitte, etwa die Verlagerung von Produktion ins Ausland, ging, ohne die es
Erwo in dieser profitablen Form nicht
gäbe.
„Als die große Krise in Deutschland losbrach, konnten wir schneller und unkomplizierter Entscheidungen treffen.“ Davon gab es viele. „Wir hatten mehr als
zehn Jahre lang immer mindestens einen
Betrieb auf dem Lkw oder Schiff“, beschreibt der Erwo-Chef den Wandel.
Schnell waren von einer Verlagerung 500,
600 Mitarbeiter betroffen. Für Steger war
es die Antwort auf die Krise.
Damit einher ging eine andere zufallsbedingte Erfolgsentscheidung. „Wir haben Märkte erschlossen, ohne dass wir das
eigentlich beabsichtigt hatten“, erinnert
sich Steger. „Statt Indien haben wir China
ausgewählt. Wir haben auch durch die Investition in eine eigene Färberei dort begonnen, Garne für den Strickmarkt herzustellen.“ Über die Produktion hinaus habe
sich dann ein großer, eigenständiger
Markt aufgebaut. „Wir waren schon längst
da, bevor unsere Abnehmer dorthin gezogen sind.“ Heute hat Südwolle einen Betrieb in Deutschland, aber sechs in China.
So ist über 50 Jahre aus dem Ein-Produkt-Unternehmen ein breit aufgestellter
Textilkonzern geworden, zu dem neben
Südwolle und Hoftex auch Van Delden,
Designer Textiles, Biella Yarn, Richter,
Stöhr oder Safil gehören. Flachstrick-Produkte für elegante Kleidung, die nicht nur
für Strümpfe verwendet werden; Rundstrick-Textilien nicht nur für Pullover oder
T-Shirts, sondern auch für Funktionswäsche für Sport und Outdoor. Eigenschaften von Wolle wie Wärme- oder Kälte-Isolation wird mit Windschutz über die Beimischung synthetischer Elemente verbunden. Wolle ist so einfacher zu waschen
und gar für Trockner geeignet.
Erst im vergangenen Herbst kaufte
Erwo die italienischen Unternehmen Safil
und Gruppo Tessile Industriale (GTI). Damit ist der Einstieg in das Luxussegment
gelungen. Nun gehören Kaschmir, Seide
und gar die Rarität Vikunya zum Programm. Die Luxusmarke Hermès etwa hat
mit den Italienern Stoffe entwickelt. „Wir
mussten aus der Ecke herauskommen, einfach nur Hersteller von Garnen zu sein.
Durch die Akquisitionen sind wir auch moFIRMENINDEX
Seite
Das Unternehmen
Der Unternehmer
Die Erwo Holding AG mit Sitz in Schwaig bei Nürnberg und ihren tragenden
Säulen Südwolle und Hoftex ist eine klar strukturierte Gruppe mit vielen
Marken und Beteiligungen. Insgesamt 650 Millionen Euro Umsatz erzielt die
Textilgruppe pro Jahr. Südwolle, im Jahr 1966 gegründet, ist dabei das Herzstück
und auf Bekleidung konzentriert, sie erzielt rund 450 Millionen Euro Umsatz.
Auf Hoftex mit ihren technischen Textilien entfallen nach einem schmerzhaften
Umbau etwa 180 Millionen Euro, der Rest wird mit Immobilien bestritten. Die
meisten der insgesamt 4500 Mitarbeiter sind in den ausländischen Werken
beschäftigt, davon allein 1500 in China.
Für Klaus Steger, 57 Jahre alt, ist die Familie die Klammer. Fünf Mitglieder,
außer ihm noch zwei Brüder und zwei Cousins, sind die Eigentümer von Erwo.
Operativ hat er das Sagen, einer der Brüder ist Aufsichtsratsvorsitzender.
Der Wirtschaftsingenieur Steger wurde im Jahr 1989 Geschäftsführer von
Südwolle, später Vorstandschef von Erwo und der 1997 erworbenen Textilgruppe
Hof (später Hoftex). Für ihn kam trotzdem alles viel zu schnell, wie er sagt.
Gerne hätte er „draußen“, also außerhalb des Familienunternehmens, noch
mehr Erfahrungen gesammelt. Weil sein Vater krank wurde, übernahm er die
Führung dann aber früher als geplant.
discher und kreativer geworden.“ Das Kontrastprogramm liefert Hoftex. Die Gruppe
hat vor zwei Jahren ihren tiefgreifenden
Umbau abgeschlossen und sich auf technische Textilien konzentriert. Vergessen ist
die Zeit, in der eine Spinnerei in Hof klassische Textilien herstellte. Mit deren
Schließung gingen 250 Arbeitsplatz verlo-
Apple ..............................................................23
Binooki Verlag ..........................................24
Edeka ...............................................................23
H&M .................................................................23
Aldi Süd ........................................................23
Die F.A.Z.-Wetterinformationen
Foto Tobias Schmitt
Kik ......................................................................23
Lidl ....................................................................23
Mediaset .......................................................23
Medusa ...........................................................23
Rewe .................................................................23
SAP ...................................................................22
Senator Entertainment ....................22
Sky ....................................................................23
NORDAMERIKA
Messwerte und Prognosen
Heute
So.
10.4.
Mo.
Di.
Mi.
11.4. 12.4. 13.4.
10° w
7° b
10° b
12° b
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8° Sr
12° b
6° R
12° h
12° w
11° w
3° h
8° b
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10° h
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12° w
9° w
12° b
-4° h
18° h
7° h
14° h
14° h
5° w
14° w
11° h
14° w
19° h
13° w
18° h
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16° h
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18° h
11° h
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0° h
15° h
7° w
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15° Rs
7° N
16° w
11° R
15° Rs
17° Rs
16° h
16° Rs
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17° h
15° w
10° w
7° Rs
14° R
15° Rs
9° R
13° Rs
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17° Rs
17° h
15° h
11° b
16° Rs
20° h
16° Rs
11° R
16° Rs
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15° Rs
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17° h
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10° w
16° Rs
-3° N
14°
8°
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14°
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15°
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9°
15°
13°
15°
12°
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15°
16°
11°
16°
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14°
17°
10°
14°
14°
10°
15°
-3°
Rs
w
h
Rs
Rs
h
w
h
h
h
h
R
R
R
Rs
h
Rs
w
w
h
h
Rs
Rs
R
w
h
R
w
h
w
R
h
h
h
h
h
h
w
R
R
w
w
h
s = sonnig, h = heiter, w = wolkig, b= bedeckt,
G = Gewitter, N = Nebel, R = Regen, Rs = Regenschauer,
Sr = Sprühregen, S = Schnee , SR = Schneeregen, Ss =
Schneeschauer, -- = keine Meldung. Alle Tabellen zeigen
als Prognose die Tages-Höchsttemperatur, als gestrigen
Wert die Messung mittags Ortszeit.
torhaube oder im Radkasten eines Autos
sollen Lärm dämmen, Schmutz und Öl abweisen und vor Brand schützen. Stoffbahnen unter Hausdächern isolieren. Textilien werden für Luft- und Wasserfiltration
eingesetzt. Vliese halten hohe Traglasten
aus. Hochentwickelte technische Textilien
aus Deutschland sind eine Antwort auf
SpaceX ..................................................22, 24
Tesla ..................................................................24
Vivendi ...........................................................23
Vodafone .....................................................24
die Billigkonkurrenz aus Asien und Nordafrika. Doch es gibt neue Herausforderungen. „Die Zukunft der Textil- und Bekleidungsindustrie liegt in der Lieferkette.“ Es
dürfe nicht allein um den Preis gehen.
„Wir müssen Zusatznutzen anbieten, der
aber bezahlbar bleibt.“ Dazu gehöre, dass
Lieferanten und Kunden enger zusammenarbeiteten. „Sie müssen offener miteinander umgehen und auf Augenhöhe reden“,
sagt Steger. Denn: „Die Zeiten des FrissVogel-oder-stirb mit einer bedingungslosen Abhängigkeit sind vorbei.“
RÜDIGER KÖHN
im Internet: www.faz.net/wetter
DEUTSCHLAND
Aachen
Arkona
Berlin
Bremen
Brocken
Cottbus
Cuxhaven
Dresden
Düsseldorf
Erfurt
Essen
Feldberg
Feldberg/Ts.
Frankfurt
Freiburg
Garmisch
Greifswald
Großer Arber
Hamburg
Hannover
Helgoland
Hof
Kahler Asten
Karlsruhe
Kassel
Köln
Konstanz
Leipzig
Lübeck
Magdeburg
Mannheim
München
Norderney
Nürnberg
Oberstdorf
Osnabrück
Passau
Rostock
Saarbrücken
Stuttgart
Sylt
Trier
Zugspitze
ren. Nukleus ist Tenowo geworden – verbunden mit großen Perspektiven. In drei
Jahren sollen 65 Millionen Euro investiert
werden, überwiegend in Forschung und
Entwicklung; bei einem Umsatz von 110
Millionen Euro ein stolzes Budget.
Es geht um einen anspruchsvollen
Wachstumsmarkt. Textilien unter der Mo-
Vorhersagekarten für heute,
11.4.2016 (Tagesmaximum)
Tiefdruckgebiete lenken wärmere
Luft nach Deutschland und sorgen
allmählich für wechselhaftes Wetter.
12
Hamburg
14
5
Bremen
14
Hannover
18
Essen
18
Köln
Bremen, Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern: Vor allem
im Westen zeigt sich heute die Sonne
öfter. Nach Osten zu sind die Wolken
zeitweise dichter, es bleibt aber trocken. Die Temperaturen erreichen 9
Grad an der Ostsee und im Harz, sonst
12 bis 14 Grad. Dazu weht mäßiger,
teils auffrischender Ostwind.
Baden-Württemberg und Bayern:
Stellenweise beginnt der Tag mit
etwas Nebel, vor allem Richtung
Donau und Bodensee. Dann scheint
häufig die Sonne und meist ziehen
nur lockere Wolken durch. Die Temperaturen liegen bei 11 bis 19 Grad.
Gegen Abend sind im Schwarzwald
einzelne Schauer oder auch Gewitter
möglich. In Ostbayern weht böiger
Ostwind, sonst weht er nur schwach.
Sonne & Mond
06:36/20:15Uhr
09:38/01:13Uhr
Auf- und Untergang in Mitteleuropäischer
Sommerzeit (MESZ) für Frankfurt/Main.
14
13
Leipzig
2
14
Dresden
2
10
15
New York
12
Denver Chicago 1015
Washington
1015
1020
21
28
Houston
Mexiko-St.
1015
20
Miami
H 1025
Dublin
1005 9
17
München
T
1000
995
1010
5 bis 9
10 bis 14 15 bis 19 20 bis 24 25 bis 29 von 30° an
heiter
wolkig
bedeckt
Nebel
Regen
Schauer Gewitter Schnee
Hochdruckzentrum
Tiefdruckzentrum
Warmluftzufuhr
Kaltluftzufuhr
Kaltluftzufuhr in der Höhe, Erwärmung am Boden
9
St. Petersburg
Moskau
1025
Schnee- Schneeschauer regen
Kaltfront
Warmfront
Okklusion
11
1015
London 12
14
13
14
Frankfurt Berlin Warschau
T 17
Wien
1010
16 1005
17
15 16
Paris
München Budapest
Bordeaux
1010
20
Mailand
16
sonnig
1010
1020
Hamburg
15
0 bis 4
H
12
Stockholm
3
2
Manila
Saigon 34
34 Kuala Lumpur
33 Singapur
12
Quelle: wetter.com GmbH
-5 bis -1
27
1010
27
14
EUROPA
16
Nürnberg
www.wetter.com
-9 bis -6
37
Bangkok
26
Tokio
21
25
Havanna
29
18
H
1020
20
1015
Xian Schanghai
Hongkong Taipeh
10
2
bis -10°
23
1005
T9 Toronto
1005
1010
Seoul
12
Oslo Helsinki
18
Saarbrücken 19
18
Stuttgart
18
Freiburg
H
11
17
Frankfurt
2
14
Berlin
Städtewetter im Ausland
Peking
1025
1020
Los Angeles
14
Magdeburg
ASIEN
1010
Vancouver
9
Rostock
Kiel
4
Berlin, Brandenburg, SachsenAnhalt, Thüringen, Sachsen: Es
wechseln sich heute den ganzen Tag
teils lockere, teils dichte Wolken und
Sonnenschein ab. Bei Temperaturen
um 14 Grad bleibt es trocken. Es weht
schwacher bis mäßiger Wind aus
östlichen Richtungen.
Nordrhein-Westfalen, Hessen,
Rheinland-Pfalz, Saarland:
Zunächst scheint verbreitet die
Sonne und nur lockere Wolken ziehen
vorbei. Am Nachmittag und gegen
Abend wird es wolkiger, meist bleibt
es aber trocken. Dabei weht schwacher bis mäßiger Südost- bis Ostwind.
Die Höchstwerte liegen zwischen
frühlingshaften 14 und 19 Grad.
4
10
T
13
19
23 Dubrovnik
Nizza
Lissabon Madrid 19
Barcelona
Rom
13 13
1015
Malaga
Palermo
20
18
Algier Tunis
16
23
27
Las Palmas
Kiew
18
1005
T
15
Varna 17
Istanbul
20
Athen
Aussichten
Biowetter und Pollenflug
Reisewetter in Europa - Vorhersage für die nächsten Tage
Am Dienstag ist es leicht unbeständig mit Sonne, Wolken und gelegentlich einzelnen Schauern. Auch
gewittrige Schauer sind möglich.
Dabei liegen die Temperaturen zwischen 9 und 20 Grad. An den Küsten
weht teils frischer Wind aus Ost, sonst
meist schwacher Wind aus westlichen
Richtungen. Am Mittwoch bleibt es
weiterhin durchwachsen. Von Südwesten her breiten sich dichte Wolken
aus und immer wieder fällt Regen,
dazwischen zeigt sich die Sonne.
Heute überwiegen in weiten Teilen
Deutschlands positive Wetterreize.
Viele Menschen fühlen sich fit und
vital. Kopfschmerzen und Migräne
halten sich in Grenzen. Nur Allergiker
klagen über teils hohe Pollenkonzentrationen. Gebietsweise tritt starker
Flug von Birkenpollen auf, vor allem
an Rhein, Neckar und Mosel. Der Flug
von Pappel-, Weiden-, Ulmen- und
Buchenpollen ist meist schwach bis
mäßig. In den nächsten Tagen nimmt
der Tiefdruckeinfluss wieder zu.
Österreich, Schweiz: Heute oft sonnig,
gegen Abend in der Westschweiz einzelne
gewittrige Schauer. Dann wechselhaft mit
Sonne, Wolken und Schauern. 3 bis 21 Grad.
Frankreich, Benelux: Wechselhaft mit
Wolken, Sonne und zeitweise Regen. Teils
gewittrige Schauer bei 9 bis 22 Grad.
Griechenland, Türkei, Zypern: Sonne,
Wolken und gelegentlich einzelne Schauer
oder Gewitter. 16 bis 28 Grad.
Spanien, Portugal: Viele Wolken und
immer wieder Schauer und Gewitter. Am
Mittelmeer öfter sonnig. 10 bis 23 Grad.
T
1005
21
Antalya
Balearen, Sardinien, Korsika: Sonne und
Wolken im Wechsel. 16 bis 26 Grad.
Italien, Malta: Verbreitet Sonnenschein,
später in Oberitalien einzelne Schauer und
Gewitter. 12 bis 26 Grad.
Großbritannien, Irland: Oft unbeständig
mit Wolken und Regen, dazwischen sonnige
Phasen. Windig bei 6 bis 14 Grad.
Skandinavien: Teils Sonne, teils Wolken. In
Finnland zeitweise Regen. 2 bis 14 Grad.
Polen, Tschechien, Slowakei: Sonne,
Wolken und gelegentlich einzelne Schauer.
Temperaturen zwischen 11 und 23 Grad.
So.
10.4.
Amsterdam 10° h
Athen
20° h
Barcelona
14° h
Belgrad
11° R
Bordeaux
12° w
Bozen
16° h
Brüssel
9° h
Budapest
10° w
Bukarest
17° w
Dublin
5° h
Dubrovnik 13° Rs
Edinburgh
5° Rs
Faro
16° Rs
Helsinki
7° h
Innsbruck
10° h
Istanbul
17° h
Kiew
18° h
Kopenhagen 8° h
Larnaka
22° h
Las Palmas 21° h
Lissabon
13° w
Ljubljana
11° w
Locarno
14° h
London
9° h
Madrid
9° w
Mailand
16° h
Malaga
17° h
Mallorca
17° h
Moskau
18° h
Neapel
15° w
Nizza
15° h
Oslo
8° h
Ostende
8° h
Palermo
14° h
Paris
9° h
Prag
6° R
Reykjavik
5° h
Riga
7° h
Rom
10° h
Salzburg
9° h
Sofia
14° Rs
Stockholm
8° h
St.Petersburg 5° w
Venedig
15° h
Warschau
9° R
Wien
9° b
Zürich
9° h
Europa
Mo.
11.4.
17° h
20° h
19° w
16° b
15° h
23° h
18° h
16° h
16° Rs
9° R
19° h
8° w
15° w
10° h
19° h
17° h
18° h
11° h
21° Rs
20° h
13° Rs
19° h
16° w
14° R
13° w
20° h
18° w
19° h
11° b
19° h
16° h
12° h
18° h
16° h
16° R
13° w
7° h
11° h
23° h
18° h
11° Rs
12° h
9° h
19° h
13° b
15° w
16° h
Di.
12.4.
14° Rs
23° h
18° w
24° h
16° Rs
22° h
14° h
20° h
20° h
9° b
18° h
8° b
17° Rs
10° h
17° h
16° w
19° w
11° h
19° G
21° h
14° Rs
20° h
16° h
13° Rs
12° Sr
19° h
19° Rs
20° h
13° h
21° h
17° h
13° h
13° h
22° h
16° h
16° w
9° h
14° h
24° h
16° R
21° h
13° h
10° h
19° h
14° b
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16° Rs
Mi.
13.4.
15° h
23° h
20° h
25° h
17° R
19° R
15° h
20° h
24° h
11° w
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SE IT E 26 · MONTAG , 11. APRIL 2016 · N R . 8 4
Unternehmen
F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G
Der Streit im Europäischen Patentamt eskaliert
Unversöhnlich stehen
sich der Präsident und
Arbeitnehmervertreter
gegenüber. Jahrelange
Machtkämpfe behindern
dringend benötigte
Reformen des Amtes.
Von Rüdiger Köhn
MÜNCHEN, 10. April
ie Hoffnung auf Frieden währte
nur kurz. Vor einem Jahr setzten
sich Benoît Battistelli, Präsident
des Europäischen Patentamtes (EPA), sowie die Repräsentanten der beiden Hausgewerkschaften Suepo und FFPE an einen
Tisch. Sie redeten erstmals über die gegenseitige Anerkennung und über Reformen
in dieser exterritorialen Organisation, an
der 38 europäische Staaten beteiligt sind.
Für den darauffolgenden Herbst wurde
gar eine Grundsatzvereinbarung über einen „sozialen Dialog“ ins Auge gefasst. Es
hätte eine historische Zäsur in der 1977 gegründeten Behörde mit Sitz in München
und Den Haag bedeuten können.
Vergangenen Donnerstag allerdings
gab es einen Streik im Hause des EPA. Der
eintägige Arbeitskampf ist ein neuer Höhepunkt im Streit zwischen Verwaltung und
Suepo um Einfluss und Besitzstandswahrung gewesen. Selbst wenn es sich bei den
Falken der Gewerkschaft um eine vergleichsweise kleine Gruppe handeln mag,
einer breiteren Rückendeckung scheint
sie sich dennoch sicher. Nach Angaben
des EPA haben 2058 Mitarbeiter oder 30,6
Prozent der Belegschaft den ganzen Tag
und 579 Beschäftigte oder 8,5 Prozent einen halben Tag die Arbeit niedergelegt.
Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung am Donnerstag und der vielen Jahre
zuvor stehen zwei unversöhnliche Widerstreiter: Der Franzose Battistelli, 65 Jahre, ausgebildet in Frankreichs Eliteschmieden, hat einen Hang zum Autokratischen. Die Patentprüferin Elizabeth Hardon, Suepo-Vorsitzende und seit 28 Jahren im Patentamt, hat es verstanden, ihrerseits Macht und Einfluss zu sichern.
Manche sprechen davon, Hardon sei Battistelli in weiblich.
Der Grund des Streiks vor vier Tagen
ist symptomatisch für das Klima in der Behörde. Die Suepo fordert, die Disziplinarmaßnahmen gegen drei Arbeitnehmervertreter aufzuheben. Zwei von ihnen, darunter Elizabeth Hardon, wurden entlassen, ein Mitarbeiter degradiert. Ihnen hat
die Verwaltung „schwere Verstöße“ vorgeworfen. Die Gewerkschaftsvertreter hätten nicht wohlgesinnte Mitarbeiter bedroht sowie Interna des Amtes lanciert.
Der Präsident spricht von einer sehr
schädlichen Verleumdungskampagne gegen die Organisation. Und er sagt: „Ein
einziges Nicht-Suepo-Mitglied war in den
zentralen Personalausschuss gewählt worden, sah sich aber nur ein halbes Jahr
nach der Wahl im Dezember 2014 zum
D
Haus in Aufruhr: Das Europäische Patentamt in München
Rücktritt gezwungen, weil es nach eigener Aussage von den übrigen Personalvertretern gemobbt wurde.“
Sogar die Staatsanwaltschaft München
ist eingeschaltet. Etliche Strafanzeigen
würzen den Konflikt. Das Patentamt hat
unter anderem auch eine Anzeige gegen
unbekannt wegen Verleumdung erstattet,
die gegen einen suspendierten irischen Patentrichter gerichtet zu sein scheint. Bei
ihm soll laut einer internen Untersuchung
diffamierendes Material, Nazi-Schriften
und Schlagstöcke im Büro gefunden worden sein. Ihm wird zudem vorgeworfen,
durch Indiskretionen Interna lanciert zu
haben. Der Ire wiederum reichte gegen
das Patentamt Anzeige wegen Verleumdung ein. Elizabeth Hardon soll ebenso
Anzeige gegen unbekannt erstattet haben,
weil etwa ihr privates E-Mail-Konto durchsucht worden sei. Obwohl sie entlassen
ist, bleibt sie im Spiel. Die Suepo hat die
Statuten geändert, damit Nicht-Mitarbeiter, also ihre Führerin, weiterhin Mitarbeiterinteressen vertreten können. Den Konfliktstoff liefern die Reformen, die Batti-
stelli auf den Weg gebracht hat. Mit ihnen
will der Präsident die zwischenstaatliche
Behörde etwas aus ihrem betulichen Dasein holen und auf den harten internationalen Wettbewerb mit den Vereinigten
Staaten und den asiatischen Ländern um
ein lukratives Patentgeschäft einstellen.
Pfründe und Privilegien der rund 7000 Mitarbeiter stehen zur Disposition. Sie verdienen bei einem Steuersatz von nur 6 Prozent durchschnittlich 120 000 Euro, haben bei einer 40-Stunden-Woche drei Monate Urlaub im Jahr. Für Ärzte und die
Ausbildung der Kinder müssen sie nicht
viel oder nichts bezahlen.
Nun gibt es neue Kriterien für Leistungsbewertungen. Es wird die Vorlage eines Attestes im Krankheitsfall von mehr als drei
Tagen verlangt. Unangemeldete Kontrollbesuche zu Hause sind möglich. Im Disput
geht es aber auch um die bis dato verwehrte Anerkennung der Gewerkschaften als
mitbestimmende Gesprächspartner.
Der Streik am Donnerstag kam nur drei
Wochen nachdem der Verwaltungsrat des
Patentamts, der sich aus Vertretern der 38
Foto Andreas Müller
Mitgliedsländer zusammensetzt, die Konfliktparteien aufgerufen hatte, konstruktiv und rasch auf eine Einigung und eine
Anerkennung der Gewerkschaften ohne
Vorbedingungen hinzuarbeiten. Die Verwaltungsräte nahmen dabei nicht nur die
Suepo in die Pflicht. Auch Battistelli bekam einen Schuss vor den Bug, auch wenn
dieser nicht ganz so laut ausgefallen war
wie zunächst erwartet. Im Vorfeld der Sitzung am 16. März wurde, als Teil einer im
Grunde seit Jahren stattfindenden
Schlammschlacht, eine drohende Absetzung des Präsidenten kolportiert. Ganz so
schlimm kam es jedoch nicht. Die Mehrheit im Gremium stellte sich immer noch
hinter den Franzosen. Sechs bis sieben
Länder sollen ihm aber klar ihr Misstrauen ausgesprochen haben.
Geholfen hat Battistelli womöglich,
dass rechtzeitig vor der Sitzung mit der
kleineren Gewerkschaft FFPE – sie vertritt die Mitarbeiter am Sitz in Den Haag
– Anfang März eine Absichtserklärung
für die Anerkennung als Verhandlungspartner vereinbart worden ist; ein tak-
tisch cleverer Schachzug, wollte der Präsident dies doch als Meilenstein gegenüber
dem Verwaltungsrat verkaufen. Beobachter werten die Vereinbarung indes als Mogelpackung. Denn vom Schutz der Gewerkschaftsführung vor arbeitsrechtlichen Maßnahmen ist nicht die Rede, was
aber normalerweise zu einer Anerkennung gehört. Die Gewerkschaft darf zudem allenfalls zwei E-Mails im Jahr an
die Mitarbeiter versenden.
„Für die Suepo steht die Tür weiterhin
offen, sollte sie sich diesem Prozess anschließen wollen“, sagte Battistelli dieser
Zeitung. „Mit einer Einigung würde sie in
unserem Rechtsrahmen sofort als Gewerkschaft und Sozialpartner anerkannt.“ Für die Suepo scheint das derzeit
aber indiskutabel. Mit rund 3400 Mitgliedern weiß sie jeden zweiten Angestellten
hinter sich; die FFPE soll gerade einmal
100 Mitglieder vertreten. Die Voraussetzungen für eine Befriedung sind denkbar
schlecht. Die Zeichen stehen auf Konfrontation, angeheizt durch die Arbeitsniederlegung. Die Suepo stellt für die Aufnahme
eines Dialogs rigide Vorbedingungen. Die
Gewerkschaft verlangt ein Vetorecht bei
Entscheidungen, und sie erwartet die
Rücknahme der in den vergangenen fünf
Jahren eingeleiteten Reformen. Für Battistelli ist das inakzeptabel. Die Warnungen
aus dem Verwaltungsrat im Kopf, will er
dennoch auf die Gegner zugehen und hält
sich mit Angriffen zurück. „Oberstes Ziel
bleibt die Unterzeichnung eines Memorandum of Understanding durch alle im EPA
vertretenen Gewerkschaften“, sagt der
Präsident. „Gegenstand des Dialogs könnten dann wichtige Reformen der Personalpolitik und die Beschäftigungsbedingungen der Gesamtheit oder eines Teils des
Personals sein.“
Korrekturen der eingeleiteten Reformen will er nicht ausschließen. Eine Unternehmensberatung soll diese auf Härten überprüfen. Es werde mit dem Verwaltungsrat eine Sozialstudie erstellt, die die
Reformen analysiert und Schlüsse für die
nächsten Schritte ziehe, kündigt Battistelli an. „Die Ergebnisse werden wir im
Herbst auf einer Sozialkonferenz mit Gewerkschaften, Personal- und Managementvertretern sowie Delegierten des
Verwaltungsrats erörtern“, schlägt er vor.
„Schließlich hat das Amt bereits im Januar entschieden, seine internen Ermittlungsrichtlinien und seine Vorschriften
zu Disziplinarverfahren zu überprüfen.“
Zu weit aber liegen die Kontrahenten
auseinander. Das Grundproblem liegt in
den Genen des Patentamts als überstaatliche Organisation, die keiner nationalen
Rechtsprechung unterliegt. Sie entzieht
sich einer Kontrolle von außen und der
Transparenz. Machtbiotope konnten ihr Eigenleben entwickeln und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) in Genf zum
Verzweifeln bringen. Arbeitnehmer können ihre Rechte nämlich nur dort einklagen. Die ILO beschwerte sich 2015 über
die Arbeitsbelastung durch Fälle aus dem
Patentamt. In 37 Jahren seien rund 760
Entscheidungen zu treffen gewesen. Bei
der Weltgesundheitsorganisation WHO
mit ähnlich vielen Mitarbeitern habe es in
66 Jahren knapp 450 Fälle gegeben.
Und noch ein fehlerhaftes Gen steckt
im System Europäisches Patentamt. Es finanziert sich mit einem Budget von mehr
als 2 Milliarden Euro selbst. Die Mittel
werden auf die 38 Mitgliedsländer verteilt. Manche sagen dem Präsidenten
nach, dass er auf die Verteilung der Mittel
Einfluss nehmen würde. So könne er sich
Länder, insbesondere kleinere Staaten, gewogen machen – was autokratische Strukturen fördert, lautet die Kritik. Denn unabhängig von Bedeutung, Größe oder
Zahl der eingereichten Patente, egal ob
Albanien oder Deutschland: Jedes Mitgliedsland hat eine Stimme.
Die Geduld besonders größerer Mitgliedsländer könnte angesichts der jahrelangen Querelen jedoch allmählich aufgebraucht sein, der Druck durch den Verwaltungsrat zunehmen. Die Erkenntnis mag
reifen, dass eine Befriedung mit den derzeit handelnden Personen nicht mehr
möglich ist. Es ist nicht auszuschließen,
dass aus sechs oder sieben Ländern zwanzig werden, die die Stimme auch gegen
Battistelli erheben, dessen Vertrag bis
2018 läuft. Die nächste Verwaltungsratssitzung ist für den Juni anberaumt.
NETZWIRTSCHAFT
Deutsche Daddler geben weniger Geld für Kaufspiele aus
Der Spielemarkt hierzulande wächst trotzdem / Das liegt vor allem an zwei digitalen Hoffnungsträgern / Von Martin Gropp
FRANKFURT, 10 April.
ie sich das Kaufverhalten der
Computerspieler in Deutschland verändert, lässt sich auf der
Internetseite des Online-Händlers Amazon ablesen. Der amerikanische Internetversender hat dort die in diesem Jahr bisher am häufigsten verkauften Produkte
aus der Kategorie „Games“ aufgelistet.
Die ersten drei Plätze belegen allesamt
Guthabenkarten des Spielkonsolenherstellers Sony. Mit den Karten mit Nennwerten von 50, 20 oder 10 Euro können
die Käufer im Online-Shop der SonySpielgerätereihe Playstation einkaufen.
Erst auf dem vierten Platz der AmazonVerkaufsrangliste folgt ein Computerspiel auf einem physischen Datenträger.
Zwar sind Online-Händler wie Amazon nur einer von vielen Absatzwegen für
Computerspiele. Doch spiegelt die Beliebtheit der Guthabenkarten eine Tendenz im Spielemarkt wider. Wie auch bei
den Kollegen aus der Musikbranche sehen sich die Hersteller von Computerspielen sinkenden Verkaufszahlen für physische Datenträger gegenüber. Vor sieben
Jahren standen diese anfassbaren Produkte noch für einen Anteil von 80 Prozent
des gesamten Jahresabsatzes. Vor drei
Jahren war die Zahl schon auf deutlich weniger als zwei Drittel gesunken. Heute
dürfte sie noch tiefer liegen. Genaue Zahlen liegen noch nicht vor.
Andere aktuelle Marktdaten, die der
Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware in der vergangenen Woche veröffentlicht hat, bestätigen indes
eine zweite Entwicklung, die sich schon
seit einigen Jahren in der Branche abzeichnet. Generell haben die Spieleproduzenten mit dem Verkauf ihrer Produkte Jahr für Jahr weniger erlöst – egal ob
W
die Spieler sie nun auf Datenträgern oder
per Download erstanden haben.
Setzte die Branche hierzulande im Jahr
2014 noch etwa 1,26 Milliarden Euro
über den Verkauf von Spielen um, waren
es im vergangenen Jahr nurmehr rund 1,2
Milliarden Euro – ein Rückgang um fast 4
Prozent. Im Fünfjahresvergleich ist der
Teilmarkt „Verkauf“ sogar um fast ein
Viertel geschrumpft. 2011 erlösten die
Hersteller darüber noch fast 1,6 Milliarden Euro. Dass das gesamte Geschäft mit
digitalen Spielen trotz dieses Rückgangs
um immerhin 2 Prozent gewachsen ist,
liegt an zwei Hoffnungsträgern der Branche. Zum einen setzten die Hersteller im
vergangenen Jahr mit Spiele-Abonnements 145 Millionen Euro um, und damit
gut 4 Prozent mehr als noch 2014. Zum
anderen gewinnen virtuelle Güter und Zusatzinhalte immer mehr an Bedeutung.
Auch wegen der Kostenloskonkurrenz
auf Smartphones oder im Internet bieten
viele etablierte Programmierer heute
schon Grundversionen ihrer Spiele kostenlos an. Ihre Hoffnung ist, Geld zu verdienen, indem sie die Nutzer dazu bringen, innerhalb der Spiele bestimmte Fähigkeiten
oder zusätzliche Inhalte zu kaufen. Die sollen sie beim Daddeln weiterbringen oder
das Spielerlebnis erweitern. Im vergangenen Jahr hat die Branche hierzulande mit
virtuellen Gütern und Zusatzinhalten nun
erstmals mehr als eine halbe Milliarde
Euro umgesetzt. 2014 lagen die Erlöse bei
477 Millionen Euro, 2015 waren es 562
Millionen Euro. Das entspricht einer Steigerung um fast 20 Prozent. Ein Gutteil davon dürften Zusatzinhalte für Spiele einbringen, die auf Smartphones laufen.
Auch wegen dieser Entwicklung haben
verschiedene Unternehmen der Branche
begonnen, sich verstärkt für die internetfähigen Mobiltelefone als Spieleplattform
Faszination Computerspiele: Besucher der Messe Gamescom im Sommer 2015 in Köln
Foto dpa
zu engagieren. So hat der japanische Konsolenfertiger Sony Ende März angekündigt, eine eigene Tochtergesellschaft für
Smartphone-Spiele zu gründen. Das Unternehmen mit dem Namen Forwardworks soll dabei auf Inhalte und Spielfiguren zurückgreifen, die bisher auf der Playstation laufen. Wann Sony erste Spiele
auf den Markt bringt, steht noch nicht
fest. Festgelegt hat das Unternehmen dagegen die Region, für die es zuerst Smartphone-Spiele produzieren will. Im Fokus
stehen Nutzer in Japan sowie in anderen
asiatischen Ländern.
Japan ist derzeit auch das einzige Testfeld für ein Unternehmen, das sich lange
dem Trend zu Handy-Spielen widersetzt
hatte. Der japanische Konsolen- und
Spielehersteller Nintendo hat in Japan
vor knapp zwei Wochen die SmartphoneAnwendung Miitomo veröffentlicht. Deren Nutzer können digitale Wiedergänger ihrer selbst gestalten, um sich dann in
der App mit Freunden auszutauschen,
die das Programm ebenfalls auf ihr
Handy geladen haben. Die Grundversion
von Miitomo ist wie branchenüblich umsonst, Nintendo schielt auf Einnahmen
aus dem Verkauf digitaler Güter.
Wer sein digitales Abbild besonders gestalten will, muss sich ein Guthaben zulegen, um dem Avatar zum Beispiel hervorstechende Kleidungsstücke anzuziehen.
Obwohl Nintendo lange daran festgehalten hat, eigene Inhalte nur für die hauseigenen Spielkonsolen zur Verfügung zu
stellen, scheint der erste Versuch einer
Handy-App durchaus vielversprechend
zu verlaufen. Drei Tage nach der Veröffentlichung hatte die Anwendung schon
mehr als eine Million Nutzer gewonnen.
Derzeit steht sie auf Platz zehn der am
häufigsten geladenen Anwendungen für
das iPhone-Betriebssystem iOS in Japan.
Sport
FRANKFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TU NG
M O N TAG , 1 1 . A PR I L 20 1 6 · N R . 8 4 · S E I T E 27
Werders Dilemma
Ratlos in der
Wagenburg
Wieder
auf Bewährung
Zum dritten Mal in dieser Saison diskutiert
Werder Viktor Skripniks Entlassung.
Wieder darf er bleiben – vorerst. Dabei
bekommt er das Bremer Grundproblem
nicht in den Griff. Von Frank Heike
Verfranst: Die Diskussionen um seine Arbeit nehmen Viktor Skripnik mit.
HAMBURG. Das Irritierende an den
Diskussionen um Viktor Skripnik ist, dass
sie zum dritten Mal in dieser Saison geführt werden. Nach fünf Niederlagen zwischen dem 19. September und dem 17. Oktober 2015 fragten sich die Bremer Verantwortlichen um Thomas Eichin und
Klaus Filbry, ob der 46 Jahre alte Trainer
noch der Richtige für den SV Werder sei.
Es folgte ein 3:1-Sieg beim FSV Mainz 05.
Skripnik durfte weitermachen. Am 20. Februar 2016 verlor Werder 0:2 beim FC Ingolstadt. Skripnik hatte sich bei der Einund Aufstellung vergriffen. Wieder kam
die Frage auf, ob der Klub den Abstiegskampf mit diesem Trainer überstehen
könne. Schmucke Siege in Leverkusen
und gegen Hannover folgten; der Schulterschluss zwischen Fans, Mannschaft und
Trainer war beeindruckend. Die Bremer,
vor allem Sportchef Eichin, schienen das
richtige Rezept gefunden zu haben – der
Werder-Weg erwies sich als der einzig
gangbare. Hier wird keiner so schnell gefeuert, schon gar nicht, wenn er so viele
Verdienste für den Verein hat wie Viktor
Skripnik, seit 20 Jahren dabei.
Doch der Coach mit der lustig-listigen
Sprechweise und den stahlblauen Augen
stand nun schon unter argwöhnischer Beobachtung. Vor allem der lokalen Medien. Im Weserstadion wurden Fans vor
Geduldsproben gestellt. Zwei Siege sind
Werder erst daheim gelungen. Der dritte
wurde am Samstag beim 1:2 gegen den
FC Augsburg vergeben, verspielt, verschenkt. Gegen eine verunsicherte Mannschaft mit vielen Verletzten gab Werder
die 1:0-Führung durch Florian Grillitsch
her und versenkte sich nach Alfred Finnbogasons Ausgleich in der 53. Minute
selbst – Jeong-Ho Hong schoss Augsburg
in der 87. Minute zum Sieg. Werder ist
16., dem Abstieg wieder ein Stück näher,
und dass Skripnik offenbar nicht entlassen wird, ist eine Überraschung, nimmt
man Eichins erste Aussagen vom Samstag
zum Maßstab.
Am Sonntag klang das anders. „Alle
Mannschaften unten haben eine Trainerdiskussion“, sagte Eichin, „die muss man
aushalten. Viktor kann das. Er ist unser
Trainer. Ich gehe davon aus, dass er auch
am Samstag gegen Wolfsburg auf der
Bank sitzt.“ Eichin traf die Entscheidung
Foto pixathlon
nach einem Analysegespräch mit dem
Vorstandskollegen Filbry, Ressort Finanzen. Doch einen breiten Handlungskorridor hielt sich Eichin offen, als er weitere
Klausuren für Montag und Dienstag ankündigte: „Unser Ziel ist es nicht, den
Trainer zu wechseln, aber wir müssen die
Gespräche abwarten.“ Will sich Eichin
Zeit verschaffen, weil Verhandlungen mit
Skripniks Nachfolger andauern?
Der Ukrainer leitete unterdessen wie
immer nach Spielen zusammen mit seinem Stab das Auslaufen der Profis und
Training der Reservisten. Was von ihm in
Entscheidung im Weserstadion: Gebre Selassie liegt flach, Hong trifft.
Foto imago
den letzten fünf Partien gefordert ist, formulierte Eichin deutlich: „Bei uns muss
jetzt eine Wagenburgmentalität wachsen.
Wir sind in einer prekären Situation, aber
wir sind noch nicht abgestiegen.“ In seinen Analysen und Gesprächen will Eichin herausgefunden haben, dass es keinen Keil zwischen Trainer und Mannschaft gebe. So wirkt das Werder-Team
auch tatsächlich nicht. Skripnik kommt
an. Aber durch das Ausbleiben des Trainerwechsels verzichtet die Bremer Führung auch darauf, ein Zeichen zu setzen
und auf einen frischen Impuls von außen
zu vertrauen. Strategien und Konzepte
spielen ohnehin keine Rolle mehr. Es
geht einzig darum, mehr aus der Mannschaft herauszukitzeln, als sie zuletzt zu
zeigen in der Lage war. Manchmal reicht
die andere Ausstrahlung eines neuen
Mannes auf der Bank ja, um die Dinge
wieder in eine bessere Richtung laufen zu
lassen – ein gewogener Pfiff, ein abgefälschter Ball, eine gelungene Auswechslung. Fußball-Psychologie eben, schwer
erklärbar.
Viktor Skripnik darf weitermachen.
Wie sehr ihn das Ganze mitnimmt, erlebten die Reporter nach der Partie, als Skripnik zur Medienschelte ausholte: „Ich
kämpfe in der Bundesliga gegen 17 Fußballmannschaften und eine Medienmannschaft. Immer wird spekuliert, dass ich
auf einem heißen oder wackligen Stuhl sitze“, sagte er. Nun muss niemand auf Seiten der Schreiber zu empfindlich sein;
wer austeilt, muss auch einstecken können. Aber trotzdem verfranst sich Skripnik (bei allem Verständnis für seinen
Frust), wenn er die Trainerdiskussionen
jetzt den gut informierten und wohltuend
sachlichen lokalen Tageszeitungen anlas-
tet, die täglich und leidenschaftlich über
Werder berichten. Dass es die dritte Erörterung in dieser Saison gibt, liegt an seinen Spielern, den Ergebnissen – und an
ihm. Denn Skripnik hat es nicht verstanden, Werder eine vernünftige Defensive
zu verordnen: 58 Gegentore. Ein Bremer
Grundproblem, das unabhängig vom jeweiligen Chefcoach besteht.
Die angeknacksten Augsburger zurück
ins Spiel zu holen, hätte erfahrenen Leuten wie Theodor Gebre Selassie und Jannik Vestergaard nicht passieren dürfen.
Beim 1:1 lässt der Däne dem Augsburger
Finnbogason den Raum zum Ausgleich.
Vorher darf Caiuby ungehindert flanken.
Beim 2:1 kann Gebre Selassie den Koreaner Hong nicht hindern. Dass Felix Wiedwald im Bremer Tor keine „Unhaltbaren“
abwehrt und Werder so nie Punkte
schenkt, ist gerade im Vergleich mit der
Konkurrenz schmerzhaft: Der Hoffenheimer Oliver Baumann errang den Sieg
beim HSV in der Woche vor Ostern fast allein, Darmstadts Mathenia spielt eine
grundsolide Saison. Marwin Hitz im Augsburger Tor hält immer mal wieder spektakulär. Man kann Wiedwald nichts vorwerfen. Aber der ganzen Mannschaft fehlen
die Profile, die öfter mal hervorstechen in
solchen „Do-or-die“-Spielen. Claudio Pizarro musste nach seiner ärgerlichen
Bauchmuskelverletzung aus den Spielen
mit Peru passen.
Pizarro, Clemens Fritz, Zlatko Junuzovic, Vestergaard, Fin Bartels, Anthony
Ujah – das sind Namen, die für mehr stehen als Abstiegskampf. Und so landet
man doch wieder beim Trainer, der nach
wie vor Viktor Skripnik heißt. Doch ein
Trainer auf Bewährung ist fünf Spieltage
vor Schluss keine gute Lösung.
Torschütze dringend gesucht
Ohne den verletzten Alexander Meier übertreffen sich die Eintracht-Profis an Harmlosigkeit / Nach dem 0:2 gegen Hoffenheim naht der Abstieg
FRANKFURT. Wenn das kein schlechtes
Omen ist: Seit 1996 dauert es im Schnitt
fünf Jahre, dass sich der Traditionsverein
Eintracht Frankfurt aus der Bundesliga
verabschiedet, um umgehend wieder zurückzukehren. 1996, 2001, 2004, 2011 –
und jetzt 2016? Noch kann es die Eintracht schaffen. „Doch die Spiele werden
weniger“, sagte Niko Kovac. Der neue
Frankfurter Trainer, seit Anfang März im
Amt, hat die Hessen gehörig durcheinandergewirbelt. Allein: Die Punkte fehlen.
Nach dem 1:0 gegen den designierten Absteiger Hannover vor drei Wochen wähnte
sich die Eintracht gewappnet, auch die
nächste diffizile Heimaufgabe gegen Hoffenheim siegreich zu gestalten. Doch am
Ende hieß es nach Toren von Nadiem Amiri (62.) und Mark Uth (90.) 0:2. Das zarte
Pflänzchen Hoffnung, gegen 1899 den
dringend benötigten Befreiungsschlag zu
schaffen und sich vom ersten Abstiegsplatz zu entfernen, erhielt einen herben
Dämpfer. Heribert Bruchhagen, der nach
dem Saisonende von seinem Amt scheidende Vorstandsvorsitzende der Eintracht, sprach von einer „schweren Stun-
de.“ Der Zeitraum ist damit zu knapp bemessen. Die Eintracht steht vor schweren
Wochen. Sie hat nur noch fünf Spiele Zeit,
den drohenden fünften Abstieg der Vereinsgeschichte zu vermeiden.
Natürlich hat der Trainernovize Kovac
recht mit seiner Einschätzung, „dass für
uns noch alles drin ist“. Doch dafür müsste seine bemühte Mannschaft, der es gelang, die Partie gegen Hoffenheim lange
zu dominieren, endlich ihrer fußballerischen Hauptaufgabe nachgehen: Tore zu
schießen. Lediglich acht Treffer sind den
Hessen in der Rückrunde geglückt. Drei
davon hat Alexander Meier in einem einzigen Spiel gegen Wolfsburg erzielt, ein weiteres gegen Stuttgart und eines gegen
Köln. Der Torschützenkönig der vergangenen Bundesligasaison aber ist verletzt,
und noch ist nicht absehbar, wann der
dienstälteste Frankfurter Fußballprofi wieder aktiv in den Abstiegskampf eingreifen
kann. Kovac versicherte zwar, dass es mit
der Personalie Meier „noch klappen
wird“. Doch vielleicht könnte es dann
schon zu spät sein. „Auch wir können die
Tabelle lesen“, sagte Bruchhagen nach
Madrid leichter als Mainz
Wolfsburger Paradox: Der Ballnacht
gegen Real folgt ein weiterer trister
Bundesliga-Kick. Seite 28
dem Tiefschlag gegen Hoffenheim. Das aktuelle Klassement hat sich weiter zuungunsten der Eintracht entwickelt, denn
mit ihren Siegen in Bremen und Hamburg
haben sich Augsburg und Darmstadt von
den Frankfurtern abgesetzt.
Bis zur 62. Minute, als die Eintracht die
Partie bestimmte, herrschte in der lautstarken Frankfurter Arena Zuversicht. Doch
als sich Marc Stendera den Ball von Amiri
in Höhe der Mittellinie abnehmen ließ,
dieser über den halben Platz sprintete und
Kurs auf das 0:1 nahm, kippte die Stimmung. Es herrschte eine Art Totenstille in
der mit 51 000 Zuschauern fast ausverkauften Arena. Und als kurz vor dem Abpfiff
noch das 0:2 fiel, wendeten sich noch
mehr Anhänger von der Eintracht ab. Pfiffe, Schmährufe – der Unmut brach sich
Bahn. „Wir waren heute nicht die zwei
Tore besser“, sagte der Hoffenheimer Trainer Julian Nagelsmann. „Aber wir sind
trotzdem glücklich, dass wir gewonnen haben.“
Glück, Fortüne, Entschlossenheit – es
ist das „letzte Quentchen“, das Kovac bei
seiner geplanten Rettungsmission ver-
Jugend schreibt
Fürchterlich dumme Roboter: Im
Hörsaal der Kinderuni sind sie nicht
so süß wie im Film. Seite 30
Wieder nichts: Der Frankfurter Luc Cas-
misst. „Der Rest stimmt. Was die Mannschaft im Abstiegskampf braucht, bringt
sie mit. Sie ist klar im Kopf. Sie braucht
keine Tricks und auch keinen Psychologen.“ Aber sie trifft das Tor nicht. Offensivmann Sonny Kittel hat es zweimal gegen Hoffenheim nicht geschafft, Abwehrchef Carlos Zambrano mit einem abgeblockten Kopfball auch nicht. Was also
tun? „Wir müssen die Ruhe bewahren“,
empfahl Vorstandsmitglied Axel Hellmann. „Wir dürfen unseren Fightingspirit
auf der Zielgeraden nicht verlieren.“ Hellmanns Hoffnung – und womöglich auch
die der anderen Mitstreiter im zitternden
Frankfurter Verein: „Die letzten Spiele einer Saison funktionieren nach eigenen Regeln. Sie haben ihre eigene Dramaturgie,
ihr spezielles Muster. Es zählt nicht mehr,
was vorher war.“ Tatsächlich zählt jetzt,
was kommt. Schwere Aufgaben gegen Leverkusen, Mainz, Darmstadt und Dortmund. Und dann, am 14. Mai, am letzten
Spieltag, das große Finale in Bremen. Vielleicht ist die Eintracht bis dahin noch im
Rennen. Vielleicht aber auch nicht.
Foto Reuters
RALF WEITBRECHT
taignos hat versucht zu treffen.
Zum Schluss noch eine Ohrfeige
Arthur Abraham scheitert krachend
bei seinem Ausflug in die große
Box-Welt. Seite 31
Von Christian Kamp
m Samstagabend schien das
Ende in Bremen schon ziemlich
A
nah. Die Lage in der Tabelle: dramatisch verschlechtert. Die Stimmung
im Stadion: gegen Mannschaft und
Trainer gekippt. Und dann, natürlich,
die Frage nach der Zukunft von Viktor Skripnik: Da deutete alles darauf
hin, dass zumindest für ihn Schluss
sein würde nach dem 1:2 gegen den
FC Augsburg. An so einem Tag, sagte
Sportchef Thomas Eichin, könne
man gar nichts ausschließen – berühmte (vor-)letzte Worte. So mancher dürfte sich also die Augen gerieben haben, als Skripnik dann am
Sonntagmorgen doch das Training leitete. Eine klare Positionierung allerdings vermied Eichin auch diesmal.
Und so lautet die Frage, was Skripnik
betrifft, weiter: Wie lange noch?
Das Bremer Dilemma ist, dass es eigentlich schon viel zu lange dauert.
Skripnik hat längst eine Reihe von
Gründen geliefert, die ihn an einem
ungeduldigeren Standort wohl schon
früher den Job gekostet hätten. Während Trainer wie Ralph Hasenhüttl
und Dirk Schuster es geschafft haben, aus bescheidenen Mitteln erstaunlich viel zu machen, hat Skripnik aus gar nicht mal so wenig nur
ziemlich Dürftiges produziert. Zumindest, wenn man so etwas wie
Struktur und System als Maßstab
nimmt. Sowohl die desaströse Heimbilanz als auch die notorische Unfähigkeit, ein Spiel ohne Gegentor zu
beenden, deutet auf mangelnde Lernfähigkeit hin – vielleicht auch auf
eine Fehleinschätzung des Personals.
Eine spielerische (Weiter-)Entwicklung ist nicht zu erkennen, zumindest
nicht im eigenen Stadion. Aus den
vier Spielen gegen direkte Konkurrenten – Hoffenheim, Darmstadt,
Hannover, Augsburg – holten die Bremer einen Sieg, gegen 96, der Rest
war viel Quälerei. Was Werder über
Wasser gehalten hat, waren zum einen lichte Momente einzelner Akteure, vor allem aber ein in so einer Lage
beachtlicher positiver Spirit. Für
Skripnik bedeutete er schon zweimal
in dieser Saison die Lizenz zum Weitermachen. Jetzt also auf ein Drittes?
Für Eichin und die Klubführung ist
es zu diesem fortgeschrittenen Zeitpunkt eine Entscheidungslage, die an
Glücksspiel grenzt. Denn eines ist
klar: Selbst wenn ein neuer Mann
käme, würde er kaum noch eine fundamentale spielerische Wende einleiten können. Auf das Muster des verführerischen Hoffenheimer Vorbilds
zu setzen wäre allzu trügerisch. In
Bremen ist nicht zu erkennen, dass
die Mannschaft für ein bestimmtes
Spielprinzip zusammengestellt wäre,
das ein anderer Trainer freilegen
könnte so wie Julian Nagelsmann.
Es ist eher eine Lage, die mit der in
Frankfurt vergleichbar ist: wo Niko
Kovac ein paar frische Reize gesetzt
haben mag, den Trend Richtung zweite Liga damit aber nicht stoppen oder
gar umkehren konnte. Also vielleicht
doch lieber auf den Faktor Zusammenhalt und Skripnik setzen? Eichin
scheint der Bremer Wagenburg allerdings selbst nicht (mehr) recht zu
trauen. Es wäre auch kein Wunder.
Nach außen jedenfalls vermittelt
Skripnik nicht den Eindruck, dass er
mit der Drucksituation souverän umgehen kann. Schon lange nicht mehr.
Restprogramm
im Abstiegskampf
쑺 12. VfB Stuttgart (33 Pkte.): Augs-
burg (A), Dortmund (H), Bremen (A),
Mainz (H), Wolfsburg (A).
쑺 13. Darmstadt 98 (32 Pkte.): Ingolstadt
(H), Köln (A), Frankfurt (H), Hertha
(A), M’gladbach (H).
쑺 14. 1899 Hoffenheim (31 Pkte.): Hertha (H), Mönchengladbach (A), Ingolstadt (H), Hannover (A), Schalke (H).
쑺 15. FC Augsburg (30 Pkte.): Stuttgart
(H), Wolfsburg (A), Köln (H), Schalke
(A), Hamburg (H).
쑺 16. Werder Bremen (28 Pkte.): Wolfsburg (H), Hamburg (A), Stuttgart (H),
Köln (A), Frankfurt (H).
쑺 17. Eintracht Frankfurt (27 Pkte.): Leverkusen (A), Mainz (H), Darmstadt
(A), Dortmund (H), Bremen (A).
쑺 18. Hannover (17 Pkte.): Mönchengladbach (H), Ingolstadt (A), Schalke
(H), Hoffenheim (H), München (A)
Millionenpreis für Billigflieger
Michael O’Learys Hengst Rule
The World gewinnt das Grand
National in Aintree. Seite 32
Sport
SE IT E 28 · M O N TAG , 1 1 . A P R I L 2 0 1 6 · N R . 8 4
F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G
INGOLSTADT – MÖNCHENGLADBACH 1:0
FCI: Gut
genug für
mutige Scherze
Foto dpa
INGOLSTADT (dpa). Moritz Hartmann wusste sofort, dass sein neuntes
Saisontor viel bedeutender war als alle
anderen zuvor. Er wollte sich schon
das Trikot vom Leib reißen, als er sich
nach seinem späten Schuss ins Glück
in der 88. Minute zum Jubellauf durch
das bebende Stadion aufmachte. Nach
dem 1:0 gegen die Gladbacher Champions-League-Anwärter erklomm der
Matchwinner mit einem Megafon den
Fanblock und gab den lautstarken Einpeitscher bei der spontanen Nichtabstiegsparty des verblüffenden Aufsteigers FC Ingolstadt. „39 Punkte fühlen
sich verdammt nach Klassenerhalt
an“, schwärmte Hartmann.
Der Liganeuling bleibt im FußballOberhaus. Daran mochte am Samstag
niemand mehr rechnerische Zweifel
äußern. Schließlich ist noch kein Verein im Zeitalter der
Drei-Punkte-Regel
mit 39 Zählern abgestiegen.
Die
Oberbayern sind
den Europapokalplätzen deutlich näher als der Abstiegszone. „Jetzt wollen
wir oben angreifen“, kündigte HartMoritz Hartmann
mann grinsend an
– es war ein Scherz des Angreifers.
Spontan gab es immerhin eine Nichtabstiegsprämie des Trainers: Ralph Hasenhüttl belohnte seine Spieler mit
zwei freien Tagen. „Wir haben ein überragendes Spiel gemacht“, sagte er.
Eine überragende Saison spielt der
Neuling. Und eine besonders starke
Rückrunde im eigenen Stadion. Vor einer Woche wurde der FC Schalke 04
3:0 nach Hause geschickt, nun wurde
Gladbach „verdient“ geschlagen, wie
Borussen-Trainer André Schubert einräumte. „Wir waren über 90 Minuten
die bessere Mannschaft. Gladbach hatte nichts zu melden“, sagte Hartmann
– und kein Gladbacher hätte dagegen
Einspruch erheben können.
„Wir haben es mittlerweile im
Kreuz, auch gegen solche Mannschaften zu Hause zu gewinnen“, sagte Hasenhüttl stolz. Ingolstadt war nicht nur
gieriger, aggressiver, entschlossener,
der FCI spielte auch besser Fußball.
„Ingolstadt hat einen klaren Plan“, lobte der Gladbacher Manager Max Eberl.
Über die eigene Niederlage, die miese Auswärtsbilanz mit nur zwei von 24
Punkten aus den vergangenen acht
sieglosen Spielen in der Fremde,
echauffierte sich Eberl: „Es ist zum
Kotzen, dass du wieder ohne Punkte
nach Hause fährst. Wir werden auswärts nicht belohnt.“ Wofür auch? André Hahn vergab die Chance zur Führung. Seinen Kapitän Granit Xhaka
musste Schubert zur Pause wegen
Gelb-Rot-Gefahr auswechseln. Insgesamt bot Gladbach zu wenig für einen
Platz in der Champions League. „Wir
sind glücklich, dass wir dabei sein dürfen bei dem Kampf“, sagte Eberl.
ZWEITE LIGA
Der „Club“ kann
doch verlieren
FRANKFURT (dpa). Der SC Freiburg
steht ein Jahr nach dem Abstieg vor
der Rückkehr in die Fußball-Bundesliga. Der Zweitliga-Spitzenreiter gewann am Sonntag gegen den FC St.
Pauli 4:3, es war der achte Sieg nacheinander. Die Breisgauer haben bei
noch fünf ausstehenden Ligaspielen 15
Punkte Vorsprung vor Platz vier und
die wesentlich bessere Tordifferenz als
der VfL Bochum. Zumindest Platz drei
hat der SC damit praktisch sicher. Freiburg startete furios. Das frühe 1:0 besorgte Marc-Oliver Kempf (3.). Freistoß-Spezialist Vincenzo Grifo traf mit
seinem 13. Saisontreffer zum 2:0 (36.).
Überraschend kam St. Pauli durch
Bernd Nehrig zum 1:2-Anschlusstreffer (55.), fünf Minuten später antwortete der SC durch Maximilian Philipps
Tor mit dem 3:1 (60.). Enis Alushi gelang zwar das 2:3 (75.). Kempf beendete mit dem 4:2 (85.) die Hamburger
Hoffnungen auf einen Punkt. Lasse Sobiechs Foulelfmeter-Treffer zum 3:4
kam zu spät (90.).
Der 1. FC Nürnberg kassierte durch
das überraschende 1:2 gegen den MSV
Duisburg einen Dämpfer im Aufstiegsrennen, zugleich endete die „Club“-Serie von 18 ungeschlagenen Spielen. Als
Dritter haben die Franken drei Punkte
Rückstand auf Platz zwei. Sollte RB
Leipzig an diesem Montag bei Fortuna
Düsseldorf gewinnen, sind es sechs
Punkte. Der MSV schöpfte wieder etwas Hoffnung im Abstiegskampf. Der
Revierklub hat nur noch drei Punkte
Rückstand auf den Relegationsplatz
16. Der FSV Frankfurt ist nach zuletzt
sieben sieglosen Spielen in Abstiegsgefahr und trennte sich von Trainer Tomas Oral. Einen Tag nach der
1:4-Heimniederlage gegen Bochum
teilte der Verein mit, man sei sich nach
eingehender Analyse über eine Veränderung einig gewesen.
HERTHA BSC WANKT
Er macht das für Darmstadt
Und im Sommer zur EM? Die Geschichte des Innenverteidigers der „Lilien“ wird immer schöner
umindest in den Augen eines
mitgereisten Darmstädter Reporters hatte sich Aytac Sulu
am Samstagabend einen neuen
Ehrentitel erworben: „Torgefährlichster
Innenverteidiger Europas“. Sein meistens angenehm ruhiger Trainer Dirk
Schuster nahm die schwer nachzuprüfende Auszeichnung gelassen, leicht
schmunzelnd hin und lobte Sulu in diesem Zuge gleich noch ein bisschen: „Wir
wissen, was wir an ihm haben. Sollten
wir am 14. Mai über dem Strich stehen,
hat Aytac einen großen Anteil daran. Er
ist einer der besten Innenverteidiger der
Bundesliga.“
Schon das ist ja erstaunlich genug, betrachtet man Sulus Karriere, die sich
zum größten Teil in der unterklassigen
Provinz abspielte. Und mehr als einmal
spielte der gebürtige Heidelberger mit
dem Gedanken, zurück in den erlernten
Beruf als Automobilkaufmann zu gehen
– zuletzt vor nicht einmal drei Jahren.
Darmstadt 98 war mit ihm und Schuster
als Letzter der Dritten Liga abgestiegen.
Am grünen Tisch wurde anders entschieden, Darmstadt durfte im Profifußball
weitermachen, und die Cinderella-Story
Sulus und Schusters begann.
te Sulu. Doch allzu viel Beistand brauchten die famosen Aufsteiger gar nicht für
diesen nächsten Erfolg in der Fremde.
Sieben Tore oder eines, Sulu sagte am
Samstag, das interessiere ihn nicht sonderlich: „Ich mache das für Darmstadt
und die Mannschaft.“ Diese Mannschaft
wirkt so bissig, unnachgiebig und kompakt wie ihr Anführer. Besonders in
Hamburg staunt man immer über märchenhafte Aufstiegsgeschichten Namenloser – weil sie sich hier so gut wie nie zutragen.
Deswegen gab Schuster am Samstag
auch ein bisschen Nachhilfeunterricht in Sachen Sulu: „Er kam Anfang 2013 auf Empfehlung zu uns.
Damals ging es für ihn in Altach
nicht weiter, weil Trainer Rainer
Scharinger entlassen worden war,
das war in der zweiten Liga in
Österreich. Damals konnten wir natürlich noch nicht wissen, wie wichtig er einmal für uns wird.“
Bei allen Aufstiegen spielte Sulu seine Rolle. Furchtlos, zweikampfstark. Als
Mann mit der schwarzen Maske machte
er nach nur zwei Spielen Pause weiter,
als er sich in der vergangenen Zweitligasaison nach einem Zusammenprall mit
dem eigenen Torwart vier Knochen im
Gesicht brach. Auch spielerisch hat er
sich im Alter noch verbessert. „Ich habe
davon profitiert, dass die Trainingsleistungen bei uns im Laufe der Jahre immer
besser geworden sind“, sagt Sulu. Mit 29
Jahren durfte er dann in der Bundesliga
spielen.
Aytac Sulu passt bestens in diesen
Klub der Aussortierten. Marcel Heller,
Konstantin Rausch, Luca Caldirola, Slobodan Rajkovic, auch Jan Rosenthal – sie
alle haben ihr Glück in Darmstadt gefunden, nachdem andere Vereine keine Verwendung mehr für sie gefunden hatten.
Die Geschichte Sulus ist aber noch ein
bisschen attraktiver als die der anderen.
Eines der teuren, prämierten Jugendinternate der Bundesligaklubs hat er nie
von innen gesehen. Stattdessen unter anderem für Bahlingen, Sandhausen und
Aalen gespielt. Bis 2015 der Aufstieg mit
Darmstadt in die Bundesliga folgte und
Sulus Karriere richtig an Fahrt aufnahm. Nun ist zu hören, er sei sogar
ein Kandidat für den türkischen Kader bei der Europameisterschaft
in Frankreich. Dann lernen vielleicht noch ganz andere Kaliber
den torgefährlichsten Innenverteidiger Europas kennen als die armen HSV-Profis.
fei.
Z
Ein Herz für
den Underdog:
Aytac Sulu nach
seinem
siebten Tor in
der ersten Liga.
Foto Huebner
MANN DES
SPIELTAGS
AYTAC
SULU
Sieben Tore sind dem 30 Jahre alten
Deutschtürken schon gelungen in dieser
Spielzeit, sechs davon mit dem Kopf. In
Hamburg hatten sie unter der Woche extra Defensivkopfbälle nach FreistoßFlanken und Eckbällen geübt. Gebracht
hat das wenig – zwar sei der Hamburger
Dennis Diekmeier bei der Aktion in der
38. Minute Sulu zugeordnet gewesen,
wie HSV-Trainer Bruno Labbadia später
kleinlaut zugab, doch wer sich so halbherzig mit Käpt’n Sulu duelliert, zieht
den Kürzeren.
Das 1:0 der Darmstädter brachte den
ganzen HSV gehörig durcheinander, Jerome Gondorfs 2:0 in der 54. Minute besiegelte im Grunde schon den erstaunlichen sechsten Auswärtssieg der Lilien.
Dass Lewis Holtby in der Nachspielzeit
noch zum 2:1 traf, erinnerte nicht nur
Sulu an späte Tore und bittere Punktverluste der jüngeren Vergangenheit. „Wir
wollten nach den letzten Erlebnissen
das Glück auf unsere Seite zwingen“, sag-
VFL WOLFSBURG – MAINZ 05 1:1
Madrid ist leichter als Mainz
Wolfsburger Paradox: Der Ballnacht in der Champions League folgt ein weiterer grauer Bundesliga-Kick
WOLFSBURG. Keiner von ihnen mochte
es laut aussprechen. Zwischen den Zeilen
stand aber eindeutig: Ja, das stimmt. Gegen Real Madrid zu spielen ist im Grunde
leichter als gegen Mainz 05. Die Profis des
VfL Wolfsburg, eben noch Helden in der
Champions League und am Dienstag
schon wieder in Madrid am Ball, waren
nach ihrem enttäuschenden 1:1 gegen
Mainz 05 nur bedingt zu Späßen aufgelegt.
„Gegen Real, da rennt man von ganz allein und hat mehr Räume. Gegen Mainz,
das war ganz schön eng und schwierig“,
sagte André Schürrle. Sein Tor zum 1:0
(53. Minute) hatte die Wolfsburger hoffen
lassen, in der Tabelle der Fußball-Bundesliga noch einmal den Anschluss nach oben
zu finden. Am Ende mischte sich aber viel
Frust über ein Remis unter die große Vorfreude auf das bevorstehende Spektakel in
Spanien.
Wenn diese Partie gegen Mainz wirklich als Generalprobe für Madrid herhalten soll, muss sie als misslungen eingestuft werden. Vor allem jene Szene, die in
der 66. Minute zum Ausgleich durch den
starken Mainzer Einwechselspieler Jairo
geführt hatte, bleibt ein abschreckendes
Beispiel. Ein missglücktes Zusammenspiel zwischen Joshua Guilavogui und
Schürrle in der Offensive war der Ursprung des Unglücks. Vorne zu mutig, hinten zu weit aufgerückt: Als Jairo den aufgerückten Wolfsburger Verteidiger Christian
Träsch problemlos überlaufen konnte und
traf, dürfte allen Beteiligten beim eben
noch so euphorischen VfL klargeworden
sein, welche Fehler sich für eine Spitzenmannschaft besser nicht gehören.
„Das sind die Momente, in denen du als
Trainer verzweifelst“, gestand Cheftrainer
Dieter Hecking. Er steht vor dem Dilemma, in der Champions League Real Madrid dank eines 2:0-Vorsprungs im Viertelfinale ausschalten zu können, aber in der
Bundesliga sämtliche Saisonziele krachend zu verpassen. Das passt natürlich
überhaupt nicht zusammen, das steht für
einen bitteren Karriereknick auf dem angestrebten Weg nach oben. Die Tücke des
Ruhms, den sich der VfL Wolfsburg in die-
ser Saison mit seinen Siegen in der Champions League bereits erspielt hat, bleibt
eine ärgerliche Konstante. Großen Taten
in großen Momenten sind in der Bundesliga stets ernüchternde Partien gefolgt. Wie
sind zwei solch verschiedene Gesichter einer Mannschaft zu erklären? „Das ist
schwer. Und solche Fehler wie gegen
Mainz dürfen einfach nicht passieren“, findet Nationalspieler Schürrle. Auch ihm
hatte vor 27 844 Zuschauern das Zwingende, das Besondere gefehlt, mit dem Wolfsburg drei Tage zuvor beim Kräftemessen
mit Madrid noch geglänzt hatte. Aber es
ist eben auch immer einfacher, nicht agieren, sondern reagieren zu müssen. Wenn
sich die Wolfsburger als Außenseiter fühlen dürfen und als Kollektiv funktionieren
müssen, spielen sie konsequenter und effektiver. Gegen Mainz 05 dagegen, Tabel-
lensechster und auf der Zielgeraden der
Saison nicht nachlassend, muss dem VfLEnsemble der Blick auf das Wesentliche
und die prekäre Konstellation in der Tabelle wieder einmal verschleiert gewesen
sein.
Die besten unter den guten Mannschaften können das: vom Besonderen umschalten auf das Normale, ein paar Prozent
Elan weglassen und am Ende doch irgendwie noch gewinnen. Hecking hatte aus seiner Stammformation neben Torhüter Diego Benaglio zunächst auch Vieirinha und
Ricardo Rodriguez weggelassen, um sie zu
schonen. Julian Draxler stand wegen einer
Gelb-Sperre nicht zur Verfügung. Nach
dem fatalen Fehler vor dem 1:1 sahen sich
die Wolfsburger sogar noch weiteren Mainzer Großchancen ausgesetzt. Schlussmann Koen Casteels musste sein ganzes
Können aufbieten, um eine Heimniederlage abzuwenden. Verteidiger Dante hatte
zu viele Fouls begangen, so dass er in der
Schlussminute die Gelb-Rote Karte sah.
„Wir müssen aus unseren Fehlern lernen.
Und das schnell“, findet Klaus Allofs. Der
Geschäftsführer des VfL Wolfsburg ist
nach dem verpassten Sieg in der Bundesliga nicht laut geworden. Aber er hat vor
der Dienstreise bezüglich der Champions
League klare Worte verloren. „Man muss
sich als Mannschaft auch mal verbessern.
Das haben wir in dieser Saison nicht hinbekommen“, sagte Allofs. Seine negativ
klingende Analyse trifft den Kern. Es ist
eine eindringliche Botschaft mitten in jener Woche, in der die Wolfsburger angesichts ihres spannenden Duells mit Real
Madrid weltweit für Aufsehen sorgen.
CHRISTIAN OTTO
Dárdai gereizt:
Berliner
Nervenspiele
BERLIN (dpa). Pál Dárdai ist genervt.
„Ihr braucht einen Psychologen“, riet
der Trainer von Hertha BSC Journalisten auf die Frage, ob seine Spieler dem
Druck in der Fußball-Bundesliga als
Dritter auf einem Champions-LeagueRang nicht standhalten würden. Das 0:5
gegen Borussia Mönchengladbach und
das 2:2 am vergangenen Freitag gegen
den Tabellenletzten Hannover 96 haben
Spuren hinterlassen. „Ihr redet über die
Dinge, und das ärgert mich, das sind
eure Probleme. Ihr redet seit einem halbem Jahr davon, mich belastet das nicht.
Ihr kommt mit der Situation nicht klar“,
sagte Dárdai.
Seit dem 16. Spieltag liegt Hertha mit
einer Ausnahme auf dem dritten Platz.
Fünf Spiele stehen noch aus: auswärts
gegen Hoffenheim, zu Hause gegen die
Bayern, auswärts gegen Leverkusen, zu
Hause gegen Darmstadt, auswärts gegen
Mainz. Die Fans sehnen sich nach der
Wiederholung der Saison 1998/99. Damals hatte die Hertha als krasser Außenseiter unter anderen mit Dárdai und
dem heutigen Manager Preetz als Spieler Platz drei erreicht. Der Wunsch nach
den großen Spielen im europäischen
Fußball ist wieder da. Die Verantwortlichen bemühen sich, dem Team den
Druck zu nehmen, die Erwartungshaltung dem Umfeld zuzuschreiben. Dárdai
räumte ein, dass „die Situation da oben
die Jungs belastet“. Dass die Fans ihrem
Unmut über eine schwache erste Hälfte
gegen Hannover Luft gemacht hatten,
nervte Dárdai gewaltig. „Wir sind schon
so weit, dass das Publikum zur Halbzeit
pfeift. Wir können nicht mal mehr einen
Querpass spielen“, sagte er. Im Schlussspurt um die Teilnahme an der Champions League wankt Hertha. Zum Berliner
Glück unterlag Gladbach 0:1 in Ingolstadt. „Vielleicht ist der eine Punkt noch
wichtig“, sagte Julian Schieber mit Blick
auf das 2:2.
Bundesliga
Hertha BSC – Hannover 96
Hamburger SV – SV Darmstadt 98
VfB Stuttgart – FC Bayern München
SV Werder Bremen – FC Augsburg
Eintr. Frankfurt – 1899 Hoffenheim
FC Ingolstadt 04 – M'Gladbach
VfL Wolfsburg – 1. FSV Mainz 05
FC Schalke 04 – Borussia Dortmund
1. FC Köln – Bayer 04 Leverkusen
29. Spieltag
2:2
1:2
1:3
1:2
0:2
2:1
1:1
2:2
0:2
Verein
Sp. g. u. v. Tore Punkte
1. Bayern München 29 24 3 2 69:14 75 쎲
2. Bor. Dortmund 29 21 5 3 69:30 68 쎲
3. Hertha BSC
29 14 7 8 39:34 49 쎲
4. Bayer Leverkusen 29 14 6 9 44:33 48 쎲
5. Bor. M'Gladbach 29 14 3 12 59:45 45 쎲
6. 1. FSV Mainz 05 29 13 6 10 40:36 45 쎲
7. FC Schalke 04
29 13 6 10 41:40 45
8. VfL Wolfsburg
29 10 9 10 40:38 39
9. FC Ingolstadt 04 29 10 9 10 27:31 39
10. Hamburger SV
29 9 7 13 35:40 34
11. 1. FC Köln
29 8 10 11 29:37 34
12. VfB Stuttgart
29 9 6 14 46:59 33
13. SV Darmstadt 98 29 7 11 11 32:44 32
14. 1899 Hoffenheim 29 7 10 12 33:44 31
15. FC Augsburg
29 7 9 13 37:48 30
16. Werder Bremen 29 7 7 15 39:59 28 쎲
17. Eintr. Frankfurt 29 6 9 14 29:46 27 쎲
18. Hannover 96
29 5 3 21 24:54 18 쎲
쎲 Champions League 쎲 Champions-League-Qualifikation
쎲 Euro-League-Quali. 쎲 Relegation 쎲 Abstiegsplätze
Nächste Spiele: Fr., 15.4., 20.30 Uhr: Hannover 96 – Borus-
sia M'Gladbach; Sa., 16.4., 15.30 Uhr: Bayer 04 Leverkusen
– Eintracht Frankfurt, FC Augsburg – VfB Stuttgart, SV Werder Bremen – VfL Wolfsburg, 1899 Hoffenheim – Hertha BSC,
SV Darmstadt 98 – FC Ingolstadt 04; Sa., 16.4., 18.30 Uhr:
FC Bayern München – FC Schalke 04; So., 17.4., 15.30 Uhr:
Borussia Dortmund – Hamburger SV; So., 17.4., 17.30 Uhr:
1. FSV Mainz 05 – 1. FC Köln
Zweite Bundesliga
29. Spieltag
SC Paderborn – 1. FC Union Berlin
0:4
TSV München 1860 – Greuther Fürth
0:1
Heidenheim – Braunschweig
2:2
VfL Bochum – FSV Frankfurt
4:1
SV Sandhausen – Arminia Bielefeld
1:4
SC Freiburg – FC St. Pauli
4:3
1. FC Kaiserslautern – Karlsruher SC
0:0
1. FC Nürnberg – MSV Duisburg
1:2
Fortuna Düsseldorf – RB Leipzig Mo., 20.15 Uhr
Verein
Sp. g. u. v. Tore Punkte
1. SC Freiburg
29 19 5 5 65:34 62 쎲
2. RB Leipzig
28 18 5 5 47:27 59 쎲
3. 1. FC Nürnberg 29 16 8 5 58:34 56 쎲
4. VfL Bochum
29 12 11 6 49:31 47
5. FC St. Pauli
29 13 7 9 37:33 46
6. 1. FC Heidenheim 29 10 11 8 37:32 41
7. 1. FC Union Berlin 29 10 10 9 50:41 40
8. Greuther Fürth
29 11 7 11 40:44 40
9. Eintr. Braunschw. 29 10 9 10 36:30 39
10. Karlsruher SC
29 10 9 10 28:32 39
11. FC Kaiserslautern 29 9 8 12 38:39 35
12. Arminia Bielefeld 29 6 16 7 30:34 34
13. SV Sandhausen 29 10 6 13 35:42 33
14. FSV Frankfurt
29 7 8 14 30:50 29
15. Fort. Düsseldorf 28 7 7 14 25:38 28
16. München 1860 29 5 10 14 26:42 25 쎲
17. SC Paderborn
29 5 9 15 24:50 24 쎲
18. MSV Duisburg
29 4 10 15 25:47 22 쎲
쎲 Aufstiegsplätze 쎲 Relegation 쎲 Abstiegsplätze
Wegen Verstößen gegen die Vorschriften der Lizenzverordnung werden dem
SV Sandhausen drei Punkte auch in der Zweitliga-Saison 2015/16 abgezogen.
Nächste Spiele: Fr., 15.4., 18.30 Uhr: Rasen Ballsport Leip-
Zuweilen verkrampft: Naldo (2. v. l.) versucht sich gegen die Mainzer Überzahl zu behaupten.
Foto dpa
zig – SV Sandhausen, FSV Frankfurt 1899 – SC Paderborn,
MSV Duisburg – TSV München 1860; Sa., 16.4., 13.00
Uhr: Karlsruher SC – 1. FC Nürnberg, FC St. Pauli – VfL Bochum 1848; So., 17.4., 13.30 Uhr: 1. FC Union Berlin – 1.
FC Heidenheim 1846, SpVgg Greuther Fürth – Fortuna Düsseldorf, DSC Arminia Bielefeld – 1. FC Kaiserslautern; Mo.,
18.4., 20.15 Uhr: Eintracht Braunschweig – SC Freiburg
FRANKFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TU NG
Leverkusen
rückt vor
Souveräner 2:0-Sieg im
Derby beim 1. FC Köln
r.z. KÖLN. Sie hätten ihrem Trainer Peter Stöger, der trotzdem in seinen fünfzigsten Geburtstag an diesem Montag
hineinfeierte, liebend gern ein Geschenk gemacht. Dabei jedoch spielte
der Gegner nicht mit, so dass der 1. FC
Köln am Ende eines bewegten rheinischen Derbys ohne Punkte und ohne
Tore dastand. Der Wiener Stöger konnte es verschmerzen, weil seine Mannschaft am Sonntagnachmittag zumindest kämpferisch alles versucht hatte,
dem spielerisch besseren Nachbarn in
diesem rheinischen Derby ein Bein zu
stellen. Weil Leverkusen vor der Pause
in den entscheidenden fünf Minuten
seine Qualitäten effektiv ausspielte
und durch Brandt (39. Minute) und Calhanoglu (44.) die Treffer zum 2:0-Sieg
schoss, verbesserte sich die Werkself
auf den Champions-League-Qualifikationsplatz vier und ist nur noch einen
Punkt vom Dritten, Hertha BSC, entfernt.
Zwei Derbyniederlagen in einer Bundesligasaison hat es für Bayer gegen
den FC noch nie gegeben. Dass das so
bleibt, war nach dem 1:2 im Hinspiel
ein erster Antrieb für die Mannschaft,
diesmal vieles besser zu machen. Die
drei Zu-Null-Siege in den vorangegangenen Spielen dienten als zweiter Ansporn, diese verheißungsvolle Serie
zum Saisonende auszubauen. Drittens
motivierten die mäßigen Wochenendergebnisse der Konkurrenz die Spieler
von Trainer Roger Schmidt in ihrem
Drang, weitere Big Points auf dem Weg
in Richtung Direktqualifikation für die
Champions League einzusammeln.
Nach einer ersten halben Stunde, in der
der Nachbar sich mit viel Leidenschaft
gegen die höhere Spielkunst der Leverkusener gewehrt hatte, machte Bayer
dann ernst. Zuerst wurde der freistehende Brandt, einer der besten aus
Schmidts Offensivabteilung, so haargenau von Calhanoglu angespielt, dass er
den Ball unbedrängt volley ins Tor
schießen konnte. Das 1:0 beflügelte
den Tabellenvierten noch mehr, so dass
fünf Minuten später der mexikanische
Torjäger Chicharito nach Bellarabis
formvollendetem Zuspiel das 2:0, sein
16. Saisontor, erzielte. Der qualitative
Unterschied zwischen einem Spitzenteam und einer Elf aus dem gehobenen
Mittelstand der Liga wurde in diesen
Minuten deutlich sichtbar. Spielte sich
Bayer auch auf engem Raum mit großer Leichtigkeit durch die Kölner Defensive, hofften die Kölner auf ein,
zwei präzise Konter. Die aber versandeten vor der Pause, weil vor allem der freche Bittencourt seine sehenswert herausgespielten Gelegenheiten nicht abschließen konnte.
Nach dem Wechsel wurden die Kölner zwar konkreter, ohne damit erfolgreicher zu sein. Bayer verteidigte seinen Vorsprung und hatte auch etwas
Glück, dass der FC eine Reihe von
Chancen nicht nutzen konnte. Zoller
(59./69.), Bittencourt (68.), Hartel (86.)
und Hosiner (89.) gingen leer aus. Der
Schlusspunkt der Auseinandersetzung
war dann sehr farbig: Bittencourt sah
nach einem brutalen Foul an Hosiner
(90.+5) die Rote und Wendell wegen eines Faustschlags die Gelb-Rote Karte.
Real gelingt
Frustbewältigung,
Barcelona patzt
SAN SEBASTIÁN/MADRID (dpa).
Real Madrid hat sich mit einem Pflichtsieg über Eibar auf das Rückspiel in
der Champions League gegen den VfL
Wolfsburg eingestimmt. Der FC Barcelona macht die spanische FußballMeisterschaft derweil noch mal spannend. Das Team um den argentinischen Weltstar Lionel Messi musste
sich am Samstag bei Real Sociedad San
Sebastián 0:1 geschlagen geben. Der
Vorsprung in der Primera División vor
dem Tabellenzweiten Atlético Madrid
schmolz durch die Niederlage auf drei
Punkte zusammen. Die Mannschaft
aus der Hauptstadt siegte 3:1 bei Espanyol Barcelona. Für den einzigen Treffer in San Sebastián sorgte Mikel Oyarzabal nach fünf Minuten. Der deutsche
Nationaltorwart Marc-André ter Stegen saß bei Barcelona wie gewohnt in
der Liga 90 Minuten auf der Bank. Für
Atlético wendeten nach einem frühen
Rückstand noch Fernando Torres
(35.), Antoine Griezmann (58.) und
Koke (89.) die Partie bei Espanyol und
sicherten den Erfolg.
Drei Tage nach dem 0:2 in der Königsklasse in Wolfsburg betrieb Real
mit einem 4:0-Heimsieg Frustbewältigung. Die Königlichen bleiben Tabellendritter mit allerdings nur noch vier
Punkten Rückstand auf Barcelona.
James Rodríguez brachte Real schon
nach vier Minuten per Freistoß in Führung. Lucas Vázquez (18.), Cristiano
Ronaldo mit seinem 30. Saisontor
(19.) und Jesé (39.) sorgten noch vor
der Pause für die Entscheidung. RealTrainer Zinédine Zidane hatte vor dem
Rückspiel im Champions-League-Viertelfinale gegen Wolfsburg am Dienstag
in Madrid Stammspieler wie Weltmeister Toni Kroos und den Waliser Gareth
Bale auf der Bank gelassen.
Sport
M O N TAG , 1 1 . AP R I L 2 0 1 6 · NR . 8 4 · S E I T E 29
Özils Treffer
zu wenig
Und der Sieger heißt FC Bayern
Erst engmaschige
Kontrollen, dann
offene Tore: Schalke
und Dortmund
kommen im Revierderby spät in Fahrt.
Nach dem 2:2 beträgt
der Rückstand des BVB
auf den Tabellenführer
sieben Punkte.
Von Richard Leipold
GELSENKIRCHEN. In der zweiten Hälfte wurde das Revierderby auch für die Zuschauer interessant. Als Hauptgewinner
durfte sich nach dem 2:2 zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund aber der FC
Bayern München fühlen. Da der Bundesliga-Zweite in Gelsenkirchen zwei Punkte
liegenließ, ist der Vorsprung des Tabellenführers fünf Runden vor dem Saisonende
auf sieben Punkte gewachsen. Das dürfte
für den BVB als einzigen Verfolger nicht
mehr aufzuholen sein. Das Derby nahm
erst nach der Pause Fahrt auf, wurde dann
aber zu einem spannungsgeladenen Nachbarschaftsduell von hohem Unterhaltungswert. Shinji Kagawa (49. Minute) und Matthias Ginter (56.) brachten Dortmund
zweimal in Führung, doch Schalke ließ
sich diesmal nicht einschüchtern, sondern
schlug zurück und sicherte sich dank der
Tore von Leroy Sané (51.) und Klaas-Jan
Huntelaar (66.) den verdienten Ertrag von
einem Punkt, den der eingewechselte Max
Meyer kurz vor Schluss sogar hätte verdreifachen können.
Nach dem schwachen Auftritt zuletzt in
Ingolstadt hatten die Fans des FC Schalke
04 die Profis des Klubs plakativ darauf hingewiesen, worauf in diesem Malocherklub
traditionell viel Wert gelegt wird. „Spieler
in unseren Farben laufen, grätschen, spielen & kämpfen bis zum Umfallen“, stand
in dicken Lettern auf einem Spruchband,
das fast die gesamte Länge der Nordkurve
ausfüllte. Als die Profis nach dem Warmmachen wieder in der Kabine verschwunden waren, rollten die Anhänger das
Transparent wieder ein und widmeten
sich mit Schmährufen dem ungeliebten
Nachbarn. Der Kritik am eigenen Personal sollte ein gemeinsamer Kraftakt gegen
den Lieblingsfeind der Schalker folgen.
Um dieses Ziel zu erreichen, hatte Cheftrainer André Breitenreiter die Mannschaft aufgeboten, die er für die bestmögliche hielt. Sein Dortmunder Gegenüber
Thomas Tuchel dagegen schickte eine Art
B-Elf auf den Rasen der ausverkauften
Arena. Die Bank des BVB war für lauter
Stars reserviert: Ilkay Gündogan, Henrich
Mchitarjan, Marco Reus, Pierre-Emerick
Aubameyang, Lukasz Piszczek, Gonzalo
Castro und Roman Weidenfeller: Alle sieben „Ersatzmänner“ hatten zuletzt in der
Europa League gegen den FC Liverpool
von Anfang an gespielt und sollen am
kommenden Donnerstag vermutlich auch
dazu beitragen, Dortmund trotz des 1:1
aus dem Hinspiel noch ins Halbfinale zu
bringen. Marcel Schmelzer und Julian
Weigl, zwei weitere Stammkräfte, standen
nicht einmal im Aufgebot für diesen Ruhrgebietsklassiker, den viele als „Mutter“ al-
Vardy trifft für Leicester
Im Derby geht’s zur Sache: Leitner bekommt die Gegenwehr von Geis und Caicara zu spüren.
ler deutschen Fußball-Derbys betrachten.
Woraus solche Spiele ihren besonderen
Reiz beziehen, ließ sich aus dem Geschehen auf dem Platz zunächst nicht erschließen. Das Rasengeviert wirkte wie eine große neutrale Zone, in der es weitgehend unaufgeregt zuging. Die erste Halbzeit war
schon zur Hälfte vorbei, als zum ersten
Mal sichtbar wurde, dass die engmaschigen Kontrollen der Ordnungskräfte in
blauen und gelben Trikots nicht alles unterbinden konnten. So nutzte Christian Pulisic eine Lücke im Gelsenkirchener Sicherheitssystem, um in den Strafraum einzudringen und den ersten gefährlichen
Torschuss der Partie abzugeben. Der Ball
verfehlte aber knapp das lange Eck. Auch
der Heimelf fehlte es zumeist an Ideen
und Intuition, und doch hätte Schalke gegen Ende des ersten Durchgangs in Führung gehen können. Erst traf Sané mit einem Distanzschuss den Pfosten, dann
nahm Junior Caicara Tempo auf, verfehlte
aus vollem Lauf aber das Ziel.
Diese Torschüsse wirkten wie das Versprechen für die zweite Hälfte. Und beide Mannschaften hielten dieses Versprechen. Nach Wiederanpfiff gingen sie sofort dazu über, den Unterhaltungswert zu
steigern – zunächst mit drei Toren innerhalb von sieben Minuten. Den Anfang
machten die Borussen mit einem Treffer,
der das Prädikat „künstlerisch wertvoll“
verdiente. Moritz Leitner, ein talentierter, aber nicht etablierter Spieler, leistete
mit der Hacke die Vorarbeit, und Kagawa
hob den Ball mit viel Geschick ins Eck.
Gegen ihre Gewohnheit, sich von Rückständen aus der Bahn werfen zu lassen,
schlugen die Schalker schon zwei Minuten später zurück. Nachdem BVB-Torhüter Roman Bürki einen scharfen Schuss
von Caicara hatte abwehren können, gelang Sané im Nachschuss der Ausgleich.
Aber auch Dortmund zeigte sich widerstandsfähig.
Matthias Ginter verwertete einen Freistoß von Mchitarjan, der Mats Hummels
Foto dpa
abgelöst hatte, mit dem Kopf zur abermaligen Führung. Inzwischen hatte sich ein
Schlagabtausch entwickelt, den beide
Parteien mit Lust und Laune führten.
Auch Klaas-Jan Huntelaar, zuletzt weder
in der niederländischen Nationalelf noch
bei Schalke berücksichtigt, war mitten
im Geschehen. Als er in einem der vielen
Duelle mit Sokratis den gegnerischen
Verteidiger zu einem Foul zwang, erkannte Schiedsrichter Felix Zwayer zu Recht
auf Elfmeter. Huntelaar trat selbst an,
verzögerte den Anlauf und beförderte
die Kugel flach ins rechte Eck. Alles war
wieder offen und das Spiel blieb bis zum
Ende spannend. Für die Schlussphase
wechselte Tuchel noch Aubameyang und
Gündogan ein. Die beiden nutzten zwar
die Gelegenheit, sich für Liverpool noch
ein wenig einzuspielen, vermochten aber
nicht zu verhindern, dass der FC Bayern
seinem vierten Meistertitel nacheinander wieder ein Stück näher gekommen
ist.
Ein Prise der alten Effizienz
Guardiola schützt den Rekordmeister vor Vidal, dann läuft alles wie immer gegen den VfB Stuttgart
STUTTGART. Vier Tage zuvor, beim
1:0-Sieg des FC Bayern München im Viertelfinalhinspiel der Champions League
über Benfica Lissabon, hatte alle Welt Arturo Vidal eine reife Leistung bescheinigt. Der 28 Jahre alte Chilene erzielte
das Tor des Tages, bewahrte seine Mannschaft vor Gegentreffern und war immer
dann und dort zur Stelle, wo er dringend
gebraucht wurde. Am Samstag, beim
3:1-Erfolg des Meisters und BundesligaPrimus in Stuttgart gegen den VfB, drängte es den sperrigen Südamerikaner mit
der hahnenkammartigen Kampffrisur
aufs Neue in den Vordergrund: diesmal
in der Rolle des bockigen Kindskopfs.
Statt den Ball wie gegen Benfica ein paarmal perfekt zu treffen, grätschte er diesmal seinen Gegenspieler Didavi um und
trat Sekunden später, für sein erstes grobes Foul verwarnt (22. Minute), Insúa
auf den Fuß (23.). Der Rostocker Schiedsrichter Bastian Dankert schien fast ein
wenig erschrocken, dass sich der aggressive Vidal von der Signalfarbe Gelb nicht
bremsen ließ, und ermahnte den Heißsporn, dem sein spanischer Kollege Xabi
Alonso ob dessen Unbeherrschtheit den
Vogel zeigte, ein letztes Mal.
Auf der Münchner Bank hatte sich unterdessen eine spürbare Unruhe breitgemacht, da eine frühe Gelb-Rote Karte für
einen der Schlüsselspieler aus den eigenen Reihen die Gefahr einer Niederlage
im Südklassiker der Fußball-Bundesliga
heraufbeschworen hätte. Damit wäre die
Rekordmission vierter Titelgewinn in Serie womöglich aufs Spiel gesetzt worden
angesichts des hartnäckigen Verfolgers
Borussia Dortmund. Also reagierte Trainer Pep Guardiola folgerichtig, holte den
wilden Vidal vom Platz und ersetzte ihn
durch den auf reguläre Weise stürmischen Thomas Müller (27.). Damit aber
war der Fall Vidal längst nicht erledigt.
Demonstrativ schlug der selbsternannte
„Krieger“ einen Schmollweg hinter der
Mannschaftsbank in Richtung Kabine
ein, weil er genug hatte von einem Spiel,
in dem er vor sich selbst geschützt werden musste. Der diesmal geschonte Kapitän Philipp Lahm nahm sich des beleidigten Vidal zumindest so fürsorglich an,
dass der Mittelfeldspieler knapp neben
der Bank Platz nahm – auf dem kalten Boden der mit 60 000 Zuschauern ausverkauften Arena.
Es spricht für Vidal, dass alle Münchner, die nach Spielschluss den Spezialauftritt dieses Profis bewerteten, milde bis
verständnisvoll urteilten. „Arturo ist ein
guter Junge“, sagte Assistenztrainer Hermann Gerland über den Fighter, der zunächst nicht verstehen wollte, warum
man ihm sein liebstes Spielzeug weggenommen hatte. „So gefährlich, wie er oftmals aussieht, und so extrem, wie er
manchmal aussieht, Arturo ist ein ganz
Lieber“, hob Sportvorstand Matthias
Sammer in beinahe väterlicher Fürsorge
hervor. „Er will immer spielen, er will
nie runter, das ist doch klar. Die Gestik
des Schiedsrichters war jedoch eindeutig, also musste man reagieren.“ Franck
Ribéry, der beste Münchner in einem
durchwachsenen
Bayern-Spiel,
beschrieb Vidal als einen „sehr wichtigen
Spieler“ und einen „großen Charakter“,
der am Mittwoch im Rückspiel gegen Lissabon „hoffentlich wieder zu hundert
Prozent auf dem Platz ist“. Vidal selbst
gab sich, als der Sieg in Stuttgart gesichert war, endlich auch einsichtig: „Ich
Das schmerzt: Vidal langt hin, Didavi bekommt es zu spüren.
Foto AFP
habe gleich gemerkt, dass mir die nächste Karte drohte.“ Das allerdings hat er in
den Momenten, da er zum Risikofaktor
wurde, gut zu verbergen gewusst.
Schließlich setzte sich auch an diesem
Stuttgarter Nachmittag mit Nebenschauplätzen die Normalität durch. Die Bayern gewannen auch diesmal gegen den
VfB wie in den 14 Pflichtspielen zuvor,
wurden dabei von dem ehemaligen
Münchner Georg Niedermeier durch dessen Eigentor (31.) unterstützt, erhöhten
durch Alabas widerstandslos in Kauf genommenen Treffer zum 2:0 (52.), gerieten nach Didavis künstlerisch wertvollem 1:2 (63.), einer Sitzfußball-Bogenlampe, noch einmal in Bedrängnis und sicherten ihren 3:1-Sieg durch Costas haltbaren Distanzschuss (89.) ab. Eine frische Prise der alten Effizienz nehmen
die Münchner also mit nach Lissabon,
wo es am Mittwoch einen 1:0-Vorsprung
zu verteidigen oder auszubauen gilt.
Sonst aber wirkte wie so oft in den vergangenen Wochen so manches am
Münchner Spiel wackliger und labiler als
gewohnt. Mag sein, dass der permanente
Siegzwang in der entscheidenden Saisonphase hier und da seine Spuren hinterlässt. Sammer zumindest wünscht sich
für den Schlussspurt dieser Spielzeit wieder ein bisschen mehr Kür als Pflicht.
„Man muss den Spielern die Freude an
der Möglichkeit, etwas zu gewinnen, wieder ein bisschen mehr anmerken“, sagte
er beim Blick zurück auf ein Spiel, in
dem Guardiola mit der frühen Auswechslung von Vidal die beste Entscheidung
des Tages getroffen hatte. „Mit Müller“,
stellte der Stuttgarter Verteidiger Emiliano Insúa richtigerweise fest, „waren die
Bayern stärker als vorher.“ Aber auch
nicht so stark, um schon lebhaft an die
alte Souveränität aus dem Herbst des vorigen Jahrs erinnern zu können.
ROLAND ZORN
LONDON (dpa). Der FC Arsenal muss
die letzten Hoffnungen auf die Meisterschaft in der englischen Premier
League wohl begraben. Trotz eines
Treffers von Weltmeister Mesut Özil
sind die Gunners nur zu einem 3:3 bei
West Ham United gekommen. Sie bleiben mit dreizehn Punkten Rückstand
auf Spitzenreiter Leicester City Tabellendritter. „Wenn wir noch eine Chance auf die Meisterschaft haben sollten,
haben wir es für uns heute noch schwerer gemacht“, sagte Arsenal-Trainer Arsène Wenger nach dem spektakulären
Londoner Derby. „Was für ein verrücktes Spiel. Aber ein Punkt ist besser als
keiner“, schrieb Nationalspieler Özil
bei Twitter.
Der Spielmacher brachte sein Team
in der 18. Minute in Führung, Alexis
Sanchez erhöhte nach 35 Minuten auf
2:0. Doch dann kam der große Auftritt
von West-Ham-Stürmer Andy Carroll.
Mit einem Hattrick innerhalb von acht
Minuten (44./45.+2/52.) drehte der Angreifer die Partie. Arsenal kam in der
70. Minute durch Laurent Koscielny
noch zum 3:3-Ausgleich. „Wir haben
eine Reaktion gezeigt und sind wieder
zurückgekommen. Dennoch sind wir
enttäuscht, dass wir die Tore nicht verhindern konnten“, erklärte Wenger.
Sein Kollege Slaven Bilic schwärmte:
„Es war ein großartiges Spiel. Unglaublich.“
Leicester gewann das Auswärtsspiel
beim FC Sunderland durch zwei Tore
des englischen Nationalstürmers Jamie
Vardy am Sonntagnachmittag mit 2:0.
Nach torloser erster Hälfte drehte der
überragende Spieler der Saison gegen
den Abstiegskandidaten aus dem Nordosten, für den der frühere Bayern-Profi
Jan Kirchhoff spielte, auf. Vardy traf in
der 66. Minute und der fünften Minute
der Nachspielzeit. Holt Leicester City,
für die wieder der frühere deutsche Nationalspieler Robert Huth verteidigte,
aus den ausstehenden fünf Spielen
neun Punkte, ist der Mannschaft die
Meisterschaft nicht mehr zu nehmen.
Manchester City hat das Arsenal-Remis ausgenutzt. Vor dem ViertelfinalRückspiel in der Champions League gegen Paris Saint-Germain am Dienstag
gewann Manchester gegen West Bromwich Albion mit 2:1 und verkürzten
den Rückstand als Tabellenvierter auf
Arsenal auf zwei Punkte. Sergio Agüero (19./Foulelfmeter) und Samir Nasri
(66.) trafen für das künftige Team von
Bayern-Trainer Pep Guardiola. Zuvor
hatte Stéphane Sessegnon nach sechs
Minuten die Albions in Führung geschossen. Das 0:1 bei Swansea City bedeutete die erste Niederlage für Chelseas Interimstrainer Guus Hiddink im
15. Premier-League-Spiel. Sie beendete
zudem die Hoffnungen auf die Teilnahme an einen internationalen Wettbewerb. Den Treffer für Swansea erzielte
der frühere Hoffenheimer Profi Gylfi Sigurdsson in der 25. Minute.
Fußball-Notizen
Benfica müht sich
Benfica Lissabon hat die Generalprobe
für das Rückspiel im ChampionsLeague-Viertelfinale gegen den FC Bayern München mit Mühe bestanden.
Beim 2:1-Sieg des portugiesischen Fußball-Rekordmeisters bei Abstiegskandidat Académica Coimbra gelang der
Siegtreffer durch den Mexikaner Raúl
Jiménez erst in der 85. Minute. Nach
Coimbras Führungstor durch Pedro
Nuno (17.) hatte der Grieche Konstantinos Mitroglou (39.) am Samstag den
zwischenzeitlichen Ausgleich erzielt.
Der Titelverteidiger konnte an der Spitze den Drei-Punkte-Vorsprung gegen
Stadtrivale Sporting, der 3:1 gegen Marítimo gewann, fünf Runden vor Meisterschaftsende verteidigen. BenficaTrainer Rui Vitória schonte keinen
Stammspieler. (dpa)
Juventus schlägt Milan
Juventus Turin bleibt an der Tabellenspitze der italienischen Serie A souverän. Ohne den gesperrten Nationalspieler Sami Khedira feierte der Spitzenreiter am Samstagabend einen 2:1-Sieg
beim AC Mailand. Der frühere BayernProfi Mario Mandzukic (27. Minute)
und Paul Pogba (65.) sicherten den Erfolg, nachdem der Brasilianer Alex
(18.) die Gastgeber in Führung gebracht hatte. (dpa)
Dresden und Aue vor Aufstieg
Statt es bei einer wilden Aufstiegsparty
krachen zu lassen, war beim FußballDrittligaklub Dynamo Dresden nach
dem 0:0 gegen Holstein Kiel die Luft
raus. Dynamo ist dem Aufstieg nahe,
aber praktisch noch nicht durch. Stürmer Justin Eilers vergab in der Nachspielzeit die größte Chance, zudem rettete Kiel gleich zweimal auf der Linie.
Fünf Spieltage vor Saisonende hat Dynamo 15 Punkte Vorsprung und eine
um 27 Treffer bessere Tordifferenz gegenüber dem drittplazierten VfL Osnabrück, der 2:4 bei Rot-Weiß Erfurt verlor. Die Rückkehr in die Zweite Bundesliga nach drei Jahren Abwesenheit ist
nur eine Frage der Zeit. Auch für den
FC Erzgebirge Aue ist der Wiederaufstieg nach dem 1:0 gegen den SV Werder Bremen II und nunmehr acht Punkten Abstand zu Osnabrück nah. (dpa)
Jugend schreibt
SE IT E 30 · M O N TAG , 1 1 . A P R I L 2 0 1 6 · N R . 8 4
Lernen lässt
sich überall
Fürchterlich dumme Roboter
Im Hörsaal der Kinderuni haben Roboter
ihren großen Auftritt.
Sie seien nicht so süß
wie im Film, erklärt
der Dozent und führt
Roboter Gerhard vor.
Der malt im Akkord
und macht nie Pause.
Faszination Technik:
Kinderuni an der PH in
Schwäbisch Gmünd.
Lernort Bauernhof:
Ziegenwirt Felix stellt
eigenen Käse her.
Musik machen an einem
magischen Ort: Besuch
auf dem Jolimont.
oboter sind ein bisschen wie Einhörner. So gibt es sie nicht wie
im Film, und sie sehen auch
nicht so toll und süß aus wie im
Film“, erklärt Dozent Armin Ruch seinen
150 aufmerksamen kleinen Gästen in der
Pädagogischen Hochschule Schwäbisch
Gmünd. Im großen Hörsaal sind die Sitzbänke im Halbrund angeordnet, so dass
alle eine gute Sicht auf die große Leinwand haben. Neben zwei Computerbildschirmen greift ein gelber Roboterarm
ins Leere. Eine Handvoll Mütter und Väter befindet sich unter den Zuhörern. In
Sneakers, Hemd und Jeans ist Lars Windelband, der seit drei Jahren an der PH
die Fächer Technik und ihre Didaktik unterrichtet, zusammen mit dem Dozenten
für Technik Armin Ruch für die heutige
Vorlesung der Kinderuni verantwortlich.
Dreimal im Semester, jeweils samstagvormittags gibt es eine Vorlesung für Kinder
im Alter von acht bis zwölf Jahren. Ziel
sei es, die Kinder für Themen rund um
die Technik, Kunst und Politik zu begeistern und sie an das Hochschulleben heranzuführen, erklärt Windelband.
Der Professor für Sprachwissenschaft
und -didaktik Manfred Wespel gründete
vor sieben Jahren die Kinderuniversität
an der PH. Damit seien sie „dem damaligen Trend“ gefolgt, sagt Wespel. Die
Eberhard-Karls-Universität
Tübingen
veranstaltete 2002 gemeinsam mit dem
„Schwäbischen Tagblatt“ die erste Kindervorlesung, um Kinder für wissenschaftliche Themen zu begeistern. Viele
Hochschulen gründeten danach eigene
Kinderunis.
Daniela Simm, Mutter von drei Kindern, berichtet, dass sie ihren ältesten
Sohn Dominik allein zu den ersten Veranstaltungen geschickt hat. Wenn sie einmal mitkommen konnte, sei sie jedes Mal
fasziniert gewesen, wie selbständig Dominik nach der Vorlesung zur Mensa ging,
um dort mit den anderen zu essen. Heute
ist sie mit ihrer Tochter Tamara, deren
Freundin und ihrem zehnjährigen Sohn
hier.
„Wie stellt ihr euch einen Roboter
vor?“, fragt Windelband die Kindermeute und fordert sie dazu auf, einen Roboter
zu malen. „Wie in der Schule, nicht abgucken!“, fügt der Dozent mit der kleinen,
runden Brille lächelnd hinzu. Alle Kinder, konzentriert über ihr weißes Blatt Papier gelehnt, befolgen brav die Anweisung des Professors. „Es gibt auch kein
Richtig oder Falsch. Wir geben hier keine
Noten, wir sind die Uni und nicht die
R
Klingender
Zauberberg
Musik macht den Jolimont
zu einem magischen Ort
ine halbe Stunde muss man für den
Aufstieg rechnen, denn einen Bus
gibt es nicht, um auf den 603 Meter
hohen Tafelhügel oberhalb des Bieler Seelandes zu gelangen, doch nicht nur die Abgeschiedenheit macht den Jolimont zu einem magischen Ort. Am Anfang haben
immer alle Lagerteilnehmer Respekt vor
dem altehrwürdigen Gut, in dessen im holländischen Landhausstil gebauter Villa
seit mehr als 50 Jahren Musikferienwochen stattfinden. Dann klingt von überallher Musik, aus der Küche und dem Salon,
aus dem Badezimmer, den Schlafsälen,
von den Balkonen und aus dem Garten.
Es wird getanzt, Theater gespielt oder
sogar ein Film gedreht. Die Gäste füllen
das Haus mit Witzen, Streichen, Gelächter und bezaubernder Musik. Die zwanzigjährige Annina Bühlmann schwärmt:
„Auf dem Jolimont gibt es keinen Leistungsdruck. Und egal, wie gut man spielt,
jeder wird akzeptiert.“ Die ein Jahr jüngere Carla Vasella stimmt ihr zu. „Man kann
total selbständig arbeiten, niemand wird
gezwungen, irgendwo mitzumachen, und
man kann selbst entscheiden, wann und
wie oft man üben möchte, und trotzdem
bekommt man immer Unterstützung,
wenn man sie braucht.“ Die Musik ist beinahe ausschließlich klassisch. Es gibt keine E-Gitarren, aber fünf Klaviere und
zwei Flügel. Man kann nicht in die Stadt.
Aber wer die Freiheit hat, zu tun, was er
möchte, verbringt die Nachmittage lieber
am Bielersee oder im Salon. „Es ist einfach eine kleine Welt für sich, in der man
vergisst, dass überhaupt noch etwas außerhalb dieses Bergs existiert“, sagt die vierzehnjährige Mira Billeter.
Es gibt auch keine großen Lautsprecher
oder gar einen Fernseher, nein, dafür gibt
es aber im Sommerlager vier Ballabende,
an denen manchmal bis vier Uhr morgens
Walzer und Salsa zu selbstgespielter Musik getanzt wird. In Kostümen aus den letzten fünf Jahrhunderten sitzen dann Mädchen und Jungen da, warten, bis sich die
Flügeltüren zum Cheminee-Zimmer öffnen, hinter denen die ersten Takte des Kaiserwalzers hervorklingen.
Die Familie Gex bewirtschaftet zurzeit
in der vierten Generation das Jolimontgut, das im Besitz der Familie de Pury ist.
Der Zufall wollte es, dass David Tillmann
im Jahre 1961 in einer Gewitternacht die
Zwillingsschwester der jungen Frau de
Pury kennenlernte, als er mit einigen Kindern in einem ausgemusterten Hotel eines
seiner ersten Musiklager veranstaltete. So
entstand die Verbindung zum Jolimont,
1963 fand das erste Musiklager in der Villa
statt. Kurz danach brachte David Tillmann seine Schulklasse ein paar Wochen
auf den Berg und lernte dabei seine zukünftige Frau Regine Tillmann-Pfaehler
kennen, mit der er eine Familie und die Jolimont-Schule gründete.
Kinder der sechsten Klasse, vor allem
solche mit Schwierigkeiten in der Schule,
konnten sich im Semester auf dem Berg
neu orientieren, und herausfinden, auf
was sie hinarbeiten möchten. Barbara Tillmann, Tochter von Regine und David, erzählt: „Die Kindheit, die wir erlebt haben,
war für uns nichts Außergewöhnliches. Im
Winter lebten wir in Zürich in der kleinen
Wohnung im sechsten Stock und im Sommer auf dem Jolimont, im großen Haus inmitten von Bäumen, Feldern und dem
Wald. Jeden Frühling packten wir unsere
Sachen.“ 33 Jahre, bis 1997, bestand die
Schule, bevor die Tillmanns sich entschlossen, nur noch Musiklager anzubieten. Geweckt werden die Schüler, damals wie heute, von der Morgenmusik; zu jener Zeit
spielte David Tillmann selbst noch im
Gang ein Stück auf der Geige, heute sind
es die Leiter oder einer der rund 200 Teilnehmer, die in jedem Jahr aus allen Ländern, von Holland bis zu den Vereinigten
Staaten, auf den Jolimont reisen.
Kinder und Jugendliche der Musiklager,
die erst seit einem Jahr ihr Instrument kennen oder demnächst ihr Musikstudium beginnen werden, bezahlen je nach Lager
580 bis 1050 Schweizer Franken. Und bei
jedem einzelnen Lager, egal, ob im Herbst
für Kinder von sieben bis zwölf Jahren
oder dem Musikwochenende für Erwachsene, die Tillmanns sind immer dabei. Die
Warteliste ist ellenlang. Spätestens wenn
die letzten Töne von Kreislers Liebesleid
verklungen sind, das letzte Mal die Aussicht auf die Dreiseenlandschaft bewundert worden und die Zeit des Abschieds gekommen ist, kullern die Tränen.
E
Christiane Palm
Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon
F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G
Schule“, scherzt Ruch. Anfangs sind die
Kleinen noch zurückhaltend, und nur ein
Mädchen zeigt auf, als der Professor
fragt, wer denn sein Bild vorne an der
Leinwand zeigen möchte. Die mutige
Achtjährige in rosa Kleid und mit braunem Zopf stellt sich neben die Dozenten
und präsentiert stolz ihren selbstgemalten Roboter. Von den zu Beginn schüchternen Kindern fliegen immer mehr Hände in die Luft. Als Nächstes kommt ein
rothaariger Neunjähriger und präsentiert
einen ähnlichen Roboter. Alle applaudieren. Es folgt eine Elfjährige. Ihr Roboter
unterscheidet sich deutlich von den
Zeichnungen, es ist ein runder, flacher
Kasten. „Habt ihr so einen Zu Hause?“,
fragt Ruch neugierig. Darauf ein Nicken.
Windelband übergibt das Wort an seinen akademischen Mitarbeiter: „Wisst
ihr, Kinder, ich kann zaubern, ich weiß
nämlich, was ihr für Roboter gemalt
habt.“ Er fragt die Kinder, was ihnen auffalle, wenn sie sich ihre Zeichnungen genauer anschauen. „Sie sehen alle aus wie
Menschen und haben alle einen Kopf“,
sagt ein Kind. „Einen viereckigen Kopf“,
ergänzt Ruch. „Aber so sehen höchstens
eure Augen aus, wenn ihr zu viel fernseht.“ Lautes Lachen. „Sie haben auch
alle Arme“, schreit einer aus der ersten
Reihe. Ruch gibt den Kindern recht und
zeigt einen uralten Film: eine vor 100 Jahren entstandene Zukunftsvision, wie sich
die Menschen damals Roboter vorstellten. Genau die gleiche Vorstellung, die
Kinder haben, wenn sie an Roboter denken. Ruch ist der festen Überzeugung,
das sei eindeutig den Kinderfilmen zu
verdanken, aus denen er anschließend
den Kindern auf der großen Leinwand
kurze Ausschnitte zeigt.
„O Wall-E“, hört man die Kinder begeistert aufschreien, und sie zeigen mit
dem Finger auf den kleinen süßen Roboter mit den großen Glupschaugen. Auch
die Star-Wars-Szene, bei der ein furchteinflößender Roboter auf der Leinwand
erscheint, lässt die Kinder nicht kalt.
Dann führt Ruch ein Video von Industrierobotern vor: Es erscheinen Roboterarme, die fleißig Bauteile zusammenzufügen, aber auch tanzende Industrieroboter, die die Belegschaft zum Lachen bringen.
„So, Kinder, und das hier ist der fleißige Gerhard.“ Armin Ruch schiebt den unbeachtet etwas abseits stehenden gelben
Roboterarm direkt vor die Leinwand.
„Damit er freundlicher aussieht, habe ich
ihm einen Kopf aufgesetzt, dass auch alle
Kinder schön lachen.“ Der fleißige Gerhard ist ein gelber Roboterarm mit hellbraunem Holzkasten, von dem ein freundliches Smiley herüberlacht. Er hält einen
roten Filzstift in seinem Greifarm und beginnt zu malen, sobald Ruch ihn von seinem Board aus steuert. Auf ein weißes
Blatt Papier zeichnet Gerhard einen roten Roboter mit Kopf, Armen und Beinen. Windelband erklärt: „Er kann tagelang arbeiten, ohne dass er essen oder
schlafen muss.“ Glück gehabt, das heißt
nämlich, dass jedes Kind nachher auch
ein solches Roboterbild bekommt.
Auf der Leinwand erscheinen nun Bilder von alten Fabriken, die die Arbeitsbedingungen vor hundert Jahren zeigen.
Schwere Arbeiten hätten die Menschen
damals in Handarbeit oder nur mit geringer Unterstützung von Maschinen verrichten müssen, erklärt er. „Heute gibt es
überall Roboter, wo es gefährlich ist“, erklärt Ruch und zeigt ein Bild, auf dem ein
Roboter zu sehen ist, der Wartungsarbeiten an einer Raumstation verrichtet.
„Roboter gibt es auch überall dort, wo
es schmutzig ist, dort, wo man schwer arbeiten muss, und dort, wo es echt langweilig ist.“ Er zeigt ein Bild, auf dem ein
Roboter am Laufband ständig dieselbe
Bewegung macht, ein Werkstück greift,
anhebt und es auf einem anderen Laufband wieder ablegt. Dem Roboter aber
sei das egal, wie lange er dasselbe machen müsse. Als Nächstes erscheint ein
Bild von Adam und Eva. „Was haben
wohl Adam und Eva in der Technik zu suchen, wir sind ja nicht bei Kunst oder Religion?“ Das E stehe für Eingabe, das V für
Verarbeitung und das A für Ausgabe. „Roboter sind eigentlich furchtbar dumm, sie
sind nicht ganz so, wie sie in den Filmen
immer dargestellt werden. Einhörner
gibt es schließlich auch nicht wirklich.“
Um zu verdeutlichen, wie Roboter auf Befehle reagieren und diese verarbeiten,
spielt er ein Spiel: Wenn ein blaues Feld
auf der Leinwand erscheint, müssen alle
im Hörsaal eine Hand in die Luft strecken, sobald ein rotes Feld erscheint, bedeutet das für alle, beide Hände in die
Höhe zu heben. Es wird still. Rot – alle
Kinderhände im Saal fliegen hoch.
Gegen Ende bringt Ruch die Kinder
nochmals richtig zum Lachen. Er zeigt ihnen, wie dumm Roboter auch sein können. Auf der Leinwand erscheinen Videos von torkelnden Robotern, Roboter,
denen es nicht gelingt, durch „eine blöde
Tür zu laufen“, bis hin zu Robotern, die
einfach umfallen, auf Eis ausrutschen,
nicht Fußball spielen können oder einfach explodieren. Zur Krönung erscheint
ein Roboter, der über einen Tisch flitzt
und den Ketchup quer über den Tisch verteilt, anstatt den Burger, der in der Mitte
des Tisches steht, zu treffen. Die Kinder
toben vor Lachen.
Vor allem das Mittagessen nach der
einstündigen Vorlesung sei für ihre Kinder jedes Mal ein Highlight, sagt Daniela
Simm. Besonders für ihre achtjährige Tamara, der in der Stunde im Hörsaal oft zu
lange geredet wird. Ihrer Tochter sei es
die ersten Male schwergefallen, sich längere Zeit zu konzentrieren. Während Tamara und ihre Freundin darauf warten,
ein Bild von dem fleißigen Gerhard gemalt zu bekommen, und Patrick ungeduldig seine Mama mit in die Mensa schleppen will, erzählt Daniela Simm von den
bisherigen Themen der Kinderuni: Es
reicht von „Hat Mozart auch Fußball gespielt?“ über „Schriften der Welt“ bis hin
zu Vorlesungen über Zaubertricks. Besonders toll fand sie die Vorlesung über Wahlen und Parteien, bei der jedes Kind zum
Schluss eine Stimme für seinen Parteifavoriten abgeben durfte. Und an die Vorlesung über gesunde Ernährung werde sie
jedes Mal erinnert, wenn sie am Kühlschrank die magnetische Ernährungspyramide kleben sieht.
Aileen Heselich
Rosenstein-Gymnasium, Heubach
Schüler und Ziegenkäseproduzent
Täglich füttert, tränkt und melkt Felix seine Ziegen und berichtet gern übers Hofleben
ie Hühner picken im Gras nach
Nahrung oder plustern sich in ihrem Freilaufgehege unter einem
wolkenlosen Himmel. Enten dümpeln im
Bach, Ziegen grasen mit ihren Jungtieren
auf der Weide hinter dem Hof. Auf dem
Bauernhof der Familie Würtz in Dierbach im Landkreis Südliche Weinstraße
in Rheinland-Pfalz ist das noch Realität.
Hier lebt Felix Würtz, ein 16-jähriger
Schüler und Ziegenkäseproduzent, mit
seiner Familie. Äußerlich ähnelt der junge Mann in Jeans mit Brille und braunen
Haaren seinen Altersgenossen. Nur die
robusten Arbeitsschuhe fallen auf. Der
Betrieb wird von seinem Vater Bernhard,
der hauptberuflich Schulsozialarbeiter
ist, im Nebenerwerb bewirtschaftet.
An seinem elften Geburtstag bekam
Felix seine erste Ziege geschenkt und begann seit diesem Tag die Ziegenmilch zu
Käse zu verarbeiten. Was als Rettung der
nahrhaften Milch vor dem Wegwerfen begann, endete mit der Käseproduktion zur
Aufbesserung des eigenen Taschengelds, erzählt der Schüler. Er hilft gerne
auf dem Bauernhof mit, aber seine Hauptaufgabe ist die Versorgung seiner Ziegen.
Täglich füttert, tränkt und melkt er sie.
Im Sommer treibt er sie auf die Weide,
und im Winter, wenn die Tiere im Stall
stehen, mistet er diesen aus. Zu einer Art
Sport scheint der junge Ziegenwirt das
Melken auserkoren zu haben. In dieser
Disziplin ist er einer der Schnellsten auf
dem Hof. Nur eine Minute und 16 Sekunden benötigt er, um zwei Liter Milch von
einer Ziege zu erhalten.
Fast jeder, der im Urlaub auf einem
Bauernhof schon einmal selbst Hand anlegen durfte, weiß, wie schwierig das Melken sein kann. Felix’ ebenfalls landwirtschaftlich interessierte Bekannten tauschen sich daher gerne mit ihm aus. Anders sei es in seiner Schulklasse, dort könne man seine Interessen oft nicht nachvollziehen. Über mitgebrachten Käse
zum Klassenfrühstück würden sich trotzdem alle freuen. „Meine Klasse hat nie
über mich gelacht, aber fragte öfters, ob
die Arbeit mit den Tieren nicht zu viel für
mich sei“, berichtet Felix. Seine Begeiste-
D
Illustration Claudia Weikert
ZEITUNG IN DER SC HULE
Verantwortlich: Dr. Ursula Kals
Pädagogische Betreuung:
IZOP-Institut zur Objektivierung
von Lern- und Prüfungsverfahren, Aachen
Ansprechpartner:
Norbert Delhey
An dem Projekt
„Jugend schreibt“ nehmen teil:
Aalen, Justus-von-Liebig-Schule 앫 Ahrensburg,
Stormarnschule 앫 Bad Homburg, Kaiserin-Friedrich-Gymnasium 앫 Bad Kreuznach, Berufsbildende Schule Wirtschaft 앫 Bergisch-Gladbach, Albertus-Magnus-Gymnasium 앫 Berlin, LilienthalGymnasium, Wilma-Rudolph-Oberschule 앫 Blaubeuren, Evangelisches Seminar Blaubeuren 앫 Brixen (Italien), Oberschulzentrum J. Ph. Fallmerayer 앫 Bühl, Windeck-Gymnasium 앫 Celle, Hermann-Billung-Gymnasium 앫 Cottbus, Pücklergymnasium 앫 Deggendorf, Robert-Koch-Gymnasium 앫 Dortmund, Konrad-Klepping-Berufskolleg 앫 Dresden, Romain-Rolland-Gymnasium 앫
Duisburg, Städtische Gesamtschule DuisburgMeiderich Sekundarstufen I und II 앫 Eppingen,
Hartmanni-Gymnasium 앫 Erkelenz, Gymnasium
앫 Euskirchen, Gymnasium Marienschule 앫 Frankenthal, Albert-Einstein-Gymnasium 앫 Frankfurt
am Main, Aktive Schule Frankfurt, Liebigschule 앫
Freigericht,
Kopernikusschule
Fulda,
앫
Marienschule – Gymnasium für Mädchen 앫 Germersheim, Johann-Wolfgang-Goethe-Gymnasium 앫 Gifhorn, Humboldt-Gymnasium 앫 Göppingen, Justus-von-Liebig-Schule 앫 Großkrotzenburg, Franziskanergymnasium Kreuzburg 앫 Hamburg, Christianeum, Friedrich-Ebert-Gymnasium,
Immanuel-Kant-Gymnasium 앫 Hameln, AlbertEinstein-Gymnasium 앫 Hamm, Galilei-Gymnasium 앫 Hannover, Helene-Lange-Schule 앫 Hannover, Wilhelm-Raabe-Schule 앫 Heidelberg,
Bunsen-Gymnasium 앫 Hennef, Carl-Reuther-Berufskolleg 앫 Herxheim, Pamina-Schulzentrum 앫
Heubach, Rosenstein-Gymnasium 앫 Heusenstamm, Adolf-Reichwein-Gymnasium 앫 Hilden,
Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium 앫 Hofgeismar,
Albert-Schweitzer-Schule 앫 Jade, Jade-Gymnasium 앫 Kaiserslautern, Heinrich-Heine-Gymnasium (Sportgymnasium) 앫 Kamp-Lintfort, GeorgForster-Gymnasium 앫 Karlsruhe, Max-PlanckGymnasium 앫 Kassel, Herderschule 앫 Kenzingen, Gymnasium 앫 Köln, Elisabeth-von-Thüringen-Gymnasium, Erzbischöfl. Liebfrauenschule
앫 Lampertheim-Hüttenfeld, Privates Litauisches
Gymnasium 앫 Lauf, Christoph-Jacob-Treu-Gymnasium 앫 Leverkusen, Städtisches Berufskolleg
für Wirtschaft und Verwaltung 앫 Limburg an der
Lahn, Tilemannschule 앫 Lindau, Bodensee-Gymnasium 앫 Lörrach, Hebel-Gymnasium 앫 Ludwigsburg, Goethe-Gymnasium 앫 Ludwigshafen, Berufsbildende Schule Wirtschaft I 앫 Lübeck-Kücknitz, Trave-Gymnasium 앫 Mainz, Rabanus-Maurus-Gymnasium 앫 Marburg, Freie Waldorfschule
앫 Mayen, Megina-Gymnasium 앫 Monheim am
Rhein, Otto-Hahn-Gymnasium 앫 München,
Asam-Gymnasium, Städtisches Adolf-WeberGymnasium, Werner-von-Siemens-Gymnasium,
Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium 앫 Münster,
Marienschule – Bischöfliches Mädchengymnasium, Schillergymnasium 앫 Nieder-Olm, Gymnasium 앫 Nordhausen, Staatliches Gymnasium Wilhelm von Humboldt 앫 Nürnberg, JohannesScharrer-Gymnasium 앫 Nürtingen, HölderlinGymnasium 앫 Öhringen, Richard-von-Weizsäcker-Schule 앫 Oldenburg, Freie Waldorfschule 앫
Paderborn, Goerdeler-Gymnasium 앫 Plauen,
Diesterweg-Gymnasium, Lessing-Gymnasium 앫
Regensburg, Albertus-Magnus-Gymnasium, St.Marien-Gymnasium 앫 Rosenheim, Finsterwalder-Gymnasium, Ignaz-Günther-Gymnasium 앫
Rostock, Christophorus-Gymnasium 앫 Saarbrücken, Ludwigsgymnasium 앫 Schwalmtal, Gymnasium St. Wolfhelm 앫 Schwanewede, Waldschule
앫 Schwarzenbek, Europagymnasium 앫 Schweinfurt, Bayernkolleg, Friedrich-Fischer-Schule 앫
Schwetzingen, Carl-Theodor-Schule 앫 Sokal
(Ukraine), Schule Nr. 3 앫 Sterzing (Italien), Oberschulzentrum Sterzing 앫 Stuttgart, SolitudeGymnasium 앫 Teheran (Iran), Österreichisches
Kulturforum 앫 Trier, BBS EHS 앫 Weinheim, Johann-Philipp-Reis-Schule 앫 Welzheim, LimesGymnasium 앫 Werl, Ursulinengymnasium 앫 Wetzikon (Schweiz), Kantonsschule Zürcher Oberland 앫 Wiesbaden, Friedrich-List-Schule 앫 Zagreb (Kroatien), XVIII. Gimnazija
rung überrascht, da laut einer Umfrage
des Internetportals Statista im vergangenen Jahr der Beruf des Landwirts mit 22
Prozent auf dem fünften Platz der zehn
unbeliebtesten Berufe in Deutschland
steht. Den Grund für die häufige Abneigung der jüngeren Generationen gegenüber diesen Berufen sieht Felix in Vorurteilen. Viele seien überzeugt, dass man
als Land- oder Viehwirt den ganzen Tag
arbeiten müsse und kaum Geld verdiene.
Dass die Realität manchmal auch anders
aussehen kann, verlieren besonders jüngere Menschen leicht aus den Augen.
Außerdem bemängelt der Schüler,
dass dieser Beruf, der ein wichtiges Standbein unserer Gesellschaft bildet, oft geringschätzt wird und unter der Bezeichnung Bauer deklariert wird. Dieses Wort
habe seit dem Mittelalter eine abwertende Wirkung, da zu dieser Zeit der Beruf
mit einem niedrigen sozialen Stand verbunden war.
„Man muss für diesen Beruf mehr Werbung machen und über Vorurteile aufklären, um wieder mehr Interessenten zu finden“, sagt Felix Würtz. In RheinlandPfalz gibt es immer weniger landwirtschaftliche Betriebe: Waren es 1950 noch
200 000 Höfe, waren es nach Angaben
des SWR 2014 nur noch 19 000 Höfe, die
Anzahl halbiert sich alle 20 Jahre. Diese
Entwicklung birgt Herausforderungen.
Eine davon besteht darin, immer mehr
Menschen auf gleich bleibender Fläche
zu ernähren. Laut Deutschem Bauernverband erzeugte ein Bauer im Jahre 2012
Nahrungsmittel zur Ernährung von 129
Menschen, wohingegen er 1950 nur Nahrung für 10 Menschen produzieren musste. Ein Hektar brachte vor etwas mehr als
100 Jahren etwa 18,5 Dezitonnen ein.
Heutzutage liegt der Ertrag viermal so
hoch bei 74,1 Dezitonnen.
Der Druck auf die Landwirte wird
durch neue Auflagen und Anforderungen
stetig höher, wohingegen der Preis oft
nicht dem Arbeitsaufwand entspricht.
Landwirte sind nun Manager ihrer immer professioneller werdenden Betriebe.
Wer keine Nischen besetzen kann, wie
zum Beispiel mit der Ziegentierhaltung,
muss sich diesem ungeschriebenen Gesetz unterwerfen.
Felix lässt sich von solchen Fakten
nicht beunruhigen. Für ihn steht der ganz
besondere Reiz der Viehwirtschaft und
die abwechslungsreiche Arbeit mit den
Tieren im Vordergrund. „Klar sind sie
Nutztiere, aber man baut trotzdem eine
Beziehung zu ihnen auf. Das gibt es bei einer Pflanze nicht“, sagt er. Wenn die Tiere zu alt für die jährliche Befruchtung
sind, die die Milchleistung erhalten soll,
werden sie geschlachtet. Das fällt Felix
nicht immer leicht.
Seiner Meinung nach verkümmere das
Wissen über die Land- und Viehwirtschaft und im Allgemeinen über die Natur zusehends in der Bevölkerung, das sei
in der Stadt wie auch auf dem Land
gleich. Dagegen setzt sich der „Lernort
Bauernhof“ ein, oft nehmen Schulklassen an diesen Programmen teil. Bei einer
dieser Mitmachaktionen bestellen die
Teilnehmer ihr eigenes Feld, um die Ernte einzubringen. Außerdem werden,
wenn erwünscht, Erkundungstouren
über den Hof gemacht. Begeistert berichtet Felix von einer Klasse, die den Hof im
vergangenen Jahr besucht hat. Die Schüler sollten mit einer Schnur schätzen und
abmessen, wie viel Raum einem Schwein
in der konventionellen Masthaltung und
wie viel auf dem Hof der Familie Würtz
zur Verfügung steht. „Da haben sich aber
einige ganz schön verschätzt.“ Die Schüler würden so lernen, woher ihr Essen
stammt und mit welchem Arbeitsaufwand die Produktion verbunden ist.
Ein weiterer Programmpunkt für kleinere Gruppen ist die Ziegenmilchverarbeitung. Den Ziegenkäse stellt Felix
selbst von Hand in der hofeigenen Küche
her. Die aufwendige Produktion nimmt
mehrere Stunden in Anspruch, erfordert
Geduld und präzise Einhaltung der Arbeitsschritte. Nächsten Herbst kommt Felix seinem Traum vom eigenen Betrieb
wieder einen Schritt näher. Dann beginnt er eine Ausbildung zum Land- und
Viehwirt an der Landwirtschaftsschule
in Ettlingen.
Anna Fribiczer, Gymnasium im Alfred-Grosser-
Schulzentrum, Bad Bergzabern
Sport
FRANKFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TU NG
„Ich höre
auf mit dem
Volleyball“
Rückzug der Sponsoren –
Rückzug ins Private
FRANKFURT. Man kann nun wirklich
nicht behaupten, dass Karine Muijlwijk ein Typ ist, der verbrannte Erde
hinterlässt, wenn sie irgendwo ein Engagement beendet. Auffallend fröhlich
tritt die 28 Jahre alte Niederländerin
auf, äußerst beliebt ist die Diagonalangreiferin bei Fans und Mitspielerinnen. Und dazu auch eine erfolgreiche
Volleyballspielerin.
Dennoch fällt ihre Bilanz nach fünf
Jahren Profi-Volleyball in Deutschland
erschütternd aus: Zwei von drei Vereinen, für die sie spielte, werden im kommenden Jahr aus dem Ligabetrieb verschwunden sein. VT Hamburg findet
keine Sponsoren mehr, die Ladies in
Black Aachen haben Insolvenz angemeldet. Und auch der dritte, der VC
Wiesbaden, stand schon mal kurz vor
dem Aus. Karine Muijlwijks Konsequenz aus dieser Misere: „Ich höre auf
mit Profi-Volleyball.“ Es sei ein großer
Schritt, sagte sie im Gespräch mit dieser Zeitung. „Ich werde Volleyball vermissen.“ Aber die Entscheidung müsse
sein. Das Aus ihres aktuellen Vereins
hat ihren Lebensplan komplett
durcheinander geworfen. Nach mehreren Wanderjahren war die aus Gouda
stammende Sportlerin erst vor der Saison nach Hamburg gezogen, um endlich mal mit ihrem Freund zusammenzuwohnen. „Jetzt kann ich doch nicht
nach einem Jahr wieder ausziehen, um
wieder irgendwo neu anzufangen.“
Vermutlich würde es ihr sportlich sogar gelingen: Egal, wo sie bislang spielte, gehörte die ebenso sprung- wie
schlagkräftige 1,82-Meter-Frau sofort
zur Stammsechs. Meistens war sie eine
der besten, wenn nicht die beste Punktesammlerin ihrer Mannschaft. In ihrer stärksten Saison beim VC Wiesbaden 2013/14 zählte sie mit 303 Punkten
aus 20 Spielen sogar zu den drei besten
Am Ende noch eine Ohrfeige
Sport live im Fernsehen
EUROSPORT1: 16.30 Uhr und 19.30 Uhr:
Gewichtheben, EM in Førde/Norwegen, Finale.
SPORT1: 20.15 Uhr: Fußball, zweite Bundesliga:
Fortuna Düsseldorf – RB Leipzig.
(Durch kurzfristige Absagen oder Verschiebungen können sich Übertragungszeiten ändern.)
Ergebnisse
쐽 Basketball
Bundesliga, Männer, 29. Spieltag: Gießen –
Arthur Abraham
scheitert krachend bei
seinem Ausflug in die
große Box-Welt. Der
WM-Titelverteidiger
gewinnt keine einzige
Runde gegen Ramirez.
Von Michael Eder,
Las Vegas
it 36 Jahren fühlte sich Arthur
Abraham – oder wenigstens
sein Management – reif für
Las Vegas. Reif dafür, seinen
Weltmeistergürtel nach Version der World
Boxing Organization (WBO) in der Spielerstadt zu verteidigen. Doch nach zwölf
einseitigen Runden in der legendären
MGM Grand Garden Arena trug nicht er
den Gürtel aus dem Ring, sondern der 12
Jahre jüngere Mexikaner Gilberto Ramirez. Der WM-Titel im Supermittelgewicht
war futsch, und der Traum des späten
Glücks in Amerika war ausgeträumt. Am
Ende von zwölf schmerzlichen Runden
stand auch die Erkenntnis, dass nicht nur
Abraham, der eine offensive Kampfführung und einen deutlichen Sieg angekündigt hatte, sondern auch sein Berliner Promoter Sauerland und Trainer Ulli Wegner
danebenlagen. Offensichtlich hatten sie
Ramirez falsch eingeschätzt, auch wenn
Wegner das nach dem Schlussgong heftig
bestritt. Die Analyse des Gegners sei in
Ordnung gewesen, sagte er, die Taktik
auch, Abraham habe sie nur nicht umgesetzt: „Das war eine Leistung, die Arthur
nicht gebührt.“ Abraham selbst war gezeichnet und tief enttäuscht. Ramirez sei
„viel gelaufen“, sagte er. Er habe gehofft,
ihn ausknocken zu können, „aber ich bin
nicht rangekommen. Es war nicht mein
Tag.“ Die geplanten zwei Wochen Urlaub
in Las Vegas und Los Angeles strich Abraham noch vor der Pressekonferenz. Die
Stimmung war dahin, und sobald die
Schwellungen im Gesicht abgeklungen
sind, in zwei, drei Tagen, will er den Flieger heim nach Berlin nehmen.
Sauerland hatte den Kampf, eine WBOPflichtverteidigung, ersteigert und hätte
ihn auch in Deutschland, in Berlin, veranstalten können, wo Abraham zu Hause ist
und wo er sich zu Hause fühlt. Doch weil
die ARD als TV-Partner und als großer
Geldgeber ausgestiegen ist und Nachfolger Sat 1 seither nur kleine Box-Brötchen
backt, hat Sauerland den Kampf nach
Amerika weiterverkauft und damit auch
den Heimvorteil. Ob der gereicht hätte,
den starken Rechtsausleger zu schlagen?
In Las Vegas jedenfalls hatte Abraham gegen Ramirez mit seinen mexikanischen
Fans im Rücken nicht den Hauch einer
Chance. Die Punktrichter werteten alle
Braunschweig 73:71, Hagen – Mitteldeutscher BC 102:81, Bayreuth – Bremerhaven
99:89, Berlin – Bonn 94:73, Crailsheim – Ludwigsburg 74:75, Göttingen – Oldenburg
74:79, Bamberg – Ulm 100:67. – Tabellenspitze: 1. Bamberg 29 Spiele/54:4 Pkt., 2. Oldenburg 29/46:12, 3. München 28/44:12.
쐽 Boxen
Ergebnisse Boxen, Profi-Veranstaltung in
Potsdam, WBA-Weltmeisterschaft im Halbmittelgewicht (12 Runden): Culcay (Darm-
stadt) – Prada (Venzuela) T.K.o. 10. Runde.
WBA-Intercontinental-Meisterschaft
im
Halbschwergewicht (12 Runden): Kölling
(Berlin) – Tscherwiak (Ukraine) einst. Punktsieg.
쐽 Eishockey
M
Meisterschaftsrunde, Halbfinale, 6. Spieltag:
Nürnberg – Wolfsburg 1:2 (Stand 2:4, Wolfsburg im Finale).
쐽 Fußball
England, 33. Spieltag: West Ham – Arsenal
3:3, Swansea – Chelsea 1:0, Aston Villa –
Bournemouth 1:2, Watford – Everton 1:1,
Southampton – Newcastle 3:1, Crystal Palace
– Norwich 1:0, Manchester City – West Bromwich 2:1, Sunderland – Leicester 0:2. – Tabellenspitze: 1. Leicester City 33 Spiele/72 Pkt.,
2. Tottenham Hotspur 32/62, 3. FC Arsenal
32/59, 4. Manchester City 32/57, 5. Manchester United 31/53.
Italien, 32. Spieltag: Frosinone – Inter Mailand 0:1, Chievo Verona – Carpi 1:0, Sassuolo
– CFC Genua 0:1, AC Mailand – Juventus Turin 1:2, Empoli – Florenz 2:0, FC Turin – Bergamo 2:1, Neapel – Hellas Verona 3:0, Sampdoria Genua – Udinese 2:0. – Tabellenspitze: 1.
Juventus Turin 32 Spiele/76 Pkt., 2. Neapel
32/70, 3. AS Rom 31/63, 4. Inter Mailand
32/58, 5. AC Florenz 32/56.
Spanien, 32. Spieltag: Granada – Málaga
Im Rückwärtsgang: Arthur Abraham hat der Wucht von Gilberto Ramirez nicht viel entgegenzusetzen.
zwölf Runden für den Mexikaner – am
Ende noch eine Ohrfeige für Abraham
und für Sauerland.
Abrahams Taktik, Ramirez aus einer
Doppeldeckung heraus anzugreifen, seine
Kreise einzuengen und ihm möglichst wenig Raum zu lassen, erwies sich schon
nach zwei Runden als Illusion. Ramirez bestimmte den Kampf nach Belieben.
Schnell auf den Beinen und mit glänzender Übersicht hielt er Abraham auf Distanz und deckte ihn mit präzisen Schlägen ein. Schon in Runde zwei musste der
Deutsche eine harte Rechte einstecken,
ein Wirkungstreffer, der ihn durchschüttelte. Abraham fand kein Mittel gegen seinen
14 Zentimeter größeren Gegner, schaffte
es kaum einmal, die Distanz so weit zu verkürzen, dass er mit seiner Schlaghärte Eindruck machen konnte. Schlug er zu, war
der trotz seiner Größe wendige Mexikaner
meist längst woanders. Es war ein Klassenunterschied und erinnerte an die Auftritte
Abrahams vor sechs Jahren im Super-SixTurnier des Supermittelgewichts, in das er
mit großen Erwartungen gegangen war,
dann aber einsehen musste, dass die Allerbesten eine Nummer zu groß für ihn sind.
Die Helden von damals, die Amerikaner
Andre Ward und Andre Direll, der Brite
Carl Froch und der Däne Mikkel Kessler,
sind mittlerweile zurückgetreten oder
eine Gewichtsklasse aufgestiegen, allein
Abraham ist übrig geblieben und so verbandsübergreifend zur Nummer eins im
Supermittelgewicht geworden – bis zu diesem Samstag in Las Vegas, wo er seinem
Alter und wohl auch wieder einer Portion
Selbstüberschätzung Tribut zollen musste.
Ramirez kam mit einer Bilanz von 33
Siegen aus 33 Kämpfen, davon 24 durch
K. o., nach Las Vegas. Bei Sauerland hatte
das keine Alarmglocken schrillen lassen.
Der Junge, der so leise spricht und so brav
und wohlerzogen daherkommt, sollte
Abraham besiegen, den Weltmeister, der
Foto dpa
schon so viele Schlachten geschlagen hat?
Irgendwie hatte das keiner auf der Rechnung. Den Unterschied zur ganz großen
Box-Bühne zeigte der Hauptkampf in Las
Vegas, für den Abraham und Ramirez das
Vorspiel bestritten hatten. Der philippinische Superstar Manny Pacquiao besiegte
den Amerikaner Timothy Bradley nach einem begeisternden Kampf eindeutig nach
Punkten. Bradley musste dabei zwei Niederschläge einstecken.
Und Abraham? Das war’s wohl mit großen Kämpfen in Amerika, auch wenn er
tapfer ankündigte, wiederkommen zu wollen. Der Versuch allerdings, in den Staaten „ein Statement zu setzen“, wie es Promoter Kalle Sauerland erhofft hatte, war
krachend gescheitert. Abraham wurde ordentlich verprügelt. In Las Vegas zu kämpfen sei ein Traum für jeden Boxer, hatte er
vor dem Fight gesagt. Am Ende stand die
bittere Erkenntnis: Manchmal kann es
auch ein Albtraum sein.
„Ich hab’s probiert, den Sport und das
Private zu trennen. Manchmal ging’s
nicht. In den schwierigen Zeiten zum
Training zu gehen ist mir leichter gefallen, als einen Wettkampf zu fahren. Ich
hatte manchmal nicht so den freien
Kopf. Ich hatte in Gedanken immer
sie.“
2014 ließ er die Weltmeisterschaft aus,
um der Freundin im Krankenhaus beizustehen. Bei der WM im September 2015
trat er an. Nach drei Torstangen-Berührungen war schon im Halbfinale Schluss.
Die Aufs und Abs im Heilungsprozess. Immer wieder Rückschläge, weil das Immunsystem in der Krebstherapie niedergemacht wird. Schließlich die verheerende
Lungenentzündung. Sideris Tasiadis
kämpfte zwei Jahre Seite an Seite mit
Claudia Bär. Vergeblich. Seine Freundin
starb am 28. September 2015.
Der Augsburger erhielt viel Zuspruch in
der Zeit danach. Von Vereinskameraden –
von Paddlern weltweit.
„Letztlich musste ich selbst klarkommen. Ich bin mit der ganzen Geschichte
erst zurechtgekommen, wenn ich viel trainiert habe.“
Also trainierte er. Dreimal am Tag, neben der Ausbildung. Wenn er im Boot kniete, konnte er alles ausblenden – gedanklich
abtauchen zwischen den Wellen. Tasiadis
zog die Solo-Vorbereitung dem Training
mit der Nationalmannschaft vor. Er mied
direkte Vergleiche. Ließ die Frühjahrswettkämpfe aus. Flog nach Dubai ins Training.
Die Mannschaft flog nach Sydney.
„Vor ein paar Jahren hätte ich mich
nicht getraut, einfach mein Ding durchzuziehen. Aber mein Trainer hat immer
gesagt, er vertraut mir, wenn er mich
auch nicht jeden Tag sieht. Er weiß, dass
ich ohnehin mehr mache, als er mir aufgibt.“
Sideris Tasiadis ist erwachsen geworden. Er konnte sich schon immer im Training quälen. Der Schicksalsschlag hat ihn
zum Taktiker gemacht.
„Niemand weiß, wie ich drauf bin, und
genau das war das Ziel: Ich wollte mir
nicht in die Karten schauen lassen.“
Bei den Leistungstests im Frühjahr
überragte er. Auch Bundestrainer Michael Trummer bescheinigt ihm, er sei so
stark wie nie. Die Konkurrenz, vor allem
Franz Anton aus Leipzig, ist es vermeintFoto dpa
„Tu alles dafür,
dass du deine
Ziele erreichst“:
Der Spruch seiner
verstorbenen
Freundin Claudia
begleitet Sideris
Tasiadis durch die
einsamen
Trainingseinheiten,
ihr Bild hat er ins
Boot geklebt.
Dritte Liga, 33. Spieltag: Wiesbaden – Mag-
deburg 0:0, Großaspach – Rostock 0:1, Mainz
II – Fortuna Köln 0:1, Aue – Bremen II 1:0,
Dresden – Kiel 0:0, Münster – Cottbus 3:0,
Stuttgart II – Aalen 1:1, Würzburg – Stuttgarter Kickers 2:1, Erfurt – Osnabrück 4:2, Halle –
Chemnitz 1:2. – Tabellenspitze: 1. Dresden
33 Spiele/67 Pkt., 2. Aue 33/60, 3. Osnabrück
33/52, 4. Würzburg 33/51, 5. Großaspach
33/50.
쐽 Golf
US Masters, in Augusta/Georgia (10 Mio.
Dollar/Par 72), Stand nach der 3. Runde: 1.
Spieth (USA) 213 (66+74+73) Schläge, 2.
Kaufman (USA) 214 (73+72+69), 3. Langer
(Anhausen) 215 (72+73+70) und Matsuyama (Japan) 215 (71+72+72), 5. Willett (England) 216 (70+74+72), Johnson (USA) 216
(73+71+72) und Day (Australien) 216
(72+73+71), 8. Kjeldsen (Dänemark) 217
(69+74+74), Snedeker (USA) 217 (71+72+74)
und Westwood (England) 217 (71+75+71), ...
52. Kaymer (Mettmann) 228 (74+75+79).
Marathon in Hannover, Ergebnisse Männer: 1. April (Südafrika) 2:11:27 Std., 2. Kos-
Der Krebs hat dem Slalom-Kanuten Sideris Tasiadis die Freundin genommen – jetzt ist er stärker denn je
AUGSBURG. Plötzlich sieht alles wieder
so leicht aus, wie vor vier Jahren in London. Wie er übers reißende Wasser fliegt,
sich durch die Tore windet, spielerisch,
fast anstrengungslos – unbeschwert. Sideris Tasiadis lacht im Ziel wieder sein charmantes Lächeln. Wie 2012, als er bei
Olympia im Kanuslalom Silber gewann.
Dabei ist nichts mehr wie damals – vor allem nicht Tasiadis selbst. Zwischen größtem Triumph und Schicksalsschlag lag
kaum ein Jahr.
Sie bekamen die Diagnose im Herbst
2013: Blutkrebs bei Tasiadis’ Freundin,
Claudia Bär. Sie ist ebenfalls Kanutin. Von
einem auf den anderen Tag stand das Leben kopf: die kräftezehrende Therapie
und die Folgen, das Organisieren des neuen Alltags im Angesicht der Diagnose, der
ungewissen Zukunft, von der sie plötzlich
nicht wussten, wie lang sie sein würde.
Leistung und Sport wurden für zwei Leistungssportler nebensächlich. Die Belastung, psychisch wie physisch extrem. Tasiadis, damals 23, versuchte trotzdem, alles zusammen zu stemmen: da sein für die
Freundin, Polizeiausbildung und Training.
Pendeln zwischen Klinik, Kanal und daheim. Zwischen Ulm, Dachau, Augsburg
und Kissing. Wo auch noch Hund Milou
wartete.
0:0, Real Madrid – Eibar 4:0, Espanyol Barcelona – Atlético Madrid 1:3, San Sebastián – FC
Barcelona 1:0, Betis Sevilla – Levante 1:0, Gijon – Vigo 0:1. – Tabellenspitze: 1. FC Barcelona 32 Spiele/ 76 Pkt., 2. Atlético Madrid
32/73, 3. Real Madrid 32/72, 4. Villarreal
31/57, 5. Vigo 32/52.
쐽 Leichtathletik
Mit der Kraft der Erinnerung
Immer positiv gestimmt, doch jetzt hat
Karine Muijlwijk genug.
Foto Hübner
Scorern der ganzen Liga. Zudem avancierte sie dank ihrer mitreißenden Art
sowohl in Aachen als auch in Wiesbaden umgehend zum Publikumsliebling. In Wiesbaden wie in Hamburg
agierte sie als Teamkapitän. Doch mit
knapp 30 muss sie nun auch mal an ihr
eigenes weiteres Leben denken:
„Leicht wird es nicht, den Berufsstart
im Ausland zu schaffen“, sagt sie über
ihren Einstieg, den sie sich im FitnessBereich oder mit veganer Küche vorstellen kann.
Keinen Plan B gibt es mehr für den
VT Hamburg. Der Klub zieht sich aus
der Bundesliga zurück, weil sich nach
dem lange angekündigten Rückzug des
Metallverarbeiters Aurubis als Hauptsponsor in der ganzen großen Sportstadt Hamburg bis Anfang April kein
Geldgeber fand, der Verantwortung
für die Volleyball-Frauen übernehmen
wollte. 370 000 Euro fehlen dem Vernehmen nach, um den Etat zu decken,
der sich insgesamt auf nicht viel mehr
als 600 000 Euro beläuft. Nach 25 Jahren endete die Ära Bundesliga-Volleyball im Stadtteil Fischbek mit einer
1:3-Heimniederlage in den Pre-Playoffs gegen den Köpenicker SC. Karine
Muijlwijk konnte an jenem März-Samstag auch nichts mehr retten, denn sie
hatte sich Anfang Februar einen Bänderriss zugezogen und musste neben
979 Zuschauern den Untergang von außen angucken.
Als beinahe ebenso schmerzhaft betrachtete sie nun das Aus der Ladies in
Black. „Da lebte Volleyball so sehr“, erinnerte sie sich gerne an ihre Aachener Zeit zurück. Doch offenbar nicht
genug. Die Betreibergesellschaft des
Bundesligateams stellte am Freitag einen Insolvenzantrag beim Amtsgericht
Aachen wegen drohender Zahlungsunfähigkeit. Die Verbindlichkeiten, die
bis Ende Juni auflaufen, werden bei
160 000 Euro liegen.
ACHIM DREIS
M O N TAG , 1 1 . AP R I L 2 0 1 6 · NR . 8 4 · S E I T E 31
lich ebenso. Am Ende darf nur ein Boot
nach Rio. Aber Rio reicht nicht. Tasiadis
will Gold. Er paukte im Winter mehr
Grundlagen, erhöhte die Umfänge. Setzte
neue Reize, an der Kletterwand. Die Suche nach der Route beim Bouldern schult
das strategische Denken, das es auch
beim Paddeln im Wildwasser braucht.
Und es bringt noch härtere Unterarme.
Die braucht er, um mit dem Stechpaddel
im Stangenwald Vollgas zu geben, 100 Sekunden lang.
Dabei ist Claudia ihm noch immer Motivation: Trotz der Krankheit hatte sie in all
der Zeit stets Zuversicht und Lebensfreude ausgestrahlt, trotz allem, was sie in verzehrender Therapie durchleiden musste –
der Kampfgeist hatte sie schon als Kanutin für viele zum Vorbild gemacht. Ein
Bild von ihr klebt nun im Boot von Tasiadis. „Erinnerungen zum Fokussieren“
steht darunter.
„Claudia hat mir mal gesagt: ,Tu alles
dafür, dass du deine Ziele erreichst.‘ Ich
habe das Bild angeschaut, und der Satz
ist mir in den Kopf geschossen. Mit der
Erinnerung konnte ich mich mehr aufs
Paddeln konzentrieren. Und die ganze
Geschichte so verarbeiten, dass mein Leben weitergeht, weitergehen soll.“
Inzwischen ist das Lächeln zurück. Er
habe die Dinge akzeptiert, wie sie sind,
sagt er, und vor kurzem ein anderes Mädchen kennengelernt. Er denke zwar immer noch oft an Claudia. Aber sei inzwischen wieder glücklich.
Und es scheint alles aufzugehen: Im ersten Teil der nationalen Olympiaqualifikation brillierte er auf dem heimischem Eiskanal, während die Konkurrenz Nerven zeigte. . Tasiadis gewann beide Rennen – eine
glänzende Ausgangssituation, ehe am
kommenden Wochenende in Markkleeberg in den Rennen drei und vier die Entscheidung fällt.
Die Chancen stehen gut, dass Sideris Tasiadis sich seinen Wunsch erfüllen kann:
Eine zweite Medaille würde ihm viel bedeuten, erst recht nach allem, was geschehen ist. Die olympischen Ringe hat er seit
London als Tattoo auf dem Oberarm.
Dazu das Bild im Boot – und den Spruch
im Herzen. Sie werden ihn auf dem Weg
nach Rio begleiten. ANNE ARMBRECHT
gey (Kenia) 2:11:54, 3. Masai (Kenia) 2:15:43,
4. Habarurema (Frankreich) 2:16:33, 5. Niyonkuru (Burundi) gleiche Zeit, 6. Zuniga (Kolumbien) 2:21:36.
Ergebnisse Frauen: 1. Kwambai (Kenia)
2:29:17 Std., 2. Anna Hahner (Rimmels),
2:30:35, 3. Biwott (Kenia) 2:30:47, 4. Koech (Kenia), 2:31:16, 5. Zusinaite (Litauen) 2:32:50, 6.
Lisa Hahner (Rimmels) 2:34:56.
Marathon in Rotterdam, Ergebnisse Männer: 1. Kipserem (Kenia) 2:06:11 Std., 2. Deksi-
sa (Äthiopien) 2:06:22, 3. Kirui (Kenia) 2:07:23.
Ergebnisse Frauen: 1. Gebreslasea (Äthio-
pien) 2:26:15 Std., 2. Kebede (Äthiopien)
2:28:04, 3. Korir (Kenia) 2:29:16.
쐽 Tennis
ATP-Turnier in Houston/Texas (577 860 Dollar/Sandplatz), Halbfinale: Sock (USA) – Is-
ner (USA) 7:6 (7:4), 6:3, Monaco (Argentinien)
– López (Spanien) 6:4, 6:2.
ATP-Turnier in Marrakesch/Marokko (520
070 Euro/Sandplatz), Finale: Delbonis (Argentinien) – Coric (Kroatien) 6:2, 6:4.
WTA-Turnier in Charleston/South Carolina
(753 000 Dollar/Sandplatz), Halbfinale: Ste-
phens (USA) – Kerber (Kiel) 6:1, 3:0 Aufgabe,
Wesnina (Russland) – Errani (Italien) 6:4, 4:6,
6:2.
WTA-Turnier in Kattowitz/Polen (250 000
Dollar/Hartplatz), Halbfinale: Giorgi (Ita-
lien) – Ostapenko (Litauen) 6:4, 6:3, Cibulkova (Slowakei) – Parmentier (Frankreich) 7:5,
6:0.
쐽 Volleyball
Bundesliga, Frauen, Meisterschaftsrunde
Halbfinale, Play-off (Best of 3), 2. Spieltag:
USC Münster – Dresdner SC 0:3 (Play-offStand 0:2, Dresden im Finale), MTV Stuttgart
– Schweriner SC 3:0 (Play-off-Stand 1:1).
쐽 Gewinnzahlen
Lottozahlen: 1, 4, 38, 39, 46, 47 Superzahl: 2
Spiel 77: 0, 1, 7, 7, 1, 8, 4
Super 6: 2, 5, 5, 8, 1, 8
Eurojackpot, Gewinnzahlen 5 aus 50: 1, 2,
16, 31, 50
Eurozahlen 2 aus 10: 1, 7
Glücksspirale, Wochenziehung: 0 gewinnt
10 Euro, 82 gewinnt 20 Euro, 398 gewinnt 50
Euro, 5815 gewinnt 500 Euro, 44 853 gewinnt 5 000 Euro, 260 312 gewinnt 100 000
Euro, 530 132 gewinnt 100 000 Euro. – Prämienziehung: 2 013 355 und 6 017 282 gewinnen 7500 Euro monatlich als Sofortrente.
(Ohne Gewähr.)
Sport
SE IT E 32 · M O N TAG , 1 1 . A P R I L 2 0 1 6 · N R . 8 4
F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G
Alba Berlin:
Keilerei und
Verschwörung
Auf alten Pfaden: Immerhin spielt das Wetter am Sonntag im französischen Norden mit, so dass das Kopfsteinpflaster in bestmöglichem Zustand ist. Meistens jedenfalls.
ie „Königin der Klassiker“ zeigt
sich nicht gerade spendabel gegenüber ihrem ersten Bezwinger.
Muss sie auch nicht. Radsport-Ruhm und
Ehre sind Matt Hayman nach seiner imposanten Fahrt am Sonntag gewiss. Nicht genug, dass die mythisch aufgeladene Strecke Paris–Roubaix alle Kraft aus Beinen
und Armen, Schultern und Rücken saugt.
Sie hielt für den staub- und matschbedeckten australischen Überraschungssieger
nach 257,5 Rennkilometern auch noch
eine finale Prüfung bereit. Er musste erst
noch begreifen, was geschehen war. Doch
auch diese letzte Herausforderung des für
Radprofis zermürbendsten Tages des Jahres meisterte der 37-jährige Veteran, der
in der Siegerliste nun auf den derzeit verletzten Deutschen John Degenkolb folgt.
Hayman vom Team Orica-GreenEdge
brauchte eine ganze Weile, bis er zu einer
Jubelgeste imstande war. Erst als ihm zwei
Betreuer ins Ohr flüsterten „Ja, du hast es
gewonnen“, löste sich die Anspannung.
Hayman, der sich in einem aufregenden
Sprint auf der alten Betonpiste des Velodroms vor dem Belgier Tom Boonen
durchsetzte, war fraglos der glücklichste
Mann der Radsportwelt. Dahinter nur
noch Enttäuschte und, ja, Davongekommene. Viele Profis verspüren eine Art
Hassliebe zur Schinderei in der „Hölle des
Nordens“. Gegenüber dieser quälenden
Rüttelpartie – 52,5 Kilometer werden die
Profis bei ihrer gnadenlosen Wettfahrt
über jahrhundertealte, grob gepflasterte
Feldwege gejagt. Zu jenem zweiten Sonntag im April, in dem das Peloton seit 1896
in die Steinzeit zurückfällt. Kaum ein Ren-
D
Höllische Ankunft
Der Australier Mathew Hayman, ein Außenseiter, gewinnt den Radklassiker
Paris–Roubaix. Erst im Schluss-Sprint scheitert Tom Boonen. Fabian Cancellara
stürzt beim letzten Karriere-Auftritt. Von Alex Westhoff, Roubaix
nen löst so widerstrebende Gefühle im fahrenden Volk der Radprofis aus. Paris–Roubaix ist archaisch, ein bisschen anarchisch
und auf jeden Fall anachronistisch. Es hat
aber auch etwas Klares, Einfaches: Da
wird nicht nach Schema F gefahren, sondern volle Kanne schon weit vor dem Zielstrich. Immer wieder diese schon zu Napoleons Zeiten angelegten Pavés, eine einzige Strapaze: Ist das Rennen bekannt dafür,
dass es je nach Witterung extrem matschig oder extrem staubig und meist windig daherkommt, gab es in diesem Jahr
von allem etwas. Jeder der 27 KopfsteinSektoren barg seine tückische Überraschung. Was auch die besten Steuerkünstler ihres Fachs bisweilen überforderte.
Nach den Regenfällen der vergangenen
Tage waren manche Pflasterpassagen abgetrocknet, andere noch glitschig, und auf
einigen standen noch Pfützen. Mit Fabian
Cancellara erwischte es auch einen der
großen Favoriten auf einem rutschigen
Teilstück. Der zweimalige Roubaix-Gewinner aus der Schweiz stürzte und musste
bei seinem letzten Karriereauftritt auf
den Pavés seine Hoffnungen begraben.
Am Samstag gehörten die Pavé-Passagen
noch den Hobbyradlern, die sich zu Hunderten auf der Strecke tummelten. Die
nicht nur sehen, sondern fühlen wollten,
was dieses grobe Pflaster mit Mensch und
Maschine, Leib und Rad anstellt. Die sich
Schlag für Schlag wunderten, wie das Vorderrad hin- und herhüpft, die Trinkflasche aus der Halterung holpert, der ganze
Körper im Nu schmerzt, wie viel Krafteinsatz nötig ist, das Rad auf dieser steinernen Buckelpiste überhaupt vorwärtszudrücken. Lachend und feixend wechselten sie
ihre durchlöcherten Schläuche, beobachtet von Anwohnern in dieser strukturschwachen Region, die ihre Gartenstühle
schon vor der Haustür plaziert hatten.
Schon seit Tagen standen die Wohnmobile der Fans aufgereiht am Carrefour de
l’Abre, einem Pavé-Stück, das 17 Kilometer vor dem Ziel schon so viele Paris-Roubaix-Ausgaben mitentschieden hat. Volksfeststimmung zwischen den Äckern. Hier
fährt es sich in der Mitte des Pflasters wie
auf einem Berggrat mit steil abfallenden
Seitenrändern. Hinter jedem grob gefugten Stein kann sich eine klare Kante, ein
kleiner Abgrund auftun. Für die Fahrer
mag dies die „Hölle des Nordens“ pur
sein, für die Fans ist es paradiesisch.
Schmale
Kopfsteinpflasterpassagen
wie Carrefour de l’Abre oder der Wald von
Arenberg, in denen die Fahrer voller Adrenalin mit 65 Kilometern pro Stunde regelrecht einschießen in das Spalier der Zuschauer, haben in der Szene einen ähnlichen Klang wie Wembley oder Maracanã
für Fußballer. „Wahnsinn, dieser Schmerz,
wenn der Körper im Laufe des Rennens
langsam nachgibt und jedes Gelenk und jeder Knochen weh tut“, erzählt der Norddeutsche Nikias Arndt vom Team GiantAlpecin. „Aber du weißt: Irgendwo da hinten wartet das Velodrom auf dich.“
Wer bei Paris–Roubaix um den Sieg mitfahren will, kann sich nicht lange im Feld
verstecken. Zumal, wenn es wie auch in
diesem Jahr von vielen Stürzen, die so sicher kommen, wie sich das Profiräderwerk dreht, zerrissen wird. Vorne sein, vorne fahren ist die Devise vor den wichtigsten Kopfsteinpflasterstücken. Alle wissen
dies, alle wollen dies, dementsprechend
hart ist der Verdrängungswettbewerb. Der
Foto Getty Images
Eschborner Tony Martin fuhr bei seinem
Debüt auf den Pavés ein auffälliges Rennen, schloss mit Teamkollegen Tom Boonen (Etixx-Quickstep) am Hinterrad fast
im Alleingang die Lücke zu den lange führenden Ausreißern. Und verankerte den
belgischen Großmeister erfolgreich in der
letzlich fünfköpfigen Spitzengruppe, wo
der 35-Jährige 30 Kilometer vor dem Ziel
anfing, antrittsstarke Nadelstiche zu setzen. Letztlich vergeblich. Im Sprint auf
der Rennbahn wurde er von Hayman geschlagen und damit Zweiter.
Auch 2016 brauchte es für den Sieg im
Velodrome nicht nur starke Beine, einen
großen Willen, einen kühlen Kopf und ein
starkes Team. Es hat immer auch mit
Glück zu tun, dass nur die anderen stürzen
und der Drahtesel hält. Nirgendwo sonst
können die Radhersteller die Robustheit
ihres Materials besser zur Schau stellen.
Der „Hölle des Nordens“ begegnen die
Profis nicht mit ihren angestammten
Rennmaschinen. Quasi nur für Paris–Roubaix bekommt jeder ein neues Rad, besser
gesagt: neue Räder. Der häufigen durch
das Pflaster hervorgerufenen Defekte wegen. Dickere Reifen, veränderter Radstand, Extrabremse(n) am Oberlenker, weniger Carbon, mehr Stahl im Rahmen.
Dazu tapen sich viele Berufsfahrer die
Handgelenke, wickeln doppeltes Band um
den Lenker. Der richtige Luftdruck in den
Reifen ist vor Paris–Roubaix im Peloton
eine ähnliche Wissenschaft wie das Skiwachs bei den Langläufern. Tony Martin
beispielsweise fuhr mit, wie er sagt, „butterweichen“ 5 Bar statt sonst 7,5, „damit
sich der Reifen schön an das Pflaster
schmiegt“.
Ovationen für Langer
Millionenpreis für Billigflieger
Der deutsche Golf-Senior beeindruckt in Augusta
Michael O’Learys Wallach Rule The World gewinnt das Grand National
AUGUSTA. „Golf“, behauptet Bernhard
Langer, „ist ein bisschen anders. Wir spielen nicht Tennis, Fußball oder Football,
Sportarten, in denen Schnelligkeit und
Kraft entscheidend sind. Golf erfordert
viel mehr. Man muss die richtige Technik
beherrschen. Man muss seinen Weg über
den Golfplatz genau planen und dann
auch noch die richtigen Schläge ausführen.“ Am Samstag gelang das dem Altmeister beim Masters in Augusta so gut, dass
sich an etlichen Löchern die Zuschauer erhoben und ihm applaudierten. „Da habe
ich eine Gänsehaut bekommen“, sagte
Langer, der nach der zweitbesten Tagesrunde von 70 Schlägen die Anerkennung
sichtlich genoss. „Viele Fans kommen hier
seit Jahren her. Die kennen sich im Golf
aus.“ Diese Fachleute wussten, dass der
Platzstandard an diesem kühlen (18 Grad)
und windigen Tag nicht bei 72, sondern
eher bei 75 Schlägen lag.
AINTREE. Michael O’Leary ist ein Erfolgsmensch. Mit der Billigfluglinie Ryan
Air bringt der 55-jährige Ire seit Mitte der
neunziger Jahre die großen europäischen
Luftfahrtgesellschaften ins Schwitzen.
Aber auch in seiner Freizeit will er gewinnen. Der Fan von Manchester City, der seine neuesten Flugideen gerne mal im Vereinstrikot präsentiert, frönt einem Hobby,
das sehr kostspielig sein kann. Zumindest,
wenn man es wie O’Leary in größerem
Stil pflegt. Er besitzt Rennpferde, die unter dem Namen seiner Farm in Gigginstown House im irischen County Westmeath laufen.
Seine Liebe gilt dem Hindernissport;
über das Hafergeld muss er sich in jüngster Zeit aber wahrlich keine Gedanken machen. Denn innerhalb weniger Wochen haben seine Pferde einige der größten Rennen in England und Irland gewonnen: Mitte März den Cheltenham Gold Cup mit
dem in Deutschland gezüchteten Don Cossack, dann das Irish Grand National mit
Rogue Angel und am Samstag nun die Krönung durch den neunjährigen Wallach
Rule The World: Das Grand National im
englischen Aintree, das berühmteste Hindernisrennen der Welt. „Ich werde jetzt
aufhören“, jubilierte O’Leary. „Ein Gold
Cup und zwei Grand Nationals innerhalb
einer Saison – das geht nicht mehr besser.“ Der Cheltenham Gold Cup ist aus
sportlicher Sicht das wertvollste Rennen,
denn hier tragen alle Starter das gleiche
Gewicht. Das Grand National hingegen ist
ein Handicap, so dass die Pferde je nach
Vorleistung unterschiedlich viele Kilos
über die Hindernisse schleppen müssen.
Das ist der Grund, weshalb es seit 1974
und dem legendären Red Rum kein Pferd
mehr geschafft hat, das Rennen zweimal
nacheinander zu gewinnen. Auch in diesem Jahr scheiterte Vorjahressieger Many
Clouds am Höchstgewicht und dem weichen Geläuf. Er führte zwar eine Zeitlang, doch am Ende landete er abgeschlagen auf dem 16. Platz. Er erreichte als letzter der insgesamt 39 Starter das Ziel. Viele
stürzten, einige wurden angehalten. Die
gute Nachricht aber lautete, dass es offenbar weder für Ross noch Reiter ernsthafte
Verletzungen gegeben hat.
Das Grand National ist mit einer Million Pfund Preisgeld dotiert – umgerechnet
700 000 Euro gewinnt allein der Sieger.
Aber wichtiger noch ist das Prestige. „Es
gibt kein grandioseres Gefühl, als im
Grand National zu siegen“, sagt der ehemalige Championjockey Tony McCoy, der
immerhin mehr als 4350 Rennen gewann
und 2010 in Aintree triumphierte: „Millionen schauen zu- und für Jockeys gibt es
keinen größeren Tag.“ Für die Wetter offenbar auch nicht: Allein in dem Rennen
werden schätzungsweise 200 Millionen
Euro gewettet – das Fünf- bis Sechsfache
Chapeau, Herr
Langer: Weder die
Längennachteile
noch neue PutterRegeln verderben
ihm den Lieblingsplatz.
Foto AP
Langer hatte nicht nur im direkten Duell den australischen Weltranglistenersten
Jason Day mit 70 gegenüber 71 Schlägen
besiegt. „Das war ein gutes Gefühl“, sagte
Langer, der die Hackordnung bei der Einführung im April 1986 angeführt hatte.
Der aus Anhausen stammende Wahlamerikaner hatte sich gemeinsam mit dem 24
Jahre alten Japaner Hideki Matsuyama
auf den dritten Rang vorgeschoben. Langer hatte vor der Schlussrunde (bei Redaktionsschluss noch nicht beendet) nur zwei
Schläge hinter dem Spitzenreiter Jordan
Spieth gelegen, der mit einem Schlag Vorsprung vor dem krassen amerikanischen
Außenseiter Smylie Kaufman am Sonntagabend (MESZ) auf die letzten 18 Löcher
ging.
Ein Profi, der im August 59 Jahre alt
wird, in der Spitzengruppe des ersten Majors – das hatte außer Langer selbst kaum
jemand für möglich gehalten. Denn alles
sprach gegen den Routinier, wie er selbst
ganz offen zugibt: „Mit meinen Abschlägen liege ich 40, 50 Meter, wenn es gut
geht auch mal nur 30 Meter hinter den
Longhittern wie Day. Das ist schon ein gewaltiger Nachteil.“ Vor allem auf einem
Platz, der mit 6800 Metern viel länger ist
als die Plätze auf der PGA Tour Championship. Langer dominiert diese Altherren-Serie (Ü 50), wie seine bisher 29 Siege bewei-
sen, darunter fünf Majors dieser Tour.
Aber nicht wegen des Längennachteils
gab dem deutschen Masters-Champion
von 1985 und 1993 beim Masters kaum jemand eine Chance, vorn mitzumischen.
Langer hat im Laufe seiner Karriere viermal unter dem schlimmsten Golferleiden,
den „Yips“ gelitten. Langer hatte dieses unwillkürliche Muskelzucken mit dem Wechsel zum überlangen „Besenstiel-Putter“,
den er ans Brustbein drückte, endgültig in
den Griff bekommen. Am 1. Januar trat
eine Regeländerung in Kraft, die das sogenannte „Anchoring“ verbietet, das Fixieren des Putters am Körper.
Langer hatte nach Ende der Saison der
Altherren-Tour im vergangenen November mit 25 bis 30 verschiedenen Puttern experimentiert, hatte jede erdenkliche Putting-Technik ausprobiert. Selbst in Augusta war er sich noch nicht sicher, ob er mit
dem „Besenstiel“ auf die erste Runde gehen sollte. Am Dienstag spielte er die ersten neun Löcher einer Proberunde mit
dem „Langen“ und die zweiten neun mit
einem herkömmlichen Putter. Letztlich
blieb er seinem gewohnten Arbeitsgerät
treu, ohne ganz auf Altbewährtes zu verzichten: Beim Probeschwung fixiert er
den Putter am Brustbein, hält ihn dann
aber bei der Schlagausführung regelkonform ein paar Zentimeter vom Körper entfernt. Dass er auf den extrem schnellen
und stark gewellten Grüns, die in der Welt
des Profigolfs als die schwierigsten gelten,
so gut zurecht kam, hat alle, nicht nur den
aktuellen Primus Jason Day, erstaunt: „Es
war unheimlich beeindruckend zu sehen,
was Bernhard auf dem Platz macht, besonders, wenn man bedenkt, wie weit er nach
dem Abschlag zurückliegt.“
Doch Langer hat sich weder von der Regeländerung noch von seinem Längennachteil von seiner Meinung abbringen
lassen, dass er auf seinem Lieblingsplatz
noch immer wettbewerbsfähig ist. Er
weiß, dass er im Spätherbst seiner Profikarriere angekommen ist. Aber da er noch
immer Freude am Wettkampf empfindet,
tut er alles, um sie so lange wie möglich
fortzusetzen. Mit 73 Kilogramm hat der
1,77 Meter große bayrische Schwabe das
Gewicht seiner jungen Jahre über seine
nunmehr vierzig Jahre währende Karriere
gehalten. Er trimmt seinen Körper im Fitnessraum seines Hauses in Florida. Er
geht seinem Job noch immer mit dem gleichen Elan und Trainingsfleiß nach. Als
sich am Samstag schon die Dämmerung
über den Platz senkte, stand Langer noch
immer auf dem Übungsgrün. Diesen Ehrgeiz spürte auch Martin Kaymer, der nach
drei Runden auf Platz 52 weit zurücklag
und anerkannte, wer in Augusta der Bessere ist: „Auf jedem anderen Platz spiele ich
gerne gegen Bernhard. Nur nicht hier.“
WOLFGANG SCHEFFLER
des Jahreswettumsatzes im gesamten deutschen Turf. Das Grand National ist aber
auch berüchtigt schwierig: Es geht über
die ungewöhnlich lange Distanz von 6900
Metern mit 30 schweren Sprüngen, um die
sich viele Geschichten ranken. Sie tragen
Namen wie Becher’s Brook – eine 1,50 Meter hohe Hecke, deren Landepunkt aber
2,40 Meter tiefer liegt als der Absprung –
Canal’s Turn oder The Chair. Die Hindernisse sind mit losen Tannenzweigen abgedeckt, die von den Pferden beim Sprung
leicht heruntergefegt werden. Doch im
Kern bestehen sie aus einer festen Holzhecke, die kaum Fehler verzeiht.
Doch ohne Fehler kommt kaum jemand
über die zwei Runden. So auch nicht der
Sieger, der beinahe am 27. Sprung zu Boden gegangen wäre. Doch der erst 19 Jahre alte Jockey David Mullins konnte sich
im Sattel halten. Und der 33:1-Außenseiter Rule The World hatte auch nicht die
Lust verloren. Ganz im Gegenteil – auf
den letzten Metern legte er entscheidend
zu und siegte am Ende mit sechs Längen
vor dem Mitfavoriten The Last Samurai
(8:1) und dem größten Außenseiter im
Feld Vics Canvas (100:1). „Es ist ein seltsames Gefühl“, berichtete Jockey Mullins,
eine Neffe des irischen Erfolgstrainers
Willie Mullins, nach seinem ersten Ritt im
Grand National. „Du kannst es eigentlich
nicht glauben. Der Sieg gehört dem Trainer. Mouse ist ein Genie. Keiner kann wie
er ein Pferd so punktgenau vorbereiten.“
Es war in der Tat eine erstaunliche Trainingsleistung des 65-jährigen Iren Michael „Mouse“ Morris. Denn Rule The World
hatte bei 13 Starts zuvor noch nie über
Jagdhindernisse gewonnen. „Er hat sich
zweimal das Becken gebrochen. Man
kann sich gar nicht ausmalen, wie gut er
wohl wäre, wenn er einen gesunden Hintern hätte“, sagte Morris, der selbst ein erfolgreicher Hindernisjockey war und seit
1981 trainiert. Für O’Leary gewann er
2006 den Cheltenham Gold Cup und kürzlich auch das Irish Grand National. Den
Sieg im März widmete er seinem Sohn
Christopher, der im vergangenen Jahr in
Argentinien tödlich verunglückte.
PETER MÜHLFEIT
Foto dpa
BERLIN (dpa). Kresimir Loncar hatte
dringenden Bedarf, sich nach seiner
Disqualifikation beim 94:73-Erfolg
über Bonn zu rechtfertigen. „Ich habe
nichts gemacht“, sagte der 2,08-MeterMann von Alba Berlin. „Ich bin sicher
nicht der heiligste Spieler der Welt.
Aber heute gab es viele schmutzige Sachen, die die Schiedsrichter nicht sehen und die man auch im Fernsehen
nicht sieht“, sagte der vor wenigen Wochen eingebürgerte Center. Er hatte
nach einem Zweikampf dem Bonner
Sean Marshall im Umdrehen einen
Schlag versetzt und damit eine Prügelei ausgelöst, an deren Ende gleich sieben Spieler von den Schiedsrichtern
disqualifiziert wurden. Neben den beiden Streithähnen wurden auch Loncars Kollege Will Cherry sowie vier
weitere Bonner des Parketts verwiesen. „In meinem Zuhause lasse ich so
etwas nicht zu. Da muss ich mich verteidigen“, sagte Loncar.
Am kommenden Samstag wird er genauso wie Cherry gegen den abgeschlagenen Tabellenletzten Crailsheim aller
Voraussicht nach gesperrt sein – ob die
Sperre verlängert wird, entscheidet die
Spielleitung der BBL in den kommenden Tagen. Bei Alba beschäftigt man
sich mit der Behandlung des eigenen
Teams durch Gegner und Schiedsrichter. „Loncar macht einen Schritt auf
dem Feld und hat sofort drei Fouls.
Man muss sein Niveau respektieren“,
forderte Trainer Sasa Obradovic. Manager Marco Baldi sieht einen Trend,
dass die Konkurrenten gegen Alba besonders brutal agieren: „Seit Wochen
spielen die Gegner extrem hart und
physisch gegen uns.“ Obradovic will
seinen Stil angesichts der harten Gangart bei Alba-Spielen jedoch nicht ändern: „Ich werde meine Spieler weiterhin ans Maximum pushen.“
Grizzlys Wolfsburg
im DEL-Finale
NÜRNBERG (dpa). Die Grizzlys Wolfsburg haben zum zweiten Mal nach 2011
das Finale der Deutschen Eishockey
Liga erreicht. Durch einen 2:1-(0:0-,
0:2-,1:0-)Sieg bei den Nürnberg Ice Tigers entschieden die Niedersachsen am
Sonntag die „Best of Seven“-Serie im
sechsten Match 4:2 zu ihren Gunsten.
Gegner im Finale ist der EHC München, der sich gegen die Kölner Haie
mit 4:1 Siegen durchsetzte. Damit steht
fest, dass die DEL-Saison 2015/16 mit
einem Premierenmeister enden wird.
Das erste Endspiel findet am Freitag,
15. April, in München statt.
In Nürnberg dominierte das HeimTeam am Sonntag nach zwei Siegen in
den vergangenen beiden Play-off-Duellen nur im ersten Drittel. Danach waren die Gizzlys besser eingestellt und
gingen durch das dritte Play-off-Tor
von Sebastian Furchner in der 27. Minute in Führung. James Sharrow ließ
neun Minuten später in 3:5-Unterzahl
den zweiten Treffer folgen. Zwar gelang Daniel Heatley in der 53. Minute
der Anschlusstreffer und leitete damit
eine Drangphase ein, doch der Ausgleich fiel nicht mehr.
In Kürze
Carlheinz Rühl gestorben
Carlheinz Rühl, langjähriger Pressechef von Adidas und späterer Geschäftsführer bei der Stiftung Deutsche Sporthilfe, ist nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 72 Jahren
gestorben. Der gelernte Werbekaufmann aus Offenbach wurde 1971 erster Pressechef von Adidas, profitierte
später von seinen Kontakten zur Sportwelt als Geschäftsführer der Fördergesellschaft der Stiftung Deutsche Sporthilfe, bevor er 1994 zur Deutschen
Sport Marketing Gesellschaft wechselte. Von 1996 an betreute er mit eigener
Marketingagentur den Deutschen Behindertensportverband. (re.)
Contador siegt und grübelt
Der zweimalige Tour-de-France-Gewinner Alberto Contador hat zum vierten Mal die Baskenland-Rundfahrt gewonnen. Der Spanier setzte sich in der
Gesamtwertung gegen den Kolumbianer Nairo Quintana und dessen Landsmann Sergio Henao durch. Der Erfolg,
den der Radprofi durch seinen Sieg im
Zeitfahren am Samstag sicherstellte,
lässt ihn sogar sein für Ende 2016 prognostiziertes Karriereende überdenken. „Höchstwahrscheinlich werde ich
weiterfahren“, sagte der 33-jährige Tinkoff-Kapitän. (dpa)
Wasserballer verpassen Rio
Tückische Hürden:
Die Tannenzweige
fliegen locker davon,
doch darunter verbirgt sich eine feste
Holzhecke. Die späteren Sieger, Jockey David Mullins und sein
Wallach Rule the
World, wären am 27.
Sprung fast gestürzt.
Die Olympischen Spiele finden wieder
ohne deutsche Wasserballteams statt.
Nachdem die Frauen bereits im März
das Rio-Ticket verpasst hatten, folgte
nun in Triest auch für die Männer das
Aus. Nach einer enttäuschenden Vorrunde mit nur einem Sieg und einem
Unentschieden in fünf Spielen verloren die Deutschen das entscheidende
Viertelfinale gegen den favorisierten
EM-Dritten Ungarn 7:8. (dpa)