Mrs. Fox will wieder heim

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Mrs. Fox will wieder heim
SABRINA FOX
Mrs. Fox
will wieder heim
Wie ich die Amerikaner verstehen
und die Deutschen lieben lernte
Prolog
er Taxifahrer warf mir einen neugierigen Blick durch den Rückspiegel zu, als ich mein Gespräch am Handy beendete. »Sie leben
in Los Angeles? Da war ich auch schon mal. Wo denn genau?«
Seit sechzehn Jahren habe ich auf diese Frage die gleiche Reaktion und würde sie am liebsten vermeiden. Im Eiltempo geschieht
mehr oder weniger selbständig folgender Ablauf: Leichtes Zusammenziehen an den Schulterblättern, diverse mehrfach gehörte Kommentare wie »Ja, so was!« oder »Wohnen Sie neben irgendwelchen
Stars?« bis zu »Wie heißt noch mal die berühmte Straße, wo all
die teuren Geschäfte sind?« rasen durch mein Hirn, gefolgt von so
kindischen Reaktionen wie: »Ja, was wird der Mann jetzt von mir
denken?«
Es gibt wohl wenig Städte, die weltberühmt sind und von denen
sich jeder irgendwie schon lange ein Urteil gebildet hat wie von Los
Angeles. Und damit natürlich auch ein ganz bestimmtes über die
Einwohner. Zu denen ich nun mal seit sechzehn Jahren gehöre.
Denn, so gebe ich seufzend zu: »Ich wohne in Beverly Hills.«
Beverly Hills! Bekannt durch Filmpremieren, Stars und Starlets,
aufgeblasene Lippen, falsche Brüste, teure Autos und Geld, viel
Geld. Angefüllt von Leuten, die anscheinend irgendwie nichts tun;
und wenn sie was tun, gehen sie am Rodeo Drive einkaufen. Beverly
Hills, eine Stadt, die so ähnlich wie Disneyland alle möglichen Assoziationen weckt.
Und gerade wieder sehe ich einige in dem schnellen Blick, den
mir der Taxifahrer durch den Rückspiegel zuwirft, kurz abschätzend, wen er denn da im Auto hat.
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»Und, habe ich das richtig verstanden, Sie ziehen wieder zurück
nach Deutschland?«
Ich nicke stumm.
»Ja, warum denn das? Müssen S’ wieder?«
»Nein, ich will und ich freu mich drauf!« Und dann kann ich es
mir doch nicht verkneifen, noch ein »Und das schon seit langem«
hinzuzufügen.
Mittlerweile sind wir am Münchner Flughafen angekommen,
und er dreht sich nun ganz zu mir herum: »Des versteh i net. Wo’s
doch da drübn so schee is.«
»Ja«, antworte ich, leicht seufzend, »aber wissen Sie, was, nach
einer Weile wollen Sie einfach mal wieder grauhaarige Leute sehen,
über etwas anderes als Filme reden, länger als neunzig Minuten im
Restaurant sitzen und Teenagerfreunde ihrer Tochter treffen, die
wissen, was ein Gürtel ist. Außerdem«, und damit drücke ich ihm
das Geld in die Hand, »ist es herrlich, Taxifahrer zu haben, die anständige Autos fahren und die wissen, in welcher Stadt und in welcher Straße sie sich befinden. Und ja, Sie haben recht, das Wetter in
Kalifornien ist herrlich.«
Ich bedanke mich bei ihm, während er mein Gepäck aus dem
Kofferraum hievt, und mache mich auf den Weg. Ich kenne Flughäfen. Besonders den in Los Angeles, liebevoll »LAX« genannt
(die Flughafenabkürzung mit dem X, das mir bisher noch keiner
erklären konnte). Ein Vorteil von Vielfliegern ist, neben der Lufthansa-Senator-Karte, dass sie wissen, wie man mit dem Jetlag umgeht. Das ist das manchmal schwierige Umgewöhnen des Körpers
an die neue Zeitzone.
Ich habe da vor Jahren folgende Schritte entwickelt: Ich gehe
in das Flugzeug, stelle sofort meine Uhr um, und meine Zeit ist die
Zeit in dem Ankunftsland. Ich rechne nie und unter keinen Umständen nach, wie lange ich jetzt schon wach bin und wann ich eigentlich schlafen müsste. Ich esse im Flieger, und dann lege ich mich
hin zum Schlafen. Ohrenstöpsel, natürlich Ohropax, Schlafmaske,
und dann wird erst einmal meditiert. Eine Entspannungsmethode,
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die mir beim Einschlafen immer behilflich ist. Wenn ich ankomme,
gehe ich nie und unter gar keinen Umständen zu Bett. Ich bin immer
eine lange Zeit im Freien, damit sich meine innere Uhr umstellen
kann, der es durch die Sonneneinstrahlung auf der Haut leichter
fällt. Ich rieche an Blumen, gehe barfuß, erde mich sozusagen, ein
Begriff, der jedem New-Age-Vertrauten und Schamanen-Interessierten bekannt sein dürfte. Dann gehe ich erst nach 22 Uhr abends
ins Bett in dem Wissen, dass ich gut bis in den Morgen schlafen
werde. Und aufwache in Los Angeles oder, genauer gesagt, in
Beverly Hills.
Ach, das wollten Sie alles nicht wissen? Sie wollten wissen, wie
es sich dort lebt? Wie das Leben an sich ist? Und ob ich nicht doch
irgendwelche Stars kenne? Vielleicht wollen Sie ja auswandern
oder dort Karriere machen? Sie haben sich in eine(n) Amerikaner(in)
verliebt, oder Sie wollen zum Film?
Zum Film? Um Himmels willen, bloß das nicht! Natürlich hoffe
ich, dass Ihre Träume in Erfüllung gehen, also bitte verzeihen Sie
mir so einen herausgerutschten Satz. L. A. (ausgesprochen »El
Ey«) – wie Los Angeles liebevoll abgekürzt wird – ist für die Filmindustrie, was Paris für die Mode ist. Wenn man Karriere machen
will, dann hilft es, da zu sein, wo man sich trifft. Für mich war die
Welt dort immer zu sehr von der Filmwelt bestimmt, aber ich wollte ja auch nie zum Film.
Dies ist ein Buch über meine sechzehn Jahre in Los Angeles
oder, genauer gesagt, Beverly Hills. Mein früherer Mann Richard
arbeitet in der Filmindustrie, und ich – knapp dreißig Jahre alt und
deutsche Fernsehmoderatorin – versuchte, mich da mit anfänglich
holprigem Englisch irgendwie zurechtzufinden.
Bitte verzeihen Sie mir, dass ich kein Klatschbuch schreiben
möchte und bis auf sehr wenige Ausnahmen auch keine Stars erwähne. Auch schreibe ich über mein Leben in Los Angeles nicht,
um anzugeben. Ich bin als die Frau eines Film-Executive zu Premieren eingeladen worden und nicht, weil ich wichtig bin. Die Häuser
drüben sind einfach größer, in den kalifornischen Badezimmern hat
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man fast immer mehr Platz als in bundesdeutschen Kinderzimmern,
und Swimmingpools findet man bei den Häusern wie bei uns Fahrräder vor dem Hauseingang. Es ist eine andere Welt. Und genau
deswegen schreibe ich darüber. Als ich nach Kalifornien kam, hielt
ich mich für einen Weltbürger. Ein paar Monate später merkte ich,
wie deutsch ich bin. Als ich sechzehn Jahre später Amerika wieder
verließ, ging ich als Europäerin.
Und … ich möchte »meine« Amerikaner verteidigen. Sie sind
nicht oberflächlich. Sie sind einfach nur ein bisschen anders.
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1. Die Hochzeit mit einem Amerikaner
und der Umzug nach Los Angeles
ch zog nach Kalifornien, weil ich einen Amerikaner heiratete. Als
ich auswanderte, war ich Fernsehmoderatorin. Ich wurde diverse
Male interviewt und gefragt, warum, weswegen und weshalb ich
nach Los Angeles ging (eben der Liebe wegen) und was ich davon
erwartete.
Ich wollte eine glückliche Ehe führen, mich so schnell wie möglich eingewöhnen und hoffentlich weiterhin arbeiten.
Das allerdings nahm man mir nicht ab. Wahrscheinlich, so wurde vermutet, wollte ich Schauspielerin werden und versuchte, den
Weg in die Castingstudios über die Ehe zu machen (das soll ja schon
mal vorgekommen sein). Ich fühlte mich damals schwer angegriffen, und schon allein deshalb hätte ich niemals in irgendeiner Weise
irgendeine Schauspielerkarriere angestrebt. Obwohl ich zugeben
muss, dass ich als Kind leidenschaftlich gern und oft in meiner Laienspielgruppe aufgetreten bin.
Ich kam nach L. A. als Ehefrau eines Amerikaners. Eine vollkommen andere Situation. Es brauchte nicht ganz so viel Mut, diesen Schritt zu wagen, schließlich ging ich ihn an der Seite eines
Mannes, der zwar aus New York kommt, aber schon zehn Jahre in
Kalifornien lebte.
Ich wollte, dass diese Ehe ein Erfolg würde (was uns nicht gelang, fünfzehn Jahre später ließen wir uns scheiden), und ich wollte,
dass ich mich schnell eingewöhnte. Deutsche scheinen das verinnerlicht zu haben, wenn Sie mir eine Verallgemeinerung erlauben.
Wir sind bemühter im Adaptieren. Franzosen zum Beispiel – auch
hier wieder eine grobe Verallgemeinerung – scheren sich weniger
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darum, ob andere Leute französisch sprechen. Zwei Franzosen auf
einer amerikanischen Party: Natürlich wird französisch gesprochen,
auch wenn die anderen Gäste währenddessen sprachlos an ihrem
rohen Gemüse mit Dip knabbern, das in Los Angeles statt der bayerischen Erdnussflips auf den Tisch kommt. Zwei Deutsche auf
einer amerikanischen Party: Trotz Akzents und knappen Vokabulars
wird tapfer englisch gesprochen. Wir wollen ja niemanden ausgrenzen. Und wir wollen nicht unangenehm auffallen.
Mein Englisch reichte gerade mal für den Hausgebrauch. Da ich
über ein schwaches Namens- wie auch Zahlengedächtnis verfüge –
offiziell als schwach bestätigt von der Johnson O’Connor Research
Foundation –, kam ich über ein holpriges Englisch damals nicht
hinaus.
Richard und ich hatten uns auf der Hochzeit meiner Freundin
Carolin Ohrner mit Bruno Frydman in Paris kennengelernt. Wochen
später kam er, um mich in München zu besuchen. Irgendjemand
erzählte mir, dass er Jude sei; und so schlug ich denn vor, ihm das
Konzentrationslager in Dachau zu zeigen. Ich wusste nicht, inwieweit Richards Familie – wenn überhaupt – während der Nazizeit
verfolgt worden war, und fiel, typisch deutsch, gleich mit der Tür
ins Haus. Er lehnte etwas erstaunt ab. Am nächsten Morgen holte
ich ihn vom Hotel zu einer Radtour ab. Wir sprachen über Familienfeiern, und er erzählte mir von Weihnachten. Weihnachten? »Bist
du nicht jüdisch?«, fragte ich ihn.
»Nein, meine Familie kam damals aus Irland. Wir sind katholisch.« Kein Wunder, dass er auf meinen Vorschlag, Dachau zu besuchen, überrascht reagierte.
Überrascht wurde auch ich – von der Intensität seines Werbens.
Das war ich nicht gewohnt. Ich bekam jeden Montag weiße Lilien –
meine Lieblingsblumen – als Gruß geliefert. Jeden Tag Anrufe.
Aufmerksames Zuhören, was allein bei meinem Englisch schon
viel Geduld erforderte. Seinen Heiratsantrag ein paar Wochen später habe ich auch nur nach mehrmaligem Nachfragen verstanden.
Auf unserer nachträglichen Hochzeitsfeier in Los Angeles hielt
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der Chef meines frisch angetrauten Ehemannes Richard eine lange
Rede. Es wurde viel gelacht, viel geschmunzelt; und wenn ich die
Fotos von diesem Abend betrachte, dann scheine ich mich wie alle
anderen darüber köstlich amüsiert zu haben.
Ich habe aber kein Wort verstanden.
Es ist ein eigenartiges Gefühl, auf seiner eigenen Hochzeit nur
acht von zweihundert Leuten zu kennen: meine Mutter, meine
Schwester, Carolin und ihren Ehemann Bruno, Joe und Dolores
(Freunde von Richard, die auch auf Carolins und Brunos Hochzeit
waren), die erste Frau meines Mannes und seinen Chef. Wochen
und Monate später traf ich immer wieder Leute und stellte mich
brav mit »Sabrina Fox, nice to meet you« vor. Die Antwort war
nicht selten: »Aber wir kennen uns doch von Ihrer Hochzeit!« Oops!
(Ausgesprochen: »Ups!«)
»Oops« ist übrigens ein wichtiges Wort in der englischen Sprache. Es drückt genau das aus, was man darin vermutet. Einen Fauxpas. Oder ein Fettnäpfchen oder, wie die Amerikaner sagen, »to put
your foot in your mouth«: den Fuß in den eigenen Mund schieben.
Was ja auch ein ziemlicher Fauxpas wäre.
Ich war mit einem Mann verheiratet, dessen Sprache ich kaum
verstand. Und das ist selten eine gute Idee. Nun denn, ich konnte
mich über das Essen, das tägliche Leben, das Hin und Her recht gut
verständigen, aber das war es dann auch schon. Wir heirateten im
September 1988, und drei Monate später, kurz vor Weihnachten,
zog ich nach Los Angeles.
Meine letzten Tage in Deutschland waren eigenartig. Ich hatte nie
vorgehabt auszuwandern. Amerika stand nicht wirklich auf meiner
Wunschliste. Ich bin in einer Generation aufgewachsen (geboren
1958), die automatisch gelernt hatte, die Amerikaner zu mögen.
Meine Mutter erzählte mir von den Carepaketen, die selbst in der
Oberpfalz gelandet waren. Von dem Glück, sich nach dem Krieg im
amerikanischen Sektor wiederzufinden. Ich wusste um den Marshallplan, der nicht nur dafür sorgte, dass Deutschland kein reines
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Agrarland wurde, und uns damit wieder ermöglichte, eine Industrienation zu werden – und der auch den sozialen Wohnungsbau
antrieb. Als ich aufwuchs, gab es auf dem deutschen Musikmarkt
für Teenager nur deutsche Schlager und amerikanische Popmusik.
Ich entschloss mich natürlich für Letzteres. Die »neue deutsche
Welle« war noch nicht erfunden, und auf »Herz« reimte sich im
Deutschen einfach nur »Schmerz«. Außer den deutsch-österreichischen »Sissi«-Filmen war ich begeistert von Doris Day, Cary
Grant und Rock Hudson. Ich versuchte, mit Joan Baez und Bob
Dylan mitzusingen. Ich liebte Marshmallows – dieses unsäglich
pappige Zeug, das über Feuer geröstet wird – und die schicken,
großen amerikanischen Autos. Außerdem gab es da Pommes frites
(oder French fries) zu jeder Mahlzeit. Was für ein Land!
Mit 23 Jahren saß ich zum ersten Mal in meinem Leben in einem
Flugzeug, und das gleich in Richtung Florida! Ich nahm an einer
Pressereise als Fotoredakteurin der Zeitschrift Bild und Funk teil.
Ich war im Himmel gelandet: Herrlichste Sonne und dazu noch das
großartige Meer. Ich kannte bis dahin nur kleine schäbige Pensionen und war in einem der »Ramada Inns« untergekommen. Damals
für mich der Inbegriff des besseren Reisens. Gleich neben dem
Schlafzimmer ein schönes Bad. Ganz selbstverständlich warm.
Warm! Ich erinnerte mich an Besuche bei Omas, Tanten und Onkeln, Gaststätten im tiefsten Bayern, kleine Pensionen … alle hatten
eines gemeinsam: ein kaltes Klo. Das Fenster immer sperrangelweit
auf. Die Wände, wie in einer Metzgerei, mit grauenvollen Kacheln
fast bis unter die Decke. Das Toilettenpapier grau und schmirgelig.
Es ist nie die Heizung an. Da verrichtet der Amerikaner doch sehr
viel komfortabler seine Notdurft.
Die Amerikaner, so war mir bei meiner ersten Amerikareise klar,
lieben es bequem. Allein das Autofahren: Fast alle Autos haben ein
Automatikgetriebe. Wozu dieses Gewusel mit der Kupplung? Ich gewöhnte mich in den zehn Tagen meiner ersten Floridareise so schnell
an die leichte Art der Amerikaner, an ihre Höflichkeit, an den Enthusiasmus, dass mir meine deutschen Mitbürger auf einmal nicht mehr
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gefielen. Am letzten Tag stand ich am Flughafen in Miami und
kämpfte mit den Tränen. Eigentlich wollte ich nicht mehr zurückkommen. Da ich sehr praktisch veranlagt bin, habe ich diesen Wunsch
kurz nach meiner Ankunft in München als unmöglich und unmachbar ad acta gelegt. Die Eigenheiten meiner Zeitgenossen, die mich
schon vorher gestört hatten, fielen mir jetzt nur umso mehr auf:
Sie waren eigensinnig – ich natürlich nicht.
Sie waren stur – ich natürlich nicht.
Sie waren inflexibel – ich natürlich nicht.
Neidisch – ich natürlich nicht.
Unhöflich – ich natürlich nicht.
Natürlich mochte ich alle in meinem großen Freundeskreis, und
auch meine Kollegen bei der Bild und Funk und später beim Fernsehen waren nicht so wie »die anderen Deutschen«. Als ich meinen
zukünftigen Mann kennenlernte, moderierte ich nach vielen Jahren
beim Bayerischen Fernsehen und in der ARD das Frühstücksfernsehen bei Sat.1, und bis auf das Aufstehen um 4 Uhr morgens war in
meiner Welt alles in Ordnung. Der Traum von Florida war lange
vergessen, die Reise ja auch schon über sieben Jahre her, und ich
war ganz und gar in meine Karriere vertieft.
Ich machte mir Sorgen, dass das deutsche Fernsehpublikum
nichts mehr von mir wissen will, wenn ich meiner Heirat wegen
nach Amerika gehe. Ich wollte unbedingt weiterarbeiten und wusste
doch, dass meine geliebten Livesendungen kaum mehr möglich
sein würden. Gelegentlich wurde ich gefragt, ob ich nun »die neue
Margret Dünser« werden wollte, die kurz vorher verstorben war
und die die großartige Sendung »V.I.P.-Schaukel« moderiert hatte.
Da sah ich mich nicht. Ich wollte nicht die Kontakte meines neuen
Ehemannes benutzen, um weiterhin im Fernsehen zu arbeiten. Damals machte ich mir noch viel daraus, was »die anderen« von mir
denken, und diese Gedanken konnte ich mir vorstellen: »Ja, sie hat
ja diesen Star nur gekriegt, weil sie mit Richard verheiratet ist. Und
den hat sie nur geheiratet, um an die Prominenten ranzukommen.«
Was macht man nicht alles für seinen Beruf!
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Ich wollte nicht zu viel mit nach Los Angeles nehmen, und so
ergab es sich, dass meine Freundin Rita meine Wohnung in Hamburg – in die ich gerade erst ein Jahr zuvor von München aus gezogen war – so, wie sie war, von mir übernahm: mit Möbeln, Geschirr,
Bettwäsche und allem Drum und Dran.
Da ich mit einem Amerikaner verheiratet war, durfte ich eigentlich meinen Pass mit meinem normalen Touristenvisum nicht mehr
benutzen. Ich durfte offiziell nicht mehr einreisen. Wir trafen kurz
nach unserer Hochzeit im September einen Immigrationsanwalt,
und der erklärte uns, dass wir zwei Möglichkeiten hatten: Ich warte
entweder außerhalb der USA, bis ich eine Greencard bekomme,
oder innerhalb der Staaten. Warte ich außerhalb, kann ich nicht einreisen, bis ich die Greencard (die übrigens nicht grün ist) habe. Warte ich innerhalb, kann ich nicht ausreisen, bis ich die Card habe.
Manchmal kann es ein ganzes Jahr dauern, bis man die Aufenthaltsgenehmigung bekommt, und so lange kann ich die Vereinigten
Staaten nicht verlassen. Und – so entfuhr es mir –: So lange kann
ich nicht arbeiten. Mir wurde mulmig. Es kann auch schneller gehen, tröstete mich der Immigrationsanwalt.
Ich war schockiert. Ich hatte meinen Fernsehvertrag, und der lief
noch bis Ende des Jahres. Also musste ich auf jeden Fall wenigstens
die nächsten drei Monate aus- und einreisen können. Ich legte deshalb jedes Mal vor dem Einchecken meinen Ehering ab und versteckte ihn in meiner Geldbörse. Wir beschlossen, erst dann einen
Antrag auf die Greencard zu stellen, wenn ich am Ende des Jahres
nach Los Angeles gezogen wäre.
Ich verbrachte die letzten Tage mit Packen, Michverabschieden
und war so beschäftigt, dass ich eigentlich keine Zeit mehr hatte,
groß darüber nachzudenken, welchen entscheidenden Schritt ich
hier machte. Ich habe mir als junges Mädchen mal geschworen,
nicht feige zu sein. Ich wollte nicht mit neunzig Jahren im Lehnstuhl sitzen und mein halbes Leben bedauern. Es wird schon werden, dachte ich mir, und so umarmte ich meine Freunde.
Ich machte meine letzte Sendung, bekam einen lieben Abschieds-
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gruß von meinem Sat.1-Team, und anschließend fuhr ich zum Flughafen. Es war ein Tag vor Weihnachten. Ich hatte Bammel. Nicht
vor meinem Leben, sondern vor meiner Einreise. Das Team hatte
eine kleine Videobotschaft für mich zusammengestellt, die kurz vor
Ende der Sendung lief, in der es hieß, dass ich jetzt nach Amerika
ziehe. Wenn das einer in der Passkontrolle sieht und merkt, dass ich
mit einem Touristenvisum ausreise, dann lässt man mich vielleicht
nicht in den Flieger.
Ich war nervös. Ich zeigte meinen Ausweis vor, und der Polizist
schaute mich kurz an und meinte: »Ja, wen haben wir denn da?«
Mir rutschte das Herz in die Hose. Ich versuchte, so unschuldig wie
möglich zu schauen, und schickte ein Stoßgebet zum Himmel: »Bitte lass ihn die Sendung heute nicht gesehen haben.« – Solche Stoßgebete lauten normalerweise für Moderatoren genau andersherum.
Er holte seinen Kollegen. »Schau, die Sabrina Lallinger!« Dann
wandte er sich zu mir und meinte: »Ich wache jeden Morgen mit
Ihnen auf.« – »O Gott, nein!«, dachte ich mir. – »Aber leider muss
ich dann immer um halb neun fahren und verpasse jedes Mal die
letzte halbe Stunde.« Halleluja! »Danke«, sagte ich, nahm meinen
Pass und schlich durch die Kontrolle. Den Rest der Zeit bis zum
Abflug versteckte ich mich in der Damentoilette. Ich glaube, ich
habe zu viele Krimis gelesen.
Die Reise in meine neue Heimat brachte mich von Hamburg nach
London und mit einem kurzen Zwischenstopp weiter nach Los Angeles. Kaum saß ich in Hamburg im Flieger, ich hatte einen Fensterplatz, legte sich Dunkelheit über mich. Meine Welt wurde plötzlich
grau. Ich ließ meinen Blick übers Rollfeld wandern, über all die
anderen Flugzeuge, die da standen, und die Gebäude, die mir so
vertraut waren. Ich fahre jetzt weg. Ich fahre jetzt weg!
Ich werde meine Freunde und meine Familie selten sehen, viele
Gespräche werden in Zukunft mühsamer sein, weil entweder ich die
Leute nicht verstehe oder sie mich nicht. Werden mich die Freunde
von Richard mögen? Werde ich eigene Freundschaften schließen?
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Wann werde ich wieder nach Hause fliegen können? In einem Jahr?
In zwei Jahren? Ich erinnerte mich mit Schrecken an meine erste
Reise als Verlobte mit Richard nach Venedig zu den Filmfestspielen
knapp drei Monate zuvor. Wir gingen durch die Lobby im Hotel, als
sich zwei Männer Richard näherten und ihn begrüßten. Er stellte
mich beiden vor. Einer davon verwickelte Richard in ein Gespräch,
der andere fragte mich, ob ich Schauspielerin sei. Ich verneinte. Das
ist aber schade, meinte er mit einem Augenzwinkern, wo ich Richard
doch jetzt so gut kennen würde. Ich versteinerte. Starrte ihn an, als
ob ich mich verhört hätte. Richard merkte, dass mit mir etwas nicht
stimmte, und schaute besorgt. Ich verabschiedete mich mit einer
gehaspelten Entschuldigung und flüchtete mich nach draußen, gerade noch konnte ich meine Tränen zurückhalten.
Wird das mein Leben sein? »Die Leute« werden annehmen, dass
ich mit Richard schlafe, um Karriere zu machen? Ich war groß,
schlank und blond – und werde ich nun auch automatisch noch ein
Flittchen? In Deutschland war ich »ich«. Jetzt, wenn ich Richard
heirate, bin ich nur noch »die Ehefrau«. Schaffe ich das? Will ich
das?
Plötzlich fühlte ich Richard hinter mir; und es dauerte eine Weile, bis er aus meinem Schluchzen heraushörte, was in mir vorging.
Er hatte den Kommentar des Mannes nicht mitbekommen und versuchte, ihn mit einer Handbewegung wegzuwischen. »Er ist ein
Idiot. Denk nicht weiter drüber nach.«
Doch gerade jetzt, als das Flugzeug abhob und wir noch eine
Ehrenschleife über Hamburg drehten, musste ich wieder darüber
nachdenken. Und die Tränen, die ich damals nicht zu Ende geweint
hatte, kamen jetzt hoch. Die Unsicherheit, die sich über mich legte,
die Trauer, mein Zuhause zu verlassen, all das mischte sich gut
durch. Ein paar Minuten später setzte dieses laute Kinderschluchzen ein, und ich heulte mich von Hamburg nach London durch zwei
Packungen Taschentücher.
Der Engländer neben mir meinte nach einer halben Stunde
meines konstanten Schluchzens: »Tut mir leid, dass ich Sie störe.
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Ist alles okay mit Ihnen? Ich weiß nicht, was Ihnen der Kerl angetan
hat, aber ich könnte ihn für Sie umbringen, wenn Sie das wollen.«
Sein Humor tat mir gut. Ich erklärte ihm, dass ich frisch verheiratet
sei und gerade nach Amerika zog. Und dass ich um mein altes Leben
weine. Er hob erstaunt die Augenbrauen und stieß ein sehr englisches »Oh« aus – was sich wahrscheinlich übersetzen lässt mit
»Frauen! Wer will sie verstehen?« –, als er sich beruhigt hinter seiner Zeitung versteckte.
Zur Sicherheit kaufte ich mir auf dem Londoner Flughafen
Heathrow noch mal einen Nachschub an Taschentüchern. Überraschenderweise hörten meine Weinkrämpfe schlagartig auf, als ich
in den nächsten Flieger stieg, und meine Stimmung von London bis
L. A. war eine gänzlich andere: Ich fing an, mich auf mein neues
Leben zu freuen.
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Bedford-Haus, kurz vor dem Umzug nach Deutschland: Julia und
ich nehmen Abschied
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