Stille Tage in Paris

Transcription

Stille Tage in Paris
19. O KT O B E R 2 014
W E LT A M S O N N TAG
BAYERN 7
NR. 42
Stille Tage in Paris
Der Münchner
Fotograf Christopher
Thomas widmete
seinen neuesten
Zyklus der
französischen
Hauptstadt. Es
sind Bilder von
kontemplativer Ruhe
C
© CHRISTOPHER THOMAS / COURTESY
afés sind Orte der
Begegnung.
Menschen kommen und
gehen. Umso mehr
verstört das Bild des
legendären
Cafés
„Les Deux Magots“.
Der einstige Treffpunkt der Pariser Existenzialisten um Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir – menschenleer. Dabei scheinen die ordentlich arrangierten
Stühle nur auf Menschen zu warten.
Auch am Zeitungskiosk nebenan ist
nicht ein Passant zu sehen, der noch
schnell eine Tageszeitung ersteht, bevor
er abtaucht in die Métro.
VON BARBARA REITTER-WELTER
Die Menschenleere ist es, gepaart mit
einer antiquiert wirkenden SchwarzWeiß-Farbgebung, die die großformatigen Aufnahme von Christopher Thomas
auszeichnen. Wie aus der Zeit gefallen
wirkt seine neue Serie „Paris im Licht“,
die derzeit in Blanca Bernheimers Galerie „Fine Art Photography“ gezeigt werden. Thomas nimmt den Betrachter mit
auf einen Spaziergang durch die Stadt,
auf dem man sich den pittoresken Plätzen, den berühmten Sehenswürdigkeiten
so gemächlich nähert, als befinde man
sich im letzten Jahrhundert.
Christopher Thomas’ Arbeitsprozess
ist ungewöhnlich. Und das in mehrfacher Hinsicht. Nähert er sich seinen Motiven doch mit der Langsamkeit eines
Flaneurs, der immer wieder lange stehen
bleibt und genau auf jedes Detail achtet.
Umso erstaunlicher angesichts Thomas’
zweitem beruflichem Standbein, der
Werbefotografie, mit der er seine Karriere begann. Hier muss es schnell gehen,
denn Zeit ist Geld.
Mit großen Kampagnen für bekannte
Autohersteller machte er sich in
Deutschland einen Namen, schon bald
nachdem er in München das Handwerk
an der Bayerischen Staatslehranstalt für
Fotografie erlernt hatte. Es folgten FotoReportagen für Zeitschriften wie „Geo“,
den „Stern“, „Merian“ und andere. Viele
Fotostrecken von Christopher Thomas
wurden international ausgezeichnet.
In den letzten Jahren beschäftigte sich
der 1961 in München geborene Künstler
aber verstärkt mit eigenen Projekten, besonders drei Bilderserien mit Städteporträts. Den melancholisch umflorten Zyklus „Münchner Elegien“ widmete er
seiner Heimatstadt; es folgte die Serie
„New York Sleeps“ und die in zahlreichen Museen gezeigten Impressionen
von „Venedig. Die Unsichtbare“.
Nach den Oberammergauer Passionsspielen 2010 publizierte Christopher
Thomas eine Reihe äußerst eindrucksvolle Porträts der Laiendarsteller, in ih-
KULTUR
SPITZEN
HERMANN WEISS
Die Guten
und die
Bösen
F
ür Ehrungen wie diese hatte man
früher den Pfeil mit der Aufschrift „repressive Toleranz“ im
Köcher. Und natürlich ist die Auszeichnung der Münchner „Schickeria“,
jenen zwischen offener Gewaltbereitschaft und bemerkenswerter politischer
Sensibilität schwankenden Hardcorefans des FC Bayern München, mit dem
Julius-Hirsch-Preis auch ein Versuch.
Es geht darum, die Ultras auf die „richtige“ Seite zu ziehen.
Der Louvre mit seiner mittlerweile weltbekannten gläsernen Pyramide aus dem Jahr 2014. Die lange Belichtungszeit lässt Menschen verschwinden
rer matten Farbigkeit von altmeisterlicher Anmutung, die später im Bayerischen Nationalmuseum ausgestellt und,
wie auch viele Stadtserien, als Bildband
im Prestel-Verlag publiziert wurden.
Nun also Paris. Der überwältigende
ästhetische Effekt dieser Aufnahmen beruht auf mehreren Faktoren. So sucht
Christopher Thomas, wie er erzählt, erst
einmal in der Stadt wie ein LocationScout die schönsten Ecken. Übrigens auf
dem Motorrad; ausgestattet mit Block
und Smartphone als optischer Gedächtnisstütze erfährt sich Thomas die Objekte seiner Begierde.
Der eigentlich kreative Prozess jedoch
bedient sich der Kunst einer Langsamkeit, die in der Hektik der Großstadt
längst ausgestorben scheint. Arbeitet der
Werbemann Thomas bei seinen Aufträgen stets mit der fortschrittlichsten
Sonnenaufgang in Paris. Das Bild
des Palais de Chaillot entstand 2013
„Diese Schickeria kann nicht ernsthaft mit Gewalt liebäugeln“, umwarb
TV-Kommentator und Laudator Marcel
Reif beim Festakt die Fans. „Wir wollen
mit euch etwas voranbringen und verbessern“, beschwor sie DFB-Sprecher
Wolfgang Niersbach: „Aber dazu gehört von euch ein klares Bekenntnis
gegen jede Art von Gewalt.“
Dass ausgerechnet die Münchner
„Schickeria“ den vom Deutschen Fußball-Verband gestifteten Preis bekam,
ging spürbar nicht ohne Verrenkungen.
Denn: Man muss sich dafür um „Freiheit, Toleranz und Menschlichkeit“
verdient gemacht haben – etwas, was
man den Ultras nicht ohne Weiteres
bescheinigen kann.
Die „Schickeria“ hat bekanntlich eine
Vorliebe für Randale, wie (zum Beispiel) die routinemäßigen Ausschreitungen bei den Lokalderbys gegen den
TSV 1860 zeigen. Das ist die eine, hässliche Seite der Ultras. Aber da ist eben
auch ihr unmissverständliches Eintreten gegen Nazis, Faschismus und
Rassismus. Stadion-Choreografien wie
die vom 9. November 2013 („75 Jahre
Technik und benutzt die neuesten Digitalkameras, so schleppt er bei seinen
Stadt-Impressionen in altmodischer Manier schweres Equipment mit sich:
Großbildkameras mit Schwarz-Weiß-Filmen von Polaroid, die bereits vor Jahren
vom Markt verschwunden sind. Thomas
deckte sich rechtzeitig mit einem großen
Vorrat ein. Dass Filme im Lauf der Zeit
an Qualität verlieren und „Fehler“ produzieren, gehört zur Bildästhetik.
In den frühen Morgenstunden, an
Sonn- oder Feiertagen, wenn die Stadt
noch schläft, oder gegen Sonnenuntergang postiert sich Thomas mit seinem
Stativ am ausgewählten Ort. Oft wartet
er stundenlang auf den richtigen Moment. Die extrem lange Belichtungszeit
lässt Fußgänger oder Autos, die immer
wieder einmal durchs Bild huschen, wie
durch Zauberhand verschwinden.
Ein aufwendiges Prozedere, das viel
Geduld erfordert. Doch die Ergebnisse
sind grandios. Thomas’ Bilder sind keine
Momentaufnahmen, wie man sie von
vielen Chronisten der Stadt kennt. Thomas erzeugt magische Momente von extremer Ruhe und kontemplativer Intensität. Über allen Motiven liegt ein Schleier, der diesen Effekt noch verstärkt. Touristen, Verkehrschaos, Bausünden, FastFood-Ketten sucht man vergeblich.
Geduld braucht es auch, um die handwerkliche Perfektion der Aufnahmen wie
gewünscht zu erreichen. Denn nach der
Entwicklung des empfindlichen Materials müssen die Negative zur Fixierung
stundenlang in ein Natriumsulfitbad gelegt werden. Letztlich ein Verfahren aus
den Anfängen der Fotografie, doch es
führt nicht nur zur differenzierten Wie-
nach den Novemberpogromen – nichts
und niemand ist vergessen“) gibt es nur
in München. Und auch ein Biopic wie
das über den Bayern-Präsidenen Kurt
Landauer (1884–1961), das letzte Woche
im Fernsehen erstausgestrahlt wurde,
hätte es ohne die „Schickeria“ und ihre
Freunde vom „Club Nr. 12“ nie gegeben,
wie es im Abspann des Filmes heißt.
Landauer gilt als Erfinder des FC
Bayern. Er führte den Verein 1932 zur
ersten Deutschen Meisterschaft, dann
kamen die Nazis, dann der Holocaust:
„Ein bayerischer Jude, der seine ganze
Familie verliert, nach München zurückkehrt und den Verein wieder aufbaut –
das ist ,Schindlers Liste‘ in Bayerisch“,
sagt Regisseur Hans Steinbichler.
Trotzdem geriet Landauer in Vergessenheit. Bis die Bayern-Ultras damit
anfingen, T-Shirts mit seinem Konterfei
zu tragen und die jüdischen Wurzeln
ihres Vereins voller Stolz nach außen zu
tragen. Das ist toll. Und es ist (auch)
einen Julius-Hirsch-Preis wert.
Der Autor ist Kulturredakteur
der „Welt“-Gruppe Bayern
dergabe der Strukturen, sondern auch zu
einer ganzen Skala tonaler Nuancen zwischen Schwarz und Grau. Durch die Abzüge, Pigmentdrucke auf handgeschöpftem Büttenpapier, verstärkt sich der Ein-
druck, es handele sich um alte Aufnahmen aus einer Dunkelkammer des vorletzten Jahrhunderts.
Christopher Thomas hat mit seinen
Arbeiten eine Schule des Sehens ge-
schaffen, denn er führt einen durch alle
historische Epochen. Immer wieder hat
man das Gefühl, Neues zu entdecken.
Nichts lenkt den Betrachter ab, Hektik
und Lärm, die die jährlich 27 Millionen
Paris-Besucher produzieren, sind eliminiert. Das schafft eindrucksvolle Erlebnisse. Selbst tausendmal gesehene Monumente überraschen mit ungewöhnlichen Perspektiven: der Eiffelturm vor regennassem Plattenmuster, der halb verschattete Pont-Neuf, die technische Eleganz des Gare du Nord, der Arc de
Triomphe, der wie ein Solitär im Halbdunkel steht, der Louvre mit seiner
transparenten Pyramide im Innenhof.
Durch die Beleuchtung entfalten die
Bauwerke ihre architektonischen Strukturen, lassen aber auch Details klar hervortreten. Christopher Thomas lenkt
den Blick aber auch auf leere Stühle in
den Parks mit ihren akkurat beschnittenen Bäumen, auf Skulpturen im Tuileriengarten, das alte Karussell im Jardin
du Luxembourg, das durch Rilkes Gedichtzeile „Und dann und wann ein weißer Elefant“ berühmt wurde. Er verwandelt sogar den Zuckerbäckerbau von
Sacré-Coeur in ein Kunstgebilde, hält geschlossene Boulangerien und die geschlossenen Kästen der Bouquinisten am
Seine-Kai fest.
Die wenigen mittelalterlich verschlungenen Gässchen werden ebenso lebendig
wie die großen Boulevards, die der Stadtplaner und Baumeister Baron Haussmann Mitte des 19. Jahrhunderts anlegen
ließ. Thomas führt uns zurück in die Zeit
Daguerres, des Erfinders des neuen Mediums. Er war der erste in einer langen
Reihe von Lichtbildnern, die fasziniert
von der Bausubstanz, aber auch dem betörenden Licht und dem Leben der Stadt
zu fotografischen Zeitzeugen wurden.
Wie heute Christopher Thomas mit seinen Sehnsuchtsbildern.
„Christopher Thomas, Paris im Licht“,
Galerie Bernheimer Fine Art Photography,
bis 15.November, Katalog Prestel Verlag
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20 KULTUR
ABENDZEITUNG
SAMSTAG, 4. 10. 2014
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Die Magie der Vergangenheit
Der Münchner Fotograf
Christopher Thomas
zeigt bei Bernheimer
seine nostalgisch,
melancholischen
Aufnahmen von Paris
S
eine Aufnahmen wirken
aus der Zeit gefallen und
treffen genau deshalb den
Zeitgeist. Christopher Thomas
hat seine bekannte Reihe von
Städteporträts nun um Paris
erweitert.
AZ: Herr Thomas, Ihre Kunstbilder sind technisch und ästhetisch der größtmögliche
Kontrast zu Ihrer Arbeit als
Werbefotograf?
CHRISTOPHER THOMAS: Richtig. Das ist für mich ein Ausgleich und auch ein Schritt zurück zum Ursprung der Fotografie. Das war der persönliche
Hintergrund. Ich habe mit dieser Art der Fotografie vor 15
Jahren in München und in New
York begonnen, als ich beruflich eine Autokampagne nach
der anderen fotografiert habe.
Die Werbefotografie hat sich in
eine Richtung entwickelt, die
sehr wenig damit zu tun hat,
wie Fotografie ursprünglich
war.
Weil Sie nicht der Herr über
das Motiv sind?
Ich beschwere mich nicht, wir
werden ja gut bezahlt. Aber auf
dem Set haben wir ein Wohn-
Ausstellung im Stadtmuseum
und plötzlich interessierten
sich auch Galeristen für diese
Bilder. Meine Agentin hat die
New York Bilder mit auf die Art
Basel Miami genommen und
meinem jetzigen New Yorker
Galeristen gezeigt. Und der hat
gesagt: „Das ist der romantischste Blick auf die Stadt seit
Edward Steichen und Alfred
Stieglitz.“
Ihre Bilder werden seit ein
paar Jahren international gesammelt.
Ja, das Interesse ist sehr groß.
Mittlerweile hat sich bei mir
deswegen die Gewichtung in
der Arbeit verschoben. Ich habe
zwei Studios in München und
ein Team, das die Werbeaufträge fortführt. Und ich konzentriere mich immer mehr auf die
Kunst.
Wie erzeugen Sie denn diese
Magie der Vergangenheit?
Es gab bei Polaroid zwei
Schwarz-Weiß-Filme für Großbild und Mittelformat, die ein
Entwicklerpack mit Positiv und
Negativ haben. Wir haben den
Film in der Werbung genutzt,
damit man sich besser abstimmen kann mit dem Kunden
und dem Artdirector. Ich fand
es aber schade, dass man nur
das Positiv angeschaut hat und
das Negativ weggeschmissen
wurde. Und dann habe ich diesen Film getestet, so begann
das Projekt.
INTERVIEW
mit
Christopher Thomas
Der 53-Jährige Fotojournalist und Werbefotograf erhielt für sein Buch über die
Passionsspiele Oberammergau den Deutschen Design
Award
mobil stehen, in dem ein oder
zwei Operatoren am Computer
sitzen. Ich fotografiere das
Auto in lauter Einzelteilen,
Grill, Scheinwerfer, Felgen.
Manchmal bestehen die späteren Fotos aus 50 Teilen. Einen
Oneshot gibt es überhaupt
nicht mehr in der Autowerbung, aber auch nicht mehr in
der Kosmetik oder Mode. Dagegen ist ja eigentlich nichts zu
sagen, aber mir fehlt halt das
Haptische, das Negativ. Ich
habe die Fotografie ja nicht digital erlernt, sondern noch mit
Film und Dunkelkammer.
Und so wurden Sie Künstler
im Nebenberuf.
Klar, die Schwarz-Weiß-Aufnahmen waren nur mein Hobby. Eine Motivation für mich
waren auch meine Hamburger
Kollegen aus der Werbung, die
immer Scherze über die „Bussistadt“ München machten. Ich
wollte ihnen ein anderes Bild
der Stadt zeigen. Dann hat das
„SZ“-Magazin einige Fotos abgedruckt, Lothar Schirmer hat
ein Buch aus dem MünchenProjekt gemacht, es gab die
Und dann heißt es warten: Christopher Thomas belichtet seine Motive bis zu 20 Minuten lang.
Foto: Christoph Adler
Mittlerweile gibt es Ihre Aufnahmen von Venedig und nun
auch von Paris. Mit welcher
Kamera fotografieren Sie?
Ich habe ganz früher mit einer
Sinar gearbeitet dann bin ich
auf eine Linhof Laufbodenkamera umgestiegen, und die
wurden mir alle beide während der Aufnahmen in Paris
gestohlen.
Wie das?
Ich war in Paris mit dem Roller
unterwegs und ich habe die Kameras hinten im Kasten gehabt. Dann bin ich kurz zur Seine herunter, um mir einen bestimmten Blickwinkel anzuschauen und als ich nach wenigen Minuten zurückkam, waren die Kameras schon weg. Ich
habe mir dann schnell neue besorgen müssen und das Projekt
noch fertiggestellt.
Wie schafft man es, diese eigentlich überlaufenen Plätze
Ein Karussell vor der Kirche Sacre Coeur.
So kennt kein Tourist den Arc de Triomphe: Doch wenn Autos kamen, unterbrach Christopher Thomas die Langzeitbelichtung.
so menschenleer zu fotografieren?
Erstens bin ich ja schon sehr
früh morgens unterwegs und
zweitens sind die Belichtungszeiten extrem lang – bis zu 20
Minuten. Wenn dann also einer
durch das Bild läuft, ist er ohnehin nicht zu sehen.
Ein Belichtungsmesser hilft
Ihnen bei diesen Extremen
aber nicht.
Nein, das ist alles Intuition. Ich
habe bei jedem Motiv im Dunkeln angefangen und mich in
die Helligkeit hinein gearbeitet. Manchmal musste ich auch
mehrere Male an einen Ort,
weil die ersten Versuche nicht
gut genug waren. Ich denke, ich
habe so rund 20 Negative pro
Motiv verbraucht. Und wenn
man bedenkt, dass die schon
lange nicht mehr produziert
werden und eine Schachtel mit
20 Stück für rund 200 Dollar
gehandelt wird, dann bin ich
schnell bei 20 000 Euro Kosten
für die Parisaufnahmen - nur
für die Negative...
Kann man beim heutigen
Stand der Digitalfotografie
diese Bilder nicht auch hinbekommen, wenn man sie auf
altmodisch trimmt?
Man bekommt das vielleicht
sogar besser hin, aber darum
geht es mir ja nicht. Ich habe
manchmal in Gästebüchern
meiner Ausstellungen gelesen,
dass Menschen die Bilder
schön fanden, aber mit vorwarfen, sie mit Fotoshop optimiert
zu haben. Blödsinn. Das wäre
wesentlich einfacher! Mir geht
es darum, diesen langsamen,
mühseligen Prozess darzustellen, die handwerklich klassi-
Die Eingangspyramide im Vorhof des Louvre.
sche Technik. Das passt ja auch
zum Motiv.
Aber auch Sie kommen nicht
ganz ohne die Digitaltechnik
aus.
Das stimmt. Ursprünglich habe
ich klassische SilbergelatineAbzüge gemacht, die haben leider nicht den Detailreichtum,
als wenn man das Negativ
scannt. Ich wollte aber größere
Prints machen, damit man die
Details alle sieht. Nun printen
wir die Abzüge auf Aquarellpapier, auf dem man eigentlich
nicht drucken kann. Aber wir
haben eine Beschichtung entwickelt, so dass die Farbe darauf stehen bleibt. Für mich ist
wichtig, dass ich das Material
auch sehe, der Rand zeigt die
unterschiedliche Größe von
Positiv und Negativ und die
Spuren der Chemie.
Fotos: Thomas/ Prestel
Diese Art zu fotografieren hat
wahrscheinlich einen stark
meditativen Charakter?
Unbedingt, das ist wie Angeln
oder Pilzesuchen. Ich habe an
diesen touristischen Plätzen
sehr lange gestanden und die
Menschen beobachtet, wie sie
ihre Selfies machen. Sie springen raus aus dem Bus, machen
ein Selfie und weg sind sie. Die
haben eigentlich gar nicht gesehen, was da hinter ihnen ist.
Es wird heute einfach wahnsinnig viel fotografiert und sehr
wenig gesehen. Volker Isfort
Die Ausstellung „Paris im Licht“
läuft noch bis zum 15. November
in der Galerie Bernheimer, Brienner Straße 7, das Buch ist im
Prestel Verlag erschienen (160
Seiten, 80 s/w Abbildungen,
39,95)
Christopher Thomas überprüft die Polaroids.
d
kunst
1
2
Der Fotograf CHRISTOPHER THOMAS ist ein Meister der
Polaroid-Kunst. Blanca Bernheimer zeigt in ihrer
Münchner Galerie seine großartigen Paris-Aufnahmen
3
STADTANSICHTEN
1 „Impression“
2 „Palais
de Chaillot“
Saint-Jacques
II“ 4 „Rue des Rosiers“
5 Positiv und Negativ
des Polaroid-Films 55
sind so groß, dass man
keine Lupe braucht,
um zu sehen, ob das
gewünschte Ergebnis
erzielt wurde
3 „Tour
5
92 ∙ MADAME ∙ Oktober 2014
4
FOTOS: Christopher Thomas/Courtesy of Bernheimer Fine Art Photography; Christoph Adler (I)
Ruhestädte
durchs Bild läuft, dann sieht man ihn nicht wegen der ungeas Pariser Licht ist legendär.
wöhnlich langen Belichtungszeiten. Christopher Thomas zeigt
Man muss kein Fotograf
das Paris, das jeder Besucher auch gerne erleben würde, aber
sein, um jene Momente zu
kaum einer sieht: ein Paris ohne Touristen. „Ich stehe für meine
lieben, in denen die Seine,
Aufnahmen ein bis sechs Stunden an einer Stelle, etwa auf der
der Himmel und die ArchiPlace de la Concorde. Da war es besonders schwierig, die richtektur des Stadtplaners Batige Perspektive zu finden, weil sie sehr groß und leer ist, von
ron Haussmann in einem
dem extremen Verkehr einmal abgesehen.“ Über „Selfie“-Knipflirrenden Grau verschwimser, die sich ziellos um ihre eigene Achse drehen und ihm wohl
men. Aber natürlich ist diese
nicht nur hier begegnet sind, lächelt er: „Ich denke, die sehen
Faszination auch den Fotoüberhaupt nichts.“ Bevor Christopher Thomas sich mit seinem
grafen nicht entgangen, wohl keine Stadt der Welt haben sie so
schweren Kamera-Equipment vor Ort platziert, hat er die Stadt
intensiv in den Fokus genommen wie Paris. Nun hat auch der
zigmal auf dem Motorrad durchquert – ohne Ausrüstung.
53-jährige Münchner Christopher Thomas, der sich zunächst als
iPhone und Notizbücher dienen als Erinnerungshilfe. Auf dem
Werbefotograf für Auto-Kampagnen einen Namen gemacht hat,
Rücksitz in Paris meist dabei Paris-Kennerin, Kuratorin und
in der Nachfolge von Charles Marville und Eugène Atget seine
Muse Ira Stehmann. Im Katalog („Paris im Licht“, Prestel Verungewöhnliche und höchst persönliche Vision der französischen
lag, 39,95 Euro) beschreibt sie das gemeinsame Projekt so: „Sein
Metropole in eindrucksvolle Schwarz-Weiß-Aufnahmen überfotografisches Liebesgedicht ist ein ‚visuelles
setzt. Zuvor hatte er schon seine Heimatstadt
Gegengift zum Rummel‘ der Metropole und
(„Münchner Elegien“), New York („New York
zugleich ein Schleier, der sich vor die nüchSleeps“) und Venedig („Venedig. Die Unsichtterne Realität von Fast-Food-Restaurants, Verbare“) in großformatigen Polaroid-Serien –
kehrschaos und architektonischen Bausünden
die später zu teils preisgekrönten Büchern
der Moderne schiebt.“
wurden – abgelichtet.
Die Frage nach dem ersten Fotoapparat, wie
„Paris“, erzählt Christopher Thomas in seialso alles anfing, bringt eine eher nicht erwarnem Münchner Atelier, „war keine Liebe auf
tete Antwort von Christopher Thomas: „Den
den ersten Blick.“ Er fand die Stadt immer zu
habe ich als Sechsjähriger zusammen mit
eng, zu voll, zu anstrengend. Sein Projekt war
einem Freund auf einem Jahrmarkt aus einer
so etwas wie der Versuch einer Annäherung
Losbude geklaut.“ Eine Plastiklinse hatte der
aller anfänglichen Skepsis zum Trotz. Er wollte
Apparat, erinnert er sich noch genau, man
die „Struktur hinter dem Pariser Chaos“ entkonnte je nach Licht Sonne oder Wolken eindecken, man könnte wohl auch sagen, für sich
stellen und für die Entfernung zwischen Berselbst Klarheit gewinnen. Und jene Essenz der
gen, Baum oder Person wählen. Das war die
Stadt finden, die man – nicht nur, aber auch –
wie Früher Der Fotograf
Initialzündung, später schenkte ihm die Pawegen der 87 Millionen Touristen pro Jahr
Christopher Thomas nimmt sich
Zeit mit seiner Großbildkamera
tentante einen besseren Apparat, und mit 16,
leicht aus dem Auge verliert. Christopher
als Austauschschüler in den USA, gewann er
Thomas’ schon bei den anderen Städteporträts
auch der Dunkelkammer Spaß ab. Später lernte er das Fotograerprobte Methode ist einfach und kompliziert zugleich und hat
fie-Handwerk an der Bayerischen Staatslehranstalt für Fotogranichts mit dem raschen Einfangen des „Moment décisif“ – des
fie. Neben der Werbung fotografierte er, bevor er sich vermehrt
„entscheidenden Moments“ – eines Fotoreporters wie Henri
seinen eigenen Projekten widmete, Reportagen und anderes für
Cartier-Bresson gemeinsam. Christopher Thomas arbeitet mit
„Geo“, „Stern“, das „SZ-Magazin“ und MADAME. Pläne für
einer Großbildkamera und einem Schwarz-Weiß-Film vom Typ
die Zukunft hat er auch schon: Mit dem letzten übrig gebliebe55 von Polaroid, den es heute nicht mehr gibt. Das Filmmaterinen Polaroid-Material möchte der Reduktionskünstler bald ein
al, von dem er sich noch einen großen Vorrat gesichert hatte,
menschenleeres Deutschland zeigen, wie es noch keiner gesehen
der nun allerdings bald aufgebraucht sein wird, löst sich langhat. Man darf gespannt sein.
rüdger von Naso
sam auf, solarisiert – und gibt den Abzügen eine ganz eigene,
vom Zufall diktierte Note. Christopher Thomas will eine Form
von Zeitlosigkeit, menschenleere Abstraktion. Deshalb fotogranäher dran Die Galerie Bernheimer Fine Art Photography (bernhei
fiert er vorwiegend in den frühen Morgenstunden, wenn noch
mer.com) zeigt unter dem Titel „Paris im Licht“ Christopher Thomas’
niemand auf den Straßen oder in den Parks unterwegs ist, oder
Paris-Fotos (2.10.–15.11.) und in Luzern Arbeiten aus allen vier Städteporträts des Kamerakünstlers: „City Portraits“ (28.9.–8.11.).
kurz vor Sonnenuntergang. Und wenn doch einmal ein Passant
Oktober 2014 ∙ MADAME ∙ 93
ISSN 1868-6508 ZKZ 67820 September/Oktober/November
Quartal IV / 2014 D: 9,50 EUR A: 9,50 EUR CH: 16 CHF
Foto: Christopher Thomas
www.fineartprinter.de
fotografieren . drucken. publizieren
04/2014
PORTFOLIO:
Das stille Paris von
Christopher Thomas
PHOTOKINA-AKTION:
Activate your
Megapixels. Print!
PENTAX 645Z:
Einstieg in die
Qualitätsklasse
Portfolio Christopher Thomas
»Louvre I«
MÜNCHEN,
NEW YORK, VENEDIG
UND NUN PARIS
Die Orte der Sehnsucht in pulsierenden Städten sind in
unserem Unterbewusstsein verankert. Ein Blick genügt, und
wir fühlen uns wie bei einem Städteurlaub. N'est-ce pas?
56
fine art printer
»Pont des Arts II«
fine art printer
57
Portfolio Christopher Thomas
»DIE MÜNCHNER ELEGIEN 2005
WAREN DER ERFOLGREICHE AUFTAKT
FÜR DAS KÜNSTLERISCHE KONZEPT.«
S
ind Sie Frühaufsteher und in Venedig, München, New
York oder Paris zu Hause? Sollten Sie zwischen Morgengrauen und einsetzendem Berufsverkehr einen
Fotografen mit Stativ und Großformat-Kamera samt
Polaroid-Rückteil beobachtet haben, könnte es Christopher Thomas gewesen sein. Der 53-jährige Künstler aus München arbeitete bis um die Jahrtausendwende vorwiegend als Werbefotograf.
Doch die ausschließliche Abarbeitung der Vorgaben durch die
Auftraggeber in Industrie und Agentur genügten Thomas irgendwann nicht mehr. Thomas: »Ich hatte mir nach meiner Ausbildung
in der Bayerischen Staatslehranstalt in München geschworen,
dass ich mir einen Ausgleich zur Werbefotografie suche, wenn
es sinnvoll sein sollte. Und nach einem anstrengenden Shooting
für einen Autohersteller wachte ich in einem chinesischen Hotel
auf und wusste – Christopher, Du musst zusätzlich etwas anderes
tun, wenn Du weiter Freude an der Fotografie haben willst.«
Die Sinnkrise um die 40 hatte jedoch etwas Gutes: Freude suchend schlich sich Thomas frühmorgens um vier Uhr durch
seine Münchner Heimatstadt und brachte Fotos mit nach Hau-
58
se, die immer mehr Freunden gefielen. Bekannte vom Magazin
der Süddeutschen Zeitung publizierten erste Aufnahmen von
der menschenleeren und deshalb perfekt aufgeräumt wirkenden bayerischen Landeshauptstadt. Christopher Thomas fand
Gefallen daran, das noch schlafende München mit der Kamera
zu entdecken. Die erste Ausstellung unter dem Titel »Münchner Elegien« 2005 im Münchner Fotomuseum ließ erkennen,
dass Thomas ein erfolgreiches Konzept umsetzt. Auf der Aufnahmeseite der Polaroid-Film vom Typ 55 und das Auge eines
Profis, der sich der Qualität der 4x5-Zoll-Großformat-Kamera bedient. Auf der anderen Seite überzeugte die hochwertige
Präsentation der großformatigen Pigmentdrucke in gewaltigen
Rahmen von 100 mal 135 cm auf Canson-Arches mit Büttenrand, die der Münchner Druckspezialist Tilman von Mengershausen zu Papier brachte. Spätestens nach den »Münchner
Elegien« zeichnete es sich ab, dass zu Christopher Thomas’
künftigen fotografischen Arbeiten insbesondere diese betörend schönen Stadtansichten gehören werden.
Plötzlich war alles ganz logisch, ein Konzept war entstan-
fine art printer
»Arc de Triomphe«
fine art printer
59
Portfolio Christopher Thomas
»Place de la
Bastille«
60
fine art printer
Paris auf
sterbendem
Polaroid-Film.
Die auffälligen
Blasen sind
Zeichen der
Selbstzersetzung
der inzwischen
weit überlagerten
Polaroid-Filme
den, ohne dass danach gesucht worden wäre: Morgendliche
Stadtansichten, menschenleer und reduziert auf die von den
Menschen geschaffenen Strukturen, formalverstärkt durch die
Klarheit von Schwarzweiß und überstrahlt von der besonderen Aura des Polaroid-Sofortbildes. Venedig, die Heimatstadt
München, die pulsierende Metropole New York und Europas
Kulturmetropole Paris wurden regelmäßig in den Morgenstunden fotografiert und als Ausstellung präsentiert. Zur Realisierung wohnte Christopher Thomas einige Monate lang in
Venedig, dann in New York und anschließend zog es ihn nach
Paris. Die dabei entstandenen Bilder sind immer in Schwarzweiß und immer auf Polaroid.
Überhaupt diese Liebe zum monochromen Polaroid-Material.
Sie ging so weit, dass auch die aktuellen Paris-Aufnahmen im
Jahr 2013/14 noch auf Polaroid-Filmen entstanden, obwohl dieses seit nunmehr sechs Jahren nicht mehr gefertigt wird. Thomas: »Klar hatte ich mir einen beachtlichen Vorrat an Filmen
angelegt, doch nun zersetzt sich das Polaroid-Material schon in
der Verpackung, trotz Kühlschranklagerung. Ich fotografiere
auf sterbendem Material, auch das wurde Teil des Konzeptes.
fine art printer
Da funktioniert die Filmchemie teils nicht mehr perfekt, da gibt
es Blasen in der Schicht – die Filme sind definitiv am Ende, doch
für die geradezu zeitlosen Aufnahmen ist dies kein Hindernis.«
Die aktuelle Paris-Produktion von Christopher Thomas erscheint als Buch beim Münchner Prestel Verlag. In der Münchener Galerie Bernheimer sind die Bilder vom 2. Oktober bis zum
15. November zu sehen.
Paris im Licht. Photographien von Christopher
Thomas. Herausgegeben von Ira Stehmann mit einem
Vorwort von Valerie Giscard d’Estaing. 160 Seiten,
84 Abbildungen, Hardcover, Leinen, Format 30 x 28 cm
ISBN: 978-3-79-13-4679-3
Galerie Bernheimer, 2.10. bis 15.11. 2014
Brienner Str. 7
D-80333 München
www.bernheimer.com
61
Portfolio Christopher Thomas
»Place Dauphine«
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»Moulin Rouge«
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