Das freimaurerische Geheimnis

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Das freimaurerische Geheimnis
"Das freimaurerische Geheimnis"
Warum wirkt unsere Esoterik auf Außenstehende geheimnisvoll?
Vortrag zum Jahresthema der Loge "Ferdinand zum Felsen" 1997/1998:
"Bist Du ein Freimaurer?"
von Kurt Römer
Jeder Kreis von Menschen, dem es wichtig erscheint sich einen Bereich zu schaffen, der nur dem
Mitglied zugänglich bleibt, gerät häufig unversehens in den Verdacht etwas verbergen zu wollen.
Was es auch sei, etwas scheue das Licht der Öffentlichkeit, so wird leichthin behauptet. Dieses
"Etwas" fordert besonders den Nichteingeweihten heraus, das " Etwas" mit den phantasievollsten
und abenteuerlichsten Spekulationen in eine nicht immer wahrheitsgemäße Verbindung zu bringen.
Dabei sind es vielfach nur Gebräuche und Zwecke, die aus unterschiedlichsten Gründen, vor der
Öffentlichkeit verborgen bleiben sollen. Und wenn es der Öffentlichkeit zur Schau gestellt wird, ist
die Gefahr eines Missverständnisses nicht von der Hand zu weisen. Folgendes Beispiel: Stellen Sie
sich vor, Sie besuchen einen katholischen Gottesdienst und zwar zum ersten mal in Ihrem Leben.
Völlig ohne Vorkenntnisse. Vieles wird dann nicht nur fremd erscheinen, sondern auch eigenartig.
Das ist verständlich, denn der Ablauf der Liturgie kann sich nur dem Gläubigen voll erschließen.
So ähnlich würde es jemanden ergehen, der durch Zufall in eine rituelle Arbeit von Freimaurern
gerät. Ihm würde jedes Verständnis für den Ablauf und die Verwendung unserer Symbole fehlen. Es
ist das Fremde, welches förmlich Missdeutungen hervorruft. Unsere Bräuche bleiben dem Kreis der
Brüder vorbehalten. Nur sie kennen das gemeinsame Erlebnis, den Sinn der Allegorien, der
Gleichnisse und die Deutung der Symbolsprache.
Eingebettet in den rituellen Ablauf haben alle Brüder teil an einer Gruppenerfahrung, die auf das
Individuum einwirken kann, ja die Fähigkeit unterstützt, freimaurerische Ziele in das eigene Leben
zu integrieren. Das Tempelerlebnis wird so zum freimaurerischen Selbsterziehungsprozess eines
jeden Bruders, um hierdurch die Ziele unseres Bundes zur dauernden Lebensbegleitung werden zu
lassen.
Diese Ziele der Freimaurerei liegen allerdings nicht im Dunklen. Offen vor aller Welt können sie
bekannt und vertreten werden. Nämlich Brüderlichkeit und allgemeine Menschenliebe, Suche nach
Wahrheit, Sittlichkeit sowie Toleranz und Humanität. Angestrebt werden alle diese Ziele ohne die
geistige Fesseln eines dogmatischen Zwanges. Unsere Rituale kann man in Staatsbibliotheken
einsehen, aber niemand wird durch das Lesen zum Erleben dieser Rituale zu gelangen. Sie bleiben
ein offenbares Geheimnis, weil nur die Hülle beschreibbar ist.
Wer allerdings die literarischen Werke großer Dichter und Freimaurer nachliest, dem können sich
viele Facetten des freimaurerischen Gedankengutes erschließen, denn die Ziele der Freimaurer
beinhalten auch die Sehnsüchte vieler Menschen: Frieden auf der Erde zu schaffen und dem Rätsel
der eigenen Existenz näher zu kommen. Die Werke unserer Großen wie Lessing, Herder, Goethe,
Rückert oder auch der amerikanische Dichter Thornton Wilder und vieler anderer lohnt eine
Beschäftigung mit Ihnen. Vieles was als Geheimnis vermutet wird, hat nicht das Geringste mit
Geheimnis zu tun.
Goethe hat – schon im Greisenalter stehend – in weiser Rückschau erkannt:
"Es gibt so viele offenbare Geheimnisse, weil das Gefühl derselben bei wenigen ins Bewusstsein
tritt, und diese denn, weil sie sich und andere zu beschädigen fürchten, eine innere Aufklärung nicht
zu Wort kommen lassen."
Es treibt viele Institutionen und auch einzelne Menschen dazu gegen die Erkenntnis der inneren
Aufklärung, ja diese ignorierend verdrängend, hinter jedem Geheimnis Kräfte vermuten zu wollen,
die in verschwörerischer Absicht ungehemmt zur Weltherrschaft drängen. Wer Feindbilder braucht,
schafft sich welche. Nur so versucht man Machtansprüche zu begründen, denn Feindbilder
vermögen irrationale Ängste zu schüren.
Schon bald nach der Ausbreitung der Freimaurerei in 18. Jahrhundert begann man an einem
negativen Image der Freimaurerei zu basteln. Offenbar provozierten die strenge Geheimhaltung
sowie die Symbolik einige Kreise, denen die neuen Ideen der Aufklärung, wie Meinungsfreiheit, die
Betonung der inneren Würde der Menschen und der Toleranz ein Dorn im Auge waren. Sie ahnten
wohl auch die Sprengkraft der neuen Ideen, die man als bedrohlich für die Machthaber empfand.
Daher wurden in einer noch dem Aberglauben weithin verhafteten Welt Geschichten unter das Volk
gestreut, die Abscheu und Entsetzen hervorrufen sollten.
In der flämischen Folklore fand sich bis in die jüngste Vergangenheit die Legende, dass Freimaurer
am Karfreitag kleine Kinder verspeisten.
Im 19. Jahrhundert hieß es, wenn jemand Freimaurer werden wollte, dann musste er diesen Wunsch
einem Freimaurer mitteilen. Dieser führte ihn des Abends in ein Zimmer, und der Neuling musste
sich in einen Sarg legen, der dann verschlossen wurde.
Nun erscheint der Teufel in seiner schrecklichen Gestalt und nimmt ihm den Eid ab, dass er weder
Gott noch der Kirche glauben werde, sondern allein dem Teufel.
Die ärgsten Beispiele von Verleumdungen lieferten in unserem Jahrhundert das Ehepaar
Ludendorff. Erich Ludendorff, der berühmte Generalfeldmarschall des 1. Weltkrieges, – in den
1920er Jahren ohne Armee – hatte sich vorbehaltlos dem Oberbefehl seiner Ehefrau Mathilde
unterstellt. Diese verbreitete mit missionarischem Eifer und religiöser Beflissenheit fürchterliche
Schauermärchen über unseren Bund.
Ich zitiere die wichtigsten Thesen der Ludendorffs:
1) Das Geheimnis der Freimaurerei ist überall der Jude.
2) Es gibt nur eine Weltloge.
3) Beziehungen zum Christentum sind in der Freimaurerei nur rein äußerlich vorhanden und wenn,
nur soweit sie im Alten Testament wurzeln.
4) Das Ziel der Freimaurerei ist die Verjudung der Völker und die Errichtung einer
weltumspannenden Juden- und Jehova-Herrschaft .
Für die Richtigkeit dieser absurden Thesen haben die Ludendorffs natürlich niemals Beweise
vorlegen können. Wie sollten sie auch.
Ich möchte nur die These von der Weltloge als Beispiel herausgreifen. Natürlich sind heute die
deutschen Freimaurer stolz darauf, wieder die Enge nationaler Begrenztheit überwunden zu haben.
Doch gerade in den Zeiten der Ludendorffs hatte sich die deutsche Freimaurerei weitgehend aus der
Weltbruderkette selbst ausgeschlossen. Die Weltbruderkette ist eine Kette des Bekenntnisses und
keine Weltloge der Weltverschwörung.
Die Ludendorffs behaupteten wider besseres Wissen, Schiller sei unter Mitwissen Goethes von den
Freimaurern ermordet worden. Auch Lessing und Mozart seien Opfer der Freimaurer gewesen.
Was von solchen Thesen ein geistreicher Freimaurer, nämlich Kurt Tucholsky hielt, sei hier
angeführt:
"Hast Du Angst, Erich? Bist Du bange, Erich?
Klopft Dein Herz, Erich? Läufst Du weg?
Wolln die Maurer, Erich – und die Jesuiten, Erich
Dich erdolchen, Erich – welch ein Schreck!
Diese Juden werden immer rüder.
Alles Unheil ist das Werk der ...Brüder.
Denn die Jesuiten, Erich – und die Maurer, Erich –
Und die Radfahrer – die sind schuld
an der Marne, Erich – und am Dolchstoß, Erich –
ohne die gäbs keinen Welttumult.
Jeden Freitag Abend spielt ein Kapuziner
mit dem Papste Skat – dazu ein Feldrabbiner;
auf dem Tische liegt ein Grand mit Vieren –
dabei tun sie gegen Deutschland konspirieren...
Hindenburg wird älter und auch müder...
Alles Unheil ist das Werk der...Brüder"
Angefangen hatten die Verleumdungen der Freimaurer mit der Veröffentlichung der päpstlichen
Bulle "in Ementi" vom 25. 4. 1738 durch den Papst Clemens XII. In Anbetracht der Versuche den
Zusammenhalt der rechtgläubigen Kirche zu wahren, versuchte Clemens durch die Bulle die
Gefahren der Verwirrung von der katholischen Welt fernzuhalten. Gewisse Gesellschaften, wie
Freimaurer hätten sich zusammengeschlossen und seien ein geheimnisvolles Bündnis eingegangen,
um sich an gefährlichen Aktionen gegen Staat und Kirche zu beteiligen. Denn wer das Licht scheue,
habe nur Bosheit und Verderbtheit im Sinn. Jeder Beitritt zu dieser Vereinigung wurde mit
Exkommunikation bestraft.
Diese Aus-und Abgrenzungsbestrebungen hatten natürlich ihren entscheidenden Grund im
Toleranzverständnis der Freimaurer, das dem dogmatischen Welterklärungsanspruch der römischen
Kirche nach Meinung des Klerus nicht entsprach. Denn schon in den "Alten Pflichten" der
Freimaurer aus dem Beginn des 18.Jahrhunderts ist jener versöhnliche Satz zu finden, der allerdings
dem uneingeschränktem Wahrheitsmonopol jeder Kirche ein Dorn im Fleisch sein musste:
"Die Maurer sind nur zu der Religion verpflichtet, in der alle Menschen übereinstimmen".
Es interessierte die Kurie wenig, dass die Freimaurer jedem Bruder sein individuelles Recht auf
Religionsausübung zugestand. Somit stand aus der Sicht der Freimaurerei einer gleichzeitigen
Mitgliedschaft in einer Loge und der katholischen Kirche nichts im Wege.
Für uns Freimaurer gibt es keine Feindschaft zwischen den der Institutionen der Freimaurerei und
der katholischen Kirche. Gerade die gemeinsame Überzeugung von der unantastbaren Würde des
Menschen verbietet aus unserer Sicht jeden Dissens.
Geheimnistuerei jedoch kann häufig selbst so klare Ziele, wie sie der Freimaurerbund vertritt,
verdunkeln. Denn Geheimnistuerei hat nichts mit der Verschwiegenheitspflicht zu tun. Diese
bezieht sich ausschließlich auf das Erleben im Tempel und nicht auf die Ziele des Bundes. Es gibt
leider manche Brüder, die mit Begeisterung freimaurerische Esoterik mit Magie und Okkultismus
verwechseln. Unsere Esoterik ist ein Hinwendung zum stillen Nachdenken, zur Kontemplation, zum
gelassenen Erleben unserer Arbeiten. Wer diese jedoch in den Ruch von Magie und Okkultismus
bringt, der missversteht offenbar die Ziele der Freimaurerei. Sie bietet keine letzten Geheimnisse
an. Sie erhebt auch nicht den Anspruch die Welträtsel lösen zu können. Hierfür dienen unsere
Tempelarbeiten nicht. Die Suche nach der Wahrheit und nicht der Besitz der Wahrheit ist das Ziel
freimaurerischen Erkenntnisstrebens.
Wer in den Besitz der Wahrheit gelangen will und hierfür die Mittel von Geisterbeschwörungen,
Zahlenmystik und magischen Zaubertricks verwendet, darf sich nicht wundern, wenn er innerhalb
der Logen auf Unverständnis stößt. Bei uns kann man nicht den Stein der Weisen finden. Die
Steine, an denen wir arbeiten, sind die Menschen in ihrer Unvollkommenheit. Geheimnisvoll
bleiben unsere Symbole, die für uns ein Mittel sind, die Wirklichkeit einer geistigen Welt zu
entdecken, die nicht mitteilsam ist. Sie bleibt das Geheimnis eines jeden Bruders. In unseren
Ritualen wächst uns eine Ahnung von der geistigen Menschwerdung zu. Das Wissen um die
geistige Würde des Menschen gerät vielleicht zur transzendentalen Erkenntnis.
Goethe spricht es in seinen venezianischen Epigrammen aus:
"Ist es denn ein großes Geheimnis, was Gott, der Mensch und die Welt sei?
Nein, doch keiner mag es gerne hören, da bleibt es geheim."
Bruder Alfried Lehner lässt ein längeres Gedicht mit den Worten enden:
"Wege, die nicht jedem gleich,
sind bereit, vorgegeben –
Wahrheit ist unendlich reich!
Dieser Wahrheit will ich leben."
Die Frage lautet: Warum wirkt unsere Esoterik auf Außenstehende geheimnisvoll?
Wir leben in einer Welt, die ungebremst die Schlüssellochperspektive liebt. Die Medien gaukeln uns
vor, man könne ungestraft und ungeniert in jeden Intimbereich einbrechen. Der banale
Lebenswandel in Königshäusern wird zum Zerrbild einer Gesellschaft, denen der Blick in die
Schlafzimmer anderer ein höherer Wert zu sein scheint, als das stille Menschsein ihrer Nachbarn.
Auch die Freimaurerei existiert nicht ungeschützt gegenüber dieser unangemessenen Neugierde.
Unsere Erlebnisse vertragen allerdings auch nicht den Mantel der Geheimnistuerei. Nur durch
Verschwiegenheit können wir sie der öffentlichen Neugierde entziehen. Gegen künftige
Verunglimpfungen gibt es nur das Mittel, nämlich unsere Ziele mit der gebotenen Offenheit zu
vertreten. Der einzelne Bruder ist daher aufgerufen mutig die Freimaurerflagge zu hissen. Wehret
dem Unrecht, wo es sich zeigt. Freimaurerei ist jene Reise, die erst beendet ist, wenn wir eines
Tages in die Form einer anderen Existenz wechseln werden. Solange sind wir auf der Suche, das
Wunder des Lebens verstehen zu lernen, dem Rätsel unserer Existenz näher zu kommen und dem
Unerklärlichen mit Ehrfurcht entgegen zu treten.
Freimaurerei ist die Kunst als Mensch leben zu lernen.
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