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wissenschaftliche hausarbeit
Yvonne Brenner
Wissenschaftliche Hausarbeit
Die Entwicklung von Identität und Individualität als geschlechtsspezifisches Problem, dargestellt an
Biographien jugendlicher Realschülerinnen
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WISSENSCHAFTLICHE HAUSARBEIT
Erste Staatsprüfung für das Lehramt an Realschulen
Thema:
Die Entwicklung von Identität und Individualität als
geschlechtsspezifisches Problem, dargestellt an Biographien
jugendlicher Realschülerinnen
vorgelegt von
Yvonne Brenner
eingereicht bei der
Pädagogischen Hochschule Heidelberg
Referent: Prof. Dr. Wolf Brixner
Koreferent: Dr. phil. Franz Josef Geider
Heidelberg, den 20. Juli 2002
Yvonne Brenner
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort
S. 4
1. Nichts ist unmöglich – Einleitung zum Thema
S. 6
2. Auf diese Steine können sie bauen – der Prozess der
S. 8
Persönlichkeitsentwicklung
2.1. Das Säuglingsalter
S. 9
2.2 Das Kleinkindalter
S. 10
2.3. Das Großkindalter
S. 11
2.4 Das Jugendalter
S. 11
2.4.1. Entwicklung als Stufenfolge nach Gustav Brandt
3. Vertrauen ist der Anfang von allem –
S. 12
S. 15
Identitätstheorien der Forschung
3.1. Freud und die Tiefenpsychologie
S. 15
3.2. Erikson und das Entwicklungsmodell der Persönlichkeit sowie die Phasen
der Identitätsentwicklung
S. 19
3.3. Die Selbsttheorie nach Rogers
S. 27
3.4. Havighurst und seine Entwicklungsaufgaben
S. 29
4. Just be – geschlechtsspezifische Sozialisation in unserer Gesellschaft S. 32
4.1. Ergebnisse kulturvergleichender, psychologischer und biologischer
Forschung
S. 32
4. 2. Psychologische Basistheorien:
S. 32
4.2.1. Die Lerntheorie
S. 32
4.2.2. Der Erwerb der Geschlechtsidentität aus der Sicht der kognitiven
Entwicklungspsychologie
S. 33
4.3. Aspekte geschlechtsspezifischer Sozialisation
S. 34
4.4. Frühkindliche Entwicklung und Geschlechtsrollen
S. 35
4.5. Wahrnehmung und Geschlecht als Soziale Rolle
S. 37
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5. Die Freiheit nehm ich mir – die Suche nach der Identität
S. 40
5.1. Identitätsaufbau
S. 41
5.1.1. Name, Daten, Fakten – die gespeicherte Identität
S. 41
5.1.2. Optisches, visuelles Bild – die repräsentative Identität
S. 41
5.1.3. Charaktereigenschaften – die „versteckte“ Identität
S. 41
5.1.4. Soziales Umfeld – die anerzogene Identität
S. 42
5.1.5. Tiefenstruktur – die durch Gene vorbestimmte Identität
S. 42
5.1.6. Grafik zum Identitätsaufbau
S. 44
6. Entdecke die Möglichkeiten – Frau werden, Frau sein, Frau bleiben ↔
weibliche Identität
S. 46
6.1. Frauenbild heute
S. 46
6.2. Das Frauenbild im geschichtlichen Vergleich
S. 46
6.3. Die Entwicklung des Frauenbildes im letzten Jahrhundert
S. 48
6.3.1. Die Emanzipation als Frauenbewegung
S. 49
6.3.2. Frauen im Beruf, Frauen in der Politik, Frauen in der Familie S. 49
6.3.3. Alice Schwarzer, die Feministinnen und die Homosexualität
6.3.4. Frau und Mutter als Aufgabe und Lebenswerk
S. 51
S. 52
6.3.5. Der Willen, die Möglichkeiten und die Gene als Grundlage der
Identitätsentwicklung
S. 52
6.3.6. Girl-Power und Partyluder
S. 56
6.3.7. „Erlaubt ist, was Spaß macht!“
S. 57
6.3.8. Idole, Vorbilder und der eigene Weg
S. 57
6.4. Eriksons Modell und die Identitätsentwicklung heute
S. 59
6.6. Ausblick, Rückblick oder einfach Sammlung der Tatsachen
S. 64
7. Mich muss man erlebt haben – Biographien jugendlicher
S. 65
Realschülerinnen
7.1. Kurzportraits
7.1.1. Anja 14, 11 Jahre
S. 66
S. 66
„Das wichtigste in meinem Leben ist mein Pferd!“
7.1.2. Elena 14, 9 Jahre
S. 67
„ Ich würde sehr gerne Schauspielerin werden, aber mir fehlt das Talent
dazu.“
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7.1.3. Stella 15, 4 Jahre
S. 69
„ Meine Freunde beeinflussen mich gar nicht. Ich mache immer, was ich
will!“
7.1.4. Susanne 15, 8 Jahre
S. 70
„Mein ältester Bruder ist mein Lieblingsbruder, er fährt mich manchmal ins
Kino.“
7.1.5. Hanna 15, 4 Jahre
S. 71
„Punks sind cool, die geben nichts auf die Meinung von anderen.“
7. 2. Auswertung der Biographien im Bezug auf die Entwicklung der Identität
S. 72
8. Geht nicht, gibt’s nicht - Resümee des Gesagten und Ausblick auf die
weibliche Identitätsbildung heute
S. 76
9. Literaturverzeichnis
S. 79
10. Anhang
S. 83
Materialband wird gesondert abgegeben.
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Vorwort
Wer bin ich?
Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.
Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich spräche mit meinen Bewachern freundlich und klar, als
hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig, lächelnd und
stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist.
Bin ich wirklich das, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir
einer die Kehle, hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach
guten Worten, nach menschlicher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste
Kränkung, umgetrieben vom Warten auf große Dinge, ohnmächtig bangend um Freunde in
endloser Ferne, müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen, matt und bereit, von
allem Abschied zu nehmen.
Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich heute dieser und morgen ein anderer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich
wehleidiger Schwächling? Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer, das in
Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?
Wer bin ich?
Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer bin ich, du kennst mich,
dein bin ich Gott.
Dietrich Bonhoefer
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Dieses Gedicht von Bonhoefer ist mir als eines der ersten Schriftstücke zum Thema
Identität in die Hände gekommen. Es passt nicht ganz zum Thema meiner Arbeit und
dennoch wollte ich es einbringen, weil ich es sehr schön finde und es für mich die
Differenz zwischen Selbstbild und Fremdbild sehr deutlich widerspiegelt.
In den letzten Monaten habe ich mich nun sehr viel mit dem Thema der Identität und
dadurch natürlich auch meiner individuellen Identität auseinandergesetzt.
Ich kann nicht genau sagen, ob ich jetzt mehr über mich weiß oder nicht. Sicher ist
aber, das sich mein Blickwinkel teilweise verändert hat und es gibt vieles, was mich
beschäftigt hat und auch weiterhin beschäftigen wird.
Mein Interesse an dem Thema wurde geweckt durch die, wie in meiner Arbeit
hoffentlich zu erkennende Tatsache, dass der Mensch eigentlich immer auf der Suche
nach seiner Identität ist, es keine klare Antwort gibt und es dadurch alles richtig
spannend wird.
Mein Dank gilt all denen, die mich während dieser „doppelten Identitätssuche“
begleitet, unterstützt und oftmals auch „ertragen“ haben.
Yvonne, die mir mit Kuchen, Kaffee, offenem Ohr und der Korrektur zur Seite stand;
Uli, der mit seinem Können und Talent meine Idee in eine tolle Grafik umsetzte; der
Realschule Pfedelbach, besonders Herrn Jakob und den Schülerinnen, die ich
interviewen durfte; meiner Mitbewohnerin, die mich mehr als einmal genervt
ertragen musste; Herrn Brixner für die ‚direkten’ Worte; bestimmten Personen, weil
sie mir sagten, das sie an mich glauben und all denen die mir immer wieder zuhörten
und mich motivierten.
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1. Nichts ist unmöglich – Einleitung zum Thema
Wer sind sie eigentlich wirklich?
von Claus Beckenbach
Wenn sie wirklich ganz sich selber wären, also nicht die Verkäuferin Müller, die Ärztin Meier
oder der Beamte Schmitt und auch kein Arbeitsloser, der versuchen muss, dauernd einen
guten Eindruck zu machen, wer wären sie dann?
Sind sie wirklich die Person, von der alle sagen „typisch Fritz, typisch Ilse“? Angenommen, wir
melden uns morgen bei Ihnen, um ihre Lebensgeschichte zu schreiben. Dann wissen sie im
Voraus, dass Sie das nicht sein werden. Sie, der Bundestagsabgeordnete, der eigentlich
lieber Rosen züchtet oder Sie, die Redakteurin, die viel lieber Topflappen häkelt als schreibt.
Alle müssen Rücksicht nehmen, müssen diplomatisch sein, müssen vorsichtig sein, müssen
sich ihren Vorgesetzten anders darstellen, als sie wirklich sind. Denken sie einmal an den
Bundeskanzler, an den Bundestagspräsidenten oder an Ihren Abgeordneten. Wie sind diese
Leute wirklich? Wie sind sie, wenn sie wirklich sich selbst wären.
Manchmal schimmert sie ja schon durch, die Erinnerung an uns selbst. Und die Frage taucht
auf: Sind wir allesamt Lügner? Lügen wir zum Selbstzweck? Wer sind wir wirklich, wenn wir
uns selbst wären? Wollen und können wir uns selber sein? Sind wir wirklich nur die Kopie von
der Kopie von der Kopie?
Also gut. Wer sind Sie wirklich?
(Quelle: Wochen –Kurier Heidelberg, 03.07.2002)
Vor kurzem hatte ich ein Gespräch mit einem entfernt Bekannten der mir sagte, dass
ich jemand anders sein wolle als die, die ich bin.
Diese Aussage machte mich etwas nachdenklich. Nicht, weil ich dieser Person Recht
geben möchte, sondern weil ich mich dadurch fragte, wer ich den nun eigentlich bin
und bedingt daraus auch, wie ich bin und wie mich andere sehen.
In dem oben angeführten Zeitungsausschnitt ist es, nach meiner Meinung, schön zu
erkennen, dass man vielerlei „Gesichter“ hat und trotzdem “Ich“ sein kann bzw. auch
ist.
Individualität bekommt man von Geburt an mit auf den Lebensweg, das ist nichts,
was sich entwickelt. Niemand sonst auf der Welt besitzt genau die gleiche
Individualität wie eine Person. Natürlich kann man jetzt sagen, dass es sich mit der
Identität ebenso verhält, doch das sehe ich anders. Identität entwickelt sich, sie
entfaltet sich sogar. Eine Identität, über den Personalausweis hinaus, braucht einen
langen, lebenslangen Prozess.
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Es gibt in der Literatur eine große Anzahl verschiedener Formen und Arte der
Identität.
Nur um ein paar Beispiele zu nennen:
Die narrative Identität:
Hier ist die Identität die erzählende Antwort auf die Frage: „Wer bin ich?“ zu
verstehen. Es ist der soziale Herstellungsprozess jener Bilder und Konzepte, mit
denen Menschen sich eine Vorstellung von ihrer Wirklichkeit und von sich selbst
machen. (Vgl. Lexikon der Psychologie)
Die nationale Identität
Stark affektiv besetzte Identifikation mit Werten der eigenen Nation.
(Vgl. Lexikon der Psychologie)
Die Offline und Online Identität
Die Online Identität ist die Selbstdarstellung innerhalb einer virtuellen Realität. Fern
ab von der Face-to-Face Kommunikation stellt man sich anders dar (meist verbal) als
man wirklich ist. Hierbei kann es um Provokation, Manipulation, Spiel oder
Selbstexploration gehen. Die Offline Identität wiederum ist diejenige, im
Zusammenhang mit der Online, welche die „übliche“ Identität kennzeichnet.
(Vgl. Lexikon der Psychologie)
Nach der subjektiven Identität fragt man „Wie bin ich?“, nach der objektiven
Identität mit „Wie möchte ich sein?“ und nach der zugeschriebenen Identität mit
„Für wen hält man mich?“. (Vgl. Referat M. Brenner, „Identität - was ist das?“)
Die Bildung von Identität erfolgt in Abhängigkeit von der Erziehung des
Individuums, an seiner Orientierung an anderen (Eltern, Freunden, Stars, Religionen,
Politik, usw.) und der durch Gene vorbestimmten Tiefenstruktur.
Auf jeden Fall entwickelt sich die Identität durch verschiedene Ereignisse und
Umstände individuell.
Mit der Frage, in wie weit Identität angeboren bzw. anerzogen ist, werde ich mich in
den folgenden Kapiteln befassen.
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Eine eindeutige und klare Antwort gibt es in der Literatur (noch) nicht, doch einen
Weg, einiges besser zu verstehen.
Ich bin nicht, was ich sein sollte,
ich bin nicht, was ich sein werde
und ich bin auch nicht mehr, was ich war.
(Erik H. Erikson)
2. Auf diese Steine können sie bauen – der Prozess der
Persönlichkeitsentwicklung
Die Entwicklungspsychologie der vergangenen Jahre stellte die Frage nach den
manigfachen Bedingungen, den Faktoren und Variablen, die an einem menschlichen
Entwicklungsprozess beteiligt sind und nach den möglichen Gesetzmäßigkeiten,
denen er unterworfen ist. (Vgl. G.Brandt 1975, S.153)
Die Entwicklung der Persönlichkeit ist eben, anders als bei der biologischen
Entwicklung, nicht nur eine Entfaltung von vorgegebenen Erbanlagen.
Es handelt sich um einen Prozess von Reifungs - und Lernvorgängen. Lange war in
der deutschen Entwicklungspsychologie der Glaube verbreitet,
Persönlichkeitsentwicklung vollziehe sich analog biologischer Wachstums - und
Reifungsvorgängen. Heute weiß man, dass diese Vorgänge nur eine bescheidenere
Rolle spielen wobei sie natürlich für die Persönlichkeitsentwicklung von Bedeutung
sind. So ist zum Beispiel die im ersten Lebensjahr erfolgreiche Reifung der
Markscheide im menschlichen Hirn die Voraussetzung für die Funktionsfähigkeit des
Endhirns und damit für die Einleitung von Kontroll- , Denk- und Lernprozessen. Und
die Reifung der Hypophyse während der Pubertät, verbunden mit dem Wachstum der
Geschlechtsorgane, bildet die Voraussetzung für die Entwicklung oder Steigerung
drängender sexueller Bedürfnisse. Diese und viele andere Entwicklungen zeigen,
dass sehr wohl die biologische Entwicklung unabdingbar für die
Persönlichkeitsentwicklung ist. Analog verlaufen sie aber sicher nicht. Die
sogenannte seelische - geistige Reife stellt noch mal eine andere Art von Reife dar.
Es handelt sich hierbei um eine gelungene Sozialisation und eine damit erreichte
seelisch - geistige Mündigkeit. (Vgl. Brandt 1975, S.154)
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Brandt geht davon aus, dass diese Reife bzw. Mündigkeit, anders als ein biologischer
Reifungsprozess, nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt erreicht wird - evtl. sogar gar
nicht.
Eine vielseitige Betrachtungsweise für das Geschehen der
Persönlichkeitsentwicklung ist also das 'A' und 'O'.
Wie die Entfaltung der Intelligenz nach der Theorie von Jean Piaget (1933) nach dem
Gesetz der Differenzierung verläuft, so verläuft auch die seelisch - geistige
Entwicklung mit zunehmender Differenzierung.
Aus dem zunächst dumpfen und diffusen Erleben des neugeborenen Säuglings
entwickeln sich allmählich einzelne, auf bestimmte Objekte hin orientierte
Empfindungen. Diese Empfindungen werden wiederum zu Bausteinen komplexer
Wahrnehmung. (Vgl. Brandt 1975, S. 155)
Dies wiederum ist nötig, um schließlich ein differenziertes 'Weltbild' zu bekommen.
Im Laufe seiner Entwicklung fixiert sich der Mensch auf bestimmte Gewohnheiten,
Attitüden und Urteile.
2.1. Das Säuglingsalter
Der neugeborene Säugling besitzt noch kein Ich und kein Über-Ich, er lebt
vollkommen unbewusst und Es getrieben. (siehe Freud)
Solange er seine Umwelt nicht "be"-greifen kann, endet sein Dasein an seinen
leiblichen Grenzen. In dieser Zeit - bis ca. zum Ende des 1. Lebensjahres - ist der
junge Mensch vollkommen auf Zuwendung aus seiner Umwelt angewiesen.
Langsam bekommt der Säugling Kontrolle über seinen Körper. Er beginnt zu
schauen (ca. ab 8. Woche), dann zu greifen (ca. ab 5. Monat) und dann zu kriechen
(ca. ab 8. Monat). Gegen Ende des ersten Lebensjahres werden auch bereits die
Ansätze der geistig - seelischen Schicht deutlich ⇒ Fähigkeit zum Werkzeugdenken.
(Vgl. Brandt 1975, S.104)
Die Krisenpunkte in diesem Alter können darin liegen, dass seine körperlichen und
seelischen Bedürfnisse nicht befriedigt werden. Wird das Urvertrauen nicht erfüllt,
kann es zu Misstrauen (siehe auch Erikson) und Objektverlust kommen. Die Welt
wird ganz leer, grau, kalt und lieblos.
Ein bekanntes Phänomen dafür, welches sich besonders bei Heimkindern beobachten
lässt, ist der Hospitalismus.
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2.2 Das Kleinkindalter
Darunter fällt die Lebenszeit zwischen dem 1. und ca. 6. Lebensjahr. In dieser Zeit
schreitet die motorische Entwicklung des Kindes rasch voran. Die Hände werden
vorwiegend eingesetzt, um den Lebensraum zu "be"-greifen und zu erobern. Eine
weitere wichtige Erfahrung in diesem Stadium ist die willentliche Kontrolle über die
Schließmuskulatur. (Vergleiche hierzu auch Freud und Erikson).
Zu dieser Zeit ist das Kind noch vollkommen subjektbezogen und kann
Kausalzusammenhänge nicht erkennen. Das Kleinkind glaubt noch an die Allmacht
der Gedanken und traut ihnen gute und böse Wirkungen zu. (Magisches Denken ->
Märchen, imaginäre Freunde, usw.)
(Vgl. Brandt 1975, S.166)
Die wichtigsten Entwicklungsschritte in dieser Entwicklungsstufe sind folgende:
•
Spracherwerb
•
Entwicklung begrifflichen Denkens
•
Eroberung des Raumes und der Dingwelt
•
Entwicklung eines Ich - Bewusstseins
•
Entwicklung des Willens
•
Übernahme von Rollen
•
Befähigung zu Gruppenkontakten
•
Fähigkeit zu "Ernstspielen" und konstruktiven Spielen
•
psychosexuelle Frühprägung durch Mutter- und Vaterimago und erste
sexuelle Neugierfragen
(Vgl. Brandt 1975, S. 168)
Im Kleinkindalter lernt das Kind sich allmählich als Subjekt zu begreifen und eine
eigene Willensbildung aufzubauen. Für Erikson ist dies die Zeit, in der das Kind
lernen muss, auf eigenen Füßen zu stehen. "Wenn ihm dies gelingt, wozu es
vielfacher Ermutigung und Bestätigung bedarf, dann entwickelt sich in ihm ein Stück
innerer Sicherheit und Selbständigkeit." (Erikson 1973, S. 84)
Zu Krisen in diesem Entwicklungsalter kann es weiterhin durch mangelnde Liebe
und Aufmerksamkeit kommen. (Was eigentlich ein Leben lang so ist.)
Die Autonomieentwicklung ist von weiterer krisengeladener Bedeutung. Werden die
Selbstbestimmungswünsche des kleinen Menschen unterdrückt, kommt es zu
Selbstbewusstseinsstörungen. Bei Erikson ist dies die Phase: der 'Autonomie gegen
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Scham und Zweifel'.
Einen weiteren wichtigen Punkt übernimmt die Identifikation mit den Rollen der
Erwachsenen. Prinzipiell unterstützt das ein positives Grundgefühl, kann aber
natürlich auch genau das Gegenteil bewirken.
2.3. Das Großkindalter
Es kommt zum 'ersten Gestaltwandel' (W. Zeller in Kühne 1993) auf körperlichem
Gebiet. Diese sogenannte Latenzzeit (nach Freud) schafft Platz für einen großen
Schub in der geistig - seelischen Entwicklung. Zusammenhänge werden nun eher
gesehen und begriffen, die Umwelterfassung wird strukturierter, die Fähigkeit zu
Beziehungserfassung kristallisiert sich heraus und eine Wendung von der
Subjektsteuerung zur Objektsteuerung ist zu erkennen. (Vgl. Brandt 1975, 175)
Auch Freuds Ich gewinnt in dieser Phase zunehmend an Bedeutung. Das Kind ist
immer mehr fähig, seine Gefühle und Triebe zu beherrschen und eine realistische
Auffassung von der Welt greift Platz.
Etwas später im Großkindalter (ca. ab 10 Jahren) beginnt ein Abschnitt, den
O. Kroh (in Brandt 1975, S. 176) als 'kritischer Realismus' bezeichnet. Das Kind
verfügt nun über eine starke Selbstkontrolle, beginnt Erwachsene zu kritisieren und
dadurch kommt es zu Auseinandersetzungen und evtl. auch zu Erziehungsproblemen.
Der junge Mensch löst sich allmählich aus der Wert - und Normklammer seiner
Familie heraus. Bei Erikson erhielt diese Phase den Untertitel "Ich bin, was ich
lerne." - nicht umsonst wird diese Zeit zwischen 6 und 12 Jahren als „Lernzeit“
bezeichnet.
Leistung beginnt an Wichtigkeit zu gewinnen und dadurch entstehen wieder
Probleme. Wer die „Leistungen“ nicht erfüllt, ist nicht wertig genug ⇒ es kommt zu
Minderwertigkeitsgefühlen.
Interessant ist, dass in dieser Phase der Entwicklung die ersten
entwicklungsspezifischen Differenzen zwischen Mädchen und Jungen zu erkennen
sind: Mädchen entwickeln sich körperlich und reifemäßig schneller als Jungen.
Deshalb schließen sie das Großkindalter auch ca. 1,5 Jahre vor den Jungen ab. (Vgl
Brandt 1975, S.178)
2.4 Das Jugendalter
Dieses Alter ist voll von kritischen Phasen bzw. Aufgaben für den jungen Menschen.
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Für Erikson ist es "die sensibelste Phase für die Entwicklung der Identität".
Der junge Mensch steckt in einem Körper, der sich zusehends verändert. Die
Geschlechtsreife setzt ein und dadurch die biologische Zeugungs - bzw.
Gebährfähigkeit.
Der Jugendliche steht vor der Entscheidung, wie seine Zukunft beruflich und privat
weitergehen soll und der Frage, was er selbst für Erwartungen diesbezüglich an sich
stellt. Nun entscheiden nicht mehr nur die Eltern. Zum Einen weil dies der
Jugendliche und auch die Eltern im Normalfall nicht mehr wollen und zum Anderen,
weil der junge Mensch nun auch „alt genug“ ist, seine Entscheidungen und die damit
verbundene Verantwortung selbst zu treffen und zu tragen.
Der junge Mensch hat in dieser Phase noch eine große Anlehnung an die
Gesellschaft, d.h. er orientiert sich vorwiegend an Vorbildern und Idealen, welche
bevorzugt aus dem Medienbereich (Film, Musik, Sport) kommen und weniger aus
dem direkten Umfeld (Eltern, Freunde, Verwandte).
Starke Stimmungsschwankungen gehören zum Alltag und der eigene Status wird
fortwährend in Frage gestellt.
Auslöser dafür sind biologische und soziale Faktoren, die wiederum abhängig von
der jeweiligen Kultur sind. So sieht sich ein Jugendlicher in unserer europäischen
oder in der amerikanischen Kultur einem ganz anderen Anforderungs - und
Aufgabenfeld gegenüber als z.B. in der asiatischen oder afrikanischen Kultur.
In primitiven Völkern ist das Erreichen des Erwachsenenstadiums mit der
Geschlechtsreife und den dort zu erlernenden Kulturtechniken (Jagen, Fischen,
Hausbau) erlangt. In der Bundesrepublik Deutschland und unserer Zeit reicht das bei
weitem nicht aus. Natürlich gibt es eine gesetzliche Grenze, mit der man offiziell
erwachsen ist. Doch die Anforderung heißt: "Wer bist du Mensch und was kannst du,
dass du die Berechtigung zum Dasein hast?!"
Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und dies beeinflusst die Identitätsbildung
des jungen Menschen, speziell der jungen Frau, sehr.
2.4.1. Entwicklung als Stufenfolge nach Gustav Brandt
Gliedert man den Prozess der Persönlichkeitsentwicklung in Stufen, so wie es Gustav
Brandt tut, sehen die Stufenfolgen des Jugendalters wie folgt aus
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Altersstufe
alterspezifische
mögliche Probleme und
Charakteristika
Fehlentwicklungen
Vorpubertät
Emotionale Phase (vital- und
Unangepasstheit, destruktive
♂ 12 –14
personal-
Bedürfnisse;
♀ 10,6 –
Seelisch bestimmt); ♂ Flegeljahre:
Begehen groben Unfugs,
aktive
Verwahrlosungsprobleme,
Auflehnung; Kraftgebaren, Selbst-
erste sexuelle
Überschätzung; ♀ Negative Phase:
Perversionsanzeichen
13
passive Auflehnung, Unruhe, Redeund
Bewegungsdrang
Pubertät
Aufbauphase. Sex. Triebschub, bes. Destruktionshaltung, Über-
♂ 14 -16
bei ♂ genitale Bedürfnisse. Ich-
Kompensation von
♀ 13 - 15
Identitätssuche.
Statusunsicherheit, Flucht in
Selbständigkeitsanspruch, entw.
Banden oder neurotische
Geistige Auseinandersetzung mit
Isolierung,
der Tradition oder einfache
Onanieschuldgefühle, früher
Übernahme von Statussymbolen der Drogenmissbrauch
Erwachsenen
Nachpubertät Kritische Zwischenphase.
Schul- und Arbeitsunlust,
bis ca.
Beunruhigung und Labilisierung,
Arbeitsplatzwechsel, depressive
18 Jahren
Ausbildungsprobleme, z.T. als
Verstimmung, weitere
Reaktion auf gesellschaftliche
Isolierung
Zwänge
Stabilisierungsphase. Zunehmende
Retardierung, Unreife, Plan-
Ich-Identität, selbständiges Planen,
losigkeit, In-den-Tag-leben,
Urteilen, Entscheiden,
spielerische Einstellung zur
Berufsfindung, Integration von
Arbeit, Identifikation mit
Sexus und Eros, Partnerbeziehungen Idolen, triebhaftes Handeln,
Kontaktstörungen
Quelle: Psychologie und Psychopathologie für soziale Berufe / Brandt 1975 / S.161
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Auch wenn ich bei weitem nicht mit allen Punkten Brandts übereinstimme, da vieles
bereits überholt sein müsste bzw. einfach nicht mehr unserer ‚Zeit’ entspricht, so
kann ich doch sagen, dass es bestimmte Verlaufbahnen gibt, die wohl unveränderlich
zu sein scheinen.
Mädchen verhalten sich in der Vorpubertät mit Sicherheit bis heute passiver als
Jungs und richten ihre Aggressionen und Unsicherheiten auch eher gegen sich selbst
als gegen andere. Doch auch bei jugendlichen Mädchen ist eine immer höhere
Bereitschaft zu Gewalt zu verzeichnen.
Gerade in dieser Phase sind Mädchen viel anfälliger für Essstörungen, wie zum
Beispiel Bulimie oder Magersucht, als gleichaltrige Jungen. Sie können bzw. wollen
ihre Unsicherheit nicht nach außen lenken und „finden“ dann sämtliche Probleme an
sich selbst. Meist ist es das gesellschaftliche Schönheitsideal, dem sie nicht
entsprechen und dem sie natürlich nacheifern – sonst ist man ja nicht liebenswert
genug ...
Mädchen stehen zwar nicht unter einem so hohen sexuellen Antriebsdruck, aber auch
sie spüren eine triebhafte Unruhe in sich und müssen diese ausleben – was meist
durch einen gesteigerten Rede- und Bewegungsdrang erfolgt.
Ein sehr großer Einschnitt in der weiblichen Pubertät ist das Einsetzen der Periode.
Der Körper allgemein verändert sich während der Pubertät stark. Die Brüste und die
Hüften bilden sich aus und der Schamhaarbereich wächst. Mit Einsetzen der Blutung
ist das Mädchen vollkommen gebärfähig und damit, rein biologische gesehen, eine
erwachsenen Frau.
Es scheint so, als ob Mädchen immer eher ihre Periode bekommen – nun schon
bereits mit zehn Jahren. (Natürlich nicht alle, dies bleibt individuell.) In diesem Alter
ist man nach meiner Meinung seelisch und geistig noch lange nicht bereit ein
erfülltes Sexleben zu haben und auch nicht, Mutter zu sein.
Trotzdem oder gerade deswegen, wird Sexualität heute immer früher gelebt. Um „in“
und „cool“ zu sein, muss man heute auch als Mädchen mit 14 den ersten
Geschlechtsverkehr haben. Froh können die Mädchen sein, die von Anfang an über
das Selbstbewusstsein und auch die Selbsteinschätzung verfügen, die sie wissen
lässt, wann was für sie am Besten ist.
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In der Zeit der Pubertät bildet sich aber eben nicht nur der Körper zur Reife, sondern
auch der Geist und die Seele sollten dies tun. Es ist die Zeit, in der sich die Identität
ihren breitesten Weg sucht. Der junge Mensch löst sich nun aus dem „vorgefertigten“
Leben aber seine „Eigenkreation“ ist noch nicht stark und fest, das Fundament noch
recht wackelig. Es gibt viele Möglichkeiten aber auch „Unmöglichkeiten“ und die
Aufgabe des Jugendlichen ist, sich seinen Weg zu bannen und ein starkes Fundament
zu bauen.
Und auch wenn der Weg noch so breit ist, so liegen dort doch viele Steine. Aber ein
Sprichwort sagt:
„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt wurden kann man etwas Schönes
bauen.“
3. Vertrauen ist der Anfang von allem – Identitätstheorien der Forschung
„Was passiert, wenn man sich mit einer Identität versieht? Man bewaffnet sich. [...]
Die Identität ist genauso problematisch wie jede andere Waffe – die Waffe an sich ist
nichts, was es zu vergöttern gilt und was nicht zu kritisieren wäre. Eine Waffe ist
dazu da, Leute umzubringen , und in diesem Sinne falsch. Nur wissen wir ja auch
alle, dass es manchmal unumgänglich ist, sich zu bewaffnen; und auf dieser Ebene
würde ich gerne den Begriff der Identität oder das Betonen der Besonderheiten
sehen, und auf dieser Ebene kann man auch die Gefahr sehr leicht diskutieren.“
(Diedrichsen / Jacob 1994, S. 53)
3.1. Freud und die Tiefenpsychologie
Um die Theorien Eriksons – dem Vater der Identitätsforschung - verstehen zu
können, muss man sich zuerst mit der Persönlichkeitstheorie von S. Freud
beschäftigen.
Der 1856 in Wien geborene Freud war Arzt und beschäftigte sich zunächst mit
nervlichen Störungen. Mit seiner Behauptung, Neurosen entstünden aus häufigen
sexuellen Problemen, löste Freud in der Öffentlichkeit und unter Gelehrten starken
Widerspruch aus. Doch seine Gedanken setzten sich mehr und mehr durch.
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Basis seiner Theorie war die durch ihn aufgestellte Tiefenpsychologie.
Nach Freud teilt sich die Struktur der Persönlichkeit in Es, Ich und Über-Ich auf.
Das Es ist der Bereich der Triebe oder der Instinkte. Es ist der älteste
Persönlichkeitsbereich des Menschen also auch beim Kind vorhanden.
Freud geht von zwei Grundtrieben aus: Den Lebensinstinkten und den
Todesinstinkten. Lebensinstinkte sind alle die, welche zur Selbst- und Arterhaltung
dienen (Sexualität, Hunger, Durst). Todesinstinkte drängen auf die Vernichtung des
Lebens (Aggressionen). Das Es strebt sofortige Befriedigung an, es handelt nach
dem Lustprinzip. Menschen, denen es sehr schwer fällt auf etwas zu warten, die
einen starken Wunsch oder ein starkes Bedürfnis sofort befriedigen wollen, haben
auch ein sehr starkes Es. Das vernunftbezogene Verhalten wird nicht befolgt. Bei
Babys und Kleinkindern ist dies schön zu beobachten; sie können nicht auf die
Essenszeiten warten sondern wollen bei Hunger gleich etwas essen. Sie könne ihre
Triebe noch nicht steuern und kontrollieren.
(Kühne 1993, S. 189)
Das Ich ist der Bereich der Vernunft. Das Ich handelt nicht nach dem Lustprinzip,
sondern nach dem Realitätsprinzip. (Kühne 1993, S.190)
„Im Vergleich mit seiner Forschungsarbeit über das Funktionieren des Es und das
Unterbewusste beschäftigte sich Freud relativ wenig mit dem Ich. Er zeichnet das
Ich als eine schwache Struktur, eine armselige Kreatur, die drei Herren dienen muss
– dem Es, der Realität und dem Über-Ich. Das ‚arme’ Ich hat es schwer, deren
Ansprüche und Forderungen in Einklang zu bringen. Besondere Bedeutung hat die
Beziehung zwischen dem Ich und dem tyrannischen Es.“ (Vgl. Pervin 1981, S. 180)
„Man könnte das Verhältnis des Ich zum Es mit dem des Reiters zu seinem Pferd
vergleichen. Das Pferd gibt die Energie für die Lokomotion her, der Reiter hat das
Vorrecht, das Ziel zu bestimmen, die Bewegung des starken Tieres zu leiten. Aber
zwischen Ich und Es ereignet sich allzu häufig der nicht ideale Fall, dass der Reiter
das Ross dahin führen muss, wohin es selbst gehen will.“ (Freud, 1966 in Kühne
1993, S. 191)
Also ist eine Aufgabe des Ich, die Bedürfnisse des Es mit der Realität in Einklang zu
bringen.
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Das Streben nach Bedürfnisbefriedigung ist normal, dennoch wird ein erwachsener
Mensch, der sowohl ein Es als auch ein Ich besitzt, nicht gleich ungeduldig, sondern
wartet bis sein Bedürfnis befriedigt werden kann.
Bsp.: Ein Lehrer bekommt während seines Unterrichts große Lust, einen Kaffee
trinken zu gehen. Seine Vernunft (Ich) sagt ihm aber, dass er dieses Bedürfnis (Es)
jetzt nicht befriedigen kann, sondern auf die nächste Pause verschieben muss.
Das Über-Ich stellt den inneren, in uns wohnenden Vertreter der traditionellen
Werte und Ideale der Gesellschaft dar, das Gewissen.
Mit eingeschlossen sind Idealvorstellungen vom eigenen Selbst.
Hauptaufgabe des Über-Ich sind einmal die Hemmung von Triebwünschen aus dem
Es, dann ein Perfektionsstreben, um dem eigenen Ideal näher zu kommen und
schließlich die moralische Beurteilung von Handlungszielen und die mögliche
Ersetzung von Triebwünschen durch moralisch höher zu wertende Handlungen.
(Vgl. Kühne 1993, S. 191)
Menschen, welche stark bemüht sind, ihre Wünsche und Bedürfnisse zu
unterdrücken, sich bemühen nichts falsch zu machen und nach gesellschaftlichen
Idealen ihr Leben ausrichten haben ein starkes Über-Ich. Daraus kann
Perfektionsstreben, übertriebene Gewissenhaftigkeit und Zwanghaftigkeit entsehen.
Darüber kann die Lebensfreude verloren gehen.
Die Aufgabe des Ich ist es also, zwischen den „Gegnern“ Es (Bereich der
Triebkräfte) und Über-Ich (Bereich der zurückhaltender und hemmender Kräfte) im
Bereich der äußeren Wirklichkeit (Realität) einen Kompromiss zu finden.
Freud geht davon aus, dass jeder Mensch über eine bestimmte Energiemenge verfügt.
Anfangs besitzt das Es die gesamte Energie, die dann allmählich an das Ich und
Über-Ich weitergegeben wird. Die Energie wird also verlagert, um das Ich und
Über-Ich zu bilden. (Vgl. Kühne 1993, S. 192)
„Wo Es war, soll Ich werden“ (Freud, 1966).
Für Freud sind bei der Entwicklung einer ‚gesunden’ Persönlichkeit besonders die
frühen Lebensjahre eines Menschen von besonderer Bedeutung. Eine gesunde Ich –
und Über-Ich – Stärke muss sich entwickeln.
Die Tiefenpsychologie nimmt an, dass folgende Phasen die kindliche Triebsituation
kennzeichnen:
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Orale Phase
Anale Phase
Ödipale und phallische Phase
Genitale Phase (Pubertät)
In der oralen Phase (0 – 1,5 Jahre) nimmt das Kind seine Umwelt hauptsächlich über
den Mund in sich auf. Es saugt an Fingern (der Bezugspersonen) und nimmt seine
Nahrung ‚saugend’ in sich auf. Der Mund wird zur Quelle der Befriedigung
kindlicher Lust. Werden die Bedürfnisse in der oralen Phase nicht ausreichend
befriedigt, kann dies auch noch spätere Störungen beim Menschen zur Folge haben.
Solche Menschen streben oft nach sofortiger Bedürfnisbefriedigung, wollen immer
im Mittelpunkt stehen und überaus häufig Zärtlichkeit erfahren.
In der analen Phase (2 – 3 Jahre) beschäftigt sich das Kind mit seinen
Ausscheidungsorganen und Ausscheidungen. Das Kind lernt, loszulassen und zu
halten. In dieser Phase ist die Reinlichkeitserziehung der Eltern maßgeblich für die
Entfaltung einer Persönlichkeit. Ist die Erziehung zu streng und strafend, wird sich
der junge Mensch später in vielen Lebensbereichen zurückhaltender zeigen und nicht
ungezwungen und frei entfalten.
Ödipale und phallische Phase (3 –5 Jahre) ist die Phase, in der sich das Kind im
Regelfall mit Interesse dem Gegengeschlecht zuwendet. Dies sind im Normalfall die
Eltern. Der gegengeschlechtliche Elternteil tritt in den Mittelpunkt und der
gleichgeschlechtliche wird mit einer Art Rivalität bedacht. Das ist aber gleichzeitig
mit Schuldgefühlen verbunden und S. Freud nennt es den Ödipuskonflikt.
Wird dieser Phase keine weitere Beachtung geschenkt, geht sich meist ‚lautlos’ in die
Latenzphase über. (Freud begründet dies mit der Kastrationsdrohung bzw. dem
Kastrationskomplex worauf ich allerdings nicht näher eingehen werde.)
Mit der Pubertät beginnt dann die genitale Phase. In all den vorangegangenen
Phasen war das Kind mehr mit sich selbst, seiner eigenen Person, beschäftigt. Nun
kann es zu sexuellen Begegnungen kommen, die Partnerschaft herrscht vor.
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Voraussetzung für eine reife Sexualität und für eine reife Persönlichkeit ist das
Durchlaufen der verschiedenen Phasen der psychosexuellen Entwicklung, ohne dass
zu starke Zwänge oder Freiheiten der Eltern ungünstig beeinflussend wirken.
Die Entwicklung eines starken Ich steht im Mittelpunkt der Reifung der
Persönlichkeit. Ein Ich-starker Mensch hat Vernunft und Willensstärke bei
gleichzeitiger Möglichkeit zu Lebens- und Sinnesfreude. (Vgl. Kühne 1993, S.198)
3.2. Erikson und das Entwicklungsmodell der Persönlichkeit sowie die Phasen
der Identitätsentwicklung
Erikson sieht die Persönlichkeitsentwicklung als psycho-soziale Entwicklung. Sein
Phasenmodell hat, wie Anfangs bereits erwähnt, enge Bezüge zu Freuds
Persönlichkeitsverständnis.
Das epigenetische Prinzip, welches besagt, dass die Entwicklung eines Menschen
nach einem Grundplan erfolgt, welcher für alle Menschen gleich ist, bestimmt nach
Erikson die Persönlichkeitsentwicklung. Dieser Grundplan ist in einzelne Stufen
bzw. Entwicklungsaufgaben gegliedert, welcher das Ziel hat, ein funktionierendes
Ganzes entsehen zu lassen.
„Dieses Prinzip lässt sich dahin verallgemeinern, dass alles, was wächst, einen
Grundplan hat, dem die einzelnen Teile folgen, wobei jeder Teil eine Zeit des
Übergewichts durchmacht, bis alle Teil zu einem funktionierenden Ganzen
herangewachsen sind.“ ( Erikson 1973, S.57)
Die Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesellschaft ist Grundlage für die
Entwicklung einer Persönlichkeit.
Die Anforderungen der Gesellschaft und das Ich müssen sich aufeinander einstellen
und aneinander orientieren.
Die Persönlichkeit wächst dabei in Abschnitten und in vorbestimmter Abfolge.
Das Gefühl, eine Identität zu besitzen, ergibt sich aus der Erfahrung.
„Das bewusste Gefühl, eine persönliche Identität zu besitzen, beruht auf zwei
gleichzeitigen Beobachtungen: der unmittelbaren Wahrnehmung der eigenen
Gleichheit und Kontinuität in der Zeit und der damit verbundenen Wahrnehmung,
dass auch andere diese Gleichheit und Kontinuität erkennen. Was wir hier Ich-
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Identität nennen wollen, meint also mehr als die bloße Tatsache des Existierens,
vermittelt durch persönliche Identität; es ist die Ich-Qualität dieser Existenz.“
( Erikson 1973, S.18)
Die Entwicklung der Persönlichkeit vollzieht sich in acht Phasen, in welchen Erikson
zum großen Teil mit Freuds Theorie der psychosexuellen Entwicklung
übereinstimmt. Die beiden stimmen überein in der Tatsache, dass jede Phase der
Entwicklung für das weitere Bilden einer starken Persönlichkeit kritisch ist. Die
Familie und die Sozialstruktur in welcher das Individuum lebt, tut ihr übriges dazu.
Wie bereits erwähnt, verläuft die Stufenfolge nach dem epigenetischen Prinzip.
Die acht Stufen tragen folgende Überschriften:
Urvertrauen gegen Misstauen
Autonomie gegen Scham und Zweifel
Initiative gegen Schuldgefühl
Werksinn gegen Minderwertigkeitsgefühl
Identität gegen Identitätsdiffusion
Intimität gegen Isolierung
Generativität gegen Selbst-Absorption
Integrität gegen Lebens-Ekel
Die drei letzten Stufen beschreibt Erikson als „die drei Stadien des
Erwachsenenlebens“ (Vgl. Erikson 1973, S.114), deshalb werde ich ihnen keine
große Aufmerksamkeit schenken und mich schwerpunktmäßig auf die fünf ersten
Stadien der Kindheit und Jugend, davon vor allem auf die Phasen 4. und 5.,
konzentrieren.
Es ist auf alle Fälle wichtig zu beachten, dass Erikson die Identitätsentwicklung als
lebenslangen Prozess sieht.
1. Phase: „Ich bin, was man mir gibt.“ – (Ur)Vertrauen gegen Misstrauen
Um einen charakterstarken Menschen zu bilden, muss das Gefühl eines UrVertrauens entstehen. Das Kind, und damit der Mensch, soll spüren, dass er (es) sich
auf andere, aber auch auf sich selbst verlassen kann.
Fehlt diese wichtige Erfahrung, entsteht Misstrauen. Es kann zu depressiven und
schizoiden Persönlichkeitsstrukturen kommen.
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„Das Ur-Vertrauen ist der Eckstein der gesunden Persönlichkeit.“ (Erikson 1973,
S.63)
Das Kind ist im ersten Lebensjahr total von seiner Umwelt abhängig.
(Physiologische Frühgeburt) Der Säugling nimmt seine Umwelt alleine durch
Reflexe und Empfindungen wahr – er ist rezeptiv gegenüber seiner Umwelt.
Was Freud als orale Phase benennt, ist bei Erikson die oral-respiratorische bzw. die
Einverleibungsphase.
Für den Säugling ist der Mund das Zentrum einer ersten allgemeinen Annäherung an
das Leben. Er lebt und liebt mit dem Munde und die Mutter lebt und liebt durch ihre
Brust. (Vgl. Erikson 1973, S.63)
Der Säugling lernt, von der Mutter gegeben zu bekommen, aber auch etwas zu
verlangen. Entzieht sich die Bezugsperson dem Kind, können daraus
Minderwertigkeitskomplexe, entstehen die zu späteren Ängsten,
Verlassenheitsgefühlen und Depressionen führen.
Geben und Gegeben bekommen sind die psychosozialen Modalitäten dieser
Entwicklungsstufe. (Vgl. Kühne 1993, S.204)
2.Phase: „Ich bin, was ich will.“ – Autonomie gegen Scham und Zweifel
Diese Phase beginnt damit, dass das Kind nun seinen Willen durchsetzen will. Wie in
Freuds analer Phase beginnt in Eriksons anal-urethraler Phase das Bedürfnis des
Kindes, das Festhalten und Loslassen zu üben. Wie auch Freud ist Erikson davon
überzeugt, dass eine zu frühe oder zu strenge Sauberkeitserziehung zu schweren
persönlichen Schäden führen kann.
„Dieses Stadium wird deshalb entscheidend für das Verhältnis zwischen Liebe und
Hass, Bereitwilligkeit und Trotz, freier Selbstäußerung und Gedrücktheit. Aus einer
Empfindung der Selbstbeherrschung ohne Verlust des Selbstgefühls entsteht ein
dauerndes Gefühl von Autonomie und Stolz; aus einer Empfindung muskulären und
analen Unvermögens, aus dem Verlust der Selbstkontrolle und dem übermäßigen
Eingreifen der Eltern entsteht ein dauerndes Gefühl von Zweifel und Scham. Die
Vorbedingung für Autonomie ist ein fest verwurzeltes und überzeugend
weitergeführtes frühes Vertrauen.“ (Erikson 1973, S.78)
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3.Phase: „Ich bin, was ich mir zu werden vorstellen kann.“ – Initiative gegen
Schuldgefühl
In dieser infantil-genitalen Phase, muss das Kind herausfinden, „was für eine Art von
Person es werden will. Und dabei greift es gleich nach den Sternen: es will so
werden wie Vater und Mutter, die ihm sehr mächtig und sehr schön, obwohl ganz
unvernünftig, gefährlich erscheinen.“ (Erikson 1973, S.87)
Erikson glaubt, dass durch den Ödipuskonflikt das Gewissen hervorgeht.
„Durch die fortschreitende sensomotorische und kognitive Entwicklung fühlt sich
das Kind mächtig, alles Mögliche zu unternehmen, zu erkunden, auszuprobieren –
und in der Phantasie noch mehr.“ (Kühne 1993, S.205)
Durch genitale Vorstellungen und Spiele kann es zu Schuldgefühlen kommen. Hier
ist es wichtig, dass die Eltern ihr Kind unterstützen, einfühlsam aufklären und sein
Gewissen nicht übermäßig zu strapazieren. (Vgl. Kühne 1993, S. 205)
4.Phase: „Ich bin, was ich lerne.“ – Werksinn gegen Minderwertigkeitskomplexe
Hier treffen wir auf Freuds Latenzphase. Das Kind sublimiert seine ödipalen
Wünsche und lernt durch das Herstellen von Gegenständen, Anerkennung zu
erlangen. „Jetzt will das Kind, dass man ihm zeigt, wie es sich mit etwas
beschäftigen und wie es mit anderen zusammen tätig sein kann.“ (Erikson 1973,
S.98)
Hier ist es sehr wichtig für Eltern und auch Erzieher/Lehrer, Disziplin und Autorität
zu wahren und trotzdem genügend Freiraum zum Entfalten zu geben.
Kinder brauchen für eine gesunde Entwicklung, Grenzen an denen sie sich reiben
können. Außerdem wollen sie Anregungen für ihre Welt und Sicht der Dinge um
sich weiter entwickeln zu können.
Es ist eine Tatsache, dass „Kinder in dem Alter sich ganz gern einer milden, aber
festen Disziplin fügen, die ihnen die Entdeckung schmackhaft macht, dass man
Dinge lernen kann, auf die man von selbst nicht gekommen wäre; die
Anziehungskraft dieser Dinge liegt ja gerade darin, dass die nicht das Produkt von
Spiel und Phantasie sind, sondern das Produkt von Realität, praktischer Anwendung
und Logik.“ (Erikson 1973, S.100)
In dieser Phase spielt die Schule und damit der Lehrer eine wichtige Rolle. Aufgabe
ist es, eine Lösung zwischen Spiel und Arbeit zu finden, damit die Kinder den Schritt
zwischen Kindsein und Reifung in einem angebrachten Tempo und
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individueller Realität meistern können.
Mit dem Spiel macht sich das Kind seine Umwelt zu eigen. Mit der Reifung zum
Erwachsenen ändert sich die Spielweise bis zur fast vollständigen Aufgabe.
(Erwachsene verarbeiten Geschehnisse nun über Träume und andere Aktivitäten wie
z.B. Sport)
Nun braucht das Kind bzw. der Jugendliche sinnvolle Aufgaben um sich selbst und
seinen Platz in der Gesellschaft zu finden.
„Ohne Teilhaben am gesellschaftlichen Lebensprozess in Form von sinnvoller
Tätigkeit und angemessener Bezahlung wird Identitätsbildung zu einem zynischen
Schwebezustand, den auch ein ›postmodernes Credo‹ nicht zu einem Reich der
Freiheit aufwerten kann.“ (Keupp 1997, S.19)
Es ist auf jeden Fall sehr wichtig, dass der junge Mensch in dieser Phase
Anerkennung seiner Selbst und seines Tun erfährt, sonst kann das Gefühl der
Minderwertigkeit und Unzulänglichkeit entstehen.
Eltern und Lehrer können das Kind unterstützen, indem sie:
•
akzeptieren, was das Kind machen kann,
•
die Arbeitsfreude und den Stolz des Kindes fördern und nicht unnötig
kritisieren,
•
das Identitätsgefühl des Kindes nicht vorzeitig festlegen („kleiner Helfer“)
(vgl. Kühne 1993, S.205).
Keupp (1993) ist sich sicher, dass Identität und Anerkennung in Abhängigkeit
zueinander stehen. Ohne die wichtigen Grundsteine der Liebe und Anerkennung
kann es nicht zu einer gesunden Entwicklung eines Individuums kommen.
„Fehlende Liebe und fehlende Anerkennung führen zu Frustrationen, die sich
steigern können bis zum blinden Hass.“ (I. Hasselbach 1993, S.156 in Keupp 1993)
5. Phase: Identität und Ablehnung gegen Identitätsdiffusion
„Mit der Aufnahme guter Beziehungen zur Welt des Schaffens und zu denjenigen,
die diese neuen Fertigkeiten lehren und teilen, endet die eigentliche Kindheit. Jetzt
beginnt die Jugendzeit. Aber in der Pubertät werden alle Identifizierungen und alle
Sicherungen, auf die man sich früher verlassen konnte, erneut in Frage gestellt und
zwar wegen des raschen Körperwachstums, das sich nur mit dem in der frühen
Kindheit vergleichen lässt und dem sich jetzt die gänzlich neue Eigenschaft der
physischen Geschlechtsreife zugesellt.“ (Erikson 1973, S. 106)
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Nun beginnt die schwerste Phase der menschlichen Identitätsentwicklung (zumindest
nach der Theorie). Der junge Mensch muss sich nun nicht nur mit der starken
Veränderung seines Körpers, biologischer Sexualfähigkeit und emotionaler
Verwirrung auseinandersetzen, sondern auch mit der Tatsache aus dem Ich eine
Identität herauszubilden. Der Jugendliche ist bestrebt seine eigene soziale Rolle zu
finden und zu festigen. Dabei spielt für ihn auch eine große Rolle wie er in den
Augen von anderen erscheint, was diese für ein Bild bzw. welche Meinung sie von
ihm haben. (Vgl. Erikson 1973, S. 107)
„Die Integration, die nun in der Form der Ich-Identität stattfindet, ist mehr als die
Summe der Kindheitsidentifikationen. Sie ist das innere Kapital, das zuvor in den
Erfahrungen einander folgender Entwicklungsstufen angesammelt wurde, wenn eine
erfolgreiche Identifikation zu einer erfolgreichen Ausrichtung der Grundtriebe des
Individuums auf seine Begabung und seine Chance geführt hat.“ (Erikson 1973,
S.107)
Der Jugendliche begibt sich also in den ‚Kampf’ um sich selbst. Sind alle
vorrangegangenen Phasen ‚gut’ abgeschlossen worden, ist eine gute Basis
vorhanden. Trotzdem steht er vor einer vollkommen neuen Herausforderung: nun
muss der junge Mensch seinen eigenen Weg und seine eigene Meinung finden und
festigen.
Eine Gefahr in dieser Phase ist die Identitätsdiffusion, was soviel bedeutet wie die
Unfähigkeit des Ichs, eine Identität herauszubilden. Dies ist meist eine Folge von
Überforderung: Berufswahl, die ersten Partnerschaften und Probleme, Bildung von
politischen Idealen, usw.
Daraus können dann Verhaltenswirrungen entsehen, die ein Leben lang anhalten.
(Entscheidungsunfähigkeit und – unwille, Intoleranz, kriminelle Neigung)
6. Phase: Intimität und Solidarität gegen Isolierung
Die sechste Phase, der Eintritt ins Erwachsenenalter, ist die erste der drei Stadien des
Erwachsenenalters. Sobald eine gewisse Identitätsfestigung erreicht ist, kommt es
auch tatsächliche Intimität mit anderen zustande. Erikson meint dazu: „Man muss
sich selbst mehr oder weniger gefunden haben, bevor man fähig ist, sich an jemand
anders zu verlieren.“ (Baacke, 1994, S.181) In dieser Zeit beginnt der junge
Erwachsene sich die Berufswelt anzueignen, startet mit dem Studium, der
Partnerfindung und der Familiengründung. Läuft in dieser Phase etwas schief, kann
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es zu formalen zwischenmenschlichen Beziehungen oder gar zu Distanzierung und
Isolation kommen. (Vgl. Erikson 19973, S. 110)
7. Phase: Generativität gegen Selbstabsorption
Für die siebte Stufe, die Fähigkeit zur Generativität (Interesse an der Gründung und
Erziehung einer neuen Generation), ist die gelungene Intimität Voraussetzung. Die
Alternative dazu wäre, künstlerisch etwas zu schaffen.
Sollte sowohl das eine als auch das andere nicht stattfinden, leidet der Mensch an
Desinteresse der Weitergabe von sozialen und kulturellen Traditionen. (Vgl. Erikson
1973, S. 114)
8. Phase: Integrität gegen Verzweiflung und Lebensekel
In der letzten der acht Phasen, sie entspricht dem reifen Erwachsenenalter, kann der
Mensch entweder das Gefühl der Integrität genießen oder er kann verzweifelt sein
und Angst vor dem Tode haben. Erikson beschreibt die Phase als „Annahme seines
einen und einzigen Lebenszyklus und der Menschen, die ihm notwendig da sein
mussten und durch keinen anderen ersetzt werden können.“ (Erikson 1973, S. 118)
Erfolge und Niederlagen, Krankheit und Gesundheit müssen nun gleichmäßig
bestanden werden, sonst tritt ein Lebensekel ein als Zweifel an der Fähigkeit, dem
eigenen Leben einen vernünftigen und hinreichenden Sinn zu geben.
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A
B
C
D
E
I
Psychosoziale
Umkreis der
Krise
Vertrauen gg.
Psychosoziale
Psychosexuelle
Beziehungsperson Sozialordnung
Modalitäten
Phasen
Mutter
Kosmische
Gegeben –
Oral-respiratorisch,
Ordnung
bekommen,
sensorische
Geben
kinästhetisch
Misstrauen
Elemente der
(Einverleibungsmodi)
II
Autonomie gg.
Eltern
Scham und
„Gesetz der
Halten
Anal-urethral,
Ordnung“
(Festhalten),
Muskulär
Lassen
(Retentiv-
(Loslassen)
eliminierend)
Tun
Infantil-genital,
Zweifel
III
Initiative gg.
Familienzelle
Ideale Leitbilder
Schuldgefühl
IV
Werksinn gg.
(Drauflosgehen), Lokomotorisch
Wohngegend,
Minderwertigkeits- Schule
„Tun als ob“
(Eindringend,
(= Spielen)
einschließend)
Technologische
Etwas
Latenzzeit
Elemente
„Richtiges“
Gefühl
machen, etwas
mit anderen
zusammen
machen
V
Identität und
„eigene“
Ideologischen
Wer bin ich?
Ablehnung gg.
Gruppen, „die
Perspektiven
(wer bin ich
Identitätsdiffusion
Anderen“,
nicht?), das Ich
Führer-Vorbild
in der
Pubertät
Gesellschaft
VI
VII
Intimität und
Freunde, sexuelle Arbeits- und
Solidarität gg.
Partner, Rivalen,
Isolierung
Mitarbeiter
Generativität gg.
Gemeinsame
Zeitströmungen in
Schaffen,
Selbstabsorption
Arbeit,
Erziehung und
Versorgen
Zusammenleben
Tradition
Sich im anderen Genialität
Rivalitätsordnungen verlieren und
finden
in der Ehe
VIII Integrität gg.
Verzweiflung
„Die
Weisheit
Sein, was man
Menschheit“,
geworden ist;
„Menschen
um seine eigene
meiner Art“
Vergänglichkeit
wissen
(Quelle: Oerter / Dreher, 1995, S. 323)
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Die thematische Konstellation der einzelnen Entwicklungsphasen ergibt sich aus der
Zuordnung der Kategorien: Die Bewältigung der verschiedenen Krisen (A) findet im
Kontext von Beziehungen bzw. in einem sozialen Raum statt (B). Jede
Bewältigungsthematik korrespondiert mit Elementen der Sozialordnung (C) und
psychosozialen Modalitäten (D). Die Zuordnung der psychosozialen Phasen zu den
psychosexuellen Phasen der Freudschen Theorie (E) betont den Zusammenhang
zwischen biologischen und psychosozialen Grundlagen der
Persönlichkeitsentwicklung. (Oerter / Dreher, 1995, S. 323 / 324)
Abschließend noch Eriksons Definition der Identität:
„Ich habe mir diese Frage mehr als einmal gestellt, während ich das wieder las, was
ich über die Identität geschrieben habe und ich beeile mich zu erklären, dass ich in
diesem Buch keine eindeutige Erklärung dafür geben werde. Je mehr man über
diesen Gegenstand schreibt, desto mehr wird das Wort zu einem Ausdruck für etwas,
das ebenso unergründlich wie allgemeingegenwärtig ist. Man kann ihn nur
untersuchen, indem man eine Unentbehrlichkeit in verschiedenen Zusammenhängen
feststellt.“ (Erikson 1970, S.7)
3.3. Die Selbsttheorie nach Rogers
Rogers stimmt nicht wie Erikson mit Freud überein, sondern steht im Widerspruch
zu ihm. 1977 sagte er: „Ich habe wenig für die ziemlich weit verbreitete Vorstellung
übrig, dass der Mensch im Grund irrational ist, und dass seine Triebe auf Zerstörung
seiner selbst und anderer angelegt sind, wenn sie nicht kontrolliert werden. Des
Menschen Verhalten ist ungemein rational; es bewegt sich in subtiler und geordneter
Komplexität auf die Ziele zu, die sein Organismus zu erreichen bemüht ist.“ (aus
Kühne 1993, S.207)
Trotz allem wurde Rogers anfangs vom tiefenpsychologischen Gedanken beeinflusst.
(Um etwas wirklich ablehnen zu können, muss man es auch verstanden haben.)
Rogers schuf seine Selbsttheorie, und vor allem sein daraus abgeleitetes
Therapieverfahren ist bekannt.
Die Selbsttheorie geht davon aus, dass das sogenannt Selbst bzw. die Wahrnehmung
die jemand von sich selbst hat, im Mittelpunkt der Betrachtung steht.
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Einem Menschen, so Rogers, geht es in erster Linie um die Befriedigung seiner
Grundbedürfnisse und gleich danach dem Bewahren seiner Person. Er ist bestrebt,
seine Eigenarten zu entfalten, dies nennt Rogers Selbstaktualisierung.
Normalerweise wird jeder Mensch zunehmend selbständiger, unabhängiger und
entwickelt eine ihm eigene und gemäße Form des Lebens. Geschieht dies nicht,
gelingt also die Selbstaktualisierung nicht, kommt es in der Regel zu
Verhaltensstörungen. (vgl. Kühne 1993, S.207)
Jeder Mensch hat ein persönliches Wahrnehmungsfeld, das letzten Endes nur er
alleine kennt. Dieses wird geprägt von ständigen Sinneseindrücken, Erfahrungen und
Wahrnehmungen des einzelnen. Viele dieser Eindrücke werden nicht bewusst,
sondern unterbewusst wahrgenommen. Ausschlaggebend dafür sind wiederum die
persönlichen Erfahrungen des einzelnen. Die Wirklichkeit verstehen wir oft nur unter
bewusst wahrgenommenen Eindrücken, das Unterbewusste wird möglicherweise als
Wahrnehmungstäuschung erfasst.
Natürlich muss man sich bewusst sein, dass jeder Mensch ein unterschiedliches
Wahrnehmungsfeld hat. So wird auch dieselbe Tat bzw. dasselbe Erlebnis
unterschiedlich aufgenommen werden. So kann es einem Lehrer passieren, dass er 25
verschiedene ‚Wahrheiten’ erzählt und er dadurch auch 25 verschiedene Reaktionen
hervorrufen kann, obwohl objektiv gesehen alle Schüler das gleiche gehört haben.
Deshalb ist es für ein gesundes, wirkungsvolles und wirklichkeitsorientiertes
Verhalten des jungen Menschen nötig, dass das persönliche oder subjektive
Verhalten nicht zu sehr von der ‚Wirklichkeit’ abschwankt. (Natürlich ebenso für
einen Erwachsenen.) Darum ist es wichtig, dass man, um Wahrnehmungsstörungen
zu vermeiden, seine Wahrnehmung mit derer anderer vergleicht.
Natürlich nimmt ein Mensch, neben den ganzen äußeren Einflüssen, auch sich selbst
in einer gewissen Art und Weise war. „Die Selbstwahrnehmung wird bei einem
Kinde im Laufe der Zeit immer deutlicher und das Selbst hebt sich immer mehr von
den übrigen Dingen der kindlichen Welt ab.“ (vgl. Kühne 1993, S.208)
Dadurch entwickelt ein Kind immer mehr die eigene Persönlichkeit. Es bekommt
eine Vorstellung von seinem Selbst. Es unterscheidet sich von seiner Umwelt und
findet sein Selbstbild.
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Kinder die häufig Misserfolge erleben, laufen Gefahr, ein negatives Selbstbild und
dadurch Minderwertigkeitsgefühle zu bekommen. Die Folgen sind Angst vor
Misserfolgen und die Tatsache, dass dieser Mensch sich im Leben allgemein nicht
viel zutraut.
Es kann aber auch zum umgekehrten Fall kommen: ein Kind, das zu sehr im
Mittelpunkt steht, dessen Taten alle als Erfolge gekrönt werden, kann ein
unrealistisch positives Selbstbild bekommen.
Die größte Gefahr von psychischen Störungen besteht nach Rogers darin, dass ein
Mensch wichtige Erfahrungen leugnet und unterdrückt – sowohl die bewussten als
auch die unterbewussten – um sein Selbstbild nicht zu gefährden. Durch diese
Leugnung kann das Selbstbild immer starrer und losgelöster von der Wirklichkeit
werden. Dadurch entstehen zwangsläufig Spannungen zwischen der Vorstellung des
eigenen Sein und den gemachten Erfahrungen. Also ist es wichtig – besonders für
den jungen Menschen – gegenüber neuen Erfahrungen offen zu sein. So sollte das
Ergebnis einer guten Entwicklung der Persönlichkeit ein positives Selbstkonzept sein
das den Menschen dazu befähigt, mit Selbstvertrauen an die Probleme der Umwelt
und Gesellschaft heranzutreten, andere zu akzeptieren und Toleranz zu zeigen sowie
die gemachten Erfahrungen zu beurteilen und zu verwerten. (Vgl. Kühne 1993, S.
209)
3.4. Havighurst und seine Entwicklungsaufgaben
Havighurst vertritt weniger einer abgeschlossene Theorie zur Identitätsentwicklung,
sondern eher eine Theorie zur Persönlichkeitsentwicklung. Trotzdem oder gerade
deswegen möchte ich auch seine Merkmale anführen.
Für Havighurst steht die Auseinandersetzung mit Aufgaben, um dadurch Fähigkeiten
und Merkmale zu erlagen, im Vordergrund. Der Mensch wird durch das Eintreten
von verschiedenen Faktoren mit deren Bewältigung bzw. Auseinandersetzung
konfrontiert. Diese Faktoren sind nach Havighurst folgende:
biologische Veränderung des Körpers / physische Reifeprozesse
Sie sind die Basis für Entwicklungsaufgaben, die weitgehend universell sind
und von einer Kultur zur anderen geringe Variationen aufweisen; so regt zum
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Beispiel der Beginn der Pubertät Aktivitäten an, neue Beziehungen zu
Gleichaltrigen des anderen Geschlechts aufzunehmen.
Anforderungen der Kultur / Kultureller Druck bzw. Erwartungen der
Gesellschaft
Sie begründen die kulturelle Relativität spezieller Entwicklungsaufgaben. Ein
Aspekt, der dabei zum Tragen kommt, ist der Einfluss altersbezogener
Normen im Sinne eines sozialen Zeitrasters, an dem Anforderungen
gemessen werden (z.B. wann bestimmte Kulturtechniken erlernt werden,
wann Verantwortung für bestimmte Tätigkeiten und Aufgaben übernommen
werden). Der Zeitfaktor schließt ferner den historischen Wandel von
Entwicklungsaufgaben ein, d.h. spezifische Aufgaben verändern sich über
Personengruppen (Kohorten) hinweg (z.B. Dauer der Ausbildung,
selbstverantwortliche Lebensführung und die daraus entsethenden
Anforderungen).
persönliche Erwartungen und Wertvorstellungen / individuelle Zielsetzung
Havighurst sieht individuelle Ziele und Werte als Teil des Selbst, das im
Laufe der Lebensspanne ausgebildet und zur treibenden Kraft für die aktive
Gestaltung von Entwicklung wird. Neben interindividuell vergleichbaren
Zielen, die beispielsweise auf biologischen oder sozialen Prozessen beruhen,
treten ideosynkratische Ziele in Erscheinung. Sie werden in individuell
gesetzten Entwicklungsaufgaben manifest. Dabei stellt sich dann die Frage,
ob Entwicklungsaufgaben, die mit individuellen Zielen in Konflikt stehen,
einen konstruktiven Beitrag zur Entwicklung leisten können.
(Vgl. Oerter / Dreher, 1995, S. 327)
So kann man sagen, dass die Entwicklung der Persönlichkeit durch die Bearbeitung
von Anforderungen geprägt bzw. gebildet wird. Dabei ist die Bewältigung der
einzelnen Aufgaben ausschlageben für die Biographie des Menschen. Dafür
verantwortlich sind natürlich der Mensch an sich, aber auch die jeweilige Umwelt
und die Anzahl der Aufgaben. Bei einer Überforderung kann es zu Misserfolgen
kommen, die zu Persönlichkeitsstörungen führen. So ist es verständlich, dass eine
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optimale Mischung von Aufgaben und Lösungsmöglichkeiten (durch bereits
gemachte Erfahrungen) vorliegt.
Havighurst teilt seine Entwicklungsaufgaben verschiedenen Entwicklungsperioden
zu.
Dies sind folgende Perioden:
Frühe Kindheit (0 – 2 Jahre)
Kindheit (2 – 4 Jahre)
Schulübergang und frühes Schulalter (5 –7 Jahre)
Mittleres Schulalter (6 – 12 Jahre)
Adoleszenz (13 – 17 Jahre)
Jugend (18 – 22 Jahre)
Frühes Erwachsenenalter (23 – 30 Jahre)
Mittleres Erwachsenenalter (31 – 50 Jahre)
Spätes Erwachsenenalter (51 und älter)
Wichtig für mich ist die Entwicklungsperiode der Adoleszenz. Ihr werden folgende
Entwicklungsaufgaben zugeschrieben:
Neuere und reifere Beziehungen zu Altersgenossen beiderlei Geschlechts
aufzubauen
Übernahme der männlichen /weiblichen Geschlechterrolle
Akzeptieren der eigenen körperlichen Erscheinung und effektive Nutzung des
Körpers
Emotionale Unabhängigkeit von den Eltern und von anderen Erwachsenen
Vorbereitung auf Ehe und Familienleben
Vorbereitung auf eine berufliche Karriere
Werte und ein ethisches System erlangen, das als Leitfaden für Verhalten
dient – Entwicklung einer Ideologie
Sozial verantwortliches Verhalten erstreben
(aus: Oerter /Dreher, 1995, S.328)
Man darf aber nicht davon ausgehen, dass jede Entwicklungsaufgabe eine
abgeschlossene Einheit darstellt, sondern es gibt eine Trennung zwischen zeitliche
begrenzten Aufgaben (z.B. Erwerb von grundlegenden Kulturtechniken) und
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Aufgaben, die sich über mehrere Perioden der Lebensspanne erstrecken (z.B. Aufbau
von Beziehungen zu Gleichaltrigen). (Vgl. Oerter / Dreher, 1995, S. 327)
Die Entwicklungsaufgabe verbindet also Individuum und Umwelt, indem sie die
kulturellen Anforderungen mit individueller Leistungsfähigkeit in Beziehung setzt,
sie räumt dabei dem Individuum eine aktive Rolle bei der Gestaltung der
Entwicklung ein. (Vgl. Oerter / Montada, 1995, S. 121)
4. Just be – geschlechtsspezifische Sozialisation in unserer Gesellschaft
4.1. Ergebnisse kulturvergleichender, psychologischer und biologischer
Forschung
Für die große Mehrzahl der bestehenden Geschlechterunterschiede konnten keine
biologischen Ursachen nachgewiesen werden. Es gibt also keinen angeborenen
Geschlechtscharakter. (Vgl. Reinalter, Skript 1996)
"Wir werden nicht als Männer / Frauen geboren!" (Ursula Scheu, 1997, Titel)
Wie wird man zum Mann bzw. zur Frau?
4. 2. Psychologische Basistheorien:
4.2.1. Die Lerntheorie:
Erwerb der Geschlechterrolle durch differentielle Verstärkung:
Kinder lernen geschlechtstypisches Verhalten, weil Jungen für männliches, Mädchen
für weibliches Verhalten belohnt werden. Geschlechtsuntypisches Verhalten wird
ignoriert oder bestraft. (Vgl. Reinalter 1996)
Bsp.: Ein Junge, der sich mit Make up und Wimperntusche schminkt, wird dafür
verpönt, wenn nicht sogar bestraft. Wenn ein Mädchen dies tut, wird es dafür gelobt
und bewundert, wie hübsch es aussieht. (Sofern dieser Schminkversuch nicht absolut
daneben geht.)
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Erwerb der Geschlechterrollen durch Lernen am Modell:
Beim Erwerb der Geschlechterrolle ist das Lernen durch Imitation von großer
Bedeutung. Das Kind identifiziert sich mit gleichgeschlechtlichen Modellen, zu
denen es eine gefühlsmäßige Beziehung hat und ahmt diese nach. (Vgl. Reinalter
1996)
So eifern Mädchen ihren Müttern, großen Schwestern, Tanten oder ähnlichem nach
und die Jungs umgekehrt den Vätern, Brüdern und Onkeln. Selten will ein Junge wie
die Mutter oder eine Tochter wie der Vater werden. Somit wird auch
geschlechtstypisches Verhalten übernommen.
"Wir werden nicht als Frau / Mann geboren sondern dazu gemacht!" (U. Scheu 1997,
Buchtitel)
4.2.2. Der Erwerb der Geschlechtsidentität aus der Sicht der kognitiven
Entwicklungspsychologie
Bis zum ca. 2. Lebensjahr ordnet sich das Kind nicht bewusst einem Geschlecht zu.
Es kommt von der Mutter, ist also 'wie' sie.
Im 3. Lebensjahr kennen die Kinder die Geschlechtsbezeichnungen und können sich
auch selbst einem Geschlecht zuordnen: " Ich bin ein Mädchen / Junge."
Bis zum 5. Lebensjahr lernen sie, andere aufgrund sichtbarer Anhaltspunkte
(Kleidung, Frisur) richtig als männlich oder weiblich zu bezeichnen. Es ist jedoch
noch kein Begriff von der Unveränderlichkeit des Geschlechts vorhanden.
Weil Männer größer und kräftiger sind, entwickeln die Kinder ein Stereotyp von der
männlichen Überlegenheit. Dies gilt für jede Kultur (Universalitätsthese).
Ab dem 5. Lebensjahr ist beim Kind die Objektkonstanz vorhanden
- Einsicht in die physische Konstanz des eigenen Körpers
- Stabile kognitive Selbstkategorisierung als Junge oder Mädchen: "Ich bin
und bleibe ein Mädchen / Junge".
= Geschlechtsidentität
Das Kind erwirbt nun durch Identifikation und Lernen am Modell aktiv und aus
eigener Motivation seine Geschlechtsrolle (aktive Selbstsozialisation).
Um die noch unsichere Geschlechtsidentität zu festigen, wird das eigene Geschlecht
positiver beurteilt als das andere. Ca. ab dem 7. Lebensjahr werden die
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Geschlechtsstereotype sehr rigide vertreten. Ab 11/12 Jahren relativiert sich dies
wieder.
(Quelle: L. Kohlberg in F. Reinalter, Skript 1996)
4.3. Aspekte geschlechtsspezifischer Sozialisation
Geschlechtsspezifische Verhaltenserwartungen von Eltern/Erwachsene an
Säuglinge/Kleinkinder.
-
2/3 der werdenden Eltern ist das Geschlecht ihres Kindes nicht gleichgültig;
50 % wollen einen Jungen, 25 % ein Mädchen.
-
Nach der Entbindung waren 56 % der Mütter glücklich, 44 % enttäuscht,
wenn es eine Tochter war, wohingegen 93 % glücklich und 3 % enttäuscht
waren, wenn es ein Sohn war.
Fast die Hälfte der Mädchen beginnt ihr Leben als Enttäuschung für ihre Mütter und
das soll in der Folgezeit keinen Einfluss haben?
(Quelle: Geo: Kindheit und Jugend 1994)
Das Zuteilen der klassischen Geschlechterrollen beginnt mit der Geburt eines
Kindes. Schon allein der Name genügt bei einem Erwachsenen, um ein Baby
entsprechend seines (scheinbaren) Geschlechts zuzuordnen bzw. es dementsprechend
zu behandeln. Wenn jemand das Kind „Lukas“ nennt, wird ihm zum Spielen ein
Auto angeboten. Nennt man dasselbe Kind „Natalie“ ist der fremde Erwachsene
geneigt, dem Kind eine Puppe zu reichen.
Dieses klassische Experiment mit dem 'Baby X' offenbart Altbekanntes: Kaum sind
die lieben Kleinen auf der Welt, lenken Erwachsene Kindervergnügen und -verhalten
in geschlechtstypische Bahnen und dies schon lange, bevor Kinder begreifen, was
Jungen und Mädchen unterscheidet, bevor sie sich selbst einordnen und entsprechend
handeln. (siehe "Erwerb der Geschlechtsidentität")
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4.4. Frühkindliche Entwicklung und Geschlechtsrollen
„Aus der Forschung ist bekannt, dass schon Kindergartenkinder auf einen Säugling
unterschiedlich reagieren und ihm spezifische Eigenschaften zuschreiben, je nach
dem ob ihnen dieser Säugling als Mädchen oder als Junge vorgestellt wird.“
(Quelle: M. Verlinden in Reinalter, Skript 1996)
Die Reaktion auf das Verhalten eines Jungen: "Du bist/handelst ... wie ein Mädchen"
ist in der Regel eine negative Kritik, die den Jungen dazu motivieren soll, sein
Verhalten schleunigst zu ändern. "Das tut ein Junge nicht (so etwas tun nur
Mädchen)" zeigt den Kindern schon sehr früh an, dass es sehr verschiedene
Bewertungsmaßstäbe für Verhalten gibt und dass zwischen männlichem und
weiblichem Verhalten unterschieden wird.
"Du bist/handelst ... wie ein Junge" an ein Mädchen gerichtet signalisiert eine
ambivalente Haltung aus Bewunderung und Kritik und beinhaltet auch die Botschaft,
dass das Mädchen damit neue Räume betritt, die ihm „eigentlich“ nicht zustehen.
Heutzutage wird dieses Verhalten bei Mädchen aber immer mehr gefördert, da auch
Mädchen selbstbewusst und stark sein sollen und diese Eigenschaft doch noch
hauptsächlich den Jungs zugeschrieben wird. (Vgl. Reinalter 1996)
Mädchen wollen auch oft sein wie die Jungs, dabei geht es den Mädchen bei diesem
Wunsch um die Zugänge zu ansonsten den Jungen vorbehaltenen Themen und
Räumen, um Erlaubnisse und Freiheiten, die den Mädchen lange verwehrt blieben.
Allerdings werden diese Räume immer kleiner und begrenzter.
Wenn ein Junge "so sein will, wie ein Mädchen", dann löst dies auch heute noch oft
Befremden und (heftige) Abwehr aus. Für die weiblichen Seiten des Mannes gibt es
auch im Sprachgebrauch keine (wenig) positive Formulierungen, dagegen jede
Menge abwertender (Bsp.: Tunte, Memme, Mädchen, usw.).
In der frühen Phase der Kindheit (siehe Kapitel 2.2.2.) wird die Geschlechtsidentität
ausgebildet und fest verankert. Rollenbilder und -erwartungen prägen die
Entwicklung hier sehr nachhaltig. Dies bedeutet also, dass Kinder Geschlecht so
leben wie sie es erleben. Ein Mädchen, welches die Frau als unterwürfig, erlebt wird
sich dieses Bild einprägen und leben. Außer es kommt zum Fall der doppelten
Negation, was bedeutet, dass das Mädchen alles, was es für typisch weiblich hält,
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ablehnt und genau andersherum handelt. In unserer Gesellschaft werden wir aber
kaum noch auf ein so einseitiges Rollenbild stoßen, denn selbst wenn sich die Mutter
noch extrem hausfräulich und unterwürfig verhalten sollte, gibt es genug andere
Vorbilder, welche auch Einfluss haben (Erzieherinnen, Lehrerinnen, Mütter von
Freunden, usw.).
Geschlechtsdifferenzierung ist hier deshalb auch besonders wichtig und bedeutet die
Reflektion der eigenen Rollenerwartung und ihrer Wiedergabe im pädagogischen
Handeln und gleichzeitig eine bewusste Öffnung starrer Fixierung durch Wort und
Tat in Materialangebot, Sprache, Umgang, Raumgestaltung, etc.
Es muss nicht alles starr männlich oder weiblich sein, aber es sollten trotzdem
Freiräume für Geschlechter bestehen. Denn so wichtig die Emanzipation auch ist, so
wichtig ist auch die Zuordnung und das Zugehörigkeitsgefühl zu einem Geschlecht.
Wenn auch die Chancengleichheit besteht und von enormer Wichtigkeit sowie durch
kein Argument zu entfernen ist, so ist es doch auch Tatsache, dass Männer und
Frauen total unterschiedlich sind!!
Geschlechtsspezifische Unterschiede sind im Bereich der kognitiven und verbalen
Fähigkeiten nachweisbar, auch hinsichtlich Aggressivität und räumlichen
Fähigkeiten gibt es festgestellte Unterschiede. Jedoch nach Metaanalysen sind diese
Unterschiede nur zu 1-5 % ausschließlich vom Geschlecht abhängig, der Großteil der
Unterschiede lässt sich damit nicht nachweisen. Der sogenannte "kleine Unterschied"
hat sich damit in den vergangenen Jahren als wenig haltbar erwiesen. (Vgl. Scheu
1977, S.)
Ursula Scheu (1977) betont darüber hinaus, dass Untersuchungen über
Geschlechtsdifferenz meist frühestens im Alter von sechs Monaten durchgeführt
werden. (Warum, kann ich leider nicht sagen.)
Bis zu diesem Zeitpunkt hat jedoch schon vieles an unterschiedlicher Umgangsweise
mit Kindern ihr Verhalten geprägt. Scheu zitiert Untersuchungen, aus denen
hervorgeht, dass Mädchen:
-
kürzer gestillt werden und ihnen beim Trinken weniger Pausen zugestanden
werden
- weniger körperliche Stimulation in bezug auf Bewegungsfreiheiten und
-möglichkeiten erhalten
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-
sprachlich im Gegensatz zu Jungen eher auf eigene Laute zurückgeworfen
werden, während Jungen neue verbale und akustische Anregungen geboten
werden
-
sehr viel früher zur Sauberkeit erzogen werden
-
viel früher Selbständigkeit (z.B. Anziehen und Essen) von ihnen verlangt
wird
-
ihre Expansionsmöglichkeiten schon im Kleinkindalter eingeschränkt werden
Bevor die Kinder in den Kindergarten komme, ist schon vieles im Hinblick auf
Geschlechterdifferenzierung passiert.
4.5. Wahrnehmung und Geschlecht als Soziale Rolle
Aus der Wahrnehmungspsychologie ist bekannt, dass Wahrnehmung sehr subjektiv
ist und gewissen Gesetzmäßigkeiten folgt. Wir haben quasi Raster entwickelt und
erworben, die uns helfen, die Flut der Sinneseindrücke, die unentwegt auf uns
einwirken, zu bearbeiten und zu verstehen. Diese Raster wirken so stark, dass
Eindrücke, die nicht ins Bild passen solange übergangen oder verfremdet/angepasst
werden, solange, bis diese Eindrücke "unübersehbar" geworden sind und wir neue
Wahrnehmungskategorien entwickeln. Kinder haben zunächst eine offenen
Wahrnehmung und ordnen Erlebnisse und Eindrücke oft in für uns nicht mehr
nachvollziehbare Zusammenhänge ein, haben aber andererseits das starke Bedürfnis,
Kategorien zu bilden. Diese Kategorien sind zunächst sehr rigide: Kinder haben
aufgrund der für sie oft nicht zu verstehenden Komplexität das Bestreben, die Dinge
"einzuordnen". Dies gilt genauso für die Geschlechtsrollen, deren
Unterscheidungsmerkmale sich die Kinder im Vorschulalter aneignen. Obwohl sie
die biologische Geschlechtszugehörigkeit oft nicht erkennen können, können Kinder
bereits im Kindergartenalter sehr klar zwischen 'Mann' und 'Frau' unterscheiden.
(Grabrucker, M. 1985 in Reinalter, Skript 1996)
Die Merkmale entnehmen Kinder den Medien wie Büchern, Fernsehen, Radio sowie
der an sie selbst gerichteten Erwartungen. Die alltägliche Lebenserfahrung bietet
Kindern zwar auch noch andere Bilder und Erlebnisse, sie werden jedoch selten
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benannt und stehen den sehr eindeutigen Botschaften plakativer Aussagen
gegenüber. So werden zum Beispiel abweichende Beobachtungen wie: "Du Mama,
ich habe gesehen wie Frau X in der Autowerkstatt ein Auto repariert hat!"; damit
abgetan: "Das kann nicht sein, da arbeiten nur Männer. Frauen machen so etwas
nicht.“ So etwas ist nach wie vor weit verbreitet, aber nicht mehr als haltbare
Wahrheit tragbar. (Vgl. Reinalter 1996)
Im Alltag lernen Kinder, Geschlechtskategorien meist unreflektiert zu übernehmen.
Dies gilt auch für die Übername klassisch weiblicher Rollen oder Tätigkeiten von
Jungen oder Männern.
Verschiedene Studien haben ergeben, dass die nachweislichen Unterschiede nicht
durch die Biologie erklärbar sind. Die zwingende Vorstellung der
Zweigeschlechtlichkeit und der daraus resultierenden Unterschiede aufgrund
chromosomaler oder genetischer Determination ist nicht haltbar.
(Vgl. Bilden, H. 1991)
Geschlecht ist daher als Soziale Kategorie zu begreifen und wird zum weitaus
größten Teil erlernt bzw. es handelt sich in Wirklichkeit um ein soziales
Zuweisungsgeschlecht. (Die Unterschiede sind nicht angeboren oder vererbt!)
Geschlechtsspezifische Unterschiede, wie wir sie wahrnehmen können und wie sie
von Untersuchungen auch immer wieder belegt werden, widersprechen diesem
Ansatz nicht. (Vgl. Reinalter 1996)
Baby X Studien (derselbe Säugling wird der Versuchsgruppe einmal als männlich,
dann als weiblich vorgestellt) zeigen: Schon gegenüber Säuglingen gibt es
Erwartungen, Verhaltensinterpretationen und Interaktionsformen, die mit dem
angenommenen Geschlecht des Kindes variieren. (Sidorovicz & Lunney, 1980 /
Wallston & O'Leary, 1981 in Bilden, Helga 1991)
Geschlechtssysteme wie unsere patriarchale Kultur bedienen sich des Geschlechts als
Kategorie zur Hierarchisierung:
männlich = oben, dominant, besser, positiv,...
weiblich = unten, untergeordnet, schlechter, negativ, ... (Schaef, A.Wilson, 1985)
Entsprechend dieser gesellschaftlichen Zuweisung, Abwehrung und Verdeckung
weiblicher Arbeit und Sexualität blenden Mädchen ihre eigenen Stärken,
Fähigkeiten, Interessen und Bedürfnisse bei sich selbst und bei anderen Frauen und
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Mädchen aus und entwerfen ein widerspruchfreies, gesellschaftlich toleriertes Bild
von sich selbst, um sich in der gesellschaftlichen Normalität - im Gegensatz zur
gesellschaftlichen Realität - zu verorten. (Vgl. Reinalter 1996)
Dies klingt im Zeitalter der Emanzipation etwas weit hergeholt, doch betrachtet man
die Rolle der Frau in der heutigen Gesellschaft genauer, merkt man, dass dieses
„Verhaltensschema“ doch noch weit verbreitet bzw. tief eingeprägt ist. An dieser
Stelle möchte ich kurz auf die Interviews hinweisen: obwohl alle befragten Mädchen
eindeutig mit "Nein" auf die Frage, ob sie lieber ein Junge sein wollten antworteten,
so waren sie sich doch auch alle einig, dass Männer mehr Chancen auf einen guten
Beruf sowie einen besseren Stand in der Gesellschaft haben.
Ich selber denke, dass dies nicht ganz der Realität entspricht. Wir Frauen haben die
gleichen Chancen wie Männer, wir müssen nur etwas härter dafür arbeiten. Doch in
Deutschland stehen Frauen (fast) alle Türen offen. Ich will nicht behaupten, dass es
keine Schwierigkeiten für Frauen gibt und auch noch etliche vehemente Gegner „frei
herumlaufen“ – nicht umsonst muss es eine gesetzliche Frauenquote geben - ,
dennoch steigen die Chancen und immer mehr Türen öffnen sich.
Was nach wie vor leider auch eine traurige Tatsache ist, ist, dass die Bezahlung für
die gleiche getätigte Arbeit geschlechtsabhängig differenziert.
Durchschnittliche Bruttoverdienste in Deutschland
Produzierendes Gewerbe
Gegenstand der
Einheit
1999
2000
2001
Std.
37, 9
38, 2
38, 1
- männlich
Std.
38
38, 3
38, 2
- weiblich
Std.
37
37, 4
37, 3
13, 94
13, 98
14, 23
Nachweisung
Bezahlte
Wochenstunden der
Arbeiter
Bruttostundenverdienste EUR
der Arbeiter
- männlich
EUR
14, 43
14, 46
14, 73
- weiblich
EUR
10, 97
10, 95
11, 11
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Bruttowochenverdienste EUR
529
534
542
der Arbeiter
- männlich
EUR
551
554
562
- weiblich
EUR
406
409
414
3 404
3 414
3 511
Bruttomonatsverdienste EUR
der Angestellten
- männlich
EUR
3 699
3 730
3 826
- weiblich
EUR
2 602
2 607
2 689
Quelle: Statistisches Bundesamt Deutschland, aktualisiert am 25.06.2002
Diese Zahlen sprechen leider sehr stark für sich.
Nur nochmals zum Vergleich:
Ein männlicher Arbeiter verdiente 2001 pro Woche noch 148 € mehr als eine
weibliche Arbeiterin.
Ein männlicher Angestellter verdiente 2001 pro Monat sogar 1 137 € mehr. Das
erschreckende daran ist, dass die Differenz auch noch gestiegen ist. 1999 verdiente
ein männlicher Angestellter 1 097 € mehr als eine Angestellte.
Traurige Zahlen, die klarmachen, dass von einer echten Chancengleichheit noch
lange nicht gesprochen werden kann.
5. Die Freiheit nehm ich mir – die Suche nach der Identität
Alle reden heute von Identität, doch sucht man in der Literatur nach einer
eindeutigen Antwort, findet man diese nicht. Noch vor ein paar Jahren war der
Begriff noch kaum zu finden bzw. einfach nicht vertraut. Heute beschäftigt Identität
alle. Sie bestimmt den medialen und politischen Diskurs, man findet Artikel über die
„Identität der Kaninchenzüchter“ (siehe Keupp 1997), religiöse Gruppen bieten
Wochenenden zur „Identitätsfindung“ und der politische Raum erfindet die „Identity
politics“. Überall im Alltag begegnet uns der Identitätsbegriff. Daraus leitet Brunner
die „Identität als Inflationsbegriff Nr. 1“ ab. (1987, S.63) Doch was heißt das? Ist
Identität wirklich inflationär? Ist die Identität wirklich ein Begriff, der sich
selbständig halten kann?
An dieser Stelle möchte ich die Identität nach meiner Vorstellung aufteilen:
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5.1. Identitätsaufbau
5.1.1. Name, Daten, Fakten – die gespeicherte Identität
Fragt man einen Fremden auf der Straße: „Wer bist du?“, wird man als Antwort den
Namen dieser Person bekommen. Bei weiteren Fragen vervollständigt sich das Bild
um Alter, Familienstand, Beruf, Wohnort, usw. Das sind Fakten, die uns in der
Gesellschaft als Individuum kennzeichnen. Müssen wir uns identifizieren tun wir das
mit unserem Personalausweis, bereisen wir ferne Länder brauchen wir zur
Identifikation einen Reisepass. Wir sind mit Daten gespeichert, bekommen eine
persönliche Nummer und sind dadurch eine „individuelle“ Person, wir haben eine
Identität.
Durch diese Identität ist uns ein Leben in der Gesellschaft gesichert. Wir sind
gespeichert und dadurch ‚leben’ wir im System.
Dieser Beweis unserer Identität wird unterstützt durch ein Passfoto, welches die
Möglichkeit gibt, uns visuell zu identifizieren.
5.1.2. Optisches, visuelles Bild – die repräsentative Identität
Unsere äußere Erscheinung ist eine weitere Form der Identität. Einerseits werden
wird über unser Aussehen, wie es von der Natur gegeben wurde, identifiziert (die
Form unseres Körpers, des Gesichts, die Größe, die Farbe der Haare und der Augen
sowie unverkennbare Merkmale). Das sind Zeichen, über die uns die Außenwelt
erkennt und uns unserem Namen und (meistens) unserem Geschlecht zuteilt.
Durch unseren Kleidungsstiel haben wir die Möglichkeit, uns einer Gruppe
anzuschließen (Punks, Grufties, Snobs, usw.) oder uns individuell zu kennzeichnen.
Über kosmetische Maßnahmen (Make up, Frisur, Schmuck) kann man sich selbst,
wie beliebt, unterstreichen und repräsentiert damit sich Selbst und, ob bewusst oder
unbewusst, seine individuellen Identität.
5.1.3. Charaktereigenschaften – die „versteckte“ Identität
Fragt mich eine mir vertraute Person: „Wer bist du?“, werde ich verdutzt lachend
meinen Namen sagen. Doch dann muss man über diese Frage nachdenken. Wer bin
ich eigentlich?! Bin ich all die oben angeführten Tatsachen? Natürlich bin ich das,
aber nicht nur. Ich bin ein Individuum, das sich durch Fakten und optische Aspekte
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nach außen zu erkennen zeigt, aber ich bin auch ein Mensch, der sich durch
Charaktereigenschaften auszeichnet.
Menschen, die mich kennen, werden mich über Eigenschaften identifizieren, weniger
über Fakten.
Diese individuellen Charaktereigenschaften sind nach außen nicht sichtbar und damit
für den Großteil Menschen auch nicht zugänglich und dennoch machen sie sicherlich
einen größeren Teil zum Bilden der Identität aus.
5.1.4. Soziales Umfeld – die anerzogene Identität
Als Neugeborenes und Kleinkind identifiziert man sich über seine Mutter, später
über die Familie und noch später über das Umfeld bis man im Anfangsstadium der
Adoleszenz beginnt, sich selbst zu finden und dabei versucht darauf zu verzichten,
sich über andere zu definieren. (Wobei dies ein als scheinbar unmögliches
Unterfangen erscheint.)
Dieser Prozess ist sehr schwierig und meiner Meinung nach dauert er ein Leben lang.
Allerdings findet der Schwerpunkt definitiv in der Pubertät statt. Der junge Mensch
ist nicht mehr gewillt, sich über seine Familie zu identifizieren. Hier kommen eher
noch Freunde in Frage, doch der Wunsch nach Selbständigkeit ist groß und der
Drang, diese durchzusetzen, bestimmt die Entwicklung.
Trotz oder gerade wegen dieser Entwicklung ist ein Teil unserer Identität anerzogen.
Unser Verhalten auf Alltagssituationen, unser Umgang mit Menschen, unsere
Einstellung zur Politik und Umwelt bekommen wir durch die Familie, die Schule und
Peergroups vermittelt.
Um so älter wir sind, um so mehr sind wir fähig zu filtern. Doch ein Großteil wird
angenommen.
Wie unsere Familie uns erzieht ist maßgeblich an der Entwicklung der Identität
beteiligt.
5.1.5. Tiefenstruktur – die durch Gene vorbestimmte Identität
Das ist der wohl am schwersten zugängliche, am wenigsten nachweisbare und doch
der tiefste Punkt der Identität. Ohne die uns vorgegebene Struktur, die wir bei
unserer Zeugung mitbekommen haben, wären alle anderen Schichten der Identität
nicht in ihrer Form eine Tatsache.
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Die Tiefenstruktur lässt sich auch ein Leben lang nicht mehr verändern. Sie ist fest in
ihrer Form und durch alle anderen Einflüsse nicht veränderbar. An diesen Kern hängt
sich alle Entwicklung, um zu einer Vollendung zu werden. Die äußere Hülle ist
ständig variierbar, also total flexibel, doch so näher man an den Kern kommt, um so
fester wird die Struktur. Die uns mitgegebenen Gene sind unveränderbar und
ausschlaggebend für vieles in unserem Leben.
Als Beweis für diese Theorie möchte ich die Minessotta - Studie anführen.
In dieser Studie wurden eineiige Zwillingspaare, welche gleich nach der Geburt
getrennt wurden und nach Jahrzehnten wieder zusammenfanden, auf ihre
Gewohnheiten, Charaktereigenschaften und Lebenseinstellungen verglichen. Trotz
unterschiedlichsten Sozialisationen wiesen die Personen bzw. die Zwillingspaare
überraschend große Übereinstimmungen auf. Angefangen bei der Vorliebe für
Kleidungsstiele und der Art den Bart zu tragen, über Verhaltens- und
Charakterschemata bis hin zum Kettenrauchen und des Lieblingstieres.
(Vgl. Biologie heute S II, S. 82)
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5.1.6. Grafik zum Identitätsaufbau
Mit dieser Grafik möchte ich nochmals meine Vorstellung vom Aufbau der Identität
anschaulich machen.
Der rote Kern der „Identitätskugel“ ist für mich die in 5.1.5. genannte Tiefenstruktur.
Dieser Kern ist, wie bereits erwähnt, fest und lässt sich nicht verändern.
Die darauffolgende grüne Schicht stellt für mich das soziale Umfeld bzw. die
anerzogene Identität dar (vgl. 5.1.4.). Diese Teilschichten sind relativ fest und dick
und dennoch kann man sie austauschen bzw. weitere hinzufügen. Diese Schicht –
wie alle folgenden Schichten – bilden keine durchgehende Fläche, denn auch über
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Jahre gemachte Erfahrungen, anerzogene Verhaltensmuster können mit viel
Konsequenz und Durchhaltevermögen abgewöhnt bzw. verändert werden und
außerdem handelt es sich ja um sehr viele verschiedene Erfahrungen.
Die nun folgende blaue Schicht, die Charaktereigenschaften (vgl. 5.1.3.) sind etwas
dünner als die grünen Schichten aber haben fast die gleichen Eigenschaften. Auch sie
sind recht fest und doch austauschbar und zu ergänzen.
Noch zu erwähnen ist, dass der Übergang zwischen anerzogenen Verhaltensweisen
und Charaktereigenschaften sehr dünn ist und manchmal sogar identisch. Ich trenne
es trotzdem, weil ich glaube, dass eine Eigenschaft wie z.B. Geiz eher unter
Kontrolle bzw. veränderbar ist als z.B. die Grundlegende – eben von Kindesbeinen
an angeeignete – Einstellung zur Moral- und Wertvorstellung.
Meine Vorstellung ist, dass sich auf diese Schichten weitere, immer dünnere
Schichten der Identität legen.
Diese Schichten entstehen durch Erfahrungen und Erlebnisse.
Das optische Bild (vgl. 5.1.2.) und die gespeicherte Identität (vgl. 5.1.1.) stelle ich
mir wie einen Mantel über der „Identitätskugel“ vor. Dieser Mantel ist für alle
sichtbar und nötig für die Kugel. (Sie bietet Schutz und wahrt ein Bild.)
Wer bis zum Kern vordringen will, muss sich mit der individuellen Identität
beschäftigen.
Um die Vorstellung abzurunden, ein letztes Bild:
Wie man die Kugel sieht, liegt immer daran, in welchem Licht man sie betrachtet
bzw. ob sie vom Nebel verhüllt, mit Schnee bedeckt oder von der Sonne
angeschienen wird. Damit will ich sagen, dass selbst ein - und dieselbe
„Identitätskugel“ mit ihrem individuellen Mantel sich noch immer situationsbedingt
scheinbar verändern kann.
Eine Person ist in ihrem familiären Umfeld dieselbe wie in ihrem beruflichen und
trotzdem ist sie anders, weil sie sich anders verhält und weil sie andere Augen sehen.
Identität ist immer in Bewegung, sie „dreht“ sich ständig und wird sich, bis zum
Schluss, nie vollständig abschließen.
Yvonne Brenner
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Die Entwicklung von Identität und Individualität als geschlechtsspezifisches Problem, dargestellt an
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6. Entdecke die Möglichkeiten – Frau werden, Frau sein, Frau bleiben ↔
weibliche Identität
Was ist heute die Frau in unserer Gesellschaft? Gibt es wirklich noch diesen großen
Unterschied zwischen Mann und Frau? Was ist mit all dem Girl-Power und den
Zickenkarrieren?!
Aus meiner Sicht würde ich sagen, dass all die geschlechtsspezifischen
Unterteilungen total verschoben sind. Es gibt nicht mehr die typisch weibliche und
typische männliche Rolle wie vielleicht sogar noch vor zwanzig Jahren. Natürlich
war zu diesem Zeitpunkt die Veränderung schon in vollem Gange – sie ist es immer
noch, aber die Grundvoraussetzungen ändern sich ständig.
6.1. Frauenbild heute
Meiner Meinung nach ist das Hauptproblem für junge Frauen das, was
gleichermaßen ihr größtes Glück ist: es gibt keine eindeutige Frauenrolle mehr!!!
Die Frau gehört schon lange nicht mehr „hinter den Herd“ und ist alleine für die
Erziehung der Kinder zuständig, aber sie darf hinter den Herd und die Kinder
erziehen, genauso wie es der Mann darf. Frau sein bedeutet nicht mehr Einseitigkeit,
Frau sein ist Vielseitigkeit.
Dies fing nicht mit dem Beginn der neunziger Jahre an, sondern war ein langsamer
Prozess, der sich, bedingt durch die globale Entwicklung, schleichend und stetig
vollzog und vollzieht.
6.2. Das Frauenbild im geschichtlichen Vergleich
Frauen waren schon immer genauso „fähig“ wie Männer, doch durften sie es oft
nicht sein und dies wurde durch die körperliche Überlegenheit der Männer und das
„primitiv halten“ der Bevölkerung unterstützt. Trotzdem gab es schon immer Frauen,
die selbst in der absoluten „männlichen“ Zeit Karriere machten, z.B. Kleopatra, die
Amazonen, Marie Curie, Rosa Luxemburg und viele mehr.
Frauen waren nach meiner Meinung schon immer genauso weit entwickelt wie
Männer (wenn nicht sogar weiter), hatten aber nicht immer die Möglichkeit dies
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auszuleben. Dafür ist und war lange Zeit die „Moral“ der Gesellschaft schuld. Den
„Anfang des Übels“ lege ich in die Zeit der großen Philosophen wie z.B. Aristoteles,
der nichts von der Meinung der Frauen hielt und dem, meiner Meinung nach,
gewichtigsten Grund: die Bibel.
Um nur ein paar Stellen anzuführen:
Im Alten Testament: 1. Moses 2, 18 und 22
18 Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei; ich
will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.
22 Und Gott der Herr baute ein Weib aus der Rippe, die er von dem
Menschen nahm, und brachte sie zu ihm.
⇒ durch den Sündenfall ruft Eva die Verbannung aus dem Paradies hervor
und macht die Frau dadurch schuldig an der Menschheit.
(Bei Augustinus die sogenannte Erbsünde.)
Oder im Neuen Testament: 1.Korinther 11, 8 und 9
8 Denn der Mann ist nicht geschaffen von der Frau, sondern die Frau von
dem Manne.
9 Und der Mann ist nicht geschaffen um der Frau willen, sondern die Frau um
des Mannes willen.
Epheser 5, 22 und 23
22 Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herren.
23 Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der
Gemeinde ist, die er als sein Leib erlöst hat.
Der heilige Hieronymus stellte sogar die Behauptung auf, das alles Übel auf Erden
durch die Frau verursacht wird. (Vgl. R. Druck, Dipl. Arbeit 1993)
(Aber: ohne die Frau wäre die Schöpfung mit Adam und Eva zu Ende.)
Da die Menschen über Jahrhunderte so gut wie nichts anderes zum Maßstab als die
Bibel hatten und ihre Bildung bzw. das (Staats)System oftmals keine eigenen,
revolutionären Gedanken zuließ, war es Wahrheit und Gesetz. (Wobei ich hier
anführen möchte, dass ich die grundsätzliche Wahrheit der Bibel keinesfalls in Frage
stelle! )
So war die Frau also dem Manne Untertan bzw. sein Wort hatte Recht und ihres
nicht.
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Doch schon immer gab es Frauen, die sich gegen dieses System zur Wehr setzten
und versuchten, ihre eigene Freiheit zu erreichen. Wenn nicht mit dem System, dann
gegen es bzw. es wurde mit seinen ‚eigenen Waffen’ geschlagen. So gab es über
Jahrhunderte hinweg mehrere Frauen, die erfolgreiche Männer waren, manchmal
sogar ohne, dass der Schwindel aufflog. Dazu gehört natürlich viel Mut und
Intelligenz, um das Ganze umzusetzen, was wiederum ein Beweis mehr für die
Theorie ist, dass Frauen ebenso viel können wie Männer.
Beispiele von Frauen, die sich erfolgreich als Männer ausgegeben haben:
Ca. Mitte des neunten Jahrhunderts gab es die Päpstin Johanna bzw. den Papst
Johannes. Mary Read, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts als Pirat lebte; Hannah
Snell, „ein Soldat und Seemann“ in der britischen Marine; eine Frau aus dem 19.
Jahrhundert, deren wirklicher Name unbekannt ist, die aber unter dem Namen ‚James
Berry’ bis zum Rang eines Generalinspektors der britischen Krankenhausverwaltung
aufstieg; Loreta Janeta Velaquez, die unter dem Namen ‚Harry Buford’ im
amerikanischen Bürgerkrieg in der Schlacht am Bull Run für die Südstaaten kämpfte.
Das jüngste Beispiel ist Teresinha Gomez aus Lissabon, die achtzehn Jahre lang
erfolgreich vorgab, ein Mann zu sein; als hochdekorierter Soldat stieg sie in der
portugiesischen Armee bis zum Rang eines Generals auf und wurde erst 1994
„enttarnt“, als sie aufgrund einer Anklage wegen finanziellen Betrugs festgenommen
wurde und sich einer Leibesvisitation durch die Polizei unterziehen lassen musste.
(aus „Die Päpstin“ von Donna W. Cross, 1996, S.566)
6.3. Die Entwicklung des Frauenbildes im letzten Jahrhundert
Nun will ich mich schwerpunktmäßig den vergangenen ca. 60 Jahren zuwenden, die
auch (noch) von Bedeutung sind für die Entwicklung der Identität heutiger
jugendlicher Mädchen.
Vorneweg ist klarzustellen, dass ich mich hauptsächlich auf unsere Gesellschaft
(westliche Kultur) konzentrieren werde und anderen Gesellschaftsformen
allerhöchstens als Beispiel anfügen werde.
Mit der Einführung des allgemeinen Wahlrechtes auch für Frauen, in Deutschland
1919, ca. 50 Jahre nach dem allgemeinen Wahlrecht für die Männer (vgl. Meyers
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großes Taschenlexikon, 1999), bekam die Frau ein großes Stück mehr politische und
dadurch auch gesellschaftliche Autonomie.
Ich glaube, dass sich durch die beiden großen Weltkriege, vor allem durch den
Zweiten, viel in der Entwicklung der weiblichen Emanzipation getan hat. Die Frau
hatte in den meisten Fällen nicht mehr die Möglichkeit, selbst wenn sie wollte, sich
über einen Mann zu definieren, es war oftmals niemand da, der sagte, „wo es lang
geht“. Die Frauen waren auf sich selbst gestellt und bewiesen einmal mehr, sich
selbst und der Gesellschaft, dass sie „ihren Mann“ stehen konnten. Die
Trümmerfrauen sind das beste Beispiel dafür; ohne sie wäre Deutschland nicht so
schnell wieder „auf die Beine“ gekommen.
6.3.1. Die Emanzipation als Frauenbewegung
Emanzipation, das lateinische Wort für „Freilassung“, ist wohl in den vergangenen
Jahren zu einem DER Schlagwörter unserer Gesellschaft geworden. (Ebenso wie der
Bergriff ‚Identität’.) Im römischen Recht galt Emanzipation als die Entlassung eines
Sohnes aus der väterlichen Gewalt (vgl. Meyers großes Taschenlexikon, 1999), im
Lexikon wird Emanzipation als die Befreiung von Individuen oder Gruppen aus
rechtlicher, politisch-sozialer, psychischer oder geistiger Abhängigkeit beschrieben.
Der Emanzipationsbegriff wird in Deutschland aber in einem Atemzug mit der
Frauenbewegung genannt und meistens mit dem Feminismus verwechselt bzw. „über
einen Kamm geschert“.
Bleiben wir bei der Emanzipation im Zuge der Frauenbewegung, so ist sie seit ca.
der Hälfte des 20. Jh. als individuelle Fähigkeit zur kritischen Urteilsbildung und
relativen eigenverantwortlichen Lebensgestaltung der Frauen zu verstehen.
Diese Bewegung würde zeitlich übereinstimmen mit dem Ende des Zweiten
Weltkrieges und somit meine These vom ‚offiziellen Beginn’ der Veränderung der
Weiblichkeit unterstützen.
6.3.2. Frauen im Beruf, Frauen in der Politik, Frauen in der Familie
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges also begann sich die Rolle der Frau stetig
zu verändern bzw. zu entwickeln. Nicht mehr so langsam und dafür offiziell festigt
sich das Bild der Frau in der Gesellschaft und dadurch natürlich auch die Wertigkeit
ihres Status.
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Durch das nicht nur aktive, sondern auch passive Wahlrecht ist es Frauen gestattet,
als Politikerinnen zu agieren. Wo es vorher Frauen nur mit allergrößter Mühe und so
gut wie unmöglich war, in die Politik zu kommen und dann auch noch etwas zu
bewegen, ist es nun, zumindest theoretisch, kein Problem mehr. Kaum vorstellbar,
was Rosa Luxemburg (1871 – 1919) geleistet hat und nun im Vergleich z.B. eine
Renate Künast, um politisch arbeiten zu können. Es sind noch keine hundert Jahre
vergangen und es hat sich sehr viel getan.
Seit der ersten Bundestagswahl am 14.08.1949 hatten wir in der Bundesrepublik
Deutschland zum Beispiel schon zwei weibliche Bundestagspräsidentinnen. Zum
Einen 1972 - 1976 Annemarie Renger und zum Anderen 1988 - 1998 Rita Süssmuth.
(Meyers großes Taschenlexikon 1999)
Natürlich geht es nicht nur politisch für die Frauen voran, sondern auch beruflich,
gesellschaftlich und familiär. Wo 1950 noch die meisten der Frauen als Hausfrau und
Mutter tätig waren, so sind heute ca. ¾ aller Frauen zwischen 20 und 40 Jahren
berufstätig und teilweise zusätzlich auch noch Hausfrau und Mutter.
Gegenstand der
Einheit
1999
2000
2001
Erwerbspersonen
1 000
40 508
40 326
40 550
Erwerbstätige
1 000
36 402
36 604
36 816
Dar.: weiblich
1 000
15 744
15 924
16 187
Erwerbslose
1 000
4 106
3 722
3734
Dar.: weiblich
1 000
1 886
1 726
1 680
Nichterwerbspersonen 1 000
41 515
41 834
41 728
Männlich
1 000
17 127
17 404
17 478
Weiblich
1 000
24 388
24 431
24 250
Nachweisung
Waren es 1999 noch 63, 8 % weibliche Beschäftigte zwischen 15 und 65 Jahren, so
waren es 2001 bereits 64, 9 %.
(Quelle: Statistisches Bundesamt Deutschland, aktualisiert am 12.06.2002)
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Es ist nicht mehr unmöglich am Anfang des 21. Jh., Karriere und Familie unter einen
Hut zu bringen, es ist eher schon normal.
Frauen sind wie Männer in den unterschiedlichsten Sparten tätig und erfolgreich. So
gibt es die Stars und Sternchen der Filmbranche sowohl auf weiblicher als auch auf
männlicher Seite, die Musik wird von Frauen wie auch von Männern produziert und
vorgetragen, Erfindungen finden ihren Ursprung bei beiderlei Geschlechtern und
auch „typische“ Männer- bzw. Frauenberufe werden von beiden ausgeübt. (Z.B. KfzMechanikerin, Feuerwehrfrau, Erzieher, usw.) Natürlich fällt auf, dass es mehr
Frauen in ‚typischen’ Männerberufen gibt als umgekehrt. Dies liegt aber daran, dass
es weniger typische Frauenberufe gibt als Männerberufe, was durch die Tatsache
bedingt ist, dass Frauen über Jahrhunderte gar keine Berufe ausübten außer eben den
der Hausfrau und Mutter. (Natürlich nicht zu vergessen, das älteste Gewerbe der
Welt: die Prostitution. Dies ist durchaus, bis heute ein Beruf der wohl als „typisch“
weiblich angesehen werden kann. Zu meinem Thema spielt dieser Berufsstand aber
nur eine kleine Rolle und ich werde ihn nun weitgehend übergehen, was nichts mit
einer Wertung zu tun hat.)
Das dies – der Beruf der Hausfrau und Mutter - wiederum nicht als vollwertiger
Beruf angesehen wird, zeigt die Tatsache, dass es dafür keine gesetzliche Rente,
keine Versicherung und kein besonders hohes gesellschaftliches Ansehen gab und
gibt. Es liegt mit Sicherheit aber auch daran, dass Frauen sich einfach immer mehr
zutrauen. Heute ist es ja aber auch nicht mehr unmöglich, dass ein Mann zu Hause
bleibt und Hausmann ist bzw. sogar alleine seine Kinder erzieht. Dies wäre noch vor
Jahren undenkbar bzw. einfach nicht gesellschaftsfähig gewesen.
6.3.3. Alice Schwarzer, die Feministinnen und die Homosexualität
Mit dem Aufkommen der Emanzipationswelle kam auch die des Feminismus. Den
Feministinnen voran stand die Journalistin Alice Schwarzer. Sie gibt seit 1977 die
Frauenzeitschrift „Emma“ heraus, welches für die Feministinnen ein wichtiges und
auch ein allgemein bekanntes Blatt ist. Der Feminismus beruht auf der Meinung,
dass das Weibliche besser und wertvoller ist als das Männliche und damit die Frauen
eigentlich die wahren Herrscher der Gesellschaft sind.
Hier möchte ich jetzt auch die partnerschaftliche Beziehungen von Frauen
untereinander einbringen. Dass Frauen lesbische Beziehungen führen, ist in unsere
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Zeit durchaus normal und auch weitgehend gesellschaftliche anerkannt. (Ebenso die
schwule Beziehung von Männern.) Natürlich gibt es nach wie vor vehemente Gegner
dieser Art von Beziehungen und Schwule und Lesben werden mancherorts noch
„schräg“ angesehen und diskriminiert (vorwiegend in ländlicheren Gegenden). Doch
in einer Gesellschaft, in der diese Paare bereits vor dem Gesetz getraut werden
können, kann man kaum von einer großflächigen Missbilligung sprechen. Es ist noch
keine 40 Jahre her, da wäre dies ein Ding der absoluten Unmöglichkeit gewesen, in
einer Zeit in der sich junge Menschen das Leben nahmen, weil sie verzweifelt wegen
ihrer „falschen“ sexuellen Neigung waren. Heute gibt es schon die Tendenzen dazu,
homosexuell zu sein, weil es „in“ ist.
Über die Theorie des Feminismus lässt sich meiner Meinung nach streiten, allerdings
ist er eine weitere Möglichkeit für Frauen, sich zu orientieren und ein weiterer Zweig
in der Entwicklung der Frau bzw. des Weiblichen in unserer Gesellschaft.
6.3.4. Frau und Mutter als Aufgabe und Lebenswerk
Neben den Feministinnen gab und gibt es aber nach wie vor jene Frauen, die das
weiblich Häusliche streng verteidigen und die ihren Platz an der Seite eines Mannes
sehen, mit der Aufgabe seinen Nachwuchs und sein Haus zu versorgen und die sich
in dieser Rolle auch aufgehoben und glücklich fühlen. Für diese Frauen (und
natürlich auch für die Männer mit dieser Meinung – wovon es vermutlich erheblich
mehr gibt als Frauen...) existiert nach wie vor ein klares Frauenbild, was auch
weiterhin in der Erziehung deren Kinder zu einer strikten geschlechtsspezifischen
Rollenverteilung führt.
6.3.5. Der Wille, die Möglichkeiten und die Gene als Grundlage der
Identitätsentwicklung
Zwischen diesen beiden Extremen finden wir eine enorm große Bandbreite an
weiteren und unterschiedlicheren Einstellungen und Meinungen zum Bild der Frau in
unserer Gesellschaft.
Sämtliche Möglichkeiten stehen der jungen Frau von heute offen. Keine Universität
in der Bundesrepublik kann einer Frau den Zugang bzw. das Studium auf Grund
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ihres Geschlechts verwehren. Die Bildungsmöglichkeit steht allen – „Männlein und
Weiblein“ - zu.
Natürlich gibt es nach wie vor Studiengänge, die hauptsächlich von Männern belegt
werden – meistens die naturwissenschaftlichen Fächer – doch der Irrglaube, Frauen
könnten nicht logisch denken und seien dadurch für diese Berufe bzw. Studiengänge
absolut ungeeignet, wurde längst widerlegt. Oft liegt es einfach daran, dass der Mut
und der Zuspruch bei den jungen Frauen fehlt, doch mit dem steigenden weiblichen
Selbstbewusstsein in unserer Gesellschaft steigen auch die Zahlen derer, die solchen
Irrglauben widerlegen.
Insgesamt ist heute der Frauenanteil in verschiedenen Stadien der akademischen
Laufbahnen sehr hoch bzw. zunehmend:
Gegenstand der
1998
1999
2000
Studienanfänger
48, 5
49, 3
49, 2
Studierende
44, 5
45, 3
46, 1
Absolventen
42, 2
43, 5
44, 8
Promotionen
33, 1
33, 4
34, 3
Habilitationen
15, 3
17, 7
18, 4
Hochschulpersonal
50, 4
50, 5
50, 8
24, 2
24, 8
25, 6
28, 9
29, 5
30, 4
Professoren
9, 5
9, 8
10, 5
C4 – Professoren
5, 9
6, 3
6, 5
Bevölkerung
51, 3
51, 2
51, 2
Nachweisung
insgesamt
Hauptberufliches
wissenschaftliches
und künstlerisches
Personal
Wissenschaftliche
und künstlerische
Mitarbeiter
insgesamt
(Quelle: Statistisches Bundesamt Deutschland, aktualisiert am 26.11.2001)
Yvonne Brenner
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Alle Angaben zeigen den Frauenanteil in Prozent an.
Wenn auch nur eine geringe, so ist doch eine stetige Zunahme des Frauenanteils zu
beobachten.
Vor wenigen Jahrzehnten war der Weg der jungen Frauen vorprogrammiert. Sie
heirateten oder wurden verheiratet und ihre Aufgaben waren die drei großen ‚Ks’:
Kinder, Küche, Kirche + Ehemann.
Das war so und daran gab es nichts zu rütteln und zu ändern. Einerseits eine
furchtbare Vorstellung, die uns heute als der blanke Horror erscheint, die einem
keine Möglichkeit zum freien Willen lässt, andererseits eine vorprogrammierte und
gesicherte Zukunft, die einen nicht in die Verzweiflung der Planlosigkeit getrieben
hat.
Für mich bleibt kein Zweifel an der Tatsache, dass wir Frauen es heute besser haben
als die Frauen damals und trotzdem kann ich dieser Variante eine gewisse
beruhigende und klare Linie nicht ganz und gar abstreiten.
Die Frauen der jetzigen Generation sind selbstbewusst und ehrgeizig, konsequent
und wählerisch, sie haben ihren eigenen Kopf und ihren eigenen Weg. Frau sein
heute bedeutet, ein autonomer Mensch zu sein. Dies hat nicht nur Vorteile, sondern
auch Nachteile. Die volle Verantwortung für etwas zu tragen, hat nicht immer nur
schöne Seiten, sondern auch harte Aufgaben und eventuell negative Folgen. Dies ist
nun nicht mehr alleine Sache der Männer, sondern auch der Frauen. (Noch ist es für
Frauen keine Pflicht zur Bundeswehr zu gehen, aber es steht ihnen schon die
Möglichkeit offen, dies zu tun. Nach jüngsten Berichten (Quelle:
Informationssendung im Fernsehen) scheitern aber viele junge Frauen an der harten
Ausbildung der Bundeswehr.)
An dieser Stelle liegt meiner Meinung nach der Hauptknackpunkt der eventuell
auftretenden Problematik in der individuellen Entwicklung der Identität: Frauen
haben mit Sicherheit die gleichen oder zumindest ausgleichende Fähigkeiten wie
Männer und es gibt kaum Aufgaben (vorwiegend berufliche), welche man aufgrund
seines Geschlechts nicht nicht bewältigen kann. Dennoch haben wir Menschen auch
unsere genetischen Voraussetzungen, welche uns stark beeinflussen können. So ist
der bei Männern stark ausgeprägte Fortpflanzungstrieb ebenso eine Möglichkeit wie
bei Frauen der Mutterinstinkt, um unsere Prioritäten ins Wanken zu bringen oder zu
verschieben. Ebenso bin ich mir sicher, dass durch genetische Veranlagung bedingt
Yvonne Brenner
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(fast) jeder Mensch nach Nähe und Zuneigung sucht und Frauen, sogar noch mehr
als Männer, nach Schutz und Geborgenheit. Dieser Wunsch auf der einen Seite und
der Stand unserer Gesellschaft auf der anderen Seite führen zu einem inneren
Konflikt, der zur großen und eventuell unlösbaren Spannung führen kann.
Natürlich muss dies nicht sein und es gibt auch positive Beispiele, welche das
negative Denken in Frage stellen. Das sind diejenigen Paare, welche eine Beziehung
mit Kinder und Karriere beider Elternteile führen.
Doch leider kommt es oft zu Spannungen, da diese Mehrfachbelastung von den
wenigsten bewältigt werden kann. Dies liegt aber mit Sicherheit nicht alleine an der
Mehrfachbelastung an sich, sondern mehr an der Tatsache, dass man heute solche
Konflikte nicht mehr austragen muss, weil man nicht mehr (finanziell) aufeinander
angewiesen ist. Außerdem herrscht in unserer Gesellschaft ein enormer Egoismus.
Jeder ist mit sich selbst beschäftigt und es ist auch nicht von Nöten, sich mit anderen
auseinander zu setzen. Der sozialen Aspekt, das seelische Verkümmern, wird wohl
nicht (mehr) wahr genommen.
Nie zuvor gab es soviel Scheidungen wie in den 90iger Jahren.
1995 wurden 169 400 Ehen in Deutschland geschieden, 1998 waren es bereits 192
438, 2,5 % mehr (4 636) als 1997 und damit auch bisheriger Höchststand der
statistischen Scheidungszahlen. (Quelle: Statistisches Bundesamt Deutschland)
Funktioniert die Beziehung doch, bleibt manchmal dafür etwas Anderes auf der
Strecke. Das kann der Beruf sein oder aber auch die Kinder.
Einerseits kann die Frau sich für alles entscheiden, andererseits muss sie sich aber
auch entscheiden.
Was noch immer vorwiegend der Fall ist, ist, dass die Frau doch noch als die erste
Bezugsperson für die Kinder gesehen wird. Dies findet seinen Ursprung mit
Sicherheit aber bei den Frauen selbst, die sich auch nicht vorstellen können, sich
diese Aufgabe nehmen zu lassen. Mutter zu sein scheint in den meisten Fällen trotz
Karriere ein starker Wunsch, der meiner Meinung nach bereits in der Tiefenstruktur
der Frau verankert ist. (Siehe Kapitel 5.1.5.)
Die andere, immer häufiger gewählte Variante ist die ohne Kinder.
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In diesem Fall ist der Wille der Frau, Karriere zu machen oder einfach ihr eigenes
Leben unbeschwert und frei zu genießen größer als der Wunsch nach Kindern bzw.
der „Ruf der biologischen Uhr“ wird durch starken Willen übertönt.
6.3.6. Girl-Power und Partyluder
Mit den „Spice Girls“ in den 90iger Jahren kam die Welle des ‚girl powers’ auf. Die
Kraft der Mädchen wurde proklamiert: „Mädchen aller Länder vereinigt euch!“ Die
‚Girlies’ wurden kreiert – „sei frech, falle auf, sei ganz du selbst!“ Was die „Spice
Girls“ vormachten, machten viele andere nach. Das „Girlie“ wurde zu einer
Leitfunktion. Auffallen um jeden Preis, seine eigene Meinung haben und auch
öffentlich vertreten, anziehen, was auffällt und gefällt und einfach mit Spaß das
eigene Leben nach eigenem Sinn leben.
Die „Girlies“ gaben meiner Meinung nach vielen Mädchen in den 90iger Jahren den
Mut bzw. einfach die Identifikationsmöglichkeit, um zu sich selbst zu stehen und aus
sich heraus zu gehen.
Neben den „Girlies“ kamen dann auch die „Zicken“ und die „Luder“. Wo Luder und
Zicke doch eigentlich im Ursprung negativ gemeint war, bauen auf diesen
Titulierungen heute schon Karrieren auf. Jenny Elvers und Arianne Sommer sind als
„Partyluder“ berühmt geworden. Sie nutzen ihr Aussehen und ihre Weiblichkeit voll
zu ihrem Vorteil aus. Auf den großen Partys anwesend sein, berühmte Männer als
Partner haben reicht aus zum Erlangen von Berühmtheit. Die Karriere von Verona
Feldbusch begann nicht anders. Diese Frauen sind sich ihrer Weiblichkeit voll
bewusst und auch der Tatsache, dass Frauen an die „Seite von Männer gehören“. Nur
habe sie die Gabe und die nötige Intelligenz (eventuell...), um dies zu ihrem Vorteil
auszunutzen: berühmt sein ohne Talent, Geld haben, ohne arbeiten zu müssen und
sich im Glanz der eigenen Schönheit zu sonnen. Es ist ihnen nicht wichtig, Ruhm
und Ehre selbst zu verdienen durch etwas, was sie leisten. Es ist wichtig, im
Blitzgewitter der Kameras zu stehen und gut auszusehen. – Alice Schwarzer dreht es
allein bei dem Gedanken „den Magen um“.
Und zwischen all den „Girlies“, „Zicken“ und „Ludern“ bleibt noch jede Menge
Platz für Kreationen, die noch keinen eigenen Namen tragen, aber trotz allem erlaubt
sind und gelebt werden. „Erlaubt ist, was Spaß macht!“
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6.3.7. „Erlaubt ist, was Spaß macht!“
Wenn ein Mädchen bzw. eine Frau heute ihre Sexualität frei lebt und häufig ihre
Sexpartner wechselt, so ist sie keine Schlampe mehr, sondern einfach eine
selbstbewusste Frau.
Bekommt sie doch die ‚Auszeichnung’ „Schlampe“ verliehen, dann meist von
neidischen Frauen (Männer bewerten dies meist positiver bzw. gleichgültiger), die
entweder die Leidtragenden sind oder die nicht den Mut haben, selbst so zu leben
oder die Beurteilung erfolgt von denen, die eine sehr hohe bzw. konservative
Moralvorstellung haben.
Aber: „Erlaubt ist, was Spaß macht!“
Die Entwicklung der Möglichkeiten, wie eine Frau zu sein hat bzw. was sie alles darf
und machen kann und dadurch natürlich die gesamte Gesellschaftsstruktur an sich,
hat sich in den letzten fünfzig Jahren meiner Meinung nach so schnell verändert bzw.
vermehrt, dass sie nicht nur von Generation zu Generation verschieden ist, sondern
sich selbst während einer Generation mehrmals veränderte. Das macht vieles
leichter, weil auch die Mütter (und Väter) der Töchter keine strikte Rollenverteilung
erlebt haben, aber es macht es auch schwerer, weil es keine „richtige“ Norm mehr
gibt, an die man sich halten kann.
Damit will ich sagen, dass Moral und Norm nicht mehr von der Gesellschaft gegeben
wird, sondern jeder sich seine eigenen Wert- und Moralvorstellungen „basteln“ und
für sich selbst deren Richtigkeit beschließen muss, da es einfach zu viele
Möglichkeiten gibt und kaum etwas nicht erlaubt ist. Natürlich gibt es nach wie vor
Verhaltensmuster, die von der Gesellschaft nicht gebilligt werden. Dabei handelt es
sich aber um Dinge wie Pädophile oder Umweltsünder, aber nicht um Frauen, die
Autorennen fahren oder Städte regieren. Menschen, die das noch ablehnen, gibt es
natürlich nach wie vor, aber diese bestimmen nicht das Gesamtbild der Gesellschaft
und dadurch deren Wertevorstellung. Das sind wiederum Menschen, die entweder
noch stark geschlechtsspezifisch erzogen wurden oder Männer, die ihre „Domänen“
bzw. einfach ihre Männlichkeit in Gefahr sehen.
6.3.8. Idole, Vorbilder und der eigene Weg
Wo Twiggy in den 70er Jahren ein einzelnes Idol darstellte, das für viele Mädchen
der Start in die Magersucht war, finden wir heute Tausende von Twiggys, die sich im
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Fernsehen, auf Kinoleinwänden und Werbeträgern zeigen. Schlank sein, schön sein
und dadurch liebens“wert“ – das ist die Botschaft.
Die jungen Frauen von heute sehen sich einer Überschwemmung von „Schönheit“
gegenüber, die ihnen suggeriert, wie sie sein müssen oder zumindest sein sollten.
Nicht umsonst ist die Zahl der an Essstörung Leidender heute so hoch.
Viele Mädchen, aber auch Jungs, streben nach dem Schönheitsideal, das vermittelt
wird. Einerseits entstehen Essstörungen natürlich aus dem Grund, dass sie das
Schönheitsideal der schlanken Frau (des durchtrainierten Mannes) erreichen wollen,
um dadurch vermeintliche Anerkennung zu erlangen, andererseits entstehen
Essstörungen aus Überforderung und Angst vor der Welt und der Zukunft.
Junge Frauen sehen sich heute, aufgrund der vielen Möglichkeiten, einer hohen
Erwartungshaltung gegenüber. Kann diese Erwartung nicht erfüllt werden bzw.
überfordert sie den jungen Menschen, ist es möglich, dass er darauf (unter anderem)
mit Essstörungen reagiert.
Jugendliche allgemein müssen sich heutzutage größerem Stress aussetzen, da die
Möglichkeiten aber auch die Erwartungen an sie viel höher und vielseitiger sind als
zuvor. Allgemein ist die Adoleszenz eine Phase mit erhöhtem Erkrankungsrisiko.
Die Anforderungen an den Jugendlichen sind hoch, die Regulierbarkeit und oft auch
die soziale Unterstützung eher gering, die Psyche ist überfordert und der Körper
reagiert (Psychosomatik). Essstörungen ist eine Art der Möglichkeiten.
Doch neben Twiggy und den ganzen anderen Twiggys gibt es auch noch andere
Vorbilder, die eine gesunde Entwicklung auch positiv beeinflussen können. Dazu
möchte ich sagen, dass alle Vorbilder einen positiven Effekt haben können, wenn sie
in einer realistischen Form bleiben. „Nur die Menge macht das Gift!“ (Aussage Herr
Wirsig, Chemielehrer am Bildungszentrum Bretzfeld.)
So kann ein Popstar zum Vorbild werden, weil er für seine Träume gearbeitet hat;
eine Teamkollegin, weil sie durch ihr Talent in den Kader gekommen ist; eine
Schauspielerin, weil sie sich von der Werbung bis zum Hollywoodfilm
hochgearbeitet hat und noch dazu Teakwondo beherrscht; die Punks, weil sie sich
nicht dem System unterordnen; die Mutter, weil sie für das Erreichen ihrer Ziele hart
arbeitet und trotzdem nicht ihre Familie vernachlässigt und bestimmt noch viele
mehr (Die Beispiele sind aus den Interviews mit den Realschülerinnen).
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Vorbilder und Idole können helfen, über eigene Schwächen hinwegzukommen bzw.
zu akzeptieren, dass man welche hat.
Durch die Identifikation mit anderen oder eben auch dem Umkehrfall, der
Ablehnung anderer Verhaltensweisen und Meinungen, kann sich eine starke
individuelle Person herausbilden. Vorbilder können zeigen, dass man sich für etwas
einsetzten muss, um Ziele und Träume zu erreichen und zu realisieren.
(Siehe auch Kapitel 4..2.1. Lernen am Modell)
Solange Vorbilder und Idole nicht über das eigene Leben gesetzt werden, sind sie
meist eine sinnvolle Einrichtung auf dem Weg der Identitätsentwicklung.
6.4. Eriksons Modell und die Identitätsentwicklung heute
In Kapitel 3.2. habe ich mich mit der Identitätsentwicklung nach Erikson beschäftigt.
Sämtliche Theorien der Persönlichkeitsentwicklung – unter anderem auch die von
Erikson – sind schon Jahrzehnte alt. Dadurch stellte ich mir die Frage, ob sie denn
überhaupt noch aktuell, d.h. unsere heutige Entwicklung anwendbar sind.
Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass sie es sind. Ich glaube, dass die meisten
Theorien zeitlos und dadurch immer aktuell sind. Um diese Meinung zu
unterstreichen, möchte ich dies am Beispiel von Erikson klar machen.
Die Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesellschaft ist Grundlage für
die Entwicklung einer Persönlichkeit!
Erikson ging davon aus, dass sich das Gefühl, eine Identität zu besitzen, aus der
Erfahrung ergibt. (Vgl. Erikson 1973, S.18) und ich bin mir sicher, dass dies auch
heute noch so ist. Es geht nach wie vor nicht nur um die bloße Tatsache der Existenz,
sondern auch um die Qualität, den Inhalt des Existierens.
Um meine Meinung ganz klar zu machen, werde ich die acht Stufen Eriksons nun
übernehmen und auf die weibliche Entwicklung übertragen:
1. Phase: Urvertrauen gegen Misstrauen
In dieser Phase befinden sich, nach meiner Meinung, noch keine all zu großen
Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen. Natürlich, und hier möchte ich Ursula
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Scheu erwähnen, werden Mädchen und Jungen mit Sicherheit schon anders
behandelt, aber was die Notwendigkeit eines gesunden Vertrauens in seine Umwelt,
also das Urvertrauen, betrifft, gibt es mit Sicherheit keine Unterschiede. Beide
Geschlechter brauchen diese Vertrauenserfahrungen, um nicht in depressive und
schizoide Persönlichkeitsstrukturen zu fallen.
Wo Erikson sagt: „Das Ur-Vertrauen ist der Eckstein der gesunden Persönlichkeit.“
(1973, S.63) übertrage ich das (auch) auf die wichtige Erfahrung: „Ich bin ein
liebenswertes Mädchen.“
Ganz wichtig in dieser Phase sind die Bezugspersonen bzw. die Bezugsperson. Im
Regelfall ist das bei den meisten Kinder erst einmal die Mutter. Aber die
Bezugsperson kann auch der Vater sein und ich glaube, dass bereits hier wichtige
Erfahrung bezüglich der Wertigkeit des Geschlechts gemacht werden. Nimmt ein
Vater seine Tochter an, ohne ihr das Gefühl zu geben, „kein Sohn“ zu sein,
entwickelt sie mit Sicherheit ein besseres Selbstvertrauen.
2. Phase: Autonomie gegen Scham und Zweifel
„Ein Mädchen tut so etwas nicht!“ – dieser Satz hat sich mit Sicherheit in viele
weibliche Gehirne eingebrannt. In der zweiten Phase weißt Erikson darauf hin, wie
wichtig es ist, Festhalten und Loslassen zu üben. Erikson und Freud stimmen
überein, dass eine zu frühe oder zu strenge Sauberkeitserziehung zu schweren
persönlichen Schäden führen kann.
Dieses Stadium entscheidet über freie Selbstäußerung und Gedrücktheit, es soll
Autonomie und Stolz aus Selbstbeherrschung ohne Verlust des Selbstgefühles
entstehen. Aus dem Verlust der Selbstkontrolle entsteht das dauernde Gefühl von
Scham und Zweifel. (Vgl. Erikson 1973, S. 78)
Und da liegt dann auch der Knackpunkt: Mädchen werden meist viel früher zur
Sauberkeit erzogen und ihnen wird auch viel weniger erlaubt, sich mit ihren
Ausscheidungen zu beschäftigen. „Ein Mädchen tut so etwas nicht!“
Natürlich ist das auch bei Jungs nicht gerne, aber dort wird es eher toleriert. (Jungs
und Dreck gehören ja irgendwie zusammen und Mädchen müssen süß und sauber
sein.)
Ich glaube schon, dass hier bereits vieles verloren geht, was eine Frau stark machen
kann. Und auch wenn unsere Generation schon sehr weit emanzipiert ist und die
heutigen Mütter sich selbst für gleichwertig mit den Männern halten, so gibt es
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keinen ersichtlichen Grund für sie, ihre Töchter nicht doch eher aus dem
Schlammloch zu ziehen als ihre Söhne.
3. Phase: Initiative gegen Schuldgefühl
Erikson nennt diese Phase auch die infantil-genitale Phase. Infantil bedeutet ja soviel
wie etwas, dass der kindlichen Entwicklungsstufe entspricht. Das Genitale ist das,
was die Geschlechtsteile betrifft. Zusammengefasst also die Phase, in der sich das
Kind mit seinem Geschlecht beschäftigt. Nicht nur die Benennung und Zuteilung
zum jeweiligen Geschlecht sondern eben auch direkt die organischen
Voraussetzungen. Für Erwachsene ist dies immer schwer zu akzeptieren, dass der
Junge mit seinem Penis spielt und das Mädchen mit ihrer Vagina. Der Erwachsene
sieht darin den Bezug zum eigenen Sex. Bei Kindern geht es aber um etwas ganz
anderes. Es ist die Neugierde und das Interesse. Kinder sind rein und natürlich und
haben keine Hintergedanken dabei. Da der Erwachsene dadurch aber wohl oft in
seiner Moralvorstellung gestört wird, verbietet er dem Kind dieses entdeckende
Spiel. Durch das Verbot ändert sich nicht die Neugierde und das Interesse des Kindes
aber seine Einstellung dazu. Schuldgefühle können aufkommen und sich bis hin zum
Ekel vor dem eigenen Körper entwickeln.
Damit kommen wir wieder ganz schnell zu dem Satz: „Ein Mädchen tut das nicht!“
Auch hier erleben Mädchen oft eine viel strengere und verklemmtere Erziehung
sowie Aufklärung als Jungs. Natürlich werden Mädchen heute auch aufgeklärt – tun
es nicht die Eltern erledigen dies Freunde, Medien oder das Leben. Doch nach wie
vor gilt ein Mädchen das sich mit seinen Geschlechtsteilen beschäftigt eher als
„komisch“, „schmutzig“ oder gar „obszön“ als das bei einem Jungen der Fall ist.
Also kann man daraus auch schließen, dass ein Mädchen ehre ein gestörtes
Verhältnis zu seinem Körper bzw. seiner Sexualität aufbaut als ein Junge.
4. Phase: Werksinn gegen Minderwertigkeitskomplexe
In Mittelpunkt dieser Phase steht die Anerkennung und das Austesten der Grenzen.
Dieses ist mit Sicherheit für Kinder beiderlei Geschlechts von großer Bedeutung.
Lege ich es nun auf die weibliche Identitätsentwicklung, so bedeutet das für mich,
dass das junge Mädchen lernen darf, eine Frau und dadurch ein Mensch zu sein.
In dieser Phase ist es mit Sicherheit wichtig zu vermitteln, dass Frau sein genauso
viel wert hat wie Mann sein.
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Identität steht in Abhängigkeit zur Anerkennung und umgekehrt, also ist es wichtig
Anerkennung als Frau bzw. Mädchen zu bekommen um eine weibliche Identität zu
entwickeln.
Dies bedeutet also einerseits, dass Mädchen auch positive Erfahrungen in „typisch“
männlichen Bereichen erleben dürfen (Bsp.: Mathematik, Seifenkistenautos,
Wettrennen, usw.) sowie der Tatsache, dass das weibliche an sich auch Anerkennung
verdient.
Wenn Hasselbach (in Keupp 1993) Recht hat, und „fehlende Liebe und Anerkennung
zu Frustration führen kann, die sich bis zum blinden Hass steigern kann“, dann
würde das im Falle des weiblichen zu einer Ablehnung des eigenen Geschlechts bis
hin zum, schlimmstenfalls, Hass gegen Andere oder sich selbst führen können.
5. Phase: Identität gegen Identitätsdiffusion
In dieser Phase, der nach Erikson wichtigsten aber auch schwersten Phase der
Identitätsentwicklung, muss sich die junge Frau mit dem Entwickeln ihres Körpers
und ihrer geistig-seelischen Situation auseinandersetzen.
Viele Leute sagen, dass die Pubertät bei Mädchen viel schwieriger sei als bei Junge.
Dieser Aussage würde ich bedingt recht geben. Ich bin mir sicher, dass Jungs ebenso
Probleme mit der Entwicklung ihres Körpers haben und die Reifung vom Kind zum
Erwachsenen auch von ihnen viele schmerzhafte Entscheidungen und Erfahrungen
fordert. Dennoch glaube ich, dass Jungs dem ganzen lockerer gegenüberstehen. Zum
Einen, weil sich ihre körperliche Entwicklung langsamer vollzieht und zum Anderen,
weil sie von der Familie und Gesellschaft mehr unterstützt werden. Außerdem, und
das ist wohl der Hauptgrund, tragen Jungen ihre Gefühle und Verwirrungen nicht so
sehr nach außen wie die Mädchen dies tun.
Mädchen finden sich in dieser Phase, in der sie noch nicht wissen in welche Richtung
sie sich orientieren sollen, eine Flutwelle von Vorbildern, Schönheitsidealen und
Meinungsbildnern gegenüber.
In dieser Phase wird das eigene Ich in Frage gestellt. Alles dreht sich um die Frage:
„Wer bin ich, wer bin ich nicht?“ und dies ist dicht gekoppelt mit der Suche nach
dem Sinn des Lebens.
Auf der weiblichen Schiene betrachtet also die Frage: „Was für eine Frau bin ich,
was für eine Frau bin ich nicht?“ Da eine der wesentlichen Aufgaben dieses
Stadiums die Festigung der sozialen Rolle, der Vergleich des eigenen Selbstbildes
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mit der Erscheinung in den Augen anderer und die Verknüpfung früherer Rollen mit
neuen Leitbildern ist (vgl. Erikson 1973, S.6 ff) bedeutet dies im angeführten Bezug,
dass die soziale Rolle als Frau gefestigt werden muss. Der Vergleich mit anderen und
auch die Meinung der anderen über einen selbst spielt bei Mädchen oft eine sehr
große Rolle. Prestige wird stark bewertet und das Selbstbild muss – nach außen –
perfekt sein. Ist das Mädchen in seiner bisherigen Entwicklung in seiner
Weiblichkeit unterstützt bzw. „normal“ behandelt worden, werden in diesem Fall
bzw. in diesem Entwicklungsabschnitt weniger Probleme auftreten, als wenn dies
nicht der Fall war.
Die Identitätsdiffusion, welche als die Gefahr dieses Entwicklungsabschnittes
gesehen wird, zeigt sich im Bezug auf die Weiblichkeit in einem breiten Spektrum.
Durch die absolut riesige Auswahl an Identifikationsmöglichkeiten bzw. eben an
gelebten Möglichkeiten, entsteht ein so breites Spektrum von verschiedenen IchIdentitäten, dass so gut wie nichts mehr unmöglich ist. Dieses zu verarbeiten, eine
eigene Ich-Identität herauszubilden ohne der Überforderung zu unterliegen und
dadurch in die Diffusion zu kommen, erfordert ein großes Stück Kraft und
Selbstvertauen. Soll also die weibliche Identität positiv gebildet werden, muss bereits
in der Windel ein positives Gefühl für das Weibliche vermittelt worden sein.
(Mehr dazu im Kapitel 8.)
6. Phase: Intimität gegen Isolierung
In dieser Phase ist im Normalfall eine gewisse Identitätsfestigung erreicht. Die Frau
weiß wo sie steht bzw. wo sie hin will. Sei es jetzt Familie, Beruf oder beides. Auch
die partnerschaftliche Beziehung ist geklärt. Auch wenn nicht unbedingt eine
Partnerschaft vorhanden ist, so ist doch Intimität vorhanden und möglich. Auch
freundschaftliche Beziehungen festigen sich. Funktioniert dies alles nicht, kann es
zur Isolation kommen. Dies aber wiederum ist auch abhängig von der Entwicklung
der bereits durchlaufenen Stufen.
7. Phase: Generativität gegen Selbstabsorption
Diese Phase Eriksons sehe ich, im Bezug auf die Weiblichkeit, ganz klar in dem
Wunsch Mutter zu werden bzw. in der Welt etwas zu verändern. Ich kenne keine
Frau die nicht das eine oder andere, wenn nicht gar beides, möchte. Ist eine Frau
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unzufrieden mit ihrer Weiblichkeit, ja sogar unglücklich, wird sie dies auch nicht
weitergeben wollen.
8. Phase: Integrität gegen Verzweiflung und Lebensekel
„Annahme seines eigenen Lebenszyklus“, sagt Erikson (1973) was das bedeutet:
Annahme der Weiblichkeit, Annahme eine Frau zu sein. In diesem letzten Stadium
hat die Frau ihren Lebenssinn gefunden – den als Mensch, aber auch speziell den als
Frau. Frauen die ihr Frausein nie genießen konnten, werden bis zum Tode mit ihrem
Geschlecht hadern.
Also kann ich nun wohl abschließend nochmals behaupten, dass Eriksons (und auch
die der anderen) Theorie über die Identitätsentwicklung bzw. die der
Persönlichkeitsentwicklung, eigentlich zeitlos sind. Das Prinzip stimmt wohl immer,
nur das „Arbeitsmaterial“ verändert sich ständig.
6.5. Ausblick, Rückblick oder einfach Sammlung der Tatsachen
Zusammenfassend, auch im Hinblick auf Erikson, möchte ich noch mal
unterstreichen, dass, trotz weitere vorhandener Schwierigkeiten, sich einiges getan
hat in der Entwicklung und Betrachtung der Frau in der Gesellschaft.
Ob sich dadurch für die Frau etwas ändert, bleibt in letzter Konsequenz ihr selbst
überlassen. Ob sie charakterstark und selbstbewusst genug ist, ihre Meinung und
Einstellung zu leben ist nicht mehr abhängig von der Moral der Gesellschaft. Das ist
allein ein Vorwand, hinter dem man sich verstecken kann, um seiner eigenen
Courage keine Blöße zu geben.
Die Möglichkeiten sind für Frauen ebenso offen wie für Männer. Wir dürfen Hosen
tragen und Fußball spielen, Karriere machen und den Nobelpreis gewinnen. Wir sind
Gewaltverbrecherinnen und leben auf der Straße, betrügen und hintergehen das
Staatssystem und fordern vehementer als mancher Mann das Wiedereinführen der
Todesstrafe.
Wenn wir heute die Zeitung aufschlagen oder das Fernsehen einschalten, begegnen
uns nicht nur Männer, sondern ebenso Frauen, die die Welt beschäftigen und
verändern. Die Selbstmordattentäter in Israel sind nicht nur Männer, sondern auch
Frauen, bei der großen ‚K’-Frage stand Angela Merkel zur Debatte und eine
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28jährige alleinerziehende Mutter wird von der CDU als Familieministerin
aufgestellt.
Es hat sich viel getan und es wird sich noch mehr tun.
Und so ein ganz klein bisschen werden wir hoffentlich trotzdem immer Frau sein und
dieses Geschenk der „Doppeltfähigkeit“ nie verlieren.
Denn eigentlich ist es sehr schön, für einen koketten Augenaufschlag die Schultern
massiert zu bekommen, beim Betreten eines Raumes die Türe offengehalten zu
bekommen und den Reifen nach einer Panne nicht selber wechseln zu müssen...
7. Mich muss man erlebt haben – Biographien jugendlicher
Realschülerinnen
Die folgenden Kurzbiographien stammen aus Interviews, die ich Ende April und
Anfang Mai 2002 in der Realschule Pfedelbach gemacht habe.
Aus jetziger Sicht würde ich sagen, dass es keine besonders gute Idee war,
Schülerinnen aus nur einer Klasse, einer Ortschaft und noch dazu ähnlichem Milieu
zu befragen. Für eine ausreichende Umfrage und dadurch ein klares Bild bzw. eine
beispielhafte Meinung, um mit den Antworten auch statistisch arbeiten zu können,
reicht dies nämlich bei weitem nicht aus.
Trotz allem werde ich diese „Biographien“ mit einbringen und auswerten muss aber
dazusagen, dass ich – widersprüchlich zu meinem Titel – die Biographien nicht als
Schwerpunkt meiner Arbeit bzw. meiner Meinung bewerten möchte und kann.
Zum besseren Verständnis vorab:
Bevor ich die Interviews führte, war ich an der Schule, um das Projekt und mich
selbst vorzustellen. Nachdem bekannt wurde, dass die Schülerinnen für die Fragen
einen Teil ihrer Freizeit opfern müssten, blieben nur noch diese fünf Freiwilligen
übrig.
Vorneweg bekamen alle fünf einen kleinen Fragebogen, der sich im Anhang als
Fragebogen I. befindet. Die Antworten auf diese Fragen werde ich nicht
veröffentlichen, da sie teilweise unter den Datenschutz fallen. Ich nutzte sie aber
teilweise um aufgrund der gegebenen Aussagen bei den späteren Interviews
individuelle Fragen zu stellen
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Die Vornamen der Schülerinnen habe ich ebenfalls verändert.
Das angegebene Alter bezieht sich auf den Zeitpunkt des Interviews.
Bei der Niederschrift der Biographien, hab ich mich oft nahe an die wörtliche
Aussage der Schülerinnen gehalten.
7.1. Kurzportraits
7.1.1. Anja 14,11Jahre
„Das wichtigste in meinem Leben ist mein Pferd!“
Anja lebt mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder (11 Jahre) direkt in Pfedelbach.
Mit ihrem Bruder versteht sie sich soweit ganz gut, wie man sich eben mit fast
fünfzehn mit seinem kleinen Bruder versteht.
Sie ist stolze Besitzerin eines Pferdes. Allerdings gehört ihr das Pferd nicht alleine,
sondern mit ihrer Mutter zusammen. Dieses Pferd ist ihr ein und alles und sie setzt es
sogar über die Beziehung zu ihren Freunden. Seit drei Monaten hat sie nun einen
Freund, der ungefähr den gleichen Prioritätsstatus wie das Pferd hat.
In letzter Zeit hat sie öfter Streit mit ihrem Vater, weil er ihr immer mehr verbietet.
Dies liegt wohl daran, dass sie sich sehr verändert hat, seit sie nicht mehr in
Öhringen, sondern in Pfedelbach auf die Realschule geht.
Früher, als sie noch in Öhringen zur Realschule ging, war sie ein braves Mädchen,
das viel gelernt hat, wenig unterwegs war, lange Haare hatte und sich an die Regeln
ihrer Eltern hielt. Sie verpflegte ihr Pferd und ging mit ihren Eltern am 1.Mai auf
Feste – und sie war damit zufrieden.
Eigentlich versteht sie sich mit ihrem Vater schon auch gut, nur in letzter Zeit
verbietet er ihr eben so viel und wenn sie nicht hört, kann es sogar Hausarrest geben
– was absolut das schlimmste ist. Mit ihrer Mutter hat sie ein sehr gutes Verhältnis.
Sie ist für sie schon fast mehr als eine Mutter, sie ist wie eine Schwester, der man
alles erzählen kann. Für Anja ist das fast schon peinlich, mit Müttern spricht man
doch nicht über alles... Sie nennt ihre Mutter „Mutsch“ und erzählt ihr wirklich alles,
außer über ihren Freund, das geht dann doch zu weit.
Anja geht zwei bis drei mal in der Woche zum Reiten. Ihr Taschengeld verdient sie
mit dem austragen vom „Blättle“. Dann ist sie viel im Skatterpark in Öhringen
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unterwegs und im Sommer natürlich auch im Freibad – dort kennt sie fast alle. Sie ist
so gut wie immer unterwegs und Langeweile kennt sie nicht.
Vor fünf Jahren war sie noch ruhig und zurückhaltend und hat sich nicht getraut, auf
Menschen zuzugehen. In der Zwischenzeit hat sie viel gelernt und aus jetziger Sicht
würde sie sagen, dass ihr Leben früher langweilig war. Aber es war auch irgendwie
ok.
Jetzt will sie auf jeden Fall „leben“ und so viel wie möglich aus ihrem Leben heraus
holen. Später, wenn sie arbeiten muss, hat sie die Zeit dazu nicht mehr.
Sie würde gerne mal Journalistin werden, aber das Abitur und das Studium schrecken
sie davor ab. Abitur ginge ja gerade noch, aber studieren... Dann doch lieber zur
Polizei. Dort möchte sie zwar auch in den gehobenen Dienst, aber Abitur kann man
im Notfall auch auf der Polizeischule machen. Nur wie das mit dem Blut
funktioniert, da ist sie sich nicht so sicher. (Sie kann kein Blut sehen.)
Sicher ist Anja sich darüber, dass sie auch in zehn Jahren kein Geld haben wird – das
hat sie nämlich nie.
Auf jeden Fall möchte sie sich zu der Zeit Gedanken über Kinder machen, nicht
mehr so viel unterwegs sein und viel für ihre Arbeit tun. Am Anfang, so mit 18
Jahren, möchte sie mit ihrem Freund zusammenziehen, wenn sie mal mehrere Kinder
hat, möchte sie dann schon ein Haus haben. In eine Großstadt oder gar ins Ausland
möchte Anja nicht, Öhringen ist obere Grenze. (Öhringen hat ca. 30 000 Einwohner)
Anja sieht sich selbst als stark und offen und denkt auch, dass andere sie so sehen.
Sie weiß aber auch, dass sie durch ihre laute, oftmals sehr impulsive Art, andere
erschreckt.
7.1.2. Elena 14, 9 Jahre
„ Ich würde sehr gerne Schauspielerin werden aber mir fehlt das Talent dazu.“
Elena lebt mit ihren Eltern und drei ihrer sechs Schwestern in einem kleinen Dorf
neben Pfedelbach. Vier ihrer Schwestern sind älter und zwei jünger als sie. Zu jeder
ihrer Schwestern hat sie ein gutes Verhältnis aber zu jeder ein anderes. Sie hat
sozusagen für alle Fälle eine Schwester. Es gibt keine Lieblingsschwester.
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Momentan ist ihr ihre Nichte sehr wichtig, mit der sie auch viel Zeit verbringt, geht
mit ihr spazieren oder spielt mit ihr weil, sie einfach so süß ist. Sich selber sieht sie
aber weniger in dem Kind, da es eine ganz andere Kindheit durchlebt, als sie es getan
hat.
Elena hat ein großes Vorbild, das ist die Schauspielerin Sarah Michelle Gellahar. Sie
gefällt ihr deshalb so gut, weil sie selber schon als Kind Schauspielerin werden
wollte und Sarah M. Gellahar auch. Außerdem bewundert sie, dass die
Schauspielerin sich so hochgearbeitet hat: von der McDonalds – Werbung bis zum
Kinofilm. Außerdem hat sie eine tolle Figur und den brauen Gürtel in Taekwondo.
Elena hat auch einmal Judo trainiert – sie möchte wieder damit anfangen.
Die Schule ist für Elena ein mehr oder weniger notweniges Übel. Schule kostet sehr
viel Zeit, vor allem Freizeit für Hausaufgaben und lernen auf Klassenarbeiten.
Außerdem beeinflusst sie das soziale Umfeld Schule, obwohl sie von manchen
Mitschülern lieber nicht beeinflusst werden möchte.
Freunde hat Elena schon, aber nicht so viele und sie ist überzeugt, dass sie sich nicht
sonderlich von ihnen beeinflussen lässt. Reden tut sie mit ihren Freunden nicht
besonders viel, dazu hat sie ihr Meerschweinchen und ihre Schwestern.
Mit ihrer Mutter kommt es ab und zu zum Streit, mit dem Vater gibt es weniger
Kontakt. Ihre Eltern sind schon etwas älter, aber Elena findet das nicht schlimm,
ganz im Gegenteil, so machen sie nicht einen auf „gut Freund“.
In ihrer Freizeit liest sie gerne Schnulzenromane und esoterische Bücher. Mit
letzterem beschäftigt sie sich wohl auch etwas ausführlicher. Hexen findet sie toll,
sie pendelt, legt Karten, braut Getränke und interessiert sich für Woodozauber. Sie
macht das alleine und gehört keinem Kreis an.
In den letzten fünf Jahren ist sie nach ihrer Meinung selbstbewusster geworden und
sie darf jetzt mehr. Früher war ihr die Grundschullehrerin noch wichtig, heute ist ihre
Familie wichtiger.
Wenn sie es sich wünschen könnte, wäre sie in zehn Jahren eine gefragte
Schauspielerin in Hollywood. Deutschland reicht da nicht aus, es muss schon
Amerika sein. Wer es dort geschafft hat, schafft es überall, meint Elena.
Sie kann sich überhaupt gut vorstellen in Amerika zu leben, sie findet dieses Land
interessant. Sie glaubt, dass die Menschen dort offener sind – sie war noch nie dort.
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Heiraten und Kinder bekommen möchte sie nicht unbedingt, zumindest nicht schon
in zehn Jahren. Erst mal möchte sie ihr Leben selbstständig und frei leben.
Sie hält sich selbst für introvertiert und würde gerne mehr auf andere zugehen könne.
Außerdem wäre Elena gerne dünner, dann wäre sie auch selbstbewusster, da ist sie
sich sicher.
Könnte sie sich es sich heraussuchen, ob sie ein Junge oder Mädchen sein könnte,
würde sie ein Mädchen bleiben wollten. Jungs werden zu hart erzogen und dürfen
keine Gefühle zeigen. Aber, davon ist Elena überzeugt, sie haben Vorteile im Beruf –
trotz der Emanzipation. Aber getauscht wird nicht!
7.1.3. Stella 15, 4 Jahre
„ Meine Freunde beeinflussen mich gar nicht. Ich mache immer was ich will!“
Stella hat eine Schwester, die 17 Jahre alt ist. Sie verstehen sich, abgesehen von
kleinen Streitigkeiten, ziemlich gut. Sie gehen sogar ab und zu zusammen weg und
ihre Schwester ist eine Ansprechpartnerin für sie. Auch mit ihren Eltern versteht sich
Stella gut. Ihre Familie hat einen sehr starken Einfluss auf sie. Wenn ihre Eltern ihr
etwas verbieten oder etwas nicht wollen, macht sie es auch nicht. Und auch wenn
ihre Schwester für sie kein bewusstes Vorbild ist, so hat sie doch vieles von ihr
übernommen, was sie daran merkt, dass sie viele Parallelen zwischen sich und dem
Verhalten ihrer Schwester von vor zwei Jahren ziehen kann.
Ihren Freunden hingegen räumt sie kaum die Möglichkeit ein, sie zu beeinflussen.
Stella ist sich sicher, dass sie nur das tut, was sie will und nicht das, was ihre Freunde
wollen. Außer auf die Meinung ihrer besten Freundin, da legt sie dann ab und zu
doch mal Wert darauf, vor allem in Kleidungsfragen.
Stella fährt Kunstrad und das schon seit sie fünf Jahre alt ist. Ihr Traum ist es, einmal
bei den Deutschen Meisterschaften dabei zu sein. Europameisterin zu werden, so wie
ihre Teamkollegin – ihr großes Vorbild, das schafft sie nicht mehr, dazu ist es schon
zu spät bzw. sie zu alt.
Der Sport beeinflusst ihr Leben sehr. Sie muss sehr oft zum Training, da fällt Zeit
weg, die sie nicht mit Freunden verbringen kann. Aber es ist ihr wichtig.
Außerdem spielt sie auch noch Geige und verbringt viel Zeit mit lernen.
Sie geht gerne in Pfedelbach in die Realschule, all ihre Freunde sind dort und sie
schreibt der Schule eine wichtige Aufgabe zu: nur wer gut in der Schule ist, kann
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auch einen guten Beruf bekommen. Aber an sich, so glaubt Stella, beeinflusst die
Schule ihr Leben nicht.
Vor fünf Jahren ist sie noch mit ihren Eltern weggegangen, das tut sie heute kaum
noch. Stella ist davon überzeugt, dass sie schon immer selbstbewusst war und nun
auch noch selbständiger.
In zehn Jahren möchte sie gerne verheiratet sein und Kinder haben, weil sie Familie
mag. Dazu gehört ein eigenes Haus in Hohenlohe. Vorher möchte sie eine
Ausbildung an der Sportschule in Waldenburg machen und danach, sie ist dann ja
noch ziemlich jung, nach Stuttgart oder Göppingen auf die Schule für Sport- und
Musiklehrer gehen.
Was sie heute ist, das hat ihr Umfeld aus ihr gemacht.
7.1.4. Susanne 15, 8 Jahre
„Mein ältester Bruder ist mein Lieblingsbruder, er fährt mich manchmal ins Kino.“
Susanne hat vier Geschwister. Eine Schwester und drei Brüder. Einer ihrer Brüder ist
jünger als sie, die anderen Geschwister sind alle älter. Ihre Eltern sind geschieden
und sie lebt mir einem ihrer Brüder bei ihrem Vater. Ihr kleiner Bruder lebt bei der
Mutter, die beiden ältesten Geschwister wohnen bereits alleine. Mit ihrem kleinen
Bruder und ihrer Mutter hat sie kaum Kontakt, da sie sich mit ihrer Mutter nicht
versteht. Auch das Verhältnis zu ihrer Schwester ist nicht besonders gut. Die beiden
sehen sich selten, da die Schwester in Stuttgart wohnt. Wenn sie sich sehen, erzählt
ihr Susanne nicht besonders gerne Dinge aus ihrem Leben, da sie sagt, dass ihre
Schwester alles an die Mutter weitergibt. Warum sie sich mit ihrer Mutter nicht mehr
versteht, hat sie nicht gesagt.
In ihrer Freizeit liest sie gerne und auch das Kino wird von ihr gerne besucht. Sie
mag Fantasieromane, weil sie sich gerne überlegt und ausmalt, wie es weitergehen
könnte und sie kann sich auch vieles gut ausmalen. Außerdem ist es spannend. Dazu
passt auch ihre Vorliebe für Horror- und Teeniefilme.
Ansonsten macht sie viele Spaziergänge mit ihrem Hund, trifft sich mit Freunden,
sieht fern und, um ihr Taschengeld aufzubessern passt, sie auf ein kleines Kind von
drei Jahren auf. Außerdem jobbt sie in den Ferien. Das Geld braucht sie, um den
Führerschein und die Steuer ihres Motorrades (125er) zu bezahlen.
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Die Schule nimmt viel Zeit ihres Lebens in Anspruch. Vor allem nach der Schule,
die vielen Hausaufgaben. Trotzdem findet Susanne die Schule wichtig und sie geht
relativ gerne hin. Das Teamwork in der Schule findet sie gut.
Ihre Freundinnen sind Susanne sehr wichtig. Sie sind Ansprechpartner und
Meinungsbilder, auch wenn sie ihre Meinung letztendlich selber fällt. Die meisten
ihrer Freunde gehen auf eine andere Schule und es sind alles Mädchen.
Vor fünf Jahren war ihr Leben noch ganz anders: Ihre Eltern waren noch zusammen
und dadurch auch die ganze Familie. Sie war viel weniger selbständig und konnte
vieles, was sie heute kann, noch nicht. (Wäsche waschen, kochen) Das alles hat sich
durch ihre jetzige Verantwortung verändert. Vielleicht war es vorher besser, aber
jetzt ist es auch in Ordnung. Nur Misstrauischer ist sie geworden, sie ist schon zu oft
enttäuscht worden.
In zehn Jahren wäre sie gerne Tierärztin, obwohl sie sich gerade nicht vorstellen
kann, jemals Abitur zu machen, da ihre Noten gerade so schlecht sind. Auf jeden Fall
möchte sie etwas mit Tieren machen, weil die treu und ehrlich sind. Außerdem
möchte sie einen Freund haben, evtl. heiraten und Kinder bekommen.
Identität ist nach ihrer Meinung ihre eigenes Ich, so wie sie ist, wie sie aussieht und
was sei tut. Sie ist jemand, weil sie für jemanden anderen sehr wichtig ist. Aber sie
ist sich selbst auch wichtig und möchte niemand anderes sein.
7.1.5. Hanna 15, 4 Jahre
„Punks sind cool, die geben nichts auf die Meinung von anderen.“
Hanna hat eine ältere Schwester, mit der sie zusammen bei der Mutter lebt, zu der
beide kein besonders gutes Verhältnis haben. Der Vater ist ausgezogen.
Früher hat sie sehr viel auf die Meinung ihrer Mutter gegeben, heute gar nichts mehr.
Hannas Mutter ist nur noch schlecht gelaunt und lässt diese Lauen dann an ihren
Töchtern aus. Dies hat die beiden enger zusammengebracht. Der Vater kommt nur
noch ab und zu vorbei und dann kauft er ihnen alles, was sie wollen.
Das ihre Eltern wieder zusammenkommen will sie nicht, da die beiden sich eh nur
streiten und das ja auch keinen Sinn macht. Als ich Hanna frage, ob sie einen
Zusammenhang mit ihrem Elternhaus und den Punks sieht, so ist sie sich dessen
sofort ganz sicher. Die Punks geben ihr Kraft; Kraft gegen ihre Situation, Kraft die
sie von ihren Eltern nicht bekommt.
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Wie schon erwähnt, ist das Verhältnis zu ihrer Schwester meistens gut. Sie ist ihr
Ansprechpartner und manchmal gehen sie auch miteinander weg. Was Hanna nervt,
ist die Tatsache, dass ihre Schwester ihr im Umkehrfall nicht alles erzählt. Das hat
sie ihr auch schon einmal gesagt, viel gebracht hat es aber nicht. Sie vermutet das es
daran liegt, dass sie die jüngere ist und ihre Schwester „zu erwachsen“ ist, um ihr
alles zu erzählen.
Hanna verbringt viel Zeit im Öhringer Jugendhaus, dem Fiasko. Dort sind
überwiegend Jugendliche, die sich der Punkszene zuordnen. Hanna fühlt sich dort
sehr wohl. Sie bewundert die Punks, weil sie nichts auf die Meinung von anderen
gebe, herumlaufen wie es ihnen gefällt und sich nicht beeinflussen lassen. Sie selber
hat aber nicht den Mut dazu, sich ganz als Punk zu geben, dazu ist sie, ihrer Meinung
nach, zu beeinflussbar.
Mit der politischen Form der Punks, der Anarchie, hat sich Hanna mal etwas
beschäftigt, aber es hat sie nicht überzeugt. Den wenigsten im Fiasko geht es um die
Politik, es geht eher um die Form des Lebens – unabhängig und frei von der
Meinung anderer.
Das ist nach ihrer Meinung sowieso die beste Form von Leben: nicht beeinflussen
lassen, über Probleme reden und nichts in sich hineinfressen.
Das die Schule ihr Leben beeinflusst, dessen ist sie sich sicher aber das sie sich
dadurch verändert, glaubt sie nicht. Freunde beeinflussen sie da schon eher. Sie hat
zwar ihre eigene Meinung, denkt aber über Kritik ihrer Freunde schon nach.
Hanna möchte später einmal im sozialen Bereich tätig sein. Erzieherin oder
Sozialarbeiterin. Auf jeden Fall möchte sie in Deutschland bleiben, vielleicht Kinder
bekommen und mit ihrem Freund oder Mann zusammenleben.
Hanna sagt von sich selbst, dass sie ein toleranter Mensch ist, weil sie ihre Eltern so
erzogen haben. Überhaupt hat die Erziehung sie zu dem gemacht, was sie heute ist.
Durch die Scheidung ihrer Eltern ist sie aber auch verletzlicher geworden.
7. 2. Auswertung der Biographien im Bezug auf die Entwicklung der Identität
Wie bereits Anfangs erwähnt sind die Biographien nicht ausreichend, um darauf eine
Theorie bzw. eine gute Arbeit zu basieren. Trotzdem möchte ich sie nicht ganz
unkommentiert stehen lassen. Ich war unentschlossen, ob ich sie einzeln oder
zusammen auswerten soll. Ich habe mich nun für eine Mischform entschieden.
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Durch die Tatsache, dass die Mädchen alle aus einer Klasse sind, alle den
Schulwechsel von Öhringen nach Pfedelbach mitgemacht haben und alle im gleichen
dörflichen Umfeld aufwachsen gibt es, zumindest diesbezüglich, eine große
Übereinstimmung in einem Teilgebiet des sozialen Umfeldes.
Auch vom Alter her herrscht „Übereinstimmung“.
Familiär gesehen und auch was persönliche Erfahrungen angeht, sind die
Biographien schon wieder sehr individuell.
Das dörfliche Umfeld – Pfedelbach – zählt bestimmt zu den ruhigen Ecken in
Deutschland. Natürlich gibt es auch hier Probleme mit Ausländerfeindlichkeit,
Drogen und Gewalt, aber es handelt sich mit Sicherheit um keinen sozialen
Brennpunkt.
Die Mädchen gingen bis vor kurzem noch in Öhringen auf die Realschule. Die
Realschule in Pfedelbach ist ganz neu und wurde aufgrund der Überlastung in
Öhringen gebaut. In Pfedelbach herrscht eine angenehme Atmosphäre, in einem
neuen Schulhaus, mit einem motivierten neuen Lehrerkollegium. Außerdem ist diese
neue Schule viel überschaubarer und kleiner als die Öhringer.
Ich denke, dass den Mädchen der Wechsel unter anderem auch deswegen so gut
gefällt, weil sie nun wieder eher wahrgenommen werden, da sie nicht mehr so viele
Schüler sind. So kann auf die Einzelne besser eingegangen werden. Bei allen ist eine
positive Einstellung zur neuen Schule zu verspüren.
Die „kritische Phase“ der Adoleszenz (nach Erikson), also das Jugendalter ist von
allen erreicht und in den Interviews ist auch zu merken, dass die Mädchen um eine
„Aufnahme guter Beziehungen zur Welt“ bemüht sind. Sie arbeiten sich von ihrem
Elternhaus los und wollen ihr eigenes Leben leben, sie haben klare Vorstellungen
wie ihr Leben zu werden hat und sind sich sicher, dass sie ihre Entscheidungen selbst
treffen. Ein Unterschied ist zu merken zwischen denen, deren Eltern getrennt leben
und denen, die einer „intakten“ Familie angehören. Bei Susanne fällt es mir sehr auf.
Sie trägt viel Verantwortung, auch für ihren Vater und kann sich gar nicht mehr,
selbst wenn sie wollte, in die elterliche Obhut fallen lassen. Einerseits denke ich,
dass sie ein hartes Los hat und andererseits tut ihr die Erfahrung, gebraucht zu
werden, sehr gut. Man hat das Gefühl, dass sie sogar irgendwie glücklich darüber ist.
(Sie ist jemand, weil sie für jemanden anderen sehr wichtig ist. S. 71) Susanne kann
Yvonne Brenner
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Die Entwicklung von Identität und Individualität als geschlechtsspezifisches Problem, dargestellt an
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mir auch, ohne groß darüber nachzudenken, Identität definieren. Das heißt für mich,
dass sie über ihre eigenen Grenzen hinausschauen kann und sich als Teil eines
großen Ganzen sieht. Sie hat ihre soziale Rolle bestimmt noch nicht eindeutig
gefunden (und sie ist auch nicht alleine für ihren Vater da), aber sie ist auf dem Weg
dahin, sich in der Gesellschaft zurecht zu finden. Sie ist also auf dem Weg der
Selbstaktualisierung (Rogers). Das Gegenteil zu Susanne verkörpert Anja. Sie hat
keine so große Verantwortung. Ihre „einzige“ größere Verantwortung ist ihr Pferd.
Nun möchte ich dies auf keinen Fall schlecht machen, Verantwortung für jedes
Lebewesen ist wichtig, doch scheint mir in diesem Falle die Verantwortung geringer.
Das Pferd steht in einem Stall, in dem es versorgt wird. Außerdem teilt sich Anja das
Pferd mit ihrer Mutter. Anja hängt sehr an ihrer Mutter und hat ein sehr
freundschaftliches Verhältnis zu ihren Eltern – keine Verantwortung. Ich glaube,
dass ihr viel abgenommen wird. Beim Gespräch mit ihr, kam sie mir zwar
selbstbewusst vor, aber es war die trotzig-kindliche Art des Selbstbewusstseins. Sie
ist auf dem Weg aus Klischees auszubrechen (Früher, als sie noch in Öhringen zur
Realschule ging, war sie ein braves Mädchen, das viel gelernt hat, wenig unterwegs
war, lange Haare hatte und sich an die Regeln ihrer Eltern hielt. S. 66) und glaubt
trotzdem noch, dass sie alles weiß. Es dreht sich noch alles um sie selbst und die
Welt beeinflusst sie nicht, sondern sie die Welt. Ich vermute auch, dass sich aufgrund
ihres Freundes gerade auch viel um Fragen der Sexualität und die Entwicklung ihres
Körpers dreht. Auch bei Elena ist das Thema Körper sehr wichtig (Außerdem wäre
Elena gerne dünner, dann wäre sie auch selbstbewusster, da ist sie sich sicher.
S.69). Bei ihr ist es schon soweit, dass sie sich aufgrund der vorgegebenen Idealen
nicht mehr wohlfühlt. Sie möchte so dünn sein, wie eine Schauspielerin, davon
macht sie sogar ich Selbstbewusstsein abhängig. Es ist ja durchaus normal, dass ihr
Körper für die Mädchen von großer Bedeutung ist – bei allen wird er erwähnt, wenn
auch in unterschiedlichen Zusammenhängen – aber es ist schon traurig, dass speziell
bei Elena bereits diese Abhängigkeit besteht. Sie ist, meiner Meinung nach von
diesen fünf diejenige, die am gefährdetsten im Bezug auf Identitätsdiffusion im
Sinne von Erikson, ist. Nicht nur weil sie dem Körperkult so zugeneigt scheint,
sondern weil sie sich auch so sehr mit Hexen und Übersinnlichem beschäftigt. Sie
flüchtet aus der realen Welt in eine Wunschvorstellung von sich selbst, die nie zu
erreichen ist. Der Wunsch Schauspielerin zu werden, vervollständigt das ganze noch.
Sie greift wohl nach den Sternen um sich selbst im gleichen Moment unsanft auf den
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Boden zu werfen. Sie möchte soviel (...brauen Gürtel in Teakwondo bzw. Judo... S.
63) aber sie bringt keinen Einsatz, sondern demotiviert sich sofort selbst und glaubt
nicht an einen Erfolg. Woran das liegt, möchte ich mir nicht herausnehmen zu
deuten, aber ich vermute, dass sie mit der Identitätsdiffusion bzw. der
Selbstaktualisierung in Schwierigkeiten kommen wird. Stella hingegen hat in ihrem
Leben noch den Sport im Mittelpunkt stehen. Er fühlt ihr Leben weitgehend aus und
es bleibt wenig Platz für das „typische“ Verhalten einer 15 jährigen. Doch solange
Stella selbst dies nicht als Verlust sieht und sie dadurch auch lernt, sich für ihre Ziele
einzusetzen (Ihr Traum ist es, einmal bei den Deutschen Meisterschaften dabei zu
sein. S. 69), dann wird sie trotzdem eine gesunde Ich-Identität herausbilden. Auf
jeden Fall befindest sie sich noch in einem „frühen“ Stadium der Adoleszenz nach
Erikson. Sie beschäftigt sich wohl noch nicht sonderlich mit der Weiblichkeit ihres
Körpers und auch die Loslösung von ihrem Eltern ist noch kein großes Thema (Ihre
Familie hat einen sehr starken Einfluss auf sie. Wenn ihre Eltern ihr etwas verbieten
oder etwas nicht wollen, macht sie es auch nicht. S. 68).
Hanna wiederum zeigt eine starke Loslösung von ihrem Elternhaus. Dies ist aber
hauptsächlich durch die Scheidung der Eltern und das schlechte Verhältnis zur
Mutter bestimmt. Hanna rebelliert und wendet sich den Punks zu. Ich vermute, dass
sie eigentlich mehr Zuneigung möchte und auch braucht, als die, die sie bekommt.
Da sie aber mit der Situation nicht richtig umgehen kann (was sowieso sehr schwer
ist und in diesem Alter bzw. dieser Entwicklungsstufe), weiß sie nicht so recht,
wohin mit sich. Ich glaube, dass sie und ihre Schwester sich gegenseitig viel Kraft
geben. Trotz der schweren Situation wirkt Hanna auf mich, als ob sie wüsste, was sie
will. Sie macht sich viele Gedanken um sich selbst, ihre Zukunft und die Welt.
(Hanna möchte später einmal im sozialen Bereich tätig sein. Erzieherin oder
Sozialarbeiterin. S.72)
Als Fazit sehe ich, dass eigentlich alle einen relativ „normalen“ jugendlichen
Werdegang gehen. Die ein oder andere Unebenheit bzw. Steine machen den Weg der
Identitätsentwicklung schwer, doch er ist zu begehen.
Im Bezug auf meine Meinung zur Identitätsbildung ( Kap. 6) denke ich, dass diese
fünf sich zwar schon bewusst sind, dass es die sogenannte Chancengleichheit gibt
und dass ihnen die Welt viele Möglichkeiten aber auch Schwierigkeiten bittet, doch
sie sind alle noch nicht soweit, dies wirklich auf ihr Leben um zu setzten. Doch das
empfinde ich nicht als schlimm. Sie haben noch ihr Leben lang Zeit dafür.
Yvonne Brenner
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Die Entwicklung von Identität und Individualität als geschlechtsspezifisches Problem, dargestellt an
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8. Geht nicht, gibt’s nicht - Resümee des Gesagten und Ausblick auf die
weibliche Identitätsbildung heute
Mit der Identitätssuche beginnt der Mensch mit der Suche nach seinem ‚Ich’, nach
‚seinem Selbst’. (Lexikon der Psychologie, CD-Room)
Und nun? Nun wissen wir eine Menge Dinge mehr, die wir vorher vielleicht auch
schon wussten oder deren wir uns nicht bewusst waren.
Fazit ist auf jeden Fall, dass den Frauen so viele Möglichkeiten offen stehen, an
denen sie sich orientieren können, die sie ablehnen können oder die sie einfach Tag
täglich bewusst und unbewusst aufnehmen.
Ich möchte an dieser Stelle gerne einfach einen kleinen Abschnitt mit dem Ausblick
bzw. Blickwinkel einer 15 jährigen beschreiben. (Ich nehme mir einfach das Recht
heraus, es einigermaßen nachzufühlen.)
Es ist Samstag Abend, Nicole gibt ne Party und ich kann nicht hingehen. Meine
Eltern wollen ins Theater und ich muss mal wieder den Babysitter für meine beiden
jüngeren Brüder spielen.* ätz* Immer das Gleiche, meine Eltern können sich
amüsieren und ich darf in die Röhre schauen.. Dafür werde ich aber bestimmt den
ganzen Abend telefonieren – mit den wenigen, die nicht zur Party von Nicole gehen
werden. Na ja, Bianka ist auch daheim , sie hat Hausarrest, weil sie sich heimlich
mit ihrem Freund getroffen hat. Ihre Eltern können Udo nicht leiden, ich auch nicht.
Aber das muss Bianka ja selber wissen, ich sag ihr immer, dass er ein Idiot ist, aber
sie will es nicht hören. Ich habe keinen Freund mehr. Marco hat mit mir Schluss
gemacht, dabei war er die Leibe meines Lebens! Wir waren zwei einhalb Wochen
zusammen. Jetzt ist er mit dieser blöden Zicke Katja zusammen – die ist ja auch
dünner als ich. Ich möchte auch so aussehen wie Britney Spears, dann würden mich
bestimmt alle toll finden und die blöde Katja würde ganz schön dumm schauen.
Letzte Woche war ich auf dem Konzert von ‚Westlife“. Es war sooooooo toll und der
eine Sänger, Dan, hat mich die ganze Zeit angesehen. Ich weiß, dass er mich toll
fand! Aber er ist einfach zu berühmt, um mich anzusprechen. In meinem Herzen fühle
ich diese tiefe Verbundenheit zwischen uns und wer weiß, vielleicht eines Tages... Er
ist sowieso viel besser als Marco!
Im Sommer werde ich die Abschlussprüfung der Realschule machen. Und dann habe
ich keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Meine Mutter möchte, dass ich aufs
Yvonne Brenner
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Gymnasium gehe, meine Vater möchte, dass ich einen „anständigen“ Beruf lerne.
Ich würde gerne Bauzeichnerin werden, auf Schule hab ich eigentlich keine Lust
mehr. Aber mit dem Abitur hab ich nachher viel bessere Chancen und wenn ich noch
studiere, kann ich sogar selbst Architektin werden und ganz viel Geld verdienen.
Dann kann ich auch jedes Jahr in der Karibik Urlaub machen und sogar ein Haus
dort kaufen. Ich weiß ja auch nicht...
Doch wenn die Terrorristen weiter so schlimme Anschläge verüben, möchte ich
glaub lieber nicht mehr wegfliegen. Warum machen die das eigentlich und warum
kann das CIA oder das FBI die nicht einfach festnehmen. Mein Onkel Micha sagt
immer, dass das alles viel komplexer wäre, als ich es mir vorstellen kann. Was immer
auch komplex bedeutet – es klingt zumindest so, als ob es nicht einfach wäre.
Mein Onkel Micha ist toll! Er ist Mamas jüngster Bruder und nur 12 Jahre älter als
ich. Manchmal nimmt er mich sogar mit, wenn er weg geht. Katja hab ich mal
gesagt, dass er mein Freund wäre, als er mich mit seinem schwarzen Audi abgeholt
hat. Die hat vielleicht doof geschaut.. Micha meint auf alle Fälle, ich solle Abitur
machen und studieren und dann in die Politik gehen – ich hätte Talent zum Reden –
um dann etwas in der Wirtschaft zu verändern. Aber Politik interessiert mich nicht.
Die sind doch eh alle bestechlich, hört man ja immer in den Nachrichten. Ich weiß ja
auch nicht, ich glaube dafür bin ich sowieso nicht mutig genug. Und außerdem will
ich ja Kinder und mich auch um sie kümmern können. Aber kochen sollte dann schon
mein Mann können, das ist ja absolut überholt, dass das eine Frau machen muss.
Meine Mutter sieht das zwar anders, aber ich will ja auch nicht wie meine Mutter
werden! Mit ihr kann ich zwar über alles reden, aber manchmal ist sie schon
altmodisch.
Wie auch immer, wenn ich groß bin, werde ich auf jeden Fall viel Geld haben und
ganz toll aussehen! Hoffe ich zumindest...
Mit diesem, frei erfundenen, knappen Ausschnitt möchte ich auf die – nach meiner
Meinung – Hauptproblematik bzw. Gefahr der Identitätsentwicklung heutiger
jugendlicher Mädchen eingehen.
Durch die mehrmals angeführter und ausgeführte Menge an Möglichkeiten und die
Überflutung an Informationen, die in eine Welt bzw. ein junges Leben
hereinbrechen, ist die Jugendliche gezwungen zu selektieren, was sie aufnehmen
möchte, was wichtig für sie ist.
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In der Pubertät ist der junge Mensch zum einen natürlich mit seinem Körper
beschäftigt, der sich verändert und erwachsen wird – oft schneller als Geist und
Seele. Dazu kommt manchmal, dass diese Veränderung noch dazu gar nicht
erwünscht ist.
Ein großes Thema ist die Frage nach dem „Sinn des Lebens“ und bedingt dadurch
natürlich auch die Frage nach der eigenen Persönlichkeit. „Wer bin ich? Wer will ich
sein?“
Beachten wir an dieser Stelle nochmals Erikson:
Er nennt diese Phase „Identität gegen Identitätsdiffusion“ (1973, S. 106). Mit der
Identitätsdiffusion meint er eine Unfähigkeit des Ichs, eine Identität herauszubilden.
Dies geschieht durch Überforderung, ausgelöst durch Entscheidungsprobleme. Der
junge Mensch muss sich für einen eigenen Weg, sowohl beruflich, privat, politisch
und so weiter entscheiden, suchen und diesen auch gehen. Um so vielfältiger das
Angebot, um so schwerer die Entscheidung!
So ist es doch klar, dass durch die riesengroße Auswahl an Identitätsmöglichkeiten
bzw. – vorbilder die Gefahr einer Identitätsdiffusion noch viel größer zu sein
scheint?! Einerseits ist dies sicherlich so, andererseits scheint dies in der Praxis
weniger dramatisch auszusehen. Es scheinen nicht weniger oder mehr Jugendlich als
Generationen zuvor an der Identitätsdiffusion zu scheitern.
Es entwickelt sich alles mit. Nicht nur die Technik, die Medizin, die Mode, das
Leben, sondern auch die Gedanken und der Umgang mit der Welt.
Es spielen so viele Faktoren zur Bildung einer individuellen Identität eine Rolle, dass
sie unmöglich fassbar und erklärbar sein kann.
Die persönlichen Eigenarten eines Menschen, seine Einzigartigkeit, bleibt ein ewiger
Entwicklungsprozess, der teilweise bereits fest verankert ist und teilweise von der
Umwelt und der Person selbst beeinflusst werden kann.
Identität zu bilden bzw. zu haben ist ein fortwährender Prozess, der ohne Zweifel
passiert und besteht.
Identität klar zu definieren, ist wie Wasser mit den Händen festhalten zu wollen!
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9. Literaturverzeichnis
Baacke, D.
Die 13 – bis 18jährigen: Eine Einführung in die Probleme des Jugendalters
Beltz Verlag 1974
Weinheim und Basel
Bast, Christa
Weibliche Autonomie und Identität
Juventa Verlag 1991
Weinheim und München
Beck, Ulrich und Beck-Gernsheim, Elisabeth
Riskante Freiheiten
Edition suhrkamp 1994
Frankfurt am Main
Brandt, Gustav A.
Psychologie und Psychopathologie für soziale Berufe
Luchterhand Verlag 1975
Brose, Hans-Georg und Hildenbrand, Bruno
Vom Ende des Individuums zur Individualität ohne Ende
-
Biographie und Gesellschaft
Leske + Budrich 1988
Opladen
Cross, Donna W.
Die Päpstin
Historischer Roman
Aufbau Taschenbuchverlag, Berlin 1996
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Erikson, Erik H.
Identität und Lebenszyklus
surekamp taschenbuch 1973
Frankfurt a. M.
Erikson, Erik H.
Jugend und Krise – Die Psychodynamik im sozialen Wandel
Ernst Klett Verlag 1970
Stuttgart
Flaake, Karin und King, Vera
Weibliche Adoleszenz – Zur Sozialisation junger Frauen
Campus Verlag 1992
Flaake, Karin
Geschlechterverhältnisse, geschlechtsspezifische Identität und Adoleszenz
Zeitschrift für Sozialforschung und Erziehungssoziologie
1/ 1990 S. 2 – 12
Heinrichs, Gesa
Bildung  Identität  Geschlecht
Eine (postfeministische) Einführung
Ulrike Helmer Verlag 2001
Keupp, Heiner; Höfer, Renate
Identitätsarbeit heute
Klassische und aktuelle Perspektiven der Identitätsforschung
Suhrkamp Verlag 1997
Frankfurt am Main
Kühne, Gewicke, Harder-Kühne, Priester, Sudhues; Tiator
Psychologie für Fachschulen und Fachoberschulen
Stam – Verlag 1993
Yvonne Brenner
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Miram, Wolfgang und Scharf, Karl-Heinz
Biologie heute S II
Schroedel Schulbuchverlag GmbH, 1988
Hannover
Nipkow, Karl-Ernst
Die Individualität als pädagogisches Problem bei Pestalozzi, Humboldt und
Schleiermacher
Marburger Pädagogische Studien Band 1
Herausgegeben von Professor Dr. E. Blochmann M.A.
Verlag Julius Beltz 1960
Weinheim/Bergstr.
Oerter, R. und Dreher, E.
Jugendalter
in: Oerter, R. und Montada, L. :Entwicklungspsychologie
Psychologie Verlags Union 3, 1995
Weinheim
Pervin, Lawrence A.
Persönlichkeitstheorien
UTB für Wissenschaft
Ernst Reinhardt Verlag 1993
München Basel
Rusch, Heike
Suchen nach Identität
Kinder zwischen acht und zwölf
Grundlagen der Schulpädagogik
Schneider Verlag, 1998
Hohengehren
Yvonne Brenner
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Scheu, Ursula
Wir werden nicht als Mädchen geboren, wir werden dazu gemacht
Fischer Verlag 1997
Shell Jugendstudie
Jugend 2000
Leske + Budrich, Opladen 2000
Außerdem:
Skript für die Fachschule für Sozialpädagogik Öhringen von F. Reinalter zum
Thema: Geschlechtsspezifische Sozialisation
1996
Diplomarbeiten von Brigitte Baucher und Richard Druck zum Thema Frauen
in der Werbung jeweils 1993 erarbeitet
Das world wide web
CD-room Lexikon der Psychologie
Spektrum Akademischer Verlag GmbH, Heidelberg
2002
Wochenkurier Heidelberg
22. Jahrgang / Ausgabe Nr. 27
Mittwoch, 3. Juli 2002
Yvonne Brenner
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10. Anhang
Erster Fragebogen
Name:
Vorname:
Geburtsdatum:
Geschwister (Anzahl & Alter):
Hobbys:
Beschreibe kurz, was für dich im Leben wirklich wichtig ist und sofern du
Vorbilder hast, bringe diese mit ein:
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Fragen und Antworten – HANNA 15,4 Jahre
Wie ist dein Verhältnis zu deiner Schwester?
Ich versteh mich gut mit ihr und geh manchmal mit ihr weg. Probleme werden mit
ihr besprochen. Allerdings erzählt ihre Schwester ihr nicht alles im Umkehrfall. Das
kotzt Hanna an. Manchmal nimmt sie ihre Probleme auch nicht ernst – Kinderkram.
Einmal hatten sie deswegen Streit aber es hat sich nicht geändert. Hanna glaubt,
dass das Verhalten ihrer Schwester daran liegt, dass sie schon älter ist und sich
dadurch erwachsener fühlt.
Wenn du im Internet chattest, was findest du dann gut und was eher blöd?
Gut am chat ist, dass man nicht weiß, mit wem man spricht. Sie chattet aber nur
selten. Blöd ist, dass manche ihr Aussehen erfinden. Sie hat noch nie jemanden
getroffen weil sie Angst hat, jemand „hässlichen“ zu treffen. Sie selber bemüht sich
meistens die Wahrheit zu sagen und nichts zu erfinden wie „Blaue Augen, blonde
Haare“.
Hast du eine Fest Clique im Fiasko1?
Keine feste Clique im Fiasko geht aber alleine dort hin, weil sie die meisten dort
kennt und sich gut mit ihnen versteht. Ihre Freunde außerhalb des Fiaskos gehen
nicht mit, da sie nichts mit Punks anfangen können bzw. nichts von ihnen halten. So
hat sie Freunde im Jugendhaus und Freunde im Heimatort.
Du sagst, du bewunderst Punks. Könntest du dir vorstellen total in die PunkSzene einzusteigen? Wie stellst du dir das Leben dann vor? (Anarchie)
Zieht Vergleiche zu einem Vollpunk. Man müsste sich dazu total umstellen und auf
die Meinung der Anderen rein gar nichts geben und sie kann sich nicht vorstellen so
frei von Wertung zu sein. Paul ist das!
Die meisten im Fiasko sind richtige Punks, die wenigsten sind Mitläufer. Im Fiasko
sind die Leute 15 –16. Auch wenn die Leute diese Menschen für komisch halten,
1
Der Name des Jugendzentrums/Jugendhauses in Öhringen
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lassen sie sich nicht beeinflussen. (Obwohl sie in der Schule und auf der Straße
komisch angesehen werden.)
Die Punkszene der Erwachsenen und die „originale“, welche von England kommt
interessiert sie weniger. Sie hat sich mal etwas mit Anarchie beschäftigt aber es hat
sie nicht überzeugt. Sie findet es eben cool, wie die Leute drauf sind, so unabhängig
und frei von anderen Meinungen. Der Still und die Musik. Ein Leben in Anarchie
kann sie sich vorstellen obwohl sie nicht glaubt, dass die möglich ist. Man kann
machen was man will aber es hat auch negative Seiten weil Verbrechen nicht
geahndet würden und Frauen ständig vergewaltigt werden. Den Leuten im Fiasko
geht es um Musik und ihr Leben vor Ort, nicht um Politik.
(Metallica) Was mir gefällt. Wer damit ein Problem hat ist selber schuld.
Was ist gut für dich?
Nicht beeinflussen lassen, machen was man will, über Probleme reden und nicht in
sich hineinfressen. Reden ist die beste Lösung.
So wie sie jetzt lebt ist gut für sie.
Was denkst du, wie die Schule dein Leben beeinflusst?
Schule beeinflusst einen aber dadurch verändert man sich nicht. Lehrer beeinflussen
einen, Mitschüler auch. Sie geht gern auf die Realschule in Pfedelbach als auf die in
Öhringen. In der neuen Schule herrscht mehr Gemeinschaft, die Lehrer sind weniger
und netter und alles ist vertrauter. Es gibt nur zwei Klassen pro Jahrgang.
Die Freunde?
Freunde beeinflussen einen stark. Ihre Freundin war früher total rechts und hat jetzt
einen Freund der gegen rechts ist und ihre Freundin läuft jetzt total mit. Das findet
sie blöd. Man muss eine eigene Meinung haben und zu der auch stehen und sich
nicht dauernd umentscheiden. Deswegen findet sie ihre Freundin jetzt auch blöd.
Beeinflussen lässt sich jeder aber manche mehr und manche weniger. Auch durch
Medien. Jeder sollte sein Grundprinzip haben und sich auch andere Meinungen
anhören und ab wegen können aber eben nicht gleich umwerfen lassen.
Sagt eine Freundin dass etwas was sie tut schlecht ist, holt sie sich dazu auch weitere
Meinung ein und ändert sich eventuell, wenn sie es selber auch blöd findet.
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Deine Familie?
Familie kann man das so nicht nennen. Der Vater ist ausgezogen und mit der Mutter
haben sie nur Streit. Sie nimmt die Meinung ihrer Mutter nicht mehr an – früher war
das anders. Sie lässt ihre schlechte Laune an ihren Kindern aus. Der Vater kommt
nur ab und zu und kauft ihnen dann alles um sich wieder einzuschleimen.
Das hat sie etwas näher zu ihrer Schwester gebracht – Verschwörung.
Das ihre Eltern wieder zusammenkommen will sie nicht. Die streiten sich nur immer,
weil sie sich einfach nicht verstehen und das hat ja auch keinen Sinn.
Bezug zwischen Punks und Elternhaus? Bestimmt, die Punks geben ihr Kraft.
Wie sieht deine Freizeit aus?
Babysitten, Kino gehen, Fernsehen schauen, Fiasko gehen – was Bock macht.
Babysitten tut sie im Ort bei Zwillingen mit den sie nicht verwandt ist. Die Zwillinge
sind zwei Jahre alt. Mit denen besucht sie dann den Kiga weil sie dort noch nicht
alleine hingehen. Der Verantwortung fühlt sie sich absolut gewachsen. Sie tut das
zwei mal die Woche für je zwei Stunden. Es ist schon anstrengend aber es ist ok und
gibt Geld. Den Job hat sie von ihrer Schwester übernommen die durch Schule und
Führerschein keine Zeit mehr dafür hat.
Was willst du einmal beruflich werden?
Sie will nach der Schule Erzieherin werden weil sie das cool findet.
Was war vor fünf Jahren anders in deinem Leben?
Noch mehr auf ihre Mutter und auf andere gehört. Jedem Trend hinterhergerannt
und sich viel mehr beeinflussen lassen. Das tut sie jetzt nicht mehr. Was der oder die
sagt ist richtig also finde ich es auch richtig.
Wie sieht dein Leben in zehn Jahren aus, was wünscht du dir?
Sie glaubt, dass sie sich nicht so sehr verändert. Aber irgendwie schon.
Eigene Wohnung, vielleicht Kind. Freund oder Mann, nicht verheiratet aber mit
Vater vom Kind zusammen. Beruflich Erzieherin oder Sozialarbeiterin oder im
Cappelrain. Ins Ausland will sie nicht sondern hier bleiben. Eventuell eine größere
Stadt. (Stuttgart oder Heilbronn.)
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Was ist Identität und wie ist deine Identität?
Was man über sich selber denkt und wie man sich selber vorkommt.
Meine Identität ist meine Seele. Es gibt verschiedene Arten davon: verletzlich, treu,
empfindlich.
Das ist aber nicht das bild was sie nach außen verkörpert. Nach außen erscheint sie
stark was sie aber richtig ist aber sehr gerne wäre. Dann wird man besser mit
Problemen fertig.
Ihr Äußeres ist nicht ihre Identität. Obwohl die Punks auffällig rumlaufen gehört das
nicht zur Identität. Sie könnte nicht mit grünen Haaren herumlaufen, dazu fehlt der
Mut. Lieber möchte sie ein bisschen auffallen durch das, was sie sagt.
Keine Angst davor in eine Schublade gesteckt zu werden aber Menschen werden
mehr durch ihre Einstellung bewertet und nicht nach ihrem Aussehen.
Was alle machen verbindet – es gibt viel mehr Rechte als Punks in Öhringen und
Umgebung. Angst hat sie aber nicht vor denen. Obwohl sie sich auch deshalb nicht
so sehr als Punk kleiden möchte um eventuelle Übergriffe zu vermeiden.
Was hat dich zu dem gemacht, was du jetzt bist?
Erziehung halt auch. Ihre Eltern haben sie zu einem toleranten Menschen erogen.
Durch die Scheidung ihrer Eltern ist sie so verletzlich geworden.
Wärst du lieber ein Junge? Warum?
Nein, kein Junge. Aber so zu Testen wäre es ganz witzig nur um mal zu sehen was die
so denken. Aber bei Mädchen ist es mehr verbreite, dass sie Wert auf die Meinung
von anderen legen. Mädchen untereinander verstehen sich nicht so gut in ihrer
Klasse. Immer nur so zwei drei zusammen, die Jungs kommen alle miteinander klar.
Später ist es als Frau in der Gesellschaft leichter. Man kann Männer um den Finger
wickeln, wir haben uns ja emanzipiert.
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Fragen und Antworten – ANJA 14, 11 Jahre
Wie ist dein Verhältnis zu deinem Bruder?
Soweit ganz gut, er nervt halt manchmal etwas.
Warum ist dir dein Pferd so wichtig? (Wichtiger als Freunde.)
Weil es einfach immer da ist und sie für ihr Leben gerne reitet und dies auch nie
aufgeben würde. Aber ihre Freunde sind nicht weniger wichtig, nur anders wichtig.
Das Pferd würde sie allerdings für Freunde nie aufgeben.
Wie lange reitest du schon?
Eigentlich schon immer. Ihre Mutter reitet auch und deswegen ist sie da
hineingewachsen.
Bist du alleine für das Pferd verantwortlich?
Nein, das Pferd gehört ihr mit ihrer Mutter zusammen und steht in einem Reitstall
welcher einer Freundin der Mutter gehört.
Mit der Verantwortung für das Pferd übernimmt sie diese und lernt somit auch damit
umzugehen.
Wie lange bist du schon mit deinem Freund zusammen? Hast du dich seitdem
verändert?
Sie ist seit drei Monaten mit ihm zusammen und irgendwie hat sie sich auch etwas
verändert, da sie viel Zeit mit ihm verbringt und nicht mehr so viel Zeit für Freunde
hat. Trotzdem ist sie sie selbst geblieben.
Dein Vorbild ist Nicole Uphoff-Becker, warum?
Weil sie so toll reiten kann und damit auch die Olympiade gewonnen hat – sie will
auch so reiten können.
Was denkst du, wie deine Familie dein Leben beeinflusst?
Auf ihren Vater hört sie nie weil er ihr immer alles verbietet.
Sie hat sich sehr verändert seit sie in der neuen Schule ist. Sie war ruhig, strebsam
und brav, hatte lange Harre und jetzt kann sie ziemlich aufdrehen. Lernt nicht mehr
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viel und brav ist sie auch nicht mehr. Früher hätte sie gesagt, dass sie sich wohl fühlt
aber jetzt fühlt sie sich wohler weil sie jetzt nicht mehr so viel verpasst. Aber als sie
jung war es ok.
Mit ihrem Daddy versteht sie sich aber doch einigermaßen gut. Aber eine besonders
gute Autorität ist er nicht. Mit ihrer Mutter versteht sie sich gut. Manchmal streiten
sie sich zwar aber nur über Kleinigkeiten. Gehen auch zusammen ausreiten und dann
ist sie sogar mehr eine Schwester als eine Mutter weil sie mit ihrer Mutsch über alles
reden kann auch wenn es ihr schon manchmal peinlich ist. Es ist peinlich weil es ihre
Mutter ist und man erzählt doch nicht alles seiner Mutter. Sie hat sie noch nie so
richtig angelogen.
Wie sieht deine Freizeit aus?
Reiten – zwei bis drei mal die Woche, Blättle austragen und Hausaufgaben erst spät
in der Nacht. Viel in Öhringen am Skatter-Park und dort hat sie viele Freunde. Im
Hüttle und jetzt im Sommer dann wieder viel im Freibad wie immer da kennt sie auch
die meisten. Bei Freundinnen aber eigentlich ist die nie daheim und hat Langeweile.
Was ist in deinem Leben anders als vor fünf Jahren?
Ruhig und zurückhalten, wenig Freunde weil sie nicht auf Menschen zugehen konnte.
Sie hat viel gelernt und aus jetziger Sicht würde sie sagen, dass es langweilig war.
Da es das noch nicht, dass sie am ersten Mai zum Beispiel auf eine Party ging und
die Nacht durchmacht.
Sie hätte mit neun schon viel mehr machen können: Rad fahren, Kino gehen.
Jetzt versucht sie das bestmögliche aus ihrem Leben heraus zu holen. Solange sie
nicht arbeiten muss und einer Verpflichtung unterliegt.
Was denkst du, wie dein Leben in zehn Jahren aussieht? – Was wünscht du dir?
Traumberuf: Journalistin. Aber das geht nicht weil sei kein Abitur hat und auf keinen
Fall studieren möchte. Ihr andere Traumberuf ist möglich: Polizistin. Nur ist sie
nicht sicher ob es zu ihr passt. Sie würde gerne Kommissarin werden aber wenn sei
so viele schlimmer Sachen sehen muss und viel Blut, da weiß sie nicht ob sie das
durchhält. (Abi auf der Polizeischule)
Abi gerade noch so aber studieren hat sie einfach keine Lust.
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Keine Ahnung. Sie wird nicht viel Geld haben – wie immer. Dann überlegen ob sie
Kinder möchte, nicht mehr so viel unterwegs sein und mehr für die Arbeit tun, für die
Karriere.
Mit dem Freund mit 18 in eine kleine gemütliche Wohnung. Später mit mehreren
Kindern wollte sie dann ein Haus. Sie möchte auf dem Land bleiben. Öhringen geht
gerade noch, aber Heilbronn oder Stuttgart auf keinen Fall. Ins Ausland möchte sie
nicht unbedingt, aber wegen der Sprache. Wenn dann Korsika, das findet sie total
toll. Aber doch eher Urlaub.
Was ist deiner Meinung nach Identität? (Deine?)
Oh Gott.... Keine Ahnung, habe noch nie darüber nachgedacht. Ich weiß halt, wie ich
heiße. Der Charakter macht sie aus. Für Freunde ist sie immer da!! Egal ob das
dann Ärger gibt oder nicht. Bis zu einer gewissen Grenze opfert sie sich auf. Sie ist
schon stark.
Wärst du lieber ein Junge? Warum?
Manchmal möchte sie ein Junge sein. Die müssen sich nicht mit Frauenproblemen
herumschlagen, mit der Pubertät – die haben alles viel leichter. Wenn sie ohne
Konsequenzen tauschen könnte würde sie es trotzdem nicht tun. Für ein zwei Tage
zum Testen aber nicht für immer, da bleibt sie lieber ein Mädchen, das ist doch
besser.
Was glaubst du, wie andere dich sehen?
Die meisten sagen, dass sie manchmal zu aufgedreht und zu laut ist. Sie hat eben
doch einen schwierigen Charakter. Sie rastet ziemlich schnell ausrasten und
plötzlich jemanden anschreien. Aber lieber die Meinung sagen als alles in einen
hinein zu fressen.
Yvonne Brenner
Wissenschaftliche Hausarbeit
Die Entwicklung von Identität und Individualität als geschlechtsspezifisches Problem, dargestellt an
Biographien jugendlicher Realschülerinnen
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Fragen und Antworten Susanne 15, 8 Jahre
Du hast drei Brüder. Wie ist dein Verhältnis zu ihnen? Hast du einen
Lieblingsbruder?
Eltern geschieden, sie bei Vater. Kleiner Bruder bei Mutter. Ein großer Bruder
bei Vater, der anderer hat eine eigene Wohnung.
Lieblingsbruder ist der älteste weil er sie manchmal ins Kino fährt und ihr bei
den Hausaufgaben hilft.
Den kleinen Bruder sieht sie kaum weil sie sich mit ihrer Mutter nicht versteht.
Wie verstehst du dich mit deiner Schwester?
Das Verhältnis zur Schwester ist nicht so gut. Sie sehen sich auch wenig und ihre
Schwester erzählt alles der Mutter weiter. Außerdem wohnt ihre Schwester in
Stuttgart.
Was liest du gerne für Bücher und welche Art von Filmen bevorzugst du?
Harry Potter. (Fantasy) weil es spannend ist und sie sich weiter weitere Szenen
ausdenkt. Aber es ist eine andere Welt. Im Kino gerne alle Kinofilme. (Horror,
Teeny)
Wie alt sind die Kinder bei denen du babysittest? Erinnern sie dich
manchmal an deine eigene Kindheit?
Ein Kind (3 Jahre) Keine Vergleiche, es handelt sich um eine Einzelkind und es
hat ziemlich alte Eltern. Sie wollte keine so alten Eltern weil sie ihr Kind einfach
anders erziehen.
Was denkst du, wie die Schule dein Leben beeinflusst?
Zeiteinschränkung!!!!!!!!!!!!!!!!!! Viel Zeit in der Schule und Hausaufgaben.
Aber Schule ist wichtig – nicht nur Unterrichtsinhalte sondern auch Teamwork.
Deine Freunde?
Ansprechpartner, Meinungsbilder. Die anderen beeinflussen ihre Meinung schon
aber letztendlich entscheidet sie selbst.
Yvonne Brenner
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Die Entwicklung von Identität und Individualität als geschlechtsspezifisches Problem, dargestellt an
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Freunde sind mehr außerhalb der Schule und haben ein anderes Umfeld. Nur
Mädels.
Wie sieht deine Freizeit aus?
Viel Spaziergänge mit ihrem Hund, Fernsehen, treffen mit Freunden.
Führerschein (125er) machen – Unabhängigkeit. In den Ferien Job für die
Steuer ihres Motorrades.
Was ist in deinem Leben anders als vor fünf Jahren?
Noch auf eine andere Schule gegangen, Eltern waren noch verheiratet und die
Familie zusammen. Sie war weniger selbständig – das hat sich durch die
Verantwortung jetzt geändert. (Kann z.B. schon Wäsche waschen.) Es ist ok., so
wie es ist. Aber früher war sie noch offener, sie ist schon zu oft enttäuscht worden
und vertraut nicht mehr so.
Was denkst du, wie dein Leben in 10 Jahren aussieht? → Was wünschst du
dir?
Würde gerne Tierärztin werden aber glaubt nicht daran weil sie sich nicht
vorstellen kann Abitur zu machen da ihre schulischen Noten zu schlecht sind
Aber auf alle Fälle etwas mit Tieren arbeiten, weil die treu und ehrlich sind.
Außerdem mit ihrem Freund zusammenleben, evtl. heiraten, Kinder bekommen
aber in Deutschland bleiben.
Was ist deiner Meinung nach Identität?
„Mein eigenes Ich, so wie ich bin. Wie ich aussehe, was ich tue und so.“
Sie ist jemand, weil sie für jemand anderes sehr wichtig ist. Aber sie ist sich
selbst auch wichtig und möchte niemand anderes sein.
Wärst du lieber ein Junge? Warum?
Nein, außer während ihrer Tage. Auch wenn Männer in der Gesellschaft
bevorzugt werden, möchte sie kein Mann sein. (Bundeswehr)
Yvonne Brenner
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Fragen und Antworten Stella 15, 4 Jahre
Wie ist dein Verhältnis zu deiner Schwester?
Eigentlich gut, ab und zu Streit aber der ist schnell vorbei. Sie gehen auch
miteinander weg. Zwei Jahre Abstand. Gesprächspartner.
Wenn du im Internet chattest, was findest du dann gut und was eher blöd?
Nutz Chat wie Telefon – bereits Bekannte die sie persönlich kennt. Sonst, also bei
Unbekannten, wird man eher angelogen.
Wie lange fährst du schon Kunstrad? Wie wichtig ist dir dein Sport?
Seit sie fünf Jahre alt ist. Ist ihr sehr wichtig, wenn es ausfällt regt sie sich auf.
Es ist nicht nur Spaß, sondern auch Ehrgeiz dabei.
Deine Teamkollegin ist dein Vorbild. (Europameisterin) Wie ist dein
Verhältnis zu ihr?
Gut. Zusammen Training aber sie ist mit Kader.
Würdest du auch gern Europameisterin werden? Denkst du, dass du es könntest?
Vorne mit "dabeifahren" bei den Deutschen Meisterschaften aber nicht mehr
möglich Europameisterin zu werden.
Sport beeinflusst ihr Leben schon sehr. Sie muss auch oft ins Training und da
fällt Zeit weg. Körpergefühl trotzdem fragwürdig.
Was denkst du, wie die Schule dein Leben beeinflusst?
Wer gut in der Schule ist kann mehr Geld verdienen und einen besseren Beruf
ausüben – wichtig für später. Ansonsten beeinflusst die Schule ihr Leben nicht.
Sie geht gerne nach Pfedelbach auf die Realschule und hat auch Freunde dort.
Yvonne Brenner
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Deine Freunde?
„Gar nicht eigentlich. Weil ich mache was ich will eigentlich. Wenn die sagen
ich soll rauchen, dann tue ich es nicht. Meine beste Freundin sagt ihre Meinung
aber verurteilt niemand – dann höre ich schon auf sie.“
Klamottenstil ist bei allen ähnlich, nicht weil sie sich gegenseitig beeinflussen,
sondern weil der Stil in der Zeit eben so ist.
Deine Familie?
„Schon stark. Wenn die etwas nicht wollen oder verbieten oder so dann mache
ich es halt auch nicht.“ Verhaltensweisen nicht bewusst übernommen. Ihre
Schwester ist eigentlich kein Vorbild aber wenn sie vergleicht, wie sie vor zwei
Jahren war, dann ist das schon ähnlich aber unterbewusst. Das Verhältnis zu den
Eltern ist gut.
Wie sieht deine Freizeit aus?
Viel Training, Geige spielen, wenig Treffen mit Freunden unter der Woche mehr
zum Lernen. Nicht zuviel lernen...
Was ist in deinem Leben anders als vor fünf Jahren?
„Vor fünf Jahren bin ich noch öfter mit meinen Eltern weggegangen oder so.“
Selbstbewusst war sie schon immer aber nun ist sie auch selbständiger, was sie
daran merkt, dass sie nicht mehr wegen den Kleidern ihre Mutter fragt.
Was denkst du, wie dein Leben in 10 Jahren aussieht? → Was wünschst du
dir?
„Das ich meine Ausbildung und meinen Beruf richtig gelernt habe. Ich würd
gerne nach Waldenburg auf die Sportschule gehen und dann, weil ich dann ja
noch ziemlich jung bin nach Stuttgart oder nach Göppingen auf die Schule für
Sport- und Musiklehrer.“
So um den Dreh verheiratet sein, auch Kinder – „weil ich Familie mag“, ein
eigenes Haus in Hohenlohe.
Yvonne Brenner
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Was ist deiner Meinung nach Identität?
Keine Ahnung. „Wer bist du?“ Dann würde sie ihren Namen sagen und was sie
so in ihrer Freizeit macht. Wo sie herkommt. Aber sie ist mehr als diese
‚Eckdaten’. Wie jemand ist, ist auch wichtig. (Charakter)
Was hat dich zu dem gemacht, was du jetzt bist?
„Mit denen wo ich zusammen hänge.“ Das Umfeld auf jeden Fall aber sie selber
auch. „Was ich halt denk und so.“
Wärst du lieber ein Junge? Warum?
Nein. „Jungs sind... weiß auch net..“
Was glaubst du, wie andere dich sehen?
Es kommt darauf an ob jemand sie leiden kann. Wenn ja, dann sagen sie, dass sie
nett ist. Andere könnten glauben sie sei zickig, weil sie sich nichts gefallen lässt
und ihre Meinung sagt.
Yvonne Brenner
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Fragen und Antworten Elena 14, 11 Jahre
Sarah Michelle Gellahar ist dein Vorbild. Warum gerade sie, es gibt doch
auch andere gute Schauspielerinnen?
Sie wollte schon als Kind selber Schauspielerin werde. Diese Frau hat sich selbst
hochgearbeitet von Werbung (Mc) bis zur Serie und hat auch eine tolle Figur
sowie den braunen Gürtel in Teakwondo. Sie selbst war mal in Judo aber nicht
lang will aber wieder.
Warum glaubst du nicht daran, dass du auch Schauspielerin werden
kannst?
Hat zwar Talent aber das haben ja viele und man muss ja entdeckt werden. Evtl.
Schauspielschule.
Was denkst du, wie die Schule dein Leben beeinflusst?
Früher nicht so, mit steigendem Lerneinsatz kostet die Schule viel Zeit, auch
Freizeit.
Soziales Umfeld Schule beeinflusst ihr Leben auch, aber von manchen
Mitschülern will sie nicht beeinflusst werden.
Deine Freunde?
Beeinflussen sie nicht besonders. Sie hört nicht so sehr auf die anderen. Ab und
zu über Kleinigkeiten. Mit ausgewählten Freunden hängt sie rum.
Sie redet aber mit niemand groß außer mit ihrem Meerschweinchen.
Deine Familie?
Für alles eine Schwester, Eltern sind schon älter aber es ist auch nicht so
schlecht, machen auch nicht auf gut Freund. Mit Mutter kommt es ab und zu zum
Streit.
Yvonne Brenner
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Wie sieht deine Freizeit aus?
Fußballspielen, lesen, Meerschwein, Bauchmuskeln.
Sie liest Schnulzromane und esoterische Bücher. Damit beschäftigt sie sich etwas
stärker. Hexen, pendeln, Karten legen, Getränke brauen, Woodo. Das macht sie
alleine. Sie glaubt an diese Kraft bzw. Kräfte
Was ist in deinem Leben anders als vor fünf Jahren?
„Ich bin älter, darf mehr und bin mehr selbstbewusst. Noch in der Grundschule
und Lehrerin war wichtig. Jetzt ist die Familie am wichtigsten.“
Was denkst du, wie dein Leben in 10 Jahren aussieht? → Was wünschst du
dir?
Schauspielkarriere in Hollywood. Deutschland reicht nicht, schon Spielfilme in
Amerika. Wenn man da berühmt ist, hat man es geschafft. Sie kann sich auch
vorstellen in Amerika zu leben, sie findet dieses Land interessant. Große
Unterschiede, freundliche offene Menschen – war aber noch nie dort.
Sie möchte nicht unbedingt heiraten und Kinder bekommen. Auf gar keinen Fall
in 10 Jahren. Sie möchte ihr Leben selbständig und frei leben.
Berühmt sein weil es dafür viel Geld gibt und jeder einen kennt.
Keine Actionfilme – keine Leute abballern!
Was ist deiner Meinung nach Identität?
Wer bist du? „Ein Mädchen das mehr introvertiert ist, was Freunde angeht.“ Sie
ist familiengebunden. Das Äußere ist nicht so wichtig zur Identität. Sie verkörpert
aber schon das, was sie ist.
Sie möchte dünner sein, dann wäre sie ihrer Meinung nach selbstbewusster.
Wärst du lieber ein Junge? Warum?
Nein! Jungs werden zu hart erzogen und dürfen keine Gefühle zeigen. Beruflich
haben Männer aber im Vorteil – trotz Emanzipation. Aber getauscht wird nicht!
Yvonne Brenner
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Yvonne Brenner
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Yvonne Brenner
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