London plant wieder

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London plant wieder
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André Bideau, Angelus Eisinger, Oliver Pohlisch
London plant wieder
Wie London in Zeiten der Globalisierung unter Mayor Livingstone seine Zukunft in die Hand nehmen will
Im Londoner Osten findet zwei Jahrzehnte nach
dem Umbau der Docklands zum Finanzzentrum erneut
ein Umbruch statt. Bis 2012, wenn hier die Olympischen
Spiele stattfinden, soll das East End, die «schmutzige
Seite der Stadt», ein «attraktiver Standort» werden.
Die Renaissance der Planung unter Mayor Ken Livingstone und die im «London Plan» publizierten Szenarien der
Stadtregierung vermitteln das Bild einer Metropole, die
nach dem Laisser-faire der Thatcher-Ära wieder Verantwortung für das Gemeinwohl übernimmt. Doch ist unsicher, ob das gelingt; die Spielräume der Planung
sind klein, die Interessen vielschichtig.
Aldgate, ein Verkehrskreisel, dessen bauliche Umgebung allen Aufwertungsmassnahmen zu trotzen scheint,
markiert den östlichen Zugang zum Nervenzentrum
der Global City. Bis 1761 stand hier ein Stadttor, und
auch heute wird der Eintritt zur «Square Mile» streng
kontrolliert: Strassenmarkierungen und Videoüberwachung sorgen dafür, dass alle, die mit ihrem Auto passieren, die Congestion Charge entrichten, jene Gebühr
für den motorisierten Individualverkehr, die Londons
Innenstadt ein wenig vom Stauchaos befreit hat. Hier
verläuft auch der Ring of Steel, den die Sicherheitsbehörden nach dem IRA-Bombenterror der 1980er- und
frühen 1990er-Jahre rund um den Finanzdistrikt errichtet haben, mit Kameras, Wachhäuschen und Fahrbahnverengungen an den Einfahrten. Unter dem Asphalt
liegt ein Gleisdreieck des U-Bahn-Netzes, hier zweigt
die District Line vom Stammnetz der Circle Line ins
East End ab. Am 7. Juli 2005 war es einer der Schauplätze der Anschläge islamistischer Attentäter auf Londons
öffentlichen Nahverkehr (Bild 11).
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Aldgate ist das Scharnier zwischen Innenstadt und East
End. Hier treffen die unterschiedlichen Interessen und
Lebenswelten der 7. 3 Mio. Londoner aufeinander. Auf
der einen Seite steht das boomende Geschäftsviertel
mit seiner global orientierten, hochqualifizierten Klasse
von Managern und seinen Armeen von Angestellten.
Auf der anderen beginnen die deindustrialisierten Aussenquartiere mit einer Bewohnerschaft, die häufig über
eine geringe Berufsqualifikation verfügt und schlecht
bezahlten Dienstleistungsjobs nachgeht.
Bereits Brick Lane, eine Strasse, die unweit von Aldgate
in Nord-Süd-Richtung durch das East End verläuft, liegt
im Schatten der City. Sie stellt einen «liminal space»
dar, wie die Stadtforscherin Sharon Zukin diese Schnittpunkte der unterschiedlichen Logiken, Dynamiken und
Realitäten einer postindustriellen Stadt nennt.1 Seit
Jahrhunderten wird hier der Textilhandel abgewickelt,
doch seine Bedeutung hat stark abgenommen. Zuerst
wurde der Markt von Hugenotten, später von Juden
kontrolliert. Seit den 1960er-Jahren haben ihn muslimische Einwanderer aus Bangladesch übernommen,
von denen heute rund 40 000 im East End leben. Die
Synagoge wurde schon 1976 zur Moschee umgenutzt,
nur eine Bagel-Bäckerei erinnert noch an die ehemals
jüdische Einwohnerschaft der heutigen «Banglatown».
Einen kritischen Blick auf die gelebte Multikulturalität
in «Banglatown» lieferte 2003 der Roman «Brick Lane»
von Monica Ali. Ihre Darstellung eines Frauenschicksals kam zwar beim britischen Publikum gut an. Einige
Wortführer der muslimischen Gemeinde betrachteten
den Roman aber als verunglimpfende Darstellung ihrer
Lebensweise und blockieren derzeit seine Verfilmung
vor Ort.
Noch immer ist das East End für viele Londoner eine
Terra incognita. Doch in den letzten Jahren hat sich die
Gegend um Brick Lane immer mehr zu einem Schwerpunkt des Nachtlebens und zur Touristenattraktion ent8
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wickelt. Zahlreiche Clubs und um Kundschaft kämpfende Curry-Restaurants bieten einen ersten Zugang
zum Londoner Osten. Der Gentrifizierungsprozess
gewann an Fahrt, als der Spitalfield’s Market, eine alte
Obst- und Gemüsemarkthalle, von Trödelhändlern
übernommen und die ehemalige Truman-Brauerei zum
Kulturzentrum mit Szenecafés und Boutiquen umgenutzt wurde. Inzwischen stösst man unweit der Brick
Lane auf die Dependance der Zürcher Galerie Hauser &
Wirth, die wie andere Galerien die Gegend als Adresse
für zeitgenössische Kunst erschliesst. Das Gelände des
Güterbahnhofs Bishopsgate ist leergeräumt, hier soll
eine grosse Büroüberbauung nach Plänen von Kees
Christiaanse entstehen.
Der rote Ken – Kaiser ohne Land?
Der Ausbau der East London Line dürfte das East End
über «Banglatown» hinaus zum attraktiven Stadtviertel
machen. Ihre bisherige Endstation Shoreditch wird seit
Juni wegen der Baumassnahmen nicht mehr angefahren.
Hinter Brick Lane versteckt, kündet der Zustand dieses
Bahnhofs von der jahrzehntelangen Unterfinanzierung
von London Underground und erinnert daran, dass die
traditionellen Arbeiterbezirke einst nur zögerlich in den
Einzugsbereich des U-Bahn-Netzes integriert worden
waren. Um die East London Line ins ebenfalls ärmliche
Hackney zu verlängern, sollen nun stillgelegte Bahnstrecken reaktiviert und zusammengeschlossen werden.
Eine langfristige Planung beabsichtigt, die East London
Line mit weiteren Bahnstrecken im Norden, Süden
und Westen zu verknüpfen und in einem neuen innerstädtischen S-Bahn-Ring (Orbirail) aufgehen zu lassen
(vgl.Kasten Bahnverkehr in London, S. 13).
In den überlasteten Zügen von Londons U-Bahn-Netz
ist einer allgegenwärtig: Ken Livingstone, Mayor of
London. Sein Konterfei und sein fast schon zur Marke
gewordener Name erwecken nach den Jahren, in denen
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Das Gebäude der Spillers Millenium Mills am Royal Victoria Dock im
Borough Newham soll in Lofts und Büros umgebaut werden. Es steht in
einer «Opportunity Area» unmittelbar am City Airport, dessen Piste im
Hintergrund zu sehen ist (Bilder: Oliver Pohlisch)
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Cranbrook Estate an der Roman Road im Borough Tower Hamlets, erbaut
1963/64 nach Plänen von Skinner, Bailey & Lubetkin, eine typische Sozialbausiedlung aus der Hochhaus-Euphorie der 1960er-Jahre
3
Londons East End gehört zu den ärmsten Gegenden Grossbritanniens.
Kleidermarkt auf der Bethnal Green Road im Borough Tower Hamlets
4
Viele Bewohner des East End stammen aus asiatischen Ländern.
Lebensmittelstände auf dem Watney Market an der Shadwell Station im
Borough Tower Hamlets
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Ein neues Publikum interessiert sich für das East End: Eröffnung einer
Boutique in der Brick Lane
5
die Alltagsbelange von den 33 Stadtbezirksverwaltungen geregelt wurden, die wichtigen Entscheidungen
über Londons Zukunft aber die britische Regierung
traf, den Eindruck: «London regiert sich wieder selbst».
1986 hatte Premierministerin Margaret Thatcher den
Greater London Council (GLC), den damals vom linken Labour-Flügel dominierten Londoner Magistrat,
kurzerhand abgeschafft, weil er sich ihren Angriffen auf
den Sozialstaat widersetzte. Der Name des GLC-Vorstehers lautete – Ken Livingstone.
An die politische Spitze der Stadt zurückgekehrt, besitzt
der «rote Ken», eingezwängt zwischen dem Zentralismus
von Westminster und den Ansprüchen von Stadtbezirken
mit bis zu 340 000 Einwohnern, bisher nur eingeschränkte
Macht. De facto unterstehen dem Mayor Polizei,
Feuerwehr, Teile des Strassennetzes sowie der Grossteil
des öffentlichen Verkehrssystems. Im Londoner Alltag
sind es jedoch weiterhin die 33 Boroughs, in denen sich
die Stadt für ihre Einwohner verkörpert. Sie haben ihre
eigenen Parlamente, die Councils, sind für Volksschulen,
Bibliotheken und die medizinische Grundversorgung
zuständig und verwalten den sozialen Wohnungsbau.
Auch die Council Tax, die von Thatcher eingeführte, je
nach Stadtteil unterschiedlich hohe Kopfsteuer, wird von
den Boroughs erhoben. Alex Bax, Senior Policy Advisor
von Ken Livingstone, behauptet, dass der Londoner Bürgermeister nur 10 % der Kompetenzen seiner Kollegen in
anderen europäischen Grossstädten besitze. Die seit 1997
in Grossbritannien regierende Labour-Partei hat sich trotz
ihres Bekenntnisses zur Dezentralisierung lange gescheut,
Befugnisse von der nationalen auf die regionale oder die
städtische Ebene zu übertragen. Im Zuge einer Überprüfung ihrer regionalpolitischen Ziele beabsichtigt sie jetzt,
Londons Rathaus mit mehr Entscheidungsgewalt auszustatten. Die wichtigste Änderung: In Zukunft kann der
Bürgermeister über das bislang national verwaltete, 850
Mio. Pfund schwere Budget für die Wohnbauförderung
in London verfügen. Für die Verbesserung der beruflichen
Ausbildung und Qualifikation der Arbeitskräfte soll demnächst ein von Livingstone geführtes Skills and Employment Board zuständig sein.
Die Vertreter der Boroughs kritisieren, dass die Neuausrichtung der kommunalen Zuständigkeiten die Autonomie der Bezirke beschneide. Denn bisher liegt auch
das Recht zur Ausschreibung und Genehmigung von
Bauprojekten in ihrer Hand. Der Bürgermeister kann
auf planerische Entscheidungen der Bezirke nur über
Leitbilder, Empfehlungen und Richtpläne einwirken.
Als stärkste Handhabe bleibt ihm die Möglichkeit,
Vorhaben zu stoppen, die der gesamtstädtischen Planungsstrategie zuwiderlaufen. Künftig soll der Mayor
aber Entwicklungsprojekte, die von stadtweiter Bedeutung sind, selbst in die Wege leiten können – auch über
Einsprüche der Bezirke hinweg. Livingstone hat jedoch
verlauten lassen, dass er diese Befugnis nur sparsam und
vor allem zum dringend nötigen Bau von erschwinglichem Wohnraum in Anspruch nehmen will.
Der «London Plan»
Die hinzugewonnene Entscheidungsgewalt ist die
Anerkennung Westminsters für Livingstones starke
Regierungsleistung während der letzten sechs Jahre.
So betreibt Londons Stadtoberhaupt mit beschränkten
Mitteln eine äusserst ambitionierte Stadtplanung, die er
2004 im «London Plan» bündelte. Dieser soll die künftige Entwicklung Londons in eine sozial, ökologisch und
ökonomisch nachhaltige Richtung lenken. Drei Jahre
dauerte die Arbeit an dem Planwerk, das sich 2006 in
der Vernehmlassung befindet. Den eigentlichen Anstoss
dazu gab das Gesetz zur Schaffung der Greater London
Authority (GLA). Es verpflichtete die Stadtregierung,
eine Strategie zur räumlichen Entwicklung Londons für
die nächsten 15 bis 20 Jahre zu entwerfen, die das Stückwerk aus bisher existierenden Plänen ersetzen soll.
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Wohnhäuser und umgenutzte Industriebauten am Hertford Union
Canal im Borough Tower Hamlets, im Hintergrund Cranbrook
Estate (vgl. Bild 2)
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Das 2006 eröffnete Westfield Student Village der Queen-MaryUniversität am Regent’s Canal in Tower Hamlets wurde von
Feilden Clegg Bradley entworfen
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Typische neue Developer-Architektur: ein Wohnblock am City Mill
River am Südrand des Olympiageländes
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Blick vom «Greenway», einem Fuss- und Veloweg, der durch die
Boroughs Hackney und Newham führt, auf Industriebauten am
Waterworks River südlich des Olympiageländes
Die GLA geht bei ihrer Planung von der Annahme aus,
der in der Globalisierung begründete Zentralisierungsdruck werde über die nächsten Dekaden anhalten. Sie
rechnet von 2003 bis 2016 mit einer Zunahme der Londoner Bevölkerung um 810 000 Einwohner. Um dieses
Wachstum aufzufangen, müssten pro Jahr rund 30 000
neue Wohnungen errichtet werden. Die Planer kalkulieren auch mit 636 000 neuen Jobs vor allem im Finanzund Firmendienstleistungssektor in der City und in den
Docklands sowie in der Freizeit-, Tourismus- und Kulturindustrie.
Livingstone problematisiert die Wachstumsprognosen
nicht. Im Gegenteil: Jeder Versuch, das Wachstum zu
bremsen und London die zum Erhalt seiner Wettbewerbsfähigkeit notwendigen Ressourcen zu verweigern,
würde, so sein Vorwort zum 2002 erschienenen ersten
Entwurf des London Plan, «die ökonomische Effizienz
der Stadt schwächen, die Lebensqualität der Londoner mindern und Londons Umwelt zerstören».2 Denn
aus Livingstones Sicht bietet der Zentralisierungsdruck
die Chance, den ökologisch bedenklichen Suburbanisierungstendenzen der vergangenen Jahrzehnte zu
begegnen. Keinesfalls sollen die neuen Wohnungen
und Arbeitsplätze den Green Belt, den nach 1945 um
London gelegten Grüngürtel, tangieren. Vielmehr soll
innerhalb des Green Belt zwischen schon vorhandenen
Bebauungen oder auf stillgelegten Industriearealen verdichtet werden, und zwar mit Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr.
Der London Plan weist die grössten dieser spezifischen
Lagen als «Opportunity Areas» aus. Sie sollten mindestens 5000 Jobs, 2500 Wohnungen oder eine Mischung
aus beidem beherbergen und mit Einkaufs-, Freizeitund Bildungseinrichtungen ausgestattet sein. Daneben
werden Gebiete, die unter einem hohen Mass an sozialer
Ausgrenzung und ökonomischem Niedergang leiden,
zu «Areas of Regeneration» erklärt. Planung soll hier mit
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City
Regeneration Areas
Subzentren
Parks
Opportunity Areas
Green Belt
Verdichtungsgebiete
Nachhaltiges Wachstum
Entwicklungskorridore
Channel Tunnel Rail Link
Crossrail
Subregionen / Boroughs
Vier Regierungsformen Londons
1888 –1964 London County Council (LCC): erste Londoner
Zentralbehörde
1965 –1985 Greater London Council (GLC): Reorganisation
Grossraum London zu 33 Bezirken (bis heute gültige Einteilung)
1986 –1999 London Planning Authority Committee: Rumpfbehörde nach Abschaffung von GLC (Aufteilung der Kompetenzen zwischen Nationalregierung und 33 Stadtbezirken)
seit 2000 Greater London Authority (GLA) unter Mayor Ken
Livingstone (erste Direktwahl eines Bürgermeisters in Londons
Geschichte)
Chronik
1944 Veröffentlichung des Greater London Plan im Hinblick auf
den Wiederaufbau, Verfasser Patrick Abercrombie im Auftrag
der Churchill-Regierung, Entscheid zur Gründung von 10 New
Towns in der Agglomeration
1947 Town and Country Planning Act der Atlee-Regierung: Stärkung der Planungshoheit von LCC, Eindämmung von Sonderprivilegien der City, Unterbindung von Grundstückspekulation
1951 Festival of Britain im Jubiläumsjahr der Weltausstellung
von 1851: Ankurbelung von Regeneration am deindustrialisierten Südufer der Themse (Southbank-Kulturzentrum) und von
Wohnungsbau im East End (Wohnbauausstellung Lansbury
Estate)
1956 – 1968 nationale Wohnungsbaupolitik: Subventionierung
von Wohnhochhäusern («tower flats», umfangreiche Flächensanierung und Wohnungsbauproduktion im East End
ab 1969 Umwandlung stillgelegter Hafenanlagen im East End,
Landverkauf finanziert neuen Containerhafen an der Themsemündung
1970 Baubeginn Thamesmead: letzte GLC-Grosssiedlung mit
60 000 Einwohnern
1973 erste Docklands-Planungen unter GLC
1976 Annahme Greater London Development Plan (Vorgänger
des aktuellen London Plan)
1981 Rückzug von GLC aus sozialem Wohnungsbau, schrittweise Übertragung des Bestands an Bezirke, Right to Buy (Privatisierung von 177 000 Einheiten in 10 Jahren)
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Flughäfen
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Das «Key Diagram» veranschaulicht die räumlichen Entwicklungsstrategien des London Plan: Wachstum innerhalb der Grenzen
Londons (Opportunity- und Regeneration-Areas), Schaffung einer
neuen Ost-West-Linie des öffentlichen Nahverkehrs (Crossrail), neue
Einführung des Channel Tunnel Rail Link (Eröffnung 2007), Transportverbindungen über Hauptentwicklungskorridore in die umliegenden
Flughafenregionen (Plan: Greater London Authority/Red.)
1981 Gründung London Docklands Development Corporation durch Thatcher-Regierung: marktwirtschaftlich orientierte
Regeneration von East-End-Hafenbrachen, GLC und Bezirk
Tower Hamlets verlieren Planungshoheit
1985 Local Government Act der Thatcher-Regierung:
Beschluss zur Abschaffung von GLC
1987 Eröffnung London City Airport und Docklands Light Railway (privat erstellte Hochbahn zur Verbindung des Regenerationsgebiets mit der City)
1988 Baubeginn Docklands-Finanzzentrum Canary Wharf,
Hauptmieter Credit Suisse First Boston
1994 Schaffung des Amts «Minister for London» im nationalen
Umweltministerium
1999 Greater London Authority Act der Blair-Regierung:
Beschluss zur Schaffung einer Londoner Zentralbehörde mit
Bürgermeister
2000 Wahl von Ken Livingstone zum Mayor of London
2001 Schaffung von Transport for London: Zuständigkeit für
U-Bahn, Busse, Strassen, ab 2006 S-Bahn auf Stadtgebiet
2003 Einführung der Congestion Charge (Strassenmaut im
Stadtzentrum, 2007 Verdoppelung nach Westen)
2004 Veröffentlichung London Plan, Wiederwahl von Ken
Livingstone
2005 (6. / 7. Juli) IOC-Entscheid für London als Austragungsort
der Olymischen Spiele 2012
2005 Attentate islamistischer Terroristen auf öffentlichen Verkehr in London mit 52 Todesopfern
2007 unterirdische Schnellverbindung zum Kanaltunnel, neuer
Eurostar-Terminal in London St. Pancras, Stratford International
als Zwischenstation im East End (Fahrzeit nach Brüssel: 1. 45 h)
Ring of Steel
Congestion Charge Zone seit 2002
Congestion Charge Zone ab 2007
Tarifzone 1 der U-Bahn
Brick Lane / Aldgate
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Moderne Stadtmauern: Verschiedene Zonengrenzen um die City
dehnen sich unterschiedlich weit nach Westen aus, gegen das traditionell arme East End hingegen fallen sie zusammen und bilden eine
Art moderne Stadtmauer: Ring of Steel (Absperrvorrichtung gegen
IRA-Anschläge), Congestion Charge Zone (Strassenmaut für Autos,
bisherig und ab 2007) und die U-Bahn-Tarifzone 1. Östlich dieser
«Mauer» liegen der im Text erwähnte Verkehrsknoten Aldgate und
die Brick Lane (Plan: TSL/Red.)
Lower Lea Valley:
Olympiagelände und geplantes
Finanzzentrum Stratford City
Redbridge
Hackney
Bahnverkehr in London
London war nie eine Metropole aus einem Guss, sondern in den
Worten des Schriftstellers Henry James «a tremendous chapter
of accidents». Stadträumliche Orientierung hängt hier weniger
von städtebaulichen Hierarchien als von individuellen Interessen ab. Im Unterschied zu Paris, Wien oder Berlin verfügt London über keine «eindeutige» Beziehung zwischen Zentrum und
Peripherie. Nach einem übergeordneten Strukturprinzip wurde
jedoch in der Moderne gesucht: Im Hinblick auf den Wiederaufbau nach Kriegsende erfand der Greater London Plan von 1944
eher willkürlich eine konzentrische Struktur für den Londoner
Grossraum. Immerhin erhielt der zweitäusserste von vier Ringen eine Bestätigung, als dort die Ringautobahn M25 gebaut
wurde. Dass London heute als Stadt mit Kern und Rand wahrgenommen wird, hängt vor allem mit dem in den 1970er-Jahren
eingeführten Tarifsystem des öffentlichen Verkehrs zusammen.
So berechnet London Underground die Fahrpreise nicht nach
zurückgelegter Distanz, sondern nach starren Tarifzonen. Diese
legen sich als Ringe um das Herz von Greater London. Angesichts der horrenden Tarife kann sich ein Leben innerhalb oder
ausserhalb von «Zone 1» auf das persönliche Budget ähnlich
auswirken wie der Steuerfuss einer Schweizer Gemeinde.
Eher von infrastrukturellen als von stadtmorphologischen Ordnungen diktiert, erscheint die Modellierung des Grossraums
London manchmal beinah japanisch. Ihre «Abstraktheit» ist Ausdruck schierer Grösse und Komplexität, aber auch die Folge
einer britischen Tradition: Stets stand die Hauptstadt Machtdemonstrationen einzelner Akteure in Gestalt von städtebaulichen Inszenierungen skeptisch gegenüber. In diesem Vakuum
wird Städtebau über Verkehrssysteme betrieben, seit Mitte des
19. Jahrhunderts private Unternehmer die Grundlagen zu «London Underground» legten. Weil diese den Ausbau des Netzes
zum wohlhabenden Westen und Norden forcierten, bekamen
der Osten und der Süden erst mit grosser Verspätung U-BahnAnschluss.
Eine leistungsfähige und moderne Verkehrsinfrastruktur erhielt
das East End erst im Zug der Docklands-Planungen. Als frühe
Formen von Public-Private-Partnerships sind die Docklands
Tower
Hamlets
Havering
Subrgion
Newham
Barking
Greenwich
Bexley
East
Lewisham
Finanzzentrum
Docklands
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Neun Boroughs im Londoner Osten gehören zur Planung-Subregion East. Am Lea River zwischen Tower Hamlets und Newham
liegt das Olympiagelände, hier soll mit Stratford City auch ein
drittes Finanzzentrum entstehen (Plan: Red.)
Light Railway (DLR) und die Jubilee Line Beiprodukte von
Thatchers privatisierter Stadtentwicklung. Sie waren als reine
Direktverbindungen zwischen dem Dienstleistungszentrum
Canary Wharf und dem Westen vorgesehen, konnten aber nach
langen Verhandlungen zu Verteilern für das East End aufgewertet werden. Über die Docklands hinaus verlängert, bilden DLR
und Jubilee Line nun das künftige Rückgrat für den Ausbau
Stratfords zum metropolitanen Geschäftszentrum. Die weitere
Erschliessung des Londoner Ostens beabsichtigt auch das seit
kurzem aufliegende Crossrail-Projekt: Eine neue S-Bahn-Durchmesserlinie soll die U-Bahn entlasten und im Grossraum London eine grössere Mobilität in ost-westlicher Richtung ermöglichen. Dazu ist ein leistungsfähiger Innenstadttunnel mit vielen
neuen Haltestellen bis hinaus zum Flughafen Heathrow vorgesehen. Allerdings bestehen erhebliche finanzielle und politische
Unwägbarkeiten auf dem Weg zur Realisierung des Vorhabens,
das ausserhalb von Livingstones Einflussbereich auf nationaler
Ebene verhandelt wird. Umstritten ist Crossrail gerade auch im
East End, würde doch seine Sogwirkung den wirtschaftlichen
Druck auf Viertel wie Brick Lane weiter steigern.
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Östlich des Olympiageländes scheint sich das East End endlos
auszudehnen. Blick vom Infopavillon auf dem Hochhaus Holden
Point am Ostrand des Olympiageländes über den Stadtteil Stratford
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Nach Westen geht der Blick vom Hochhaus Holden Point Richtung
City und fällt auf das künftige Olympiagelände im Lower Lea
Valley mit dem neuen Bahnhof Stratford International des Channel
Tunnel Rail Link
gesundheits-, sicherheits-, bildungs-, arbeits- und wohnungspolitischen Programmen verzahnt werden, um die
durch den Wohnort bedingten Benachteiligungen der
Bevölkerung dieser Quartiere innerhalb der nächsten
zehn bis zwanzig Jahre zu beseitigen.3
Diese strategischen Vorgaben mit ihren stadtweiten
Effekten erfordern die koordinierte Anstrengung der
33 Boroughs. Deren Entwicklungspläne müssen den
neuen gesetzlichen Grundlagen der GLA zufolge eine
«generelle Konformität zum Gesamtplan» aufweisen.
Um die Zusammenarbeit zu forcieren, teilt der London
Plan die Stadt in die fünf Subregionen West-, North-,
Central-, South- und East-London ein, für die es konkretere Planungsrahmen zu erarbeiten gilt.
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Den Osten regenerieren
Ein solcher Planungsrahmen liegt für den Londoner Osten
seit Mai 2005 vor. Die Stadtregierung weist der Entwicklung dieser Subregion oberste Priorität zu, denn ihr haftet
nach wie vor der Ruf an, die «schmutzige Seite» der Stadt
zu sein, obwohl der Hafen, die Werften und der überwiegende Teil der Fabrikation, die den Osten über Jahrhunderte zum wirtschaftlichen Motor Londons gemacht
hatten, spätestens Ende der 1970er-Jahre stillgelegt wurden (Bild 12). Nach 1980 entstanden in den Docklands,
dem von der Thatcher-Regierung angeschobenen Stadtentwicklungsprojekt, zwar 17 000 neue Arbeitsplätze im
Dienstleistungssektor. Doch der Bezirk Tower Hamlets,
in dem die Docklands liegen, gehört wie Hackney und
Newham weiterhin zu den zehn ärmsten Verwaltungseinheiten Englands. Die drei Boroughs weisen mit bis zu
16 % die höchsten Arbeitslosenzahlen des Landes auf.
Nirgendwo sonst in London leben so viele Menschen
in derart vernachlässigten Sozialbausiedlungen – eine
Folge des ebenfalls unter Thatcher vollzogenen Rückzugs
des Staates aus der Verantwortung für ihren Unterhalt
(vgl. Kasten Das gentrifizierte Hochhaus, S. 16). Deshalb
identifiziert der London Plan weite Teile der drei Bezirke
als «Areas of Regeneration».
In deren unmittelbarer Nachbarschaft befinden sich
aber auch die meisten der «Opportunity Areas», die
der London Plan für den Osten markiert, wie etwa das
Gelände der Olympischen Spiele 2012. Nicht zuletzt
die erklärte Absicht der Stadtregierung, die Ausrichtung
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der Spiele als aktives Instrument zur Aufwertung des
vernachlässigten East End einzusetzen, überzeugte das
IOC von Londons Bewerbung, weshalb die Stadt überraschend den Zuschlag vor der Favoritin Paris bekam.
Wenige Kilometer östlich von Brick Lane entstehen nun
innerhalb von sechs Jahren im ehemals stark industrialisierten Lower Lea Valley ein neues Olympiastadion und
Wettkampfarenen für Schwimmen, Hockey, Basketball,
Handball und Radsport (vgl. Kasten Die Olympischen
Spiele 2012, S. 17 ).
Die Kandidatur Londons war auch deshalb erfolgreich,
weil die Sportstättenplanung sich auf schon fast fertig
gestellte Verbesserungen des öffentlichen Transportsystems
gründen kann. So wird 2007 mitten auf dem zukünftigen
Olympiagelände der Bahnhof Stratford International
eröffnet, eine Haltestelle auf dem Channel Tunnel Link für
die Züge vom Kontinent, der dann weiter bis in den erneuerten Bahnhof St. Pancras am nördlichen Innenstadtrand
führt. Von St. Pancras soll 2012 die unterirdische ShuttleVerbindung Zehntausende Olympiabesucher in nur sieben
Minuten ins Lower Lea Valley befördern.
Südöstlich von Stratford International und des Olympiageländes entsteht ein komplett neues Büro- und
Geschäftsviertel, das nach der City und den Docklands als dritter Londoner Standort für global agierende Finanz- und Firmendienstleistungen vorgesehen ist.
Hier sollen 30 000 der rund 213 000 Jobs angesiedelt
werden, für die in den «Opportunity Areas» des Ostens
laut London Plan Kapazität besteht.4
Planung als Symbolpolitik
Die Greater London Authority versucht mit Hilfe des
London Plan der zunehmenden sozialräumlichen Polarisierung der Stadt entgegenzutreten, die nach 1980 im
Gefolge von Deregulierung und dem Aufstieg Londons
zur prosperierenden Global City einsetzte. Der Banken- und Firmendienstleistungssektor der Stadt erwirtschaftet heute rund ein Fünftel des britischen Bruttosozialprodukts. Doch dem Londoner Stadtforscher und
Planer Michael Edwards zufolge wirkte das metropolitane Wachstum der vergangenen zwei Jahrzehnte ebenso als Armuts- wie als Wohlstandsmaschine. Statistiken
legen die Schattenseiten der Entwicklung rasch frei: So
leben über 40 % der Kinder Londons in Armut, um nur
ein Beispiel zu nennen.5
Livingstone will von nun an ökonomisches Wachstum
nachhaltig gestalten und alle Bewohner daran teilhaben
lassen. Diese Zielsetzung lässt sich heute nicht mehr mit
flächendeckenden und starren Konzepten und noch
viel weniger mit in Architektur und Städtebau verfestigten Bildern einer Stadt oder Region verfolgen. Planung als Antwort auf die Effekte der Globalisierung und
vergangener Privatisierungspolitiken erfordert vor allem
Moderation, Vertrauensbildung und Kommunikation –
erst recht in London, wo nationalstaatliche Ministerien und Behören, die Verwaltungen der 33 Boroughs,
Nichtregierungsorganisationen und Nachbarschaftsinitiativen und natürlich auch die Privatwirtschaft im
Planungsprozess mitreden. Livingstone versucht mit seitec 21 40/2006
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Planerischer Aufbruch 1944: Ein Stadtplaner wischt über den
rauchenden Trümmern Londons zerstörte Stadtteile aus und
schafft Platz für den «Green Belt» um die Stadt herum (Zeichnung
aus: C. B. Purdom: How should we rebuild London? London, 1945)
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Greater London Plan 1944
Livingstones London Plan lässt Erinnerungen an den Greater
London Plan wach werden – einen Meilenstein der Planungsgeschichte. Seine Verfasser, Patrick Abercrombie und John Henry
Forshaw, legten 1944 im Auftrag der Churchill-Regierung ein
Wiederaufbaukonzept für die massiv durch deutsche Bomben
geschädigte Hauptstadt vor. Dabei erachteten sie die Zerstörungen als Chance zu einer grundlegenden Neuorganisation des
Londoner Grossraums. Kernstück bildete ein Konzept von vier
konzentrischen Ringen, deren entscheidender der Green Belt
war. Dieser in einem Umkreis von 25 bis 35 Meilen um die City
gelegte Landschaftsgürtel trennte die Stadt und den ersten Vorortering markant vom Umland ab. So sollte die seit Jahrzehnten
anhaltende wirtschaftliche und demografische Sogwirkung der
Hauptstadt gebrochen werden. Ausserhalb dieses Gürtels sah
der Plan autarke Städte von bescheidener Grösse vor, wie sie
dann nach 1947 mit den «New Towns» realisiert wurden.
Im Greater London Plan konkretisierte sich das an der Kleinstadt orientierte Stadtideal der britischen Planer jener Zeit, das
auch Abercrombies Reorganisationsvorschläge für die inneren
Zonen anleitete. Zugleich war der Plan Ausdruck eines sich seit
der Jahrhundertwende verfestigenden planerischen Denkens,
wonach gesellschaftliche Probleme wie die Dominanz Londons,
die anhaltend prekären Lebensverhältnisse in der Stadt und die
Strukturkrisen in Nord- und Mittelengland durch Raumpolitik
zu lösen waren. Der Greater London Plan beabsichtigte eine
regionale Umverteilung von Zehntausenden von Arbeitsplätzen
und Wohnungen für über eine Million Menschen. Unter Planung
verstand man damals massive bauliche Eingriffe: Abercrombie
und sein Team entwarfen das städtische Leben auf dem Reissbrett, formulierten «Neighbourhoods» als ideale, überschaubare
Wohneinheiten, definierten maximale bauliche Dichten, verteilten Quartiere und Stadtteile und konzipierten dafür neue Zentren mit allen notwendigen Einrichtungen.
Diese Form von Planung prägte die britische Politik bis Mitte der
1970er-Jahre. Doch bereits seit den 1960er-Jahren mehrten sich
in den grossen Sozialbausiedlungen in London oder Liverpool die
Zeichen dafür, dass es unmöglich war, gesellschaftliche Entwicklungen allein mit physischer Planung langfristig positiv zu beeinflussen. Erfolglos waren auch die Bemühungen, die New Towns
als neue Wachstumskerne in Krisenregionen zu etablieren.
Der Greater London Plan fokussierte auf die Anforderungen der
traditionellen britischen Industriegesellschaft und schuf dafür
ein prägnantes räumliches Bild. Als gesellschaftliches Entwicklungsszenario hatte er aber für Probleme der Nachkriegszeit wie
Massenmotorisierung oder Deindustrialisierung keine Antworten parat. Nach 1970 wurde seine Logik der technokratischen
Bearbeitung und Standardisierung örtlicher Belange von lokalen Protestbewegungen in Frage gestellt. Die Konservativen
warfen schliesslich den Stadtplanern vor, jede unternehmerische Initiative im Keim zu ersticken. In ihrer zweiten Amtszeit
entmachtete Thatcher den Greater London Council und riss planerische Kompetenzen an sich. Die Umrüstung Londons in eine
Schaltzentrale globalisierter Kapitalströme geschah nun mittels
Entscheidungen hinter verschlossenen Türen, privaten Sonderwirtschaftszonen und Public-Private-Partnership-Projekten.
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Das gentrifizierte Hochhaus
Mit seinen exorbitanten Wohnpreisen steht London heute bei
den Lebenskosten an der Weltspitze. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Nach Jahrzehnten des Bevölkerungsrückgangs
begann 1984 die Einwohnerzahl von Greater London wieder
zu wachsen. Zugleich befand sich damals der Staat auf dem
Rückzug aus der Wohnungsbauförderung. Mietern wurde der
Kauf ihrer Sozialwohnung ermöglicht, was den Wohnungsbesitz in öffentlicher Hand in zehn Jahren um beinah 200 000
Einheiten reduzierte. Das Wohnen wurde vom Kräftespiel des
freien Marktes erst richtig erfasst, als sich im folgenden Jahrzehnt die Konjunktur erholte und die Zuwanderung zunahm,
seit 2004 auch aus den neuen EU-Ländern in Osteuropa. Im
East End spürt man diese gesteigerte Nachfrage lange vor
den Aufwertungsmassnahmen, die im Zusammenhang mit
den Olympischen Spielen von 2012 zu erwarten sind. Bereits
heute reagieren Immobilienfirmen mit spektakulären Instandsetzungen, so etwa in Whitechapel hinter der East London
Mosque. Dort wird das ehemalige Männerwohnheim Tower
House zu Lofts umgebaut. In dieser denkmalgeschützten viktorianischen Trutzburg logierte einst Stalin, als er, wie viele andere Russen, nach der fehlgeschlagenen Revolution von 1905 im
East End unterkam.
Denkmalgeschützt ist auch das Keeling House in Bethnal Green
(Bild 17). Das 1959 nach Plänen von Denys Lasdun errichtete
Wohnhochhaus gehört zu den wenigen innovativen Beispielen
der Baugattung «Tower Flats», die damals dank staatlichen
Zuschüssen im ganzen Land starke Verbreitung fand. Keeling House war der Versuch, Eigenschaften der lokalen Reihenhausviertel in ein skulptural moduliertes System vertikaler
«Nachbarschaften» zu übertragen. Dazu stapelte Lasdun 64
Duplexwohnungen an Laubengängen kleeblattförmig um einen
offenen Erschliessungskern. Dieses von strukturalistischen
Theorien inspirierte Cluster-Prinzip vermochte dennoch nicht
den Herausforderungen standzuhalten, mit denen die britische
Wohnungsbaupolitik in den folgenden Jahrzehnten konfrontiert
war. Die Schwierigkeiten im Viertel, die sozialen Probleme der
Mieterschaft, unzureichender Unterhalt und zunehmender Vandalismus in den öffentlich zugänglichen Bereichen des Gebäudes liessen Lasduns Turmexperiment schliesslich scheitern.
Ohne den Eingriff des Denkmalschutzes wäre das Keeling
House 1993 gesprengt worden. Von einem Developer grundlegend saniert und umgebaut, erscheint es heute wie ein DesignFetisch aus dem Lifestyle-Magazin «Wallpaper». Den Sockel
umgeben nun ein Gitter und ein japanisierender Teich mit schicker Beleuchtung; in der neu zugefügten Eingangshalle sitzt ein
Portier. Eine mehrheitlich in der City tätige Bewohnerschaft ist
bereit, für eine Zweizimmerwohnung über dem harten Pflaster
von Bethnal Green 700 000 Franken zu bezahlen.
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Masterplan für das Olympiagelände im Lower Lea Valley. Blau:
Spielstätten und olympisches Dorf, rosa/orange: Dienstbereiche,
gelb: Medien, dunkelgrau: Parking, rot: Security, hellgrau: neues
Geschäftszentrum Stratford City beim neuen Bahnhof Stratford
International (Plan: EDAW)
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Das 1959 von Denys Lasdun erbaute Keeling House an der
Claredale Street/Temple Street im Stadtteil Bethnal Green. Das
Architektur-Experiment für den sozialen Wohnungsbau beherbergt
heute teure Eigentumswohnungen
Die Olympischen Spiele 2012
Die Queen stand schon hier oben, um sich ein Bild von der
Zukunft des East End zu machen: Der Blick von der Kabine
auf dem Dach des Holden Point, einem 21-stöckigen Altersheim im Bezirk Newham, fällt gegen Westen auf eine planierte
Brache, die vom Channel Tunnel Rail Link durchschnitten wird
(Bild 14). Dahinter erstreckt sich ein Wirrwarr aus Fabrikruinen,
kleinen Werkstätten, Schrottplätzen, Busdepots, Wiesen und
Gestrüpp entlang des River Lea. In sechs Jahren finden auf
dem rund 438 ha grossen Areal die Olympischen Spiele statt.
86 % der Fläche befinden sich schon im Besitz der Organisatoren, und diese hoffen, dass bis Ende Dezember eine Einigung mit den rund 100 Betrieben erzielt sein wird, die sich der
Räumungsanordnung noch widersetzen. 2007 soll der Bau der
Sportstätten beginnen.
Politiker und Planer versprechen sich von dem Mega-Event,
dass es die verarmten Stadtteile des Ostens in eine blühende
Landschaft verwandelt, und verweisen dabei auf Barcelona, das
die Ausrichtung der Olympiade 1992 mit einer allseits als gelungen betrachteten Stadterneuerung verband. Stets wird betont:
Für den Erfolg der Londoner Spiele sei entscheidend, was nach
ihrem Ende für die Bewohner in der Nachbarschaft übrig bleibt.
Schon jetzt ist der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs östlich der City sichtbar, in den bis 2012 7 Mrd. Pfund investiert
werden. Um die Lebensqualität im East End zu steigern, wird
das Olympiagelände nach dem Ereignis zum grössten Stadtpark umfunktioniert, der in Europa in den letzten 150 Jahren entstanden ist. Das olympische Dorf soll dann 4000 Wohnungen
bieten; weitere 35 000 Wohnungen sollen später hinzukommen, die Hälfte für Haushalte mit geringem Einkommen. Kritiker
befürchten jedoch, dass es schon vorher zu einer Verdrängung
einkommensschwacher Bevölkerungsteile kommen wird. Kurz
nachdem London den Zuschlag für die Spiele erhalten hatte,
zogen in Newham die Immobilienpreise massiv an.
Für die Vergabe einzelner Bauprojekte an Architekten werden
keine Wettbewerbe durchgeführt. Einzig für das Schwimmstadion ist aus mehreren Entwürfen jener von Zaha Hadid ausgewählt worden. Der Olympiapark wird vom EDAW-Konsortium in
Zusammenarbeit mit Arup und Atkins gestaltet, das schon den
Masterplan für die Bewerbung entworfen hat (Bild 16). Unklar
ist noch, wer das neue Olympiastadion baut. Es soll 80 000
Zuschauer fassen, nach den Spielen auf 25 000 Plätze reduziert werden und als Leichtathletikarena dienen.
Die Kosten für die Spiele werden derzeit auf 3.5 Mrd. Pfund
geschätzt. Neben Geldern von privaten Sponsoren werden
Mittel aus der staatlichen Lotterie fliessen. Zudem zahlt jeder
Londoner Haushalt bis 2012 eine jährliche Olympiasteuer von
20 Pfund.
Für Unmut sorgt bei vielen Bürgern, dass sie Olympia wegen
steigender Lohnkosten im Bausektor und verstärkter Sicherheitsmassnahmen noch teurer zu stehen kommen könnte.
Bereits rechnet die Bauindustrie mit 400 statt wie ursprünglich mit 280 Mio. Pfund für das Stadion. Alle Mehrkosten muss
die Stadt übernehmen. Dieser Tage wird entschieden, welches
Unternehmen die Aufsicht über den Bau des Olympiageländes
führen soll.
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Der Amtssitz von Ken Livingstone und der Greater London
Assembly: Die 2002 von Norman Foster erbaute City Hall ist in
ihren Massen zwar bescheiden, aber sie steht selbstbewusst am
Themseufer gegenüber dem Tower of London. Programmatisch ist
der Ratssaal an die Aussenwand gerückt, verglast und von aussen
einsehbar
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Stadtlandschaft im Wandel: die Clays Lane, eine Strasse auf dem
zukünftigen Olympiagelände
ner für die kommunale Politik ungewöhnlich gut geölten PR-Maschinerie und Schlagwörtern wie «accessible
city», «inclusive city» oder «examplary sustainable world
city» die Hoheit über den Planungsdiskurs zu erlangen.
Dabei wendet er auch geschickt die Taktik der Personalisierung und Symbolisierung an. So realisierte Norman Forster 2002 Livingstones Amtssitz an der Themse
gegenüber dem Tower of London als futuristisch transparentes Objekt, das zugleich Zukunftsorientierung und
Verschlankung der Bürokratie demonstrieren soll. Ein
weiterer Etablierter der britischen Architekturszene, Sir
Richard Rogers, ist Chef der Architecture and Urbanism
Unit des Rathauses. Diese übernimmt die Funktion
einer Ratgeberin für «good urban design» und hat jüngst
eine Richtschnur für Behörden zur Durchführung von –
bisher praktisch unbekannten – Architektur- und
Städtebauwettbewerben formuliert.
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Livingstones Planwerk: offene Fragen
Es entbehrt nicht der Ironie, dass die Kritik an Livingstones Entwicklungsstrategie sich ausgerechnet daran
entzündet, dass diese das Prunkstück der Londoner Planungsgeschichte, den Green Belt, für sakrosankt erklärt.
Generationen europäischer Planer haben ihre britischen
Kollegen um das Amalgam von Siedlungstrenngürtel,
Erholungsraum und Agrarfläche beneidet. Heute sind
es gerade die älteren britischen Planer wie Sir Peter Hall,
Michael Edwards oder Drummond Robson, die den
Green Belt als mittlerweile sinnentleertes Relikt einer
längst vergangenen Ära taxieren. Für sie steht seine
Unantastbarkeit besseren Lösungen im Weg. Diese
Sichtweise wird leicht nachvollziehbar, betrachtet man
die Entwicklung der durchschnittlichen Reisezeit zum
Arbeitsplatz in der Metropolregion. Zwischen 1991 und
2001 haben die Pendeldistanzen – durchaus im Einklang
mit dem europaweiten Trend – erheblich zugenommen,
und zwar gerade in den Distrikten, die am weitesten
von der Londoner City entfernt sind. Mit anderen Worten: Der Green Belt hat die Sogwirkung des Zentrums
nicht unterbinden können. Vielmehr hat er, weil er viel
potenzielles Siedlungsgebiet besetzt, zu einer beträchtlichen Verteuerung der Immobilien geführt.
Mit der Erhaltung des Green Belt vergibt der heutige
London Plan nach Ansicht seiner Kritiker die Chance, die monozentristische Tendenz des jüngsten Entwicklungsschubs aufzubrechen. Alternative Wege zu
beschreiten hiesse aber, den Fokus auf die Stadt aufzu-
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geben und ein grossräumiges Vorgehen anzustreben,
wie dies 1944 der Greater London Plan tat (vgl. Kasten
S. 16). Vorschläge dieser Art liegen vor, so das OrbinetKonzept, das mehrere Verkehrsknoten in den äusseren
Stadtteilen effizient miteinander zu verbinden sucht.
Damit liesse sich nicht nur das Zentrum entlasten, sondern die Planer könnten sich direkt der Aufgabe stellen, an welcher sich nach Ansicht vieler Experten die
Zukunft Londons entscheiden wird: der Entwicklung
der Suburbs, in denen heute der grösste Teil der Londoner Bevölkerung zuhause ist.6
Livingstones London Plan, meinen seine Kritiker, weiche
dieser Herausforderung aus. Stattdessen entfache er eine
unerquickliche Debatte über die Verdichtung der City
mit weiteren, diesmal jedoch ökologisch korrekten Hochhaus-Ikonen. Livingstones Politik vertraue auf eine Fortsetzung des ökonomischen Booms und treffe keine Vorkehrungen für den Fall, dass die Wachstumsmotoren der
Londoner Entwicklung ins Stottern kommen sollten.
Kooperationen innerhalb begrenzter Spielräume
Livingstone untersteht ein Gebiet, dessen Einwohnerzahl jene der Schweiz übertrifft. Doch anders als die
Eidgenossenschaft hat London innerhalb eines knappen halben Jahrhunderts vier unterschiedliche Regierungsformen erfahren (vgl. Chonik S. 12). Politische
und wirtschaftliche Umbrüche haben aus London
einen fragmentierten Raum gemacht, in dem sich die
Machtsphären lokaler, regionaler und nationaler Insti-
tutionen überschneiden, blockieren und teilweise wieder auflösen. In diesem Gebilde fehlt es dem Mayor an
Macht, um direkt auf die Triebkräfte der Stadtentwicklung einzuwirken, wie dies seinen Vorgängern nach 1945
z. B. über Investitionslenkungen und grossflächigen sozialen Wohnungsbau möglich war. In den sechs Jahren
seiner Amtszeit hat Livingstone jedoch demonstrieren
können, dass die wichtigsten Mittel der Planung längst
nicht mehr das Reissbrett und die grossen Entwürfe
sind, sondern mediale Präsenz und ein moderierender
Regierungsstil, der die unterschiedlichsten Akteure in
Entscheidungsprozesse einbindet. So lassen sich trotz
des beschränkten Handlungsspielraums Dinge in Bewegung setzen. Beispielsweise schafft der London Plan
eine stadträumliche Wahrnehmung über die Grenzen
der Boroughs hinweg und befördert so die Einsicht in
die gegenseitige Abhängigkeit und neue Formen der
Kooperation. Oder er legt Orientierungslinien für Standards im Wohnungsbau fest und präsentiert in den von
Richard Rogers orchestrierten Arbeiten Typologien
höherer Dichte.
Der London Plan ist voll von Absichtserklärungen zu
allen zentralen Belangen der Londoner Stadtwirklichkeit.
Doch die Umsetzung, insbesondere von Livingstones
sozialpolitischen Zielen, hängt wesentlich davon ab,
inwieweit es der Greater London Authority gelingt, stabile
Kompromisse zu etablieren zwischen den stark divergierenden Interessen der Privatwirtschaft und einer breiten,
auf staatliche Unterstützung angewiesenen Bevölkerung.
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«The Conference of the Birds», angetroffen mitten im Planungsgebiet im East End: Kinder von Hackney haben mit einer Künstlerin
Vogel-Skulpturen gebaut, die eine Stadtplanungskonferenz
abhalten
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Ein letzter Blick auf das East End macht den Balanceakt deutlich, den die GLA vollführen will. Ohne eigene
Ressourcen ist die Stadt auf Developer angewiesen, um
den Raum östlich von Aldgate baulich weiterzuentwickeln. Doch mit ihren auf grösstmögliche Rendite ausgerichteten Inszenierungen einer exklusiven Urbanität
waren Developer in der Vergangenheit treibende Kräfte
bei der Verdrängung ärmerer Bevölkerungsgruppen. Die
Frage stellt sich, ob der Bau des Olympiageländes im
Lower Lea Valley oder des neuen Geschäftsviertels in
Stratford dieses Muster durchbrechen kann. Es bleibt
abzuwarten, ob es dem Bürgermeister mit der erweiterten Planungsbefugnis und seiner neu gewonnenen
Zuständigkeit über die Wohnungsbauförderung gelingt,
der sozialräumlichen Polarisierung Einhalt zu gebieten.
Mit der Verkehrspolitik hält Livingstone jedoch einen
Trumpf in der Hand, den er jetzt schon im Sinne der
sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit der Stadtentwicklung einzusetzen versucht. Die Eindämmung
der allgegenwärtigen Staus mit Hilfe der Congestion
Charge, der Ausbau des öffentlichen Verkehrs und erste
Tarifermässigungen haben der Stadt schon jetzt eine
neue Prägung verliehen. Die Massnahmen zielen nicht
zuletzt darauf ab, den Lebens- und Arbeitsalltag der
Londoner mit geringerem Einkommen zu erleichtern.
Ihr Erfolg und ihre Popularität könnten für jenen Rück-
halt in der Bevölkerung sorgen, den die Stadtregierung
braucht, um die ambitionierten Ziele des London Plan
zu erreichen. Angesichts der vielschichtigen Machtfelder
und Interessenlagen, die in der Global City aufeinanderstossen, ist Planung hier ein Moderieren instabiler
Koalitionen in einem unberechenbaren Kräftespiel.
André Bideau, Arch. ETH, Architekturtheoretiker, Kritiker und Dozent, Zürich, [email protected]
Angelus Eisinger, Städtebau- und Planungshistoriker, Prof. für Städtebau und Raumentwicklung
an der Hochschule Liechtenstein, PD ETH Zürich,
Zürich, [email protected]
Oliver Pohlisch, Journalist, Kulturwissenschaftler
und Fotograf, Berlin, [email protected]
Anmerkungen
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Sharon Zukin: Landscapes of power – from Detroit to
Disney World. Berkeley 1991, S. 28 f.
Greater London Authority: The draft London Plan. Juni
2000, S. xi/xii.
Greater London Authority: The London Plan. Februar
2004, S. 37 ff.
Greater London Authority: Draft Sub Regional Development Framework East London, Mai 2005.
Greater London Authority: The London Plan: A Summary, Februar 2004, S. 9.
London Orbinet Proposal, in: Planning in London, The
Journal of the Planning & Development Forum. Issue 57,
April–Juni 2006, S. 25.
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