Häuser im Dialog - Duplex Architekten

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Häuser im Dialog - Duplex Architekten
Häuser im Dialog. Ein Quartier entsteht.
Häuser im Dialog
Ein Quartier entsteht.
mehr als wohnen steht für...
… beispielhafte Weiterentwicklung der Genossenschaftsidee
… bezahlbares Wohnen mit hoher
architektonischer Qualität
… Selbstverantwortung und Engagement im Zusammenleben
… bauen und wohnen nach den
Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft
… Dialog und Partnerschaft in
Planung, Bau und Betrieb
Projekt Hunziker-Areal
… hohe Wohnqualität und vielfältige
Wohnformen
baugenossenschaft mehr als wohnen
Arbeitsgemeinschaft Futurafrosch und Duplex Architekten, Zürich
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Projektbeteiligte:
Bauherrschaft:
baugenossenschaft mehr als wohnen im Baurecht der Stadt Zürich
www.mehralswohnen.ch
Städtebauliches Gesamtkonzept:
Arbeitsgemeinschaft Futurafrosch und Duplex Architekten, Zürich
mit Müller Illien Landschaftsarchitekten
Architektur:
Arbeitsgemeinschaft Futurafrosch und Duplex Architekten, Zürich
Müller Sigrist Architekten
Pool Architekten
Architekturbüro Miroslav Šik
Bauherrenberatung und Kostenplanung:
b+p Baurealisation
Impressum:
Arbeitsgemeinschaft Futurafrosch und Duplex Architekten, Zürich
und baugenossenschaft mehr als wohnen
Zürich, April 2010
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Häuser im Dialog
Ein Quartier entsteht.
DUPLEX architekten, Zürich
Projekt Hunziker-Areal
baugenossenschaft mehr als wohnen
Arbeitsgemeinschaft Futurafrosch und Duplex Architekten, Zürich
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort
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Einleitung
Städtebau zwischen Dialog und Regelwerk
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Regelwerk
Übersicht
1. Mantellinie
2. Subtraktionsprinzip
3. Fassadengliederung
4. Nutzungsverteilung
5. Adressen
6. Akzente
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Dossier
Hannes Mayer
Housing Associations
Daniel Kurz, Ursula Müller
Zürich und der gemeinnützige Wohnungsbau
Philippe Cabane
Sozial nachhaltig leben!
Lukas Kueng, Werner Waldhauser
Was heisst Standard?
Fanni Fetzer
Zeitgenössische Kunst für eine zeitgenössische Genossenschaft
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Appendix
Futurafrosch, Duplex Architekten und Müller Illien Landschaftsarchitekten
Situationsplan
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Vorwort
Mitten im Entwicklungsgebiet Leutschenbach am nördlichen Stadtrand
entsteht ein neues Quartier mit 13
Häusern und 450 Wohnungen. Kein
alltägliches Projekt!
Seinen Ursprung hat dieses Projekt im Jubiläumsjahr «100 Jahre
gemeinnütziger Wohnungsbau», das
2007 gefeiert werden konnte. Damals entstand die Idee, im Sinn und
Geist der Wohnbaugenossenschaften der Gründerzeit in gemeinsamer
Selbsthilfe eine wegweisende Bebauung zu realisieren, die ökologisch,
ökonomisch sowie gesellschaftlich
und sozial nachhaltig ist. mehr als
wohnen setzt damit ein Zeichen für
die Zukunft des genossenschaftlichen Wohnungsbaus in der Schweiz.
Die neue Genossenschaft wird von
über 50 gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaften und Wohnbaustiftungen getragen. Sie versteht sich
als Innovations- und Lernplattform
für die gesamte Genossenschaftsbewegung. Sie soll ermöglichen, gemeinsam Erkenntnisse zu sammeln,
Neues auszuprobieren und neue
Wege zu gehen.
Grundlegend ist das genossenschaftliche Prinzip des «Zusammens», einer dialogischen Haltung,
die davon ausgeht, dass mehrere
mehr wissen als ein Einzelner und
dass 1+1 mehr ergibt als 2.
Dieses dialogische Prinzip fusst
auf der genossenschaftlichen Wertschätzung des einzelnen Menschen
und stellt seine Bedürfnisse und seinen Beitrag zum Ganzen in den Mittelpunkt.
In einem neuartigen Wettbewerbsverfahren konnten vier Architekturbüros ausgewählt werden, die – und
das kann als Glücksfall bezeichnet
werden – auch willens und fähig
sind, in dieser dialogischen Haltung
zusammen zu arbeiten. Mit ihnen
wurde es unter der Leitung des Städtebauteams möglich, ein gemeinsames Projekt zu entwickeln, das den
Raum für die Realisierung dieser Vision schafft.
Wir stehen heute mit dem Beginn
der Vorprojektphase am Übergang
von der Absicht zur Umsetzung. Der
Anspruch, ein Leuchtturmprojekt zu
entwickeln, bleibt trotz vieler Sachzwänge ungebrochen. Die Kommunikation, das Gespräch, die gemeinsame Suche nach Lösungen werden
weiterhin eine anspruchsvolle Aufgabe bleiben.
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Diese Broschüre soll für diese
kommende Phase die Rahmenbedingungen aufzeigen und ein ständiger
Begleiter sowie ein Nachschlagewerk
für alle Beteiligten sein. Dem Prinzip
des Dialogischen folgend, erhebt es
keinen Anspruch auf abschliessende
Vollständigkeit, sondern es ist eine
Einladung zum Weiterdenken und
-gestalten.
Es bleibt zu danken. Der Genossenschaftsbewegung, die uns trägt,
der Stadt Zürich als Baurechtsgeberin und Partnerin, den vielen interessierten Unternehmungen und
unterstützenden Stiftungen sowie
verschiedenen inspirierenden Hochschulen. Nicht zuletzt gilt der Dank
den engagierten Architektinnen und
Architekten des Städtebauteams von
Futurafrosch und Duplex Architekten, die mit ihren Impulsen die Umsetzung unserer Vision massgebend
mitgestalten sowie den Büros Müller
Sigrist Architekten, Pool und
Miroslav Šik.
Peter Schmid
baugenossenschaft mehr als wohnen, Präsident.
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Einleitung
Städtebau im Spannungsfeld
von Regelwerk und Dialog
Städtebauliche Figur:
Freiraum und Dichte
Die städtebauliche Disposition des
Masterplans basiert auf dem Gleichgewicht von Baukörper und urbanem Zwischen-Raum. Das dreidimensionale Spiel von Figur und
Grund übersetzt die gegenseitige
Abhängigkeit in einen städtischen
Raum. Erst durch die Masse kann
der definierte Leerraum entstehen.
Die zu Grunde liegende hohe Bebauungsdichte ist einerseits Vorraussetzung für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem verfügbaren
Boden und Bedingung für energetisch effiziente Gebäude, andererseits birgt sie planerisches Potential. Durch die Reibung zwischen den
einzelnen Bestandteilen bilden sich
starke Orte.
Das dialektische Zusammenspiel von Öffentlichkeit und privater Rückzugsmöglichkeit bildet die
inhaltliche Grundlage und findet
seine Umsetzung sowohl städtebaulich als auch architektonisch. Mit
der gleichen Sorgfalt, mit welcher
die einzelnen Gebäudekörper ausgestaltet werden, kümmern wir uns
um die individuelle Programmierung und Gestaltung der unbebauten Flächen. Das Wechselspiel von
Enge und Weite generiert eine Vielzahl von Möglichkeiten, auf den Wegen durch das Quartier unterschiedlichste stadträumliche Sequenzen
wahrzunehmen. Gleichzeitig bleibt
die Durchlässigkeit zur Umgebung
gewahrt. Diese situative Vielfalt wird
gestützt durch die Organisation der
Erdgeschosse, welche ein reichhaltiges Programm an gemeinschaftlichen und publikumsorientierten
Nutzungen aufweist. Die Landschaftsgestaltung reagiert mit einer
qualitativen Ausdifferenzierung der
Aussenräume. Die eindeutige Charakterisierung der Orte erlaubt grosse Selbstverständlichkeit und Sicherheit bei der Inbesitznahme der
Aussenräume durch verschiedene
Gesellschafts- und Altersgruppen.
Orte des Zusammentreffens und
der Interaktion funktionieren in der
Regel nur auf der Basis von Rückzugsmöglichkeiten in individuelle Bereiche. Die architektonische
Konzeption muss sich in der Folge
ebenfalls an der urbanen Dichte und
Nähe orientieren. Der Ausdruck der
Häuser ist städtisch und lebt von der
Spannung zwischen der Strenge der
vorgegebenen Anordnung und der
Interpretation im Einzelfall.
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Ziel ist es, einen Ort zu generieren,
der zum Identitätsträger für einen
wachsenden und sich verändernden
Stadtteil werden kann. Es entsteht
ein Quartier, das sich durch hohe
Wohnqualität für die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner auszeichnet. Ein Quartier, welches auch
für Anwohner in den bestehenden
und geplanten Wohnbauten und für
die Mitarbeitenden der zahlreichen
Firmen in der Umgebung einen Ort
des Aufenthalts und der Identifikation bietet.
Dicke Typen:
Mantelvolumen und «Luft»
Als kleinste Einheit sind bis zu
30m tiefe Baukörper angedacht. Sie
liegen in der Grösse irgendwo zwischen Haus und Block. Diese dicken Typen erinnern an die Typologie der italienischen Palazzine der
1930iger Jahre und beinhalten einen Mikrokosmos, der über die gewohnte Grössenordnung des herkömmlichen Mietwohnungsbaus
hinausgeht. Als Grundlage für die
architektonische Bewältigung der
im Masterplan vorgegebenen Dichte ist die zu erzielende Nutzfläche
kleiner als das Mantelvolumen zulassen würde. Die Differenz, diese
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«Luft», steht jedem der Architekten
zur Verfügung, um die Belichtung
zu gewährleisten. Das kann durch
Einschnitte von aussen, Aushöhlen
von innen oder auch über doppelgeschossige Räume an der Fassade geschehen, welche das Licht bis in die
Tiefe des Gebäudes bringen.
Nachdem die im Wettbewerb prämierten Wohntypologien aller vier
Architektenteams in einer ersten
Bearbeitungsphase erfolgreich in
den Masterplan implantiert wurden,
kann rückblickend festgestellt werden, dass die Setzung von Mantelvolumen und «Luft» als Ausgangslage quasi zum Generator für den
effizienten Umgang mit den dicken
Typen geworden ist. Entstanden ist
eine beispielhafte Sammlung von
Strategien im Umgang mit grossen
Gebäudetiefen, die dem Anspruch
an den experimentellen Charakter
des Projekts gerecht wird.
Rahmenbedingung:
Regelwerk und Spielraum
Die Balance zwischen experimenteller Vielfalt in der Architektur und
Kontinuität der Stadt spielt für das
Projekt eine zentrale Rolle. Ziel ist
nicht die absolute Diversität einer
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Mustersiedlung, sondern das Schaffen eines emergenten Systems, bei
dem durch Zusammenspiel seiner
Teile neue Qualitäten «auftauchen»
(lat. emergere: auftauchen, hervorkommen, sich zeigen). Die geometrische Ähnlichkeit der einzelnen Bausteine leistet hier einen wichtigen
Beitrag. Für die Umsetzung der architektonischen Gestaltung befinden
wir uns auf der Suche nach weiteren
Gemeinsamkeiten, die das Quartier
zusammenbinden.
Diese werden jedoch nicht in einer
Art Katalog von oben diktiert, vielmehr generieren wir einen Nährboden für den autonomen nachbarschaftlichen Dialog. Wie Spielregeln
sichert das Regelwerk in 6 Punkten
einige grundlegende Bedingungen
für das erfolgreiche Zusammenspiel
der Einzelteile. Die planerischen
Eckpunkte der Gebäude werden eindeutig festgelegt, gleichzeitig bleiben aber Freiräume zur Gestaltung
erhalten, welche eine Interpretation im Einzelfall nicht nur gewähren,
sondern erfordern.
Als Ausgangspunkt sind die Gesamtvolumen mit Mantellinien im
Masterplan definiert. Zusammen mit
der vorgegebenen Verteilung der öffentlichen Nutzungen bilden sie die
Grunddisposition für das Quartier.
Die weitere Bearbeitung der Baukörper erfolgt dann durch die jeweiligen
Architektenteams mit dem individuell zugeteilten Raumprogramm und
eigenen Entwurfsstrategien. Die Regeln formulieren dabei sowohl Einschränkungen als auch Freiheiten.
Die Regeln beziehen sich auf alle
wesentlichen Teile der architektonischen Konzeption. Dank der Gemeinsamkeiten auf den verschiedenen Ebenen der Gestaltung – sei es
beispielsweise die Entwicklung der
eigentlichen Gebäudeform, die Fassadengliederung oder die Anordnung der privaten Eingänge – erhalten die Gebäude den gewünschten
städtischen Charakter und fügen
sich über das Bild der Einzelgebäude
zu einem Stadtteil zusammen. Diese
Einheit in der Vielfalt bildet letztlich die Grundlage für Orientierung,
Identifikation mit dem Ort und
Wohlbefinden der Anwohner und
damit für die Identität dieses neuen
Quartiers.
Wir setzen dazu auf eine dezentrale Steuerungsmethode, auf die Intelligenz der kleinsten Einheit des
einzelnen Architekten. Dadurch ist
maximale Qualität und Unabhängigkeit in der Planung ebenso garantiert wie die hochwertige UmEinleitung Häuser im Dialog
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setzung der Gesamtstrategie, selbst
bei langfristiger Realisierung des
Bauprojekts. Jeder Architekt erarbeitet für die Gestaltung des eigenen Baukörpers aus den Grundlagen ein Konzept des Dialogs mit
seiner direkten Umgebung. Volumetrische Einschnitte, Lage und
Ausrichtung von Erdgeschossnutzungen und Eingangssituationen im
Zusammenhang mit den Platz- und
Gassensituationen und die Setzung
der privaten Aussenräume werden
ebenso aufeinander abgestimmt wie
die Fragen von Fassadengliederung,
Öffnungsverhalten und Materialität.
Dialog:
Partitur statt Baugesetz
In einer gewachsenen Stadt fügen
sich neue Bauwerke in die bestehende Struktur ein und stricken diese
weiter zu einer neuen Dichte. Planer reagieren auf den Bestand und
setzen sich mit dem Kontext auseinander. Im Fall des Projekts mehr
als wohnen, wo diese Nachbarschaft
bisher nur teilweise existiert, müssen andere Wege gefunden werden
für diese Art der Auseinandersetzung mit dem Ort, dem Kontext. Gemeinsamkeiten in Ausdruck, Massstab und Struktur sind massgebende
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Faktoren einer städtebaulichen Entwicklung jenseits der reinen Anhäufung von Einzelbaukörpern, wie sie
in der Agglomeration typisch ist. Die
Abstimmung der charaktergebenden
Eigenschaften – wie sie beim Bauen
im Bestand selbstverständlich ist –
erfordert beim Neubau eines kleinen
Stadtteils einen vertieften Dialog.
Dabei handelt es sich ebenso um einen Dialog zwischen Personen wie
um einen Dialog zwischen Häusern
und Inhalten.
Das Dialogprinzip ist in der Genossenschaftsbewegung keine neue
Erfindung und kann faktisch als
Grundabsicht einer gemeinnützigen
Bauträgerschaft bezeichnet werden.
Neuartig ist allerdings die Anwendung nicht nur innerhalb der Genossenschaft, sondern auch gegenüber
Drittpersonen als Methode der Lösungsfindung in der Planung. Die öffentliche Hand, die Bauträgerschaft
und die Planer entwickeln in diesem
System die Themen und Programme gemeinsam. Die städtebaulichen
Absichten werden im fortlaufenden
Austausch koordiniert. Lösungen
für scheinbar paradoxe Problemstellungen wie nachhaltige Stadtentwicklung werden, basierend auf der
komplexen Auseinandersetzung der
architektonischen Gestaltung mit
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sozialen, technischen und finanziellen Rahmenbedingungen, erarbeitet.
Das Dialogprinzip, welches schon
in der Entwicklung des Projekts von
mehr als wohnen und des komplexen Wettbewerbsverfahrens begründet wurde, wird nun auch auf die
architektonische Umsetzung übertragen.
Arbeitssitzung Architektenpaar intern
Bauherrensitzung "Einzelgespräche"
WORKSHOP, alle
Phase Überarbeitung
In der Konsequenz fasst das Regelwerk die stadträumlich relevanten Ziele in einer Art Absichtserklärung übergeordnet zusammen.
Als harte Faktoren sind technische
Randbedingungen vorgegeben, welche einzuhalten sind und die städtebauliche Strategie sichern. Gleichzeitig ist jeweils eine entwerferische
1. Einzelgespräch:
2. Einzelgespräch:
PRÄSENTATION
> Raumprogramm
> Gebäudefigur
> Konzept Gemeinsamkeiten
a) Volumetrische Einschnitte
b) Eingänge / Gegenüber EG
> Grundrisstypologie
> Wohnungsschlüssel
> Konzept Gemeinsamkeiten
c) Setzung priv. Aussenräume
d) 3-teilige Fassadengliederung
> Grundrisse, Schnitte m 1:200
> Wohnungen exemplarisch
> Modell 1:200 mit Fassadenrelief
> Wohnungsschlüssel aktuell
> Konzept Gemeinsamkeiten
a) Volumetrische Einschnitte
b) Eingänge / Gegenüber EG
c) Setzung der priv. Aussenräume
d) 3-teilige Fassadengliederung
4 Häuser / Testphase:
Januar
Februar
März
DPX, FF
pool
MüSi
Sik
Phase Vorprojekt
3. Einzelgespräch:
START VORPROJEKT
+ 10 Häuser:
April
Mai
> Konzept Gemeinsamkeiten:
d) 3-teilige Fassadengliederung
e) Materialisierung
4. Einzelgespräch:
Juni
> Konzept Gemeinsamkeiten:
e) Materialisierung
d) Öffnungsverhalten Detail
DPX, FF
pool
MüSi
Sik
Phase Vorprojekt /Bauprojekt
Alle Häuser:
Juli
5. Einzelgespräch:
> Konzept Gemeinsamkeiten:
d) Fensterformate, Geländer
e) Farben
August
September
DPX, FF
pool
MüSi
Sik
Schematisches Terminprogramm Entwurfsprozess
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Absicht formuliert, welche Inhalte
beschreibt, veranschaulicht und die
Grundlage für eine freiere Interpretation bildet. Die architektonischen
Mittel bei der konkreten Umsetzung
sind frei, um der experimentellen
Vielfalt Raum zu geben.
und Gemeinschaft, welches wir uns
sowohl für den Planungsprozess als
auch für das künftige Alltagsleben
auf dem Hunzikerareal wünschen.
Arbeitsgemeinschaft
Futurafrosch und Duplex Architekten, Zürich.
Anstatt ein Farbkonzept und einen Katalog der zu verwendenden
Materialien zu definieren, geben
wir den Sitzungsrhythmus für bilaterale Arbeitsbesprechungen unter
den Architekten vor. Der Terminplan der Zusammenarbeit liest sich
denn auch wie eine Partitur. Nebst
der nachbarschaftlichen Auseinandersetzung mit dem direkten Gegenüber auf den verschiedenen Seiten sind in diesem System zu jedem
Zeitpunkt auch die übergeordneten
Interessen auszutauschen und zu
wahren. Zwischen den städtebaulichen Nachbarn entstehen Geschwister und Zwillinge, Verwandtschaften und Wahlverwandtschaften bei
gleichzeitiger Selbständigkeit der
einzelnen Teile.
Die autonome Selbststeuerung ist
ein Wagnis ins Ungewisse, gleichzeitig ist das dazu notwendige gegenseitige Vertrauen die wichtigste
Vorraussetzung für das angestrebte Gleichgewicht von Individualität
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Regelwerk
Ergänzend zum kantonalen
PBG und der kommunalen BZO
gelten folgende Regeln:
1. Mantellinie
Die dreidimensionale Mantellinie
definiert im Masterplan das maximale Gebäudevolumen. Die Mantellinie muss grundsätzlich bebaut
werden. Einzelne vorspringende
Gebäudeteile wie Erker und Balkone dürfen die Mantellinie punktuell
überschreiten, solange die kubische
Wirkung erhalten bleibt.
2. Subtraktionsprinzip
Die ausserordentliche Gebäudetiefe von bis zu 32 m erfordert zusätzliche Massnahmen, um eine optimale Belichtung der Wohnungen zu
gewährleisten. Daher beinhaltet die
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vorgeschlagene Mantelvolumetrie
etwa 12% «Luft», welche in der Ausarbeitung der einzelnen Häuser nach
freien Gestaltungsprinzipien subtrahiert werden kann.
Hof- und Fassadeneinschnitte sind
möglich, soweit die Mantelhüllfläche auf jeder Fassadenseite überwiegend besetzt bleibt. Die gebaute
Masse soll in ihrer Primärvolumetrie
jedoch weiterhin lesbar bleiben.
3. Fassadengliederung
Für das übergeordnete Zusammenspiel der Einzelbauten und der
gemeinsamen Massstäblichkeit ist
im Ausdruck auf eine dreiteilige Gebäudestruktur zu achten. Die architektonischen Mittel zur erkennbaren Ausbildung eines Sockelbereichs
und eines Dachabschlusses sind
frei.
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4. Nutzungsverteilung
Die Zuweisung der Nutzungen
im Erdgeschoss ist für den Charakter der städtebaulichen Orte massgebend und deshalb verbindlich.
Gemeinschaftliche und publikumsorientierte Nutzungen lagern sich
um die Plätze an. Wohnnutzungen
erhalten die notwendige Privatheit
durch die abgewandte Lage und die
Anordnung im Hochparterre.
Die Eingänge zu den Wohnungen
sind in der Folge an den platzabgewandten Strassenseiten und Engstellen anzuordnen. Dadurch werden wiedererkennbare Strassenzüge
gebildet, welche aus den Eingängen
der Häuser identifizierbare Adressen
machen. Durch die dicken Volumen
hat ein Haus in der Regel mehrere
Adressen.
6. Akzente
5. Adressen
Die den Plätzen zugeordneten Fassaden sollen weitgehend für gemeinschaftliche Nutzungen freigespielt
werden.
Der zentrale Platz ist die städtebauliche Mitte.
Die dem Platz zugewandten Fassaden unterstützen seine Akzentuierung und unterscheiden sich von
den abgewandten Fassaden durch
ihren repräsentativen Charakter.
Regelwerk Häuser im Dialog
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1. Mantellinie
Die Regel
Die dreidimensionale Mantellinie
definiert im Masterplan das maximale Gebäudevolumen.
Die dreidimensionale Mantellinie
muss grundsätzlich bebaut werden,
zumindest im Sockelgeschoss ist sie
scharf einzuhalten. Einzelne vorspringende Gebäudeteile wie Erker
und Balkone dürfen die Mantellinie
punktuell überschreiten, das Volumen soll jedoch als Einheit erkennbar bleiben.
Die äusseren Abmessungen und
die Geometrien der Einzelhäuser
sind im Masterplan definiert und
stehen in direkter Abhängigkeit zu
den jeweiligen Nachbargebäuden.
Die gestaffelten Gebäudehöhen sichern die schrittweise geringere
Dichte zum Park hin.
Die Geschosshöhen sind einheitlich festgelegt. Das Erdgeschoss hat
eine Höhe von 4m, die Normalgeschosse sind 2.9m und der Dachrand 70cm hoch.
+22.1m
+19.2m
+19.2m
+19.2m
+22.1m
+16.3m
+22.1m
+16.3m
+22.1m
+19.2m
+16.3m
+19.2m
+16.3m
+13.4m
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Jean Nouvel
«Der Monolith»
Murten, 2002
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1. Mantellinie
Die Absicht
«Mein Haus», sagt Georges Spyridaki, «ist durchscheinend, aber nicht
aus Glas. Eher wäre es aus einer
Art Rauch. Seine Wände verdichten
und verdünnen sich nach meinem
Wunsch. Manchmal ziehe ich sie
eng um mich zusammen wie einen
Isolierungspanzer. (..) aber manchmal lass ich die Wände meines Hauses sich entfalten in ihrem eigenen
Raum, welcher die unendliche Ausdehnung ist.»
Gaston Bachelard, Poetik des Raumes, 1958.
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Erwin Wurm
«Palmers»
1997
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2. Subtraktionsprinzip
Die Regel
Die ausserordentliche Gebäudetiefe von bis zu 32 m erfordert zusätzliche Massnahmen, um eine optimale
Belichtung der Wohnungen, zu gewährleisten. Zur Sicherung der Qualität nach innen, für die Wohnräume
und nach aussen, für die städtischen
Zwischenräume, kann deswegen –
in direkter Auseinandersetzung mit
den Nachbarn – das Bauvolumen
bearbeitet werden.
Die vorgegebene Mantelvolumetrie beinhaltet dazu etwa 12% «Luft»,
welche in der Ausarbeitung der einzelnen Häuser nach freien Gestaltungsprinzipien subtrahiert werden
kann.
Somit sind Hof- und Fassadeneinschnitte möglich, wobei die Mantelhüllfläche auf jeder Fassadenseite überwiegend besetzt bleiben soll.
Damit die gebaute Masse in ihrer
Primärvolumetrie weiterhin lesbar
bleibt, ist das Sockelgeschoss von
dieser Regel ausgenommen.
Die durch diese Massnahmen geformten Bauvolumen ermöglichen
auf der Ebene des Städtebaus attraktive Aussenräume und vertiefen den
individuellen Charakter der einzelnen Gebäude.
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Sergej Hein
«Berlin Block Tetris»
Video still, 2009
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2. Subtraktionsprinzip
Die Absicht
Ach ja, wenn ich es nur ertragen
könnte, alleine zu sein, ich meine,
vor mich hin zu quasseln, ohne dass
mich eine Menschenseele hört. Pause. Nicht dass ich mir einbilde, du
hörst viel, nein, Willie, Gott bewahre. Pause. Es gibt vielleicht Tage,
an denen du gar nichts hörst. Pause. Aber auch Tage, an denen du
antwortest. Pause. So dass ich mir
jederzeit sagen kann, selbst wenn
du nicht antwortest und vielleicht
nichts hörst, Winnie, etwas davon
wird gehört, ich rede nicht nur zu
mir selbst, das heisst in die Wüste, was mir immer unerträglich war
- auf die Dauer. Pause. Das eben
ermöglicht mir weiterzumachen,
das heisst, weiterzureden. Pause.
Wenn du hingegen sterben solltest
- Lächeln - um im alten Stil zu reden - Lächeln verschwindet - oder
weggingst und mich allein liessest,
was würde ich dann tun, was könnte ich tun, den lieben langen Tag,
ich meine, zwischen dem Klingeln
zum Wecken und dem Klingeln zum
Schlaf? Pause. Nur mit zusammengepressten Lippen vor mich hinstarren. Lange Pause, während
der sie es tut. Sie zupft nicht mehr.
Kein Wort mehr, so lange ich noch
Atem holte, nichts, das die Stille
dieses Ortes störte. Pause. Ausgenommen vielleicht, hin und wieder,
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immer wieder, einen Seufzer in meinen Spiegel. Pause. Oder einen kurzen... Lacher, falls der alte Witz mir
nochmal einfallen sollte. Pause. Sie
lächelt. Lächeln wird immer breiter und scheint jeden Moment in ein
Lachen zu münden, als plötzlich ein
Ausdruck der Angst an seine Stelle tritt: Mein Haar! Pause. Habe ich
mein Haar gebürstet und gekämmt?
Pause. Ich hab‘ es vielleicht getan.
Pause. Normalerweise tue ich es.
Pause. {...} Was würdest du sagen,
Willie? Pause. Dreht sich ein wenig
weiter zu ihm: Was würdest du sagen, wenn du von deinem Kopf sprächest, es oder sie? Pause. Von deinem Kopf, meine ich. Pause. Dreht
sich noch ein wenig weiter zu ihm:
Von deinem Kopf Willie, was würdest du sagen, wenn du von deinem
Kopf sprächest, es oder sie? Lange
Pause.
Willie: Ihn
Winnie: wendet sich wieder nach
vorn. Erfreut: Oh, du wirst heute
mit mir sprechen, es wird ein glücklicher Tag werden! Pause. Freude
verschwindet. Wieder ein glücklicher Tag. Pause.
Samuel Beckett, Glückliche Tage, 1975.
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«Tango Encuentro»
Theatre de Poche
Mai 2005
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3. Fassadengliederung
Die Regel
Für das übergeordnete Zusammenspiel der Einzelbauten und der gemeinsamen Massstäblichkeit ist im
Ausdruck auf eine dreiteilige Fassadengliederung zu achten.
Die Ausbildung eines Sockels, einer Hauptfassade und eines Dachbereichs ist projektspezifisch und kann
mittels der jeweils eigenen architektonischen Mittel erfolgen. Trotz allenfalls unterschiedlichem Höhenverlauf und individuellem Ausdruck,
entsteht durch diese gestalterische
Gemeinsamkeit ein Bezug zwischen
den Gebäuden, welcher aus Einzelhäusern ein Quartier bildet.
Die traditionelle Gliederung der
Fassaden mit einem verstärkten Bezug zum Boden und einer ausformulierten Begrenzung in der Höhe, gibt
den Neubauten den notwendigen
Halt und stärkt den urbanen Ausdruck des neuen Stadtteils auf dem
Hunzikerareal.
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Meili, Peter Architekten,
Staufer & Hasler Architekten
«Kino Riffraff»
Zürich, 1997/98
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3. Fassadengliederung
Die Absicht
«Zeitgenössischer Städtebau entsteht also aus der Reibung zwischen
der Idee einer neuen Stadt und der
Substanz der alten. Das macht ihn
nicht nur komplexer, sondern auch
ehrgeiziger: denn die Idee muss ausreichend stark sein, sich in der Auseinandersetzung mit dem Vorhandenen zu behaupten, zugleich aber
auch bescheiden genug, das Vorhandene zu respektieren.»
«Die Stadt machen nicht die grossen und eindrucksvollen Monumente aus, die auf den Werbebroschüren
und auf den Postkarten abgebildet
werden, sondern die vielen einzelnen Viertel mit ihrem Kontinuum
von Wohnhäusern, die alles andere sind als im ursprünglichen Sinn
merkwürdig. Im Gegenteil deklinieren sie facettenartig jene Normalität,
auf welcher die Lebensfähigkeit und
Lebensqualität einer Stadt viel eher
gründet als auf den Höhepunkten
ihrer Sehenswürdigkeiten. Es ist die
Normalität des Einfachen, nicht des
Banalen; des Gewöhnlichen, nicht
des Üblichen; des Originalen, nicht
des Originellen.»
V. M. Lampugnani, Verhaltene Geschwindigkeit,
2002.
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Marcel Duchamp
«Bicycle Wheel»
Paris, 1913
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4. Nutzungsverteilung
Die Regel
Die mehrseitige Orientierung der
Parzelle mit einer Stadtseite und
einer Parkseite prägt die Funktionen der verschiedenen Orte innerhalb der neuen Bebauung und damit
auch den architektonischen Ausdruck. Inbesondere im Bereich des
Erdgeschosses ist die Zuweisung der
Nutzungen auf die Einzelgebäude
für den Charakter der städtebaulichen Orte massgebend und deshalb
verbindlich.
Bodennahe Wohnnutzungen erhalten die notwendige Privatheit in
erster Linie durch die abgewandte
Lage an der Parkseite. Weil die allgemeine Grünfläche gleichzeitig von
Fassade zu Fassade reicht, sind die
Wohnungen leicht erhöht zum Boden, ausschliesslich im Hochparterre anzuordnen.
Gemeinschaftliche und publikumsorientierte Nutzungen befinden sich im überhohen Erdgeschoss
und lagern sich um die Plätze an.
Laden
Atelier
Laden
Mobilitätsstation
Öffentlich
Laden
Restaurant
Atelier
Gewerbe
Privat
Gewerbe
Bibliothek
Atelier
26
Laden
Laden
Gewerbe
Atelier
Kita
Stadt
Land
Atelier
Restaurant
Gewerbe
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Philipp Hegnauer
«Der Friseur»
Chandigarh, 2009
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4. Nutzungsverteilung
Die Absicht
Mr. Utterson stepped out and touched him on the shoulder as he
passed. «Mr. Hyde, I think?»
Mr. Hyde shrank back with a
hissing instake of the breath. But
his fear was only momentary; and
though he did not look the lawyer in
the face, he answered coolly enough:
„That is my name. What do you
want?»
Mr. Hyde appeared to hesitate; and then, as if upon some sudden reflection, fronted about with
an air of defiance; and the pair stared at each other pretty fixedly for a
few seconds. «Now I shall know you
again,» said Mr. Utterson. «It may
be useful.» ...
Robert Louis Stevenson, «The Strange Case of Dr.
Jekyll an Mr. Hyde» , 1886.
«I see you are going in,» returned
the lawyer. «I am an old friend of
Dr. Jekyll‘s - Mr. Utterson, of Gaunt
Street - you must have heard my
name; and meeting you so conveniently, I tought you might admit me.»
«You will not find Dr. Jekyll; he
is from home,» replied Mr. Hyde,
blowing the key. And then suddenly,
but without lookin ug, «How did you
know me?» he asked.
«On your side,» said Mr. Utterson, «will you do me a favour?»
«With pleasure,» replied the
other. «What shall it be?»
«Will you let me see your face?»
asked the lawyer.
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Häuser im Dialog Regelwerk
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Schloss Schönbrunn
«Janus und Bellona»
um 1780
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5. Adressen
Die Regel
Die Eingänge zu den Wohnungen
sind generell an den platzabgewandten Strassenseiten und in den Engstellen anzuordnen. Die privateren
Zwischenräume, welche sich innerhalb des Quartiers in erster Linie als
Erschliessung und nicht als Aufenthaltsorte eignen, bieten die notwendige Intimität für die Hauseingänge.
Es werden wiedererkennbare Strassenzüge gebildet, welche aus den
Eingängen der Häuser identifizierbare Adressen machen.
Die den Plätzen zugeordneten
Fassaden sollen den publikumsorientierten Charakter stärken. Sie
30
Häuser im Dialog Regelwerk
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werden weitgehend für gemeinschaftliche Nutzungen freigespielt.
Das Raumprogramm zeichnet sich
ab in den Fassaden und steigert den
Grad an Öffentlichkeit.
Durch die dicken Volumen hat ein
Haus in der Regel mehrere Adressen. Je nach Organisation der inneren Erschliessung der Gebäude entsteht eine Durchlässigkeit, welche
für ortskundige Bewohnerinnen und
Bewohner direkte Verbindungen
von Platz zu Platz, von Ort zu Ort ermöglichen.
Orte der Fassaden
Orte der Adressen
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Susanne Völlm
«Lochergut»
Zürich, 2004
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5. Adressen
Die Absicht
1. Wenn Sie sich in der Fremde aufhalten und Landsleute treffen: befällt Sie dann Heimweh oder dann
gerade nicht?
2. Hat Heimat für Sie eine Flagge?
3. Worauf könnten Sie eher verzichten:
a. auf Heimat?
b. auf Vaterland?
c. auf die Fremde?
4. Was bezeichnen Sie als Heimat:
d. Erinnerungen an die Kindheit?
7. Haben Sie schon Auswanderung
erwogen?
8. Welche Speisen essen Sie aus
Heimweh (z.B. die deutschen Urlauber auf den Kanarischen Inseln lassen sich täglich das Sauerkraut mit
dem Flugzeug nachschicken) und
fühlen Sie sich dadurch in der Welt
geborgener?
Max Frisch, Fragebogen, 1972.
a. ein Dorf?
b. eine Stadt oder ein Quartier darin?
c. einen Sprachraum?
d. einen Erdteil?
e. eine Wohnung?
5. Gesetzt den Fall, Sie wären in
der Heimat verhasst: könnten Sie
deswegen bestreiten, dass es Ihre
Heimat ist?
6. Was lieben Sie an Ihrer Heimat
besonders:
a. die Landschaft?
b. das Brauchtum?
c. dass Sie dort ohne Fremdsprache
auskommen?
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Strandkrebse
«Rückzugslöcher»
Strand von Ganpadipule, 2009
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6. Akzente
Die Regel
Für die angestrebte Qualität des
Projekts Hunziker-Areal sind die
Aussenräume ebenso wichtig wie die
Gebäude. Die Bauvolumen finden in
den Leerstellen der Plätze ihre direkte Korrespondenz.
Jeder Platz zeichnet sich aus durch
eigene Funktionen und einen eigenen Charakter. Im Sinne einer Umkehrung der Betrachtungsweisen, ist
der Gestaltung der Platzfassaden besonderes Gewicht beizumessen. Der
effiziente Einsatz der zur Verfügung
stehenden Mittel erfordert klare Prioritäten und Akzente an strategischen Stellen.
34
Der zentrale Platz bildet dabei die
städtebauliche Mitte. Der Hauptplatz soll in seinem Wesen gestärkt
werden. Die dem Platz zugewandten
Fassaden unterstützen seine Akzentuierung durch ihren besonders repräsentativen Charakter und setzen
sich damit von den abgewandten
Fassaden ab.
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Peter Märkli Architekt
«Wohn- und Geschäftshaus»
Zürich, 2007
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6. Akzente
Die Absicht
Us emene lääre Gygechaschte
Ziet er sys Inschtrument
Und dr Chaschte verschwindet.
Und er spilt ohni Boge
Es Lied ohni Wort
Und er treit en Zilinder
Doch drunder ke Chopf
Und ke Hals und ke Lyb
Keni Arme no Bei
Das het er alles verlore im Chrieg.
Und so blybt no sys Lied
Nume das isch no da
Denn ou e Zilinder
Het er nie kene gha.
Mani Matter, 1969.
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Rachel Whiteread
«House»
1993
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«Housing Associations»
Lose Spekulationen über Identität, Strasse und Wohnraum.
Hannes Mayer
Im Unterschied zum Einfamilienhaus stossen akkumulierte Wohnformen, sei es in Form von Blöcken,
Riegeln, Türmen oder auch Clustern, häufig auf Skepsis. Gleichzeitig erleben die Städte durch ein Gemisch aus Ökonomie und Ökologie
eine Renaissance. Die Gartenstadt
und Siedlung nach anglo-amerikanischem Vorbild verliert mit dem
Niedergang des Autos als verklärtes
Ideal individueller Freiheit an Bedeutung. An ihre Stelle treten Ideen
von urbanem Vokabular, die jedoch
bestehende Ansprüche in der Bevölkerung nicht ignorieren können.
Ein vielversprechendes Mittel
scheint das Quartier. Im Gegensatz
zur Autonomie des Einfamilienhauses in Suburbia schwingt beim
Quartier das Zwischenmenschliche,
die menschliche Begegnung und ein
örtliches Zugehörigkeitsgefühl mit.
Zumeist ist das Quartier geografisch
nicht einmal genau zu definieren,
es ist ebenfalls menschliche Ermessenssache. Somit zeichnet sich das
Quartier beinahe zwingend durch
eine erkennbare oder fühlbare Identität aus und gruppiert unter diesem
Mantel seine Bewohner - mehr als
funktionalistische Schlafstadt muss
es sein.
Doch die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist über weite Strecken
eine Entwicklung in umgekehrter
Richtung gewesen. Diese Entwicklung ist am Beispiel England und
insbesondere London gut nachvollziehbar.
London erlebte seinen Bevölkerungsrekord zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Insbesondere das East
End mit seinen endlosen Reihen von
kleinen viktorianischen Häuschen
mit rückwärtigen Gärten galt als
Moloch, als Nest für Kriminalität,
Amoral und Krankheiten und wurde nicht selten verkörpert durch das
Bild von Jack the Ripper in Bethnal
Green. Zweifelsohne waren die Zustände erbärmlich, doch zeichnete
sich eben das East End auch durch
für Aussenstehende schwer zugängliche, jedoch für die Bewohner essentielle Quartiere in Form von so-
Terraced Houses in East End, London
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zialen Netzwerken aus. Der Umgang
mit Wohnen im East End zeigt paradigmatisch die Herausforderungen
für den Massenwohnungsbau auf,
gibt Beispiel für Ideale, für Scheitern
und Erfolge.
Le Corbusier sprach im Hinblick auf die Zustände vom Boden als «Tuberkulose-Spender»1
und begründete damit seine mittels Piloti vom Grund entbundenen,
schwebenden Bauten. Aus diesem
Blickwinkel betrachtet, und angesichts der damaligen Zustände nachvollziehbar, war das Bauen der klassischen Moderne auf Hygiene und
Sauberkeit ausgerichtet.
In England entwickelte sich dabei in Reaktion zu Corbusiers Unité d’Habitation das Konzept der
«Streets in the Sky», welches auf
Alison und Peter Smithson zurückgeht. Laubengänge werden auf
mehrere Meter erweitert und er-
A.&P.Smithson, Robin Hood Gardens.
40
schliessen zumeist zweigeschossige
Wohnungen nach Oben und Unten.
Dahinter stand das Konzept, durch
den direkten Zugang zu den Wohnungen und über die «Strasse im
Himmel», den von dunklen Korridoren gekennzeichneten Massenwohnungsbau aufzulösen. Die Strassen werden zum Zeichen des positiv
besetzten öffentlichen Raums, von
dem aus, die einzelnen gestapelten
«Häuschen» erschlossen werden.
Konsequenterweise wurden eben
diese Konzepte als Ersatz für die
im grossen Massstab abgerissenen
Slum-Quartiere verwandt. Beispiele
dafür sind solch bekannte Projekte
wie Robin Hood Gardens von Alison
and Peter Smithson (1972), Balfron
(1965) und Trellick Tower (1972)
von Ernö Goldfinger oder auch Siedlungen wie Aylesbury (1963-77) in
Süd-London oder Park Hill in Sheffield (1961).
Trotz ihrer Gesamtdimensionen
waren die Planungen durchaus getragen von einem positiven Menschenbild, einer friedlichen, spielfreudigen Gesellschaft - doch billige
und konstruktiv schlechte Ausführung sowie eine problematische Belegungspolitik ohne soziale Durchmischung in ebenso problematischer
Lage konterkarierten die Konzep-
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te. Die Dramen, welche sich auf der
Strasse abspielten und vor denen
man sich in das Haus zurückzog,
setzten sich in der Himmelsstrasse fort und waren damit im
Haus. Die Verknüpfung von Kriminalität und Gebäude entwertete die
Bauten in der Allgemeinwahrnehmung beträchtlich und manche waren alsbald berüchtigt. Die anhaltende Diskussion um den Abriss des
Robin Hood Gardens Estate zeigt,
dass innovative und von gutem Geist
und Willen der Architekten entwickelte Projekte nicht zwingenderweise erfolgreich sein müssen. Massenwohnungsbau in seiner engen
Verflechtung mit der Gesellschaft
und ihrem Aufbau, mit seiner Abhängigkeit von Politik und staatlicher Förderung, kann eben auch nur
bei gutem Willen aller Beteiligten
langfristig erfolgreich sein.
E. Goldfinger Trellik Tower.
E. Goldfinger Balfron Tower.
Dennoch, die Keule der polemischen Kritik «man würde Pinkelecken entwerfen», welche im Architekturstudium in Deutschland
oder der Schweiz jegliche Abweichung von gefassten Blöcken und
Blockrand trifft, scheint allzu pessimistisch. In beinahe wissenschaftlicher Form wird dies an Hand des
Balfron und Trellick Tower von
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Goldfinger veranschaulicht und
macht Mut, an das architektonische
Experiment zu glauben.
War der Trellick Tower in den Siebziger- und Achtzigerjahren mit
einem derart schlechten Image
behaftet, dass sich selbst Sozialwohnungsberechtigte weigerten, dorthin zu ziehen, muss heute auf dem
freien Markt bis zu 250’000 Pfund
für eine 50 Quadratmeter grosse
Wohnung bezahlt werden. Die Bausubstanz ist durchaus gut, die Lage
in London Pimlico heute exzellent,
die Wohnungen zwar zumeist klein,
aber ausserordentlich hell und mit
grandioser Aussicht gesegnet. Zudem kamen dem Bauwerk durch
den besonderen GradeII* Denkmalschutz hochwertige Sanierungen zu
Gute. Auch der Vorgängerbau, der
Balfron Tower in Poplar, in unmittelbarer Nachbarschaft von Robin
Hood Gardens, erfreut sich trotz seiner nach wie vor tristen Umgebung
zunehmender Beliebtheit. Auch hier
ist die Bausubstanz gut und das Gebäude denkmalgeschützt. Architekt
Ernö Goldfinger lebte selbst einige Monate in einer Wohnung seines
Gebäudes, schmiss Partys für die
Bewohner, um Rückmeldung über
die Wohnqualität zu erhalten, und
übertrug die Erfahrungen auf den
Trellick Tower. Aus dieser kontinu42
ierlichen Observation von Wohnalltag im eigenen Werk sind Bauten
entstanden, die durch die Verknüpfung von architektonischer Raumund Bauqualität, durch das Zusammenbringen von Kreativität, Theorie
und Alltag Krisen überstehen, heute
wieder den Ansprüchen entsprechen
und damit Ausdruck einer langfristigen Nachhaltigkeit sind.
Die «gestapelten» Einfamilienhäuser, wie sie insbesondere in
Grossbritannien, aber auch in Holland entwickelt wurden, entspringen
einer Tradition des «my home is my
castle», welche dem Mietwohnungsbau in Mitteleuropa gegenübersteht.
Dieser ist überwiegend gekennzeichnet von Geschosswohnungen,
MvRdV, Silodam. Foto: P. Gmür
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zumeist über innenliegende Zonen
erschlossen sind. Gegenüber dem
Individualismus und dem Recht auf
Haus und Eigentum steht hier eine
Grundannahme des sozialen Wesens. Nicht das Haus ist der Ausgangspunkt, sondern Wohnungsbau
als eigene Gattung.
Doch auch in Mitteleuropa hat
sich durch den Wohlstand der Hang
zum eigenen Haus bestätigt und damit einhergehend stieg die Wohnfläche pro Person stetig an. In der
Schweiz lag sie im Jahr 2000 bereits
bei 44 Quadratmetern2. Die Individualität hat sich als Sozialprinzip
durchgesetzt und gesellschaftliche
Rahmen- und Regelwerke, welche
sich insbesondere im Wohnungsbau von Vorteil erweisen (Ruhezeiten und Lautstärke, Dienste, Pflichten etc.), haben ihre grundsätzliche
Akzeptanz eingebüsst. Das stellt die
Frage, wie das Zusammenleben heute und in der Zukunft organisiert
sein muss, beziehungsweise wo und
inwieweit Zusammenleben überhaupt möglich ist. Wenn Wohnungsbau nach Toleranz- und Rücksichtsvermögen der einzelnen Bewohner
verlangt, so ist die Vermeidung der
Toleranzgrenze die grosse Herausforderung für den Entwurf der
Wohnungsorganisation und des
Gesamtgefüges. Je diverser die Zusammensetzung der Bewohner, und
dies wird in der Regel angestrebt,
desto wichtiger wird die Ausformulierung der Pufferzonen, wird das
Verhältnis von Rückzugsort und Gemeinschaftsräumen.
Ein wichtiges Argument für das
genossenschaftliche Wohnen sind
die Vorteile, welche aus dem «gemeinsamen Leben» geschöpft werden können, die besonderen verfügbaren Möglichkeiten durch die
Mitbenutzung von gemeinsamen, für
das Wohnen ungewöhnlichen Räumen, Ateliers und Gästewohnungen.
Während sich in der digitalen Welt
das «sharing» und «cycling» bereits
grösster Beliebtheit erfreut, steht
dem «sharing» auf physischer und
räumlicher Ebene der Durchbruch
oder die Rückkehr noch bevor. Es
geht also um den Möglichkeitsraum
und nicht allein um die Wohnungsversorgung.
Gemeinschaft zu planen, ein Quartier zu planen, das nicht nur dem
Namen nach eins ist, ist des Architekten Traum und doch zum Dasein
einer Utopie verdammt. Die Entwicklung eines Viertels, einer Planung wird immer einen Prozess darstellen, Ernst Bloch würde sagen,
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das Gärende kommt hinzu3. Um den
Prozess des Wohnens zu antizipieren, wurde für mehr als wohnen die
Planung zur Strategie, der Entwurf
selbst zum Prozess. Das Gemeinschaftliche soll sich schon in der
Konzeption niederschlagen, die Fähigkeit zur Toleranz nicht nur bei
den Bewohnern, sondern auch bei
den Architekten unter Beweis stellen.
Die gemeinsame Leistung in der
Kunst findet sich vor allem in der
Musik. Sie ist seit Jahrhunderten gekennzeichnet, gesteuert und überliefert durch Partituren und Regelwerke. Einsätze, Art, Geschwindigkeit
und Lautstärke regeln die Dominanz
einzelner Elemente im Gesamtraum
und stellen Verhältnisse her.
Auch hier führte die Moderne zur
Auflösung der vollständigen Notation, und es entwickelten sich Systeme, die den individuellen Möglichkeitsraum dem Diktat vorziehen.
John Zorn, ein schwer einzuordnender Musiker aus New York, schrieb
seine musikalischen Themen auf
Karteikarten und händigte diese an
die Musiker zur freien Interpretation aus. Seine Worte lassen sich auf
den architektonischen Planungsprozess übertragen, vor dem alle Beteiligten an mehr als wohnen stehen.
44
Es sind Glückwünsche für das Gelingen eines ambitionierten Vorhabens:
«I‘m not going to sit in some ivory tower and pass my scores down to
the players. I have to be there with
them, and that‘s why I started playing saxophone, so that I could meet
musicians. I still feel that I have to
earn a player‘s trust before they can
play my music. At the end of the day,
I want players to say: this was fun it was a lot of fucking work, and it‘s
one of the hardest things I‘ve ever
done, but it was worth the effort.»4
Hannes Mayer (geboren 1981 in Stuttgart) ist
Architekt und seit 2009 Redaktor der archithese.
Er studierte Architektur in Cottbus, Eindhoven
und London, wo er 2007 M-A-O / architecture and
optimism gründete.
1 Le Corbusier: The Radiant City, New York 1967
(first English Edition / Erstpublikation als La ville
radieuse 1933)
2 Bundesamt für Statistik auf Basis der Eidgenössischen Volkszählung.
3 Ernst Bloch, Neuzeitliche Philosophie II: Deutscher Idealismus, Die Philosophie des 19. Jahrhunderts – Leipziger Vorlesungen zur Geschichte der
Philosophie, Band 4, Frankfurt 1985
4 In: Shuffle and cut, Interview between Tom Service and John Zorn, in The Guardian, 07.03.2003
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Zürich und der gemeinnützige Wohnungsbau
Daniel Kurz
Ursula Müller
Seit 1907 fördert die Stadt Zürich
den gemeinnützigen Wohnungsbau
durch wirksame Finanzhilfen und
eine aktive Bodenpolitik. Damit ermöglichte sie in einer Zeit grassierender Wohnungsnot den Durchbruch für den genossenschaftlichen
Wohnungsbau, der zusammen mit
den kommunalen Wohnsiedlungen
heute rund 25 Prozent des Stadtzürcher Wohnungsangebots stellt und
zum sozialen Ausgleich in der Stadt
wesentlich beiträgt. Zum hundertjährigen Jubiläum dieser erfolgreichen Zusammenarbeit wurde die
baugenossenschaft mehr als wohnen
gegründet, die für die Zukunft des
Wohnens und der Stadtentwicklung
neue Perspektiven eröffnet.
Gemeinnütziger Wohnungsbau
war in Zürich nie mit dem tristen Sozialwohnungsbau europäischen Zuschnitts zu vergleichen. Er
wird von einer grossen Zahl relativ
kleiner und demokratisch verfasster Baugenossenschaften getragen,
die für Menschen mit kleinem oder
mittlerem Einkommen nicht nur billige, sondern bessere Wohnungen
anbieten wollen, als sie der Markt
bereithält. Seit den 1920er Jahren
wirkten die städtische Bodenpolitik,
die Stadtplanung und die Baugenossenschaften eng zusammen und
liessen in Wollishofen und im Friesenberg, im Letten und im Sihlfeld
Wohnquartiere eigenen Typs entstehen.
Wegleitend war das Ideal der Gartenstadt, das einen Ausgleich zwischen Stadt und Land versprach
und sich von der unruhigen, lärmerfüllten und als ungesund erkannten
Stadt des 19. Jahrhunderts absetzte. Statt düsteren und überfüllten
Wohnungen, statt rauchigen Hinterhöfen und mangelhafter Hygiene
wollten die Genossenschaften möglichst helle Wohnungen in grüner
Umgebung; im Streben nach Licht,
Luft und Sonne verzichteten sie auf
die höchstmögliche Ausnützung der
Grundstücke, und mit Farbe und
künstlerischem Schmuck unterstrichen sie ihren kulturellen Anspruch.
Die Idee der Gleichberechtigung und
der sozialen Integration kam in einer grosszügigen und einheitlichen
Architektur der Kolonien zum Ausdruck. In der Baugenossenschaft
fanden Arbeiterfamilien erstmals
ein eigenes Bad, Zentralheizung und
die Privatsphäre einer Familienwohnung ohne störende Untermieter.
Diese Ideale prägten den genossenschaftlichen Wohnungsbau im 20.
Jahrhundert.
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Während vieler Jahrzehnte orientierten sich die Baugenossenschaften an einem klar umrissenen, einheitlichen Zielpublikum: Klassische
Schweizer Kleinfamilien mit alleinverdiendem Vater, Hausfrau und
zwei bis drei Kindern. Später stellte
das Alterswohnen besondere Anforderungen, und seit den 1960er
Jahren ist die Integration fremdsprachiger Mitglieder ein Thema der
Genossenschaftsdemokratie geworden. In der postindustriellen Gesellschaft mit ihrer Vielfalt von Lebensentwürfen, Lebensphasen und
Orientierungen hat dieses einheitliche Familien- und Bewohnerbild
breitere Risse bekommen. Singlesund Paarhaushalte sind heute sehr
viel zahlreicher als die klassischen
Familien. Und die klassische Innenstadt mit ihrer Dichte und der typischen Verbindung von Wohnen und
Arbeiten erlebte seit den 1970er Jahren eine Renaissance. Wer heute die
Stadt verbessern will, orientiert sich
nicht mehr primär am ordnenden
Geist der Gartenstadt, sondern an
der Diversität des Grossstadtlebens.
Damit rücken neue Wohnformen
und Wohnbedürfnisse ins Blickfeld,
neue Formen der Gemeinschaft und
des sozialen Austauschs. Gefragt ist
eine Stadt der kurzen Wege und ein
46
städtischer Raum, der auf kleinem
Raum Qualitäten bietet.
Die StadtplanerInnen im Amt für
Städtebau haben in den vergangenen beiden Jahrzenten versucht, in
den Entwicklungsgebieten der Stadt
solche Diversität zu ermöglichen.
Freiflächen ordnen den öffentlichen
Raum, schaffen Vernetzungsmöglichkeiten und ermöglichen das Nebeneinander von Wohnen und kommerziellen Nutzungen. Die Grösse
der Areale und Baufelder macht dies
zu einer schwierigen Aufgabe, denn
es gilt, entgegen den reinen Marktgesetzen, in den grossen Bauprojekten eine lebhafte und harmonische
Mischung der Nutzungen möglich
zu machen. Das Engagement der Investoren ist dabei unverzichtbar. Die
baugenossenschaft mehr als wohnen ist im Entwicklungsgebiet Leutschenbach ein wichtiger Akteur, der
besondere städtische Qualität garantiert. Denn sie betrachtet ihr Baufeld nicht als ein Areal, sondern als
Stadtquartier im Kleinen, das mit
seiner Umgebung in einem lebendigen Austausch steht.
Wenn Baugenossenschaften auf
städtischem Land neue Wohnsiedlungen planen, sind Architekturwettbewerbe zwingend. Aber auch
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auf ihrem eigenen Land entwickeln
die Genossenschaften neue Projekte fast immer auf diesem Weg.
Das Amt für Hochbauten organisiert und begleitet diese Verfahren
für die Stadt Zürich und oft auch
im Auftrag der Genossenschaften.
Da in den letzten 10 Jahren sehr
viel geplant und neu gebaut wurde,
hatten Wohnbau-Wettbewerbe einen entscheidenden Stellenwert für
die Entwicklung der Stadt und ihrer Quartiere. Die Kultur des Wettbewerbs hat in den letzten Jahren
viel zur Innovation im Wohnungsbau und damit zum Bild der wachsenden Stadt Zürich beigetragen:
Es wurden Grundrissformen entwickelt, die unterschiedliche Wohnformen zulassen, Diversität und Vielfalt
waren das hauptsächliche Kennzeichen der zahlreichen Wettbewerbe.
Diese Qualitäten setzten sich trotz
den gleichzeitig hohen Anforderungen an die Wirtschaftlichkeit und die
ökologische Nachhaltigkeit der Projekte durch.
wohnte Prioritäten und Lebensgewohnheiten in Frage: wie viel Konsum, wie viel Wohnfläche und wie
viel Mobilität braucht es zu einem
erfüllten Leben?
Die baugenossenschaft mehr als
wohnen erforscht diese Fragen an
Hand ihres ersten Projekts auf dem
Hunzikerareal in Zürich.
Daniel Kurz (geboren 1957, Dr. phil.) ist Historiker
und seit 2001 Leiter der Fachstelle Information am
Amt für Hochbauten der Stadt Zürich.
Ursula Müller (geboren 1967) ist dipl. Architektin
ETH/SIA. Sie ist stellvertretende Direktorin am Amt
für Hochbauten der Stadt Zürich und als Leiterin
des Fachbereichs Projektentwicklung an zahlreichen
Wettbewerbsverfahren massgebend beteiligt.
Leitbild der städtischen Entwicklung ist heute die 2000-Watt-Gesellschaft. Dabei geht es längst nicht
nur ums Energiesparen mittels dichter Gebäudehüllen und Nutzung
erneuerbarer Wärmequellen. Die
2000-Watt-Gesellschaft stellt geDossier Häuser im Dialog
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Sozial nachhaltig leben!
Philippe Cabane
«Wir bauen keine Siedlung, sondern
ein Quartier» war das Credo des SiegerInnenteams Futurafrosch und
Duplex architekten in ihrem Wettbewerbsbeitrag für eines der wohl
ambitioniertesten Zürcher Wohnbauprojekte der vergangenen Jahrzehnte. Hinter dem Ganzen steckt
ein innovatives und anspruchsvolles
Programm der baugenossenschaft
mehr als wohnen. Sie hat sich zum
Ziel gesetzt, eine zukunftsweisende
Antwort auf die Frage eines nachhaltigen Wohnungsbaus im 21. Jahrhundert zu geben. Ziele sind eine
soziale Durchmischung von Jung
und Alt sowie Familien und Alleinstehenden in gemeinschaftlichen
Wohnformen und Nachbarschaften. Konkrete Programmpunkte sind
grosse Wohngemeinschaften und
Satellitenwohnungen, die als Kleinwohnungen zu einer Art Wohngemeinschaft zusammengefasst sind,
eine Gästepension und verschiedene, auch flexibel nutzbare Wohnungstypen. Gemeinschaftliche
Einrichtungen sowie Versorgungsangebote und ein angemessener Anteil von Arbeitsplätzen sollen das
Quartier zusätzlich beleben. Innovativ ist mehr als wohnen auch
in Bezug auf das Wettbewerbsverfahren. Über einen Projektwettbewerb wurde ein städtebauliches Ge-
samtkonzept gewählt und die vier
interessantesten Beiträge zu den
Grundrisslösungen beauftragt, den
Entwurf eines Teils des Quartiers in
einem kooperativen Entwurfsprozess zu übernehmen. Ein nachhaltiges Stück Stadt heisst demnach vor
allem Durchmischung von Menschen mit unterschiedlichen Lebensstilen, Altersklassen und Kaufkraft.
Es heisst auch ein Wohnumfeld,
das dazu auffordert, sich sozial
und nachbarschaftlich zu engagieren. Und Differenz wird schliesslich
durch unterschiedliche Architektursprachen sichtbar nach aussen repräsentiert.
An Stelle der gewohnten Grossformen in Zeilen oder Blocks sieht
das städtebauliche Konzept einen
Cluster von kleineren Solitären vor,
die eng aneinander ein System von
Wegen, Plätzen und Freiräumen mit
stark städtischem Charakter ausbilden. Wo (städtische) Öffentlichkeit
und Gemeinschaftlichkeit gefragt
sind, betonen neben den publikumsorientierten Angeboten auch gewerblich nutzbare Ateliers den öffentlichen Charakter dieser Gassen
und Wege. Die Gebäude als solche
erlauben genügend Privatheit und
persönliche Identifikation. Diese
Rückzugsmöglichkeit ist eine wichtiDossier Häuser im Dialog
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ge Voraussetzung für ein lebendiges
gemeinschaftliches Zusammenleben.
Die Wahl eines solchen städtebaulichen Konzepts ist ein wegweisender Entschluss der Bauherrin. Ein
heute praktisch generell vertretenes Credo im Wohnungsbau ist die
Realisierung möglichst gleichwertiger Qualitäten für alle Wohnungen. Die «städtebaulichen» Lösungen für solch analoge Standards sind
bekannt und manifestieren sich als
uniformierte Individualität von suburbanen Lebensstilen. Mehrfamilienhäuser in Zeilen oder Solitären:
gleich ausgerichtet, gleich erschlossen, gleiche Gartenseiten und durch
das Prinzip des Sichtschutzes optimierte Individualität. Das städtebauliche Muster in dicht an dicht
gestellten Blocks betont dagegen
unterschiedliche Wertigkeiten und
Standards. Bei entsprechend sorgfältiger architektonischer Bearbeitung
ergibt dies einen bunten Strauss unterschiedlicher Qualitäten für die
unterschiedlichen Bedürfnisse eines
sozial durchmischten Quartiers.
Zu erwähnen bleibt schliesslich
Partizipation als genossenschaftliches Credo schlechthin. Die Bedeutung von Mitverantwortung für eine
nachhaltige Quartierentwicklung ist
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heute allgemein anerkannt. mehr als
wohnen sieht eine Reihe von partizipativen Instrumenten und gemeinschaftlichen Strukturen vor. So soll
ein Verein, der kulturelle Aktivitäten
organisiert, die Quartierbewohner
sozio-kulturell verankern. Wichtig
ist aber auch, dass Integration und
die soziale Pflege von Unterschieden
in erster Linie im nachbarschaftlichen Alltag einer Hausgemeinschaft
stattfindet. Mit dem Bauprojekt werden zwar eine Reihe von notwendigen Bedingungen für Gemeinschaftlichkeit geschaffen, ein wesentlicher
Erfolgsfaktor liegt doch auch in der
Kultur der Bewirtschaftung. Gerade hier beweist sich die Stärke des
vorliegenden Städtebaus. Die Formel «Eine Adresse, eine Treppe, ein
Haus.» eröffnet Chancen zu einer in
den Alltag eingebundenen und auf
persönliche Verantwortung abzielenden Bewirtschaftung von Liegenschaften. Die klar über die Gebäude
identifizierbaren Hausgemeinschaften von mehr als wohnen stellen
damit ein hervorragendes Experimentierfeld dar, neue Modelle partizipativer Bewirtschaftung von Liegenschaften zu erproben.
Philippe Cabane ist freischaffender Soziologe und
Städteplaner. Er ist Projektentwickler und Coach
des nt/Areal (Vereine keim und ViP) in Basel.
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Was heisst Standard?
Lukas Kueng im Interview mit
Werner Waldhauser
Lukas Kueng: Herr Waldhauser, Sie
sind gegenwärtig für das Projekt
Hunziker-Areal in beratender Funktion für den Bereich Gebäudetechnik
tätig. Das Projekt fasziniert durch
ein sehr ambitioniertes Nachhaltigkeitskonzept. Sowohl ökonomische,
ökologische als auch soziale Ziele sollen sicherstellen, dass auf dem
Hunziker-Areal ein «Stück Stadt»
entstehen kann, welches die Zielsetzungen der 2000-Watt-Gesellschaft
erfüllt. Wie beurteilen Sie diesen Anspruch heute?
Werner Waldhauser: Das ist natürlich ein sehr anspruchsvolles Konzept. Damit ein Projekt wie
Hunziker-Areal wirklich nachhaltig ist, muss ein optimales Gleichgewicht zwischen vielen einzelnen
Aspekten gefunden werden. Ressourceneffiziente Konstruktionen
und Materialien, energieeffiziente
Bauweisen, und massgeschneiderte Technologien helfen, die Energieeffizienz von Gebäuden zu optimieren. Damit ist aber ein nachhaltiger
Betrieb eines solchen Quartiers noch
längst nicht sichergestellt. Neben
den technischen Möglichkeiten ist
ein wesentlicher Faktor zu nennen,
der für einen nachhaltigen Betrieb
von Gebäuden von zentraler Bedeutung ist: Das Verhalten der Nutzer.
LK: Lassen Sie uns zuerst über die
technischen Aspekte reden. Bereits
im Wettbewerbsverfahren war eine
Erfüllung der Anforderungen von
Minergie-P Eco gefordert. Es handelt sich dabei um das Zertifikat mit
den gegenwärtig höchsten Auflagen
an Energieeffizienz und Sparsamkeit
im Betrieb. Wie stehen Sie zu diesen
Energie-Labels?
WW: Ich unterstütze die energetischen Anforderungen von Minergie-P. Wir müssen heute Gebäude so
energieeffizient wie möglich betreiben, denn der Gebäudepark macht
immerhin mehr als einen Drittel
des Gesamtenergieverbrauchs der
Schweiz aus. Hier haben wir noch
viele Möglichkeiten. Es stellt sich
bei diesen Zertifizierungssystemen
aber immer auch die Frage nach
der Verhältnismässigkeit der Auflagen. Damit habe ich persönlich
Mühe. Vorgaben wie etwa die mechanisch kontrollierte Lüftung und
die Dichtigkeitskontrolle, die man
dann zwingend machen muss, um
das Label zu erhalten. Es ist theoretisch nachweisbar, dass Gebäude bei
«vernünftigem» Benutzerverhalten
auch ohne mechanisch kontrollierte Lüftung die energetischen Auflagen von Minergie-P erfüllen können
und zwar mit viel geringerem techDossier Häuser im Dialog
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nischem Aufwand und oft auch mit
tieferen Kosten.
LK: Können Sie mir das erklären?
WW: Ja, und zwar am Beispiel der
sogenannte «Komfortlüftung»: Diese
wurde eingeführt, weil die Gebäude
aufgrund der dichten Gebäudehüllen und ungenügendem Lüftungsverhalten der Bewohnerinnen und
Bewohner im Winter zu feucht wurden. Dies hat dann zu Bauschäden
wie etwa Schimmelpilzbefall etc. geführt. Durch das Vorschreiben dieser Lüftungen führt man jetzt die
Feuchtigkeit, die früher durch (unerwünschte) Undichtheiten und angemessenem (oder leider oft auch
übertriebenem) Lüftungsverhalten
der Bewohnerinnen und Bewohner
von alleine wegdiffundiert ist, mechanisch ab. Die weitverbreiteten
zentralen Komfortlüftungen laufen
jetzt 24 Stunden am Tag, 365 Tage
im Jahr, obwohl es für den Komfort und auch zur Vermeidung von
Bauschäden einen viel geringeren
Luftwechsel braucht.
LK: Man kämpft gewissermassen
mit zusätzlichen technischen Mitteln gegen die negativen Folgen, die
durch verbessere technische Mittel
entstanden sind?
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WW: Ja, und es geht noch weiter:
Heute sind diese Wohnungen alle
zu trocken, insbesondere im Winter.
Der nächste Schritt wäre dann zusätzlich eine mechanische Befeuchtung. Selbstverständlich kombiniert
mit Wärme- und Feuchtigkeitsrückgewinnung. Das ist in hohem Masse paradox. Sie müssen sich das wie
eine Energiesparlampe vorstellen.
Die spart auch nur Energie, wenn sie
brennt, ist sie ausgeschaltet, benötigt sie hingegen gar keine Energie.
LK: Mit welchen Alternativen arbeiten Sie?
WW: Am wichtigsten erscheint
mir eine bedarfsgerechte und verhältnismässige Lösung dieser Probleme. Ich vertrete die Haltung, dass
man die Ursachen verstehen muss,
anstatt deren Folgen zu bekämpfen.
Die reine Verfügbarkeit ausgeklügelter Lüftungsanlagen mit zentraler Luftaufbereitung und Wärmerückgewinnung erscheint mir keine
Rechtfertigung für deren Verwendung, wenn einfachere und intelligentere Alternativen bestehen. Ein
Beispiel: Bei heutigen Gebäudetiefen haben Sie im Innern der Wohnungen meist gefangene Bäder.
Diese müssen zwingend mechanisch entlüftet werden. Die Ventila-
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toren sind dabei meist an das Licht
gekoppelt und laufen demnach nur
bei Bedarf. Deren Kapazität reicht
für die Vermeidung von Feuchtigkeitsproblemen aus, vorausgesetzt,
entsprechende Nachströmöffnungen ermöglichen die notwendige
Frischluftzufuhr. Infolge der kurzen
Laufzeit kann auf eine Wärmerückgewinnung verzichtet werden (vergl.
Prinzip Energiesparlampe). Zudem
kann bei geschickter Anordnung
solcher Nachströmöffnungen z.B.
von der Abwärme des Kühlschranks
profitiert werden, um die Luft zu erwärmen. Feuchtigkeitsregulierende Materialien wie Lehmputze und
ähnliches lösen das Feuchtigkeitsproblem auch ohne technische Unterstützung. In der Kombination
solcher Systeme in Abhängigkeit des
Bedarfs besteht viel Raum für neue
Ideen und Innovation.
LK: In der Schweiz ist das Minergie-Label inzwischen auch zu einem
Marketing-Instrument geworden.
Bauherren können über eine Zertifizierung ihr Umweltbewusstsein zum
Ausdruck bringen. Gerade öffentliche Bauherren wie die Stadt Zürich
sind den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft politisch verpflichtet. Was
würde es bedeuten, wenn für das
Hunziker-Areal, welches sich ja im
Eigentum der Stadt befindet, auf einer Zertifizierung beharrt würde?
WW: Ich glaube nicht, dass irgendjemand eine Zertifizierung vorschreiben kann. Das wäre total unsinnig, denn Labels sind immer auch
Innovationsbremsen. Durch das Fixieren bestimmter Anforderungen
für die Zertifizierung wird die Zeit
ja nicht angehalten. Die Möglichkeiten entwickeln sich weiter, man
kann auch besser sein als diese ganzen Labels, selbst wenn formal nicht
alle Anforderungen erfüllt sind. Wie
nachhaltig ein Gebäude ist, zeigt
sich sowieso erst im Betrieb. Und
wie bereits am Anfang erwähnt: Das
Nutzerverhalten, dessen Einfluss
mindestens +/- 40% beträgt, kann
natürlich in einem Zertifizierungssystem nicht berücksichtigt werden, relativiert aber die «scharfen»
Grenzwerte.
LK: Damit wären wir beim zweiten Aspekt: Die Komfortansprüche
der Bewohner haben einen grossen
Einfluss auf den nachhaltigen Betrieb von Häusern, Quartieren und
Städten. Wie beurteilen Sie hier die
Situation?
WW: Im Bereich des Bauens sind
wir heute recht gut unterwegs. Was
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das Verhalten der Gesellschaft angeht, sind wir jedoch noch weit von
der 2000-Watt-Gesellschaft entfernt. Wenn man im Bereich der
Technik Verbesserungen erzielt,
gleichzeitig jedoch der Bedarf nach
Wohnfläche und Komfort laufend
steigt, ist das ziemlich unsinnig. Ich
sehe eine der grossen Chancen von
mehr als wohnen darin, die Bewohner wieder vermehrt für ihr Wohnumfeld zu sensibilisieren.
LK: Was heisst das konkret?
WW: Die vielen technischen Einrichtungen, die heute zur Verfügung
stehen, haben zu einer Automatisierung geführt, die letztlich den Menschen teilweise entmündigt hat. Die
ganzen Wohnungslüftungen suggerieren, dass man nicht mal mehr die
Fenster öffnen muss. Weil scheinbar
alles von alleine funktioniert, begreifen die Leute auch die Zusammenhänge nicht mehr – wie eben, dass
sie selber Feuchtigkeit abgeben und
deshalb ab und zu ihre Wohnungen
lüften müssen. Es gibt einen Grund,
weshalb man früher die Bettdecken
morgens aus dem Fenster gehängt
hat. Solche Überlieferungen, die
durchaus ihren praktischen Nutzen
haben, gehen immer mehr verloren.
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LK: Wie kann man einem solchen
Wissensverlust entgegenwirken?
WW: Nur durch Information. Die
Aufklärung der Bewohner wird für
mehr als wohnen eine zentrale Rolle spielen. Der Nutzer muss wissen, wie sein Gebäude funktioniert,
was er selber zu einem nachhaltigen
Betrieb beisteuert oder beisteuern
kann. Wichtig ist, dass die Verantwortlichen der Genossenschaften,
die sehr wohl für diese Zusammenhänge sensibilisiert sind, dieses Wissen auch an die zukünftigen Nutzer
weitergeben.
LK: Das Projekt Hunziker-Areal
umfasst rund 450 Wohnungen. Gemessen an dieser Zahl, bietet es die
Chance, dereinst rund 1000 Bewohner zu einem nachhaltigeren Verhalten zu animieren. Glauben Sie, dass
man über ein solches Projekt die
Leute dazu bewegen kann, ihr Verhalten und ihre Komfortansprüche
zu ändern?
WW: Ja, das müssen wir schon
versuchen! 23-24 Grad Raumtemperatur gelten heute z.B. auch im Winter als Standard, obwohl 20 Grad
absolut ausreichend wären. Man
muss dann halt in der kalten Jahreszeit auch zu Hause wieder einen
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Pullover tragen. Obwohl ich nicht
die Ansicht vertrete, dass man den
Leuten ein bestimmtes Verhalten
aufzwingen sollte, kann man es doch
verantworten, den Komfortansprüchen bestimmte Grenzen zu setzen.
Der Mensch ist zum Glück lernfähig.
LK: Kann sich mehr als wohnen
solche Massnahmen überhaupt leisten oder sind nicht auch die Genossenschaften inzwischen von einem
Markt abhängig, der sich auf ein bestimmtes Komfortangebot eingependelt hat, das heutzutage bereitgestellt werden muss, wenn man
Wohnungen vermieten will?
WW: Im Gegenteil. Gerade die
Genossenschaften können hier einen Beitrag leisten, dieses Komfortniveau auf ein vernünftiges Mass
zu reduzieren. Es wird sich manch
einer überlegen, im Winter wieder
einen Pullover anzuziehen wenn
seine 4.5-Zimmer-Wohnung dafür nur 2000 CHF Miete im Monat
kostet, da bin ich überzeugt. Hier
kommen die Ziele der Wohnbauförderung einer nachhaltigen Entwicklung in mehrfacher Hinsicht entgegen. Günstiger Wohnraum mit
einem leicht reduzierten Komfort,
der dafür umso sparsamer ist im Betrieb. Das wäre ein sehr nachhaltiges
Modell für zeitgenössisches urbanes
Wohnen.
LK: mehr als wohnen geht demnächst in die Vorprojektphase. Erfahrungsgemäss nehmen die idealistischen Ziele solcher Projekte mit
zunehmendem Planungs- und Baufortschritt kontinuierlich ab. Viele
Projekte, die mit hohen Zielsetzungen gestartet sind, endeten letztlich im Durchschnitt. Was muss sichergestellt werden, dass mehr als
wohnen wirklich zum Leuchtturmprojekt für eine ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit
im lokalen Umfeld und über dieses
hinaus wird?
WW: Hier sind jetzt alle Beteiligten in der Pflicht, die bisher definierten Ansprüche einzulösen. Sowohl
die Bauherrschaft, die Architekten, die Planer als auch die künftigen Bewohner müssen bereit sein,
von Standards abzuweichen. Bezogen auf die Energiediskussion bedeutet dies, mehr zu wollen als der
Standard vorsieht, auch wenn damit
absurderweise die Auflagen für eine
Zertifizierung nicht erreicht werden
sollten. Bezogen auf Nutzung und
Betrieb bedeutet dies eine Reduktion der Ansprüche auf ein Niveau
unterhalb des etablierten Standards,
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das mit gutem Gewissen verallgemeinert werden könnte.
LK: Zuversichtlich?
WW: Ja, eigentlich schon. Mein
bisheriger Eindruck ist sehr gut. Alle
Beteiligten sind engagiert und unternehmen viel, um den Prozess innovativ und transparent zu gestalten. Es geht darum, über das Ganze
zu denken und trotzdem für jedes
Gebäude eine optimale Lösungen zu
finden. Dies wird sicherlich teilweise mit einem zusätzlichen Aufwand
verbunden sein. In Anbetracht der
Zielsetzungen und der Grösse des
Projektes ist ein solcher aber sicher
gerechtfertigt!
LK: Herr Waldhauser, herzlichen
Dank für dieses Gespräch.
Lukas Kueng ist dipl. Architekt ETH und seit Januar
2007 Partner von SLIK Architekten in Zürich. Er
betreut als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Netzwerk Stadt und Landschft (NSL) der ETH Zürich
Forschungsprojekte im Bereich Städtebau.
Werner Waldhauser, HLK-Ingenieur HTL/SIA, ist
Verwaltungsratpräsident der Waldhauser Haustechnik AG in Münchenstein und St. Gallen sowie
Dozent für Haustechnik an der Fachhochschule
Nordwestschweiz. Er hat die erste Projektphase
des Projekts von mehr als wohnen als Experte für
Fragen der Nachhaltigkeit betreut.
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Zeitgenössiche Kunst für eine zeitgenössische Genossenschaft
Fanni Fetzer
Kunst kommt meist in Museen vor
und daher geht im alltäglichen Verständnis oft vergessen, dass uns
Kunst auch ganz anders als museal,
gesammelt, als Kostbarkeit gehortet begegnen kann. Zeitgenössische
Kunst für eine zeitgenössische Genossenschaft glaubt an Kunst, die
mehr kann, als nur schön und wertvoll sein. Kunst, die wir in unserem
täglichen Leben um uns haben wollen, die wir brauchen, die uns bedeutend ist. Zeitgenössische Kunst
erstrebt im Kontext der Stadtentwicklung eine langfristige Auseinandersetzung der Bevölkerung mit ihrem Quartier. Die Kunst ist Teil der
Identität eines Ortes.
Das Bekenntnis zur zeitgenössischen Kunst vertraut auf die identitätsstiftenden Qualitäten von Kunst.
Kunst erzählt Geschichten, berührt
Menschen und verbindet sie über
soziale Unterschiede, Generationen
und kulturelle Hintergründe hinweg.
Nicht Dekoration, nicht Wertanlage,
nicht Prestige, nicht lästige Zusatzauflage, nicht Dokumentation, nicht
Illustration soll mit zeitgenössischer
Kunst am Bau betrieben werden.
Vielmehr wird behauptet, dass
Kunst Inhalte vermittelt, die sich
anders nicht transportieren lassen.
Sensibel gegenüber sozialen, politischen Fragestellungen, aber immer bestrebt um adäquate ästhetische Umsetzung, ist Kunst ein Teil
von mehr als wohnen und damit des
Lebens. Um Qualität zu erreichen,
verpflichtet sich das Projekt Kunst
am Bau zur Professionalität. Im Vertrauen auf gute Kunst und im Bewusstsein, dass die Bewohnerinnen
und Bewohner der Genossenschaft
mit der zeitgenössischen Kunst den
Alltag teilen. Dabei muss zeitgenössische Kunst nicht aus sich selbst heraus verständlich sein. Kunst ist eine
Sprache, die zu sprechen es sich zu
lernen lohnt.
Der Charakter der Genossenschaft
mehr als wohnen wird durch die
zeitgenössische Kunst nicht nur respektiert, sondern gestärkt.
Kunst soll die Identifikation der
Genossenschaft mehr als wohnen
mit ihrem grossen Bauprojekt stärken, gleichzeit aber mehr als wohnen breiteren Kreisen ausserhalb
der Genossenschaft bekannt machen. Die Namen der geladenen
Künstlerinnen und Künstler soll
Neugier und Aufmerksamkeit auch
ausserhalb der Genossenschaft wecken, diese ersten Namen geben den
Anspruch des Gesamtprojekts vor Dossier Häuser im Dialog
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bezüglich Architektur, Nachhaltigkeit, Zusammenleben, kurz Lebensqualität.
Für die Kunstvermittlung sind
auch traditionelle, klassische Formen gefragt wie Führungen, eine
Publikation, Workshops. Die Zukunft der Kunst soll genossenschaftsintern nach den Bedürfnissen
der Bewohnerinnen und Bewohner
geregelt werden. Denkbar sind auch
Atelieraufenthalte von Künstlerinnen und Künstlern in der Genossenschaft - dies müsste sich nicht auf
die bildende Kunst beschränken,
sondern wäre gerade auch spartenübergreifend sehr attraktiv.
Fanni Fetzer (geboren 1974, lic. phil.) ist seit 4.2006
Leiterin des Kunsthauses Langenthal. Sie ist Mitglied der Kunstkreditkommission Basel-Stadt und
war als Kuratorin und Jurymitglied an zahlreichen
Projekten von Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum in Basel und Zürich beteiligt.
Interaktion im Quartier meint vor
allem auch, dass die zeitgenössische
Kunst im Alltag der Bewohnerinnen
und Bewohner ankommen und stattfinden soll. Gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Hintergründe und Entwicklungen unserer
Zeit werden vom Projekt Kunst am
Bau nicht ausgeklammert, sondern
im Gegenteil bewusst miteinbezogen. Denn die zeitgenössische Kunst
reflektiert in immer neuen Sprachen
die Bedingungen der menschlichen
Existenz.
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Dank
Marcia Akermann, Martin Alder, Stefan Baumberger, Marco Bertollini,
Werner Brühwiler, Ruth Buchholz, Philippe Cabane, HC Daeniker, Albert
Deubelbeiss, Heinz Dick, Carol Egger, Nathanea Elte, Andreas Fankhauser,
Janet Fasciati, Fanni Fetzer, Daniela Frei, Otto Frei, Sabine Frei, Raphael
Frei, Matthias Gallati, Ludovic Gillon, Dominik Greuter, Sonja Grigo, Thilo
Gruber, Kornelia Gysel, Hans Haug, Andreas Hofer, Willi Hüsler, Rita Illien,
Katrin Jaggi, Anne Kaestle, Ueli Keller, Viràg Kiss, Tanja Kinberger, Adrian
König, Hugo Köpfli, Stefan Köppel, Denis Kopitsis, Andreas Kopp, Elisabeth
Krüsi, Lukas Kueng, Daniel Kurz, Nikolas Lill, Gerold Loewensberg, Pirmin
Mader, Konrad Mangold, Kathrin Martelli, Alex Martinovits, Hannes Mayer,
Marc Mayor, Lorenz Meng, Klaus Müller, Pascal Müller, Ursula Müller,
Nicola Nett, Urs Primas, Dagmar Reichert, Patrizia Reimann, Harald Rogg,
Roger Ryffel, Peter Schmid, Peter Schneider, Ruedi Schoch, Dan Schürch,
Lukas Schweingruber, Philip Shaddock, Katrin Siebert, Peter Sigrist, Miroslav Šik, Alfons Sonderegger, Mischa Spoerri, Monika Sprecher, Astrid
Staufer, Stephan Theurillat, Claudia Thiesen, Iris Vollenweider, Martin
Vollenwyder, Werner Waldhauser, Lenita Weber, Heiri Weidmann, Tomoki
Yasuda, Peter Zeugin, Felix Zimmermann.
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Häuser im Dialog. Ein Quartier entsteht.
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Ein Quartier entsteht.
mehr als wohnen steht für...
… beispielhafte Weiterentwicklung der Genossenschaftsidee
… bezahlbares Wohnen mit hoher
architektonischer Qualität
… Selbstverantwortung und Engagement im Zusammenleben
… bauen und wohnen nach den
Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft
… Dialog und Partnerschaft in
Planung, Bau und Betrieb
Projekt Hunziker-Areal
… hohe Wohnqualität und vielfältige
Wohnformen
baugenossenschaft mehr als wohnen
Arbeitsgemeinschaft Futurafrosch und Duplex Architekten, Zürich
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