Leseprobe

Transcription

Leseprobe
Verlosungen, Leseproben, News und mehr?
Jetzt Social Media Kanäle abonnieren!
--- LESEPROBE --Nachtwesen
Die Vollstreckerin
Sabine Pagel
„Man wird so gefesselt, dass man das Buch nicht aus der Hand
geben will. Der ganze Roman ist so detailreich beschrieben, dass
man sich die Hauptprotagonistin, Kyrana, sehr gut
hineinversetzen kann.“
Josephine Radke auf Amazon
„Ich habe dieses Buch - als totaler Neuling im Fantasy-Bereich
- wirklich "genossen" und bin jetzt voll auf den Geschmack
gekommen.“
Meine Meinung auf Amazon
„Nach langem hatte ich mal wieder ein Buch in der Hand, dass
durch seine Geschichte selbst glänzt und nicht durch
Verkaufszahlen, die in Bestsellerlisten hochgepuscht werden.
Danke dafür!“
Leserin via E-Mail
Liebe Leserin, lieber Leser!
Seit meiner Kindheit schreibe ich Geschichten – damals noch
zum Entzücken meiner Deutschlehrer, die nicht müde wurden,
meine Fantasie zu loben.
Bis heute habe ich am Schreiben festgehalten. Eines der
wenigen Hobbies, die die Jahre überstanden haben.
Ich wünsche Ihnen nun viel Spaß und spannende Stunden!
Herzlichst, Ihre
Sabine Pagel
Über das Buch
„Nachtwesen“ ist ein Fantasy-Roman, der als erster Teil einer
Trilogie um die Insel Talavan erschienen ist.
Im Mittelpunkt steht die Geschichte der jungen Kyrana. Sie
wächst als Außenseiterin wider Willen auf. Ein Umstand, der
sie ernst, still und einsam werden lässt.
Schon früh freundet sie sich mit einem weißen Wolf an, der
für lange Zeit ihr einziger Begleiter bliebt. Erst als sie Kelmar,
den Obersten der beheimateten Nachtwesen und die dunkle
Magie kennenlernt, wendet sich ihr Lebensweg.
Kelmar wird ihre heimliche Liebe, denn er ist geheimnisvoll
und verfügt über Kräfte, die für Kyrana lange im Verborgenen
bleiben.
Zu ihrem 21ten Geburtstag macht er ihr ein einzigartiges
Geschenk, das ihr Leben für immer verändern wird...
Fantasy Verlag
207 Taaffe Place, Office 3A
Brooklyn, New York – NY 11205, USA
http://www.fantasyverlag.com © 2013
All rights reserved.
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.
Alle Rechte, auch die der Übersetzung, des Nachdruckes und
der Vervielfältigung des Werkes, oder Teilen daraus,
vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf ohne schriftliche
Genehmigung des Verlages in irgendeiner Form (Fotokopie,
Mikrofilm oder ein anderes Verfahren), auch nicht für Zwecke
der Unterrichtsgestaltung, reproduziert
oder unter
Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt
oder verbreitet werden.
Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen,
Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch
ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass
solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und
Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und
daher
von
jedermann
benutzt
werden
dürften.
Prolog
In einer kalten Nacht waren an der Küste des kleinen
Städtchens Nocrya all jene versammelt, welche der Abreise
der Vollstreckerin beiwohnen wollten. Ihre schwarzen
Umhänge bewegten sich im Wind, der über das Meer ans
Land wehte. Ihre Gesichter waren im fahlen Schein der
Fackeln unter den tief sitzenden Kapuzen nicht zu erkennen.
Still standen sie um den kurzen Steg herum, an dessen Fuße
ein kleines Boot auf den Wellen tanzte.
Es wartete darauf, seine einzige Passagierin zu dem
Segelschiff hinüber zu bringen, das weiter draußen nur als
schemenhafter Umriss in den dunklen Wogen zu sehen war.
Die Menge teilte sich murmelnd, als sie in Sicht kam und sich
dem Steg näherte. Fest waren die Schritte ihrer nackten Füße
und ihre ganze Haltung ließ keinen Zweifel darüber, dass sie
ihre Mission erfüllen würde. Vor den Holzplanken blieb sie
stehen und sah sich um, als wartete sie auf etwas.
Dann strich sie mit gelassener Bewegung die Kapuze ihres
Umhanges zurück und gab den Blick auf langes, weißes Haar
frei. Wie ein Schleier rahmte es ihr elfenbeinfarbenes Gesicht
ein. Suchend blickten ihre glashellen Augen umher, bis sie
schließlich auf einer großen Männergestalt zur Ruhe kamen,
welche langsam aus der Menge heraus auf sie zu trat.
Ohne dass auch nur ein Wort gesprochen wurde, zog jener
unter seinem Umhang eine Axt hervor und reichte sie ihr. Im
Mondschein glänzte das Silber der Schneide hell auf und ließ
erahnen, um welch kostbare Handwerkskunst es sich hier
handelte. Der hölzerne Stiel war eher schlicht gehalten,
lediglich einige seltsame Zeichen zierten ihn.
Stille kehrte ein, als sie die Waffe ergriff und sich dabei
ehrfürchtig vor dem Mann verneigte. Dann hob sie die Axt
über ihren Kopf und sah auf die Menge der Anwesenden. Das
1
Gemurmel erhob sich von neuem und schwoll langsam an.
Arme wurden gehoben und Fäuste geschüttelt. Ganz ohne
Frage war ein Jeder hier der Meinung, das gesprochene Urteil
sei gerechtfertigt und müsse vollstreckt werden.
Als die Stimmen wieder leiser wurden, senkte sie die Axt und
schritt hoch erhobenen Hauptes den Steg entlang, dem Boot
entgegen. Die Gasse, welche sich für sie geöffnet hatte, schloss
sich hinter ihr. Vom Boden des Kahns erhob sich eilig ein
Schiffsjunge. Diese Zusammenkunft düsterer Gestalten trieb
ihm kalte Schauer über den Rücken - und so hatte er es
vorgezogen, zusammengekauert zu warten, bis seine Dienste
in Anspruch genommen würden.
Nun reichte er der Dame artig eine schmutzige Hand hinauf,
um ihr beim Einsteigen in das schwankende Boot behilflich zu
sein. Ihre Finger waren kalt, ebenso wie der Blick ihrer hellen
Augen. Dies trug nicht eben dazu bei, dass er sich wohler in
seiner Haut fühlte. Als er sie berührte, fühlte er ein
eigentümliches Ziehen in seinem Arm, zusammen mit einer
plötzlich aufkommenden Schwäche. Hastig zog er seine Hand
zurück und musterte die Dame erschrocken. Dann machte er
sich eilends daran, das Boot los zu binden und die Ruder zu
ergreifen.
Die Vollstreckerin nahm auf der kleinen Bank des Kahns Platz
und verstaute sorgfältig die Waffe neben sich. Erst dann griff
sie in die Tasche ihres Umhanges und entnahm ihr ein Paar
spitzenbesetzte, schwarze Handschuhe, welche ihr nach dem
Überstreifen bis zu den Ellenbogen reichten.
Ein kurzer Blick traf den Schiffsjungen, der sich bereit
gemacht hatte, sie überzusetzen. Ein knappes Nicken von ihr
und schon paddelte er los. Man sah ihm an, dass er froh sein
würde, heil und vor allen Dingen schnell, das Schiff zu
erreichen. Kerzengerade saß sie auf ihrem Platz, den Umhang
um sich geschlungen, während ihre Haare im Wind tanzten.
Am Ufer standen still versammelt die verhüllten Gestalten und
sahen dem Boot nach, wie es kleiner und kleiner wurde.
2
Kapitel 1
Für die Menschen war es nicht immer leicht, auf der Insel
Talavan zu leben. Räumlich eingekeilt zu beiden Seiten von
'Überwesen', blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich hübsch
fein im Hintergrund zu halten, um möglichst wenig
Aufmerksamkeit zu erregen. So gingen sie still ihrem
Tagewerk nach und waren froh um jeden Sonnenaufgang,
welchen sie friedlich erleben durften. Ihre Siedlungen waren
inmitten der Insel gelegen - eine Jede um eine kleine Stadt
angeordnet, in welcher man die nötigen Besorgungen
erledigen konnte.
Soweit es aus den großen Bibliotheken bekannt war, hatten
sie als zweite Rasse ihren Lebensraum auf Talavan
erschlossen - einige Jahre nach den lichten Elfen in den
Wäldern des Ostens. Wo der erste Beheimatete hergekommen
war, ließ sich nicht nachvollziehen. Es blieb zu vermuten, dass
ihn die üppige Vegetation und die zahlreichen Bach - und
Flussläufe bewogen hatten, seine Suche aufzugeben und
gerade hier ansässig zu werden. Die Schönheit der Natur
mochte darüber hinweg trösten, wie gefährlich das Dasein
hier doch sein konnte.
Außer den Wölfen gab es keine nennenswert wilden
Kreaturen auf der Insel, so dass es selten zu tödlichen
Zwischenfällen oder Unfällen bei der Jagd kam. Doch waren
Tiere auch nicht das größte Problem der Menschen. Vielmehr
fanden sie sich wieder inmitten eines jahrzehntelangen,
gnadenlosen Krieges, welcher seinen Anfang nahm, als die
ersten stolzen Nachtwesen ihren Fuß auf die Insel setzten. Mit
den Menschen hatten sich die Waldelfen arrangiert - nicht
aber mit den düsteren Kindern der Nacht. Zu groß war der
Unterschied zwischen ihnen.
3
Und so dauerte es nicht lange, bis erbitterte Kämpfe ihren
Anfang nahmen. Die Schlachten tobten stets nachts und
kosteten so manch' unschuldiges Menschenleben, sobald
einer von ihnen zwischen die Fronten geriet. Da man sich in
einem Punkte einig war - nämlich darin, dass Menschen
niedere Wesen seien, allenfalls zu gebrauchen, um Dienste zu
verrichten - machten sich weder Nachtwesen noch Elfen die
Mühe, das Menschenvolk während der Kämpfe zu schonen.
Wer zu nahe an die Schlachtfelder heran kam, fand keine
Gnade vor den Waffen der Kriegsparteien.
So verkroch man sich in den Siedlungen, schaufelte tiefe
Gräben darum und baute hohe Stadtmauern, um wenigstens
ein wenig geschützt zu sein und der endgültigen Ausrottung
durch die hohen Rassen zu entfliehen. In den Nächten lagen
die Menschen zusammengekauert in ihren Betten und
lauschten mit Angst in den Herzen hinaus ins
Kampfgetümmel. Unvorstellbar große magische Kraft wurde
zu beiden Seiten in den Schlachten frei gesetzt, so dass man
wahrlich mit Bögen, Äxten und Schwertern kaum hätte
dagegen bestehen können.
Generationen von Menschen lebten solchermaßen ihr Leben wurden hinein geboren in die verwüstenden Zeiten und
starben darin. Und ihre Art überlebte. Manch einer wagte sich
des Tages auf die Schlachtfelder und wusste bei seiner
Rückkehr wahrlich Interessantes zu berichten. Es gab keine
Leichen und es gab keine Verletzten. Das Staunen wollte kein
Ende nehmen. Und obwohl man versuchte, dem Geheimnis
auf die Spur zu kommen, gelang es nie. Lediglich ein paar
seltene Fundstücke konnten geborgen werden - seltsam
geformte Stäbe mit geheimnisvoll leuchtenden Enden und
halb verbrannte Zauberbücher, welche die Kriegsparteien
wohl im Eifer des Gefechtes verloren oder vergessen hatten.
Zauberkundige weise Männer befassten sich eingehend mit
den seltsamen Funden und studierten sie sorgfältig. Doch ob
sie deren Geheimnissen jemals wirklich auf den Grund
4
kommen würden? Die Götter der Elemente schwiegen
jedenfalls, wenn man sie befragte...
*
Die Elfen waren die ursprünglich Beheimateten auf Talavan.
Einst bevölkerten sie das gesamte Eiland - von den Höhlen in
den Hügeln des Westens, bis hin zu den weitläufigen Wäldern
des Ostens. Sie waren feingliedrig, hochgewachsen und von
anmutiger Schönheit. Die meisten von ihnen hatten eine
blasse Hautfarbe und zarte, weißblonde Haare, welche golden
in der Sonne leuchteten. Waren sie freundlich? Erhaben?
Hochmütig?
Zumindest wussten sie bei ihrer Ankunft auf Talavan, dass
nichts ihre friedliche Lebensart stören würde, da weit und
breit nur die Natur zu finden war, in welcher sie ihre
Ursprünge fanden. Kaum eine Pflanze gab es, um deren
geheimnisvolle Kraft sie nicht wussten und kaum ein Tier gab
es, welches sie nicht in seiner einfachen Art verstanden. Eng
verbunden mit den Elementen, machten sie sich deren Energie
zu Nutzen und wurden Meister der Magie der Erde, des
Wassers und der Lüfte.
So lebten sie friedlich im Einklang mit Mutter Natur und
ließen auch nicht von ihrem Weg ab, als die ersten Menschen
auf Talavan eintrafen. Abwartend beobachteten sie deren
Gebaren und befanden sie als einfältig und nicht gefährlich.
Gönnerhaft gestanden die Elfen ihnen zu, sich in den Tälern
der Mitte niederzulassen, nicht ohne sie zu mahnen, die Erde
zu achten und keinen Schindluder mit der Natur zu treiben.
Somit war für das lichte Elfen-Volk das Thema 'Menschen'
abgehandelt.
Man ging sich aus dem Weg - und waren Zusammentreffen
unvermeidlich, so herrschte zurückhaltende Freundlichkeit.
Im Fahrwasser der Menschen gelangten schließlich die
Nachtwesen an die Ufer Talavans. Eine bis dahin fremde
Rasse, welche seltsame und beunruhigende Sitten an sich
hatte. Schon kurz nach ihrer Ankunft gelangte beunruhigende
Kunde an der Elfen spitzen Ohren. Hatten die düsteren
5
Gestalten doch aus den Reihen der Menschen kräftige
Burschen rekrutiert, welche emsig dabei waren, riesige,
massive und befestigte Anwesen in den Hügeln des Westens
zu errichten.
Dies erfüllte die friedliebenden Elfen mit Sorge. Waren jene
dunklen Wesen etwa blutrünstige Kriegshäscher? Gespräche
wurden gesucht und geführt. Doch zeigten sich jene
Nachtwesen im höchsten Maße uneinsichtig. Sie machten ein
Geheimnis aus den Umständen, welche sie umgaben und
wiesen dem Unverständnis der Elfen barsch die Tür. Doch
damit nicht genug. Als die lichten Wesen zäh ihre
diplomatischen Bemühungen fortsetzten, erklärten sie jenen
kurzerhand den Krieg. So fanden sich die Elfen in Kämpfe
verwickelt, welche sie nicht heraufbeschworen oder gewollt
hatten.
Und sie kämpften. Nicht, weil sie es wollten, sondern weil sie
es mussten. Auch ihre Geduld war nicht unbegrenzt und sie
beharrten auf ihrem Recht als Erste der Insel. Also
verteidigten sie es. Die ersten Schlachten verliefen
überraschend und zahlreiche Tote waren zu beklagen. Die
Nachtwesen waren stark und verfügten über die Magie des
Feuers, der Dunkelheit und der Unterwelt. Dies war Neuland
für die Natur-gebundenen Elfen und es brauchte eine gewisse
Zeit, bis sie sich darauf eingestellt hatten.
Sie riefen die Ältesten zusammen und bündelten in einem
kräftezehrenden Ritual ihre Energien, um der bösen Magie der
dunklen Eindringlinge etwas Ebenbürtiges entgegen zu
setzen. Erde, Wasser und Luft vereinigten sich und
beschworen
Sturmfluten, Felsregen
und haushohe
Steintornados
herauf,
welche
mit
vernichtender
Brachialgewalt über die befestigten Zufluchten der
Nachtwesen herein brachen...
*
Die Nachtwesen waren nach Talavan gekommen, um ihre Art
zu vervollkommnen. Den fünf Obersten war zu Ohren gelangt,
dass sich auf jenem fernen Eiland eine übersichtliche Gruppe
6
Menschen angesiedelt hatte. Und so hatten sie beschlossen,
deren naives Gemüt in ihren Bann zu ziehen, um deren
einzigartigste Exemplare für sich zu vereinnahmen. Sie
fragten nicht, ob es den Bewohnern genehm sei, denn sie
waren es gewohnt, sich zu nehmen, was sie begehrten. So
kamen sie über die friedliche Insel wie eine üble Plage und
beanspruchten die westlichen Hügel für sich.
Schon bald waren arbeitsame und ahnungslose Burschen in
den Reihen der Menschen gefunden, welche gegen einen
erstaunlich geringen Lohn bereit waren, prächtige Anwesen
zu erbauen, welche den hohen Ansprüchen der Obersten
gerecht wurden. Solchermaßen ausgestattet, setzten sie die
elitäre Reihe ihrer Ahnen fort, indem sie sich darum
kümmerten, in geradezu kaltblütiger Weise die Wesensarten
der beheimateten Menschen zu ergründen und für sich zu
benutzen. Des Nachts sah man sie durch die Gassen der Städte
und Siedlungen wandeln, gewandet in lange, schwarze
Umhänge.
Die arglosen Menschen, welche zuerst noch aufgeschlossen
ihnen gegenüber waren, erschraken vor der machtvollen
dunklen Magie, welche die Nachtwesen boten und zogen sich
mehr und mehr zurück.
Doch die Obersten duldeten es nicht, abgewiesen oder gar
verscheucht zu werden. So kam es, dass gelegentlich
Menschen verschwanden. Spurlos und zumeist ohne eine
Lücke zu hinterlassen. Derweil kam es immer öfter vor, dass
sich Späher der östlichen Elfen in den Hügeln des Westens
aufhielten. Sie beobachteten anscheinend, was vor sich ging
und verschwanden dann wieder.
Den Nachtwesen war dies gleich. Sie nahmen es zur Kenntnis
und erachteten es als unwichtig. Elfen waren keine Gefahr für
sie, so dachten sie, und setzten unbeirrt ihr geheimnisvolles
Tun fort. Doch fügte es sich, dass im Auftrage der
Elfenältesten ein Bote erschien und um ein Gespräch mit den
Führern ersuchte. So begaben sich die Obersten gen Osten
und fanden sich nach einigen Nächten der Reise in einer
7
kleinen Hütte wieder, angefüllt mit weißhaarigen Elfen. Man
forderte von ihnen eine Erklärung für ihre Anwesenheit, für
ihre Lebensweise und für ihre Magie. Lächerlich.
Sie boten all' ihre Geduld auf, den vorwitzigen
Waldbewohnern klar zu machen, dass es nicht ihre
Angelegenheiten waren, um welche sie sich hier zu kümmern
berufen fühlten. Doch jene wollten nicht hören. So sollten
Waffen sprechen... In aller Ruhe kehrten die Nachtwesen
zurück in ihre Domizile und rüsteten sich zum Kampfe. In
Scharen riefen sie Skelette und Untote aus den tiefsten Tiefen
der Unterwelten hervor und sandten sie über die Insel gen
Osten. Flüche, Seuchen und Verrottung folgten ihnen auf dem
Fuße und die Elfen fielen zuhauf.
Doch waren die lichten Wesen erstaunlich zäh. Jene
bemühten doch in der Tat die Urgewalten der Elemente und
setzten sich zur Wehr. Seltsamerweise schienen sie gar nicht
an Anzahl abzunehmen und stetig stärker zu werden. So
steigerten sich die anfänglichen Scharmützel zu immer
langwierigeren Schlachten und die Tage der Kämpfe wurden
zu Jahren.
Zwar scharten die obersten Nachtwesen mehr und mehr
ihresgleichen um sich, doch wollten die frechen, dürren
Lichtwesen keine Ruhe geben. Sie zeigten sich als ebenbürtig
und richteten beachtlichen Schaden an, besonders was die
stolzen Anwesen der Obersten anging. Auch was den
Nachschub an Menschen betraf, wurde das Eis immer dünner.
Man konnte sie gar nicht so schnell heran schaffen, wie sie
vergingen. So geschah es, dass dieses Mal die Nachtwesen ein
Gespräch ersuchten.
8
Kapitel 2
Die Geburt der kleinen Kyrana fiel zusammen mit jenem
großen Ereignis, welches das Zusammenleben auf der Insel
Talavan grundlegend ändern sollte. Ein Friedensbündnis
zwischen den Nachtwesen und den Elfen war geschlossen
worden! So war es keineswegs verwunderlich, dass man
zuerst kaum Notiz nahm von dem winzigen Neuankömmling
im Hause PeTan, welcher noch dazu so ungewöhnlich
anzusehen war.
Schneeweißer Flaum bedeckte das kleine Köpfchen und bot
damit keinerlei Kontrast zu der nahezu transparenten
Babyhaut. Die Augen hatten einen deutlich rötlichen
Schimmer und blickten vom ersten Augenblick an ernst in die
neue, ungewohnte Umgebung. Kyranas Elternhaus stand
etwas abseits der kleinen Stadt Nocrya, inmitten einer
sonnenüberfluteten Lichtung.
Da ihr Vater Vedyn Holzfäller war, zuständig für den Verkauf
von Bau- und Brennholz, hatte er die Lichtung selbst gerodet
und auch kräftig Hand angelegt beim Bau des hübschen
Häuschens. Ihre Mutter Jara, eine zarte und stille Frau,
richtete das kleine Anwesen liebevoll ein, so gut es die knapp
bemessenen Einnahmen ihres Gemahls und ihr eigenes
Einkommen erlaubten.
Schlichte Möbel fanden sich in jedem der drei Zimmer.
Feldblumen brachten Farbtupfer in die Mischung aus dunklem
Holz und grobem Leinen. An den Fenstern sah man bunt
gefärbte Vorhänge - und eine fein gearbeitete Glocke kündigte
vor der Haustür mit wohltönendem Klingeln einen jeden
Besucher an. Man sollte meinen, diese Idylle hätte dazu
beigetragen, dass Kyrana ein glückliches Leben führen würde,
doch dem war nicht so...
9
Ihr Äußeres, welches so ganz anders war, als das der übrigen
menschlichen Bewohner auf Talavan, gab Anlass zu
getuschelten Gerüchten und wilden Spekulationen. Hatte sie
nicht das gleiche weiße Haar, wie die Elfen in den abgelegenen
Wäldern? Argwöhnisch beobachtete und beäugte man ihre
Mutter, ob sie nicht vielleicht des Nachts heimlich davon
schlich, sich mit einem jener lichten Wesen zu vereinigen.
Denn das Vermischen des reinen Blutes unter den
beheimateten Arten war bei strenger Strafe untersagt. Und
obwohl sich keine Gründe fanden, Kyranas Mutter ein
Fehlverhalten nachweisen zu können, wurde das
ungewöhnliche Kind weiterhin gemieden sobald sie sich den
Gassen der Stadt näherte. So war Kyrana einsam und in sich
gekehrt. Sie lernte früh, sich mit sich selbst zu befassen, da
ihre Eltern den größten Teil des Tages beschäftigt waren.
Geschwister hatte sie nicht und würde wohl auch keine mehr
bekommen. Zu groß war noch immer der Schreck, den ihre
Geburt hervorgerufen hatte. Am liebsten mochte sie die
späten Abende, wenn die unfreundliche Welt um sie her in
gnädiges Dämmerlicht getaucht war und sie sich in der Nähe
ihrer geliebten Eltern aufhalten konnte. Dann sah man
gelegentlich sogar ein kleines Lächeln über ihre Lippen
huschen.
*
Am Tage ihres zehnten Wiegenfestes erwarteten Kyrana zwei
Überraschungen. Zur Frühstückszeit schon war sie hellwach
und schlich sich hinaus. Am Brunnen neben dem Häuschen
reinigte sie sich Gesicht und Hände und huschte dann eilig
wieder hinein, zu sehen, ob ihre Eltern schon erwacht waren.
Das schlichte Baumwollhemd tanzte munter um ihre dünnen
Beine, als sie in die Wohnküche stürmte und dort mit großen
Augen stehen blieb.
Festlich gedeckt war der Tisch, übersät mit allerlei
Köstlichkeiten, welche einen lockenden Duft verströmten. Ihre
Eltern standen liebevoll vereint daneben und begrüßten
Kyrana mit einem herzlichen Lächeln. „Die Götter mit dir,
10
Tochter.“ Sanft nahm Jara sie in die Arme und hauchte einen
Kuss auf ihren weißen Scheitel. „Und mit dir, Mutter“,
erwiderte sie artig, bevor sie auch von ihrem Vater sanft
umarmt wurde.
„Sieh doch!“ Selbst mindestens genauso gespannt wie Kyrana,
nahm ihre Mutter sie an der Hand und geleitete sie um den
Tisch herum zu einem der Stühle. Darüber fein säuberlich
drapiert, lag ein zusammengefaltetes Gewand. Der Stoff
schimmerte seidig blau, beinahe schwarz, und als Kyrana
staunend darüber strich, raschelte er leise. „Deine erste
bodenlange Robe, Kind.“ Stolz sah Jara zu ihrem Gemahl
hinüber, welcher wohlwollend nickte.
Seine kleine Tochter machte mit ihrem zehnten Wiegenfest
den ersten Schritt zur jungen Dame. Ab diesem Tage waren
wadenlange Gewänder Vergangenheit. „Probiere es doch
einmal an...“ Die Stimme Vedyns schwankte vor Rührung,
während er nun scheinbar interessiert den gedeckten Tisch
begutachtete. „Danke!“ Ehrfürchtig ergriffen Kyranas zierliche
Finger das Gewand. Vorsichtig, als könne es dabei zerreißen,
schlüpfte sie hinein, nachdem sie das Schlafhemd achtlos zu
Boden hatte fallen lassen.
Tränen traten in Jaras Augen, als sie nun zärtlich das Haar
ihrer Tochter aus dem Kragen der Robe hob und es um deren
schmale Schultern ordnete. „Wunderhübsch siehst du aus,
Kleine“, flüsterte sie. Kerzengrade saß Kyrana kurz danach auf
ihrem Stuhl und versuchte, sich auf das Frühstück zu
konzentrieren. Doch immer wieder musste sie zwischendurch
über den feinen Stoff des Gewandes streichen.
„Es gibt noch eine Überraschung“, drang die leise Stimme
ihrer Mutter schließlich an ihr Ohr und ließ sie erstaunt
aufschauen. „Du darfst mich heute hinauf begleiten.“ „Hi...nauf?!“ Kyrana wusste, was das bedeutete. Oben in den
Hügeln außerhalb von Nocrya standen die fünf prächtigen
Anwesen der obersten Nachtwesen. In einem davon hatte Jara
schon seit Jahren eine Anstellung.
11
Genau genommen war ihr die Arbeit kurz nach Kyranas
Geburt angetragen worden. Kelmar Xyn höchst selbst hatte
nach ihr geschickt an jenem Tag. Er war der Oberste des
Ersten der fünf Häuser und somit kam seine Stellung einem
Herrscher gleich. Seitdem wanderte Jara tagtäglich in den
Nachmittagsstunden hinauf in die wild bewachsenen Hügel
westlich der Stadt, um ihre Arbeit in der Bibliothek seines
düsteren Anwesens zu verrichten.
Mit Mühe widmete sich Kyrana den feinen Speisen, welche
ihre Mutter so liebevoll vorbereitet hatte. Doch war sie nun
gar nicht mehr bei der Sache. Am liebsten wäre ihr gewesen,
sie könnten sogleich aufbrechen. Doch Geduld war eine
Tugend und so mümmelte sie angestrengt an Honigkuchen
und Milch, bis schließlich Jara die Tafel aufhob und der Vater
sich verabschiedete, um seiner Arbeit nachzugehen. Wie eine
kleine Prinzessin thronte sie wartend an dem, mittlerweile
abgeräumten Tisch und verfolgte mit ihren roten Augen jede
Bewegung ihrer Mutter, welche emsig die Wohnküche
aufräumte.
Jara war aufgeregt und ein wenig besorgt um ihre kleine
Tochter. Sie wusste um deren Hang zur Einsamkeit und ihre
Liebe zu allem Mystischen. Und wer konnte wohl
geheimnisvoller sein als Kelmar? Jener selbst hatte sie
ersucht, das Kind an seinem zehnten Wiegenfest hinauf zu
bringen.
Wobei er nicht erwähnt hatte, aus welchem Grund. Zu fragen
hatte sie sich nicht gewagt. Man belästigte den Obersten nicht
mit Fragen, schon gar nicht als untergebener Mensch. So
begann sie zu trödeln und unnötigerweise Dinge hin und her
zu räumen, während Kyrana auf ihrem Stuhl immer
ungeduldiger herumrutschte.
Einen kleinen Zipfel ihrer neuen Robe drehte sie dabei
aufgeregt zwischen den Fingern, natürlich unter dem Tisch,
dort, wo es ihre Mutter nicht sehen konnte. „Mutter, ist es
denn bald soweit? Gehen wir los?“ Jara nickte und rang sich
12
ein Lächeln ab, wusste sie doch, dass es keinen Sinn haben
würde, den Gang weiter hinauszuzögern.
*
Die Mittagssonne hatte gerade ihren höchsten Stand
überwunden, als sich Kyrana neben ihrer Mutter dem
imposanten Domizil der Nachtwesen näherte. Ein
ausgetretener Pfad durch den dichten Wald bildete den
einzigen Zugang zu jenem abgelegenen Gemäuer. Mit
staunend geöffnetem Mund durchschritt sie den Torbogen
und sah über den, mit Kopfsteinen gepflasterten, Innenhof.
„Ein Schloss...“, flüsterte sie entzückt und sah Jara mit
leuchtenden Augen an. „Du verrichtest dein Tagewerk in
einem Schloss, Mutter!“ - „Es ist...groß, ja.“ Jara seufzte leise.
Es hätte sie auch sehr gewundert, wenn Kyrana sich nicht
beeindruckt gezeigt hätte. Wieder stieg ein ungutes Gefühl in
ihr auf und sanft ergriff sie die Hand ihrer Tochter. „Komm.“
Nebeneinander traten sie auf das große Eingangsportal zu
und gingen die wenigen Stufen hinauf. „Haus Xyn“, las Kyrana
die in Stein gemeißelte Inschrift vor, während ihre Mutter die
Tür leise knarrend öffnete.
Mit kleinen, zögerlichen Schritten betrat das Mädchen die
runde Halle. An beiden Seiten waren unter den zugezogenen
Vorhängen riesige Fenster zu erahnen. Im Dämmerlicht
erkannte man nur undeutlich einige Säulen und weiter hinten
eine große Tür. Kein Geräusch war zu vernehmen, außer dem
dumpfen Poltern, als die Eingangspforte wieder hinter ihnen
ins Schloss fiel. Die Finger in dem seidigen Stoff ihrer Robe
verborgen, tuschelte Kyrana begeistert:
„Die Nachtwesen sind sicher schrecklich reich, wenn sie in
solch' schönen Häusern wohnen können.“ Murmelnd warfen
die Wände ihre Worte zu ihr zurück, so dass sie hell auflachte.
Hastig verschlossen Jaras Finger den Mund ihrer Tochter und
ihre Augen blickten erschrocken umher. „Pssssssssssst!“,
flüsterte sie nervös. „Wir dürfen sie nicht wecken! Dann
werden sie...ungehalten.“ - „Oh!“ Suchend sah das Mädchen
sich um und ergriff augenblicklich Jaras Hand fester.
13
Dann hauchte sie kaum noch hörbar: „Wo müssen wir denn
jetzt hin, Mutter?“ Wortlos zog diese sie durch die Halle, hin zu
jener einzigen Tür. Die Bibliothek hatte holzvertäfelte Wände,
welche rundum mannshoch mit Regalen bestückt waren.
Ordentlich reihte sich Buch an Buch, nur unterbrochen von
einzelnen Lücken hier und da.
Es roch nach Leder und Pergament. Beeindruckt ließ sich
Kyrana in einen mächtigen Ohrensessel sinken, welcher in
einer Gruppe weiterer Sitzgelegenheiten um einen Tisch
herum stand. Ihre Füße reichten gar nicht bis zum Boden, so
dass sie sich wagte, sachte mit den Beinen zu wippen,
während sie sich umsah.
Erleichtert, den Ort ihres Schaffens und Wirkens ohne weitere
Zwischenfälle erreicht zu haben, machte Jara sich daran, dicke
Kerzen anzuzünden, die in großen Ständern aufgestellt waren.
Sanftes Licht legte sich über den fensterlosen Raum und
vermittelte den Eindruck, es sei bereits Nacht. Dann nahm sie
aus einer, versteckt in der Ecke stehenden, Truhe einen
Staubwedel heraus und machte sich an die Arbeit. Die
Nachtwesen legten großen Wert auf ihre Schriften.
Kein Stäubchen durfte darauf zu sehen sein. Indes rutschte
Kyrana unruhig auf dem Sessel herum. Sie langweilte sich und
war enttäuscht. Nur einfach hier zu sitzen und ihre Mutter
beim Wischen und Wedeln zu beobachten, war nicht das, was
sie erwartet hatte. Als Jara gerade damit beschäftigt war,
einige Schriftrollen ordentlich nebeneinander in eines der
Regale zu legen, rutschte sie aus den Polstern auf den
steinernen Boden und schlich zur Tür.
Sie würde sich ein Wenig umsehen und vielleicht das
Abenteuer finden, welches sie erhofft hatte. Ungehindert
erreichte sie den düsteren Gang vor der Bibliothek und sah
unentschlossen
nach
beiden
Seiten.
Fackeln
in
verschnörkelten Halterungen tauchten den Flur in mattes
Licht und warfen lange Schatten an die Wände. Große
Portraits waren zu erkennen und sie beschloss, diese genauer
14
zu betrachten. So legte sie die Hände auf dem Rücken
zusammen und marschierte die Reihe der Gemälde entlang.
Staunend stellte sie fest, dass sie noch niemals so viele
gutaussehende Gesichter gesehen hatte, ganz gleich ob Damen
oder Herren. Sie alle wirkten erhaben und stolz in ihrer
kühlen Schönheit, sodass sie sich selbst noch hässlicher und
kleiner vorkam. Den Abschluss bildete das Antlitz eines
Mannes. Feingeschnittene Gesichtszüge ließen ihn alterslos
wirken.
Die blasse Haut wurde noch hervorgehoben von den
pechschwarzen, leicht gewellten Haaren, welche locker auf
seine Schultern fielen. Meerblaue und doch durchsichtig
wirkende Augen schienen sie zu fixieren, sodass ein Schauer
über ihren Rücken rann. Wie gebannt verharrte sie still dort
und starrte das Portrait an. Dies musste Kelmar sein, ja, ohne
Zweifel. Ihre Mutter hatte von ihm erzählt.
Und stets klang dabei ihre Stimme ehrfurchtsvoll und ein
kleines Bisschen ängstlich. Wie lange sie dort gestanden hatte,
vertieft in das Bild, wusste Kyrana nicht. Doch riss sie
schließlich die leise rufende Stimme Jaras in die Wirklichkeit
zurück. "Kyrana? Wo bist du, Kind?" Weit am Ende des Ganges
konnte man den Kopf ihrer Mutter in der geöffneten
Bibliothekstür vermuten. Dass sie so weit gegangen war, hatte
sie gar nicht gemerkt.
Voller Bedauern riss sie sich von dem Anblick des Gemäldes los
und eilte mit raschelnder Robe den Flur entlang, zurück. "Hier.
Ich bin hier, Mutter." Kaum, dass sie Jara erreicht hatte, ergriff
diese ihre Hand und zerrte sie regelrecht ins Zimmer zurück.
Nachdem die Tür geschlossen war, schob sie Kyrana zu einem
der Sessel. "Du sollst hier nicht herumlaufen!" Ihre Stimme
klang erzürnt.
"Es ist...verboten!" Energisch drückte sie ihre Tochter wieder
in die Polster zurück und griff gleich danach hinter sich, um
ein kleines Holzkästchen von dem, dort stehenden, Tisch zu
nehmen. Sachte legte sie die Schatulle in Kyranas Hände und
sprach wesentlich milder: "Sieh nur, dies ist für dich."
15
Staunend betrachtete das Mädchen ein kleines Papyr, auf dem
in steilen, schwarzen Lettern ihr Name geschrieben stand. Ein
winziges Lächeln schlich sich auf ihre blassen Lippen,
während sie vorsichtig den Deckel des Kästchens öffnete und
gespannt hineinsah.
Auf samtigem Untergrund lag eine feingliedrige, silberne
Kette mit einem runden Anhänger. In dessen Mitte fand sich
ein seltsames Zeichen. Kyrana verstand sich nicht auf das
Deuten von Symbolen. Daher sah sie fragend ihre Mutter an.
Jara zuckte die Schultern und ergriff mit spitzen Fingern die
Kette, um sie ihrer Tochter um den schlanken Hals zu legen.
"Du musst sie tragen, Kind.
Es wäre unhöflich, es nicht zu tun." Später würde sie bei den
Magiern in der Stadt nachfragen, ob jemand um die Bedeutung
des Symboles wusste. Zart fuhren Kyranas Finger über das
Schmuckstück. Es fühlte sich kühl auf ihrer Haut an und war
schwerer, als es zuerst schien. Den Anhänger drapierte sie
vorsichtig über ihrer neuen Robe und sah dann stolz zu Jara
auf. "Du wirst ihm meinen Dank sagen, nicht wahr, Mutter?"
Weshalb Kelmar ihr wohl solch ein Geschenk machte, obwohl
er ihr nie begegnet war, darüber grübelte sie gar nicht erst
nach. Vielmehr freute sie sich einfach und war schon
begierig, dem Vater das kostbare Stück zu zeigen.
*
Die aufregenden Ereignisse des Tages ließen Kyrana nicht zur
Ruhe kommen, als sie am Abend im Bett lag. Fein säuberlich
zusammengefaltet, fand sich die neue Robe auf einem Stuhl in
der Ecke ihres Zimmers, doch die Kette hatte sie noch immer
um den Hals. Mit hinter dem Kopf verschränkten Armen,
starrte sie im fahlen Schein einer einzelnen Kerze auf das Holz
ihrer Zimmerdecke. Was sie dort sah, war das kühle Antlitz
Kelmars, welcher zu ihr hinunter zu schauen schien. Die
Nachtwesen schliefen am Tage und begannen ihr
geheimnisvolles Leben erst in der Dunkelheit der Nacht.
Dem Mädchen lief ein seltsam wohliger Schauer über den
Rücken, während sie sich ausmalte, dass der Oberste in die
16
Bibliothek seines Anwesens eilte, um zu sehen, ob sie sein
Geschenk bekommen hatte. Vielleicht würde er ihren Duft
noch in dem großen Sessel riechen können. Begleitet von dem
raunenden Gemurmel ihrer Eltern in der Wohnküche, schlief
sie schließlich ein.
17
Kapitel 3
In den nächsten Tagen, Wochen und Monaten verlief Kyranas
Leben wieder ohne nennenswerte Höhen und Tiefen, einsam
und eintönig. Der Schneider zu Nocrya hatte weitere
Gewänder angefertigt, welche ihr bis zu den Schuhspitzen
reichten und mit kindlicher Genugtuung nahm sie zur
Kenntnis, wie ihre Mutter ihre alten Kleider dem Waisenhaus
der Stadt spendete.
Die Kette von Kelmar legte sie niemals ab, so als würde sie
eine geheimnisvolle Bindung unterbrechen, wenn sie es täte.
Jara indes, war bei einem weisen Magier in den Hinterhöfen
Nocryas vorstellig geworden und hatte ihn über jenes Zeichen
befragt, welches den Anhänger zierte.
Es war das Symbol für Leben. Diese Erkenntnis ließ die
beunruhigte Mutter ziemlich ratlos zurück, konnte sie sich
doch nicht vorstellen, welche Bewandtnis es mit dem
Geschenk haben sollte. An den Nachmittagen trieb sich Kyrana
nun öfter in den Wäldern herum.
Natürlich war es dumm, zu denken, sie könnte zu dieser
Tageszeit eines der Nachtwesen antreffen, doch hätte sie auch
nie zugegeben, dass dies ihre Hoffnungen waren. Den Weg bis
zu Kelmars Anwesen wagte sie sich nicht hinauf, schon aus
Angst, sie könnte ihrer Mutter auf deren Heimweg begegnen.
So blieb sie in den Randgebieten um die Stadt und ihre
Heimatlichtung herum und saß oft stundenlang da,
betrachtete den Wolkenflug am Himmel und träumte vor sich
hin. Ein junger, weißer Wolf gesellte sich immer öfter zu ihr.
Er schien genauso einsam zu sein wie sie und wartete nach
einigen Tagen schon am Waldrand, wenn sie im Schein der
untergehenden Sonne zwischen den ersten Bäumen
auftauchte.
18
Kyrana gab ihm den Namen Akash und gewöhnte sich mehr
und mehr an seine verspielte Anwesenheit.
*
Einen Henkelkorb über dem Arm und die andere Hand in
ihrem Gewand verkrampft, so schlich Kyrana durch die
Gassen von Nocrya. Die Sonne war längst untergegangen und
hatte einer kühlen Dämmerung Platz gemacht, als sie sich dem
Haus des Medicus näherte. Jara lag im Bett darnieder. Die
Fenster waren, trotz der hereinbrechenden Nacht,
abgedunkelt, da rasende Kopfschmerzen sie plagten.
Die Augen starr auf das Kopfsteinpflaster geheftet, um den
Blicken der wenigen Passanten zu entfliehen, erreichte
Kyrana schließlich ihr Ziel. Eilends betrat sie den Warteraum,
in dem eine einzelne Dame ihr entgegen sah und sofort einen
missbilligenden Blick aufsetzte, als sie das Mädchen erkannte.
"Die Götter mit Euch", grüßte Kyrana leise und ließ einen
kleinen Knicks folgen, so wie sie es von ihrer Mutter gelernt
hatte.
Die Frau nickte knapp und sah dann betont abweisend aus
dem Fenster. Still setzte sie sich auf einen der Stühle und
hoffte, der beklemmenden Situation recht bald entrinnen zu
können. Niemand mochte sie. Sogar Menschen, welche sie gar
nicht kannte, betrachteten sie unfreundlich und mit Argwohn.
Mit einem bekümmerten Seufzen strich sie sich eine ihrer
weiß leuchtenden Haarsträhnen aus dem Gesicht und senkte
ihre roten Augen gen Boden.
Kyrana hasste ihr seltsames Aussehen und wünschte sich
nichts sehnlicher, als nicht mehr so 'anders' zu sein. Als die
Dame schließlich hereingerufen wurde, atmete sie erleichtert
auf und wagte erstmals, sich in dem nüchternen Warteraum
umzusehen.
Der Medicus von Nocrya war ein älterer, freundlicher Herr,
welcher schon viel Merkwürdiges gesehen hatte in seinem
Leben. So bedachte er das Mädchen mit einem warmen Gruß
19
und händigte ihr, nachdem sie die Krankheit ihrer Mutter
geschildert hatte, eine tönerne Flasche mit einer
übelriechenden Flüssigkeit und einen Lederbeutel mit einem
grobkörnigen Pulver aus. Kyrana bedankte sich artig für die
Arznei und verabschiedete sich mit einem Knicks.
Dann stand sie wieder auf der Gasse vor dem Haus und sah
sich um. Mittlerweile schien der Mond als helle Sichel über die
strohbedeckten Häuser, umtanzt von zahllosen strahlenden
Sternen. Keine Menschenseele war zu sehen und nur das
gelegentliche Bellen eines Straßenhundes unterbrach die
nächtliche Stille. Zu solch' später Stunde war sie noch nie in
der Stadt unterwegs gewesen und zunehmend kroch eine
ängstliche Beklommenheit in ihr auf.
Beinahe hastend, dabei den Korb fest in der Hand, machte sie
sich auf den Heimweg. Schon tauchten die ersten Bäume der
nahen Lichtung vor ihr auf. Nun würde es nicht mehr weit
sein. Froh, die Stadt hinter sich zu lassen, verlangsamte sie
ihre Schritte und blieb schließlich stehen. "Akash?" Leise
ertönte ihre helle Kinderstimme, doch verhallte sie
unbeantwortet in der Dunkelheit. Der weiße Wolf schien wie
vom Erdboden verschluckt.
Stille breitete sich um sie her aus, je weiter sie in das
Unterholz vordrang. Kein Nachtvogel ließ seinen Ruf
erklingen und sogar der Wind schien zu schweigen. Kyrana
fröstelte, während sie mit tastenden Schritten vorwärts
strebte. Das Brechen kleiner Zweige unter ihren Füßen klang
so laut, dass es nur übertönt wurde von dem aufgeregten
Pochen ihres Herzens.
Lediglich der fahle Schein des Mondes beleuchtete ihren Weg,
sodass sie die düstere Gestalt erst bemerkte, als sie
unmittelbar vor ihr stand. Ein spitzer Schrei entfuhr ihr und
erschrocken stehenbleibend presste sie den Korb an ihre
Brust. Ihr Herzschlag dröhnte plötzlich in ihren Ohren und
ihre Beine drohten, unter ihr nachzugeben.
Gehüllt in einen schwarzen Umhang, dessen Kapuze tief ins
Gesicht gezogen war, stand die Gestalt unbeweglich vor ihr
20
und versperrte ihr den Weg. "Was machst du zu dieser
nächtlichen Stunde inmitten des Waldes, kleine Kyrana?" Die
Männerstimme war tief und wohltönend. Mit großen,
entsetzten Augen versuchte sie, zu erkennen, was sich unter
der Kapuze verbarg.
Er kannte ihren Namen... "Meine Mutter...wird sicher gleich
kommen, Herr!" Zitternd versuchte sie, laut und bestimmt zu
klingen. "Das wird sie nicht." Die Worte duldeten keinen
Widerspruch. "Und, du weißt es." Natürlich wusste sie es!
Doch weshalb wusste er es? Kannte sie ihn? Woher kannte er
sie? In ihrem Kopf wirbelte es durcheinander, sodass sie
keinen klaren Gedanken fassen konnte. Umdrehen,
wegrennen...
Sie sah hinter sich in die Dunkelheit und schluckte. Er würde
sie einholen... Die Flasche in ihrem Korb fiel ihr ein. Wenn sie
ihm diese über den Kopf... "Denk nicht einmal daran."
Geflüstert drangen die Worte an ihr Ohr. Sie wich zurück und
starrte den Mann an. Er wusste, was sie dachte... "Was wollt
Ihr...von mir?" Als ob er ihr dies verraten würde. Hatte er ihre
brüchige
Stimme
überhaupt
gehört?
Schlanke,
elfenbeinschimmernde Hände kamen unter dem schwarzen
Umhang hervor und schoben langsam die Kapuze zurück.
Schwarze, gewellte Haare lagen auf den breiten Schultern. Das
Gesicht fein geschnitten und bleich im matten Schein des
Mondes. "Kelmar....", flüsterte Kyrana.
Und während unendliche Erleichterung von ihr Besitz ergriff,
gaben ihre Beine nach, sodass sie auf den weichen Waldboden
sank. Er würde ihr nichts tun. Unwillkürlich fassten ihre
Finger nach dem Anhänger der Kette, während er sie
schweigend beobachtete. Seine Augen waren blau, das wusste
sie von dem Gemälde. Doch hier in der Dunkelheit der Nacht
erschienen sie ihr nahezu schwarz. Und so endlos, dass sie
gar nicht den Blick aus ihnen lösen konnte.
"Ihr habt mich erschreckt...", wagte sie sich zu sagen. "Ich
dachte schon, Ihr wolltet...würdet..." Sie verstummte und
beendete den Satz lieber mit einem schüchternen Lächeln.
21
Sein Lachen war leise und ließ kleine Schauer über ihren
Rücken huschen. "Ich werde dich nach Hause geleiten, kleine
Kyrana." Die Hand, welche er ihr entgegen streckte, um ihr auf
zu helfen, war kalt und ihre schmalen Finger verschwanden
gänzlich darin. Als sie dann neben ihm stand, legte er ihr
wortlos seinen Umhang um die Schultern.
Wie froh war sie doch in diesem Moment, dass er an ihrem
bodenlangen Gewand erkennen konnte, dass sie längst kein
Kind mehr war! Demonstrativ platzierte sie den Anhänger
ihrer Kette gut sichtbar in ihrem runden Ausschnitt und
schritt dann, so gut es in der Dunkelheit eben ging, hoch
erhobenen Hauptes neben ihm her. Den Saum seines
Umhanges raffte sie dabei mit einer Hand empor, sodass er
wie eine Schleppe sachte hinter ihr her schleifte.
Während sie schweigend nebeneinander hergingen, sah
Kyrana Kelmar ab und zu von der Seite her an. Es schien, als
würden seine Füße den Waldboden kaum berühren, als ob er
schwebte. Oder kam ihr dies nur so vor, da sie selbst bei jedem
zweiten Schritt ins Straucheln geriet? Kein Wort wurde
gesprochen und das war ihr auch lieb so. Sicherlich hätte sie
sowieso nur lauter dummes Zeug gesagt.
Die in ihr gerade zart erblühende junge Dame wäre gerne
ewig so neben ihm hergelaufen, zufrieden damit, ihn an zu
schmachten. Doch das Kind gewann die Oberhand und so
seufzte sie erleichtert, als sie endlich das Gartentor und somit
ihr Zuhause erreichten. Kelmars seltsam scheinenden Augen
wanderten über das kleine Häuschen und endeten schließlich
auf ihrem Gesicht.
Seine Finger berührten kurz den Anhänger ihrer Kette,
während er sie unverwandt ansah. "Ruhe sanft, kleine Kyrana.
Und genesende Grüße an deine Frau Mutter." Wie ein
Windhauch schien seine Stimme sie sanft zu berühren und
bevor sie noch etwas erwidern konnte, hatte er sich neben ihr
regelrecht in Luft aufgelöst. Das Mädchen zwinkerte und
starrte. Vorsichtig hob sie die Hand und tastete dorthin, wo er
gerade eben noch gestanden hatte - doch nichts.
22
Der Umhang lag noch immer unverändert über ihren
Schultern, als sie nach einer Weile des Staunens leise das Haus
betrat. Sie würde Jara nichts erzählen über die schaurig
schöne Begegnung im Wald. Weshalb, das wusste sie selbst
nicht genau. Doch ein Gefühl sagte ihr, dass es ihre Mutter nur
beunruhigen würde. So bog sie direkt in ihre kleine Kammer
ab und verstaute den Umhang in einer Truhe. Und erst
nachdem sie die Kette wieder in ihrem Ausschnitt verborgen
hatte, ging sie hinüber, um den Korb mit der Arznei
abzugeben.
***
Ende der Leseprobe
Wie es weiter geht, erfahren Sie im Buch!
Das Buch ist als eBook und gedruckte
Version auf Amazon.de erhältlich.
Hier klicken
23
Mehr Informationen und Leseproben zu den
Büchern aus dem Fantasy Verlag gibt es
unter www.fantasyverlag.com!