Reader Reportage - Reporter

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Reader Reportage - Reporter
Deutscher Reporterpreis 2012
Kategorie
„Die beste
Reportage“
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1)
Ahr, Nadine, Gottes Mühlen
S.
5
2)
Barth, Rüdiger, Ein ganzes Leben
S.
23
3)
Bauer, Wolfgang, Auf Leben und Tod
S.
37
4)
Bauer, Wolfgang, Der Tod kommt von oben
S.
57
5)
Gorkow, Alexander, USA, 20:56 Uhr
S.
71
6)
Hanig, Florian, Eine andere Frau trägt unser Kind aus
S.
87
7)
Himmelreich, Laura, Eine Reise ohne Wiederkehr
S.
107
8)
Koch, Erwin, Sarah
S.
117
9)
Kowitz, Dorit, Des Menschen Wolf
S.
151
10
Laarz, Diana, Die sibirische Schönheit
S
169
11) Maus, Stephan, Der Turmbau zu Hamburg
S.
181
12) Mingels, Guido/Würger, Takis, Ein Opfer, ein Held
S.
195
13) Moreno, Juan, Mein fremdes Land
S
207
14) Repinski, Gordon, Der Fall Irons
S
221
15) Rokahr, Lisa, Mein Bauch gehört Dir
S.
231
16) Scheidt, Paula, Das dunkle Tal seiner Kindheit
S.
241
17) Schlieter, Kai, Fuffzig voll
S.
251
18) Willeke, Stefan, „Mich kann keiner doubeln“
S.
265
19) Würger, Takis, Das verlorene Bataillon
S.
283
20) Yang, Xifan, Elterntage
S.
301
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Gottes Mühlen
Der Landwirt Josef K. bringt seine schwangere Geliebte Lolita um und verscharrt
sie auf einer Müllkippe. Fast dreißig Jahre lang lebt er unbehelligt. Dann redet einer.
Eine Geschichte von Recht und Gerechtigkeit
Nadine Ahr, Die Zeit; 28.06.2012
Das Urteil ist gesprochen, und Josef K. ist auf der Flucht. Durch den
Hinterausgang verlässt er das Landgerichtsgebäude. Seine Anwälte bugsieren ihn in
ein Auto. Josef K. liegt auf der Rückbank, das Jackett seines Verteidigers über dem
Gesicht. Zu einer Autobahnraststätte wollen seine Anwälte ihn fahren, dort wird sein
Bruder ihn übernehmen. Der wird ihn fortbringen. Raus aus Trier, raus aus der Eifel,
raus aus Deutschland. Josef K. ist freigesprochen, obwohl er einen Menschen getötet
hat. Die Tat ist unbestritten, nur – der Mordvorwurf ließ sich nicht erhärten, und
Totschlag ist verjährt. Jetzt muss K. untertauchen.
Nach Hause kann er nicht mehr. Aufhängen sollte man ihn, sagen sie dort. Die
Dorfbewohner aus jenem Örtchen, in dem er bisher lebte und in dem er jeden mit
Namen kennt. Ein-, zweimal die Stunde fährt die Polizei langsam an seinem
Bauernhof vorbei, um mögliche Übergriffe zu verhindern. Manchmal bewegt sich
hinter der Gardine im Küchenfenster eine schmale Gestalt. Es ist K.s Mutter, eine Frau
von mehr als 90 Jahren. Sie sitzt da und wartet. Auf ihren Sohn, der neun Monate lang
in Untersuchungshaft saß. Für eine Tat, die er vor langer Zeit begangen hat und für die
er jetzt zur Rechenschaft gezogen worden ist. Gottes Mühlen mahlen langsam, aber
stetig, sagt der Volksmund. Um Josef K. zu zermalmen, brauchten sie dreißig Jahre.
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Es war der Abend des 24. August 2011, an dem die Gerechtigkeit über Josef K.
kam. Wolfgang Schu, Kriminalhauptkommissar aus Trier, steht im Fernsehstudio, in
dem die Sendung Aktenzeichen XY … ungelöst produziert wird. Soeben ist der
Einspieler abgelaufen. Ein kurzer Film, der in wenigen Minuten zusammenfasst,
welches Verbrechen aufgeklärt werden soll. Der Kurzfilm, der Schus Fall skizziert, ist
untypisch für die Sendung. Statt eines Verbrechens sieht der Zuschauer einen
nachgestellten Film über ein junges Paar, das unglücklich verliebt ist. Eine
Liebesgeschichte, so alt wie die Menschheit: Reicher Bauernsohn verliebt sich in
armes Mädchen aus dem Nachbardorf. Der Vater des jungen Mannes ist gegen die
Verbindung. Das Mädchen, Lolita Brieger, damals 18 Jahre alt, wird schwanger.
Deshalb gibt es Streit zwischen ihr und dem Bauernsohn, der hin- und hergerissen ist
zwischen seiner Liebe und seinem Elternhaus. Plötzlich verschwindet die junge Frau.
Sie sei auf dem Weg zu ihrem Freund gewesen, sagt der Sprecher aus dem Off, und im
vierten Monat. Seither hat es kein Lebenszeichen von Lolita gegeben. An die dreißig
Jahre ist das her.
Vor neun Jahren hat Schu die Akte Brieger auf den Tisch bekommen. Die
Polizei überprüft routinemäßig alte Fälle, um sie mithilfe moderner Technik oder
neuer Hinweise vielleicht doch noch zu lösen. Über tausend Seiten umfasste Lolitas
Akte damals. Bereits 1982 hatte die Polizei den Liebhaber der verschwundenen jungen
Frau und dessen Vater befragt, Zeugen aus dem Umfeld vernommen. Nichts.
Fünf Jahre lang war der Fall Lolita Brieger dann in der Vermisstenkartei der
Trierer Polizei verschimmelt. Erst 1987 wurde endlich eine Sonderkommission
zusammengestellt, die der Frage nachgehen sollte, ob Lolita etwa Opfer eines
Tötungsdelikts geworden sein könnte. Der ehemalige Liebhaber der Vermissten, Josef
K., und dessen Vater wurden wiederum vernommen. Es gab Widersprüche in den
Aussagen. Doch zur Anklage gegen einen der beiden reichte es nicht. Noch im selben
Jahr wurde das Verfahren eingestellt.
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Jetzt sollte also Schu ein drittes Mal die Akte prüfen. Auf neue
Untersuchungsmöglichkeiten, neue Ermittlungsansätze. Schu befragte Zeugen,
forschte, ließ DNA-Tests machen, die es in den Achtzigern ja noch nicht gegeben
hatte. Trotzdem: Eindeutige Hinweise auf einen Täter tauchten nicht auf, ebenso
wenig wie Lolitas Leiche. Was blieb, war die Akte, die für Schu ein Buch voller
Hinweise war. Ein Verdacht keimte schnell in ihm, irgendwann war er für den
Kriminalbeamten Schu zur persönlichen Gewissheit geworden. Lolita Brieger, da war
Schu sicher, war einem Verbrechen zum Opfer gefallen. Und noch etwas: Schu
glaubte zu wissen, wer der Täter war. Mehr noch: Er war sich sicher, es gab einen
Mitwisser. Es gibt ihn noch.
Allerdings wusste der Kripobeamte auch, dass es nicht leicht sein würde, diesen
Menschen zum Reden zu bringen. Es war viel Zeit vergangen. Wer so lange schweigt,
würde es weiter tun. Aktenzeichen XY … ungelöst ist Schus letzter Versuch. Ein
letztes Rütteln am Gewissen eines kleinen Dorfes in der Eifel. Jenes Dorfes, in dem
Lolita Brieger lebte und in dem auch jeder jeden kennt. Vielleicht würde es gegen alle
Wahrscheinlichkeit doch neue Hinweise geben, vielleicht würde der Verdächtige einen
Fehler machen. Die polizeiliche Telefonüberwachung des Josef K. lief bereits seit
Tagen. Später würde vor Gericht zu hören sein, dass Josef K. Lolita am Telefon
»Fraumensch« nennt, dass er im Gespräch mit seinen Nachbarn von »es« und »dat«
spricht und damit sie meint. Kein einziges Mal nennt er ihren Namen.
Der Moderator von Aktenzeichen XY … ungelöst nickt Wolfgang Schu zu. Das
ist sein Zeichen. Jetzt kommt es darauf an. Die Sendung wird live ausgestrahlt, er hat
nur einen Versuch.
Nah, immer näher zoomt die Kamera auf das Gesicht des
Kriminalhauptkommissars. Jede Falte des 56-Jährigen wird sichtbar. Schu blickt ernst.
Durch seine Brille fixiert er die Zuschauer. Kein Zwinkern, kein Zucken. Als würde er
jedem einzelnen gegenüberstehen. Auf einmal atmet er tief durch. Dann spricht er ihn
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an, ohne seinen Namen zu nennen. Ihn, den er für den Täter hält: »Wenn Sie
zuschauen, bedenken Sie doch bitte die unerträgliche Situation für die Angehörigen.
Insbesondere für die fast 80-jährige Mutter, die nach 29 Jahren endlich wissen will,
was ihrer Tochter zugestoßen ist.«
In Frauenkron, einem kleinen Dorf in der Eifel, sitzt die alte Frau in ihrem
Ohrensessel und lauscht den Worten des Kommissars, der aus dem Fernseher spricht.
Sie kennt den Beamten, erinnert sich noch daran, als er das erste Mal an ihrem
Küchentisch gesessen hat. Ein Polizist mit einer angenehmen Stimme und schönem
schwarzen Haar. Inzwischen sind die Haare des Kommissars grau, und seine Worte
jagen ihr Schauer über den Rücken.
Ganz still ist es in der kleinen Stube des alten Bauernhauses. Auf der Couch sitzt
Lolitas Schwester Petra, daneben ihr Bruder Markus. Fast scheint es, so erzählt es
Petra später, als hielten sie alle miteinander den Atem an. Lolita. »Vatern« hat sie so
getauft, weil er die gleichnamige Schlagersängerin so mochte. Es ist ihre Lolita, von
der sie dort reden. Es ist ihr Kind, auf das die alte Frau so sehr wartet. Seit jenem Tag.
Der 4. November 1982 ist grau und neblig. Lolita Brieger arbeitet bis mittags in
der Näherei Werdel. Zu Fuß geht sie nach Hause. Dort will sie nur kurz bleiben, eine
Arbeitskollegin wird sie danach mit nach Scheid nehmen, zu ihrem Josef, dem Vater
ihres ungeborenen Kindes. Es sind nur ein paar Schritte bis zu ihrer
Zweizimmerwohnung in der Kletterbachstraße. Seit dem Sommer wohnt sie hier. Bei
den Eltern hat sie es nicht mehr ausgehalten. Dauernd gab es Streit mit dem Vater.
Heinz Brieger hatte eine Menge gegen die Beziehung zwischen Lolita und ihrem Josef
einzuwenden, überhaupt hatte er oft etwas gegen die Liebschaften seiner Töchter. Der
ist nichts für dich, hieß es immer. Ende der Diskussion. Immer wenn ihr Vater von
Montage nach Hause kam, gab es Krach. Meistens, so erzählen es
Familienangehörige, hatte er da schon ein paar Bier im Bauch. Manchmal musste
Lolita fühlen, weil sie nicht hören wollte, weil sie zum Beispiel ihren Josef, den sie
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»Jüppchen« nannte, nicht aufgeben wollte. Das letzte Mal schlug der Vater sie so hart,
dass Lolita ihre Sachen gepackt hat und gegangen ist.
Kurz vor ein Uhr mittags, so rekonstruierten es die Strafverfolger, verlässt Lolita
ihre Wohnung. Steigt ins Auto der Arbeitskollegin ein. Es ist nicht besonders kalt
draußen, recht mild für November. Lolita trägt nur einen grünen Armeeparka mit
Kapuze, einen dünnen Pullover mit V-Ausschnitt, ein kariertes Hemd und die
Schwangerschaftshose mit dem rot-weißen Pepitamuster, die sie sich selbst genäht hat.
Es war nie leicht gewesen, seit Lolita ihr Jüppchen im Winter des Jahres zuvor
kennengelernt hatte. Sie war gerade siebzehn, er drei Jahre älter. Ihr erster richtiger
Freund. Eine Beziehung, die nicht nur Lolitas, sondern vor allem Josefs Vater nicht
akzeptierte. »Die Brieger kommt mir nicht auf den Hof, die hat nichts an den Füßen«,
soll er gesagt haben. Denn der Sohn Josef sollte den Hof übernehmen. Das war sein
vom Vater beschlossenes Schicksal. Seine Bürde. Der ältere Bruder hatte sich früh
davongemacht, das andere Geschwisterkind war ein Mädchen und kam schon deshalb
nicht infrage. Bleibt nur er: Josef fügt sich. Hält still. Hält durch. Aus Angst vor dem
übermächtigen Vater. Eine Angst, die ihn sein Leben lang begleiten wird. Eine Angst,
die, so schildert es eine Lebensgefährtin später dem Gericht, so groß gewesen sein
muss, dass er sich im Alter von vierzig Jahren noch nicht getraut hat, in Gegenwart
seines Vaters zu rauchen. Dabei war Josef K. senior selber Raucher.
Wenn er Lolita heiratete, würde Josef den Hof verlieren. Das Wohlwollen seines
Vaters. Und, so sieht es die Staatsanwaltschaft, noch etwas anderes: seinen Status im
Dorf. Briegers galten als ärmlich, Zugezogene mit sechs Kindern. Die Asozialen, heißt
es. Zuerst hat Josef trotzdem zu Lolita gestanden. Am Küchentisch der Briegers hat er
gesessen und mit der Faust auf den Tisch gehauen: »Ich heirate die Lolita, da kann
mein Alter sich auf den Kopf stellen.« Und Lolita hatte ihm geglaubt, sie wollte ihm
glauben. Sie war siebzehn und verliebt. Heimlich trafen sie sich. Im Wald gleich hinter
seinem Hof, wo sie immer mit ihrem Pony ausritt. Zwei junge Leute, die ihre Liebe
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nicht öffentlich zeigen konnten. Im ganzen Dorf war das Paar schon Gesprächsthema.
Das kann nicht gut gehen, sagten die Frauen am Gartenzaun.
Die Kollegin fährt Lolita bis nach Hallschlag. Dorthin, wo die Straße nach
Scheid hinaufführt. Lolita will den Rest des Weges zu Fuß gehen. Es ist nicht weit bis
zu Jüppchens Hof.
Lolita stapft den Weg hinauf. Mühsam muss es gewesen sein, denn es geht steil
bergan. Es gibt nicht viele Häuser hier in Scheid, die sie nicht kennt. Kaum hundert
Einwohner zählt das Dorf. Josefs Hof liegt etwas abseits. Genau in der Mitte zwischen
Scheid und Frauenkron, dem Ort, in dem Lolitas Familie wohnt.
Im Sommer hatte Josef das erste Mal mit Lolita Schluss machen wollen. Der
Druck seines Alten sei zu groß, er könne nicht mehr. Am selben Abend hat Lolita
ihren ersten Selbstmordversuch unternommen. Mit Herztabletten vom Vater. Da war
sie ein halbes Jahr mit Josef zusammen und bereits schwanger.
Als Lolita kurz nach ihrem Selbstmordversuch von zu Hause auszog, fuhr Josef
heimlich jeden Abend zu ihr in die kleine Wohnung und blieb bis spät in die Nacht.
Auch die Schwangerschaft hielt er geheim. Doch auf Dörfern bleibt nichts verborgen.
Irgendwann erfuhr sein Vater davon. Und Josef saß in der Falle. Wieder entschied er
sich gegen ein Leben mit Lolita. Am Abend bevor Lolita verschwand, beendete er die
Beziehung. Endgültig.
Doch Lolita will noch einmal mit Josef reden. Über die Liebe, das Kind, die
Zukunft. An dem Feldweg, kurz vor Jüppchens Hof, bleibt Lolita stehen. Ihre
Schwägerin fährt mit dem Auto vorbei. Lolita hebt die Hand, grüßt. Es ist kurz nach
14 Uhr. Die Schwägerin ist die Letzte, die das Mädchen lebend sieht. Es ist
Donnerstag. So steht es in den Akten.
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Am Samstag ruft Lolitas Vermieterin bei Hildegard Brieger an. Lolita ist seit
zwei Tagen nicht nach Hause gekommen. Mutter Brieger schickt die Schwester in die
Wohnung. Die findet einen Abschiedsbrief. Es fehlt eine Anrede, die braucht es auch
nicht. Der Brief ist für Josef. Lolita schreibt: »Was Du gesagt hast, hat mir ganz schön
weh getan« … »Ich bin Dir im Weg und dabei ist es besser, wenn ich gehe« … »Du
willst ja einen neuen Anfang ohne mich und Dein Kind«. Und dann: »Ich liebe Dich!
Es grüßt Dich Dein letztes Stück Dreck«.
Am Dienstag, den 9. November 1982 um 23.15 Uhr, meldet Hildegard Brieger
ihre Tochter bei der Polizei als vermisst. Der Beamte, der die Vermisstenmeldung
entgegennimmt, notiert: Frau Brieger meinte, dass Selbstmordabsichten nicht
auszuschließen sind. Lolita Brieger ist 1,60 Meter groß, schlank, hat blondes,
schulterlanges Haar.
Am nächsten Morgen beginnt die Suchaktion. Am Nachmittag meldet ein
Busfahrer telefonisch, Lolita am 8. November, also vier Tage nach ihrem
Verschwinden, nicht weit von Josefs Hof gesehen zu haben. Daraufhin erfolgt eine
verhängnisvolle Weichenstellung: Die polizeiliche Suchaktion wird aufgrund der
Aussage abgebrochen. Erst Jahre später wird klar: Der Busfahrer hat sich im Datum
geirrt. Auch er sah Lolita am 4. November. An dem Tag, an dem sie verschwand.
Hildegard Brieger wartet – bis zu dem Abend von Aktenzeichen XY … ungelöst
. »Vielleicht kriegen sie ihn ja jetzt dran«, sagt Petra danach. Hildegard Brieger
schweigt. Sie weiß, wen ihre Tochter meint. Hildegard Brieger hatte Josef gleich
verdächtigt, etwas mit Lolitas Verschwinden zu tun zu haben. In ihrem Notizbuch
schreibt sie am 30. August 1983: »Habe mit Jup gesprochen in der Werkstadt um 9.30
Uhr«. Da sei sie auf Josef K. zugegangen, erzählt sie, und habe ihn gefragt, wo ihr
Mädchen sei. »Woher soll ich das wissen«, war seine kühle Antwort. Es war das erste
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und letzte Mal seit Lolitas Verschwinden, dass sie mit Josef K. gesprochen hat. Die
Jahre vergingen. Ihr Verdacht blieb. »Hoffentlich kriegen sie ihn dran.«
Es ist kurz nach zehn Uhr, als Hildegard Brieger sich mühsam aus dem Sessel
erhebt. Das Alter hat angefangen, sich ihrer mehr und mehr zu bemächtigen. Letztes
Jahr hat sie eine neue Hüfte bekommen, der Ischias tut weh, sie hat Wasser in den
Beinen, Übergewicht. Das Leben ist anstrengend geworden. Aber noch muss die 79Jährige durchhalten, das hat sie sich vorgenommen. »Bevor ich gehe, will ich wissen,
wo unser Mädchen ist.«
Hildegard Brieger hat fünf Kinder, zehn Enkelkinder, drei Urenkel. Zwei
Nachkommen fehlen. Lolita wäre heute 47 Jahre alt, ihr Kind 28. Hildegard Brieger
weiß zu diesem Zeitpunkt, dass ihre Tochter wahrscheinlich nicht mehr lebt. Doch
auch wenn der Verstand etwas anderes sagt, das Herz der Mutter hofft. Immer. Jedes
Mal wenn das Telefon klingelt, jedes Mal wenn die Haustür sich öffnet, dann hofft sie,
dass es Lolita sei. Jeden Abend hat sie Gott angefleht, er solle ihr die Tochter
wiederbringen. Als Gott nicht half, fuhr sie zu einem Wahrsager nach Belgien. Lolita
gehe es gut, sagte der, Weihnachten sei sie wieder zu Hause. Das war 1983.
Weihnachten kam, Jahr für Jahr, Lolita nicht. Aber die Hoffnung blieb. In ihrem
Kleiderschrank ganz hinten neben ihren Kittelschürzen hängt noch Lolitas guter
Hosenanzug. Hildegard Brieger hat ihn aufbewahrt. Sie braucht Gewissheit.
Die alte Frau schaltet den Fernseher aus. Schlurfend geht sie aus dem
Wohnzimmer über den Flur in die Küche. Es ist ihr allabendliches Ritual seit 29
Jahren. Sie geht zu dem kleinen Fenster neben der Eckbank. Auf der Fensterbank
brennt eine Kerze. Seit Lolitas Verschwinden zündet sie jeden Morgen die Kerze an.
Damit ihr Kind sehen kann, dass die Mutter da ist, wenn sie nach Hause kommt. Noch
einmal, so wird sie es später erzählen, blickt Hildegard Brieger durch das Fenster auf
die Hauptstraße, dahinter die Wiesen und Felder. Alles ist still. Brieger pustet die
Kerze aus. Lolita wird auch heute nicht kommen.
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Zur selben Zeit, als Hildegard Brieger zu Bett geht, trifft ein paar Orte weiter
eine Frau eine Entscheidung, die alles verändern wird. Nachdem sie gemeinsam mit
ihrer Mutter die Sendung Aktenzeichen XY … ungelöst gesehen hat, ruft sie bei der
Kriminaldirektion Trier an. Ihren Namen will sie nicht nennen, aber sie gibt einen
Hinweis. Ihre Mutter habe ihr soeben eine Geschichte erzählt, die schon seit Jahren in
den Dörfern kursiert. Damals, als Lolita verschwand, habe die Mutter eines gewissen
Michael S., der wiederum der beste Freund von Lolitas Liebhaber Josef K. war,
erzählt, dass sie ihren spät heimkehrenden Sohn gefragt habe, wo er denn so lange
gewesen sei. Der Michael habe seiner Mutter daraufhin geantwortet, dass er dies
keinem erzählen dürfe.
Das ist alles. Und doch das entscheidende bisschen, das
Kriminalhauptkommissar Schu brauchte. Schu wusste, dass Michael S. die
schwangere Lolita Brieger einmal zum Frauenarzt gefahren hatte, als Josef verhindert
war. Josef hatte seinen besten Freund Michael um diesen Gefallen gebeten. Wer
jemandem so vertraut, so die Schlussfolgerung des Kommissars, vertraut ihm
vielleicht noch mehr an.
Am 8. September 2011 um 9.55 Uhr beginnt Schu mit der Vernehmung des
Zeugen Michael S. Der war aufs Polizeipräsidium Trier geladen worden und
tatsächlich erschienen. Schu fragt ihn über das Verschwinden Lolita Briegers aus und
nach seiner Beziehung zu Josef. Michael S. antwortet knapp, seine Stimme ist leise,
aber fest. Er ist nicht nervös, sitzt entspannt. Schu sieht die Szene noch genau vor sich.
Über das Verschwinden wisse er nichts, sagt S., zu Josef hatte er vor einem Jahr das
letzte Mal Kontakt, als sie Silage gemacht haben, auf dem Hof von S.’ Schwester.
Schu fragt weiter. Ob er von Lolitas Abschiedsbrief wisse, wie Josef sich nach
dem Verschwinden der jungen Frau verhalten habe. Die Antwort lautet stets gleich:
»Da kann ich nix sagen.«
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Um 11.00 Uhr unterbricht Schu die Vernehmung für ein persönliches Gespräch.
So kommt er nicht weiter. Michael S. ist zäh. Schu muss es drauf ankommen lassen.
Alles oder nichts. Er setzt S. auseinander, dass eine mögliche Verschleierung der
Straftat verjährt ist. Dann sagt er: »Es gibt Hinweise, dass Sie mehr von dem
Verschwinden Lolita Briegers wissen, als sie bisher gesagt haben«.
»Sie glauben also, dass ich dazu beitragen kann, die Tat aufzuklären?«
»Ja. Nur Sie können helfen. Es gibt keinen anderen.« Schu schweigt kurz, dann
sagt er: »Bedenken Sie doch auch mal die Situation der Familie Brieger. Sie haben
doch auch eine Tochter. Wie alt ist die?«
Eine taktische Frage. Schu kennt die Antwort.
»18 Jahre.«
»So alt wie Lolita damals. Jetzt stellen Sie sich einmal vor, Ihre Tochter
verschwindet, und es gibt einen, der was weiß und nichts sagt.«
Vielleicht war es die Tatsache, dass Michael S. zum ersten Mal wirklich spürte,
was es bedeuten kann, über Jahre auf sein Kind zu warten und nicht zu wissen, ob es
lebt. Vielleicht war es das schlechte Gewissen, all die Jahre geschwiegen zu haben.
Vielleicht auch nur die Straffreiheit. Wahrscheinlich war es alles zusammen. Um
11.15 Uhr, so steht es im Protokoll, gibt Michael S. eine Erklärung ab:
»Josef – der kam eines Tages morgens zu mir und sagte, er hätte die Lolita
Brieger umgebracht. Wie, weiß ich nicht, keine Ahnung. Und dann hab ich – ich weiß
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nicht, wie es mir damals gegangen ist – hab ich ihm auf jeden Fall geholfen, das
Mädchen, ja, so wegzutun. Das Mädchen liegt auf der Frauenkroner Müllkippe.«
»Wo lag der Leichnam vorher?«
»In Richtung Losheim steht ein landwirtschaftlicher Holzschuppen damals, und
da war die drin gewesen.«
»Zu welcher Tageszeit haben Sie den Leichnam nach Frauenkron verbracht?«
»Abends im Dunkeln war es, nach acht, neun Uhr, keine Ahnung.«
»Wie war der Zustand des Leichnams?«
»Der war in eine Plastiktüte eingewickelt. Weiter weiß ich auch nix«.
»Soll das heißen, dass Sie den Körper außerhalb der Tüte nicht gesehen haben?«
»Nein, den Körper hab ich nicht gesehen«.
»Hat Ihnen Josef K. Junior gesagt, wie der Tod verursacht wurde?«
»Ja, er hat so gesagt, er hätt sie erdrosselt. Genau weiß ich es nicht.«
»Existiert diese Müllkippe noch?«
»Die Müllkippe existiert zwar noch, aber nicht mehr im Sinne einer Müllkippe.«
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»Könnten Sie uns die Stelle möglicherweise noch zeigen, wo Sie den Leichnam
abgelagert haben?«
»In etwa ja.«
Vor Gericht wird Michael S. später sagen, dass er sich nicht sicher sei, ob Josef
K. ihm gestanden habe, Lolita erwürgt oder erdrosselt zu haben. Er wird sagen, dass er
Josef K. nie gefragt habe, was genau gewesen sei. Er wird sagen, dass Josef K. und er
nie wieder über »diese Sache« gesprochen hätten, so wie er selbst mit niemandem über
diesen Abend im November 1982 gesprochen habe.
Einen Tag nach der Vernehmung seines Freundes Michael, es ist der 9.
September 2011, wird Josef K. wegen dringenden Mordverdachts an Lolita Brieger
verhaftet, vier Wochen später beginnen die Grabungen auf der ehemaligen Müllkippe
in Frauenkron.
Es ist der 11. Tag der Grabung. Schu erzählt, er habe genau gewusst, heute ist
der letzte Tag. In ein, höchstens zwei Stunden werden sie alles umgewühlt haben. 600
Quadratmeter, bis zu sechs Meter tief. Tierkadaver haben sie gefunden, Autoreifen.
Aber keine Leiche. Jeden Tag war Schu vor Ort, jeden Tag hat er gehofft. Jetzt
kommen ihm selber Zweifel. Als der Staatsanwalt anruft, gibt sich Schu dennoch
optimistisch. »Wir finden sie!«, prophezeit er. »Deinen Glauben möchte ich haben«,
antwortet der Staatsanwalt. Sie reden noch, als ein Mann von der Kreisverwaltung auf
den Kommissar zurennt. »Herr Schu, kommen Sie schnell.« – »Du, bleib mal dran«,
spricht Schu ins Telefon. »Ich glaube, wir haben sie.«
Schu braucht nur einen Blick, um zu wissen, dass sie aufhören können zu
suchen. In einem hellgrünen Plastiksack, die offene Seite mit Eisendraht verschnürt,
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liegt sie. Liegt es. Das Skelett der Lolita Brieger. Es ist die selbst genähte
Schwangerschaftshose mit dem rot-weißen Pepitamuster, die er erkennt, noch halb um
den Beinknochen herum. Auch, wenn nur noch Gebeine übrig sind, fast alles ist an
seinem Platz: Lolitas Socken sind ordentlich angezogen, ihre skelettierten Füße
stecken in den Schuhen, die Schleife ist gebunden. Nur den Pullover, an dem kleine
Drahtstücke haften, hat ihr jemand über den Schädel gezogen. Josef K., so wird es die
Staatsanwaltschaft später rekonstruieren, habe den Anblick Lolitas, nachdem er sie in
dem Schuppen vermutlich mit einem Eisendraht erdrosselt hat, nicht ertragen können,
deshalb der hochgezogene Pullover.
In Schus Kopf dürfte gleich der übliche Maßnahmenkatalog abgelaufen sein:
Gerichtsmedizin, Kriminaltechnik und so fort. Doch vorher muss er noch etwas
erledigen. Etwas, das wichtiger ist als alles andere. Schu greift zum Telefon. Es ist
Petra Brieger, Lolitas Schwester, die den Anruf entgegennimmt.
»Ja, hier Schu.« Er stockt.
»Herr Schu, sind Sie noch dran?«
»Ja, ich bin noch dran. Wir haben sie gefunden.«
Schu erzählt. Dass sie in Lolitas Parka Reste einer Geldbörse gefunden haben,
ein Ticket von der Bundesbahn, gültig bis Februar 1983, einen Labellostift. Doch
Petra Brieger hört nicht mehr zu. Sie weint leise am Telefon. Irgendwann legt sie auf.
Mutter Brieger sitzt im Wohnzimmer, schaut fern und sieht doch nicht hin. Sie weiß
es, bevor die Tochter etwas sagt: »Haben sie sie endlich gefunden.«
Lolita lag nie weit entfernt. Hildegard Brieger hätte nur vor die Tür gehen
müssen, am Haus des Pastors vorbei, dann rechts den Weg hoch. 647 Schritte sind es
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bis zur alten Kippe. Bis zu dem kleinen Wäldchen, das darauf wuchs und auf das sie
so oft geschaut hat, wenn sie im Sommer auf der Bank vor dem Haus saß. Bis zu dem
Ort, an dem ihr Kind 29 Jahre lang lag. Es grüßt Dich Dein letztes Stück Dreck. »Auf
einer Müllkippe«, sagt Hildegard Brieger leise.
29 Jahre lang hat Hildegard Brieger auf ihre Tochter gewartet. Genauso lange
hat Josef K. mit dem Geheimnis gelebt, sie getötet zu haben. Jeden Morgen, wenn er
aus seinem Schlafzimmerfenster blickte, sah er die Deponie, auf der er Lolita entsorgt
hatte. Jeden Tag fuhr er am Haus ihrer Mutter vorbei. Manchmal saß die auf der Bank
ihrer kleinen Veranda, ebenfalls mit Blick auf die aufgelassene Deponie. Täter und
Opfer, ganz eng.
Wie hält ein Mensch das aus? Jeden Tag im Angesicht der eigenen Tat. Beinahe
Tür an Tür mit der Mutter, deren Tochter er getötet hat. Der wegen Mordes angeklagte
Landwirt Josef K. gibt keine Antworten. Er tut vor Gericht das, was er am besten kann
und was er drei Jahrzehnte lang getan hat. Er schweigt. Er macht keine Angaben zu
den Vorwürfen gegen ihn, nicht einmal Angaben zu seinem Lebenslauf. Josef K.,
graue Haare, Schnauzer, von normaler Statur, sitzt nur da, mit hochrotem Kopf, immer
im selben schwarzen Anzug. Auch seine Haltung ist den gesamten Prozess über immer
dieselbe, als wäre er tiefgefroren: Die Schultern sind nach vorn gebeugt. Seinen Blick
hat er nach unten gerichtet auf seine von der Landwirtschaft schwieligen Hände, die er
zu Fäusten geformt hat, die Daumen liegen oben auf. Fast scheint es, als halte er sich
an etwas fest. Nur selten schaut er hoch. Ein paar Sekunden lang blickt er der
Wirklichkeit ins Gesicht, dann hält er es nicht mehr aus, senkt den Kopf tief auf seine
Brust, zieht sich zurück. Erstarrt wieder.
Es ist Tag zwei der Hauptverhandlung. Im Zeugenstand sitzt Hildegard Brieger.
In ihrem besten Kleid, die Dauerwelle der weiß-grauen Haare ist frisch. Sie hat lange
darauf gewartet, den Mann, der ihre Tochter tötete, auf der Anklagebank zu sehen.
Jetzt sitzt sie ein paar Meter von ihm entfernt. Sie werde ihm ins Gesicht spucken, hat
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sie vor der Verhandlung angekündigt, jetzt wagt sie es nicht einmal, ihn anzusehen.
Frau Brieger ist nervös, unsicher. Ihren Stock hält sie so fest, dass ihre Knöchel weiß
hervortreten. Hildegard Brieger erzählt, wie sie und ihre Familie Ende der sechziger
Jahre nach Frauenkron kamen. Und wie sie doch immer die Flüchtlingsfamilie aus
Schlesien geblieben sind. Die Vorsitzende fragt nach den Familienverhältnissen, nach
ihrem Ehemann, der die Kinder prügelte, nach Lolitas Selbstmordversuch. Nein, nein,
das sei so alles nicht gewesen. Der Vater habe nie zugeschlagen, höchstens mal einen
Klaps. Und der Selbstmordversuch ihrer Tochter? »War doch nicht ernst gemeint.«
Man merkt, es ist ihr unangenehm. Auch ihr tut die Wahrheit weh. »Ich kann gleich
nicht mehr«, flüstert die alte Frau ins Mikrofon. Da ist erst eine Viertelstunde
vergangen. Nach einer knappen Stunde wird sie entlassen. Nicht ein einziges Mal hat
Josef K. aufgeschaut. Jede Regung, so scheint es, hat er vergraben. So tief wie Lolita.
»Gefühle abspalten« nennt der psychologische Gutachter das später vor Gericht. Mit
jedem Jahr, das verging, muss K. sein Verbrechen unwirklicher vorgekommen sein,
immer weiter weg, obwohl Lolita doch so nah war.
So kamen und gingen die Jahre, wie die Frauen in Josefs Leben. Zweimal war
der 51-jährige Landwirt verheiratet, mindestens zwei weitere feste Beziehungen hat er
gehabt. Nie war er allein. Bevor eine Beziehung endete, hatte er schon die nächste
angefangen. Als hielte er es nicht aus, mit sich und seinen Erinnerungen. Und doch
war er im Grunde immer allein. Denn auch Nähe ertrug er nicht. Immer wenn eine
wirkliche Bindung zu entstehen drohte, zog Josef K. sich zurück, wurde kalt,
emotionslos. Die Frauen, die vor Gericht aussagen, erzählen alle dieselbe Geschichte.
Von einem Mann, der auf einmal, praktisch von einem Tag auf den anderen,
abweisend wurde. Der außer sich geriet, wenn etwas nicht so lief, wie er sich das
gedacht hatte. Einem Mann, der es nicht ertragen konnte, wenn Essenszeiten nicht
akribisch eingehalten wurden. Einem Mann, der nachts um drei Uhr aufstand und zum
Melken ging, weil irgendeine innere Unruhe ihn umtrieb und nicht schlafen ließ.
Einem Mann, der seine Lebensgefährtinnen zur Arbeit antrieb, wie der Herr seine
Mägde. Eine Nachbarin sagt über K., er habe die Frauen wie Kaugummi behandelt.
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Auf ihnen herumgekaut, bis sie keinen Geschmack mehr hatten. Dann hat er sie
ausgespuckt.
Im Prozess wird klar: Josef hat keine Liebe und kein Glück gefunden. Er lebte in
einer Zeitschleife und fing immer wieder von vorn an. Einen wirklichen Freund hat er
nicht mehr gefunden, jede Bindung wurde zur Beziehungshölle. Er versuchte, seiner
Schuld zu entkommen, und wurde auf diese Weise ihr Gefangener.
Eine von »Josefs Prinzessinnen«, wie sein Verteidiger sie nennt, ist Britta B.
Auch sie hatte an jenem Abend im August die Sendung Aktenzeichen XY … ungelöst
gesehen. Ein Zufall. Ihr neuer Lebensgefährte war Zigaretten holen, Britta B. saß auf
ihrer Ledercouch in ihrer karg eingerichteten Wohnung, weit weg von Scheid, und
zappte sich durch die Programme, als auf einmal die Geschichte von Lolita in die
Wohnstube drängte. Da kamen sie wieder, die Erinnerungen. Daran, wie sie in den
neunziger Jahren zwei Jahre lang mit Josef auf seinem Hof lebte, daran, wie sie
irgendwann zwischen den Tischdecken eine Klarsichtmappe mit alten Zeitungsartikeln
über das Verschwinden der Lolita Brieger gefunden hat. Heimlich, während Josef
seinen Mittagsschlaf hielt, hat sie die Artikel gelesen. Britta B. kam von außerhalb. Sie
wusste nicht, dass Josef verdächtigt worden war, wusste nicht, dass das ganze Dorf
munkelte, er habe was mit dem Verschwinden der kleinen Brieger zu tun. Ihr sagte
doch keiner was.
Irgendwann hat sie Josef dann darauf angesprochen. »Er sagte bloß, dass das
eine Exfreundin von ihm wäre. Sie hätte damals 20.000 Mark Abfindung für die
Abtreibung in Holland bekommen. Da sei sie auf die schiefe Bahn geraten, habe
Drogen genommen und arbeite jetzt als Prostituierte in Holland.« Britta B. schüttelt
den Kopf. Heute erscheint ihr die Geschichte abwegig. Damals hatte sie Josef geglaubt
oder glauben wollen, wie so viele. Denn die Hollandgeschichte ist bloß eine von
vielen Legenden, die Josef K. im Laufe der Jahre erfunden hat.
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Legenden wie die, dass Lolita noch mehrfach in Kall gesehen worden sei, wo sie
ein Haus verlassen habe. Der Kurt habe »es«, »das Fraumensch«, auch gesehen, ein
halbes Jahr nach ihrem Verschwinden auf Langen am Zebrastreifen. Und auch der
Kramers Fip aus Berk und der Albert hätten »dat« abends nach den Suchmaßnahmen
der Polente noch in einer Telefonzelle in Hallschlag gesehen. Die angeblichen Zeugen,
von denen Josef K. spricht, sind alle tot. Die Legenden schützten ihn, halfen ihm
dabei, seine eigene Scheinwelt zu konstruieren. 29 Jahre lang. »Wenn du Dreck am
Stecken hast, musst du stillhalten und so lange warten, bis er von alleine abfällt«, soll
er zu einem Freund gesagt haben. Und Josef K. hielt still.
Die Jahre vergingen. Und beinahe sah es so aus, als würde der Dreck von ihm
abfallen. Josef K. muss sich zuletzt sicher gefühlt haben. So sicher, dass er sich einen
letzten miesen Triumph über die Gerechtigkeit gönnte. Vor zwei Jahren begann K.
eine Affäre. Nicht mit irgendwem – nein. Josef, Lolitas Jüppchen, ging mit einer
Verwandten von Lolita ins Bett. Wieder eine aus der Familie Brieger. Und wieder kam
es zu einer Schwangerschaft. Doch als es fast so schien, als würde sich die Geschichte
wiederholen, ließ die Frau abtreiben. Und Josef trennte sich von ihr. Das alles, so
ergibt es sich aus dem Verfahren, passierte nur ein paar Monate vor Ausstrahlung der
Aktenzeichen XY … ungelöst -Sendung. Also kurz bevor K. wegen seiner Tat
verhaftet wurde. Beinahe so, als hätte er den Bogen jetzt überspannt.
Neun Monate lang sitzt Josef K. in Untersuchungshaft, 14 Wochen dauert die
Verhandlung, 26 Zeugen werden gehört. Was am Ende bleibt, ist die Gewissheit, dass
Josef K. Lolita getötet hat. Auch wenn er kein Geständnis ablegt. Aber klar wird auch,
dass ihm ein Mord nicht nachzuweisen ist, weil man nicht mit Sicherheit weiß, ob
Josef K.s Tat das Mordmerkmal der Heimtücke erfüllte, als er Lolita Brieger das
Leben nahm. Vielleicht geschah ja alles im Affekt, ein unkontrollierter Zornausbruch,
bei dem Lolita durch einen unglücklichen Zufall zu Tode kam. Kein Richter kann es
widerlegen. Und niemand kann mit Sicherheit sagen, ob die kleinen Drahtstücke an
Lolitas Pullover früher wirklich eine Eisenschlinge bildeten. Es sind nur Knochen von
Lolita übrig. Die Todesursache lässt sich nicht mehr feststellen.
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Es ist wohl die Zeit, die Josef K. vor einer langen Gefängnisstrafe bewahrt hat.
Mord ist ihm nicht nachzuweisen, Totschlag verjährt nach zwanzig Jahren. Für die
weltliche Gerechtigkeit ist der Fall abgeschlossen. Die Strafjustiz hat K. gestellt und
seine Tat öffentlich gemacht, aber sie wurde seiner zuletzt doch nicht habhaft. Sie hat
Recht gesprochen, muss die Gerechtigkeit aber anderen, höheren Mächten überlassen.
Aber vielleicht half dem Josef auch das Schweigen derer, die doch mehr
wussten. Nur selten bekommt man als Reporter Einlass, wenn man durch die zwei
Dörfer geht. Die Türen der 299 Einwohner von Scheid und Frauenkron bleiben
verschlossen, die Münder auch. »Gott weiß alles, die Nachbarn wissen mehr« steht auf
einem kleinen Holzschild im Flur der Hildegard Brieger.
Am 11. Juni 2012 wird Josef K. freigesprochen und ist weg. Irgendwann, sagt
sein Verteidiger, will er wieder nach Scheid zurückkehren. Auch wenn er dann im
Dorf ein Aussätziger sein wird, Hildegard und Josef werden wieder Nachbarn sein.
Wie einst. Vielleicht wird er wieder mit dem Trecker an ihrem Haus vorbeiknattern.
Vielleicht wird Hildegard Brieger auf ihrer Veranda sitzen und auf das Wäldchen
starren, wo einst die alte Deponie war. Doch nicht alles wird so sein, wie es früher
war. »Ich weiß jetzt, wo mein Mädchen ist«, sagt Hildegard Brieger. Im Grab beim
Vater. Vergangenen November, auf den Tag genau 29 Jahre nach ihrem
Verschwinden, haben sie Lolita beerdigt. Ein schlichtes Holzkreuz: Hier ruht in
Frieden Lolita Brieger. Lolita ist heimgekehrt. Doch die Kerze im Küchenfenster
brennt immer noch.
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Ein ganzes Leben
Weit vor der Zeit kommen Sidney und ihre Zwillingsschwester Mileyn auf die Welt,
23. Woche plus einen Tag. Im Marienkrankenhaus Hamburg beginnt der Kampf um die
längst nicht ausgereiften Kinder. Ärzte und Schwestern versuchen alles, um die
Frühchen dem Tod abzutrotzen
Rüdiger Barth, stern, 10.11.2011
Bis eben wehte Elternglück durch die Station. Mamasätze fielen, Papasätze. Jetzt ist
es, als wäre die Luft dichter geworden, als nähme den Krankenschwestern etwas den
Atem. Sie reden leiser, seit die Zwillinge in Zimmer 1 liegen.
23. Schwangerschaftswoche plus einen Tag, vier Monate vor dem errechneten
Geburtstermin. Alle wissen, was das heißt. Die Lunge ist noch nicht reif, das Gehirn ist
noch nicht reif, der Darm ist noch nicht reif. Aus dem Nebel der 23. Woche führt kein
breiter Weg hinüber ins Leben, sondern allenfalls ein Pfad, den die Ärzte aber nicht
sehen können, ehe sie ihn betreten haben. Sie müssen diese Kinder dem Tod abluchsen.
Mileyn ist 28 Zentimeter lang und 470 Gramm schwer; Sidney wiegt 530 Gramm bei
29 Zentimetern. Das ist kürzer als ein DINA4- Blatt, so leicht wie ein Pfund Butter. Sie
sind geboren am 14. April 2011, einem sonnigen Donnerstag, um 15.14 Uhr und 15.15
Uhr im Marienkrankenhaus zu Hamburg. Die Kinder haben Häkelmützen auf den
Köpfchen. Es sind Wesen wie aus Glas. Die Augen noch geschlossen. Die Haut fast
durchsichtig, darunter schattenhaft die Adern, das schlagende Herz klopft gegen die
Brust, das schnell schlagende Herz. Die Finger können den Daumen eines Mannes nicht
umfassen. Der Fußabdruck ist nicht größer als ein Korken. Als Sidneys Beinchen
hochgebettet werden, zucken ihre Hände. Mileyns Atem geht rasch, ihr Mund ist halb
geöffnet, sie streckt alle viere von sich. Die beiden Brutkästen, "Isolette Infant
Incubator", sind auf 39 Grad und 85 Prozent Luftfeuchtigkeit eingestellt, ihre Wände
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beschlagen. Höhlen, möglichst ähnlich dem Mutterleib.
Der zentrale Katheter bei Mileyn sitzt, das ergibt das Röntgenbild, ein Stückchen zu
hoch, er muss zurückgezogen werden. Ein Tubus führt in die Nase, festgehalten durch
ein schmales Pflaster, das quer über dem Gesicht klebt. Schläuche führen hinein in die
Körper. Über den Nabelvenenkatheter werden Zucker, Aminosäuren, Salze,
Medikamente eingespeist. Über den Katheter der Nabelarterie wird der Blutdruck
gemessen, die Haut wäre dafür zu empfindlich.
Die Erstversorgung läuft, eine Stunde nach der Geburt. Stationsschwester Barbara
lächelt, weil sie immer lächelt, wenn es kompliziert wird. Christoph Beckmann ist da,
aus dem Bereitschaftsdienst hereingekommen in Jeans, der schweigsame
Oberarzt. Keiner hier, der sein Können nicht bewunderte. Und Alexis Schild, der
Stationsarzt mit dem schwarzen Bart, mit seinem Blick, der in diesen Minuten durch die
Kinder hindurchzugehen scheint. "Die Natur hat nicht vorgesehen, dass diese Kinder
schon auf der Welt sind", sagt Schild in einer Pause. "Wir müssen versuchen, die Natur
zu ersetzen, aber wir sind leider nicht so gut wie sie."
Der zu früh aus dem Mutterleib gerissene Mensch stammt aus dem Grenzreich
zwischen Zeugung und Reife. Würde er nicht rasch beatmet, gewärmt, versorgt, er
stürbe binnen weniger Minuten.
Jede Behandlung aber ist ein Blindflug bei so winzigen Frühgeborenen, es gibt keine
Routine. Die Fallzahlen der Studien sind gering, die Ergebnisse wenig ermutigend. Vier
von fünf Kindern, die vor der 26. Woche auf die Welt kommen und überleben, tragen
eine Behinderung davon. Zwei von fünf haben später einen Intelligenzquotienten von
unter 70, die Hälfte ist lebenslang auf Hilfe angewiesen.
Mindestens 23. Woche und 400 Gramm, daran orientieren sich die Mediziner in
Deutschland. Es ist auch das noch ein Alter, in dem Babys in Notsituationen
abgetrieben werden dürften. In den Niederlanden verweigern die Ärzte jedem Kind die
Therapie, das vor der 25. Woche auf die Welt kommt. Daher fahren die Mütter, wenn
sich eine Frühgeburt anbahnt, nach Nordrhein-Westfalen und legen sich dort in eine
Klinik. Wenn sie die 25. Woche erreichen, fahren sie wieder nach Hause.
Frühchentourismus wird das genannt
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Die deutschen Ärzte haben in dieser Phase selbst zu urteilen. "Die Entscheidung
sollte im Konsens mit den Eltern getroffen werden", heißt es in den Leitlinien der
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
Rechtlich befindet sich der Arzt in einer Grauzone. Er ist verpflichtet, nach den Regeln
der Heilkunst zu helfen. Aber wo endet das Helfen, wo beginnt die Qual? All die
ethischen Fragen, wird Chefarzt Axel Hennenberger später sagen, "kannst du nur im
Team ertragen. Die Verantwortung würde einen sonst erdrücken".
Das Baby wird nach der Entbindung in ein wärmendes Tuch gepackt, liegt auf der
"Wiese", wie sie im Kreißsaal sagen, darüber ein Heizstrahler, daneben Instrumente, das
Beatmungsgerät. Die Ärzte betrachten das Kind, warten vielleicht ein Dutzend
Augenblicke. Ob es versucht zu schreien, versucht zu atmen, ob das Herz schlägt. Ob es
leben will.
Es sind qualvolle Sekunden, für alle. Vier von fünf Frühgeborenen der 23. Woche
überleben nicht. Welche der Überlebenden Schäden davontragen, welche sich gesund
entwickeln, keiner kann es sagen.
Bei Sidney und Mileyn zweifeln die Ärzte zunächst, ob die beiden eine Chance
haben. Chefarzt Holger Maul, der Geburtshelfer, ein großer, kräftiger Mann, hat sie
nach dem Kaiserschnitt "herausschweben lassen durch die sanfte Begleitung der
Hände", wie er es nennt. Er darf den Kopf nicht drücken, den Körper nicht zerren, die
Beine nicht rucken, all das könnte tödlich sein. Immer wieder fragt er sich in diesen
Momenten: "Tue ich das Richtige? Und wenn ich davon überzeugt bin, kommt die
Angst vor der eigenen Hybris."
Erst hält er die Zwillinge für tot. Aber dann sieht er, dass ihre Haut nicht grau ist,
sondern rosig, was auf eine gute Sauerstoffversorgung schließen lässt. Dass sich die
Brustkörbe der beiden ganz leicht heben und senken. Und dann gibt eins der beiden
Mädchen einen Krächzer von sich, wie das Miauen eines Kätzchens. Sidney. Für die
Ärzte ist es das Zeichen. Sie stülpen beiden die Maske über den Mund, intubieren dann,
sie haben die Kinder unter Kontrolle.
Oben auf der Station arbeitet Alexis Schild schweigsam bei der Erstversorgung, sein
Gesicht, das sich wie aus dem Nichts erhellen kann, ist verdüstert. Ein ganzes
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potenzielles Leben liegt da vor ihnen. Wen dieser Mensch lieben, was er erleben wird,
wenn er das hier übersteht? Und möglichst gesund übersteht.
Frühchen sehen nicht wie Babys aus. Eher wie knöcherne alte Menschen. Sie
scheinen so schwach. "Das sind manchmal aber auch zähe kleine Wesen", sagt Schild.
"Die können Unglaubliches ertragen."
Drei Stunden nach der Geburt ist die Erstversorgung beendet. Erst mal sieht es ganz
gut aus. Doch im Moment der künstlichen Beatmung wird ausgelöst, was die Ärzte
"Entzündungskaskade" nennen. Die Lunge wird geschädigt, und der Organismus
reagiert, indem er den Blutdruck erhöht; dadurch reißen womöglich die hauchdünnen
Blutgefäße - eine Hirnblutung kann die Folge sein.
Die Ärzte stehen dem Kind bei. Immer wieder fragen sie sich: Was ist das kleinste
Übel? "Du nimmst in Kauf, nimmst in Kauf, nimmst in Kauf. Kennst in Wahrheit den
Preis nicht. Du weißt nicht, was die Medikamente, die wir geben, tief drinnen mit dem
Menschlein machen", sagt Schild. "Du musst es aber tun, um ihm zu helfen. Man muss
mit dem Hammer arbeiten, weil nur diese Hammerschläge etwas bewirken. Dabei
müsste man mit dem Tupfer vorgehen."
In 24 Stunden werden sie wissen, wie ausgeprägt die Ödeme sind. In drei bis vier
Tagen, ob sich der Kreislauf stabilisiert. In einer Woche, ob noch Infektionen auftreten.
"In zwei, drei Wochen können wir uns freuen, dass sie es überlebt haben. Jetzt ist das
sehr fragwürdig." Die ganz Kleinen faszinieren Schild. Die, denen noch vor ein paar
Jahren keiner eine Chance gegeben hätte. "Jedes dieser Kinder ist ein Trick", sagt er.
Ein Wunder.
Am nächsten Tag besuchen die Eltern ihre Zwillinge das erste Mal gemeinsam,
Dustin G., 23 Jahre, der gerade eine Umschulung zum IT-System-Kaufmann macht, und
die Verkäuferin Christina G., 20 Jahre. "Wahnsinn", hatte ihnen Geburtshelfer Maul
gesagt, "ihre Kinder haben zu schreien versucht." Aber hier oben auf der Station ist
kaum Optimismus zu spüren. "Seid auf alles vorbereitet", sagen ihnen die Ärzte, "macht
euch keine Hoffnung."
Viele Mütter stehen unter Schock, dass ihre Schwangerschaft so jäh endete. Viele
Väter trauen sich nicht heran an dieses Zwerglein. Dustin, der sonst immer einen Spruch
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parat hat, kriegt kaum ein Wort heraus. Christina weint. Ihre Töchter sehen
unvorstellbar verletzlich aus. Aber sie leben.
Jetzt, nach der anstrengenden Aufnahme auf die Station, ist die Welt ein
vergleichsweise behaglicher Ort. Die "großen Runden" der Schwestern finden nur alle
sechs Stunden statt, mit Wickeln, Fieber messen, Sekret im Tubus entfernen, den Body
wechseln. Die Babys dürfen trinken, wenn sie trinken möchten, schlafen, wenn sie
schlafen möchten.
Noch in den 60er Jahren galt es als sinnlos, extreme Frühchen zu versorgen; in ihrer
Hilflosigkeit steckten manche Ärzte Babys in einen Eimer kalten Wassers, damit sie
nicht atmen konnten. Noch vor drei Jahrzehnten wurden die Kinder ohne Betäubung
intubiert, weil man davon ausging, dass sie keine Schmerzen empfinden. Bis man
anhand der Stresshormone sah: Sie empfinden Schmerzen so wie Erwachsene. Noch vor
ein paar Jahren waren sie im Inkubator nicht zugedeckt, lagen da nackt bis auf die
Windel. Nachts wurde das Licht nicht gedimmt.
Im Marienkrankenhaus klebt an der Tür zu Zimmer 1 eine Comic-Maus. "Ruhe, wir
wachsen", steht daneben. Zu Zimmer 1, dem kritischen Zimmer, sind die Wege für die
Schwestern kurz, von der Kaffeeküche, vom Labor, vom Computer. Das Wachsen geht
lautlos. Das Sterben klopft an. Es gibt Alarmtöne, die lassen alle rennen.
Am Tag nach der Geburt ist nur das rhythmische Piepen der Beatmungsgeräte zu
hören und ab und zu das Bimbam der Alarme. Es hat für Mileyn und Sidney begonnen,
was ein Arzt "das Tal der Tränen" nennt. Die Mutter hatte kurz vor der Geburt noch
Kortison bekommen, das unterstützte die Reifung der Lungenbläschen. Aber der
Kreislauf stellt nicht um auf den eines Neugeborenen nach der Geburt, Medikamente
müssen helfen, daraus entstehen Nierenprobleme, Darmprobleme. Rasch meldet sich
auch die Lunge, die Sauerstoffsättigung sinkt. Surfactant muss in den Tubus gegeben
werden. Ein Lebenselixier. Sofort wird die Hautfarbe frischer, fließt mehr Sauerstoff im
Blut.
Eigentlich müsste die Lunge unter dem Druck jedes Atemzuges kollabieren. Das
Surfactant hält die Oberflächenspannung aufrecht, es ist ein Protein, das der Körper
selbst produziert - aber in ausreichendem Maße erst von der 34.
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Schwangerschaftswoche an.
Alexis Schild, blaue Hose, blaues Hemd, sitzt im Arztzimmer, um die Ecke ist ein
beigefarbenes Sofa, auf dem sie sich in Nachtschichten ausruhen können. "Unten in der
Gynäkologie tragen die Ärzte Weiß, das sind die richtigen Ärzte", sagt Schild
schmunzelnd. Hier erkennt man sie nur am Pieper, der am Gürtel hängt, und am
Stethoskop um den Hals. Noch Anfang der 80er Jahre war unterhalb der 28. Woche
"beten angesagt", erzählt Schild, "nur wenige überlebten. Dank dem Surfactant konnte
die Mauer nach unten durchbrochen werden. Den Weg zu entdecken, wie man
Surfactant gewinnen kann, das war der Clou." Den Frühchen verabreicht man seitdem
ein Protein, das aus Schweinelungen extrahiert wird. Aber noch immer spielen sich im
unreifen Menschenkörper Prozesse ab, die niemand versteht.
Nach vier Tagen beginnt Mileyn, der kleinere, scheinbar stabilere der Zwillinge,
davonzudriften. Blutdruck, Puls, Sauerstoffsättigung fallen. Der pH-Wert des Bluts
sackt ab auf 6,8, das ist mit dem Leben nicht mehr vereinbar. Wenn ein Sportler
übersäuert, sich völlig verausgabt, ist sein pH-Wert von 7,4 auf 7,3 gesunken.
Schließlich versagen die Organe. "Das System ist zusammengebrochen", sagt Oberarzt
Alex Nitsch. "Wir sind leider am Ende unserer Möglichkeiten."
Es gehört zu seinem Beruf, Eltern solche Sätze sagen zu müssen. Der Tod ist da, wo
das Leben beginnen sollte, und daran gewöhne man sich nicht, sagen die Schwestern.
Nicht an die Gesichter der Eltern, nicht an die starre graue Brust, an die eben noch das
Herzchen klopfte.
An diesem vierten Tag ihres Lebens, es ist ein Montag im April, am Himmel zeigen
sich keine Wolken, die Magnolien blühen, darf Mileyn gehen. Ihre Eltern sind bei ihr,
natürlich sind sie das.Dustin legt sich seine Tochter auf die nackte Brust, er sieht nichts
mehr, er hört nichts mehr, er spürt nur noch sie, er hält sie fest im Arm.
Er hält Mileyn, bis es vorbei ist.
Draußen tragen sie am Nachmittag Mileyns Namen in das Totenbuch ein. Jedes
Kind, das ihnen stirbt, wird darin festgehalten.2011 ist sie die Erste. Drei, vier Namen
kommen im Jahr gewöhnlich dazu. Es ist leise in Zimmer 1.
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Sidney schläft.
Die Intensivstation, 2002 bezogen, hat man oben auf das Marienkrankenhaus gesetzt,
sodass die Strahlen der Morgensonne und Abendsonne waagrecht durch die Fenster
fluten. Es ist ein bisschen wie in den Wolken sein, schwebend zwischen Erde und
Himmel.
Jedes Bett ein Schicksal. Hier schreit ein Baby unentwegt, Kind zweier
Drogenabhängiger, seit Wochen auf Entzug, es zittert, wird durch Opium beruhigt. Dort
hinten brennt die UV-Lampe über einem Baby mit Gelbsucht.
Die Fragen der Eltern. Ob ihr Kind gegessen hat. Wann es gegessen hat. Ob alles gut
ist. Ob es schläft. Ob man ein schlechtes Gewissen haben müsse, weil man nicht rund
um die Uhr da sein könne. Die Ärzte antworten oft:Sie können jederzeit kommen, aber
erholen Sie sich. Sie brauchen bald alle Kraft.
Sidney hat, das stellen die Ärzte am Nachmittag fest, eine Hirnblutung erlitten, Grad
eins bis zwei. Mit etwas Glück könnte der Körper das ausgleichen."Das hängt davon ab,
wo die Blutung sitzt. Man muss sich immer den Verlauf anschauen", sagt Alex Nitsch,
dessen Augenbrauen tanzen, wenn er redet. "Es ist nicht zu sagen, was an Vernetzung,
an Kommunikation zerstört wurde." Sidneys pHWert liegt nun bei 7,189. Tendenz
sinkend.
"Sie gibt gar nichts mehr zurück", sagt seine Kollegin Ekaterini Kougioumtzi, die
eben noch anmerkte, man müsse die Kleinen wie richtige Menschen behandeln. Mit
ihnen reden, "guten Abend" sagen, "ich bin es wieder".Sidneys Hände liegen in
Pfötchenstellung, die Haut am Schenkel ist faltig, ihr Bauch ist gebläht, grau. "Kann gut
sein, dass sie die Nacht nicht übersteht", sagt die Ärztin.
Sie hebt Sidneys Beine mit den Fingern an, presst ihre Oberschenkel langsam, aber
entschlossen gegen den Unterleib. Ein Schwall Urin schießt aus der Blase, fünf
Sekunden lang, zehn Sekunden lang."Ich hätte Angst, dass da was platzt", sagt
Schwester Katharina. Sie legt eine neue Windel an, sie macht es Sidney gemütlich. Der
Bauch sieht etwas besser aus.
An diesem Abend telefoniert Kougioumtzi mit Dustin und Christina. Es könne
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jederzeit auch bei Sidney so weit sein.
Mit viereinhalb Jahren wollte sie schon Kinderärztin werden.Man muss
handwerklich begabt sein, sagt sie. Reife haben. Geduld und Urvertrauen,
Sensibilität.Kougioumtzi, Griechin, Mutter zweier Kinder, hat sonst etwas, das andere
Mut schöpfen lässt. Als sie aufgelegt hat, sieht die Ärztin müde aus. "Manchmal hängen
wir fast genauso an den Kleinen wie die Eltern. Sie kriegen ja von uns alles
Lebenswichtige; wir trauern auch." Nur Ärzte dürfen die Schläuche ziehen. Es gibt
Kollegen, die schaffen das kaum. Kougioumtzi sagt, man müsse auch dazu bereit sein,
wenn es so weit sei."Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass die Seele nicht mehr da
ist. Das Kind hat sich schon lange verabschiedet."
Die Schwestern sind es, die solche Babys mit ihrem leblosen Ausdruck versorgen
müssen. Da ist Jana, die unerschütterliche Berlinerin, die sich hineinwirft, wo immer
Probleme auftauchen.Andrea, die den Kleinen liebevolle Dinge zuflüstert. Tatjana, die
von zu Hause anruft, wie es läuft.Oder Barbara, die Stationsschwester, die an diesem
Abend denkt:Hoffentlich kann Sidney den Weg gehen, den ihre Schwester gegangen ist.
Sie sagt es niemandem.Aber die starke, lächelnde Barbara hat auch für Sidney keine
Hoffnung mehr.
Seit 31 Jahren kümmert sie sich um die Kleinsten. Als ihr das erste Kind starb, sagt
sie, habe es sie aus der Bahn geworfen. Aber dann begriff sie: "Wenn mir so etwas egal
ist, dann höre ich auf." Barbara Watzlaw, 48, ist noch immer da."Ich bin sehr glücklich
darüber, dass mich das noch berührt. Ich verliere das nicht mehr."
Einmal sagte sie zu Chefarzt Hennenberger. "Tut mir leid, dass ich so weine." Der
antwortete:"Weine. Lass es raus, es tut dir gut. Ihr müsst das doch auch loswerden." Er
sagt seinen Leuten, sie sollen "mit Liebe pflegen, aber Abstand halten". Bei den
Schwestern wäre der Bedarf nach Supervision groß, sagt Barbara.Die Kinder werden
immer kleiner, die ethischen Fragen drängender. "Spielen wir der Natur einen Streich?
Jedes überlebende Kind, das behindert bleibt, stellt die Arbeit infrage." Aber dann
erzählt sie die Geschichte von dem Jungen, der bei seiner Geburt 600 Gramm wog; der
gestorben wäre, als sie noch jung war, und heute, mit sieben, so pfiffig ist. Und so eine
Geschichte wiegt alles auf und beantwortet für dieses Mal alle Fragen.
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Sidney übersteht diese Nacht.Sidney übersteht den nächsten Tag. Ihre Werte bessern
sich. Keiner weiß, wieso, aber sie meistert diese Krise.
Sie entwickelt zwar hohen Blutzucker und bekommt Insulin.0,5 Milliliter pro Stunde,
exakt dosiert. Dazu eine Mischinfusion, 2,8 Milliliter pro Stunde. Aber die Ärzte haben
sie wieder unter Kontrolle. "Ich verliere langsam das Gefühl, ich hätte da ein
todgeweihtes Kind", sagt Alexis Schild. Wenn sie am Ostermontag noch lebe, elf Tage
nach der Geburt, dann dürfe man anfangen, Hoffnung zu haben.
Am Ostermontag radelt Schild von der Nachtschicht nach Hause. Er setzt sich ans
Ufer der Außenalster, einen Kaffee in der Hand, die Morgensonne im Rücken, er fährt
sich durch den Bart, den er seit seinem Urlaub in Nepal trägt, er sagt:"Gestern fing
Sidney an, Daumen zu lutschen. Da zerreißt es einem auch als Arzt fast das Herz. Das
Wesen wird plötzlich lebendig, aus der abstrakten Idee wird ein kleiner Mensch. Es fällt
einem schwer, Distanz zu wahren. Das geht einem echt nahe."
Zu viel Nähe sei gefährlich, sagt er. Es gebe Kollegen, die angesichts ihrer
Verantwortung in eine Angstspirale gerieten, unmöglich dann, Entscheidungen zu
treffen.Vielleicht liegt es an der langen Nacht; zum ersten Mal lässt Schild so etwas wie
Zufriedenheit erkennen."Wir wissen jetzt, dass wir alles richtig gemacht haben. Das ist
ein beglückendes Gefühl." Er sagt lange nichts. Nur irgendwann:"Doch, ja."
Jeden Tag ist Christina zum Kuscheln da. Sidney liegt auf ihrer Brust, stundenlang.
"Känguruhen" kommt aus Kolumbien, wo Mütter ihre Frühgeborenen von jeher mit
Tüchern an sich binden, weil sie keine Inkubatoren hatten.Die Reifung wird gefördert,
Herzschlag und Atmung, ohne jede Unterstützung, beruhigen sich.
Jeder Atemzug aus eigener Kraft hilft dem Baby. Und das ist das Zweite, das die
Medizin neben dem Surfactant erst entdecken musste: Demut. Früher wurde jedes Kind
zwischen der 24. und 29. Woche intubiert. Bis man realisierte: Die Beatmung selbst
schädigt die Lunge. So präzise es auch sein mag, das Gerät ist eine grobe Maschine.
Wenn das Kind mit Surfactant richtig vorbereitet ist, besteht die Chance, dass es früh
selbst zu atmen beginnt.
Noch kann für Sidney jeder neue Tag eine neue Krise bringen.Sie führt nicht ab, das
ist jetzt die größte Sorge. Es müsste das Kindspech kommen, der dunkle erste Kot.
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Wahrscheinlich hat der Darm nicht die Kraft, den Stuhlgang herauszupressen. Im
Röntgenbild sieht man freie Luft in der Bauchhöhle, eine Operation muss sein.
Ein kleines Loch im Darm wird herausgeschnitten, beide Enden werden nach oben
durch die Bauchdecke geführt. Auf Sidneys Bauch, links oberhalb des Nabels, klebt nun
ein Beutel; der Kot, der bald senfgelb sein wird, kann abfließen.Alle vier Stunden ist er
in den abführenden Teil des Darms umzufüllen. Er landet schließlich da, wo er landen
soll. In einer anderen Operation wird der Ductus geschlossen, die Umgehung des
Lungenkreislaufs. Sidney übersteht auch diesen Eingriff.
Ende Mai. Sie atmet nun selbst, wenn auch noch unterstützt durch ein System, das
sich CPAP nennt. Beim Wickeln streckt sie sich, gähnt, pinkelt im Bogen. Sie trinkt 100
Milliliter am Tag, sie niest, sie hat Schluckauf. Sie nimmt zu.Sie wächst und hat ein
bisschen Speck angesetzt.
Die Eltern gewöhnen sich an das Gefühl, dass sie eines Tages ihre Tochter
mitnehmen dürfen."Wir hören sie jetzt weinen. Vorher hat sie nicht geweint", sagt ihr
Vater. "Sie ist eine Diva, eine kleine Zicke", sagt ihre Mutter."Wir werden viel Spaß zu
Hause mit ihr haben."
Es ist ein kurzer Moment der Fröhlichkeit, der rasch vergeht.Sidneys Eltern sitzen in
einem Lokal im Hamburger Osten, sie halten sich an der Hand. Fast alle Gedanken
kreisen um sie. "Wir trauen uns gar nicht aufzublühen", sagt Christina. Nach der Angst
ums Leben kommt jetzt die Angst, ob Sidney gesund sein wird.
Im Alter von zwei, drei Jahren lässt sich sagen, ob das Gehirn oder Sinnesorgane
beeinträchtigt sind, später kann es noch zu verzögertem Wachstum kommen,
psychischen Problemen, erhöhtem Risiko für chronische Krankheiten.Eltern aber, die
ihr Kind nach Kräften fördern, bewirken manchmal Erstaunliches. Und da ist eine
Studie der Uni Würzburg über ehemalige Frühgeborene. "Die behinderten Kinder sind
genauso glücklich wie die gesunden", sagt Ekaterini Kougioumtzi. "Lebensqualität
muss nichts mit Leistungsdenken zu tun haben."
Sidney zeigt keine Auffälligkeiten.Die Hoffnung ist da, dass alles gut wird.
Manchmal wird tatsächlich alles gut.
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Mitte August ist sie 36 Zentimeter lang, wiegt 1100 Gramm und trinkt täglich 280
ml, ein Viertel des Körpergewichts.Die Hirnblutung könnte folgenlos geblieben sein.
Sidney hebt ihren Kopf schon allein."Das darf sie gar nicht, aber sie macht`s einfach",
sagt Christina."Ich kann jetzt eine richtige Mama sein." Sie wohnt für die letzten Tage
in der Klinik, es soll alles so sein wie zu Hause.
Vor Kurzem hat sie mit ein paar Freundinnen eine Babyparty gefeiert, das
Kinderzimmer ist eingerichtet.Sie werden Babykleider kaufen. "Ich brauch das jetzt",
sagt Christina. "Ich kann nicht nur dasitzen und warten." Das Leben in der Schwebe
ertragen sie nicht mehr. "Wir wissen, was uns erwarten könnte", sagt Dustin."Was
immer kommt, wir werden es annehmen. Wenn es gut läuft, muss Sidney eben ein paar
Jahre zur Krankengymnastik."
Die Eltern haben neuerdings einen anderen Zug im Gesicht.Mehr Stolz als Furcht.
Aber immer wieder fällt ein Schatten in ihre Blicke. "Sidney zwingt uns hoch, jeden
Tag", sagt Christina.Sie glauben an Gott, aber ohne Religion, sagen sie. Bei der Tochter
hängt ein Rosenkranz am Bett, und Dustin küsst jeden Morgen seinen, der mal Mileyn
gehört hat.
Die Tage des April scheinen jetzt oft wie ein Film, als wären sie anderen passiert.
Doch ab und zu packt sie übermächtig das Gefühl von damals, dieses Gefühl, verloren
zu sein, verzweifeln zu müssen. "Mileyn hat an diesem Montag ihre 25 Prozent Kraft
Sidney geschenkt", sagt Christina, "obwohl es ihr besser ging. Ich glaube, dass das
stimmt: dass sich ein Zwilling in der Not für den anderen opfert." Sie stockt kurz.
"Wenn Kinder lachen im Schlaf, heißt es, sie spielen mit den Engeln.Ich stelle mir dann
Sidney vor, wie sie mit Mileyn ..." Christina bricht ab. "Es ist ein schwerer Weg", sagt
Dustin, er streicht seiner Freundin das Haar aus der Stirn. "Das bleibt. Das vergeht
einfach nicht."
Die Psychologin hat den Eltern gesagt, sie sollten Sidney schon in ein paar Jahren
alles erzählen und ein Foto von Mileyn ins Zimmer stellen. "Ich muss die starke Mama
sein", sagt Christina, "aber ich weiß nicht, ob ich das schaffe.Ich hab Angst vorm
Traurigsein, wenn die Fragen kommen."
Chefarzt Axel Hennenberger sagt, er finde es großartig, wie Sidneys Mutter die
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Situation meistere. In den ersten Wochen hatten ihn massive Zweifel geplagt.Wenn er
bei der Geburt der Zwillinge dabei gewesen wäre, sagt er, wer weiß, wie er gehandelt
hätte, als Chef, der sein Kreuz breit machen kann. "Weil sie so klein waren, hätte ich
vielleicht entschieden, dass sie spontan geboren werden. Das wäre das Todesurteil
gewesen. Da genügt eine Presswehe auf den Kopf."
Hennenberger, 62, wird in zwei Jahren in Rente gehen. Seine Schwestern, seine
Ärzte sagen, dass sie sich seinetwegen auf dieser Station fühlten wie in einer Familie.
Weil der Axel Zweifel zulasse.Seit 32 Jahren ist er im Dienst, er kann sich erinnern, wie
Schwestern per Hand die Pumpen bedienten, mit der die Babys beatmet wurden,
wochenlang, ehe die doch starben. Und plötzlich stießen sie unter die 32. Woche vor,
die 29., die 25.Woche. Bis hinein in den Nebel."Früher war ich stolz, was Medizin alles
kann", sagt er. "Heute sehe ich viel mehr, was die Medizin alles nicht kann. Die
Grenzen, die uns gesetzt sind. Ich bin zu anderen Entscheidungen bereit als früher."
Sidney und Mileyn waren aus seiner Sicht allenfalls 22.Woche plus fünf Tage, "die
Zahl ist ja nicht mehr als eine Messung des Computers". Was eines Tages möglich sein
wird, künstliche Gebärmütter etwa, daran will er gar nicht denken. Rekordmeldungen
anderer Kliniken kümmerten ihn nicht, sagt Hennenberger, Kinder in der 22.Woche
fassen sie nicht an.Dabei ist die Station im Marienkrankenhaus hochmodern
ausgestattet, sie betreuen 50 bis 60 Kinder im Jahr unter 1500 Gramm, zusammen mit
dem Wilhelmstift, dem Mutterhaus, sind sie in Hamburg eine der größten
Einrichtungen.Das bedeutet Erfahrung, und wenn Kinder Glück haben sollen, ist es am
besten, erfahrene Ärzte begleiten sie.
In Deutschland tobt gerade ein bizarrer politischer Kampf, wer solche Frühchen
behandeln darf. Kleinere Kliniken wehren sich gegen die Einführung einer
Mindestfallzahl. Es geht ihnen offenbar nicht um die Zukunft der Kinder. Bis zu 100000
Euro zahlen die Krankenkassen pro Frühgeborenes. 8000 Babys kommen im Land jedes
Jahr auf die Welt, die unter 1500 Gramm wiegen, weit mehr als 100 unter 500 Gramm.
Weil immer mehr Mehrlingsgeburten nach künstlicher Befruchtung zu verzeichnen sind
und die Gynäkologen immer öfter späte Fehlgeburten in Frühgeburten umwandeln
können, steigen die Zahlen.
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Sidney kommt im September nach Hause, fünf Monate alt, sie wiegt 2500 Gramm
und misst 50 Zentimeter, sie kann sich schon fast vom Rücken auf den Bauch drehen,
ein aufmerksames und zugleich entspanntes Kind. Schwester Barbara kommt ab und zu
vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Das Leben scheint nicht mehr in der Schwebe,
es fühlt sich an nach dem Alltag einer Familie.
Ein paar Wochen später eine neue Krise. Die Ärzte stellen extremen Natriummangel
fest, Sidney ist ganz ausgetrocknet und muss zurück in die Klinik, an die Schläuche,
auch ans Beatmungsgerät. Bei den Eltern kommen die Erinnerungen wieder hoch, die
Bilder, die Ängste. Christina zieht zu ihrer Tochter ins Krankenhaus, sie ist immer bei
ihr. Als Sidney stabil ist, lassen die Ärzte den künstlichen Darmausgang verschwinden.
Jetzt soll der Körper alles selbst verdauen, er muss es auch. Das Leben hat für
Sidney, sieben Monate alt, gerade erst begonnen.
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Auf Leben und Tod
Halima und Rafi, zwei junge Leute aus Herat, gehören unterschiedlichen
afghanischen Stämmen an. Sie lieben einander und versuchen, gemeinsam zu fliehen.
Das kostet sie fast ihr Leben. Eine Liebesgeschichte aus einem zerrissenen Land
Wolfgang Bauer, Die Zeit, 12.07.2012
Denk nicht mal dran!«, warnte der ältere Bruder, als Rafi ihm seinen Plan
verriet. Der Onkel erklärte: »Du bist ein Träumer!«, wobei er Rafi nur mit halbem Ohr
zuhörte. Verrücktheiten eines Kindes, dachte er bei sich. Die Mutter dagegen schaute
ihrem Sohn lange in die Augen. Der 17-jährige Rafi ist ihr Kleinster. »Mein Junge«,
sagte sie ernst, »du wirst uns alle ins Unglück stürzen.«
Der Tag, an dem die Welt in Jabreel, einem Vorort von Herat, Afghanistan, aus
ihrer Ordnung bricht, ist der 6. Juli 2011, ein Mittwoch. An diesem Tag entschließen
sich Rafi Mohammed und seine heimliche Freundin Halima Mohammedi, ihren
Liebesplan allen Warnungen zum Trotz durchzuziehen. Dieser Plan ist denkbar
schlicht. Halima, deren Familie die Liebe des Mädchens zu Rafi nicht billigt, verlässt
am Nachmittag das Haus ihrer Schwester, in der Hand das Handy, das sie ihr
gestohlen hat. Sie tritt auf die Straße und wartet auf den jungen Mann, der zur
vereinbarten Uhrzeit mit einem Wagen kommen und sie mit ihrer Einwilligung
entführen soll. Doch Rafi ist nicht pünktlich, er ist im Verkehrschaos stecken
geblieben, also ruft sie ihn an und fragt, wo er denn bleibe. Das Zeitfenster zur Flucht
ist klein, jeden Moment kann Halimas Abwesenheit bemerkt werden. Deshalb spricht
Halima ganz aufgeregt und mit viel zu lauter Stimme. Auf diese Weise erfahren die
Umstehenden von Halimas Plan – und solche Pläne sind in Afghanistan gefährlich.
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Es sind vor allem junge, auf Kundschaft wartende Rikschafahrer, die nun hören,
dass sich ein Mädchen aus Jabreel ohne Erlaubnis der Eltern mit einem Jungen
davonmachen will – noch dazu mit einem Jungen, der nicht einmal aus dem Viertel
kommt.
Als Rafi endlich vorfährt und Halima einsteigt, blockieren plötzlich ein halbes
Dutzend Rikschas den Weg. Hunderte aufgebrachter Menschen umringen den Wagen.
Hände greifen ins Innere des Toyota, zerren an Rafi, kratzen ihm blutende Wunden.
Rafi wehrt sich, doch immer mehr Hände drängen durch die Wagentür nach, reißen
ihn schließlich heraus, in den Staub der Straße. Bevor seine Ohren sich mit warmem
Blut füllen, hört Rafi noch die Rufe. »Hängt sie auf! Tötet sie!«
Fäuste schlagen auf ihn ein, Füße treten ihn, in den Bauch, die Rippen, auf den
Kopf. Rafis Nase bricht, die Augen schwellen zu, er windet sich schreiend. Die Masse
der Schläger füllt die Straßenkreuzung. »Sie hätten die beiden umgebracht«, erinnert
sich später der Polizeikommandeur gegenüber der ZEIT. Seine Männer sind es, die das
Paar schließlich dem Mob entreißen.
Hastig werden Rafi und Halima auf die Wache in Sicherheit gebracht. Doch die
wütende Menge drängt nach. Eine Wand aus Körpern drückt gegen das Metalltor der
Polizeistation. Alles gerät außer Kontrolle. In den Straßen von Jabreel wird jetzt
geschossen. Unter die Demonstranten mischen sich auch Soldaten der afghanischen
Streitkräfte auf Heimaturlaub, sie schleudern Handgranaten auf die Wache. Längst
kämpfen die acht Polizisten, die sich im Gebäude verschanzen, nicht mehr nur um das
Leben des unglücklichen Paares, sondern um das eigene. Als alles vorbei ist und
Halima und Rafi knapp mit dem Leben davongekommen sind, haben Polizisten
versehentlich einen 19-jährigen Schüler erschossen, Dutzende Menschen verhaftet,
zahllose verletzt. Und aus Jabreel steigen Rauchsäulen auf.
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»Was wird nur aus uns werden?«, hatte Halima am Vorabend ihren Rafi am
Telefon gefragt, und er hatte ihr versprochen: »Es wird alles gut. Irgendwann werden
sie uns verzeihen.« Zwei Jahre lang hatten Rafi und Halima an ihren Fluchtplänen
gefeilt, sie in nächtelangen Telefonaten besprochen, darüber gelacht, geweint,
verschiedene Varianten im Geiste durchlebt und wieder verworfen. Beide sind 17
Jahre alt, er ein Tadschike und damit Sunnit, sie eine Hazara und daher Schiitin –
Angehörige zweier Stämme, die seit Jahrzehnten verfeindet sind. Aber sie haben in
sich etwas entdeckt, das die meisten ihrer Verwandten, ja die meisten Afghanen nie
kannten und das viele fürchten wie einen bösen Fluch: die Liebe.
Der Richter verurteilt sie zu einem Jahr Gefängnis – nur weil sie sich trafen
Nie zuvor war Afghanistan in so großer Umwälzung. Überall im Alltag lösen
sich die alten Werte auf. Die Mobiltelefone machen jeden für jeden erreichbar, über
alle Lehmmauern hinweg. Die Leute sehen Filme aus Indien, ungeheuerliche Bilder,
auf denen Menschen einander küssen und zärtlich berühren. Männer und
unverschleierte Frauen begegnen sich zu Zehntausenden in Universitäten und in
Fabriken, die an den Stadträndern hochgezogen werden. Menschen, die nach den
Konventionen einander nie hätten begegnen dürfen, lernen sich jetzt kennen – und
lieben. Und ein Teil der Jugend definiert sein Lebensglück neu: den Ehepartner selber
wählen, den Beruf oder auch nur die Art, die Haare zu frisieren.
Andere Jugendliche klammern sich verzweifelt an das Althergebrachte. Sie
kämpfen gegen den Bruch mit den Traditionen, sie tun es mit Worten, mit Stöcken,
mit Messern, mit Gewehren. »Wir erleben gerade ein schockierendes Anwachsen der
Gewalt«, klagt Suraya Subhrang, die Sprecherin der Menschenrechtsorganisation
Afghan Independent Human Rights Commission. Es herrscht Krieg in Afghanistan –
aber nicht nur der gegen die Taliban, von dem die ganze Welt weiß. Ein zweiter, stiller
Krieg tobt in den Familien. Die Fronten dieses Krieges verlaufen nicht an Hügelketten
oder Flüssen entlang, sondern durch die Wohnzimmer, durch die Schlafzimmer, durch
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die Kinderzimmer afghanischer Familien, und sie werden selten öffentlich. Dieser
neue Krieg wird mit dem Abzug der Nato nicht enden. Dieser Krieg hat gerade erst
begonnen.
»Du hast nicht auf mich gehört«, sagt Rafis älterer Bruder. Die beiden sitzen mit
gesenkten Schultern auf dem betonierten Gefängnishof in Herat. Rafi meidet den Blick
des Älteren. Er sieht über die Mauerkrone, wo am Himmel Nato-Flugzeuge
Kondensstreifen ziehen. »Mutter weint jede Nacht. Sie faucht deine kleinen
Schwestern wegen jeder Kleinigkeit an.« Der Plan, mit dem Rafi und Halima sich die
Freiheit erzwingen wollten, hat sie hinter die Mauern der »Besserungsanstalt für
Jugendliche« gebracht. Es ist jetzt Ende Oktober. Vier Monate sind vergangen, seit
das Paar in Jabreel vom Mob gestoppt wurde. Dieselben Polizisten, die sie gerettet
haben, führten sie später in Handschellen und Fußketten hierher. »Ihr habt das Gesetz
gebrochen«, sagten sie ihnen. Die Anklage lautete auf »versuchten vorehelichen
Geschlechtsverkehr«, nach Paragraf 29 Strafgesetzbuch. Seither leben Rafi und
Halima im selben Gebäude, aber streng getrennt in unterschiedlichen Trakten. Seit
ihrer Festnahme haben sie sich nicht gesehen.
Am Vortag hat das Berufungsgericht in Herat die Haftstrafe für beide von einem
halben Jahr auf ein ganzes erhöht. Das Vergehen des Paares sei besonders schwer, da
es sich bereits zwei Jahre lang heimlich getroffen habe. »Glaubst du, sie weiß schon
davon?«, fragt Rafi seinen Bruder. »Ich hab Angst, wie sie reagieren wird.«
»Es wäre doch das Beste, ich wäre tot«, flüstert Halima im Mädchentrakt,
fünfzig Meter von Rafi entfernt. Sie schaut auf die Spitzen ihrer Finger, die Hände
liegen im Schoß. Heute Morgen hat sie vom Urteil erfahren. »Sie sagen, wir sind
Verbrecher. Aber das sind wir nicht.« Im Zellengang hinter ihr hallt das Brüllen der
anderen Mädchen. 34 weitere junge weibliche Gefangene sind mit ihr hier eingesperrt.
Ständig gibt es Streit und Zank. Zusammengepfercht auf engstem Raum, ziehen sie
einander kreischend an den Haaren, schlagen sich ins Gesicht, rangeln mit der
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Gefängniswärterin. »Huren!«, rufen die Wärterinnen. Die meisten Insassinnen haben
das gleiche Verbrechen begangen wie Halima. Sie haben sich in den Falschen verliebt.
Da ist die 15-Jährige, die einen 50-Jährigen heiraten musste und sich dann in
einen gleichaltrigen Jungen verguckte. Eine andere wurde von ihrem Vater dabei
erwischt, wie sie Textnachrichten mit einem jungen Mann austauschte. Das genügte
den Richtern, um sie für ein Jahr einzusperren. Die Jungs sind oft ebenfalls hier in der
Besserungsanstalt – unter dem Druck der Familien haben sie sich alle von ihren
Freundinnen losgesagt. Alle – bis auf Rafi. Rafi sagt immer noch: »Ich liebe sie, aber
sie liebt mich zehnmal mehr.« Dieser Glaube hält Halima am Leben.
Rafi und Halima sahen sich das erste Mal vor zwei Jahren in jener
Eiscremefabrik, in der sie beide arbeiteten. »Seine Augen«, sagt sie. »Ihr Witz«, sagt
er. Halima kommt aus einer armen Familie, ihre Mutter starb, da war sie sieben. Das
Unglück verbindet sie mit Rafi. Dessen Vater ist ermordet worden, da war er noch
nicht zehn. Halimas Vater heiratete wieder, doch die neue Frau verstand sich nicht mit
Halima. Die beiden stritten immerzu. Die Fabrikarbeit befreite Halima regelrecht, gab
ihr Luft zum Atmen. Der Fabrikant schätzt die Frauen, die er beschäftigt, und auch die
Kinder. Bei diesen niedrigen Löhnen findet er nicht mehr genügend Männer für die
Arbeit. Herat ist Afghanistans Industriestadt. Die Fertigungshallen wachsen weit in die
Wüste am Stadtrand hinein. Motorräder und Traktoren werden hier montiert, Säfte
abgefüllt und »SuperCola«. »Ich habe die Arbeit gemocht«, erinnert sich Halima. Und
irgendwann, nach vielen tiefen Blicken, hat sie den entscheidenden Schritt getan. Sie
steckte Rafi in einem unbeobachteten Moment einen Zettel mit ihrer Handynummer
zu.
Die Tage in der Besserungsanstalt bestehen aus ummauertem Nichts. Die Leere
ist Programm. Das Gefängnis wird von einer Direktorin geleitet, der die Jugendlichen
nicht hart genug bestraft werden. »Wir müssen Unsittlichkeit strenger ahnden, sonst
machen die das immer wieder.« Das Nichts umgibt Halima, wohin sie schaut. Die
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Wände sind kahl. Die einzigen Möbel in ihrem Trakt, die Metallregale im Zellengang,
sind leer. Der Fernseher im Pausenraum funktioniert nicht. Die Mädchen werden von
der alten Wärterin Jontab täglich um vier Uhr morgens geweckt. Sie trommelt an die
Türen. So werden die Delinquentinnen früh in den Tag gezwungen, damit sie länger
an der Eintönigkeit leiden. Nach dem Aufstehen gibt es für viele Stunden nichts zu
tun. Beten, herumhängen, bloß nicht wieder einschlafen, sonst wirft Jontab mit dem
Schlüsselbund. Um acht Uhr wird das Frühstück verteilt, Brot und ein Löffel voll
Zucker. Im Sommer hatten sie Schulunterricht, doch nun ist der Direktorin das Geld
ausgegangen. Von sechs Klassenzimmern ist bloß eines offen, dort erklärt ein Lehrer
den Stoff der ersten Grundschulklasse. Halima, die als Einzige in ihrer Familie lesen
und schreiben kann, hat vor ihrer Zeit im Gefängnis bereits die siebte Klasse besucht.
Trotzdem ist sie glücklich über das bisschen Unterricht. Immerhin etwas, um das
Nichts zu vertreiben.
»Was hat sie gesagt?« Rafi, im Jungentrakt, ist nervös. Er durfte seit vier
Monaten nicht mit ihr sprechen. Die Direktorin behauptet, das wäre gegen das Gesetz.
Er wippt mit den Füßen. »Liebt sie mich noch? Steht sie zu mir?« Die Platzwunden in
seinem Gesicht sind verheilt. Fingerbreit wächst ihm Flaum über der Oberlippe. Er
spricht in kurzen, abgehackten Sätzen, manchmal verschluckt er vor Aufregung
Wörter. »Wir sind so rein wie die Milch unserer Mütter.«
Als sie sich gegenseitig Textnachrichten auf ihre Handys schickten, begannen
sie sich als Paar zu fühlen. Flüsternd geführte endlose Telefonate. Anfänglich ein
Kichern und Albern, doch dann wurden die heimlichen Gespräche immer ernsthafter.
Sie redeten miteinander, wie sie bisher mit niemandem hatten reden können. Sie
erzählten einander von ihren Schwächen. Halima klagte Rafi, wie sehr sie unter ihrer
Stiefmutter leide. Die behandle sie wie ein kleines Kind, obwohl sie selbst nicht viel
älter sei. Rafi erzählte ihr von seinem Onkel, der sich seit dem Tod des Vater um ihn
kümmert. Der es gut mit ihm meine, ihn aber nicht ernst nehme und als
»Müttersöhnchen« bezeichne. Er erzählte ihr, wie sehr er im Schatten seiner beiden
älteren Brüder stehe. Was die fertigbrächten, erwarte der Onkel auch von ihm.
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Aber Rafi und Halima sprachen sich nicht nur: Alle paar Wochen trafen sie sich
für ein, zwei Stunden, meistens in einem Park in Herat. Ein Cousin Rafis begleitete sie
dabei, damit sie nicht als Liebespaar auffielen. In diesem Park geschah es auch
irgendwann, dass Halima Rafi die Hand auf die Schulter legte. Ganz warm war sie und
leicht wie eine Feder. Rafi weiß das noch. Er träumt bis heute von dieser Berührung.
Es war die einzige in ihrer zweijährigen Liebe. Nie haben sie sich geküsst. Nie kam es
zwischen ihnen zum Äußersten, das wurde sogar gerichtlich festgestellt.
Nach der Verhaftung brachten Polizisten Halima ins Krankenhaus, wo sie das
Mädchen zum Jungfrauentest zwangen. Ein Arzt öffnete ihr dabei mit zwei Fingern
die Vagina, untersuchte das Hymen, ob es noch intakt sei, drückte mit den Fingern
gegen die Scheidenwände, um die Elastizität der Vaginalmuskeln zu prüfen. Das
berichten Gerichtsmitarbeiter. Solche Untersuchungen sind international als
Verletzung der Menschenwürde geächtet. In Afghanistans Rechtssystem gehören sie
nach wie vor zum Alltag. Es war Halimas und Rafis Glück, dass der Arzt ihr die
Jungfräulichkeit attestierte. Andernfalls hätte das Strafmaß leicht bei fünf Jahren
liegen können.
In der Geschichte von Rafi und Halima ist wunderbarerweise das Glück und das
Unglück gleich verteilt. Das größte Glück ist Jamila Khisrawi, Halimas Anwältin. Die
27-Jährige gehört zu Afghanistans neuer Generation selbstbewusster Juristinnen. »Die
Richter haben mich vor drei Jahren noch angebrüllt und aus dem Gerichtssaal
geworfen.« Sie lacht dieses seltsame Lachen, das sie so häufig lacht und bei dem man
keinen Laut hört. »Die sagten, dafür bist du als Frau viel zu emotional.« Hartnäckig
haben sich Khisrawi und ihre drei Kolleginnen seither die Anerkennung der Gerichte
erkämpft. Sie sind bei der deutschen Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale
angestellt. Ihr Büro in Herat liegt im Stadtzentrum, an einem geheimen Ort, kein
Türschild weist auf sie hin. »Wir werden permanent mit dem Tod bedroht«, sagt
Khisrawi. Aus Angst gehen die Anwältinnen nie alleine vor die Tür, immer sind sie
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miteinander per Handy verbunden. Siebzig Prozent ihrer Mandantinnen stehen wegen
moral crimes vor Gericht, wegen Sittlichkeitsdelikten.
Khisrawi betreut Mädchen, die als Kinderbräute verheiratet wurden, sich
irgendwann in gleichaltrige Jungs verliebten und mit ihnen wegliefen. Sie vertritt
Frauen, die entführt und über Monate vergewaltigt wurden und die deshalb wegen
Ehebruchs langjährige Haftstrafen bekamen.
Es ist selten der Mann, der Vergewaltiger oder Misshandler, der vor Gericht
steht, klagt Khisrawi, sondern fast immer die Frau, die vor ihrem Mann floh. Die
Männer können sich häufig der Verhaftung entziehen, sie wissen, wie die Polizei zu
bestechen ist. Die Frauen dagegen, die meist zu Hause sitzen, wissen das nicht. Die
Fälle auf Khisrawis Schreibtisch stapeln sich, die Anzahl der Prozesse hat sich binnen
eines Jahres verdoppelt.
Jamila Khisrawi hat gegen den Widerstand ihrer Familie Jura studiert, sie ist
gegen allen Widerstand Anwältin geworden. »Ich weiß manchmal nicht mehr weiter«,
sagt sie. Über mehrere Tage wurde sie kürzlich immer wieder von einer Frau
angerufen. Ihr Mann habe sie in einem Zimmer eingesperrt. Er wolle sie töten. »Das
letzte Mal sagte sie plötzlich, sie höre die Schritte ihres Mannes. Dann legte sie auf.«
Seitdem hat die Anwältin nichts mehr von ihr erfahren. Jamila Khisrawi konnte nicht
helfen. Das Haus der Frau lag außerhalb Herats, in einem Taliban-Bezirk. »Ich glaube,
dass er sie inzwischen umgebracht hat.«
Khisrawi ist unverheiratet. »Es ist nicht einfach«, sagt sie, »in Herat einen Mann
zu finden, der jemanden mit meinem Beruf als Ehefrau akzeptiert.«
Den ganzen Herbst über suchen sie und ihre Kolleginnen verzweifelt nach einem
Weg, ihre Mandantin Halima vor dem Schlimmsten zu bewahren. Ihr Vater hat
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öffentlich angekündigt, sie nach der Haftentlassung zu töten. »Sie hat mich und die
Familie in den Schmutz getreten«, sagt er mit ruhiger Stimme. »Ich bin jetzt für immer
ein Mann ohne Ehre.« Nur der Tod der Tochter, so glaubt er, kann die Familienehre
wiederherstellen.
Wie ein altes Uhrwerk, in vielen Jahrhunderten erschaffen, feingliedrig in seiner
Mechanik, regulierte sich die afghanische Gesellschaft. Das soziale Räderwerk in
diesem Land ist hochkomplex, mit vielen kleinen und großen Zahnrädern, die filigran
ineinandergreifen, automatisch in ihren Abfolgen – doch diese Mechanik stockt, sie
funktioniert nicht mehr. Besonders in den Städten läuft sie immer häufiger leer. Nichts
greift mehr ineinander, weil viele junge Menschen die Regeln nicht mehr akzeptieren,
die Zahnräder blockieren sich gegenseitig. Die Gesellschaft des Landes ächzt und
stöhnt darunter, fast mehr als unter den Kämpfen zwischen den Taliban und den
Regierungstruppen.
Während im Gefängnis die Psychologin von Medica Mondiale mit Halima
Atemübungen macht, sie lockert, mit ihr weint und sie aufmuntert, damit sie weiter
durchhält, ringt die Anwältin Khisrawi draußen in der Welt um die einzig mögliche
Lösung: eine Ehe mit Rafi. Unverheiratet müsste Halima ihr Leben im Frauenhaus
oder in der Prostitution weiterführen. Beinahe die gesamte Familie hat mit ihr
gebrochen, sie fürchten den Vater, die Schwestern dürfen nicht mit ihr reden, das
haben deren Ehemänner verboten.
Nach vielen vergeblichen Telefonaten gelingt es Jamila Khisrawi, den Vater
Halimas zu einem Treffen zu bewegen. Dreimal wird es anberaumt, dreimal lässt er
den Termin verstreichen. Beim vierten Mal klappt es. Die Anwältin begegnet dem
Vater auf sicherem Terrain, nicht im Büro, damit er ihr später nicht auflauern kann.
Die Frauen laden ihn ins »Mediationszentrum« ein, so nennen die Frauenrechtlerinnen
ihr mit ausgeblichenen Aufklärungsplakaten dekoriertes Besprechungszimmer in
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einem Regierungsgebäude. »Ich kann diese Beziehung nicht akzeptieren«, sagt
Halimas Vater. »Ich bin der Spott meiner ganzen Familie.«
Präsident Karsai geht auf die Taliban zu und billigt neue Verbote für Frauen
»Das ist nicht wahr«, versetzt Khisrawi. »Halima und Rafi haben keinen Sex
gehabt, aus Rücksicht auf deinen Ruf.« Er wendet widerwillig den Kopf, kneift die
Augen zusammen, sammelt offenbar alle Kräfte, um nicht sofort aufzustehen und zu
gehen.
Es ist ein Gespräch, bei dem das Leben des Mädchens an jeder Silbe hängt.
Einmal hat die Anwältin Khisrawi das Gefühl, der Vater zeige Einsicht. Wenig später
ist sie wieder überzeugt: Die Klientin ist demnächst tot.
»Sie hätte es mir sagen sollen«, klagt der Vater.
»Sie hatte Angst vor dir!«
»Der Junge ist Sunnit, wir Hazara sind Schiiten. Die werden meine Tochter
zwingen, ihren Ritus anzunehmen.«
»Ich kenne glückliche Ehen zwischen Schiiten und Sunniten in meiner eigenen
Familie«, Jamila Khisrawi kämpft unverdrossen. »Wenn sich deine Tochter
deinetwegen umbringt, wirst du wegen Mordes angeklagt.«
Ganz Jabreel schaue auf ihn, jammert der Vater. Der Ungehorsam Halimas
mache die Familienmitglieder zu Außenseitern, zum Abschaum des Viertels. Was sie
sich in Generationen aufgebaut hätten, ihr Ruf, die soziale Stellung – mit dem
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Fluchtversuch der Tochter sei alles dahin. Nach zwei weiteren Treffen schaffen es die
Anwältinnen – es ist jetzt Ende Herbst – doch noch, dass er einer Hochzeit zustimmt.
»Trau meinem Vater nicht«, sagt Halima in ihrer Zelle zur Anwältin. »Er wechselt
schnell seine Meinung. Er hält nicht Wort.«
Mit einem Bügeleisen brennt sich Rafi im Gefängnis ein »H« für Halima in die
Haut
Eine Ehe zwischen Rafi und Halima wäre die zwischen Erbfeinden. Die Hazara,
zu denen Halimas Familie zählt, mongolischstämmig, leben in Herat in einer prekären
Situation. Als mittellose Einwanderer werden sie misstrauisch beäugt von den
alteingesessenen Tadschiken, zu denen Rafis Familie zählt. Für die sind die Hazara
keine richtigen Muslime, sondern Ungläubige, die Prostitution und Sünde nach Herat
bringen. Der Stamm der Hazara ist das gedemütigtste Volk Afghanistans, ihren einst
unabhängigen Staat, das »Hazaradschat«, haben Tadschiken und Paschtunen vor
hundert Jahren zerschlagen. Unter den Taliban waren es wieder die Tadschiken, die
gegen die Hazara kämpften. In Herat leben nun Freund und Feind auf engem Raum,
angelockt von Jobs und relativem Frieden.
Die ganze Stadt ist unfertig, ein einziger Rohbau, es staubt, es dampft,
Baugerüste überall, es boomt, alles unkontrolliert, alles neu, im Neuen keimt aber
schon wieder der Verfall. Sobald sie etwas errichtet haben, bröselt und bröckelt es und
bricht. Alle Dinge sind aus der Balance. Auch die Menschen. Nirgendwo verbrennen
sich mehr Frauen als in der 300000-Einwohner-Stadt Herat, 75 waren es allein 2011,
nirgendwo in Afghanistan zählen die Behörden mehr Scheidungen. Die
Entführungsindustrie floriert. Im Ringen zwischen Tradition und Moderne ist Herat so
etwas wie Afghanistans Brandungszone.
Es wird Winter vor den Mauern der Besserungsanstalt, bald gilt er als der
strengste seit Jahrzehnten. Raureif blüht in den Fugen, das Radio meldet zweistellige
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Minustemperaturen. Im Dezember schneidet sich Halima mit einer Rasierklinge tief in
die Hände. Eine Freundin verrät es der Psychologin Saliha, die zweimal in der Woche
die Frauen besucht. »Was willst du, Mädchen«, fragt die 45-Jährige. »Du willst
sterben, aber du willst auch mit Rafi leben, das ist doch ein Widerspruch.« Halima
überlebt diesen Winter, und Rafi findet inzwischen immer neue Wege, Nachrichten in
den Mädchentrakt zu schmuggeln. Er besticht die Wärterin Jontab, steckt ihr Geld zu,
gibt ihr Trockenfrüchte. Er bleibt freundlich zu Jontab, auch wenn sie launisch ist und
Halima absichtlich falsche Nachrichten zuträgt. »Ich liebe dich nicht mehr«, hat
Jontab ihr – angeblich von Rafi – ausgerichtet. Halima brach in Weinkrämpfe aus. So
spielt die Alte ihre Macht aus. Einmal in der Woche, zum Besuchstag, kommen der
Bruder oder der Onkel vorbei und versorgen Rafi mit neuem Geld.
Die Direktorin ist eine studierte Juristin aus gutem Hause, die das Kinn hart
hochzieht, wenn ihr etwas nicht behagt. Sie trägt kunterbunte Kopftücher und hat es
sich in ihrem Knast nach eigenem Gutdünken gemütlich gemacht. Sie könnte die
Zwillingsschwester der Herzkönigin aus Alice im Wunderland sein. »Ich stehe immer
im Dienst der Kinder«, sagt sie. Doch meistens schaut sie in einem Hinterzimmer fern,
sommers wie winters, beleibt und leicht reizbar, die Beine auf einem Hocker. Nur im
Notfall verlässt sie diese Position. Ihr dreijähriger Sohn saust tagein, tagaus durch die
Gänge und bespuckt aus Spaß das Personal. Zum Beispiel den Anstaltsarzt, der
gelangweilt vor seinem Pillenschränkchen hockt und den inhaftierten Mädchen, so
heißt es, mit Vorliebe Injektionen in die Oberschenkel gibt. »Hier kommen die
Jugendlichen schlimmer raus, als sie reingekommen sind«, räsoniert der Arzt über die
Anstalt. »Ich persönlich wäre ja für die Prügelstrafe.« Der Kleine rennt auf seinen
Runden auch am Büro des Buchhalters vorbei, der es zur hohen Kunst entwickelt hat,
hinter dem Schreibtisch mit offenen Augen zu schlafen. Rennt weiter von Tür zu Tür,
hinter denen Sachbearbeiter für diverse Zuständigkeiten dösen, ohne etwas Sinnvolles
zu tun. Gleichzeitig bleiben die jungen Häftlinge in ihren Zellentrakten sich selbst
überlassen. Die älteren tyrannisieren die jüngeren. Selten setzt ein Erwachsener einen
Fuß hier herein.
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Überraschend nimmt Halimas Vater seine Zustimmung zur Heirat eines Tages
wieder zurück. »Er fordert jetzt eine Million Afghani Brautgeld oder ein Mädchen aus
Rafis Familie für seinen ledigen 50-jährigen Bruder«, klagt die Anwältin Khisrawi.
Inzwischen ist es Februar. Rafis Familie ist entsetzt. Die horrende Summe von
umgerechnet fast 16000 Euro kann sie nicht aufbringen. Rafis Schwestern seien mit
sieben und zehn Jahren fürs Heiraten noch zu jung, findet seine Mutter. Die
Verhandlungen zwischen den Familien scheinen erneut festgefahren. Rafi brennt sich
an diesem Tag mit einem Bügeleisen den Buchstaben H in die Armbeuge. Es ist jetzt
schon das vierte H auf seinem Körper. Auf der Schulter prangt bereits eines, das hat er
sich mit Rasierklingen in die Haut geschnitten, am rechten Oberarm trägt er eine Hförmige Brandwunde, die er sich mit Streichhölzern zugefügt hat, mit Nadeln stach er
sich ein H in den linken Arm. Er liegt in seiner Zelle lange wach und grübelt bis weit
hinein in die Nacht.
Dem Land vor den Anstaltsmauern steht schon wieder eine Zeitenwende bevor.
In der Hauptstadt Kabul plant die Regierung Karsai für die Jahre nach 2014. Bis dahin
werden die ausländischen Bündnistruppen Afghanistan verlassen haben. Der Westen
hat angekündigt, obendrein die Entwicklungshilfe drastisch zu kürzen. Karsai sucht
einen Interessenausgleich mit den Taliban, gegen deren Kämpfer er sich nicht halten
kann. Das gibt den konservativen Mullahs in der afghanischen Politik wieder Raum,
spürbar gewinnen die Radikalen an Einfluss. »Wir Frauenrechtlerinnen werden jetzt
geopfert«, fürchtet Khisrawi. Die Anwältinnen haben Angst, verbringen ihre
Mittagspausen im Büro mit bangen Diskussionen. Im Präsidentenpalast hat die
Versammlung der Mullahs, die Ulema, vor ein paar Tagen ihre neuesten Beschlüsse
verlesen, und Karsai hat dazu kräftig applaudiert: Frauen dürfen künftig nicht mehr
ohne männliche Begleitung aus dem Haus. Frauen dürfen nicht mehr mit fremden
Männern reden. Es wird ihnen das Recht entzogen, Anteil am öffentlichen Leben zu
nehmen. Listen dieser neuen Verbote werden bereits überall im Land in den Moscheen
verteilt. Noch sind es nur Empfehlungen, noch haben sie keine Gesetzeskraft. Als aber
neulich eine der Anwältinnen für eine Weiterbildung nach Kabul fliegen wollte, wurde
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sie prompt am Flughafen angehalten. Ob ein Mann ihrer Familie Bescheid wisse? Seit
der Taliban-Herrschaft, sagt Khisrawi, sei das nicht mehr vorgekommen.
Das Verhandeln mit Halimas Vater wird zum Wettlauf gegen die Zeit. In den
ersten Apriltagen soll das Paar entlassen werden. Ein Gnadenersuch der Anwältinnen
beim Obersten Gericht in Kabul hatte Erfolg. »Ich will 250000 Afghani«, sagt der
Vater zwei Wochen vor Haftende. Noch einmal haben sich beide Familien im
Mediationszentrum getroffen. Am Ende einigen sich die Parteien auf 5000 Dollar,
zahlbar in zwei Tranchen, die eine sofort, die andere am Tag der Hochzeit. Mit ihren
Fingerabdrücken besiegeln sie den Vertrag.
Am Tag vor der Entlassung hat die Direktorin Halima und Rafi zu sich ins Büro
bestellt. Es ist das erste Mal seit ihrer Festnahme, dass sich die Liebenden
wiedersehen. Sie sitzen auf Polstermöbeln, mustern einander und sind verblüfft. Wie
sehr hat die Gefangenschaft sie doch verändert! »Halima ist jetzt ganz anders«, sagt
Rafi hinterher verunsichert. »Sie war so still. Das ist nicht das Mädchen, das ich
kenne.« Er hat sie heiter in Erinnerung. Am Telefon hatte sie früher mit ihm
herumgealbert.
Aber auch Halima ist von Rafi überrascht. Das Gefängnis, erzählt sie ihren
Freundinnen in der Zelle, habe einen anderen aus ihm gemacht. »Wie der mit der
Direktorin reden konnte. So selbstbewusst.« Über sich sagt Halima, die Anstalt habe
ihren Lebensmut zerstört. Rafi dagegen tröstet sich und schiebt Zweifel rasch beiseite.
Sobald sie hier raus ist, glaubt er, wird sie wieder ganz die Alte sein.
»Ich habe große Angst um Halima«, sagt die Psychologin Saliha am selben
Abend. Ihr Vater ist bei seinem letzten Besuch in der Anstalt belauscht worden, wie er
zum wiederholten Mal einem Wärter verriet: »Ich mache das jetzt bloß, damit sie
rauskommt. Aber das Mädchen muss sterben.« In der Nacht können beide Liebenden
nicht schlafen. Rafi redet mit seinem besten Freund in der Anstalt, einem 14-jährigen
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Dieb, der sich ohne ihn schutzlos fühlt. Die Jungs weinen. Halima schläft auch nicht,
weil zur Aufregung auch noch ihre Regel kommt. Unterleibskrämpfe, schmerzhaft wie
nie zuvor.
»Fühlst du auch das Glück, das ich fühle?«, flüstert Rafi am nächsten Morgen in
ein schneeweißes Handy. Er hat einen Wachmann bestochen, um Halima anrufen zu
können. Sie wiederum hat der alten Jontab Geld zugesteckt, um telefonieren zu
können. »Was machst du? Stehst oder sitzt du?« Jedes Mal, wenn einer der Wächter in
den Raum kommt, verbirgt er das Telefon in der hohlen Hand. »Erinnerst du dich,
dass ich dir gesagt habe, eines Tages kommen wir raus? Heute ist dieser Tag!«
Im Leben von Halima und Rafi beginnt das Räderwerk der Traditionen wieder
zu greifen, seine Regeln und Bräuche. Erleichtert weiß jeder, was bei den
Hochzeitsvorbereitungen zu tun ist. Daheim hat Rafis Familie ein Zimmer mit neuen
cremefarbenen Wandbehängen dekoriert. Hier sollen die Frischvermählten die ersten
Nächte verbringen. Die Tanten kaufen Bonbons, mit denen der Weg ins Haus bestreut
wird. Cousinen gehen auf den Markt, um Fleisch und Gemüse fürs Festmahl zu holen.
Idyllisch liegt das Lehmhaus an einem kleinen Fluss, der sich durchs Viertel windet.
Die Baumschule des Onkels ist gleich nebenan. Der Winter ist vorbei, aus den Kiefern
brechen zarte Triebe. »Ich werde mein Leben geben, um meinen Neffen vor Halimas
Vater zu beschützen«, sagt sein Onkel in einer ruhigeren Minute. »Aber wenn Rafi
noch ein Mal Schande über uns bringt, breche ich mit ihm.«
Rafis älterer Bruder ist für die Hochzeit aus Kabul zurückgekehrt. Er ist bleich
und in sich gekehrt. Seit einigen Monaten transportiert er als Lastwagenfahrer
Mineralwasser zwischen Herat und der Hauptstadt hin und her. Als Maurergehilfe
verdient er zu wenig, um Halimas Brautgeld zu bezahlen. Eine riskante Arbeit. Er
zeigt Bilder, die er auf der Fahrt mit dem Handy gemacht hat: Wracks ausgebrannter
Lkw. Die Armee fackelt bei Kandahar Opiumfelder ab. Taliban beschießen die
Truppen. Rafis Bruder fand sich auf der Straße plötzlich zwischen den Fronten. »Drei
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meiner Freunde haben sie in den letzten zwei Monaten getötet«, sagt er. Zweien haben
sie auf der Straße den Kopf abgeschlagen, den anderen banden sie ans Lenkrad und
zündeten den Lkw an.
In ihrer Zelle probiert Halima das hautenge Hochzeitskleid an
Am Tag, an dem die Welt in ihre Ordnung zurückgehoben werden soll, dem Tag
der Hochzeit und der Haftentlassung, füllt sich das Gefängnis mit den Mitgliedern
beider Familien. In Festtagstracht treten sie durch das Tor. Rafis Mutter unter der
Burka, Onkel und Tanten, der ältere Bruder, der Imam, der die Trauung vornehmen
wird, die kleine Gruppe der Anwältinnen.
Halima probiert in ihrer Zelle ein lachsfarbenes Hochzeitskleid an, eng
geschnitten, dazu Stöckelschuhe, ein Geschenk ihrer älteren Schwester. So unsichtbar
die afghanischen Mädchen sonst sein sollen, so herausfordernd stellen sie bei der
Hochzeit ihren Körper zur Schau. »Ich zieh das nicht an!«, schreit Halima. »Das sitzt
viel zu eng!« Zwei Freundinnen umsorgen sie, stimmen sie um, packen ihre Koffer.
Dann wird Halima herausgeführt, vor das Zimmer der Direktorin, wo die anderen
warten. Rafi, in weißen Kleidern, die Brust goldbestickt, läuft nervös den Gang auf
und ab.
Die Direktorin tritt aus der Tür, das Kinn wieder einmal ganz oben, kein gutes
Zeichen. Noch am Vortag bestand sie darauf, die Zeremonie im eigenen Büro
abzuhalten. Jetzt sagt sie: »Das alles ist illegal!« – »Du Dreckstück!«, schreit sie
Jontab, die Wärterin, an. »Bring das Mädchen wieder in die Zelle!« Warum Halimas
Vater nicht da sei, brüllt sie dann, und obwohl dieser einen Onkel beauftragt hat, ihn
zu vertreten, akzeptiert die Direktorin seine Abwesenheit nicht.
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Als der Onkel Halimas schließlich den Vater anruft, bangen die Anwältinnen.
Sie haben Glück. Laut schallt es aus dem Hörer: »Ich bin mit der Hochzeit
einverstanden!« Trotzdem verweigert die Direktorin die Zeremonie. Sie verfolgt
eigene Interessen. Schon frühmorgens hat sie ihren Buchhalter in Rafis Zelle
geschickt. Wem Gutes widerfahre, der solle auch anderen Gutes tun, ließ sie
ausrichten. 300 Euro will die Direktorin von Rafis Familie. Der Junge lehnte ab, zu
viele Schulden hat sein Onkel schon für ihn gemacht.
Die Hochzeit platzt. Halima wird in ihre Zelle zurückgeführt und bricht dort
zusammen. Sie kriecht unter das Bettlaken und weint. Ihre Zellengenossinnen, die
sonst streiten und zetern, streicheln sie jetzt flüsternd. Die Anwältinnen ringen mit der
Direktorin eine Stunde hinter verschlossener Bürotür. Danach stürmen sie heraus, mit
hochroten Gesichtern. »Vielleicht hat sie einen Handel mit dem Vater gemacht«,
vermuten sie, »das wäre nicht das erste Mal.« Immer wieder, das wissen
Frauenrechtlerinnen in Herat, entlässt die Anstaltsleitung Mädchen vorzeitig und
übergibt sie den Familien, die ihnen nach dem Leben trachten. Es soll Staatsanwälte
geben, die solche Machenschaften decken und die Hälfte der Bestechungssummen
erhalten. Das Jugendgefängnis ist eine Anlage zur Abschöpfung von
Korruptionsgeldern.
»Dich liebe ich wie meinen Sohn«, sagt die Direktorin zu Rafi, als er sich von
ihr verabschiedet, immer noch in weißen Hochzeitskleidern. Ein Wachmann breitet
grinsend die Arme aus. »Kein Geschenk?« Die Direktorin steht daneben und lässt ihn
gewähren. Rafi entschuldigt sich, er sei pleite, dann beeilt er sich hinauszukommen –
nach zehn Monaten Haft. Als die Familie in der Registratur steht, wo sich Besucher
ein- und austragen müssen, sagt der Pförtner, ein Hazara, zu Halimas Onkel: »Wie
kannst du es wagen, eins unserer Mädchen an die Tadschiken zu verheiraten! Hast du
schon vergessen, was die uns angetan haben?« Der Onkel schweigt.
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In dieser Liebesgeschichte, in der es so viel Glück wie Unglück gibt, ist es ein
großes Glück, dass die Familien bis zum nächsten Morgen nicht die Geduld verlieren.
In den Fluren des Familiengerichts treffen sie wieder aufeinander. Die Anwältinnen
wollen die Trauung hier vollziehen lassen. Die Gerichtsbeamten sind freundlich,
wollen aber die Personalausweise der Brautleute sehen – weder Rafi noch Halima
haben einen. In Afghanistan hat fast niemand so etwas. Ein zweites Mal droht die
Hochzeit zu scheitern.
»Machen wir es doch einfach bei uns zu Hause«, schlägt jetzt Rafis Onkel vor.
Halimas Onkel stimmt zu, auch die Anwältinnen nicken. »Warum nicht? Eine Nikah«,
sagen sie. Es ist die althergebrachte Art, in Afghanistan zu heiraten. Dazu braucht es
nur den Imam. Drei Suren, die dreimal wiederholte Zustimmung der Brautleute. Eine
Sache von zwei Minuten. Die Anwältinnen haben die Ehe aus Angst vor Halimas
wankelmütigem Vater offiziell beurkunden lassen wollen. Aber weil sich das als so
gut wie unmöglich erwiesen hat, wenden die Familien sich ab von den Institutionen
ihres neuen Staates, von all den Paragrafen und Klauseln, den aktenüberfrachteten
Büros und zahllosen Stempeln, die für sie letztlich nutzlos sind.
Im Taxi fährt Halima in die Freiheit. Der Wind weht durch das offene Fenster.
Er lässt Halimas Kopftuch an den Rändern flattern. Sie legt den Kopf auf die Schulter
ihrer Tante. Rafi sitzt vorne, er lacht über das ganze Gesicht. Für einen Moment sind
die Morddrohungen des Vaters vergessen. Der Wagen ist an den Flanken verrostet, die
Reifen sind ohne Profil. Der gelbe Lack ist in breiten Streifen abgeplatzt, doch für
Halima und Rafi könnte es keine schönere Hochzeitskutsche geben.
Rafi will sich eine Arbeit als Lastwagenfahrer suchen, wie der Bruder, trotz aller
Gefahr. Die Schulden müssen abgetragen werden. Halima möchte an der Universität
in Herat Computerwissenschaft studieren, vielleicht. Sie ist nun auch die Einzige in
Rafis Familie, die schreiben kann. Die nächsten Wochen über wird das Paar nicht aus
dem Haus gehen, aus Angst vor Halimas Vater.
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Der Imam hebt die Arme, Rafi tut es ihm nach, Halima sitzt nebenan im Zimmer
der Frauen. Sie hört durch die Wand das Rezitieren der Koransuren und weint.
Halimas Onkel geht vom Zimmer des Bräutigams in das der Braut und fragt sie, ob er
in ihrem Namen zustimmen könne. Sie sagt: »Ja.« Er zählt das Brautgeld, das Rafis
Onkel mitgebracht hat. Ein Vertrag wird aufgesetzt, auf der Seite eines Schulheftes,
und der Erhalt des Geldes bestätigt. Zwei Männer und das Hochzeitspaar
unterschreiben das wichtigste Dokument im Leben der jungen Leute mit ihren
Fingerabdrücken: vier blaue Flecken, dicht im Kern, an den Rändern auslaufend,
schön wie Sternennebel.
Dann sitzen die Liebenden endlich nebeneinander, zum ersten Mal seit ihrer
Flucht, für das Hochzeitsfoto. Fast können sie sich mit den Knien berühren. Rafis
Familie macht sich Sorgen, die beiden könnten sich bald entzweien. Sie fragen sich,
ob Halima zu den Frauen des Hauses passt. Hoffentlich, sagen sie, ist das nicht bloß
eine Verrücktheit zweier Kinder, sondern tiefe Liebe, hoffentlich ist nicht alles längst
vorbei. Rafi starrt in die Kamera. Halima schaut zu Boden. Klick. Beim zweiten Foto
hebt sie den Kopf ein bisschen. Klick. Bei der dritten Aufnahme lächelt sie.
Dann lächeln beide zusammen.
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Der Tod kommt von oben
In der syrischen Stadt Aleppo sind viele Menschen in finstere Keller gezogen, weil
Kampfjets des Regimes die Häuser bombardieren. Plötzlich gelingt es Bewohnern, sich
wieder ans Stromnetz anzuschließen – und die Hoffnung zurückzuholen.
Wolfgang Bauer, Die Zeit, 06.09.2012
Die Hände zittern zu sehr, um die Schnürsenkel zu binden, diese albernen
Schnürsenkel, sie flattern beim Laufen herum. Ich renne in die Dunkelheit des
Treppenhauses, renne die Stufen hinab. Eine weitere Bombe schlägt in ein Gebäude
der Nachbarschaft ein, der dritte Abwurf in fünf Minuten. Nicht über die Schuhbänder
stolpern, denke ich, um an irgendetwas zu denken. Der Boden bebt von der Wucht der
Explosion. Ich erreiche das Erdgeschoss, drücke mich an die Wand. Hier soll der
Beton am massivsten sein.
Das Kindergeschrei, das bis eben von der Straße drang, ist verstummt. Eine
Ratte trippelt durch das Treppenhaus. Stille. Fliegen setzen sich auf meine Haut. So
viele gibt es jetzt von ihnen. Der Müll zieht sie an. Er bedeckt Plätze und
Straßenränder. Die Stadt verfault von innen heraus. »Unsere Stadt Aleppo ist jetzt eine
Stadt der Fliegen«, sagen hier viele. Aus dem schmalen Lichtschacht hallt das
Triebwerksgeräusch eines Kampfflugzeuges. Hoch oben kreist es wie ein Raubvogel
über einem Kaninchenbau. Die Menschen, die in dieser Straße wohnen, die ihnen
Zuflucht ist und Falle zugleich, sind in ihre Häuser geflohen. Mohammed, der
Taxifahrer von gegenüber, dessen Kinder auf dem Balkon eben noch miteinander
gestritten hatten, sein Cousin Ahmed, der Schneider im Untergeschoss, und der Friseur
vom Eck, sie starren auf die Betondecken über ihren Köpfen oder schließen die
Augen. Sie alle lauschen demselben Geräusch. Dem gleichmäßigen Röhren der
Maschine.
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Der Tod in Aleppo kommt willkürlich wie ein Gottesurteil. Es gibt keinen
Schutz vor ihm. Er trifft die Menschen meist wahllos, plötzlich, an den
unterschiedlichsten Orten, fast ohne System. In den vergangenen Monaten ist der
syrische Bürgerkrieg immer unerbittlicher geworden, mit beinahe allen Mitteln kämpft
das Regime von Baschar al-Assad ums Überleben. Den Aufständischen der Freien
Syrischen Armee (FSA) gelang es, die Regierungstruppen aus weiten Teilen des
Landes zu verdrängen. Mit Panzerfäusten und Maschinengewehren haben sie den
Norden Syriens erobert. Sie haben die meisten Grenzübergänge zur Türkei und zum
Irak in Besitz genommen. Lange hofften sie darauf, dass sich auch die Einwohner der
zweitgrößten Stadt Syriens erheben – vergeblich.
Aleppo ist der Wirtschaftsmotor des Landes, viel Industrie, viel Handwerk,
zweieinhalb Millionen Einwohner, so bedeutend wie Mailand oder Madrid oder
Marseille für ihre Länder. Als die Städter nicht zu Revolutionären wurden,
beschlossen die FSA-Kommandeure, sie dazu zu machen. Im Handstreich nahmen sie
im Juli einen Großteil der Stadt ein. Doch seit vier Wochen haben sich die Kämpfe in
den Straßen festgefressen. Assad setzt jetzt eine seiner furchtbarsten Waffen ein, die er
bisher zurückgehalten hatte: Kampfflugzeuge. In diesen Tagen erlebt Aleppo die
schwersten Luftangriffe, die es auf eine Großstadt seit dem Vietnamkrieg gegeben hat.
Als der Himmel ruhig wird und sich der Kondensstreifen des Bombers im Wind
verliert, füllt sich die Straße wieder mit Lärm. Kinder kommen aus den
Hauseingängen, einzelne erst, dann viele. Eine Gruppe von ihnen läuft zu ihrer Schule
am Ende der Gasse, um zu sehen, ob sie getroffen wurde. Frauen mit Kleinkindern an
der Hand machen sich auf den Weg zum nahen Gemüsemarkt. Mohammed, der
Taxifahrer, tritt ebenfalls wieder auf die Straße, lacht. Er sagt: »Der Pilot muss
auftanken!« Er wohnt seit zehn Jahren im Viertel, er kennt jeden hier und hat uns
eingeladen, in die Wohnung eines Freundes zu ziehen. »Wir haben aber keinen
Strom«, sagt er wie entschuldigend. Er steigt auf eine Leiter an der Fassade und prüft
mit einem Leuchtstift, welche Drähte intakt sind und welche tot.
Die Bomben des Kampfjets haben die Männer der Straße bei ihrem Versuch
unterbrochen, die Stromleitungen zu reparieren. Maschinengewehrgarben der
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Helikopter kappten sie vor drei Tagen. Seitdem hat die Straße keinen Strom mehr. Die
Menschen leben im Dunkeln, die Sommerhitze staut sich in ihren engen Wohnungen
an. Sie schlafen in ihrem eigenen Schweiß. Die Hitze steigt auf bis zu 40 Grad. Die
Menschen versuchen, die Stromkabel zu flicken, um sich nicht ganz ohnmächtig zu
fühlen. Sie arbeiten, um nicht fortdauernd an die Toten zu denken, die sie von der
Straße räumen.
Der Krieg, von dem sie hier bisher nur gehört hatten, der weit weg zu sein
schien, in Homs, in Hama, in den Vororten, ist endgültig zu ihnen gekommen. Zu
Beginn traf eine Granate den einzigen Baum in der Gasse, sie schlug ihn in zwei
Hälften. Eine andere traf einen Gemüsestand an der Querstraße, tötete zwei Menschen.
Ein Versehen, glaubten die Anwohner da noch. Doch dann griff ein Kampfjet die
Warteschlange vor der Bäckerei an. Mitten in die Menge warf der Pilot seine Bombe.
Hunderte Menschen stehen dort jeden Morgen für Brot an. Es ist die einzige Bäckerei,
die ihnen im Viertel geblieben ist. »Ich habe heute stundenlang Mehl gesiebt«, erzählt
Mohammed. »Wir brauchen es, und es ist noch voller Splitter.« Der Mehllaster hatte
zufällig vor der Bäckerei geparkt und einen Großteil der Sprengwirkung abgefangen.
Trotzdem starben fünf Menschen. Mohammed, ein Mann mit starken Schultern, breitet
die Arme aus, um zu zeigen, wie er die Kinder trug.
»Das erste Kind«, sagt Mohammed, »wurde in die Beine getroffen.« Aus den
knopfgroßen Wunden rann dunkles Blut. »Das zweite Kind«, sagt er. Die Gedärme
quollen aus seinem Bauch. »Das dritte Kind«, sagt er. Es war an den Händen verletzt,
dieses eine überlebte. »Ich konnte nicht auf die Beerdigungen. Ich hatte keine Kraft.«
Er steht vor den heruntergelassenen Jalousien eines Ladens. Der Besitzer Ahmed, ein
55-jähriger Schneider, und sein 25-jähriger Sohn sind ebenfalls vor der Bäckerei ums
Leben gekommen. Jahrelang hatten sie unter Mohammeds Wohnung ihr Geschäft
betrieben.
Ende August werden zehn Bäckereien von der Luftwaffe Assads angegriffen.
Bei der schlimmsten Attacke sterben 60 Menschen. Die Warteschlangen werden zu
Todeszonen. Systematisch attackieren die Kampfjets auch die Bäckereien des
Umlandes. Die Stadt Marea im Norden, die wir auf dem Weg nach Aleppo passierten,
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hatte Glück: Die erste Fliegerbombe explodierte nicht. Sie war 500 Kilogramm schwer
und reichte einem Erwachsenen bis zur Brust. Die Wartenden konnten fliehen, bevor
wenige Minuten später eine zweite Bombe fiel – die dann explodierte.
»Assad, oder Syrien wird verbrennen!«, schreiben die Regimetruppen in den
Kampfgebieten auf die Häuserwände.
Die Straße, in der wir wohnen, liegt in der westlichen Hälfte der Innenstadt. Die
Kampflinie ist knapp einen Kilometer entfernt. Die Straße ist eine von vielen. Sie trägt
in dieser Reportage keinen Namen – um sie für Piloten nicht zum Ziel zu machen. Sie
ist ungefähr 400 Meter kurz und 15 Meter schmal. An ihrem Anfang steht die
Moschee mit dem Gemüsemarkt, an ihrem Ende die Grundschule mit der Bäckerei
gegenüber. Sie ist gesäumt von grauen achtstöckigen Wohnhochhäusern, die beidseitig
wie Felsen einer Schlucht aufragen. Ihre Fassaden sind überwuchert mit
Kabelsträngen der Stromleitungen, lianengleich überziehen sie die Wände. Die
Ärmsten Aleppos leben hier, Sunniten die meisten, Arbeiter, die mit ihren Familien
aus den Dörfern herzogen, vom Boom der Stadt gelockt, dazwischen viele
Handwerker, vor allem Schneider. Die Wohnungen sind klein und eng, der einzige
Luxus sind Balkone, die sie mit bunten Plastikplanen verhängen. Tief unten, vom
Grund der Straße aus betrachtet, wirkt der Himmel wie ein Spalt, schmal wie ein
Reptilienauge.
In fünf Häuserblocks hat Mohammed Stromkabel durchgeprüft, als er den Kopf
hart in den Nacken legt, ein Sirren ist plötzlich dort oben. Ein Geräusch, als würde ein
Modellflugzeug fliegen. »Ungefährlich«, sagt er. »Eine Überwachungsdrohne.«
Unsichtbar schwebt sie über uns, sichtet das Schlachtfeld, späht mögliche Ziele aus.
Angeblich liefert der Iran die Technologie, kürzlich haben Rebellen der FSA eine
Reparaturwerkstatt für diese Späher erobert. Mohammed scheucht die Kinder davon.
Er hat Angst, dass größere Menschenansammlungen die Aufmerksamkeit des
elektronischen Auges auf sich ziehen. Dem Flug der Drohne folge häufig weiterer
Beschuss. Der Friseur gesellt sich zu ihm, beide recken den Hals nach oben. »Siehst
du was?«, fragt Mohammed. Eine Weile noch prüfen sie den Himmel, drehen sich
langsam um die eigene Achse, dann fragt der Friseur: »Wie sieht es mit dem Strom
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aus?« Er möchte endlich wieder arbeiten, und ohne Strom kann er seinen Salon nicht
aufmachen.
Eine kleine Kampfgruppe der FSA ist in die Grundschule am Ende der Straße
gezogen. Sie ist eine von circa 60 »Brigaden«, die aus dem Umland nach Aleppo
kamen. Ein Tischler führt sie an, ein massiger Kerl mit schwarzem Stirnband. Im Büro
des Schuldirektors hat er sein Quartier aufgeschlagen. »Wir sind 25 Mann, haben aber
nur Waffen für die Hälfte.« Er ist rundum heiter, strahlt die Gewissheit aus, am Ende
zu siegen, sei es im Diesseits oder im Tode. Sie kämpfen mit Kalaschnikows,
Panzerfäusten, Maschinengewehren und Flinten für die Hasenjagd. Ihr Arsenal lagert
auf den Sesseln des Büros. Der Tischler hat sich vom Militärrat der Rebellen einen
Frontabschnitt im Süden Aleppos zuweisen lassen. Die Schule ist sein Rückzugsraum.
Matratzen liegen in den Klassenzimmern, es gibt Fernseher, damit die Rebellen in
Ruhezeiten DVDs sehen können. Am Eingang haben sie mit einem Tisch und einem
Stuhl eine Art Rezeption aufgebaut. Die Anwohner können in einem Buch eintragen,
wie viel Mehl sie brauchen, wie viel Milch. Das FSA-Grüppchen versucht,
Polizeiarbeit zu verrichten, versorgt die Bäckerei auf der anderen Straßenseite mit
Diesel, und doch sind die Kämpfer mehr Gefahr als Hilfe. Fast täglich ist die Schule
Ziel von Bombardierungen.
Für viele Anwohner ist die FSA nicht Befreier, sondern Besatzungsmacht. »Wir
halten uns von denen fern, und die wollen nichts von uns«, sagt ein Grundschullehrer
auf der Straße, der früher hier unterrichtete. »Bevor sie in Aleppo waren, war es
besser. Wir hatten Arbeit. Uns ging es gut. Und jetzt? Schaut euch um!« Oft gibt es
Streit in der kleinen Straße. In Gruppen stehen die Männer zusammen und diskutieren.
»Du hast es doch selber gesehen«, herrscht Mohammed, der Taxifahrer, den Lehrer an.
»Dein Assad hat auf die Menschen vor der Bäckerei gefeuert! Das war kein
militärisches Ziel!« Es ist schwer zu sagen, wie viel Unterstützung das Regime in
Aleppo tatsächlich noch hat. Zu viel Angst haben die Menschen, vor Assad und vor
der FSA. Das Maschinengewehr eines Kampfhubschraubers donnert über der
Nachbarschaft. Zwei, vielleicht drei Straßenzüge von hier entfernt. Der Lehrer grüßt
kurz, beeilt sich, nach Hause zu kommen, Mohammed rutscht in den Hauseingang, wo
er sicherer vor den Geschosssplittern zu sein hofft.
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Den
Bug
nach
vorne
geneigt,
pflügen
drei
Helikopter
durch
die
Straßenschluchten. Sie treiben die Menschen vor sich her, Passanten suchen Schutz an
Hauswänden, unter Türvorsprüngen. Manchmal attackieren sie Stellungen der
Rebellen, meistens aber halten sie die Stadt einfach in permanentem Schrecken.
Autofahrer, die unterwegs von Hubschraubern überrascht werden, fahren um ihr
Leben, biegen von Hauptstraßen in Seitenstraßen ein, fliehen aus ihren Wagen. Die
Hauptverkehrsachsen sind gesäumt von ausgebrannten Wracks. An diesem Tag reißt
das Feuer der Bordkanonen nicht mehr ab. In den wenigen Pausen arbeitet
Mohammed an den Kabeln, kommt aber nicht viel weiter. Wie Brandungslärm
schwillt das Helikopterfeuern an und ab, rückt mal nahe und ist dann wieder weit
entfernt. Die Schüsse durchdröhnen den ganzen Abend, die Familien essen derweil mit
ihren Kindern, ein paar Jungs spielen auf der Straße Fußball. Nur wenn die Helikopter
zu dicht herankommen, drücken sie sich an die Mauern, so sehr haben sie sich in den
letzten Tagen daran gewöhnt. Kurz nach Mitternacht ist die Stadt plötzlich wieder still.
Die Männer entfliehen der Hitze ihrer Häuser. Sie sitzen auf den Bürgersteigen,
trinken Tee und reden bis zur Dämmerung. »Wir müssen morgen den Strom wieder
hinbekommen«, sagt Mohammed.
Die Stadt, die ihren Bewohnern bis vor wenigen Tagen so vertraut war, mit den
verwinkelten Gassen, in denen sie sich fast blind zurechtfanden, ist ihnen jetzt ein
zerklüftetes
Terrain.
unkalkulierbares
Jede
Risiko.
Fahrt
Die
zwischen
Situation
den
ändert
Stadtvierteln
sich
bedeutet
manchmal
ein
stündlich.
Scharfschützen des Assad-Regimes lauern an wechselnden Orten. Die SchabihaMilizen können jederzeit einfallen, in Zivilfahrzeugen, in T-Shirts und Jeans, und sich
mit den Rebellen Schießereien liefern. Fast täglich kommen Passanten im Kreuzfeuer
um. Der Radius der Menschen wird immer enger. Die Bewohner der Straßen leben
wie in einer Höhlengesellschaft. Selten entfernen sie sich von ihren Wohnungen weiter
als ein paar Hundert Meter.
»Die Nacht ist nicht mehr wie die Nacht, und der Tag ist nicht mehr wie der
Tag«, sagt Rahman Abdul, 50, im vierten Stock seines Wohnhauses. »Es ist alles
durcheinander.« Sie wachen nachts, wenn die Flugzeuge bombardieren, und schlafen
in den Tag. Er gehört mit seiner Familie zu den wenigen, die noch in den oberen
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Hausetagen leben. Die Vorhänge flattern durch die offenen Fenster. Seine zwei Jungs,
elf und fünf Jahre alt, spielen auf dem Balkon. Vor dem Krieg hatte er eine gut
gehende Werkstatt für Zierleisten, er exportierte bis nach Italien und Saudi-Arabien.
Das Doppelstockbett der Kinder haben er und seine Frau aus dem Balkonzimmer in
den Flur geschoben, als Sicherheitsmaßnahme. »Wo sollen wir denn hin?«, fragt er.
Einige der Nachbarn sind auf die andere Seite der Front geflohen, in die von der
Regierung kontrollierten Stadtteile, wo es keine Bombenangriffe gibt. Aber bald,
glaubt Rahman, werden die Kämpfe auch dorthin kommen. Zehntausende Familien in
Aleppo sind auf der Flucht, ständig auf der Suche nach dem jeweils sichersten
Quartier. Wie Treibgut des Krieges schwappen sie von einem Viertel zum anderen,
von Verwandten zu Bekannten, und enden oft genug in den Wohnungen, aus denen sie
ursprünglich flohen.
Am Morgen ist die Familie aus der Etage unter ihnen ausgezogen. Jetzt sind
Rahman und seine Familie die Einzigen auf sieben Stockwerken. Rahman sitzt auf
einem Sofa, den Kopf schräg zum Himmel gewandt, und saugt an einer Zigarette, als
wolle er alles Nikotin auf einmal daraus ziehen. Die Einbrüche in der Nachbarschaft,
klagt er, nähmen zu. Auch deshalb bleibe er. »Sie wissen, wo die leeren Wohnungen
sind.« Wenn die Assad-Truppen mit dem Artilleriebeschuss begännen, würden die
Diebesbanden in der Stadt aktiv. Sie seien bewaffnet, brächen die Türen auf und
räumten alles aus.
Ein Nachbar, der sich schwer atmend die Treppe hinaufgequält hat, klopft an die
Tür, lässt sich neben Rahman aufs Sofa fallen, ein Wachmann, der nachts im Auftrag
der Ladenbesitzer die Straße kontrolliert. »Ich bin am Ende, ich bin am Ende«, sagt er
zu Rahman. Er drückt die Hände aufs Gesicht und reibt sie hart gegen die Wangen.
Vor zwei Wochen hat eine Fliegerbombe sein Haus getroffen und bis auf die
Grundmauern zerstört. Zwei Männer und zwei Frauen starben, die Leichen haben sie
aus dem Schutt gegraben. Er zeigt das Bild der Trümmer auf seinem Handy. Zeigt
dann das Foto seiner ältesten Tochter. Sie wurde vor einem Monat entführt. So viele
Menschen in der Stadt verschwinden spurlos, besonders junge Mädchen. Die 17Jährige hatte mit seiner geschiedenen Frau in New Aleppo gewohnt, einem der
wohlhabenden Stadtviertel im Westen, bis heute unter Assads Kontrolle. Auf dem
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Weg zum Einkaufen sei sie von zwei Männern in ein Auto gezwungen worden. »Sie
haben mich angerufen und erst eine Million Pfund und dann 500000 verlangt.« Seither
wähle er die Telefonnummer der Entführer, wieder und wieder, aber es melde sich
niemand mehr. Da heben Rahmans Söhne draußen auf dem Balkon die Arme, tuscheln
und zeigen sich etwas am Himmel.
Sie sehen über den Dächern einen Kampfjet. Der Pilot fliegt eine weite
Rechtskurve, geht dann plötzlich in den Sturzflug über und rast auf uns zu – als wolle
er mitten durch das Wohnzimmer. Ich renne aus dem Raum, befürchte, dass der Jet die
Häuserfronten beschießt. Rahman und der Wachmann stürzen von ihrem Sofa, alle
flüchten in den Flur, die Kinder kommen hinterher, da ist der Kampfjet schon längst
übers Haus geflogen. Mir zittern die Knie, ich ringe um Fassung. Rahman hat
geweitete Augen. Die Jungs sind schockstarr. »Es ist nichts, es ist nichts«, versucht
der Vater zu beruhigen. Das Dröhnen einer Explosion in unmittelbarer Nähe, das
Bersten von Stein, Holz, Metall. »Beim Krankenhaus«, sagt Rahman rasch. »Die
zielen immer aufs Krankenhaus.« Am Fenster ziehen schwarze Rauchwolken vorbei.
FSA-Kämpfer hasten aufs Dach, um den Jet mit Maschinengewehren zu beschießen,
ein verzweifeltes Unterfangen. Es steigt damit die Gefahr, dass der Pilot zurückkehrt.
Ich beeile mich, aus den oberen Geschossen zu kommen, und laufe die Treppe hinab.
»Ich wünschte«, sagt der Wachmann zum Abschied, »in mir wäre eine gewaltige
Bombe und sie würde jetzt hochgehen. Dann wäre sofort Schluss mit allem.«
Am nächsten Morgen will Rahman mit seinem Ältesten wieder zur Bäckerei und
für Brot anstehen.
Unten auf der Straße ringen sie immer noch um Strom. Mohammed ist sich
inzwischen sicher, dass es nicht nur an den Kabeln liegen kann. Die Nachbarn stellen
im Laufe des Tages eine kleine Delegation zusammen und schicken sie zum zentralen
Kraftwerk, das noch von Assads Truppen kontrolliert wird. Sie passieren die
Kampflinien, bangen an den Kontrollstellen. Die Soldaten lassen sie durch, doch
empört kehren die Straßenbewohner am Nachmittag zurück. »Wir haben euch den
Strom abgeschaltet«, hätten ihnen die Ingenieure dort gesagt. »Wenn ihr die Rebellen
loswerdet, schalten wir ihn wieder an.« – »Wir haben doch keine Waffen!«, hätten sie
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den Technikern geantwortet. Die Männer entwickeln jetzt einen neuen Plan. Sie
wollen aus einem Nachbarquartier, in dem die Versorgung noch funktioniert, den
Strom umleiten und die Verteilerkästen manipulieren.
»Wie soll ich bloß wieder zur Schule gehen können?«, fragt ein 14-jähriger
Junge, der ruhelos auf einem Mountainbike auf und ab fährt. Stets alleine, stumm über
seinen Lenker gebeugt, hält er Abstand zu anderen Jugendlichen. Er holt aus der
Hosentasche mehrere Schrapnelle, die er eben auf dem Schulhof aufgesammelt hat.
»Noch ein Tag«, sagt er, den Tränen nah, »und die Schule ist völlig kaputt.«
Die Gesellschaft in der kleinen Straße hat sich in zwei Welten geteilt. Selten
begegnen sie einander. Die eine lebt im Tageslicht, ihre Stimmen erfüllen die Luft.
Die andere ist tief in der Erde versteckt. Einem Torwächter gleich sitzt ein 45-jähriger
Familienvater stundenlang vor dem Kellerabgang des Nachbarhauses. Nervös
beobachtet er das Leben in der Gasse, mustert die Passanten. Hinter ihm führen 43
Betonstufen hinab in fast völlige Dunkelheit, wo an den Wänden Kerzen flackern und
zwei Kinder spielen. »Muneer und Abdel«, sagt der Familienvater. Mit ihrer Mutter
und einer Tante leben sie hier seit einem Monat. Bisher gingen sie täglich ein paar
Stunden auf der Straße spazieren. Doch seit vier Tagen haben die Frauen und Kinder
das Sonnenlicht nicht mehr gesehen. »Der Beschuss ist so stark wie noch nie«, sagt ihr
Vater. »Es ist da oben zu gefährlich«, sagt der sechs Jahre alte Abdel. Die Gesichter
der beiden Jungs sind kalkweiß. Ihr Haar ist zerzaust. Sie schauen auf die Besucher,
die Arme an den Körper gedrückt, ganz fest, ganz reglos, mit aufgerissenen Augen, bis
wir wieder gehen.
Das Haus der Familie liegt gegenüber der Bäckerei. Als eine Druckwelle die
Fenster bersten ließ, beschlossen sie, in den Untergrund zu ziehen. »Ich habe in
diesem Keller früher eine Schneiderei betrieben«, sagt der Mann, ein Fabrikbesitzer.
15 Angestellte hatte er vor dem Krieg. »Wir kommen zurecht«, sagt er. »Die Frauen
putzen und kochen, die Kinder spielen.« Die Situation ist ihm unangenehm. »Lass die
Kinder doch etwas an die Luft«, raten die Nachbarn. An den Wänden hängt ein
Dutzend Vogelkäfige, in denen Kanarienvögel mit kleinen Spiegeln spielen. Sie haben
sie vom Balkon der Wohnung hierhergetragen, damit die Vögel nicht von den
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Druckwellen getötet werden. Der Mann hält eine Kerze in der Hand, nervös kratzt er
mit dem Fingernagel über den Wachs. »Wir waren die ganze Nacht wach«, sagt er.
»Dieser wahnsinnige Beschuss.« Vom Markt hat er zwei Tüten neue Kerzen geholt, es
wird immer schwieriger, sie aufzutreiben, eine Stunde hat er dafür gebraucht. Der
Fernseher steht blind in der Finsternis. »Bis vor ein paar Tagen hatten wir wenigstens
Licht«, sagt er. Wenn eine schwere Bombe das Haus trifft und alles über ihnen
zusammenstürzt, glaubt der Familienvater, »werden uns die Nachbarn ausgraben. Die
wissen ja, dass wir hier unten sind.«
Die Front verläuft in den Nachbarvierteln, irgendwo in diesem Häusermeer da
draußen. Wie ein Halbmond legt sich die von den Rebellen kontrollierte Zone um die
Altstadt mit der antiken Zitadelle. Die Kämpfer der FSA haben die sunnitischen
Quartiere weitgehend erobert. Im Norden Aleppos verhalten sich die kurdischen
Gegenden noch neutral. Ihre Volksverteidigungseinheit greift Regierungstruppen wie
Rebellen an, wenn sie in die Viertel eindringen. Am Saum der christlichen Gebiete
wird gekämpft. Die Bewohner dort haben ihrerseits Milizen gebildet, um sich gegen
Übergriffe der FSA zu schützen. Sie fürchten Massaker. In der Vergangenheit waren
die Christen treue Verbündete des Regimes. Die Truppen Assads haben sich vor allem
im wohlhabenderen Westen der Stadt aufgestellt, in den Militärakademien, dem
großen Sportstadion, das zum Panzerdepot geworden sein soll. Mit einer
Großoffensive und 30000 Mann versuchen die Generäle seit Wochen, das verlorene
Gelände zurückzuerobern. Trotz der überlegenen Feuerkraft kommen sie kaum voran,
zwei, drei Straßenzüge haben sie seither der FSA abgenommen. Und auch die FSA
schafft es bisher nicht, die Armee ganz aus der Stadt herauszudrängen. Ihre eigene
Stärke gibt sie mit bis zu 9000 Kämpfern an. Scharfschützen nehmen sich gegenseitig
ins Visier. Es gibt Momente, da belagert die FSA verschanzte Soldaten des Regimes
und sieht sich kurz darauf selbst von ihnen belagert.
Im Keller einer Villa koordiniert der Anführer des Rebellen-Militärrates die
Operationen der FSA. Er trägt zwei goldene Sterne und einen Adler auf seinen
Schulterklappen. Es hat selten einen nervöseren Heeresführer gegeben als
Brigadegeneral Abdel Dschabbar al-Kaidi, und wohl auch selten einen mutigeren. Er
ist vor einigen Monaten von der Regierungsarmee übergelaufen. Seither ist er mit
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seinem kleinen Stab von Kämpfern fortwährend auf der Flucht, von Haus zu Haus.
Am Vorabend hat ein Kampfflieger mit der Bordkanone seinen Wagen attackiert, der
Fahrer wurde schwer verletzt, der General selber konnte sich zwischen Büschen am
Straßenrand verstecken.
»Wir arbeiten auf zwei strategischen Achsen«, sagt er, über die Karte von
Aleppo gebeugt: Seine Männer versuchten, das bisher Eroberte zu halten und weiter
anzugreifen. Er tippt mit dem Kugelschreiber auf die Stadtteile, die die FSA
kontrolliert. Immer wieder, sagt er, gehe seinen Kämpfern die Munition aus. »Keiner
will uns so richtig helfen. Das Ausland redet nur. Fast alle unsere Waffen stammen aus
Beutebeständen.« 15 Stinger-Flugabwehrraketen hätten sie neulich auf dem
Schwarzmarkt gekauft, einst von der Mafia aus US-Arsenalen im Irak gestohlen. Doch
fehlten ihnen die Codes, um die Elektronik der Raketen zu aktivieren. Ein Team der
CIA habe sich nach Aleppo schmuggeln lassen, auch andere Geheimdienste seien hier.
»Aber sie fragen nur«, sagt einer der Kommandeure ungehalten, »sie wollen nur
Namen und Waffenlisten. Sie fragen und fragen, aber geben nichts.«
Das Gerücht sickert am Abend von verschiedenen Seiten ein, Mohammed hat
auch davon erfahren: Ein Kommando von Assads Scharfschützen sei in das Viertel
unterwegs. »Ich habe es von ein paar Leuten gehört«, sagt Mohammed verstört.
Mehrere Familien verlassen die Straße, sie packen das Notwendigste. Einem
Traubenhändler ist nicht weit von hier in den Hals geschossen worden. Unser
Nachbarhaus zur Linken wird in der Nacht von einem Schuss getroffen. Zufällig oder
gezielt, niemand vermag das zu sagen. Trotzdem stellen sich bereits um drei Uhr
morgens die Menschen abermals vor der Bäckerei an. Als es dämmert und die
Kampfhubschrauber wieder über dem Viertel feuern, sind es bereits mehrere Hundert.
Ich überlege, zur Bäckerei zu gehen, wo Frauen und Kinder auf Brot warten. Ich
wage es nicht. Es sind nur 200 Meter.
Die Stadt ist zur Selbstzerstörung verdammt. Die Welt hat sie aufgegeben.
Während die Menschen in Aleppo sterben, wird international über eine
Flugverbotszone diskutiert. Russland und China votieren dagegen, und im Westen
findet sich keine Mehrheit dafür. Auch das deutsche Außenministerium ist dagegen.
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Stattdessen wolle man den Flüchtlingen in der Türkei und Jordanien helfen. Die USA
wollen erst dann eingreifen, wenn das Assad-Regime Chemiewaffen einsetzt. Nur
Frankreich prescht vor, doch wird das allein nicht reichen. In den Straßen der
Metropole herrscht eine Pattsituation. Weder die Regierungstruppen noch die Rebellen
werden in den nächsten Wochen eine Entscheidung herbeizwingen können. Die Stadt,
sagen die meisten ihrer Bewohner, ist verloren. Das Feuer der Zerstörung werde
brennen, bis die Flammen an sich selbst erstickten.
Der Aufzug des Krankenhauses funktioniert noch, sonst nicht mehr viel. Dieses
Gebäude wird so heftig beschossen wie kaum ein anderes in der Stadt. Achtstöckig ist
es zwischen die Häuser des Viertels gebaut. »In den letzten 20 Tagen wurden wir zehn
Mal getroffen«, sagt ein junger Arzt im blutbefleckten Kittel. Er nennt aus Angst
seinen Namen nicht, ist übernächtigt, wirkt wie in Trance. Er sieht auf die Dinge, und
doch sieht er sie nicht. Im sechsten Stock hat die Rakete eines Kampfjets die
Außenwand der Intensivstation aufgerissen, der Straßenlärm füllt den Raum. Im
fünften Stock ist die Frauenstation zerstört, im vierten die Säuglingsabteilung, gläserne
Inkubatoren stehen vor offenen Wänden, im dritten das Bettenlager. »Wir lassen die
Patienten bei uns nicht übernachten, das wäre viel zu gefährlich«, sagt der Arzt. Die
Zuflucht der sechs Ärzte und 20 Krankenpfleger ist der Keller, ein halbwegs sicherer
Ort, sagen sie, zumindest bei einer Bombenlast von bis zu 300 Kilogramm. Beim
Abwurf größerer Bomben bräche auch der Keller zusammen.
Der Fußboden der Notambulanz ist mit einem Muster an Fliegenkadavern
bedeckt. Das getrocknete Blut zieht sie an. Im Takt der Bombenabwürfe kommen die
Verletzten, 70 bis 80 jeden Tag. »80 Prozent sind Zivilisten«, berichtet der Arzt, der
bisher einen relativ ruhigen Vormittag hatte, nur drei Opfer von Scharfschützen, zwei
konnte er retten, einer starb. »Wir brauchen keine Medikamente«, sagt er. »Wir haben
davon genug. Wir brauchen viel mehr Personal.« Die meisten der niedergelassenen
Ärzte im Viertel seien geflohen.
In Mohammeds Straße beginnt sich die Stimmung gegen die Kämpfer in der
Schule zu drehen. »Nicht nur wir stehen unter ihrem Schutz«, ruft der Friseur wütend,
»sondern die stehen auch unter unserem Schutz!« Nachbarn, die morgens an der
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Bäckerei anstanden, haben beobachtet, wie die Rebellen eine Gruppe von Gefangenen
in die Schule zwangen. »Das sind Männer der Al-Berri«, sagt der Friseur. Der
Familienclan der Al-Berri gilt als eine der berüchtigsten Mafiabanden in der Stadt,
eine Stütze des Regimes. Zum Schein, heißt es, betrieben sie ein Fuhrunternehmen,
tatsächlich aber lebten sie von Erpressung, Drogen und Auftragsmorden für die
Regierung. Acht ihrer Oberhäupter wurden neulich von der FSA in der Schule des
Nachbarviertels exekutiert. »Die Al-Berri werden hierherkommen, um die Gefangenen
zu befreien«, klagt auch Mohammed. »Nicht alle Al-Berri sind böse Leute«, sagt der
Friseur. »Aber wenn du bei den Rebellen den falschen Namen hast, bist du ja schon
verloren!« Drei weitere Familien räumen heute ihre Wohnung, beladen Lieferwagen,
stapeln Habseligkeiten, setzen die Kinder darauf und fahren davon.
Der Kommandeur in der Schule ist sehr entspannt. Er gibt vor, von der
Aufregung im Viertel nichts zu wissen. Die Gefangenen seien gut versorgt und
würden gemäß der Genfer Konvention behandelt. Sie hätten zwei Lastwagen auf einer
umkämpften Straße gefahren. »Dort sind nur Kämpfer unterwegs oder Idioten.« Man
werde sie verhören und dann entscheiden. Die acht Männer kauern in einem
Klassenzimmer auf dem Boden, nervös, aber noch unverletzt. Einheiten der FSA
geraten immer stärker in die Kritik, weil sie prügeln und foltern. »Wir machen
Fehler«, beschwichtigt der Kommandeur in seinem Büro, »aber wir korrigieren sie
auch.« Da reißt ein Kämpfer die Tür zu seinem Büro auf. »Sie versuchen
durchzubrechen!« Assads Truppen bedrängen die Front am Flughafen mit Panzern und
Helikoptern, sie brauchen Verstärkung, sagt er und nimmt die letzte Panzerfaust, die
auf dem Sessel liegt.
Ein weiterer Versuch der Straßenbewohner, die Stromversorgung zu reparieren,
scheitert am Abend jämmerlich. Als Mohammeds Cousin an einem Verteilerkasten
herumschraubt, kommt es zu einem Kettenkurzschluss. Fünf andere Verteilerkästen
brennen durch. Die Rebellen in der Schule sind aufgebracht. Auch sie haben jetzt kein
Licht. »Warum überlasst ihr das nicht uns?«, schreien sie die Bewohner der Straße an.
Beide Seiten beschimpfen sich, Mohammeds Cousin zieht ein Messer, die Rebellen
schießen in die Luft, einer schlägt ihn mit dem Gewehrkolben zu Boden. Für eine
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halbe Stunde ist die kleine Straße gefüllt vom Getöse der Streitenden – bis ihr
Schreien im einsetzenden Kanonendonner der Helikopter untergeht.
In dieser Nacht wird ein Wohnhaus getroffen, drei Frauen und ein Kind sterben.
Ob Assad bald wieder Boden gutmacht, fragt sich Mohammed, der Taxifahrer,
wenn er vor seinem Haus auf dem Trottoir sitzt. Was dann passieren wird. Ob er alle
umbringen wird, die mit der FSA kooperierten? Es gibt noch so viele Spitzel in dieser
Straße, einfache Nachbarn, die ihn später denunzieren könnten, um sich einen Vorteil
zu verschaffen. Es sind nicht nur die Bomben, die ihn nachts nicht schlafen lassen.
Das Wunder geschieht am frühen Abend des nächsten Tages, zwischen zwei
Helikopterangriffen. Die Nachbarn haben Geld zusammengelegt, um einen Techniker
des Kraftwerkes zu bestechen. Das Licht springt an, erst nur in einem einzigen Laden,
es flackert, geht aus, springt ein zweites Mal an. Und diesmal leuchtet die ganze
Straße. Kinder und Männer laufen hinaus, die Frauen schauen von den Balkonen, sie
umarmen sich, juchzen, hüpfen und klatschen in die Hände.
Die Straße hallt von ihrem Lachen.
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USA, 20:56 Uhr
In vier Minuten startet eine der größten Shows der jüngeren Popgeschichte.
Zehntausend Amerikaner werden mit Rammstein singen: "Alle warten auf das Licht /
Fürchtet euch / Fürchtet euch nicht." Das SZ-Magazin begleitete die Band durch die
Tage und Nächte in Kanada und den Vereinigten Staaten. Willkommen zu einer Reise,
die Narben hinterlässt
Alexander Gorkow, SZ-Magazin, 06.07.2012
Thilo "Baby" Goos, Veranstaltungstechnik, Denver Coliseum: "Das, mein
Lieber, ist eine der größten Bühnen, die momentan unterwegs sind. 24 Meter breit, 15
Meter hoch, eine reine Stahlkonstruktion. Hier werden 100 Lautsprecherboxen und
viel Licht ans Hallendach gehängt, die Crew zieht 50 Tonnen Equipment an 120
Motoren hoch. Die Anlage hat 380 000 Watt. Es muss dengeln. Es ist Rammstein. Zwei
der 24 Trucks hat die US Trucking Company alleine für die beiden mitreisenden
Kraftwerke dabei. Das sind zwei Megawatt-Aggregate, und die ziehen rund 1000 Liter
Diesel pro Show ausm Tank. Die Kraftwerke braucht man, damit in den Städten nicht
das Licht ausgeht, wenn's bei Rammstein angeht. Öko ist das nicht. Man muss sich
entscheiden: Heiße alte Konzertlampen statt kaltes Licht? Brauchst du Strom. Die
meisten Produktionen sehen heute aus wie Fernsehstudios. Auch die Rockkonzerte.
Eiskalt. So geht's auch. Aber nicht bei Rammstein."
Brauchst du Strom. Von unten, aus dem Keller der Bühne, pfeifen Rauchfontänen durch den Gitterboden, bis weit hoch an die Decke. Von unten schießen Flammen
durch den Gitterboden. Von unten strahlt das Licht durch den Gitterboden. Auf dem
Gitterboden steht Rammstein-Sänger Till Lindemann. Er sieht ein bisschen traurig aus,
wie einer, der aus der Unterwelt vorbeischaut. Dazu diese Stimme: wie sehr schlechtes
Wetter. Hört er womöglich selbst Stimmen? Man denkt an den "ehemaligen Zementund Transportarbeiter" Franz Biberkopf aus Döblins Berlin Alexanderplatz. Die
Freiheit? Ein Panoptikum. Die Städte? Ein Exzess. Das Leben? Man muss ihm entgegentreten, dem Leben, mit Wucht. Lindemann ruft "Links, zwo, drei, vier" und mar-
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schiert, als hätte er unter jeder Arschbacke eine Batterie, er fragt dann diese vielen
Amerikaner Abend für Abend: "Können Herzen singen? Kann ein Herz zerspringen?
Können Herzen rein sein? Kann ein Herz aus Stein sein?"
Die Menschen in den Konzerthallen hier in Amerika singen jede einzelne dieser
Fragen mit. Sie weichen zurück vor dem Feuer. Sie schwitzen in der Hitze. Sie
schließen die Augen vor dem Licht.
Irgendwann, nach diesen Wochen auf Konzertreise hier in Nordamerika, kurz
vorm Abflug am frühen Morgen auf dem Bett des Zimmers 1023 im "Zaza Hotel" in
Houston liegend, die finale Gewissheit: So hell ist das, so laut, so heiß, wenn ein
Planet entsteht. Rechts eingelassen in die Eisenbühne steht ein Bunker für die Pyrotechniker. Wer während der Show durch diesen Bunker schleicht, bewegt sich durch
die Eingeweide einer gigantischen Maschine aus Kabeln, Düsen, Schläuchen, Sauerstoffflaschen. Zum Beispiel steht Gitarrist Paul Landers in dem Lied Asche zu Asche
an seinem brennenden Mikrofonständer auf dem Gitterdach dieses Bunkers, die
Sohlen seiner Stiefel nur Millimeter über den Köpfen der Techniker, und durch
schmale Sehschlitze schaut man, während Landers über einem steht, hinaus auf eine
Show, die eine traurige und komische Geschichte erzählt. Sie handelt von der Dunkelheit und davon, auf welche Art und Weise das Licht in die Dunkelheit tritt. Das Licht
bei Rammstein, das ist zum Beispiel ein an Lindemanns Brust geheftetes rotes Herz,
pochend in der stockfinstren Halle: Minimal Art in einem Lied, das mit dem Gewicht
einer Planierraupe um die Ecke biegt, Mein Herz brennt. Oder es sind bei Engel Lindemanns Flügel aus Stahl, fünfzig Kilo trägt er da, und am Ende der Show werden
diese Flügel Flammen spucken. Oder es sind die Feuerstöße, mit denen Lindemann als
Höllenkasper den Keyboarder und weiß gekalkten Riesenkomiker Flake Lorenz in
einem Eisentopf zubereitet, bis der heraushüpft und mit rauchender Hose über die
Bühne rast.
Flake Lorenz, Autofahrt von San Antonio nach Houston: "Alles, was aus Anstrengung entsteht, ist Scheiße. Hör dir die Musik im Radio an. Leiernder, wehleidiger, stumpfer Dreck. Entstanden aus Anstrengung. Gemacht von Leuten, die Häuser
abbezahlen müssen. Stumpf anmoderiert von Leuten, die Häuser abbezahlen müssen.
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Kapitalismus macht stumpf. Ich habe mich noch keine fünf Minuten im Leben angestrengt. Man muss sich entscheiden. Gute Kunst entsteht nicht aus Anstrengung.
Sondern absichtslos. Aus Lust."
Von Amerika selbst werden nach dieser Reise Eindrücke nur wie Fetzen zurückbleiben. Das grüne Denver und der Red Rock State Park zum Beispiel, hier der Park
Ranger, der warnt, als man Richard Kruspe nackt in die Felsen stellt, um ihn abzulichten: "Freunde, wenn die Sheriffs kommen, heißt das für jeden von euch: mindestens
180 Tage Gefängnis." Die Mockingbird Lane in Dallas, der "Rockfish Diner" und das
Mittagessen mit Lindemann in brütender Hitze. Lindemanns Erinnerungen an die
DDR und seinen Brieffreund Dschenja aus Kasachstan, der eines Tages leibhaftig
anrückte und als Gastgeschenk bunte Teller aus der Heimat mitbrachte zu den Jugendweltfestspielen: "Komsomolzen hier, FDJ dort. Die Jugendweltfestspiele wurden organisiert, damit die jungen Sozialisten sich vermehren. Das war ein einziges Gepoppe."
Der kleine Till, ein sensibler, eigensinniger Junge. Am 19. März 1970 sieht er im
Westfernsehen Willy Brandt zu Besuch in Erfurt, dort ans Fenster des "Erfurter Hofs"
tretend. Stundenlang brüllt das Kind durchs Haus: "Willy Brandt ans Fenster! Willy
Brandt ans Fenster!" Seine Bautischlerlehre im "Betriebsteil 5", Rostock-Schmarl:
"Ein Holzstamm, nu mach ein Fenster draus, Lindemann! Ich mach dir heute noch aus
einem Stamm ein Fenster." Ein anderer Reisefetzen: der Spaziergang mit Flake Lorenz
durch Huntington Beach. Flakes Entsetzen über die puebloartigen Bauherrentotgeburten unter kalifornischer Sonne, bewacht wie das Pentagon. Flake fluchend: "Wer lebt
hier? Wer will hier leben? Wahnsinn. Stumpf." Wie er in das Pazifik-Suburbia
plötzlich sagt: "Ich wohnte mal auf der Fehrbelliner Straße 7." Und? "Nu halt dich
fest: Im selben Haus wohnten Frau Fett und Herr Fleischfresser."
Will er einen verarschen?
"Ich schwör's. Astrid Fett in der einen Wohnung. Wolfgang Fleischfresser in der
anderen. Ich hab auch Zeugen."
Aber die Show. Aber das Licht. Aber das Feuer. Alles ist in jeder Millisekunde
an seinem Platz.
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Cirque du Soleil minus Eskapismus. "Berghain" plus Lyrik. Till Lindemann
erwirbt alle paar Jahre in einem Crashkurs im Berliner Velodrom den sogenannten
Pyro-Schein. Was er dann in seinen großen, vernarbten Händen hält, ist etwas doppeldeutig Herrliches, nämlich das hier: "Erlaubnis und Befähigung zum Abbrand pyrotechnischer Sätze." Krachen tut es heute schnell mal auch woanders. Rammstein aber
wissen, wann es brennen muss und wann nicht, wann die Show ein Traum und wann
sie ein Albtraum sein sollte. Sie ist in den Köpfen von Geschichtenerzählern entstanden, diese Show, nicht in den Köpfen von Eventhanseln. Zum Beispiel: Schlagzeuger
Christoph Schneider. Der Vater ist Opernregisseur, und schon der junge Schneider
hörte von mystischen Konzerten im Westen, von fliegenden Schweinen und gigantischen Mauern. So entstand in Schneiders Kopf früh die Vorstellung von einem Höllenzirkus, einem Schwarzen Theater. Keyboarder Christian Lorenz ist der Anti-Epiker,
sein Spitzname Flake verweist auf die hoch störrischen wie auch liebenswürdigen Wickie-Figuren aus dem gleichnamigen Dorf in der TV-Serie. Flake ist - eigentlich - eine
verspätete Fluxus-Geburt, dazu ein Spaziergänger wie außer ihm höchstens noch
Robert Walser. Und als solcher also: ein Radikaler. Einer seiner lapidaren, umwerfenden Sätze zum Leben, mal eben so hingeworfen beim Weg aus der Halle zurück ins
Hotel: "Man fickt. Oder man fickt nicht. 'N bisschen ficken geht nicht."
Till Lindemann trägt etliche Narben am Körper und auch im Gesicht, da er zum
Beispiel jeden Abend mit der Stirn den schweren Mikrofonständer wegköpft. Kommt
man dieser Show nahe, muss man sagen: Sie ist tatsächlich richtig gefährlich. Man
trägt Narben davon von umherfliegenden Funken, Augenreizungen von Licht und
Rauch, Verbrennungen von den Feuerstößen.
Die Dunkelheit ist das eine, das Licht das andere. Die Lautstärke ist das eine, das
Flüstern das andere. Die Trauer ist das eine, die Komik ist das andere. Man wird
Rammstein nicht verstehen, wenn man sich mit Widersprüchen nicht abfinden mag.
Das geht schon damit los, dass diese monstergroße Sonderbotschaft der deutschen
Sprache nicht in den Riesentöpfen der Kultursubventionierung zusammengebraut
wurde.
Goethe-Institut? Tja, am Arsch.
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Oliver Riedel, Frühstück, Huntington Beach: "Gutes entsteht aus Freundschaft,
Böses entsteht aus Fanatismus. Die Band war immer ein Ding unter Freunden, nur so
sind wir durch alle Krisen. Wir sind etwas extrem und widersprüchlich. Jeder tut's auf
seine Weise. Narziss und Goldmund. Meine Mutter schenkt mir immer noch jedes Jahr
einen Hesse. Mein Lieblingsautor? Murakami."
"Mich interessiert kein Gleichgewicht / Mir scheint die Sonne ins Gesicht":
Wenn viele tausend junge Menschen in aller Welt diese deutsche Lyrik mitsingen, so
liegt das an einem vom Staat nicht subventionierten, dafür aber immer wieder mal zensierten Kunstprojekt. Das Projekt Rammstein entstand in den frühen Neunzigern in
einem Probenkeller am Prenzlauer Berg, ein sonderbares Baby war das, gegründet von
einer Horde Jungs, die die große Oper und den Konzeptrock mochten, die im Jazz, im
Blues und in der Klassik geschult waren, die aber eine solche Wut hatten, dass westdeutscher Punk dagegen so gefährlich rüberkam wie, sagen wir, ein nicht gut
besuchter Ostermarsch bei feinem Regen.
Paul Landers, Autofahrt nach dem Konzert in Anaheim, zurück ins Hotel nach
Huntington
Beach: "Ärger, Hass, das sind prima Motoren. Natürlich stand ich damals in
Berlin im Haus der Jungen Talente herum. Jazz. Dietmar Diesner, Volker Schlott,
herrlich. Klar bedeutet Jazz eigentlich Ärger. Aufstand. Furor. Den Jazz haben die
Heulsusen vom Feuilleton aufm Gewissen, das ist natürlich eigentlich keine Cordhosenmusik. Im Grunde kennen wir sechs uns seit dreißig Jahren. Und wir sind als Band
seit bald zwanzig Jahren gar nicht vorstellbar ohne: Wut. Das hatte mit der DDR eigentlich nix zu tun. Oder nur wenig. Man konnte sich auflehnen, sich stoßen. Aber
wütend bist du, oder du bist es eben nicht. Im Kapitalismus gibt's ja nun erwiesenermaßen kein Arschloch weniger als im Sozialismus. Der Widerstand im Osten war
eckiger, im Westen ist er öliger. Wir standen vorm Haus der Jungen Talente in Ostberlin. Und hatten eine Wut. Und Fehlfarben, nehme ich an, standen in Düsseldorf vorm
Ratinger Hof. Und hatten eine Wut. Oder?"
Es handelt sich - und man muss nicht die Lippen schürzen, um diese delikate
Wahrheit auszusprechen - um die Wut von Bildungsbürgerkindern. Nur zum Beispiel:
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Till Lindemann als Sohn des DDR-Kinderbuchautors Werner Lindemann und der Kulturjournalistin Gitta Lindemann. Schlagzeuger Christoph Schneider als Sohn des
Opernregisseurs Martin Schneider, der heute noch als Professor an der Hanns-EislerMusikhochschule in Berlin lehrt. Gitarrist Paul Landers als Sohn des Philosophen und
Slawisten Anton Hiersche. 78-jährig saß der Vater im Dezember in einem der Rammstein-Konzerte in der Berliner O2-Arena. Dann mailte er seinem Sohn Paul: "Indem
ihr die Dinge bis über das Extrem hinaustreibt, nehmt ihr ihnen das Anstößige. Doch
hinter der Groteske geht die Ahnung von etwas sehr Ernstem, Wesentlichem nicht
verloren. Ihr seid nicht doppel-, sondern dreibödig. Im Russischen gibt es in Bezug auf
solche Kunst den schwer übersetzbaren Terminus Sá-um, wörtlich: Hintersinn. Man
muss die Darbietung mitdenken, um hinter den Sinn zu kommen."
Kein Pathos ohne Hintersinn. Das Lied Engel, eine kinderliedhafte Hymne
darüber, wie man als vernunftbegabter Mensch vom Glauben abfällt.
10 000 Amerikaner, die jede Zeile mitsingen, in erstaunlich sicherem Deutsch:
"Wer zu Lebzeit gut auf Erden / Wird nach dem Tod ein Engel werden / Den Blick
gen Himmel fragst du dann / Warum man sie nicht sehen kann." Der Chor der Engel:
"Erst wenn die Wolken schlafen gehn / Kann man uns am Himmel sehn / Wir haben
Angst und sind allein." Und Lindemann und all diese vollkommen verrückt gewordenen Texaner: "Gott weiß, ich will kein Engel sein." Hier nun die sägende Schleife der
Gitarristen Kruspe und Landers, ein euphorisierter Beat, gestützt durch irgendwie so
was wie Peitschenhiebe aus der Rhythmusgruppe, der uhrwerkhaft Schläge wie
tückische Synkopen setzende Christoph Schneider am Schlagzeug und der SandbergBass Oliver Riedels, der sich schlank und groß über sein Instrument beugt wie eine
fleischfressende Pflanze über die Beute. Kann tonnenschwere Rockmusik das haben,
was sich nicht übersetzen lässt: einen Groove? Komisch, dass das geht.
Richard Kruspe, Fahrt vom Flughafen in Denver zum Red Rock State Park:
"Amerika war immer der Traum. Amerika ist auch immer mein persönlicher Traum
gewesen. Ich fühle mich in New York wohler als in Berlin. Berlin zieht mich runter,
New York zieht mich rauf. Als die Nummer losging in der Presse, wir seien irgendwie
rechts, weil Till das R rollt und wir archaisch aussehen, das war bitter. Rammstein
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haben keine rechte, sondern eine linke Geschichte. Wir haben uns von den Skinheads
die Fresse polieren lassen - im Gegensatz zu all den Herrschaften, die in den
Zeitungen bequem diesen hohen moralischen Ton führten und eigentlich ja ihre
Ärsche nicht ausm Bürosessel kriegten."
Kruspe, der schon früh davon träumte, Rockstar zu werden, der den Pink-FloydGitarristen David Gilmour verehrt, Kruspe, der strahlt und die Interaktion mit den
Menschen in der Halle genießt - der eine tiefe, fragende Seele mit sich herumträgt.
Möglich, dass dem einen oder anderen Rammsteinfan Mutter zu sentimental ist, das
Lied, in dem Kruspe live ungewöhnlich sehnsuchtsgeladen die Saiten dehnt. Aber was
wären Rammstein ohne Mutter? Und was wären Rammstein, wenn sie dann auch diese
Elegie nicht wieder brechen würden? Till Lindemann formuliert auf der Bühne in
Dallas eine seiner berühmtesten Liedzeilen um. Statt von der Mutter ist plötzlich von
wem die Rede? Von der Mutti. "Werf in die Luft die nasse Kette / Und wünsch mir,
dass ich eine Mutti hätte." Hat er sie noch alle, der Biberkopf?
Michael Slade, Bestsellerautor, mailt nach dem Konzert in Vancouver an Paul
Landers in Anlehnung an H. G. Wells: "Ich habe sie alle gesehen, Paul, ich war sogar
Zeuge von Presleys Auftritt in der Ed Sullivan Show. Dann die Beatles, dann Pink
Floyd, die Rolling Stones, The Clash, The Cramps. Aber was seid ihr bloß? Ihr seid
etwas anderes. Europe has arrived. Für mich war dieser Abend wie mein erster
Opernabend damals, als ich per Anhalter quer durch Europa nach Wien gefahren bin.
Ihr seid eine kristallklare, wirklich überwältigende Erfahrung: Unten ihr fünf, die
finsteren Morlocks. Und oben Flake: der Eloi!"
Womöglich ist Till Lindemann, der nur einer von sechs ist bei Rammstein, als
Widerspruch-in-Sich immerhin schon ein schöner Hinweis. Auf der Bühne eine
Kreatur. Und aber auch ein Mann, der leise und wie geschrumpft im Schatten einer
Poolbar eines Hotels in Phoenix sitzt, über seinen Texten, über seinen Zeichnungen,
und man trinkt da also gegen diese sagenhafte Hitze hübsch Budweiser, und zwar
nicht eins, sondern eins nach dem anderen. Sein Blick fällt plötzlich auf einen schmal
gebauten Raben, der auf dem Nebentisch in einen Brotkorb schaut. Er kommt nicht
mehr los von dem Vogel, starrt, sagt: "Kuck. Schön. Ein ganz schlanker Vogel. Die
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sind hier überall. Kluge, schlanke Tiere." Zeichnungen auf Büttenpapier hat er dabei,
in Tee getaucht, mit feiner Tinte darauf Drachen und pustende Wolken. Dazu
Gedichte. Teils ist das Lyrik für seinen Enkel, den kleinen Fritz. Teils ist es auch
Lyrik für keinen kleinen Fritz dieser Welt.
Aber immer ist dies Lyrik ohne jedes Parfum, glasklares, bitteres, dreistes,
sensibles Zeug. Mal werden Lieder für Rammstein draus, mal nicht. Mal sind es regelrechte Kurzgeschichten. Mal stehen da nur zwei Zeilen, alleine auf einem Blatt, und
schon klingt das wie die Gesamtausgabe Rainer Werner Fassbinders.
"In stillen Nächten weint ein Mann / Weil er sich erinnern kann."
Nicht auszudenken, oder? Fassbinder und Lindemann! Gemeinsam marschierend! Lustigste, traurigste Aufsässigkeit! Befähigt zum Abbrand pyrotechnischer Sätze
und Bilder in dieser elenden, feigen, wehleidigen, verblödeten, zu Tode subventionierten deutschen Formatradio-, Kino- und Fernsehwelt des Jahres 2012.
Till Lindemann, "Rockfish Diner", Mockingbird Lane, Dallas: "Alles Gute in
meinem Kopf entsteht auf dem Land. Ich hab eine Wohnung in Berlin, aber manchmal
zieht Berlin mich runter. Also lebe ich viel in meinem Dorf, oben, zwischen Schwerin
und Wismar. Viele meiner Freunde, die mit uns hier auf Tour sind, leben auch dort.
Mein Vater ist schon lange tot. Aber meine Mutter lebt da. Meine Tochter Nele mit
ihrem Sohn, dem kleinen Fritz, ist oft da. Wir sind eine große Familie. Ich angle. Ich
jage. Ich starre auf den See.
Ich schlafe nachts im Wald und horche. Ich höre in die Natur. Sagenhaft, was du
nachts im Wald hörst. Das ist unbeschreiblich schön. Ich hasse Lärm. Ich hasse Geschwätz. Ich setze mich dem aus, das ist dann der reine Masochismus. Und dann muss
ich mich davor schützen. Lärm macht irre. Man kommt darin um."
Leonard Cohen singt in Anthem: "There is a crack in everything / That's how the
light gets in." Rammstein erzählen von diesem Riss, und so ist das im Theater: Wenn
man Glück hat und man hat einen großen Theaterabend gesehen, dann wird einen
dieser Riss noch lange beschäftigen. Dazu braucht es zuerst Inspiration. Man braucht
die ruhige Sprache, die Lindemann auf dem Land findet. Man braucht, wie Paul
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Landers sagt: "Wut." Dann, wie Richard Kruspe sagt: "Das Team. Nimm einen bei uns
raus, und du hast die Band nicht mehr." Das alles zusammen: der größte Kulturexport
deutscher Sprache. Katharina Wagner würde die Band gerne für Bayreuth gewinnen.
Und Oliver Riedel sagt nur: "Es müsste auch dort bruzzeln, knistern, es müssten auch
im Festspielhaus die Funken fliegen. Wir können ja nicht nach Bayreuth und da
Classic Rock abseiern." Und dann kommen, Abend für Abend, die Zahlen zum
Gemüt, die Formeln zur Seele, also die Produktion zur Intuition.
Nicolai Sabottka, Tour- und Produktionsmanager, AT&T Center, San Antonio:
"Für Tills brennende Flügel und all das Feuer verwenden wir Lycopodium. Das sind
gemahlene Bärlappsporen. Ein Naturprodukt. Elf Tonnen war die Jahresernte in
China. Davon haben wir vier Tonnen aufgekauft. Die sind nach dem letzten Konzert,
morgen in Houston also, weg. Wenn Till das Lycopodium durch eine Flamme schießt,
und wir blasen von unten durchs Gitter Luft dazu, da brennts dir die Hosenbeine weg.
Ich sag immer: Lyco ist für alle da! Die Band könnte das billiger machen. Aber die
Band will das nicht. Die sind besessen davon, dass es gut ist. Und das sage ich nicht,
weil ich für die arbeite."
Diese Produktion kostet insgesamt rund eine halbe Million Euro pro Abend.
Sabottka ist dafür verantwortlich, dass die Bühne in Flammen steht, nicht die Halle.
Für so etwas eignet sich besser als jeder andere: ein Westfale. Sabottka ist freundlich,
er redet nur das Nötigste, dies aber, wie man gleich sehen wird, mit Bedacht. Täglich
schlägt seine Stunde nicht um 21 Uhr, wenn die Show beginnt.
Sondern um 16 Uhr. Es ist dies immer wieder der heikelste Moment des Tages.
Es erscheinen um Punkt 16 Uhr, in jeder Stadt, in jeder Halle, sechs Marshalls
der örtlichen Feuerwehr. Sie bekommen in der leeren Halle die pyrotechnischen
Effekte vorgeführt. Sie haben schon viel gesehen im Leben und sind trotzdem etwas
fassungslos. In Anaheim gibt es schlechte Stimmung bei den Fire Marshalls. Sie
beraten sich. Einer sagt leise zu seinem Kollegen: "That's fuckin' weird." Eine Frage
stellen sich bei Rammstein amerikanische Feuerwehrleute wie deutsche Feuilletonisten im Akkord: Dürfen die das? In Anaheim beratschlagen fünf Feuerwehrmänner,
denen eine Feuerwehrfrau vorsteht. Vor allem die Chefin ist ausgesprochen humorlos.
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Es gibt endlose Diskussionen. Am Ende trollt sich die Feuerwehr. Und Sabottka
erzählt ungerührt, mit der Miene eines notlandungserprobten 747-Piloten: "Mein Job
jetzt gerade war es, der Feuerwehr zu erklären, dass wir alle Anträge ordnungsgemäß
eingereicht haben. Auf dieser Basis und auf der Basis der Vorführung gerade seien wir
entschlossen, alle Raketen heute ab 21 Uhr abzufeuern. Gerade eben gab es ein psychologisches Extraproblem: einen weiblichen Fire Marshall. Die Frau war die Chefin
der fünf männlichen Fire Marshalls. Keinesfalls durfte sie von mir vor den Kerlen vorgeführt werden. Also musste ich ihr das Gefühl geben, dass sie mit jedem Zweifel im
Recht ist, und dass wir diese Zweifel aber schon präventiv ausgeräumt haben. Da es
mir gelungen ist, ihr das verständlich zu machen, wird die Show heute mit allen pyrotechnischen Begleitelementen von 21 Uhr an über die Bühne gehen." Pause. Dann:
"Dies ist grundsätzlich mal erfreulich."
Unglaublicher Sabottka. Supersabottka. Griechenland retten? Achmadinedschad
Bescheid geben? Wir haben seine Nummer.
Fünf Wochen tourten Rammstein so durch Kanada und die USA, und diese fünf
Wochen, sie waren wiederum nur das Finale einer Konzertreise, die bis jetzt eigentlich
drei Jahre dauerte. Zwei Programme. Von 2009 an die finstere und von einem Index
der verrückten Bundesprüfstelle für jugendgefährdendes Dingsbums überschattete
Liebe ist für alle da-Tournee. Seit 2011 dann die Best Of-Tournee. Europa mit
Konzerten zum Beispiel in London und Moskau, die beiden denkwürdigen Abende in
Paris im Frühling: Zweimal 17 000 Menschen im legendären Bercy, die Halle knüppelvoll mit jungen Menschen unten in der Arena und klassisch christine-lagardehaft
kostümierten Damen und grau melierten Herren oben auf den Rängen: Kulturvolk, im
Programm blätternd, wie in der Comédie-Française. Davor Russland, Skandinavien,
England, Deutschland. Davor Südamerika, Mexico City, Monterrey, Massen von
Menschen, von denen viele Wochen vorher neben den Stadien ihre Zelte aufschlugen:
Rammstein sind ein universales Phänomen, und anders als ein Künstler wie Gerhard
Richter, anders als ein Regisseur wie Wolfgang Petersen müssen sie dabei wesentlich
nicht nur auf Bilder und Töne vertrauen, sondern auch auf die Emotionalität einer in
Bilder und Töne kongenial eingewebten deutschen Sprache. Das merken die Leute
offenbar, dass es hinter der brachialen Fassade der Musik eine oft erstaunlich leise
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Lyrik ist, die sie da mitsingen: "Doch der Abend wirft ein Tuch aufs Land / Und auf
die Wege hinterm Waldesrand."
Vor allem die letzten beiden Wochen durch den Süden der USA sind dann eine
heikle Choreografie des Alltags: Die Show läuft seit Monaten wie geschmiert. Sie ist
für Musiker und Techniker zur blanken Gewohnheit geworden. Flake Lorenz sagt, da
sitzt man mit ihm wegen Flugzeugüberdruss in einem Chevrolet Malibu und fährt vier
Stunden von San Antonio nach Houston: "Ich habe Heimweh. Tour ist stumpf. Tour
ist nicht Produktion. Tour ist Reproduktion." Heimweh wonach? "Nach der Jenny.
Meiner Frau. Nach den Kindern. Nach meinem Dorf in Brandenburg. So ne Sachen."
Was man in diesen Tagen auch lernt, rund um diese explosiven Konzerte: So sicher
diese Band einen Berg von Rührung auslöst, so wenig können die, die diese Rührung
auslösen, mit der Bürde leben, diese Rührung ausgelöst zu haben. Steht ein Fan
plötzlich auf der Straße, im Restaurant, vorm Hotel und starrt einen an: Was tun? Wie
soll man, die Zimmerkarte schon in der Hand, vor einem Hotel in Kalifornien, Arizona
oder Texas einlösen, was man vor Jahren in einem Lied versprochen hat?
Die Musiker zappeln dazu täglich im Transit: Abflug mit der neunsitzigen
Falcon, Ankunft am Flughafen, rein in den Van, raus ausm Van, rein ins Hotel, raus
ausm Hotel, rein in die Halle, Show, Aftershowparty, raus aus der Halle. Paul Landers:
"Der Mensch braucht zwei bis drei Tage, bis er sich an einen Ort gewöhnt hat. Wenn
du diese Tage nie hast, wirst du irre. Der Körper reist immer der Seele voraus." Flake,
der erzählt, dass er mal eine Strichliste geführt hat, mit Komplimenten amerikanischer
Fans vor Hotels. Ganz vorne: "You are awesome." Zweiter Platz: "You are fuckin'
awesome." In San Antonio wetzt Landers draußen vom River Walk ins "Mokara
Hotel" zurück, aus einem Supermarkt kommend. Man will wissen, was in seiner Papiertüte ist. "Warte", ruft Landers und verschwindet im Aufzug. Er schickt aus seinem
Zimmer dann eine Mail mit Foto. Zu sehen: Rotwein, Knoblauch, Schwarzbrot,
Salami.
Er schreibt: "Nichts Gekochtes, nichts Gebratenes, kein Kellner, keine
Menschen. Herrlich.
Gruß, Paul."
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Oliver Riedel, "Shorebreak Hotel", Huntington Beach: "Was ich vermisse?
Ruhe. Ich setze mich vor den Konzerten backstage in diese Großraumduschen mit der
Akustischen und spiele Flamenco. Gute Akustik. Dabei sammle ich mich selbst ein,
sozusagen. Am schlimmsten sind die Hotels und Restaurants. Überall Drum 'n' Bass,
House, ein einziges Geploppe, Gesirre, Gezwitscher,
Geloope. Du kannst durch diese Hotels durchtanzen, vom Zimmer durch den
Flur durch den Aufzug durch den Frühstückssaal und dann raus durch die Rezeption
bis auf die Straße. Dich im Kreis drehen, mit dem Kopf wackeln, in die Hände klatschen, rausgrooven.
Das ist Terror."
Die Show in San Antonio, es ist die vorletzte, man hockt hinter der Bühne schon
wieder in diesem Salat aus Eisen, Kabeln und Requisiten, und plötzlich findet man all
dies weniger beeindruckend als vielmehr: rührend. Was die rumschleppen. Rein in die
Halle. Raus aus der Halle. Kann es die Möglichkeit sein, dass sechs Deutsche in ihren
Vierzigern Abend für Abend diesen Eisenkochtopf auf die Bühne rollen, um den
dünnen Mann mit der Hornbrille zuzubereiten? Albern, von hinten betrachtet, diese
Requisiten. Die dann ab 21 Uhr aber auf der Bühne im Netz der Inszenierung erstrahlen. Als hätte jemand den Dingen eine Seele eingehaucht. Es dauert an jedem Abend
immer nur ein paar Minuten, und man zappelt im Netz dieses Theaters der Lieder. Und
dazu gehört eben auch das Lied mit dem Topf. Kannibalismus in Rotenburg, nicht
ganz unkomisch, darin dann diese bittergroßen Zeilen: "Ein Schrei wird zum Himmel
fahren / Schneidet sich durch Engelsscharen / Vom Wolkendach fällt Federfleisch /
Auf meine Kindheit mit Gekreisch."
Christoph Schneider, "Palomar Hotel", Dallas: "Wir haben das mit den Interviews und den deutschen Journalisten irgendwann gelassen. Deutsche Journalisten
wollen Musiker, die mit ihrer Musik und ihren Texten identisch sind. Deswegen sehen
die meisten deutschen Musikjournalisten auch aus wie die Bands, die sie verehren, und
die verehrten Bands sehen aus wie die sie verehrenden Musikjournalisten. Das ist eine
Übereinkunft und sicher irgendwie gemütlich. Rammstein aber war immer ein Rollenspiel. Wer sieht schon aus wie Till auf der Bühne? Wir haben jetzt in der Show diesen
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Einmarsch über die Köpfe der Leute hinweg, mit den Flaggen, mit den Fackeln. Als
geprügelte Hunde kriechen wir in der Mitte der Show wieder über die Brücke zur Hallenmitte zurück. Schließlich, am Ende, verabschieden wir uns von dieser Brücke aus
vom Publikum. Ein Dreischritt: Wahn - Verhöhnung des Wahns - Verabschiedung.
Deutsche Kritiker sehen da nur: Flaggen und Fackeln. Schon toben die wie die Hausmeister. Das fanden wir irgendwann natürlich auch lustig."
Rammsteins letzte Zugabe: Sextourismus, ausgebreitet in dem katapultösen
Kracher Pussy, und hier in dem Schlachtruf eines verwahrlosten Deutschen ("I can't
get laid in Germany") auf dem Weg ins Liebesparadies: "Schnaps im Kopf / Du holde
Braut / Steck Bratwurst in Dein Sauerkraut."
Bitte?
Hört man recht?
Sind die bescheuert?
Wer auch hier das russische Sá-um, den Hintersinn, nicht bedenkt, der hat allerdings womöglich schon wieder was verpasst, und sei es halt mitten in Texas.
Alma, 23, geboren in Mexiko, sitzt mit ihrem Mann John, geboren in Texas, auf
der Terrasse der Bar "Rita's on the River" in San Antonio. Sie ist auffallend hübsch,
trinkt ein Budweiser Light und trägt ein Rammstein-T-Shirt: "Ich werde dir nicht
meinen echten Namen sagen und auch nicht, wie lange wir gefahren sind, John und
ich, um das Konzert heute zu besuchen. Ich bin vor einigen Jahren illegal von Mexiko
nach Texas. Sie behandelten mich hier wie Dreck. Andererseits hast du hier eine
Chance. Kennst du T. C. Boyles América? Alles darin ist wahr. Rammstein machen,
glaube ich, Musik für Leute, die sich an ihre eigenen Gesetze halten, für Leute, die
kämpfen. In Mexiko sind sie so beliebt wie keine zweite Band. Ich liebe es, wenn Till
Amerika singt. Es ist da viel Wut und auch viel Komik dabei, oder? Wenn er singt:
Wir bilden einen lieben Reigen / Die Freiheit spielt auf allen Geigen. Heute Abend
werde ich das Lied besonders laut mitsingen. Mein Dad ist jetzt auch hier. Ich habe
ihn jahrelang nicht gesehen. Das hat mir das Herz zerrissen. Wir werden heute Abend
alle zusammen zum Konzert gehen. Ich glaube, es wird der schönste Abend meines
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Lebens. Leider kommen mir jetzt die Tränen. Wir chicas aus Mexiko sind etwas sentimental."
Die Crew, das sind über sechzig Leute, dazu kommen für jeden Auf- und Abbau
150 Menschen aus der jeweiligen Stadt, die Locals. Jedes Konzert endet gegen 23 Uhr,
dann fallen die Locals wie die Eisenfresser über dieses Metropolis her. Schaut man um
0.30 Uhr in die Halle, ist sie leer. Man denkt an Marion Braschs Ab jetzt ist Ruhe, den
Roman über ihre jüdische Emigrantenfamilie in der DDR. Es ist eines der ratlosesten
und auch deshalb schönsten Bücher seit Langem, ein Ostblues, bitter, komisch,
wirklich ziemlich grandios. Christoph Schneider liest es am Pool und ist dabei weit
weg. Flake Lorenz hat es zuvor gelesen, "wie gefesselt". In dem Buch ein Dialog
zwischen Marion Braschs Bruder, dem Schriftsteller Thomas Brasch, und Heiner
Müller. Heiner Müller also, der den Exilanten Thomas Brasch fragt, wie es sich denn
jetzt so im Westen lebe. Und der antwortet: "Im Osten waren die Wände aus Beton, im
Westen sind sie aus Gummi." Man denkt an Paul Landers und seine Worte über den
Osten und den Westen: Damals war alles eckig, jetzt ist alles ölig.
Paulo San Martin, Band- und Produktionsassistent, backstage, Denver Coliseum:
"Die DDR war solidarisch mit uns Chilenen. Meine Eltern sind mit mir im September
1973 aus Santiago in die DDR geflohen. Da war ich sieben. Pinochet hatte geputscht.
Einige aus meiner Familie wurden verschleppt, andere wurden direkt umgebracht.
1978 kam ich in Prenzlauer Berg in die 5. Klasse. Da saß ich plötzlich neben dem
Flake. Ich kenne den also seit 34 Jahren. Zusammen hingen wir eigentlich immer in
denselben Läden ab: im Tacheles auf der Oranienburger, im Eimer auf der Rosenthaler, natürlich im Schönhauser 5. Ich liebe den Flake, das ist der feinste Freund, den du
haben kannst. Ich mach den Job hier nur für Rammstein. Ich würde das für keine
andere Band machen. Es ist ein Familiending."
Am Ende, nach der Ballade Ohne Dich, stehen die Musiker vor diesen aufgewühlten Texanern im Toyota Center von Houston. Till Lindemann, der bisher nicht
zum Publikum gesprochen hat, er sagt, nach all den Nächten hier in Amerika, nur das
hier: "Ladies and gentlemen: Rammstein. Thank you."
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Heike Krämer, Band-Tourmanagerin, backstage, Toyota Center, Houston: "Ich
war mit vielen Bands unterwegs. Sind Rammstein etwas Besonderes? Absolut. Ich sag
dazu aber nix. Nur das hier: Die halten einer Frau die Tür auf. Alles klar?"
Till Lindemann steht nach der letzten Show in seinem schwarzen Bademantel in
den Katakomben herum, ihm gegenüber Richard Kruspe, Lindemann mit einem Bier,
Kruspe mit einer Zigarette. Die rechte Hand Lindemanns ist stark geschwollen, die
Stirn blutet, das Kajal läuft die Wangen runter. Morgen Mittag geht es zurück nach
Berlin. Einige aus der Band werden sogleich an die Ostsee fahren. Kinder. Frauen.
Ruhe. Was plant Flake? "Nüschte." Kruspe? Sonnenblumen sind prächtig, sie drehen
sich immer zum Licht: Kruspe plant schon wieder Richtung Amerika.
Lindemann wird daheim als Erstes das Buch für den Enkel zusammenbasteln, er
ist wie besessen von dem Ding. Kurz vor Redaktionsschluss schickt er aus Berlin eine
Mail mit einem Bild. Darauf, selbst fertig gebunden, ein großes dunkelblaues Bilderbuch, vorne drauf seine Zeichnung vom Kind mit dem Drachen, daneben eine Maus,
darunter der Titel des Großvaters Till Lindemann für den Enkel: "Lieber Fritz, nimm
meine Hand."
Bei Döblin gibt es zu Franz Biberkopf diese Zeilen hier, und sie gehören sicher
zum Besten, was je in deutscher Sprache geschrieben wurde: "Wir sehen am Schluß
den Mann wieder am Alexanderplatz stehen, sehr verändert, ramponiert, aber doch zurechtgebogen."
Ab jetzt ist Ruhe.
Was bleibt?
Ein fadenfeiner Duft nach Schwefel.
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Eine andere Frau trägt unser Kind aus
In den Bäuchen dieser Inderinnen reifen nicht eigene Babys heran, sondern kleine
Amerikaner, Europäer, Israelis. Für immer mehr kinderlose Paare im Westen sind
»Leihmütter« in der Dritten Welt die letzte Hoffnung auf Elternglück. Aber darf man mit
der Fruchtbarkeit Geschäfte machen? Wir haben eine deutsche Familie begleitet, die in
Durban Zwillinge gebären ließ
Florian Hanig, Geo, 01.12.2011
Am 23. März verabschiedet sich Ilze Groenewald*, eine 26-jährige Sekretärin,
am Flughafen von Durban von ihrem Freund. Dann checkt sie für den Morgenflug
nach Johannesburg ein, um dort Zwillinge mit einer Frau und einem Mann zu zeugen,
dessen Stimme sie nur vom Telefon kennt.
Ilze trägt Röhrenjeans und ein enges T-Shirt mit tiefem Ausschnitt. Goldfarbene
Ohrringe baumeln aus ihren blonden Haaren. Anstelle der Schneidezähne ragt eine
schlecht gefertigte Zahnprothese über ihren Gaumen. Es fällt einem schwer, der
jungen Frau ins Gesicht zu sehen, wenn sie lächelt.
Auf der Taxifahrt vom Flughafen Johannesburg zur Fruchtbarkeitsklinik
umklammert Ilze ihr Handy, schreibt SMS-Botschaften an ihre Tochter, die sie bei
einer Bekannten untergebracht hat, und an ihren Freund. Vorsichtig -erklimmt sie die
Stufen zur -Klinik auf hochhackigen Sandalettchen, bis sie in ein Atrium gelangt, in
dessen Mitte ein weiblicher Bronzetorso im Licht eines Punktstrahlers aufragt. Ein
Symbol der Fruchtbarkeit.
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Fruchtbar zu werden: Deshalb sitzen die britischen, australischen, kanadischen
und auch deutschen Paare in den Wartezimmern, zumeist Händchen haltend und
schweigend. Sie sind nicht nach Südafrika geflogen, um auf Safari zu gehen, die
Garden Route zu erkunden oder um Golf zu spielen, sie haben die lange Reise auf sich
genommen, um hier Kinder zu zeugen.
Denn flüchteten Frauen bis in die frühen 1980er Jahre aus Deutschland,
Österreich oder der Schweiz ins Ausland, um dort ihre Föten abtreiben zu lassen, so
hat sich der Strom inzwischen umgekehrt: Paare, die unbedingt ein Kind -haben
wollen, buchen Flüge nach Prag, Barcelona, Johannesburg oder Bombay, weil in den
Kliniken dort jene Hilfestellungen erlaubt sind, die das deutsche
Embryonenschutzgesetz verbietet.
Ärzte dürfen befruchtete Eizellen auf Erbkrankheiten kontrollieren; sie -können
auf die Eizellen anonymer -Spenderinnen zurückgreifen, wenn die Patientinnen keine
fruchtbaren mehr produzieren; und sie können in einem letzten Schritt sogar die
befruchtete Eizelle eines Paares in die Gebärmutter -einer anderen Frau einpflanzen.
Die Medfem Fertility Clinic, ein zweistöckiger moderner Betonbau im grünen
und kleinwagenfreien Johannesburger Vorort Bryanston, hat sich deshalb auf das
spezialisiert, was als natürlichste -Sache der Welt gilt und bei vielen nur noch mit
medizinischer Hilfe klappt. Einem der Chefärzte von Medfem war die erste In-vitroBefruchtung in Südafrika geglückt, und vor 24 Jahren pflanzten sie hier zum ersten
Mal einer surrogate den Keimling eines anderen Paares ein. Eine Mutter hatte sich
dazu bereit erklärt, um ihrer eigenen, nicht gebärfähigen Tochter den Nachwuchs zu
ermöglichen – die Frau wurde bei der Geburt zugleich Mutter und Großmutter. Von
Drillingen.
Die Dresslers wollen unbedingt noch ein Kind – aber die Frau hat ihre
Gebärmutter in einer Not-OP verloren
Und so ist Medfem die letzte Hoffnung für Jutta und Günther Dressler. Nach
dem Kaiserschnitt, mit dem ihre Tochter Tine vor fünf Jahren zur Welt gebracht
wurde, hatte sich die Gebärmutter der damals 29-jährigen Frau aus einer Kreisstadt
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nahe Fürth nicht wieder zusammengezogen. Drei Liter Blut ergossen sich über den
OP-Tisch, Jutta Dressler überlebte nur, weil die Ärzte in einer Notoperation den
Uterus entfernten. Von da an fühlte sie sich, erzählt sie, nicht mehr als vollwertige
Frau. Fragen aus dem Bekanntenkreis, wann die Tochter ein „Geschwisterle“
bekomme, wich sie fortan aus, bis es eines Tages aus ihr herausbrach: „Nie. Da geht
nix mehr.“
Denn beide Eltern wünschen sich eine große Familie, drei, vielleicht vier
Kinder. Sie haben schon vor der Heirat eine Liste mit Namen angelegt. Und so
bewerben sie sich erst für eine Inlandsadoption, später, weil der Ehemann inzwischen
die für eine Adoption im Inland empfohlene Altersgrenze überschritten hat, für eine
Auslandsadoption (siehe Kasten auf Seite 159). Von der Betreuerin, die Günther
Dressler als „Töpfer-dich-frei-Frau“ charakterisiert, wird das Paar, er Anwalt, sie
Lehrerin, als „zu ehrgeizig“ eingestuft. Die Dresslers wollen nämlich mit den Kindern
nicht „andauernd deren schlimmes Schicksal besprechen“, gibt Günther Dressler an,
„sondern nach vorn schauen und den Kindern Mut machen“. Die Betreuerin lehnt
ihren Antrag nach einem Jahr Coaching ab.
Nach diesem Gespräch bleiben sie -niedergeschmettert auf einer Parkbank
sitzen, schweigen. Danach, erzählt Jutta Dressler, „haben wir uns auf das konzentriert,
was wir haben. Ich konnte mich dann auch wieder für meine Freundinnen freuen,
wenn sie Kinder bekamen.“ Sie macht eine kleine Pause. „Zumindest beim ersten.“
Doch mit der Zeit wird der Wunsch nach einem Kind wieder stärker. Als Jutta
Dressler ihren Arzt auf die Möglichkeit einer Gebärmuttertransplantation anspricht,
erwähnt dieser Leihmutterschaft. Die meisten Menschen haben zu jener Zeit noch nie
davon gehört. Das wird sich erst später ändern, als Showstars wie Sarah Jessica
Parker, Elton John oder Nicole Kidman auf diese Weise -Babys austragen lassen. Jutta
Dressler beginnt im Internet zu recherchieren, nicht während der Arbeit, das Thema
erscheint ihr zu heikel. Die meisten Links führen sie in die Ukraine, doch die Frauen,
die auf den dortigen Seiten posieren, wirken auf sie wie Prostituierte. Die Antworten
auf ihre Mails klingen leblos und kalt.
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Eine südafrikanische -Bankerin entdeckt einen Wachstumsmarkt: Eizellen und
Mütter, die sie austragen
Dann entdeckt sie die Seite www.baby2mom.co.za, die von Jenny Currie
betrieben wird, einer ehemaligen Investmentbankerin. Currie hat selbst ein Kind
mittels In-vitro-Behandlung zur Welt gebracht und durch die Gespräche im
Wartezimmer der Kinderwunschklinik erkannt, welch immenser Bedarf nach
Eispenderinnen und Leihmüttern besteht. Weltweit.
In Europa bleibt inzwischen jedes sechste Paar, das Kinder zeugen möchte,
kinderlos. Zum einen sinkt die Fruchtbarkeit der Männer, vermutlich aufgrund von
Umweltgiften, zum anderen möchten sich immer mehr Frauen nach Ausbildung oder
Studium in ihrem Beruf etablieren und sich erst dann eine „Auszeit“ für ein Kind
nehmen. Die höchste Empfängnisbereitschaft aber weisen Frauen mit Anfang 20 auf,
mit Mitte 30 können bei einigen schon die Wechseljahre beginnen.
Jedes achtzigste Kind, das in Deutschland geboren wird, ist deshalb schon ein
„Reagenzglas-Baby“, wurde außerhalb des Mutterleibs gezeugt. Und dieser
Prozentsatz wäre höher, würden die Krankenkassen die Fruchtbarkeitsbehandlungen
voll bezahlen. Unfruchtbarkeit nämlich gilt in Deutschland nicht als Krankheit. Die
gesetzlichen Kassen übernehmen nur die Hälfte der Kosten, und auch nur bei
verheirateten Paaren und bei den ersten drei Versuchen.
Manche Paare investieren in ihrer Verzweiflung rund 50 000 Euro in den
Kinderwunsch, verschulden sich. Andere weichen nach den ersten Versuchen ins
Ausland aus, weil die Ärzte ihnen dort höhere Chancen versprechen und die Behandlungen oft nur einen Bruchteil dessen kosten, was in Deutschland berechnet
wird.
In diesem globalen Markt aus leiderfüllter Nachfrage und medizinischem
Angebot sieht Jenny Currie die Chance für einen beruflichen Neuanfang. Denn
Südafrika, so erzählt sie in ihrem Home-office in einer der besten Wohngegenden in
Johannesburg, sei „ideal positioniert“: Die gesetzlichen Regelungen sind, was
medizinischen Fortschritt betrifft, sehr liberal (die erste Herzverpflanzung wurde in
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Südafrika durchgeführt), das Gesundheitswesen entspricht europäischem Standard,
aber die Gehälter in den Krankenhäusern und die Kosten entsprechen denen eines
Schwellenlandes.
Die Dresslers telefonieren mit Currie, sie empfinden sie als „herzlich und
präzise“. Und sie vertrauen ihrer Erfahrung. Currie hat in den zwei Jahren seit
Gründung ihrer Agentur 100 Leihmütter vermittelt, schwarze Südafrikanerinnen aus
Johannesburg, weiße aus Kapstadt, sogar eine Jüdin für ein israelisches Paar – denn
der Sohn einer nichtjüdischen Mutter kann erst volljährig zum Glauben übertreten.
Und wie könnte eine orthodoxe Familie so lange mit einem goi, einem Nichtjuden, in
ihrer Mitte leben?
Currie lässt Wunscheltern wie Leihmütter mehrseitige Listen ausfüllen: Darf die
Leihmutter Sex während der Schwangerschaft haben? Soll sie dem Kind nach der
Geburt die Brust geben? (Die Vermittlerin rät davon ab, denn mit der Milch kämen die
Gefühle.) Was passiert, wenn es Komplikationen gibt?
Nachdem die erste Frau, die Currie den Dresslers vermittelt, eine zu hohe
Aufwandsentschädigung fordert, schickt die Johannesburgerin weitere zwei
Lebensläufe. Die Dresslers entscheiden sich gegen ein Mädchen im Tanktop und mit
lasziver Pose und für Ilze Groenewald. Aus deren Akte erfahren die Deutschen, dass
die junge Frau halbtags hinter der Rezeption eines Fuhrunternehmens arbeitet und
umgerechnet weniger als 350 Euro im Monat verdient. In ihrer Evaluation gibt Ilze an,
mit der Entschädigung – die Dresslers bieten 10 000 Euro – ein Haus kaufen zu
wollen.
Die Psychologin der Medfem-Klinik, die Frau des behandelnden Chefarztes,
attestiert Ilze eine „passive Persönlichkeit“, Ilze wolle gefallen. Auf seinem Computer
vergrößert Günther Dressler das Foto, das er von ihr per E-Mail erhalten hat. Er kann
ein Bücherregal erkennen, Vorhänge. „Einfach, aber bürgerlich“ – das beruhigt ihn.
Außerdem ist Ilze damit einverstanden, zwei Embryonen eingesetzt zu bekommen.
Die Deutschen nämlich wollen Zwillinge. „Ich bin jetzt Mitte 40, wir haben nur noch
diesen einen Schuss“, sagt Günther Dressler. Er will keinen alten Vater abgeben,
sondern da sein für die Kinder, nicht für deren Großvater gehalten werden.
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Rund 25 000 Euro werde die Geburt der Zwillinge kosten, kalkuliert er, Flüge,
Klinik und Aufwandsentschädigung eingerechnet. Ungefähr so viel müssten sie für die
Adoption nur eines Kindes aus Peru oder Vietnam bezahlen.
Im Leihmuttervertrag wird festgelegt: kein Alkohol, keine Zigaretten,
Abtreibung nur im Notfall
Jutta und Günther Dressler schnellen von den Sitzen, als die zukünftige Mutter
ihrer Kinder durch die Tür tritt. Er umschließt sie mit seinen kräftigen Unterarmen,
seine Frau drückt die zierliche Südafrikanerin vorsichtig an sich. Der Unterschied
zwischen den dreien könnte kaum größer sein. Die Deutschen tragen funktionale
Outdoor-Kleidung, Regenjacken, Sandalen. Und Günther Dressler, der sich selbst als
„Stressesser“ bezeichnet, bringt wohl doppelt so viel auf die Waage wie die zierliche
Ilze.
Was sagt man zu jemandem, der einem zwei Kinder gebären soll? Die drei reden
über den Flug und das Wetter. Günther Dressler versucht das Eis zu -brechen, indem
er händewedelnd durch den Gang der Klinik hüpft. So habe seine Tochter auf einem
Konzert getanzt. Zwei Krankenschwestern kichern hinter vorgehaltener Hand.
Dr. Rodriguez, einer der Chefärzte der Klinik, untersucht Ilze anschließend mit
dem Ultraschallgerät. Genau drei Tage trennen die Frauen in ihrem Zyklus, perfektes
Timing, erklärt er den Deutschen, um die Eizellen zu befruchten und sie drei Tage
später einzupflanzen.
Mittags essen die drei Erwachsenen und Tine, die Tochter der Dresslers, in einer
Pizzeria in der Nachbarschaft. Während sie auf das Essen warten, knetet Ilze ihre
Hände, fummelt an ihrem silbernen Handtäschchen herum. Stochert später mit der
Hand vor dem Mund die Nudelreste aus ihrer Zahnprothese.
Auch in der Kanzlei, in der sie den Leihmuttervertrag unterschreiben, nickt sie
nur, als der Anwalt sie fragt, erst auf Englisch, dann in ihrer Muttersprache Afrikaans,
ob sie alles verstanden habe: Abtreibung nur im medizinischen Notfall, sie dürfe
keinen Alkohol trinken, nicht rauchen. „Der einzige Zweck der Leihmutter ist es, als
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Gefäß zum Zweck der Reproduktion zu dienen“, steht im Vertrag. Und auch, dass die
Leihmutter keine Mutter-Kind-Bindung aufbauen dürfe und der Name von den
auftrag-gebenden Eltern festgelegt werde.
Fünf Stunden nach ihrer Ankunft in Johannesburg sitzt Ilze Groenewald wieder
im Taxi zum Flughafen, eine Kopie des Vertrags in der Handtasche, eine Plas-tiktüte
Medikamente auf dem Schoß.
Schon drei Wochen zuvor hatte sie begonnen, ihren Eisprung und die
hormonelle Entwicklung dahin zu unterdrücken. Außerdem schluckte sie Östrogene,
um die Schleimhaut ihrer Gebärmutter aufzubauen. Fast 9000 Kilometer entfernt, hatte
Jutta Dressler erst mit der sogenannten Down-Regulation begonnen, dem Drosseln der
körpereigenen Hormonausschüttung, anschließend mit der hormonellen Stimulierung
ihrer Ovarien. Deutsche Ärzte dürfen den Dresslers nicht helfen. Sie würden sich
strafbar machen. Die Rezepte erhält die Familie per E-Mail aus Johannesburg. Die
Medikamente werden im Internet angeboten und kommen per Kurier nach Hause, oft
per Express-Sendung aus den Niederlanden. Kinderkriegen im globalen Zeitalter ist
keine Frage der Natur mehr – sondern der Logistik.
Die Dresslers überlisten die Natur – mit einem logistischen Kraftakt. Und
ausländischen Ärzten
Wer nicht eingeweiht ist, könnte eine Fruchtbarkeitsbehandlung mit einer Heroinsucht verwechseln: Wie Junkies sperren sich Frauen in Badezimmer ein, ziehen
Spritzen auf, suchen zwischen alten Einstichstellen nach einer freien Stelle Haut und
sinken nach dem „Druck“erschöpft auf der Klobrille zusammen.
Am Tag der Vertragsunterzeichnung sind Jutta Dresslers Ovarien so prall
gefüllt, dass sie nur mit Schmerzen gehen kann. Die Entnahme der Eizellen planen die
Ärzte für Freitag, den 26. März, 10.45 Uhr. Jutta Dressler stellt sich zwei Tage zuvor
den Wecker auf 22.45 Uhr. Bis dahin hat sie ihren Eisprung mit Lucrin-Injektionen
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aufgehalten. 36 Stunden vor der Punktion muss sie jetzt mit 250 Mikro-gramm
Ovidrel den Eisprung auslösen.
Doch als Günther Dressler im engen Badezimmer ihrer Pension in Johannesburg
die Spritze aufzieht, reißt der Pfropfen vom Stempel. Für alle anderen Injektionen hat
er sich ein Reservebesteck bereitgehalten. Diesmal hat er es in der Aufregung
vergessen. War es das? Die lange Anreise, das Warten – alles vergeblich? Die
Dresslers wühlen in ihren Medikamententaschen, finden noch ei-ne Lucrin-Spritze,
doch die nimmt nur halb so viel Inhalt auf und die Nadel ist kleiner, denn Lucrin wird
in den Muskel gespritzt, nicht unter die Haut.
Mit Mühe schafft es Jutta Dressler, die Spritze mit der ersten Teildosis in die
Bauchdecke zu rammen. Bei der zweiten Ration muss sie fünfmal stechen. Mit -jedem
Versuch verformt sich die Nadel mehr. Und noch immer schwappt ein kleiner Rest
Hormonlösung in dem Gläschen. Kann diese Restmenge den Unterschied ausmachen?
Jutta Dressler zieht noch einmal auf, ihr Mann sitzt vor ihr, den Kopf in die Hände
gebettet. Wieder Stechen, wieder Schmerzen, ein letzter Aufschrei, geschafft.
Keiner von beiden kann in dieser Nacht noch schlafen, sie lesen, schreiben
Tagebuch.
Am 26. März, kurz nach halb elf, klemmt Doktor Rodriguez eine
Punktionsvorrichtung auf den Kopf seines Ultraschallgeräts. Früher wurden Eizellen
durch die Bauchwand „rausgepikst“, inzwischen gehen die Gynäkologen durch die
Scheide, stechen mit der Punktionsnadel vorsichtig, während sie die Bewegung auf
dem Bildschirm ihres -Ultraschallgeräts verfolgen, in die Ei-bläschen der Ovarien und
entnehmen ihnen die Eizellen.
Als Jutta Dressler aufwacht, haben ihr die Schwestern mit einem Filzmarker eine
Acht auf die Hand gemalt.
So viele Eizellen haben sie herausgeholt. Es war das erste Mal seit ihrer
verhängnisvollen OP, dass Jutta Dressler eine Vollnarkose erhielt. Vor der Betäubung,
erzählt sie, „hab ich den Günther noch was Erbrechtliches gefragt“.
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Während seiner Frau die Eizellen entnommen werden, drücken die
Krankenschwestern Günther Dressler einen Tupperbecher und ein Heft in die Hand.
Zur Inspiration. Noch am selben Nachmittag erfahren die Deutschen, dass das Sperma
von guter Qualität ist. „Und mengenmäßig ausreichend“, wie Günther Dressler
hinzufügt. Von den acht Eizellen beurteilen die Labortechniker drei als sehr gut, zwei
als geeignet. Diese fünf werden noch am selben Nachmittag mit den aufbereiteten
Spermien befruchtet (siehe Illustration Seite 152). Unsere „Mitbewohner“ nennt Jutta
Dressler ab da die Eizellen, die nun unter mikroskopischer Aufsicht damit beginnen,
sich zu entwickeln und zu teilen.
Die Eltern plagt Unsicherheit: Darf man die austragende Mutter nach einem Foto
aussuchen?
Drei Tage später fliegt Ilze Groenewald wieder nach Johannesburg, um durch
ein Plastikröhrchen zwei gut ausgebildete Embryonen, die jetzt im Morula-Stadium
sind, in die Gebärmutter gespült zu bekommen. 20 Minuten muss sie in einem Zimmer
der Klinik ruhig liegen, dann holt sie das Taxi wieder ab.
Die Dresslers rumpeln zur selben Zeit auf einem Landrover durch einen
Nationalpark nördlich von Johannesburg. Die Safari soll der krönende Abschluss der
Reise sein, aber die Eltern sind ausgelaugt und angespannt zugleich. In den vier Tagen
zwischen Punktion und Abflug schläft Jutta Dressler nur wenige Stunden. „Ist das
nicht eigenartig“, sagt sie und schüttelt den Kopf, „dass wir -einer vollkommen
Fremden, mit der wir Tine keine Stunde allein lassen würden, vertrauen, unsere Babys
monatelang in Obhut zu haben? Ich meine, wir würden einen Babysitter doch nie nur
nach einem Foto aussuchen.“
Am 11. April erhält Günther Dressler eine SMS aus Durban: „CONGRATS
YOU ARE PREGNANT!, i went to the dr. last night and got the results back 2day.
Ilze“ Er leitet die Mail kommentarlos an seine Frau weiter. „Mal gucken, was sie
sagt.“
Am Abend wiederholt er immer -wieder, „wir sind schwanger, wir sind
schwanger“, bis seine Frau ihn darum bittet, aufzuhören, weil es ihr „auf den Keks“
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gehe. Es sei ja keine Überraschung gewesen. „Und außerdem ist es komisch zu
wissen, dass da am anderen Ende der Welt unser Kind oder unsere Kinder heranwachsen, und wir können nichts beeinflussen, haben nichts im Bauch.“ Sie zieht
sich in den Keller zurück, schaltet den Computer ein, um zum ersten Mal seit ihrer
Rückkehr aus Südafrika ihre E-Mails abzurufen. Dort liest sie in einem Newsletter,
den sie bei wunschkinder.net abonniert hat, von einem Gerichtsurteil aus Berlin.
Einer deutschen Familie wird darin das Recht abgesprochen, ihre Kinder, die in
Indien von einer Leihmutter ausgetragen wurden (mit einer von einer anderen Frau
gespendeten Eizelle, befruchtet mit dem Sperma des deutschen Mannes), nach
Deutschland zu holen. Denn nach deutschem Recht gelten die indische Mutter und
deren Mann als Eltern der Kinder. Und generell sei Leihmutterschaft in Deutschland
verboten. Jutta Dressler erscheint blass im Treppenaufgang. „Günther“, sagt sie. „Wir
haben ein Problem.“
Es ist ein Vorgefühl auf die Katastrophe, die sich anbahnt, die ihre Familie zu
entzweien und ihnen die Kinder zu entreißen droht. Doch noch findet Günther
Dressler beruhigende Worte. „Als Jurist liest man so etwas anders“, erklärt er ein paar
Tage später. Da Ilze nicht verheiratet sei, könne es keine automatische
Vaterschaftsvermutung für ihren Freund geben. Und laut internationalem Recht müsse
im Interesse der Kinder entschieden werden, wenn sich nationale Gesetze
widersprechen. Und in Südafrika ist Leihmutterschaft legal.
Wie den Nachbarn erklären, dass plötzlich leibliche Kinder da sind – ohne
Schwangerschaft?
Sie schnüren ein Paket für Ilze, mit einem MP3-Player, Tee, einer Puppe für die
Tochter, Massageöl, Badezusätzen, Frauenduft mit korrespondierendem Herrenduft,
einem Reiseführer von Fürth. Auf die Kosmetika kleben sie gelbe Klebezettel, auf die
sie relax and enjoy the day schreiben, auf den Reiseführer our city.
Ilze antwortet ihnen per E-Mail, dass sie keine Stöckelschuhe mehr trage und
keinen Kaffee mehr trinke. „Na gut“, meint Jutta Dressler. „Sie kann viel schreiben.
Aber wir haben auch keinen Grund zum Zweifeln.“
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Dann beginnt das Warten. Günther Dressler nimmt per Diktiergerät die GuteNacht-Geschichten auf, die er seiner Tochter abends vorliest, und schickt die Dateien
per E-Mail an Ilze, damit sie -seine Stimme dem ungeborenen Kind im Bauch
vorspielen kann.
Vor der Geburt ihrer Tochter Tine, sagt er, hätten sie abends immer
Babywatching betrieben, beobachtet, wie der Bauch wuchs und sich irgendwann
bewegte. Zu leben begann. Jetzt liegen sie abends im Bett und überlegen sich, was die
nächsten Schritte sind. Was sollen sie zum Beispiel mit den „Eisbären“ anstellen,
jenen drei befruchteten, aber nicht eingesetzten Eizellen, die in Johannesburg bei
minus 196 Grad in flüssigem Stickstoff schlummern? Einem anderen Paar
weiterreichen? Sie vernichten? Sie beschließen, die „Eisbären“ aufzubewahren, falls
sie eines Tages noch mehr Kinder haben möchten.
Als Nächstes: Wem dürfen wir davon erzählen? Bislang sind nur einige Freunde,
Geschwister und Kollegen eingeweiht, aber nicht mal ihre Eltern. Die erfahren davon,
weil Tine sich verplappert, als sie bei den Großeltern übernachtet.
Was den Kindern erzählen, denen Jutta Dressler in ihrer Freizeit Schwimmunterricht gibt? Wie den Menschen, die von ihrer Hysterektomie wissen, erklären, wo
plötzlich zwei weitere leibliche Kinder herkommen? Dass es tatsächlich zwei Kinder
sind, wissen sie seit dem zweiten Scan in der 17. Woche. Demnach trägt Ilze einen
190-Gramm-Jungen und ein 160-Gramm-Mädchen in ihrem Bauch. Alle drei
Beteiligten sind erleichtert, denn durch Hormonbehandlungen teilen sich Eizellen
häufiger als bei normalen Schwangerschaften noch einmal im Mutterleib. An der
Labor-Durchreiche der Medfem-Klinik kleben Dutzende von Fotos, die auch Drillinge
und Vierlinge zeigen. Und die Nummer einer Telefonberatung für Eltern von
Mehrlingen.
Die 22. Schwangerschaftswoche. Ilze erlaubt der Fotografin, sie im Haus ihrer
Eltern zu besuchen, aber nicht bei sich
zu Hause. Ihr Freund möchte es nicht, weigert sich auch, beim Interview dabei
zu sein, das letztlich in einem Strand-hotel stattfindet. Ilze erscheint in einem
rosafarbenen Umstandskleid, das mit einer Brosche zusammengehalten wird.
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Wie sich diese Schwangerschaft von ihrer ersten unterscheidet? Sie zögert kurz,
dann sagt sie, dass sie vor der Geburt ihrer eigenen Tochter an keinem Kindergeschäft
vorbeigehen konnte. Jetzt habe sie überhaupt keinen Antrieb, etwas zu kaufen. Fühlt
sie etwas für die Kinder in ihrem Bauch? Ilze guckt auf die Kugel vor sich, lächelt
schüchtern: Nicht wie bei ihrem eigenen. Möchte sie später Kontakt halten?
Maybeeeee – sie dehnt das Wort so lang, bis es nach dem Gegenteil klingt. Ist sie nicht
neugierig auf die Kinder? Suuuuuure.
Dann geht sie ins benachbarte Spielkasino, wo ihr Freund auf sie wartet. Ilze, die
ihre Highschool vor dem Abschluss verlassen hat, trifft sich nicht mehr mit
Freundinnen aus der Schulzeit. Die Kumpel ihres Verlobten, sagt sie, sind meine
einzigen Freunde. Der bedient auch ihr Mobiltelefon, wenn die Fotografin mit ihr
Termine ausmachen möchte.
Die Zwillinge kommen zu früh zur Welt – und drei Eltern reden über Fußball
Zwei Wochen später in Fürth würden -Jutta und Günther Dressler „am liebsten
die Zeit vorspulen. Von jetzt auf November“. Sie kaufen eine Doppelkinderkarre,
Fußsäcke, Trageschalen für das Auto, und gleich auch noch ein neues Auto. Babywäsche. All das hilft ihnen, sagen sie, die Schwangerschaft weniger abstrakt
erscheinen zu lassen. Und sie buchen Tickets, damit Jutta Dressler und Tine am 16.
November nach Südafrika fliegen, vier Wochen vor dem errechneten Geburtstermin.
Günther Dressler will kurz davor zu ihnen stoßen. Er hat nur noch eine Handvoll
Urlaubstage, sie hat Elternzeit beantragt und ihrem Arbeit-geber erklärt, dass sie in
Südafrika zwei Babys adoptieren wird.
Am 12. November, vier Tage vor Abflug, erhält Günther Dressler eine SMS von
Ilze. Sie habe Durchfall, gehe morgen zum Arzt. Als er sie am Tag darauf anruft,
erzählt sie ihm, dass sich der Muttermund bereits fünf Zentimeter geöffnet habe. Die
Ärzte bereiten den Kaiserschnitt für Mittag vor. Günther Dressler spricht mit einem
Notar in seinem Büro noch einen Vertrag durch, im Eiltempo lesen sie laut die
Passagen herunter, wie es das Gesetz verlangt, dann rast er nach Hause, packt Tochter
und Frau ins Auto und bucht noch auf dem Weg zum Flughafen die Tickets um.
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Am 14. November landen die drei um sieben Uhr in der Frühe in Johannes-burg.
Im Flughafengebäude sorgt eine Klimaanlage für frostige Temperaturen, trotzdem
trägt Günther Dressler nur ein T-Shirt, seine Frau hat sich in einen Mantel gehüllt. Den
elfstündigen Flug über hat sie nicht geschlafen. „Es war einfach zu voll. Im Flieger
und“, sie deutet auf -ihren Kopf: „hier.“
Einen weiteren Flug und sechs Stunden später stehen sie vor dem Krankenhaus
in Durban, einem Backsteinbau, dessen Ziegel in der Nachmittagssonne wie
Goldbriketts glimmen. Im Inneren riecht es nach frisch gebohnerten Linoleumböden,
die Krankenschwestern -tragen Epauletten auf ihren gestärkten Uniformen.
„Sind Sie die Eltern der Leihmutter-Babys?“, begrüßt sie die Oberschwester,
dann dürfen sie mit der Fotografin durch eine Stahltür in die Intensivstation. Fünf
Frühchen liegen dort auf den Betten, jeweils in eine Kissenwurst gebettet. An ihren
Füßchen glüht eine rote Diode, mit welcher die Blutsättigung kontrolliert wird, was
den kleinen Wesen die Anmutung von E.T., dem Außerirdischen, gibt. Maschinen
über ihnen zeichnen die Herztöne auf, die südafrikanischen Krankenschwestern
strahlen: „Das Mädchen sieht wie die Mutter aus“, sagt die eine. „Und der Junge wie
der Vater.“
Günther Dressler kniet sich neben dem Bett hin, streicht seinem Sohn über die
Wange. Ein riesiger Finger auf einem kleinen verschrumpelten Köpfchen. Das Kind
beobachtet ihn aus großen schwarzen Knopfaugen, reckt die Hand in die Luft. Das
Mädchen schläft. Jutta Dressler lächelt, als sie vor dem Bett sitzt, aber sie berührt die
Kinder nicht. Kurz darauf tritt sie wieder durch die Sperre aus dem keimfreien Raum,
schüttelt den Kopf und sagt: „Das ist alles so unwirklich. Das muss erst mal
reinsickern.“ Tine fragt sie, weshalb sie so böse schaue. Die Mutter hebt sie hoch und
umarmt sie.
Die Dresslers treffen Ilze nicht in der Wöchnerinnen-, sondern in der
allgemeinen Station. Ilze hat sich verlegen lassen, weg von den anderen Müttern. Sie
verschwindet fast in dem riesigen Bett, sieht bleich und erschöpft aus von der
Vollnarkose.
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„Wir mussten in München so schnell einsteigen, dass ich nicht mehr
dazugekommen bin, es am Telefon zu sagen, aber: Ilze, du bist das Beste, was uns
passieren konnte. Danke!“, sagt Günther Dressler. Als Ilze lächelt, sehen die Dresslers,
dass die Leihmutter ihre schlechte Zahnprothese gegen eine bessere hat auswechseln
lassen. Jutta Dressler fragt sie, ob sie den Kindern die Brust geben möchte, aber Ilze
reagiert nicht auf die Frage. Und so reden sie über die Fußballweltmeisterschaft, die
ein paar Monate zuvor in Südafrika ausgetragen wurde.
Am nächsten Tag legt die Oberschwester Günther Dressler die Geburtsurkunden
vor. Die Stelle, an der die Namen
der Eltern eingesetzt werden, hat sie frei gelassen. Günther Dressler trägt sich als
Vater ein, dann zögert er. Er könnte hier nach südafrikanischem Recht den Namen
seiner Frau schreiben. Aber was, wenn die Botschaft den Pass seiner Frau sehen
möchte? Und der Einreisestempel verrät, dass sie erst einen Tag nach dem
Geburtstermin gelandet ist?
Ein Versprecher bringt es ans Licht: Die Leihmutter wird von ihrem Freund
bedroht
Er hatte noch vor der Befruchtung eine alternative Strategie durchgespielt: Ilze
firmiert als Mutter, tritt dann aber ihre Mutterrechte an Jutta Dressler im Rahmen einer
Stiefmutter-Adoption ab. Es scheint ihm der Weg zu sein, der weniger Risiko birgt.
Und so schreibt er Ilze Groenewalds Namen in das Feld. Es ist ein Schritt, den er
später, in Momenten tiefster Verzweiflung, manchmal bereuen wird.
Ilze berichtet am nächsten Tag, dass sie die Schwangerschaft gut überstanden
habe, besonders weil sie ihr Freund Charles so gut unterstützt habe. Doch als die
Fotografin am Abend mit Ilzes Mutter telefoniert, verdunkelt sich das Bild. Wer wird
sich jetzt um Ilze kümmern? Ihre Mutter. Sind Sie nicht die Mutter? Nicht die
leibliche, Ilze wuchs bei uns auf, aber Ilze möchte wahrscheinlich nicht, dass Sie das
wissen.
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Ilzes leibliche Mutter, erfährt die Fotografin, lebt in einer Hütte hinter dem Haus
ihres Freundes Charles. Den wiederum hat die Ziehmutter nur ein einziges Mal in
ihrem Leben gesehen. „Und auch nur ganz kurz.“ Doch sie weiß, dass die letzten
Monate der Schwangerschaft für Ilze schrecklich gewesen sein müssen. Ilze wollte
Charles verlassen, weil er mit der Schwangerschaft nicht klarkam, aber seine Familie
habe Ilze gedroht, ihr das gemeinsame Kind wegzunehmen. Und das Haus. Die
Ziehmutter schaltete einen Anwalt ein, um herauszufinden, was Ilzes Rechte sind. Und
sie drängte ihre Ziehtochter dazu, das Geld der Dresslers auf ein Konto einzuzahlen,
das nur in ihrem Namen geführt wird.
Die Dresslers bekommen von all dem nichts mit. In den nächsten Tagen fahren
sie in der Frühe von ihrer kleinen Pension in die Intensivstation, um ihre Kinder zu
beobachten. Und auch auf rechtlicher Seite scheint alles gut zu verlaufen: Ilze hat ihre
Mutterrechte vor Gericht abgelegt. 60 Tage müssen die Kinder jetzt in einem „Safe
House“ untergebracht werden, für den Fall, dass Ilze es sich noch einmal anders
überlegt, dann kann Jutta Dressler die Kinder adoptieren.
Das Sorgerecht für diese 60 Tage hat ihr der südafrikanische Richter schon
übertragen. Und so schläft Günther Dressler an diesem Abend zum ersten Mal durch.
Wohlgelaunt trifft er Ilze am nächsten Morgen und reist mit ihr in eine nahe gelegene
Provinzhauptstadt, um dort auf dem Konsulat seine Vaterschaft anerkennen zu lassen
und um deutsche Pässe für die Kinder zu beantragen.
Ihr Taxi hält vor einem Hochhaus mit dem Emblem des Bundesadlers. Eine
Konsularbeamtin bittet Günther Dressler im Flur zu warten, dann verschwindet sie mit
Ilze. Kurz darauf wird er hereingebeten. „Es gab zwei Fragen zum menschlichen
Befinden“, gibt Dressler die Begegnung wieder, „dann erklärte die Frau: ‚Reden wir
nicht lange drum herum. Ilze hat gestanden, dass es sich hier um Leihmutterschaft
handelt. Deshalb lehnen wir die Beurkundung ab‘.“ Günther Dressler fühlt sich vor
den Kopf gestoßen, aber er bemüht sich, Ruhe zu bewahren. „Ich hab in diesem
Moment nur gedacht: Du darfst jetzt nicht wie ein Mensch reagieren. Du musst wie
ein Jurist reagieren. Aber begreif die andere Seite jetzt als Feind.“
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Er verweigert die Aussage, will mit Ilze sprechen. Die streitet auf dem Flur ab,
surrogacy in irgendeiner Form erwähnt zu haben. Als Günther Dressler wieder in den
Konsularbereich zurück möchte, um die Beamtin zur Rede zu stellen, wird ihm der
Zugang verwehrt. „Hinter einer Fassade menschlicher Zuneigung haben die eiskalt
eine strafrechtliche Vernehmungstaktik durchgezogen.“
Die Botschaft verweigert den Kindern deutsche Pässe. Waren alle Mühen
umsonst?
Schweigend fährt Günther Dressler mit Ilze zurück. Von der Pension in Durban
aus schreibt er ein sechs Seiten langes Fax. Aus dem Konsulat erhält er nur die knappe
Antwort, dass der Fall an das Auswärtige Amt in Berlin weitergereicht wurde.
Deren Pressestelle verweist nach einer Anfrage auf das Embryonenschutz- und
das Adoptionsvermittlungsgesetz, nach dem Leihmutterschaften in Deutschland
sittenwidrig und damit nichtig sind. Deutsche Stellen könnten deshalb eine
„Wunschmutter“ nicht als rechtliche Mutter anerkennen, selbst wenn die Dokumente
ausländischer Behörden sie als Mutter ausweisen. Und sie zitiert das Berliner
Gerichtsurteil, in dem den Kindern in Indien die deutsche Staatsbürgerschaft verwehrt
wurde.
Günther Dressler telefoniert mit dem zuständigen Landesjugendamt und trifft
dort auf eine Bearbeiterin, „die gleich hochgegangen ist, als sie nur den Begriff
Leihmutterschaft gehört hat“.
Wie viel wärmer erscheint den Dresslers da Südafrika: Denise, die
Sozialarbeiterin aus dem Krankenhaus, die ihren Fall betreut, lädt sie am Sonntag in
ihre Kirche ein, damit alle Gemeindemit-glieder für die Kinder beten. An diesem Wochenende, sagt Günther Dressler, „hab ich so viel geweint wie noch nie in meinem
Leben“.
Er zieht mit seiner Frau, Tine und den zwei Babys in das Safe House am Rande
der Stadt um, sie spazieren noch einmal am weiten Sandstrand von Durban entlang,
dann muss er nach Deutschland aufbrechen, sein Urlaub ist aufgebraucht. Als er mit
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dem Mietwagen aus dem Hof des Hauses fährt, sieht er im Rückspiegel, wie seine
Frau dem Auto hinterherläuft. Es ist dieses Bild der Verzweiflung, das er den ganzen
Flug lang und noch mehrere Monate danach mit sich tragen wird.
In den nächsten Wochen wälzt Günther Dressler nach der Arbeit bis zum
Morgengrauen Urteile und Gesetzeskommentare, brütet über Strategien. Er bittet Ilze,
nach Deutschland zu kommen, um hier die Vaterschaftsanerkennung zu vollziehen.
Ilze willigt ein – für 15 000 Rand, rund 1400 Euro extra.
In Durban hatten die Dresslers süd-afrikanische Pässe für die Babys beantragt,
damit sie Ilze begleiten können, aber dann lähmt ein Generalstreik das Land. Jutta
Dressler steht mit ihren drei Kindern vor dem Home Affairs Office, sie hält die
Benachrichtigung in der Hand, dass die Pässe dort liegen, aber sie wird nicht
vorgelassen.
Dann warnt ein südafrikanischer Richter die Sozialarbeiterin, die sie betreut, sie
solle sich in diesem Fall nicht so engagieren, es bestehe ein Verdacht auf
Kinderhandel. Jutta Dressler bricht heulend zusammen, als die Frau ihr davon erzählt.
Später stellt es sich als Missverständnis heraus.
Jutta Dressler ist völlig erschöpft. Dank einer Hormonbehandlung kann sie den
Babys die Brust geben. Das bedeutet aber auch, dass sie nachts alle zwei Stunden
aufstehen muss. Die Gastfamilie, die das Safe House betreibt, wird ihre Stütze in
dieser Zeit. Hält zu ihr, tröstet sie, richtet sie auf. „Ohne diese Menschen“, erklärt
Günther Dressler, „hätten wir die Kinder da wahrscheinlich zur Adoption
freigegeben.“ Hätten zusehen müssen, wie „ihre“ Kinder an ein kinderloses
südafrikanisches Paar vermittelt werden.
In dieser Zeit der Unsicherheit besucht Jutta Dressler mit ihrer Gastmutter
regelmäßig ein Waisenhaus. Und sie fährt mit der schwarzen Putzfrau der Familie zu
deren Wohnung im Township. Sie erlebt ein anderes Südafrika als in jenem
Nobelvorort, in dem die Medfem-Klinik residiert. „Mir tut es leid, dass ich diese
Menschen nicht schon vor vier oder fünf Jahren kennengelernt habe“, sagt sie im
Nachhinein. „Da kann dir schlecht werden, wenn du siehst, wie es den Leuten da
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geht.“ Besonders nimmt sie das Schicksal einer jungen schwarzen Frau mit, die ihr
Kind zur Adoption freigibt, weil sie hofft, dass die neuen Eltern dem Baby eine
bessere Zukunft bieten werden, als sie das könnte. Außerhalb des Kreislaufs von
Armut und Gewalt in den Townships.
Müssen die Dresslers »ihre« Kinder womöglich in Südafrika zur Adoption
freigeben?
Mit ihren zwei Kindern auf den Armen sagt Jutta Dressler: „Wir hätten auch
adoptieren können. Ich würde jedes Kind lieben, das ich in der Pflege habe. Das hat
nichts mit Fleisch und Blut zu tun, überhaupt nicht.“
Und sie staunt über die Freundlichkeit der Südafrikaner. „In Deutschland wirst
du auf Kinder nur angesprochen, wenn sie sich danebenbenehmen. Hier redet dich an
jeder Straßenecke jemand an: Oh, Zwillinge, was für ein Segen.“
Am 12. Januar informiert das Konsulat verschiedene Behörden in Deutschland,
darunter das für die Dresslers zuständige Landesjugendamt, das Familiengericht am
Amtsgericht und das Standesamt ihrer Stadt, schriftlich vom begründeten Verdacht
einer Leihmutterschaft. Offensichtlich sollen den Kindern keine deutschen Pässe
ausgestellt werden.
Außerdem gibt es Probleme mit dem Visum für Ilze. Sie muss Barmittel
nachweisen, doch ihr Konto ist leer gefegt. Die mehr als 10 000 Euro, die sie von den
Dresslers erhalten hat: verschwunden. Jutta Dressler überweist ihr nochmals Geld,
„auch wenn wir es wahrscheinlich nie wiedersehen werden“. Kurz darauf berichtet
Ilze, dass ihre Wohnung aus-geräumt worden sei. Nichts Ungewöhnliches in dem
heruntergekommenen Stadtteil, in dem sie mit ihrem Freund lebt. Aber ist es wahr?
Sieben Wochen ist Günther Dressler nun schon von seiner Frau getrennt. Er lässt
einen Gentest machen, um seine Vaterschaft zu beweisen. Überlegt, ob er Strafanzeige
gegen die Konsularbeamtin erheben soll. Wegen Nötigung. Ilze kann ohne Visum den
Flug nicht antreten, den er für sie gebucht hat. Dadurch verliert er weitere 1500 Euro.
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Und noch ein Problem baut sich vor ihnen auf: Jutta Dresslers Südafrika-Visum
läuft am 12. Februar aus. Die Adoptionsanhörung aber soll erst am 4. März stattfinden.
Und aufgrund des Generalstreiks kann sie ihr Visum nicht rechtzeitig verlängern.
Nichts geht mehr in Südafrika in diesen Wochen. Alle Ämter und Schulen bleiben
geschlossen.
Ein Generalstreik lähmt Südafrika – und das Visum von Jutta Dressler läuft aus
Doch ebenso plötzlich, wie sich Türen verschlossen haben, öffnet sich eine.
Günther Dressler findet ein Urteil des Amtsgerichts Nürnberg, das ihn in seiner
Auffassung bestätigt. Die Richter greifen eine Rechtsprechung des Europäischen
Gerichtshofs für Menschenrechte auf: Jedes Kind hat ein Recht auf Abstammung und
damit ein Recht auf einen Vater. Dieses kommt ihm durch Geburt zu und kann nicht
davon abhängen, ob seiner Entstehung eventuell ein sittenwidriger Vertrag zugrunde
lag.
Günther Dressler beantragt auf dem Standesamt zwei deutsche
Geburtsurkunden, die ihn als Vater ausweisen. Die Beamten prüfen, lassen seine
Auffassung durch eine übergeordnete Behörde noch einmal kontrollieren. Und
stimmen überein: Günther Dressler hat recht.
Und da Ilze nicht verheiratet ist, kann ihr Freund nicht als Vater gelten.
Als Günther Dressler in seinem Büro den Anruf des Standesamts erhält, dass die
Pässe ausgestellt sind, schreit er vor Freude so laut, dass seine Sekretärin im
Nebenzimmer erschrickt. Dann ruft er seine Frau an: „Ich hol euch heim“, brüllt er ins
Telefon, „ich hol euch heim!“ Er weint dabei. Zwei Tage später nimmt er seine Frau in
Durban in die Arme.
Das Konsulat in Südafrika versucht noch, so empfindet es Günther Dressler, die
Aushändigung der Papiere zu verschleppen. Die Beamten schicken die -Dokumente
erst zwei Tage nachdem er mit ihnen telefoniert hat los. Doch vier Stunden vor
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Abflug, noch rechtzeitig vor -Ostern, hält Günther Dressler deutsche Pässe für die
Zwillinge in den Händen.
Die Einladung zu einem Abschiedstreffen in einem Café lehnt Ilze ab. Die Zeit
ist zu knapp.
Die Maschine aus Johannesburg nach München hat Verspätung, stundenlang
müssen sie warten. Doch von Jutta Dressler fällt während des Flugs alle Anspannung
ab. „Nur der Günther hat mich genervt, weil er bis zum Schluss Angst gehabt hat und
noch während des Flugs Schriftsätze formuliert hat.“
Bei der Passkontrolle dann noch einmal Herzklopfen. Der Grenzpolizist schaut
die Papiere an, dann die Kinder, lächelt: „Na, Zwillinge. Dann frohe Ostern.“ Sie eilen
schnell durch die Kontrollzone, dann klatschen sie sich ab und umarmen sich.
Sechs Wochen später sitzen die Dresslers mit ihren drei Kindern in einem
Ausflugslokal im Schlosspark Schönbusch nahe Aschaffenburg. Sie haben die Kleinen
aus ihren Jacken gepult, Jutta Dressler hält die Tochter im Schoß, Günther Dressler
den Jungen. Der knabbert alles an, was in Reichweite kommt: den Daumen des Vaters,
seinen Jackenärmel, ein Stück Brot. „Keine Frage“, sagt Günther Dressler und hält
ihm noch einmal den Daumen hin, „beim Essen kommt er ganz nach mir.“
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Eine Reise ohne Wiederkehr
Wolfgang Brunner ist 80 und gebrechlich. Ein Pflegeheim in Deutschland kann er sich
nicht leisten, seine Tochter will die Kosten nicht tragen. So schickt sie ihn zur
Betreuung in die Slowakei
Laura Himmelreich, stern, 22.03.2012
Drei Plastiktüten. In ihnen steckt alles, was Wolfgang Brunner nach 80
Lebensjahren noch besitzt: fünf Hemden, zwei Pullover, sechs Unterhosen, vier
Hosen, eine Jacke, ein Stapel Handtücher, zwei Brillen, ein Bademantel,
Magnesiumtabletten, zwei Zahnbürsten, Seife, Rasierzeug, Körperlotion, Deo, neun
Tafeln Schokolade und eine Zange. Mit der hat er sich die Nägel geschnitten, solange
er das noch selbst konnte.
Die drei Tüten stehen im Kofferraum eines Minibusses.
Der Bus parkt am spärlich beleuchteten Hintereingang des Altenheims "Haus
Aaron" in Karlsruhe. In der mittleren Reihe des Wagens sitzt Wolfgang Brunner.
Schmales Gesicht, AOK-Brille, der Mund eingesunken, die weißen Haare am
Oberkopf leicht verstrubbelt.
Der Fahrer wickelt drei Wolldecken um seine Beine, die sollen ihn warm halten.
Falls es läuft wie geplant, wird Wolfgang Brunner von seiner Reise nie zurückkehren.
Kurz vor 19 Uhr startet der Fahrer den Wagen. Minuten später fragt Brunner:
"Wie lange dauert das hier?" Er will nur eins: endlich wieder ins Bett, endlich liegen.
Der Fahrer sagt nichts. Laut Navigationsgerät sind es noch 923 Kilometer,
Fahrzeit acht Stunden und 42 Minuten.
"Das ist doch Wahnsinn!", sagt Brunner.
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923 Kilometer liegen zwischen Wolfgang Brunners altem und seinem neuen
Leben. 923 Kilometer zwischen seinem bisherigen Altenheim in Karlsruhe zu seinem
künftigen Altenheim in Kajal, einem Dorf im Westen der Slowakei. Der Grund für
diese Reise: 860 Euro. 860 Euro sparen er und seine Familie jeden Monat, wenn er
den Rest seines Lebens dort verbringt, in Kajal, Slowakei.
Brunner spricht kein Wort Slowakisch. Er kennt dort keinen Menschen. Er weiß
nicht, was ihn in Kajal erwartet. Er weiß nur: "Da soll so ein billiges Altenheim sein."
Er sagt: "Ich finde das nicht schlecht, es ist die billigste Lösung für mich." Die
Slowakei als "billigste Lösung" - die Agentur Seniorpalace macht das möglich. Zehn
Deutsche und sechs Österreicher hat die Agentur bislang in slowakischen Altenheimen
untergebracht. Drei weitere Deutsche haben bereits Interesse angemeldet. Auf Wunsch
organisiert Seniorpalace die kostengünstige Beerdigung vor Ort gleich mit.
Bislang leben die deutschen Senioren noch verteilt auf drei verschiedene Heime.
Mitte April soll im Dorf Zlatná na Ostrove ein neues Haus eröffnet werden, in dem
wohnen dann alle Deutschen und Österreicher unter einem Dach. 126 Plätze bietet das
Heim, sowohl slowakischen Rentnern als auch jenen, für die ein betreuter
Lebensabend in der Heimat Deutschland oder Österreich zu teuer ist.
Fast immer sind es die Familien, die nach "Lösungen" für ihre pflegebedürftigen
Eltern suchen. Denn je mehr ältere Ehepaare sich trennen, je weiter Kinder von ihren
Eltern entfernt leben und je mehr Töchter Vollzeit arbeiten, desto weniger
selbstverständlich ist es, dass Familienmitglieder im Alter füreinander einstehen
können.
Gut 2,3 Millionen Pflegebedürftige leben in Deutschland.
2050 dürften es fast doppelt so viele sein. Und so stellen sich die Fragen: Wie
wollen, wie können wir im Alter leben? Und wie sollen wir das bezahlen? Der Staat
sagt: Kümmert euch selbst drum. Das Jahr 2011 hatte die Bundesregierung zum "Jahr
der Pflege" deklariert. Das war gut. Doch alles, was Gesundheitsminister Daniel Bahr
am Ende zu bieten hatte, war etwas mehr finanzielle Unterstützung für Demenzkranke
und die Forderung an die Bürger, noch stärker privat vorzusorgen.
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Wenn aber das Geld fehlt und der Staat nur begrenzt einspringt, suchen die
Menschen für ihre gebrechlichen Eltern andere Möglichkeiten. Eine lautet: Endstation
Slowakei.
Wolfgang Brunner, hinten auf seiner Mittelbank, hat Schmerzen. Er wirft seinen
Kopf nach hinten gegen den Autositz: "Auuuu, aaaaaaaah!", schreit er und reißt die
Augen auf. "Ich will hier raus! Rückenschmerzen hab ich!" Seine Muskeln sind es
nicht gewohnt, den Körper im Sitzen zu halten. Er hat seit Jahren fast ausschließlich
im Bett gelegen. Da stimme etwas nicht mit seinem Gleichgewicht, sagt er. Die Ärzte
konnten keine Ursache für den Schwindel feststellen und verschrieben ihm
Schmerzmittel und ein Medikament gegen Angstzustände.
Der Fahrer lenkt den Minibus über die vernebelte Autobahn Richtung Osten
durch die Nacht. Wolfgang Brunner sagt: "Es ist schrecklich, wenn man mit 80 so
kaputt gehen muss." Der Beifahrer dreht sich um und sagt: "Nix versteh'n." In der
Reihe hinter Wolfgang Brunner sitzen eine Tschechin und eine Slowakin, die als 24Stunden-Pflegekräfte in deutschen Familien arbeiten. Jetzt fahren sie zurück in ihre
Heimatländer. Die Frauen packen kalte Frikadellen und Schnitzel aus, plaudern in
einem Mix aus Tschechisch und Slowakisch und lachen viel. Sie wussten nicht, dass
ein altersschwacher Deutscher mitfährt. Sie haben Urlaub. Sie fühlen sich nicht für ihn
verantwortlich.
Wolfgang Brunner stöhnt vor Schmerzen. Niemand reagiert.
Im Autoradio läuft "You've Got A Friend".
Kurz nach 22 Uhr überquert der Minibus die Grenze zu Tschechien. Wenig
später hält der Fahrer an einer Raststätte.
Alle steigen aus, nur Wolfgang Brunner bleibt allein im Auto zurück. Das Gras
am Rand des Parkplatzes ist gefroren. Das Autothermometer zeigt minus 4,5 Grad.
Die Frauen und die Fahrer essen in der verrauchten Raststätte Krautsuppe,
Gulasch und Böhmische Knödel. Plötzlich hören sie die Alarmanlage des Minibusses
losheulen. Die Scheinwerfer springen an und blinken. Der Fahrer rennt auf den
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Parkplatz. In seiner Angst hat Brunner mit dem Ellbogen gegen die Tür geschlagen
und so die Alarmanlage ausgelöst.
"Mann alt", sagt der Fahrer. "Katastrophe. Fliegen besser." Wolfgang Brunner
sagt: "Und ich lass mich überreden, diesen Trip zu machen. Ich bin total verrückt."
Erst gegen Mitternacht schläft er ein.
Um vier Uhr morgens hält der Minibus in einer slowakischen Dorfstraße vor
einem blau getünchten Haus. Die Nachtluft ist klar. Auf der Straße stehen zwei
Pflegerinnen und zwei Pfleger bereit, um Wolfgang Brunner aus dem Auto zu holen.
Die junge Slowakin auf der Rückbank beugt sich über die Lehne und blickt Brunner
an: "Hätte man mir erzählt, dass es so etwas gibt, ich hätte es nicht geglaubt", sagt sie
in perfektem Deutsch. "Bei uns in der Slowakei wäre so was nicht möglich. Bei uns ist
Familie wichtig." Wolfgang Brunner ist seit 30 Jahren geschieden. Er hat einen Sohn
und eine Tochter. Sein Sohn weiß nicht, dass er in die Slowakei zieht, sie haben
keinen Kontakt. Über den Sohn sagt der Vater: "Der hat mich nur angebrüllt, der
elende Drecksack. Den hätte ich am liebsten erschossen." Als Brunner im vorigen
Herbst einen Schlaganfall hatte und nicht klar war, ob er überleben würde, kam sein
Sohn ihn nicht besuchen. Nur seine Tochter und deren Mann waren bei ihm auf der
Intensivstation. Die 50 Jahre alte Tochter entschied schließlich, dass ihr Vater in die
Slowakei soll.
Sie hat auch die Plastiktüten mit seinen Sachen zusammengepackt.
In Karlsruhe stand sie vor dem Minibus, als ihr Vater bereit zur Abfahrt war.
Tränen liefen über ihre Wangen. Sie trat zum Auto, als wollte sie ihren Vater zum
Abschied berühren. Doch dann ging sie wieder zwei Schritte zurück.
"Also, ... also tschüs", sagte sie. "Dann bis ..." Sie brach ab.
Sie möchte in diesem Text Petra Bergmann genannt werden, ihr Vater soll
Wolfgang Brunner heißen. Sie sagt, sie möchte nicht, dass Menschen sie erkennen und
verurteilen, weil sie ihren Vater so weit weggibt. "Die wissen nicht, was er für ein
Mensch war, die haben nie mit ihm gelebt." Es geht nicht um Streit oder Hass in der
Beziehung zwischen Wolfgang Brunner und seiner Tochter. Eher um das Fehlen von
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Nähe oder Zuneigung. Es herrscht eine gegenseitige Gleichgültigkeit. "Ich denke nicht
viel an sie", sagt er.
"Ich werde ihn nicht vermissen", sagt sie.
Zehn Jahre sei sie alt gewesen, erzählt Petra Bergmann, als sie aufgehört habe,
von ihrem Vater viel zu erwarten.
Eines nachts sei er damals mit einer fremden Frau nach Hause gekommen. Er sei
in ihr Kinderzimmer geschlichen und habe die Wanduhr geklaut, die Uhr, die er ihr
geschenkt hatte. Jetzt wollte er sie seiner Geliebten geben. "Ich bin ihm nicht mehr
böse", sagt Petra Bergmann heute. "Er hat einfach kein Gespür für die Gefühle anderer
Menschen." Als sie mit 13 Jahren monatelang die Schule schwänzte, habe ihr Vater
das nicht mal mitgekriegt. Als sie 18 war, sei er ein paar Monate mit einer neuen Frau
abgetaucht. Die Tochter hat früh gelernt, ihr Leben ohne Vater zu leben.
Mit Anfang 20 lernte sie ihren Mann Kurt kennen. Nach 26 Jahren Ehe schauen
sich die beiden immer noch liebevoll an. Sie haben eine hübsche, lebensfrohe Tochter,
sie ist 22.
Mit einem Fotostudio haben sie sich erfolgreich selbstständig gemacht. Sie
lieben Spontantrips nach Mallorca und feiern Weihnachten auch mal in Florida. Ihren
Vater hat Petra Bergmann jährlich zu seinem Geburtstag angerufen. Oder wenn ihr
Fernseher kaputt war; Brunner arbeitete als Fernsehtechniker.
Zum Geburtstag der Tochter meldete sich der Vater gelegentlich - wenn ihn
seine Exfrau daran erinnerte.
Fragt man Wolfgang Brunner, wie alt seine Tochter sei, sagt er: "Petra dürfte um
die 30 sein." An den Geburtstag seines verhassten Sohnes dagegen erinnert er sich,
ebenso an die Anzahl der Frauen, mit denen er geschlafen hat: 30.
Der Generationenvertrag sieht vor, dass sich erwachsene Kinder um ihre alten
Eltern kümmern. Schließlich haben die sie großgezogen. Aber gilt der
Generationenvertrag auch dann, wenn Eltern ihre Kinder vernachlässigt haben? Gilt
der Generationenvertrag für Petra Bergmann?
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Vor zweieinhalb Jahren war es, da bekam sie von ihrem Vater einen Anruf. Er
könne allein nicht mehr. Als sie ihn besuchte, musste sie sich durch alte
Fernsehkartons zu seinem Bett kämpfen. Direkt daneben hatte er sich eine CampingHerdplatte gestellt, um zum Kochen nicht mehr aufstehen zu müssen. Suppe hatte er
sich dort gekocht, aus Gemüseabfällen vom türkischen Laden um die Ecke. Sein
Kühlschrank: verschimmelt. In seiner Küche: Ikea-Kartons aus den 80er Jahren, darin
Küchenmöbel, vom Vater nie aufgebaut. Seine Heizung war seit zwei Jahren
abgestellt. "Mein Vater hat wie ein Messie gelebt", sagt Petra Bergmann. Er habe nicht
nur das Gefühl für andere verloren, sondern auch für sich selbst.
Jahrelang hatte er niemanden mehr in sein Haus gelassen.
"Wahrscheinlich habe ich mich geschämt", sagt er.
Petra Bergmann und ihr Mann Kurt haben das Haus des Vaters verkauft, seine
Schulden beglichen und die Autos abgemeldet, für die er Versicherungsprämien
bezahlte, obwohl sie längst verschrottet waren. Sie haben ihm von ihrem eigenen Geld
eine 23-Quadratmeter-Wohnung in ihrer Nähe gekauft.
"Wir haben sein Leben abgewickelt", sagt sie.
Wolfgang Brunner hatte mehrere Hunderttausend Euro verjubelt. Das Erbe von
seinem Vater, einem Sparkassendirektor, hatte er an Freunde und Liebhaberinnen
verschenkt, einen Teil in eine Solaranlage investiert, diese aber nie installiert.
Am Ende waren auf seinem Konto nur 3000 Euro übrig.
Pflege ist nur dann billig, wenn die Familie sie übernimmt.
"Ich mach's", sagte Petra Bergmann. "Nein, ich mach's", sagte ihr Mann. "Dein
Vater ist zu dir ein eiskalter Mensch gewesen.
Ich will nicht, dass du ihm den Arsch wischst." Er selbst könne unbelasteter mit
ihm umgehen. Fast zwei Jahre lang hat Kurt Bergmann seinen Schwiegervater
gepflegt. Bis der irgendwann nicht mehr aufstand, um selbst aufs Klo zu gehen.
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"Er hat uns vereinnahmt", sagt Petra Bergmann. Als er im vergangenen Herbst
nach seinem Schlaganfall im Krankenhaus lag, besorgte sie ihm einen Platz in einem
günstigen Heim.
Wolfgang Brunner hat Pflegestufe II. Der Staat finanziert seinen Heimplatz
monatlich mit 1279 Euro. Rund 1300 Euro muss er selbst bezahlen. Von seiner Rente
bleiben nach Abzug der Krankenversicherung aber nur 400 Euro übrig. Seine
Fernsehwerkstatt wurde in den 70er Jahren insolvent. Danach lebte er vom Geld seines
Vaters und von Gelegenheitsaufträgen.
Die 3000 Euro auf seinem Konto - nach drei Monaten im Heim wären sie
aufgebraucht.
Und dann? Erst einmal würde das Sozialamt einspringen.
Das würde dann aber von Petra Bergmann und ihrem Bruder verlangen, ihr
Vermögen offenzulegen. Falls sie nach Ansicht des Staats genug haben, müssten sie
für die Kosten aufkommen.
Das ist der Punkt, an dem Petra Bergmann den Generationenvertrag nicht mehr
erfüllen mag. "Ich bin nicht bereit, mein Leben vor dem Sozialamt aufzudröseln", sagt
sie, "für einen Vater, mit dem ich praktisch nichts zu tun habe." Die Tochter googelte
im Internet nach Alternativen und stieß auf: "Suchen Sie ein Seniorendomizil, um
Ihren Lebensherbst in Wohlstand zu verbringen?; wo Sie sicher und bestens versorgt
werden?; wo Ihre Ersparnisse unangetastet bleiben? Dann sind Sie bei Seniorpalace.eu
goldrichtig!" "Als ich das gefunden habe, war das wie eine Befreiung für mich", sagt
Petra Bergmann.
Hinter Seniorpalace.eu steht Artur Frank. Der 53-jährige Ulmer lebt seit sechs
Jahren in der Slowakei. Als Wolfgang Brunner nach neun Stunden Fahrt um vier Uhr
morgens in Kajal ankommt, wartet Artur Frank schon vor dem Altenheim. Nachdem
die Pfleger den alten Mann mit dem Rollstuhl in sein Zimmer geschoben und ihn ins
Bett gelegt haben, sagt Frank zum müden Brunner: "Wissen Sie, was Tradition ist,
wenn man hier einzieht? Man trinkt ein Stamperl." Darauf Brunner: "Das kann ich
noch vertragen." Aus einem Jutebeutel zieht Artur Frank Schnapsgläser und füllt sie
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mit goldgelbem Birnenschnaps. Sie stoßen an. "Herzlich willkommen in der
Slowakei", sagt Frank. "Wird schon gehen", sagt Wolfgang Brunner.
Artur Frank verdient sein Geld damit, dass er deutschen Familien slowakische
24-Stunden-Pflegekräfte vermittelt. Vor fünf Jahren fragte ihn ein Kunde, ob er dessen
alten Vater nicht gleich in der Slowakei unterbringen könnte. So entdeckte Frank ein
neues Geschäftsfeld. Bisher sei das nur ein Zusatzverdienst, sagt er: "Ich sehe das als
Pionierarbeit." Im Durchschnitt stehe er vier Wochen telefonisch und per Mail mit den
Familien in Kontakt, bevor sie sich für den Umzug in die Slowakei entscheiden. Nur
jede fünfte Familie, schätzt er, reist vorher an, um sich das Heim anzusehen.
Auch Petra Bergmann kennt die neue Unterkunft ihres Vaters nur aus dem
Prospekt.
Für Brunner hat Frank ein Heim ausgewählt mit nur acht Zimmern und zwölf
Bewohnern. Es steht am Ende einer Straße, neben einer gelb gestrichenen Dorfkirche.
In der Straße gibt es eine Bretterbude, sie dient als Kiosk, dazu einen kleinen
Supermarkt und zahlreiche einfache Wohnhäuser.
In deren Gärten wachsen Kartoffeln und Kohlköpfe.
In Zimmer Nummer acht des Heims, hinter einem Fenster mit Spitzengardinen,
unter einer Bettdecke mit Blumenmuster, liegt Wolfgang Brunner. Es riecht nicht nach
Altenheim hier, es riecht nach Wohnhaus. Die Ausstattung ist einfach:
Bett, Nachtkasten, Tisch, Schrank. Keine Klimaanlage, keine Feuermelder,
keine Notrufknöpfe. Die metallenen Krankenbetten werden von Hand verstellt. Das
neue Haus, in dem Artur Frank ab April die deutschsprachigen Senioren unterbringen
will, wird moderner sein. Das Wichtigste für ihn sei aber nicht die Ausstattung, sagt
er: "Entscheidend ist für mich, dass die Heimleitung das mit Herz macht." Für
Angelegenheiten des Herzens ist in Kajal Tatjana zuständig.
Weil die 35-jährige Pflegerin wusste, dass ein Deutscher einzieht, hat sie eine
CD mitgebracht: "14 Schlager der Liebe." Lasziv lehnt sie sich über Wolfgang
Brunners Bett:
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"Ist okay, wenn ich zu Ihnen Herr Wolfisage?", fragt sie auf Deutsch. "Das
gefällt mir", sagt Wolfgang Brunner.
Tatjana hat einen Plan. Nach eineinhalb Monaten soll Brunner so fit sein, dass er
mit ihr tanzen kann. "Ich war ein guter Tänzer", sagt er, "aber ich kann nicht mehr."
"Wir müssen trainieren. Sie müssen auch etwas tun, Schatzilein", antwortet Tatjana.
"Sonst keine Liebe." Fragt man Tatjana, wie lange sie jeden Tag für die Pflege von
Wolfgang Brunner Zeit hat, schaut sie einen groß an: "So lange wie nötig", sagt sie,
als sei das selbstverständlich. Ist es aber nicht. In deutschen Heimen ist das Leben der
Bewohner nach "Zeitorientierungswerten" getaktet. Ganzkörperwäsche:
20 bis 25 Minuten; Kämmen: ein bis drei Minuten; Wechseln von Windeln nach
Stuhlgang: sieben bis zehn Minuten.
Der Preis von deutschen Heimen richtet sich nach der Pflegestufe der Bewohner.
Verschlechtert sich der Gesundheitszustand eines Patienten, verlangt das Heim mehr
Geld.
"Je schlechter die Pflege, desto höher der Gewinn", sagt Pflegeexperte Claus
Fussek. Finanziell lohne es für die Leitung also nicht, einen Bewohner gesund zu
pflegen.
Das Heim in Kajal dagegen bekommt für Wolfgang Brunner immer gleich viel
Geld. Lebt er lange, verdient das Heim auch länger an ihm. Geht es ihm besser, haben
die Pfleger weniger Arbeit. Für das Heim in Kajal rechnet es sich, wenn es dem
"Pflegefall" Brunner gut geht.
Ein regnerischer Tag im Januar. Brunner lebt nun schon sechs Wochen in Kajal.
Tatjana hat aufgegeben, ihn zum Tanzen zu bringen. "Wir können nicht trainieren",
sagt sie. "Er schreit, wenn ich ihn massiere oder bewege - und wie!" Brunner ist in ein
Zweibettzimmer umgezogen. Für ein paar Wochen teilt er es sich mit einer 74jährigen Frau aus Baden- Württemberg, die an Demenz leidet. Brunner sagt, sie störe
ihn nicht, nur dass sie nicht mehr sprechen könne, sei schade.
Brunners Backen sind runder geworden. Vor ihm liegt eine fast aufgegessene
Tafel Zartbitterschokolade. "Mir geht es eigentlich ganz in Ordnung", sagt er.
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Würde er noch einmal in die Slowakei ziehen?
Er schüttelt den Kopf: "Ich glaube nicht", sagt er. "Der Weg ist schon
wahnsinnig weit." Belastet es ihn, dass er so weit weg ist von seiner Tochter?
"Das stört mich eigentlich nicht. Es wäre schön, wenn sie mich besuchen
kommt. So ein-, zweimal im Jahr." Was beschäftigt ihn den ganzen Tag? "Mich
beschäftigt eigentlich nur noch, was um mich herum ist", sagt er. Dann fixiert er die
Plastikuhr an der Wand. "Mich beschäftigt zum Beispiel, warum diese Uhr so
gleichmäßig tickt." Wenn er sich etwas für die Zukunft wünschen könnte, was wäre
das? Wolfgang Brunner überlegt. Dann sagt er:
"Das ist eine blöde Frage. Das bringt ja nichts. Das tritt eh nicht ein."
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Sarah
♥Afrikaans – ek het jou lief ♥ ♥Albanian – Te dua ♥ ♥Arabic –
Ana behibak ♥
Erwin Koch, Reportagen, 26.10.2011
Sarah fasst sich ans Becken, rechte Seite, und stöhnt auf, es ist 17 Uhr, längst
finster im Dorf am 8. Dezember 2007, ein Samstag, die Welt riecht nach Schnee.
Was hast du?, fragt die Mutter.
Hier tut es weh.
Du hast dich gestoßen?
Hab ich nicht, sagt Sarah und schweigt.
Sarah ist vierzehn, schmal und hoch, sie ist stolz auf ihr langes üppiges Haar, am
liebsten spielt Sarah Klavier, tanzt, seit sie gehen kann.
Ein Muskel, wohl angerissen, vielleicht vom Turnen in der Schule, bei jungen
wilden Damen keine Seltenheit, lacht der Kinderarzt und empfiehlt drei Tage Ruhe,
Schmerztabletten und Krücken bei Bedarf, Mittwoch.
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Sarah legt sich vor den Fernseher, Gute Zeiten, schlechte Zeiten, Rigiweg 4,
Erdgeschoss links, die Mutter holt Pizza, es schneit.
Wenn sie groß ist, wird Sarah nach Amerika auswandern. Dort war sie im letzten
Sommer bereits, sechs Wochen lang mit den Eltern und der Schwester, New York,
Boston, Las Vegas, Bryce Canyon, Monument Valley, Grand Canyon, Death Valley,
San Francisco, Monterey, Los Angeles, Universal Studios, Disneyland, Sarah schlief
neben dem Vater, Nacht für Nacht, die Schwester neben der Mutter, einmal sollte Sarah
neben die Schwester, die zwei Jahre jünger ist, goht’s no?, neben der schlafe ich nicht!
– Sarah schlief am Boden.
Eine Knochenentzündung vielleicht, sagt der Arzt am 17. Dezember 2007,
Montag, und ruft das Kinderspital Luzern an.
Zwei Stunden später, die Mutter an der Seite, sitzt Sarah im Krankenhaus und
wartet, bis man ihr eine Nadel in die Vene steckt und Blut abnimmt, sie wartet, bis
jemand ihr Becken abtastet, ihre Hüfte, geh in die Hocke!, streck jetzt das Knie!, spreiz
die Beine!, man möchte, um sicherzugehen, eine MRT machen,
Magnetresonanztomografie.
Das tut nicht weh, sagt die Mutter.
Und wenn doch?
Dann geht’s vorbei, sagt Mami.
Platzangst in der Röhre.
Sie leide, so weit man sehe, nicht an einem bakteriellen Infekt, sondern an einem
rheumatischen. Um nichts auszuschließen, werde man morgen oder übermorgen dem
Knochenmark eine Probe entnehmen, keine Angst, Sarah.
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Ob einem davon schlecht werde, fragt sie.
Wenn ich etwas hasse, dann das Kotzen.
Die Mutter fährt zurück ins Dorf, holt Kleider und Sarahs Handy, 079 273 61 64.
Hey. Bin ab sofort im Schpital. OMG. 2 Woche lang. Chnocheentzöndig. U Sarah
OMG, o mein Gott.
U, Umarmung .
Sarah ist schlecht, als sie am Dienstag in 1 West erwacht.
Warum weinst du, Mami?
Am Mittwoch, 19. Dezember 2007, sitzen Vater und Mutter in einem engen
düsteren Raum des Kinderspitals Luzern, 1 West 117, zwei Tische darin, zwei
Bildschirme, Ordner, Neon leuchtet, zwei Ärzte sind da, eine Pflegerin, und einer
beginnt zu reden, er sagt: Im Knochenmark Ihrer Tochter sind Zellen, die dort nicht
hineingehören.
Im Knochenmark Ihrer Tochter sind Zellen, die dort nicht hineingehören.
Zellen, die dort nicht hineingehören.
Leukämie, ein Lymphoblastisches Lymphom vom Precursor-B-Typ, Stadium drei,
noch sehr jung, Gottlob.
Was genau ist Leukämie, fragt der Vater.
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Und die Mutter, sie weiß nicht weshalb, ahnt, Sarah wird sterben. Sie dreht sich
zu ihrem Mann und sieht ihn weinen, sie legt ihre Hand auf seine, er zieht sie weg.
Endlich treten sie an Sarahs Bett, Station 1 West, zwei Ärzte, Vater, Mutter.
Sarah, was dir wehtut, hat einen Namen, Leukämie.
Was ist das?
Blutkrebs, sagt der Arzt.
Und Sarah, langes rötliches Haar, lacht heiser auf.
Aber die Wahrscheinlichkeit, dass du wieder gesund wirst, ist groß.
Neunzig Prozent.
Ist doch gut, sagt Sarah und blickt zum Vater.
Hört auf zu heulen, sagt sie, ich habe noch vieles vor, wer heult, soll raus.
Die Mutter ruft ihre Eltern an, der Vater Sarahs Lehrer, man verliere keine Zeit,
sagt der Arzt, schon übermorgen beginnt die erste Therapie, keine eigentliche
Chemotherapie, eher Vorbereitung, Cortison.
Scheisse. Leukämie. Bluetchräbs. OMG U.
Donnerstag, Sarah liegt im Operationssaal, zwei Ärzte beugen sich über sie,
setzen unterhalb des rechten Schlüsselbeins einen Portacath, einen Langzeitkatheter, der
in Sarahs Vene führt.
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2 West 224, das Eckzimmer.
Mami, ich will nicht, dass die Leute an meinem Bett heulen.
Und die Mutter weiß, Sarah wird sterben, erzählt es keinem.
Wenn Sarah wieder gesund ist, will sie zuerst zwei Katzen und dann nach
Amerika.
21.12.07, Zytoreduktive Vorphase
40 mg Prednison
Dann 30 mg
20 mg
12 mg Methotrexat i.th .
Eine Katze wird Luna heißen, die andere Mickey.
Kurz vor Mitternacht, Sonntag, 23. Dezember 2007, setzt der Vater eine Mail in
die Welt: Geschätzte Verwandte, Bekannte, Kolleginnen, Kollegen und Freunde aller
Art, wir müssen uns diesem Kampf stellen, und wir wollen und werden ihn gewinnen!
Schließt uns ein in eure Gedanken, Hoffnungen, Gebete oder in was auch immer.
Den Infusionsständer, der an ihrer Seite ist, nennt Sarah Bello, es ist Heiligabend,
Vater, Mutter, Schwester, die Großeltern, einige Freunde sitzen im Kindergartenraum
des Kinderspitals und singen O du Fröhliche, Sarahs Taufpate hat einen
Weihnachtsbaum gebastelt, Sperrholz, bezogen mit grünem Filz, Kugeln hängen daran,
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Schokolade, Sarah bekommt eine Kamera geschenkt, sie fotografiert den Schrank, das
Bett, die Pflegerinnen, Bello, die Mutter, wie sie neben dem Bett sitzt und lächelt, als
sie, Sarah und Mami, Pizza essen, dann fernsehen, Upps! Die Pannenshow.
Sarah hat Hunger. Ständig hat sie Hunger. Pizza, Ravioli, Pizza, Braten, Käse,
Pizza. Manchmal ruft sie die Mutter zu Hause an, bring mir Fleischkrapfen, aber nicht
irgendwelche, sondern die, die Großmutter macht, bring mir Pizza, ich sterbe vor
Hunger.
Dieser Hunger sei, sagt der Arzt, nicht außergewöhnlich, eine Folge der
Medikamente, kein Grund zur Sorge.
Sarah bestellt die Dorfcoiffeuse ins Zimmer, Sarah will nicht, dass ihr Haar, wenn
die Chemotherapie beginnt, in Strähnen ausfällt, die Coiffeuse kürzt das Haar auf
Nackenlänge, die Mutter fotografiert, schön siehst du aus.
Das sagst du nur so, sagt Sarah.
Schnitzel
Wienerli
Kartoffelauflauf
Der Arzt sagt: Deine Blutwerte sind gut, an Silvester geht’s nach Hause.
Müde und bleich sitzt Sarah vor ihrem Laptop, Rigiweg 4, Erdgeschoss links, es
ist Neujahr, Sarah schaut Friends. Immer wieder fährt die Mutter sie ins Spital zur
Chemotherapie.
Prednison
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Vincristin
Daunorubicin
E. coli Asparaginase
Methotrexat i.th.
Im Fernsehen lässt Sarah keine Kochsendung aus, Das perfekte Promi-Dinner,
Die Küchenschlacht, Teufels Küche, Sarah beschließt, ein Kochbuch zu schreiben,
Frühlingsrollen, Eiersalat, Maccheroni alle cinque Pi, Jakobsmuscheln auf Nudelnest,
Hot Dogs mit Sauerkraut, den Grill anheizen, die Würstchen auf beiden Seiten quer
leicht einritzen und mit Öl bestreichen, das Sauerkraut ausdrücken und in eine geölte
Aluschale füllen. Die Würstchen rundum ca. 10 Min hellbraun grillieren.
Wenn es ihr gut geht, sitzt Sarah am Klavier und spielt mit der Schwester, mit der
Mutter, manchmal spielen alle drei, sechs Hände, Mami ganz links, die Schwester in der
Mitte, Sarah bei den hohen Tönen, rechts.
Ich will nach Amerika.
Die Coiffeuse kommt nach Hause, Mitte Januar 2008, kürzt Sarahs Haar auf fünf
Millimeter.
Jetzt sehe ich aus wie ein Bub.
Schön wie Sinead O’Connor, sagt die Mutter.
Wer ist das?
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Wenn du willst, sagt Mami, schneide ich mein Haar so kurz wie du.
Einmal klingelt es an der Tür, die Schwester rennt los, Scheiße, schreit Sarah,
mach erst auf, wenn ich mein Kopftuch anhabe.
Scheiße, schreit Sarah, mach nicht so laut.
Lass mich in Ruhe.
Sarahs Heftigkeit, ihre Aggressivität, sagt der Arzt, sei nicht ungewöhnlich, wohl
auch Folge der Medikamente.
28.01.08, Induktion Phase I/b
Cyclophosphamid
Cytarabin
6-Mercaptopurin
Eine Pflegerin kommt ins Haus, drückt das Mittel in den Portacath, der in Sarahs
Brust steckt, viermal in der Woche, Sarah liegt auf dem Sofa, weiß und haarlos, der
Bauch tut weh, sie isst kaum, Verbotene Liebe, Marienhof, Sarah schläft weg, erwacht,
hau ab, du dumme Kuh, lass mich in Ruhe, blöder Oberdepri.
Die Kinderkrebshilfe schenkt Sarah zweihundert Franken. Sarah bestellt zwei
Blumensträuße, einen für den Vater, einen für die Mutter, Gutscheine für die Schwester.
An Sarahs Rücken, Gesäß und Hüfte leuchten rote Streifen, kein Grund zur Sorge,
sagen die Ärzte, nicht ungewöhnlich, erhebliche Hyperammonämie, zu viel Ammoniak
im Blut, leichte Nebenniereninsuffizienz.
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Der Vater, Finanzfachmann, geht täglich zur Arbeit, er weint heimlich, kommt
abends wieder und schweigt, hält sich fest am Glück der ersten Jahre, als er Sarah im
Tragtuch hatte, als Sarah, umgeben von zehn Schnullern, im Bettchen schlief und
erwachte, sobald er das Zimmer verließ, als er, noch kein Jahr her, mit Sarah am Rand
des Grand Canyon stand, er und Sarah, seine Älteste, sprachlos im Licht der
aufgehenden Sonne.
Machen Sie Sport!, rät die Psychologin.
Es ist die Krankheit, die Sarah so macht, tröstet die Mutter den Vater.
In ihren Ohren hört Sarah den Puls, der Kopf schmerzt, für den Gang ins Bad ist
Sarah zu schwach, die Mutter bringt sie ins Spital, Bluttransfusion, ein Beutel, zwei
Beutel, 0 positiv.
Sarah erbricht.
In Amerika führe ich ein Café, am liebsten in Colorado.
Einmal sitzen beide Eltern an ihrem Bett, 2 West 224, und Sarah sagt zur Mutter:
Sag dem Typ neben dir, er soll verschwinden.
Im System Familie, Herr M., haben Sie eine wichtige Funktion, die des
Blitzableiters, des Sündenbocks, sagt die Psychologin.
Der Vater versucht es mit Squash – die Achillessehne reißt.
Sarah notiert: Wie ein Fisch sehe ich nun aus, mein Kopf ist ein Mond.
Am 26. Februar 2008 beendet Sarah den zweiten Chemoblock, zwei Wochen
später beginnt sie den nächsten, Protokoll M.
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Schön bist du, sagt die Mutter, die jetzt immer neben ihr ist, vier Tage im Spital,
zehn zu Hause, vier im Spital, zehn zu Hause.
6-Mercaptopurin
HD – Methotrexat
Leucovorin Rescue
Ist es schon Sommer?
Bald, sagt Mami.
Wie geht es Papi?
Er humpelt an Krücken.
Mami?
Ja?
Sag Papi, dass ich ihn mag.
Ist Sarah zu Hause im Dorf, liegt sie auf dem Sofa, schaut Friends ab DVD, zehn
Staffeln, 236 Episoden, 86 Stunden. Ist sie im Spital, wacht die Mutter im Nebenbett,
MTV, A Shot at Love mit Tila Tequila, sie kichern, so ein Quatsch!, irgendwann
löschen sie das Licht und stellen sich die Krankheit Krebs vor, runde Wesen mit Beinen
und Armen, Augen und Nasen, schwarze und weiße. Die weißen tragen Helme und
schlagen auf die schwarzen ein, sie schreien und wüten, treiben die Gegner hinaus über
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eine Klippe, jetzt habe ich wieder einen erwischt, jubelt Sarah, ich auch, sagt die
Mutter.
Wie geht es dir heute?, fragt der Arzt.
Gut, lügt Sarah.
Lumbalpunktion zwischen dem dritten und vierten Lendenwirbel, einmal im
Monat, es tut nicht mehr weh.
Ein trauriger Clown bin ich, notiert Sarah in ihr Heft.
Sie weint nicht vor Fremden.
Nachts hört die Mutter sie wimmern.
Sarah?
Lass mich.
Oder ich könnte in Amerika, statt Wirtin, Wedding Planner werden.
19.05.08, Re-Induktion Phase II/a
05.07.08, Re-Induktion Phase II/b
6-Thioguanin
Cytarabin
Methotrexat i.th.
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Sie kann nicht mehr stehen, Sarah hat Durchfall, ein Rotavirus, hoch ansteckend.
Sarah liegt auf der Infektabteilung, wer zu ihr tritt, ist in Kunststoff gehüllt, Sarah
schweigt und starrt zur Decke, hört Radio Pilatus, zu schwach, sich zu drehen, wenn
eine Pflegerin sie wäscht.
Hat sie wieder die Kraft dazu, schickt Sarah eine SMS, hey, hier sind Hölle und
Teufel los.
Bluttransfusion.
Ein Pilz in der Lunge.
Die Ärzte versuchen es mit Ambisome, Sarah erwacht, die Wirbelsäule brennt.
Mami! Mami!
Es ist elf Uhr nachts, die Mutter im Nebenraum, Sarah ruft sie an, 079 273 61 64,
und schreit vor Angst: Mami, wo bist du?
Eine Pflegerin hört die Schreie und ruft den Arzt: Sofort röntgen, jetzt ist der
Darm geplatzt, jetzt müssen die Chirurgen her, aber man kann sie ja nicht operieren,
geht nicht, ihre Blutwerte sind zu schlecht, sie wird uns verbluten, geht nicht.
In ihrem Bett rollen sie Sarah zur Radiologie, die Mutter wartet, kauert sich hin,
Eis auf den Armen, um nicht ohnmächtig zu werden. In ihrem Bett rollen sie Sarah
zurück auf 2 West. Und plötzlich rennt der Arzt aus dem Lift, atemlos und glücklich:
Der Darm ist ganz.
Und irgendwann in der Nacht steht der Vater neben Sarah, Tränen in den Augen,
und sagt: War wohl Fehlalarm.
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Behalt deinen Senf für dich, sagt Sarah.
Ambisome auch am nächsten Tag, am übernächsten, noch sieben Mal.
Wieder brennt die Wirbelsäule.
Eine Pflegerin greift zum Schmerzmittel, Nubain, das Licht tut weh, jeder Ton,
man verdunkelt den Raum und flüstert, Sarah lacht auf, sie beginnt zu gackern, zu
reden, Sarah sieht Pizze durch die Luft fliegen, wie Schmetterlinge flattern sie durch 2
West, aber lieber als Pizze hat Sarah jetzt Beeren, Himbeeren, Erdbeeren, Brombeeren,
Mami, ich will jetzt Erdbeeren!, Sarah redet drei Stunden lang, vier, fünf, sie redet über
Amerika, wie schön es dort sei, Amerika ist das Beste überhaupt, dort gibt es alles,
Wüste, Wald, Meer, Stadt, Land, Dschungel, Wolkenkratzer, Nebel, Sonne, Schnee,
Bären, Seelöwen, Krokodile, dort fährst du stundenlang und siehst kein Haus, aber hier
in der Schweiz, ach Scheiße, hier ist alles so eng, so klein und niedrig, aber in Amerika,
wenn du dort, zum Beispiel in der Wüste von Nevada, wenn du dort an einer Tankstelle
bist und nicht weißt, wo du heute Nacht schläfst oder welche Straße nach Las Vegas
führt, immer hilft dir jemand, immer, ist es nicht so?, gib Antwort!, es ist doch so.
Keine Brauen mehr, keine Wimpern.
Sarah lackiert ihre Nägel.
Sie kann nicht mehr gehen.
Der Arzt sagt: Wir sind auf den letzten hundert Metern.
Am 2. Juli 2008 wird der Vater vierzig, Sarah darf nach Hause, sie sitzt im
Rollstuhl, ein Freund aus Amerika ist gekommen, man isst Pizza, fotografiert sich am
Tisch, Sarah, haarlos und weiß, lacht in die Kamera.
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Die Sarah, die ich kannte, bin ich nicht mehr. Oberbeschissen sehe ich aus.
18.07.08, 6-Thioguanin, 94 mg , die letzte Portion, das Ende der Chemotherapie.
Die Mutter packt den Rollstuhl ins Auto, eine Schachtel Medikamente und hilft
Sarah auf den Sitz, dann queren sie die Alpen und fahren acht Stunden weit,
überraschen Vater und Schwester abends in einem Restaurant am Meer von Follonica.
Wäre nicht passiert, was passiert ist, wäre ich jetzt eine andere , notiert Sarah.
Aber wer bin ich?
04.08.08, Beginn der Erhaltungstherapie, Methotrexat montags, Purinethol täglich
auf nüchternen Magen, Antibiotika von Mittwoch bis Freitag, Blutanalyse immer
montags beim Kinderarzt, Anzahl Leukozyten pro Mikroliter, Anzahl Thrombozyten,
Blutmenge.
Sarah lernt wieder gehen.
Acht Monate Chemo: Lang und anstrengend. Mit Höhen und Tiefen. Aber ich
habe sie gemeistert und bin sehr stolz auf mich.
Sarah, nun fünfzehn, wiederholt die zweite Sekundarklasse, sie fehlt oft, ist
schwach und matt, kommt sich fremd vor – die kichern ja nur!
Gib ihnen Zeit, sagt die Mutter.
Sarah hält in der Schule einen Vortrag: Unter Chemotherapie versteht man eine
Behandlung mit hochgiftigen Medikamenten. Sie zielt darauf, die Krebszellen im
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Körper vollständig zu vernichten. Leider schadet die Chemotherapie auch gesunden
Zellen.
Am 28. August 2008, nachts um halb elf, schreiben die Eltern ihren Freunden:
Wir genießen die Möglichkeit, ohne Angst durchs Leben zu gehen. DANKE!
Einst schwänzte Sarah jedes Klassenlager, nun will sie ins Klavierlager, jeden
Morgen bringt die Mutter sie hin, holt sie am Abend, Sarah glüht auf, Oktober 2008.
Noch schmerzen die Beine, der Rücken.
Das kommt wohl vom Liegen, sagt der Vater.
Ich will nach Amerika, ein Austauschjahr in Amerika, ich will.
Später, sagt der Vater, wenn die Erhaltungstherapie zu Ende ist.
Eine aus der Klasse hat einen Bruder, der hatte Darmkrebs, Mami, was für schöne
Hände der hat, so schöne Augen. Mit dem kann man vernünftig reden.
Die Mutter schenkt künstliche Wimpern, Sarah richtet ihr Zimmer neu ein, es ist
jetzt Februar 2009.
Der versteht mich total.
English – I love you
Afrikaans – Ek het jou lief
Albanian – Te dua
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Arabic – Ana behibak
Armenian – Yes kez sirumen
Bambara – M’bi fe
Bangla – Aamee tuma ke bhalo aashi
Belarusian – Ya tabe kahayu
Aus Deutschland, www.peruecken24.de, lässt die Mutter drei Perücken zur
Ansicht schicken, Sarah entscheidet sich für New Phyllis, tizianrot. Monate später,
April 2009, verlängert sie ihr Haar, das wieder gewachsen ist, mit dem Haar einer
Fremden, die Prozedur dauert Stunden, dann sitzt Sarah im Auto der Mutter und
fotografiert sich mit dem Handy, glücklich, aufgeregt, schickt ihrem Freund ein erstes
Bild.
Ende Mai feiert die Familie ein Dankesfest, Sarah trägt einen weißen Rock, eine
schwarze Bluse mit weißen Tupfen, zwei goldene Herzen am Hals, der Vater steht am
Gartengrill. Und Sarah, das Gesicht aus Glück, hält eine Rede, beschenkt Freunde und
Verwandte, den Eltern reicht sie ein großes Plakat: Ohne euch hätte ich das nicht
geschafft, Gutschein für ein Verwöhnungsprogramm à la Sarah, morgens von ca. 8.30
bis ca. 24 Uhr, Datum wird noch bekannt gegeben, HEMG.
Habe euch megagern.
Dann reicht Sarah dem Vater die Hand, umarmt die Mutter und weint.
Meine Rolle, denkt der Vater.
Und die Mutter weiß: Wie wunderbar, dass ich mich irrte.
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Am nächsten Morgen erwacht Sarah mit Schmerzen im Becken, sie will ins
Spital, Morphium oder irgendwas, Hauptsache, es tut nicht mehr weh, man untersucht,
redet davon, dass Sarah ihre Muskeln, Bänder und Sehnen überanstrengt habe.
Physiotherapie.
Mit einer Freundin gründet sie die Band Caramel Coffee, Sarah am Klavier, die
Freundin am Mikrofon, Caramel, weil Sarah Karamell mag, Coffee, weil die Freundin
Kaffee liebt.
Ein neues Leben ist gewonnen. Eine neue Ansicht der Welt. Ich habe Dinge hinter
mir, die andere nie erleben werden.
Sarahs Haar wird lang und länger, rötlicher als zuvor.
Purinethol täglich auf nüchternen Magen, Antibiotika von Mittwoch bis Freitag.
Es wird Sommer 2009, Familie M. fährt nach Follonica ans Meer, Sarahs Freund
ist dabei, einmal tut das Auge weh, dann das Becken, die Beine, Sarah schwimmt nur
wenig, streitet mit der Schwester, du Kuh. Im September macht sie Schluss mit dem
Freund, zu viel Krebs auf einem Haufen, sagt Sarah.
Sie richtet ihr Zimmer neu ein, alles weiß, einer hilft ihr dabei, ein Kollege aus
dem Dorf, zwei Jahre älter als Sarah, M.
Nachts erwacht sie vor Schmerzen.
Mit M. kann man reden wie mit niemandem sonst, der versteht einen besser als
der Rest des Universums, riesenmegaabartigüberdimensionalgut.
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Die Mutter verlangt eine Untersuchung im Kinderspital.
Falls keine körperliche Ursache zu entdecken sei, meint der Arzt, sei eine
psychische zu vermuten.
Sarah ist sechzehn, ihr Austauschjahr bewilligt, 406 Eastwood Drive, Warner
Robins, Georgia, United States of America.
Wieder sitzen die Eltern in einem kleinen Raum, zwei Ärzte vor sich, einer
beginnt zu reden, Hüftnekrose, gewisse Teile des Oberschenkelknochenkopfes seien
abgestorben, wohl verursacht vom Cortison, beidseitig und atypisch schnell, eine
Operation ist angebracht, beidseitig, frühestens nach Abschluss der Erhaltungstherapie.
Immerhin spinne ich nicht.
Sie humpelt an Krücken, setzt sich ans Klavier, übt mit der Freundin das Lied Run
von Leona Lewis, I’ll sing it one last time for you, then we really have to go, immer
wieder, und spielt es am Weihnachtskonzert der Schule fehlerfrei. Der Arzt ruft an, es
ist Samstag, und redet mit der Mutter, die Mutter nickt und nickt.
Die Operation werde acht Stunden dauern.
Sarah wankt in ihr Zimmer und setzt sich aufs Bett und schweigt, schaut Fotos an,
zusammengefasst zu einem bunten hellen Buch, Sarah M., Amerika 2007, 7.7.-18.8.,
Bryce Canyon, Capitol Reef, Grand Canyon, Death Valley, Golden Gate, Disneyland.
Man wird, einfach erklärt, deine Oberschenkelhalsknochen durchtrennen, um
fünfzig Grad drehen und wieder zusammensetzen, so, dass dein Gewicht auf den
gesunden Teilen zu liegen kommt – und du wieder schmerzfrei gehen kannst.
20. Dezember 2009, Abschluss der Erhaltungstherapie.
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Diesen grossartigen Tag werden wir heute Abend feiern, schreiben die Eltern
ihren Freunden.
Zwei Stunden nach der letzten Tablette hat Sarah, die nie Fieber hatte, Fieber.
Sie notiert: Hope dies last.
Sarah erwacht auf der Intensivpflegestation, Kinderspital Luzern, Spitalstrasse,
vier Menschen stehen an ihrem Bett, Ärzte, Pflegerinnen, und bereden ein
Schmerzmittel, Sarah, frisch operiert, wimmert, es ist der Nachmittag des 15. Januar
2010, Schläuche an Armen und Hüften, sie schläft ein, erwacht, dämmert weg, dann
steht die Mutter neben ihr, auch der Freund, der staunt und schweigt, Sarah blutet aus
einer Wunde, Pfleger heben sich hoch und wechseln die Tücher, Sarah schreit, dämmert
weg.
Verlegung auf 1 West.
Die Großeltern schicken einen Musikballon, gefüllt mit Helium. Stößt Sarah ihn
an, singt er Don’t worry, be happy.
Bluttransfusion.
Kopfschmerzen.
Physiotherapie.
Sarah fotografiert ihre Narben, links, rechts, vierundzwanzig Zentimeter lang.
Eine Hüfte wie ein Elefant, schreibt sie.
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Einmal sitzen beide Eltern an ihrem Bett, und Sarah sagt zur Mutter: Sag dem Typ
neben dir, er soll jetzt verduften.
Eines Nachts, die Mutter im Nebenbett, flüstert sie: Weshalb ist man so, wie man
ist?
Der Vater kommt nicht mehr ins Zimmer, gibt, was er abgeben muss, einer
Pflegerin ab, Kleider, Bücher, Nagellack.
Das hat nichts mir dir zu tun, sagt seine Frau. Das ist die Krankheit.
Wenn das tröstet!, sagt er.
Im Internet, www.ricardo.ch, kauft der Vater ein schweres Krankenbett, elektrisch
verstellbar, mit Freunden trägt er es ins Wohnzimmer, Erdgeschoss links, acht Wochen
lang liegt Sarah auf dem Rücken und sieht hinaus in den Garten, Rigiweg 4, es ist
Winter, auf der Küchenablage, Schachtel neben Schachtel, sind Medikamente, ein
Duschstuhl steht im Raum, ein Rollstuhl, Desperate Housewives, Grey’s Anatomy,
Scheiße, schreit Sarah ihre Schwester an, mach nicht so laut, halt du doch endlich mal
deine Fresse.
Bin ich Mensch oder Maschine?
Abends sitzt der Freund neben Sarah und hält ihre Hand.
Mami, bring mir mein Heft!
Mami, wann gibt es zu essen?
Mami, komm!
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Kommt der Vater von der Arbeit, bleibt er vor der Tür stehen und wartet, holt
Luft, tritt ein und schweigt.
Am 8. März 2010, im Zimmer des Arztes, steht Sarah wieder auf ihren Beinen,
ein Schritt, zwei Schritte, drei, sie gurrt vor Glück.
Ich habe nun eine breitere Hüfte wegen diesen blöden Platten darin , notiert sie.
Sarah schreibt: Ohne Krücken werde ich bald nach Amerika düsen.
Es ist Mai, Sarah übt im Rehabilitationszentrum des Kinderspitals Zürich,
Affoltern am Albis, fünf Wochen ist sie dort, Physiotherapie, Wassertherapie,
Trainingstherapie, Klettergruppe, Koordinationsgruppe, Massagen – allgemeiner
Eindruck: Sarah ist eine freundliche, sehr reife und motivierte junge Frau.
Mir wird hier alles zu viel. Es ist Zeit, dass ich nach Amerika komme und neu
beginne.
Bevor Sarah, begleitet von Eltern und Schwester, ins Flugzeug nach New York
steigt, schreibt sie die Geschichte ihrer Krankheit auf, sechsundfünfzig Seiten, Cancer
& I, auf dem Umschlag ein helles Bild, Sarah und ihr langes tizianrotes Haar.
Mit Eltern und Schwester will Sarah durch Amerika reisen, Washington,
Philadelphia, Denver, San Francisco, Atlanta, und dann allein bei ihrer Gastfamilie
bleiben, in Warner Robins, Georgia, ein wunderbares Jahr lang.
An Krücken steigt Sarah ins Flugzeug, LX 16, 11. Juli 2010, 09:55, im Rollstuhl
verlässt sie den JFK Airport.
Sarah will sofort ins Hotel.
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In Ocean City, Tag zehn in Amerika, lässt sie sich ein Tattoo auf den Nacken
malen, Henna, etwas heller als ihr Haar. Der zwölfte Tag führt hinauf nach Denver,
Colorado. Der Schwester, als sie schon im Mietwagen sitzt, wird schlecht, die Mutter
führt sie zur Toilette, die Schwester erbricht, aber Sarah will jetzt ins Hotel, verdammt,
endlich ins Hotel, ich bin megamüde!
Die Welt dreht sich nicht allein um dich, sagt der Vater.
Sarah, weiß und wütend, hinkt zur Toilette: Wann kommt ihr endlich, verdammt,
ich will ins Hotel.
Mir ist schlecht, sagt die Schwester.
Halt die Fresse!, lärmt Sarah.
Am nächsten Morgen, in Fairplay, sechshundert Einwohner, 120 Kilometer hinter
Denver, sagt sie: Mami, mir geht’s beschissen.
Im Internet findet der Vater eine Klinik, zwei Stunden von Fairplay entfernt,
Frisco, Colorado, die Mutter setzt sich ans Steuer und quert, Sarah auf der Hinterbank,
den Hoosier Pass, Kurve nach Kurve, Colorado State Route 9, es ist der 23. Juli 2010.
Thrombos 65.
65.000 Blutplättchen in einem Mikroliter Blut. Normal sind 300.000.
Die Mutter faxt die Zahl ans Kinderspital Luzern. Das antwortet sofort: Bitte
lassen Sie Sarahs Blut noch einmal analysieren. Sind die Werte noch immer schlecht, ist
ein Rückfall zu vermuten.
Noch 50.
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Jetzt sei wohl nichts mehr auszuschließen, mailt das Kinderspital.
Also kommen wir nach Hause, schreibt die Mutter.
Am 28. Juli 2010 reisen Sarah und ihre Mutter von Salt Lake City nach San
Francisco, von dort nach Zürich, vom Flughafen direkt ins Kinderspital Luzern, 2 West
226, der Vater und die Schwester folgen zwei Tage später.
Im Knochenmark Ihrer Tochter sind Zellen, die dort nicht hineingehören.
Ein Rückfall?
Vincristin
Daunorubicin
Der Vater schluckt Antidepressiva.
Sarah greift zur Schere, fasst sich ihr Haar, schneidet Strähne um Strähne ab,
nackenlang, die Coiffeuse kommt aus dem Dorf gereist und bessert nach, die Mutter
filmt, 4. August 2010. Eine Woche später ist die Coiffeuse wieder auf 2 West, kürzt das
Haar auf zwei Millimeter.
Und wenn er mich jetzt so sieht? So hat er mich noch nie gesehen!
Er liebt dich auch ohne Haare, sagt die Mutter.
Mami, bleib im Zimmer, wenn er kommt.
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Ich habe eine Idee, sagt die Mutter. Er soll, bevor du das Kopftuch abnimmst,
seine Hand unter das Kopftuch stecken, er soll zuerst fühlen, bevor er sieht.
Bleib hier, bittet Sarah.
Der Freund streichelt ihren Kopf, super siehst du aus.
In ihr Notizbuch schreibt Sarah die Namen der Restaurants, die sie besuchen wird,
irgendwann später, 1 Mövenpick (Sushi), 2 Löwen, 3 Thai-Garden, 4 Old Swiss House
(Schnitzel & Nudeln), 5 Hongkong, 6 Zum weißen Kreuz (ital. Pizza), 7 Walliser
Kanne, 8 Militärgarten (Poulet im Chörbli), 22. August 2010.
Sarah ist siebzehn.
Der Mutter, die meistens neben ihr ist, neben ihr lacht und schläft, schickt sie eine
Mail nach Hause, sie möchte, schreibt Sarah, ihren Freund verwöhnen, aus Dankbarkeit
für alles, seine Liebe, seine Treue, seine Geduld, Mami, was hältst du davon, wenn ich,
falls meine Blutwerte dies zulassen und ich am Samstag nach Hause darf, wenn ich ihn
so überrasche: Thrombosestrümpfe (cool, haha) / blauweiß gestreifter Tanga, den du
mir in Amerika gekauft hast / grauer BH mit dem Steinchen dran, das du mir geschenkt
hast / blaues Nachthemd, die Träger herunterhängend / schwarzweiß kariertes Kleid mit
rotem Bändel / die tizianrote Perücke, Haare mit einer Klammer hochgesteckt, so dass
nur Strähnchen hervorschauen / Ohrringe, die meinen Hals betonen, was sagst du dazu?
Und würdest du bitte (falsche) Rosenblätter kaufen und damit mein Bett
bestreuen? Und einen (echten) Strauss mit roten Rosen? Und kleine Kerzen aufstellen?
Und eine weiße große Kerze und eine weiße mittlere Kerze? Und würdest du die alle
anzünden, bevor ich mit ihm ins Zimmer gehe?
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Kein Problem, Sarah. Nur denk daran, dass deine Scheide vielleicht trocken sein
wird, im Badezimmer steht ein Fläschchen Öl, das kannst du aufs Kondom streichen,
falls du das magst.
Dies sei kein Rückfall, sagen die Ärzte in ihrem kleinen düsteren Zimmer,
sondern eine Zweiterkrankung, bedingt durch die Chemotherapien gegen die erste,
Sarah, um genau zu sein, leide jetzt an einem Myelodysplastischen Syndrom, MDS, das
sehr schnell zur einer Akuten myeloischen Leukämie, AML, geworden sei, die
Heilungschance, es tut uns leid, liegt bei fünfundzwanzig bis fünfzig Prozent – falls wir
geeignetes Knochenmark finden.
Sarah notiert: Myelodysplastisches Syndrom > MDS > Krebs > Blahblah !
Es ist Herbst.
Eine Freundin der Mutter bittet die Neue Luzerner Zeitung um einen Aufruf, 4.
Oktober 2010: Helfen kann Sarah M. nur noch eine Knochenmarkspende. Doch die Zeit
eilt.
Die Freundin gründet eine Facebookgruppe, Rettet Sarah – rettet Leben, im Lauf
von zwei Wochen melden sich über tausend Menschen aus der Zentralschweiz, auch
Familien, Firmen, Fastnachtsgruppen, die bereit wären, von ihrem Knochenmark zu
geben, wenn es denn passt zu jenem von Sarah, krank seit drei Jahren.
Mein Lachen, sagen alle, das lieben sie, doch es ist gelogen, wie alles von mir.
Das richtige Lachen, das habe ich verlernt, denn meine Tränen, die haben sich vermehrt.
Jede Nacht werden sie mehr. Bis ich nicht mehr kann. Ich weine mich fast jeden Abend
in den Schlaf. Von außen ist nichts zu sehen, 28. Oktober 2010, 01:48.
Lungenentzündung.
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Hirnhautreizung.
Durchfall.
Liebe Verwandte, Bekannte, Kolleginnen, Kollegen und Freunde aller Art, es
wurde ein Spender für Sarah gefunden! Neun von zehn Merkmalen stimmen überein.
Vertrauen wir weiterhin!
Die Mutter sagt: Sarah, ich möchte, dass du aufschreibst, wer was bekommt, falls
du gehen musst oder gehen willst.
Schreib alles auf, bittet Mami.
Meine Thomas Sabo Sachen bekommt meine Schwester J., meine Box im
Nachttischli wird vergraben, meine Porzellankatzensammlung bekommt Grosi, mein
Armketteli bekommt meine beste Freundin M., Mami bekommt meinen Ring *hope*,
Papi meine Bücher und alle elektronischen Sachen, mein Freund M. bekommt das Ohne
dich ist alles doof Kissen, meine Amerika Sachen werden NICHT weggeworfen (Fahne
usw.), keine traurige Musik an der Beerdigung, aber trotzdem Musik, nicht zu viel
Kirchenschnickschnack, Photodiashow, lustige Reden, schöne und viele Blumen.
Und danach?, fragt die Mutter per Mail. Was hältst du davon, im Gemeindesaal
ein Buffet aufzufahren, aperomäßig, Pizzaschnitten, und jeder nimmt, was er will.
Gute Idee, antwortet Sarah auf 2 West.
Am 19. Dezember 2010 setzen Ärzte des Universitätskinderspitals Basel einen
Broviac-Katheter in Sarahs Brust, drei dünne Schläuche, jeder für einen anderen Stoff,
die Gastfamilie in Amerika hat eine Mütze geschickt, weißes Kunstfell mit rotem
Zipfel, darauf das Wort Georgia. An Weihnachten ist Sarah zu Hause im Dorf, sie lacht
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und scherzt bis in den frühen Morgen, der Freund ist da, die beste Freundin, die jüngere
Schwester, man spielt ein Trinkspiel, trinkt Eistee.
27.12.10, noch acht Tage bis zur Transplantation, Tag 8, Beginn der letzten
Chemophase, Universitätskinderspital beider Basel, Isolationsdusche, Isolationszimmer,
es ist Abend, die Mutter, in grünen keimfreien Kleidern, beginnt plötzlich zu lachen, in
der Hand hält sie eine große Tüte, desinfiziert.
Was das sei, fragt Sarah.
Ein Sack voller Gedanken, alle die, die dich lieben, haben da drin einen Spruch
versteckt, einen für jeden Abend, hundert Sprüche, hundert Küsse, hundert Hoffnungen.
Und wenn sie, Sarah, in hundert Tagen den letzten Spruch gezogen habe, sei sehr
wahrscheinlich, dass das neue Knochenmark das alte für alle Zeit vertrieben habe, das
gute das schlechte, sagt Mami.
Cold it is. Warm I am. Tough it is. Strong I am. Dark it is. Bright I am. Dead it is.
Alive I am.
Mami, bleib hier.
Ich bin ja da.
Der 4. Januar 2011, Dienstag, ist Tag 0.
Während vier Stunden tropft fremdes Knochenmark in Sarahs Körper, die Mutter
und der Freund sitzen daneben, Sarah will nicht, dass die Mutter das Transplantat
fotografiert, 1,2 Liter, darauf das Geburtsdatum einer Spenderin aus Amerika,
16.03.1973, For Use By Intended Recipient Only.
Schüttelfrost am Tag danach.
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Meronem
Ciproxin
Perfalgan
Die Mutter wacht und schläft im Nebenbett, jeden Abend zieht Sarah nun einen
Spruch aus der Tüte: Und eines Tages sagt die Stimme meines Herzens klar und
deutlich JETZT!, und nichts und niemand kann mich aufhalten.
Wir sind zufrieden, sagen die Ärzte.
Am 13. Januar 2011 erbricht Sarah Blut, sie hat Blut im Urin, ihr Blutdruck ist zu
hoch, Sarah bekommt ein Medikament und davon Kopfschmerzen, Desperate
Housewives am Abend.
Irgendwann schickt sie dem Vater eine SMS: Ich habe dich lieb .
Dann noch eine: Du weißt gar nicht, wie lieb ich dich habe.
Der Vater wagt nicht zu antworten.
Bluttransfusion, jetzt A negativ.
Am 22. Januar 2011, Tag 18, schreibt die Mutter der Facebookgruppe, die sie
täglich ins Bild setzt: Von Stunde zu Stunde geht es Sarah besser.
Tag 19, Sarah hat einen Abszess im Mund, die Weisheitszähne, Sarah erträgt kein
Licht, kein Geräusch, alles tut weh, die Haut juckt, sie kratzt sich blutig, erbricht.
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Lasix gegen den Bluthochdruck.
Morphium gegen die Schmerzen.
Papi zu Besuch.
Tag 23, acht Minuten lang strampelt Sarah auf einem Fahrrad.
Am 6. Februar 2011 versagen Sarahs Nieren, man rollt sie zur Dialyse,
Blutwäsche.
Sauerstoff.
Abends ein Spruch: Glaube nicht an das, was du siehst, glaube an das, was du
fühlst.
Eine gute Nachricht, sagen die Ärzte, achtzig Prozent von Sarahs Knochenmark
stammten von der Spenderin. Weiter so!
Am Freitag, 17. Februar 2011, Tag 45, sitzt die Mutter in einem kleinen Raum,
fünf Ärzte vor sich, einer beginnt zu reden, die anderen schauen in eine Ecke, einer
redet, man habe leider festgestellt, sagt einer, dass die Transplantation misslungen sei,
Sarah hat kein fremdes Knochenmark mehr, wir geben ihr noch wenige Tage. Und
sollte sich übers Wochenende der Zustand Ihrer Tochter verschlechtern, Frau M., wir
ließen sie sterben.
Möchten Sie ein Taschentuch?
Die Mutter ruft den Vater an, es ist Abend, er hört ihre Stimme und weiß, sie, die
nie weint, hat geweint.
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Tag 46, Samstagvormittag, Sarah, weiß, haarlos, verkabelt, liegt in ihrem Bett und
fragt eine Ärztin: Ist das Ihr Entscheid?
Nicht meiner allein.
Man könnte mir eine neue Niere einsetzen, sagt Sarah.
Dafür sind Ihre Blutwerte zu schlecht. Sie würden verbluten.
Ich habe noch viel vor, ich will leben, ich will zurück nach Luzern, in Luzern
baue ich mir eigenes neues Knochenmark auf.
Vom medizinischen Standpunkt aus, sagt die Ärztin, besteht keine Hoffnung, es
tut mir unendlich leid.
Sarah dreht sich zur Mutter: Mami, was sagst du dazu? Gibt es noch Hoffnung?
Die Mutter schweigt.
Papi, holst du mir ein Salamisandwich?
Am Abend sitzt der Freund an Sarahs Bett, er streichelt ihr Gesicht, ihre Arme,
ihre Hände, Sarah weint.
Wie ich dich liebe!
Sarah atmet heftig und schnell, ihr Puls rast, sie dämmert weg, erwacht, greift
abends in die Tüte, Tag 51, 24. Februar 2011, Donnerstag: Das Ziel erreicht man mit
dem letzten Schritt, alles andere ist Vorbereitung.
Mami, fragt Sarah, kannst du mich loslassen?
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Wie meinst du das?
Wenn ich sterben will.
Sicher, ich helfe dir dabei, stirb, wenn du das möchtest.
Schläfst du heute bei mir im Bett?
Gern.
Die Mutter legt sich zu Sarah ins Bett, sie singen die Lieder der frühen Jahre, Roti
Rösli im Garte, Maierisli im Wald, wenn de Wind chonnt cho blase, de verwelked sie
bald, roti Rösli im Garte, Maierisli im Wald, ha de Gogger ghört rüefe, de Sommer
chonnt bald.
Sarah wimmert.
Die jüngere Schwester, J., steht neben dem Bett, der Vater, die Mutter, Sarahs
Freund, die beste Freundin, Montag, 28. Februar 2011, ein Tag ohne Wetter, Sarah
hustet seit drei Uhr morgens.
Mami, ich mag ...
Ich mag ...
Sprich weiter, sagt die Mutter.
. .. mag nicht mehr, sagt Sarah.
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Gib mir drei Zeichen, Sarah, damit ich weiß, dass ich dich richtig verstehe: Willst
du sterben?
Ja.
Willst du noch länger kämpfen?
Nein.
Hebe die rechte Hand.
Sarah hebt die rechte Hand.
Willst du Papi noch etwas sagen?
Sarah schweigt.
Alles ist gut, geh nur, sagt der Vater.
Danke für alles, sagt er.
Wann kommen die endlich? – Sarahs letzte Worte.
Zimmer C 28.
Die Ärzte kommen.
Morphium
Morphium
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Noch zwei, drei Stunden, sagen sie, vielleicht auch Tage. Ihr Herz ist stark.
Morphium und Sauerstoff
Puls auf 220.
Es ist Dienstag, 1. März 2011, Sarah, die Augen geschlossen, atmet langsam und
laut, ihre Lunge rasselt, man hört sie noch im Flur vor C 28, die Mutter, sie weiß nicht
weshalb, führt ihre Hände über Sarahs Hals, ohne ihn zu berühren, über ihre Brust,
Sarah schwitzt, ihre Füße sind jetzt kalt, es ist Abend, und Sarahs Atem stockt, setzt
aus, setzt ein, Mami, Papi, die kleine Schwester, Sarahs Freund, die beste Freundin
stehen am Bett und halten sich an den Händen.
Danke für alles, sagt der Vater.
Sarah geht um 19 Uhr 35.
Der Vater schließt ihre Augen, dann legt er sich zu Sarah ins Bett, hält ihre Hand,
schnuppert an ihr und denkt, sie riecht wie einst im Tragtuch, noch besser als im
Tragtuch. Dann schläft er ein, vielleicht eine Stunde lang.
Jetzt wäscht er sie.
Zieht ihr Ringelsocken über die Füße, blauweiß, setzt die wollene Mütze auf
Sarahs kahlen Kopf.
Und die kleine Schwester lackiert die Nägel der großen tizianrot.
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Des Menschen Wolf
Ein Raubtier kehrt nach Deutschland zurück – und bringt alle gegeneinander auf.
Jäger gegen Tierschützer, Umweltfreunde gegen Bauern. In den Dörfern Brandenburgs
wächst die Unruhe
Dorit Kowitz, Die Zeit, 26.04.2012
Die Scheiße liegt auf 51 Grad 66 Minuten nördlicher Breite und 14 Grad 9
Minuten östlicher Länge. Sie glänzt.
»Oh Mann, ist der frisch!«, ruft Detlev leise und hockt sich nah an den Haufen,
pikt behutsam mit einem Zweig hinein, hebt ihn leicht an, lässt ihn wieder in die
Ausgangslage sinken, nestelt mit der anderen Hand den Zollstock aus dem Rucksack.
Ruft, jetzt lauter: »Mann, so einen frischen hatten wir noch nie!« Er sucht Corinnas
Augen, die Augen seiner Frau, mit der er seit 26 Jahren zusammen ist. Beide strahlen
im stillen Glück.
»Da sieht man Knochensplitter«, sagt er. »Und hier, Fellreste. Helles Fell. Reh,
denke ich mal. Was sagst du?«
Corinna hält noch Klara und Jason an den Zehnmeterleinen, den rotblonden
Hühnerhund und den mehrfach an den Hüften operierten Boxer. Damit sie nicht in den
Fund springen, geht Corinna ein paar Schritte abseits an den Wegesrand, löst erst dort
die Karabiner, lässt die Hunde los, was sie in einem deutschen Wald nicht dürfte, aber
in stillem Widerstand tut. Sie hockt sich schnell zu ihrem Mann auf den Weg, um mit
ihm den Haufen abzuschirmen.
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»Ja«, sagt sie, »wird was vom Reh sein.«
Detlev vermisst den Kot: 24 Zentimeter. Corinna misst noch mal nach, wie sie es
in der Schulung gelernt haben. Sie holt die Kladde mit den Vordrucken heraus,
Formular »Monitoring Losung«, protokolliert Bundesland: Brandenburg, Landkreis:
Oberspreewald-Lausitz, Ortsbeschreibung: Kiefernwald, Tagebaurestfläche,
Nächstgelegene Ortschaft: Altdöbern. Sie zieht sich einen Einweghandschuh über die
Rechte, stopft den Haufen in die Druckverschlusstüte, die sie zuvor beschriftet hat,
stülpt beim Ausziehen den Handschuh geschickt auf links, damit nichts an ihre Haut
gerät, drückt den Handschuh mit in die Tüte, will sie schon verschließen. Aber, »warte
mal«, sagt Detlev da und hält sich die Tüte unter die Nase, atmet über der Öffnung ein,
reicht sie weiter.
Wolfskacke riecht nicht gut, nur wenig besser als die vom Hund. Ein starker
Hautgout von abgehangenem Wild, dazu eine Mischung aus Moder, Leder,
Verwesung, nassem Fell, Zoo, Nadelwaldboden.
Corinna sagt: »Das sieht bestimmt ein bisschen bekloppt aus, wenn zwei
erwachsene Menschen über einem Haufen Kacke hocken und sich freuen, wie frisch
der ist.« Sie lächelt, aber weniger ironisch, mehr glücklich. Klara und Jason, junge
Hunde, jagen einander währenddessen und bleiben doch in der Nähe wie die Kinder,
die Corinna und Detlev nicht haben.
Die kleine Tüte kommt in eine große, die große in Detlevs Rucksack, zu den vier
anderen »Losungen«, den Kotfunden dieses Tages. Die hier aber ist, sagt Detlev – auf
jeden Fall! – die mit Abstand beste der letzten drei Jahre, die sie nun schon mit der
Suche nach den Wölfen verbringen.
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Seit der Wolf nach Deutschland zurückgekehrt ist, macht er die Menschen in
seiner Nähe ein bisschen verrückt – nur jeden auf andere Art. Darum wird die Sache
jetzt kompliziert.
Da steht der Jäger Niko Gebel aus Ortrand in seiner 1.300 Hektar großen
Jagdpacht und sagt: »Hier, zwischen Großkmehlen und Lindenau, wo ich die Häuser
und Höfe der Dörfer noch sehen kann, gehört ein Wolf nicht hin. Ich habe nichts
gegen den Wolf, aber das hier ist keine Wildnis.«
Da steht der Bauer Marco Hendrischk auf seiner Koppel in Großräschen, Ortsteil
Wormlage, und fragt: »Warum soll der Wolf ein Reh kilometerweit jagen, wenn er
sich ein Kalb von der Weide holen kann? Warum? Der ist doch nicht blöd.«
Da steht die Personalmanagerin Corinna Klaus am Hochufer des
Tagebaurestlochs, das zum Altdöberner See vollläuft, und fragt: »Wer ist der Mensch,
dass er entscheiden will, welches Tier mit ihm leben darf und welches nicht? Wer?«
Der Jäger Gebel wohnt nur 17 Kilometer von der Managerin Klaus entfernt, und
die nur 20 Kilometer vom Bauern Hendrischk. Alle leben im selben Landkreis. Alle
drei haben mit dem Wolf zu schaffen, aber nichts miteinander. Sie sind vor ein paar
Monaten im selben Dorfgasthof gewesen, auf einem »Wolfssymposium«, aber sie
haben nicht geredet. Vielleicht weil zu viele andere Menschen da waren und
diskutierten und schimpften und schwadronierten. Oder weil sie sowieso niemals zu
einer Meinung kommen könnten.
So ist das, wenn der Wolf wieder da ist, wo er 150 Jahre lang nicht war. Jeder
sieht in ihm etwas anderes. Jeder hat etwas anderes mit ihm vor.
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Corinna und Detlev Klaus wollen seine Nähe. Ihre Leidenschaft für die Wölfe
entsprang einer wachsenden Sehnsucht nach der Natur, nach einem tieferen Sinn, den
dieses Leben doch wohl haben muss. Arbeiten, Geld verdienen, Kultururlaub machen;
Eigentum sichern, Elektronik kaufen, das kann doch nicht alles gewesen sein.
»Oder?«, fragt Corinna. »Oder?« Und erwartet ein Nicken.
Jeden Sonnabend, jeden Sonntag, jeden Urlaub, wenn irgend möglich, gehen sie
auf die Suche nach dem Echten im Leben. Dann fahren sie in ihrem Kombi von ihrem
verkehrsumtosten Vorkriegshaus in Schwarzheide los, in wetterfester Kleidung, mit
Wanderschuhen, GPS-Gerät, Fotoapparat, Tüten, Formularen und Zollstöcken,
Fernglas, Campinghockern, Proviant und einem Einweggrill. Auf dem braten sie
nachher Biowürstchen von Rewe und einen Camembert, auch von Rewe, nicht bio.
Detlev schnitzt für jeden einen Holzspieß aus Kiefernzweigen, Corinna bricht das
Brot.
Auf dem Seminar zum Fährtenlesen in Sachsen hatten sie an drei eiskalten
Novembertagen stundenlang im Wald gestanden und geduldig auf die Abdrücke von
Tierpfoten gestarrt. Frischer Kot aber, lernten sie, sei noch viel besser, im
Wolfsmonitoring »wie Goldstaub«. Denn es haften ihm noch Darmzellen an. Der
Glanz auf der Losung ist darum so viel wert, weil er Feuchtigkeit bedeutet und dass
ein Wolf den Haufen erst vor wenigen Stunden setzte. Dass er hier war. Oder sie. Ob
Rüde oder Fähe, ob vom Welzower Rudel oder einem anderen, wird die Analyse im
Senckenberg-Institut in Görlitz ergeben, an das sie die Tüten schicken.
Um die Wölfe kümmern sich in Deutschland unzählige Wissenschaftler,
Sachbearbeiter, Tierärzte, Labormediziner, Umweltbeamte der Kreise, der Länder und
des Bundes, freiberufliche Wildbiologen, staatliche Förster, Jäger,
Naturschutzverbände, Minister, Abgeordnete und Naturliebhaber. Es gibt
Wolfsbeauftragte, Wolfsbeobachter, Wolfsmanagementpläne, Wolfsbüros,
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Wolfspatenschaften, Wolfserwartungsland, Wolfssymposien, Wolfsstudien und
Wolfsfördergebietskulissen. Dabei vermutet man doch erst 120 Tiere hier.
Vor 16 Jahren sah jemand den ersten Wolf durch die Oberlausitz laufen. Er kam
aus Polen. Anders als zu DDR-Zeiten knallte ihn aber niemand mehr ungestraft ab.
Nun sind es 14 Rudel in Sachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt, dazu zwei Paare
ohne Nachwuchs und drei bis fünf Einzelgänger auf der Suche nach Beute und
Anschluss. Es geht schnell jetzt. 2011 gab es doppelt so viele Wölfe wie im Jahr
zuvor, allein in der Lausitz wurden 38 Welpen geboren. In diesen Wochen werfen die
Fähen die nächste Generation.
Die Wölfe rücken in die Mitte des Landes vor und ins Bewusstsein der
Gesellschaft. Die Frage ist, ob das dem Tier guttut.
Das Material der Probe 1151217-URF138, die am 20. Oktober 2011 im
Landeslabor Berlin-Brandenburg einging, bestand aus Kadaverresten. Aus »Teilen
eines neugeborenen Kalbs in 2 Konvoluten:
1. Becken mit Hintergliedmaßen
2. Kopf mit Wirbelsäule und Rücken«.
Der Befund ergab »keine Durchbisse der Röhrenknochen; Plattenknochen wie
Rippen und Becken, von den Enden her durchgenagt (ohne Durchbisse...)«. Der
Fachtierarzt für Pathologie, Dr. Schulze, diagnostizierte daher am 26. Oktober 2011:
»Das Nutzungsmuster ist typisch für kleinere Aasfresser wie Vögel und kleines
Raubwild. Es lagen keine Hinweise auf eine Nutzung des Tierkörpers durch große
Kaniden vor.« Kein Wolf.
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Der Kälberzüchter Marco Hendrischk, 41 Jahre alt, Landwirt im Süden
Brandenburgs seit 1996, versucht seither einzusehen, was all seiner Erfahrung als
Bauer und Kind des Dorfes widerspricht: dass Vögel und Füchse ein ganzes
neugeborenes Kalb seines Bestands vertilgt haben sollen, zwischen acht Uhr abends
und sieben Uhr morgens, mitten in einer milden Oktobernacht, bei Dunkelheit,
zwischen einer Straße und den Gehöften in Wormlage, Ortsteil von Großräschen.
Abends stand er noch bei der tragenden Kuh; die Weide liegt am Dorfrand.
Hendrischk sah sich ihre Scheide an: keine Anzeichen für eine nahende Geburt. Er
bemaß den Grad ihrer Unruhe: gering. Er sagte sich, es ist noch Zeit. Als Hendrischk
wiederkam, morgens, sah er von seinem Jeep aus die Kuh verändert, auf einen Fleck
starrend, fortwährend brummend. Ah, dachte Hendrischk, ist es doch schon da?
Es war schon wieder weg. Blutiges Gras, abgenagte Rippenbögen, nur die
Vorder- und Hinterbeine übrig, der Kopf fast unversehrt. »Der Kopf! Vögel lieben
Köpfe«, sagt Hendrischk. Er dachte sofort an den Wolf, unwillkürlich. Der
Wolfsbeauftragte des Landes Brandenburg, Steffen Butzeck, mit Büro in Burg im
Spreewald, wurde angerufen. Bei Rindern, sagte der aber gleich, nehme er keine
eigene Einschätzung vor; die Überreste müssten sofort ins Labor.
Schon der Verdacht, ein Wolf habe ein Rind gerissen, reiche, sagt Butzeck, und
gleich würden Pressekonferenzen einberufen, auf denen junge Funktionäre mit
Designerbrillen Forderungen stellten. Hinter den Rindern steht eine große Lobby,
anders als bei den Schafen. Und mit jedem Riss kommen die immer gleichen
Geschichten, von wegen Naturschützer hätten den Wolf ausgesetzt. »Und, wer ist an
allem schuld?«, fragt Butzeck.
Ja, wer?
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»Rotkäppchen ist schuld«, ruft Butzeck, »Rotkäppchen, im Ernst!« Er lacht
nicht. Im Grunde, findet er, müsste man das Märchen umschreiben, um das
Bewusstsein zu ändern. Oder es kleinen Kindern gar nicht mehr erzählen – »Hurra,
hurra, der Wolf ist tot!« Es ist doch kein Wunder. Ein Leuchten tritt in Butzecks
Augen, wenn er sich vorstellt, wie es einmal aussehen wird, wenn die Wölfe erst
zahlreich sind und nicht wieder so einfach ausgemerzt werden können. Ab 1.000
Tieren, heißt es, wird ein Bestand stabil. »Dann«, sagt Butzeck, »haben wir hier
Serengeti!« Nur ist sein Traum der Albtraum der anderen.
Marco Hendrischk, der Bauer mit dem toten Kalb, hat damals im Oktober gleich
das Labor in Berlin angerufen und gefragt, ob es wirklich eindeutig sei, dass das kein
Wolf war. Der Veterinär Dr. Schulze antwortete, eindeutig wäre nur ein Gentest von
Speichelresten am Kadaver gewesen. Aber die 150 Euro dafür bezahle das Land
Brandenburg nicht.
Hendrischk hält an die 150 Rinder, Charolais, Holsteiner und
Mastkreuzungstiere. Er hätte mit dem Kalb vom 20. Oktober um die 400 Euro
umsetzen können, wenn es ein Bulle geworden wäre, den er nach drei, vier Monaten
an seinen Mäster hätte weiterverkaufen können. Oder er hätte aus ihm eine
Ammenkuh gemacht, an der über Jahre hinweg die zugekauften Kälber »gepietzt« und
sich satt getrunken hätten. Aber Dr. Schulze konnte nicht einmal das Geschlecht des
Tieres bestimmen, ganz ohne Rumpf und Gentest. So gab es keine Entschädigung. »Es
geht mir aber nicht ums Geld«, sagt Hendrischk. »Es geht darum, dass die nicht
zugeben, dass es der Wolf war! Dass nicht sein kann, was nicht sein darf!« Und Anja,
Hendrischks Frau, ruft: »Am Wolf verdienen einfach zu viele schon ihr Geld – diese
ganzen Beamten und Beauftragten!«
Je tiefer man in die Wolfswälder Sachsens und Brandenburgs vordringt und je
weiter man sich durchs Dickicht der Loblieder und Beschwerden schlägt, desto klarer
wird die Erkenntnis: Um die Wölfe geht es am Ende nicht mehr. Das ungezähmte
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Raubtier, das sich einfach holt, was es braucht, und dem niemand Einhalt gebieten
darf, provoziert nur ungemein in diesem Land, das sonst alles und jeden reglementiert,
das sogar die Handhabung von Hundeleinen im Wald vorschreibt.
Willkommenermaßen oder notgedrungen gibt die Existenz des Wolfes dem Menschen
Anlass, die eigene infrage zu stellen. Und nicht immer wird er mit den Antworten, auf
die er dabei stößt, fertig. Dann muss der Wolf herhalten, als Sinnstifter oder
Sündenbock.
Ein paar Wochen nach dem Tod ihres Kalbes waren die Hendrischks nach
Frauwalde in den Gasthof gefahren, das ist nicht weit. Der CDU-Landtagsabgeordnete
des Wahlkreises hatte zum »länderübergreifenden Fachsymposium« eingeladen,
Wiederansiedlung des Wolfes – sind wir darauf vorbereitet?. Das Nein auf die Frage
hing wie eine Wolke aus Trotz im Saal. Es gab Bier. Fast 50 Interessierte musste man
nach Hause schicken, denn 150 drängten sich schon, darunter Corinna und Detlev
Klaus, die freiwilligen Wolfsbeobachter aus Schwarzheide, die das feindliche Klima
entsetzte, und Niko Gebel, der Jäger aus Ortrand, der die Diskussion »gelungen« fand.
Der Wolfsbeauftragte Butzeck hielt seinen Vortrag und erklärte, wie Wildbiologen im
Auftrag der Länder Wölfe erforschen, er referierte über Fotofallen und Sender an den
Tieren, über Nahrungsanalysen und Gentests am Kot.
Gentests. Hendrischk musste an sich halten. Als aber ein Foto an die Wand
projiziert wurde, das einen toten Wolf in einem Computertomografen zeigte, stöhnte
er auf und mit ihm die Menge, als sei in sie alle ein Schmerz gefahren. Einer rief:
»Und wer bezahlt das? Die AOK?« Da wurde gelacht. Aber bitter.
Ein gerissenes Kalb ohne Wiedergutmachung, dafür ein Kadaver in der Röhre,
das war eine Zumutung zu viel.
Anja und Marco Hendrischk hatten sich ja nicht beklagt über ihr selbst
gewähltes Leben als Bauern, in dem es nur eine Woche Urlaub im Jahr gibt, im Winter
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mit der 13-jährigen Tochter. Die anderen 358 Tage beginnen siebenmal die Woche vor
sechs Uhr morgens und enden selten vor halb neun abends, im Sommer durchaus erst
um halb elf oder eben gar nicht, wenn die Kälber Durchfall haben und nachts
Elektrolyte brauchen. »Du darfst dir nie den Stundenlohn ausrechnen. Man muss dafür
geboren sein«, sagt Hendrischk.
Als Junge wollte er Tierarzt sein, wurde stattdessen Elektriker, denn so konnte er
im Dorf bleiben. In den Neunzigern machte er seinen Abschluss als Landwirt, neben
der Arbeit. Er vergrößerte den Hof der Eltern und baute Ställe aus alten Betonplatten.
Hendrischk, ein Hüne mit Kraft und Gewicht, humpelt seit letztem Frühjahr. Er
wollte einer Kuh beim Gebären helfen. Die Beine des Kalbes staken falsch, nämlich
angewinkelt, aus ihrem Leib. Er zog am Kalb, die Kuh tat plötzlich einen Schritt nach
vorn, Hendrischk rutschte im Matsch weg und verletzte sich im Lendenwirbelbereich.
Gequetschte Nerven, stechende, ins Bein ziehende Schmerzen. Einer unklaren
Diagnose folgte eine Behandlung, die nichts linderte. Er wechselte den Arzt. Da tat der
erstbehandelnde beleidigt, erzählt Hendrischk, und schrieb sein Gutachten so, dass die
Berufsgenossenschaft die Verletzung nicht anerkannte, nicht zahlte, keine
Rehabilitation bewilligte.
Hendrischk ist bis heute nicht therapiert und hat kein Geld für seinen Ausfall
bekommen. Aber was heißt Ausfall? 150 Tiere und 180 Hektar Land warten nicht, bis
der Bauer wieder gesund ist. Er nahm Schmerzmittel. Doch die verschreibt der Arzt
nicht mehr, Hendrischk könnte abhängig werden. Soll jetzt ein Anwalt ran? Aber was
das wieder kostet!
So lief das Jahr 2011, und dann riss ihm der Wolf (oder wer auch immer)
obendrein das Kalb und wurde Prellbock für die Erschöpfung, die sich Bahn brach, für
die Last der Entbehrung, die Enttäuschung über die Ungerechtigkeit mit dem Rücken,
mit dem Riss.
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Die Arbeit ist noch mehr geworden seither. Sie holen die Kühe für die Geburten
jetzt auf den Hof, in die Ställe. »Dadurch steigt die Keimrate bestimmt um 50 Prozent
und damit die Gefahr der Kälbersterblichkeit«, sagt Anja Hendrischk. »Kalben auf der
Weide ist ja viel hygienischer. Aber das Risiko gehen wir nicht mehr ein. Wir können
die Weiden nicht alle so auskoppeln, dass da kein Wolf reingeht. Was die uns vom
Kreis oder vom Land da erzählen, ist total unrealistisch.« Und ihr Mann sagt: »Dass
Kühe sich zusammentun und den Wolf abwehren, ist längst nicht mehr so. Vielleicht
noch bei Herden, die das ganze Jahr draußen stehen, wo selbst der Bauer kaum
rankommt. Aber unsere sind an Menschen gewöhnt, an die Hunde, der Instinkt ist
nicht mehr da.« Und Anja Hendrischk ruft: »Der Mensch muss den Wolf in die
Schranken weisen! Wie jedes andere Wildtier auch! Knall bedeutet Tod, da hauen die
ab. Aber wenn man’s nicht macht, kommen sie bis ran. Ist doch klar! Die sind schlauer
als Hunde. Aber auf uns kleene Piepel hört ja keener, wir haben keene Chance.«
Ihre Stimme wird schrill über der Tirade, als versuche sie, damit etwas
abzuwehren, vielleicht die Einsicht ins Unvermeidliche, dass zu allem anderen nun
auch der Wolf an ihrem Leben frisst. Sie steht beim Reden in der Küchentür, immer
auf dem Sprung – zum Ausmisten, Füttern, Melken, zum Telefon. Die Küche sieht
aus, als hätten die vor Jahren früh gestorbenen Schwiegereltern sie gerade erst
verlassen. Mit diesem weißgrau beschichteten Buffet aus den siebziger Jahren, wie es
Tausende in der DDR besaßen, und den bräunlichen Schmuckfliesen, die man im
Osten so schwer bekam, mit dem Tisch unter der Wachstuchdecke, an dem sie mit
ihrem einzigen Angestellten immer Mittag essen.
Anja Hendrischk hätte manches gern umgebaut und neu eingerichtet. Aber ihr
Mann sagt: »Erst mal konsolidieren.« Anja, 37 nun, fragt: »Was heißt erst mal? Das
sagst du immer. Das Leben ist jetzt.« Sie lächeln einander an bei der Unterhaltung,
etwas matt; sie haben sie oft geführt. Und wieder begehrt sie auf: »Jetzt soll der Wolf
sogar den Tourismus ankurbeln! Das ist doch wohl ein Witz? Den Tourismus! Einen
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Wolf kriegt niemand zu Gesicht!« Dann eilt sie hinaus in die klamme Kälte auf den
Hof, an dem nichts lieblich ist, alles nur nützlich, und greift sich die Mistgabel.
Der Wolf ist scheu. Corinna und Detlev Klaus aus Schwarzheide haben in den
drei Jahren ihrer Suche erst dreimal einen wilden Wolf gesehen, den ersten zufällig
tagsüber, was ungewöhnlich ist. Er querte eine einsame Betonstraße im Wald. Vor
zweieinhalb Jahren war das, es war kalt. Sie saßen in dem alten kleinen Wohnmobil,
das sie sich schön gemacht hatten, mit Indianermotiven. Indianer, weil sie finden, dass
die mehr als unsereiner mit der Natur leben. Wenn man sie ließe, jedenfalls. Sie haben
Indianer auf ihren Reisen durch Amerika nur in Reservaten gesehen, »traurig«, sagt
Corinna.
Der erste Wolf ging hinter dem Auto über diese Straße. Nicht schnell. Er
schaute. Detlev bekam Gänsehaut, die Haare stellten sich ihm auf. »Es war
unbeschreiblich«, sagt er, »ein Ereignis, das vergisst man nie. Nie!«
Es gab einen Auslöser, der die Naturliebe der beiden kompromisslos werden ließ
und sie auf die Fährte der Wölfe führte: als Diana vor ein paar Jahren starb, mit 13
Jahren, ihr erster Boxer. Sie wussten, es war bloß ein Hund, aber sie fielen wie in ein
Loch. Sie forschten in sich, wann sie sich besonders gut gefühlt hatten, und landeten in
ihrer Kindheit und Jugend. Als Detlev dauernd im Freien war, mit dem Großvater
angeln ging. Als Corinna mit der Familie Kräuter sammelte. Das wollten sie
wiederhaben und noch mehr. Seither reisen sie zu Wildnisschulungen und
Wolfsseminaren im In- und Ausland statt wie früher an Strände und in Städte.
47 Jahre alt ist Detlev, sie 42. Er arbeitet als Schlosser für Bahntechnik, Corinna
ist Personalentwicklerin in einem Recyclingunternehmen. Beider Eltern hatten ihr
Auskommen noch in der Braunkohle, die der Lausitz bis heute im Tagebau entrissen
wird und die Ostdeutschland mit Strom versorgt. Über 300 Siedlungen und Dörfer
verschlang der Kohleabbau in 100 Jahren. Die Wende, und der Rechtsstaat, den sie
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brachte, stoppte zwar die Rücksichtslosigkeit, mit der die Heimat weggebaggert
wurde, nicht aber die Verwüstung der Natur.
Genau dorthin zieht es jetzt die Wölfe, in die Tagebaugebiete. Die Rudel trollen
sich an den grau-schroffen Ufern der sich mit Wasser füllenden Krater, die wie
Kulissen aus einem Endzeitthriller wirken, spröde und fruchtlos. Aber es steigen
prächtige Adler darüber auf. Man kann sich einbilden, die Wölfe wüssten um die
Symbolkraft ihrer Rückkehr, dass ausgerechnet sie, 150 Jahre nach der Ausrottung
ihrer Art, in Deutschland die Region der ausgerotteten Dörfer wiederbeleben. Aber so
ist es natürlich nicht. Auf den Folgelandschaften des Tagebaus gibt es einfach viel
Wild zu jagen – und wenige Menschen, die dabei stören. Hasen, Rehe und Hirsche
springen wie ein lebendes Buffet durch diese endlos gleichen Wälder mit ihren zu
vielen Birken und Kiefern.
Für ein paar Jahrzehnte, die zwischen dem Zerstörungswerk der Kohlebagger
und der Anlage neuer Wälder, Strandbäder und künstlicher Seen liegen, hat sich hier
eine Lücke in der Zivilisation aufgetan. Sie füllt sich mit menschengemachter Wildnis.
Serengeti auf Zeit. Die Lücke wird sich schließen, aber die Wölfe werden bleiben.
Wenn man sie lässt. Sie sind nicht wählerisch. Sie schätzen Truppenübungsplätze
genauso. Wildbiologen haben in Sachsen beobachtet, dass Wölfe zu den Zeiten, zu
denen die Bundeswehrsoldaten das Schießen üben, im Bau bleiben und erst auf
Beutezug gehen, wenn der Krach vorbei ist.
Bei Corinna und Detlev Klaus ist es genau umgekehrt: Weil es laut ist, verlassen
sie in jeder freien Minute ihr Haus, in dem sie mit Corinnas Eltern leben. Es ist
umschlossen von der Autobahn 13 Dresden–Berlin, der Bundesstraße 169, der Zufahrt
zur BASF, einer Tankstelle, einer Autowerkstatt, einem Autohaus, einem
Lebensmitteldiscounter, einem Baumarkt. Ihr Vater, über 80, hat das Haus mit den
eigenen Händen gebaut, in den vierziger Jahren. Damals war es von Wald und
Fischteichen umgeben, auf der Autobahn kam kaum ein Gefährt vorbei. Heute bringen
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Lärm und Laster es Tag und Nacht zum Vibrieren. »Ich liebe dieses Haus«, sagt
Corinna und: »Es macht mich krank.«
Es ist, als würden Corinna und Detlev jedes Wochenende in ihr wahres Zuhause
fliehen, das ist der Wald. Insofern zielt der Jäger Niko Gebel mit seinen Ideen mitten
in ihr Refugium. Denn Gebel möchte die Wölfe zum Schießen freigeben wie jedes
andere Wild auch, das Tier soll unters Jagdrecht fallen. Er sagt: »Mancher Wolf wird
zum Problem und muss erlegt werden, schlicht und ergreifend.«
Wann wird er zum Problem?
»Wenn er zu nah an die Dörfer kommt, um Beute zu machen.«
Gebel hat noch nie einen wilden Wolf gesehen. Er weiß trotzdem, »nicht alle
Wölfe haben denselben Charakter«. Es stand doch alles in der Zeitung: Ein Wolf in
der Lausitz gräbt sich unter Zäunen durch, ein anderer springt darüber, manche trauen
sich nachts in Dörfer, um angepflockte Schafe zu holen. Und das passiere, obwohl
Wolfsexperten gesagt haben, dass Wölfe nicht graben, nicht über Zäune springen und
den Menschen scheuen. Eine ganzjährige Schonzeit, wie sie die Sachsen beschließen
wollen, findet Gebel überflüssig. »Ich will ihn doch nicht jagen!« Nur eben schießen,
wenn es ein Problem gibt. »Ich habe das Gefühl, alle Umfragen zur Beliebtheit des
Wolfes werden in Berlin-Mitte, Hamburg oder Dresden-Neustadt geführt. Immer 98
Prozent pro Wolf. Dort braucht ja auch niemand mit ihm zu leben! Aber bei uns muss
man einen Mittelweg finden und die Landbevölkerung mitnehmen.«
Mittelweg, Landbevölkerung, mitnehmen. Der Jäger Gebel hat eine wunderlich
alt klingende Ufa-Film-Stimme. Dabei ist er erst 26. Der Weg zu ihm führt in Ortrand
über einen Hof voller Grabsteine. Gebel ist angehender Steinmetzmeister im Betrieb
des Vaters. Er geht in der Saison fast jede Nacht auf Jagd, er bestellt seine Wildäcker,
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füttert die Wildschweine an, verkauft die erlegten Tiere an die Gasthöfe und
Wurstmacher der Gegend; er vertreibt äsende Schwäne von den Feldern der Bauern,
räumt totgefahrene Rehe von der Straße. Er baut in Ortrand sogar Wein an. Wenn er
sich von jemandem verabschiedet, lüpft er höflich den Jägerhut über seinem lieben
kreisrunden Gesicht. Warum will er so dringend, dass auf Wölfe geschossen werden
darf? Keiner hat ihn bedroht, keiner ihm ein Schaf gerissen, und das Wild läuft Gebel
auch nicht davon; er macht ordentlich Strecke zwischen Großkmehlen und Lindenau.
Es muss etwas anderes sein.
Er fragt: »Warum kümmert sich eigentlich jeder um den Wolf, aber keiner um
die Feldlerche? Die ist auch gefährdet.«
Und, warum?
»Vermutlich, weil große Tiere großen Eindruck machen und kleine keinen.«
Gebel wollte als Jugendlicher Politologe werden und Lehrer. Seine Familie überredete
ihn dann, in den Steinmetzbetrieb einzusteigen, die Tradition fortzuführen. Er fügte
sich, er ist der einzige Sohn. Doch gleichzeitig trat er in die CDU ein, heimlich, weil
seine Familie immer mehr für die SPD war.
Die CDU hat in Brandenburg eigentlich wenig zu sagen. In Ortrand, 2.500
Einwohner, ist das anders. Gebel kommt schnell zu einem Amt. Mit 25 wird er Erster
Stellvertreter des Bürgermeisters. Statt Politologe ist er jetzt Politiker. Der Wolf ist
kein schlechtes Thema für einen Anfänger, der jagt.
»Heimlich« würden die Rehe, seit der Wolf da ist, sagt Gebel. Man kriegt sie
schwerer vor die Flinte. Die Pachtpreise für die Jagdreviere in der Gegend sinken
deshalb, manche Landeigentümer bekommen ihre Pachten nicht mehr los. »Man hat
die Antipathie gegenüber dem Wolf unterschätzt. Darum brauchen wir eine
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Novellierung des Jagdrechts, die es ermöglicht, Problemwölfe unbürokratisch zu
entfernen.« Er sagt nicht töten. Er hat den Parteien-Slang gut drauf.
Gebel ging zur Union, weil er die Politik der Grünen nicht ertrug. Er hatte als
Jugendlicher erlebt, wie die damalige Verbraucherschutzministerin Renate Künast mit
der Vogelgrippe umging. Alles Federvieh im Land zwangsweise einstallen zu lassen,
fand er hilflos. Es war seine Initiation. Überall, glaubt er seitdem, meine man es mit
dem Umweltschutz zu gut, mache es aber ganz schlecht. Und die Landbevölkerung
müsse zusehen, wie sie damit zurechtkommt.
Er hat Beweise. Gebel lenkt seinen alten, jägergrünen Geländewagen zu einem
Flüsschen, an dem ein 20 Jahre alter Eichenwald steht oder was davon übrig ist. Er
kennt den alten Herrn, der ihn dort pflanzte, um seinen Erben einen schönen
Hartholzbestand zu hinterlassen. Aber schon fast die Hälfte haben die Biber abgenagt.
Wie riesige Bleistiftstummel stehen die Stümpfe da, ein einziger Vorwurf. Gebel
erzählt auch von den Kormoranen, die so viele geworden seien, dass sie die
Fischbestände plünderten. Und von den Fischtreppen, die an Schleusen gebaut werden
müssten, über die aber nie ein Fisch nach oben klettere. Es sind Gleichnisse auf den
Wolf, denn Biber und Kormoran stehen unter ebenso strengem Schutz wie er. Gut
gemeint, aber nicht gut gemacht. »Ich möchte, dass der Wolf nicht verniedlicht wird.
Wer weiß denn, ob er nicht eines Tages auf Menschen geht?« Ein wenig Fürsorge,
eine Prise Demagogie, ein bisschen Rotkäppchen. Niko Gebel lernt schnell.
Seine Pachtjagd liegt ganz nah an der Königsbrücker Heide, wo letztes Jahr das
neueste und westlichste Wolfsrudel entstand. Von dort in Sachsen können die Wölfe
in sein Revier nach Brandenburg wechseln, denn anders als der Mensch dürfen sie in
der Heide ein und aus gehen. Die Königsbrücker Heide diente 90 Jahre lang als
Truppenübungsplatz, zuerst für den Kaiser, zuletzt für die Sowjets. In der DDR
wurden hier heimlich atomare Sprengköpfe gelagert. Wladimir Putin, damals KGBOffizier in Dresden, ging hier Rotwild jagen. Gebels Opa hat ein Foto davon.
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Als die Rote Armee abzog, untersuchten Wissenschaftler das Gelände und waren
hingerissen: Panzer und Bomben hatten eine wilde Landschaft geformt, wie es sie
zuletzt in der Eiszeit gegeben haben soll. Darum steht die Heide seit 1996 unter
Schutz. Für die Menschen, die an ihren Rändern leben, hat das nichts geändert. Sie
dürfen weiterhin nicht hinein. Denn die Russen hatten zum Schluss alte Munition in
der Heide vergraben, weil das billiger war als der Transport in die Heimat. Bloß weiß
keiner, wo.
Dass Wölfe in der Heide einziehen würden, war nur eine Frage der Zeit. Eine
Fotofalle schoss vor einem Jahr das erste Bild, nur Wochen später zeigte sie schon
Welpen. Bald wurden Schafe außerhalb der Heide gerissen, in Sacka, Tauscha,
Thiendorf.
Es trifft oft Tiere alter Leute. Weil die meisten das Vieh ungeschützt angepflockt
hatten, entschädigt sie niemand. Anpflocken ist verboten. Die Halter sind selbst
schuld, das macht sie wütend. So geben sie in hitzigen Debatten in den Dorfgasthöfen
den Wölfen die Schuld. Daraus wird Politik. Sachsen steht davor, den Wolf ins
Landesjagdrecht aufzunehmen. Und das möchte Niko Gebel in Brandenburg auch
erreichen. Er will den Naturschutz nicht den Naturschützern überlassen. Er will es
besser machen als die Grünen und die SPD, anders machen als die Eltern. Deshalb
möchte Niko Gebel Wölfe zum Schießen freigeben. Es ist seine wohlerzogene Art der
Rebellion.
Auf dem Rückweg zum Auto in Altdöbern haben Corinna und Detlev Klaus die
einzige Begegnung mit einem Menschen an diesem Tag im Wald. Fast 13 Kilometer
sind sie gelaufen, sechs Losungen haben sie gefunden, und Detlev glaubte, mit dem
Fernglas am anderen Ufer des Altdöberner Sees ein Gewusel entdeckt zu haben, das
nach einem Rudel aussah. Aber Corinna hatte es nicht gesehen.
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Jetzt kommt ihnen ein schwarzer Mercedes-Jeep entgegen, ein neues Modell mit
Kennzeichen aus Neuss in Nordrhein-Westfalen. Er wird langsamer, fährt erst an
ihnen und den Hunden vorbei, um schließlich doch anzuhalten. Ein älterer Mann mit
weißem Haar, fleischigem Gesicht und Brille steckt den Kopf aus der Tür und fragt:
»Na, was gibt’s?« Durch die getönten Scheiben sieht man auf seinem Beifahrersitz
vage eine Frau im gleichen Alter sitzen, die gelangweilt nach vorne schaut, und im
Kofferraum Ablaufwannen für erlegte Wildschweine. Detlev muss ein paar Schritte
zurückgehen, um den Mann höflich grüßen zu können. Der Neusser stellt sich nicht
vor, geht dafür zum Duzen über: »Was habt ihr denn da?« Er weist auf die
Zehnmeterleinen der Hunde. Detlev gibt freundlich Auskunft. »Ihr habt die Hunde
doch nicht etwa losgelassen?«, fragt der Mann und versucht zu lächeln, was nicht
gelingt. »Die Hunde vertreiben mir noch das ganze Wild!« Detlev bleibt freundlich.
Die Hunde liefen nicht davon, sagt er wahrheitsgemäß. Der Jäger antwortet: »Ach, das
sagt ihr alle. Passt bloß auf, dass man euch nicht erwischt!« Dann zieht er die Autotür
zu und fährt weiter in den Wald hinein, in dem wilde Wölfe leben, aber er das Sagen
haben will.
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Die sibirische Schönheit
Sie sind sehr jung, sehr ehrgeizig, und ihre Gesichter spiegeln den Vielvölkermix ihrer
Heimat. Tausende Mädchen aus Sibiriens kalten Städten träumen davon, als Topmodel die
Mode-Metropolen des Westens zu erobern. Erdöl und Erdgas? Internationale Agenten finden,
die Mädchen könnten der attraktivere Naturschatz des Landes sein. Und machen sich entlang
der Transsib auf die Suche nach ihnen
Diana Laarz, Geo, 26.09.2012
Als der Zug mit der Nummer 239, Transsibirische Eisenbahn „Jenissej“,
unterwegs von Wladiwostok nach Moskau, nur noch ein schneeverstobener Fleck
zwischen Häuserschluchten ist, bleiben drei Männer auf dem Bahnsteig zurück.
Gebückte Gestalten huschen vorbei, die Kapuzen bis zur Nasenspitze gezogen. Die
Neonanzeige am Bahnhofsturm von Nowosibirsk blinkt im ersten Morgenlicht.
Temperatur: ein Grad Celsius, Niederschlagswahrscheinlichkeit: 100 Prozent,
Sturmböen aus Richtung Süden.
„Ein großartiges Land“, stößt der Kalifornier hervor, Eiskristalle taumeln auf die
Gläser seiner 300-Dollar-Sonnenbrille. Der Schlaks aus Mailand neben ihm sagt
nichts, weil er meistens nur spricht, wenn er gefragt wird. Der dritte Mann, ein
Armenier mit Wohlstandsbauch unterm Anorakfutter, stampft ohne Vorwarnung los
Richtung Ausgang, die anderen beiden hinterher. Ihre Rollkoffer ziehen
Schlangenlinien in den Schnee. Drei Handlungsreisende im ehemaligen Land der
Verbannten. Für sie haben sibirische Mädchen am Abend zuvor ihre Bikinis aus den
Schubladen gekramt.
Das Modelimperium von Tigran Chatschatrjan, dem Armenier, reicht von
Russlands fernem Osten am Ufer des japanischen Meeres bis nach St. Petersburg. Dort
hat er seine Agentur „Noah Models“ gegründet, dort verwaltet er die Träume von 300
Mädchen und jungen Frauen. Wie ein russischer Glücksritter Anfang des vorigen
Jahrhunderts fährt Chatschatrjan ein paar Mal im Jahr mit der Transsibirischen
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Eisenbahn, durchrumpelt das Land im Schlafwagen. Der Nachschub für seine Kartei
harrt entlang der Gleise aus, Anhalterinnen Richtung rauswärts.
Auf dem Zettel, den Olga Schukowa mit beiden Händen umklammert, steht
alles, was man über sie wissen muss: 15 Jahre alt, 174 Zentimeter groß, Brust: 78,
Taille: 60, Hüfte: 85. Die Blicke von Tigran Chatschatrjan und seinen beiden
Begleitern heften sich auf das Blatt Papier: Damit lässt sich etwas anfangen.
Schukowa sei eines der größten Talente der Nowosibirsker Modelagentur Elite
Stars, raunt eine Betreuerin im Rücken der Männer. Herzförmiges Gesicht, weit
auseinander liegende Augen; am rechten Handgelenk hat ihre Katze Asja mit den
Krallen einen langen Kratzer geschlagen. Keine Zahnspange, das ist wichtig.
Chatschatrjan dirigiert sie mit Zeitlupen-Bewegungen seiner flachen Hand. Eine
leichte Drehung, Schukowa wendet sich ins Profil. Er hebt die Hand, sie streicht sich
das Haar aus dem Gesicht. Der Scout prüft das, was er „die Ressourcen“ nennt. Wenn
es schlecht läuft, versteckt sich unter den dunklen Haarsträhnen ein asymmetrisches
Paar Ohren. Tut es nicht.
Chatschatrjan entscheidet sich schnell: Schukowa ist dabei. Andrew Sirius neben
ihm setzt zu einer seiner gehauchten Adjektiv-Ketten an: „Atemberaubend - süß umwerfend“. Sirius ist US-Amerikaner, lebt in Mailand und arbeitet hauptberuflich als
Model. In Sibirien ist er als Späher einer japanischen Agentur unterwegs. Die sucht
kindlich wirkende Models mit mangagroßen Stauneaugen für Reklameposter und
Modenschauen.
Der Scout aus Kalifornien, Ariel Mark, zeigt keine Regung. Kann ja jeder
sehen, dass das nicht die neue Marilyn Monroe ist, die er sucht. Mark hat etwas mit
dem Filmstudio Paramount zu tun; damit man ihm das glaubt, trägt er Beverly-HillsBräune und einen Stapel Filmskripte mit sich herum. In Los Angeles, murmelt er,
würde das alles viel schneller gehen. Er schnippt mit den Fingern. Die nächste bitte.
Am anderen Ende des Raumes nimmt das erste Mädchen Reißaus. 50 andere bleiben.
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Es ist ein bisschen wie mit den Schätzen, mit denen in Sibirien die Erde voll
gepackt ist. Im Boden lagern die weltgrößten Vorräte an Kohle, Erdöl, Diamanten und
Gold. Oberirdisch gibt es ein unerschöpfliches Reservoir an Gesichtern.
Jahrzehntelang verbannte der sowjetische Staat unliebsame Volksgruppen in den
Osten. Deutsche von der Wolga, Tschetschenen aus dem Kaukasus, Letten aus dem
Baltikum trafen auf den alteingesessenen Völkermix – Mongolenstämme und Inuit,
Nomaden, Pferde- und Rentierzüchter. Ein dreiviertel Jahrhundert später ist die
Mischung titelseitentauglich: Mandelaugen, Elfenohren, bronzefarbenes Haar. Nicht
nur schöne, sondern auch interessante Gesichter. Andrew Sirius und Ariel Mark sagen,
was die weiblichen Schätze des russischen Ostens betreffe, sei Tigran Chatschatrjan
der beste Bergmann, den man jenseits des Ural finden könne.
Die Chefinnen der sibirischen Modelagenturen empfangen ihn mit Auto,
Chauffeur und einem großen Teller Schokoladenkonfekt. Nur Chatschatrjan hat die
Kontakte zu den Auftragnehmern in China, Japan, England und Frankreich. Er pickt
sich die Mädchen heraus, die auch in dem Teil der Welt Erfolg haben werden, in dem
der Schnee nicht so lange liegen bleibt, bis Kohlenruß ihn schwarz gefärbt hat. Gut die
Hälfte von denen, die er auswählt, wird früher oder später ein Angebot aus dem
Ausland bekommen. Nowosibirsk sieht an vielen Ecken aus wie eine Trödeltruhe
hingeklotzter Sowjetarchitektur. Die Laufstege von Mailand und Paris sind nicht nur
wegen der Kilometer weit entfernt. Aber das Casting im linoleumbewehrten
Jugendsportzentrum rückt den großen Traum ein gutes Stück näher.
Es gibt ab und zu ein Mädchen, das weiß noch nicht, dass 93 Zentimeter
Hüftumfang mindestens zwei Zentimeter zu viel sind für ein Lagerfeld-Kostüm.
Chatschatrjan bringt es ihr dann bei. Er wählt die Flüsterstimme, die nach
großväterlichem Ratschlag klingt. „Also Schatz, du müsstest nur ein bisschen
abnehmen.“ Er sieht ihr nach, die buschigen Augenbrauen zu einem bekümmerten
Dreieck verzogen.
Im 20-Sekunden-Takt staksen die Bewerberinnen einen gedachten Laufsteg
entlang und bleiben mit schlotternden Oberschenkeln vor den drei Männern stehen. In
der Ecke hinter ihnen drängelt sich die übrige Gruppe wie eine Herde verängstigter
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Schafe. Das Neonlicht färbt ihre sonnenentwöhnte Haut olivgrün. Sie schlingen die
Arme um ihre nackten Taillen, flüstern gebetsmühlenartig die Wörter sixteen und sixty
und bringen im entscheidenden Moment ihr Alter dann doch nicht richtig heraus. Die
jüngsten sind zwölf Jahre alt.
Abends, im Waggon der Transsibirischen Eisenbahn nach Omsk, macht sich
Goldgräberstimmung breit. Auf den Tischen schwappt schwarzer Tee in den Gläsern,
die Lüftung pustet heiße Luft in die Gesichter. Andrew Sirius scrollt auf dem Handy
durch die Ausbeute des Tages. Das „Itsy-Bitsy-Mädchen“. Oder dieses: „so jung, so
niedlich“. Und das Mädchen, das wie die Hauptdarstellerin des Films „Avatar“
aussieht. „Sie muss nach Paris“, sagt Chatschatrjan mit von der Arbeit schweren
Augenlidern.
Und Olga Schukowa? Olga wer? Mit dem Zeigefinger wischt Sirius ein
Mädchengesicht nach dem anderen beiseite. Bis er sie gefunden hat. „Ja, sie war eine
der Besten.“ Er legt das Telefon beiseite. Sie müssten alle längst schlafen. In vier
Stunden wird die Transsib ruckelnd in Omsk stoppen. Schneeflocken laufen als
Rinnsale am Fenster hinab. Für die nächsten Tage sind sinkende Temperaturen
angesagt.
Die Scouts sind weg, und Olga Schukowa findet, schmuddelige
Feriennachmittage seien wie geschaffen, um an der Zukunft zu basteln. Erst vor ein
paar Wochen ist sie von ihrem ersten Model-Job in China zurückgekehrt, sie will
schnell wieder fort. In dem Treppenhaus der Agentur Elite Stars trippelt sie von einem
20-Zentimeter-Absatz auf den anderen. Sie trägt den gleichen Bikini wie beim
Casting, schwarz-weiß gestreift mit Schleifchen zwischen den Brüsten. An der Wand
lehnen Leiter und Wischeimer, eine Putzfrau drängelt sich vorbei.
Für die Kunden in Ostasien wird ein Video aufgenommen. Die Kamera zoomt
auf Schukowas Gesicht. Jetzt schmuggelt sie in ihren Blick all die Reife, die ein
Mädchen haben kann, das gerade seinen 15. Geburtstag mit Nachmittagstee und
Kuchen gefeiert hat. Die Stimme spielt nicht mit. Jeder englische Satz ist ein
quietschendes Ausrufezeichen. „Ich komme aus Russland. Ich habe in China
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gearbeitet. Ich möchte mehr Länder sehen.“ Sie mag Volleyball, Eis und natürlich
Modeln.
Mit zwölf Jahren tauchte Olga Schukowa zum ersten Mal bei einem Casting auf.
Ihr Vater brachte sie hin. Die renommierteste Agentur in Nowosibirsk, Elite Stars,
erkannte in dem Kind Olga sofort das Mannequin von morgen. Sie besuchte deren
Modelschule.
In der Sporthalle des Lyzeums Nummer Zwei, „Hoffnung Sibiriens“, lernen
schon Vierjährige, wie man beim Defilee den Rücken zum Hohlkreuz biegt.
Grundschülerinnen posieren so lange auf einem Bein, bis die Oberschenkel beben, und
versprechen von nun an Buchweizen statt Mars-Riegel zu essen. Am Rand sitzt eine
Mutter, die die Tage bis zum Sendestart der russischen „Topmodel“-Show zählt.
Der Gedanke, ihre Tochter Karina könne eines Tages einen Job als Model in
Japan bekommen, treibt ihr die Tränen in die Augen. Die Tochter, zehn Jahre alt und
im Hello-Kitty-Shirt, kämpft derweil damit, dass sie in den High Heels nicht aus den
Kurven kippt. Das Mädchen solle lernen, sich zu präsentieren, sagt die Mutter. „Das
kann nützlich sein im Leben.“ Wofür genau, das sagt sie nicht. Fürs Erste genügt es
ihr, dass Karina nun öfter in den Spiegel schaut. Als die Tochter nach dem Unterricht
der Mutter entgegenstolpert, empfängt diese sie mit den Worten: „Nimm mal dein
Haar aus dem Gesicht.“
Die Gruppen in der Modelschule treffen sich zwei bis drei Mal in der Woche,
insgesamt etwa sechs Stunden. In die Zukunft ihrer Töchter investieren die Eltern alle
drei Monate 230 Euro. Bei einem Nowosibirsker Durchschnittslohn von monatlich
380 Euro legt manch eine Mutter viel Wert darauf, dass die Rendite später stimmt.
Olga Schukowa lernte schnell. Zu wenig Ehrgeiz war noch nie ihr Problem. Sie
läuft den Kilometer in dreieinhalb Minuten und hatte noch nie eine Drei auf dem
Zeugnis. Sie weiß nun, dass man zu einem Fotoshooting niemals mit Strumpfhosen
aufkreuzt, die dicker als 20 DEN sind. Und dass ein Model, wenn es fotografiert wird,
durch den Mund atmet, um die Lippen zu entspannen. An der Kaffeetafel am
Sonntagnachmittag drängt ihr Vater ihrem Bruder ein zweites Stück Hefekuchen auf
und bietet ihr Baby-Obstmus an. Da gluckst sie nur und isst nichts von beidem.
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Schukowa lebt in Krasnoobsk. Es ist eine Satellitenstadt, wie sie um jede
russische Millionenstadt dutzendfach wachsen. Von hier flüchten die Menschen zur
Arbeit und kehren nur zum Schlafen zurück. Ein Architekt hat versucht, in
Krasnoobsk mit Hochhausklötzern die Olympischen Ringe nachzuformen – und
mittendrin aufgehört. Schornsteinrauch färbt Autos und Häuser pfützengrau, die
Straßen tragen Nummern. Neben den wurmstichigen Plattenbauten schrumpfen die
Menschen.
Wenn Olga Schukowa wagemutig sein will, schleicht sie sich in den zwölften
Stock des höchsten Gebäudes weit und breit, schaut sich Russland jenseits des
Stadtrandes an und sieht bis zum Horizont nichts als klapperdürre Birken. Sie mag
diesen Ausblick. Das Leben in einem Landstrich, in dem die nächste Stadt immer eine
Flugreise entfernt ist, erschien ihr nie als Sackgasse. Sie wollte Ärztin werden wie ihre
Mutter.
Die meisten von Schukowas Klassenkameraden sehen das ähnlich. Sie denken
nicht westwärts, Moskau oder darüber hinaus; höchstens an den Burger, den sie am
Nachmittag im Fastfoodtempel an der Hauptstraße kaufen wollen, dem angesagtesten
Laden der Stadt. Sie wollen später studieren. Universitäten hat die Stadt genug, und
die Arbeitslosenquote liegt nur knapp über dem landesweiten Durchschnitt.
Nowosibirsk ist kein Ort mehr, den man ohne guten Grund verlässt. Im vergangenen
Jahr wurden erstmals seit 19 Jahren wieder mehr Kinder geboren, als Einwohner
starben.
Die Mädchen, die im IKEA-Restaurant Hackfleischbällchen bergeweise futtern
und die anderen, die beim Skilaufen im Wald an der Figur arbeiten, kommen aus
denselben Hochhäusern, aus ähnlichen Familien. Ihre Väter sind Fernfahrer,
Möbelhändler, Mitarbeiter eines Ölkonzerns, die Mütter Buchhalterinnen,
Physiotherapeutinnen oder Hausfrauen. Es gibt nur einen Unterschied: Letztere haben
gemerkt, dass ihre Hüften schmal genug sind; sie haben über den schwindsüchtigen
Birkenwald hinweggeschaut und angefangen zu träumen.
Olga Schukowa denkt nun darüber nach, Übersetzerin zu werden. Sie spricht
von einem eigenen Hotel in New York City. Ihre Eltern nähme sie mit.
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Zahlreiche Agenturen in Sibirien bedienen den Wunsch der Mädchen, der
Abgeschiedenheit ihres weiten Landes zu entkommen. Allein in Nowosibirsk gibt es
acht. Sie rangeln um jedes neue Gesicht, veranstalten an den Universitäten
Wettbewerbe. Elite Stars hat gerade die Universität für Agrarwissenschaften an die
Konkurrenz verloren. Rund um die Schönheit ist eine Industrie entstanden:
Modelschulen, Haarstudios, Make-Up-Artisten, Modefotografen, Dekorateure. Im
Telefonbuch stehen 154 Schönheitssalons. Und ein Geschäft verkauft modische
Bekleidung für medizinisches Personal.
Die britische Agentur NEXT hat Olga Schukowa nach London eingeladen. Aber
sie ist noch etwas zu jung für den europäischen Markt. Ein Engagement in Singapur ist
im Gespräch, vielleicht in den Sommerferien. Modeltycoon Chatschatrjan sagt, Asien
sei wie ein Kindergarten für Models. Es gibt wenig Konkurrenz, sie können dort
Erfahrungen und Fotos für ihre Mappe sammeln. Danach kommen Europa und die
USA. Wenn Olga Schukowa irgendwann ganz oben ankommen möchte, braucht sie
einen Vermittler wie Chatschatrjan.
Der vergleicht Frauen gern mit Autos. Sie seien wie ein Porsche ohne Motor,
sagt er. Niemand würde Geld – „sagen wir mal 300.000 Dollar“ - für sie ausgeben. Er
hat es sich zur Aufgabe gemacht, die besten aller Motoren einzusetzen. Wenn er damit
beginnt, stellt er stets die gleiche Frage: „Was bewirkt Geld?“
Chatschatrjan sitzt buddhagleich auf einer Couch in einem Omsker Betonblock,
drei ausgewählte Kandidatinnen hocken ihm gegenüber. Am Fenster rauschen Autos
vorbei, denen der Straßenschlamm bis aufs Dach spritzt. Keine seiner Bewegungen ist
unbewusst. Er lässt die Arme über die Lehnen baumeln und gibt den Gentleman. Er
faltet die Hände im Schoß und wird zum Philosophen, der lang gehütete Geheimnisse
teilt. Also: „Come on, dear - was bewirkt Geld?“ Chatschatrjan gibt die Antwort nie
selbst. Er wartet, auch wenn es quälende Minuten dauert, bis das erlösende Wort fällt.
Und er wiederholt es dann so laut, dass sein Klang im weiß getünchten Raum schillert
und funkelt. „Geld gibt Freiheit!“ Stummes Nicken auf der Sofagegenseite.
Was die Mädchen mit dieser Freiheit anfangen sollen, sagt er ihnen auch. „Ihr
seid mit eurer Arbeit verheiratet. Wenn ihr reif genug seid, sucht ihr euch die Männer
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aus, nicht sie euch.“ Er warnt sie davor, die Fehler ihrer Mütter zu wiederholen. Jung
schwanger zu werden, im Frust zu altern. Er drängt sie, aus Sibirien fortzugehen. Ein
Mädchen protestiert: „Aber ich mache gerade mein Examen.“ Chatschatrjan verbirgt
seinen Spott schlecht: „Wieviel wirst du verdienen? 500 Dollar im Monat?“ „Weniger. Aber ich habe fünf Jahre für meinen Abschluss gearbeitet.“ Er ist
unbeeindruckt. „Du verschwendest hier deine Zeit. Du musst sofort weggehen.
Danach kannst du studieren, wo und was du möchtest.“ Er lässt dann noch die Wörter
Harvard, Stanford und Oxford fallen.
Bei diesen Ansprachen streut Chatschatrjan immer ein paar Fremdwörter ein.
Die anderen dürfen ruhig merken, dass er als armenischer Einwanderer in Berkeley
Elektrotechnik studiert hat, bevor er kurz nach der Perestroika in den Osten zurückzog
und in Russland das Modelbusiness aufbaute.
Die ärmsten und vielversprechendsten Bewerberinnen holt er auf eigene Kosten
nach St. Petersburg in ein Model-Apartment. Dort trainiert Chatschatrjan ihnen das
schiefe Lächeln ab und richtet krumme Zähne. Die Models, vor allem jene, die Karl
Lagerfeld und John Galliano getroffen haben, sprechen voller Bewunderung von ihm.
Chatschatrjan selbst spricht von Rettung. „Was für eine Zukunft erwartet sie denn in
Sibirien? Trostlosigkeit oder Prostitution.“ Er hat seine Agentur nicht zufällig Noah
Models genannt. Er ist Noah und die Transsibirische Eisenbahn seine Arche.
Kaum sind am Abend die grau-derben Decken im Waggon bezogen, beginnen
die drei Scouts, den Tag auszuwerten. „Schaut mal, ihr linkes Lid hängt ein wenig“,
sagt Andrew Sirius und kichert vergnügt. Er hat einen Blick für diese Kleinigkeiten.
Er achtet besonders auf Kinngrübchen, weil Japaner Models mit Kinngrübchen nicht
mögen. Er selbst hat schon früh gemerkt, dass sein Auge und sein Ohr rechts etwas
tiefer liegen als links. Aber er hat gelernt, damit zu leben. Er ist 46 Jahre alt und für
Hochglanzmagazine wird er immer noch an der Seite 18jähriger Teenager fotografiert.
Tigran Chatschatrjan schaut durch alle Bilder hindurch. „Eine Sekunde
verändert ihr Leben“, sagt er, mehr zu sich selbst als zu den anderen. „In drei Jahren
werden sie fünf Millionen Dollar im Jahr verdienen.“ Bei diesem Gedanken schweigen
alle ehrfürchtig. Ein paar Sekunden noch begleitet das dunkle Band des Irtysch die
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Transsibirische Eisenbahn auf ihrem Weg durch das nachtschwarze Sibirien, dann
verschwindet der Fluss in der Ebene. Vor den Fenstern schwingen die Blumen in den
Hängetöpfen im Takt der Schwellen. Noch 450 Kilometer bis zum nächsten Halt,
Tjumen.
Aus China hat Olga Schukowa einen Plüschpanda mitgebracht, der jetzt ihr Bett
bewacht. Eine Armbanduhr für ihren Bruder, die ihm schon wieder gestohlen wurde.
Eine nachgemachte Marc-Jacobs-Handtasche für umgerechnet fünf Euro. Und
Lotusblüten-Tee, den ihre Eltern ehrfürchtig aufbrühen. Geld hat sie nicht
mitgebracht. Diesmal noch nicht.
Schukowa arbeitete zwei Monate als Model und verdiente 2750 Euro. Die Hälfte
davon bekam die chinesische Agentur, fünf Prozent gingen an Elite Stars in
Nowosibirsk, weitere fünf Prozent als Vermittlungsgebühr an Noah Models in St.
Petersburg. Der Rest reichte gerade so, um die Ausgaben zu bezahlen, den Flug nach
Shanghai, Miete, Verwaltungs- und Visagebühren, Taxen und SIM-Karte. Die
Mädchen, die es schon öfter rausgeschafft haben, finden das normal. Fast kein Model
verdiene während der ersten Reise Geld, erklären sie, manch eine mache sogar Minus.
Eine von ihnen tourte dreimal durch Asien - China, Japan, wieder China -, bis es von
der vierten Reise nach Taipeh schließlich 1000 Euro mitbrachte. In ihrem runzligen
Holzhaus am Rande von Nowosibirsk kann die Mutter jetzt endlich neue Tapeten an
die Wände kleben. Die Tochter ist schon wieder weg, noch einmal China. Es sieht
nicht gut aus - sie hatte zwischendurch Grippe.
In Shanghai lebte Schukowa in einem Apartment, gemeinsam mit
Ukrainerinnen, Tschechinnen und Spanierinnen. Aus der einzigen Dusche kam nach
zehn Minuten nur noch kaltes Wasser. Morgens kochten alle zusammen 120Sekunden-Porridge in der Mikrowelle, am Abend spielten sie Twister oder legten zum
fünften Mal die einzige englischsprachige DVD mit dem Vampirfilm ein.
Auf Olga Schukowas Computer sind Hunderte Bilder gespeichert, von Bären im
Shanghaier Zoo, schwarz gebratener Entenbrust und kichernden Jugendlichen in
einem Kleinbus. Fotos wie von einem Schulausflug. Von Modenschauen und
Fotoshootings ist nur wenig zu sehen. Schukowa weiß nicht mehr, wie der Designer
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hieß, in dessen Auftrag sie drei Tage lang mit ins Haar geflochtenen Flaschen durch
ein Einkaufszentrum schlendern musste. Einmal sollte sie einen neuen DiorLippenstift promoten und dazu ein „special face“ machen. Sie hatte keine Ahnung,
was das ist, und wurde nicht wieder eingeladen. Ihre beste Freundin Nadja Schawscha
sagt, Olga Schukowa sei nach ihrer Rückkehr aus China eine andere gewesen. „Sie hat
anders gesprochen, über andere Themen.“ Schawscha mag den Modeljob nicht. „Nicht
mein Ding“. Während Schukowa posierte, schloss sie in Nowosibirsk einen Kunstkurs
mit „ausgezeichnet“ ab.
Früher haben die Freundinnen einmal aus dem achten Stock Eier auf Autodächer
geworfen. Ein anderes Mal haben sie versucht, ihren Hamstern in der Badewanne das
Schwimmen beizubringen. Das waren die einzigen Verrücktheiten, über die sie früher
kicherten. Auf einer rostbeuligen Hollywoodschaukel im Hochhauswald von
Krasnoobsk erzählt Schukowa ihrer Freundin jetzt von Mitbewohnerinnen, die
rauchten, tranken und brasilianische Model-Freunde mitbrachten. Sie hat aus China
mehr mitgebracht, als man sehen kann. Auch 19 neue Facebook-Freunde, die von der
Welt erzählen.
Als die drei Scouts in den Sportsaal von Tjumen wie in ein antikes Kolloseum
schreiten, starren die Mädchen nur Ariel Mark an. Er sieht am meisten nach dem Land
„Weit-Weit-Weg“ aus. Mark trägt die Sonnenbrille immer bei sich, als hoffe er, die
Sonne könnte den Kampf gegen die schneebeladenen Wolken jeden Moment
gewinnen. Er sagt, sein Zuhause seien die Flugzeuge dieser Welt. Aber er ist erst 21
Jahre alt, und als die Mädchen kichern, windet er sich wie ein Schuljunge.
Mark weiß über die Historie des Model-Business und seine Stars ziemlich gut
Bescheid. Er sagt, er habe das „studiert“. Er sucht das erste richtige russische
Supermodel. Ein Mädchen, das er vom Internet-Videokanal bis zum eigenen Parfum
rundum vermarkten kann. „Das könnte mein Homerun werden.“
Wenn Ariel Mark nach seiner „Eine-Million-Dollar-Marke“ fahndet, verkriecht
sich Andrew Sirius am liebsten in die gegenüberliegende Zimmerecke. Er fotografiert
und filmt die Mädchen unermüdlich: Profil, Frontalansicht, Nahaufnahme, zweimal
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„Big Smile“. Ein geschmeidiger Mann, der sich auch ohne Kamera bewegt, als stünde
er davor.
Ariel Mark hat unterdessen fünf junge Frauen um sich geschart. Alle haben
Angelina-Jolie-Kurven und angedeutet, dass sie sich etwas mit Schauspielerei
vorstellen können. Mark stülpt die Lippen vor und schließt ein Auge zu einem halben
Zwinkern. „Ich sehe dich als Superwoman in einem Film“, schnarrt er in Richtung
eines Mädchens.
Er empfiehlt vor allem sein Skript zum Film „Sex Machine“. Darin soll es
darum gehen, Frauen „nicht länger als Objekt zu betrachten“. Die Dreharbeiten
werden so bald wie möglich in der kasachischen Hauptstadt Astana beginnen, laut
Mark ein Ort, den die US-Filmindustrie bislang völlig zu Unrecht links liegen gelassen
hat. Eingeplant sind höchstens zwei Monate Drehzeit, danach will er dann nach
Cannes. Erst einmal lädt er alle zum Vorsprechen nach Astana ein. Sie sollen sich eine
Filmszene aussuchen und auswendig lernen, aus Forrest Gump zum Beispiel. Tigran
Chatschatrjan hat zugehört: „Von wegen ‚Superwoman’! Ich sehe dich als wilde
Barbarin auf einem Pferd.“
An diesem Abend verpassen Mark und Chatschatrjan beinahe den Anschlusszug
nach Jekaterinburg. Mark hatte sich noch schnell im Hotelzimmer massieren lassen
und war dabei eingedöst.
Außer Atem reißt der Armenier die Tür zu seinem Waggon auf. Durch die
schulterbreiten Korridore der dritten und zweiten Klasse hat er sich bis zu seinem
Erste-Klasse-Zugteil durchkämpfen müssen. Er brummt etwas von „widerlichen
Essensgerüchen“ und schiebt rummsend die Tür zu seinem Abteil zu.
Chatschatrjan spricht erst wieder, nachdem er an einer seiner seltenen Zigaretten
gezogen hat, handgedreht, direkt aus der 5th Avenue in New York. Den angebotenen
Alkohol lehnt er ab. Er schwört auf armenischen Wodka. Der wird in der
Transsibirischen Eisenbahn nicht einmal unter der Hand verkauft.
Chatschatrjan schätzt, dass in den Agenturen in Europa und in den USA
mindestens die Hälfte der Karteien mit Russinnen belegt ist. Es gibt mehrere Gründe
dafür. Von einer Russin, die einen Stardesigner anmotzte, hat Andrew Sirius noch nie
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gehört; von einer US-Amerikanerin, die das tat, dagegen schon oft. Ariel Mark mag
die Frauen aus dem Osten, weil sie für ihn einen „klassischen“ Frauentyp verkörpern.
Walzer statt HipHop. Nähnadel statt Piercing. Vor allem eint sie der unbedingte Wille,
Russland hinter sich zu lassen. Es sind so viele, dass Tigran Chatschatrjan in
Jekaterinburg sagt: „Wir überfluten den Markt, das macht ihn kaputt.“ Er lacht, aber er
meint es nicht als Scherz.
Andrew Sirius hatte bereits nach dem ersten Tag 955 Bilder gemacht, danach hat
er aufgehört zu zählen. Er hat so viele Mädchen gefunden, die „unbedingt gehen“
müssen, dass auf keinen Fall jede von ihnen gehen kann. Chatschatrjan will sie am
liebsten alle rausholen, aber sein Rettungsboot hat nicht unendlich viele Sitze.
Olga Schukowa hat einen Platz ergattert. Auf der Homepage von Noah Models
wird sie jetzt unter den „Neuen Gesichtern“ geführt. Ein paar Wochen nach dem Trip
meldet sich die Agentur Dolls aus Taipeh in St. Petersburg. Die Taiwanesen mögen
die neuen Bilder und das Video von diesem russischen Mädchen. Sie finden, sie habe
den „perfekten Style“ für die kommende Saison. Auch die Agentur aus Singapur ruft
wieder an. Sie will Schukowa gleich nach Taiwan für zwei Monate buchen.
Olga Schukowa hat im Internet nachgelesen. Sie weiß jetzt, dass Taiwan eine
Insel ist, und dass die Währung in Singapur auch Dollar heißt. Der Rest wird sich
finden. Die Sommerferien sind zu kurz für zwei Modeljobs, sie wird wohl einen
Monat in der Schule fehlen. Schukowa zuckt mit den Achseln. Im ersten Monat nach
den Ferien ist im Unterricht sowieso noch nicht viel los. Das holt sie locker auf. Es
wird ein langer Sommer. Olga Schukowa aus Sibirien, 15 Jahre alt und Model, will
herausfinden, ob es in Taiwan Pandabären gibt.
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Der Turmbau zu Hamburg
Eine Stadt will hoch hinaus. Architekten wagen den ganz großen Wurf. Ein
Baukonzern wittert Prestige und Profit. Dann geht alles schief. Mittlerweile verschlingt
die ELBPHILHARMONIE eine halbe Milliarde Euro. Bericht aus dem Inneren eines
Irrsinnsprojekts
Stephan Maus, stern, 04.04.2012
Hamburg-Rotherbaum, großzügige Altbauwohnung, Quadratmeterpreis in dieser
Lage bis zu 8000 Euro – darum geht es in dieser Geschichte: verkaufte Stadtflächen,
Preise, Lage, Lage, Lage und die Politik dahinter. Zu Hause bei den geistigen Eltern
der Elbphilharmonie. Kaffeetrinken bei Jana Marko und Alexander Gérard. Die
schwärmerische Kunsthistorikerin und der renditebewusste Immobilienentwickler.
Elbphilharmonie: von Anfang an eine leidenschaftliche Beziehung von Kunst und
Kapital. Dieses ungleiche Paar war es, das die Schweizer Architekten Herzog & de
Meuron 2001 zu dem spektakulären Entwurf anregte. Im Juni 2003 stellten sie das
Projekt der Öffentlichkeit vor.
Alexander Gérard erinnert sich: „Zehn Tage vor der Pressekonferenz erhielten
wir von Herzog & de Meuron das Modell der Elbphilharmonie. Wir waren damit
zuerst beim obersten Denkmalschützer, Professor Hannemann. Der hatte Tränen in
den Augen und sagte: ‚So stelle ich mir den Umgang mit historischer Bausubstanz
vor.‘“
Das Modell. Holz. Damit fing der Wahnsinn an. Tränen der Begeisterung. Alle
wollten die Glaswoge auf dem Kaispeicher A, den Werner Kallmorgen 1966 auf 1111
Stahlbetonpfeilern in den Elbschlick gestellt hatte. Geschlossen stimmte die
Hamburger Bürgerschaft für das Projekt.
Magie des Modells. Nun steht dieses Objekt der Begierde auf dem Kaffeetisch.
Vielleicht vier Sachertorten groß.
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Der Preis des Begehrens sind Millionen. Genauer: 500 Millionen Euro
Gesamtkosten. Davon mindestens 323 Millionen für die öffentliche Hand. Bis jetzt.
Ursprünglich sollte die Elbphilharmonie 241 Millionen Euro kosten, davon 117
Millionen für den Steuerzahler. Das bedeutet einen Anstieg um mehr als 100 Prozent.
Die Stadt Hamburg und das Bauunternehmen Hochtief prozessieren
gegeneinander. Baustopp seit November 2011 wegen Zank um die Dachstatik. Wann
es weitergeht, weiß keiner. Ursprünglich sollte das Gebäude 2010 fertig sein. Nun
übergibt Hochtief frühestens November 2014 die Schlüssel. Kostenexplosion,
Terminverzögerung, Gerichtsprozesse: Der Bau der Elbphilharmonie ist ein Lehrstück
über politisches Missmanagement von Großprojekten.
Und doch möchte man das Holzmodell hochheben, seinen Duft einatmen, mit
den Fingern über seine Kanten gleiten.
Das Modell ist leicht zu transportieren. Wichtig. Denn die ElbphilharmonieErfinder Gérard und Marko zogen damit durch die ganze Stadt. Bereiteten ihre
Pressekonferenz vor. Begeisterten Entscheider und Multiplikatoren. „Wir waren
emotionale Hausierer“, erinnert sich Marko.
Die Elbphilharmonie war ihr erstes gemeinsames Projekt. Ich bau dir ein Schloss
– wie im Märchen. Es war, als hätte der Immobilienmann der Kunsthistorikerin zeigen
wollen, dass er mehr kann, als mit Bürobauten Rendite zu machen. Jana Marko ist
auch ein wenig stolz, Gérard mit der gläsernen Woge in die Wunderwelt der Kunst
gespült zu haben. Seitdem entwickelt er keine Gewerbeimmobilien mehr.
Vor der Elbphilharmonie hatte Gérard das Hanseatic Trade Center entwickelt,
trister Büroblock, wenige Meter vom Kaispeicher A entfernt. Damals wollte die Stadt
an der Stelle von Kallmorgens Zweckbau noch ein Medienhaus errichten lassen. Das
hätte noch mehr Bürofläche in der Hafencity bedeutet, noch mehr Konkurrenz für
Gérards Handelscenter. Dann schon lieber eine kulturelle Nutzung des Speichers.
Auch dieser Gedanke dürfte die Idee vom Konzerthaus befeuert haben. Kultur würde
das ganze Umfeld aufwerten und die sterile Hafencity attraktiver machen. Kultur als
Immobilienveredelung. Cherry on the cake.
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Schon im Dezember 2001 waren Gérard und Marko zu Jacques Herzog nach
Basel gereist. Gérard und Herzog hatten zusammen in Zürich studiert. Inzwischen
leitete Herzog mit Pierre de Meuron eines der bekanntesten Architekturbüros der Welt.
In der Bibliothek von Herzog & de Meuron reichte Gérard seinem Studienfreund ein
Foto des Speichers. Vielleicht eine Idee, wie man diesen Bau kulturell nutzen könnte?
Konzerthaus am besten. Energisch zeichnete Herzog dem Backsteinquader eine
Glaskrone. Die Elbphilharmonie war geboren.
Eineinhalb Jahre planten Gérard und Marko den Konzertsaal. Reisten um die
Welt, sprachen mit Intendanten großer Konzerthäuser. Los Angeles, Amsterdam,
Paris. Renommierobjekte voller Planungsfehler. „Da müssen Sie die Kesselpauken
über Treppenfluchten wuchten“, sagt Gérard.
Am 26. Juni 2003 gaben Gérard und Marko endlich ihre Pressekonferenz. Die
emotionalen Hausierer hatten gute Vorarbeit geleistet: kollektive Euphorie. Die
gebaute Klangwoge sollte Hamburgs neues Wahrzeichen werden. „Schlafende
Schöne“ hatte Altkanzler Helmut Schmidt seine Heimatstadt genannt. Hamburg wollte
nicht mehr schlafen. Erst ein Jahr zuvor hatte der Hamburger CDU-Senat seinen neuen
Leitspruch entwickelt: „Metropole Hamburg – Wachsende Stadt“. Wirst schon sehen,
Berlin.
Die öffentliche Begeisterung ließ den Senat umschwenken. Plötzlich hieß es:
Konzert- statt Medienhaus für das beste Grundstück der Stadt. Die Stadt unterstellte
die Projektkoordination ihrem Mann für heiße Eisen: Hartmut Wegener. Der hatte die
Airbus-Werkserweiterung in Finkenwerder an der Elbe vorangetrieben, ein Kampf
gegen elf Meter tiefen Schlick, Umweltschützer und widerspenstige Bauern. Wer
Schlick kann, kann auch Konzert.
Keine sechs Monate, und Wegener hatte Gérard und Marko aus ihrem Projekt
gedrängt. Das macht neugierig. Wir treffen den Strippenzieher in seinem alten Revier:
St. Pauli Landungsbrücken, Hafen-Klub. Fester Händedruck, blitzende Augen. Klein,
kompakt. Bulldozer. Klubmitglied Wegener ist stolz, hier noch ein Separee zu
bekommen. Bisschen Glanz aus der Zeit, als er hier ein und aus ging, um mit
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Bauunternehmern, Architekten und Politikern seine Geheimverhandlungen zu führen.
2008 entließ ihn Ole von Beust, damals der Bürgermeister.
Tee wird serviert, dann schließt sich die Tür. Wegener gerät sofort ins
Schwärmen. Elbphilharmonie. Sein Bau: „Ohne mich wäre das Projekt nicht realisiert
worden. Es wäre nichts als ein schönes Bild von Herzog & de Meuron, präsentiert von
Herrn Gérard. Es hätte die Stadt über die Vorlaufkosten viel Geld gekostet, dann wäre
es zu Ende gewesen. Die Welt hätte sich totgelacht über eine Stadt, die gerne mal in
der ersten Liga spielen wollte, es aber nicht geschafft hat.“
Die Welt soll nicht lachen. Hamburg, meine Perle, du sollst strahlen. Gönn dir
was, Pfeffersack. Leg deiner Frau einen Pelz um und führ sie ins Konzert.
Nachdem Wegener die Philharmonie-Erfinder mit drei Millionen Euro
abgefunden hatte, ließ er den Bauauftrag ausschreiben. Und obwohl die Architekten
mehrfach gewarnt hatten, ihre Pläne seien noch nicht vollendet, vergab Wegener das
Projekt an Hochtief. Vertrag, Kostenkalkulation und Terminpläne stützten sich auf
unfertige Entwürfe. Die Planungen wurden parallel zum beginnenden Bauprozess
weitergeführt. So kam es zu fortwähren- den Änderungen, die die Kosten explodieren
ließen.
Wegener gibt zu, die Risiken der unfertigen Pläne unterschätzt zu haben. Zu sehr
habe er auf Kooperation gesetzt. Hatte man sich nicht noch immer einigen können,
sobald Beton geflossen war? Wegener ist überzeugt, dass Hochtief seine
Unterlieferanten verloren hätte, wäre zwischen Ausschreibung und Baubeginn noch
mehr Zeit verstrichen. Dann hätte das ganze Verfahren von vorn begonnen: „Es war
damals eine der Weichenstellungen, an der das Projekt hätte abstürzen können. Hätte
man noch einmal eine Ausschreibung machen müssen, wäre sie in die politische
Diskussion der Bürgerschaftswahl 2008 geraten. Das Projekt wäre tot wie ein toter
Fisch gewesen.“
Bloß keine Diskussion. Das Projekt wurde im Klub-Separee vorangetrieben.
Hinterzimmerentscheidungen sind der Fluch aller Großprojekte. Aus Angst vor
Protesten verheimlicht die Politik Kosten und Risiken ihrer gigantomanischen
Bauvorhaben.
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Ein ebenso großer Fehler wie die frühe Auftragsvergabe war das
Vertragsmodell, das Wegener wählte. Die Architekten wurden als Generalplaner
engagiert. Sie sind nicht nur für die kreative Entwurfsplanung zuständig, sondern
überwiegend auch für die technische Ausführungsplanung, also die Realisierung ihres
Entwurfs. Hochtief wurde als Generalunternehmer verpflichtet, ist also für die
schlüsselfertige Übergabe des Gebäudes verantwortlich, aber in diesem Fall auch für
einen Teil der Ausführungsplanung. Generalplaner und Generalunternehmer stehen
jeweils nur bei der Stadt in der Pflicht. Zwischen Hochtief und den Architekten gibt es
keine rechtliche Verbindung.
Durcheinander im Dreieck: Die Stadt steht als überforderter Moderator zwischen
zwei Vertragspartnern mit gleichen Rechten, aber unterschiedlichen Interessen. Sehen
sich die Architekten der reinen Schönheit verpflichtet, will Hochtief nur rentabel
bauen.
Kaum war die Stadt Herr über das Projekt, wurden die Pläne radikal verändert.
In nur drei Monaten wuchs die Gesamtfläche des Gebäudes um 42 Prozent an. Die
Elbphilharmonie wurde nicht nur aufgebläht, sondern wandelte sich zum durch und
durch elitären Projekt. Die ursprüngliche Planung hatte im Kaispeicher noch Ateliers
für Off-Kultur vorgesehen. Wo früher Kakao lagerte, sollte sich der „kreative Humus
der Elbphilharmonie“ ausbreiten, so Jana Marko. Heute nimmt ein Parkhaus den
größten Teil des alten Speichers ein. Wo eigentlich die Off-Szene blühen sollte,
parken bald die Limousinen der Hotelgäste und der Luxuswohnungsbesitzer.
Anfangs ließ sich Hartmut Wegener noch vom Stuttgarter Projektmanager Klaus
Wolff beraten. Der berichtet von hohem politischen Druck. Das Gebäude sollte zu den
2012 geplanten Wahlen fertig werden. Unter diesem Druck sei eine sorgfältige
Planung vernachlässigt worden. Wolff beschreibt Wegener als cholerisch. Es kam zum
Bruch. Heute empfiehlt Wolff der Stadt, Hochtief zu kündigen. Die städtische
Baubehörde solle das Projekt übernehmen und alle Aufträge an lokale Unternehmen
vergeben. Man dürfe sich nicht abhängig machen von internationalen
Großunternehmen. „Das sind ja keine Baukonzerne mehr“, sagt Wolff. „Das sind nur
noch Anwaltskanzleien mit angeschlossener Bauabteilung.“
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Das bekam die Stadt nun immer mehr zu spüren. Täglich Nachforderungen von
Hochtief. Wegener fuhr einen harten Kurs. Bis alles blockiert war. Der Bürgermeister
sprach von „verkanteter Situation“. Und entzog Wegener das Vertrauen. Der fasst sein
Dilemma zusammen: „Ich kann nicht einen Dreifrontenkrieg führen. Ich kann mich
nicht abkämpfen mit Architekten einerseits, die sich nicht an die Kosten- und
Zeitvorgaben des Bauherrn gebunden fühlen, und andererseits einem rein
profitorientierten Bauunternehmer. Und dann habe ich auch noch den Senat, der mir in
mein operatives Geschäft reingrätscht.“
Wegeners Nachfolger Heribert Leutner versuchte 2008 mit dem
„Vertragsnachtrag 4“, die verkantete Situation zu lösen. Bausoll und Terminplan
wurden neu definiert, basierten jedoch noch immer auf unfertiger Planung. Die
strukturellen Fehler des ursprünglichen Vertrags wurden wiederholt. Zusätzlich zahlte
man Hochtief eine „Einigungssumme“ von 30 Millionen Euro – umsonst: Einig wurde
man sich nie. Dieser fatale Nachtrag 4 regelt noch heute das Verhältnis zu Hochtief.
Was für Menschen arbeiten für den Baukonzern, den der Grünen-Fraktionschef
Jens Kerstan 2010 eine „bösartige Heuschrecke“ nannte?
Thomas Möller, Chef der Hamburger Hochtief-Niederlassung, empfängt im
Baubüro in der Hafencity. Baustellen-Kekse auf dem Konferenztisch. Filterkaffee statt
Cappuccino. Möller will gar nicht verhehlen, dass Ästhetik nicht sein Kerngeschäft ist.
„Das Gleichgewicht zwischen kreativem Anspruch und bauindustrieller Produktion ist
wichtig“, sagt er. „Würde die bauindustrielle Logik dominieren, hätte jedes Gebäude
am Ende ein Satteldach und bestünde nur aus Waschbetonplatten. Schlägt aber der
Architekt zu sehr durch, wird das Gebäude vielleicht nie fertig. Dieser natürliche
Konflikt muss durch einen Bauherrn moderiert und geführt werden.“
Doch die Stadt führt nicht. Noch nie, sagt Möller, hat er für einen so schlechten
Bauherrn gearbeitet. Ungesehen die Flut von Planungsänderungen während der
Bauphase. Entweder ändert die Stadt selbst oder genehmigt jeden Extrawunsch der
Architekten.
Powerpoint-Show Möller jetzt. Thema: Deckenspiegel. So etwas wie ein
Grundriss. Nur eben für Decken. Siebenmal seit Projektbeginn seien im Probenbereich
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des Konzertsaals die Deckenpläne geändert worden. Von Standarddecken wechselte
der Architekt zu Spezialdecken. Kompliziert zu verlegen. Teuer. Und natürlich alle
eigens beschichtet von einem Schweizer Spezialbeschichter, den wieder keiner kennt.
Im Probenbereich! Materialwert der Proberaumdecken: zwei Millionen Euro.
Störungskosten durch Änderungen: fünf Millionen.
Und immer winke die Stadt alles durch. Über 3500 größere
Änderungsplanungen seit Projektstart. Und wer, bitte schön, denkt eigentlich an die
Poliere, die das ganze Chaos umsetzen müssen? Möller fällt in dramatisches Tremolo:
„Hier haben Poliere gestanden, 42 Jahre bei Hochtief, hartgesottene Typen, mit Tränen
in den Augen, in der Hand die ‚Morgenpost‘ mit der Schlagzeile: ‚Alles Schrott!‘“
Möllers Fazit: geniale Architekten, unfähiger Bauherr.
Dunkel wird’s über der Hafencity. Im Baubüro macht niemand Licht. Möllers
Pressemann wirft weiter Schaubilder an die Wand. Auf dem Gesicht des HochtiefChefs flackern Powerpoint-Farben. Einmal gar geht er vor dem Reporter auf die Knie.
Von allen Protagonisten der Elbphilharmonie-Saga hat Möller das größte
schauspielerische Talent. Er wäre ein guter Heldendarsteller in einer tragischen Oper
über die Entstehung des Konzerthauses.
In der Elbphilharmonie könnte man dieses Werk allerdings nicht aufführen.
Elbphilharmonie kann keine Oper. Hat weder Orchestergraben noch Bühnentechnik.
Elektronisch verstärkte Musik kann sie ebenso wenig. Ist eben eine Philharmonie.
Bald einer der zehn besten Konzertsäle der Welt. Von den besten Architekten der
Welt.
Die haben ihr Hauptquartier in Basel. Hier bitten Pierre de Meuron und David
Koch, Chef des Hamburger Büros, zum Gespräch. De Meurons Höflichkeit ist
grundiert mit Verzweiflung. Ist ihm noch nie passiert, dass er nicht weiß, wann ein
Projekt fertig wird. Beschämend. De Meuron wehrt sich gegen den Vorwurf, sein
Büro verdiene kräftig mit an der Kostenexplosion: „Wir legen massiv drauf“, sagt er.
David Koch ergänzt: „Wir haben für die Planung ein Pauschalhonorar vereinbart.“ Das
haben sie gut verhandelt: 58 Millionen Euro.
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Natürlich lägen die Probleme des Projekts in seinen Anfängen. Natürlich seien
die Pläne bei Vertragsunterzeichnung noch nicht reif gewesen. Und natürlich biete das
Ganze zu viel Interpretationsspielraum. Aber der werde nun auch weidlich ausgenutzt.
„Bei der langjährigen Erfahrung von Hochtief hätte ich erwartet, dass sie das Projekt
trotzdem bauen wollen und sich dafür fair und integer einsetzen“, sagt de Meuron.
„Aus unserer Sicht nutzen sie die Situation aus. Wir brauchen jetzt Fachleute, die
bauen, und nicht noch mehr Juristen.“
Einen gemeinsamen Willen zur Lösung aller Probleme habe es nie gegeben.
Bauunternehmer und Architekten sind nun Konkurrenten. Dazwischen eine
überforderte Stadt. Wie konnte er sich auf so ein Modell einlassen? „Obwohl es ein
anspruchsvolles Vertragskonstrukt ist, ist es umsetzbar“, sagt de Meuron. Und fügt
nach einer Pause hinzu: „Allerdings setzt es eine bewusste, starke, fähige,
professionelle Bauherren-Vertretung voraus.“
Lange haben sich die Architekten mit öffentlicher Kritik zurückgehalten. Aber
nun sei die Unprofessionalität der Stadt nicht mehr zu tolerieren. Noch heute blieben
entscheidende Pläne monatelang bei der städtischen Projektleitung liegen.
Sein Fazit: unwilliges Bauunternehmen, unfähiger Bauherr.
Obwohl sich das Vertragskonstrukt als unbeherrschbar herausgestellt hat, ist de
Meuron froh, dass die Ausführungsplanung nicht dem Bauunternehmer untersteht, wie
sonst üblich: „Würde das Projekt Hochtief komplett unterstellt, gäbe es keine
Qualitätssicherung mehr.“
Schrecklich. All diese wundervolle Kunst in den Händen einer Heuschrecke.
Doch was ist das eigentlich für eine Architektur? Ascan Mergenthaler, für die
Elbphilharmonie zuständiger Seniorpartner bei Herzog & de Meuron, präsentiert
einige Projekte bei einer Führung durchs Unternehmen. An den Schreibtischen der
Planer lehnen Materialstudien: Lehmziegel, Studien zur Maserung diverser
Holzfurniere. Der Campus ist Raum- und Materiallabor. Wer bei diesen Forschern
eine Bestellung aufgibt, darf sich später nicht wundern, wenn sie mundgeblasene
Lampen für ihr Gebäude anfertigen lassen. So geschehen für das Foyer der
Elbphilharmonie.
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Besonders stolz ist man hier auf den Entwurf der Pariser Pyramide. Der
Bürgermeister der französischen Hauptstadt wünschte sich ein Bauwerk, das sein
glamouröses Zentrum hin zu den sozial vernachlässigten Vororten öffnen und den
gesichtslosen Stadtring beleben würde. Ein Leuchtturm, der eine neue Perspektive
geben würde. Nun also baut Herzog & de Meuron ein Bürogebäude in Form einer 200
Meter hohen Glaspyramide auf die trostlose Grenze zwischen Innenstadt und den
verwahrlosenden Vororten.
Diese Architekten glauben tatsächlich, mit prestigeträchtigen
Leuchtturmprojekten kranke Stadtkörper heilen zu können. Zugegeben: Niemand
versteht es so gut wie Herzog & de Meuron, einer Stadt mit einem ikonischen Bau ein
Markenzeichen zu geben. Herzog & de Meuron sind heute führend im
jahrtausendealten Geschäft der Pharaonenarchitektur.
Doch Pyramiden sind passé. Für Arno Brandlhuber, Architekt und Inhaber des
Lehrstuhls für Architektur- und Stadtforschung an der Akademie der Bildenden
Künste in Nürnberg, haben Städte heute vor allem eine Aufgabe: Sie müssen soziale,
kulturelle und ethnische Vielfalt in jedem ihrer Viertel fördern. Die Elbphilharmonie
hingegen treibe soziale Segregation voran, da sich in ihrem Nahbereich dank
wohlhabender Hotelgäste, Konzertbesucher und Wohnungsbesitzer eine homogene
soziale Situation einstellen werde.
Im Streit mit Hochtief begreifen sich Herzog & de Meuron als Garanten des
Schönen, Wahren und Guten. Aber Architektur ist nicht nur gefrorene Musik, wie
Schopenhauer schrieb und wie es auch die Elbphilharmonie mit ihrer Glaswoge
postuliert. Sondern jedes Gebäude ist auch gefrorene Stadtpolitik. Welche steht hinter
der Elbphilharmonie?
Der Stadtsoziologe Andrej Holm von der Berliner Humboldt-Universität sieht
die Elbphilharmonie als Symbol einer Entwicklung, die man seit dem Ende der 80er
Jahre in Westeuropa und Nordamerika beobachten kann. „Städte errichten
spektakuläre Gebäude, die als Visitenkarten im internationalen Standortwettbewerb
genutzt werden“, sagt Holm. „Es soll bewiesen werden, dass die Stadt als
Unternehmensstandort und als Wohnort für Besserverdienende große Attraktivität hat.
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Potenziellen Investoren wird signalisiert: ‚Hier ist ein gutes Investitionsklima. Hier
werden spektakuläre Projekte realisiert. Hier kann man mit Immobilieninvestitionen
viel Geld verdienen.‘ Nun sind steigende Grundstückspreise für die einen Gewinn. Die
anderen aber haben mit steigenden Mieten zu kämpfen.“
Tatsächlich geht der Bau der Elbphilharmonie seit Jahren zulasten einer sozialen
Wohnungsbaupolitik in Hamburg. So wurde die öffentliche Wohnungsbaugesellschaft
Saga in den vergangenen Jahren angehalten, jährlich 100 Millionen Euro in die
Stadtkasse abzuführen. Dieses Geld floss in ein Sonderinvestitionsprogramm des
Senats, aus dem Großprojekte wie die Elbphilharmonie finanziert wurden. Um diese
Summen aufbringen zu können, nutzte die Saga Spielräume zu Mieterhöhungen aus.
So trug der Bau der Elbphilharmonie zu Mietsteigerungen für sozial schwächere
Haushalte bei.
In einer Stadt wie Hamburg, die von Mangel an bezahlbarem Wohnraum geplagt
ist, sind Prestigebauten schwer zu vermitteln. Wer wüsste das besser als Olaf Scholz.
Seit 2011 ist er Hamburger Bürgermeister. Die Problembaustelle erbte er von seinem
charismatischen CDU-Vorgänger Ole von Beust.
Olaf Scholz versprüht zwar so viel Glamour wie ein Leitz- Ordner. Hat aber im
Zweifel sämtliche Aktenordner zu genau dem Problem gelesen, das er gerade vorträgt.
Ein hochrangiger Insider des Elbphilharmonie-Projekts beschreibt, wie der
Bürgermeister die für das Konzerthaus zuständige Kulturbehörde anleitet: „Scholz
führt seine Kulturbehörde im Hintergrund. Er ist einer, der alles mit Verträgen regelt.“
Im nüchternen Bürgermeisterbüro des Hamburger Rathauses sitzt Scholz
regungslos in seinem Sessel. „Eine Aussage wie von Herrn von Beust in dem Stil:
‚Glauben Sie, dass es meine Sache ist, mich mit Details zu beschäftigen?‘, werden Sie
von mir nicht bekommen“, sagt er. Keine Geste, kein Fußwackeln. Scholz signalisiert:
Mein Geist ruht im tagesaktuellen Aktenordner und fällt durchs Griffloch gebündelt
auf die Probleme meiner Wähler.
Er sagt: „Wir haben dafür gesorgt, dass der städtische Teil der Verpflichtungen
abgeschlossen ist. Seien es Genehmigungen oder Planungsleistungen von der Stadt
oder ihren Tochtergesellschaften oder auch des Generalplaners Herzog & de Meuron.“
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Immerhin: Fünf Jahre nach Baubeginn macht die Stadt ihre Hausaufgaben.
Scholz hat sich entschieden, wie ein Unternehmer zu handeln und dabei notfalls bis
zum Äußersten zu gehen – der Kündigung von Hochtief.
„Die Stadt muss in der Lage sein, einen anderen Weg zu wählen und diesen dann
auch zu gehen. Wer nicht drum herumkommt, muss eben da durch. Das ist ziemlich
hart.“
Hart kann er gut gebrauchen. Die Hansestadt hat 25 Milliarden Euro Schulden.
Scholz’ schwierigste Aufgabe: die öffentliche Meinung wieder für die
Elbphilharmonie zu begeistern. Der Bürgermeister steckt in einem Dilemma. Er ist mit
einem Programm an die Macht gekommen, das sich auf die Verringerung der sozialen
Kluft konzentriert. Also muss er den Hamburgern die Elbphilharmonie als kulturelle
Bereicherung für die ganze Gesellschaft schönreden. Das will nicht gelingen.
Klassikkonzerte bleiben ein Zeitvertreib gehobener Schichten, selbst wenn der
Eintrittspreis bei 15 Euro liegt. Und um das Konzerthaus zu füllen, muss man auf
internationalen Tourneezirkus setzen. Der aber hat mehr mit Showbusiness als mit
kultureller Bereicherung zu tun.
Zwar will Scholz dafür sorgen, dass jedes Hamburger Kind einmal in seiner
Schulzeit ein Konzert in der Elbphilharmonie besuchen kann. Doch welche
wunderbare pädagogische Alchemie soll sich dabei in dem Halbe-Milliarde-Bau
vollziehen?
Fassen wir zusammen: Hamburg hat sich ein Prunkgebäude für elitäre Kultur
aufschwatzen lassen, das die Hansestadt im Wettbewerb der Metropolen attraktiv erscheinen lassen soll. Die Stadt hat dieses Projekt so dilettantisch gemanagt, dass sie
Millionen für juristischen Streit, Terminverzögerungen und Planungsänderungen
zahlen muss. Die Architekten haben von Anfang an bei diesem teuflischen Spiel
mitgespielt, ohne sich gegen einen Vertrag zu sträuben, dessen Fallen sie kannten. Ein
Bauunternehmen hat von diesen Fallen profitiert und versucht noch immer, aus den
Fehlern der Stadt Gewinn zu ziehen. Die Elbphilharmonie symbolisiert eine Stadt- und
Kulturpolitik, die auf die Probleme der modernen Stadt mit Imponiergehabe antwortet
und Phänomene wie steigende Mieten und monotone Quartierstruktur noch verschärft.
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Kein Schicksal symbolisiert die Farce um das Konzerthaus besser als das von
Christoph Lieben-Seutter. 2007 wurde der ehemalige Generalsekretär der
Konzerthausgesellschaft Wien zum Generalintendanten der Elbphilharmonie und der
Laeiszhalle auserkoren. Seitdem hat er schon zwei Eröffnungsfestivals für die
Elbphilharmonie organisiert – 2010 und 2012. Beide musste er absagen. Peinlich bei
Stars wie Keith Jarrett, Claudio Abbado und Simon Rattle. Inzwischen plant er nicht
mehr. Sondern macht das Programm der zweiten Hamburger Konzerthalle, der für ihre
Akustik gerühmten Laeiszhalle. Die will schließlich auch bespielt werden.
Außerdem versucht er, die Marke „Elbphilharmonie-Konzerte“ an den
unterschiedlichsten Orten in der Stadt zu etablieren. Wenn die Hamburger dann
gelernt haben, wie schön ein Streichquartett in einem Reeperbahn-Lokal klingen kann,
müssen sie zurück in einen langweiligen Konzertsaal.
Lieben-Seutter ist seit fünf Jahren Chef eines Geisterhauses. Das möchte er uns
jetzt zeigen. Setzt sich den Bauhelm auf und führt ins Herzstück des Gebäudes: Der 12
500 Tonnen schwere Große Konzertsaal ruht auf 362 Stahlfederpaketen und ist damit
in 50 Meter Höhe vom restlichen Gebäude akustisch entkoppelt. Ausgekleidet wird er
mit 10000 Gipsfaserplatten, jede nach 3-D- Berechnungen individuell gefräst. Das
maßgeschneiderte Relief soll den Klang in jeden Winkel des Saals reflektieren.
Ein frei schwebendes Meisterwerk der Akustik für ein Genre, das es besonders
schwer hat in Hamburg. „Die klassische Musik hat die Stadt nicht so durchdrungen
wie andere Städte, München zum Beispiel oder Wien“, sagt Lieben-Seutter. „Für mich
war es ein Schock, dass auch die namhaftesten Künstler nicht automatisch ihr
Publikum finden.“ Rechnet man Elbphilharmonie, Laeiszhalle und Staatsoper
zusammen, kommt man auf 8562 Plätze, die jeden Abend auf die Hamburger KlassikFreunde warten.
Auf dem Rückweg streikt der Aufzug. Lieben-Seutter kann nichts mehr
erschüttern. Er führt hinab durchs Treppenhaus. Immer wieder versperrte Durchgänge.
„Ändert sich hier ständig alles“, sagt er ungerührt und nimmt Alternativflure. Diese
elegante Gestalt, die in wehendem Mantel durch einen Rohbau voller Stahlgerüste und
Absperrbänder eilt, wirkt wie der getriebene Hausherr eines perfiden
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Märchenschlosses, in dem sich Türen, Wände und Fenster täglich an neuer Stelle
befinden; in dem das Erdgeschoss schon saniert werden muss, während das Dach noch
nicht fertig gebaut ist.
Die Schritte verhallen in dem gigantischen Rohbau. Mit ihnen verhallen
Schlagworte wie Leuchtturmprojekt und Wettbewerb der Metropolen. Im Schatten des
110 Meter hohen Baus müssen wir an den großen Swjatoslaw Richter denken. Nach
Jahren der Wanderschaft durch die besten Konzerthäuser der Welt spielte der
russische Pianist am liebsten in einer mittelalterlichen Scheune in der Nähe der
französischen Provinzstadt Tours. Nicht in einem frei schwebenden Saal ohne jeden
Stützpfeiler. Im Gegenteil: Zahllose Fachwerkbalken versperrten die Sicht auf den
Künstler. Aber die Leute strömten herbei, um Richter zu hören, wie er sich Ton für
Ton der reinen Schönheit näherte.
Von Richter sind folgende Sätze überliefert: „Lade ein kleines Klavier in einen
Lastwagen und fahre raus über Landstraßen; nimm dir Zeit, neue Landschaften zu
entdecken; halte an einem schönen Fleck, wo es eine gute Kirche gibt; lade das
Klavier ab und sag den Bewohnern Bescheid; gib ein Konzert; verschenke Blumen an
die Leute, die so freundlich waren zuzuhören; und dann fahr wieder weg.“
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Ein Opfer, ein Held
Ein Amerikaner und ein Deutscher fallen in Afghanistan. Wie reagiert ihre Heimat?
Die deutschen Eltern fragen: "Wofür starb unser Sohn?" Die Amerikaner sagen: "Für
Heimat und Freiheit."
Guido Mingels / Takis Würger, Der Spiegel, 05.03.2012
In Afghanistan fällt ein Schuss oder explodiert eine Bombe, und in einem Haus
in Deutschland oder Amerika bleibt ein Zimmer leer.
Es sind Kinderzimmer. Ihre Bewohner haben sie mit 17 oder 19 verlassen, hier
spielten sie, hier schliefen sie, bewacht von ihren Eltern. Sie gingen als junge Männer,
knapp dem Stimmbruch entronnen, sie erhielten eine Uniform und ein Gewehr. In
ihren Zimmern liegen noch die Kuscheltiere von früher, hängen die Poster von Bands
oder Autos, steht das Sparschwein im Regal. Die Eltern gefallener Soldaten lassen die
Zimmer ihrer toten Söhne oft jahrelang unberührt.
Konstantin Menz aus Waldrems in Schwaben, Deutschland, geboren am 30.
September 1988, gestorben am 18. Februar 2011 in Baghlan, Afghanistan.
Nicholas George Xiarhos aus Yarmouth Port, USA, geboren am 12. Februar
1988, gestorben am 23. Juli 2009 in Garmsir, Afghanistan.
Tanja Menz steigt die Treppen hinauf zum Zimmer ihres Sohnes. "Ich hatte ein
wenig aufgeräumt für seine Rückkehr", sagt sie. Sie schaut auf die Bettdecke, die
aussieht, als wäre Konstantin gerade gegangen, sie schaut auf einen Plüschhund, auf
ein Deodorant, "Axe Dark Temptation". Im Kleiderschrank liegen ein Gefechtshelm,
Orden und eine zum Dreieck gefaltete Deutschlandfahne. Tanja Menz hat diese Dinge
in den Schrank gelegt und die Tür geschlossen, weil vor kurzem eine Freundin in dem
Zimmer übernachtete, und Tanja Menz wollte, dass die Freundin sich wohl fühlt.
Nichts sollte den Gast an den gefallenen Soldaten erinnern.
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In Nicks Zimmer im Haus der Familie Xiarhos in den USA steht der Vater auf
einem Teppich zum Versinken so weich. "Wir lieben die Marines", sagt Steve Xiarhos
und blickt auf die alten Werbeposter der Armee, die sein Sohn an die Wände gehängt
hatte, Bilder von Helden, dazu die Slogans, die Nick erhörte: Die Marines wollen
dich! Auf den Fenstersimsen um das Bett herum stehen Dinosaurierfiguren,
Sportpokale, Patronenhülsen. Den Raum daneben hat die Familie zu einem Museum
umgestaltet. Hunderte Fotos von Nick an den Wänden, ein Trikot, sein Säbel. Alles
soll Gäste an den gefallenen Soldaten erinnern.
Ein Attentäter in der Uniform der afghanischen Armee hat Konstantin Menz mit
einer Kalaschnikow ein Projektil durch den Hals geschossen, als er im
Bundeswehrlager "Observation Post North" die Ketten eines Schützenpanzers reinigte.
Ein Arzt verabreichte Konstantin 4,8 Liter Blut. Im Bericht des Arztes steht: "In
Anbetracht der Schwere der Verletzungen, Überlebenswahrscheinlichkeit und
schließlich der Erfordernis, Blutkonserven zu schonen, wurde er für tot erklärt um
17.31 Uhr, 18. Februar 2011."
Nicholas Xiarhos fuhr in einem Konvoi von vier Fahrzeugen in von Taliban
kontrolliertes Gebiet, 23. Juli 2009. Nicks Wagen rollte auf eine von Aufständischen
gebastelte Mine. Im Bericht des Arztes steht: "Soldat erlitt schwere Wunden an Kopf,
Gesicht und Beinen sowie massive innere Verletzungen im Bauchraum. Für tot erklärt
um 21.15 Uhr." Den Angehörigen wird empfohlen, von einer Besichtigung der Leiche
abzusehen und den Sarg geschlossen zu lassen.
Zwei junge Männer, einer 22, der andere 21, gefallen in einem Land, von dem
sie wenig wussten, bevor sie Soldaten wurden, einem Land aus Staub, einem Land im
Krieg. Seit 2001 dauert der jüngste Konflikt in Afghanistan an, 50 Nationen kämpfen
gegen Terror und für Sicherheit, 90 000 Amerikaner stehen derzeit im Einsatz und
4800 Deutsche. 1802 Amerikaner sind bisher ums Leben gekommen, 53 Deutsche.
Sie sterben an derselben Front, doch in der Heimat denken die Leute nicht
dasselbe über diesen Krieg. Wofür darf Krieg geführt werden? Wie viele Verluste sind
tolerierbar? Wie sollen sich die Angehörigen von Gefallenen verhalten, wie ihre
Umgebung mit ihnen umgehen? Die Antworten auf solche Fragen fallen in
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Deutschland anders aus als in den USA. Niemand spürt das stärker als die
Überlebenden, die Eltern, die in den leeren Zimmern ihrer toten Kinder stehen.
Ein Haus in Yarmouth Port, Cape Cod, Bundesstaat Massachusetts, die Halbinsel
an der Ostküste, berühmt als Heimstätte des Kennedy-Clans, ist bei Urlaubern beliebt.
Die Mutter, Lisa Xiarhos, 50, eine Lehrerin, hat sich nach Nicks Tod einen Satz auf
den Arm tätowieren lassen, "Livin' the dream". Das waren die letzten Worte, die sie
von Nick hörte, in einem Telefongespräch: "Mach dir keine Sorgen, Mum", sagte die
Stimme aus Afghanistan, "ich lebe meinen Traum." Es ist zum Mantra des Trosts
geworden für die Familie Xiarhos, Nick hat seinen Traum gelebt, den Traum eines
Lebens als U. S. Marine. Nicht nur die Mutter, auch der Vater, auch die Schwestern
und der Bruder sowie Dutzende Freunde und Bekannte tragen den Satz auf ihrer Haut
eingeritzt, "Livin' the dream", dazu Nicks Initialen und das Todesdatum, NGX, 7-2309.
Es steckte einfach in ihm, das Soldatische, sagt der Vater, Steve Xiarhos, 53,
Sohn griechischer Einwanderer, der stellvertretende Polizeichef von Yarmouth Port.
Ein geborener Kämpfer sei sein Sohn gewesen, zum Patrioten erzogen. Er spielte mit
Pistolen im Wald, spielte Krieg am Computer, erinnert sich die Mutter.
Dann kommt 9/11, in New York brennen die Türme, der Junge ist 13 Jahre alt
und sagt zum Vater: "Ich will etwas tun. Amerika wird attackiert, ich will etwas tun."
Als er 17 ist, geht er zum Rekrutierungsbüro, doch für die Unterschrift ist er zu jung,
die Eltern müssen signieren, der Vater zögert. Ob er nicht lieber zur Ehrengarde wolle,
fragt er den Sohn, das sei ein toller Job, dazu die eleganten Uniformen. Und längst
nicht so gefährlich wie das U. S. Marine Corps, diese Infanteristen-Armee, die die
Drecksarbeit macht. Der Sohn sagt: "Dad, I wanna be a grunt." Ich will an die Front.
Nick rückt zwei Wochen nach dem Highschool-Abschluss zur Ausbildung ein.
Im Dezember 2007 geht er als Angehöriger des Bataillons 1/9, Spitzname "The
Walking Dead", die wandelnden Toten, für sieben Monate in den Irak. Im Mai 2009
fliegt er mit einer anderen Einheit nach Afghanistan, Provinz Helmand. Er hat darum
gebeten, weil er sich langweilte in der Kaserne. "Er hatte den gefährlichsten Job in der
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gefährlichsten Einheit in der gefährlichsten Gegend in Afghanistan", sagt die Mutter.
Sein Tod war "das höchste Opfer", sagt der Vater.
The ultimate sacrifice . Während Nicks Tod eine Opfergabe ist und er wie alle
gefallenen Amerikaner als Held angesehen wird, als "hero", gilt Konstantin als Opfer,
nicht als Held. Der deutsche Opferbegriff unterscheidet nicht zwischen "victim", dem
Opfer als Ergebnis unglücklicher Umstände, und "sacrifice", dem edlen Opfer im
Dienst einer höheren Sache.
Hier Deutschland, das Monster des 20. Jahrhunderts, das "nie wieder Krieg"
sagt, dort die USA, der Weltpolizist und selbsterklärte Anführer der freien Welt,
irgendeiner muss es ja tun. Deutschland folgt widerwillig seiner Bündnispflicht, die
Gesellschaft ist geprägt von der Erinnerung an eine Zeit, als Soldaten noch dem König
gehörten, dem Kaiser, dem Führer und ihr Tod Leid und Ohnmacht in die Familien
brachte. Die USA haben seit ihrer Gründung so gut wie nie aufgehört, Krieg zu führen:
Unabhängigkeitskrieg, Bürgerkrieg, Erster und Zweiter Weltkrieg, Korea-Krieg,
Vietnam-Krieg, Irak-Krieg, Afghanistan-Krieg, Krieg ist der Motor der
amerikanischen Geschichte geblieben. Und doch nimmt auch jenseits des Atlantiks die
Kriegsmüdigkeit zu, wird Wahlkampf betrieben mit dem Slogan "Bringt unsere Jungs
nach Hause". Umso stärker vielleicht werden deshalb die patriotischen Rituale zum
Gedenken an die Opfer hochgehalten, noch funktioniert in breiten Schichten die
Heroisierung der Gefallenen als Katalysator des Wir-Gefühls.
Eine Woche nach Konstantins Tod fährt Tanja Menz in den Bayerischen Wald zu
einer Trauerfeier in die Kaserne ihres Sohnes, sie trifft dort Angehörige der beiden
anderen toten Soldaten, und sie trifft Angela Merkel und Karl-Theodor zu Guttenberg.
Vor der Zeremonie sammeln sich die Angehörigen in einem Raum und sprechen mit
Guttenberg und Merkel. Tanja Menz will die Politiker fragen, wann genug deutsche
Soldaten in Afghanistan gestorben sind. Der Vater eines anderen Toten ist schneller.
Wofür ist mein Sohn gestorben?, fragt er. Tanja Menz weiß nicht mehr die genauen
Worte, aber Guttenberg spricht von Verantwortung und Freiheit. Wofür ist mein Sohn
gestorben? Angela Merkel schweigt.
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Lisa und Steve Xiarhos kennen die Antwort. Für die Heimat und die Freiheit. Als
Barack Obama im August 2009 in der Nähe von Cape Cod in den Ferien weilt, bietet
er der Familie Xiarhos ein Treffen an. Er sagt den Eltern, dass er "an Boys wie Nick
denke", wenn er über Afghanistan nachdenke. Dann fragt er die beiden, was er ihrer
Meinung nach tun solle in Afghanistan. Lisa Xiarhos antwortet: "Schicken Sie noch
mehr Soldaten. Bringen Sie den Job zu Ende."
Tanja Menz sagt, dass es für sie vielleicht einfacher wäre, wenn sie sagen
könnte, sie stehe hinter dem Bundeswehreinsatz in Afghanistan.
Vom Anschlag des 18. Februar erfährt sie aus dem Radio, sie ahnt nicht, dass es
um ihren Sohn geht.
"Mehr Hits, mehr Kicks, einfach SWR3! SWR3-Nachrichten um 15 Uhr:
Die Formel-1-Teams sehen den Saisonstart in Bahrain gefährdet.
Bei dem Wohnhausbrand im Westerwald ist offenbar eine ganze Familie ums
Leben gekommen.
In Afghanistan wurde bei einem Anschlag ein deutscher Soldat getötet.
Das Wetter: häufig trüb, kaum Sonne bei zwei bis acht Grad."
Konstantin hatte seiner Mutter gesagt, wenn sie etwas im Radio höre und
niemand von der Bundeswehr bei ihr war, gehe es ihm gut.
Die Bundeswehr hat ein zwei Seiten langes Word-Dokument erstellt, mit der
Überschrift "Verhaltensweise für das Überbringen einer Todesnachricht". Unter
"Verhalten vor Ort" stehen Tipps:
- "Bedenken Sie, manche lächeln unbewusst aus Unsicherheit beim Überbringen
einer tragischen Nachricht. Das unterläuft Ihnen nicht, wenn Sie sich dessen bewusst
sind.
- Überbringen Sie die Nachricht erst in der Wohnung, nicht an der Tür.
- Vermeiden Sie frontale Haltung gegenüber den Angehörigen, indem Sie sich z.
B. ums Eck oder neben die Angehörigen setzen.
- Vermeiden Sie Floskeln (,Es wird schon wieder, die Zeit heilt alle Wunden').
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- Zeigen Sie Ihr Verständnis, Ihre Gefühle und nehmen Sie spontan Anteil
(umarmen)."
Der Oberstleutnant und der Militärpfarrer klingeln um 17 Uhr.
Steve Xiarhos hat den Moment, als er seiner Familie die Nachricht überbrachte,
schon so oft erinnert, dass er ihn erzählt, als würde er einen Film anschauen. Die
Todesboten der Marines sagen es ihm zuerst, sie stellen die Frage, die sie immer
stellen. "Sind Sie Steven G. Xiarhos, der Vater von Marine Corporal Nicholas G.
Xiarhos?" Als er wieder fähig ist zu sprechen, informiert er seine Frau und die Kinder.
"Ich sah Elizabeth und Ashlynne, unsere Zwillingstöchter, mit Freundinnen vor dem
Fernseher sitzen und tratschen, sah unseren jüngeren Sohn Alex am Küchentisch vor
dem Laptop, sah Lisa in der Küche, sie machte Pancakes. Ich wusste, es ist das letzte
Mal, dass ich diese Bilder sehen werde, die Bilder eines normalen, glücklichen
Familienlebens."
It's Nick. Zwei Worte, und die Mutter versteht.
Bevor Konstantin zur Bundeswehr ging, kannte Tanja Menz keine Soldaten.
Waldrems ist ein Dorf, es gibt einen Gesangverein mit dem Namen "Harmonie", die
Häuser stehen zwischen Apfelbäumen, die nächste Kaserne liegt eine Stunde Autofahrt
entfernt.
Der Arzt bei der Musterung stuft Konstantin als T1 ein, als "voll
verwendungsfähig". Als Konstantin sagt, dass er seinen Wehrdienst bei den
Fallschirmjägern machen will, denkt Tanja Menz, der Junge wolle halt mal Fallschirm
springen, nach ein paar Wochen Grundausbildung im Schnee werde er zur Vernunft
kommen. Nach ein paar Wochen Grundausbildung verpflichtet sich Konstantin als
Zeitsoldat für vier Jahre und wechselt von den Fallschirmjägern zu den
Panzergrenadieren, einer Kampftruppe, die den Feind zu Fuß und mit dem
Schützenpanzer bekämpft.
Tanja Menz weiß, dass ihr Sohn als Zeitsoldat wahrscheinlich in Afghanistan
kämpfen wird. Sie sagt ihm, dass er sich dazu entscheiden könne zu verweigern, die
Familie würde eine Alternative finden. Noch eine Woche vor Einsatzbeginn sagt Tanja
Menz ihrem Sohn, dass er nicht gehen müsse. Am letzten Abend isst Konstantin
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Maultaschen mit Kartoffelsalat. Am Morgen sagt er seiner Mutter, dass er sie liebe,
und geht.
Der Schlachtruf der Panzergrenadiere lautet: "Dran! Drauf! Drüber!"
Frontsoldaten, Grunts, waren sie beide, Nick und Konstantin. Früher gab es das
Wort "Kanonenfutter": ein schreckliches Wort aus lange vergangener Zeit, als Kriege
für die Generäle noch einfacher zu planen waren, weil die Zahl der Verluste noch nicht
so entscheidend war.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehört der Tod noch mehr zum Leben
als heute, die Familien haben zahlreiche Kinder, sind durch die hohe
Kindersterblichkeit eher an Verlust gewöhnt. Mit dem demografischen Wandel hin zur
Kleinfamilie jedoch nimmt etwas zu, was Militärsoziologen "casualty phobia" nennen,
Opfer-Phobie. So wird die Vermeidung eigener Verluste zum obersten Gesetz der
Kriegsführung.
Heute werden Länder zunächst aus der Luft mit Bomben kampfunfähig gemacht,
bevor die Bodentruppen einmarschieren. Der Krieg ist immer technologischer
geworden, idealerweise erledigen unbemannte Drohnen den Auftrag. Fallen die
Soldaten dann doch, so werden in Deutschland mit jedem Toten die Fragen nach der
Notwendigkeit des Einsatzes laut. In einer Befragung des Sozialwissenschaftlichen
Instituts der Bundeswehr gaben 75 Prozent der Deutschen an, ein Auslandseinsatz sei
abzubrechen, wenn Soldaten der Bundeswehr dabei ihr Leben verlieren.
Die Gegner des Westens sehen darin ihre größte Chance. Berühmt geworden ist
der Satz eines Taliban-Kämpfers: "Die Amerikaner lieben Coca-Cola, wir aber lieben
den Tod."
Konstantin Menz liegt auf dem Friedhof von Waldrems, wo alle anderen Toten
des Dorfes ruhen. Nicholas Xiarhos ist auf einem nationalen Militärfriedhof bestattet,
einem von mehr als hundert in den USA, gemeinsam mit 55 000 Veteranen aus allen
amerikanischen Kriegen dieses und des letzten Jahrhunderts.
Das Ehrenmal der Bundeswehr steht auf dem Gelände des
Verteidigungsministeriums in Berlin. Ein Quader aus Stahlbeton, 32 Meter lang, 8
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Meter breit, 10 Meter hoch. Als Tanja Menz das Ehrenmal zum ersten Mal besuchte,
erkannte sie es nicht und fuhr daran vorbei.
Nun, an einem Tag im Januar, besucht sie es mit ihrem Mann. Durch das offene
Dach fällt Schneeregen auf Blumen, die an einer Wand lehnen, darüber steht: "Den
Toten unserer Bundeswehr für Frieden Recht und Freiheit". Tanja Menz sagt: "Es ist
kalt."
Auf einer Projektionsfläche im Inneren des Gebäudes erscheinen die Namen der
toten Soldaten, einzeln, nacheinander, in Buchstaben aus Licht. Es sind 3204 Namen,
von allen Mitarbeitern, die seit 1956 im Dienst der Bundeswehr gestorben sind. Als
Tanja Menz das Ehrenmal im Herbst besuchte, wartete sie drei Stunden, dann schaute
sie acht Sekunden lang auf die Buchstaben "Konstantin Menz", erzeugt von
Leuchtdioden, dann verschwanden die Buchstaben.
Steve Xiarhos blickt aus dem Fenster seines Autos zu den Sicherheitskräften am
Eingang des Militärgeländes und sagt: "Ich bin Deputy Chief Xiarhos, und ich bin
hier, um meinen Sohn zu besuchen." Die Männer nehmen die Mütze vom Kopf und
heben den Schlagbaum. Bald reihen sich auf sanft geschwungenen Hügeln die immer
gleichen, exakt ausgerichteten grauen Steinplatten. Dies sei der Ort, sagt Xiarhos, "wo
die Helden ruhen".
Hier endet am 31. Juli 2009 der Trauerzug zu Nicks Begräbnis, ein Tag, "an dem
Cape Cod stillstand" für seinen Sohn, wie der Vater sich erinnert. Der Kolonne mit
dem Leichenwagen schließen sich Hunderte Fahrzeuge an, das gesamte Polizeikorps
fährt mit, alle mit laufenden Leuchtsignalen, doch ohne Sirenenton.
Tausende kommen zum Friedhof. Für das letzte Stück der Strecke wird Nicks
Sarg auf einen Pferdewagen gelegt. Am Grab singt ein Heldentenor das Lied von den
Marines, die nun im Himmel Wache stehen. Zwei Marines nehmen die Flagge von
Nicks Sarg, falten sie zwölfmal zu einem Dreieck, übergeben sie der Mutter. Die
Ehrenschützen feuern dreimal sieben Schüsse in den Himmel.
Das Grab von Konstantin Menz liegt fünf Minuten Fußweg entfernt von seinem
Elternhaus, auf dem Gemeindefriedhof. Tanja Menz prüft, ob das Licht brennt in der
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Grabkerze. Ein paar Meter weiter am Eingang des Friedhofs liegen zwei schwere
Steine, die an die Toten der beiden Weltkriege erinnern. Auf einem der Steine steht:
Die dankbaren Gemeinden
Heiningen Waldrems
Ihren Gefallenen Helden
Tanja Menz schaut auf die Inschrift und sagt: "Im Prinzip sind Soldaten normale
Menschen, die ihren Job machen. Das Wort Held passt nicht in unsere Zeit."
Im Herbst hat Tanja Menz mit dem Ortsvorsteher von Waldrems an der gleichen
Stelle vor den Gedenksteinen gestanden. Sie hatte ihn angerufen und gefragt, ob das
Dorf an den Tod von Konstantin erinnern würde. Die beiden waren sich einig, dass
eine Erinnerungstafel gut wäre, aber sie wussten nicht, wo die stehen sollte. Der
Ortsvorsteher schlug vor, dass sie Konstantins Namen auf das Steinkreuz hinter den
Denkmälern für die Weltkriege schreiben lassen könnten, in metallenen Buchstaben,
nicht zu groß.
Die Deutschen haben auch über 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs
keine Haltung zu ihren Soldaten gefunden. Die Veteranen des Weltkriegs versteckten
sich, verständlicherweise, während sie in den USA in jeder Kleinstadt am
Nationalfeiertag und zu anderen Gelegenheiten durch den Ort paradieren. Die USA,
eine Nation, die in der Überzeugung lebt, immer für eine freie Welt gekämpft zu
haben, steht einem Land gegenüber, das in der Schuld verbrecherischer
Eroberungskriege lebt. Viele Bundeswehrsoldaten vermeiden es, sich in Uniform in
der Öffentlichkeit zu zeigen, zu viele haben schon erlebt, dass ihnen "Mörder"
hinterhergerufen wird. Amerikanische Soldaten kriegen Gratis-Bier an der Bar, und im
Bus stehen die Leute auf und bieten ihnen den Sitz an.
Amerika geht einen extremen Weg. Deutschland geht einen extremen Weg. Es
lässt sich schwer sagen, welcher der beiden Wege der richtige ist. Vielleicht ist es auch
keiner der beiden.
In einer Umfrage an der Bundeswehr-Universität in Hamburg sagten angehende
Offiziere, dass der Mangel an gesellschaftlicher Anerkennung ihrer Leistung das
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größte Problem ihres Berufs sei. Sie machten Vorschläge, wie das geändert werden
könnte, und wünschten sich unter anderem, dass Pfarrer in den Kirchen an
Weihnachten der Gefallenen gedenken.
Vor kurzem hat Verteidigungsminister Thomas de Maizière während einer USAReise angeregt, in Deutschland einen offiziellen "Veteranentag" einzuführen, und zwar
ausgerechnet am Volkstrauertag, dem Tag, den die Nazis zum Feiertag erklärt und in
"Heldengedenktag" umbenannt hatten. Vertreter der SPD bezeichneten den Vorschlag
de Maizières als "undenkbar".
Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz geben drei Sorgen an, die sie plagen,
wenn sie an der Front sind: dass ihre Angehörigen, vor allem ihre Frauen, zu Hause
alleingelassen werden von ihrem Umfeld; dass die Bevölkerung in der Heimat nicht
hinter ihnen steht; dass sich nach der Rückkehr keiner für sie interessiert.
Als Nick stirbt, rückt die Gemeinschaft um die Familie Xiarhos näher
zusammen. Freunde kommen und bieten Trost an, bringen Essen vorbei. Der Vater
erzählt von einem Nachbarn, der in den Wochen nach der Todesnachricht ungebeten
die Aufgabe übernimmt, die Kehrichttonne der Familie auf die Straße zu stellen.
Immer wieder fällt der Satz: "Wenn ihr irgendetwas braucht, ich bin da",
manchmal von nur oberflächlichen Bekannten. Auch das amerikanische "Thank you
for your service", vielen Dank für Ihren Einsatz, eigentlich eine
Höflichkeitsbekundung gegenüber Kriegsveteranen, hören Steve und Lisa Xiarhos oft,
von der Kassiererin im Supermarkt, vom Tankwart beim Tanken, vom Busfahrer.
Wie viele andere amerikanische Eltern gefallener Soldaten gründen Steve und
Lisa Xiarhos eine Stiftung im Namen des Sohnes, den Nicholas G. Xiarhos Memorial
Fund. Sie vergeben nun an Nicks ehemaliger Highschool jährlich den Nicholas-G.Xiarhos-Preis für den Schüler, der sich am meisten für andere einsetzt. Eine Gruppe
von Freunden sammelt unter dem Namen "Big Nick's Gift to Our Troops" Geschenke
und Lebensmittel, die als Pakete an Soldaten im Einsatz geschickt werden. Bei "Big
Nick's Ride for the Fallen" treffen sich über tausend Motorradfahrer zu einer
Ehrenfahrt rund um Cape Cod. Das Clubhouse beim Football-Platz in Yarmouth heißt
jetzt "Nicholas G. Xiarhos Memorial Field House". Der Vater hat eine Nick204
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Gedenkmünze prägen lassen, von denen er immer einige bei sich trägt, um sie allen
Leuten, die er kennenlernt, beim Begrüßungshandschlag zu überreichen.
Als Konstantin Menz zurückkehrt in einem Sarg aus Zink mit Holzverkleidung,
nimmt sich der Vater, Hans-Jürgen Menz, drei Tage frei. Die Mitarbeiter kondolieren,
dann arbeitet er weiter. In den Wochen nach dem 18. Februar bekunden die Leute aus
dem Dorf der Familie Menz ihr Beileid. Sie schütteln Hände, sie schreiben Briefe.
Tanja Menz verbringt so viel Zeit wie möglich in Konstantins Kaserne. Dort fühle sie
sich normal, sagt sie, sie müsse nichts erklären. Am Tag der offenen Tür setzt sie sich
hinten in einen Panzer und fährt durch den Wald.
Hans-Jürgen Menz trauert allein, anfangs sprechen ihn die Menschen auf seinen
toten Sohn an, wenn er mit den Hunden spazieren geht, aber das legt sich. "Die
Anteilnahme hielt sich in akzeptablen Grenzen", sagt er.
Einmal ruft ein Mitarbeiter des damaligen baden-württembergischen
Ministerpräsidenten Stefan Mappus an und fragt, ob Mappus die Familie Menz
besuchen dürfe. Hans-Jürgen Menz will das nicht. "Wir hatten ja auch vor Konstantins
Tod nichts mit Herrn Mappus zu tun", sagt er. "Ich finde es schon okay, dass
Konstantins Name irgendwo erwähnt wird als ein Opfer dieses Krieges, aber
eigentlich sind das meine privaten Gedanken, da will ich niemanden mit behelligen",
sagt er.
Im Bett von Nick schläft jetzt sein kleiner Bruder Alex, 22. Er lässt im Zimmer
alles so, wie es war, ist umgeben von Nicks Sachen und Bildern. "Er wollte nach
Nicks Tod seinen Platz einnehmen", sagt Lisa Xiarhos. Alex wollte ebenfalls den
Marines beitreten. Der Vater hat es verboten.
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Mein fremdes Land
Juan Moreno, Sohn eines spanischen Gastarbeiters, fuhr diesen Sommer zurück in die
Heimat seiner Eltern - auf der Suche nach den Ursachen für die Krise seines Landes.
Juan Moreno, Der Spiegel, 30.07.2012
Vor ein paar Monaten interviewte mich ein kleiner, runder Mann. Ein spanischer
Moderator, den ich noch nie gesehen hatte, den in Spanien aber jedes Kind kennt, Jordi
Évole. Er war früher der Sidekick eines berühmten Late-Night-Talkers. Der spanische
Manuel Andrack. Wir trafen uns an einem nasskalten Samstagnachmittag am
Brandenburger Tor.
Évole bat mich, über Deutschland zu sprechen - als Sohn spanischer Einwanderer, vor
allem aber als Deutscher. Ich sollte erklären, was wir, die Deutschen, richtig und was
sie, die Spanier, falsch machen. Évoles Sendung gehört inzwischen zu den
erfolgreichsten im spanischen Fernsehen. Der Mann ist investigativer Journalist und
Komiker.
Was erwartete er als Antwort? Dass man nun mal keine ernstzunehmende Wirtschaft
hat, wenn sie auf Sonne und Orangen und das Zubetonieren der Mittelmeerküste
gründet? Dass spanische Fußballvereine keine 750 Millionen Euro dem Finanzamt
schulden sollten? Dass sich Spaniens Schüler laut jüngster Pisa-Studie nicht
verbesserten, trotz der Rekord-Steuereinnahmen vor der Krise?
Ich habe in letzter Zeit oft an dieses Gespräch gedacht, an die spanische
Wirtschaftskrise, daran, ob ich wirklich weiß, wie es in meiner Heimat aussieht.
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Meine Eltern sind Bauern aus Andalusien, die in den Siebzigern nach Deutschland
gingen und bis zur Rente in einer Reifenfabrik in Hanau arbeiteten. Mein Vater war vier
Jahre lang in der Schule. Er hatte kein Lehrbuch. Der Lehrer benutzte eine alte
Enzyklopädie. Mein Vater kam bis zum D. Vielleicht war es auch das F. Auf jeden Fall
war es eine Schande, was ihm sein Land als Bildung anbot. Er wanderte mit 17 aus.
Ich bin in Spanien geboren, habe einen spanischen Namen, ein spanisches Sprechtempo, einen spanischen Pass und freue mich, dass Spanien Europameister geworden
ist. Aber ich lebe in Deutschland, war hier in der Schule, arbeite hier.
Meine intensivsten Erinnerungen an Spanien sind, trotz der Besuche danach, über 25
Jahre alt. Es sind die verklärten Sommererinnerungen eines Kindes. Meine Familie
gehörte zu dieser Gastarbeiterkarawane, die jedes Jahr mit einem vollgepackten Opel in
die Heimat fuhr. Erst durch Frankreich, dann am Mittelmeer entlang bis ins Dorf meiner
Eltern. 30 Stunden im Auto, Pausen nur zum Tanken, Vater Kettenraucher. Der
Rücksitz war für mich, meine beiden Brüder und einen Koffer. Ich liebte diese Fahrten.
Nach dem Gespräch mit Jordi Évole habe ich beschlossen, diese Reise erneut zu
machen. Wieder die Küste entlang, nur mit mehr Zeit, um mit Leuten zu sprechen. Sie
sollen mir erklären, was aus diesem Land geworden ist. Ein Land, das mich seit
geraumer Zeit in den Wahnsinn treibt. Ich könnte nicht mal sagen, womit genau. Die
Unfähigkeit, irgendetwas Sinnvolles zu produzieren, die ekelhafte Bauwut, die
Unverfrorenheit, mit der Hilfe aus dem Rettungsfonds erwartet wird?
Die erste richtige spanische Großstadt, an die ich mich erinnern kann, ist Barcelona.
Hier beginnt meine Reise. Sie war damals nicht die Stadt der Designhotels und der
Tapas im Barri Gòtic, der sinnsuchenden Romanistikstudentinnen, die hier Spanisch
lernen. In meiner Kindheit war es die Stadt ohne Autobahnring. Er war noch nicht
gebaut. Mein Vater hasste die Anarchie des Verkehrs, die Seats, die Guardia Civil, die
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in den frühen Achtzigern Francos Schutz, nicht aber ihre widerliche Arroganz verloren
hatte. Meine Mutter zwang uns, trotz der Hitze, die Fenster hochzukurbeln. An den
Ampeln warten Trickdiebe auf deutsche Autos, sagte sie. Ich hasste Barcelona.
2012 ist das anders. Ich komme an, nachdem der spanische Ministerpräsident Mariano
Rajoy Europa darauf vorbereitet hat, dass die Rettung der hiesigen Banken 100
Milliarden Euro kosten könnte. Er hatte davor behauptet, Spanien werde nie Hilfe
benötigen.
Im Hotel schaue ich Fernsehnachrichten. Sie bestehen wie üblich aus zwei Teilen.
Dem Horrorfilm und der Märchenstunde. Immer mehr Sparer räumen ihre Sparkonten,
Castilla-La Mancha schließt 70 Schulen, fast 25 Prozent Arbeitslosenquote, das ist der
Horrorfilm. In der Märchenstunde geht es um die spanische Nationalmannschaft. Wer
hier längere Zeit Nachrichten schaut, versteht, warum mittlerweile die Hälfte der
Sendezeit auf Sport verwandt wird. Man würde andernfalls verrückt werden. Es dreht
sich alles um die Krise. Wirklich alles: Ein Baumarkt schreibt 200 Stellen aus, 12 000
Bewerber. Akademiker verschweigen Abschlüsse bei der Bewerbung, um gegen
Geringqualifizierte zu bestehen. Streikende Minenarbeiter in Asturien liefern sich
Straßenschlachten mit der Polizei. Der Verkauf von Tresoren nimmt zu.
Das sind keine Nachrichten, das ist Terror.
Barcelona ist voller Touristen. Die Übernachtungszahlen haben voriges Jahr
zugenommen. Die Cafés rund um die Plaça Catalunya servieren weiterhin überteuerten
Kaffee. Die Polizei verscheucht die Bettler. Man muss die Krise ein paar Querstraßen
weiter suchen.
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An einer Kreuzung auf der Avinguda Diagonal treffe ich Pedro Panlador, einen
schmächtigen Mann, der sich vor eine Filiale von Bankia gestellt hat. Er will sie
stürmen. Einige Gleichgesinnte begleiten ihn. Sie haben Zeitungsredaktionen angerufen,
damit sie über die Aktion berichten, aber die haben abgewinkt. In Spanien werden
derzeit immerzu irgendwo irgendwelche Banken gestürmt.
Bankia, eine Bank aus Madrid, hat Pedro Panlador aus der Wohnung geworfen, weil
er seinen Kredit nicht mehr bedienen konnte. In den ersten drei Monaten dieses Jahres
wurden täglich 200 Wohnungen zwangsgeräumt.
Panlador ist in Kolumbien geboren, lebt seit zwölf Jahren in Barcelona. Er hat derzeit
242 000 Euro Schulden. Vor der Krise war er Chauffeur. Seit über zwei Jahren ist er
arbeitslos.
Passanten laufen vorbei, einige sprechen ihm Mut zu, einige applaudieren. Nicht einer
findet es verkehrt, dass man sich vor eine Bank stellt und die Mitarbeiter "Verbrecher"
nennt. Panlador sagt, dass er "friedlich" vorgehen werde, er wolle "nur den Direktor
sprechen".
2011 machte Bankia drei Milliarden Euro Verlust, die Bank braucht über 20
Milliarden, um nicht pleitezugehen und damit das spanische Finanzsystem in den
Abgrund mitzureißen. Der letzte Chef hieß Rodrigo Rato, ehemaliger Finanzminister
unter dem Ministerpräsidenten José María Aznar. Bis 2007 war Rato Chef des
Internationalen Währungsfonds. Der IWF wird womöglich Spanien bald retten müssen.
Es klingt wie ein Witz.
Panlador und seine Jungs wollen jetzt mit der Erstürmung beginnen. Sie machen das
zum ersten Mal. Panlador hat schon vor einer Bankia-Filiale gezeltet, aber er findet,
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dass eine Erstürmung mehr Eindruck macht. Er nimmt seinen Mut zusammen und geht
zum Eingang. Da sieht er, dass die Filiale eine Sicherheitstür und eine Klingel hat.
Panlador klingelt.
Bankia öffnet nicht.
Panlador dreht sich zu den anderen. Sie schauen etwas ratlos. Schließlich pustet einer
in eine Trillerpfeife.
Panlador klebt ein paar Aufkleber auf die Scheibe. Die Banken sollen aufhören,
säumige Kunden aus den Wohnungen zu klagen, steht da. Spanien ist das Land der
traurigen Demos.
Panlador macht ein paar Schritte zurück. Es gibt keine Privatinsolvenz in Spanien,
Panlador wird die 242 000 Euro Schulden behalten, solange er lebt. "Ich bin müde",
sagt er.
Vermutlich braucht Protest wenigstens ab und zu einen kleinen Erfolg, etwas
Hoffnung, die zeigt, dass sich der Kampf lohnt. Und vermutlich muss wenigstens der
Feind klar sein.
Aber wer ist schuld? Bankia, weil sie einem Mann, der 940 Euro netto im Monat
verdiente, eine viertel Million Euro gab? Oder Panlador, weil er so einen Kredit
aufnahm? Niemand zwang ihn. Vielleicht beide.
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Vielleicht aber auch nur dieses Meer der Chancen. Überall wurde gebaut, überall Geld
verdient. Billiges Geld, Banken, die es verschenkten, Wohnungen, die sich selbst zu
finanzieren schienen, massenweise Jobs - das alles verwandelte die Spanier in
Spielsüchtige und das Land in ein Casino. Niemand musste mehr ertragen, dass der
Nachbar ein Wochenendhaus in Conil an der Costa de la Luz hat und man selbst nur
eine Datsche am Stadtrand. Wer ahnte, dass am Ende Leute wie Pedro Panlador vor
einer Bankfiliale stehen würden und an einer Klingel scheitern?
Ich gebe Panlador die Hand, wünsche ihm Glück. Barcelona ist wunderschön, viel
schöner als Berlin, Frankfurt am Main oder München. Noch immer, trotz der "Zu
verkaufen"-Schilder an den Balkonen, trotz der Goldhändler, die überall Läden
beziehen, wo sie den Schmuck der Verzweifelten aufkaufen. Die Stadt kommt mir vor
wie die Frau des Fabrikdirektors, die noch nicht glauben will, dass die Firma bankrott
ist. Der Pelz ist noch da, der Diamantring, das Porzellan, aber alle wissen, dass es bald
vorbei sein wird. Die Arbeitslosenquote in Barcelona ist im vergangenen Jahr um 7 auf
17,7 Prozent gestiegen. 17,7 Prozent ohne Arbeit in der reichsten Stadt Spaniens.
Ich steige ins Auto und verlasse Barcelona. Ich habe einen Termin in Sabadell, einer
ehemaligen Textilstadt. Ich bin mit Antonio, einem Familienvater, verabredet. Auch er
hat seine Wohnung verloren. Er will aber keine Bank stürmen, er wehrt sich wirklich.
Er hat eine Wohnung besetzt.
Es ist früher Nachmittag, Antonio steht in seiner Wohnungstür und weiß, was ich
denke. Antonio sieht aus wie George Clooney.
"Ich weiß", sagt er, "das sagen alle."
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Antonio betritt den schmalen Flur, er zeigt mir das winzige Bad, eine Wohnküche mit
großem Kühlschrank, ein Schlafzimmer, in dem zwei Betten stehen, auf denen jeweils
ein Plüschtier liegt.
"Das ist es", sagt Antonio, zwei Zimmer, Erdgeschoss, das neue Zuhause. Im Klo
stapeln sich ein paar Kartons.
"Wie lange bist du schon hier?"
"Zwei Tage."
"Wie bist du reingekommen?"
"Sag ich nicht, aber ich war mal Schweißer. Morgen schlafen meine Mädchen das
erste Mal hier."
Antonio hat zwei Töchter, 14 und 17. Die jüngere geht zur Schule, die ältere macht
eine Ausbildung zur Friseurin, bekommt aber wegen der Krise kein Geld und ist die
Einzige aus ihrer ehemaligen Klasse, die überhaupt eine Stelle gefunden hat. Antonio
schiebt eine Plüschente zur Seite und setzt sich aufs Bett.
Antonio Zamora Hidalgo, 47 Jahre, verschlossener Typ, hat vorgestern seinen Kampf
gegen das System gestartet. Er hat über 20 Jahre lang in einer Metallfabrik gearbeitet,
hat zwölf Jahre lang den Kredit für seine Wohnung bei der Großbank BBVA bedient.
Als er die Raten nicht mehr zahlte, verlor er alles. Es gibt kein Hartz IV in Spanien.
Was es gibt, ist eine Regelung, die vorsieht, dass der Kreditnehmer nicht einfach die
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Immobilie zurückgeben kann, um seine Schuld zu begleichen. Im Zweifel verliert er die
Wohnung und schuldet trotzdem den vollen Kaufpreis.
Antonio Zamora Hidalgo wusste einfach nicht, wohin er mit den Kindern sollte. Seine
Frau hat die Familie gerade verlassen, weil sie nicht erträgt, wie tief sie gesunken sind.
Antonio wandte sich an die Bürgerinitiative PAH in Barcelona. Dort sagten sie, dass 20
Prozent der spanischen Wohnungen leerstehen. Darunter auch eine in Sabadell, seit fünf
Jahren.
Die kleine Wohnung liegt in einer ruhigen Seitenstraße im Stadtteil Can n'Oriac und
gehört der Caixa Catalunya, einer dieser größenwahnsinnigen Provinzsparkassen in
Spanien, die in den vergangenen Jahren wie entfesselt Immobilienkredite vergeben
haben und mit Steuergeld gerettet werden mussten.
"Hast du sie dir so vorgestellt?", fragt Antonio.
Ich schaue mich im winzigen Zimmer um. Die beiden Betten füllen es fast vollständig
aus.
"Wenn du schon illegal eine Wohnung besetzt, warum nicht eine größere?"
Antonio muss lachen. Er meinte nicht die Wohnung, er meinte die Lage in Spanien.
"Ich kann dir sagen, wie die Lage ist", sagt Antonio, "die Lage ist so, dass Typen wie
ich Wohnungen besetzen."
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Wer ist jetzt schuld, denke ich auf der Autobahn. Der Mann hatte noch nie Ärger mit
der Polizei. Er trinkt nicht, ist kein Anarchist, kein Linker, er schaut nicht mal
Nachrichten. Jetzt ist er Hausbesetzer. Womöglich hat er einfach nur Pech gehabt und
wurde mitgerissen, als dieses Schneeballsystem aus billigen Krediten und steigenden
Wohnungspreisen, das spanisches Wirtschaftswunder genannt wurde, zusammenbrach.
Es war die Zeit, als das "Time"-Magazin aus New York "Spain rocks" titelte.
Ich erreiche Castellón, eine etwas träge Küstenstadt am Mittelmeer, geprägt von
einem schönen Park und einem phänomenal hässlichen Kaufhaus.
Als Kind mochte ich Castellón, den letzten Tankstopp vor unserem Dorf. Ich bin hier,
weil ich wissen möchte, warum Castellón einen Flughafen gebaut hat, von dem noch nie
ein Flugzeug gestartet ist. Einen Flughafen, der 150 Millionen Euro gekostet hat und der
zu einer Stadt gehört, die 65 Kilometer von Valencia entfernt liegt, wo es bereits einen
viel zu großen Flughafen gibt.
Ich verlasse die Autopista del Mediterráneo und fahre über die CV-10 Richtung
Flughafen Castellón. Die CV-10 ist die beste Autobahn, auf der ich je gefahren bin. Der
Asphalt ist perfekt, die Schilder neu, der Mittelstreifen begrünt. Nach etwa einer halben
Stunde stehe ich vor einem Absperrzaun und streite mich mit einem Wächter. Der Mann
spricht in ein Funkgerät: "Serra 1 an Serra 2, wir haben einen Code 3!"
Einen Code 3 löst man aus, indem man am Absperrzaun einen Wächter fragt, ob man
den Flughafen aus der Nähe betrachten könne. Schließlich sei er mit öffentlichen
Geldern bezahlt und bereits am 25. März 2011 eröffnet worden.
Ich steige aus dem Auto. Hinter mir ist eine große Skulptur aufgebaut, sie steht an der
Zufahrt zum Flughafen. Ein guter Freund eines Lokalpolitikers baut noch immer an ihr,
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sie ist unfassbar hässlich und soll 300 000 Euro gekostet haben. Der Wächter spricht in
das Funkgerät. Ich erkenne von außen den Tower, sehe einen Teil der 3000 Parkplätze,
etwas von der 2700 Meter langen Startbahn.
"Ich habe dein Nummernschild der Polizei weitergeleitet", sagt der Wächter. Ich nicke
und denke daran, dass der Flughafen von Castellón nicht mal der sinnloseste, schon gar
nicht der teuerste Spaniens ist. In Ciudad Real, 160 Kilometer von Madrid, ist ein
Flughafen für eine Milliarde Euro gebaut worden. Da fliegen auch keine Flugzeuge.
Castellón litt jahrelang darunter, dass es nicht so bedeutend war, nicht so reich, nicht
so bekannt wie Valencia und Alicante, die anderen beiden großen Städte in der Region.
Irgendjemand hatte die Idee, das durch den Bau von 17 Golfplätzen zu ändern. 17
Golfplätze à 18 Löcher macht viele Golfer. Darum der Flughafen. Die Golfplätze
wurden nie realisiert. Die Stadt verhielt sich im Kleinen wie Spanien im Großen.
Spanien wollte nicht der kleine Bruder Europas sein. Das heißt: richtige Flughäfen,
richtige Autobahnen. Die Zeiten, in denen Leute wie mein Vater mit einer zu dünnen
Jacke an einem deutschen Bahnhof ankamen, waren vorbei. Das neue Spanien konnte
Fußball spielen, hatte Konzerne wie Telefónica und Köche wie Ferran Adrià.
Ich lasse den Wärter stehen und biege wieder auf die Autobahn ab. In drei Stunden
werde ich im Dorf meiner Eltern sein. Ein kleiner Umweg führt mich an einer
Großbaustelle vorbei. Die spanische Bahn baut eine weitere Schnelltrasse. Das Land hat
heute mehr Hochgeschwindigkeitsschienen als Deutschland oder Frankreich.
Ich frage mich, wie es in den vergangenen Jahren gewesen sein muss, Politiker zu
sein. Ein Rausch, eine Zeit ohne Maß, ohne Verstand. Viele Politiker mussten für eine
Wiederwahl irgendein Projekt vorweisen, am besten aus Stein. Überall entstanden
Sportplätze, Theater, Schwimmbäder, Straßenbahnen. Die Wirtschaft war verrückt
geworden, die Politiker auch. Die Demokratie aber, die funktionierte. Die Spanier
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hätten fragen können, woher das ganze Geld kommt, sie hätten fragen können, warum
die Straßen besser, die Züge schneller und die Schulleistungen ihrer Kinder aber
schlechter wurden. Sie hätten andere Politiker wählen können. Weniger verrückte. Ich
glaube fest daran, dass jedes Dorf, jede Gemeinde, jede Provinz genau den Politiker
bekam, den sie verdient hatte.
Ich erreiche das Dorf meiner Eltern, Huércal-Overa, heute eine Stadt mit 18 000
Einwohnern, die Provinz heißt Almería. Die Gegend wird die Wüste Europas genannt,
trocken und im Sommer unerträglich heiß. Bully Herbig hat in Almería den "Schuh des
Manitu" gedreht. Meine Reise endet hier.
Früher blieben wir im Haus meiner Großeltern, etwas außerhalb. Es gab keine Toilette
und keinen Strom. Das war in den Achtzigern. Heute hat die Stadt ein öffentliches
Theater, eine neue Plaza Mayor, ein überdachtes öffentliches Schwimmbad, ein neues
Freibad, einen Zoo, einen Park, einen neugestalteten Stadtkern und reihenweise
halbfertige Wohnblöcke.
Das Haus meiner Eltern liegt am nördlichen Ende der Stadt. Es ist ein schlichtes, eher
hässliches Haus. Alles, was sie je gespart haben, ist in diese 130 Quadratmeter
geflossen. Der einzige Luxus ist eine absurd überdimensionierte Klimaanlage auf dem
Dach, die unser Wohnzimmer problemlos in eine Polarlandschaft verwandeln kann.
Ich habe meine Eltern gebeten, ein paar meiner Familienmitglieder anzurufen, um mit
mir über ihr Leben in Spanien zu sprechen.
Mein Onkel Juan arbeitet seit 20 Jahren in einem Agrarbetrieb. Er setzt
Tomatenpflanzen, geht mit Dünger durch die Gewächshäuser, hilft bei der Ernte. Ein
knochenharter Job, über den er sich in meinem Beisein nie beschwert hat. Er verdiente
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vor dem Boom ungefähr drei Euro die Stunde, knapp zehn Jahre später sind es noch
immer keine vier. Er fuhr vor der Krise einen Kleinwagen, er fährt heute noch einen.
Juan sagt, dass er die Krise nicht brauche, um zu wissen, dass er nicht zum reichen
Europa gehöre. Er sei nun mal arm, er sei aus dem Süden.
Pepe, mein Cousin, war anders. Als Jugendlicher verkaufte er Schuhe auf den
Wochenmärkten der Gegend, später Chips und Erdnüsse, irgendwann machte er den
Lkw-Führerschein und versuchte sich als Transportunternehmer. Vor 150 Jahren wäre
er Goldgräber geworden. Es kamen die Boom-Jahre und die Zeiten für Leute wie Pepe.
Leute, die nicht arm bleiben wollten. Anfangs saß er selbst am Steuer und hatte einen
Lkw, später waren es zwei, danach drei, irgendwann acht oder neun. Es gab genug zu
tun, immer wieder neue Kunden. Eine Brauerei, ein Autozulieferer, das Zwischenlager
eines Großhändlers. Zum 40. Geburtstag, ich war zu dem Fest eingeladen, schenkte er
seiner Frau einen schwarzen Audi A6. Pepe hätte an diesem Tag vor Glück platzen
können. Sie hatten es geschafft. Das Haus war abbezahlt, sie fuhren ein deutsches Auto,
seine Tochter hatte gerade das Medizinstudium begonnen.
Pepe war einer der lustigsten Menschen, die ich kenne. Niemand riss öfter schmutzige
Witze. Diesen Pepe gibt es nicht mehr.
Mein Cousin ist heute ein kranker Mann. Mein Vater hat die letzte Behandlung bei
einem Psychiater bezahlt. Pepe sagt niemandem in unserer Familie, wie viel Schulden
er hat, aber es müssen Millionen sein, und wir haben uns alle damit abgefunden, dass er
nie wieder schuldenfrei sein wird. Seine Tochter, die Medizinstudentin, arbeitet an einer
Supermarktkasse. Als ich ihn am Tag nach meiner Ankunft wiedersehe, trinken er, mein
Vater und ich gemeinsam einen Kaffee. Pepe sagt genau zwei Wörter, anfangs "Hola",
am Ende "Adios".
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Die Krise hat ihn verändert, sie verändert Spanien. Vielleicht erkennt das Land, dass
es keine Abkürzungen gibt nach Europa, keine smarten Tricks. Einfach eine harte
Währung einführen, Dutzende Flughäfen, Zugtrassen und Golfplätze, und alle kaufen
sich einen A6, das funktioniert nicht. Der Weg ist mühsam und bekannt. Am Anfang
stehen Bildung, Forschung, die Förderung von Gründern. Die Spanier können das alles,
sie sind ein großartiges Volk, mein Volk, aber die Krise hat ihnen gezeigt, wo sie
stehen. Am Rand Europas, nicht im Zentrum. Der Immobilienboom, das billige Geld,
die Euphorie haben sie verführt. Nicht, weil sie schlecht oder faul wären, sondern weil
sie Menschen sind.
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Der Fall Irons
Der Surfer Andy Irons stand für Leistung, Schönheit und Erfolg. Bis er vor genau
einem Jahr tot aufgefunden wurde - vollgepumpt mit Drogen. Woran scheitert jemand,
der eigentlich alles hat?
Gordon Repinski, Die Tageszeitung, 05.11.2011
Der letzte Tag im Leben des Surfchampions Philip Andrew Irons beginnt unweit
des Flughafens von Dallas/Fort Worth, er steht an der Rezeption des Grand Hyatt
Hotels, ein Ort, an den er nie wollte, er ist geschwächt. Er bestellt einen Weckanruf für
den nächsten Morgen, es ist der 1. November 2010, Irons checkt um 8.47 Uhr ein. Er
sollte jetzt eigentlich in Puerto Rico um den Weltcup kämpfen. Oder zurück sein bei
seiner Frau in Hawaii, sie ist im achten Monat schwanger.
Um 8.59 Uhr betritt Irons sein Zimmer, die 324, er trinkt einen Orangensaft und
versucht, vom Hoteltelefon aus die Heimat in Hawaii zu erreichen. Er schaltet den
Fernseher ein, wirft seine Klamotten auf den Boden und legt sich ins Bett.
Am nächsten Morgen beantwortet Andy Irons den Weckanruf nicht, so wird es
später im Untersuchungsbericht der Polizei rekonstruiert werden. Ein Sicherheitsmann
des Hotels öffnet die Tür des Zimmers. Irons liegt im Bett, die Decke bis zur Brust
gezogen. Er atmet nicht.
Für 9.46 Uhr notiert der Autopsiebericht den Tod des dreifachen Weltmeisters.
Irons wird zu einer Nummer, dem Aktenzeichen 1013091 der Gerichtsmedizin von
Tarrant County im US-Bundesstaat Texas. Todesursache: Herzinfarkt. Im Körper
finden die Beamten Kokain, Schlafmittel, Cannabinoide und Methadon.
Die Geschichte von Andy Irons ist die Geschichte eines Rausches, sie handelt
von Erfolg im Überfluss, und was das mit einem Menschen machen kann. Andy Irons
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war schön, leistungsfähig, wurde durch sein Hobby reich, reiste um die Welt, wäre
bald Vater geworden.
Als er stirbt, ist er 32 Jahre alt.
Surfer ringen mit den Kräften der Natur. Der Sport kann süchtig machen, er
kann Athleten in Rauschzustände versetzen. Ein Surfer versucht, die Gewalt des
Meeres für sich zu nutzen. Er paddelt mit seinem Brett nach draußen, er klammert sich
daran, seine Augen suchen den Horizont ab. Er muss den Moment erkennen, in dem
die Welle heranrollt, sich von diesem Wasserberg mitreißen lassen, das Brett in den
Berg stellen. Seine Arme müssen ins Wasser schlagen. Schnell und kräftig.
Dann kommt dieser Augenblick, kurz bevor die Welle bricht, in dem er dort
oben auf das Brett springen muss und hinunter schaut, wie in einen Abgrund.
Manchmal gleitet er auf dem Brett nach unten, rasend. Wenn er es schafft,
stehen zu bleiben.
Oder er verliert das Gleichgewicht. Dann hat er verloren. Das Wasser saugt ihn
in einen Strudel, reißt und schleudert ihn umher. Die Natur, die er eben noch lässig zu
kontrollieren schien, macht nun mit ihm, was sie will. Er muss aufpassen, dass die
Natur ihn nicht schluckt.
Wenn er einen guten Tag hatte, kontrollierte Andy Irons die Wellen wie
niemand sonst auf der Welt. Er ist hinausgepaddelt, als keiner sich mehr traute, weil
das Meer allen anderen unbeherrschbar erschien. Er raste die Wasserwände hinab, er
ließ die Welle über sich brechen und verschwand in der "Tube", im Inneren, bis er mit
hochgerissenen Armen wieder herausfuhr. In Shorts, trainiert, braungebrannt,
manchmal lässig die Hüfte nach vorne gestreckt, vor den Augen der jubelnden Menge
am Strand.
In den Jahren 2002 bis 2004 wurde er dreimal hintereinander Weltmeister. Es
waren Jahre, in denen er alle anderen ausgestochen hat, in denen er die meisten Punkte
für die riskantesten Ritte eingefahren hat. Er muss sich gefühlt haben wie ein König
der Meere. Unglaublich stark. Gewaltig wie das weiße Rauschen.
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Andy Irons hat alles erreicht, was ein Surfer erreichen kann, er war der Held
einer Szene, die das Ringen mit der Natur zum Sport gemacht hat und zu einem
Geschäft, an dem einzelne Firmen Milliarden verdienen - aber irgendwann geriet er in
einen Strudel. Und sank.
Man muss ans Meer fahren, wenn man begreifen will, wie das passieren konnte.
Zu den höchsten und gefährlichsten Wellen der Welt.
Hanalei Bay liegt an der Nordküste der hawaiianischen Insel Kauai. Es ist eine
sichelförmige Bucht voll weißem Sand an einem türkisen Meer, im Hintergrund
mächtige vulkanische Berge, Bäume, wenige Touristen. Hier ist Andy Irons in einem
grünen Holzhaus am Strand aufgewachsen, hier paddelte er schon als Kind mit seinem
16 Monate jüngeren Bruder Bruce hinaus aufs Meer. Hier muss er den Rausch der
Wellen zum ersten Mal gespürt haben.
Heute lehnen Surfbretter vor den Grundstücken, auf denen "A. I. forever", oder
"A. I. we love you" steht, denn Hanalei hat im vergangenen Jahr in einem
Flughafenhotel in Texas sein Idol verloren. Früher, in den Achtzigern, als Andy zu
Fuß aus der Weke-Road vom Elternhaus zur Grundschule lief, konnte er hören, wie
groß die Wellen waren. Manchmal rauschen sie leise. Manchmal krachen sie wie
Donnerschläge.
Er war bockig, wenn er nicht mit seinem Surfbrett auf Wellen lauern durfte.
"Kaum war die Schule aus, rannte Andy an den Strand", erinnert sich seine
Klassenlehrerin Kathleen Kinch. Es sei sinnlos gewesen, ihn an seine Hausarbeiten zu
erinnern. "Er hat immer gesagt: ,Ich muss das nicht machen, ich werde Profisurfer'."
Auf einem Klassenfoto von 1990, vierte Klasse, schaut Irons gelangweilt in die
Kamera. "Das war sein Lächeln, das Andy-Lächeln", sagt sie.
Kinch steht auf der Veranda der Schule, hinter ihr erhebt sich das
Schulkunstwerk aus dem Boden. Es ist eine Welle aus Beton und Mosaiksteinen. Die
Lehrerin hält eine Puppe in der Hand: Andy Irons mit Surfbrett im Arm, der Kopf
wackelt. Als der echte Irons seine ersten großen Erfolge feierte, hat sie sich die Puppe
auf ihr Pult gestellt. Wenn ihre Schüler nicht aufpassten, so erzählt sie, hat sie der
Puppe einen Klaps verpasst, so dass der Kopf so wackelte wie er es jetzt tut. "Du hörst
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mir wieder nicht zu", ermahnte sie dann die Puppe, bis die Schüler verstanden, dass sie
gemeint waren.
Die Puppe ist das Symbol der Lehrerin für einen, der nicht tut, was sie will.
Kinch hat Andy viel durchgehen lassen. Und die anderen haben das wohl auch.
Er war der Held einer Insel, auf der es sonst wenig gibt. So einen hinterfragt man
nicht. Jedes Jahr veranstaltete er mit seinem Bruder Bruce, auch ein Weltklassesurfer,
einen Wettbewerb für die Kinder von Hanalei Bay. Die Brüder schleppten kistenweise
Mitbringsel an, die sie in aller Welt und von den Sponsoren eingesammelt hatten. TShirts, Uhren, Surfbretter, Shorts, Mützen. Weihnachten am Strand, im Frühling. Alle
haben etwas bekommen, alle durften Andy anfassen. "Er hat immer gegeben", sagt Saa
Ginlack, ein Freund aus dem Nachbarort Kapaa.
Ginlack hat dort einen Surfshop, in dem er seine eigenen Mützen und Shorts
verkauft. "Der war mal halb so groß", sagt er und malt eine Linie in die Luft.
Irgendwann kamen Andy und Bruce und sagten ihm: "Ey, gib uns mal eine Cap."
Seitdem trug Andy seine Mützen um die Welt. Überall in Ginlacks Shop hängen Fotos
von Irons - wie er einen Siegerpokal in die Höhe reckt, die Mütze auf dem Kopf. Irons'
Sponsoren, die ihm Millionen dafür überwiesen, dass er ihre Sachen trug, schäumten
vor Wut. "Ihm war das egal", sagt Ginlack, "er wollte immer etwas für seine Heimat
tun."
Heute noch hängt ein Bild draußen an Ginlacks Surfgeschäft, "we love you
braaddaaa", "wir lieben Dich Bruda", darauf Irons inmitten von lachenden Kindern.
Seine Heldengeschichte wird hier nie sterben.
Als Teenager trafen sich Andy, sein Bruder und die anderen an den Abenden am
Strand von Hanalei Bay, grillten, schauten wie die Sonne unterging, tranken Bier und
rauchten Joints. Sie genossen ihre Jugend dort, wo andere Urlaub machten.
Irons wurde immer besser. Er surfte jetzt auch auf der Nachbarinsel Oahu. Er
ging immer öfter zum North Shore von Hawaii. Dort bricht die berühmteste Welle der
Welt, genannt Pipeline, weil sie hohl ist wie eine Röhre.
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Von der Pipeline träumt jeder Surfer. Jeder will sein Glück versuchen, einmal
durch die Röhre rasen. Deshalb geht es hier hart zu. Es gibt einen, der selektiert. Der
Mann, der die Pipeline kontrolliert, heißt Kala Alexander.
Alexander springt an der Straße vor der Pipeline aus einem Pick-up und
verschränkt seine Arme ineinander. Er ist ein baumhoher Mann. Wenn er die Fäuste
von sich streckt, sieht man das Wort "Wolfpak", tätowiert auf seine Finger. Er hat das
Wasser für Andy Irons verwaltet, das Wolfpak, das Wolfsrudel, war seine Gang.
Wenn er mit Irons und seinen Jungs im Ozean war und eine riesige Welle
anrollte, rief er "Andy! Andy!". Dann durfte nur der in die Welle paddeln. Hatte es ein
anderer trotzdem gewagt, schlug Alexander ihn. "Wir sind ein Rudel, wir passen
aufeinander auf", sagt er. Irons Ersatzfamilie auf Oahu wurde ein Wolfsrudel.
Man braucht Kala Alexander nicht nach den Drogen zu fragen. Darüber redet
niemand gern, der Andy Irons besser kannte. Man kann Alexander auch nicht fragen,
wie Irons sich wohl dort oben auf den Wellen gefühlt hat. Wie er in den Strudel
geraten ist. Wie alles zusammenhängt. "Fünf Minuten", sagt Alexander zu Beginn des
Gesprächs. Fünf Minuten. Ein, zwei Storys. Dann verschwindet er im Pick-up,
grußlos. Er kann sich denken, dass irgendwann die Fragen kämen.
Mit 17 gewann Irons zum ersten Mal einen Profiwettbewerb in seiner neuen
Heimat, der Pipeline. Er qualifizierte sich für die Welttour, das größte, was ein Surfer
erreichen kann. Nur rund 40 Surfer gehören zu diesem Zirkus. In den Rennen kommen
nur die Gewinner weiter, sie bekämpfen sich, bis nur noch einer übrig ist.
Wie hart das Geschäft ist, erlebte 2009 Marlon Lipke. Er surfte als erster
Deutscher überhaupt die Tour, doch er schied dauernd in der ersten Runde aus. "Ich
war nicht richtig vorbereitet auf die Wettkämpfe", sagt Lipke, "ich war so fasziniert
von den Schauplätzen und hätte eigentlich viel härter surfen müssen."
Lipke fehlte die Kälte, andere auszuschalten. Mit Tricks zu arbeiten, mal
schmutzig zu surfen. Anderen eine Welle wegzunehmen. Ihnen etwas zuzubrüllen,
kurz bevor sie starten. Am Ende des Jahres musste er die Tour als Drittletzter
verlassen.
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Andy Irons reiste 1998 das erste Mal mit den Profis um die Welt und surfte in
Kalifornien, der Südsee und Südafrika, vor Palmen, Bergen und über leuchtendem
Korallenriff. Ein harter Wettbewerb: In den Top-Rennen werden üppige Preisgelder
verteilt, mittlerweile bis zu einer Million Dollar. Nur wer gewinnt, bekommt
Sponsoren, und wer Sponsoren hat, wird reich.
Irons wollte mehr. Er liebte das Risiko. Den Rausch.
Alles andere war Langeweile.
Mit zwanzig Jahren surfte er beim Finale seiner ersten Welttour in seiner
Heimat, Pipeline. Die Wellen waren riesig, aber Irons hatte keinen guten Tag. Andere
würden sich in so einer Situation zurückziehen. Nicht er.
Er nahm sich vor, die nächste Welle zu fahren, egal wie groß sie werden würde,
dann sah er sie am Horizont herannahen, sie war gigantisch. Zu groß.
Irons verlor. Die Welle schmetterte ihn aufs Riff, sein Surfbrett zerbrach in vier
Teile.
Wenn es Surfer so vom Brett wirft, nennen sie das Wipeout. Als würde man
ausgelöscht. Aber Irons überlebte diesen Wipeout fast unverletzt.
Er hat sich in einem Interview später an den Sturz erinnert. Er trägt dabei eine
bunt verspiegelte Sonnenbrille, die Augen sind nicht zu erkennen. "Yeah", sagt er da,
"das war mit Abstand der schlimmste Wipeout meines Lebens." Dann lacht er. Als
könnte ihm nichts passieren. Nie.
Es ist ein gefährliches Gefühl, kein Risiko mehr zu kennen, kein Scheitern. Es
lässt Grenzen verschwimmen. Irons verließ die reale Welt schon Jahre vor seinem Tod
und tauschte sie gegen eine überdrehte, künstliche Superwelt, in der die Fassade von
Sonne, Strand und Lässigkeit alles zählt, der Spaß zum Zwang wird und
Nachdenklichkeit, Traurigkeit oder Einsamkeit keinen Platz haben. Eine Welt, an
deren Spitze sich die andere Welt, die Realität, langweilig anfühlt.
Irons kannte kein Ende. Sein Freund Saa Ginlack erinnert sich an ihre Partys auf
Hawaii. "Wir standen an einem Morgen in Waikiki am Geldautomaten, es war kurz
vor sechs", erzählt Ginlack. Das Tageslimit war überzogen. "Lass uns bis 6 Uhr
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warten, dann beginnt ein neuer Tag und wir bekommen wieder Geld", habe Andy
Irons gesagt.
Nur ein halbes Jahr nach dem Sturz in der Pipeline fährt Irons nach Indonesien.
Er feiert dort seinen 21. Geburtstag. Er ist nicht mehr nur ein Held in seiner Heimat.
Er ist einer der weltbesten Surfer. Eine Marke. Andy Irons. Die Marke muss liefern.
Denn das Geschäft mit dem Surfen ist immer lukrativer geworden. Die großen
Namen werden längst nicht mehr nur von den Sportlern getragen. Die Szenemarken
von früher staffieren heute sogar Jugendliche in den Städten aus.
Die einst kleinen lokalen Marken werden von großen Sportfirmen oder
Investmentgesellschaften geschluckt. Billabong ist seit dem Jahr 2000 an der
australischen Börse notiert, 2006 verdiente die Bekleidungsfirma über eine Milliarde
US-Dollar. Auch Nike versucht sich im Surfgeschäft, der Gigakonzern kaufte die
Marke des kalifornischen Boardherstellers Bob Hurley.
An seinem Geburtstag in Indonesien trinkt Andy Irons so viel Whiskey, dass er
nach kurzer Zeit nicht mehr ansprechbar ist, wie sich der Surffotograf Art Brewer im
Outside-Magazin erinnert. Er hat das alles miterlebt.
Irons verliert das Bewusstsein. Panisch versuchen Freunde, ihn zu reanimieren,
Ärzte kämpfen um sein Leben. Erst der fünfte Versuch ist erfolgreich. Auf dem Meer
ist er ein Unsterblicher. An Land ertränkt sich Andy Irons fast selbst. Als würde er die
Nähe des Todes suchen. Das letzte Extrem.
Eine Woche später trifft Brewer Irons in Kalifornien. Er ist wieder betrunken.
Es ist schwer zu sagen, wann Andy Irons mit Oxycodon anfing. Drei, die ihn
kannten, bringen den Stoff in einen Zusammenhang mit ihm, aber über Details
schweigen sie. Irgendwann müssen ihn Alkohol und Joints gelangweilt haben. In
einem Strandhaus nahe Hanalei Bay feierte er mit Freunden. Mit Oxycodon-Tabletten
entspannt man sich, kommt runter. Es ist ein schmerzstillendes Opiat, das stark
euphorisiert und enormes Suchtpotenzial hat. Es kann auch Depressionen auslösen.
"Das ist synthetisches Heroin, viele Surfer haben es für sich entdeckt", sagt einer
aus dem Umkreis der Irons-Familie.
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Im Jahr 2004 gewinnt Irons seinen dritten Titel in Folge, er ist auf dem
Höhepunkt seiner Karriere. Sein Sponsor Billabong ist begeistert und bietet ihm einen
Fünfjahresvertrag über mehrere Millionen Dollar an. Irons unterschreibt, er sagt, er
freue sich "auf ein Leben in der Billabong-Familie".
Sein Abstieg beginnt langsam.
Im Jahr 2005 und 2006 wird Irons Zweiter, 2007 ist er aus dem
Weltmeisterschaftsrennen raus. Doch er muss bleiben. Es war sein Sponsor, so erzählt
man sich, der verhindert habe, dass sich Irons früher von der Profi-Tour zurückzog.
"Man kann Billabong trotzdem nicht dafür verantwortlich machen", sagt Saa Ginlack,
"dann schon eher die gesamte Surfindustrie." Es gehe schließlich allen ums Geld.
Äußern will sich Billabong nicht zu Andy Irons. Noch heute hängen in fast
jedem der Geschäfte in Hawaii Andy-Irons-Gedenkposter. Daneben stehen die
Teenager und wühlen sich durch T-Shirts und Shorts von Billabong. Das Geschäft
läuft weiter.
Die Szene schweigt. Surfer sprechen ungern über Irons Probleme. Das hieße,
über sich zu sprechen, über eigene Abgründe.
Es gibt kaum kritische Recherchen. Stattdessen viele, schöne Bilder. Die
Geschichte von Andy Irons passt da nicht hinein. "Die meisten Berichterstatter
verstehen sich nicht als echte Journalisten", sagt Brad Melekian, der seit Jahren über
Surfen schreibt, "die Surfmedien sind nur dazu da, die Szene zu promoten."
Irons' Familie verhinderte nach dem Tod monatelang die Veröffentlichung der
Autopsieergebnisse. Zusammen mit dem Sponsor gab sie eine Pressemitteilung
heraus, gleich an Irons Todestag. Irons sei am Denguefieber gestorben, das er sich in
Portugal eingefangen habe.
Den Beamten gegenüber waren sie dagegen ehrlich. Während der Ermittlungen
spricht Vater Philip offen über die Drogensucht des Sohnes, seine Schwägerin über
depressive Phasen. Im Autopsiebericht schreiben die Ärzte, dass Irons nicht am
Denguefieber litt.
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"Andy war ein junger Mann, der mit sich gekämpft hat", sagt sein Onkel Richard
Irons, der Pfarrer auf der Insel Oahu ist.
Erst 2009, nach drei Krisenjahren, setzt Irons ein Jahr von der Tour aus. Im Jahr
2010 wird dem Champion der Zugang zur Tour mit einer Wildcard geschenkt. Er ist
noch immer labil.
Im Sommer gewinnt er den Wettbewerb auf Tahiti. Er steht noch einmal ganz
oben auf dem Podest, trägt bei der Siegerehrung eine Blumenkrone auf dem Kopf.
"Ich hab's geschafft", sagt Irons nach dem Wettbewerb, "Jetzt bin ich endgültig
zurück." Vielleicht hofft er, dass das nicht nur für den Sport gilt. Vielleicht fühlt sich
das Brett da gerade wirklich wie ein fester Boden an. Zudem ist seine Frau zu diesem
Zeitpunkt zum ersten Mal schwanger. "Wir haben alle gehofft, dass ihm das neuen
Mut macht", sagt sein Onkel.
Ende Oktober fliegt er nach Puerto Rico zum nächsten Wettbewerb. Aber Irons
tritt nicht an. Noch bevor es losgeht, fliegt er nach Miami, wo er die Nacht
durchgefeiert haben soll. Man hätte ihn aufhalten müssen, sagt sein Vater später.
Am 1. November macht er sich auf den Weg von Florida in Richtung Hawaii,
fünf Wochen später wird seine Frau Lyndie den gemeinsamen Sohn Andrew Axel zur
Welt bringen.
In Dallas/Fort Worth steigt er um. Er entscheidet sich, im Grand Hyatt am
Flughafen zu übernachten. Er will sich ein paar Stunden Ruhe gönnen.
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Mein Bauch gehört Dir
Neun Monate wächst Oskar in Antonias Bauch. Bei der Entbindung sieht sie ihn zum
ersten und letzten Mal. Während Antonia alleine nach Hause geht, wird Oskar von
seinen Eltern abgeholt. Antonia war Leihmutter für ein kinderloses Paar. Sie hat Oskar
geboren, aber er ist nicht ihr Kind
Lisa Rokahr, Go, 28.09.2012
Donnerstag beim Frauenarzt, Muttermund schon offen und der Gebärmutterhals
verkürzt. Lange wird es nicht mehr dauern, sagt der Arzt. Das spürte Antonia schon.
Freitagmittag beginnen die Wehen, sie geht spazieren, ihre Freundin kommt vorbei
und zählt die Zeit zwischen den Wehen. Samstag sitzt Antonia auf dem Sofa, hört
Musik, die Fruchtblase platzt, alle Tücher unter ihr sind plötzlich nass. Sie geht ins
Krankenhaus, zu Fuß, für den Weg von fünf Minuten braucht sie heute zehn. April, es
nieselt. Geburtshelferinnen begleiten sie direkt in den Kreißsaal. Antonia blickt sich
um: Badewanne, Bett, Geburtshocker. Sie entscheidet sich für das Bett, legt sich hin,
steht wieder auf, läuft herum. Die Schwerkraft wird es schon herausholen, stöhnt sie.
Die Schmerzen werden stärker, ich muss sterben, denkt sie. Trotzdem: Keine
Peridualanästhesie, sagt sie, ich will es ohne schaffen. Am Sonntag – sie hat seit 38
Stunden nicht geschlafen – am Sonntag um 14.10 Uhr ist das Kind da.
Es liegt zwischen ihren Beinen, blutig, schleimig. Und Antonia ist glücklich, als
sie es sieht. Endlich ist er da, endlich. Der Junge hat lange schwarze Haare. Wie ein
Äffchen, denkt sie. Sie nimmt ihn nicht in den Arm. Er ist zu früh geboren, kommt
kurz in den Inkubator, dann ins Wärmebettchen. Antonia wird auf Station verlegt.
Schon am nächsten Tag geht sie nach Hause, alleine. Denn die Eltern des
Neugeborenen warten schon auf ihn. Länger als neun Monate. Endlich ist er da, Oskar,
endlich sind sie eine Familie. Sie beugen sich über sein Wärmebettchen. Der Mann
erkennt in dem Baby die dunklen großen Augen seiner Frau.
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Für Antonia endet hier eine außergewöhnliche Erfahrung. Für ein Ehepaar die
lange unerfüllte Sehnsucht nach einem eigenen Kind. Hier trennen sich die Wege, die
sich vor elf Monaten ganz plötzlich kreuzten, als Antonia im Internet eine Anzeige
aufgab: „Ich biete mich als Leihmutter an. Ich halte nicht viel von Geld, ich will es
lediglich machen, um kinderlosen Paaren zu helfen! Ich bin 21 Jahre alt und fühle
mich noch nicht in der Lage ein eigenes Kind großzuziehen. Aber warum nicht
anderen helfen?“ In einem Selbsthilfeforum für ungewollt Kinderlose hinterlässt sie
irgendwo zwischen 42 Threads und tausenden Posts ihre E-Mail-Adresse,
[email protected].
Schnell melden sich Interessenten, seriöse und dubiose, fast 30 Personen
innerhalb von zwei Wochen. Antonia beantwortet jede E-Mail. Aus einigen Mails
schlägt ihr Verzweiflung entgegen, sie gibt ihre Telefonnummer heraus. Eine Frau ruft
jeden Abend an, manchmal dreimal, erzählt ihr schon, wie das Kinderzimmer
aussehen wird. Manche Kontaktpersonen haben eine merkwürdige Vorstellung von
Leihmutterschaft. Wir könnten miteinander Sex haben, schlägt ein Mann vor, das Kind
soll aus Liebe entstehen. Antonia erschrickt. Nein, dann lieber doch keine
Leihmutterschaft. Für Paare sei es schwierig, eine seriöse Leihmutter zu finden, sagt
Antonia. Aber umgekehrt sei es auch schwierig, ein seriöses Paar zu finden.
Dann meldet sich eine Frau, sie und ihr Partner möchten ein Kind mit ihren
Genen austragen lassen. Beide Mitte 30, sie arbeitet für einen Notar, er im
Management. Antonia wünscht sich ein Paar, das dem Kind eine gute Zukunft bieten
kann, eine gute Ausbildung. Mindestens den Realschulabschluss sollen sie dem Kind
ermöglichen, sagt sie, sich Zeit nehmen, mit dem Kind Schularbeiten machen. Antonia
selbst macht gerade ihr Fachabitur, hat sich von der Realschule hochgearbeitet. Am
Telefon erzählt ihr die Frau, dass sie selbst schon schwanger war. 37. Woche, in 20
Tagen sollte ihr Baby kommen. Dann eine Totgeburt, Blutungen, die Ärzte entfernen
die Gebärmutter, ihre Eierstöcke behält sie. Der Kinderwunsch blieb, der Wunsch
nach einem eigenen Baby. Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten, das Paar
sucht im Ausland eine Leihmutter und findet eine Frau in der Ukraine. Die künstliche
Befruchtung klappt, doch in der sechsten Woche verliert sie das Kind. Das Paar
probiert es nochmal, andere Leihmutter, In-Vitro-Fertilisation (IVF) erfolgreich, das
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Kind schafft die kritische zwölfte Woche, die beiden freuen sich, in der 16. Woche die
Fehlgeburt. 6.000 Euro kostet jeder Versuch, das Paar gibt auf. Dann finden sie
Antonia.
Sie schreiben sich viele Mails, telefonieren. Meist spricht Antonia mit der Frau,
zu dem Mann hat sie kaum Kontakt. Sie besprechen einen Termin für die Befruchtung
in Tschechien. Einen Vertrag gibt es nicht. Risiko auf beiden Seiten, aber Antonia
sagt: Kein Vertrag hätte vor einem deutschen Gericht Bestand. Die Eltern bekommen
von der tschechischen Fruchtbarkeitsklinik Medikamente und einen detaillierten
Zeitplan zugeschickt. Ein Kurierdienst bringt sie weiter zu Antonia, alles bezahlt von
den Eltern. Zweieinhalb Monate muss sie sich nun auf die In-Vitro-Befruchtung
vorbereiten. Die Antibabypille Marvelon, täglich. Das Implantat Zoladex, um das
Endometrium, die Gebärmutterschleimhaut, auf die Einpflanzung vorzubereiten. Und
für die Hormontherapie Utrogestan und Estrofem.
Nach einigen Wochen geht Antonia zu ihrem Frauenarzt. Bluttests auf Syphilis,
HIV, Hepatitis В und С. Antonia sagt ihrem Gynäkologen nun, sie bereite sich auf
eine IVF vor, er möge nachschauen, ob sich die Gebärmutterschleimhaut genügend
entwickelt hat. Sie ist 21, der Arzt fragt nicht nach. Er müsste etwas ahnen, er ist seit
Jahren ihr Gynäkologe. Keine 21-Jährige bereitet sich plötzlich und ohne Rücksprache
auf eine IVF vor. Vielleicht schwant ihm etwas, aber er sagt nichts, er könnte sich
strafbar machen. Das deutsche Embryonenschutzgesetz verbietet jede ärztliche
Leistung bei Leihmutterschaften. Doch die Leihmutter und die Eizellengeberin werden
nicht bestraft.
Wir haben nichts Verbotenes gemacht, sagt Antonia, kein deutscher Arzt hat die
künstliche Befruchtung durchgeführt, sondern ein tschechischer. Grauzone. Das
Thema bleibt ein Tabu. Für ihren Hilfsdienst werden Austragemütter häufig geächtet,
darum heißt Antonia auch nur in diesem Text Antonia. Als sie die Praxis verlässt,
fragen die Arzthelferinnen vorwurfsvoll: Sie wissen schon, was sie da machen?
An einem Morgen im August packt Antonia ihren Koffer, Klamotten für fünf
Tage. Das Paar holt sie mit dem Auto aus der westdeutschen Großstadt ab, in der sie
wohnt. Antonia wartet unten vor dem Mehrfamilienhaus, sie lebt alleine, seit vier
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Jahren schon. Zur Begrüßung schütteln sie sich die Hände. Befremdlich, denkt sie,
bald habe ich ihre Körperflüssigkeiten in mir. Auf der Fahrt nach Tschechien reden die
drei nicht viel, und wenn, dann nicht über das, was ihnen bevorsteht. Antonia ist
aufgeregt.
Die Klinik ist modern eingerichtet. Zuerst wird das Sperma des Mannes im
Reagenzglas mit den Eizellen seiner Ehefrau zusammengebracht. Spontane
Befruchtung, natürliche Selektion der mobilsten Spermien. Zygoten entstehen, sie
müssen sich drei Tage entwickeln. Antonia wartet im Appartement nahe der Klinik.
Kein Internet, kein Telefon, sie langweilt sich. Abends geht sie mit dem Paar essen,
wieder unterhalten sich sich kaum. Alle drei sind befangen. Der Tag der Einpflanzung.
Es piekst und drückt, als ihr der Gynäkologe die befruchtete Eizelle einsetzt. Danach
30 Minuten liegenbleiben. Antonia kann sich nicht recht vorstellen, jetzt schwanger zu
sein.
Zwei Wochen später geht sie in Deutschland zu ihrem Frauenarzt. Sie ist
aufgeregt, aufgeregter als das Paar. Die beiden haben schon drei Kinder verloren. Der
Schwangerschaftstest ist positiv, die fremde Eizelle hat sich eingenistet. Jetzt bin ich
also Leihmutter, denkt Antonia. Gleich nach der Untersuchung ruft sie die Frau an, die
bleibt ruhig. Zu groß die Angst, wieder ein Kind zu verlieren. Erst ab der 24. Woche
kann sie sich freuen, dann ist das Kind überlebensfähig.
Als ihr Bauch wächst, kauft sich Antonia Umstandskleidung, eine bequeme
Hose mit Gummizug. Sie bezahlt selbst, Geld für die Leihmutterschaft nimmt sie
nicht. Dabei fordern deutsche Leihmütter, die es im Verborgenen durchaus gibt, bis zu
sechsstellige Beträge als Aufwandsentschädigung. Antonia verurteilt jegliche Zahlung:
Ob fünf oder fünftausend Euro – egal, sagt sie. Falls das Kind später nachfragt, soll es
niemals denken, es sei gekauft worden. Wenn ich mich für eine Leihmutterschaft
entscheide, dann weil ich selbst es möchte, weil ich helfen möchte. Alles, was sie sich
wünscht, ist ein Familienfoto mit dem Kind. Antonia ist hart mit ihrer Meinung. Wenn
eine Frau ihren Körper verkaufen will, soll sie Anschaffen gehen, sagt sie.
Antonias Eltern trennten sich, als sie in die Pubertät kam. Mit der Erziehung
waren sie überfordert, gemeinsam, wie später allein. Stattdessen erfüllten sie Antonia
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jeden materiellen Wunsch, den neuen Flatscreen-Fernseher, die Wii, den Laptop. Aber
glücklich war sie nicht. Es gab immer häufiger Streit, manchmal haute Antonia
einfach ab. Mit 14 kam sie dann zu einer Pflegefamilie. Mietnomaden, ein Hund, vier
Katzen, zwei Ratten, drei Meerschweinchen, zwei Hamster, ein Aquarium. Kündigte
sich das Jugendamt an, wurde drei Tage vorher der gröbste Dreck beseitigt. Die haben
uns Pflegekinder nur genommen, weil es Geld dafür gab, sagt sie. Sie kümmerte sich
um die jüngeren Pflegekinder, die nannten sie bald Mama. Antonia wurde schnell
erwachsen.
Ich hatte keine schöne Kindheit, sagt sie. Aber ich möchte anderen Kindern
ermöglichen, wohlbehütet aufzuwachsen. Bei mir könnten sie das niemals. Sie will
einem Kind das Zuhause geben, das sie selbst nie hatte. Keine Spur von Naivität. Sie
hatte diese Idee und mit der Leihmutterschaft die Lösung. Reflektiert dachte sie über
eigene Nachteile nach – und fand keine, die stärker wogen, als ein glückliches Kind in
die Welt zu setzen. Muttergefühle hat sie für Oskar nicht. Die meisten Menschen
können das nicht verstehen. Es war nie mein Kind, versucht sie zu erklären. Es hat
Eltern, gute Eltern. Die boten Antonia sogar an, Oskars Patentante zu werden, aber sie
lehnte ab. Eine Bindung entsteht vor allem nach der Geburt, sagt sie. Daher nahm sie
das Kind nach der Geburt nicht in den Arm, darum möchte sie nicht Teil der Familie
sein. Interesse habe sie an dem Kind, sagt sie. Aber ich interessiere mich auch für die
Kinder meiner Freundin.
Während der Schwangerschaft hört sie mit dem Ungeborenen oft Musik, punkig,
das mochte es. Dann streichelt sie über ihren runden Bauch und denkt: Bald bist du
weg. Und ermahnt sich zugleich, genieß doch die Zeit, die du mit ihm hast. In
manchen Momenten ist sie stolz, wenn sie spürt, wie er tritt. Das war ein
unglaubliches Gefühl, findet sie, aber kein Muttergefühl. Unglaublich, wie er in mir
sein kann, ohne dass er von mir ist, ohne, dass wir verwandt sind. Zur
Leihmutterschaft gehört auch Selbstschutz, gesteht sie ein.
Wenige Freunde weiht sie in ihr Geheimnis ein, drei enge Freundinnen nur.
Allen anderen erzählt sie von einem One-Night-Stand mit Folgen. In der 15. Woche
vertraut sie auch ihrem leiblichen Vater die Leihmutterschaft an, am Telefon. Kurz,
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bevor sie in die Schule muss, damit keine Diskussion aufkommen kann. Die Eltern
getrennt, die Mutter darf nichts erfahren. Du bist alt genug, sagt ihr Vater. Komm
nicht an, wenn es dir schlecht geht.
Bald spürt Antonia, eine Leihmutterschaft ist ein aufwendiges Komplott. Monate
vor dem Geburtstermin kontaktiert sie mit dem künftigen Kindsvater das Jugendamt,
sie vereinbaren einen Termin. Wir spielten kompliziertes Theater, erzählt sie.
Erster Akt: Ein One-Night-Stand, erklären sie dem Mitarbeiter, und jetzt ein
Kind. Wie soll ich das meiner Frau erklären, fragt der Mann. Ich bin 21, viel zu jung,
jammert Antonia.
Zweiter Akt: Sie signalisiert Überforderung. Der Mann sagt, er habe mit seiner
Frau gesprochen, wir könnten uns vorstellen, das Kind bei uns aufzunehmen.
Dritter Akt: Der Mann und seine Frau erzählen, wie sehr sie sich auf das Kind
freuen. Für Antonia folgen weitere Gespräche, das Jugendamt möchte unbedingt, dass
das Kind bei ihr bleibt. Sie bieten eine Grundausstattung an, Tagesmütter, einen Platz
in einer Mutter-Kind-Einrichtung. Drei Wochen nach der Entbindung unterschreibt
Antonia den Verzicht auf das Sorgerecht und das Aufenthaltsbestimmungsrecht für
Oskar. Der Vater ist bereits als Vater eingetragen. Etwa zwei Jahre wird es nun noch
dauern, bis seine Frau ihr eigenes Kind adoptiert hat. Denn in Deutschland gilt immer
die Frau als leibliche Mutter eines Kindes, die es gebiert. Selbst wenn nicht sie,
sondern eine andere Frau genetisch mit ihm verwandt ist.
Ab der 27. Schwangerschaftswoche geht es Antonia zunehmend schlechter. Zur
Schule geht sie nun nicht mehr. In der 32. Woche meldet sie sich im Krankenhaus an.
Ihr werden die Vorbereitungsräume gezeigt, der Kreißsaal. Die Behandlungsräume für
die Babys, die Frühchenstation, Mutter-Kind-Station, das blendet sie aus. Darum
müssen sich dann die Eltern kümmern, denkt sie.
Dann der Sonntag im April, die Geburt. Sie hat das Paar angerufen, die eilen ins
Krankenhaus. Während der Geburt sind sie nicht dabei, aber sie sind die ersten, die
den Säugling in den Arm nehmen. Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst, um dich zu
verabschieden, sagen sie zu Antonia. Aber sie sieht Oskar das erste und letzte Mal, als
er zwischen ihren Beinen liegt. Am nächsten Tag geht sie nach Hause.
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Dienstag ist Feiertag, am Mittwoch geht sie wieder zur Schule, zu früh, alles zu
viel, merkt sie. Eine Woche bleibt sie in ihrer Wohnung. Ihre Brüste schmerzen, sie
stillt ja nicht. Sie trägt einen engen BH, trinkt Pfefferminztee bis ihr übel wird. Er soll
die Milchbildung unterbinden. Nach einer Woche wird es ihr zu eng in der Wohnung.
Sie fährt weg, für zwei Wochen zu Freunden nach Frankfurt, erzählt ihnen, das Kind
sei tot. Die haben selbst Kinder, sie würden das niemals verstehen, dass eine Frau ein
Kind weggibt, sagt sie.
Dann kehrt sie zurück in ihre Wohnung. Lila Wände, Blumenmuster, ihr Fisch
namens Sushi. Eine Wohnung wie ein Mädchenzimmer. Oder die Wohnung einer
jungen Frau, die ein Kind erwartet: Eine Spielecke mit Puppenhaus, ein Mobile hängt
von der Dachschräge, ein Trip-Trap-Stuhl, in den Steckdosen Kindersicherungen.
Überall Fotos von Kindern, gerahmt, selbstgebastelte Collagen, Kalender. Früher
arbeitete Antonia oft als Tagesmutter. Die Kinder ihrer Freunde kommen gern zu
Besuch. Sie liebt Kinder. Nur eigene möchte sie nicht. Die Verantwortung, an der
schon ihre Eltern scheiterten, wiegt zu schwer. Sie hat entdeckt, dass sie als
Leihmutter nicht nur Kindern, sondern auch verzweifelten Eltern Glück schenken
kann.
Neben ihrem Sofa eine Erinnerungsecke für das Kind. Zwei Kerzen neben einem
Stoffhasen, den sie kurz vor der Geburt geschenkt bekam, daneben ein Engel aus Ton.
Mir bedeuten diese Dinge nichts, sagt sie. Die Ecke ist für die Leute, die denken, das
Kind sei tot zur Welt gekommen. Denn Antonia soll jetzt trauern. Vor anderen fällt ihr
das schwer, besonders vor ihrer eigenen Mutter. Es war eine Totgeburt, hat sie ihr
gesagt. Das Kind sei anonym bestattet worden. Das sei das Beste für ihre Mutter. Die
schenkte ihr ein Windlicht aus Ton, graviert mit Oskar. Antonia will nicht trauern,
aber sie möchte über ihr Erlebtes sprechen dürfen. Es gehe ihr nicht schlecht, sagt sie.
Aber es belaste sie, dass sie ihre Gedanken für sich behalten muss. Wieso ist es ein
Tabu, obwohl ich einer Familie ihr größtes Glück geschenkt habe?
Sie versucht mit ihrer Therapeutin zu sprechen. Seit Jahren ist sie bei ihr, um die
Kindheit aufzuarbeiten, Depressionen zu bekämpfen. Antonia berichtet ihr von der
Leihmutterschaft. Erzählt, dass sie glücklich ist, geholfen zu haben. Eine Woche
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später die nächste Sitzung, Termin um 15 Uhr, kurzes Gespräch. Die Therapeutin
bricht die Behandlung ab. Sie könne damit nicht umgehen. Das ist mir zu viel, sagt sie.
Antonia ist nicht traurig, sie vermisst das Kind nicht, aber sie möchte es auch
nicht vergessen müssen. Abends schreibt sie in ein Buch an den Jungen. Oskar, fragt
sie, lachst du schon mit deinen Eltern? Kannst du deinen Kopf alleine halten?
Dreieinhalb Wochen nach der Geburt nimmt das Paar sein Kind mit nach Hause.
Sie legen Oskar auf ihr Sofa, rufen die ahnungslosen Großeltern an. Ihr müsst
kommen! Es ist etwas Wunderbares passiert. Das Paar hat nie eine Schwangerschaft
vorgetäuscht, das Gerede in ihrem Ort geht los. Aber der Frau ist es egal: Hauptsache,
mein Kind ist endlich bei mir.
Antonia denkt nicht, dass die Gesellschaft mehrheitlich gegen Leihmutterschaft
ist. Jedenfalls niemand, der sich mit dem Leid kinderloser Paare näher beschäftigt hat,
sagt sie. Eine Leihmutterschaft bringt allen Beteiligten Freude: dem Paar, das seinen
Kinderwunsch erfüllen kann, dem Kind, das in einer glücklichen Familie aufwächst –
und der Leihmutter, die Erfüllung findet. Erfüllung im Helfen, Sinn im Leben,
Helfersyndrom. Durch ihren Dienst sät sie Glück, erntet Bedeutung. Aber
Helfersyndrom bedeutet auch Hilfe aufdrängen, um Anerkennung bangen,
Unterstützung ablehnen, eigene Wünsche vernachlässigen. Antonia ist anders. Sie
überlegt, wägt ab, setzt sich Grenzen.
Das Verbot der Leihmutterschaft in Deutschland kann sie nicht verstehen. Es
füge den Menschen, die sowieso kaum noch Hoffnung haben, noch mehr Leid zu. Eine
Änderung des Gesetzes könne helfen, vielleicht wie bei der Abtreibung. Die ist
ebenfalls verboten, aber lässt Ausnahmen zu.
Das ersehnte Familienfoto hat das Ehepaar noch nicht zugeschickt. Antonia hätte
es auf ihr Regal gestellt. Neben ein Bild von den Kindern ihrer besten Freundin. Sie
hat Angst vor dem Moment, in dem Oskar Kontakt zu ihr aufnehmen wird. Falls er das
je tut. Dann wird sie im erklären, dass er Eltern hat. Ich bin nicht seine Mutter, wir
sind nicht einmal verwandt, ich war nur der Ort, wo er wachsen konnte.
Selbstlos will sich Antonia nicht nennen, denn auch sie habe durch die
Schwangerschaft dazugewonnen, sagt sie, eine schöne Erfahrung, manchmal eine
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anstrengende. Mitunter stört sie ihr eigenes Gutmenschentum trotzdem. Ich kann zu
hoffnungslosen Fällen nicht Nein sagen. Nicht zu dem Straßenhund, um den sie sich
lange kümmerte, nicht zu dem jugendlichen Punk, den sie schon mal für einen Monat
aufnahm, nicht zu unfruchtbaren Paaren, die in Deutschland kaum Chancen auf ein
eigenes Kind haben. Ich hätte Nein sagen können, sagt sie. Aber mein eigenes Leben
bleibt nicht stehen durch eine Leihmutterschaft.
Ein Kurier klingelt. Sie öffnet das Paket. Marvelon, Utrogestan, Estrofem,
Zoladex. Acht große Packungen. Und auf dem Sofatisch die Adresse ihres neuen
Psychotherapeuten.
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Das dunkle Tal seiner Kindheit
Bis in die siebziger Jahre schickte der Schweizer Staat Kleinkinder auf Bauernhöfe,
wo sie schuften mussten und gequält wurden. Mit ihren traumatischen Erfahrungen
kämpfen viele ehemalige Verdingkinder bis heute. Auch Peter Weber
Paula Scheidt, Die Tageszeitung, 17.03.2012
Halt's Maul, du lügst, so etwas hat es nie gegeben. Ein paar solcher Sätze ließ er
sich damals vor zwanzig Jahren gefallen, von Vorgesetzten, von Bekannten, sogar von
Verwandten, dann beschloss er, wieder zu schweigen wie all die Jahre vorher und
viele Jahre nachher über das, was tief im schweizerischen Emmental passiert war,
dort, wo das Tal eng ist und die Höfe arm sind.
Heute lebt Peter Weber in einem Hochhaus im 9. Stock. Immer wenn er einen
Freund im 13. Stock besucht, wird er etwas neidisch, dort ist die Aussicht noch besser.
Durch das Panoramafenster seines Wohnzimmers überblickt er ganz Basel. Unten
rauscht die Autobahn Richtung Deutschland, daneben auf den Schienen fahren die
ICEs nach Amsterdam, Paris, Prag. Als die Lokführer streikten, konnte er nachts nicht
schlafen, er vermisste den Lärm der Züge. Überall sind Menschen. Wenn er schreien
würde, es würde ihn jemand hören.
Peter Weber wollte irgendwann einen Beweis haben. Einen Beweis dafür, dass
er nicht spinnt. Dass er sich das alles nicht eingebildet hat. Es musste Akten geben. In
Basel und Rorschach sagte man ihm, die seien vernichtet worden. Weber kann das
nicht so richtig glauben. Als er nach Rorschach fuhr, wo er Beweise vermutete, drohte
ihm der Beamte von der Vormundschaftsbehörde. Er solle sich schleunigst vom Acker
machen, sonst hole er die Polizei! Zehn Jahre ist das jetzt her.
Heute braucht er keine Beweise mehr.
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Vor Kurzem war die britische BBC bei ihm zu Hause, hat Fotos gemacht,
gefilmt, Fragen gestellt. Immer mehr Menschen interessieren sich nun für seine
Kindheit.
Im Briefwechsel von 1959: die "Haltebewilligung"
Dass in der reichen Schweiz, einem Land mitten in Europa, bis in die siebziger
Jahre hinein ganz offiziell Kinder versklavt wurden: Er will, dass möglichst viele
davon erfahren. Er hilft, die Geschichte eines Landes aufzuarbeiten. Und gibt seinem
eigenen verpfuschten Leben Sinn.
Morgens um halb sieben führt Peter Weber Rambo aus, dann noch einmal am
Abend, oft hütet er Nachbarshunde. Aber das Laufen strengt ihn an. Er ist jetzt 56
Jahre alt, leidet an Diabetes und einer Nervenkrankheit, hatte schon zwei Herzinfarkte.
Seine Stelle als Altenpfleger musste er vor zwölf Jahren aufgeben, sein Körper machte
nicht mehr mit. Oft lädt er Freunde zum Abendessen ein, dann kauft er beim Metzger
einen Braten, den er mehrere Stunden im Ofen schmoren lässt. Dazu gibt es Rübli,
Lauch, Sellerie und selbst gestampften Kartoffelbrei. "Kochen und mit den Hunden
sein, das sind die zwei Dinge, die ich kann", sagt Peter Weber.
Die Nachmittage verbringt er meist zu Hause, raucht eine Zigarette nach der
anderen, trinkt zu viel Kaffee. Er sitzt in seinem Sessel am Fenster, und wenn er zu
erzählen beginnt, dann zerbricht die Gelassenheit gegenüber seinem Schicksal, die er
sich mühsam erarbeitet hat, nach wenigen Sätzen. Seine Stimme wird laut, und seine
Schultern verkrampfen sich. In seinem Gesicht wüten all die schmerzhaften Gefühle,
die er noch immer nicht hat ordnen können. Alles ist noch da, als wäre es gestern
gewesen.
Von den vielen Höfen im Emmental war der, der hier Tannegg heißen soll, weil
Peter Weber das so will, in den sechziger Jahren der kleinste und ärmste. Es gab keine
einzige landwirtschaftliche Maschine. Das Heu wurde in Seile geschlagen und auf
dem Rücken heimgetragen. Es gab drei Kühe, zwei Kälber, ein paar Hühner und einen
Hund. Jedes Kind besaß nur eine Hose, Unterhosen bekam man erst zur Einschulung.
Das Geld war knapp. Milch, Eier, Getreide, alles, was der Hof abwarf, verbrauchte die
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Familie selbst, zum Verkaufen blieb nichts übrig. Ohne das Geld für die beiden
Verdingkinder könnten sie nicht überleben, sagte der Bauer abends bei Tisch.
Die beiden Verdingkinder waren Peter Weber und seine Schwester, er vier Jahre
alt, sie eineinhalb. Bis in die siebziger Jahre nahmen die schweizerischen Armen- und
Vormundschaftsbehörden Kinder ihren Familien weg und schickten sie auf fremde
Bauernhöfe. Weil die Eltern arm waren oder man ihnen die Erziehung nicht zutraute.
Von den Jungen und Mädchen wurde erwartet, dass sie sich ihr Leben selbst
verdingen.
Warum Peter und seine jüngere Schwester nicht bei ihrer Mutter aufwachsen
konnten, ist unklar. Peter Weber hat heute nur wenig Kontakt zu ihr. Wenn er fragt,
sagt sie, die Kinder seien ihr weggenommen worden - und er glaubt ihr. Das einzige
offizielle Dokument, das Peter Weber bis heute erhalten hat, ist ein zweiseitiger
Briefwechsel von 1959 zur "Haltebewilligung". Daraus geht hervor, dass die
Bauernfamilie die gesetzlichen Voraussetzungen nicht erfüllte, um die Kinder
aufzunehmen. Weil die beiden aber bereits auf dem Hof waren, wurde die Platzierung
nachträglich bewilligt.
Von den neun eigenen Kindern der Bauernfamilie waren nur noch die beiden
Jüngsten auf dem Hof. Es fehlte an Arbeitskräften. Mit vier Jahren schälte Peter
Weber Kartoffeln, rieb sie auf einer Röstireibe und verfütterte sie an die Hühner, er
half bei der Getreideernte und schleppte Brennholz. Als er mit sechs Jahren
eingeschult wurde, mähte er morgens vor Schulbeginn mit der Sense das Gras, fütterte
und melkte die Kühe, ging in die Schule und danach direkt wieder in den Stall. Mit
zwölf führte er allein den Bauernhof, sagt er. Er arbeitete gern, sehr gern sogar. Die
Arbeit lenkte ihn ab von den körperlichen und psychischen Quälereien.
Kurz nach seiner Ankunft auf dem Hof wurde er zum ersten Mal grün und blau
geschlagen. Ein älterer Bauernsohn war zu Besuch, seine Frau hatte gerade ein Kind
geboren. "Der Sauhund will jetzt schon auf Frauen los!", rief der Bauer, als der
Vierjährige in das Zimmer lief, in dem die Mutter ihr Neugeborenes stillte.
Wenn jemand schlechte Laune hatte, dann klatschte er ihm eine. Das macht dem
nichts, hieß es, der ist dem Teufel vom Wagen gefallen.
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Am Boden: Tritte in die Eier, immer wieder
Was die Erwachsenen vormachten, das machten die Kinder nach. Als Peter
Weber einmal eine Schubkarre zu früh in die Kurve zog, sodass sie zur Seite kippte
und das Getreide in den Graben fiel, wurde die Bauerntochter wütend, warf ihn zu
Boden und trat ihm in die Eier, immer wieder.
Bis heute plagen ihn Hodenschmerzen, aber den Vorwurf macht er nicht der
Bauerntochter und auch nicht den Eltern. Den Vorwurf macht er der staatlichen
Behörde, die ihn auf diesen Hof gebracht hat.
Ein- bis zweimal in der Woche wurde er ins Dorf geschickt, um Salz oder
Milchpulver für die Kälber zu holen, zu Fuß brauchte man eine Stunde. In Langnau
wohnte sein leiblicher Großonkel, ein Tagelöhner, im Ort bekannt als pädophil. Er
kannte den Weg, den der Junge entlangging, und lauerte ihm auf. Jeder im Dorf habe
von dem Missbrauch gewusst, sagt Weber, aber niemand sagte etwas. Und auf
Tannegg hieß es: "Das ist widerlich, schweig darüber, sonst schlagen wir dich tot und
vergraben dich im Wald. Dich sucht eh niemand."
2004 traf Peter Weber zum ersten Mal andere ehemalige Verdingkinder. Obwohl
er wusste, dass es noch mehr geben musste, war er im Emmental und auch später in
Basel nie einem begegnet. Nun aber hatten Historiker der Universität Basel begonnen,
dieses dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte systematisch zu erforschen. Zuerst
fehlten Zeitzeugen, und das öffentliche Interesse war gering. Nun, im Jahr 2004, riefen
die Wissenschaftler in einer Fernsehsendung Betroffene dazu auf, sich zu melden. Die
Telefonzentrale des Schweizer Fernsehens brach zusammen, so viele Anrufe gingen
ein. "Viele Betroffene brauchten wohl erst Abstand, um darüber sprechen zu können",
sagt der Historiker Marco Leuenberger. Er schätzt, dass heute noch zehntausende
ehemalige Verdingkinder leben. Seit Anfang des 18. Jahrhunderts müssen es
hunderttausende gewesen sein. Belastbare Zahlen gibt es nicht, viele Akten sind
vernichtet worden oder aus Datenschutzgründen nicht zugänglich.
Leuenberger und seine Kollegen haben in den letzten Jahren 250 ehemalige
Verdingkinder interviewt, darunter auch Peter Weber. "Es ist schwierig zu definieren,
was genau ein Verdingkind ist", sagt Leuenberger. "Offiziell hießen viele
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Pflegekinder. Rückblickend sind für uns diejenigen Verdingkinder, die hart arbeiten
mussten und sehr schlecht behandelt worden sind." Für den Staat war das
Verdingkinderwesen eine günstigere Lösung als Kinderheime oder Pflegefamilien in
der Stadt. Und für die Bauernfamilien waren sie ein guter Deal: Sie erhielten eine
zusätzliche Arbeitskraft und bekamen von den Behörden sogar Geld dafür.
Peter Weber ist mit seinen 56 Jahren einer der Jüngsten noch Lebenden. Es gibt
auch Verdingkinder, denen es in der Bauernfamilie besser ging als in der eigenen.
Nicht für alle war die Kindheit ein Albtraum, aber für viel zu viele.
Mit neun aß Peter Weber zum ersten Mal Seife. Er fühlte sich ein paar Tage lang
elend, und danach ging das Leben, das er hatte beenden wollen, weiter.
Beim Abendessen auf Tannegg schöpften sich alle Familienmitglieder das Essen
selbst, nur nicht das Verdingkind. Für alle gab es Fleisch, nur nicht für ihn.
Verdingkinder werden blöd vom Fleisch, hieß es. Die Bauernkinder durften jeden
Montag im Radio Musik hören, dem Verdingkind würde so etwas den Charakter
verderben.
Wie Freiheit sich anfühlt, erfuhr Peter Weber erst im Alter von 17 Jahren. In
Basel, in der Großstadt. Er war abgehauen aus dem Emmental, einfach weggelaufen,
genau wie seine Schwester schon vor Jahren. Verdingkinder wurden nicht gesucht.
Nicht von der Familie und auch von keiner Behörde. In Basel ließ er sich die Haare
wachsen. Trat in die Revolutionäre Marxistische Liga ein. Kaufte sich ein Mofa, fand
Freunde. Mit dem Geld, das er als Hilfspfleger im Krankenhaus verdiente, war er auf
einmal selbstständig. "Das war eine schöne Zeit", sagt er, und für einen Moment
verschwindet die Bitterkeit aus seiner Stimme. Er ging das erste Mal ins Kino. Das
erste Mal zur Kirmes. Noch nie zuvor hatte er einen Autoskooter gesehen.
Als er mit 20 heiratete, merkte seine Frau schnell, dass körperliche Nähe ihm
fremd war. Noch heute zuckt Peter Weber zusammen, wenn eine Hand seinem Kopf
zu nahe kommt, denn das bedeutet Schläge. Seinen beiden Kindern wollte Peter
Weber alles ermöglichen, was ihm selbst verwehrt geblieben war: Aufmerksamkeit,
eine gute Ausbildung, Freizeit, Ferien. "Ich habe es einfach nicht geschafft, ihnen
Grenzen zu setzen", sagt er. Heute sieht er sie nur noch selten, das Verhältnis ist
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schwierig. Auch die Ehe zerbrach. Weil er alles geben wollte und sich nicht traute,
dafür auch etwas zu fordern. Weil er nicht gelernt hatte, wie bedingungslose
Zuneigung sich anfühlt. "Ich habe alles versucht, um eine eigene, glückliche Familie
zu haben. Ich bin glorios gescheitert." Die Vergangenheit ließ sich einfach nicht
abschütteln - auch nicht mithilfe eines professionellen Therapeuten. Nach einem
halben Jahr beendete er die Behandlung.
Auf Tannegg konnte er keinem trauen. Freundliche Worte entpuppten sich als
Lügen, verlockende Angebote als Fallen. Sein bester und einziger Freund war das
Netteli. Der Hofhund. Oft liefen sie gemeinsam weg von Tannegg, in den Wald, für
ein paar Stunden, manchmal auch für Wochen.
Gemeinsam erkundeten sie den Wasserfall, die hohen Felsen. Sie sahen Rehe
und Hasen, beobachteten Gämse. Abends trug Peter Weber Laub in eine Erdhöhle,
und sie legten sich nebeneinander darauf schlafen. Sie stiegen in fremde Keller ein und
holten sich Speck oder Kartoffeln. Niemand suchte ihn, niemand vermisste ihn.
Wenn er zurückkam, gab es Schläge.
Wenn im Dorf jemand nach ihm fragte, hieß es: "Nein, nein, um Gottes willen,
der gehört nicht zu uns!"
Einzig der ältere Bauernsohn behandelte ihn wie einen Bruder, wenn er sonntags
zu Besuch kam. Aber er blieb nie länger als zwei Tage. Er brachte ihm das
Bergsteigen und das Skifahren bei. Und einmal saß er in der Küche und sagte: "Wenn
ihr den Peter jetzt nicht in Ruhe lasst, dann bekommt er einen psychischen Schaden."
Wenn das Fräulein kam: das Sonntagsgewand
Ein paar Mal kam eine Frau vom Fürsorgeamt zu Besuch. Sie meldete sich
vorher an. Dann wurde er ins Sonntagsgewand gesteckt und es hieß: Sag ja nichts,
sonst ab in den Wald mit dir. Keine Minute wurde er mit dem Fräulein allein gelassen.
Eines Tages, mit sieben, durfte er plötzlich doch Fleisch essen. Berge von
Fleisch. So viel, wie er noch nie gesehen hatte. Und als der Teller leer war, hieß es:
Und, hat's geschmeckt? Jetzt hast du gerade dein Netteli aufgefressen. So lieb kannst
du es also nicht gehabt haben.
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Einige der ehemaligen Verdingkinder, die sich 2004 auf den Aufruf des
Schweizer Fernsehens hin meldeten, organisierten ein Treffen in Zürich, zu der mehr
als 200 ehemalige Verdingkinder aus der ganzen Schweiz anreisten. Auch Peter
Weber fuhr hin. Es wurde ein Verein gegründet, sie trafen sich einige Male. Aber bald
kam es zu Meinungsverschiedenheiten.
Lasst doch die Vergangenheit endlich ruhen, fanden die einen. Die anderen
forderten Entschuldigungen und Entschädigungen. Peter Weber fand das übertrieben.
"Es kann doch nicht darum gehen, unser Leid mit Geld auszugleichen." Es gab Streit.
Im Februar 2007 wurde der Verein aufgelöst. Jeder hat zu schwer an seinem eigenen
Schicksal zu tragen, um auch noch das der anderen auszuhalten.
Durch den Austausch kam alles wieder hoch, und Peter Weber wollte nur weg,
möglichst weit. Er kündigte seine Wohnung und flog nach Spanien zu Bekannten. Die
Finca war auf keiner Karte verzeichnet und hatte nicht einmal einen Briefkasten. Er
baute Trauben an, Avocados, Orangen. Er backte Brot und verkaufte es auf dem
Markt. Er lernte ein paar Brocken Spanisch und verständigte sich mit Händen und
Füßen.
Eines Tages lief ihm ein Hund zu, er wog nur zehn Kilo, sein kupferfarbenes
Fell war dreckig und verlaust. Peter Weber stellte ihm Futter hin, ließ ihn impfen und
nannte ihn Rambo, weil er ständig aufs Bett sprang und die Kissen durch die ganze
Wohnung trug. Als ihm nach zwei Jahren auf der Finca das Wetter auf die Nerven
ging, "jeden Tag blauer Himmel, keine einzige Wolke, die du beobachten kannst",
packte er wieder den Koffer und buchte den Rückflug nach Basel. Rambo nahm er
mit. Seitdem sind sie immer zusammen. Rambo bekommt jede Woche ein Bioei und
nur Futter ohne künstliche Zusatzstoffe. Heute wiegt er zwanzig Kilo. Fast alle seine
Freunde hat Peter Weber über Rambo kennengelernt. Im Handy speichert er hinter
jedem Namen noch den Namen des dazugehörenden Hundes. Wenn sie gemeinsam am
Fluss spazieren gehen, erzählt er in letzter Zeit öfter von früher. Seit er gemerkt hat,
dass seine Freunde nachfragen.
Vor einem Jahr wurden Peter Weber und andere ehemalige Verdingkinder nach
Bern eingeladen. Es gab ein großes Büfett, teuren Wein, und die Politiker des Kantons
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Bern, zu dem auch das Emmental gehört, entschuldigten sich für das, was vorgefallen
ist. "Da haben sie sich wirklich große Mühe gegeben", sagt Peter Weber.
Inzwischen gibt es in der Schweiz eine Wanderausstellung zum Thema und
einen Spielfilm. Mehrere Kantone haben den Betroffenen offiziell ihr Bedauern
ausgesprochen, letzten Sommer hat die Regierung eine nationale Entschuldigung
angekündigt, die nun erwartet wird. Eine solche Entschuldigung könnte
Entschädigungsklagen nach sich ziehen. Das Thema ist in der Öffentlichkeit
angekommen, in den Medien, im Kino, in der Politik. Aber ob es auch die
abgelegenen Täler erreicht, in denen viele Verdingkinder aufwuchsen?
Der Tag, an dem Peter Weber aufbricht, um seiner Vergangenheit in die Augen
zu sehen, ist ein heißer Augusttag im vergangenen Sommer. Er setzt sich den Hut auf,
packt Rambo in den Kofferraum und holt seine Freunde zu Hause ab.
Endlich will er ihnen zeigen, wo er aufgewachsen ist. Sie haben ein Picknick
vorbereitet und fahren mit dem Auto ins Emmental. Linda, Magda, Marc und er. Er
hat sich auf den Ausflug gefreut. Aber als sie in Langnau eine alte Wirtin fragen, ob
die Straße zum Hof Tannegg offen sei, wundert die sich, was er dort wolle. "Ich bin
dort aufgewachsen, als Verdingkind", sagt er.
Da wird die Wirtin unfreundlich, er solle verschwinden, so etwas habe es hier
nicht gegeben! Sie fahren trotzdem die Straße hoch. Man kann den Hof kaum sehen,
so groß sind die Fichten geworden. Vor fünfzig Jahren hat er sie selbst gepflanzt.
Eigentlich hat er hingehen wollen zum Hof, Hallo sagen, der jüngste Sohn führt ihn
heute. Peter Weber ist ja nicht allein, sein Freund Marc ist dabei, kräftig, fast zwei
Meter groß. Aber die Angst ist plötzlich zu groß, die Erinnerungen sind zu mächtig.
Seither macht er einen weiten Bogen um den Hof. Nicht einmal zu Hause in
Basel fühlt er sich absolut sicher. Nachdem die BBC über ihn berichtet hatte, bekam er
einen Anruf aus Langnau, er solle bloß aufhören, im Dreck zu wühlen. Seitdem
schließt er nachts die Wohnungstür ab. Wenn er sich doch ins Emmental traut, dann
nur auf einen der Bergrücken. Da steht er dann und schaut hinunter nach Langnau, das
gemessen an der Einwohnerzahl inzwischen eine Stadt ist - aber lieber ein Dorf
bleiben möchte. Das schöne Dorf im Emmental. Der Hof Tannegg ist von hier oben
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nicht zu sehen. Alte, windschiefe Höfe ducken sich an die Hügel, unter Dächern, die
fast bis zum Boden reichen, unverändert seit Jahrhunderten. Schnee liegt auf den
Wiesen.
Er kennt hier jeden Weiler. Der Himmel ist klar, die Sicht frei auf die Berner
Alpen, Eiger, Mönch und Jungfrau. "Die Landschaft ist wunderschön hier", sagt Peter
Weber.
Die Landschaft.
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Fuffzig voll
Hans-Georg Neumann hat zwei Menschen ermordet, 1962 war das, in einer anderen
Zeit. Seit einem halben Jahrhundert lebt er nun im Gefängnis. Was macht das mit einem
Mann? Und warum kommt er nicht mehr raus?
Kai Schlieter, Die Tageszeitung, 07.07.2012
Neumann nutzt jede Gelegenheit in der Anstalt, um an die frische Luft zu
kommen. Bei schönem Wetter zieht er Schuhe und Strümpfe aus. Dann geht er barfuß.
Vor langer Zeit fing seine Hüfte an zu schmerzen. Weitere Jahre vergingen, bis
Neumann merkte, woher dieses Stechen rührte. Es kam von den vielen Jahren, die er
im Kreis gegangen war. Seitdem läuft er im Gefängnishof eine Acht.
Hans-Georg Neumann, gelernter Feinblechner, geboren am 14. September 1936,
wird durch die Staatsanwaltschaft Berlin I am 20. Januar 1962 in das
Untersuchungsgefängnis Moabit eingewiesen. Sein Fall bekommt die
Geschäftsnummer 25 VRs 1 Kap Ks 4/63.
Über Neumann urteilt am 30. Mai 1963 der Richter Heinz Brandt, früher
NSDAP-Mitglied, Abteilungsleiter in der Reichsgruppe Junge Rechtswahrer, ein
Mann der Diktatur. Er bestimmt: "Der Angeklagte wird wegen Autostraßenraubes und
wegen zweifachen Mordes zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Die bürgerlichen
Ehrenrechte werden ihm auf Lebenszeit aberkannt." In Neumanns Strafakte steht:
"Ablauf der Mindestverb. Dauer, Ende: 07. 06. 1984, 23:59".
Am Freitag, den 3. Februar 2012, hat Neumann seine Mindestverbüßdauer um
fast 28 Jahre überschritten und gerade sein Mittagessen beendet. Fisch. Er sitzt auf
einem Plastikstuhl an einem Holztisch im Besucherzimmer der Justizvollzugsanstalt
Bruchsal. Im Raum ist es kühl, Gardinen hängen vor den vergitterten Fenstern. Hinter
den Zinnen draußen patrouillieren Beamte mit Maschinenpistolen. Neumann kaut
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Kaugummi, streckt die Füße aus und faltet seine Hände vor dem Bauch. Er wirkt, als
sei er bester Dinge.
Ein Gnadengesuch? Nie. Er ist stur wie ein Esel
Seit dem 20. Januar 2012 hat Neumann die fuffzig voll. Fuffzig Jahre Bau. Seit
Bestehen der Bundesrepublik Deutschland hat keiner länger als Neumann gesessen.
Mit seinem Rekord hat er einen Mann abgelöst, der auch in Bruchsal saß. Er hieß
Heinrich Pommerenke, die "Bestie in Menschengestalt", so hat ihn die Süddeutsche
Zeitung einmal genannt. 2008 starb der Serienmörder nach 49 Jahren im Knast. Sie
haben sich getroffen. Neumann sagt: "Ick loof noch mit der Jacke zum Hof, die er mir
jeschenkt hat."
Mit 25 Jahren ist Neumann eingefahren. Jetzt ist er 75 Jahre alt. Hätte ihm das
damals einer gesagt, Neuman hätte sich "weggehängt". Doch die Jahrzehnte haben
sich eingeschlichen in sein Leben. Der Knast ist sein Leben geworden.
Lebenslänglich.
Im Urteil des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 21. Juni 1977
heißt es: "Zu den Voraussetzungen eines menschenwürdigen Strafvollzugs gehört,
dass dem zu lebenslanger Freiheitsstrafe Verurteilten grundsätzlich eine Chance
verbleibt, je wieder der Freiheit teilhaftig zu werden. Die Möglichkeit allein der
Begnadigung ist nicht ausreichend."
Bei Neumann scheint sich der Staat eine Ausnahme zu gestatten. Hat er also
keine Würde? Ist er kein Mensch?
Jedenfalls ist er so stur wie ein Esel. Bis 1982 dauert es, bis er seinen ersten
Antrag auf "Aussetzung der Vollstreckung der lebenslangen Freiheitsstrafe zur
Bewährung" stellt. Da sind schon 20 Jahre um. Aber Neumann hatte ganz am Anfang
im Gefängnis, im Januar 1964, Ärger mit den Beamten. Er saß in einer Zelle, nahe
einer Kreuzung. Ohrenbetäubend der Straßenlärm, fand er. Und weil er die Ruhe
braucht, beschwerte er sich. Aber das scherte niemanden. Um seinem Wunsch klarer
Ausdruck zu verleihen, fackelte er seine Seegrasmatratze ab und zerdepperte sein Klo.
Im Qualm kniete er nieder - er macht das jetzt hier im Besucherraum vor - und atmete
durch den Türspalt. Draußen hörte er, wie ein Beamter zum anderen sagte, er solle
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sich Zeit lassen, der Neumann werde schon von ganz alleine ruhig. Dann, sagt
Neumann, hätten die Beamte das Feuer in der Zelle gelöscht, ihn nass gespritzt und bei
minus 14 Grad über den Hof gejagt. Am nächsten Tag hätten sie ihn mit
Gummiknüppeln vermöbelt. Neumann erzählt, dass er danach sechs Jahre seine Zelle
nicht verlassen und mit keinem Beamten mehr gesprochen hat. Er schwor sich, nie ein
Gnadengesuch zu stellen.
Achtzehn Jahre später, 1982, stellt er den ersten Antrag auf Bewährung. Es
kommt zwar zur mündlichen Anhörung, dann aber schaltet er wieder auf stur. Ein
Vollzugshelfer hatte ihn unterstützen wollen. Er heißt Gerhard Bruch und begleitete
Neumann. Doch der Richter ließ Bruch nicht zu Wort kommen. Die Anhörung ging
schief. "Weil der Verurteilte in seiner Stellungnahme die
Resozialisierungsbemühungen kurzerhand als ,Quatsch' bezeichnete, sich von seinem
schriftlichen Antrag auf Strafaussetzung distanzierte und schließlich auf
ausdrückliches Befragen erklärte, er stelle an das Gericht kein Gesuch." So schrieb es
das Gericht am 14. Dezember 1982. Der Vollzugshelfer schickte eine Protestnote an
das Landgericht Berlin und nannte das Verhalten des Richters einen "menschlich
skandalösen Vorgang".
Neumann blieb drinnen.
Er hat in seinem Leben nicht viele Anträge dieser Art gestellt. Im Juni 2011 aber
haben sie wieder einen abgelehnt. "Die Strafaussetzung zur Bewährung gemäß § 57
StGB wird weiterhin nicht befürwortet", schreibt die Justizvollzugsanstalt Bruchsal.
Das Wort "nicht" ist mit einem Kugelschreiber unterstrichen worden. Neumann hat
das weggesteckt. So wie er mit den Jahren auch akzeptiert, dass es im Knast keine
Freunde gibt. Eines aber stand für ihn immer fest: Mit einem will er es sich nicht
verscherzen. Neumann sagt: "Ick verkehr noch mit meinem Doktor Gerhard Bruch."
Die beiden lernen sich im Jahr 1972 kennen. Gerhard Bruch ist Pfarrer,
Religionslehrer und ehrenamtlicher Vollzugshelfer. Er hat Neumann damals alle drei
Wochen im Knast in Berlin-Tegel besucht. Draußen der Pfarrer, drinnen der
Neumann.
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Bruch wohnt mit seiner Frau im grünen Berlin-Zehlendorf. Schneeweiße Haare
hat er und ein rosiges Gesicht, schmächtig ist er. Neumann, der 95 Kilo auf die Waage
bringt, hatte ihm geschrieben, dass er so viel wiege wie Bruch und seine Frau
zusammen, und das war keine Übertreibung. Als ihn der Riese einmal umarmte,
damals in Tegel, da hatte Bruch Angst, zerquetscht zu werden.
In seiner Altbauwohnung hat Bruch einen Teppich ausgelegt, den Neumann
geknüpft hat. Auf einem Regal steht ein Foto, das Neumann zeigt.
Seit 1991 schreiben sich die beiden nur noch. Neumann wurde in dem Jahr
dauerhaft in die JVA Bruchsal verlegt. Bruch schickt Neumann jeden Monat einen
Brief. Meistens entschuldigt er sich, weil er nicht exakt nach vier Wochen geantwortet
hat. Und Neumanns erster Satz lautet mit wenigen Ausnahmen: "Lieber Herr Bruch
ihren Brief habe ich dankend erhalten." Neumann schreibt auf einer Schreibmaschine,
in den ersten Jahren betippt er die Rückseite von Kalenderblättern. Die Postleitzahl
wechselt von 7520 zu 76646, beide Anschriften bleiben gleich. Gerhard Bruch und
Neumann: unzertrennlich seit einem halben Leben, aber gesehen haben sich die beiden
nie wieder seit der Verlegung.
Er steckt zwei Revolver und ein Bowiemesser ein
"Ein Besuch in Bruchsal - ich muss zugeben, dass ich das versäumt habe", sagt
Gerhard Bruch. Selbst als er in der Nähe war, ist er nicht zu Neumann gefahren. Er hat
ein schlechtes Gewissen, obwohl er dem anderen seit Jahrzehnten die Treue hält.
Gerhard Bruch ist ein Mensch, dem Anstand und Höflichkeit viel bedeuten.
In den siebziger Jahren glaubt Bruch noch, Neumann irgendwann in Freiheit zu
treffen. Er schreibt an dessen damaligen Anwalt am 3. März 1975: "Ich kann nicht
zusehen, wie systematisch alle Versuche, Herrn Neumann etwas Selbstbewußtsein zu
festigen, zerstört werden, ohne jeden Sinn und Verstand. Sehen Sie eine Möglichkeit,
etwas zu unternehmen?" Der Anwalt erreicht nichts. Und Neumann schreibt am 21.
Dezember 1977 an Gerhard Bruch: "Ich bitte Sie also, mir gegenüber nicht mehr von
Entlassung zu reden." Bei ihren Treffen im Knast essen sie Kirschkuchen mit
Schlagsahne. Kein Wort über die Tat im Jahr 1962.
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Den Winter 1962 haben Gerichtsakten konserviert. Am Abend des 13. Januar
läuft die fünfte Folge des Krimis "Das Halstuch" von Francis Durbridge über
Bildröhren in deutschen Wohnzimmern, in Schwarz-Weiß, denn das Farbfernsehen
wird in Deutschland erst fünf Jahre später eingeführt. Der Film ist ein Straßenfeger,
und auch Neumann schaut ihn sich an. Er trinkt ein Glas Grog, dann, um etwa 21 Uhr,
zieht er sich eine Wollhose an, schnallt einen Schulterhalfter um, steckt einen Smith &
Wesson Revolver, Kaliber 38, und einen umgebauten Revolver NHM, Kaliber 22, ein.
Darüber zieht er ein Sakko, einen grauen Wollmantel und nimmt ein Bowiemesser,
eine 70 Zentimeter lange Perlonwäscheleine und einen schwarzen Nylonstrumpf mit.
Er fährt mit dem Omnibus zum Flughafen Tempelhof und spaziert stundenlang durch
die Nacht. Neumann als überlegener, einsamer Held - so sieht sich der 25-Jährige
wohl. "Seine Gewohnheit, ständig schwer bewaffnet herumzulaufen, könne er nicht
verständlich erklären", wird der Berliner Psychiater Hans Helbig in seinem
forensischen Gutachten schreiben, das er am 29. April 1963 abschließt.
Bis um 1 Uhr treibt ihn eine innere Unruhe durch die Straßen Berlins. Dann tun
ihm seine Füße weh, Kopfschmerzen plagen ihn, in der Gneisenaustraße setzt er sich
auf eine Bank, weil ihm schwarz vor Augen wird. In der Baerwaldstraße sieht er einen
VW mit beschlagenen Scheiben. Karin Baumann und ihr Freund Klaus Heinrich sitzen
darin.
Eigentlich will er sich nur nach Hause fahren lassen, sagt Neumann. Tatsächlich
schickt er sich in diesem Moment an, zwei Leben auszulöschen sowie das eigene und
das der Angehörigen zu ruinieren, als er den 38er Revolver aus dem Halfter nimmt
und sich auf den Fahrersitz zwängt. Seine Opfer glauben, dass er sie ausrauben will.
Gegen 1.45 Uhr biegt er in Neukölln auf einen Feldweg. Im Wagen schlägt Karin
Baumann mit dem Absatz ihres Schuhs Neumann auf den Hinterkopf. Sie verursacht
eine hohe, blutende Beule. Noch behält er die Kontrolle. Fährt weiter. Biegt in Britz in
die Späthstraße. Wieder schlägt Karin Baumann auf ihn ein und fasst von hinten ins
Lenkrad. Jetzt rast Neumann gegen einen Baum und tickt endgültig aus. Von einer
Frau gestoppt. Neumann, der zur Demonstration seiner Bärenkräfte Stahlstangen über
dem Kopf verbiegen und Holzplanken durchbrechen kann. Er schießt acht Patronen
auf Karin Baumann und ihren Freund. Er schießt ihnen auch ins Gesicht. Er verpasst
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Karin Baumann zwei weitere Schüsse aus 30 Zentimeter Entfernung in Kopf und
Nacken. Sie bleibt mit dem Gesicht nach unten liegen. Danach feuert er zweimal auf
ihren Freund, der es noch geschafft hatte, die rechte Türe zu öffnen und auf die
Fahrbahn zu kommen. Nach dem Rausch läuft Neumann in die Nacht. Er rennt, wirft
die Mordwaffen in den Teltow-Kanal. Tage später werden sie geborgen. Um 5.30 Uhr
kommt er zu Hause an.
Neumann glaubt nicht, dass das alles passiert ist. Er sagt später aus, "einem
Mädel mitten ins Gesicht schießen, das ist doch eine richtige Art Feigheit für mich.
Das paßt doch nicht!"
Noch am selben Tag stirbt Karin Baumann. Sechs Tage später sitzt Neumann in
Untersuchungshaft. Zehn Tage später stirbt Klaus Heinrich.
"Ick bin nie auf den Jedanken vorher gekommen, dass ick da eenen umbringen
wollte. Ick wollte auch keen Geld." Heute wie damals sagt Neumann zum
Tatgeschehen: "Ick erinnere mich nicht."
In Bruchsal nennen die anderen Neumann "Icke". Wer ist dieser Mann?
"Die Behauptung, daß der Erzeuger N.'s der leibliche Bruder seiner Mutter
gewesen sei, wurde, nachdem der Vormund die Einleitung eines Strafverfahrens
erwogen hatte, zurückgenommen, ,um nicht Stiefgeschwister evtl. mit dem
Strafgericht in Berührung zu bringen' ", heißt es im forensischen Gutachten. Auch
Neumanns Großvater kommt als sein Vater in Betracht, da dieser eine "1 jährige
Gefängnisstrafe wegen Sittlichkeitsverbrechen verbüßte. Diese Sittlichkeitsverbrechen
beging er an seiner Tochter (der Mutter N.'s - Bl. 92 u. 95 Bd. II d. Beiakten)." Das
alles erfährt Neumann erst mit 25 Jahren vom Schwurgericht Berlin-Moabit. Als
Angeklagter im Prozess. Heute sagt er über seine Herkunft: "Da mach ick mir keene
Jedanken drüber."
Als Junge klaut er in Läden und Heeresdepots
Neumanns leibliche Mutter verdingt sich im Berlin der dreißiger Jahre als
Prostituierte. Bei seiner Geburt am 14. September 1936 ist sie 19 Jahre alt. Nur zwei
Wochen später kommt Neumann ins Städtische Waisenhaus Berlin-Kreuzberg und
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wird nach 18 Monaten zu Pflegeeltern gegeben. Seit seinem elften Lebensjahr klaut er
in Heeresdepots, Lebensmittelgeschäften und Speditionen. Er klaubt in den
Kriegsruinen Kupferkabel und Zinkbleche zusammen und vertickt die Rohstoffe.
Seine Stiefmutter macht bei dem geschäftstüchtigen Minderjährigen 500 DM
Schulden. Sein wirtschaftliches Geschick wird ihm noch zum Problem werden. In
einem anderen Leben wäre es Neumanns Bestimmung gewesen, ein Unternehmer zu
sein.
Doch am 29. Dezember 1951 wird Neumann wegen Diebstahls in den Jugendhof
Schlachtensee eingewiesen. Ein Entlassungsbericht ein Jahr später bezeichnet den
Jungen als "ruhig und nett, aufgeschlossen und liebesbedürftig". Und noch im selben
Monat, im Oktober 1952, beginnt er seine Lehre als Feinblechner. Sein Meister
Gustav Lüers ist zufrieden, dessen Frau füllt später die Lücke in Neumanns Leben, die
seine Pflegemutter nach ihrem Tod 1953 hinterlässt. Mit der Frau seines Meisters sieht
er in der Tatnacht fern. Neumann nennt sie "Mutter".
Mit 19 Jahren will Neumann weg. Und nachdem er auf einer Messe Prospekte
mitgenommen hat, schifft er sich im Mai 1956 nach Kanada ein. "Der Gedanke,
auszuwandern hänge auch damit zusammen, daß er sich ,vor den Menschen
verkriechen woll-te' ", schreibt der Psychiater Helbig. Neumann hält sich mit
Gelegenheitsjobs in Hamilton und Elliot-Lake im Bundesstaat Ontario über Wasser.
Er arbeitet für Baufirmen, besucht die Abendschule für Englisch und Bürgerkunde,
aber schon im Herbst kauft Neumann seinen ersten Trommelrevolver und eine
Winchesterbüchse. Dann automatische Pistolen und Schrotflinten. Er lernt zwei
Kanadier kennen, denen er kleinere Darlehen gewährt. Als sie das Geld nicht
zurückzahlen können, beschließen die drei, ein Ding zu drehen. Nach zwei
bewaffneten Raubüberfällen wird Neumann zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, er
kommt in die Strafanstalt Kingston. 18 Monate später begnadigen ihn die Kanadier
und schieben Neumann ab. Am 16. Juni 1961 kommt er in Bremerhaven an.
Der Psychiater Hans Helbig erklärt Neumanns Waffenvernarrtheit als eine
Reaktion auf seine von ihm selbst als defizitär eingeschätzte Männlichkeit. Helbig
schreibt über Neumanns Leben: "Es sei allmählich eine richtige ,Angst vor Menschen'
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in ihm entstanden. ,Ich habe nie jemanden getraut, das waren alles Feinde.' " Zudem
habe Neumann an einer Ozäna zu leiden gehabt, einer "Stinknase". Dabei werden in
den Nasenhöhlen "Borken" gebildet, die einen üblen Geruch verbreiten. "Ick hab mich
nie an een Mädchen jetraut. Wenn ick in eenem Raum saß, haben die Leute nach eener
halben Stunde jefragt: Wat stinkt denn hier so?" 1976 wird Neumann behandelt. Ihm
wird Knorpel einer Toten in die Nase implantiert.
Er ist stachelig, schroff. Als fehlte ihm ein Anker
Neumann ist von stacheliger Schroffheit, sagt Gerhard Bruch. Er verberge so,
dass er keinen Anker im Leben habe. Ein Heimatloser, ein Einzelgänger. Es gebe in
Neumann eine tiefe Verlorenheit, aber schlecht sei er nicht. Nicht mehr. Neumann
sagt: "Ick spreche keene Fremden an, ick loof alleene." Es wirkt, als habe er sich in
seiner Distanz zur Welt eingerichtet.
"Er wisse, daß es grotesk klinge, aber er wolle gar nicht wieder aus dem
Gefängnis hinaus. ,Hier in solchen Plätzen fühle ich mich wohl. Da ist alles geregelt' ",
zitiert das forensische Gutachten schon den Neumann aus dem Jahr 1963.
Vielleicht will auch der Neumann von heute nicht raus aus dem Gefängnis.
Vielleicht ist das der Grund für die fuffzig Jahre. Vielleicht erklärt das eine Strafe, die
mittlerweile zum Artikel 1 des Grundgesetzes in einem problematischen Verhältnis
steht. "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist
Verpflichtung aller staatlichen Gewalt."
Im September 1978 kommt er auf die Abschirmstation für Dealer. Bei ihm sind
100 Tabletten Beruhigungsmittel gefunden worden. Ein Verfahren gegen ihn wegen
des Besitzes von Cannabis wird am 14. Februar eingestellt, weitere Verfahren enden
mit Freisprüchen für Neumann, der sich offen dazu bekennt, Haschisch zu rauchen.
Eine Verlegung in den Normalvollzug kommt für die Anstalt nicht infrage, weil "er es
sich bei seiner Geschichte einfach nicht leisten kann, sich immer wieder in Verdacht
zu bringen", schreibt der Leiter der JVA Tegel am 12. Oktober 1983. Neumann bleibt
neuneinhalb Jahre auf der Station. Am 24. Januar 1987 schreibt Gerhard Bruch an
denselben Anstaltsleiter: "Zahllose Enttäuschungen […] haben ihn so mißtrauisch
gemacht, daß er, um weitere Enttäuschungen nicht zu provozieren, nichts von seiner
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Seite aus unternimmt, woran er eine Hoffnung hängt, die dann wieder enttäuscht
werden kann."
Im Knastalltag hält sich Neumann an die wichtigste Regel: "Keene Schulden bei
anderen Leuten", sagt er. Zudem raucht er nicht und trinkt nur wenig Kaffee. Durch
Neumanns Sparsamkeit stapeln sich Tabak- und Kaffeepäckchen in seiner Zelle, die
bald aussieht wie ein Supermarkt. Tabak und Kaffee sind die Währung im Knast.
Neumann sagt: "Ick bin die Bank." Gefangene, die ihre Monatsration Kaffee schon
verbraucht haben, gehen zu ihm. Im nächsten Monat zahlen sie mit Aufschlag zurück.
Der Gefängnisleitung missfällt dieses System. Im Dezember 1972 zum Beispiel
werden bei ihm eine Flasche Wodka, eine Säge, Rasierklingen, 33 Gläser Kaffee und
89 Päckchen Tabak sowie im Blumentopf angesetzter Alkohol konfisziert. Neumann
tauscht manchmal die akkumulierten Lebensmittel gegen Goldketten und Uhren. Weil
nach Durchsuchungen oft Wertgegenstände fehlen, bindet er die wertvollste Habe an
eine Schnur. An der hängen Goldketten, Ringe, und er verankert sie im Innern seiner
Hosentasche.
Gefangene nehmen Kredite bei ihm auf. Er ist die Bank
Immer wieder wird seine Zelle gefilzt. Wegen seines Cannabiskonsums wird er
im Laufe der Jahrzehnte fünfmal zu Tagessätzen verurteilt, die er dann absitzt. Im
November 1990 werden ihm wegen des Besitzes von 151 Gramm Haschisch zwei
weitere Jahre aufgebrummt. "Der Gef. verfügt hier offensichtlich über
Geschäftsverbindungen interner und externer Art, die selbst durch Anordnung
restriktivster Maßnahmen nicht unterbunden werden konnten", schreibt der
Anstaltsleiter aus Tegel.
Deswegen wird Neumann in die JVA Bruchsal verlegt. Der Besuch von Gerhard
Bruch alle drei Wochen fällt weg. Zwischen ihnen liegen jetzt 505 Kilometer. Ein
Universum für einen, der auf rund zehn Quadratmetern lebt. Am 4. Januar 1991 stellt
Bruch ein Gnadengesuch für Neumann. Am 4. September antwortet die Berliner
Senatsverwaltung: "Auf die obenbezeichneten Eingaben teilen wir mit, daß der Senat
von Berlin in seiner Sitzung vom 27. August 1991 einen Gnadenerweis abgelehnt hat."
Der Anstaltsleiter in Bruchsal bescheinigt Neumann im April 1992 keine negativen
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Verhaltensweisen, allerdings auch keine positiven Ansätze. Doch verweigere
Neumann "permanent die Arbeit, da er darauf bestehe, eine Tätigkeit an frischer Luft
ausüben zu können". "Dem Vollzugspersonal gegenüber verhalte er sich allgemein
ruhig, im Umgang mit den Mitgefangenen halte er Distanz und sei vorsichtig."
Seinen ersten Freigang verfügt ein Gericht. Am 31. Januar 1993 ist es so weit.
Nach 31 Jahren Knastmief. Neumann gönnt sich ein Fläschchen Carstens
Jahrgangssekt. Vier Tage später schreibt er an Gerhard Bruch. "Eine Karte hatte ich
Ihnen zwischendurch auch schon geschrieben und zwar von einem Platz mitten in der
Stadt. Da ließ mich nämlich der begleitende Beamte allein sitzen, so das ich in Ruhe
meine Post erledigen konte. Es war schon ein sehr eigenartiges Gefühl. Vier Stunden
vorher saß ich aber schon einmal ganz allein in der Bahnhofshalle als der Beamte zur
Toilette ging. […] Von hier sind wir mit dem Bus nach Unterkrumbach gefahren und
den Michaelsberg - 270 m - raufgelaufen. […] Durch das Laufen habe ich am linken
großen Zeh meinen Nagel verloren war aber doch ganz zufrieden das ich
durchgehalten habe."
Was den Geschäftsmann in Neumann ärgert: Er muss für die Beamten
mitbezahlen. In späteren Jahren wird ihm verwehrt, weiter den öffentlichen
Nahverkehr zu nutzen. Er muss den teuren Fahrdienst der Anstalt beauftragen.
Das Landgericht Karlsruhe erklärt im März 1994, dass die besondere "Schwere
der Schuld" von Neumanns Tat nach einer Verbüßung von mehr als 30 Jahren eine
weitere Inhaftierung nicht mehr gebiete. Die Aussetzung zur Bewährung wird jedoch
abgelehnt. Zuvor hatte der Psychiater Hans-Ludwig Kröber in einem weiteren
Gutachten geschrieben, Neumann habe bei ihm den "Eindruck von Unberechenbarkeit
und Undurchsichtigkeit" hinterlassen. Negativ für Neumanns Kriminalprognose sei,
"daß der Untersuchte keineswegs durch das Alter gereift, gesetzt und ruhig wirkt,
sondern nach wie vor in einer jugendhaften Weise lebhaft und offen für Einfälle ist".
Im Jahr 1997 bemängelt der Gutachter Rudolf Engell: "An vielen Stellen hat man den
Eindruck von Einsichtslosigkeit […] Der Proband legt eine saloppe Fröhlichkeit an
den Tag und macht einen völlig unbeschwerten Eindruck." Der Facharzt für
Psychiatrie Joachim Schramm sieht in seinem Gutachten von 2005 schließlich voraus,
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der zu dieser Zeit fast 70-jährige Neumann würde in Freiheit "Drogenschmuggel bzw.
Drogenhandel oder andere illegale Aktivitäten anstreben. Bis heute jedenfalls scheinen
Umsatz und Profit sein zentraler Lebensinhalt geblieben zu sein."
Das Gefängnis belohnt die, die sich anpassen
Die vorzeitige Entlassung wird im Juni 1997 abgelehnt, im März 1999, im
Oktober 2005 ebenso, wie schließlich vom Oberlandesgericht Karlsruhe im Juli 2006.
Neumann hat sich also eingerichtet. Was bleibt ihm auch übrig? Zum
Weghängen ist es zu spät, findet er. Also hat er sein ökonomisches Geschick an den
Maßen der Knastwelt geeicht. Nach 50 Jahren ist er angepasst an das System künstlich
verknappter Angebote in der Haft. Neumann widersetzt sich den obersten Prinzipien
des Gefängnisses, das die strikte Befolgung seiner Regeln verlangt. Es fordert
Berechenbarkeit ein. Das Gefängnis honoriert diejenigen, die sich anpassen. Sie
verlieren mit den Jahren ihren Makel. Es sanktioniert alle, die für Irritationen sorgen.
Sie behalten den Stempel "gefährlich", der eigentlich eine Tätowierung ist. Neumann
bleibt "gefährlich", weil er nicht konform wurde. "Gefährlich" klingt verständlich.
Wer gefährlich ist, bleibt drinnen.
Neumann hat bei sich einen ungeahnten Schatz entdeckt. In einer
Steinmetzgruppe stellt er Skulpturen her, die so kunstvoll sind, dass einmal ein
Beamter eine Madonna ohne Neumanns Einwilligung vertickt hat.
Im September 1994 kostet ihn der Splitter eines Steins die Linse seines rechten
Auges.
Im Alter häufen sich seine körperlichen Beschwerden. Im November 1995
bekommt er ein künstliches Gebiss. 2002 wird ihm eine Niere entfernt. Später wird ein
Prostatakarzinom entdeckt. Am 12. Dezember 2002 schreibt Neumann über seinen
Klinikaufenthalt: "Alle Besucher wollten doch den Mann sehen, der schon 40 Jahre im
Knast ist. […] Nach einigen Tagen sprach mich eine sehr alte Frau auf dem Gang an,
die ihren Mann besucht hatte. Liegen sie dahinten, ich sagte ja, na wo ist denn der
Sträfling, da sagte ich ihr das ich der Sträfling bin. Da hat sie die Hand vor den Mund
gehalten und dann war sie weg. Später haben wir aber auch noch miteinander
gesprochen. Sie sagte mir dann, das sie kurz vor dem 65. Hochzeitstag stünde. Bei
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diesem Aufenthalt sind mir zweimal die Tränen gekommen, weil fremde Leute so gut
zu mir gesprochen haben. Eine Röntgenärztin hat mir sogar etwas geschenkt. Es war
das erste Geschenk, das ich von einer Frau erhalten habe."
Im Jahr 2006 schreiben die Richter des Oberlandesgerichts Karlsruhe, der Senat
sei weiterhin "davon überzeugt, dass von Hans-Georg Neumann im Falle seiner
Entlassung trotz seines nunmehr fortgeschrittenen Alters und vorhandener
Erkrankungen mit Wahrscheinlichkeit die Begehung von Gewaltdelikten oder ähnlich
schwerwiegenden Straftaten zu erwarten ist". An anderer Stelle heißt es im Beschluss
hingegen: "Aus seiner vertrauten Umgebung der Haftanstalt gerissen, wäre der
Verurteilte nämlich in der Lebenswirklichkeit der ,Freiheit' bald einer Vielzahl von
nicht voraussehbaren Konflikten ausgesetzt, denen der beinahe 70-jährige Verurteilte
nicht mehr gewachsen ist."
Zehnmal so jut jegangen wie draußen
Der erste Grundsatz im Strafvollzugsgesetz lautet feierlich: "Im Vollzug der
Freiheitsstrafe soll der Gefangene fähig werden, künftig in sozialer Verantwortung ein
Leben ohne Straftaten zu führen (Vollzugsziel)."
Am 30. November 2006 schreibt Gerhard Bruch an Neumann: "Wann hat unsere
Bekanntschaft eigentlich angefangen? Ich denke gerne an die ganze Zeit zurück, an
den Kirschkuchen mit Schlagsahne, an die Versuche mir Schach beizubringen u.s.w.
Und inzwischen sind wir richtig alt geworden und keiner weiß, wann es zuende ist."
Neumann antwortet: "Unsere Bekanntschaft hat im Januar 1972 angefangen, wo Sie
mir gesagt hatten, das ich nach 15 Jahren entlassen werde."
Im Besucherzimmer der Anstalt legt Neumann seine Brille, über deren Bügel er
dünne Gummischläuche gezogen hat, auf den Tisch und sagt: "Hier wie auch in Berlin
ist mein größtet Problem: Ick hatte allet. Mir ist es zehnmal so jut jegangen wie
draußen." Trotzdem, sagt Neumann, mit dem Geld, das er in 50 Jahren zurückgelegt
hat, käme er zwei Jahre über die Runden. Das reiche für einen Lebensabend in der
Freiheit. Und dann einmal mit dem Zug nach Wladiwostok fahren oder einen Ausflug
nach Aachen machen. "Schön anjezogen und ruhig. Da wird man schon mal von eener
älteren Dame anjesprochen."
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Am 5. Juni 2012 ist bei Neumanns Anwalt erneut ein Gutachten eingegangen.
Rolf-Dieter Splitthoff, Chefarzt der Psychiatrie Wiesloch, hat Neumann getroffen. Er
kommt zu dem Ergebnis: "Insgesamt ist festzustellen, dass Herr Neumann nach 50
Jahren Haft genauso bindungslos erscheint wie zu Beginn seiner Inhaftierung."
Neumann bleibt drinnen.
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"Mich kann keiner doubeln"
Was geschieht mit einem Menschen, der sich hemmungslos den Medien ausliefert?
Unterwegs mit dem ehemaligen Fußballmanager Reiner Calmund
Stefan Willeke, Die Zeit, 30.08.2012
Reiner Calmund muss sich zwischen seinem iPad und seiner Hose entscheiden,
und das ist eine Situation, die ihn einen Moment lang überfordert. Beim deutschen
Botschafter in Thailand ist er zum Dinner eingeladen, und er braucht dafür zwei
unverzichtbare Dinge: sein iPad und seine dunkelblaue Anzughose. Aber wie soll er
die Hose daran hindern zu rutschen, wenn er auch noch das iPad festhalten muss?
Unschlüssig steht Calmund in der Lobby des Kempinski-Hotels Bangkok, unter
säulengestützten Decken, so hoch wie in einem Kirchenschiff. Einem seiner Begleiter
reicht er das iPad, sagt: »Nimm mal«, und zieht mit beiden Händen die Hose so
stramm über den Bauch, dass sie ihm bis zum Botschaftsempfang gehorchen müsste.
Dann watschelt er los, und seine Freunde folgen ihm.
Die Tante seiner Frau aus einer fränkischen Kleinstadt ist dabei, der Chef eines
Gay-Design-Hotels an der thailändischen Küste, der in der DDR aufwuchs und dann
ins Diamantengeschäft einstieg. Ein Freund des Hoteliers ist auch mitgekommen, ein
ausgewanderter Heizungsunternehmer aus dem Rheinland, der Calmund gelegentlich
auf seine Jacht einlädt. Calmunds bester Freund ist dabei, ein Mann, der früher
Fischfabriken in Deutschland besaß und mit seiner äthiopischen Frau nach Thailand
zog. Zu Calmunds Entourage gehört auch ein promovierter Kunstauktionator,
feingliedrig und kultiviert, begleitet von seiner jungen, thailändischen Frau. Es ist eine
kuriose Truppe, die Reiner Calmund hinter sich herzieht. Der eine weiß viel über
Honeckers letzte Tage, der andere über die Sorgen der Lachszüchter.
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Als Calmund und seine Freunde beim Botschafter eintreffen, werden ihnen im
Palmengarten Drinks gereicht. Gleich wird der Chef des Hauses eine launige
Ansprache zu Ehren des Stargasts Calmund halten, der schon 25-mal durch Thailand
tourte und den Tausende deutsche Auswanderer für ihr Maskottchen halten. Für eine
große Kochgala ist er gebucht worden, ein paar Fernsehtermine stehen an, das
Übliche. Im April war Guido Westerwelle hier zu Besuch, jetzt ist Calmund da.
Thailand ist ein strapazierfähiges Land.
Calmund fragt den Botschafter eilig nach dem Kennwort der WLANVerbindung, er muss jetzt ins Netz. Der Botschafter telefoniert herum und kommt
schließlich mit dem Kennwort angerannt. Calmund sucht sich ein Sofa, plumpst hinein
und tippt auf seinem iPad herum. Er muss noch sein Interview mit der Neuen
Osnabrücker Zeitung bearbeiten. Gerade im Hotel hat er schon eine Stunde lang daran
gefeilt, ist aber darüber eingeschlafen. Es ist nicht ganz klar, ob die Fragen ihn
ermüdeten oder seine Antworten.
Calmund muss wie Calmund klingen, darf aber auch nicht ständig überall
dasselbe sagen. Das kann zum Problem werden für einen Mann, der seit acht Jahren
nicht mehr Manager des Fußballvereins Bayer 04 Leverkusen ist, sich aber so oft
zeigt, als sei er es noch heute. Calmund regierte anderthalb Jahrzehnte lang den
Verein. Sobald ein Spiel seiner Mannschaft angepfiffen wurde, saß er fiebernd auf der
Tribüne. Er war die Tribüne.
Der Bayer-Konzern warf ihn im Jahr 2004 raus, nachdem der Verdacht auf
veruntreute Gelder aufgekommen war, angeblich 580.000 Euro. Die
Staatsanwaltschaft ermittelte, stellte das Verfahren schließlich ein. Calmund hatte eine
Geldbuße zu zahlen, ein Zurück gab es für ihn aber nicht. Der Konzern hatte sich mit
ihm arrangiert: Kein böses Wort mehr über den anderen und eine vorzeitige
Direktorenpension, die sich Schritt für Schritt erhöht, so lange, bis er 65 wird.
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Inzwischen ist er bei rund 10.000 Euro im Monat angekommen, Calmunds
Grundversorgung. Er ist jetzt 63.
Der Tag, an dem sich der Verein von ihm trennte, hätte eigentlich der Tag seines
Verschwindens sein müssen. Aber der Mann, den alle Calli nennen, tat etwas
Ungewöhnliches, das ihm ganz normal vorkam: Er machte einfach weiter. Er gab
Interviews, zeigte sich in Fernsehshows, er drehte auf.
Calmund hat sich auf die Umlaufbahn von Lothar Matthäus geschossen
Von dem Amt, das ihn eine Ewigkeit ausgefüllt hatte, löste er sich und
verwandelte sich in eine Multifunktionsfigur, die man an Sender und Werbeagenturen
verkaufen konnte: ein lustiger Kugelmensch mit Fußballverstand. Zeigt man heute
irgendeinem zehnjährigen Kind aus Deutschland ein Foto von Calmund und fragt:
Wer ist das?, dann wird das Kind nicht lange zögern: Calli, der Dicke aus dem
Fernsehen. Aber wenn man das Kind dann fragt, welchen Beruf der Dicke hat oder
welchen er hatte, dann wird es schwierig. Experte für: Kochen? Abnehmen?
Zunehmen? Sport? Flugreisen? Rheinland? »Ich bin eine Mediensau«, sagt Calmund.
Er hat sich auf eine Umlaufbahn geschossen, die schon viele lose Körper
aufgenommen hat. Sonja Zietlow fliegt dort herum, Axel Schulz, Dirk Bach, Brigitte
Nielsen, Jürgen Drews, Sarah Connor, Boris Becker, Harald Glööckler, vielleicht bald
auch Thomas Gottschalk. Hin und wieder werden sie angestrahlt, hin und wieder wird
ein Licht ausgeknipst. Die Gefahr zu verglühen ist groß. Man sieht es an Lothar
Matthäus, der sich mit einer Doku-Soap über sich selbst bis zur Unkenntlichkeit
lächerlich gemacht hat. Im Orbit gibt es jetzt eine besonders gefährliche Stelle, die
Matthäus-Finsternis. Sie hat damit begonnen, dass einer nicht aufhören wollte, sich für
die Sonne zu halten. Wird Calmund auch so enden?
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Die E-Mail an die Neue Osnabrücker Zeitung ist raus, Reiner Calmund sitzt auf
dem Sofa des Botschafters, legt das iPad auf seinem Bauch ab und schaut an sich
herunter. 160 Kilo, verteilt auf 172 Zentimeter. Er sagt: »Mich sieht man auf hundert
Meter Entfernung und weiß: Das ist der Calli. Mich kann keiner doubeln.« Gleich
wird im Salon der erste Gang aufgetischt, Calmund arbeitet sich empor. Als
Tischdame hat ihm der Botschafter Rolf Schulze eine herausgeputzte Thailänderin
ausgesucht, die 68-jährige Malinee, die sich ein kurzes Röckchen angezogen hat und
weiße Nylonstrümpfe. Malinee hat einen stillen jungen Mann mitgebracht, der am
Rand der gedeckten Tafel Platz nehmen muss und den sie als ihr »boy toy« vorstellt.
Calmund interessiert sich für die Einzelheiten nicht, er ist abgelenkt, sein Handy piept,
eine neue SMS. Ob er bald in Oberhausen auftreten könne? Unwichtig.
Malinee erzählt ihm was auf Englisch, über gebratene Hühnchen, die sie liebe.
Sie höre, sagt Malinee, das Geräusch der knackenden Hühnchenbeine so gerne, und
Calmund antwortet: »Soll ich dir ’nen Knochenteller bringen?« Einer muss jetzt
versuchen, den Knochenteller ins Englische zu übertragen. Es ist immer das Gleiche.
Die Welt mag Englisch sprechen, Arabisch oder Chinesisch, Reiner Calmund spricht
Deutsch. Überall schart er einen Clan um sich, und immer ist jemand in seiner Nähe,
der für ihn übersetzt.
Der Botschafter erzählt, wie er Calmund vor Jahren dabei geholfen habe, das
Grab des Vaters zu finden. Calmunds Vater war in der Fremdenlegion und wurde als
Soldat in Vietnam getötet, als Reiner Calmund noch ein kleiner Junge war. Petronella,
die Gattin des Botschafters, seufzt. Doch die Erzählung muss unterbrochen werden,
weil plötzlich ein Specht in Calmunds Jackett klopft, das Signal eines Anrufs.
Calmund greift so schnell in die Handytasche wie ein Cowboy, der einen Colt zieht,
und brüllt in den Apparat: »Ja?« Seine Frau Sylvia. Sie ist noch zu Hause, in Odenthal
bei Köln, und will später nach Thailand kommen. »Liebchen, alles in Ordnung«, flötet
Calmund.
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Dann fährt der Botschafter fort mit der Suche nach dem Grab, aber er
verschweigt, dass auch dieser höchst intime Moment nicht intim blieb, weil Reiner
Calmund einen Reporter der Bild- Zeitung mitschleppte, der daraus eine Artikelserie
machte. Ein Wettbewerb um Calmunds Reise zum Vater war ausgebrochen, zwischen
dem Kölner Express, für den Calmund Kolumnen schreibt, und der Bild-Zeitung, die
er nicht vergrätzen wollte. Das erste Mal war er in die Aufmerksamkeitsfalle geraten,
die er sich selbst gestellt hatte. Er wollte auf der Suche nach seinem Vater allein sein,
aber er fühlte sich von den Zeitungen, die er stets mit Gerüchten, halben und ganzen
Nachrichten versorgt hatte, unter Druck gesetzt. Er glaubte, gar keine Wahl mehr zu
haben, als den Vater dem Boulevard auszuliefern.
Als das Essen vorüber ist und die Gäste zurück in den Garten schlendern, sagt
der Botschafter zu Calmund: »So wie du mit deiner Tischdame gesprochen hast, hast
du gar nichts gemerkt, was?« – »Was denn?«, fragt Calmund. »Du hast gedacht, das
ist eine Partynudel, oder?« – »Ja, irgendwie so was«, sagt Calmund und lacht. »Die ist
Prinzessin«, sagt der Botschafter. Sie war mit einem Spitzenbeamten des
thailändischen Premierministers verheiratet, auch ihr Vater war Minister. »Hat sie dir
nicht die Fotos aus dem Königshaus gezeigt?«
Er hat einen Videokanal, sitzt in Talkshows, hält Vorträge, twittert
Die vielen Namen, die vielen Termine. Reiner Calmund muss sich anstrengen,
nicht alles durcheinanderzuwerfen. Er hat sich in einer Fernsehsendung in einen
riesengroßen Wok gesetzt und ist in einem Wahnsinnstempo durch einen Eiskanal
gedonnert. Er hat bei Günther Jauch den »Iron Calli« gegeben, nach und nach 30 Kilo
abgespeckt und sich bei der Quälerei von einem Filmteam beobachten lassen. Er hat
an einem Halbmarathon teilgenommen, als hechelnder Walker. Er ist bei einem
Radrennen, das im Fernsehen übertragen wurde, mit einem Fahrrad angetreten, das
zwei Hinterräder hatte, sodass er nicht umfallen konnte. Damit kam er der MatthäusFinsternis schon sehr nahe.
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Er trat bei Zimmer frei auf, in Inas Nacht, bei Johannes B. Kerner, Sandra
Maischberger, Sabine Christiansen, Jörg Pilawa, Oliver Geissen, Frank Plasberg. Er
war bei TV total, Jetzt geht’s um die Wurst, Mensch gegen Tier, Sportfreunde Pocher,
Giga TV, Kölle Alaaf, Wer wird Millionär?, dem Großen IQ-Test, dem Großen
Deutschlandtest, der Erste Hilfe Show, dem NRW-Duell, dem Großen Ost-WestDuell, dem Spendenmarathon, dem Topfgeldjäger, bei Lafer, Lichter, Lecker, in der
Teufelsküche, bei alfredissimo!, Doppelpass, dem Aktuellen Sportstudio, Kick off!
und Sport im Dritten.
Er hat Vorträge gehalten bei BASF, der Industrie- und Handelskammer
Südthüringen, der Jungen Union, in der Keksfabrik Bahlsen, bei der Sparkasse
Oberlausitz-Niederschlesien, der Miss Germany Corporation, an der Universität zu
Köln.
Er schloss Werbeverträge mit Fujifilm ab, Adler Moden, Nobilia Küchen,
Katjes, der Brauerei Erdinger, fluege.de, Müller Milch.
Nimmt man alle Beschäftigungen zusammen und schreibt sie stichpunktartig in
eine Liste, kommt man auf acht eng bedruckte Seiten mit 462 einzelnen Tätigkeiten.
Vierhundertzweiundsechzig. Ist Reiner Calmund irre? Oder ist die Gesellschaft irre,
der er sich unterworfen hat?
Calmund twittert, hat bei Facebook rund 34.000 Likes, bewohnt im virtuellen
Spiel Second Life die Insel Calli Island, versorgt einen eigenen Internet-Videokanal
mit dem Namen Calli.TV, schreibt Sportkolumnen für Tageszeitungen. Hat man ihm
eine E-Mail geschickt, trifft sofort eine automatische Antwort ein. Darin steht dann:
»Wenn Sie mit Calli am Ball bleiben wollen: Website: www.reinercalmund.de. Follow
us: www.twitter.com/calmund. Fan werden: www.facebook.com/calmund.
Abonnieren: www.youtube.com/calmundTV.«
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Ein Mann, der nicht gerade blendend aussieht, kein Amt mehr hat, keine
Zaubertricks vorführt und auch sonst nichts Atemberaubendes zu bieten hat, will im
Showgeschäft überleben. Kann das gut gehen? Schon vor Jahren, an einem Abend in
Thailand, setzte sich Calmund eine schwarze Perücke und eine Sonnenbrille auf, damit
ihn niemand erkennen konnte, als er sich mit Freunden in einem Vergnügungsviertel
umschaute. 1414, das ist der Code für die Bedrohung, die Calmund empfindet, wenn
er auf die Straße tritt, aber unbeobachtet bleiben will. 1414, die Telefonnummer der
Bild- Zeitung für ihre Leserreporter.
»Ich kann nicht Nein sagen. Gut, dass ich keine Frau geworden bin«
Inzwischen benimmt er sich wie ein Fernsehproduzent. Er sieht sofort, wenn am
Set etwas schiefläuft. Als ihn in Thailand eine Reporterin aufstöbert, um im Auftrag
eines deutschen Senders eine Grußbotschaft für einen Restaurantkritiker aufzunehmen,
fällt Calmund an der Journalistin als Erstes auf, dass sie gar keine Kamera mitgebracht
hat. »Mädchen, willst du mich malen?«, fragt er entsetzt. Schließlich nimmt er sein
Smartphone, filmt sich selbst und sagt sein Sprüchlein auf.
Zu Hause, in Odenthal, sitzt seine 41-jährige Frau Sylvia am Computer und
sucht für ihn die interessantesten Termine aus, die meisten Anfragen lehnt sie ab. »Ich
nehme zu viel an«, sagt Reiner Calmund, »gut, dass ich keine Frau geworden bin. Ich
kann nicht Nein sagen.« Sylvia sagt »wir«, wenn sie von ihrem Mann spricht. Wir
müssen auswählen. Wir machen jetzt weniger. Reiner und Sylvia sind eine GmbH.
Als er Sylvia heiratete, seine dritte Frau, geschah das am Nachmittag desselben
September-Tages 2003, an dem er sich morgens von seiner vorherigen Frau hatte
scheiden lassen. Es war eine typische Calmund-Aktion. Während der Fahrt zum
Standesamt sammelte er noch rasch einen Trauzeugen auf, dem keine Zeit mehr blieb,
sich fein zu machen, und der dann in seinem blauen Trainingsanzug neben dem
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Brautpaar stand. In den Flitterwochen fuhren sie nach Florida, auch Calmunds fünf
Kinder aus den ersten beiden Ehen, seine zwei Schwiegersöhne und drei Enkel durften
mit.
»Meine Frau riecht nach Leder«, sagt Calmund. Früher war sie eine seiner
Assistentinnen im Fußballverein. Sie war ein Fan der Mannschaft, auch sein Fan. Das
ist sie geblieben. Sie bewundert ihn für seine Auftritte, fürchtet aber selber das
Scheinwerferlicht. Als die beiden gemeinsam in der Fernsehshow Mein Mann kann
auftreten sollten, weigerte sich Sylvia.
Sie bereitet Verträge vor, organisiert, kassiert. 10.000 Euro berechnet sie meist
für einen großen Soloauftritt ihres Mannes. »Vieles bei ihm funktioniert über mich«,
sagt sie. Noch nie habe er eine Veranstaltung ausfallen lassen müssen, keine einzige,
sagt Reiner Calmund. Und er fügt hinzu: »Danke schön, lieber Gott.« Egal, wo er
gerade ist, Sylvias Terminauslese erscheint auf dem elektronischen Kalender in
seinem iPad. Manchmal, sehr selten, steht da auch: »Pause«. Reiner wird um die Welt
geschickt, Sylvia drückt die Knöpfe auf der Fernbedienung. Er verirrt sich sonst auf
seiner Umlaufbahn.
An einem Morgen in Bangkok hat Calmund angekündigt, um neun am
Frühstückstisch im Hotel zu sitzen, aber er taucht nicht auf. Sich mit ihm fest zu
verabreden ist eine Gleichung mit mehreren Unbekannten. Selten geht sie auf.
Möglich, dass er den Hotelmanager getroffen hat und mit ihm abgezogen ist. Denkbar,
dass das Team vom thailändischen Fernsehen ihn vor seinem Zimmer abgefangen hat.
Gerne lässt er sich von Menschen ablenken, die ihn ansprechen. Einer, der vor ihm
steht und ihn anschaut, hat es viel leichter, Calmund für sich zu gewinnen, als einer,
der sich in einer E-Mail versteckt.
Ruft man schließlich auf Calmunds Handy an, meldet sich ein junger Mann mit
dem Namen Diego, der sagt, er sei eigentlich Dolmetscher im Hospital Bangkok, habe
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aber jetzt den Auftrag, Calmunds Handy beim Aufladen zu bewachen, der Akku sei
wieder leer. Eigentlich hatte sich Calmund vorgenommen, den Morgen in Thailand zu
beginnen wie andere Menschen auch: aufstehen, zur Toilette gehen, später vielleicht
das Handy anschalten. Aber er hat es nicht hingekriegt. Er ist aus dem Bett gestiegen,
hat nach dem Telefon gegriffen und sofort wieder endlos geredet. Eine Versicherung
will Calmund für ihren »Club der großen Akquisiteure« auf Malta buchen. Der Sohn
von Winnie Schäfer, dem Trainer der thailändischen Fußballmannschaft, will einen
guten Sitzplatz bei Calmunds Kochgala am Abend. Der stellvertretende Bürgermeister
der Stadt Saarlouis will irgendwas in Sachen Calmund bloggen. Ein Waisenhaus bittet
um Hilfe. So geht es den ganzen Tag. Es sei denn, das Schicksal erbarmt sich und das
Handynetz bricht zusammen.
An einem Abend im April dieses Jahres wurde Calmund im Theater Trier
erwartet. Selten waren die Karten so schnell ausverkauft, sogar der Intendant staunte.
Kompetenz und Leidenschaft hieß Calmunds Vortrag, er hat einen Baukasten mit
Stichpunkten, den Vortrag hält er mühelos und oft. Die Botschaft ist: Wenn du
mitreißend bist, dann gewinnt auch dein Team. Calmund hat eine Geste entwickelt, die
alles zusammenfasst. Er steht dann auf der Bühne, reißt die Arme empor und ballt die
Fäuste, holt tief Luft und brüllt ins Publikum: »Leidenschaft!« Er betont es auf seine
rheinische Art, mit einem langen, schmutzigen E, dann klingt es noch sehr viel
leidenschaftlicher.
Hin und wieder stellt er sich dümmer, als er ist. Er hat das Spiel durchschaut
600 Menschen hören ihm in Trier gebannt zu. Der Marketingklub hat
eingeladen, viele Unternehmer und leitende Angestellte sind gekommen, gut
gekleidetes, westdeutsches Establishment. Calmund zeigt einen Film, in dem er die
Hose verliert. Es ist der Auftakt zu einer Entblößung, die in Wahrheit keine ist, weil
der Entblößende mit ihr spielt. Im Publikum wird gejuchzt und gejohlt. So ist es in
Trier, in Düsseldorf, in Dresden, in Wiesbaden, zwölf Monate im Jahr, die Säle sind
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voll. Calmund ruft ins Publikum: »Wenn du Erfolg hast, kannst du den größten Scheiß
machen. Ist egal.« Danach geht es um den ehemaligen Fußballtrainer Udo Lattek, der
auf den Bürgersteig scheißen könne, und jeder Passant würde begeistert rufen: »Was
für ein Riesenhaufen!« Calmund zitiert Luther, Churchill, Mario Barth.
Er ruft: »Stimmung ist das A und O!«
»Ohne Leidenschaft bist du nur eine intelligente Schlaftablette!«
»Ich bin am Teller noch besser als am Herd!«
»Ich schwitze, weil ich abgehe!«
Danach schreibt er Autogramme in sein Buch fußballbekloppt. Eine Schlange
hat sich vor dem Tisch gebildet, an dem er signiert. Jedem schreibt er etwas
Persönliches ins Buch, spricht Geburtstagswünsche in Videokameras, es nimmt kein
Ende. Er schaut sich jeden, der vor ihm steht, genau an und versucht einen Scherz zu
finden, der zu dem Menschen passt. Man könnte die Leidenschaft noch für einen Trick
halten, wenn man allein sein Bühnenprogramm verfolgt. Aber man nimmt sie ihm ab,
sobald man beobachtet, wie er Widmungen in Bücher schreibt, zwei Stunden lang,
ohne Unterbrechung, heiser lachend, sich über Zuspruch freuend wie ein Kind. »Herr
Calmund, Sie waren großartig«, sagt die Chefin des Marketingklubs. »Ich könnte auch
noch asozialer«, antwortet Calmund übermütig. »Nein, nein, war schon ausreichend.«
Fragt man die Marketingfrau, warum sie Calmund eingeladen hat, erwidert sie:
»Man hört ihn gerne reden. Und er gibt einem Hoffnung, wegen der eigenen Fehler.«
Viele Menschen in Deutschland haben sich auf die Suche nach einem perfekten Leben
gemacht, ökologisch korrekt, politisch korrekt, sprachlich korrekt, in den
Umgangsformen korrekt. Der Fehler ist zu einem Feind geworden in einer
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Gesellschaft, die sich Fehler immer weniger verzeiht. Das perfekte Leben bedeutet:
Man isst bewusst, trinkt bewusst, spricht überlegt, geht früh schlafen und steht früh
auf, treibt regelmäßig Sport, am besten gut bekömmlichen Ausgleichssport, nicht
Hammerwerfen. Ein perfektes Leben lässt die Sünde nicht zu, das macht es so
anstrengend. Ständig läuft irgendwo ein Korrekturprogramm. Über einen seiner
Bekannten, dem schon schwindelig werde, sobald der kleinste Anschein eines
persönlichen Fehlverhaltens entstehen könnte, sagt Calmund verständnislos: »Der
verfolgt sich selbst.«
Das perfekte Leben braucht ein Ventil, irgendjemand muss die Entspannung
organisieren, den Aufschrei, die Zoten. So bietet sich ein Drei-Zentner-Mann als
Erleichterung an. Als Versöhnungsonkel gastiert er in den Lichtspielhäusern und
Baumärkten der tugendhaften Republik und stellt seine Gewöhnlichkeit zur Schau. Er
muss nur dastehen, die Umrisse reichen. Jeder, der ihn wie eine Boje schaukeln sieht,
weiß sofort: Bei dem ist gewaltig was schiefgelaufen. So sieht es aus. Aber vielleicht
ist in Wirklichkeit alles richtig gelaufen. Die Boje ist zwar aus der Form geraten, aber
sie ist bester Laune. Das kann eine erlösende Nachricht sein für all die Menschen, die
sich freudlos an ihren Schwächen abarbeiten.
Hin und wieder stellt sich Calmund dümmer, als er ist, weil die Geschichte vom
dicken Trottel überall gut ankommt. Calmund studierte Betriebswirtschaft, er war ein
durchtriebener Sportmanager. So einer hat verstanden, wie das Spiel läuft. Als er Rudi
Völler, den heutigen Sportdirektor von Bayer 04 Leverkusen, als Nachwuchsmanager
zu sich holte, brachte er dem Neuen einen Trick bei, den er »Good Guy, Bad Guy«
nannte. Gemeinsam fuhren sie nach Brasilien, um dort Spieler zu kaufen. Drohte das
Geschäft am Preis zu scheitern, sprang Calmund auf, warf mit Akten um sich, lief raus
und schrie, er werde sofort zurückfliegen. Völler musste dann so tun, als besänftige er
seinen Boss, und holte ihn an den Verhandlungstisch zurück. Mit Drehbüchern kannte
sich Calmund schon immer aus.
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Wird er heute böse, dann war die Herabsetzung, die er empfunden hat, meist so
verletzend, dass sie seinen Geschäftssinn, der mit seinem Frohsinn eine Einheit bildet,
außer Kraft gesetzt hat. Dem ironisch juxenden Günther Jauch, der auf Calmunds
Qualitäten im Bett angespielt hatte, erzählte er einmal vor laufender Kamera, dass
mehr Frauen auf einen lebendigen Dicken wie Calmund stünden als auf den knochigen
Jauch. Der Gegenschlag hat Jauch sprachlos werden lassen und auch Calmund
überrascht. Calmund langweilt sich manchmal, aber nicht mit sich selbst.
»Justina!«, ruft er ins Theaterfoyer, und die Aushilfsassistentin Justina eilt zu
ihm, eine große, schlanke Frau. Eigentlich ist sie Chefsekretärin in der Redaktion der
Fußballzeitung Kicker in Köln. Calmund hat sie sich ausgeliehen, als seine Assistentin
krank wurde. Sie war vollkommen erschöpft. »Wenn du für Calli arbeitest, freust du
dich aufs Sterben.« So, sagt er, reden manche seiner Assistentinnen über ihn.
Justina hat sich um Calmunds riesengroßen Koffer zu kümmern, da ist alles drin.
Es kann passieren, dass er in zwei Tagen acht Hemden durchschwitzt. Am nächsten
Morgen muss er zum Audi-Star-Talk nach München, ein Interview am Tegernsee
geben, bei einer Pharmafirma vorbeischauen. Danach findet auch noch was statt – was
genau, hat er vergessen.
Er vervielfältigt sich hemmungslos. In einem Zickzackkurs gräbt er sich durch
die Welt, und er reist genauso, wie er spricht. Innerhalb eines einzigen Atemzugs ist er
in der Lage, von Eva Köhlers Opa zu Madonnas IQ und Müller-Wohlfahrts
Wunderpillen zu gelangen. Man fragt sich, wann ihm die Luft ausgeht.
Reiner Calmund sitzt im Besprechungsraum eines Sky-Fernsehstudios in
München-Ismaning und telefoniert. Die meisten Leute schauen beim Telefonieren stur
in eine Richtung, Calmund schwenkt seinen Kopf wie eine Panoramakamera von
rechts nach links, von links nach rechts. Alle sollen ruhig mitkriegen, dass er gerade
den 1. FC Köln vor dem Untergang rettet.
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Franz Beckenbauer betritt das Studio und erzählt was vom Golfplatz
Noch ist die Fernsehrunde nicht komplett. Franz Beckenbauer, »der Franz«,
flüstert ein Assistent des Senders, werde gleich eintreffen. Der jugendliche Claus
Strunz ist schon da, ein ehemaliger Chefredakteur, er sagt oft: »Spannend.« Das bleibt
sein wichtigster Wortbeitrag, er durchschreitet federnd den Raum und findet alles
»spannend«, »total« oder »absolut«. Während Calmund in sein Handy brüllt, der
Vorstand in Köln müsse den Arsch zusammenkneifen, den Arsch, wispert der
Assistent des Senders: »Wie der Franz seinen Kaffee will, weiß ich seit 35 Jahren. Die
richtige Dosis Milch, die kenne ich.«
Dann taucht Franz Beckenbauer auf, und dass er der Kaiser ist, erkennt man
schon daran, wie leichthändig er mit dem randvollen Kaffeebecher den Raum
durchquert und nichts verschüttet. Er trägt eine seidig schimmernde Hose aus
rotbraunem Feincord, ein strahlend weißes Polohemd und ein schmales Jackett. Sein
Gesicht ist braun gebrannt. Minutenlang lehnt er bewegungslos an der Fensterbank
und entfaltet sein angedeutetes Lächeln. Der Kaiser steht, Calmund sitzt.
Calmund bewundert Beckenbauer, weil der immer so aussieht, als strenge es ihn
nicht an, seinen Ruhm zu bewahren. Alles wird ihm verziehen, kein Makel bleibt an
ihm haften, nicht mal die Nachricht von einem unehelichen Kind. Durch nichts muss
der Kaiser seinen Anspruch auf den Thron neu beweisen, durch keine unvorsichtige
Aktion sein Image riskieren. Calmund ist da ganz anders. Er legt sich ins Zeug. Der
kleine Schweißfleck auf Calmunds Hemd ist etwas größer geworden.
Beckenbauer sagt, er sei gerade aus Salzburg gekommen, das Wetter dort sei zu
ihm freundlicher gewesen als das in München, wo der Nieselregen einsetzt. Auf die
Sonne muss er sich verlassen können, er spielt oft Golf. Auf dem Golfplatz in Neuss
habe er Rainer Bonhof und Berti Vogts getroffen. Calmund erzählt, dass sich die
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beiden wieder vertragen haben. Beckenbauer sagt, ihm sei ganz entgangen, dass die
sich gestritten hätten.
Calmund erinnert sich an Brasilien, wo ihn das Geräusch eines anspringenden
Kühlschranks aus dem Schlaf gerissen habe, so nervös sei er gewesen, damals, als
Fußballmanager. Calmund berichtet von Geldkoffern, die zuerst voll waren und am
Ende leer. Beim Gestikulieren fällt ein Konfettischnipsel aus Calmunds Jackett und
segelt zu Boden. Beckenbauer befeuchtet die Kuppe seines Zeigerfingers, bückt sich,
tippt auf den Schnipsel und legt ihn mit dem abgespreizten Finger im Papierkorb ab.
Calmund erzählt von südamerikanischen Spielerberatern, die Geld kassierten,
das vermutlich nicht in ihren Büchern auftauchte. Beckenbauer hört ihm vergnügt zu
und sagt bloß: »Da kann ich gar nicht mitreden, so was habe ich ja nie gemacht.«
Dann lachen sie beide.
Calmund wird jetzt ins Fernsehstudio gerufen, Beckenbauer bleibt noch zurück.
Jemand will einen O-Ton von ihm, er soll sich bitte an einen ehemaligen Spieler
anekdotenreich erinnern. Beckenbauer nickt stumm, wendet sich ab, dann sagt er:
»Immer wollen s’ nur was von früher von mir.«
Nach der Sendung wartet Calmund darauf, dass sich Beckenbauer für ihn Zeit
nimmt. Beckenbauer steckt noch im O-Ton fest, ist aber schon im Jahr 1975
angekommen. Calmund beobachtet ihn von der Seite, die gazellenartigen Beinchen.
»Der wird immer dünner«, flüstert Calmund, »und ich immer dicker.« Als
Beckenbauer endlich Zeit hat, fragt ihn Calmund: »Kannst du jetzt ein paar Sätze für
meine Kocharena sagen?« Beckenbauer stutzt. Dann fragt er amüsiert zurück: »Da
wird gekocht? Im Fernsehen?« – »Franz, ich hole gegen den Tatort sieben bis acht
Prozent Quote«, beteuert Calmund. Nicht jetzt, erwidert Beckenbauer, vielleicht
klappe es in ein paar Tagen. Als Beckenbauer schon fast draußen ist, ruft Calmund
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ihm noch einen Terminwunsch hinterher. Der Kaiser dreht sich nicht mehr um, aber er
winkt.
Calmund macht sich auf den Weg nach Stuttgart, zum SWR. Er hat schon
wieder eine neue Aushilfe, die ihn zu organisieren hat, diesmal eine kräftig gebaute,
die er »dat kleene Pummelschen« nennt. Die andere Assistentin hat sich noch nicht
erholt. Ein Chauffeur fährt in einer Phaeton-Limousine vor, die zwölf Zentimeter
länger ist als das Standardmodell. Der Vorstandschef von Volkswagen, erzählt
Calmund, habe zu ihm gesagt: »Jetzt probieren Sie den mal.« Enge Autos sind ein
Problem für ihn, im Flugzeug muss er vor dem Anschnallen oft um eine
Gurtverlängerung bitten. Jetzt wuchtet er sich auf den Rücksitz des Wagens, dat
kleene Pummelschen darf ausnahmsweise vorn sitzen, muss aber die Terminlage im
Auge behalten.
Calmund ist erschöpft, seine Sätze hüpfen nicht mehr, die Pointen bleiben aus.
Es entsteht einer der seltenen Momente, in denen er sich auf ein ernsthaftes Thema
einlässt, das sich nicht mit einem Gag wegwischen lässt. »Mich beschäftigt was«, sagt
er. Die Nachricht, dass der frühere Manager des FC Schalke, Rudi Assauer, an
Alzheimer erkrankt ist, habe ihn sehr getroffen. Bloß nicht bei mir dasselbe, sagte sich
Calmund. »Ich bin ein Feigling. Ich gehe schon zum Arzt, wenn ich auf dem Monitor
im Studio sehe, dass bei mir die Halsschlagader anschwillt.«
In einem Cadillac gleiten Calmund und seine Freunde durch New York
Calmund hat sich zu seiner eigenen Datenbank ausgebaut. Man könnte ihn
nachts wecken und fragen, wie viele Heimspiele Hertha BSC in der vergangenen
Bundesligasaison gewonnen hat, und er wüsste es sofort: vier. Er kann die Rezepte
von Spitzenköchen Zutat für Zutat rezitieren und weiß, an welcher Stelle das
Zitronengras in die Suppe muss. Er kennt die Formel auswendig, mit der man
Fahrenheit- in Celsius-Grade exakt umrechnet, er kennt den Geburtstag des früheren
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Skispringers Jens Weißflog, und ihm ist klar, dass die Dorade ein
zweigeschlechtliches Wesen ist. Das alles kommt ihm in Quizsendungen zugute, und
es scheint nur eine Methode zu sein, um dem Publikum zu gefallen. In Wahrheit, sagt
er, »habe ich Angst vor dem Vergessen. Deswegen merke ich mir alles.«
»Ach«, ruft Calmund plötzlich auf der Fahrt nach Stuttgart und deutet nach vorn,
»dat kleene Pummelschen!« Die Assistentin hat die Augen geschlossen und atmet
seelenruhig. »Nicht mehr belastbar, die Jugend«, sagt Calmund, klappt sein iPad auf
und studiert die Ergebnisse der 2. Bundesliga. Danach schläft er selbst ein, wacht nach
wenigen Minuten auf und schlackert mit dem Kopf. Ist das sein wunder Punkt, die
Erschöpfung?
Es ist ein heißer Augusttag in New York, als Calmund in seinem voll
klimatisierten Hotel am Central Park eintrifft. Er hat seine Frau mitgebracht, ein paar
Freunde, insgesamt sechs Leute, die kleine Entourage. Beckenbauer flog mal in einem
Helikopter über New York, weil er die Stadt kennenlernen wollte, das hat Calmund
beeindruckt. Beckenbauer fängt immer oben an, wo Calmund unten anfangen muss.
Beckenbauer schwebt, wo Calmund wühlen muss, das sind zwei gegensätzliche
Methoden der Fortbewegung. Aber es ist nicht gesagt, dass Calmunds Methode mehr
Kraft kostet. Beckenbauer muss ständig seine Selbstbeherrschung optimieren, um
abheben zu können. Calmund bleibt am Boden und optimiert seine Kochrezepte.
Am Empfang des Hotels bestellt er einen SUV, inklusive Fahrer. Er war schon
oft hier, kennt sich aus. In einem schwarzen Cadillac gleitet er mit seinen Freunden
durch die Straßen. New York ist ein einmaliger Ort im Leben des Reiner Calmund,
niemand dreht sich nach ihm um. Es gibt hier Menschen, die jedem Passanten jeden
Morgen zum Geburtstag gratulieren. Es gibt Menschen, die sich verkehrt herum aufs
Mountain Bike setzen, die Fifth Avenue herunterrollen und Heartbreaker singen. Was
ist da schon bemerkenswert an einem Rheinländer, der in sein klopfendes Handy ruft:
»Sie wolln wat wegen Kuschelrock?«
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Man könnte Reiner Calmunds Leben von New York aus erzählen, von einem
thailändischen Strand aus, vom Rheinufer aus, und es kämen unterschiedliche
Geschichten zusammen, die sich an einem Punkt kreuzen. Warum verglüht er nicht
wie all die anderen, die so lange im Orbit kreisen?
Reiner Calmund mag Menschen, und viele Menschen mögen ihn. Das liegt auch
daran, dass er sich nicht verstellt. Er spricht mit einem Vorstandschef kaum anders als
mit einem Hilfsarbeiter. Er verachtet seine Zuschauer nicht. Oft spricht er
anerkennend über Menschen, ein hartes Wort rutscht ihm selten heraus. Meist nimmt
man ihm ab, was er behauptet, weil er bereit ist, sich selbst aufs Spiel zu setzen.
Als Fußballmanager musste er mehrmals das Stadion verlassen, um sich vor
einer Herzattacke zu schützen. Er aß den Kühlschrank leer, wenn er nicht wusste,
womit er seine lodernden Gefühle ersticken konnte. Er ließ sich vor dem Abpfiff eines
wichtigen Spiels aus der Stadt fahren und wartete dann auf einem Autobahnparkplatz,
schloss die Augen, zählte die Sekunden und wagte lange nicht, sich die
Fußballergebnisse im Radio anzuhören. Wollte eine seiner Töchter früher
herausfinden, wo im Haus der Vater war, ging sie einfach der langen Telefonschnur
nach. Am Ende der Leitung saß immer er. Fußball. Essen. Telefonieren. Damit hat er
der inneren Unruhe eine Richtung gegeben.
In New York steigt er auf die Queen Mary 2, das Kreuzfahrtschiff, auf dem er
aus seinem Buch vorlesen soll. Ob sein Handy auf hoher See funktionieren wird?
Wohl kaum. Wahrscheinlich wird auch das Internet nicht reibungslos laufen.
Trotzdem hat Calmund seinen Laptop mitgenommen. Es könnte ja sein, dass er nicht
schlafen kann. Die Kabinen sind eng, und nachts hört man von draußen keine
vertrauten Geräusche mehr. Sollte er wach liegen, wird er den Laptop hochfahren und
hinüberblinzeln. Alles in Ordnung, die Welt ist im Lot. Es ist das beruhigende
Leuchten des Bildschirms, das ihm diese Gewissheit bringt.
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Das verlorene Bataillon
Seit zehn Jahren sind deutsche Soldaten im Einsatz in Afghanistan. Wer das Leben
einer Einheit von Scharfschützen begleitet, erfährt, dass es am Hindukusch nicht nur
darum geht, Straßen zu sichern und die Afghanen zu demokratisieren. Es geht auch
darum, zu töten.
Takis Würger, Spiegel, 31.10.2011
Es ist der 44. Tag im Krieg von Oberfeldwebel Christian Sommerkorn, und er
hofft, dass er an diesem Tag endlich das tun wird, wozu ihn die Bundeswehr
ausgebildet hat. Er schiebt ein Magazin in sein Sturmgewehr.
Es ist kurz nach vier Uhr morgens in Afghanistan, Sommerkorn klettert auf
seinen Panzer und schaut ins Dahana-i-Ghori, ein Tal, in dem die Bundeswehr 300
Feinde vermutet.
Der Feindlagebericht der Bundeswehr warnt an diesem Morgen vor fünf
Selbstmordattentätern im Dahana-i-Ghori. Fünf Selbstmordattentäter auf einer Fläche
halb so groß wie Manhattan.
In der vergangenen Nacht hat Sommerkorn mit seiner Frau gechattet. Er schrieb:
Schatz, ich bin fünf Tage draußen. Du musst nullkommanull besorgt sein. Nimm Amy
abends von mir in den Arm.
Ich liebe dich, schrieb Jessika.
Ich liebe dich, schrieb Christian.
Der Panzer rollt durch den Morgen, nach einer halben Stunde springt
Sommerkorn in den Staub. Er versteckt sich zusammen mit drei Kameraden hinter
Bäumen, die Soldaten sichern die Flanken eines Minenräumfahrzeugs. Im Wald sitzt
auch ein afghanischer Holzfäller, einer der Scharfschützen tauscht mit ihm eine halbe
Tafel Ritter-Sport-Nussschokolade gegen eine Wassermelone. Sommerkorn schneidet
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mit seinem Klappmesser triefende Stücke aus dem Fruchtfleisch. Manchmal fragt sich
Sommerkorn, wo der Krieg ist, auf den er sich vorbereitet hat.
Schießen mit Schutzweste, schießen mit Helm, schießen mit Schutzbrille,
schießen im Liegen, schießen im Knien, schießen im Stehen, schießen mit der Pistole
P8, schießen mit dem Sturmgewehr G36, schießen mit dem Sturmgewehr G3,
schießen mit dem Scharfschützengewehr G3 DMR, schießen mit dem
Scharfschützengewehr G22, schießen mit dem Scharfschützengewehr G82.
Sommerkorn hat geübt für diesen Krieg.
An diesem ersten Tag meiner Recherche fragt Sommerkorn: "Was soll das
eigentlich für eine Geschichte werden, die du schreibst?"
Die Recherche für diese Geschichte begann im Frühjahr mit Gesprächen, EMails und Telefonaten. Es musste verhandelt werden, ob es möglich sei, als
"embedded journalist" über die Bundeswehr zu berichten. "Embedded", eingebettet,
bedeutet in diesem Fall, mit einer Kampftruppe in den Krieg zu ziehen. Die
Bundeswehr hatte damit kaum Erfahrung, aber sie willigte ein.
Die Reise dauerte drei Wochen, sie wurde begleitet von einem Presseoffizier,
der bei den meisten Gesprächen mit den Soldaten zuhörte. Zensur fand nicht statt.
Die Soldaten, von denen diese Geschichte erzählt, wollten, dass Deutschland
weiß, in welchem Krieg sie kämpfen. Sie wollen Respekt.
An diesem Morgen sage ich Sommerkorn, dass es nur um eine Frage geht: Was
machen deutsche Soldaten eigentlich in Afghanistan?
Sommerkorn wollte darauf keine Antwort geben.
Christian Sommerkorn ist in einem Dorf in der Nähe von Freiburg
aufgewachsen, er ist 30 Jahre alt. Er hätte nichts dagegen, seinen wahren Namen
gedruckt zu lesen, aber die Bundeswehr bittet darum, die Namen von Soldaten im
Einsatz nicht zu nennen. Alle Namen der deutschen Soldaten in dieser Reportage sind
geändert.
Sommerkorn hat den Realschulabschluss gemacht und Zimmermann gelernt.
Dann kam sein Musterungsbescheid. Er hatte wenig Lust, alte Leute zu pflegen, also
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ging er mit 20 Jahren zur Bundeswehr. Er teilte sich die Stube mit fünf Männern, die
nach Schweiß rochen. Er lernte schießen, es gefiel ihm. Sommerkorn verpflichtete sich
für zwölf Jahre. Er wurde Scharfschütze in Donaueschingen am Rande des
Schwarzwalds, bei einer Truppe, die sich "Jäger" nennt.
Als Sommerkorn erfuhr, dass sein Bataillon nach Afghanistan gehen würde, war
seine Frau Jessika im vierten Monat schwanger. Sie sagte damals, da kommst du doch
irgendwie drum rum. Sommerkorn sagte: "Da habe ich mich mein ganzes Berufsleben
lang drauf vorbereitet."
Sein Großvater sagte ihm, bleib hier. Als Sommerkorn sagte, er müsse, sagte der
Großvater, ich wünschte, ich könnte für dich gehen.
Der Einsatz führte Sommerkorn in die Provinz Baghlan, die eine Stunde
Helikopterflug östlich von Masar-i-Scharif liegt. Das Land ist grün dort, bis an die
Hänge des Hindukusch. In den Tälern wachsen Pistazien und Granatäpfel, es könnte
ein Paradies sein, wenn die Menschen nicht wären. Die Menschen in Baghlan töten.
Sie töten sich gegenseitig, sie werden von den Deutschen getötet, und sie töten die
Deutschen. Von den 13 Bundeswehrsoldaten, die in den vergangenen eineinhalb
Jahren in Afghanistan gestorben sind, starben 10 in Baghlan.
Sommerkorn hat in diesem Krieg bisher kein einziges Projektil abgefeuert.
Geschossen hat er in Afghanistan nur auf der Schießbahn. "Das ist, als wenn du einen
Hund scharfmachst und den nicht von der Leine lässt", sagt Sommerkorn.
Der Feind verbirgt seine Waffen in Kochtöpfen, in Bäumen, in Palmölkanistern.
Der Sprengstoff besteht aus Pflanzendünger auf Harnstoffbasis, Autolack und Diesel.
Taliban, die keinen Dünger besaßen, sollen schon Eselurin eingekocht haben, bis die
Harnstoffkonzentration hoch genug war für eine Bombe.
IEDs, "improvised explosive devices", unkonventionelle Sprengvorrichtungen,
so heißen die gebastelten Bomben in der Sprache des Militärs. Sie lassen sich nicht
erschießen. Ein Soldat kann sie nur finden, bevor die IED ihn findet. "Bein ab wäre
schon scheiße", sagt Sommerkorn.
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Er versucht, sich auf seinen Auftrag zu konzentrieren und nicht darauf, ob es
dieser Einsatz wert sei, ein Bein zu verlieren oder das Leben. Er spricht ungern über
"große Politik", wie er es nennt. Er sagt, er wisse zu wenig über die großen
Zusammenhänge dieses Krieges, um darüber zu sprechen, aber er weiß, was eine
Bombe aus Dünger anrichten kann, und er weiß, wie es ist, in einem Land zu leben,
das vergessen hat, wie sich Frieden anfühlt.
Sommerkorn und 33 andere Soldaten gehen durch Reisfelder. Sie bilden
zusammen eine Kampftruppe mit dem Namen "Echozug, 3. Kompanie,
Ausbildungsschutzbataillon MES". Sommerkorn marschiert vorbei an weißen
Orchideen und einer Hütte, vor der rund geformte Kuhfladen trocknen. Neben den
Fladen hocken afghanische Männer. Sommerkorn sagt "Salam alaikum". Die
Afghanen schweigen. Ihre Augen wirken feindselig, aber vielleicht sind sie nur
ungewohnt schwarz.
Sommerkorn marschiert zu einem Hügel, der umringt ist von Stacheldraht und
einer Mauer aus schottergefüllten Drahtkörben. Dahinter steht Sommerkorns Panzer,
sein Fahrer hat ihn am Morgen hierhingefahren. In den kommenden vier Nächten wird
Sommerkorn hinter seinem Panzer schlafen, am Fuß dieses Berges, unter einem Dach
aus Wellblech. Auf dem Hügel leben ein Dutzend amerikanische Special Forces,
Männer mit Baseballcaps und Vollbärten, die keine Namen auf ihrer Uniform tragen
und häufig "fuck" sagen. Sie haben den Hügel "Combat Outpost Russian Hill"
genannt, weil sie Menschenknochen gefunden haben und glauben, dass in der Erde ein
Massengrab der Sowjets liege.
Die Deutschen erzählen sich, dass die Special Forces nachts den Russian Hill
runterklettern, um Taliban zu jagen. So hatte sich Sommerkorn das auch mal
vorgestellt, als er hier ankam.
Er kriecht unter ein Moskitonetz und legt sich auf sein Feldbett, an den Spitzen
seiner Zehen wölben sich Blasen. Sommerkorn schaut sich das Lager an, die Mauer,
über die jederzeit ein Afghane eine Handgranate werfen könnte. Zwischen den
Panzern spannen sich Schnüre, auf denen die Soldaten ihre durchgeschwitzten
Hemden trocknen, 34 Feldbetten bilden eine Reihe, darauf und davor liegen
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halbnackte Soldaten. Sie essen die Haferkekse aus ihren Verpflegungspaketen, sie
lesen Bücher mit Titeln wie "Im Auge des Jägers", sie essen die Schokolade aus ihren
Verpflegungspaketen, sie schreiben Briefe, sie essen die Müsliriegel aus ihren
Verpflegungspaketen.
Nach ein paar Stunden liegen die meisten stumpf auf ihrem Feldbett und warten
darauf, dass irgendetwas passiert.
Sommerkorn erlebt seinen Einsatz in einer Zeitrechnung, in der Montag oder
Dienstag nichts bedeuten, Tag oder Nacht auch nicht. Er gibt seinem Tag Struktur mit
ein, zwei oder drei Operationen und dem Warten darauf.
Am Nachmittag steigt er zusammen mit drei weiteren Scharfschützen wieder auf
seinen Panzer und fährt zu einer afghanischen Polizeistation. Die Station besteht aus
einer Hütte aus Lehm und einem Wall. Sommerkorn soll von diesem Wall aus eine
Bergkette beobachten.
Vier afghanische Polizisten mit geröteten Augen und Kalaschnikows laufen über
den Wall und starren Sommerkorn an. Seine Augen wirken feindselig, aber vielleicht
sind sie nur ungewohnt blau.
"Vertraust du denen?", fragt einer der Scharfschützen.
"Nein", sagt Sommerkorn.
Drei der deutschen Soldaten richten ihr Gewehr auf die Bergkette, ein vierter
beobachtet die Afghanen. So, dass sie es nicht merken, aber auch so, dass er alle von
ihnen erschießen könnte.
"Als Scharfschütze ist dein Job eigentlich das Töten", sagt ein Soldat, der neben
Sommerkorn liegt, "da will man natürlich wissen, wie das ist. Es gibt drei
Möglichkeiten: Erstens, es ist nicht so dein Ding. Zweitens, es ist nicht schön, aber
okay. Drittens, es ist eigentlich ganz gut."
Sommerkorn kann 72 Stunden marschieren und danach so schießen, dass das
Projektil aus 1000 Metern einen Menschen trifft. Einen Menschen aus Pappe. Wie das
mit einem Menschen aus Fleisch wäre, weiß Sommerkorn nicht. Keiner der
Scharfschützen im Echozug hat jemals auf einen Menschen geschossen.
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Ein Afghane mit hennaroten Haaren klettert auf den Wall. Sommerkorn weiß
nicht, ob der Mann ein Polizist ist und wo er steht in diesem Krieg. Der Mann führt
einen der afghanischen Polizisten zu den Soldaten, greift seine Hand und sagt:
"Afghan soldiers very hard." Die Daumenkuppe des Polizisten ist halb abgeschnitten.
Sommerkorn funkt einen Sanitäter an.
"Water?", fragt der Rothaarige.
"No, thanks", sagt Sommerkorn.
"You have water?"
"Äh, yes", sagt Sommerkorn und nimmt vier Flaschen aus einem Rucksack.
Einer der Polizisten zündet einen Joint an und reicht ihn den Deutschen.
Sommerkorn schüttelt den Kopf und betrachtet die Afghanen, die rauchen, Wasser
trinken und ihn anlächeln.
"Da hinten in den Bergen liegt das größte Schmutzdorf in dieser ganzen
verkackten Provinz", sagt Sommerkorn, "da würde ich gern mal einen wegmachen."
Sommerkorn verarztet die Wunden der Afghanen, er gibt den Durstigen Wasser.
Er zeigt, wie die Strategie der Generäle funktioniert, "Winning Hearts and Minds",
"Herzen und Köpfe gewinnen", aber Sommerkorn will etwas anderes.
Die Taliban wollen einen Gottesstaat. Die afghanischen Polizisten wollen mit
Sommerkorn einen Joint rauchen. Sommerkorn will Taliban wegmachen.
Am nächsten Morgen haben sich die Blasen an seinen Füßen mit Flüssigkeit
gefüllt. Sommerkorn trägt Turnschuhe.
Die Befehle gibt ein Oberleutnant mit dem Brustkorb eines Gewichthebers, der
sagt, er sei Soldat geworden, weil er seinem Land dienen wolle. Als er nach
Afghanistan flog, postete er auf seiner Facebook-Seite: "Es lebe Deutschland!"
Nun schaut der Oberleutnant auf Sommerkorns Turnschuhe und sagt: "Echo 3
bleibt heute auf dem Russian Hill." Echo 3 ist die Gruppe der Scharfschützen.
"Wegen den Turnschuhen, oder was?", fragt Sommerkorn.
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"Ja", sagt der Oberleutnant. Sommerkorn geht zu seinem Feldbett, als er
zurückkommt, trägt er Stiefel und humpelt.
Die Patrouille marschiert in ein Dorf, und der Oberleutnant schüttelt die Hand
eines Mannes, der einen Kugelschreiber in der Hemdtasche trägt, was vermuten lässt,
dass er schreiben kann, das wäre etwas Besonderes in diesem Tal. Der Mann heißt Nu
Rahman, der Oberleutnant nennt ihn Bezirksbürgermeister.
Nu Rahman führt den Oberleutnant in sein Haus und serviert ihm Tee und
Vollkornfladenbrot. Als der Oberleutnant wieder aus dem Haus tritt, sagt er, Doktor
Nu Rahman habe darum gebeten, dass die Soldaten ihm ein paar Flaschen deutsches
Bier vorbeibringen, weil er ein Nierenleiden habe, das durch deutsches Bier kuriert
werden könne. Und er habe gesagt, bei den Amerikanern wisse jeder, warum sie in
Afghanistan einmarschiert seien, bei den Deutschen sei das anders.
Der Oberleutnant lächelt, als wäre das eine gute Nachricht. Die Soldaten
wandern weiter. Zurück bleiben ein winkender Nu Rahman und seine Frage: Was will
die Bundeswehr in Afghanistan?
Oberfeldwebel Sommerkorn humpelt nicht, als er an seinem Oberleutnant vorbei
durch das Eisentor am Russian Hill läuft. Bei jedem Schritt presst er die
Kieferknochen aufeinander.
Er sinkt auf sein Feldbett. Die Privatsphäre im Russian Hill spannt sich für jeden
Soldaten über 190 mal 65 Zentimeter und besteht aus reißfestem Polyamid.
Sommerkorn schaltet sein iPhone an und checkt, ob Jessika ihm gemailt hat.
Nachts schläft Sommerkorn auf einem Kissen, das seine Frau ihm geschenkt hat.
Darauf ist ein Foto gedruckt, es zeigt Christian, Jessika und Amy.
Sommerkorn sagt, er habe seine Familie noch nie so intensiv geliebt wie hier,
5000 Kilometer von zu Hause entfernt.
Der Krieg lässt die Soldaten Gefühle erleben, die stärker sind als vieles, was sie
kannten. Wut, Hass, Angst, an schlechten Tagen. An guten Tagen Mut, Hoffnung,
Liebe. Der Krieg verstärkt auch die Gefühle an den Tagen dazwischen, Tage, die nicht
gut sind und nicht schlecht, sondern nur leer.
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Diese Tage erlebt Sommerkorn im Observation Post North, dem Basislager der
Bundeswehr in der Provinz Baghlan. Der Observation Post North liegt auf einem
Berg, den 700 Soldaten und eine Milliarde Mücken bewohnen. Die Soldaten leben
dort in Zelten, die sie in den Staub gebaut haben. Der Staub kriecht in die Waffen und
scheuert zwischen den Beinen.
Es ist ein Donnerstag, Lariam-Tag.
Lariam ist ein Medikament, das vor Malaria schützt. Die Soldaten sollen es
einmal in der Woche schlucken. Lariam steht im Verdacht, bei manchen Menschen zu
Psychosen zu führen. Einige Soldaten schmeißen die Pillen in den Müll, andere
schlucken alle auf einmal.
Sommerkorn hockt vor einem Gasbrenner und erhitzt "Typ II Fertiggericht 2:
Indische Reispfanne 300 g". Die Männer haben diskutiert, ob es möglich sei, am
eigenen Ellenbogen zu lecken, und ob in München ein einarmiger Koch Buletten in
seiner Achselhöhle forme. Nun reden sie über Angst.
"Ich habe Angst, dass meine Tochter vergisst, wer ich bin", sagt Sommerkorn.
"Hättest du Angst, ein Ziegenei zu essen?", fragt ein Stabsgefreiter in
Surfershorts.
"Ich habe Angst, dass meine Frau und ich nicht wieder zusammenfinden, wenn
ich zurück bin", sagt ein Panzerfahrer.
"Für wie viel Geld würdest du ein Ziegenei essen?", fragt der Stabsgefreite.
"Ich habe keine Angst", sagt Sommerkorn, "was ich habe, sind einige ganz
besondere Fähigkeiten. Fähigkeiten, die ich mir im Laufe vieler Jahre angeeignet habe.
Fähigkeiten, die mich zum Alptraum machen für Typen wie Sie." Es ist ein Zitat aus
dem Film "96 Hours". In dem Film tötet ein Vater viele Menschen, und am Ende
umarmt er seine Tochter.
"96 Hours", "Apocalypse Now", "Black Hawk Down", manche Soldaten fahren
nach Afghanistan mit Bildern in ihrem Kopf, die sie aus Filmen kennen. Auch deshalb
wollen sie kämpfen, sie wollen Hauptdarsteller sein, Helden.
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"Ich lasse mich lieber hier unten ansprengen, als dass die bei uns zu Hause in die
Hochhäuser fliegen", sagt der Stabsgefreite in Surfershorts. Sommerkorn denkt für
einen Moment darüber nach, dann sagt er. "In welche Hochhäuser sind die denn bei
uns geflogen?"
Der Stabsgefreite schweigt, er nimmt eine Packung Kaugummis vom Tisch und
schiebt sich alle Kaugummis in den Mund. Er kaut ein wenig, dann spuckt er einen
Klops Kaumasse auf den Tisch.
"Gib's halt mir", sagt ein Oberfeldwebel mit kurzen schwarzen Haaren. Der
Oberfeldwebel heißt Julia Resch, sie ist 28, sie ist die einzige Frau in Sommerkorns
Zug. Der Stabsgefreite nimmt den Klops und wirft ihn durch die Luft, Resch steckt
sich die Masse in den Mund.
Das Kaugummi ist Teil von Reschs Strategie. Sie sagt, wenn sie will, dass die
Männer sie akzeptieren, müsse sie das Weibliche ablegen. Ekel vor Essen, das andere
im Mund hatten, ist weiblich.
Auf ihren Rücken hat Resch chinesische Zeichen stechen lassen, die übersetzt
bedeuten: "Der Weg ist das Ziel." Aber das Ziel von Julia Resch ist es, am Ende des
Weges anzukommen und so schnell gewesen zu sein wie die Männer.
Resch hat sich diesen Weg nicht ausgesucht. Die 34 Soldaten aus Sommerkorns
Zug kämpfen nicht freiwillig in Afghanistan, sie wurden dazu eingeteilt. Nun versucht
jeder von ihnen, den sechs Monaten Einsatz einen Sinn zu geben. Manche sparen die
täglichen 110 Euro Auslandszulage für eine neue Küche, Sommerkorn will wissen, ob
er töten kann, Julia Resch will beweisen, dass eine Frau genauso gut kämpfen kann
wie ein Mann.
Zieht eigentlich irgendjemand in diesen Krieg wegen des Kampfes gegen den
internationalen Terrorismus?
Am Abend, bevor Sommerkorn wieder auf den Russian Hill fährt, bekommt er
ein Paket von seiner Mutter.
2 Gläser Nutella, 2 Gläser selbstgekochte Erdbeer-Rhabarber-Marmelade, 1
Büchse grobe Leberwurst, 1 Stück Speck, 1 Büchse Mandarinen, 1 Tube Senf, 1
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Blutwurst, 2 Ritter Sport, 1 Brief. Es ist ein Karton gefüllt mit Deutschland.
Sommerkorn schreibt seiner Mutter in einer E-Mail: Danke für das tolle Paket. Du
weißt doch, dass ich keine Blutwurst esse.
Drei Tage später auf dem Russian Hill geht ein Mann zur Befehlsausgabe,
dessen Körper unter besonderer Spannung zu stehen scheint, wie eine Gerte, die man
biegt. Der Mann ist frisch rasiert.
Sommerkorn schlurft über den Kies. Als er den rasierten Soldaten sieht, macht
er sich gerade. "Guten Tag, Herr Oberstleutnant", sagt Sommerkorn.
Oberstleutnant Peter Stranow ist der Kommandeur im OP North, ein 43 Jahre
alter Mann mit Brille. Die Männer mögen ihn, weil er hart und gerecht führt und
manchmal den Mannschaftssoldaten zum Geburtstag gratuliert. Stranow hat außerdem
den Ruf, schneller rennen zu können als jeder seiner Infanteristen. Sein Codename auf
dem Funk ist Greyhound.
Stranow nimmt ein paar tiefe Atemzüge und sagt dann: "Ist schon ganz eigen
und schön hier."
"Schön" ist ein seltenes Wort in einem Kriegsgebiet. Stranow scheint im
Dahana-i-Ghori auch das sehen zu können, was es einmal war und irgendwann wieder
sein könnte. Ein Urlaubsziel bei Afghanen und Hippies, bekannt für die
Sonnenblumen, das Gras und einen Sternenhimmel, an dem die Milchstraße hell
strahlt.
Die Patrouille marschiert wieder zum Haus von Nu Rahman, vor dem
Grundstück sinkt Stranow auf ein Knie. Der Oberleutnant will noch mal mit Nu
Rahman reden. Nach einiger Zeit marschiert Julia Resch um die Ecke und sagt: "Alles
läuft gut, der Oberleutnant ist glücklich mit dem Gespräch."
"Und der Doktor?", fragt Stranow. "Ist der Doktor auch glücklich?"
Die Frage, ob die Afghanen glücklich sind über den Besuch der Bundeswehr,
scheint Resch nicht erwartet zu haben.
"Ich bringe das in Erfahrung, Herr Oberstleutnant", sagt sie und rennt.
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Stranow denkt darüber nach, ob die Afghanen glücklicher werden durch die
Arbeit seiner Männer. Die Bundeswehr hat in Baghlan den Auftrag, zwei Straßen zu
sichern. Die Straßen kommen aus Kunduz und Masar-i-Scharif, vereinigen sich im Tal
und führen weiter nach Kabul. Es sind wichtige Straßen. Stranow glaubt, dass hier
einige Menschen leben, die die deutschen Soldaten gern aus dem Tal sprengen
würden. Aber die Mehrheit der Menschen wolle sicher fahren, und deshalb mögen sie
die Bundeswehr, zumindest hofft Stranow das.
In deutschen Talk-Runden klingt es cool, wenn man sagt, nichts ist gut in
Afghanistan. Aber im Tal Dahana-i-Ghori sorgen Stranow und seine Männer dafür,
dass Väter ihre Töchter zur Schule fahren können, ohne auf dem Weg zu sterben.
Stranow weiß, dass viele seiner Männer sich den Kampf wünschen. "Wir
könnten den ganzen Raum frei von Taliban machen, aber dann haben wir vielleicht 20
tote deutsche Soldaten", sagt er.
Bei einem Verabschiedungsappell in Donaueschingen hat Stranow den
Angehörigen seiner Soldaten gesagt, dass er alles tun werde, damit ihre Söhne,
Männer, Brüder und Väter heil nach Hause kämen. Stranow hat drei Kinder. Sein
jüngster Sohn ist vier Monate alt.
Stranow glaubt, wer diesen Krieg gewinnen wolle, müsse die Menschen
gewinnen. Und mit Gewehrkugeln verliert man Menschen, auf beiden Seiten. Im
Zweiten Weltkrieg galt für Scharfschützen der Leitsatz: Töte einen, ängstige
Tausende. Heute im Krieg in Afghanistan sagt Oberstleutnant Stranow: "Es kann sein,
dass wir einen Talib töten und dadurch 50 neue gebären."
Aus einer Tür neben Stranow tritt ein afghanischer Mann. "Salam alaikum", sagt
Stranow. Friede sei mit dir.
"Tschetur hasti", sagt Stranow. Das ist Dari und heißt, wie geht's?
"Choda Hafes", sagt Stranow. Möge Gott dich schützen.
Der afghanische Mann bleibt stumm.
Manchmal ist es schwer, die Afghanen zu gewinnen, auch wenn man ihre
Sprache lernt und ihre Straßen sichert.
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Nach der Patrouille hält Stranow eine kurze Rede, sie handelt von Tapferkeit
und sicheren Straßen. Am Ende sagt Stranow: "Es bricht sich keiner was ab, wenn er
mal den Kindern winkt." Er schaut in die Runde und sagt: "Weitermachen."
Sommerkorn setzt sich mit den anderen Scharfschützen um einen Gasbrenner. In
der Nacht soll er auf einen Hügel klettern und einen Pass beobachten, über den die
Taliban ins Tal schleichen.
"Wir brauchen endlich einen TIC", sagt ein Mann mit Vollbart und Glatze. TIC
steht für "troops in contact" und bedeutet Gefecht. Der Mann heißt Andy, er ist
Sommerkorns Partner. Auf Andys linkem Arm steht in japanischen Schriftzeichen
"Stärke" und "Stolz", auf seinem rechten steht "Ehre" und "Mut". Auf seinen Hals
trägt er ein Tattoo, das das Eiserne Kreuz zeigt.
"Da ist ja irgendwo auch ein Druck, den ein Soldat hat, da hat man so lange
drauf hingearbeitet", sagt Sommerkorn.
Einer der Scharfschützen sagt: "Wenn du genau siehst, wie du jemanden
kaltmachst, wachst du in zwei Jahren auf und siehst die Fresse von dem Typen vor
dir."
"Wenn ich den Auftrag bekommen würde, eine Zielperson auszuschalten, ist das
für mich kein Mensch, sondern das ist ein Auftrag", sagt Sommerkorn.
Sommerkorn hält eine indische Reispfanne in der Hand und stochert mit seinem
Plastiklöffel in den gelben Körnern.
"Aber ich glaube, dass das Töten einen Menschen verändert", sagt Sommerkorn,
er überlegt, dann sagt er: "Natürlich will niemand irgendjemanden töten."
Man müsse das aus soldatischer Sicht sehen und aus menschlicher, sagt Andy.
Auf seinem Handy hat Andy einen Satz gespeichert, der aus den inoffiziellen Zehn
Geboten der Scharfschützen stammt. Das erste Gebot lautet: "Kämpfe fanatisch! Du
bist ein Menschenjäger!"
Andy und Sommerkorn versuchen, ihren Krieg aus soldatischer Sicht zu sehen.
Wenn Taliban auf sie schießen, werden sie zurückschießen. Sie müssen dabei nicht
nachdenken. Anders wäre es, eine Zielperson über Stunden beobachten zu müssen und
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dann der Person ein .300-Winchester-Magnum-Projektil in die Stirn zu schießen. Der
Schütze hätte Zeit zum Nachdenken. Er hätte die Wahl.
"Für mich ist das leichter", sagt der Bordschütze des Panzers, "für mich sieht das
über den Bildschirm aus wie ein Computerspiel, zu Hause spiele ich ja auch
Computer."
Die Soldaten sitzen auf ihren Betten und lauschen dem Zischen des Gaskochers.
Auf der anderen Seite des Stacheldrahts hört man Kinderstimmen.
Fünf Stunden später ist die Nacht mondlos, die Panzer fahren ohne Licht.
Sommerkorn und Andy springen bei laufendem Motor aus der Luke und verschwinden
in der Dunkelheit. Man hört nur ihre Gummisohlen im Sand. Der Berg ist steil und
kahl, oben ducken sich Andy und Sommerkorn in eine Kuhle. Der Berg ist ein
afghanischer Friedhof, ein Grabhügel. Andy und Sommerkorn wissen nicht, worin sie
liegen. Es kann eine gewöhnliche Kuhle sein oder ein Grab.
Andy schaut durch das Zielfernrohr des G22, Sommerkorn liegt daneben mit
einem Nachtsichtgerät. Häufig ist der erfahrenere Scharfschütze der Beobachter. "Der
Schütze schießt, der Beobachter trifft", das ist ein Satz, den die Scharfschützen gern
zitieren. Sommerkorn beschreibt Schießen wie die Arbeit eines Feinmechanikers. Wer
dieses Handwerk lernen will, brauche Geduld und eine gute Auffassungsgabe.
Vor einem Schuss atmet Sommerkorn dreimal tief, er berührt den Abzug mit
dem ersten Fingerglied des Zeigefingers, sucht den Druckpunkt, atmet ein Drittel der
Luft aus und summt leise, damit der Beobachter neben ihm weiß, was kommt.
Trifft das Projektil einen Menschen, dringt es in den Körper ein und formt ein
kleines Loch. Im Körper überschlägt sich das Projektil und reißt Knochen und Gewebe
mit. Sommerkorn sagt, die Austrittsstelle könne so groß sein wie ein Spiegelei.
Sommerkorn hat mit dem G22 mal auf ein Reh geschossen, nach dem Treffer sah es
zur Hälfte aus wie Ragout, sagt er.
Beim Abschuss fliegt das Projektil mit einer Geschwindigkeit von 910 Metern
pro Sekunde, fast dreimal so schnell wie der Schall. Ein Mensch, der ins Fadenkreuz
eines G22 gerät, ist tot, bevor er den Schuss hören kann.
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Sommerkorn sagt, Schmauch sei schon ein geiler Geruch. Ein schönes Gefühl
sei das, mal ein Gerät in der Hand zu halten, von dem man die Wirkung sieht.
Sommerkorn kennt die Wirkung, aber er sucht einen Sinn. Jeder Mensch braucht
einen Sinn, und je schwerer die Aufgabe wird, umso genauer muss der Mensch diesen
Sinn kennen. Amerikanische Soldaten haben ihre Flagge. Christian Sommerkorn hat
nur sein Handwerk und seinen Auftrag. Er arbeitet als Scharfschütze mit demselben
Anspruch, den er hatte, als er noch Zimmermann war. Die Bundeswehr hat ihn
ausgebildet zu töten, und nun wartet Sommerkorn aufs Töten. Aber der Auftrag allein
gibt diesem Töten keinen Sinn. Auf die Frage, warum er auf einen Menschen schießen
will, findet Sommerkorn nur die Antwort, dass er tun will, was er gelernt hat. Und
eigentlich will er ja nicht auf Menschen schießen. Sommerkorn weiß, dass er in einem
Widerspruch lebt. Man kann es nicht erklären. Es ist absurd. Es ist Krieg.
Sommerkorn und Andy beobachten seit zwei Stunden, bisher haben sie keinen
Menschen gesehen, nur eine Ratte.
Es gibt einsame Momente in Afghanistan. Sommerkorn denkt in solchen
Momenten manchmal an Jessika und Amy und an seine zehnjährige Tochter Felina,
die bei seiner Jugendliebe lebt.
Am 28. Juli dieses Jahres saßen Jessika, Amy und Christian im Auto auf dem
Parkplatz der Kaserne in Donaueschingen. Christian wollte es kurz machen, so erzählt
er. Er küsste seine Frau, beugte sich über seine Tochter, die im Kindersitz saß, und
sagte, dass er fort müsse und dass er sie liebe. Amy schaute ihren Vater an, streckte
ihre Arme aus und lachte.
Sommerkorn fragt sich, wie das wohl wäre für seine Mädchen, wenn sie in der
Schule sagen müssten, mein Vater ist in Afghanistan gestorben.
Seit Stunden liegen Sommerkorn und Andy auf dem Grabhügel, sie haben
geschwiegen, nun sagt Sommerkorn: "Ich glaube, die Deutschen wissen nichts von der
Belastung, die wir tragen."
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Vor seinem Einsatz haben Fremde Sommerkorn hinterhergeschrien: Soldaten
sind Mörder. Der Kommandant seines Panzers wurde angespuckt, erzählt er, als er im
Feldanzug nach Tübingen fuhr, um seine Mutter von der Arbeit abzuholen.
Viele Deutsche machen die Soldaten verantwortlich für diesen Krieg, den sie für
falsch halten. Ihnen ist egal, ob die Soldaten den Krieg auch nicht wollen.
Auf dem Hügel sagt Andy: "Was ist ein Esel mit einer roten Taschenlampe auf
dem Kopf?" Sommerkorn schweigt. Andy sagt: "Der afghanische Knight Rider."
Die Soldaten, die vor Sommerkorn in Baghlan dienten, kämpften mit ähnlichen
Problemen wie er. Am Ende ihres Einsatzes, so erzählen Sommerkorns Kameraden,
schossen die Soldaten in die Luft. Sie nannten sich "The Lost Battalion".
Diese Männer sind daheim, aber ihr Name verfolgt die Soldaten in Baghlan wie
ein Fluch. Sommerkorn dient im verlorenen Bataillon.
Als er drei Tage später in den Observation Post North fährt, ist noch immer kein
Schuss gefallen, es ist der 62. Tag in Sommerkorns Krieg, aber die Männer haben gute
Laune, weil sie Fladenbrot beim Afghanen gekauft haben. Sie wollen Zwiebeln
anbraten und mit einem Beamer den Film "Der letzte Lude" gucken.
Sommerkorn stürzt aus seinem Zelt, seine Augen sind aufgerissen. "Habt ihr das
gehört?", ruft er, er brüllt fast. "Ich habe gerade über Funk was von drei RPGs gehört."
RPGs sind Granaten.
Das Funkgerät krächzt. Aufständische haben im Norden von Baghlan auf eine
Patrouille gefeuert. Sommerkorn nickt, als über Funk die Nachricht kommt, dass die
U. S. Air Force zwei F-16-Jets schickt. Nach einer Stunde beruhigt sich die Lage, die
Kampfjets drehen ab, die Soldaten gehen duschen. Nur Sommerkorn hockt noch vor
einer Karte Baghlans und glei-tet mit seinen Fingern wie ein Feldherr über das Tal, in
dem er bis Februar dienen wird.
Die Bundeswehr hat Sommerkorn den Tag nicht genannt, an dem er
zurückfliegen wird, aber er denkt schon an das erste Essen mit Jessika bei
McDonalds's und an einen Caesar Salad mit Hähnchenbrust.
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Und er denkt an den Tag, an dem er im kommenden Sommer seine Uniform
ausziehen wird, wenn seine zwölf Jahre als Zeitsoldat vorbei sind und Sommerkorn
sein Abitur nachmachen wird. Danach würde er gern in der Justiz arbeiten oder im
Bundesamt für Güterverkehr. Eine Laufbahn als Beamter wäre schön, sagt
Sommerkorn, wegen der Sicherheit.
In der vergangenen Nacht auf dem Grabhügel hat Sommerkorn ein wenig in die
Sterne gesehen und darüber nachgedacht, dass Jessika, Felina und Amy daheim in
denselben Himmel schauen. Nur Sommerkorn weiß, was er in diesem Moment
gedacht hat über diesen Krieg.
Vielleicht könnte Oberfeldwebel Christian Sommerkorn am Ende durch das
Warten auf den Schuss mehr erfahren über sich und den Krieg als durch den Schuss
selbst. Eine Erkenntnis, die wenig gemein hat mit dem Bild von Krieg, das er aus
Filmen kannte. In der Nacht auf dem Hügel sagte Sommerkorn, leise, so dass der
Feind nichts hört: "Für mich ist das Wichtigste, dass ich nach Hause gehe und noch
der gleiche Mann bin."
Auch Oberstleutnant Stranow schaut an diesem Abend auf die Karte Baghlans,
er geht davor auf und ab in seinem Konferenzzimmer und plant, wie er auf den Angriff
reagieren wird. Am kommenden Morgen werden Truppen der Afghanen zusammen
mit der Bundeswehr ausrücken und nach Minen suchen. "Wir müssen ein Zeichen
setzen", sagt Stranow, er sitzt in einem großen Sessel, die Spannung ist aus seinem
Körper gewichen.
Morgen früh vor fünf Uhr wird Oberstleutnant Peter Stranow aufstehen und
wieder die Uniform anziehen mit der schwarz-rot-goldenen Fahne auf den Schultern.
Er wird auch seine Tarnhose überstreifen und wie jeden Morgen eine Postkarte in die
Beintasche stecken. Die Karte hat Stranow per Feldpost von seiner Tochter Lina
bekommen. Stranow trägt diese Karte immer bei sich, sie erinnert ihn an daheim,
daran, dass in einem Haus in Süddeutschland eine Frau und drei Kinder darauf warten,
dass er zurückkehrt aus diesem Krieg.
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Auf der Postkarte steht nur ein Satz, geschrieben in der Schrift eines
siebenjährigen Mädchens: "Lieber Papa, ich habe mich heute gefragt, warum du
Soldat geworden bist. Bitte antworte."
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Elterntage
Viele Millionen chinesische Wanderarbeiter sehen ihre Kinder nur ein einziges Mal im
Jahr, zum Neujahrsfest. Miaomiao und Qinglong gehören zu ihnen
Xifan Yang, Nido, 03.03.2012
Zwei Wochen noch bis chinesisch Neujahr, noch vier Nacht und vier Tagesschichten,
bis Miaomiao wieder Mutter ist. Eine Fabrik in der Textilstadt Shengze, hundert
Kilometer vor Shanghai: In einem Hinterhof stellt „Meishida Textilwaren“ geblümte
Vorhänge für den Export her. Ein Lärm wie von tausend Maschinengewehren.
Miaomiao, gelbe Daunenjacke, fohlenschlanke Beine, linealgerader Pony, schwirrt wie
eine Biene um meterlange Stickmaschinen, spannt Stoff, fädelt Garn ein, schmiert Öl
auf Scharniere. Die Maschinen dürfen nie stillstehen, das ist ihre Aufgabe. Wenn sie
laufen, vergeht der Zwölf-Stunden Tag schnell, sagt sie. Langsam vergeht er, wenn
Fäden reißen und rote Lämpchen blinken. Heute blinken viele rote Lämpchen, halb im
Stehen, halb im Rennen schlingt Miaomiao ihr styroporverpacktes Mittagessen
hinunter.
Wenig erinnert Xiong Miaomiao, 26, an solchen Tagen an ihre Tochter Yi, 6, und
ihren Sohn Muyuan, 2. Auf ihrem pinken Klapphandy schaut sie sich Videos vom
letzten Sommer an, als die Kinder zu Besuch waren. Yi trägt ein weißes Kleidchen und
versucht auf einer Parkbank im Shanghaier Zoo ihrem Bruder die Wasserflasche zu
entreißen. Der kleine Muyuan heult, während die Eltern vor Wolkenkratzerkulisse
versuchen, ein Familienfoto zu schießen. An den Wänden des 12-QuadratmeterZimmers in der grauen Barackensiedlung, wo Miaomiao mit ihrem Mann für 150 Yuan
Monatsmiete, umgerechnet 18 Euro, lebt, hängen sorgfältig eingeschweißt Kinderbilder
aus dem Fotostudio, auf ihnen steht in bunten Schriftzeichen „Gänseblümchen tanzen
tanzen“.
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Zumindest lebt sie wieder mit ihrem Mann zusammen. Fast fünf Jahre lang arbeiteten
die beiden in verschiedenen Städten, sie in der 200 000 Einwohner-Industriestadt
Shengze, er auf Großbaustellen in Shanghai, wo er Grundwasser aus Kellergruben
pumpte. „Kein Leben war das“, getrennt als Ehepaar, sagt Yang Qinglong, 33. Während
Miaomiao noch Schichtdienst hat, sitzt er in einer braunen Steppjacke auf dem Bett des
Mietzimmers. Ein blauer Elektroroller, eine Kochplatte und ein Wok, ein paar
Thermoskannen, Kleidung, das ist die gesamte Habe der beiden. Miaomiao hat sich
selbst einige Wochen in Shanghai auf dem Bau versucht. Sie hielt die schwere Arbeit
und den Dreck nicht aus, also lässt sich Qinglong in Shengze nun auf Textil umschulen.
Er hofft, dass er als Mann in einer Färberei unterkommt, die sind bei Arbeiterinnen
wegen des Chemiegestanks unbeliebt. Bis dahin hilft er Nachbarn beim
Altpapiersammeln.
Die Kinder sind 600 Kilometer weit entfernt. Miaomiao und Qinglong mussten sie bei
seinen Eltern in seinem Heimatdorf in der Provinz Anhui zurücklassen – so machen das
alle Kolleginnen in der Fabrik, so machen das die Arbeiter auf dem Bau, so machen das
unzählige Wanderarbeiter in China. Die Eltern schuften in der Fremde, Oma und Opa
ziehen daheim die Kleinen groß, geschätzte 58 Millionen Kinder wachsen so auf in
China. „Es geht nicht anders“, sagt Miaomiao, ihr Blick geht ins Leere. Sie sieht ihre
Kinder ein, zwei Mal im Jahr. „Nainai“, Großmutter, war das erste Wort, das ihr Sohn
lernte.
In diesem Jahr fällt das chinesische Neujahrsfest auf den 23. Januar. Die Wirtschaft in
Europa kriselt. Das ist schlecht für die Auftragsbücher der Fabriken. Das ist gut, weil
Miaomiao und Qinglong eine Woche früher als sonst nach Hause fahren können. Yi, die
Tochter, fragt seit Tagen am Telefon: Wann kommt ihr, wann kommt ihr? Was bringt
ihr mit?
Am Morgen der Heimreise verlassen Miaomiao und Qinglong um kurz nach sechs
ihre Wohnbaracke und blinzeln in die kalte Januarsonne. Sie haben sich schick
gemacht: Miaomiao trägt statt Turnschuhen schwarze Stiefeletten mit Absatz, unter
Qinglongs Steppjacke blitzt sein bestes Hemd hervor.
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Mit einer Sporttasche und zwei zu Gepäckstücken umfunktionierten Farbeimern, darin
Milchpulver, Fruchtbonbons, Spielzeugautos und Kinderschuhe, gehen sie vorbei an
monströsen grauen Betonblöcken und neonbeleuchteten Kaufhäusern, an schummrigen
Friseursalons und klapprigen Frühstücksständen.
Vor dem Busbahnhof strömen Menschen aus allen Richtungen auf die Wartehalle zu.
Männer und Frauen aus den Webereien, Nähereien und Stickereien, Paketkuriere,
Putzfrauen. Sie schleppen koffergroße Plastiktaschen und 50-Kilo-Reissäcke. Das
Wanderarbeitergepäck ist so provisorisch wie das Leben der Träger, die alle einst aus
dem Hinterland in die Stadt kamen, um die Armut hinter sich zu lassen. Jetzt fahren sie
nach Hause und das chinesische Wirtschaftswachstum macht eine Verschnaufpause. In
vielen Werken werden wochenlang die Fließbänder stillstehen.
Aufgekratzte Ferienstimmung im Bus. Zehn Stunden Fahrt und eine Stunde Fußweg
liegen vor Miaomiao und Qinglong. Sie setzen sich in eine der hinteren Reihen,
verstauen ihr Gepäck und erfreuen sich am Fortschritt im Kleinen. Zum Neujahrsfest
setzt in China jährlich die größte Migrationsbewegung der Welt ein, hunderte Millionen
Menschen machen sich auf den Heimweg. Halsabschneiderische Ticketpreise und
überlaufende Klos gehören auf vielen Strecken ebenso dazu wie Massenpanik und
Knochenbrüche. Doch das Paar hat dieses Jahr Glück, der Bus ist modern und beheizt,
die Sitze sind sauber. Im Fernseher läuft ein chinesisches MTV-Imitat, der Fahrer singt
die Schmachtlieder lauthals mit und unternimmt abenteuerliche Überholmanöver von
rechts. Miaomiao schaut aus dem Fenster und bewundert die nagelneue Autobahn. Als
die Scheibe von innen beschlägt, döst sie langsam weg.
Nach acht Stunden steigen Miaomiao und Qinglong in einen schäbigen Minibus um.
Es gibt fünfzehn Sitze für 25 Leute, die Zuspätgekommenen quetschen sich im Gang
auf Holzschemel. Je ärmlicher die Dörfer aussehen, desto schöner wird die Landschaft:
Schneebedeckte Bambushaine schmiegen sich an die Hänge, in den Tälern ruhen
Reisterrassen. An den Bachufern hocken Frauen und schrubben im eiskalten Wasser
Wäsche.
Miaomiao erzählt von der Fernerziehung. Einmal die Woche telefoniert sie mit den
Kindern. Natürlich kriegt sie das meiste nicht mit. Wie Yi eingeschult wurde. Wie
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Muyuan seine ersten Schritte machte. Nicht alle Frauen in der Fabrik schaffen es jedes
Jahr nach Hause, es gibt Kolleginnen, die ihre Kinder seit drei Jahren nicht gesehen
haben. Die Mütter tauschen sich untereinander aus: Haben die Kinder die richtigen
Klamotten an? Sind Oma und Opa streng genug mit den Hausaufgaben? Sprechen deine
auch so wenig? Ein chinesisches Lied zum Muttertag geht etwa so: „Mama ist die
Liebste auf der Welt, und Kinder sind ihre Lieblinge.“ Zurückgelassene Dorfkinder
haben die Zeile umgedichtet und singen: „Mama ist die Böseste auf der Welt, hat zwar
Kinder, kümmert sich aber nicht.“ Miaomiao steigen die Tränen in die Augen. „Es geht
nicht anders“, sagt Qinglong. Zu Hause gibt es keine Jobs. Draußen verdienen sie in
guten Monaten zusammen 6000 Yuan, 720 Euro im Monat. Um später ein Haus und die
Ausbildung der Kinder bezahlen zu können, müssen sie die Hälfte davon sparen.
Qinglongs Bruder hat eines seiner beiden Kinder, den Sohn, in die Stadt geholt. Die
zwölfjährige Tochter Yue lebt wie Muyuan und Yi bei den Großeltern. Da die
Schwägerin nun nicht mehr arbeiten kann, fällt die Hälfte des Einkommens weg.
Außerdem werden Wanderarbeiterkinder vom chinesischen Hukou-Meldesystem
diskriminiert. Normale Schulen in den Städten nehmen sie nicht auf, für
Migrantenschulen müssen die Eltern hohe Gebühren zahlen.
Hinter einem Kioskgeschäft an der Landstraße beginnt der unbefestigte Weg zu
Qinglongs Heimatdorf. Der Frost hat ihn zu einer steinharten Rumpelpiste erstarren
lassen. Der Fahrer traut sich nicht weiter, aus Angst, die Scheiben könnten zerspringen.
Zu Fuß geht es einen gewundenen Pfad hinauf, an Reisfeldern entlang, durch dichten
Wald, am Wegrand scheint schwaches Licht aus erdbraunen Lehmhäusern. Auf halbem
Weg kommt der Großvater im dunkelblauen Mao-Anzug und mit aufgerissenen
Stoffschuhen entgegen. Er atmet weiße Wolken, sein Gang ist schwer. „Ihr seid
zurück.“ Er nimmt seinem Sohn die beiden Plastikeimer ab und hängt sie an die Enden
eines Bambusstabes, auf der rechten Schulter balanciert er das Gewicht die übrigen
zwei Kilometer hoch.
Das Dorf Lao Yang Jia, „das alte Zuhause der Yangs“, thront in 500 Metern Höhe auf
dem Berg. Eingebettet zwischen Kiefern liegt der Hof der Großeltern. Hühner scharren
über den Boden, über der hölzernen Eingangstür des schmucklosen Bauernhauses
hängen geräucherte Schweineschwarten und Enten und ein Schild, auf dem in Gold auf
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Rot sinngemäß steht: „Tretet ein, Reichtum und Schätze“. In der rußschwarzen Küche
gießt die Großmutter gerade Öl in den Wok, über dem offenen Feuerofen zischt eine
Stichflamme hoch. Da sind sie. Tochter Yi steht wie festgewachsen in der Tür. Der
zweijährige Muyuan versteckt sich halb hinter einem Schrank und schielt fragend zu
den Besuchern, seinen Eltern. „Wir sind zurück“, sagt der Vater und hebt Yi an seine
Brust. „Papa“, gluckst sie und schwenkt ihre Zöpfe. Beide gucken etwas unbeholfen.
So ist es immer am Anfang, hat Miaomiao auf der Fahrt erzählt. Nachdem die
Geschenke ausgepackt sind, wird es etwas besser. Yi spielt mit den Plastiklastern und
probiert ihre neuen Klettverschlussschuhe an, Muyuan scheppert mit seinem
Spielzeuggeschirr durch die Wohnstube. Das Thermometer zeigt minus zwei Grad an,
drinnen ist es genauso kalt wie draußen. Nach dem Abendessen sammelt sich die
Familie um die einzige Wärmequelle im Haus, eine gusseiserne Schale mit glühenden
Kohlen, die die Großmutter regelmäßig aus der Küche holt. Muyuan gebärdet sich wie
ein kleiner Diktator. Niemand darf an seine Tüte Bonbons, immer wieder lässt er sich
auf den Hintern fallen, schreit nach Opa und Oma, bis der Großvater nachgibt und ihn
auf Händen trägt. Der Vater sitzt daneben und sagt: „Belohnt, wenn ihr belohnen sollt,
aber schimpft, wenn ihr schimpfen müsst.“ Die Mutter sagt: „Lasst euch nicht alles von
ihm gefallen.“
Die Großeltern ziehen mit den drei Enkeln in die ehemalige Scheune um – dort teilt
sich die Großmutter mit den Kindern ein Bett, der Großvater schläft auf einer Liege.
Das Schlafzimmer überlassen sie Sohn und Schwiegertochter. Miaomiao und Qinglong
ziehen nur Jacke und die äußerste Schicht Hose aus, dann legen sie sich bis zu den
Haarspitzen unter zwei Decken, die Kälte ist im Schlaf sonst nicht auszuhalten. Aus
dem Getreidespeicher unterm Dach kommen Poltergeräusche. Es sind die Ratten.
Miaomiao seufzt. Die Kinder freuen sich ja. „Aber mit uns im selben Bett schlafen
wollen sie nicht.“
Miaomiao verließ ihr Zuhause nach neun Jahren Dorfschule. Mit siebzehn ging sie in
die Textilstadt. Sie stammt aus einer wohlhabenderen Gegend, im Tal, ihr Heimatdorf
liegt direkt an einer Straße. Ihren Eltern war Qinglong darum anfangs nicht gut genug.
Der steile Aufstieg, sagten sie, willst du dir das wirklich antun, Tochter? Die
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sechsjährige Yi kam bei den Schwiegereltern zur Welt. Es lag hoher Schnee, als die
Wehen am Abend einsetzten, nachts um zwei machte sie sich mit Qinglong an der Seite
und einer Taschenlampe auf den Weg ins Tal. Sie konnte vor Schmerzen kaum gehen,
erst um sechs Uhr morgens erreichten sie das Krankenhaus. Nicht immer schaffen es die
Mütter aus dem Dorf in den Kreisssaal, viele haben ihre Kinder auf den Feldern neben
dem Bergpfad geboren.
Miaomiao und Qinglong opfern ihre Elternjahre für die Zukunft der Kinder. Sie essen
in der Textilstadt für zehn Yuan pro Mahlzeit, 1,20 Euro, sie gehen nie aus, Obst kaufen
sie nur am Wochenende. Dafür sollen Yi und Muyuan später eine gute Ausbildung
haben.
Qinglong sitzt neben den heißen Kohlen, schält eine Orange und sagt zu seiner
Tochter: „Strengt euch an in der Schule, dann habt ihr später ein einfacheres Leben als
wir.“ Er und seine Frau gehen auf Wanderschaft, damit die Kinder es nicht mehr tun
müssen. Sie sind heute schlechte Eltern, damit die Kinder morgen bessere sein können.
Das ist der chinesische Generationenvertrag.
Etwas dreckig im Gesicht sind die Kinder, findet Miaomiao. Muyuan verfällt wie auf
Knopfdruck in herzerschütterndes Geheule, will Süßes, will getragen werden, will Auto.
Yi will sich nicht selbst anziehen und zieht eine Trotzschnute. Was soll man machen,
meint Miaomiao: „Oma und Opa tun die Kinder leid, weil wir nicht für sie da sind.
Warum also unnötig streng sein? Wir sehen sie nur ein, zwei Mal im Jahr. Warum also
unnötig streng sein?“ Dass die Kinder sich an das Abschiednehmen gewöhnt haben,
erleichtert Miaomiao und macht sie gleichzeitig traurig. „Inzwischen weine nur noch
ich. Wenn wir gehen, spielen die Kinder und ignorieren uns.“
Auch Qinglongs Bruder, die Schwägerin und ihr achtjähriger Sohn sind inzwischen
nach Hause gekommen, die Familie ist jetzt vollzählig. Yue, Muyuans und Yis Cousine,
freut sich über das Wiedersehen mit ihrem kleinen Bruder. Die meisten jungen Leute
sind nun ins Dorf zurückgekehrt, sie tragen die Mode aus der Stadt, bunte
Daunenjacken, enge Jeans und Turnschuhe, wie man sie in Musikvideos sieht. Zu
Hause ziehen sie sich einen Baumwollüberzug an, eine Mischung aus Schürze und
Umhang, damit das Outfit nicht dreckig wird. Ein Drittel der Höfe ist verwaist, die
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Schlösser an den Türen sind verriegelt, die Äcker liegen brach. Wer es sich als
Wanderarbeiter leisten kann, holt Kinder und Großeltern nach, viele Familien kehren
der alten Heimat ganz den Rücken. Qinglong und sein Bruder rauchen, knabbern
Sonnenblumenkerne. „Wie viel hast du dieses Jahr verdient?“ fragt der Bruder. „35 000.
Gerade ist es schwierig.“ – „Der Großonkel von drüben hat sich gerade einen
Flachbildfernseher und eine Klimaanlage gekauft.“ – „Unsere Eltern wollen das
sowieso nicht.“ Sie reden über den kleinen Fu, den sie noch von der Dorfschule kennen.
Der habe es auf dem Bau schlau angestellt und sich als Subunternehmer selbstständig
gemacht, jetzt ist er Multimillionär und fährt zum Neujahrsfest in einem bronzefarbenen
Porsche Cayenne vor.
Am Vorabend des neuen Jahres richtet die Familie den Schrein für die Ahnen her.
Brennende Kerzen in einer Reihe, der Großvater schüttet als Gabe Schnaps auf den
Boden, die Kinder zünden Papiergeld an, jeder macht drei Kotaus. Die Großmutter
spricht ein Gebet, auf dass die Kinder gut lernen mögen und die Eltern Erfolg haben.
Draußen böllern die Nachbarn, als gäbe es kein
Morgen, das Dorf versinkt in Qualm. Die Frauen bringen die Festgerichte an den
Tisch: Rind, Lamm, Huhn, den geräucherten Schinken und
die Ente, die über der Tür hingen. Auf dem ersten Staatssender läuft die traditionelle
Neujahrsgala. Die drei Generationen der Familie Yang sitzen vor dem Fernseher und
falten Teigtaschen. Ein Moderator im Samtsmoking preist das neue China, die Bühne
betreten Revolutionsbesinger, Letzte-Kaiser-Darsteller, Popstars, Hiphop-Tänzer und
Comedyclowns. Jedes dritte Lied handelt von Familientrennung und Heimweh. Die
Titel heißen „Mutter hat’s nicht leicht“, „Öfter nach Hause fahren“, und „Macht euch
keine Sorgen“, Seelenbalsam für Hunderte Millionen mobile Chinesen.
Staunen über die moderne LED-Bühne, die sich binnen Sekunden von einem Kornfeld
in eine Hochhausschlucht verwandet. „So was gab’s in unserer Kindheit nicht“, sagt
Qinglong zu den anderen, aber auch ein bisschen zu sich selbst. Der Großvater nickt:
„Es geht aufwärts.“ – „Was wir heute alles für Möglichkeiten haben“, sagt der
Bruder und fasst die Schwägerin an der Hand. Miaomiao ist mit Yi und Muyuan im
Arm eingeschlafen.
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In der Ferne heulen Feuerwerksraketen.
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