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Aktuelle Trends aus Kenia
29.04.2014
Handy-Banking ein voller Erfolg / Düngemittelfabrik geplant / Finanznot bremst Entwicklung / Von Martin Böll
Nairobi (gtai) - Wenn Kenia auf einem Gebiet internationaler Trendsetter ist, dann beim "mobile phone based
cash business". Davon könnte auch Europa lernen. Umgekehrt könnte Kenia aus der jüngsten griechischen Ge­
schichte Lehren ziehen: Der kenianische Staatsapparat ist mittlerweile so aufgebläht, dass er sich bald nicht
mehr finanzieren lässt. Für wichtige Entwicklungsaufgaben fehlt das Geld. Germany Trade & Invest berichtet re­
gelmäßig über aktuelle Trends aus Kenia als Erstinformation.
Handy-Banking ist in, Kreditkarten und Banken sind out
Drei kenianische Unternehmen wollen in den Kampf um Kenias lukrativen Mobiltelefonmarkt einsteigen und
haben neue Lizenzen beantragt. Dabei geht es ihnen weniger um das Telefongeschäft als um das auf umgerech­
net 23,5 Mrd. US$ Umsatz geschätzte Mobil-Banking (E-Commerce). Die neuen Bewerber sind die Mobile Pay.
Ltd, der die mobile Geldtransferplattform Tangaza gehört, Zioncell Ltd., der Supermarktbetreiber Nakumatt
Holdings sowie die Equity Bank.
Kenianische Konsumenten wickeln ihre Geldtransaktionen zunehmend mit ihrem Mobiltelefon ab. Selbst in Bars
und Restaurants zahlen viele Kunden mit Hilfe ihres Handys. Bislang hat beim Handy-Banking M-Pesa des Mo­
bilnetzbetreibers Safaicom eine marktbeherrschende Stellung. Die Regierung facht das Geschäft nun weiter an
und will ab 1.4.14 nur noch bargeldlose Zahlungen akzeptieren. Der öffentliche Nahverkehr soll im Juli 2014 auf
Bargeld verzichten. Ferner werden die staatlichen Zuwendungen an ältere Mitbürger und Waisen auf bargeldlo­
se Transfers umgestellt. Die meisten Kenianer besitzen kein Bankkonto, aber fast jeder ein Handy. Kenia ist
nach eigener Einschätzung der weltgrößte Markt im "mobile phone-based cash business".
Die beiden Mobilfunk-Gesellschaften Safricom und Airtel wollen unterdessen für 100 Mio. US$ das Mobilfunk­
unternehmen yuMobile aufkaufen. Safaricom will die Infrastruktur von yuMobile übernehmen und Airtel die
rund 2,7 Mio. yuMobile-Abonnenten. yuMobile gehört dem indischen Essar-Konzern, der auch seine 50%-ige Be­
teiligung an Kenya Refineries verkaufen will.
Bau einer Düngemittelfabrik
Das japanische Unternehmen Toyota Tsusho plant den Bau einer 1,2 Mrd. US$ teuren Düngemittelfabrik in der
kenianischen Stadt Nakuru. Aktuell sucht das Unternehmen lokale Investoren, die sich mit 30% an dem Vorha­
ben beteiligen sollen - eine der üblichen kenianischen Auflagen für Investoren. Mit dem Bau könnte im Oktober
2014 begonnen werden; die Fertigstellung wird für 2016 erwartet. Das Unternehmen möchte mit seinen Produk­
ten ganz Ostafrika beliefern. Für Kenia ist es der dritte Anlauf zu einer eigenen Düngemittelfabrik, von der es
sich niedrigere Preise erhofft. Berater hatten in der Vergangenheit Zweifel geäußert, ob eine eigene Fabrik die
Preise drücken kann, weil alle benötigten Rohstoffe importiert werden müssen. Kenia verbraucht jährlich
500.000 t Düngemittel, der Nachbar Uganda nur 25.000 t. Der kenianische Durchschnittsverbrauch pro Hektar
liegt bei 25 kg, als Mindestnotwendigkeit gelten 75 kg. Der Durchschnittsverbrauch in Subsahara-Afrika wird auf
8 kg geschätzt, der in Südafrika auf 80 bis 100 kg.
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AKTUELLE TRENDS AUS KENIA
Stromnetz wird modernisiert
Der nationale kenianische Stromverteiler Kenya Power will in den nächsten drei Jahren umgerechnet 1 Mrd. US$
für die Verbesserung seines Stromnetzes ausgeben. Nach Angaben seines CEO Ben Chumo sollen neue Um­
spannwerke gebaut und Stromleitungen errichtet sowie alte Netze saniert werden. Die kenianische Regierung
will die derzeitige Stromerzeugungskapazität von 1.600 MW bis Ende 2016 auf 5.000 MW steigern - ein, zurück­
haltend formuliert, höchst ambitioniertes Ziel. Wer den Strom dann nachfragen soll, wurde bislang kaum befrie­
digend beantwortet.
Mombasas Gouverneur wünscht sich eine Stadtbahn
Die japanische Mitsui Co. will für die kenianische Hafenstadt Mombasa den Plan für eine Stadtbahn erstellen.
Noch vor 2016 werde die Grundsteinlegung erfolgen, sagt Francis Thoya, County Executive for Land and Hou­
sing. Zuvor war eine Delegation aus Mombasa unter Leitung von Gouverneur Ali Hassan Joho auf Einladung des
japanischen Ministeriums für Wirtschaft, Handel und Industrie für zwei Wochen in Japan. Die Handelskammer
von Mombasa und führende Wirtschaftsvertreter der Hafenstadt sind strikt gegen den Plan, dem auch mehrere
Gebäude zum Opfer fallen sollen. Nach Ansicht von Beobachtern ist der Zeitplan des Projektes höchst unrealis­
tisch. Große Fragezeichen gibt es auch bei der Finanzierbarkeit eines solchen Megavorhabens.
Großes Immobilienprojekt für Kisumu
Das kenianische Kisumu County plant den Bau eines 282 Mrd. US$ teuren Immobilienprojektes mit Wohnungen,
Büros, einem 5-Sterne-Hotel und einem Shopping Center. Als Partner habe man die private US-Gesellschaft
Hawthorne Development Corp. und die kenianische Immobiliengesellschaft Erdemann Properties Ltd. des chine­
sischen Geschäftsmann Zeyun Yang gewinnen können, sagt Environment Secretary Julie Wakhungu. Das Vorha­
ben werde einen Vorbildcharakter für weitere öffentlich-private Vorhaben (Public Private Partnerships - PPP)
haben.
Nierenklinik für Staatskrankenhaus
Kenias größtes staatliches Krankenhaus, das Kenyatta National Hospital, bekommt ein neue, 45 Mio. US$ teure
Abteilung für Nierenpatienten. Finanzgeber ist die Afrikanische Entwicklungsbank.
Drohende Zahlungsunfähigkeit der Regierung
Die kenianische Regierung ist in einer Zwickmühle. Auf der einen Seite plant sie großartige Megaprojekte, auf
der anderen Seite verschlingen Personalausgaben immer mehr Staatseinnahmen - eine Rechnung, die nicht auf­
gehen kann. Alleine im letzten Finanzjahr (1.7.12 bis 30.6.13) stiegen die Ausgaben für die aufgeblähte Staatsbe­
legschaft um 34%. Mehr als die Hälfte der Staatseinnahmen geht aktuell für Gehälter und staatliche Pensionen
drauf. Ferner wird mehr als ein Fünftel des Staatshaushalts für die Bedienung ausländischer Schulden benötigt.
Hinzu kommt der Schuldendienst für inländische Kredite. Was übrigbleibt, reicht kaum zur Instandhaltung brö­
ckelnder Basisinfrastrukturen wie Schulen, Krankenhäusern und Straßen. Die Polizei hat schon jetzt kaum mehr
Geld für Benzin und Kfz-Reparaturen, Krankenhäusern fehlt es an einfachsten Verbrauchsgütern. Der Anteil
staatlich finanzierter Entwicklungsvorhaben am Bruttoinlandsprodukt ist mittlerweile auf 5% gesunken, für ein
Entwicklungsland viel zu wenig.
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AKTUELLE TRENDS AUS KENIA
Trotz der üppigen Gehälter sind die Staatsbediensteten ihr Geld kaum wert, schreibt die führende Tageszeitung
"Daily Nation", die Produktivität läge lediglich bei 30%; in Kenia bräuchte es mindestens drei Staatsdiener, um
einen Stellenjob zu machen. Die Gehaltsschere ist derweil eine der größten der Welt: Der bestbezahlte Staats­
diener bekommt 120 Mal mehr als der am schlechtesten bezahlte.
Weil die Staatskasse nichts mehr hergibt, wird die Schuldenaufnahme kräftig gesteigert, was die Inflation an­
heizt, die Landeswährung schwächt und die Importe verteuert. Für die Geldgeber steigt das Risiko. Die "Daily
Nation" spricht von der Gefahr eines Zusammenbruchs à la Griechenland. Staatspräsident Uhuru Kenyatta
scheint inzwischen den Ernst der Lage erkannt zu haben und verfügte als erste Sofortmaßnahme eine 20%ige
Gehaltskürzung bei sich selbst - um ein Zeichen zu setzen. Die Bosse der großen halbstaatlichen Unternehmen
sollen es ihm gleichtun oder ihren Hut nehmen, eine juristisch höchst fragwürdige Anordnung. Ein eilig einberu­
fener Ausschuss soll über weitere Maßnahmen zur Einschränkung der Gehälter beraten.
Tender-Betrug auf dem Vormarsch
Wie die internationale Beratergruppe PriceWaterhouseCoopers (PwC) in ihrem "2014 Global Economic Crime
Survey" schreibt, ist Ausschreibungsbetrug der am schnellsten wachsende Wirtschaftskriminalitätszweig Kenias
und hat die Zuwachsraten bei Bestechung und Korruption mittlerweile getoppt. Jeder dritte kenianische Wirt­
schaftsführer habe von beschaffungsbezogenem Betrug binnen der letzten zwei Jahre berichtet. Rund 36% der
Befragten haben der Untersuchung zufolge angegeben, nach Schmiergeldern im Zusammenhang mit Ausschrei­
bungen oder der Akquise von Aufträgen gefragt worden zu sein. Die größten derzeit ins Gerede gekommen Aus­
schreibungen betreffen einen 5-Mrd.-US$-Auftrag an die China Roads and Bridges Corp. für den Bau der Mom­
basa-Nairobi-Normalspureisenbahn und eine auf 285 Mio. US$ veranschlagte staatliche Computerbeschaffung
bei der indischen Olive Telecommunications.
Die Statistik der kenianischen Wirtschaftsvergehen wird derweil von Unterschlagungen bzw. Veruntreuungen
von Vermögenswerten (asset misappropriation) angeführt. Rund 77% der befragten Wirtschaftsführer gaben an,
davon binnen der letzten zwei Jahre betroffen gewesen zu sein.
Nairobi am teuersten
Die kenianische Kapitale Nairobi ist die teuerste Stadt in Afrika, sagt die britische Economist Intelligence Unit
(EIU) in ihrem neuesten Ranking. Auf Platz zwei und drei folgen Abidjan in Cote D'Ivoire und Casablanca in Ma­
rokko. Auf der EIU-Liste fehlt allerdings Luanda in Angola, eine Stadt, die in der Vergangenheit immer den Spit­
zenplatz als teuerstes Pflaster Afrikas belegt hatte.
Finanzspritze für Industrie angestrebt
Das kenianische Ministerium für Industrialisierung will notleidende Industriezweige mit Hilfe von Finanzspritzen
wieder wettbewerbsfähig machen. Rund 59 Mio. US$ sollen in die notleidende Zuckerindustrie gesteckt werden,
jeweils 12 Mio. US$ in den Kaffeesektor, die Viehzucht, das Pyrethrum-Geschäft und die bankrotte Webuye Pan
Paper Mills. Für Kokos- und Cashewnüsse sind jeweils 6 Mio. US$ vorgesehen. Nach Ansicht von Beobachtern
brauchen alle vorgenannten Geschäftszweige dringend Modernisierungskapital. Erst nach den angestrebten Fi­
nanzspritzen könnte sinnvollerweise eine Privatisierung angestrebt werden, heißt es. Das Ministerium braucht
nach eigenen Schätzungen umgerechnet rund 328 Mio. US$, um die Industrie des Landes wieder in Schwung zu
bekommen, budgetiert sind bislang allerdings nur 87 Mio. US$.
(M.B.)
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