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Voss_Heine_Umbruch
27.01.2006
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Monika Voss
Kennste noch dat alde Leed
Heine-Texte in Original und Mundart
Droste ● Mundart
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Zum Geleit
Selbstverständlich war ihm das Rheinische vertraut,
auch wenn sich der Dichter Heinrich Heine in seinem
»Memoiren«-Fragment stolz darauf beruft, wie ihn
von früh an die hannoversche und damit beste Aussprache des Hochdeutschen vonseiten seines Vaters geprägt habe und wie sehr ihn das Rheinische, zumal aus
Köln und wenn es in Richtung Holland gehe, doch
eher, um es gelinde auszudrücken, wenig anspräche!
Verstehen konnte er das Idiom seiner Heimat zweifellos dennoch und die damit einhergehende Liebenswürdigkeit wie Schnoddrigkeit mochte ihm durchaus
viel besser gefallen, als er dann öffentlich zugab. Er war
eben doch des freien Rheins noch weit freierer Sohn,
was er 1844 im Vorwort zu seinem Versepos »Deutschland. Ein Wintermärchen« eigens bekennt. Und wenn
es um den Niederrhein und Düsseldorf ging, war fast
ein Jahrzehnt zuvor im Skandalroman seiner Zeit mit
dem Titel »Wally, die Zweiflerin« von Karl Gutzkow
aus dem Jahre 1835 Heines Geburtsstadt nach Goethes
Tod gleich, wenn auch vorsichtig, zum neuen Weimar
ausgerufen worden. Denn hier hielten, wenigstens ansatzweise, Literatur, Kunst und Musik in einem kurzen
Intermezzo, das als Gesamtkunstwerk begriffen werden
konnte, wundersam zusammen. Er lebte nach manchen deutschen Ortswechseln bereits in Paris und sollte dort auch bis zu seinem Tod im Jahre 1856 bleiben.
Heine im Düsseldorfer Originalton! Das ist ein
Wagnis, aber es kann gelingen, vor allem, wenn die
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Auswahl derart souverän Gedichte und Prosa zu
einem ebenso eigenständigen wie farbigen Lebensbericht zusammenfügt und auf diese Weise ein neues
Ganzes schafft. Das Gemütliche oder Harmlose behält
seine hintersinnige Abgründigkeit, die auf Schritt und
Tritt im Dialekt zu findende Verkleinerungsform erreicht auf elegante Weise eine humoristische Glaubwürdigkeit. Gerade in der Lyrik ist manches Mal eher
von Übertragungen, ja Neuschöpfungen und Erfindungen zu sprechen und nicht von getreuen Übersetzungen. Dafür liegen einfach zu große Welten zwischen dem Hochdeutschen und der in Düsseldorf
gesprochenen Sprache. Aber den aus der Altstadt
stammenden weltberühmten Schriftsteller kann man
dennoch zwischen den Zeilen und unter allen so bequem, ja vertraut klingenden Worten wieder finden –
und er wird einem gefallen. Monika Voss sei Dank! Sie
hat den komplizierten Seelenfalten nachgespürt und
nicht nur den richtigen, sondern passenden Ausdruck
sagen lassen, was gemeint war. Selbst wenn der Dichter einem vorher schon, im Unterschied zu vielen anderen, so wenig entrückt erschien, so spontan und
nachbarschaftlich nah, in der Düsseldorfer Verwandlung ist er erst recht derart zu vernehmen, als ginge er
auch lange nach seinem Tode noch neben uns her und
erschlösse uns die Stadt, die Umgebung, das Rheinland
und schenke uns dadurch am Ende sogar einen großen
Teil der uns zugehörigen Welt.
Joseph Anton Kruse
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Vorwort
Es ist anzunehmen, dass Heinrich Heine, der seine
Jugendjahre in Düsseldorf verbrachte, der Dialekt
seiner Heimatstadt nicht fremd war. Es gibt keine zuverlässigen Quellen, die belegen können, wie er selbst
gesprochen hat.
Auffallend sind seine Schwierigkeiten im Gebrauch des Akkusativs und Dativs. Könnten sie ein
Beweis dafür sein, dass seine Sprache regional beeinflusst war? Auf jeden Fall lassen es einige mundartliche Ausdrücke vermuten, die in seinen Schriften auffallen, wenn er z.B. im Schelm von Bergen den »Drickes und die Marizebill« tanzen lässt und nicht die
rote Sophia, sondern das rote »Sefchen« küssen will.
So scheint er mit einer Mehrsprachigkeit von Dialekt
und Hochsprache aufgewachsen zu sein.
Heines Werke wurden in zahlreiche Sprachen und
Dialekte übersetzt.
So liegt es nahe, sie auch in die Muttersprache seiner Geburtsstadt zu übertragen.
Ich wähle mit Absicht den Ausdruck übertragen
und nicht übersetzen. Eine Übersetzung klebt am
Wort. Viele hochdeutsche Wörter lassen sich nicht
einfach Wort für Wort in Mundart »übersetzen«.
Man muss sie umschreiben, manchmal in einem ganzen Nebensatz, um der Aussage gerecht zu werden.
So wird z.B. aus der hochdeutschen Zeile »Mit
deinen schönen Augen hast du mich gequält so sehr«
die mundartliche »Wat wore din Stähneoore för
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mech en Ping wie nie« oder es wird »Liebestrunkenheit« übertragen in »mi Hezz mäkt doll mech hütt«.
Der Imperfekt ist die Zeitform der erzählenden
Prosa. In der Mundart ist eher die umgangssprachliche Form des Perfekts üblich. Aus diesem Grunde
habe ich in den Texten aus dem Buch Le Grand und
den Memoiren oft zugunsten des lebendigeren, vertrauten Perfekts oder Plusquamperfekts auf die steifere Form des Imperfekts verzichtet.
Bei der Übertragung von Prosatexten in die
Mundart ist man freier in Wort- und Satzgestaltung
als bei Gedichten. Hier ist man durch Reim und Metrum gebunden, kann jedoch durch Umstellung der
Zeilen den Sinn der Strophe erhalten. Dieses Umformen ist oft ein Muss, da viele hochdeutschen Wörter
denselben Endreim haben, die entsprechenden
mundartlichen aber keineswegs.
Erleichtert wird das Umgestalten dabei durch die
Umschreibung mit »donn« – ähnlich dem Englischen
»to do« – : »Dat ech üch do owe widder treffe donn«
oder der Verlaufsform mit »am«: »Mer wore nit am
bratsche«.
Mundart zeichnet sich aus durch Treffsicherheit,
bildhaften Ausdruck und einem heiteren Augenzwinkern. Sie unterstreicht Heines Sprachkraft und macht
sie manchmal facettenreicher. Seinem Spott und seiner Ironie werden Schärfe und Spitze genommen,
seine Lieben und Leiden gemildert.
Warum überträgt man Heinrich Heine in Mundart?
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Es hat mir einfach Vergnügen bereitet, seine Texte
in einen Mundart-Mantel zu kleiden, um damit die
Plastizität und Farbigkeit seiner Sprache zu unterstreichen.
So öffnet sich ein neuer Zugang, entsteht »ein
neues Lied«, das Heines scharfe Zunge, seinen Ideenwitz, seine Kritik an Spießertum und Intoleranz
ebenso wie seine zart-ironische Liebeslyrik erklingen
lässt.
Die Sprache einer Region spiegelt etwas von ihrer Eigenart und Ursprünglichkeit wider. Mit ihr verbinden
die Menschen Heimatgefühl und Vetrautheit. Auch
Goethe hat dies in »Dichtung und Wahrheit« auf den
Punkt gebracht: »Jede Provinz liebt ihren Dialekt:
denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem
die Seele ihren Athem schöpft.«
Hans Müller-Schlösser, der als Vater des »Schneider Wibbel« berühmt wurde, meinte: »In seiner Sprache lernt man das Volk recht kennen und erfährt, dass
es nicht nur lachen, sondern auch weinen kann und
starker Empfindungen fähig ist und eine Sprache besitzt und meistert, mit der es seinen Empfindungen
plastischen Ausdruck geben kann, eine Sprache, die
sehr oft turmhoch über dem hochdeutschen Gestammel manches sogenannten Gebildeten steht.« Der
letzte Teil seiner Aussage dürfte wohl »turmhoch«
übertrieben sein, aber der erste keineswegs.
Mit dem vorliegenden Buch verbinde ich den
Wunsch, vielen Düsseldorfern, den alten wie den jun-
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gen, den einheimischen wie den zugereisten, einen
neuen, amüsanten Zugang zu unserem Heinrich Heine zu eröffnen.
Mögen auf die Frage: »Kennste noch dat alde
Leed?« viele Leser antworten:
»Däm Heine si Leed kenne mer, von däm dommer
sojah ene janze Hoope Leeder kenne.«
Monika Voss
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Amor zwesche ons jesesse hatt
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Teurer Freund, du bist verliebt
Teurer Freund, du bist verliebt
Und dich quälen neue Schmerzen;
Dunkler wird es dir im Kopf,
Heller wird es dir im Herzen.
Teurer Freund, du bist verliebt,
Und du willst es nicht bekennen,
Und ich seh des Herzens Glut
Schon durch deine Weste brennen.
Wir fuhren allein im Dunkeln
Wir fuhren allein im Dunkeln
Postwagen die ganze Nacht;
Wir ruhten einander am Herzen,
Wir haben gescherzt und gelacht.
Doch als es morgens tagte,
Mein Kind, wie staunten wir!
Denn zwischen uns saß Amor,
Der blinde Passagier.
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Leewe Jong, di Hezz es fott,
Leewe Jong, di Hezz es fott,
doröm häste och neue Ping!
Dinne Kopp es wie kapott,
doch di Hezz hät Sonnesching!
Leewe Jong, di Hezz es fott!
Doch offe sare wellste’t nit donn.
Dobei süht mr dörch di Hemp
hell et Hezz en Flamme stonn.
Mer fuhre alleen, et wor düster
Mer fuhre alleen, et wor düster
em Postware de janze Nacht;
Mer zwei hadde ons em Ärmche,
hannt Mäuzkes jemaht on jelacht.
Doch wie dann jekomme dr Morje,
Mi Liebche, wat wor denn dat?
Dä blende Passajeer Amor
zwesche ons jesesse hatt.
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