MitOst Magazin Extra Festival Breslau

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MitOst Magazin Extra Festival Breslau
mitost magazin extra ¬
Die fremde Stadt - Buchtipp
¬ Gerhild Baer, MitOst-Mitglied, Fürstenfeldbruck
Gregor Thum:
Die fremde Stadt Breslau 1945,
2003, Siedler Verlag (2002
Frankfurt/Oder),
640 Seiten
MitOst magazin
Mitteilungen des MitOst e.V. – Verein für Sprach- und Kulturaustausch in Mittel-, Ost- und Südosteuropa
extra
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05
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Wer wissen möchte, wie „Breslau“ zu „Wrocław“ wurde, für den ist das 2003 im Siedler Verlag erschienene Buch „Die fremde Stadt Breslau 1945“
von Gregor Thum genau das Richtige. Der Leser erfährt, wie es ab 1945 mit der Stadt weiter geht. Zwar stellt 1945 einen markanten Schnitt in der
Stadtgeschichte dar, der Übergang aber ist fließend. Nach dem für Deutschland verlorenen Weltkrieg sollte Polen deutsche Ostgebiete erhalten –
dies nicht zuletzt als Entschädigung dafür, dass die Sowjetunion die polnischen Ostgebiete beanspruchte. Die Situation in Niederschlesien und
damit auch in Breslau war eine ganz besondere: hier fand ein fast kompletter Bevölkerungswechsel statt, Polen musste sich bevölkerungstechnisch,
administrativ und politisch ein im Grunde unbekanntes Gebiet aneignen. Dies war ein schwieriger und langwieriger Prozess: zunächst lebten
Deutsche und Polen zusammen in der Stadt; eine polnische Verwaltung wurde aufgebaut, die aber in den ersten Jahren unmittelbar nach dem Krieg
stets damit rechnen musste, dass die sowjetische Militärverwaltung ihr dazwischenfunkte – letztere ließ nicht zuletzt übergangsweise auch eine
deutsche Verwaltung zu; nach und nach wurden die Deutschen ausgesiedelt, wobei jedoch verhindert werden musste, dass in der Stadt alles
zusammenbrach, d.h. entsprechende Facharbeiter wurden zurückgehalten, bis Polen ihre Nachfolge antreten konnten. Dabei war es zunächst gar
nicht so leicht, Polen zu finden, die sich in Niederschlesien niederlassen wollten. Werbeaktionen in Krakau etwa waren weitgehend erfolglos. Die
meisten Siedler in Breslau kamen aus Zentralpolen, zumeist aus der Woiwodschaft Großpolen, (45,2 % laut Volkszählung am 31.12.1948); wesentlich weniger Siedler aus den ostpolnischen Gebieten, die an die Sowjetunion gefallen waren (24,1 %).
Eine durch Krieg und Festungszeit stark zerstörte, durch sowjetische Reparationen und Ziegelabbau u.a. für die Rekonstruktion der Warschauer
Altstadt gebeutelte Stadt musste wieder aufgebaut werden. Nicht zuletzt – und das wohl die schwierigste Aufgabe - sollte die neue Bevölkerung
an diesem Ort, den deutsche Vertriebenenverbände teilweise weiterhin als den ihren reklamierten, heimisch werden. Das konnte nur mit Hilfe des
Mythos der „wieder gewonnenen Gebiete“ geschehen, der – verkürzt gesagt – beanspruchte, mit den Westgebieten seien „urpolnische“ Gebiete
zum polnischen Mutterland zurückgekehrt, deren vorherige Besiedlung durch Deutsche allenfalls als Besatzung zu verstehen sei. Von der
Nachkriegszeit her betrachtet und vor allem im Hinblick auf die im Zweiten Weltkrieg durch Deutsche an Polen verübten Gräueltaten kein Wunder,
dass Deutschland zum Feind Nummer eins erklärt wurde und – auch wenn dies ein irrsinniges und unmögliches Unterfangen war - deutsche
Spuren aus dem Stadtbild zu entfernen versucht wurden. Mittels deutscher und polnischer Quellen untersucht Gregor Thum, genauestens und mit
vielen Zitaten und Beispielen versehen, den Aufbau dieses Mythos und seine Auswirkungen auf Breslau. Die Buchausgabe ist zudem mit vielen
schwarz-weiß Bildern, einer Vielzahl an bibliographischen Angaben und einem reichhaltigen Quellen- und Literaturverzeichnis sowie zwei farbigen
Stadtplanausschnitten versehen.
Schirmherrschaft
Partner des MitOst-Festivals
Dr. Reinhard Schweppe,
Botschafter der Bundesrepublik Deutschland
Prof. Dr. Adam Rotfeld, Außenminister von Polen
ARTE
Centrum Studiów Niemieckich i
Europejskich im. Willy Brandta
Förderer
des
MitOst-Festivals
Rafal Dudkiewicz,
Präsident
Wrocław
Förderer des MitOst-Festivals
Robert Bosch Stiftung
Schering Stiftung
Gemeinnützige Hertie-Stiftung
Internationaler Visegrad
Fund
Besonder
Partner
Fonds “Erinnerung und Zukunft”
Besondere Partner
Edith Stein Gesellschaft/
Towarzystwo im. Edyty Stein
Deutsche Botschaft in Warschau
Deutsches Generalkonsulat in Wrocław
Dolnośląska Szkoła Służb Publicznych Asesor
Dom Spotkań im. Angelusa Silesiusa
Fundacja Pro Arte Gmina Wyznaniowa
Zydowska we Wroclawiu
FUN KLUB
Grotowski Zentrum / Ośrodek Badań
Twórczości Jerzego Grotowskiego i
Poszukiwań Teatralno-Kulturowych
Hotel Wrocław
Kino Lalka
Kulturhaus Klub pod Kolumnami
Kulturhaus Wrocław Srodmiescie /
Młodzieżowy Dom Kultury Śródmieście
Mediothek / Mediateka
Ost Europa Institut / Kolegium Europy Wschodniej
Puppen Theater / Wrocławski Teatr Lalek
Stadt Bibliothek und Goethe Bibliothek
und Lesesaal / Wojewódzka i Miejska
Biblioteka Publiczna; Wypozyczalnia i
czytelnia Instytutu Goethego
Synagoge
Universität Wrocław / Uniwersytet Wrocławski
Urząd Miasta Wrocławia
Nachbarn begegnen
MitOst-Festival 2005 in Breslau/Wrocław
mitost magazin extra ¬
mitost magazin extra ¬
Deshalb ist das MitOst-Festival für uns so wichtig und deshalb freuen wir uns immer wieder auf das nächste –
vom 13.-16. September 2006 in Timisoara/Temeswar, Rumänien!
Viel Freude, Anregungen und Erinnerungen beim Lesen
> wünschen
Liebe MitOst-Mitglieder, liebe MitOst-Interessierte,
die vorliegende Sonderausgabe des MitOstmagazins bietet einen Rückblick auf
das MitOst-Festival 2005 in Breslau/Wrocław und damit die Gelegenheit für ein
paar allgemeinere Gedanken zum MitOst-Festival. Denn in diesem Jahr wird
MitOst sein 10-jähriges Bestehen feiern und gleichzeitig sein 4. Internationales
MitOst-Festival veranstalten.
Monika Nikzentaitis-Stobbe,
1. Vorsitzende
[email protected]
Monika Sus,
2. Vorsitzende
[email protected]
Christopher Schumann,
Schatzmeister
[email protected]
Mascha Zakharova,
Beisitz Alumniarbeit
[email protected]
Nora Hoffmann,
Beisitz Regionalisierung
[email protected]
Andreas Lorenz,
Beisitz Projektarbeit
p r o j e k te @ m i t o s t . d e
0MitOst-Festival 2005 in Breslau/Wrocław
Bereits zum dritten Mal nach Pécs 2003 und Vilnius 2004 fanden vom 26.-31. Oktober 2005 in Breslau rund um die
Mitgliederversammlung des MitOst e.V. ein internationales Kulturfestival und eine Werkstatt zum Projektmanagement
statt. Besonders war in diesem Jahr, dass das MitOst-Festival zugleich ein „Leuchtturmprojekt“ (polnisch: lokomotywa!) im Deutsch-Polnischen Jahr war. Die Schirmherrschaft hatten der polnische Außenminister, der deutsche
Botschafter in Warschau und der Stadtpräsident von Wrocław übernommen.
Unter dem Motto „Nachbarn begegnen“ konnten die über 400 Teilnehmer aus 21 Ländern aus fast 40 Workshops zum
Projektmanagement, mehreren Diskussionsveranstaltungen und über 30 Programmpunkten im Kulturprogramm
auswählen: Von Filmvorführungen, Ausstellungseröffnungen, Konzerten und Lesungen bis hin zu thematischen
Stadtführungen und „Polnisch für Anfänger“.
INHALTSVERZEICHNIS
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Editorial
Was bedeuten die Festivals
inzwischen für MitOst?
Ein Höhepunkt des Festivals war neben der feierlichen Eröffnung des Festivals in der barocken Aula Leopoldina
der Universität das erstmals in dieser Form eingerichtete Projektehaus im historischen Puppentheater: Neben den
diesjährigen MitOst-Projekten wurden hier auch die Angebote der von MitOst durchgeführten
Programme und einiger Partner und Förderer von MitOst vorgestellt.
Die Zeiten, in denen sich der Großteil der Mitglieder persönlich kannte - aus
Einmalig war auch die Unterstützung für das erneut gewachsene Festival: Neben der Robert Bosch
Stiftung, der Hertie-Stiftung und der Schering Stiftung, die schon in den letzten
beiden Jahren das Festival gefördert hatten, wurden 2005 auch der Fonds „Erinnerung
und Zukunft“ und der „Vysegrad Fonds“ als Förderer gewonnen.
Ein Tag – Projektnetzwerkstatt
Literarische Oderfahrt – Lesung
Mittelosteuropa tanzt – Workshop
der gemeinsamen Stipendienzeit, gemeinsamen Projekten oder der Mitglieder-
Transitraum Deutsch – Lesung
Breslau – Festung des Multi-Kulkti
versammlung mit gut 50 Personen – sind bei inzwischen über 1400 Mitgliedern
n-ost – Korrespondentennetzwerk
lange vorbei. Viele Mitglieder waren auch noch nie auf einem MitOst-Festival,
Schlesiens wilder Westen - Filmrezension
weil sie keine Zeit haben, weil sie die Kosten dafür nicht aufbringen können,
Hawdala – Jüdisches Leben in Breslau
aber vielleicht auch, weil sie gar kein Interesse daran haben und sich bei MitOst
Interview – mit einem belarussischen
nur informieren oder den Verein einfach durch ihren Beitrag unterstützen wollen.
Festivalteilnehmer
Und dennoch ist das MitOst-Festival nicht nur der Höhepunkt jedes Vereins-
11_ Projektehaus
12_ Die fremde Stadt – Buchtipp
12_ Förderer und Partner des MitOst-Festivals
jahres, sondern auch ein Kernbereich des Vereins. Warum?
> Es ist die einzige Gelegenheit im Jahr, viele Mitglieder aus (fast) allen MitOst-
>
Impressum
MitOstmagazin extra Festival 2005
Herausgeber:
MitOst e.V.
Verein für Sprach- und Kulturaustausch in Mittel-, Ost- und
Südosteuropa
>
Verantwortlich:
Monika Nikzentaitis-Stobbe, Vorstandsvorsitzende MitOst e.V.
Schillerstraße 57
D-10627 Berlin
[email protected]
Redaktion:
Arndt Lorenz, Aachen
[email protected]
>
Fotonachweis:
Bea Be, Stephanie Endter, Dirk Enters, Sascha Götz,
Anna Litvinenko, Arndt Lorenz, Judith Schifferle,
Christopher Schumann, Jochen Staudacher, Jan Zappner
Lektorat:
Robert Sobotta, Dresden / London
>
Gestaltung, Bildbearbeitung:
Susanne Töpfer, Kathrin Hölker, Dresden
[email protected]
>
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Ländern persönlich zu treffen. Das ist wichtig für das Zusammengehörigkeitsgefühl und
für den Austausch untereinander, der häufig der Startpunkt für neue Ideen und Aktivitäten im Verein ist.
Sowohl der gemeinsame Besuch des Workshop- und Kulturprogramms als auch
die Treffen in den verschiedenen Gruppen – Arbeitsgruppen zum Verein, Länderund Alumnigruppen – geben neue Inspiration, was auf den verschiedenen Gebieten
die nächsten Schritte sein könnten.
In vielen unserer Projekte und Aktivitäten sind demokratische Prinzipien und eine
offene Bürgergesellschaft unser Ziel. Auf dem MitOst-Festival und vor allem auf der
Mitgliederversammlung und in den Vereinswerkstätten setzen wir diese demokratischen Prinzipien um oder üben vielleicht auch noch, sie in der Praxis umzusetzen.
Denn für viele unserer Mitglieder ist ein Verein auch eine ganz neue Organisationsform.
Vereinszweck von MitOst ist der Sprach- und Kulturaustausch. In diesem Sinne ist
das MitOst-Festival jedes Jahr unser größtes Projekt. Denn wir lernen beim Besuch
nicht nur neue Kulturen kennen – z.B. ungarische Literatur in Pécs, litauischer
Barock in Vilnius, polnische Musik in Breslau –, wir bringen den jeweiligen Städten
und ihren Bewohnern auch unsere vielfältigen Kulturen aus allen MitOst-Ländern mit.
Geben und Nehmen ist auch unser Prinzip bei den Workshops, in denen wir lehren
und lernen, indem die Erfahreneren ihr Wissen weitergeben.
Wir haben gemeinsam Spaß beim Tanzen, Singen, Diskutieren, Lachen...
MitOstmagazin extra
Sascha Götz, Geschäftsführer, g f @ m i t o s t . d e
Ein Tag Projektnetzwerkstatt
¬ Nina Körner, n-ost-Korrespondentin
Zwei Tage lang konnten sich die Festivalteilnehmer in Breslau
Handwerkszeug für die ehrenamtliche Projektarbeit aneignen. Ob
man einen Verkehrsführer für russischsprachige Tramper plant, osteuropäische Städte in Deutschland touristisch bewerben will oder
ein lettisches Studententheater auf Tournee bringen möchte – in
über 40 Workshops war professioneller Rat zu finden.
Auch bei einem Telefonat ist Lächeln wichtig. Jeder Interviewer sollte
sich das bestätigende „Mmhh“ sparen. Journalisten sind zwischen Weihnachten und Silvester leicht glücklich zu machen – nicht jeder hatte das
gewusst. In den Workshops der Projektnetzwerkstatt wurden echte
Insiderinformationen zu Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, zu Projektanträgen
und Fundraising, zu Filmemachen und Layout weitergegeben. Und das
sah ganz konkret so aus:
Am Vormittag in Raum 209 der niederschlesischen Schule des öffentlichen Rechts ASESOR probt eine Gruppe den ersten Anruf bei einem
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künftigen Förderer. In einer Minute muss das Anliegen überzeugend vorgebracht sein, sonst wird energisch auf den Tisch geklopft, um den die
neun Teilnehmer sitzen. Einen Raum weiter diskutieren fünfzehn Leute
im Kreis rege, wie Projekte und Veranstaltungen in die Presse zu bringen
sind. Vor den Computern in Raum 11 entdecken ein Dutzend Personen
im Workshop „Layout und Design“ gerade die Welt der Schriften. Außerdem kommen Vektorprogramme, Urheberrecht und Papierarten zur
Sprache. Zum Stundenwechsel lärmt es auf den hellgrünen Gängen der
Rechtsschule. Eine kleine Pause zwischendurch und Zeit für eine Stadtführung über den Marktplatz oder zur Dominsel – soviel Zeit lässt das
Tagesprogramm zu. Immerhin ist das MitOst-Festival eine „Leuchtturmveranstaltung“ im Deutsch-Polnischen Jahr. Kulturaustausch und
Begegnung mit den Nachbarn dürfen also nicht zu kurz kommen. Um
drei Uhr nachmittags geht es weiter. Im Filmworkshop schauen sechzehn Interessierte nicht nur einen Film, sondern auch den zugehörigen
Kostenvoranschlag an. Große Posten im Filmbudget sind, so wird klar,
neben Reisekosten die Ausgaben für Personal und Versicherung. Aber
auch die Sicherheitskopie will einkalkuliert sein. Die Layouter experimentieren inzwischen mit dem Programm InDesign, drehen Bilder und
schreiben Texte entlang der gewagtesten Linien. Im Raum 210 werden
einer seitlich sitzenden Gruppe Kürzel der Nachrichtenagenturen eingeführt, dpa, epd, KNA etc. Ganz unterschiedlich sind die Workshops
geführt, mal im Frontalvortrag, mal in Gruppenarbeit. Mal gibt es
Powerpointpräsentation, Handout, Flipcharts, mal gar nichts. Für jeden
Weiterbildungsworkshop bekommen die Teilnehmer eine Bestätigung
und die Leiter eine Evaluation. Auch das Feedback fällt unterschiedlich
aus. Die Kommunikationsspiele habe sie sich ein wenig anders vorgestellt, meint Ulrike. Carmina dagegen hat sich beim „Kreativen Denken“
anhand einer Zahnbürste auf ganz neue Ideen bringen lassen.
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„Herr“ der Werkstatt „Mittelosteuropa tanzt“ ein. Für viele war es der
erste Kontakt mit dieser künstlerischen Darbietungsform. Die jungen
Tänzer aus Polen, Rumänien, Weißrussland, Ukraine, SerbienMontenegro und Deutschland lernten sich beim Training nicht nur
näher kennen, sondern diskutierten auch über nationale und europäische Identität. Der fertige Tanz wurde während des Festivals auf
dem Wrocławer Marktplatz und im Puppentheater aufgeführt und
Mythos der Zukunft –
„Oder“ –
die Heimat im Dazwischen
¬ Judith Schifferle, MitOst-Mitglied, Basel
Zwei Stunden hat es gedauert, um die Oder in einen Mythos zu
verwandeln. Aber dennoch: So lange und unerbittlich hat sich ein
Fluss nur selten gegen den eigenen Ruhm und Mythos gewehrt. Als
hätte die Oder auf diesen Abend gewartet, an dem es in ihrem
Namen zu einer fast intimen deutsch-polnischen Begegnung gekommen ist; die Lesung von Olga Tokarczuk und Uwe Rada in den
Räumen des Breslauer Grotowski Theaters war eine „literarische
Oderfahrt“, die an wilde und noch unbebaute Ufer eines neuen
Mitteleuropas führte.
Im Rahmen des Breslauer MitOst-Festivals stellten die polnische
Autorin Olga Tokarczuk (geboren 1962 in Sulechów) und der deutsche Journalist Uwe Rada (geboren 1963 in Göppingen) gemeinsam, aber unterschiedlich in Sprache und Form, ihre Wahrnehmung
der Oder dar. Während Uwe Rada seine Kulturgeschichte mit einer
Flussreise von der Quelle im Mährischen Gebirge Tschechiens bis
zur Ostsee verband, las Olga Tukarczuk „Die Macht der Oder“ als
ihre poetische Kindheitsvision vor. Beide Perspektiven begegneten
sich da, wo sowohl die historische als auch die poetische
Erinnerung auf einem neuen deutsch-polnischen Begriff von „Heimat”
aufbaute, einem gemeinsamen Kulturgebiet, dem die Trennung von
gestern wie die Verbindung von heute gleichsam angehören.
Welcher andere Begriff hatte in der Literatur unserer Zeit mehr
Umdeutungen, Anschauungen und Notwendigkeiten erhalten als
der von „Heimat”? Und wie heimatlos blieb dagegen die Oder als
Dazwischen, als Fluss des ewig Gleichen und einer Grenze, über die
es bisher keine Mythen, – nur Mühen gegeben hatte. „Mühe und
Schweiß“ nennt Rada die einzigen Marksteine eines gemeinsamen
Kulturraumes zwischen Polen, Deutschland und Tschechien. Aber
ohne Überhöhungen ins Poetische, ohne Mythen, wie für den
Rhein, der nicht an den Ländern entlang, sondern durch sie hindurch
streift. Nicht eine Grenze, sondern ein „Zwischenland“ markiert die
Oder bei Rada und bedeutet ein „Einzugsgebiet“ für Tokarczuk in
der Mitte Europas. Als „poetische Vision“ funktioniert die Oder in
der literarischen Vorstellung der Autorin; eine Vision auf mehreren
Ebenen zugleich: nicht nur als Ort der Kindheit, als Quelle von
„Energie und Temperament“, sondern auch als Identität und
Intimität von Träumen bedeutet dieser Fluss eine der „wenig unveränderlichen Erscheinungen dieser Welt“; eine Konstante der Erinnerung, wo das Wasser fließt, das Flussbett aber dasselbe bleibt. Ein
Fluss, der heute weder Schleusen, Staustufenbau oder groß bebaute Ufer besitzt und ein Naturgebiet, das zur Aufgabe des
Naturschutzes geworden ist. Außer als Transportweg zwischen den
niederschlesischen Industriegebieten bei Katowice und dem
Brandenburger Raum, der Einmündung in die Ostsee, wurde die
Oder für wirtschaftliche Zwecke nie wesentlich genutzt.
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Die Oder blieb ein eigenwilliges und wildes „Lebewesen“. Ihr Ort
war immer an der Peripherie der Mächte, ihre Lage ein Dazwischen
der Völker und ihre Funktion deren Trennung. Dennoch aber ist
diese Grenze keine natürliche, sondern ein Konstrukt. Denn laut
Rada ist die Angst vor der Osterweiterung im Grenzgebiet nicht so
groß wie im Westen; die Bürgermeister der Grenzstädte in Görlitz,
Frankfurt, Schwedt und Guben orientieren sich auch am Osten und
geben sich als „eindeutige Befürworter“ einer sofortigen Gewährung
der Freizügigkeit. In diesem Sinne kann der Fluss eine verbindende
Lebensader in Mitteleuropa werden. „Breslau besinnt sich auf sein
multikulturelles Erbe, Frankfurt und Slubice wenden sich dem Fluss
zu, die Menschen im Oderraum erzählen sich ihre Geschichten von
Krieg, Vertreibung und Versöhnung. Sie entwerfen eine gemeinsame Zukunft.“ (Rada) Gerade das Fehlen einer mythologischen
Zuordnung bedeutet eine kulturelle Chance. Die Zusammenführung
und individuelle Umformung eines gemeinsam erinnerten
Lebensraumes zeugen somit nicht nur für ein kollektives Gedächtnis,
sondern auch für eine gemeinsame Kultur grenzenloser „Zuflüsse“.
Literaturhinweise:
Uwe Rada:
„Zwischenland –
Europäische
Geschichten aus dem
deutsch-polnischen
Grenzgebiet”
be.bra verlag, 2004
Olga Tokarczuk:
„Podró ludzi ksi´gi“
[Die Reise der
Buchmenschen].
Warszawa: PrzedÊwit,
1993
Die Oder.
Lebenslauf eines
Flusses.
Kiepenheuer, 2005
[Ur und andere Zeiten].
Warszawa: W.A.B., 1996
„Prawiek i inne czasy”
„Szafa” [Der Schrank].
Lublin: Wydawnictwo
UMCS; Wabrzych:
Ruta, 1998
Auf Deutsch erschienen:
„Ur und andere Zeiten.”
Übers. von Esther Kinsky.
Berlin:
Berlin Verlag, 2000
„Der Schrank”
Übers. von Esther Kinsky.
München: DVA, 2000
„Taghaus, Nachthaus”
in der Übers. von Esther
Kinsky: DVA, 2001
Mittelosteuropa tanzt!
Workshop beim MitOst-Festival in Breslau 2005
¬ Tatjana Reitmann, Lektorin der Robert Bosch Stiftung, Ostrava
sowohl von den Festivalteilnehmern als auch von den Einheimischen
begeistert aufgenommen. Die Organisatoren Marta Masojc und
Grzegorz Nocko haben aber schon wieder große Pläne. Sie wollen
den Tanz so weiter entwickeln, dass man das Publikum mit einbeziehen kann. Und wenn Völkerverständigung im Kleinen gleichzeitig so
viel Spaß macht und auch noch schön anzusehen ist, warum geht das
dann nicht öfter im Großen?
Transitraum Deutsch
Lesung bosnischer Autoren beim MitOst-Festival in Breslau
¬ Bojana Radetiç, Theodor-Heuss-Stipendiatin, Übersetzerin, MitOst-Mitglied, Rijeka
„In Bosnien und Herzegowina ist alles zerbombt, die Leute müssen
sehr aufpassen, nicht auf eine Mine zu treten und sie laufen sowieso fast nackt herum.“ Dieses im Westen bzw. bei den Ausländern
vorherrschende Bild wollen junge bosnische Autoren mit ihrem vor
zwei Jahren herausgegebenen Buch „Ein Hund läuft durch die
Republik“ verändern. Diese Autoren konnte ein zahlreich erschienenes Publikum während des MitOst-Festivals 2005 in Breslau im
Grotowski Theater bei der Lesung „Transitraum Deutsch“ erleben.
Indirekt verantwortlich für die Entstehung des vorgestellten Buches
ist Juli Zeh, die deutsche Autorin, die vor einigen Jahren bei einer
Lesung an der Universität Tuzla ihre Bosnien-Texte vorstellte. Im
Gespräch mit dem damaligen österreichischen Lektor am dortigen
Germanistikinstitut, Oskar Terš, wurde die Idee für ein Buch über
Bosnien geboren, das Studenten selbst verfassen sollten. Trotz der
erstaunten Studenten („Aber so was macht man doch in Bosnien
nicht!“), wurde das Projekt an den Unis ausgeschrieben. Der Erfolg
war unerwartet groß: von über 50 eingereichten Texten konnten die
zwanzig besten veröffentlicht werden. Als Projektleiter wollte Oskar
Terš bosnischen Studenten Gelegenheit geben, die deutsche
Sprache kreativ anzuwenden und gleichzeitig junge deutschsprachige
Autoren aus Bosnien zu fördern.
nach Bosnien. Das Schreiben auf Deutsch fällt ihm leicht, lediglich
für die Lyrik hat er Bosnisch reserviert.
Als Oskar Terš mit seiner deutschsprachigen Theatergruppe einmal
in Pécs war, ergaben sich Anregungen für ein Folgeprojekt. Und so
haben sich junge bosnische Autoren zusammen mit ungarischen
Studentenkollegen zu zwei Literaturwerkstätten in Pécs und in Tuzla
getroffen und sich anhand von Fotos aus diesen Städten für weitere
Geschichten inspirieren lassen. Während der Lesung in Breslau war
deswegen auch die ungarische Autorin Aniko Hetesi zu hören.
Das Buch „Ein Hund läuft durch die Republik“ wurde (vor allem im
Ausland) etwa 3000 Mal verkauft. In Bosnien stößt diese Textsammlung bisher auf fast kein Interesse. Gerade deswegen sind
weitere Lesungen, zum Beispiel in Osijek/Kroatien, geplant.
Literaturhinweis:
Beim Tanzen lernt man sich kennen und verstehen. Das wussten
schon unsere Mütter und Väter... Aber Völkerverständigung durch
Tanz? 10 junge Leute aus 6 Ländern zeigten beim MitOst-Festival in
Wrocław, was Tanz alles leisten kann. Unter dem Motto „Die Welt ist
eine Kugel, Osteuropa ist ein Oktaeder“ wurde eine tänzerische
Melange aus Osteuropa einstudiert und aufgeführt. Den so genannten „MOE-Tanz“ hatten Stipendiaten des Theodor-Heuss-Kollegs
(THK) während eines einwöchigen Seminars im März 2005 entwikkelt. Dazu wurden Elemente aus Tänzen aus ganz Osteuropa zu
einem neuen Tanz zusammengefasst: Der „MOE-Tanz“ war geboren.
Da die THK- und MitOst-Sprache Deutsch ist, wurde als Verbindung
zwischen den Tänzern und dem neuen Tanz das deutsche Lied „Alles
ist jut, alles ist gut, ich bin froh, ein Berliner zu sein“ gewählt. Diesen
Tanz studierten dann während des MitOst-Festivals 9 „Damen“ und 1
MitOstmagazin extra
Für Elmedin Kukiç, Germanistikstudent in Tuzla, schon an „komische“ Aufsatz-Aufgaben vom Lektor gewöhnt, war es nicht schwer,
eine Geschichte auf Deutsch zu schreiben. Viel schwieriger fiel ihm,
die Geschichten zu übersetzen, weil die zwei Sprachen verschiedene Ausdrucksweisen haben. Obwohl er von einer professionellen
Fußballkarriere geträumt hatte, entschied er sich nach der Rückkehr aus
Deutschland, wo er einige Jahre als Flüchtling gelebt hatte, für den
nicht so „risikovollen Bereich“ der Germanistik. Überwiegend schreibt
er Prosa und möchte, motiviert durch die Arbeit an diesem Projekt,
mit seinen Kurzgeschichten weiter über Bosnien aufklären.
Juli Zeh – Ein Hund läuft
durch die Republik
Geschichten aus Bosnien
Herausgegeben von Juli Zeh,
David Finck und Oskar Terš
144 Seiten. Gebunden.
ISBN 3-89561-057-7
EUR 16,90
Saša Stanisiç, Student am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, ist im
Gegensatz zu Kukiç schon ein erfahrener Autor mit mehreren veröffentlichten Geschichten und mit einem Roman, an dem er gerade arbeitet. Ständiges Thema ist bei ihm die Frage der Rückkehr
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mitost magazin extra ¬
mitost magazin extra ¬
Breslau –
Festung des Multi-Kulti
Ida Moegelin sieht verzweifelt und müde aus. Heute hat sie sich
in ihrer Heimatstadt verlaufen. „Wegen der ganzen Neubauten und
der umbenannten Straßen konnte ich mein Haus nicht mehr finden“, sagt sie enttäuscht. Nach fast 60 Jahren ist sie in die Stadt
zurückgekehrt, wo sie aufgewachsen ist. Heute tragen hier die
Straßen doppelte Namen und die Einwohner stammen aus allen
Ecken der Welt.
„Ich denke, dass Breslau die liberalste Stadt Polens ist. Allein deswegen, weil hier so viele internationale Wurzeln zusammengeflochten sind“, sagt Jolanta Bielanska. Sie sitzt in der rot-weißen
Breslauer „Mediatheke“, die mit den zahlreichen Bildern an den
Wänden einer avantgardistischen Kunsthalle ähnelt und hält einen
Vortrag über die polnische Kunst vor einem Dutzend Interessierten.
Die Familie der 35-Jährigen Polin stammt aus Lemberg und teilweise
aus Armenien. Sie ist Malerin in Breslau, der viertgrößten Stadt
Polens, und kann stundenlang über die Kunst und Geschichte ihrer
Wahlheimat erzählen. „Wir in Wrocław haben ein Problem mit der
Identität, sind auf der Suche nach uns selbst“, sagt Jolanta. Eine
Verkörperung davon sei der Künstler Andrzej Dudek Dürer, der sich
als Inkarnation von Albrecht Dürer preist. „Und ich glaube ihm“, lächelt
die Malerin.
¬ Anna Litvinenko, n-ost-Korrespondentin und MitOst-Mitglied
Die Identität von Breslau, in Polen Wrocław genannt, wurde von
Böhmen, Polen und Deutschen geprägt, denen die Stadt zu verschiedenen Zeiten gehörte. 1763 wurde sie Teil von Preußen und
entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einer der wichtigsten Städte
Deutschlands. 1945 wurde Breslau zur Festung umgewandelt. Heute
noch sind manche Straßen in Breslau viel zu breit für eine mittelalterliche Stadt: In der Festung wurden viele Häuser gesprengt, um
etwa die Flugbahn oder den Bunker für den Gauleiter Hanke zu
bauen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als Polen die deutschen
Gebiete im Westen bekam, wurde die Stadt wie auch der größte Teil
Schlesiens polnisch.
Viele Breslauer, vor allem junge Menschen, wollen nichts mehr mit
der Geschichte zu tun haben und genießen es einfach, auf dem
Kreuzweg verschiedener Kulturen zu leben. „Mir ist es egal, wie die
Stadt genannt wird – Breslau oder Wrocław, ich verbinde mit dem
alten Namen keine Erinnerungen wie die alte Generation“, zuckt
Anna Karolina Wieszczek die Schultern, wenn man nach dem
Namen der Stadt fragt. Sie schlürft ihren Kaffee auf der Flaniermeile
der Altstadt, die am Mittag voll ist mit beschäftigten Männern und
zierlichen Frauen, deren Stöckelschuhe immer wieder schief auf das
Pflaster treten. Die 26-Jährige ist hier aufgewachsen, hat studiert
und ist seit diesem Jahr mit einem DAAD-Stipendium nach
Hamburg gegangen. Wenn es um die Zukunft geht, wirkt sie inspiriert. „Ich will meine künftige Berufstätigkeit unbedingt mit der
Aussöhnung unserer Völker – der Deutschen und Polen – verbinden“,
sagt sie. „Deswegen engagiere ich mich schon seit einigen Jahren
bei MitOst und anderen Institutionen.”
Immer wieder stößt man in Breslau auf alte deutsche Inschriften,
wie etwa auf dem Friedhof oder in den zahlreichen Kirchen auf der
Dominsel. Die Zeit verwischt allerdings langsam die deutschen
Spuren in der Stadt. Es gibt hier keine deutsche Gemeinde, wie
etwa im benachbarten Opeln, und nur die auf Deutsch zwitschernden Nostalgietouristenscharen erinnern hier und da an die schon
verstaubte Vergangenheit. Die 85-Jährige Ida Moegelin ist eine dieser Touristen. Sie kann selbst mit Hilfe ihres Spazierstocks kaum
laufen, will aber nicht die Gelegenheit versäumen, vielleicht zum
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MitOstmagazin extra
MitOstmagazin extra
letzten Mal für zwei Tage ihre Heimat zu besuchen. Sie sitzt im
Schweidnitzer Keller, dem deutschen Restaurant am Breslauer
Marktplatz, heute „Piwnica Swidnicka“ genannt. Sie hat Fisch mit
Kartoffeln bestellt, ist enttäuscht, dass man hier nicht mehr ihr
Lieblingsbackobst mit Klopsen serviert. „Nicht weit von hier hat
meine Schwester damals im Wäschegeschäft gearbeitet. Die Damen
im Geschäft waren so elegant: In schwarzen Röcken und weißen
Blusen“, schwärmt die Berlinerin. Sie ist bis 1946 in der Stadt
geblieben, als Breslau schon längst von Russen besetzt war. Sie
habe sich damals daran gewöhnt, unter ständiger Lebensgefahr zu
leben. Im Oktober 1944, als die ersten Bomben auf die Stadt fielen,
hat sie ihren ersten Mann geheiratet, mit dem sie später nach Berlin
geflohen ist, nach Ostberlin. Die Tränen drängen sich in die Augen
der alten Dame, als sie sich an ihre Vergangenheit erinnert. „Ich
hatte eine wunderschöne Kindheit hier in Breslau“, reißt sie sich
zusammen und will lieber über die Glücksmomente in ihrem Leben
erzählen, viele, die mit dieser Stadt verbunden sind.
Liebe hat die junge Belarussin Larissa Moszizynska nach Breslau
geführt. Seit sieben Jahren lebt sie hier mit ihrem polnischen Mann
und sagt, die Stadt wäre nicht immer so weltoffen gewesen wie
heute. Es hätte Zeiten gegeben, noch nicht lange her, als man in
Breslau lieber kein Russisch sprechen sollte. Heute habe sich die
Situation sichtlich geändert. „Auf der Straße hört man alle möglichen Sprachen.“ Auch Russisch sei in Polen wieder willkommen,
ungefähr zehn Abiturienten ringen um einen Platz in der RussistikAbteilung der Universität. „Die Polen haben verstanden, dass die
Russen so wie die Deutschen ihre wichtigsten Partner sind“, sagt die
Ökonomin. „Heute ist die Stadt sehr international“, freut sich
Larissa. Ein Zeichen dafür sei auch das MitOst-Festival, an dem sie
in diesem Jahr zum ersten Mal als Volontärin teilgenommen hat und
sogar auf dem Marktplatz zum Berlin-Lied den MitOst-Tanz mittanzte.
Trotz der Offenheit gen Westen wie gen Osten kann die Stadt doch
die von Warschau gesetzten Schranken nicht überwinden. Jolanta
Bielanska erzählt in der hochmodernen Breslauer „Mediatheke“, wie
die katholische Kirche die moderne polnische Kunst unterdrücke und
wie schwer es sei, sich als provinzieller Künstler gegen Warschau zu
behaupten. „Unter Kaczynski wird die Kontrolle noch stärker“, seufzt
sie. Doch ihre schwarzen Augen beginnen zu funkeln, wenn sie nach
der Freiheitsbewegung der 80iger Jahre in Breslau befragt wird. Die
Anhänger der Breslauer „Orangen Alternative“, die sich Bergmännchen
nannten, brachten damals die Polizei mit ihren „flash mobs“ außer
sich. Sie erschienen auf den Straßen zum Beispiel als „Geheimagenten“, die verdächtig über ihre schwarze Brille guckten oder
begannen, auf dem Marktplatz zu hopsen. Heute sind über die
Altstadt kleine Steinbergmännchen verstreut – ein Denkmal für die
witzigen Freiheitskämpfer. Dass die „Orange Alternative“, die sowohl
gegen die kommunistische Regierung als auch gegen die konservative
Solidarnosc auftrat, in Breslau entstand, findet Jolanta Bielanska
symbolhaft. Schließlich sei Breslau eine der liberalsten Städte Polens.
Ida Moegelin schaut sich um auf dem großen Marktplatz. „Die Polen
sind sehr gute Restauratoren, das muss man zugeben“, sagt sie und
zeigt auf die glänzenden Fassaden der Kaufhäuser. „Aber die
Atmosphäre von damals kann man hier natürlich nicht mehr wiedererkennen“, seufzt sie und will zum zweiten Mal an diesem Tag ihr
Geburtshaus suchen gehen.
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mitost magazin extra ¬
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"Den Trick finden":
n-ost bringt Osteuropa
in deutschsprachige Medien
¬ Thomas Kirschner, MitOst-Mitglied, Prag
„Maluch“ nennen ihn die Polen liebevoll – „Winzling“. Der polnische
Lizenzbau des Fiat 126 hat einst die halbe Nation motorisiert, und die
Polen vergelten es ihm mit anhaltender Zuneigung. Ein Artikel über den
polnischen Maluch-Kult (vgl. MitOst Magazin Nr. 16) ist eines der
Vorzeigestücke des jungen Korrespondenten-Netzwerkes n-ost. Zahlreiche Abdrucke in deutschen Zeitungen zeigen, dass das Modell n-ost
funktioniert und Themen aus dem Osten auch im Westen auf Interesse
stoßen können. Auf dem MitOst-Treffen in Breslau stellte sich n-ost für
alle Interessierten vor.
Rund 70 Berichterstatter in 20 Ländern Mittel- und Osteuropas haben
sich unter dem Dach von n-ost zusammengefunden - von Journalisten
mit langjähriger Praxis bis hin zu engagierten MOE-Kennern. Ihr Anspruch:
unmittelbar und unkonventionell aus den Regionen Mittel- und
Osteuropas in den deutschen Sprachraum zu berichten. So will n-ost
zu einer anderen Wahrnehmung des osteuropäischen Raumes beitragen. Und langfristig auf das Wunschziel hinarbeiten, in den deutschsprachigen Medien eine Lobby für die Themen dieser Region zu schaffen.
„Du musst einen Trick finden, um osteuropäische Themen in
Deutschland anzubringen“, erläutert Andreas Metz eine der Haupthürden
auf dem Weg in die deutschen Medien. Er ist einer der Mitinitiatoren
von n-ost und leitet heute das Berliner Büro des Netzwerks. Aktuell
und originell müssen die Themen sein. Gute Bilder sind daneben nicht
nur die beste Visitenkarte für den Text, sondern können auch das
Autorenhonorar erheblich aufbessern. Wichtig ist schließlich auch der
Bezug zur deutschen Lebenswirklichkeit. „Nicht alles, was die Menschen
auf dem Kaukasus bewegt, kann auch in Deutschland Interesse beanspruchen“, meint Metz. „Oft ist der umgekehrte Ansatz erfolgversprechender – also von den Themen auszugehen, die in Deutschland gerade diskutiert werden und dann nachzuschauen: was gibt es dazu aus
Lettland, Belarus, Kasachstan zu sagen.“ Bestes Beispiel aus der letzten
Zeit: Als sich zum Regierungswechsel ganz Deutschland für den
Werdegang der Frau interessierte, die nun erste Kanzlerin der Republik
werden sollte, da bot n-ost einen Artikel über die familiären Wurzeln
von Angela Merkel an, die ins heutige Polen führen.
Heimat im Wilden Westen
¬ Oxana Mezentseva, MitOst-Mitglied, Berlin
Im Rahmen des MitOst-Festivals in Breslau wurde im Kino „Lalka“
auch der Film von Ute Badura „Schlesiens Wilder Westen“ gezeigt.
Als ich diesen Film sah, ist mir ein Gedicht eingefallen. Es gehört bei
uns zu jenen Gedichten, die die Schüler gleich in der ersten
Klassenstufe in der Schule lernen:
Wo fängt die Heimat an?
Mit einem Bild in deiner Fibel,
Mit guten und treuen Freunden,
Die in einem Nachbarhof wohnen.
Und vielleicht fängt sie mit jenem Lied an,
Das uns die Mutter sang.
Es ist jenes, was uns niemand niemals nehmen kann.
Der Film zeigt aber das Gegenteil der letzten Strophe. Es geht um die
Geschichte eines Dorfes in Niederschlesien – früher hieß es Seifershau,
heute Kopaniec. Die Welt dieses Ortes ist durch die Vertreibung der
Deutschen und die Neuansiedlung der Polen, die oft selbst Vertriebene
aus der heutigen Ukraine waren, geprägt. Die Autorin zeigt uns viele
Geschichten, die von Polen und Deutschen, von Krieg und Vertreibung
und auch vom gemeinsamen Leben im Dorf nach dem Krieg berichten.
Die erste Zeit nach dem Kriegsende wurde diese Region in Polen „Der
Wilde Westen“ genannt.
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Entstanden ist n-ost 2003 aus einer Initiative von Boschlektoren. Heute
gibt es ein n-ost-Büro mit zwei Mitarbeitern und einen eigenen Etat
von der Robert Bosch Stiftung. Aus einem Versuchsballon ist eine professionell arbeitende Agentur geworden. Gelernt hat man dabei vor
allem aus Fehlern: „Am Anfang haben wir alle gedacht, wir müssen für
den Spiegel schreiben“, erinnert sich Metz. Die seitenlangen Manuskripte
fanden jedoch, wenn überhaupt, dann nur radikal gekürzt den Weg in
den Druck. Auch der ständigen Verlockung, der Welt ihre Meinung zu
sagen, geben die n-ostler mittlerweile nur noch selten nach:
„Kommentare sind das Königsgenre und damit das ureigenste Revier
der alten Platzhirsche in den Redaktionen. Da darf jemand von außen
nur ganz ausnahmsweise einmal ran“, erzählt Metz mit einem Schulterzucken. Inzwischen hat sich n-ost auf die Bedürfnisse der Zeitungen
eingestellt – und die haben Vertrauen zu dem neuen Partner gefasst.
Werktäglich bietet das Netzwerk im Schnitt zwei Artikel an, im Monat
können die n-ostler mittlerweile 35 bis 40 Abdrucke zählen. Zu den
Kunden zählen neben zahlreichen lokalen und regionalen Zeitungen
inzwischen auch die Frankfurter Allgemeine, die Welt, die taz und
Spiegel online. „Manche Artikel werden gar nicht genommen, manche
gleich von mehreren Zeitungen“, berichtet Andreas Metz. „Reich werden
dabei allerdings weder die Autoren, die nach dem Standardsatz der
Zeitungen bezahlt werden, noch das n-ost-Koordinationsbüro, das eine
Provision einbehält. Diese Einnahmen reichen nicht einmal zur Deckung
der Bürokosten, und das dürfte auch auf absehbare Zeit so bleiben.“
Daher versteht sich n-ost eher als Interessensvertretung denn als
Wirtschaftsunternehmen. Jedenfalls ist die Zahl der Abdrucke nicht das
einzige Maß, an dem Andreas Metz die Wirkung von n-ost gemessen
sehen will: „Auch die Artikel, die nicht gedruckt werden, werden von
den Redakteuren gelesen, geben Anregungen und bereiten das Feld für
osteuropäische Themen. Und wenn das nächste Mal ein Artikel zu
einem ähnlichen Thema kommt, dann denkt der Redakteur nicht mehr
´Was ist denn das?´ sondern ´Aha - darüber habe ich doch schon mal
etwas gelesen!´"
Seit Mitte der 70iger Jahre kommen immer mehr deutsche Reisegruppen
nach Kopaniec. Es sind Schicksalsgenossen, sie wollen die alte Heimat
wiedersehen, beim Zusammensein sich über ihren Lebensweg unterhalten, die alten Häuser besuchen, und wenn es sich ergibt, auch
Gespräche mit den heutigen Besitzern führen. Es ist dieser sehr persönliche Zugang zum Thema, der emotional berührt, oftmals auch aufwühlt.
Ich, der durch den Film das erste Mal mit dem Thema intensiv in Berührung
kam, wurde „gepackt“ von den Schilderungen der Menschen. Jeder erzählte
sein Schicksal, wie er es erlebt und heute in seiner Erinnerung aufbereitet hat. Unmittelbare historische Wertungen werden nicht gegeben,
man versteht die Menschen, will dem einen und dem anderen Recht geben und
sieht sich plötzlich mitten in der Zerrissenheit dieses Gegenstandes wieder.
Die Regisseurin zeigt auch die Lebenswege von nach Sibirien vertriebenen
und zurückgekehrten Polen sowie von Deutschen, die eine familiäre
Verwurzelung in Schlesien besitzen und hier einen Neuanfang wagen.
Nach der Filmvorführung hatten die Zuschauer die Möglichkeit, mit der
Regisseurin ins Gespräch zu kommen und eigene Ansichten über den
Film zu äußern. Das Publikum im Saal war gemischt, darunter auch
direkt oder indirekt (über ihre Eltern oder Großeltern) Betroffene. Ein
Pole hatte Frau Badura folgende Frage gestellt: „Warum haben Sie in keiner
Aussage in ihrem Film hervorgehoben, dass alles, was damals geschehen ist, Hitlers und damit der Deutschen Schuld ist?“ „Es liegt alles viel
tiefer“, – antwortete sie. Und sie hat Recht.
MitOstmagazin extra
Hawdala im Weißen Storch
Eine junge Szene und eine reiche Vergangenheit
charakterisieren die jüdische Gemeinde Breslaus.
Das konnten die Festivalteilnehmer bei einem
Synagogenkonzert und Friedhofsbesuch erfahren.
¬ Nina Körner, n-ost-Korrespondentin
Punkt 18:43 müsste es beginnen, das Hawdala-Konzert,
genau zum Sonnenuntergang, genau zum Shabbat-Ende, wenn
in ganz Breslau die letzten Sonnenstrahlen durch gelbe
Ahornblätter fallen. Doch an diesem Oktobersamstag beginnt
es etwas später. Man wartet auf die Gäste des MitOst-Festivals.
Mehr als dreihundert Personen drängen sich in der Breslauer
Synagoge „Zum weißen Storch“, um den Klezmersound der
Gruppe „Cukunft“ zu hören. Deren Besetzung ist unkonventionell. Neben Klarinette und Fagott gibt es Schlagzeug und eine
Elektrogitarre, auf der zuweilen gegeigt wird. Es gibt nichts, was
die Musik aufhalten kann. Nur Erdgeschoss und Decke der
Synagoge sind renoviert, die Bögen der zweistöckigen
Balustrade zeigen blanke Ziegel. Melancholische und übermütige Töne ziehen durch einen einzigartigen Raum zwischen
Jugendstil und Neuer Sachlichkeit. „Hawdala ist ein kleines
Ritual, das den Shabbat von der weltlichen Zeit, der
Arbeitswoche, trennt. Danach haben wir unsere Konzerte
benannt“, erklärt Karolina Szykierska, die zierliche Organisatorin.
Für Karolina sind die Synagogenkonzerte Teil eines jüdischen
Revivals: „Die Generation unserer Eltern wurde im Sozialismus
atheistisch erzogen. Daher besteht die jüdische Gemeinde zum
großen Teil aus älteren Leuten. Doch es gibt immer öfter junge
Leute, die nach ihren Wurzeln suchen. Wie bei unseren
Konzerten in Breslau.“ In Breslau, das ist ihr wichtig. Breslau war
die Stadt des assimilierten, deutschsprachigen Judentums, im
Gegensatz zu Krakau, wo sich das osteuropäische Judentum
sammelte. Das zeigen auch die unorthodoxen Formen der
MitOstmagazin extra
Gräber, die kleinen Pyramiden und Tempel in klassizistischem
Stil oder in Art Deco, auf dem jüdischen Friedhof im Süden der
Stadt. Von 1806 bis 1942 ließ sich das aufgeklärte Judentum
hier bestatten. Zwischen Efeuranken, Baumstümpfen, gelbem
Ahornlaub liegen Berühmtheiten: Ferdinand Lassalle, der
Philosoph und Gründer der ersten sozialistischen Partei in
Deutschland, nachdem er sich mit dem Vater seiner künftigen
Frau duelliert hatte. Mehrere deutsche Kanzler haben bei
Polenreisen diesem Grab einen Besuch abgestattet. Oder Edith
Stein, die zum katholischen Glauben konvertierte, den
Karmeliterinnen beitrat und aus ihrem Ordenshaus deportiert
wurde. Seit vierzehn Jahren führt Wladislaw Cagara über das
Friedhofsmuseum. „Neun von vierzig jüdischen Nobelpreisträgern
stammen aus Breslau und Umgebung“, erzählt der alte Mann
einer polnischen Schulklasse leidenschaftlich. Dreihundert
Mitglieder zählt die jüdische Gemeinde Breslau heute. Mehr als
in Krakau, wie Karolina betont. Wegen der bewegten Stadtgeschichte, dem Kommen und Gehen verschiedener Nationalitäten, findet sie nichts typischer für Breslau als Internationalität
und Offenheit. Wenn sich auch alte Möbel im Flur der Synagoge
stapeln, die Stiegen baufällig sind und die Renovierung sich
wegen fehlender Mittel hinzieht, so ist Breslau, nach Karolinas
Worten, doch „der schönste Fleck in Polen“. Mag sein, dass
mancher Festivalteilnehmer ihre Meinung teilt, während er über
den nächtlichen Synagogenhof geht und das gelbe Laub leise
unter den Füßen raschelt.
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mitost magazin extra ¬
mitost magazin extra ¬
Lächeln unter anderen Umständen
Interview mit einem belarussischen Festival-Teilnehmer,
der internationale Bildungsprojekte mit Jugendlichen und
Erwachsenen koordiniert
Der Abend im Projektehaus:
Was ist für Sie Belarus und die „Europäische Union?
Die EU ist eine Union von vielen Ländern, wo man die Werte von Freiheit, Gleichberechtigung
wirklich im Alltagsleben nicht nur sehen, sondern auch diskutieren kann. Denn wenn ich die
Situation in meinem Land sehe, dann haben wir im Prinzip mehr Kontrolle als Freiheit. Wenn
man nach Westeuropa fährt, dann nimmt man einen Atem von Freiheit mit. Dann kommt man
wieder nach Weißrussland und wenigstens für ein Jahr reicht es, die Freiheit in Portionen auszuatmen. Ich mag mein Land sehr, weil die Natur schön ist, das ist ein bisschen poetisch, es gibt
gute, kreative Leute mit interessanten Ideen, die sogar unter den heutigen Bedingungen sehr viel
machen. Die Leute sitzen mit einem Lächeln im Restaurant, ich würde sagen, wir sind nicht von
der Mentalität, dass wir mit Schwierigkeiten traurig leben, sondern wir lachen!
Wie schätzen Sie den Widerstand in Belarus ein?
Es kann sein, dass es einen Zufall gibt, dass plötzlich Zehntausend auf die Straße gehen würden.
Und diese Zehntausend würden dann immer wieder kommen. Aber die Umstände sind nicht so
wie in der Stalinzeit, dass man Angst haben muss, dass ein Auto in der Nacht kommt und dich
mitnimmt. Man hat eine Arbeit, man hat ein Existenzminimum, die Menschen sind dadurch
weniger revolutionär. Und über normale Wege wie die Wahlen ist man gewohnt, dass sich nichts
mehr verändert. Lukaschenko arbeitet nach dem Prinzip von Stalin: „Die Wahlen gewinnt nicht
der, der wählt, sondern der, der zählt!” In Belarus haben nur 20 Prozent der Leute Zugang zu alternativen Informationsquellen, die auch wissen, dass es Deklarationen gibt gegen das Regime. Die
unabhängige Tageszeitung „Narodna Volja“ können Sie zum Beispiel nicht am Kiosk kaufen.
Projekte für und mit Belarus durchzuführen, wird immer schwerer.
Was kann man Ihrer Meinung nach überhaupt noch tun?
INFOTEXT:
Während des Festivals in
Breslau organisierte die
Deutsche Gesellschaft
für Auswärtige Politik
eine Podiumsdiskussion.
Unter dem Thema
„Neue Grenzen in
Europa – oder neue
Chancen einer
Wie
Europäischen Nachbarschaftspolitik?!“
debattierten mehrere
Politiker und Politikwissenschaftler über
das künftige Verhältnis
zwischen Europäischer
Union und Belarus.
Wenn es die Möglichkeit gibt, dann soll man private, kleine Projekte machen, keine großen
Projekte, weil, die kann man sehr gut bremsen. Durch viele kleine könnte ein großer Fluss entstehen. Aber momentan wird die Situation allgemein immer schlimmer. Deswegen sollte man
mit den Leuten, die zu den Demonstrationen kommen, Solidarität zeigen. Nicht nur alle paar
Monate, sondern immer wieder.
könnte Belarus in zwanzig Jahren aussehen?
Ich bin optimistischer Pessimist, hier eher Optimist. Gerade das, was ich heute mache, mit all
den Schwierigkeiten, muss ich machen, auch wenn es gefährlich ist. Belarus wird vielleicht kein
Mitglied der Europäischen Union werden. Aber ich bin auch gegen eine Union mit Russland,
denn das bedeutet, wir würden einfach gefressen werden. Die EU würde ich als sehr, sehr guten
Nachbar sehen. Ich glaube, Belarus könnte einmal so ein unabhängiger Staat wie die Schweiz
werden.
¬ Das Gespräch führte MitOst-Mitglied Andrea Nehr. Nach einem Gesetz, das die belarussische Regierung Ende
2005 verabschiedet hat, können Personen, die sich im Ausland kritisch über Weißrussland äußern, mit Haftstrafen
belangt werden. Deshalb wird der Name des Interviewten nicht genannt.
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MitOstmagazin extra
¬ Sanna Schondelmayer, MitOst-Vorstandsmitglied 2004/2005, Berlin
Hurra, die Projekte sind im Haus! Endlich! Und dann auch noch in einem
so schönen Haus. Durch die großen Flügeltüren des Puppentheaters,
dass majestätisch über der Festivalzentrale thront, kommt man über eine
marmorne (oder zumindest an Marmor erinnernde Treppe) in den großen
Saal des Hauses, dessen hohe Decken durch 6 stolze Säulen getragen werden.
An den Säulen, mit feinen Bändern befestigt, hängen Fotos, Plakate und
Beschreibungen, rechts schmücken drei gelbe Tuchbahnen, die von
unten rot beleuchtet werden, den Raum. Entlang der mintgrünen
Wände stehen mit Stoffen geschmückte Tische, darauf Kartonbögen
ebenfalls mit Fotos und Beschreibungen und auf den Tischen findet der
Besucher weiteres Anschauungsmaterial. In den vier Ecken des Raumes
je zwei Aufstellfahnen, die dem Gast den Weg zu den Programmen weisen, die sich am Fuße ihrer Fahnen mit schwer beladenen Tischen voll
Informationsmaterial, Fotos und Hörbars positioniert haben.
Der Säulengang führt zu einer weiteren Tür, die sich als Eingang in ein
Zugabteil entpuppt. Quer durch Osteuropa kann man hier fahren, wenn
man eine Idee für ein spannendes Projekt hat, in dem es um Völkerverständigung, um Sprach- und Kulturaustausch, um das praktische
Erleben interkultureller Kommunikation geht. Öffnet man die Hintertür
des Europazuges, umgibt einen Dunkelheit – Stille – zunächst. Hat sich das
Auge nach dem Sprung aus dem Zug an die Umgebung gewöhnt, sieht
der Ankömmling eine große Filmleinwand, hört leises Gewisper in den
Reihen der Zuschauer und wird von den Filmemachern mitgenommen
auf die nächste Reise, als retrospektiver Zuschauer eines Projektes nach
Litauen, nach Galizien oder in die transzendenten Welten der Frage: was
sehe ich?
Gerade mal zwei Stunden haben die Zuschauer Zeit, sich alles anzusehen, mit den Projektleitern, die neben ihren Exponaten stehen, zu
reden, Fragen zu stellen, gemeinsam Ideen für neue Projekte zu spinnen. Zwei Stunden sind die Räume voll von Stimmengewirr. Hier wird
gelacht und dort ernsthaft diskutiert, da vorne bemüht sich jemand,
jedes Projekt ganz genau anzusehen und hier mittendrin lässt man sich
mit einem Glas Wein in der Hand eher durch die Menge treiben, erhascht
hier und da einen Blick auf ein Exponat. Kaum einer ist an diesem
Abend zu Hause geblieben. Man hat den Eindruck eines gelungenen
Abends und keiner möchte um 22.00 Uhr gehen. Um 23.00 Uhr haben es
die Heinzelmännchen und der Hausmeister des Puppentheaters geschafft:
auch die letzte gutgelaunte Gruppe der Projekthausbesucher ist gegangen, die schweren Türen fallen ins Schloss. So märchenhaft erschien mir
alles am Abend der Eröffnung. Aber wagen wir mal einen Blick zurück.
Die Vorgeschichte zum Projektehaus:
Mitte Juli 2005. Monika Sus ist in Breslau bereits tief in die Vorbereitung
des Festivals eingestiegen. Langsam wird es auch für mich Zeit, die Präsentation der Projekte zu planen. Obwohl ich weiß, dass viele Projekte
noch im Laufen sind, manche gerade erst begonnen haben, denke ich,
es ist höchste Zeit, die Projektleiter wegen ihrer Präsentation anzufragen. Auf meine Rundmail bekomme ich von 13 Projektleitern zwei
schnelle und klare Antworten, von fünf weiteren sehr nette E-Mails mit
MitOstmagazin extra
guten Gründen, warum sie sich jetzt noch nicht mit dem Thema
Präsentation befassen können; von manchen höre ich gar nichts. Dann
plane ich eben zunächst den Raum, denke ich mir und rufe Moni in
Breslau an. Aber welche Angaben soll ich ihr mitteilen? Wie viele Leute
werden präsentieren? Wie viel Platz brauchen sie? Was muss sonst in
dem Raum sein? All das kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht beantworten. Gut, denke ich mir, fange ich eben mit den Programmleitern an. Die
Programme sollen ja auch im Projektehaus präsent sein, denn es geht
schließlich auch darum, zu zeigen, wie vielfältig und breit die
Projektarbeit bei MitOst gefächert ist, darum, Projektleiter und
Projektinteressierte zu vernetzen und den Mitgliedern zu zeigen, wo sie
sich überall engagieren können. Eine grobe Absprache mit den
Programmleitern ist schnell getroffen, aber auch die möchten gerne
Konkreteres wissen. Wie viel Platz können wir haben? Sollen wir auch
Projekte aus unseren Programmen präsentieren? In welcher Form präsentieren sich die anderen? Es hilft nichts. Ich muss mehr von den
Projektleitern wissen. Die nächste Rundmail geht raus. Auch hier bleibt
die Resonanz spärlich und häufig unkonkret: Ja, wir kommen zum
Festival! Ja wir möchten gerne was präsentieren. Vielleicht Fotos oder
einen Film. Unser Projekt hat gerade angefangen, wir können noch
nichts sagen! Verständlich! Ich merke, dass ich kurzfristiger planen muss
und widme mich anderen Dingen.
Ende August. Der Raum steht. Ein schöner Raum, groß, hell,
direkt über der Festivalzentrale. Perfekt! Nur darf man nichts an die
Wände hängen. Nicht kleben, nicht nageln. Nichts. Stellwände gibt es
drei. Und ich habe 13 Projekte und 4 Programme. Partner und Freunde
von MitOst haben inzwischen auch schon ihr Interesse angekündigt.
Eine Konstruktion zur Hängung muss her. Möglichst günstig und freistehend. In der Schillerstrasse werden Ideen und Stoffe und Seile gesammelt, in Breslau nach Kartonherstellern geforscht. Aber Moni kümmert
sich schon um alles andere, die Kartons muss ich also selbst besorgen.
Von den Projektleitern trudeln die ersten konkreten Angaben ein. Es
beginnt die Zeit der Nach- und Rückfragen. „Kann ich einen Beamer und
einen PC mit Wechsellaufwerk haben? Gibt es Internetzugang im
Projektehaus? Ich würde gerne 20 Fotos aufhängen!“ Die Spannung
steigt. Lässt sich alles, was ich mir am Schreibtisch ausgedacht habe, in
den Räumen umsetzen?
23. Oktober. Ich reise nach Breslau. Der Raum ist wunderbar.
Woher ich die Kartonplatten bekomme - noch unklar. Tische können wir
aus einer Schule am anderen Ende der Stadt ausleihen. Am folgenden
Tag kommt der Kleinbus aus der Schillerstrasse an mit den Stoffen, den
Aufstellern und mit Miriam, die in den folgenden Tagen erleben wird,
was ihre Tätigkeit als Büroleiterin so alles beinhaltet. Einen Kleinbus
durch eine fremde Stadt kutschieren, Tische und Stühle tragen sowie
den Bus so packen, dass alles zur richtigen Zeit am richtigen Ort ausgeladen werden kann. Seile spannen, Tische verschrauben, Ruhe bewahren und ein Lächeln. Sylwia erklärt uns die Fahrtstrecken und schickt
Helfer, Nadine Csonka kommt mit der Wahlurne und krempelt die Ärmel
hoch und jedem, der beim Aus- und Einladen vorbeikommt, wird
schnell ein Tisch unter den Arm gedrückt. Der Hausmeister – zunächst –
zurückhaltend, ist aufgetaut und hilft, so gut er kann. Überwacht aber
auch streng, dass wir die Wände nicht berühren. Am 25. Oktober kommen die ersten Projektleiter. Plätze, Kartonplatten, Klebstifte, Scheren
und Stoffe werden verteilt. Im angrenzen Theaterraum werden die Leinwand und der Beamer für Filme, Powerpoint und Diashows installiert.
26. Oktober. Nach der offiziellen Eröffnung am Morgen bleiben
am Nachmittag drei Stunden, um alles bis 20.00 Uhr aufzubauen. –
Vorher konnten wir den Raum nicht bekommen. Um 17.30 Uhr – die
Projektleiter warten drauf, dass sie ihre DVDS und CDs testen können,
teilt mir der Hausmeister mit, im kleinen Theater, wo unser Beamer
steht, finde jetzt eine Kinderveranstaltung statt, die verlegt werden musste. Ab 19.30 Uhr könnten wir den Raum aber haben. Ich nehme an, es
war die Panik, die sich in meinem Gesicht abgezeichnet haben muss,
die unseren Ansprechpartner dazu brachte, für die Kinder doch noch
einen anderen Raum zu finden. Und so hing, stand und funktionierte
um 19.30 Uhr alles so, als sei es schon immer da gewesen. Na ja fast.
Aber auf kleine Änderungen kam es an diesem Punkt nicht mehr an.
Jeder und jede der Aussteller und Helfer hatte in den letzten Stunden
dazu beigetragen, dass ein gelungener Abend und eine schöne
Präsentation zustande kamen.
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