Link - DGLR: Deutsche Gesellschaft für Luft

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Link - DGLR: Deutsche Gesellschaft für Luft
E-RC46-6.3.
06.03.2007
11:38 Uhr
Seite 3
Euro 4,50
US$ 5,50
AUSGABE 1/ 2007
W E L T A L L
+
E R D E
+
M E N S C H
Amerikanische
Visionen
Heft 46
EXKLUSIV:
Thomas Reiter im
Gespräch mit RC
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Gestatten: SAR-Lupe.
Deutschlands erstes satellitengestütztes
Radar-Aufklärungssystem!
Hochleistungsfähige Kleinsatelliten tragen heute entscheidend dazu bei, die im Weltall gewonnene
Perspektive zu nutzen. Mit seinem erfolgreichen Start und hervorragenden Bildern setzt das
innovative SAR-Lupe-System einen neuen Meilenstein für die militärische und zivile Aufklärung.
Die fünf Satelliten mit hoch auflösendem Radar ermöglichen Tag und Nacht bei jeder Witterung
ein breites Spektrum von Erdbeobachtungsaufgaben – und damit mehr Sicherheit für Deutschland
und weltweit. OHB – Ihr Experte für Kleinsatellitenbau!
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Die OHB-System AG dankt ihrem Auftraggeber und den
Projektpartnern für die erfolgreiche Zusammenarbeit.
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23.02.2007 12:31:30 Uhr
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INHALT/CONTENTS
6-9
RC-Interview
Mit eigenen Füßen auf dem Mars zu stehendas wäre schon der absolute Traum!
Ein Gespräch mit dem deutschen ESA-Astronauten Thomas Reiter.
Hartmut E. Sänger und Horst Jelitte hatten für RC
exklusiv die Gelegenheit unseren ersten europäischen und
deutschen Langzeitastronauten auf der ISS am 8. Februar
im EAC zu interviewen. Dabei erläutert Thomas Reiter u.a.
auch seine eigene Sicht zur politischen Rolle der
Raumfahrt, dem Weltraumtourismus und der bemannten
Raumfahrt als Ganzes.
RC-interview
With my own feet on Mars this would be the ultimate dream!
Interview with German ESA astronaut Thomas Reiter.
Hartmut E. Sänger and Horst Jelitte had the exclusive opportunity
to interview the first European and German long-duration astronaut on the ISS. The talk took place 8 February at EAC Cologne.
Thomas Reiter explained his view on the political role of astronautics, on space tourism and on human space flight in general.
10-15
RC-Thema
Ist die 13 eine Glückszahl?
Von Dr. Dwayne A. Day
Der Autor unterzieht die US-amerikanische Vision for
Space Exploration einer kritischen Analyse. Er zweifelt
insbesondere an der Finanzierung und an dem politischen
Willen künftiger US-Präsidenten für das Programm.
Im 6. Teil unserer Rubrik Mondzeit beschreibt Dr. Day ausführlich den US-amerikanischen Plan, wieder zum Mond
und darüber hinaus zu gelangen.
RC-topic
Is 13 a lucky number?
By Dr. Dwayne A. Day
The author analyses critically the US-American vision for space
exploration. He has his doubts on the financial feasibility and the
political will of future US-presidents to go on with the programme.
In part 6 of our column moontime, Dr. Day describes in detail the
US-American plan for return to Moon and going beyond.
19-23
RC-Thema
VR China – die dritte Weltraummacht (Teil 7)
Von Chen Lan
In einer weiteren Folge beschreibt unser ChinaKorrespondent die Leistungsfähigkeit der chinesischen
Trägersysteme, die politischen Auseinandersetzungen mit
den USA sowie die Erfolge und Fehlschläge im
kommerziellen Satellitengeschäft.
RC-topic
PR China – the third space power (part 7)
By Chen Lan
In this part of our ongoing series Chen Lan, RC’s correspondent in
China, describes the performance of Chinese rocket carrier systems.
He also reflects on the political struggle with the USA as well as
success and failures of commercial satellite business.
25-27
RC-Thema
Marszeit (Teil 27, Folge 2)
Experimente für einen bemannten Marsflug
Von Jewgeni Demin
In unserer Fortsetzung aus dem letzten Heft umreißt der
Autor ein großangelegtes Experiment, das mit sechs freiwilligen Probanden im Herbst dieses Jahres in Moskau
beginnen soll. Es stellt die bisher umfangreichste
Simulation für einen bemannten Flug zum Mars dar.
RC-topic
Mars Time (part 27, second chapter)
Experiments for a human space flight to Mars
By Jevgeny Demin
In the continuation of our article, started in the last issue of RC,
the author outlines an experiment on a big scale. It is a simulation
of a manned mission to Mars, which is about to start in fall this
year in Moscow. The experiment conducted with 6 volunteers is the
most comprehensive simulation ever undergone.
28-30
RC-Interview
Mjachkaja Posadka – Weiche Landung!
Tasillo Römisch konnte mit dem legendären Bergungsleiter der Russischen Raumfahrt im Sternenstädtchen
sprechen. Josif V. Dawydow berichtet von dramatischen
und glücklichen Ereignissen, die mit noch
unveröffentlichten Bildern dokumentiert werden.
RC-interview
Myachkaya pozadca – Soft landing!
Tasillo Roemisch could talk to the legendary recovery officer of
Russian astronautics, Josiv V. Dawydov. Roemisch met Dawydov in
Star City near Moscow. The Russian tells about dramatic and lucky
events. The interview is illustrated by pictures never before
published.
34-36
RC-Private Raumfahrt
Die tollkühnen Männer in ihren rasselnden Raketen
(Folge 3)
Von Eugen Reichl
Diesmal untersucht unser Autor das Erfolgsrezept der
Privaten Raumfahrt. Dabei kritisiert er die Europäische
Bürokratie und Ignoranz. Er berichtet von den innovativen
Ideen in den USA und von den zurückhaltenden
Aktivitäten in Europa.
RC-private space flight
The daredevil men in their rattling rockets (part 3)
By Eugen Reichl
This time our author investigates the formula for success in private astronautics. He is heavily criticising European bureaucracy and
ignorance. Reichl talks about innovative ideas in the USA and the
more than reserved activities in Europe.
Weitere Beiträge und Rubriken
Kolumne (Seite 5), Rückblick: 1967-Katastrophenjahr der
bemannten Raumfahrt (16-18), Rezensionen (18),
Missionsreport Space Shuttle: STS-116 (31-32),
Raumfahrerporträt (33), Hobby: Weltraumphilatelie (37),
Raumflugkörper-Report Nr. 34/35/36 (38-41),
RFK-Spot (41), ISS-Sichtbarkeit in den Monaten April bis
Juni 2007 (42), Impressum (42).
Further articles and columns
Editorial (page 5), History: 1967-Desasters in space (16-18),
Book review (18), Mission report Space Shuttle: STS-116 (31-32),
Astronaut’s portrait (33), Hobby: Space philatelics (37), Satellite
digest # 34/35/36 (38-41), Satellite digest spot (41), Visibility of
the International Space Station in the months of April until June
2007 (42), Imprint (42).
. Typenblätter
Kosmos 110 (3KV), Pioneer 10 & 11
Beilagen
der ESA Human Exploration Promotion Division
und des ESA Technology Transfer Programmes:
Newsletter "Space for Business".
Meister Verlag GmbH:
Sammelkarte „Space – Entdecke den Weltraum“
Fact sheets
Cosmos 110 (3KV), Pioneer 10 & 11
Supplements
from ESA Human Exploration Promotion Division
and ESA Technology Transfer Programmes:
Newsletter "Space for Business".
Meister Publishing:
Collecting card „Space – Entdecke den Weltraum“.
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Raumfahrt Concret 1/2007
RC-Wissen
Space Master
gesucht !
3. Runde
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
nachdem unsere 2. Runde offenbar sehr
leicht zu bewältigen war, hat sich Space
Driver Cörling für die neue Runde ein paar
kniffligere Fragen, diesmal zum Thema
Mond und Mars ausgedacht (zutreffendes
bitte unterstreichen oder farbig markieren).
Senden Sie Ihre Antworten bitte bis 3 0 . 0 5 . 2 0 0 7
per Post, Fax oder Mail an unsere Redaktion:
Raumfahrt Concret, Fax: 0395/ 36 96 747,
Mail: [email protected]
Das Quiz finden Sie auch auf unserer
Homepage: www.raumfahrt-concret.de unter
„Gewinnspiel“.
Nach jeder Runde verlosen wir Geld- und
Sachpreise, sowie verschiedene Überraschungen. Nach fünf Runden erfolgt die erste
größere Zwischenauswertung mit Prämierung
des ersten Space Masters zu den 23. Tagen der
Raumfahrt, am 8./.9. September 2007 in
Neubrandenburg.
Hier die Auflösungen aus Runde 1:
1B; 2A; 3A; 4C; 5C; 6C; 7A; 8C; 9A; 10B.
Lösungen aus Runde 2:
1C; 2B; 3A; 4C; 5B; 6A und C; 7C; 8A; 9B; 10C.
Die Top Ten der zweiten Runde
1. Feil, Tobias
93183 Kallmünz/ 60 Punkte
2. Kremmer, Michael
99423 Weimar/ 60 Punkte
3. Kaspari, Dr. med. Christoph
41366 Schwalmtal/ 60 Punkte
3. Heuer, Werner
22089 Hamburg/ 60 Punkte
4. Preuß, Johann
12053 Berlin/ 60 Punkte
5. Görmer, Frank
56472 Lautzenbrücken/ 60 Punkte
5. Kroemer, Bernhard
01640 Coswig/ 60 Punkte
6. Steude, Joachim
04209 Leipzig/ 60 Punkte
7. Schumacher, Michael
66606 St.Wendel-Bliesen/ 60 Punkte
8. Selcuk, Baris
50735 Köln/ 60 Punkte
9. Feifel, Thomas
71570 Oppenweiler/ 60 Punkte
10. Erbe, Michael
06188 Landsberg/ 60 Punkte
4
Platz 1 und 2 gewinnen eine Reise zum ESAKontrollzentrum in Darmstadt im Juni oder
Juli 2007. Platz 3 und 5 jeweils die DVD vom
Flug des deutschen ESA-Astronauten Thomas
Reiter. Platz 5 bis 10 je einen Astrium-Pinset.
Die Gewinnbenachrichtigung bzw. Preise
erhalten Sie in den nächsten Tagen.
1. Welche Raumsonde landete erstmals weich auf der Mondoberfläche?
6 Punkte
A: Ranger 9
❐
B: Lunik 1
❐
C: Luna 9
❐
2. Welche seltene chemische
Verbindung wollen die Russen auf
dem Mond abbauen?
10 Punkte
A: Helium III
❐
B: Wasserstoff
❐
C: Titan
❐
3. Welche Bezeichnung trägt das
künftige amerikanische MondRaumschiff?
3 Punkte
A: Lunar
❐
B: Orion
❐
C: Ares
❐
4. Welches Land will in den nächsten
zwei Jahren keinen Mondsatelliten
starten?
5 Punkte
A: Indien
❐
B: Russland
❐
C: China
❐
5. Auf welchem Fachgebiet arbeitete
der einzige ApolloWissenschaftsastronaut
Harrison "Jack" Schmitt,
der mit Apollo 17 zum Mond flog?
9 Punkte
A: Astronomie
❐
B: Geologie
❐
C: Chemie/Physik
❐
Die Top Ten nach zwei Runden
Preuß, Johann
12053 Berlin/ 108 Punkte
Feil, Tobias
93183 Kallmünz/ 108 Punkte
Krüger, Michael
17034 Neubrandenburg/ 108 Punkte
Leuband, Frank
25355 Barmstedt/ 108 Punkte
Kaspari, Dr. med. Christoph
41366 Schwalmtal/ 106 Punkte
Kroemer, Bernhard
01640 Coswig/ 106 Punkte
6. In welcher Region soll die künftige
amerikanische Mondbasis errichtet
werden?
5 Punkte
A: Mondäquator
❐
B: Nordpol
❐
C: Südpol
❐
7. Wie hieß die Romanvorlage von
Orson Wells, die in einem Hörspiel
die Invasion von Marsmenschen
schilderte?
7 Punkte
A: Planet des Todes
❐
B: Staub der Sterne
❐
C: Krieg der Welten
❐
8. Wie heißt die geplante deutsche
Mars-Ballonmission der Mars Society
Deutschland?
4 Punkte
A: Archimedes
❐
B: Marsloop
❐
C: Olympic
❐
9. Aus welchem Land stammt die
hochauflösende Kamera an Bord der
europäischen Mars-Express-Sonde?
3 Punkte
A: Deutschland
❐
B: Frankreich
❐
C: Großbritannien
❐
10. Wie lautet die deutsche Übersetzung für die beiden Marsmonde
Phobos und Deimos?
7 Punkte
A: Schild und Schwert
❐
B: Knapp und Ritter
❐
C: Furcht und Schrecken
❐
Möller, Wolfgang A.
63322 Rödermark/ 106 Punkte
Schumacher, Michael
66606 St.Wendel-Bliesen/ 106 Punkte
Niepel, Ellen
52441 Linnich/ 106 Punkte
Muntenaar, Ingo
28201 Bremen/ 106 Punkte
Bei Punktgleichheit entschied der
Posteingang über die Platzierung.
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Raumfahrt Concret 1/2007
RC-Kolumne
Europa sucht eine Vision
Durch die ESA-Ministerratskonferenz im Dezember 2005 ging ein
Aufatmen. Direkt nach der deutschen Bundestagswahl waren die
Zuständigkeiten noch nicht einmal vollständig geregelt, als in
Berlin das ESA-Budget der nächsten 3 Jahre verabschiedet werden
sollte. Von Deutschland aus setzte man ein Zeichen, indem man die
von Frau Bulmahn auf Grund des unzureichenden Geographical
Returns zurückgehaltenen ESA-Beiträge nachzahlte und schließlich einigte sich die Gemeinschaft so auf die Finanzierung nahezu
aller von der ESA beantragten Gelder. Es war aber auch klar geworden, dass künftige Budgetanträge eine gründlichere Vorbereitung
brauchen würden. Wie könnten sich der Steuerzahler und damit
die Politik mit zukünftigen Projekten besser identifizieren und eher
zur Überzeugung gelangen, dass Raumfahrt kein Luxus sei?
Erinnern wir uns gut 30 Jahre zurück. Die europäische Raumtransportorganisation ELDO und die Forschungsorganisation ESRO wurden zur Europäischen Raumfahrtagentur fusioniert. Die zu geringe
finanzielle Ausstattung, die verschiedenen Versuche, das europäische Programm den nationalen Interessen unterzuordnen, der
Misserfolg des Europa-Trägers und schließlich der Zwang zu einer
Entscheidung, bedingt durch die Einladung der USA am ApolloNachfolgeprogramm teilzunehmen, führten zu diesem Schritt. Das
erinnert nun einigermaßen an die heutige Situation und die EU
stünde sicherlich bereit, die Planungsaufgaben der ESA weiterzuführen.
Greifen wir aber das Stichwort wieder auf. Welche prinzipiellen
Möglichkeiten hat die ESA für eine Vision?
• Die robotische Raumfahrt erlaubt eine Reihe von sehr interessanten Projektkonzepten innerhalb unseres Sonnensystems. Ob die
Substanz aber für eine Vision ausreicht, wie sie der Öffentlichkeit
und Politik vermittelt werden muss, ist eher unsicher.
• Die gerade von der NASA ausgesprochene Einladung zur
Teilnahme an einer permanenten Mondstation ist ein spektakulärer Anreiz und eventuell böte ein Bartergeschäft, also ein
Tauschhandel mit Dienstleistungen, einst die Möglichkeit für ESAAstronauten auf den Erdmond zu gelangen. Die Entwicklung und
Finanzierung des neuen amerikanischen Mondprogramms bietet
allerdings noch viele Unsicherheitsfaktoren und entsprechend aufwändige europäische Planungen wären damit wohl noch sehr risikoreich.
• Eine weitere Option wäre eine Zusammenarbeit mit der
Russischen Föderation. So könnte man die Kosten einmal durch
den russischen Standortvorteil senken und dann noch einmal
innerhalb einer Kooperation teilen. Tatsächlich gibt es schon seit 2
Jahren mit Oural eine französisch-russische Gemeinschaftsplanung. Oural soll einmal zu einem zwei- oder dreistufigen ballistischen Träger für eine Nutzlast bis zu 35 Tonnen führen, die
Nachfolge von Ariane 5 und Sojus antreten und zur Finanzierung
durch die ESA vorgeschlagen werden. Dazu soll, wie aus Russland
zu hören, nach und nach die Technologie auf wiederverwendbare
Komponenten umgestellt, ein besserer Hitzeschutz erprobt, ein
mehrfach zündbares Triebwerk und schließlich ein bemanntes
Fahrzeug für diesen Träger entwickelt werden. Die Risiken für ein
solches Projekt sind für die Industrie überschaubar. Inwieweit so
das grundsätzliche Problem aller Raumfahrtprojekte, die viel zu
hohen Transportkosten, gelöst werden kann ist eine andere Frage.
Vertreter von Politik, Wissenschaft, Industrie und Öffentlichkeit
setzten sich jetzt in Edinburgh auf Einladung der ESA sowie des
Nationalen Britischen Raumfahrtzentrums zusammen. Innerhalb
von 2 Tagen sollten die Möglichkeiten für die künftige europäische
Weltraumforschung vorgetragen und erörtert werden. Dazu präsentierten die nationalen Organisationen in vielfacher Konkurrenz
eine große Zahl von Missionsvorschlägen zum Mond, zum Mars, zu
den Librationspunkten, zu Meteoriten und den Monden der großen
Planeten, robotisch und bemannt. Als besondere Highlights sind
immerhin der Mars Sample Return mit der Fähigkeit, Marsproben
zurück zur Erde zu bringen, sowie ein Marsrover mit ExoMars hervorzuheben. All diese nicht wirklich neuen, wissenschaftlich oder
kommerziell begründeten Vorschläge sollen jetzt in einem
Fahrplan, einer sogenannten „Roadmap“ koordiniert und zur
Finanzierung vorgeschlagen werden.
Hartmut E. Sänger
Kann die Lösung so aussehen? Was hat diese aber mit der Vision zu
tun, mit der sich Öffentlichkeit und Politik identifizieren sollen, um
ein künftiges Raumfahrtprogramm als selbstverständliche Notwendigkeit anzuerkennen? Dass direkt im Anschluss die britische
Wissenschaft mit „Moonlight“ und dem „Moonraker“ einen nationalen Vorschlag für zwei Mondsonden auf allen Fernsehkanälen
präsentierte, mag ein Zufall gewesen sein. Es ist aber auch ein
Hinweis auf die Dringlichkeit für die ESA, die gegenwärtigen
Routinen zu überdenken. Inwieweit ist eine föderalistische Organisation wie die ESA aber überhaupt in der Lage, die verschiedensten
Einzelinteressen einem gemeinsamen Programm, einer Vision,
unterzuordnen?
Deshalb sind weniger föderalistische Strukturen für die Raumfahrt
aber nicht automatisch hilfreicher. So hat die Volksrepublik China
im Januar einen eigenen ausgedienten Wettersatelliten mit einer
Rakete zertrümmert. Dies sollte ein Satellitenabwehrtest sein. Die
Frage scheint aber, ob man damit jetzt die internationale
Gemeinschaft oder eher das eigene Volk beeindrucken wollte? Wer
in der Lage ist erfolgreich Astronauten in eine Erdumlaufbahn zu
schicken, bei dem setzt man immerhin derartige Fähigkeiten automatisch voraus und dass sich künftige Raumfahrer vor dieser
Trümmerwolke in Acht nehmen müssen nutzt auch der chinesischen Raumfahrt wenig. Stellt diese Aktion dann Chinas ernsthafte Raumfahrtabsichten vielleicht eher in Frage?
Zurück zur europäischen Raumfahrt. Im letzten Heft berichteten
wir an dieser Stelle über die deutsche Hightech-Strategie.
Inzwischen hat sich auch das französische Parlament zu Wort
gemeldet. Hier wird auf Grund der internationalen Raumfahrtanstrengungen sehr viel konkreter ein wesentlich intensiveres
Engagement Europas für die Raumfahrt verlangt. So werden unter
anderem Sanktionen gegenüber europäischen Regierungen gefordert, die ihre militärischen und zivilen Satelliten nicht von
Arianespace starten lassen. Es werden in Zusammenarbeit mit der
französischen Atomenergiekommission und der französischen
Industrie nuklear gespeiste Sonden für die Erkundung des
Sonnensystems gefordert. Es wird innerhalb von 5 Jahren eine
bemannte Schwerlastversion der Ariane 5 wie auch die Unterstützung kommerzieller Raumfahrttourismusprojekte durch die
europäischen Regierungen gefordert.
Dies mag spektakulär klingen. Letztlich geht es aber darum die
europäischen Interessen im internationalen Konzert zu reklamieren. Die Deutsche Forschung bleibt dagegen unauffällig und
bescheidet sich auf einen Vorschlag für eine weitere unbemannte
Mondsonde. Diese soll immerhin „Leuchtturmfunktion“ haben, also
eine Vision repräsentieren. Ist es dann vermessen, dass ein kleiner
Verein wie die Deutsche Marssociety mit Archimedes eine eigene
Marssonde recht erfolgreich vorbereitet oder ist es eher ein
Armutszeugnis für die offiziellen deutschen Ambitionen?
Hartmut E. Sänger
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Raumfahrt Concret 1/2007
RC-Interview
Mit eigenen Füßen auf dem Mars zu stehen das wäre schon der absolute Traum !
Ein Gespräch mit dem deutschen ESA-Astronauten Thomas Reiter
ESA-Astronaut Thomas Reiter im Gespräch mit RC-Redaktionsmitglied
Horst Jelitte.
RC: Herr Reiter, willkommen auf der Erde
und herzlichen Glückwunsch zur erfolgreichen Mission! Haben Sie den ersten
Jogginglauf auf der guten alten Erde schon
hinter sich gebracht?
Thomas Reiter: Den habe ich schon lange
hinter mir.
RC: Und wie war das Gefühl beim ersten Lauf?
Thomas Reiter: Das ist schon gewöhnungsbedürftig. Wenn man ein halbes Jahr in der
Schwerelosigkeit war ist man zunächst
davon überrascht, wie schwer sich der
Körper unmittelbar nach der Rückkehr
anfühlt. Das wird dann allerdings sehr
schnell besser. Und wenn man nach ein
paar Tagen mit leichtem Jogging beginnt,
stellt man natürlich fest, dass man ein
wenig plattfüßig läuft! Das liegt ganz einfach daran, dass der Bewegungsablauf hier
auf der Erde ein ganz anderer ist als beim
Laufen auf der Tretmühle an Bord der ISS.
Die Erholung des Körpers nach der
Rückkehr geht aber sehr schnell vonstatten.
6
RC: Sie sagen, dass die ersten Stunden/der
erste Tag nach Ihrer Rückkehr zur Erde
nicht ganz so angenehm war. Welche
Konsequenzen sind daraus nach Ihrer jetzigen Erfahrung für einen bemannten Flug
zum Mars zu ziehen, der – geht man von
gängigen Szenarien aus – etwa 9-12
Monate dauern wird?
Thomas Reiter: Man muss eine ganze Menge
dafür tun, um seine Fitness zu erhalten und
um die Anpassungszeit an eine Schwerkraft, die bei einer Marsmission natürlich
nicht die gleiche ist wie hier auf der Erde, so
gering wie möglich zu halten. Da ist das
Ende der technischen und medizinischen
Möglichkeiten noch nicht erreicht. Heute
haben wir auf der ISS vier Sportgeräte. Die
Art und Weise, wie wir daran üben, und die
Zeit, die wir dafür aufwenden, lassen eine
deutliche Fortentwicklung im Vergleich zu
meiner ersten Mission zur russischen Raumstation Mir erkennen. Ich bin mir sicher,
dass es bei Sportgeräten noch enorme
Weiterentwicklungen geben wird. Basierend
auf den Erfahrungen an Bord der Mir und
ISS gehe ich davon aus, dass der Körper
auch bei Langzeitmissionen, die zwei Jahre
oder sogar noch länger dauern, nach der
Rückkehr relativ rasch wieder in seinen
Normalzustand zurückkehren kann.
RC: Wie lange kann nach Ihrer Einschätzung eine bemannte Mission unter
heutigen Bedingungen dauern? Der Rekord
wird von Waleri Poljakow mit 437 Tagen
gehalten. Sehen Sie angesichts unserer
heutigen Möglichkeiten eine deutliche
‚Schmerzgrenze’?
Thomas Reiter: Ob es tatsächlich irgendwo
eine physiologische Grenze gibt, das kann
ich natürlich – basierend auf meinen eigenen Eindrücken – noch nicht sagen. Tatsache ist, und Sie haben eben Waleri
Poljakow angesprochen, dass er nach den
vierzehneinhalb Monaten auch nicht länger
für die Anpassung brauchte als die Astronauten, die nur ein halbes Jahr oben waren.
Ich denke, das lässt gewisse positive
Ausblicke zu. Es gibt auch in der Medizin
noch zahlreiche Möglichkeiten, etwa bestimmte Medikamente, die in der Raumfahrt noch nicht eingesetzt worden sind.
Deshalb kann man heute noch nicht von
einem physiologischen Limit sprechen.
RC: Herr Reiter, Sie haben Ihre relativ
schnelle Anpassung an die irdischen Gegebenheiten angesprochen. Wenn Sie es
heute entscheiden könnten, wann würden
Sie wieder fliegen wollen?
Thomas Reiter: Jetzt muss ich ein bisschen
vorsichtig sein (lacht). Ich muss vorwegschicken, dass man sich nach einer solchen
Mission natürlich wieder ganz hinten in der
Warteschlange anstellen muss. Das ist auch
fair, denn meine Kollegen, die schon lange
trainieren und mit großer Begeisterung auf
ihren Einsatz warten, die müssen erst einmal zum Zuge kommen. Alleine deshalb
liegt der Zeitpunkt für einen erneuten Flug
nicht in der näheren Zukunft.
RC: Nehmen wir doch einfach mal an, dass
es diese Reihenfolge nicht gäbe und Sie frei
entscheiden könnten.
Thomas Reiter: Wenn ich frei wählen könnte, wäre es durchaus vorstellbar, nach eineinhalb Jahren eine neue Mission zu
machen. In zahlreichen Gesprächen mit
meinen russischen und amerikanischen
Kollegen über die optimale Missionsdauer
zur ISS haben wir darin übereingestimmt,
dass drei bis vier Monate der optimale
Zeitraum wäre. Das heißt natürlich nicht,
dass man es an Bord der ISS nicht viel länger aushalten könnte! Aber eine etwas
geringere Missionsdauer würde logischerweise auch eine Verringerung der Intervalle
zwischen den Missionen mit sich bringen –
mit anderen Worten: Astronauten würden
zwar kürzere Missionen machen, dafür aber
öfter.
RC: Wir sind jetzt natürlich im hypothetischen Bereich – dennoch: Wenn Sie es auswählen könnten, wohin würden Sie gerne
fliegen?
Thomas Reiter: (Lacht). Meine Chancen, in
meiner aktiven Laufbahn als Astronaut
noch einmal auf den Mond zu fliegen, streben gegen Null, so sehr ich mir das auch
wünschen würde. Das gilt natürlich erst
recht für den Mars. Ich erinnere mich an die
Zeit, als ich als elfjähriger Junge die erste
Mondlandung miterlebt habe. Der Gedanke
begeisterte mich. Ich fragte mich: Wie mag
sich das anfühlen, wenn jemand mit den
eigenen Füßen auf einem anderen
Himmelskörper steht?’ Das begeistert mich
heute natürlich genauso. Wenn ich zum
Mars fliegen könnte, (Reiter lacht) dann
müsste ich natürlich vorher noch einmal
mit meiner Familie sprechen! Sie hat mich
in den letzten Jahren ganz massiv unterstützt und immer Verständnis für mich
gehabt. Deshalb wäre es sehr egoistisch,
E-RC46-6.3.
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Seite 9
Raumfahrt Concret 1/2007
RC-Interview
eine solche Entscheidung ganz allein für
sich selbst zu fällen. Aber bleiben wir hypothetisch – mit eigenen Füßen auf dem Mars
zu stehen – das wäre schon der absolute
Traum!
RC: Jetzt werden wir wieder realistisch:
Mond mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht,
Mars absolut sicher nicht! Aber Chancen
auf einen weiteren Raumflug sehen Sie
schon?
Thomas Reiter: Es ist wohl nicht unrealistisch! Man darf ja nicht vergessen, dass
man bei diesen zwei Langzeitmissionen
auch gewisse Erfahrungen gesammelt hat.
Wenn es mal dazu kommen sollte, dass ein
europäischer Astronaut die Möglichkeit
erhält, als Kommandant der ISS zu fliegen,
dann wird das natürlich niemand sein, der
zum ersten Mal ins All fliegt, sondern der
schon mindestens ein- oder zweimal im
Kosmos war!
RC: Herr Reiter, wir drücken Ihnen auf jeden
Fall die Daumen! Wenden wir uns noch einmal Ihrer ersten Mission zu. Sie haben sich
179 Tage an Bord der russischen MIRStation aufgehalten.
Welche sind für Sie die drei, vier markantesten Unterschiede im Vergleich zur ISS?
Thomas Reiter: Die MIR war natürlich mit
einer Technologie ausgestattet, die damals
schon ein bisschen veraltet war, z.B. was die
Datenverarbeitungskapazitäten oder die
Datenübertragungsmöglichkeiten zum Boden
angeht. Und hier ist auf den ersten Blick der
größte Unterschied zu sehen! Heute haben
wir Möglichkeiten zur Kommunikation, die
damals einfach nicht gegeben waren. An
Bord der ISS hatten wir rund um die Uhr
Kontakt zu den Kontrollzentren, sowohl zu
den amerikanischen als auch zu den russischen. Wir konnten über IP-Phone jederzeit
telefonieren. Ich habe fast jeden Tag einmal
kurz zu Hause anrufen können! Allein das
ist ja schon ein Riesenunterschied. Auf der
MIR-Station war die Kommunikation mit
unseren Familien nur im wöchentlichen
Wechsel möglich. Und es ging immer über
die russische Kontrollstation. Heute ist die
ganze Ausrüstung zu Hause installiert. Die
Möglichkeiten der Datenverarbeitung und
der Datenübertragung sind also erheblich
besser.
Auch die Anlagen für die wissenschaftlichen Nutzlasten sind natürlich wesentlich
moderner. Die MIR-Station war ja entwickelt worden, um überhaupt im Orbit zu
sein, um dort lange Zeit Menschen am
Leben erhalten zu können und um zu
schauen, ob man dort oben tatsächlich für
lange Zeit arbeiten kann. Natürlich war sie
auch Plattform für wissenschaftliches
Arbeiten. Aber wenn man sich alleine die
Ausgestaltung der Module von damals
anschaut und diese mit dem heutigen
Interieur vergleicht, dann sieht man riesige
Unterschiede. Heute sind im US-Lab komplexe wissenschaftliche Anlagen untergebracht mit einer unglaublichen Funktionsfülle. Das alles steckte damals noch in den
Kinderschuhen.
Als letzten Punkt kann man die Größe der
ISS anführen. Die MIR Station hatte in ihrer
letzten Ausbaustufe 135 Tonnen. Die Masse
der ISS liegt bereits heute bei 180 Tonnen
und hat ja noch nicht ihr Endstadium
erreicht. Wenn man heute in die ISS hineinkommt, dann liegt ein 60 Meter langer
Raum vor einem. Es ist einfach ein Wahnsinnsgefühl, in der Schwerelosigkeit durch
einen so langen Tunnel zu schweben. Die
Ausmaße dieser Station, die inneren Abmessungen, sind jetzt schon überwältigend.
Und wir erwarten ja noch weitere Module,
u.a. auch das europäische Columbus-Modul.
Bis 2010 wird diese Station noch gewaltig
wachsen. Diese Größe der ISS ist schon ein
erheblicher Unterschied zur MIR-Station.
RC: Sie werden von der deutschen Presse
dafür geliebt, dass Sie Ihre Erlebnisse im All
mit sehr persönlichen und inspirierenden
Beschreibungen illustrieren können. Sind
diese Emotionen beim zweiten Flug noch
immer so stark für Sie gewesen oder ist der
Kosmos für Sie inzwischen Routine?
Thomas Reiter: Als Routine kann man diese
Mission bestimmt nicht bezeichnen. Es ist
allerdings klar zwischen den Eindrücken, die
man als Mensch beim Ausblick auf unsere
Erde oder den Sternenhimmel gewinnt, und
der täglichen Arbeit zu unterscheiden.
Zwar ist die Arbeit immer hochinteressant,
aber der Arbeitsalltag ist natürlich auch mit
einer gewissen Routine verbunden, die ich
in diesem Zusammenhang aber nicht negativ verstanden haben möchte. Ganz im
Gegenteil hatte ich das Gefühl, mich gewissermaßen zu Hause zu fühlen, weil ich vor
11 Jahren schon einmal in der gleichen
Situation war. Das ist Routine im positiven
Sinne.
Was die emotionalen Aspekte angeht, kann
ich nur betonen, dass der Aufenthalt im
Erdorbit kein bisschen von der Faszination
eingebüßt hat. Ich bedauere es immer noch,
dass die ISS nicht gerade viele Fenster hat!
Während man sich dort oben befindet
wünscht man sich immer, ein bisschen
mehr sehen zu können. Während eines
Außenbordeinsatzes ist man aufgrund des
kaum eingeschränkten Blickfeldes von dem
Ausblick überwältigt. Vom Inneren der
Station aus nimmt man das nicht ganz so
extrem wahr, was nicht heißen soll, dass der
Anblick der Erde weniger schön ist. Man
nutzt jede freie Minute, bevor man sich
abends zur Ruhe begibt, um noch einmal
hinunterzuschauen. Auch während meiner
nunmehr zweiten Mission ist das nach wie
vor wunderschön und ich kann mir auch
nicht vorstellen, dass das irgendwann einmal langweilig wird.
Es gab allerdings eine Phase, in der führten
weite Teile des Orbits über das Meer, den
Südpazifik oder den Südatlantik. Zu diesen
Zeiten können wir lange gar kein Land
sehen. Wenn man während mehrerer
Umläufe fast nur das blaue Meer oder
Wolken sieht, das ist natürlich nicht so
interessant. Dann hofft man eher auf die
Nachtseite des Orbits, wo man den
Sternenhimmel oder bestimmte Leuchtphänomene in den nördlichen oder südlichen Polarregionen bewundert.
RC: Sie haben die Außenbordeinsätze, die
EVA, bereits angesprochen. Das ist immer
schwere körperliche Arbeit! Sie äußern sich
aber immer wieder begeistert! Überwiegt
die Faszination so deutlich?
Thomas Reiter: Obwohl ich bereits zwei
Außenbordeinsätze während meines Aufenthaltes an Bord der russischen Mir-Station
gemacht habe, muss ich Ihnen ehrlich
sagen, es ist auch nach diesem dritten Einsatz an Bord der ISS immer noch so, dass
ich am Morgen danach aufwache und mich
frage, ob ich wirklich da draußen war oder
alles nur geträumt habe. Man wurde lange
dafür ausgebildet, man weiß, dass jede
Bewegung, jeder Handgriff, den man ausführen muss, sitzt. Auch wenn Probleme
auftreten sollten, weiß man, was zu tun ist,
um zum Beispiel schnell wieder in die
Luftschleuse zurückzukommen. Man ist voll
und ganz dieser Technik ausgeliefert. Und
trotzdem schaut man in den Tagen danach
zurück und sagt: „Das ist eigentlich un-
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RC-Interview
Thomas Reiter (unten links) mit der STS-121-Crew (grüne Shirts) sowie den beiden anderen Mitgliedern der 13. ISSStammbesatzung, Pawel Winogradow (unten Mitte) und Jeffrey N. Williams.
glaublich, dass du da draußen warst“.
Bei mir war es auf jeden Fall so, dass ich,
wie beim ersten Außenbordeinsatz vor 11
Jahren, fasziniert war. Ich kehrte zurück
und schüttelte den Kopf. Der Blick auf die
Erde, auf den Sternenhimmel, aber auch auf
die Riesenstruktur der ISS ist überwältigend. Wir waren ja fast am äußeren Ende
der Struktur der ISS, weil wir ein wissenschaftliches Instrument anzubringen hatten. Und dann dreht man sich um und sieht
diese riesige Raumstation – das ist einfach
phantastisch!
RC: Die bemannte Raumfahrt steht ob der
Kosten immer wieder in der Kritik. Warum
muss der Mensch überhaupt ins All fliegen?
Was kann er dort, was Roboter nicht erledigen könnten?
Thomas Reiter: Bei der Frage, warum
Menschen ins All fliegen sollen, gibt es drei
Aspekte. Der erste Aspekt hängt damit
zusammen, dass wir dort oben Dinge lernen, die wir hier unten eben nicht lernen
können. In der Schwerelosigkeit können wir
physikalische Effekte erforschen, die uns
hier unten in der Schwerkraft einfach verborgen bleiben. Wir möchten unser Leben
verbessern, wir möchten Krankheiten in den
Griff bekommen, bessere Materialien haben,
die beispielsweise den Energieverbrauch für
unsere Autos senken oder auch bessere
Kommunikationsmöglichkeiten schaffen.
Zweitens findet auf diesem Gebiet eine
intensive internationale Zusammenarbeit
statt, die letztendlich das politische Klima
positiv beeinflusst. Und drittens halte ich es
für eine natürliche Eigenschaft des
Menschen, neugierig zu sein und seine
Umgebung zu erkunden und zu forschen.
8
RC: Das alles ist unbestritten, Herr Reiter!
Der Mensch macht die Raumfahrt teuer.
Die Lebenserhaltungssysteme kosten sehr
viel Geld. Warum schickt man nicht einfach
Roboter ins All?
Thomas Reiter: Auch wenn man vollautomatisierte Systeme betreibt, gibt es immer
mal Fehlfunktionen und Ausfälle. Das ist
kein spezifisches Phänomen der bemannten
Raumfahrt, das geschieht auch bei Satelliten. Und darauf muss man reagieren. Man
kann natürlich durch Redundanzen dafür
sorgen, dass beim Ausfall eines Systems das
nächste dessen Funktion übernimmt, dann
das übernächste und so weiter. Und das
macht die Systeme natürlich genauso teuer
wie der Einbau von Lebenserhaltungssystemen. Der Vorteil von bemannten
Systemen in einer Krisensituation ist der,
dass der Mensch über spezifische Fähigkeiten verfügt, die bisher kein Computer
darstellen kann. Er eignet sich Wissen an, er
interpretiert das Wissen, er kann auf
Situationen sofort reagieren. Ich glaube,
gerade hier liegt unser großer Vorteil
gegenüber Maschinen. Das soll nicht
heißen, dass sich bestimmte Forschungsvorhaben in der Schwerelosigkeit nicht
auch ohne die Präsenz des Menschen
durchführen lassen. Aber letztlich ist die
Anwesenheit des Menschen, des Wissenschaftlers, immer dann unverzichtbar, wenn
Daten interpretiert werden müssen. Das
kann man nicht durch Maschinen leisten
lassen. In der Forschung ist die Intuition, ist
das Betrachten und Reflektieren von
Phänomenen, die man beobachtet hat, die
man initiiert hat, erforderlich.
RC: Bleiben wir noch einen kurzen Augenblick bei den Finanzproblemen der Raumfahrt. Kann der Weltraumtourismus einen
Beitrag zur Lösung dieser Finanzprobleme
leisten?
Thomas Reiter: Ich wünsche mir, dass sich
der Weltraumtourismus weiterentwickelt.
Es wäre wünschenswert, wenn in nicht
allzu ferner Zukunft ein möglichst großer
Teil der Menschheit die Möglichkeit hätte,
in den Weltraum zu fliegen. Ich bin davon
überzeugt, dass wir, basierend auf den
Eindrücken, die wir dort oben sammeln
würden, in der Lage wären, unser Verhältnis
zueinander zu verbessern und uns insgesamt die Lösung vieler Probleme leichter
fiele.
Der Tourismus zur ISS allerdings ist eine
zweischneidige Sache, auch wenn sich
Anousheh Ansari, die als Touristin für wenige Tage an Bord war, hervorragend in die
Crew eingepasst hatte. Sie hat ausgesprochen selbstständig gearbeitet und geholfen,
wo sie nur konnte. Dennoch ist die ISS kein
Ort für Touristen. Man sieht es ja an der
Auslegung dieser Station, das ist eine
Forschungsstation. Das ist kein Ort, an dem
man als Tourist seine Freizeit verbringt.
Natürlich hat Anousheh ein kleines wissenschaftliches Programm gehabt und sie hat
sogar für die ESA auch ein paar einfache
Experimente durchgeführt. Ich habe aber so
meine Zweifel, dass diese Art der
Finanzierung für die russische Raumfahrt
viel bringt.
Sicher, der Platz hat so etwa 20 Millionen
Dollar gekostet. Aber ob das tatsächlich
kostendeckend war, wage ich zu bezweifeln.
Ich kenne nicht den genauen Preis für den
Bau und Start einer Sojus-Rakete, aber 20
Millionen Dollar, so viel müssen Touristen
heute für einen Flug bezahlen, sind wohl
eher ein Tropfen auf einen heißen Stein.
Man muss auch die Frage stellen, was könnte in der Zeit jemand dort oben machen, der
wirklich ausgebildet ist, Forschung zu
betreiben oder die Bordsysteme zu betreuen.
RC: Blicken wir einmal in die Zukunft! Es
gibt in den USA die neue Raumfahrtinitiative – erst die Rückkehr zum Mond
und dann weiter zum Mars. Ankündigungen hat es schon viele gegeben! Wie
realistisch ist denn das, was Mr. Bush da
verkündet hat?
Thomas Reiter: Die Weichenstellung bei der
NASA ist deutlich zu erkennen. Der Direktor
der NASA, Mike Griffin, ist auf dem besten
Wege, diese Punkte umzusetzen. Wenn man
für längere Zeit bei der NASA zur Ausbildung ist, wie ich ja vor meinem Flug, dann
erkennt man, dass die Zeichen für den
nächsten Schritt nach der ISS deutlich
gesetzt sind. Das heißt natürlich nicht, dass
die NASA die ISS vergisst! Aber natürlich
sieht die NASA, dass der Aufbau der ISS
dem Ende entgegengeht. Danach wird sich
eine Nutzungsphase anschließen – aber
was dann?
Deshalb muss man heute bereits die
Weichen für die Zukunft stellen. Der Shuttle
wird nach 2010 nicht mehr fliegen. Insofern
ist das, was die NASA heute zur Entwicklung des Crew Exploration Vehicle eingeleitet hat und insgesamt zur Entwicklung
neuer Transportsysteme, genau der richtige
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Raumfahrt Concret 1/2007
RC-Interview
Thomas Reiter mit Michail Tjurin an Bord der ISS (links) und vor dem Plasma-Kristall-Experiment 3 Plus (rechts). Fotos: Hartmut E. Sänger (4), RSC Energija (3), NASA.
Weg. Ob es möglich sein wird, bis zum Jahre
2018 oder 2020 zum Mond zurückzukehren,
werden wir sehen.
Wichtig ist die Frage, welche Rolle Europa
dabei spielen wird. Vergleicht man einmal
die Bevölkerungszahlen der USA und
Europas, dort sind es etwa 280 Millionen
Menschen, hier über 400 Millionen, dann
kann man sicherlich nicht sagen, dass
Europa in diesen Programmen überrepräsentiert ist. Und deshalb müssen wir heute
in Europa festlegen, welche Rolle wir in der
zukünftigen Raumfahrt spielen wollen. Ich
habe den Eindruck, dass dieses Bewusstsein
und die Bereitschaft zu einem größeren
Engagement in Deutschland ebenso wie in
anderen europäischen Ländern vorhanden
sind. Aber einmal abgesehen von Bevölkerungszahlen, sind wir auch was unsere
wissenschaftlichen und technologischen
Fähigkeiten in Europa betrifft, nicht gerade
in der Raumfahrt weltweit überrepräsentiert. Da wäre sicherlich eine ganze Menge
mehr möglich, wenn wir wollten.
Die europäische Raumfahrtagentur ESA
wird die ISS in den bevorstehenden Jahren
intensiv für die Forschung nutzen. Allerdings kann die Station auch als Testplattform für Systeme, die dann für die weitere Erkundung des Weltraums benötigt
werden, dienen. Hier ist entsprechende politische Unterstützung gefragt. Dazu ein
interessantes Beispiel. Ich habe mich vor
einiger Zeit mit einem amerikanischen
Kollegen unterhalten und der hat ganz
trocken gesagt: „Warum sind wir auf dem
Mond gelandet?“ – Weil sich ein Präsident
hingestellt und gesagt hat: „Wir wollen da
hoch!“. Wir können technisch so gut sein,
wie wir wollen – ohne den politischen
Willen aber geht gar nichts.
Hierbei sollten wir uns nicht nur von utilitaristischen, sondern auch von kulturellen
Aspekten, die mit der Raumfahrt verbunden
sind, leiten lassen. Es liegt in der Natur des
Menschen, neugierig zu sein. Gerade in
Europa, das man durchaus als die Wiege von
vielen Entdeckungen und Erfindungen
bezeichnen kann, lässt sich sehr gut an diesen Teil unserer Kultur anknüpfen.
RC: Kann man den technologischen Aspekt
des neuen Raumfahrtprogramms der USA
mit ‚Vorwärts in die Vergangenheit’ charakterisieren? Als wir die ersten Bilder des
Mutterraumschiffes und der zukünftigen
Mondlandefähre gesehen haben, war das
Urteil schnell gefällt – das ist APOLLO II.
Thomas Reiter: (Lacht). Lassen Sie es mich
einmal von dieser Seite aufziehen. Die
Vorstellung, dass man die Raumfahrt mit
wiederverwendbaren Systemen billiger
machen kann, muss nach den Erfahrungen
mit dem Space Shuttle schlicht und einfach
beerdigt werden. Deshalb verstehe ich
schon, dass die Amerikaner nach einer
Lösung suchen, die technisch zwar nicht der
letzte Schrei ist, die aber mit den Mitteln,
welche die NASA zur Verfügung hat, durchaus den Weg zum Mond und dann weiter
zum Mars ebnet. Und da ist eine Kapsellösung nicht der schlechteste Weg. Darüber
hinaus ist zu überlegen, ob man zusätzliche
Zeit einkalkulieren will, die der Entwurf
eines komplett neuen Transportsystems mit
sich bringen würde.
Insofern ist die Art und Weise, wie die NASA
heute an das neue Programm herangeht,
auch angesichts der finanziellen Ressourcen
durchaus akzeptabel.
Und letztendlich sind wir ja auch heute fast
wieder in einem Wettlaufszenario! Gut, niemand kennt bisher die genauen Pläne der
Chinesen. Aber eine Wettlaufsituation
scheint sich schon ein wenig abzuzeichnen.
Sollte es tatsächlich um die Frage gehen,
wer nach langer Zeit wieder zuerst auf den
Mond zurückkehren kann, wäre beispielsweise die Suche nach vollkommen neuen
Transportkonzepten nur hinderlich.
RC: Sehen Sie nicht die Chance der
Zusammenarbeit mit China?
Thomas Reiter: Sie haben natürlich Recht,
Kooperation ist immer gut. Aber nach dem
erfolgreichen Test des chinesischen Satellitenabwehrsystems sehe ich eine Zusammenarbeit erst einmal nicht in greifbarer
Nähe.
RC: Herr Reiter, wir danken Ihnen ganz herzlich für das interessante Gespräch. Wir
wünschen Ihnen und Ihren Kollegen, von
denen Hans Schlegel als nächster Deutscher
ins All starten wird, alles Gute für die
Zukunft und einen stets erfolgreichen
Verlauf ihrer Missionen. Für Sie persönlich
hoffen wir natürlich, dass Sie der erste
europäische Kommandant auf der Internationalen Raumstation sind. Und – wer
weiß – eventuell erfüllt sich Ihr großer
Traum, einmal mit beiden Beinen auf einem
anderen Himmelskörper zu stehen, ja doch
noch.
Jedenfalls wirkt der Gedanke einer permanenten Präsenz von Menschen auf dem
Mond auf mich schon heute begeisternd.
Das ist wirklich etwas Neues. Das schließt ja
nicht aus, dass neue Antriebstechnologien
entwickelt werden, zum Beispiel für einen
bemannten Flug zum Mars, der dann aus Das Gespräch führten Horst Jelitte und
dem Erdorbit oder aber vom Mond aus Hartmut E. Sänger.
gestartet wird.
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RC-Thema
Ist die 13 eine Glückszahl ?
Amerikas Mondpläne
Von Dr. Dwayne A. Day
Unfall bis zum Frühjahr 2006 gab die NASA
nahezu $ 13,5 Milliarden aus, flog allerdings
nur eine Mission. Die Agency wird bis zur
Außerdienststellung des Shuttles weitere US
$ 20 Milliarden bezahlen. So wie Prometheus an den Felsen gekettet war, so ist die
NASA an den Shuttle gekettet. Erst ab dem
Jahr 2010 wird die NASA endlich bedeutende Gelder zur Verwirklichung der neuen
Ziele zur Verfügung haben.
Das größte Problem aber sind die künftigen
Geldzuweisungen. Ganz sicherlich wird die
NASA nicht alle beantragten Finanzen bekommen, so dass sich Schwerpunkte verschieben werden. Zudem kann man nicht
vorhersehen, was beim ersten Einsatz passieren wird. Man muss sich vor Augen
führen, dass die NASA vor dem ColumbiaUnfall zwei Shuttle Flüge 2005 und vier
Flüge 2006 vorgesehen hatte. Nach dem
Unfall flogen nur eine Mission in 2005 und
zwei in 2006.
Neue Besen kehren anders
Die Ares V-Aufstiegsstufe (earth departure stage) im Orbit, wobei sie das Crew Exploration Vehicle gekoppelt mit dem
Lunar Surface Access Module trägt. Grafik: NASA.
Wenn alles wie geplant läuft wird im
Dezember 2019 das Orion 13-Mondmodul
auf dem Erdtrabanten aufsetzen, ein Amerikaner wird die Leiter hinunter steigen, einen
Fußabdruck im Mondboden hinterlassen –
und das nach fast 50 Jahren!
Natürlich läuft nicht alles wie geplant ab. In
der Weltraumforschung ist die Physik leicht
zu bewältigen, die Politik und speziell die
Budgets sind schwer in den Griff zu bekommen.
Im Januar 2004 gab George W. Bush seine
„Vision for Space Exploration“ bekannt
(siehe auch RC 39/40).
Viele Kritiker innerhalb und außerhalb der
NASA beschwerten sich über die Ziellosigkeit der Agentur und hielten deshalb eine
Richtungsweisung für nötig. Das Weiße
Haus entschied sich daher, die Entsendung
von Amerikanern zurück zum Mond als
primäres Ziel zu setzen.
Im Sommer 2006 gab die NASA Lockheed
Martin den Auftrag ein bemanntes Raumschiff zu entwickeln, das den Space Shuttle
ablösen soll, um Menschen in die Mondumlaufbahn zu transportieren. Die NASA
nennt dieses Raumschiff ORION, das mit
einer Rakete namens Ares I gestartet werden soll. Ein zweiter Träger, die Ares V, soll
an die Saturn I und Saturn V anknüpfen.
Allerdings wurde bis heute kein großer
Fortschritt, was den Bau von Komponenten
betrifft, verzeichnet und dies wird wohl
auch auf Jahre hinaus nicht geschehen.
Anders als zu Zeiten des Apollo-Programms
muss die NASA heute mit engen Budgets
arbeiten. In den 60er Jahren bekam die
NASA alle Gelder die beantragt wurden.
Bis zum Jahre 2008 sollte das NASA-Budget
$ 18 Milliarden erreichen, doch in Wirklichkeit sind es nur rund $ 16,3 Milliarden
(ungefähr viermal so viel wie der ESA-Etat).
Dieser Umstand zwingt die NASA Gelder für
die bemannte Raumfahrt von anderen
Teilen des Budgets abzuzweigen, wie von
der Aeronautik, der Weltraumwissenschaft
und der sehr erfolgreichen Robotik. Selbst
mit dem Herumjonglieren der Gelder wird
die NASA gezwungen sein, Verzögerungen
im Lunar-Programm hinnehmen zu müssen.
Heute kann man zufrieden sein, wenn
wenigstens die Inflationsrate ausgeglichen
wird, quasi also ein Nullzuwachs.
Ein weiteres Handicap ist die parallele
Finanzierung (ca. 60 % des gesamten
Budgets) der ISS aufgrund bestehender
Verträge. Allein für den Space Shuttle zahlt
die NASA jedes Jahr ca. $ 4,5 Milliarden, nur
um es fliegen zu lassen. Vom Columbia-
Ein anderes Problem stellt die Politik dar. Die
USA kennt keine parlamentarische Form
einer Regierung, sondern ein republikanisches System, welches die Macht zwischen
dem Präsidenten, dem Senat und dem
Kongress aufteilt. Der Präsident kann Programme vorschlagen, doch der Kongress
muss die Gelder zur Verfügung stellen. Dies
geschieht leichter und schneller, wenn alle
Kammern von der gleichen Partei besetzt
wären und trotzdem, selbst in dieser Konstellation, ginge es nur langsam voran.
Im Herbst 2006 fiel die Kontrolle beider
Häuser der Demokratischen Partei zu. Sie
könnte die NASA-Budgets von Bush in den
Ares I. Grafik: NASA/John Frassanito and Associates.
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Raumfahrt Concret 1/2007
RC-Thema
nächsten Jahren leicht kippen. Obwohl viele
Demokraten den NASA-Programmen positiv gegenüberstehen glauben sie nicht, dass
das Mondprogramm gegenüber den sehr
erfolgreichen wissenschaftlichen Programmen, wie den Weltraumteleskopen, dem
Mars Rover, sowie in den letzten Jahren
sehr reduzierten Budgets für die aeronautischen Programme, so eine hohe Priorität
verdient. Und 2008 wird ein neuer
Präsident gewählt! Diese Person, wer immer
sie sein mag, wird sehr wahrscheinlich über
die Pläne der NASA nachdenken. Sollte die
NASA die Vision des Weltraumerforschungsprogramms wirklich fortführen? Oder sollte
die NASA einen anderen Weg einschlagen,
beispielsweise in die Life Science oder in die
Mikroschwerkraftforschung investieren?
Ares I und ORION werden bis 2009 zum größten Teil fertig gestellt sein. Ares V und die
zukünftige Mondlandefähre, bekannt als
„Lunar Surface Access Module“, sind bis
dahin nur Papierentwürfe. Der nächste Präsident könnte sehr leicht entscheiden, die
Entwicklung der Ares V und der Mondlandefähre zu verzögern, oder ganz zu
streichen, NASA-Budgets zu kürzen, nach-
Anzeige
dem der Shuttle 2010 außer Dienst gestellt
ist oder die Gelder auf andere Projekte
umverteilen.
Zurück zum Mond
Ein interessantes NASA-Dokument sickerte
2006 über die Johnson Space Center
Website der NASA Spaceflight.com durch.
In diesem internen Papier wurden die
Termine für das gesamte Unternehmen
„Zurück zum Mond“ aufgeführt. Obwohl es
viele Details der jetzigen Planung erhält,
sollte man es nicht überschätzen. Niemand
in der NASA, ja noch nicht einmal die
Personen, die das Dokument erstellten
erwarten, dass das Programm so wie
geplant ablaufen wird. Doch man bekommt
einen guten Überblick wie die NASA zum
Mond zurückzukehren gedenkt.
Demnach plant die NASA für 2014 das erste
ORION-Raumschiff zu starten – fast genau
vier Jahre nachdem der Shuttle seinen letzten Flug absolviert haben soll. Obwohl
Michael Griffin, der NASA-Chef, das
Programm beschleunigen möchte, fehlt
ihm dazu das nötige Geld. Vor dem ersten
bemannten Liftoff werden mehrere Ent-
wicklungs- und Testflüge durchgeführt. Der
erste Flug von Ares I (vormals „Crew Launch
Vehicle“) soll Mitte 2009 absolviert werden,
und zwar mit 4 Feststoffsegmenten und
einem „Inert“ (nicht funktionsfähigen) 5.
Segment sowie einer leeren oberen Stufe.
Anders als beim Shuttle wird ORION mit
einem Rettungssystem (LAS) ausgerüstet sein.
Nach September 2015 sind keine weiteren
Flüge zur ISS geplant. Dies deutet darauf
hin, dass die NASA sich auf kommerzielle
Unternehmen zur Versorgung der ISS stützen will. Erst vor kurzem vergab die NASA
Aufträge an zwei Firmen, Space X und
Rocketplane Kistler, ein Raumschiff für
kommerzielle Zwecke zur Versorgung der
ISS zu entwickeln.
Die NASA plant im Juni 2018 den ersten
Test der Ares V, ausgerüstet mit einer 5Segment-SRB und einer 5-Segment-RS68-Rakete als Kerneinheit. Anstatt der
„Earth Departure Stage“ (EDS) wird nur
Ballast mitgeführt.
Ein Jahr später, im Juni 2019, soll das erste
Mondlandemodul („Lunar Surface Access
Module“, Mission LSAM-2) starten. Diese
Mission beinhaltet auch ein funktionsfähi-
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RC-Technik
Mission besteht darin, dass die Energieversorgung im ORION abgestellt – mit der
Besatzung noch an Bord - und später automatisch wieder hergestellt wird. Dieser Test
wird eine Mission in der Zukunft simulieren,
wo ORION unbemannt in der Mondumlaufbahn verbleibt, während die 4-MannBesatzung auf dem Mond landet. Diese
Mission soll insgesamt 21 Tage dauern.
Im Dezember 2019 soll es dann soweit sein.
Ares V mit der LSAM-3 und ORION 13 machen sich auf den Weg. Ein Astronaut bleibt
im Mondorbit, die zwei anderen steigen mit
dem LSAM zur Mondoberfläche hinab.
Orion-Crew Vehicle mit dem Mondlander. Foto: Lockheed Martin.
ges EDS-System. Mit ORION 12 startet die
NASA eine Mission mit 4-Mann-Besatzung.
Dies wird die erste Block 2-Version des
ORION-Raumschiffes, ausgerüstet für eine
Mondmission, sein.
Das ORION-Raumschiff dockt mit EDS und
LSAM in der Erdumlaufbahn und fliegt
dann weiter zu einer niedrigen Umlaufbahn
um den Mond. Das LSAM wird abgestoßen
und unbemannt auf dem Mond aufsetzen,
später wieder starten und mit ORION in der
Umlaufbahn zusammentreffen, um den
Dockingmechanismus und andere Systeme
zu testen. Ein ungewöhnlicher Aspekt der
Vieles kann sich in dieser Zeitspanne von 14
Jahren noch ändern, und es wird sich
ändern.
Ende 2019 bleibt immer noch das offizielle
Datum, doch um Verzögerungen wird man
nicht herumkommen. Es kann jedoch auch
geschehen, dass der neue Präsident 2009
das Programm gänzlich streicht.
Bis dahin glaubt die NASA weiter, dass die
siebte Landung auf dem Mond vor 2020
stattfinden wird.
Zumindest haben wir nun eine Idee davon
bekommen, wie Menschen wieder zum
Mond zurückkehren könnten.
Übersetzung: Karl H. Smarsch
Deutsche Bearbeitung: Benno Lewuwa
Planungsablauf für das Constellation-Programm
12
Name
Datum
Mission
ARES I
AA-1
AA-2
AA-3
AA-4
ARES 2
ORION 3
ORION 4
ORION 5
ORION 6
ORION 7
ORION 8
ORION 9
ORION 10
ORION 11
ARES V-1
Aug. 2009
Mai 2009
Aug. 2010
Febr. 2011
Sept. 2011
Sept. 2012
Sept. 2013
Juni 2014
Sept. 2014
Dez. 2014
Mai 2015
Mai 2015
Juli 2015
Sept. 2015
Dez. 2015
Juni 2018
ORION 12
LSAM-3
ORION 13
LSAM-4
ORION 14
Juni 2019
Dez. 2019
Dez. 2019
Juni 2020
Juni 2020
Test der Startrakete
Test von LAS bis in den transonischen Bereich
Test von LAS zum Max-Q
Test von LAS in unnormaler Flugposition
Test von LAS in großer Höhe
Kompletter Test von ARES I-Rakete mit Oberstufe
Test von ARES I-Rakete, ORION mit LAS, unbemannt, 2 Wochen
ORION fliegt zur ISS, kein Andocken
Erster bemannter Test von ORION, 2-Mann Crew, Andocken an die ISS möglich, 2 Wochen
Unbemannte Frachtmission zur ISS
Erste voll funktionsfähige Mission zur ISS, 3-Mann Crew, 180 Tage-Mission
Unbemannter Frachtflug zur ISS
Unbemannter Frachtflug zur ISS
ORION-Mission zur ISS, 3-Mann Crew, 180 Tage
Unbemannter Flug zur ISS
Erster Test der ARES V, ohne EDS oder Nutzlast
LSAM-2 Lunar Lander
Erster Flug von Block 2-ORION, 4-Mann-Crew, 21-Tage.
ARES V-Start mit voll funktionsfähigem LSAM
Die 7. Landung, 2-Mann-Crew landet auf dem Mond.
Die 8. Landung auf dem Mond.
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RC-Thema
Mondzeit (Teil 6)
Außenposten an einem trostlosen Ort
Von Dr. Dwayne A. Day
Im vorherigen Beitrag berichtet unser Autor
über die Unwegsamkeiten zur Verwirklichung der amerikanischen Vision „Zurück
zum Mond“. Lesen Sie jetzt, wie sich die
Amerikaner ihre Mondbasis vorstellen,
wenn denn das Programm zustande
kommt.
Außenposten am Shackelton Krater
Das ganze Jahr 2006 hindurch unternahm
man bei der NASA sehr große Anstrengungen um der Öffentlichkeit zu zeigen,
warum die Amerikaner wieder zum Mond
wollen. Als Resultat stellte die stellvertretende Administratorin Shana Dale die
Aufgaben für das Mondunternehmen vor.
Das Ziel der Studie war, eine Serie von
bemannten und mit Robotern durchzuführende Mondunternehmen zu definieren,
sowie Bausteine für eine Weiterentwicklung der Strategie festzulegen. Die Studie
bestand aus zwei Teilen, wobei die Phase I
nun abgeschlossen ist. Dieser Teil definiert
die bemannte Strategie bis einschließlich
2025, mit weiniger genauer Planung bis
2030. Das Hauptaugenmerk ist auf die
Robotik gerichtet und soll als Basis für
Diskussionen mit internationalen Partnern
dienen. Phase II wird 2007 erstellt und
ebenso Gespräche mit anderen Partnern
einbeziehen.
Die Planer kamen zu dem Schluss dass es
besser wäre, eine permanent bemannte
Station als mehrere Landestellen auf dem
Mond zu errichten. Nach Aussagen der
NASA-Führung ermöglicht eine Basis internationale Partnerschaften, die Entwicklung
und den ständigen Ausbau sowie die
Nutzung von lokalen Bodenschätzen, erlaubt einen schnellen Weg zu anderen
Punkten auf dem Erdtrabanten und kann
vielen anderen wissenschaftlichen Zielen
dienen.
Es gab mehrere Gründe warum sich die
NASA für einen Außenposten in der Nähe
des Südpols entschied. Einmal, weil die
Temperaturen dort relativ gemäßigt und
natürliche Ressourcen, wie Wasserstoff und
vielleicht auch Wasser vorhanden sind. Zum
anderen bietet diese Region am Rande des
Shackelton-Kraters auch wissenschaftliches
Neuland. Dort findet man einzigartige dunkle Einschlagzonen, die Kometensplitter
enthalten könnten. Die NASA spezifizierte
Der Mondaufklärungssatellit LRO. Foto: NASA.
zuvor mehrere Stellen, die sie zu nutzen
gedenkt: einen Landepunkt, einen Ort mit
möglichen Wasserstoffreservoirs, eine Wohnzone, einen Energie- bzw. Produktionsstandort, eine astronomische Beobachtungszone sowie eine optimale Landezone
von der Bahnspezifik her gesehen.
Für die NASA war es wichtig einen Ort zu
finden, an den eine maximale Nutzlast
transportiert werden kann und der für die
Wiederaufstiegsphase ebenfalls optimal
geeignet ist.
Die NASA baut derzeit einen Mondaufklärungssatelliten (Lunar Reconnaissance
Orbiter), der ab 2008 eine Mondkarte in
hoher Auflösung liefern soll. Diese Mission
beinhaltet einen zweiten Satelliten, ge-
nannt „CRater Obsersavation and Sensing
Satellite“ (LCROSS) zur Mondkrater-Beobachtung respektive Erfassung. Danach, in den
Jahren 2011 und 2012, soll ein mittelgroßer
Lander an dem möglichen Ort, wo die
Station errichtet werden soll, niedergehen.
Das Landemodul könnte einen Rover mitführen, der in den dunklen Teil des
Shackelton-Kraters fährt. Mit dieser Mission
will man auch einen Kommunikationssatelliten zu Demonstrationszwecken in
einer lunaren Bahn aussetzen.
Energieversorgung der Station
Die wichtigste Entscheidung für diesen Ort
lag in der Energieversorgung. Der Shackelton-Krater ist aus wissenschaftlicher Sicht
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Raumfahrt Concret 1/2007
RC-Thema
an eine SPU angeschlossen werden. Die SPU
hat ein 200 m langes Kabel zur Verfügung,
um die Energie zu anderen Ausrüstungen,
wie dem Landemodul und Habitat-Modulen
zu leiten.
„Roving“ auf der Oberfläche
Das Südpol-Aitken-Becken ist der größte und tiefste Einschlagskrater im Sonnensystem. Dieser Blick zeigt das Zentrum
des Beckens bei 56 Grad Süd und 180 Grad Ost. Der Kraterrand hat einen Durchmesser von 2.500 km. Das Becken ist
an manchen Stellen bis zu 13 km tief, während die durchschnittliche Tiefe 10 km beträgt. Dieses Bild - aufgenommen
von NASAs Clementine-Raumsonde - besteht aus einer farbkodierten Topografiedarstellung, die mit einem Schattenrelief des Mondes überlagert wurde. Violett und blau sind tiefe Stellen, orange und rot kennzeichnen Höhenlagen.
Foto: Clementine Science Group, Lunar and Planetary Institute.
zwar sehr interessant, aber er hat zusätzlich
auch den Vorteil, dass der Kraterrand 75 bis
80 % der Zeit im Sonnenlicht liegt. Die
NASA-Ingenieure entschieden sich aus
Kostengründen gegen einen Atomreaktor
als Energiequelle. Stattdessen soll eine
Energieeinheit verwendet werden, die vollkommen autark ist, eine sogenannte
Standard Power Unit (SPU), die Energie produziert, lagert und verteilt. Dazu gehören
Solarpaneele, die sich automatisch nach
dem Sonnenlicht ausrichten. Während des
Tages kann eine SPU 10 kW Strom produzieren. Die SPU wird mit einem Rover, der kein
Druckausgleichssystem besitzt, aber von
einem Astronauten gefahren wird, zur endgültigen Position gesteuert. In Zeiten, wo
keine direkte Sonneneinstrahlung erfolgt,
Anzeige
14
wird die Energieversorgung durch eine
separate Make-up Power Unit (MPU) bzw.
ein Ersatzenergiemodul erreicht, eine wiederaufladbare Brennstoffzelle, die mit
Wasserstoff und Sauerstoff (im Gaszustand)
arbeitet und 2 kW produziert. Diese
Brennstoffzellen sind denen, die im Space
Shuttle Verwendung finden, ähnlich, doch
im Gegensatz zu ihnen sind sie wiederaufladbar. Wenn sich die Solar-Paneele im
Sonnenlicht befinden, kann man einen Teil
des Stroms dazu benutzen, Wasser in die
Grundstoffe Wasserstoff und Sauerstoff zu
spalten um die Brennstoffzellen in dem
MPU-Modul wieder aufzuladen. Wenn die
Sonne verdeckt ist, bringt man die zwei
Stoffe wieder zusammen und das MPUModul generiert Strom. Zwei MPUs können
Die NASA plant bis 2020 zwei unhermetisierte Rover einzusetzen, die 2 bis 4 Astronauten bis auf eine Entfernung von wenigstens 50 km transportieren können. Bis 2021
sollen Frachten von 6 bis 20 metrischen
Tonnen mindestens 500 m weit befördert
werden können. Bis 2022 möchte die NASA
einen „Packesel“, einen automatisch gesteuerten Rover, einsetzen, der Ausrüstungen
für die Astronauten befördern kann. In den
Jahren zwischen 2025 und 2027 würde die
NASA einen Rover mit Druckausgleich einsetzen, mit dem zwei Astronauten 500 km
weit hin- und rückreisen können. All diese
mobilen Vehikel sind so konstruiert, dass sie
eine Lebensdauer von 5 Jahren oder mehr
haben.
Die Kommunikationsverbindung direkt zur
Erde während der robotischen Erkundungsphase wird durch Antennen auf dem
Landemodul und einem Satelliten in der
Mondumlaufbahn (Lunar Relay Satellit 1 –
LRS-1) gewährleistet.
Aufbau der Mondbasis
Die NASA umriss ebenso die Schritte die
notwendig sind, um den Außenposten zu
errichten. Es ist aus den Studien nicht klar
ersichtlich, ob bereits mit ORION 13 der
Aufbau der Station beginnt, oder erst mit
der 2. oder 3. ORION-Mission.
Planungsunterlagen nennen den Anfang
des Aufbaus das Jahr „0“.
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Raumfahrt Concret 1/2007
RC-Thema
Eine kombinierte Crew/Fracht-Mission mit
angebautem SPU und einem Rover wird den
Anfang machen. Danach plant die NASA
zwei Flüge pro Jahr, um die Mondbasis zu
errichten.
Die nächste Mission, mit der Designation
Jahr 1-A wird 7 Tage dauern. Ein zweites
Landemodul wird neben dem ersten niedergehen und eine SPU-Einheit aufstellen. In
dem gleichen Jahr wird ein drittes Landemodul, das einen 2. Rover und eine 2. SPUEinheit sowie einen „Surface Mobilty
Carrier“ (Fahrgerät) mitführt, auf dem Mond
landen. Dieser Einsatz dauert ebenfalls 7
Tage.
Mission Jahr 2-A wird ebenso 7 Tage in
Anspruch nehmen und mit dem Lander zwei
aufblasbare Wohneinheiten (HAB-1) absetzen. HAB-1 ist ausgerüstet mit dem
Notwendigen zum Schlafen, Essen, Hygiene
und auch Stauraum.
Jahr 2-B (7 Tage) bringt eine 3. einsatzbereite SPU und zwei Energiespeichereinheiten
zur Mondoberfläche. Die Jahr 3-A-Mission
wird 14 Tage dauern und bringt 2 aufblasbare Wohneinheiten. HAB-2 wird für den
Außeneinsatz zusätzliche Ausrüstungen
bereitstellen, wie eine Ersatzluftschleuse,
Raumanzugsservice, Werkzeug und ein
Ersatzteillager. HAB-3 beinhaltet eine auf
180 Tage erweiterte Unterkunft mit einem
geschlossenen Lebenserhaltungssystem, Verbrauchsgüter für 180 Tage und einen
Dockingmechanismus für den Nachschub.
Es besitzt auch einen Verbindungstunnel zu
den anderen Unterkünften. Der nächste
Einsatz bringt zwei weitere Energiespeicher
und eine 4. SPU-Einheit.
Der nächste Große Schritt wird mit den Jahr
4 und 5-Missionen erreicht, die 30 Tage in
Anspruch nehmen werden. Ein 4. Habitat
wird abgeladen, das die notwendige Logistik
für wissenschaftliche Untersuchungen des
Mondes und ein am Ort zu verwendendes
Modul für Bodenuntersuchungen enthält.
HAB-4 verfügt über eine keimfreie, abgedichtete Kammer, um Bodenproben zu
untersuchen sowie Ausrüstungen für wissenschaftliche Experimente, die nach
Lebensspuren auf dem Mond forschen sollen. Ferner Werkzeuge für die Aktivitäten
außerhalb der Habitate.
Die Jahr 5-A-Mission wird 30 Tage dauern
und bringt zwei weitere Logistikeinheiten,
einen neuen, ohne Druckausgleich ausgerüsteten Rover (wohl als Ersatz für den ersten)
mit. Die Jahr 5-B-Mission wird eine 6monatige Expedition auf der Mondoberfläche beginnen.
Übersetzung: Karl H. Smarsch
Deutsche Bearbeitung: Benno Lewuwa
Start des Frachtraumschiffes (1), Abtrennung der Booster (2) und Zünden der 2. Stufe (3), um die Nutzlast, wie z.B. den Mondlander, auszusetzen (4). Das Mannschaftsraumschiff startet (1a), Abtrennung der zweiten Stufe (2a), Erreichen der Umlaufbahn, wo es mit dem Lander
koppelt (5) und nach dem Zünden der „Abflugstufe“ in Richtung Mond aufbricht. Die „Abflugstufe“ wird abgeworfen (7) und das Raumschiff
schwenkt in die Mondumlaufbahn ein (8). Vier Astronauten landen auf dem Mond (9), erkunden die Mondoberfläche für sieben Tage (10) und
starten mit der Aufstiegsstufe (11) in die Mondumlaufbahn. Dort koppelt die Fähre mit dem Mannschaftsraumschiff (12) und fliegt zurück
zur Erde. Die Aufstiegsstufe (13) und das Servicemodul werden abgetrennt (14), die Kapsel tritt in die Erdatmosphäre ein (15) und landet am
Fallschirm (16). Fotos und Grafik: NASA.
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RC-Rückblick
1967: Katastrophenjahr
der bemannten Raumfahrt
Von Horst Jelitte
Die Apollo 1-Astronauten (von links): Virgil I. Grissom, Edward H.
White und Roger B. Chaffee.
Das Jahr 1967 markiert ein schwarzes Jahr
in der bemannten Raumfahrt! Mitten im
Wettlauf zum Mond mussten die beiden
Kontrahenten empfindliche Rückschläge
hinnehmen. Am 27. Januar 1967 starb die
Mannschaft von Apollo 1 bei einem verheerenden Brand in ihrem Raumschiff. Nur drei
Monate später verunglückte der russische
Kosmonaut Wladimir Komarow bei der
Rückkehr aus dem Weltall. Der Bremsfallschirm hatte sich nicht richtig entfaltet,
und er stürzte in den Tod.
Apollo 1
16
Das Unglück geschah dort, wo es niemand
erwartet hatte - auf der Erde! Bisher war die
amerikanische Raumfahrt von Rückschlägen verschont geblieben. Alle bemannten
Flüge waren glücklich zu Ende gegangen,
und die westliche Großmacht rüstete sich
für den Ansturm auf den Mond. Nach
Gemini schien der Weg zum Mond frei!
Die entscheidende Etappe sollte das APOLLO-Programm werden, mit einer neuen
Generation von Fluggeräten. Dazu gehörte
auch die von North American entwickelte
Apollo-Kapsel. Konzipiert für drei Mann
Besatzung bildete sie neben der Landefähre
und der Saturn V das Grundgerüst für die
Mondlandung.
Am 26. August 1966 lieferte North American die für den Jungfernflug vorgesehene
Kapsel an die NASA aus. Nach den Werkskontrollen schlossen sich üblicherweise weitere Überprüfungen beim Kennedy Space
Center der NASA an. Am 10. November
begannen die Testverfahren in den großen
Höhenkammern. Sie wurden am 3. Januar
1967 erfolgreich beendet. Drei Tage später
wurde die Apollo-Kapsel mit der Seriennummer SC 012 auf die Spitze einer Saturn IB
gesetzt.
Jetzt begann die konkrete Missionsvorbereitung, in der unter realistischen Bedingungen der Countdown geprobt wird.
Realistische Bedingungen, das hieß bei reiner Sauerstoffatmosphäre mit einem Druck
von 1,17 atü und bei hermetisch verschlossener Kapsel.
Für den 27. Januar 1967 war ein sogenannter 'Plugs out'-Test angesetzt. Bei diesen
Tests wurden alle elektrischen Verbindungen
und Versorgungsleitungen zum Raumschiff
unterbrochen, um das Funktionieren aller
Komponenten bei interner Energieversorgung zu erproben.
Kommandant des geplanten Erstfluges der
Apollo-Kapsel war Virgil 'Gus' Grissom (40),
einer aus der legendären ersten 7er-Gruppe
der NASA mit bereits zweifacher Weltraumerfahrung. Der Pilot von Apollo 1, Edward H.
White (37), brachte ebenfalls Weltraumerfahrung mit. Der dritte Mann an Bord war
der 31-jährige Dr. Roger Chaffee, ein Weltraumneuling. Der ursprünglich vorgesehene
Don Eisele hatte kurz zuvor einen Sportunfall erlitten und wurde durch Chaffee ersetzt.
Nach einem zeitigen Mittagessen waren
Grissom, White und Chaffee etwa gegen
13.00 Uhr auf der Startrampe eingetroffen.
Nachdem die Mannschaft ihre Sitze eingenommen hatte, wurde die Luke von den
Technikern verriegelt. Die Crew schloss ihre
Raumanzüge an die Lebenserhaltungssysteme der Kapsel an, die anschließend mit
reinem Sauerstoff geflutet wurde. Dieses
war das gängige Verfahren.
Im Laufe des Nachmittags traten wiederholt
technische Probleme in der Verständigung
zwischen Kapsel und Bodenkontrolle auf.
Kommandant Grissom beschwerte sich bei
den Technikern: "Wie wollt ihr uns zum
Mond bringen, wenn ihr noch nicht einmal
die Bodenkontrolle zuschalten könnt!".
Aufgrund dieser technischen Schwierigkeiten zog sich die eigentliche Simulation
bis in die frühen Abendstunden hin, und
auch das Verlassen der Kapsel in einem
Notfall sollte noch trainiert werden. Es war
18.31 Uhr, als das Verhängnis begann! Nach
einer ersten, nur unklar zu verstehenden
Äußerung drang plötzlich ein Schrei aus den
Lautsprechern der Bodenkontrolle: "Wir
haben Feuer im Cockpit!". Einmal ausgebrochen, breitet sich ein Feuer in einer reinen
Sauerstoffatmosphäre rasend schnell aus.
Deshalb nahm das Unglück auch innerhalb
von Sekunden seinen verhängnisvollen Lauf.
Die in der Kapsel angebrachten Sensoren
registrierten starke Rauchentwicklung,
einen Anstieg von Innendruck und Temperatur sowie zunehmende Körperbewegungen der Astronauten, die sich offenbar
zu befreien versuchten. Das jedoch war
nicht so schnell möglich, denn die Luke des
Raumschiffes bestand aus zwei Komponenten. Eine davon ließ sich nur zum
Inneren hin öffnen. "Sprengt die Luke weg;
warum sprengen sie nicht die Luke weg?" dieser dramatische Ruf eines Beteiligten
ging leider an der technischen Gestaltung
der Luke vorbei - diese konnte nicht explosionsartig weggeschleudert werden.
Die zunehmende Rauchentfaltung verhinderte den weiteren Blick in das Innere der
Kapsel, der vorher durch eine am Fenster der
Luke befestigte Kamera möglich war. Die
Sensoren meldeten weiter zunehmende
Bewegungen der Crew. Dramatisch war der
Hilferuf von Chaffee nach 12 Sekunden:
"Raus hier - es brennt. Macht auf." Aufgrund des starken Innendruckes platzte
dann die Außenhaut der Kapsel an einigen
Stellen auf und Stichflammen und Qualm
drangen in den 'White Room'. Für Sekundenbruchteile war noch einmal so etwas
wie ein Schmerzensschrei zu vernehmen.
Dann herrschte Ruhe.
Sofort nach der ersten Warnmeldung reagierten die Techniker, die auf dem Startturm
in unmittelbarer Nähe der Kapsel arbeiteten.
Zunächst versuchten Sie, die Luke zu öffnen.
Doch als die Stichflamme durch die Außenhaut des Raumschiffes schoss, verließen sie
zunächst fluchtartig den 'White Room',
kehrten jedoch unmittelbar daraufhin wieder zurück. Zwei von ihnen suchten nach
Gasmasken und Feuerlöschern, die anderen
beiden liefen immer wieder für kurze
Augenblicke zur Kapsel und bemühten sich
darum, die Luke zu öffnen. Doch die starke
Rauchentfaltung im 'White Room' be-
Apollo 1-Kapsel vor dem Brand. Fotos: NASA.
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Raumfahrt Concret 1/2007
RC-Rückblick
schränkte ihre Bemühungen auf jeweils nur
wenige Sekunden. Es vergingen quälend
lange 5 Minuten bis es gemeinsam mit weiteren herbeigestürzten Helfern gelang, das
Raumschiff zu öffnen. Als der Rauch abgezogen war, bot sich ein Anblick des Grauens.
Grissom, White und Chaffee lagen tot in
ihren Sitzen, erstickt durch die extreme
Rauchentwicklung, wie spätere Untersuchungen zeigten. Das Innere der Kapsel
war völlig ausgebrannt.
Nach dem tragischen Unglück begann die
Suche nach den Ursachen. Die NASA wurde
dabei nicht von Vorwürfen verschont. Der
Titel eines Buches lautete "Mord auf
Startrampe 34", und der Autor warf der
amerikanischen Raumfahrtbehörde vor, im
Wettlauf zum Mond den Zeitfaktor höher
als die Sicherheit der beteiligten Astronauten angesetzt zu haben.
Die ins Leben gerufene Kommission konnte
die eigentliche Ursache der Katastrophe
nicht mit letzter Sicherheit klären. Trotz der
Anhörung von mehr als 1.600 Experten aus
Regierung und Industrie und trotz vielfältiger Analysen in dem 3.000 Seiten starken
Report ist man weiterhin auf Spekulationen
angewiesen. Viele Indikatoren verwiesen auf
einen Kurzschluss unter der Liege von
Grissom. Warum es allerdings zu dieser
Fehlfunktion kam, wurde nie hinreichend
geklärt. Die reine Sauerstoffatmosphäre hat
dann dazu beigetragen, dass das Feuer
schnell auf die ganze Kapsel übergreifen
konnte. Die verwendeten Materialien im
Inneren der Kapsel bildeten zudem einen
vorzüglichen Nährboden für die Flammen.
Gegen Ende der verheerenden Minuten
müssen kurzfristig Temperaturen von annähernd 700 Grad in der Kapsel geherrscht
haben.
Die Lage von Chaffee ließ den Schluss zu,
dass dieser wohl noch versucht hatte, die
innere Luke zu öffnen, doch die Geschwindigkeit des tragischen Ereignisses ließ ihm
keine Chance.
Umfangreich waren die Konsequenzen, die
die NASA aus dem Unglück zog. Neben personellen Veränderungen waren es vor allem
erhebliche technische Modifikationen, die
eine Wiederholung einer solchen Tragödie
ausschließen sollten:
• die Einstiegsluke zur Kapsel wurde völlig
neu konstruiert; sie war zukünftig innerhalb
von 10 Sekunden zu öffnen.
• Im Inneren der Kapsel durften nur noch
schwer entflammbare Materialien Verwendung finden. Das galt natürlich auch für die
Mondlandefähre.
• Die Übungen am Boden wurden nach dem
Brand von Apollo 1 nur noch bei einer
Mischatmosphäre aus 60 % Sauerstoff und
40 % Stickstoff durchgeführt.
Darüber hinaus empfahl die Kommission
Komarow (Mitte) und Gagarin (links) mit der geplanten Sojus 2-Kopplungs-Besatzung Chrunow, Jelisejew und Bykowski
(von links). Fotos: Archiv.
vielfältige kleinere Korrekturen an der
Apollo-Kapsel.
Die Grundkonzeption als solche jedoch blieb
unangetastet! Eine komplette Neuplanung
hätte das Raumfahrtprogramm der USA um
Jahre zurückgeworfen. Diese Entscheidung
fiel aber nicht nur aus zeitlichen Überlegungen heraus, sondern auch aus der Überzeugung, dass mit der Apollo-Kapsel letztlich
ein flexibles und leistungsfähiges Raumschiff zur Verfügung stand. Eine richtige
Einschätzung, wie die Zukunft zeigte. Im
Oktober 1968 nahm die NASA die bemannten Flüge wieder auf. Im Juli 1969, nur 9
Monate später, stand Neil Armstrong als
erster Mensch auf der Oberfläche des
Mondes.
den Namen Sojus erhielt. Mit diesem neuen
Typus sollten insbesondere orbitale Manöver
und Andockvorgänge erprobt werden.
Der erste unbemannte Start des neuen
Raumschiffes fand am 28. November 1966
statt. Die Kapsel konnte allerdings in der
Umlaufbahn nicht stabilisiert werden, so
dass sie, um ein Niedergehen auf fremdem
Territorium zu verhindern, zerstört wurde.
Beim zweiten Testflug einer Sojus-Kapsel
explodierte das Startgerät, und der dritte
Anlauf (7. Februar 1967) endete mit einer
katastrophalen Landung. Obwohl damit alle
drei Erprobungen nicht erfolgreich verlaufen waren, glaubte man genügend Erfahrungen gesammelt und alle aufgetretenen
Fehler genau analysiert und ausgemerzt zu
haben, um zu bemannten Flügen übergehen
zu können. Zwar gab es warnende Stimmen,
Sojus 1
Die UdSSR hatte den Wettlauf zum Mond doch diese konnten sich nicht durchsetzen.
natürlich angenommen und war bisher Dazu mag auch die Konkurrenzsituation
durch beeindruckende Pioniertaten in der beigetragen haben. Nach einer Abstinenz
unbemannten und bemannten Raumfahrt
hervorgetreten. Zwar hatten die Amerikaner
nach der Initiative von Präsident Kennedy
deutlich aufgeholt, aber das Rennen war
keineswegs entschieden. Anfang 1967 noch
hatte NASA-Administrator James E. Webb
vor dem House Space Committee in
Washington auf die Entwicklung einer
gewaltigen russischen Rakete mit einem
Schub von mehr 4,5 Millionen Kilogramm
hingewiesen. Auch wenn die Amerikaner
über kein Detailwissen verfügten, so zeigte
das doch, dass die Sowjetunion ebenfalls
das Ziel anstrebte, einen Menschen zum
Mond zu bringen.
Seit dem letzten bemannten Raumflug
allerdings waren mehr als zwei Jahre vergangen. In dieser Zeit entwickelte auch die
UdSSR neue Hardware für den Wettlauf im
All. Unter der Leitung Koroljows war auf der
Basis des ursprünglich für die Mondmission
entwickelten Typus 7K das dreisitzige
Raumschiff 7K-OK entwickelt worden, das
Komarow-Monument an der Unglücksstelle.
Foto: Archiv Römisch.
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Raumfahrt Concret 1/2007
Rezensionen
RC-Thema/Rezension
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von zwei Jahren wollte sich die Sowjetunion
mit einer neuen Glanztat eindrucksvoll in
Erinnerung bringen. Es war geplant, zunächst Sojus 1 mit einem Kosmonauten in
die Umlaufbahn zu schicken. Wenige Tage
später sollte Sojus 2 mit den Kosmonauten
Waleri F. Bykowski, Alexej S. Jelisejew und
Jewgeni W. Chrunow starten. Die beiden
Raumschiffe sollten im Weltall andocken,
Jelisejew und Chrunow mit einem neu entwickelten Raumanzug durch den freien
Weltraum in Sojus 1 umsteigen. Danach
würde diese Kapsel mit allen drei Kosmonauten zur Erde zurückkehren, während
Bykowski mit Sojus 2 landete.
Der für Sojus 1 ausgewählte Kosmonaut war
Wladimir M. Komarow. Er war bereits im
Oktober 1964 mit Woschod 1 im Weltall.
Damals hatte er gemeinsam mit seinen
Kollegen Feokstitow und Jegorow in gut 24
Stunden sechzehn mal die Erde umrundet.
Es war der erste Drei-Mann-Flug in der Geschichte der Raumfahrt. Komarow sollte
jetzt der erste sowjetische Raumfahrer werden, der zum zweiten Mal ins All flog.
Der Start des Raumschiffes am 23. April
1967 verlief reibungslos. Doch dann begannen die Probleme. Einer der beiden Solarzellenträger entfaltete sich nicht, so dass die
Kapsel nicht über genügend Energie verfügte, um das geplante Programm zu absolvieren. Die Bordbatterien waren verhältnismäßig schwach. Zudem funktionierte die
Lagekontrolle nicht einwandfrei. Komarow
hatte Probleme, das Raumschiff zur Sonne
hin auszurichten. Demzufolge produzierte
auch der zweite Solarzellenträger weniger
Energie, ein weiteres Manko. Zwar wurde
zunächst erwogen, Sojus 2 planmäßig in
den Orbit zu schicken. In einem Außenbordmanöver hätten zwei Kosmonauten versuchen können, den festklemmenden Solarzellenträger zu befreien. Schlechte Witterungsbedingungen hielten das Raumschiff jedoch am Boden. Deshalb wurde entschieden, Sojus 1 bereits einen Tag nach
dem Start vorzeitig zur Erde zurückzuholen.
Nachdem ein erstes automatisches Einleiten
des Rückkehrmanövers gescheitert war,
zündete Komarow die Bremsraketen manuell. Die Rückkehr zur Erde begann. In etwa
sieben Kilometern Höhe sollte sich der
Hauptfallschirm öffnen. Doch das System
versagte. Der Hilfsfallschirm konnte den
Hauptfallschirm nicht aus dem Container
ziehen. Komarow betätigte das Notfallschirmsystem. Dieses sprach zwar an, doch der
nicht abgeworfene Hilfsfallschirm verhinderte offenbar die Entfaltung des Not-
Faszination
Universum
Eine
Entdeckungsreise in das
Reich der Sterne
Autoren die Mühe gemacht haben ein paar Worte
zum Teleskop selbst zu verlieren. Das gleiche trifft
auf die Erläuterungen zu den Planeten unseres
Sonnensystems, die Galaxien, die Nebel, Quasare,
Sternenhaufen und alles was Hubble-Fotos so hergeben, zu. Wie gesagt, alles sehr knapp und allgemein gehalten. Der Trumpf jedoch sind und bleiben
die prächtigen Aufnahmen.
Benno Lewuwa
Von Mark Emmerich und Sven Melchert
Kosmos-Verlag, gebunden, 199 Seiten,
150 zumeist großformatige Farbfotos, 29,90 Euro,
ISBN 978-3-440-10612-9
Darf es noch eine Portion mehr sein? Das vorliegende Buch reiht sich gefällig in die vielfältigen
Publikationen rund um das Weltraumteleskop
„Hubble“ ein. Auch wenn man von Hubble eigentlich
nie genug bekommen kann, könnte es das Werk
schwer haben, in dem breiter werdenden astronomischen Angebot des Buchhandels aufzufallen!
Die Aufnahmen sind, wie sollte es anders sein wenn
es um Hubble geht, spektakulär, der sparsame
Begleittext ist gefällig. Dies ist kein Buch für
Hardliner, sehr wohl aber für den breiten Kreis von
Interessenten mit geringen Astronomiekenntnissen
– kurzum ein nettes Geschenkbuch für Jedermann.
Der relativ hohe Preis macht es nämlich nicht zu
dem Schmöker, den man kurz entschlossen aus dem
Laden nach Hause trägt. Schön ist, dass sich die
Nach Löschen der Flammen suchen Helfer der Bergungsmannschaft in der Asche nach den Überresten von
Komarows Körper.
Video-Still der noch brennenden Rückstände der Sojus 1 Kabine während der Bergung. Lediglich ein Spant der
Kabinendecke war noch zu identifizieren.
RaumfahrtWissen
von Eugen Reichl,
Aydogan Koc
Motorbuch Verlag,
gebunden, 291 Seiten
29,90 Euro,
ISBN 978-3613026667
Den beiden Autoren ist eine beachtliche Leistung
gelungen: umfassendes Raumfahrtwissen, wie z. B.
die Grundlagen der Raumfahrt, Weltraumbahnhöfe,
Systeme von Raumschiffen, medizinische Aspekte,
Nutzanwendungen oder aufstrebende Raumfahrtnationen, auf 291 Seiten unterzubringen, ohne zu
arg zu quetschen! Kompaktes Fachwissen wird von
schirms. Die Kapsel mit Komarow stürzte
ungebremst zur Erde und schlug mit etwa
40 Metern pro Sekunde auf den Boden auf.
Komarow war sofort tot.
Für die sowjetische Raumfahrt bedeutete
das einen herben Rückschlag. Es dauerte 18
Monate, bis im Oktober 1968 mit Sojus 3
das nächste bemannte Raumschiff startete.
Die Untersuchung des Unglücks offenbarte
sowohl konstruktive Mängel als auch unsauber ausgeführte technische Arbeiten am
Raumschiff als die Hauptursachen der
Katastrophe. Auch bei Sojus 2 war das der
Fall. Die drei Kosmonauten können also von
Glück sagen, dass die Witterungsbedingungen ihren Start verhinderten. Konsequenterweise wurden sowohl das Fallschirmsystem der Sojus-Kapsel komplett
überarbeitet als auch an der Kapsel selbst
konstruktive Verbesserungen vorgenommen.
Im weiteren Raumfahrtprogramm der
UdSSR wurde die Sojus-Kapsel dann zu einem der zuverlässigsten Raumschiffe überhaupt.
Reichl und Koc mit Hintergrundwissen, abgesetzt als
farbig markierter Einschub, gepaart. Diese Kästchen
sind dann auch im Inhaltsverzeichnis schnell wiederzufinden. Allerdings verwirrt die Gliederung des
Buches ein wenig: So wird das Thema „Orientierung
im Weltraum“ fast zum Schluss abgehandelt, dabei
hätte es in das Kapitel „Die Rakete: Grundlagen und
Technik“ gehört, genauso wie „Systeme des
Raumfahrzeuges“. Manchmal fällt es auf, dass die
Beschreibungen unnötig technisch-nüchtern ausfallen, während der Schreibstil an anderer Stelle frisch
und flüssig daherkommt und mit pfiffigen Überschriften überrascht. Den beiden Autoren ist es
gelungen interessante Fotos, wie z.B. von der N-1 im
Buch zu verewigen. Auffällig ist die korrekte
Bewertung der Raumfahrt in Ost und West, was man
westlichen Beobachtern wie den beiden IngenieurAutoren, nicht auf Anhieb zutrauen würde. Sollte
eine neue oder erweiterte Auflage anvisiert werden,
dann würde es sich lohnen, den Rechtschreibfehlern
oder doppelten Absätzen zu Leibe zu rücken und
auch die Raumfahrtstatistik am Ende des Buches
weniger stiefmütterlich zu behandeln.
Von diesen Schönheitsfehlern abgesehen, wird die
Publikation ihr Publikum finden, besonders unter
den jungen Leuten, denen die Schule Raumfahrtwissen flächendeckend vorenthält.
Jacqueline Myrrhe
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Raumfahrt Concret 1/2007
RC-Thema
Volksrepublik China die dritte Weltraummacht (Teil 7)
Ein langer Marsch zur
kommerziellen Raumfahrt
Vergangenheit und Zukunft von Chinas Startdienstleistungen
Von Chen Lan
Vor 30 Jahren hat China einen historischen
Schritt gewagt und damit begonnen, die
Volkswirtschaft des Reiches der Mitte vom
stalinistischen Stil der Zentralen Planwirtschaft hin zur Marktwirtschaft zu führen.
Für diesen noch andauernden Prozess wurde
der Begriff „Reform und Öffnung“ geprägt.
Das Land hat seitdem den Schwerpunkt auf
die ökonomische Entwicklung gelegt. Dies
wiederum hatte einen großen Einfluss auf
das Raumfahrtprogramm. Viele militärische
und wissenschaftliche Raumfahrtprojekte
wurden gestrichen oder verschoben. Lediglich Satellitenprogramme mit Nutzanwendungen und die Entwicklung der Trägerraketen überlebten. Die staatlichen Budgets
für das Raumfahrtprogramm wurden beträchtlich reduziert. Raumfahrtinstitutionen
hatten Produkte zu produzieren, die mit der
Raumfahrt nichts zu tun hatten, wie z.B.
Kühlschränke und Motorräder. Dadurch
konnten sie Einnahmen erzielen, die dazu
dienten, den Erhalt der Institution zu
sichern. Zur gleichen Zeit wurde die Dienstleistung für Transporte in die Umlaufbahn in
den westlichen Ländern zu einem einträglichen Geschäft. Die Ariane-Rakete und das
Space Shuttle waren die einzigen Träger auf
dem kleinen aber dynamisch wachsenden
Markt. Es gab innerhalb der chinesischen
Raumfahrtindustrie einige Leute mit Weitblick, die erkannten, dass China eine Rolle
auf diesem Gebiet der kommerziellen Startdienstleistungen spielen könnte. Einer von
ihnen war der zu der damaligen Zeit amtierende Stellvertretende Minister für Raumfahrt, Liu Jiyuan.
Am 8. April 1984 startete China seinen
Liu Jiyuan.
ersten geostationären Kommunikationssatelliten ins All. Es war der DFH-2-Satellit,
der mit einer neuen Langer-Marsch-Rakete
(CZ-3) transportiert wurde. Das war ein
Meilenstein in der chinesischen Raumfahrtgeschichte und legte den Grundstein für das
Geschäft mit kommerziellen Starts.
Gleich nach dem Start von DFH-2 berief Liu
Ende April des gleichen Jahres eine Versammlung ein, um die Möglichkeiten Chinas
bezüglich der Bereitstellung von kommerziellen Startkapazitäten für andere Länder zu
beraten. Trotz aller Bedenken und gegen alle
Widerstände konnten sich die Entscheidungsträger zu einem Übereinkommen
durchringen. Kurz darauf hat Liu eine
Gruppe aufgestellt, die den Markt erforschen sollte und eine Studie über die
Herangehensweise verfasste. Ihm gelang es,
die Arbeit der Gruppe durch ein Budget von
300.000 RMB Yuan (ungefähr 30.000 Euro
zum gegenwärtigen Kurs) abzusichern. Das
Team wurde von Liu persönlich geleitet und
hatte insgesamt 10 Mitglieder, unter ihnen
Wu Keli und Huang Zhuoyi.
gedenkt, für die Ausführung der kommerziellen Satellitenstarts die Rakete vom Typ
Langer Marsch zu nutzen.
Für Liu Jiyuan und seine Befürworter war es
sehr ermutigend, dass solch ein Ziel nahezu
problemlos innerhalb von nur eineinhalb
Jahren erreicht werden konnte. Dennoch
hatten sie nicht erkannt, dass dies nur der
Anfang eines langen und schweren Marsches
war, der von vielen Hindernissen erschwert
und sogar von Tränen und Blut begleitet
wurde.
Die ersten Schritte
Bis zur Mitte des Jahres 1985 hatte China
lediglich 13 erfolgreiche Starts ausgeführt.
Die neue CZ-3, die für den Transport von
Kommunikationssatelliten in Frage kam,
konnte zu dieser Zeit auf nur einen erfolgreichen Start verweisen. Auf der anderen
Seite kam hinzu, dass Chinas Raumfahrtfunktionäre keinen blassen Schimmer von
Marktwirtschaft und den damit einhergehenden Geschäftsgebaren hatten. Sie hatten auch keine Ahnung, wie man an
Ausschreibungen teilnimmt. Ohne brauchbare Angebote und ohne Erfahrungen im
internationalen Geschäft schien es weitaus
schwieriger zu sein, die Langer-MarschRakete ausländischen Kunden schmackhaft
zu machen, als einen Satelliten letztendlich
in die korrekte Umlaufbahn zu bringen.
Offensichtlich hatte Chinas Startdienstleistung einen wichtigen Wettbewerbsvorteil und das war ihr niedriger Preis.
Anfänglich hat China den Preis für die gleiche Nutzlast 15 % niedriger als den von
westlichen Mitbewerbern angeboten. Erste
Kontakte mit ausländischen Kunden wurden
Mitte und Ende 1985 gemacht, aber keiner
Am Ende des Jahres 1984 wurde der
davon gedieh sehr weit.
COSTIND-Kommission (Commission of Science,
Technology and Industry for National
Der Durchbruch kam eher zufällig. Im NoDefense – Komission für Wissenschaft,
vember 1985 bemühte sich eine Delegation
Technologie und Industrie zur nationalen
der Swedish Space Corporation (SSC) daVerteidigung) ein Papier mit dem Vorschlag
rum, die chinesischen Trägerraketen begutfür kommerzielle Startdienstleistungen vorachten zu dürfen. Nach dem Besuch der
gelegt. Am 2. April 1985 wurde die BegutRaketen-Montagehalle in Peking hatten die
achtung der Machbarkeitsstudie für dieses
Schweden ihren Wunsch ausgedrückt, für
Geschäft abgeschlossen. Die Schlussden Start ihres Mailstar LEO-Kommunifolgerungen daraus waren positiv und somit
kationssatelliten die CZ-2C benutzen zu
wurde die erste Entscheidung getroffen. Im
können. Das hat die Chinesen überrascht.
Mai und Juni kündigte China auf dem
Zwei Monate später, am 23. Januar 1986,
Aerosalon in Le Bourget und auf verschiedewurde ein Abkommen zur Reservierung
nen internationalen Konferenzen offiziell
eines Starts unterzeichnet. Einer der Gründe
die Bereitstellung kommerzieller Startdafür, dass die CZ-2C unter den anderen
dienstleistungen an. Diese Neuigkeit hatte
weltweiten Möglichkeiten ausgewählt wurinnerhalb der internationalen Gemeinschaft
de, war ein sehr persönlicher. Sven Grahn,
große Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
der Projektmanager von SSC (nun deren
Am 27. Oktober 1985 gab die amtliche chiVizepräsident) ist ein Mitglied der bekannnesische Nachrichtenagentur Xinhua erstten Kettering Group und er hat sich seit den
malig und offiziell bekannt dass China
60ern für den Empfang von Satelliten-
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Raumfahrt Concret 1/2007
RC-Thema
signalen interessiert. Er hat Signale von fast
allen chinesischen Satelliten empfangen
und kannte sich sehr gut im chinesischen
Raumfahrtprogramm aus. Sein Vertrauen in
die chinesischen Trägerraketen beförderte
die Verhandlungen. Das chinesische Trägerraketengeschäft machte seinen ersten
Schritt nach vorn.
20
Fünf Monate nachdem der erste Vertrag
unterschrieben worden war, explodierte 73
Sekunden nach dem Start die US-amerikanische Raumfähre Challenger. Diesem
Unglück folgten Startprobleme bei der
Titan-, Delta- und Ariane-Rakete. Der Markt
für kommerzielle Starts sah plötzlich ganz
anders aus und das gab der Langen Marsch
eine gute Gelegenheit. In der ersten Hälfte
von 1986 wurde die Entscheidung getroffen, das Geschäft mit den kommerziellen
Starts unter dem Dach der China Great Wall
Industry Corporation, dem internationalen
Geschäftsbereich von Chinas Raumfahrtindustrie, anzusiedeln. Diese neue Abteilung
für Startdienstleistungen wurde von Wu Keli
geleitet. Noch im selben Jahr wurde eine
Repräsentanz in Los Angeles eingerichtet.
Huang Zuoyi war der einzige vollbeschäftigte Angestellte in diesem Büro. Beide, Wu
und Huang, besuchten noch im gleichen
Jahr eine Reihe von Kunden in den USA. Ihre
Bemühungen zahlten sich aus. In diesem
ersten Jahr, vom Januar 1986 bis zum
Januar 1987, wurden zwei Verträge und
fünf Reservierungen unterzeichnet, auch
wenn die meisten davon sich als Enttäuschungen herausstellen sollten. Die dramatischste Aktion hing mit dem Vertrag für
Westar 6 zusammen. Dieser war ein Hughes
376-Kommunikationssatellit, der während
der STS-51A-Mission im Jahre 1984 eingefangen und zur Erde zurückgeführt wurde.
Er lag mit seinem Gewicht in der 1.400 kgBegrenzung für die GeotransferorbitFähigkeit der CZ-3. Nachdem die Reservierungsvereinbarung unterzeichnet wurde,
wurde der Eigentümer, die Western Union
allerdings umorganisiert. Der Satellit wurde
an die in Houston stationierte Teresat verkauft. Mit Teresat konnte im Juni 1986 eine
Vereinbarung abgeschlossen werden, der am
28. Januar 1987 ein formeller Vertrag folgte. Kurz darauf wurde Teresat geschlossen.
Nur einen Monat später unterzeichnete eine
andere kurzlebige Firma, die den Satelliten
übernommen hatte, einen Vertrag mit China
und machte kurz darauf ebenfalls dicht. Am
2. Januar 1989 dann wurde das Schicksal
des Satelliten endgültig besiegelt, als
Asiasat den Startvertrag mit CGWIC unterzeichnete. So wie ursprünglich geplant, sollte ein Start auf der CZ-3 erfolgen. Asiasat ist
nicht nur ein Konsortium der in Hong Kong
angesiedelten Hutchinson Telecommunications, der britischen Cable & Wireless und
der chinesischen China International Trust
and Investment Corporation (CITIC) sondern
auch ein Pionierunternehmen für Satellitenkommunikation in China und Asien.
Asiasat 1 war ein in den USA hergestellter
Satellit und daher musste für seinen Export
eine Genehmigung der USA-Regierung ausgestellt werden. Für die USA-Seite lagen
zwei entscheidende Gründe vor, die Lizenz
zu verweigern. Einer davon war, dass chinesische Starts von der Regierung finanziert
werden und dies eine Wettbewerbsverzerrung darstellt. Der andere Grund war,
dass der US-amerikanische Satellit auf chinesisches Territorium transportiert werden
müsste und das zur Ausspionierung von
sensiblen Technologien führen könnte.
Chinas Position zu diesen beiden Sorgen der
USA war stets, dass die chinesischen
Startkapazitäten lediglich eine Ergänzung
zum internationalen Markt darstellen und
den Hauptakteuren in keiner Weise das
Geschäft verderben können. Gleichzeitig hat
China stets klar gemacht, dass ausreichende
Maßnahmen zum Schutz von US-amerikanischen Geheimnissen garantiert werden
können. Um diesen Problemen beizukommen hatten sich beide Regierungen an
einen Tisch gesetzt und zwei Runden von
zähen Verhandlungen absolviert. Am Ende
konnten im November 1988 und Januar
1989 drei MOUs (Memorandum of Understanding) zum Schutz von Technologien,
über die Pflichten bei Satellitenstarts und
zum internationalen Handel unterzeichnet
werden. Gemäß diesen Dokumenten wurde
die Starterlaubnis für maximal 9 in den USA
produzierten Kommunikationssatelliten innerhalb der folgenden fünf Jahre ausgehandelt. Dann haben die Ereignisse auf dem
Tiananmen-Platz von Peking im Juni 1989
den Prozess empfindlich gestört. Nach einer
langen Zeit mit schwierigen Verhandlungen
hat die Bush-Regierung zugestimmt, die
Export-Lizenz auf der Basis von Einzelentscheidungen zu geben und stimmte dem
Export von Asiasat 1 am 21. Dezember 1989
zu. Das war weniger als vier Monate vor
dem geplanten Start von Asiasat 1.
Der Satellit traf am 12. Februar 1990 auf
dem Xichang-Startkomplex ein. Begleitet
wurde er von einem Startvorbereitungsteam
der Firma Hughes und Sicherheitsbeamten
der USA-Regierung. Am 7. April 1990 wurde
Geschichte geschrieben. Die CZ-3 hob vom
Boden ab und setzte Asiasat 1 präzise in
einen Geotransfer-Orbit (GTO) aus. China
betrat mit diesem erfolgreichen Start den
internationalen Markt für kommerzielle
Startdienstleistungen. Es war gleichzeitig
die erste Rückkehr eines aus dem Orbit
geborgenen Satelliten in den Kosmos.
Als mit dem Start von Asiasat 1 eine neue
CZ-3.
Seite im Buch der Satellitenstarts aufgeschlagen wurde, wartete der Vertrag mit der
Swedish Space Corporation noch immer auf
Erfüllung. Das Mailstar-Vorhaben wurde
1987 auf Grund des sich schnell entwickelnden VSAT-Systems gestrichen. Um die
Startmöglichkeit dennoch zu nutzen, entschied sich SSC den wissenschaftlichen
Satelliten Freja statt Mailstar transportieren
zu lassen. Der Startvertrag wurde 1988
unterzeichnet. Freja wurde 1992 erfolgreich
von einer CZ-2C gestartet. Der schwedische
Satellit war dabei eine Huckepack-Nutzlast
zu der Hauptnutzlast, dem rückkehrfähigen
FSW-13-Satelliten.
Neue Trägersysteme
Bereits 1986 hat Huang Zuoyi davon
geträumt mit einem Schwerlastträgersystem, einer Variante der CZ-2C mit Zusatzboostern, den größten am Markt verfügbaren Kommunikationssatelliten zu starten.
Diese Idee fand die Unterstützung vieler
Leute, einschließlich Liu Jiyuan und des
CALT-Direktors Wang Yongzhi. Diese Idee
war auch für Hughes und Aussat (später
Optus), den größten australischen Satellitenbetreiber, attraktiv. Im Oktober 1986
besuchten Vertreter von Hughes zum ersten
Mal China. Im Januar 1987 stimmte der
Minister für Raumfahrt dem Plan zur
Entwicklung der CZ-2E zum kommerziellen
Träger zu. Bereits am 5. Februar 1987 unterschrieb Hughes eine Reservierungsvereinbarung mit China. Hughes gewann ein Jahr
später, im Januar 1988, die Ausschreibung
von Aussat zum Bau von zwei HS-601Satelliten, dem zum damaligen Zeitpunkt
größten Kommunikationssatelliten. Der
endgültige formelle Vertrag für den Start
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RC-Thema
fahrt, dem Außenministerium und vom
COSTIND nahmen an dieser Beratung teil.
Der Entwicklung der CZ-2E wurde letztendlich zugestimmt, allerdings wurden keine
Budgets zur Verfügung gestellt. Die Entwicklungskosten wurden auf 350 Millionen
RMB Yuan (35 Millionen zum gegenwärtigen Kurs) geschätzt. Liu Jiyuan unternahm
jede Anstrengung um das Geld aufzutreiben
und konnte schließlich 20 Millionen Yuan
aus dem Raumfahrtbudget des CALT
erschließen. Damit konnte die Entwicklung
des neuen Trägers begonnen werden. Das
restliche, fehlende Geld wurde später von
Banken geliehen. Die Entwicklung der CZ-2E
wurde von Wang Yongzhi (später Chefingenieur im bemannten Programm) geleitet.
CZ-2E.
der beiden Kommunikationssatelliten Optus
B1 und Optus B2 mit der CZ-2E wurde
schließlich am 31. Oktober 1988 unterzeichnet. Das war eine große Errungenschaft für
die chinesischen Verhandlungsführer, denn
als der Vertrag besiegelt wurde, war der
neue Träger erst auf dem Reißbrett existent.
Der Vertrag war auch eine große Herausforderung für China. Der Zeitplan machte
einen Teststart schon vor dem 30. Juni 1990
erforderlich. Wenn China diesen Zeitrahmen
nicht einhalten würde, hätte das einen
Vertragsbruch zur Folge und eine Vertragsstrafe von einer Million US-Dollar wäre fällig geworden.
Natürlich gab es auch starke Gegner des
Vorhabens innerhalb der Gruppe der chinesischen Entscheidungsträger. Bei einem
Treffen im September 1988 in Huairou und
im November 1988 in Daxing (beides
Vororte von Peking) gab es intensive Debatten zu dem Projekt. Die CZ-2E war nicht
im ursprünglichen Plan der Raketenentwicklung enthalten. Das bedeutete also,
dass Ressourcen und Finanzen von anderen
Projekten geopfert werden müssten. Das
Vorhaben war auch sehr risikoreich, da es
einen steilen Anstieg der LEO-Kapazität von
2 t auf 9 t vorsah. Der brandneue Schwerlastträger und alle neuen Testeinrichtungen
sowie der neue Startplatz mussten innerhalb von nur 18 Monaten fertig gestellt
werden. Das Treffen endete ohne eine
Beschlussfassung. Am 14. Dezember 1988
hatte der Staatsrat speziell zu dieser
Angelegenheit eine Versammlung anberaumt. Der Premierminister Li Peng und der
Vize-Premierminister Yao Yiling sowie
Funktionäre vom Ministerium für Raum-
18 Monate später wurde eine neue Rakete
auf dem neuen Startplatz aufgerichtet. Es
war ein Wunder, nicht nur in der Geschichte
der chinesischen Raumfahrt sondern auch
in der Geschichte der weltweiten Raumfahrt. Der Jungfernflug der CZ-2E erfolgte
am 14. Juli 1990. Der Start der CZ-2E war
erfolgreich, aber die simulierte OptusNutzlast erreichte nicht den Transferorbit,
da der Perigäumsmotor (PKM – perigee kick
motor) versagte. Dennoch war damit der
Weg frei, um die beiden HS-601-Satelliten
zu starten. Außerdem muss erwähnt werden, dass die CZ-2E ein wichtiger Meilenstein in der chinesischen Raumfahrtentwicklung war. Die CZ-2E-Variante wurde
später zur CZ-2F weiterentwickelt, also in
die bemannte Version. Tatsächlich hat die
chinesische Regierung zwei Monate nach
dem Jungfernflug der CZ-2E das Programm
für die bemannte Raumfahrt, das Projekt
921, unterzeichnet. Ohne die CZ-2E hätte es
11 Jahre später keinen bemannten Flug von
Shenzhou 5 gegeben.
das Exportverbot für Satelliten nach China
aufgehoben. Obendrein musste der erste
Startversuch am 22. März kurz nach der
Zündung im Notregime abgebrochen werden. Zum Glück waren sowohl der Satellit
als auch die Rakete noch intakt geblieben.
Die Ursache war ein Stück zusätzliches
Material an der Raketenzündung, das zum
Kurzschluss führte und dann zur Folge
hatte, dass eines der vier Triebwerke abgeschaltet wurde. Fünf Monate später konnte
die dritte CZ-2E Optus B1 erfolgreich starten.
Am Ende des Jahres musste das kommerzielle Raumfahrtprogramm Chinas ein weiteres Missgeschick hinnehmen. Dieses Mal
aber ein echtes Versagen. Optus B2 konnte
gestartet werden, aber der Satellit ging verloren. Obwohl er mit einem Bilderbuchstart
18 Monate später durch Optus B3 ersetzt
wurde, war dies der Anfang einer Pechsträhne in Chinas Programm für kommerzielle Startdienstleistungen. Im Januar 1995
explodierte die vierte CZ-2E nach dem Start.
Der Apstar 2-Kommunikationssatellit wurde
zerstört und sechs Bewohner eines nahe
gelegenen Dorfes wurden getötet. Der
schwerste Zwischenfall ereignete sich am
14. Februar 1996 als die neue dritte Stufe
der CZ-3B ihren Erststart absolvierte.
Aufgrund einer Fehlfunktion einer Kontrolleinheit, änderte die Rakete nach dem
Abheben ihre vertikale Lage in eine horizontale Ausrichtung und schlug in einen 1,85
km entfernten Hügel ein. Abermals wurden
sechs Leute getötet, unter ihnen auch ein
erfahrener Raumfahrtingenieur. Im August
brannte die Oberstufe der CZ-3 zu kurze Zeit
und somit konnte der von Hughes gebaute
Chinasat-7 nicht den erforderlichen Orbit
erreichen.
Im Zeitraum von 1992 bis 1996 hat China
sechs kommerzielle Kommunikationssatelliten erfolgreich auf eine Umlaufbahn
befördert. Dazu gehörten Optus B1 und B3,
Apstar 1 und 1A, Asiasat 2 und Eachstar 1.
Es gab auch Fortschritte in der Anbahnung
von neuen Verträgen. Der größte dieser
Verträge war die Startdienstleistung für den
Iridium-Satelliten. Dieser Start wurde als
Kompensation für Chinas Investitionen in
das Iridium-Programm vollzogen. Aber die
Fehlschläge warfen bereits einen Schatten
auf den Weg des Langen Marsches zum
internationalen Markt. Wenigstens drei bis
Fehlschläge und Erfolge
vier Verträge wurden gestrichen. Dazu
So wie der gesamte Weg in den Weltraum gehörten die für Echostar 2, Asiasat 3,
für die CZ-2E nicht gerade sehr eben war, Globalstar und andere.
war auch das ganze Programm für kommerzielle Startdienstleistungen nicht sehr rei- Im Oktober 1997 konnte China seine kombungslos verlaufen. Die Ereignisse auf dem merziellen Startaktivitäten wieder aufnehTiananmen-Platz haben alle kommerziellen men. Der philippinische Agila-2-Kommuund technischen Koordinierungen zwischen nikationssatellit konnte mit einer verbesserChina, Hughes und Optus unterbrochen. Erst ten CZ-3B in eine Umlaufbahn gebracht
mit Wirkung vom 30. April 1991 hat die USA
Zur gleichen Zeit entwickelte China einen
neuen GTO-Träger, die CZ-3A. Diese Rakete
hatte neu entwickelte kryogene Triebwerke,
die es möglich machten, die GTO-Kapazität
von 1,4 t auf 2,5 t zu erhöhen. Der Plan sah
auch die Entwicklung eines schweren
Trägers, der CZ-3B vor. Diese Version vereinte die Hauptstufe der CZ-3A mit den
Zusatzboostern der CZ-2E. Bis heute ist die
CZ-3B Chinas leistungsfähigste Rakete, die
bis zu 5 t Nutzlast in den GTO transportieren kann.
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DFH-4 Kommunikationssatellit. Fotos: Archiv Autor.
schlechterten sich die Chinesisch-US-amerikanischen Beziehungen.
Hughes und Loral wurden beschuldigt,
während der Untersuchungen zu den CZ-2Eund CZ-3B-Fehlstarts sensible Technologien
an China durchsickern gelassen zu haben.
Lockheed Martin wurde verdächtigt, China
bei der Entwicklung der Smart DispenserTransferstufe für die Iridium-Starts geholfen
zu haben. Diese Transferstufe kann für
militärische Zwecke genutzt werden. China
hat alle diese Beschuldigungen natürlich
zurückgewiesen. Im Jahre 1998 wurde der
Cox Report, ein Bericht über die Ausspionierung von US-Technologien durch China vorgelegt. Als eine Folge des Berichts wurden
die Kontrollen für den Export von Satelliten
und von Raumfahrttechnologien mehr und
mehr verschärft. Von dieser Zeit an wurde es
unmöglich in den USA gebaute Satelliten
CZ-3B.
oder Satelliten mit Komponenten aus den
werden. Einen Monat später startete Apstar USA mit irgendeinem chinesischen Träger zu
2R. Die CZ-3B absolvierte zwei weitere starten.
erfolgreiche Starts im Jahre 1998, als zwei
nationale Kommunikationssatelliten in eine Auf der anderen Seite, stellte China nie seine
Umlaufbahn geschossen wurden. Vom Bemühungen ein. Es wurden Ende der
Dezember 1997 bis zum Juni 1999 voll- 1990er und Anfang des neuen Jahrtausends
brachte China sechs Starts bei denen 12 einige Verträge mit Satellitenherstellern
Motorola/Iridium-Kommunikations- außerhalb der USA abgeschlossen. Einer der
satelliten in den LEO befördert wurden. Verträge bezog sich auf Atlantic Bird 1 der
Obwohl China zu dieser Zeit einen Rekord- in Europa gebaut wurde, ein anderer auf
marktanteil von 10 % des Weltmarktes HKSAT, der von Israel hergestellt wurde oder
abdeckte, hat dieser Erfolg Chinas Position ein anderer auf einen kleinen koreanischen
auf dem Markt nicht gestärkt. Chinas kom- Satelliten. Da aber in allen Satelliten
merzielle Startgeschäfte lagen nach 1998 Komponenten, die in der USA fabriziert
wurden, enthalten sind, wurden die Verträge
plötzlich darnieder.
nie erfüllt. Sie wurden entweder an andere
Dafür gab es zwei Hauptgründe. Ein Grund Startdienstleister, wie Ariane, übergeben
war die generelle Situation auf dem Markt. oder sie wurden storniert.
Die Nachfrage nach GEO-Kommunikationssatelliten sank Ende der 90er Jahre stark ab
und der Markt für LEO-Kommunikationssatelliten brach zusammen. Zur gleichen
Zeit kamen billige russische Startanbieter
zum Zuge, zum Beispiel die Proton-Rakete
von ILS und die Zenit-3S von Sea Launch.
Die Kostenvorteile der Langer-MarschRakete waren damit nicht mehr vorhanden.
Ein anderer Faktor war die internationale
politische Großwetterlage. Nach 1996 ver-
22
Rückkehr zum Markt
Aufgrund der unvorteilhaften Marktbedingungen hat China seine Strategie nach
dem Jahr 2000 angepasst. Die erste Änderung ist die Hinwendung zu europäischen
Satellitenbauern. Dennoch ist die Entfernung aller US-amerikanischen Komponenten von einem Hochleistungssatelliten eine
schwierige Aufgabe für alle Satellitenbetreiber. Dies wird nur für den Fall passie-
ren, dass der Satellit unbedingt von China
aus gestartet werden muss. Daher ist diese
Strategie nur von teilweisem Erfolg gekrönt.
Der Apstar 6-Satellit, der von Alcatel gebaut
und von der in Hong Kong angesiedelten
APT Communications betrieben wird, war
der erste Kommunikationssatellit ohne USamerikanische Komponenten der mit einer
chinesischen Trägerrakete befördert wurde.
Der Satellit wurde am 12. April 2005 mit
einer CZ-3B von Xichang aus gestartet.
Dieser Start markierte nach sechs Jahren
Pause Chinas Rückkehr auf den Markt. Als
Folge des Apstar 6-Starts hat der einheimische Satellitenbetreiber Chinasat zwei
Verträge mit Alcatel für den Bau von
Chinasat 9 und Chinasat 6B unterschrieben.
Beide werden 2007 mit einer CZ-3B gestartet werden.
Die zweite Strategie ist solider und hat
einen Langzeiteffekt. Sie beinhaltet die
Bündelung der Startdienstleistung mit dem
Satellitenexport. Dies ist bereits seit Jahren
allgemeine Praxis bei Satellitenherstellern
wie Hughes oder Lockheed Martin und wird
„in-Orbit-Lieferung“ genannt. China baut
derzeit seine Hoffnungen auf die Entwicklung des Busses für den DFH-4-Kommunikationssatelliten. DHF-4, entwickelt
von der CAST (China Academy of Space
Technology), ist Chinas größter jemals entwickelter Satellit. Seine Leistung entspricht
dem von Boeings HS-601. Das Projekt wurde
Ende der 90er Jahre gestartet und ist seit
Jahren Chinas wichtigstes Raumfahrtprojekt. Hier sind seine Hauptmerkmale
zusammengestellt:
Anders als beim DFH-3 wird der erste DFH4-Satellit ein kommerzieller Satellit sein. Er
wurde bereits Sinosat-2 getauft und wurde
vom Unternehmen Sinosat Satellite
Communications erworben. Sinosat-2 soll
Chinas erster Satellit für die Übertragung
von direktem TV-Service sein. CAST hat nach
dem Sinosat 2-Vertrag drei weitere Verträge
für DFH-4 mit einheimischem Operationsservice unterzeichnet. Es handelt sich dabei
um Apstar-6B, Sinosat 3B und Chinasat 5A,
die für 2008 bzw. 2009 für den Start vorgesehen sind.
Da sowohl Chinasat als auch Sinosat und
Apstar mit Beteiligung der chinesischen
Regierung arbeiten, werden diese beiden
Starts nicht als echter Druchbruch für DFH4 gelten können. Dagegen ist aber der
Vertrag mit der Nigerianischen Raumfahrtagentur NASRDA (Nigerian National
Space Research and Development Agency)
über eine in-Orbit-Lieferung von NigComSat-1
ein neuer Meilenstein für das chinesische
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kommerzielle Raumfahrtprogramm. Der
NigComSat-1 ist ein Kommunikationssatellit mit DFH-4-Bus, 28 C-Band-, KuBand-, Ka-Band- und L-Band-Transpondern.
Die Vereinbarung wurde im Dezember 2004
unterschrieben und beinhaltet den Start für
das Jahr 2007. Diese Übereinkunft zeigt,
dass die preisgünstigen Kommunikationssatelliten Made in China attraktiv für
Entwicklungsländer sind. Durch den ersten
Erfolg ermutigt, hat China sein zweites
Abkommen 11 Monate später unterzeichnet.
Dieses Mal mit Venezuela. China wird bis
2008 einen weiteren DFH-4-Kommunikationssatelliten, den „Simon Bolivar“ für
Venezuela in-Orbit liefern.
Leider war die erste DFH-4-Mission nicht
von Erfolg gekrönt. Der Kommunikationssatellit DFH-4, auch als Sinosat 2 bezeichnet, wurde am 29. Oktober 2006 gestartet.
Der Komsat erreichte die vorgesehene
geostationäre Umlaufbahn, allerdings konnten seine Solarzellen und auch die Antenne
nicht komplett ausgefahren werden. Bislang
ist noch nicht abzuschätzen, inwieweit dieses Versagen Einfluss auf die chinesische
kommerzielle Raumfahrtindustrie haben wird.
Auf lange Sicht sind die kommerziellen
Startdienstleistungen ein wichtiges Feld auf
dem Gebiet von Chinas ehrgeizigen Raumfahrtplänen. Neben dem DFH-4-Kommunikationssatelliten hat China auch große
Erwartungen in die nächste Generation von
Trägersystemen. Der neue Träger wird
Chinas Startkapazitäten bedeutend erweitern und seine Wettbewerbsfähigkeit mit
einer maximalen GTO-Kapazität von 14 t
stärken. Es wird erwartet, dass dieses
Trägersystem Mitte des nächsten Jahrzehnts
zur Verfügung stehen wird.
Trotz der enormen Fortschritte und auch
angesichts der Probleme mit Sinosat 2, die
Kommerzielle Starts der Volksrepublik China
Datum
Satellit (Plattform)
7. April 1990
Asiasat 1 (HS-376)
13. August 1992
Optus B1 (HS-601)
6. Oktober 1992
Freja
21. Dezember 1992
Optus B2 (HS-601)
7. Juli 1994
Apstar 1 (HS-376)
27. August 1994
Optus B3 (HS-601)
25. Januar1995
Apstar 2 (HS-601)
28. November 1995
Asiasat 2 (LM-7000)
28. Dezember 1995
Echostar 1 (LM-7000)
14. Februar 1996
Intelsat 708 (SSL-1300)
3. Juli 1996
Apstar 1A
18. August 1996
Chinasat 7 (HS-376)
19. August 1997
Agila 2 (SSL-1300)
16. Oktober 1997
Apstar 2R (SSL-1300)
8. Dezember1997
Iridium 42 & 44
25. März1998
Iridium 51 & 61
1. Mai 1998
Iridium 69 & 71
30. Mai 1998
Chinastar 1 (LM-2100)
18. Juli 1998
Sinosat 1 (SB-3000)
19. August 1998
Iridium 3 & 76
18. Dezember 1998
Iridium 11A & 20A
11.. Juni 1999
Iridium 14A & 21A
12. April 2005
Apstar 6 (SB-4100)
29. Oktober 2006
Sinosat 2 (DFH-4)
CZ-3B, Xichang
CZ-2C/SD, Taiyuan
CZ-2C/SD, Taiyuan
CZ-2C/SD, Taiyuan
CZ-3B, Xichang
CZ-3B, Xichang
CZ-2C/SD, Taiyuan
CZ-2C/SD, Taiyuan
CZ-2C/SD, Taiyuan
CZ-3B, Xichang
CZ-3B, Xichang
Geplante chinesische kommerzielle Starts
Datum
Satellit/Bus
Mai 2007
Chinasat 6B (SB-4000)
Mai 2007
Sinosat 3 (DFH-3)
November 2007
Chinasat 9 (SB-4000)
2007
NigComSat 1 (DFH-4)
2008
Apstar 6B (DFH-4)
2008?
RascomStar-QAF 1 (SB-4000)
2008
Simon Bolivar (DFH-4)
2008
Sinosat 3B (DFH-4)
2009
Chinasat 5A (DFH-4)
Träger/Startplatz
CZ-3B, Xichang
CZ-3A, Xichang
CZ-3B, Xichang
CZ-3B, Jiuquan
CZ-3B, Xichang
CZ-3B, Xichang
CZ-3B, Xichang
CZ-3B, Xichang
CZ-3B, Xichang
Träger/Startplatz
CZ-3, Xichang
CZ-2E, Xichang
CZ-2C, Jiuquan
CZ-2E, Xichang
CZ-3, Xichang
CZ-2E, Xichang
CZ-2E, Xichang
CZ-2E, Xichang
CZ-2E, Xichang
CZ-3B, Xichang
CZ-3, Xichang
CZ-3, Xichang
letztendlich behoben werden können, ist die
Zukunft von Chinas Trägerraketengeschäft
unsicher. Solange die politischen Beziehungen zwischen China und den Vereinigten Staaten wechselhaft bleiben, ist der
Zugang zum Kerngeschäft für China sehr
schwierig. Auch steht der Beweis für die
Wettbewerbsvorteile des DFH-4 sowie der
neuen Trägersysteme noch aus. Der lange
Marsch in den kommerziellen Weltraum ist
nicht leicht.
Literaturhinweise:
Li Mingsheng, Fengyu Changzheng Hao, People’s
Literature Publishing House, Beijing, 2003
Yan Zhongwen, Commercial Communication Satellite: Status and Strategy, Satellite Communication
and Broadcasting, 2003
Sven Grahn, Sven’s Space Place-Internetseite
(http://www.svengrahn.pp.se/)
Übersetzung und deutsche Bearbeitung:
Jacqueline Myrrhe.
Bemerkung
Fehlstart
Fehlstart
Fehlstart
Fehlstart
Satellit nicht ausgesetzt
Bemerkung
Andere Option: Ariane 5
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RC-Thema
Der chinesische Satellitenabschuss und dessen Folgen
Von Carsten Wiedemann, Sebastian Stabroth, Michael Oswald, und Peter Vörsmann
Abb. 1
China hat am 11. Januar 2007 gegen 22:26
Uhr UTC eine Anti-Satelliten-Waffe im
Weltraum getestet. Das Ziel war ein im Jahr
1999 gestarteter chinesischer Wettersatellit
mit der Bezeichnung FENGYUN 1C (Bild oben),
der sich in ca. 850 Kilometern Höhe auf
einer polaren Umlaufbahn befand. Die
Chinesen haben diesen Satelliten laut
Medienberichten mit einer bodengestützten Rakete zerstört. Es wurden zahlreiche
Trümmerstücke beobachtet, die nun einen
Beitrag zum Weltraummüll leisten.
24
Wie ist die Trümmerzahl im Weltraum
durch diesen Test gestiegen?
Das amerikanische SPACE SURVEILLANCE
NETWORK hat innerhalb von zwei Wochen
nach der Zerstörung des chinesischen
Satelliten mehr als 500 Trümmerstücke
beobachten können. Dabei lassen sich von
der Erde aus nur Objekte erfassen, deren
Durchmesser größer als etwa 10 Zentimeter
ist. Die Bahnhöhen der beobachteten
Trümmerstücke reichen in niedrigere sowie
höhere Bahnbereiche hinein (Abbildung 1)
und führen dort für Satellitenmissionen zu
einem erhöhten Kollisionsrisiko. Um die
Auswirkung des Anti-Satelliten-Tests auf
die gesamte Weltraummüllpopulation abschätzen zu können, müssen Simulationsrechnungen durchgeführt werden.
Die durch POEM generierten Datenbanken
bilden den wissenschaftlichen Kern des
ESA-Weltraummüllmodells MASTER (Meteoroid and Space Debris Terrestrial
Environment Reference). POEM verfügt
über eine detaillierte Modellvorstellung der
Freisetzung und der zeitlichen Entwicklung
einzelner Quellen von Weltraummüll seit
Beginn der Raumfahrtaktivitäten.
Mit POEM wurde der Beitrag des AntiSatelliten-Tests zur Weltraummüllpopulation
bestimmt. Die Ergebnisse zeigen, dass die
Zerstörung des chinesischen Satelliten in
einer Bahnhöhe von 850 Kilometern bei
den zentimetergroßen Trümmerstücken zu
etwa 28 % zur bereits vorhandenen Weltraummüllpopulation beigetragen hat. Um
diesen Prozentsatz wird das Kollisionsrisiko
in der nahen Zukunft für Satel-
Abb. 2
litenmissionen in dieser Bahnhöhe ansteigen. Längerfristig wird zwar ein Teil der
kleineren Trümmerstücke durch die Restreibung der Atmosphäre abgebremst und
danach verglühen. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass ein erheblicher Teil
der Trümmer größer als einen Zentimeter
für lange Zeit im Weltraum verbleiben wird
(Abbildung 2).
Warum sollten Anti-Satelliten-Tests in
Zukunft vermieden werden?
Der Anti-Satelliten-Test erfolgte in einer
Bahnhöhe, die von vielen Erdbeobachtungssatelliten genutzt wird. Zwar ist die
Wahrscheinlichkeit der Zerstörung eines
Satelliten durch Weltraummülleinschläge
noch nicht dramatisch, aber in der Nähe
von 900 Kilometern Höhe ist die Trümmerdichte inzwischen so hoch, dass in den
nächsten Jahrzehnten ein „Kettenreaktions-
effekt“ einsetzen könnte. Trümmerstücke
könnten dann untereinander kollidieren
und dadurch neue Trümmer erzeugen, so
dass die Anzahl der Objekte stetig weiter
steigt. Deshalb muss das Freisetzen weiterer
Trümmer in diesen Bahnhöhen unbedingt
vermieden werden. Hinzu kommt, dass in der
Nähe von 900 Kilometern Höhe ca. 30 ausgediente russische Kernreaktoren auf
Friedhofsumlaufbahnen fliegen, deren
Radioaktivität dort in den nächsten Jahrhunderten abklingen soll. Wenn der Kettenreaktionseffekt einsetzt, könnten diese
Reaktoren als Kollisionspartner zur Verfügung stehen und auseinanderbrechen.
Geringe Mengen freiwerdender radioaktiver
Trümmer könnten dann eventuell früher in
die Erdatmosphäre eintreten, als dies
ursprünglich vorgesehen war.
Die Autoren arbeiten am Institut für Luft- und
Raumfahrtsysteme der Universität Braunschweig.
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Raumfahrt Concret 1/2007
RC-Thema
Der ASAT-Test mit chinesischen
Augen betrachtet
Ein Kommentar von Chen Lan
Der erste chinesische Antisatellitentest (ASAT= anti
satellite) im Januar war für die gesamte Welt eine
Überraschung, genauso wie für die Menschen in
China.
Die Nachricht über den Test wurde zuerst über die
Internetseite des Aeromagazins „Aviation Week &
Space Technology“ (AW&ST) verbreitet
Obwohl es bis zum 23. Januar keine offizielle
Bestätigung des Tests von chinesischer Seite gab,
waren chinesische Internetnutzer sofort nach der
Veröffentlichung der Meldung auf der AW&STInternetseite auf diese Information gestoßen.
Seitdem wird in China eine intensive OnlineDiskussion über den Test geführt.
Die Reaktion der Leute von der Straße ist in China
ziemlich einmütig. Die meisten von ihnen begrüßen
den Test und nennen es ein historisches Ereignis.
Ihrer Meinung nach hat China mit diesem Test
demonstriert, dass es zu einer echten Macht heranwuchs und in der Lage ist, allen anderen Ländern
der Erde, einschließlich der einzigen Supermacht
der Welt, den USA, die Stirn zu bieten. Trotz der
negativen Auswirkungen des Weltraummülls, der
durch die Zerstörung des Satelliten verursacht
wurde, denken die meisten Chinesen, dass China ein
Recht zu dem Test hatte. Nicht nur weil die frühere
Sowjetunion und die Vereinigten Staaten in den
70er und 80er Jahren ähnliche Tests durchführten,
sondern auch weil kein international geltendes
Recht verletzt wurde. Einige Leute denken, dass der
Test dafür gedacht war, die Separatisten in Taiwan
zu warnen. Es soll nach deren Meinung ein Signal
an die Taiwanesischen Führer gewesen sein, um
ihnen zu zeigen, dass eine Einbeziehung der USA
nun nicht mehr so einfach möglich ist, da das
Pentagon hohe Risiken bedenken müsste, wenn z.B.
dessen weltallgestützte Systeme während eines
Konfliktes beschädigt werden würden.
Gleichzeitig denken manche Menschen, dass China
mit der Entwicklung von Weltraumwaffen nicht
eine Herausforderung der USA in Betracht zieht,
sondern eine Lockerung der Sanktionen gegen
China erreichen will.
Natürlich gibt es auch jede Menge von anti-amerikanischen Emotionen im Internet zu lesen. So erinnern die chinesischen Internetnutzer während ihres
Meinungsaustausches an die Bombardierung der
Chinesischen Botschaft in Belgrad im Jahre 1999
und den Flugzeugzusammenstoß nahe der HainanInsel im Jahre 2001. In deren Augen ist der Test ein
Versuch Chinas den Hegemoniebestrebungen der
USA entgegenzutreten. Einige wenige erwähnen
sogar, dass sie mit Genugtuung die aufkommenden
„Sorgen“ der USA betrachten.
Im Gegensatz dazu wurden die offiziellen
Kommentare der chinesischen Regierung sehr sorgsam und mit Bedacht gegeben. Der Sprecher des
Außenministeriums erklärte, dass der Test nicht
gegen ein Land gerichtet war und zu keinem
Zeitpunkt eine Bedrohung irgendeines Landes darstellen sollte. Mehr noch, China wird seine
Bestrebungen für die friedliche Nutzung des
Weltraums fortsetzen und alles in seinen Kräften
stehende tun, um eine Verbreitung von Weltraumwaffen sowie ein Wettrüsten im Weltraum zu verhindern. Diese Position steht im Einklang mit Chinas
langandauernden Bemühungen und dem gemeinsam mit Russland initiierten Vorgehen in den
Vereinten Nationen, einen Vertrag zum Verbot von
Weltraumwaffen zu erzielen. Der Sprecher des
Außenministeriums ließ die zukünftige Haltung
Chinas zu so einem Vertrag offen. Diese soll in verschiedenen Sitzungen der Vereinten Nationen, insbesondere vor dem Komitee für die friedliche
Nutzung des Weltraums (COPUOS) erläutert werden.
Was auch immer das Ziel des Tests war, das strategische Gleichgewicht der Weltmächte wurde ein
wenig verändert. Da sich die USA im besonderen
Maße auf die Weltrauminfrastruktur verlässt und
ihnen die meisten Satelliten im niederen Erdorbit
gehören, würde die USA in einem potenziellen
Weltraumkrieg mehr verlieren als China oder jedes
andere Land. Selbst in Bezug auf konventionelle und
nukleare Bewaffnung gibt es zwischen China und
den USA eine große Lücke. Sollte China in der Lage
sein, US-Satelliten zu beschädigen oder zu zerstören, kann es damit gleichzeitig das konventionelle und atomare Militär blind und taub machen. Das
ASAT-System ist der Schlüssel dazu, um so einen
asymmetrischen Krieg zu gewinnen. Dennoch bin
ich der Ansicht, dass die ASAT-Waffe Chinas lediglich eine Art Abschreckungsmaßnahme ist.
Wenn China eine feindliche Attacke im Vorfeld
erfolgreich vermeiden kann, dann ist die
Zielsetzung bereits erreicht. Es ist so, wie Sun Tsu
einst sagte: „Die höchste Kunst des Krieges ist die
Unterwerfung des Feindes ohne Kampf.“ Die
Nuklearwaffen unserer Tage bilden eine passende
Analogie zu diesem Motto. Die Anwesenheit von
Nuklearwaffen hat seit dem Ende des Zweiten
Weltkrieges einen offenen Konflikt zwischen den
Supermächten verhindert. Wenn diese Analogien
auch heute noch zutreffen, dann hat in diesem
aktuellen Fall der ASAT-Test dazu beigetragen, dass
seit dem 12. Januar ein Konflikt zwischen China und
den USA unwahrscheinlicher geworden ist. Das mag
nicht nur mein Wunschdenken sein, sondern auch
eine sehr wahrscheinliche Realität.
Marszeit Teil 27)
Experimente für einen
bemannten Marsflug (Folge 2)
(
Von Dr. Jewgeni Demin
Im Heft 44/45 berichtete unser Autor über
verschiedene Langzeitexperimente in Hinblick auf eine künftige bemannte Marsmission. In diesem Beitrag stellt er das neueste Experiment vor, das im IV. Quartal in
Moskau beginnen soll.
Ziele und Hauptaufgaben von MARS 500
Das Experiment soll eine Antwort auf die
Hauptfrage geben, ob die Gesundheit und
die Arbeitsfähigkeit des Menschen während
eines Marsfluges genügend erhalten werden
kann, da gerade diese beiden Faktoren einen
wesentlichen Einfluss auf den physischen
und psychischen Zustand der Mannschaft
ausüben können.
Das Hauptaugenmerk soll dem Problem der
Lebensumwelt gelten. Sie wird durch den
Grad des Komforts und der optimalen
Abwechselung von Arbeit und Erholung
gekennzeichnet. Die Lebensumwelt umfasst
ein breites Spektrum von Parametern, die
den Zustand der Umwelt charakterisieren,
wie z.B. die Zusammensetzung der Kabinenatmosphäre, das Temperatur-FeuchtigkeitsVerhältnis, toxikologische und mikrobiologische Verschmutzungen, der Lärm, die Beleuchtungsstärke, die Intervalle der
Das Modul (EU-250) ist ein hermetischer Zylinder aus rostfreiem Stahl,
der aus 24 ringförmigen Sektionen besteht.
Nahrungsaufnahme, der Wasserverbrauch,
die sanitär-hygienischen Prozeduren und
anderes. Gerade die Besonderheiten der
Wechselwirkungen «Mensch - Umwelt» können wesentlichen Einfluss auf die Gesundheit und die Arbeitsfähigkeit der Mannschaft haben.
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Mit dem Experiment soll eine Reihe der bis
heute existierenden Vorstellungen, Sachlagen und Normative, die sich auf die Probleme der medizinischen Kontrolle und die
Normierung und Steuerung der Wohnbedingungen, die Organisation des Lebens
und die Tätigkeit der Mannschaft beziehen,
präzisiert werden. Es soll ein Test der einzelnen Elemente und Systeme insgesamt
durchgeführt werden. Darüber hinaus soll
ein Verständnis der medizinisch-biologischen Versorgung der bemannten MarsExpedition gewonnen werden.
Für jedes beliebige Experiment, das auf der
Erde durchgeführt wird, existiert das Problem einen Raumflug so real wie möglich zu
simulieren. Eine volle Übereinstimmung ist
schwer zu erreichen und für einige Faktoren
nicht realisierbar. Das Ziel und die Aufgaben
des geplanten Experimentes haben, im
Unterschied zum tatsächlichen Flug, eine
stark ausgeprägte medizinisch-biologische
Ausrichtung und dies wird bei der Planung
des Experimentes Vorrang haben.
Die Aufgaben
• Einfluss der modellierten Bedingungen
auf die Gesundheit und die Arbeitsfähigkeit
der Mannschaft;
• Tätigkeitsablauf der Crew und ihre
Wechselwirkung mit dem Flugleitzentrum
bei Besonderheiten, die dem Marsflug eigen
sind (Einsamkeit, Autonomie, limitierte
Ressourcen, die Unerreichbarkeit externer
medizinischer und psychologischer Hilfe
etc.);
• Erarbeitung von Prinzipien, Methoden und
Mitteln zur Kontrolle, der Diagnostik sowohl
der Prognostizierung des Zustandes der Gesundheit als auch der Arbeitsfähigkeit;
• Methoden der Telemedizin für die Fernkontrolle des Gesundheitszustandes der
Menschen;
• Möglichkeiten zur Kontrolle des Wohnmilieus mittels Monitorings;
• Approbation der Elemente des AuskunftsInformations-Systems sowie der Methoden
und autonomen Mittel der psychologischen
Unterstützung;
• Einschätzung der modernen technologischen Systeme und Mittel zur Sicherstellung
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Der Clubraum.
der Lebensfähigkeit und des Schutzes des
Menschen.
Das Szenarium
Während des Experimentes werden alle
Bedingungen eines Marsfluges, außer der
Schwerelosigkeit, simuliert: die extrem
lange Missionsdauer (520 Tage); die Autonomie der Mannschaft, die Selbstverwaltung und Selbstkontrolle der Arbeitsabläufe;
die Begrenzung der lebenswichtigen Ressourcen, die gleichzeitig mit der Unmöglichkeit von Nachschublieferungen verbunden ist; die erschwerte Kommunikation, die
durch die Verzögerung der Signalübertragung gekennzeichnet ist; die Tätigkeit
auf der Mars-Oberfläche; der spezielle
Arbeits- und Erholungsrhythmus, wobei der
Schichtdienst auch nachts am Hauptsteuerpult sichergestellt werden muss; aber auch
die Isolierung im begrenzten Raum; die
Parameter der künstlichen Umwelt, wie:
Luftzustand, atmosphärischer Druck, Temperatur, Feuchtigkeit, Lärmpegel usw.; die
Hauptarten der Arbeiten auf dem MarsRaumschiff, wie zum Beispiel: Operationen
zur Kopplung und Steuerung des Raumschiffes in Zusammenhang mit der
Veränderung der Flugbahn; Unterbringung
und Inventur der Ladungen; Ernährung;
sanitär-hygienische Prozeduren.
Die Mannschaft für die Missionssimulation
wird aus 6 Menschen im Alter von 25 bis zu
50 Jahren zusammengesetzt sein. Dabei
erfüllt einer die Funktion des Kommandeurs
der Expedition, einer die des Mannschaftsarztes, ein weiteres Besatzungsmitglied die des Bordingenieurs und die restlichen 3 stellen Forscher dar. Im Laufe des
Experiments ist die Austauschbarkeit der
Besatzungsmitglieder aufgrund der Funktionsdublierung möglich. Das Vorhandensein eines Mannschaftsarztes ist eine obligatorische Bedingung.
Im Laufe der Simulation werden die folgenden Hauptetappen des 520-tägigen Flugs
zum Mars ausgeführt werden:
• Periode des "Fluges" auf einer spiralförmigen Flugbahn im Gravitationsfeld der Erde
(2. bis 50. Tag des Experimentes);
• „Flugphase“ im heliozentrischen Orbit bis
in die Marsumgebung (51. bis 200. Tag);
• "Flug" auf einer spiralförmigen Umlaufbahn im Gravitationsfeld des Mars (201. bis 246.
Tag);
• „Manöver" im nahen Marsorbit mit dem
Abstieg des Start-Lande-Moduls auf die
Oberfläche des Planeten und die Rückkehr
zum Raumschiff (247. bis 278. Tag des
Experimentes). In dieser Periode wird eine
Aufteilung der Mannschaft in 2 Gruppen zu
je 3 Kosmonauten vorgenommen: jene
Besatzungsmitglieder, denen die "Arbeit"
auf der Marsoberfläche bevorsteht, werden
Einzelkabine mit Computeranschluss. Fotos. Autor.
sich der 21-tägigen Einwirkung der marsianischen Gravitation aussetzen. Es wird die
Imitation von 3 Ausstiegen auf die Marsoberfläche durch eine Gruppe von zwei
Teilnehmern geplant. In dieser Periode
führen die 3 Besatzungsmitglieder, die sich
im Modell des Marskomplexes befinden,
eine 24-stündige Beobachtung durch und
halten die Verbindung mit der Mannschaft
im Start-Lande-Modul.
• Beginn des "Rückfluges" auf einer spiralförmigen Flugbahn im Gravitationsfeld des
Mars (279. bis 319. Tag). Die Mannschaftsmitglieder, die am Ausstieg auf die
Oberfläche teilnehmen, unterziehen sich
nach der Rückkehr in das Raumschiff einer
5-tägigen Beobachtung (279. bis 283. Tag).
Die übrigen Besatzungsmitglieder steuern
die Operationen des Raumschiffes, um den
Beginn der Rückkehr zur Erde vorzubereiten.
• "Flug" im heliozentrischen Orbit bis in die
Umgebung der Erde (320. bis 470. Tag);
• "Flug" auf einer spiralen Flugbahn in das
Gravitationsfeld der Erde (471. bis 520. Tag).
Der Übergang zu jeder neuen Etappe des
experimentellen "Fluges" wird durch die
Simulation der Operationen zur Steuerung
des Raumschiffes begleitet: die Entkopplung
und Kopplung mit der Orbitalstation; die
Veränderung der Flugbahn beim Übergang
von einer Umlaufbahn auf eine andere;
Kopplung und Entkopplung WPM mit dem
Marskomplex.
Die Evakuierung einzelner Besatzungsmitglieder wird mit „Krankheit“ oder "Tod"
des Kosmonauten gleichgesetzt. Seine
Pflichten werden auf andere Besatzungsmitglieder bei Fortsetzung des Experimentes
umverteilt.
Das Prinzip der Selbstorganisation und der
Selbstverwaltung wird die Grundlage des
Lebens und der Arbeit der Mannschaft
während der Mars-Expedition sein und wird
sich praktisch in jeder beliebigen Erschei-
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Die Selbstorganisation und die Selbstverwaltung der Mannschaft zeigt sich:
• in der Selbstkontrolle des gesamten Lebens und der Arbeit der Kosmonauten,
einschließlich der Kontrolle des Gesundheitszustandes, des psychologischen Zustandes und der Arbeitsfähigkeit, der Wohnbedingungen sowie der verbrauchten Ressourcen;
• in der selbstständigen Entscheidungsfindung und ihrer nachfolgenden Umsetzung
für die Beseitigung der entstehenden
Probleme.
heiten, Verletzungen oder Konflikten;
• Probleme in den zwischenmenschlichen
Beziehungen infolge eines Konfliktes und in
Anbetracht der gegebenen Unmöglichkeit
den Bestand der Mannschaft zu verändern;
• Abnahme der sozialen Kontrolle, Verstöße
gegen aufgestellte Normen, was die Abweichung vom geplanten Programm zur
Folge hat;
• Veränderung der Arbeits- und Erholungsphasen, Effektivitätsverlust in der
Führung, die Umverteilung der Führungsfunktionen und der funktionalen Rollen, die
Entstehung gegensätzlicher Gruppierungen usw.
Es gibt begrenzte Ressourcen ohne Nachschuboption, wie Nahrung, Wasser, Mittel
zur Filterung der Atemluft, Apparatur,
Ausrüstung und Ersatzteile, Kleidung,
Schuhe, Bettwäsche, Mittel für die ärztliche
Betreuung, Medikamente, Artikel zur Sanitärhygiene, Informationsquellen). Alle notwendigen Ressourcen, die die Lebenstätigkeit der Mannschaft im Laufe des langfristigen Experimentes gewährleisten, werden vor Beginn des Experimentes bereitgestellt. Es sind keine Nachlieferungen der
oben genannten Ressourcen im Laufe der
"Expedition" möglich. Alle Ressourcen werden streng begrenzt sein. Ausgehend von
den Gruppen- und individuellen Normen
des Konsums ist jede der Ressourcen in den
verschiedenen Etappen des Experimentes
normiert. An Bord werden die Mittel der
individuellen Kontrolle und Inventur für
jede verbrauchte Ressource existieren.
Im Verlauf des Experimentes wird eine
strenge Reglementierung des Informationsaustausches zwischen der Mannschaft und
dem Flugleitzentrum entsprechend des angenommenen realen Flugmodells gewährleistet sein, wobei die Verbindungen mit
Signalverzögerung arbeiten.
Ausgehend von dem Ziel des Experimentes,
soll die Möglichkeit des normalen Lebens
und Arbeitens unter den beschränkten
Bedingungen, die bei einem Marsflug
typisch sind, gezeigt werden. Im geplanten
Experiment ist nicht vorgesehen, das
Programm mit Havarie- oder außerplanmäßigen Situationen zu überlasten. Einkalkuliert sind begrenzte Problemsituationen, die durch den menschlichen Faktor
bedingt sind. Das können Situationen folgender Art sein:
• Defizite oder Verbrauch der notwendigen
Ressourcen (Wasser, Nahrung, Energie,
medizinische und hygienische Mittel) wegen
Verstoßes gegen die Rationsnormen, was
psychologische Anspannungen in der
Mannschaft bis zur offenen Konfrontation
hervorrufen kann;
• der volle oder teilweise Verlust der
Arbeitsfähigkeit einzelner Besatzungsmitglieder in Zusammenhang mit Krank-
Der Tagesablauf der Mannschaft im Simulationsexperiment wird unter dem Gesichtspunkt der Balance von Arbeit und Erholung
der Mannschaft gestaltet werden. Für die
verschiedenen Phasen des Experimentes, für
die bestimmte Flugetappen modelliert sind,
kann die Organisation der Arbeit und
Erholung unterschiedlich sein. Besonders
trifft dies für die Etappe zu, bei der der
Aufenthalt auf der Marsoberfläche simuliert
wird, da hierbei der Unterschied zwischen
Marstag und Erdtag berücksichtigt werden muss.
Die ganze Periode des Experimentes wird
auf fünfzehn typisierte 35-Tage-Zyklen
(beginnend mit dem 2. Tag des Experimentes) aufgeteilt. Am Ende jedes 35-tägigen Zyklus wird die Durchführung der vertieften medizinischen Kontrolle und die vorbeugende mikrobiologische Kontrolle des
Wohnbereichs geplant.
Am 175./176. Tag, und auch am 350./
351.Tag wird eine gründliche medizinische
Untersuchung der Probanden unter Nutzung telemedizinischer Technologien mit
der Teilnahme von Spezialisten, die sich auf
der "Erde "befinden", geplant.
Ausgehend von den realen Kommunikationsbedingungen, werden sich beim bemannten Marsflug die Beziehungen zwischen der Mannschaft und den Flugleitzentren auf der Erde wesentlich verändern. Die Hauptart des Informationsaustausches wird die schriftliche Form mittels
e-Mail sein.
Jedes Besatzungsmitglied im Experiment
soll eine individuelle Kabine haben. Sie soll
so ausgestattet sein, dass damit sowohl die
Funktion eines Erholungsortes als auch die
Funktion des individuellen Arbeitsplatzes
erfüllt wird.
Die Priorität der medizinisch-biologischen
Forschungen ist ein Hauptmerkmal des
Experimentes, was auch als wichtigstes
Kriterium bei der Auswahl und Zusammenstellung der Mannschaft dient. Die
Entwicklung einiger individueller Forschungsprogramme, die bestimmte Probanden erfüllen sollen, ist zweckmäßig. Es
würde den Interessen der einzelnen Besatzungsmitglieder entsprechen. Das trägt
zu ihrer professionellen Vervollkommnung
als auch zum Erfahrungs- und Wissensaustausch mit den anderen Besatzungsmitgliedern bei. Es würde den Missionsteilnehmern in vernünftigen Grenzen die
Möglichkeit geben, ihre individuelle Belastung anzupassen, was letzten Endes zur
Aufrechterhaltung des normalen psychologischen Klimas in der Mannschaft beitragen
würde.
Besondere Aufmerksamkeit wird dem Problem des "Rückweges" zur Erde gewidmet
werden, umso mehr, als die Länge dieser
Etappe die Hälfte der ganzen Expedition bilden könnte. Nach dem emotionalen
Aufschwung, den die Mannschaft bei der
Ausführung des Arbeitsprogrammes auf der
Mars-Oberfläche erfahren wird, erfordert
der danach einsetzende Alltag von der Crew
die Ausführung von Routineprozeduren. Das
verlangt von der zu jener Zeit körperlich
schon erheblich geschwächten Besatzung
höhere Anstrengungen, als in vorhergehenden Etappen. Unter diesen Bedingungen
sind die Entstehung von Konfliktsituationen
und die Bildung gegensätzlicher Gruppierungen möglich. Eine besondere Bedeutung
liegt in der psychologischen Unterstützung,
aber auch in der Erfüllung der funktionellen
Pflichten durch den Kommandeur.
Ergebnisse
Bei der Formierung des wissenschaftlichen
Programms der Simulation werden alle
Aspekte der Lebenstätigkeit der Mannschaft
während einer Mars-Expedition dargestellt
werden, aber auch die ungelösten Fragen
auf medizinisch-biologischem Gebiet werden aufgezeigt.
Die Durchführung der Simulationsstudie auf
der Erde wird erlauben, die Elemente der
"Technologien der Lebenssicherung" der
Mannschaft der Marsexpedition auszuprobieren und aus möglichen alternativen
Lösungen die effektivsten zu wählen.
Aufgrund der aus dem Experiment erhaltenen Daten wird dann beispielsweise möglich
sein:
• die Konzeption der medizinisch-biologischen Versorgung eines bemannten Marsfluges zu präzisieren;
• die Grenzbedingungen zur Erhaltung der
Gesundheit und der Arbeitsfähigkeit der
Mannschaft zu bestimmen;
• oder die Anforderungen der medizinischbiologischen Betreuung exakter zu formulieren.
Jewgeni Demin arbeitet am Staatlichen wissenschaftlichen Zentrum der Russischen Föderation Institut für medizinisch-biologische Probleme der
russischen Akademie der Wissenschaften.
Übersetzung: Regina und Eberhard Rödel
Deutsche Bearbeitung: Jacqueline Myrrhe
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RC-Interview
Mjachkaja Posadka Weiche Landung !
Ein Gespräch mit Josif Viktorowitsch Dawydow, ehemaliger
Bergungsleiter des ZBK „Juri Gagarin“ im Sternenstädtchen
der Tiere waren sehr unterschiedlich. Aber
nach der Rückkehr zur Erde hat sich alles
wieder normalisiert. Erst danach hat man
Menschen getestet und ich war einer der
allerersten. Nachdem man sich davon überzeugt hatte, dass man in der Schwerelosigkeit arbeiten kann, hat man die ersten
Kosmonauten getestet. Aber das war damals
alles streng geheim...
RC: Herr Dawydow, Sie haben schon 1995
mein privates Raumfahrtmuseum Mittweida
besucht. Heute sind Sie im Museum für
Flugsicherheit und Rettung in Söllingen.
Wie kommt das? Sind Sie öfters in
Deutschland?
Josif V. Dawydow: Ja sehr oft, und zwar deshalb, weil meine Tochter Marina in der Nähe
von Karlsruhe wohnt. Da nutzt man natürlich jede Gelegenheit, einmal die Familie
und vor allem die beiden Enkel zu besuchen.
Außerdem habe ich ab Mitte der 90er Jahre
im Zusammenhang mit meiner früheren
Tätigkeit bei den Bergungskräften Ihr Land
öfter besucht.
RC: Genau, darum soll es im Interview
gehen. Wie sind Sie zu diesem sicherlich
recht einzigartigen "Beruf" gekommen?
Josif V. Dawydow: Sie kennen mich vornehmlich als Bergungsleiter, weil ich auf unzähligen Fotos von gelandeten Raumkapseln mit
zu sehen bin, aber meine eigentliche
Tätigkeit bestand 27 Jahre darin, die Kosmonauten auf schwierige und extreme
Bedingungen nach der Landung vorzubereiten. Seit 1960 arbeitete ich am Tschkalowski-Institut. Die haben begonnen, mit
dem Flugzeug TU-104 Parabelflüge zu
machen, um Schwerelosigkeit für kurze Zeit
zu erzeugen. Nach den ersten gelungenen
Parabeln haben wir biologische Objekte
getestet: Kaninchen, Katzen, Vögel, aber
auch verschiedene Pflanzen. Die Reaktionen
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RC: Und dann wollten Sie bestimmt ebenfalls Kosmonaut werden?
Josif V. Dawydow: Ja selbstverständlich,
aber wie Sie sehen bin ich 1,92 Meter groß
und auch nicht so leicht, wie ein Kosmonaut
eben sein muss, damit er in die Kapsel passt.
Ich war so wild drauf, dass ich vorschlug,
mir die Beine zu amputieren. Gott-sei-Dank
hat man das nicht angenommen. Aber so
waren die Zeiten damals. Ende des Jahres
1962 habe ich dann den späteren Kosmonauten Wladimir Komarow getroffen, der
mich eingeladen hat, im gerade entstehenden Kosmonauten-Ausbildungszentrum
"Swjosdny Gorodok" (heute ZPK "Juri
Gagarin" oder "Sternenstädtchen") zu arbeiten. Im März 1963 habe ich dort angefangen.
RC: Als Ausbilder der Kosmonauten?
Josif V. Dawydow: Erst mal nicht unmittelbar. Meine erste Aufgabe war es, das Gerät
"Wolga" zu entwickeln, mit dem man
Raumschiffe steuert. Das gehörte bei uns
zur "Technik des bemannten Raumfluges"
und es ging um das Manövrieren, die
Annäherung und die Kopplung mit einem
anderen Raumschiff. Erst als ich das Gerät
selbst perfekt beherrscht habe, machte ich
gemeinsam mit Juri Gagarin weiter. Die
Kosmonauten gaben mir damals den
Spitznamen "Kopplungsprofessor". Das hat
mich sehr stolz gemacht. Kurz vor seinem
Start hat mir Wladimir Komarow, mit dem
ich damals schon gut befreundet war, empfohlen, mich mit der Sicherheit bemannter
Raumflugkörper zu befassen. Das umfasst
den Start, das Erreichen der Umlaufbahn,
die Landung und das Verhalten der Besatzung nach der Landung. Leider ist
Komarow tragisch umgekommen, eben bei
der Landung. Der Fallschirm hatte versagt
und der Aufprall war nicht überlebbar.
RC: Danach war es ja umso mehr wichtig,
eine solche Stelle einzurichten?
Josif V. Dawydow: Ja, aber ich wurde offiziell erst nach dem erfolgreichen Raumflug
von Georgi Beregowoi (Oktober 1968) damit
betraut, genauer als er der Chef des
Kosmonauten- Ausbildungszentrums (ZPK)
wurde. Also Sicherheit bei bemannten
Raumflügen. Ich wurde der Spezialist des
ZPK für das System der Bergung bei
Notfällen. Das heißt, ich habe die Kosmonauten trainiert, wie sie bei Start, Annäherung, Kopplung und Landung sicher
handeln und wie sie unter extremen klimatischen und geografischen Bedingungen
nach einer Notlandung überleben können.
RC: Was müssen wir uns unter "extremen
Bedingungen" vorstellen?
Josif V. Dawydow: Wir selbst haben diese
Situationen getestet. In Workuta und Tiksi
am Polarkreis haben wir -55° Celsius ausgehalten, in der Wüste Kisylkum waren es
+55° Celsius im Schatten, in der Karakum,
bei Buchara und Aschchabat +90° Celsius in
der Sonne. Was die Wasserlandung betrifft
sind wir bis 3,5 Meter Wellenhöhe aus der
schwimmenden Kapsel gestiegen, und das
in Spezialanzügen bei +4° Celsius Wassertemperatur. In diesen konnte man bis 12
Stunden durchhalten, im Sokol-Raumanzug
"nur" etwa 2 Stunden. Aber auch tropische
Bedingungen haben wir in den Sümpfen
von Aserbaidschan geprobt. 98 % Luftfeuchtigkeit und 38° Celsius, Giftschlangen
und Moskitos mussten wir auch trotzen.
Der Rettungstrupp hat die Besatzung von Woschod 2
(A .A. Leonow und P. I. Beljajew) erreicht.
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RC-Interview
Bergung der Landekapsel von Sojus 23 aus dem Tengis-See, ganz rechts: W.D. Sudow und W.I. Roschdestwenski.
Selbst bis 3.500 Meter hohe Berge haben wir
einbezogen. Es musste einfach sichergestellt
werden, dass die Kosmonauten unter allen
denkbaren Bedingungen drei Tage lang
durchhalten bis sie gerettet werden. Das war
unsere Aufgabe und wir haben sie gelöst.
Das hat bis jetzt fünf Besatzungen das
Leben gerettet.
RC: Sie meinen zum Beispiel Woschod 2 mit
Alexeij Leonow und Pawel Beljajew?
Ich glaube sogar, Sie in dem Film darüber
gesehen zu haben. Zumindest Ihre einprägsame Statur...
Josif V. Dawydow: Ja, ich bin ganz kurz von
der Seite und auf Skiern zu sehen. Damals
durfte ja noch niemand meine Identität
kennen.
Die zweite Besatzung, die ich meine, war die
von Sojus 17. Alexeij Gubarew und Georgi
Gretschko waren im Schneesturm bei geringer Sichtweite gelandet und hatten sich mit
der Kapsel mehrfach überschlagen. Als wir
sie fanden, waren wir schockiert. Die
Kosmonauten waren blutbedeckt, hatten
lädierte Knie und überall Blutergüsse.
Und dann Sojus 18, Wassili Lasarew und
Oleg Makarow. Nach dem Versagen der
Sojus-Rakete trat die Kapsel so schnell in die
Atmosphäre ein, dass die beiden bei einer
Belastung von etwa 20 G ohnmächtig wurden. Sie landeten im Gebirge und die Kapsel
rollte talwärts. Glücklicherweise verfing sich
der Fallschirm an einem Baum. So fanden
wir sie dann auch.
Naja und die Sache mit Sojus 23 mit
Wjatscheslaw Sudow und Waleri Roschdestwenski kennen Sie ja aus meinem Buch*. Als
wir die schwimmende Kapsel im Tengis-See
bei minus 20 Grad gefunden hatten, konnten wir sie nicht mit dem Hubschrauber
hochheben. Der Reservefallschirm hatte sich
geöffnet und zog die Luke unter Wasser, so
dass die Kosmonauten mit ihrem eigenen
Sauerstoff durchhalten mussten. Wir haben
sie die etwa acht Kilometer bis zum Ufer bei
Sturm und Regen geschleppt. Wir hatten
schon die schlimmsten Befürchtungen. Als
wir in der Kapsel die halb erfrorenen
Kosmonauten lebend gefunden haben,
waren wir alle sehr sehr glücklich.
Sojus 33 konnte wegen eines schadhaft
arbeitenden Triebwerkes nicht an Salut 6
koppeln und gelangte deswegen auch auf
eine sehr steile Abstiegsbahn. Dabei mussten Rukawischnikow und Iwanow etwa 10 G
aushalten und wir haben die Aufgabe
gelöst, sie im Dunkeln so schnell wie möglich zu finden und zu bergen.
Man könnte auch die Bergung von Sojus 15
(Gennady Sarafanow und Lew Djomin) zu
den Problemlandungen zählen. Die nämlich
waren direkt in ein Gewitter hineingeraten.
RC: Sie erwähnten im Gespräch, dass bisher
22 Kosmo- und Astronauten gestorben sind.
Gab es auch Opfer unter denen, die die
Grenzen beim Überlebenstraining ausgelotet haben?
G.W. Sarafanow und L.S. Djomin (Sojus 15).
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RC-Interview
Ein Techniker, J.-L. Chrétien, J. V. Dawydow und J. W. Malischew (von links).
Josif V. Dawydow: Ja leider. Man hat zum
Beispiel die Katapulte mit Freiwilligen getestet, die nicht selten zu Krüppeln wurden
oder dabei umkamen. Später hat man dazu
Leichen genommen. Auch die anderen
Faktoren des Raumfluges hat man mit
Menschen getestet. Die Raumanzüge für
den Ausstieg in hochfliegenden Kapseln
zählen dazu. Ich sehe aber Ihr erschrockenes
Gesicht und möchte Sie in diese Zeit
zurückführen. Wir haben damals auch ohne
Extra-Bezahlung unser Leben für die Sache
des Vaterlandes eingesetzt. Wir waren überzeugt, dass wir das Richtige tun. Das waren
tatsächlich Freiwillige, die an den Sieg des
Sozialismus geglaubt haben. Übrigens
haben wir unter der damals üblichen
Geheimhaltung auch nicht gelitten, so wie
man das manchmal hört. Wir haben das einfach als notwendig empfunden. Manchmal
hat man in Filmen Netze über unsere
Gesichter gelegt. Na und? Wir selbst wussten doch, wer drunter war.
Josif V. Dawydow: Ich glaube nicht. Aber wir
haben viele Frauen ausgebildet, nämlich
immer drei pro Mission, von denen nur
wenige tatsächlich geflogen sind. Die
geplanten Frauen-Missionen sind immer
wieder gestrichen worden. Als Waleri
Rjumin stellvertretender Generaldirektor
und Flugleiter im ZUP (Flugleitzentrum
Koroljow-d.A) geworden ist, hat er die
damals existierende Frauengruppe aufgelöst, aber seine eigene Frau, Jelena
Kondakowa, hat er in den Kosmos geschickt.
RC: Da bin ich jetzt schon sehr gespannt
auf Ihr Buch, das hoffentlich bald auf
Deutsch erscheint und in dem wir bestimmt
bisher unbekannte Fakten lesen dürfen.
Meines Wissens sind Sie doch auch für Ihre
Offenheit kritisiert worden?
Josif V. Dawydow: Das stimmt schon. Aber
das Buch (und es ist ja bereits mein sechstes) ist mehrheitlich positiv bewertet worden. Sicher sind einige nicht gut dabei weggekommen oder nicht genannt worden. Die
RC: Und als dann die Flüge mit den Frauen haben dann auch kritisiert. Ich will Ihnen
aufkamen, waren da auch Frauen unter die- aber sagen: Hätte man diese Art Offenheit
sen Freiwilligen?
schon im Raumfahrt-Wettlauf zwischen uns
und den USA gepflegt, wären wohl einige
Opfer vermeidbar gewesen.
Nun grüßen Sie bitte Ihre Leser und ich
hoffe, dass sie dann alle das Buch kaufen.
(lacht).
RC: Ich danke recht herzlich für das aufschlussreiche Gespräch.
Das Interview führte Tasillo Römisch.
Alle Fotos stammen aus der privaten Sammlung
von J. V. Dawydow und sind ausdrücklich zur
Veröffentlichung in Raumfahrt Concret freigegeben
worden.
*Davydov, I.W.: Triumf i
Tragedija sowjetskoi
Kosmonawtiki, Globus
Moskau 2000. Das Buch
wird derzeit von seiner
Tochter ins Deutsche übersetzt und hoffentlich noch
2007 erscheinen.
FÖRDERER DER RAUMFAHRT UND WELTRAUMFORSCHUNG
In letzter Konsequenz will der Mensch alles persönlich in Augenschein nehmen, was es gibt.
Also wird das nächste große Menschheitsziel in der Erschließung unseres Sonnensystems bestehen.
Als Förderer der Raumfahrt und Weltraumforschung möchte ich andere Menschen für dieses Ziel begeistern.
30
Darum spendet Eberhard Rödel aus Schwerin 500.- Euro im Jahr 2007.
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Raumfahrt Concret 1/2007
RC-Missionsreport
Space Shuttle
STS-116/ISS-12A.1
Shuttle-Flug 117
DISCOVERY (OV-103) Flug 33
Von Michael Gräfe
Die STS-116-Besatzung, vorn von links:
William A. Oefelein, Joan E. Higginbotham,
Mark L. Polansky. Dahinter von links:
Robert L. Curbeam, Nicholas J. M. Patrick,
Sunita L. Williams sowie
Christer Fuglesang (ESA).
BESATZUNG
Mark L. Polansky (50)
USA, Kommandant
(2. Raumflug)
William A. Oefelein (41)
USA, Pilot
(1. Raumflug)
Nicholas J. M. Patrick (42)
USA, Missionsspezialist 1
(1. Raumflug)
Robert L. Curbeam (44)
USA, Missionsspezialist 2
(3. Raumflug)
A. Christer Fuglesang (49)
ESA/Schweden, Missionsspezialist 3
(1. Raumflug)
Joan E. Higginbotham (42)
USA, Missionsspezialist 4
(1. Raumflug)
zur ISS:
Sunita L. Williams (41)
USA, Missionsspezialist 5,
ISS-Flugingenieur 2
(1. Raumflug)
NUTZLASTEN
Integrated Truss Structure-Port 5
(ITS-P5)
siebentes von elf Segmenten der
ISS-Gitterstruktur
- Hersteller: Boeing
- Kosten: 10,972 Mio US-Dollar
(8,44 Mio Euro)
- Material: Aluminium
- Form: quadratisch
- Abmessungen: 3,37 m lang,
4,55 m breit, 4,24 m hoch
- Masse: 1.864 kg
- Andockstelle: P4-Segment
an der Stations-Backbordseite
- Aufgabe: Verbundelement der beiden Photovoltaik-Module P4 und P6
von der ISS:
Thomas A. Reiter (48)
ESA/BRD, ISS-Bordingenieur 2,
Missionsspezialist 5
(2. Raumflug)
FLUGDATEN
Startzeit
10. Dezember 2006, 01.47:35 Uhr
Startort
Cape Canaveral, Florida;
Kennedy Space Center
Spacehab Logistics Single
Module (Spacehab-LSM)
(2. Einsatz)
3,05 x 3,40 x 4,30 m messendes und
2,77 Tonnen schweres Druckmodul
(31 Kubikmeter Volumen) mit
1,9 Tonnen ISS-Logistik
Integrated Cargo Carrier (ICC)
beidseitig tragfähige Palette (2,44 m
lang, 4,57 m breit, 25,4 cm dick) mit
839 kg Eigenmasse zzgl. 1,65 Tonnen
Nutzlasten, bestehend aus:
Startkomplex
LC-39B
Mobile Startplattform
MLP-1
Startfenster
01.42:35 Uhr bis 01.52:35 Uhr
Startmasse/STS
2.050.884 Kilogramm
Startmasse/Orbiter
120.415 Kilogramm
Astronomische Bezeichnung
2006-055A
Flughöhe
326 x 358 Kilometer
Inklination
51,64 Grad
Umlaufzeit
91,6 Minuten
ISS-Ankopplung
11. Dezember 2006, 22.12 Uhr
ISS-Abkopplung
19. Dezember 2006, 22.10 Uhr
Kopplungsdauer
7 Tage, 23 Stunden, 58 Minuten
Landezeit
22. Dezember 2006, 22.32:00 Uhr
Landeort
Cape Canaveral, Florida;
Kennedy Space Center
Landebahn
Shuttle Landing Facility/
Runway 15
Landemasse
102.219 Kilogramm
Orbits
203
Flugstrecke
8,5 Millionen Kilometer
Flugdauer
12 Tage, 20 Stunden,
44 Minuten, 25 Sekunden
- Service Module Debris Panels
(SMDPs)
100 kg Hitzeschutzpaneele für das
russische Swesda-Modul und
- Space Test Program - H2 (STP-H2)
Drei Testsatellitenpaare einschließlich
deren Start- und Versorgungstechnik
Atmospheric Neutral Density
Experiment (ANDE)
20-kg-Startzylinder mit Mock
ANDE Active (MAA - 50 kg) und
Fence Calibration (FCal - 75 kg,
passiv), zwei kugelförmigen
Satelliten (Durchmesser: 48 bzw. 44
cm) zur Messung von Zusammensetzung und Dichte der Atmosphäre
im Niedrigorbitbereich zum besseren
Verständnis der atmosphärischen
Abbremsung
Radar Fence Transponder
(RAFT)-1/Military Affiliate
Radio System Communications
(MARScom)
4 bzw. 3 kg schwere und je 13 cm
Kantenlänge aufweisende würfelförmige Satelliten zur Erprobung
experimenteller Kommunikationstechnologien
Eine Beule auf der Portseite des P6-Sonnensegels, die beim ersten Ausfahrversuch der Sonnenzelle
am 13. Dezember entstanden ist. Die Außenbordarbeiter konnten diesen Knick durch weiteres
Ausfahren des Segels wieder beheben.
Microelectromechanical
System-Based (MEMS) PICOSAT
Inspector (MEPSI)-2A/2B
zwei kubusartige, durch ein 15,2-mSeil verbundene Satelliten (je 1,5 kg
bei 10 x 10 x 13 cm Kantenlänge) für
Techniktests hinsichtlich der Inspektion von Raumflugkörpern auf
Beschädigungen
FLUGHARDWARE
Feststoff-Booster
SRB-Integration Set BI-128
Außentank
ET-123
Haupttriebwerke
SSME-1: 2050 (4. Einsatz)
SSME-2: 2054 (6. Einsatz)
SSME-3: 2058 (1. Einsatz)
Alle Zeitangaben in Weltzeit
Großer Bahnhof: Neben dem Shuttle legten auch Sojus TMA-9 (Vordergrund) und
Progress 22 an der ISS an. Fotos: NASA.
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Raumfahrt Concret 1/2007
RC-Missionsreport
MISSIONSABLAUF
Die Mission STS-116 wurde als eine der komplexesten der
bisherigen bemannten Raumfahrt angesehen. Nicht nur,
dass mit ihr das P5-Segment zur ISS transportiert und
dort installiert, deren Besatzung mit dringend benötigtem
Güternachschub versorgt und der deutsche Langzeitastronaut Thomas Reiter von seiner Nachfolgerin Sunita
Williams abgelöst werden sollte. Diesmal musste die Crew
die Station obendrein in ihren Endverkabelungszustand
versetzen. Dass dann auch noch ein störrisches
Sonnensegel einer Sonderbehandlung bedurfte, sollte
erschwerend hinzukommen.
Trotz widriger Witterungsbedingungen hob die DISCOVERY
am 10. Dezember 2006 um 01.47:35 Uhr beim ersten
Nachtstart seit der COLUMBIA-Katastrophe und dem insgesamt 29. im Shuttle-Programm ohne Schwierigkeiten
zum 20. ISS-Flug einer US-Raumfähre ab - voraussichtlich letztmalig von Rampe 39B, die von nun an für die
ersten Testschüsse der neuen ARES-I-Rakete umgerüstet
werden soll. Zwei Tage vorher hatte man den Start wegen
schlechten Wetters noch abgeblasen. Der NASA wäre
zwar noch bis zum 17. Dezember Zeit geblieben und
ohnehin war der Flug schon einmal für den 14. terminisiert, doch letztlich wollte sie dann doch nicht, dass eine
ihrer Fähren über Weihnachten im All weilte, zum einen
aus menschlichen, zum anderen aus Kostengründen.
Nach den mittlerweile zur Routine gewordenen Überprüfungen der Außenhaut des Orbiters (Flugtag-2, 10./11.
Dezember) dockte Kommandant Polansky die DISCOVERY
am 3. Flugtag (11./12. Dezember um 22.12 Uhr am
Pressurized Mating Adapter (PMA)-2-Stutzen der Station
an, nicht ohne vorher für die drei ISS-Kollegen den inzwischen obligatorischen „Inspektions-Looping“ gedreht zu
haben. Als sich schließlich beide Besatzungen um 23.54
Uhr in die Arme gefallen waren, wartete statt des
Entladens der P5-Einheit aber erst einmal ein
Sonderauftrag aus Houston auf sie. Dort hatte man im
linken Tragflächenflügel des Shuttle den vermutlichen
Einschlag eines Mikrometeoriten registriert und vorsichtshalber eine Extra-Inspektion angeordnet. Deren Ergebnis
blieb jedoch negativ, so dass Nick Patrick jetzt endlich P5
mit dem Orbiter-Greifarm aus der Ladebucht heben und
an den von Joan Higginbotham bedienten stationseigenen Canadarm-2 übergeben konnte, wo das neue ISSSegment bis zu seiner Festmontage vorerst ausharren
musste. Nun durfte auch Thomas Reiter seinen Sitz aus
dem Sojus-Raumschiff in der Raumfähre installieren,
womit er am 12. Dezember fünf Uhr offizielles Mitglied
der Shuttle-Crew wurde, der dadurch mit ihm und dem
Schweden Fuglesang erstmalig zwei ESA-Astronauten
angehörten. Im Gegenzug schleppte Suni Williams den
ihren von der DISCOVERY zur Rettungskapsel und wechselte in die ISS-Mannschaft.
Am 4. Flugtag (12./13. Dezember) absolvierten Bob
Curbeam und Christer Fuglesang erfolgreich ihr erstes
Außenbordmanöver und montierten dabei die P5Struktur an das Modul P3/P4. Beide Astronauten hatten
zuvor bei vermindertem Luftdruck in der Quest-Schleuse
genächtigt, damit der im Blut enthaltene Stickstoff quasi
schon im Schlaf „ausgewaschen“ werden konnte, was zu
einer Verkürzung der Ausstiegsvorbereitungen führt.
Dieses mit „Campout“ umschriebene Verfahren sollte im
Missionsverlauf auch bei allen weiteren anstehenden
Extra Vehicular Activities (EVAs) Anwendung finden.
Probleme bereitete am Flugtag-5 (13./14. Dezember) das
Einfahren des Backbordpaneels des P6-Solarzellenträgers.
Der bisherige Energielieferant P6 war im Dezember 2000
bei STS-97 provisorisch am Z1-Gitter befestigt worden
und soll im September 2007 während der STS-120Mission seinen endgültigen Platz am P5-Modul finden.
Jetzt behinderte dieses Segel jedoch die neuen P4-Paddel
an deren Ausrichtung nach der Sonne und sollte automatisch zusammengefaltet werden. Das Vorhaben gelang
jedoch nur zum Teil. Nach 14 von 31 Lamellen war Schluss
und das Paneel reagierte auf kein Kommando mehr, da
sich offensichtlich das Führungskabel verhakt hatte - zum
Glück aber bereits ausreichend für die Aktivierung des P4Drehgelenks.
Flugtag-6 (14./15. Dezember) brachte dann den zweiten
Ausstieg von Curbeam und Fuglesang, bei dem sie die
ersten beiden von insgesamt vier Stromkreisen der
Raumstation neu konfigurierten. Vorher war zu ihrer
Sicherheit in der hälftigen ISS der „Saft“ abgedreht worden. Doch alles funktionierte reibungslos. Um 21.45 Uhr
wurde der Schalter für die neu verkabelten Bereiche wieder umgelegt und eine dreiviertel Stunde später begann
das Kühlsystem, überschüssige Wärme in den Weltraum
abzustrahlen.
Den 7. Flugtag (15./16. Dezember) nutzte die Besatzung
vor allem zum Transfer des angelieferten 2.364
Kilogramm Stationsnachschubs, einer Pressekonferenz
sowie weiteren vergeblichen Sonnensegel-EinfahrVersuchen, während am Flugtag-8 (16./17. Dezember) Bob
Curbeam und Suni Williams beim dritten Außeneinsatz
die Strippen der restlichen zwei ISS-Stromkreise analog
zu EVA-2 neu zogen und das P6-Paneel durch Rütteln ein
klein wenig weiter zum Einfahren zwangen. Mehr war
nicht drin, was die Bodenkontrolle bewog, kurzerhand
einen zusätzlichen Ausstieg anzusetzen, gleichbedeutend
mit einer 24-stündigen Flugverlängerung. Diese ZusatzEVA fand nach einem relativ ruhigen 9. Flugtag (17./18.
Dezember) am Flugtag-10 (18./19. Dezember) statt und
endete mit einem vollen Erfolg sowie einem Rekord. Zum
einen gelang es Curbeam und Fuglesang tatsächlich, das
P6-Segel zum Totaleinzug zu bewegen, zum anderen
absolvierte Bob Curbeam als erster Astronaut einen vierten „Weltraumspaziergang“ im Rahmen eines Space
Shuttle-Fluges. Den NASA-Managern war's egal. Sie
atmeten tief durch und hoffen nun auf weniger Probleme
beim Einziehen des P6-Steuerbordflügels im März 2007
während der Mission STS-117.
Der Abschied kam Tags darauf. Nach Lukenschließung um
19.42 Uhr koppelte Pilot Oefelein am 11. Flugtag (19./20.
Dezember) die DISCOVERY mit 1.688 Kilogramm retour
gehender Experimentenproben und Abfall im Gepäck um
22.10 Uhr von der Station ab und brachte sie auf
Heimatkurs. Die Flugtage 12 und 13 (20./21. bzw. 21./22.
Dezember) standen dann vorerst ganz im Zeichen
nochmaliger Überprüfungen des Hitzeschildes sowie des
Aussetzens dreier Mikrosatelliten-Paare, ehe es an die
Vorbereitungen für die Landung ging. Nur wusste am 22.
Dezember (14. Flugtag) bis kurz vor Ultimo noch niemand,
welcher Hafen angesteuert werden würde, denn für das
Kennedy Space Center (KSC) sagten die Meteorologen
Schauerwetter voraus und im kalifornischen Edwards
drohten starke Scherwinde. Lediglich White Sands in New
Mexico, wo 1982 STS-3 als bisher einzige Shuttle-Mission
zu Ende gegangen und der Orbiter COLUMBIA dabei durch
den Wüstensand arg in Mitleidenschaft gezogen worden
war, meldete gute Bedingungen. Dahin wollte die NASA
aber nicht, schon wegen der dort fehlenden Infrastruktur,
was eine Überführung des Orbiters nach Florida deutlich
verlängert und verteuert hätte.
Ein Extra-Orbit schuf Klarheit. Über Cape Canaveral
begann es aufzuhellen, Mark Polansky durfte ab 21.27 Uhr
für 226 Sekunden die Bremstriebwerke zünden und mit
der DISCOVERY das KSC ansteuern. Dort setzte er die
Fähre nach knapp 13-tägigem Flug um exakt 22.32:00
Uhr mit den Rädern des Hauptfahrwerks auf der
Landepiste-15 auf, ließ zwölf Sekunden darauf auch die
Bugfahrwerksräder deren Beton berühren und brachte
das Gefährt um 22.32:52 Uhr zum Stillstand. Die Erde
hatte Thomas Reiter nach 171 Tagen, 3 Stunden,
54 Minuten und 5 Sekunden wieder.
AUSSENBORDAKTIVITÄTEN
Ablauf: Schon eine halbe Stunde vor der Zeit schwebten
Curbeam und Fuglesang aus der Quest-Schleuse heraus und
begannen mit der Neuverkabelung der Stromkreise 2 und 3
des ISS-Energieversorgungssystems. Dazu waren am S0Segment 19 Stecker zu entfernen und 17 von ihnen wieder
mit anderen Buchsen zu verbinden. Vor dieser Neukonfiguration musste jedoch erst die halbe Raumstation vom
Netz getrennt werden - ein kritischer Moment, da ihr für
Stunden die Redundanz verloren ging. Im Anschluss an die
„Strippenzieherei“ versetzten die Außenbordler beide ISSTransportkarren, um Platz für das mit STS-117 ankommende
S3/S4-Modul zu schaffen, lagerten Hitzeschutzpaneele für
eine spätere EVA am Stationsarm zwischen, befestigten
Werkzeugtaschen und beendeten danach ihre Mission
genau 55 Minuten vorm eigentlichen Zeitplan.
gefalteten P6-Backbordsegel. Ihr Rütteln wurde aber nur
teilweise belohnt. Lediglich sechs der noch 17 ausgefahrenen Lamellen ließen sich weiter schließen.
Gesamtdauer:
25 Stunden 45 Minuten
EV1: Robert L. Curbeam (4. - 6. EVA)
EV2: A. Christer Fuglesang (1./2. EVA)
EV3: Sunita L. Williams (1. EVA)
EVA-1
Datum: 12./13. Dezember 2006
Uhrzeit: 20.31 Uhr bis 03.07 Uhr WZ
Dauer: 6 Stunden 36 Minuten
Astronauten: EV1/EV2
Ablauf: Aufgabe von Bob Curbeam und Christer Fuglesang
war es, die P5-Einheit an das P4-Photovoltaik-Modul zu
montieren. Dafür betätigten sie sich nach Verlassen der
Luftschleuse Quest zuerst als „Einweiser“ für das Frauen-Duo
Williams/Higginbotham, das mit dem stationseigenen
Canadarm-2 die neu angelieferte ISS-Struktur an deren vorgesehene Position bugsieren musste, ohne über entsprechende Videobilder zu verfügen. Sofort nach der
Verankerung verschraubten die zwei Aussteiger P5 mit P4
und waren dabei so schnell, dass sie beide Einheiten noch
verkabeln, Starthalterungen entfernen, eine Verriegelung
für die spätere P6-Ankopplung öffnen und außerdem noch
eine defekte Videokamera am S1-Segment austauschen
konnten.
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EVA-2
Datum: 14./15. Dezember 2006
Uhrzeit: 19.41 Uhr bis 00.41 Uhr WZ
Dauer: 5 Stunden 00 Minuten
Astronauten: EV1/EV2
EVA-3
Datum: 16./17. Dezember 2006
Uhrzeit: 19.25 Uhr bis 02.56 Uhr WZ
Dauer: 7 Stunden 31 Minuten
Astronauten: EV1/EV3
Ablauf: Diesmal musste Bob Curbeam gemeinsam mit seiner neuen Partnerin Sunita Williams die Kabel der ISSStromkreise 1 und 4 umstöpseln, was erneut mit einer
Abschaltung der hälftigen Bordenergieversorgung verbunden war. Mit dem anschließenden problemlosen Hochfahren
der Systeme durch die Bodenkontrolle befand sich die
Station nun im Verkabelungs-Endzustand und kann jetzt
weitere Module aufnehmen. Im Verlauf ihrer Arbeiten positionierten Curbeam und Williams Meteoritenschutzmaterial
für eine spätere EVA am SWESDA-Modul, installierten eine
Halterung an einer Quest-Plattform, wobei Suni Williams
ihre Kamera verlor, und widmeten sich dann dem nur halb
EVA-4
Datum: 18./19. Dezember 2006
Uhrzeit: 19.00 Uhr - 01.38 Uhr WZ
Dauer: 6 Stunden 38 Minuten
Astronauten: EV1/EV2
Ablauf: Dieser Extra-Ausstieg hatte einzig und allein das
endgültige Einfahren des verklemmten P6-Flügels zum Ziel.
Hierfür ließ sich das bereits bestens eingearbeitete Team
Curbeam/Fuglesang vom Robotarm der Station zum
Einsatzort tragen, um dort bei einer eingehenden visuellen
Inspektion festzustellen, dass die Ösen für die
Führungsdrähte Abnutzungserscheinungen aufwiesen.
Daraufhin begann Curbeam mit einem eigentlich für
Reparaturen von Hitzeschutzkacheln gedachten Schaber die
Metallösen zu reinigen. Dem folgte von der ISS aus die
Aktivierung des Rollmotors, um das Sonnenpaddel um eine
Lamelle einzufahren, während Christer Fuglesang unterstützend am Paneel rüttelte. Diese Putz-, Rüttel- und RollProzedur wurde so lange wiederholt, bis das Segel um 23.54
Uhr zusammengefaltet in seinen Staubehälter glitt.
EVA-STATUS/ISS-AUFBAU
(Stand: 19. Dezember 2006)
EVA-Anzahl: 77
Gesamt-EVA-Dauer: 19 Tage, 13 Stunden, 59 Minuten
EVA-Astronauten: 65 (46 x USA, 13 x Russland,
2 x Kanada, je 1 x Frankreich, Japan, Deutschland, Schweden)
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Raumfahrt Concret 1/2007
RC-Raumfahrerporträt
Willkommen im Club
441
Michael Edward Fossum
Michael E. Fossum wurde am 19. Dezember 1957 in Sioux Falls, Bundesstaat South Dakota, Vereinigte Staaten von Amerika, geboren.
Seine Schulausbildung beendete er 1976 an der McAllen High School in McAllen, Bundesstaat Texas. Danach begann er ein Studium
als Ingenieur für Mechanik und erreichte 1980 den akademischen Grad eines Bachelor of Science an der Texas A&M University in
College Station, Bundesstaat Texas. Im April 1987 war er Finalist beim Auswahlverfahren zur 12. NASA-Astronautengruppe, im
Oktober 1989 war er Finalist beim Auswahlverfahren zur 13. NASA-Astronautengruppe und im Januar 1992 war er Finalist beim
Auswahlverfahren zur 14. NASA-Astronautengruppe. Danach war er bis Ende 1992 als Flight Test Manager des Detachment 3 an der
U. S. Air Force Test Pilot School auf der Edwards Air Force Base, Bundesstaat California, eingesetzt. Seit Januar 1993 arbeitete er als
Systems Engineer für die NASA. Im August 1994 war er Finalist beim Auswahlverfahren zur 15. NASA-Astronautengruppe. 1997
schloss er ein weiteres Studium mit dem akademischen Grad eines Master of Science im Fachbereich Space Science am University of
Houston-Clear Lake Campus in Clear Lake, Bundesstaat Texas, ab. Ab 1997 arbeitete er dann als Flight Test Engineer an der
Entwicklung des X-38-Projektes, dem ehemals geplanten Notfallrettungsgerät der NASA für die ISS.
Am 5. Juni 1998 wurde der Mechanikingenieur Michael E. Fossum als Astronautenkandidat für die 17. NASA-Astronautengruppe („The
Penguins“) ausgewählt, begann am 24. August 1998 am NASA Lyndon B. Johnson Space Center (JSC) in Houston, Bundesstaat Texas,
mit der einjährigen Grundausbildung und verfügt seit August 1999 über seinen aktiven Flugstatus als Shuttle Mission Specialist. Nach
Abschluss seiner Grundausbildung betätigte er sich in der Astronaut Office CapCom Branch, war CapCom im Mission Control und Lead
CapCom der 6. ISS-Stammbesatzung. Im Dezember 2002 erhielt er als Missionsspezialist der STS-119-Mission seinen ersten
Flugauftrag. Im Mai 2003 beendete er das Extravehicular Activity Skills-Programm. Am 2. Dezember 2003 erfolgte schließlich sein
Wechsel zu STS-121. Hauptaufgabe dieser Mission war die zweite Return to Flight Test Mission. Am 4. Juli 2006 startete er an Bord
der Raumfähre Discovery zu seinem ersten Raumflug.
Michael E. Fossum ist der 441. Raumfahrer der Welt und der 275. Astronaut der USA und erreichte bei seinem ersten Raumflug eine
Einsatzdauer von 12 Tagen, 18 Stunden, 36 Minuten und 48 Sekunden.
Der NASA-Astronaut, Oberstleutnant der Reserve der amerikanischen Luftstreitkräfte, ist verheiratet und hat vier Kinder.
442
Lisa Marie Nowak
Lisa M. Nowak wurde am 10. Mai 1963 in Washington, District of Columbia, Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Amerika, geboren. Ihre Schulausbildung beendete sie 1981 an der C. W. Woodward High School in Rockville, Bundesstaat Maryland. Sie wurde
Angehörige der U. S. Navy, nahm ein Studium auf und erreichte im Mai 1985 den akademischen Grad eines Bachelor of Science als
Ingenieur für Luft- und Raumfahrt als Kadett an der United States Naval Academy in Annapolis, Bundesstaat Maryland. 1992 beendete sie ein zweijähriges Studium als Ingenieur für Luft- und Raumfahrt an der United States Naval Postgraduate School in Monterey,
Bundesstaat California, mit dem akademischen Grad eines Master of Science. Nach Abschluss dieses Studiums war sie am Systems
Engineering Test Directorate auf der Naval Air Station Patuxent River, Bundesstaat Maryland, tätig. 1993 wurde sie für die Ausbildung
an der U. S. Naval Test Pilot School auf der Naval Air Station Patuxent River, Bundesstaat Maryland, ausgewählt, schloss im Juni 1994
diese Ausbildung ab und versah dann ihren Dienst als Systems Project Officer der Strike Aircraft Test Squadron für die Maschinentypen
F/A-18 Hornet und EA-6B an der Air Combat Environment Test and Evaluation Facility. Danach wurde sie zum Naval Air Systems
Command versetzt und arbeitete an der Einführung neuer Technik bei den Marinefliegern der U. S. Navy. Am 1. Mai 1996 wurde die
Militärpilotin Lisa M. Nowak im Rang eines Korvettenkapitän der amerikanischen Seestreitkräfte als Astronautenkandidatin für die 16.
NASA-Astronautengruppe („The Sardines“) ausgewählt, begann am 12. August 1996 am NASA Lyndon B. Johnson Space Center (JSC)
in Houston, Bundesstaat Texas, mit der zweijährigen Grundausbildung und verfügt seit August 1998 über ihren aktiven Flugstatus als
Space Shuttle Mission Specialist. Nach Abschluss ihrer Grundausbildung war sie zunächst in der Astronaut Office Operations Planning
Branch tätig, wechselte später zur Astronaut Office CapCom Branch und betätigte sich als CapCom im Mission Control. Am 12.
Dezember 2002 wurde sie für die STS-118-Mission nominiert. Infolge der Columbia-Katastrophe vom 1. Februar 2003 wurde diese
Mission zunächst ausgesetzt. Am 18. November 2004 wechselte sie von der STS-118-Mission zur STS-121-Mission. Am 4. Juli 2006
startete sie an Bord der Raumfähre Discovery zu ihrem ersten Raumflug. Lisa M. Nowak ist der 442. Raumfahrer der Welt, der 276.
Astronaut der USA, die 41. Raumfahrerin der Welt und die 33. Astronautin der USA und erreichte bei ihrem ersten Raumflug eine
Einsatzdauer von 12 Tagen, 18 Stunden, 36 Minuten und 48 Sekunden. Die NASA-Astronautin, Fregattenkapitän der amerikanischen
Seestreitkräfte, ist verheiratet und hat drei Kinder.
443
Stephanie Diana Wilson
Stephanie D. Wilson wurde am 27. September 1966 in Boston, Hauptstadt des Bundesstaates Massachusetts, Vereinigte Staaten von
Amerika, geboren. Ihre Schulausbildung beendete sie 1984 an der Taconic High School in Pittsfield, Bundesstaat Massachusetts.
Danach nahm sie ein Studium auf und erreichte 1988 den akademischen Grad eines Bachelor of Science im Fach
Ingenieurwissenschaften an der Harvard University in Cambridge, Bundesstaat Massachusetts. Nach Abschluss dieser Ausbildung
arbeitete sie bis 1990 bei der Firma Martin Marietta Astronautics Group in Denver, Bundesstaat Colorado, als Loads and Dynamics
Engineer für das Trägerraketen-Programm Titan IV. 1990 nahm sie ein weiteres Studium auf und erreichte 1992 ihren akademischen
Grad eines Master of Science als Ingenieur für Luft- und Raumfahrt am University of Texas Campus, Bundesstaat Texas.
Am 1. Mai 1996 wurde die Raumfahrtingenieurin Stephanie D. Wilson als Astronautenkandidatin für die 16. NASA-Astronautengruppe („The Sardines“) ausgewählt, begann am 12. August 1996 am NASA Lyndon B. Johnson Space Center (JSC) in Houston,
Bundesstaat Texas, mit der zweijährigen Grundausbildung und verfügt seit August 1998 über ihren aktiven Flugstatus als Space
Shuttle Mission Specialist. Nach Abschluss ihrer Grundausbildung betätigte sie sich zunächst in der Astronaut Office Space Station
Operations Branch und war danach als Mitglied der Astronaut Office CapCom Branch als CapCom im Mission Control eingesetzt.
Anschließend wechselte sie zur Astronaut Office Shuttle Operations Branch und war in den technischen Bereichen SSME, ET und SRB
tätig. Am 12. Dezember 2002 wurde sie für die STS-120-Mission nominiert. Am 18. November 2004 wechselte sie von der STS-120Mission zur STS-121-Mission. Am 4. Juli 2006 startete sie an Bord der Raumfähre Discovery zu ihrem ersten Raumflug.
Stephanie D. Wilson ist der 443. Raumfahrer der Welt, der 277. Astronaut der USA, die 42. Raumfahrerin der Welt und die 34.
Astronautin der USA und erreichte bei ihrem ersten Raumflug eine Einsatzdauer von 12 Tagen, 18 Stunden, 36 Minuten und 48
Sekunden. Die NASA-Astronautin Stephanie D. Wilson ist mit Julius McCurdy verheiratet.
Zusammenstellung: Jürgen Stark.
Anmerkung: Durch ein bedauerliches Versehen haben wir diese drei Astronauten im letztem Heft unterschlagen.
Wir bedanken uns bei vielen Lesern, die uns darauf aufmerksam gemacht haben.
33
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11:39 Uhr
Seite 36
Raumfahrt Concret 1/2007
RC-Private Raumfahrt
Die tollkühnen Männer in
ihren rasselnden Raketen (Folge 3)
Bitte nicht stören
Von Eugen Reichl
Armadillo Quad.
SpaceShip One im Weltraum.
„In der Raumfahrt gibt es zwei bedeutende
Probleme: Die Überwindung der Gravitation
und die Bürokratie. Das erstere halte ich für
lösbar“ (Wernher von Braun).
Kürzlich wurde die Industrie von der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA und der
Europäischen Kommission aufgefordert,
Vorschläge für ein bemanntes Raumfahrzeug zur Durchführung von suborbitalem Weltraumtourismus zu unterbreiten.
Bis zu drei Firmen können einen Studienauftrag erhalten - dotiert mit jeweils
34
150.000 Euro - um ihre Pläne weiter zu verfolgen. Ein wesentlicher Bestandteil des
Angebotes muss dabei die Erstellung eines
detaillierten Geschäftsplanes sein.
Jetzt kann man sich fragen, wieweit hier
die Erstellung von Geschäftsplänen sinnvoll
ist. Sie sind ein vernünftiges Werkzeug,
wenn es um existierende Industrien geht,
mit bekannten Annahmen, bekannten
Wettbewerbern, einem guten Verständnis
der Kundenanforderungen und einer halbwegs vorhersehbaren Zukunft. Wenn aber,
so wie im Space Tourismus-Bereich, etwas
vollkommen Neues geschaffen wird, dann
ist jeder Geschäftsplan reine Fiktion.
In der Autoindustrie der Vereinigten
Staaten des Jahres 1900 gab es im ganzen
Land etwa 8.000 sogenannter „automobiler
Fahrzeuge“. Die meisten von ihnen waren
dampfbetrieben. Das war eine recht zuverlässige Technologie, die Hersteller hatten sie
im Griff und die Kunden verstanden sie.
Dann gab es noch einige Elektromobile. Und
schließlich einen Rest von Exoten, der mit
Benzinmotoren betrieben wurde. Der
Treibstoff für diese Randgruppe war ein so
rares und teures Produkt, dass man ihn in
der Apotheke in 100 Milliliter-Fläschchen
kaufen musste. Nur 10 Jahre später gab es
praktisch keine andere Art von Fahrzeugen
mehr, als die "Exoten".
Das ist ungefähr die Wegmarke, an der
heute die Private Raumfahrt steht. Wer ein
komplett neues Produkt startet, muss jede
Voraussage ignorieren. Es gibt eine ganze
Anzahl konkurrierender Technologien und
den Gewinner wird niemand anders ermitteln als der Markt.
Aber wahrscheinlich sind derlei Überlegungen eher akademisch, denn im Gegensatz
zur äußerst lebhaften amerikanischen
Szene gibt es in Europa gerade mal fünf
oder sechs Unternehmen, die sich mit diesem Thema beschäftigten. Die meisten
davon sind reine "Powerpoint-Buden", die
noch keinerlei Hardware gefertigt haben.
Die Einzigen, die schon und in begrenztem
Umfang bauen und testen sind die Leute
von der britischen Firma Starchaser, und
von der rumänischen ARCA.
Konsequenterweise hat kürzlich, am 12.
Januar, der ernsthafteste Anwärter aus der
kleinen Auswahl, also Starchaser Industries,
einen der drei möglichen ESA-Verträge über
150.000 Euro gewonnen.
An der Stelle könnte man jetzt sagen "na
also, geht doch", aber genau hier beginnt
die typisch europäische Tragik:
Starchaser Industries, wie auch die anderen
Unternehmen, muss gerade erkennen, dass
in Europa private Raumfahrt überhaupt
nicht betrieben werden kann, denn es existieren keine Regularien dafür.
Zahllose Einzelfragen müssten erst geklärt
werden, bevor in Europa der Private Raumflug starten kann. Fragen wie: Welche
Institution ist zuständig für suborbitale und
orbitale Flüge bei denen Privatpersonen von
Privatunternehmen in den Weltraum transportiert werden? Wie wird sichergestellt,
dass Flug- und Testgenehmigungen zu
bekommen sind? Welches Regelwerk lässt
Testflüge mit bemannten Raketen zu? Wo
gibt es Definitionen für den Umfang dieser
Flüge? Wie sieht es mit den Haftungsfragen aus?
In den USA wurde dieser in Wirklichkeit viel
E-RC46-6.3.
06.03.2007
11:39 Uhr
Seite 37
Raumfahrt Concret 1/2007
RC-Private Raumfahrt
Blue Origin.
umfangreichere Fragenkatalog innerhalb
weniger Monate von der zuständigen
Behörde, der Federal Aviation Administration (FAA) abgearbeitet und die dafür
notwendigen Maßnahmen definiert. Grundlage war der „Commercial Space Launch
Amendment Act“ den das amerikanische
Repräsentantenhaus im Jahre 2004 verabschiedete.
Gleichzeitig wurde dort beschlossen, einen
sogenannten "phased approach" durchzuführen, über einen Zeitraum von acht
Jahren. Dies betrifft vor allen Dingen die
sicherheitsrelevanten Aspekte der Bestimmungen.
In der Praxis bedeutet das, dass ein Teil der
Vorschriften solange nicht in Kraft tritt, bis
eine statistisch aussagekräftige Menge an
Daten vorliegt, auf deren Basis sie vernünftig angewendet werden können.
Der Sinn dieser Maßnahme liegt darin, dass
sich in diesem neuen Geschäft mit seinen
explosiven Treibstoffen, den hohen Geschwindigkeiten und großen dynamischen
Belastungen mit Sicherheit in der Anfangsphase eine Reihe von Unfällen ereignen wird. Wahrscheinlich auch solche mit
tödlichem Ausgang. Um hier das neue
Business nicht gleich beim ersten Vorfall
schon wieder abzuwürgen, hat der amerikanische Gesetzgeber diese Karenzzeit als
notwendig betrachtet.
Meine Erfahrung sagt mir, dass wir diesen
wohltuenden Pragmatismus in Europa niemals erleben werden. Besonders die Deutschen neigen in allen sicherheitsrelevanten
Aspekten, wenn sie nicht grade mit Autofahren zu tun haben, zu permanenter
Hysterie.
Alle Institutionen in Europa, die für die
Ausarbeitung der Regularien in Frage kommen (und das sind eine ganze Menge) bezeichnen sich schon einmal vorbeugend als
nicht zuständig.
Angefangen von European Aviation Safety
Agency (EASA), deren Funktion noch am
ehesten der amerikanischen FAA entspricht,
über die Joint Aviation Authorities (JAA),
die International Spaceflight Organisation
(ISFO), die Nationalen Raumfahrtagenturen
wie DLR, CNES, ASI usw. bis hin zur Europäischen Raumfahrtorganisation (ESA) und
einer Vielzahl weiterer nationaler Behörden:
Alle zucken mit den Achseln.
Es gibt sogar ein European Center für Space
Law, und man möchte meinen, hier wäre
die Frage vielleicht richtig angesiedelt. Aber
auch diese Institution beschäftigt sich nicht
mit so profanen Dingen, sondern fühlt sich
eher zuständig für die juristisch korrekte
Auslegung von Rechtsfragen wie "Wem
gehören Mond und Mars?"
Gehen wir aber einmal davon aus, dass ein
Wunder geschieht, und in absehbarer Zukunft das Thema ernst genommen, die
Frage der Zuständigkeit geklärt und die
Regularien geschaffen sind. In diesem Fall
werden sich augenblicklich zwei weitere
typisch europäische Besonderheiten auftun: Die Vorliebe für hochkomplexes Regelwerk, und das Problem, einen passenden
Standort für die Durchführung der Starts
zu finden.
Um Problem eins zu verstehen, beachten
Sie nur dies: Die zehn Gebote haben 284
Worte und Moses schrieb sie an einem einzigen Nachmittag auf. Die amerikanische
Unabhängigkeitserklärung umfasst 1.332
Worte und dafür beratschlagten die Delegierten einige Tage. Das Grundgesetz der
Bundesrepublik Deutschland hat in seiner
Originalfassung von 1949 etwas unter
12.000 Wörter und seine Väter brauchten
ein paar Wochen um es zu erarbeiten. Die
Regulierungsvorschrift der Europäischen
Union für den Vertrieb von Weißkraut
jedoch ist 23.826 Worte lang, und es dauerte Jahre bis sie nach komplizierten und
zähen Verhandlungen in Kraft trat.
Es bedarf keinerlei intuitiver Fähigkeit, um
zu erkennen, dass eine europäische Verordnung über den privaten Transport von
Menschen in den Weltraum einen bürokratischen Aufwand erfordert, der den Handel
mit Gemüse um mehrere Größenordnungen
übertrifft.
Zu Problem zwei sei nur soviel gesagt, dass
es überall in Europa noch für die kleinste
Umgehungsstraße wahrhaft byzantinische
Planungsprozesse gibt, und dass Europa die
Heimat einer unübersehbaren Armee von
Umweltaktivisten ist.
Derzeit sind zwei Orte für die Durchführung
von suborbitalem Weltraumtourismus im
Gespräch. Kiruna in Nordschweden und
Nordschottland. Beide sind im Prinzip
geeignet.
Der schwedische Kandidat besitzt sogar
schon eine moderate Raumfahrt- und
Transport-Infrastruktur, denn da finden seit
Jahr und Tag (institutionelle) Starts von
Höhenforschungsraketen der ESA statt.
Allerdings darf man sich schon jetzt fragen,
wie viele betuchte Weltraumreisende in
dieser gottverlassenen Gegend, 150 Kilometer nördlich des Polarkreises, herumhängen wollen.
Nord-Schottland hat keine passende
Infrastruktur, ist aber auch nur dünn besiedelt. Dummerweise ist die Gegend der
Lebensraum für eine Vielzahl von Wildtieren.
Überall in Europa kann der Bau einer zwei
Kilometer langen Umgehungsstraße, um
eine dauerverstopfte Ortsdurchfahrt zu
beseitigen, dank der energischen Kampagnen von Umweltaktivisten Jahrzehnte dauern, wenn auch nur irgendwo ein einsamer
Feldhamster gesichtet wird.
All das haben auch die wackeren Streiter bei
der Firma Starchaser erkannt. Bereits in der
ersten Erklärung zum Gewinn ihrer ESAStudie haben sie kundgetan, dass sie alle
Arbeiten und Tests in den USA, und dort auf
dem im letzten Jahr eröffneten New Mexico
Spaceport durchführen werden.
Unterstellen wir jetzt der Einfachheit halber
ein weiteres Wunder, und gehen davon aus,
dass neben den Regularien auch mindestens ein Spaceport geschaffen wird. Dann
bleibt die Frage der Finanzierung. Die ESA
ist bereit, wir haben es eingangs gesehen,
insgesamt 450.000 Euro in die private
Raumfahrt zu investieren. Das ist weniger
als ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn
es darum geht, einer völlig neuen Industrie
zu einem Kickstart zu verhelfen.
Man braucht also Investoren. Doch europäische Finanziers sind an der Raumfahrt
völlig uninteressiert. Kein Wunder ange-
35
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Raumfahrt Concret 1/2007
RC-Private Raumfahrt
sichts der Bedingungen.
Das heißt, nicht alle europäischen Investoren stehen dem Thema ablehnend gegenüber. Richard Branson, immerhin Brite, ist
von der Idee begeistert. Aber er kennt
Europa und versucht erst gar nicht, seine
neue Firma „Virgin Galactic“ hier anzusiedeln. Lieber investiert auch er im amerikanischen Bundesstaat New Mexico für seinen
Raumflughafen und in Kalifornien für die
Entwicklung seines Raumfahrzeugs. Für's
erste legt er schon mal eine Viertelmilliarde
Dollar in den Vereinigten Staaten an.
Auf dem Kontinent gibt es nicht weniger
reiche Leute als in den USA. Aber nirgendwo ist hier ein Paul Allen, ein Elon Musk, ein
Jeff Bezos oder ein Andrew Bigelow zu
sehen, die allesamt in den USA derzeit riesige Summen in den Aufbau der privaten
Raumfahrt stecken. Diese Unternehmer finden in den USA ideale Bedingungen vor, sie
sind risikobereit und haben eine Passion für
das Thema. Nichts davon auf dem alten
Kontinent.
In einem oder zwei Jahrzehnten, wenn man
die amerikanischen Pioniere des neuen
Business preisen wird als die Boeings und
Lockheeds der Neuzeit, wird Europa aus
dem Dornröschenschlaf erwachen, sich verwundert die Augen reiben, und fragen,
warum es denn nicht teilhat an dieser fortschrittlichen neuen Technologie. Dann werden die Regierungen auf Kosten des
Steuerzahlers ein hochkomplexes Industriekonsortium ins Leben rufen, das dann
beginnen wird, mit der übrigen Welt zu
konkurrieren. Der Name des Produktes wird
- darauf kann man jetzt schon Wetten
annehmen – in einem Anfall von Kreativität
"Spacebus" sein.
Bis dahin hat sich Europa einfach ein Schild
an die Grenzen gehängt, auf dem steht:
„Bitte nicht stören“.
Benson Ship 1. Fotos: Archiv Autor.
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A N D R O M E D A
Das Weltall Tag für Tag; Knesebeck 2006. In
diesem Folgeband zu dem Bestseller ‚Das
Universum - Tag für Tag’ zeigen Jerry T. Bonnell
und Robert J. Nemiroff eine neue Auswahl an
Bildern von ihrer Website Astronomy Picture of
the Day. Der Band bietet Aufnahmen der beiden
Marsrover, der Saturnsonde Cassini, sowie die
jüngsten Entdeckungen von Hubble und Spitzer.
Ein kurzer Text begleitet jedes Bild. 744 Seiten mit
h 33,00
372 farbigen Abbildungen. Gebunden.
Apollo 11 – Wahrheit oder Täuschung;
Imhof Verlag 2006; 120 S.; ca. 60 Farb- und 30
SW/Abb. Aufwändiger Bild-Text-Band zu einem
der größten Ereignisse der Menschheitsgeschichte! Mit berühmten Fotos des Fluges von
Apollo 11 – Dokumentation des Besuchs von
Astronaut Neill A. Armstrong in Deutschland –
Rote Karten für den Film „Die Akte Apollo“.
Endlich wird gründlich aufgeräumt mit den
h 19,95
Spekulationen! Gebunden.
Lunar and Planetary Rovers- the wheels of
Apollo and the Quest for Mars; Anthony
Young; Springer Verlag 2006; 300 Seiten mit
Abbildungen und Illustrationen. Young schildert
die komplette Entwicklungsgeschichte des Lunar
Rovers und geht dann detailliert auf die
Missionen Apollo 15, 16 und 17 ein. Die
Abschnitte über den Mars behandeln Sojourner
und MER und geben einen Ausblick auf zukünftih 29,95
ge Mars Rover. Soft
Praxis Manned Spaceflight Log 1961 –
2006; Tim Furniss/David J. Shayler; Springer
Verlag 2006: 500 Seiten. Soft. Der Band enthält
ein Kapitel über die Technik zum Erreichen und
Verlassen des Orbits sowie zu einzelnen
Raumfahrtprogrammen. Die Chronologie enthält
zudem sehr ausführliche Angaben zu allen
bemannten Flügen bisher, ausgestattet mit
jeweils einem Bild zu jedem Flug und biographih 30,90
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Kennedy Space Center - Gateway to Space;
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Seiten mit 150 z.T. spektakulären Farbfotos. Vor
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Kennedy Space Centers an der Ostküste Floridas.
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Saturn – A New View; Lovett/Horath/Cuzzi,
USA 2006, 191 Seiten mit einer Fülle von aktuellen Fotos. Dieser Band präsentiert die ausgewählt
schönsten Aufnahmen und geht auf den aktuellen Stand der Forschungen ein. Gebundene
h 39,95
Ausgabe im Großformat 28x28 cm.
Postcards from Mars – The First Photographer on the Red Planet; Jim Bell; NASA
2006, Großformat 30x30 cm, 194 Seiten. Die
‚Fotografen’ der ‚Postkartenansichten’ sind die
beiden Mars Rover Spirit und Opportunity.
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06.03.2007
11:39 Uhr
Seite 39
Raumfahrt Concret 1/2007
Hobby
RC-Hobby
WELTRAUM-PHILATELIE - NEUHEITEN
Liebe RC-Leser, künftig werden wir an dieser Stelle mit Unterstützung der Arbeitsgemeinschaft Weltraum-Philatelie e.V.
Briefmarken-Neuheiten aus dem Bereich
Raumfahrt und Weltraumforschung vorstellen
Am 16.11.2005 gelangten in Mauretanien
anlässlich des Weltgipfels zur Entwicklung
der Informationsgesellschaft in Tunis zwei
Werte (100 und 370 UM) an die Schalter, die
im Markenbild u.a. die Erdkugel mit zwei
darüber stationierten Nachrichtensatelliten
zeigen (Abb.1).
Abb. 2
Abb. 4
Abb. 1
Abb. 3
In einigen GUS-Ländern erschienen zum 15.
Jahrestag der regionalen Zusammenarbeit
in der Kommunikation RCC (Regional Concord of Communication) Marken mit raumfahrtrelevanten Darstellungen:
So zeigt die Marke von Weißrussland neben
den Postleitzahlen, 2 Erdkugeln und einem
Abb. 5
Fernsehturm einen kleinen symbolischen
Nachrichtensatelliten (Abb. 2 und 3). Der
Wert zu 410 R. sowie ein Kleinbogen mit 8
Werten erschienen am 13.10.2006.
Auch die Marke von Russland (Ausgabe am
09.11.2006) zeigt neben dem Fernsehturm
einen kleinen symbolischen Nachrichten-
Abb. 6
Abb. 7
Die Marke aus Spanien zum 50. Jahrestag
der Gründung des spanischen Fernsehens
zeigt einen Fernseher, eine Kamera, einen
symbolischen Nachrichtensatelliten und ein
Haus mit Satellitenantenne (Ausgabe
08.11.2006, Abb. 6). Am 16.02.2007 erschienen 2 Werte, die den Wissenschaften der
Erde und des Universums gewidmet sind.
Auf der Marke zu 0,78 h ist das Radioteleskop des Astronomischen Zentrums von
Yebes (Guadalajara) für astronomische
Beobachtungen (D= 40 m) abgebildet (Abb. 7).
satelliten (Abb.4).
In Usbekistan erschien aus gleichem Anlass
ein Block, bei dem auf dem Block-Rand u.a.
die Internationale Raumstation ISS abgebildet ist (Abb. 5).
Zusammenstellung: Dieter Steinbrecher.
Weitergehende Informationen: Florian Noller,
Postfach 1320, 71266 Renningen oder
[email protected]
37
E-RC46-6.3.
06.03.2007
11:39 Uhr
Seite 40
Raumfahrt Concret 1/2007
Raumflugkörper-Report
RC-RFK-Report
RFK-Report Nr. 34/35/36
August 2006
Start- Internat.
tag Index
04
2006-032A
11
Hot Bird 8
Land/
Org.
EUTELSAT
Träger/
Startort
Proton-M
Baikonur
2006-033A
JCSat 10
Japan/JSAT
Ariane 5ECA/
Kourou
GEO, 128º O
11
2006-033B
Syracuse 3B
Frankreich
wie vor
GEO
22
2006-034A
KoreaSat 5
(Mugungwha 5)
Korea
Zenit-3SL/
Odyssey
Pazifik
154º W
Shijian 8
China
CZ-2C/
Jiuquan
USA/NASA
September 2006
09
2006-035A
38
Name
Space Shuttle
Bahn in km
Umlauf
in min
Inkl. in ˚
Funktion und Bezeichnung,
ggf. weitere Infos in Fußnote
4,9 t, 14 kW KomSat. mit 64 Ku-Band-Transpondern für
950 digitale Radio- und TV-Kanäle in Europa,
Nordafrika und Mittelasien.
4,4 t KomSat. mit 30 Ku-Band- und 12 C-BandTranspondern für direkten Radio- und TV-Empfang in
Japan, im Asiatisch-Pazifischen Raum und auf Hawaii.
MilitärSat. Mit 4 Spotbeams im SHF-Frequenzbereich
und 2 Spotbeams im EHF-Frequenz-Bereich.
4,5 t KomSat. mit 24 Ku-Band-, 8 SHF-Band- und 4
Ka-Band-Transpondern für digitalen und herkömmlichen
TV-Service in der Asiatisch-Pazifischen Region für
Firmen und Militär. 1)
428 x 178
90,6
63,0
STS-115
350 x 335
ATLANTIS/
Cape Canaveral
H-2A/
484 x 491
Tanegashima
91,4
51,6
479
97,3
BioSat. mit Rückkehrkapazität. Führte 250 kg
Pflanzensaat und Pilzkulturen mit an Bord, die nach
der Rückkehr zu Hochleistungspflanzen gezüchtet
werden. ☛RFK-Spot.
Brachte 17 t-Ausleger P3/P4 und Solarpaneele zur ISS,
die von der Besatzung während 3 EVAs montiert
wurden.
Information Gathering Satellite, auch Optical-2
genannt, ist ein MilitärSat. mit Ausrüstung für die
Fotoaufklärung. Ersetzt IGS O-1 und den
Fehlstart IGS O-2.
KomSat. für die Übertragung von Ton und Bild für die
Olympischen Spiele in Peking 2008.
GEO, 13º O
09
2006-036A
11
2006-037A
IGS 3A
Japan/
JAXA
12
2006-038A
Zhongxing 22A
China
CZ-3A/
Xichang
GEO, 98º O
14
2006-039A
Kosmos 2423
Russland
272,6 x 185,8
89,5
64,9
18
2006-040A
Sojus TMA-9
Russland
Sojus-U/
Baikonur
Sojus-FG/
Baikonur
350 x 333
91,36
51,64
22
2006-041A
Hinode
(Solar-B)
Japan-USA/
ISAS-NASA
M-5/
Uchinoura
sonnensynchron
22
2006-041
SSAT
wie vor
22
2006-041F
HIT-SAT
Japan/
ISAS/JAXA
Japan
25
2006-042A
GPS 2R-15
USA
Delta 2/
Cape
Canaveral
20.413 x 173
Oktober 2006
13
2006-043A
DirectTV 9S
USA
Ariane 5ECA/
Kourou
GEO, 119 º W
13
2006-043B
OPTUS D1
Australien
wie vor
GEO
13
2006-043C
LDREX 2
Japan/JAXA
wie vor
35.648 x 264
629,6
7,0
19
2006-044A
METOP-A
ESA/
EUMETSAT
Sojus-2/
Baikonur
821 x 819
101,3
98,7
wie vor
357
40,0
MilitärSat. mit Rückkehrfähigkeit und Fotoausrüstung
für das russische Verteidigungsministerium.
Passagierraumschiff mit neuer Stammbesatzung
Expedition Crew 14 und einem Weltraumtouristen für
die Internationale Raumstation.
0,7 t 1,0 kW sonnensynchroner Sat. in USamerikanisch-japanischer Kooperation für die
Erforschung des Magnetfeldes der Sonne. 2)
☛http://solar-b.nao.ac.jp/index_e.shtml ☛RFK-Spot.
Sonnensegelexperiment. Keine gesicherten Angaben.
Kleiner Amateurradiosatellit in Würfelform, gebaut und
betrieben vom Hokkaido Institute of Technology.
NavSat. der GPS-Flotte für Ebene A, Position 2. Ersetzt
GPS 2-12, der als Ersatz in die Position A-4 manövriert
wurde.
5,5 t (mit Treibstoff) KomSat. mit 52 Ku-Band und 2
Ka-Band-Transpondern für direkten Hausempfang von
Audio, Video und Internet über Nordamerika mittels 27
Spot-Beams.
2,5 t (mit Treibstoff) KomSat. mit 24 Ku-BandTranspondern für Audio- und Video-Übertragung nach
Australien und Neuseeland.
Technologiedemonstrator, der einen leichtgewichtigen
6,5 m Radioantennenreflektor entfaltete.
4,1 t, 17 m x 6,5 m x 5,2 m polarer MetSat. mit 10
Instrumenten an Bord für die Atmosphärenforschung
im Morgenorbit (Äquatorquerung am Vormittag).
E-RC46-6.3.
06.03.2007
11:39 Uhr
Seite 41
Raumfahrt Concret 1/2007
RC-RFK-Report
23
Progress M-58
Land/
Org.
Russland
Träger/
Startort
Sojus/
Baikonur
2006-046A
Shijian 6C
China
23
26
2006-046B
2006-047A
Shijian 6D
STEREO-A
wie vor
USA
26
2006-047B
STEREO-B
USA
28
2006-048A
SinoSat 2
(Xinnuo-2)
30
2006-049A
November 2006
04
2006-050A
Name
Bahn in km
346 x 329
Umlauf
in min
91,3
51,63
CZ-4B/
Taiyuan
600 x 595
96,6
97,7
wie vor
Delta 2/
Cape
Canaveral
wie vor
wie vor
sonnensynchron
wie vor
345 d
wie vor
wie vor
385 d
China
CZ-3B/
Xichang
GEO, 110º O
XM 4
(BLUES)
USA
Zenit-3SL/
GEO, 115 º W
Odyssey
Pazifik 154º W
DMSP F17
USA/DoD/NO Delta 4/
AA
Vandenberg
855 x 841
08
2006-051A
ArabSat 4B
(BADR 4)
Saudiarabien
Proton-M/
Baikonur
GEO, 26º O
17
2006-052A
GPS 2R-16
(Navstar 59)
USA
Delta 2/
Cape
Canaveral
20.367 x 20.206
Dezember 2006
08
2006-053A
Fengyun 2D
China
CZ-3A/
Xichang
GEO, 86,5º O
08
2006-054A
WildBlue 1
USA
Ariane 5 ECA/ GEO, 111º W
Kourou
08
2006-054B
AMC 18
USA
wie vor
GEO, 105º W
11
2006-055A
Space Shuttle
USA/NASA
STS-116
DISCOVERY
338 x 315
11
2006-056A
MEASat 3
Malaysia
Proton-M/
Baikonur
GEO, 91,5º O
14
2006-057A
16
2006-058A
USA 193
(NROL-21)
TacSat 2
USA/
NRO
USA/
AFRL
Delta/
354 x 376
Vandenberg
Minotaur/
420 x 413
Wallops Island
Inkl. in ˚
102
98,8
722
55,1
91
51,7
58,8
92,9
40
Funktion und Bezeichnung,
ggf. weitere Infos in Fußnote
Automatisches Frachtraumschiff mit 880 kg Treibstoff,
Wasser, 237 kg Nahrung, 52 kg Sauerstoff und Ausrüstung
für die ISS.
ForschungsSat. mit Radiodetektoren für die
Erkundung der Weltraumumgebung. Ersetzen ShijianSatelliten aus dem Jahre 2004.
wie vor
A = ahead, identisch mit B. 620 kg,
4,3 m x 6,4 m x 2,6 m für die stereoskopische
Erforschung der Sonne. 3)
B = behind
☛http://stereo.gsfc.nasa.gov
☛http://stereo.jhuapl.edu
5,1 t KomSat. (mit Treibstoff) der neuen Generation mit
22 Transpondern für analogen und digitalen
Fernsehempfang in China, Macao, Hong Kong und
Taiwan.
5,2 t KomSat. mit 18 kW-Transponder für den digitalen
S-Band-Audioservice (DARS) für mobile und stationäre
Empfänger in Nordamerika.
Raumflugkörper-Report
Oktober 2006
Start- Internat.
tag Index
23
2006-045A
1,2 t militärischer WetterSat. ähnlich DMSP F16 und
F15 für die Rund-um-die-Uhr-Überwachung von
Wolken, Bodenfeuchte, Windstärke und Feuer im
Infrarot- und sichtbaren Spektrum. Mit
Laserattacken-Warngerät ausgestattet.
3,3 t KomSat. (mit Treibstoff) mit 32 Ku-BandTranspondern für Audio und Videokommunikation im
arabischen Raum.
2 t NavSat. für GPS-Flotte in Ebene B, Position 4. Ersetzt
GPS2A-22. Mit neuartigem System zur Korrektur der
Signalablenkung in der Ionosphäre. GPS besteht somit
aus 29 Sats. inclusive der Ersatzsats.
WetterSat. fotografiert jede halbe Stunde den Zustand
der Wolken, die Entwicklung von Stürmen und überträgt die Seewassertemperatur. Fengyun bedeutet
„Wind und Wolken“.
4,7 t KomSat. mit mehreren Ka-Band-Transpondern
und Spot-Beams für den Hochgeschwindigkeitszugang
zum Internet für die USA.
2,1 t KomSat. mit 24 C-Band-Transpondern für die
Audio-, Video- und Internetübertragung nach Kanada,
USA, Mexiko und die Karibik.
Flug zum weiteren Aufbau der ISS mit P5-Struktur und
einem neuen Mannschaftsmitglied für die Stammcrew.
Brachte Thomas Reiter zurück zur Erde.
4,9 t, 10,8 kW KomSat. mit 24 C-Band und 24 KuBand-Transpondern für direkten Audio-, Video- und
Internetempfang in 100 Ländern zwischen 50º O und
150º O beidseits des Äquators.
MilitärSat. mit höchst geheimer Nutzlast.
Keine weiteren Angaben.
375 kg, 550 W militärischer MiniSat. mit Teleskop von
50 cm Öffnung für Punktaufnahmen von ausgesuchten
Orten von militärischem Interesse. Auch verschiedene
Technologieexperimente an Bord
39
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11:39 Uhr
Seite 42
Raumfahrt Concret 1/2007
Raumflugkörper-Report
RC-RFK-Report
Dezember 2006
Start- Internat.
tag Index
16
2006-058B
Name
GeneSat 1
Land/
Org.
USA/
NASA
Träger/
Startort
wie vor
Bahn in km
wie vor
Umlauf
in min
wie vor
Inkl. in ˚
wie vor
18
2006-059A
Kiku 8
(ETS 8)
Japan
H-2A/
Tanegashima
GEO, 146º O
19
2006-060A
SarLupe 1
BRD
Kosmos-3M/
Plessetzk
506 x 467
94
98,2
24
2006-061A
Meridian
Russland
Sojus-2/
Plessetzk
39.670 x 979
727
62,8
25
2006-062A
Kosmos 2424
Russland
Proton-K/
Baikonur
19.037 x 19.020
674
64,8
25
25
27
2006-062B
2006-062C
2006-063A
Kosmos 2425
Kosmos 2426
COROT
wie vor
wie vor
Frankreich/
ESA
wie vor
wie vor
Sojus-2/
Baikonur
wie vor
wie vor
884 x 872
wie vor
wie vor
103
wie vor
wie vor
90,0
Januar 2007
10
2007-001A
LAPAN-Tubesat
Indonesien
PSLV-C7/
Sriharikota
638 x 620
97,3
97,9
10
2007-001B
CartoSat 2A
Indien
wie vor
641 x 621
97,3
97,9
10
2007-001C
SRE 1
Indien
wie vor
643 x 486
95,9
97,9
10
2007-001D
PehuenSat 1
Argentinien
wie vor
641 x 621
97,3
97,9
18
2007-002A
Progress M-59
Russland/
Roscosmos
Sojus-U/
Baikonur
352 x 322
91,3
51,6
Funktion und Bezeichnung,
ggf. weitere Infos in Fußnote
10 kg NanoSat. mit E.Coli-Bakterien zur Beobachtung
deren Verhaltens in der Schwerelosigkeit an Bord.
Studenten übernehmen nach einigen Tagen die
Bahnverfolgung.
5,8 t (mit Treibstoff) Technologie-TestSat. mit
Solarzellen und 28 m x 25 m Drahtgeflecht-Antennen
für die Kommunikation von Mobiltelefonen im S-BandBereich.
720 kg. Militärischer RadarSat. für die AllWetterbeobachtung mittels Fernerkundung im 1-mAuflösung-Bereich.
KomSat. für Kommunikation zwischen Flugzeugen,
Schiffen und Küstenstationen in der Nordsee, Sibirien
und dem russischen Fernen Osten.
NavSats. der russischen Glonass-Flotte in Ebene 2.
Ergänzen gegenwärtige Konstellation von 11 Sats plus
5 ErsatzSats. Volle Einsatzstärke von 24 Sats. wird 2009
erreicht werden.
650 kg WissenschaftsSat. für die Suche nach
erdähnlichen Planeten. COnvection ROtation and
planetary Transit 4)
56 kg MikroSat. zur Technologiedemonstration.
Der 45 cm x 45 cm x 47 cm große Würfel hatte zwei
Kameras für Farbaufnahmen an Bord.
680 kg FernerkundungsSat. für panchromatische
Aufnahmen mit 1-m-Auflösung für zivile
Planungsaufgaben und Karthographie.
615 kg Technologiedemonstrator mit
Rückkehrfähigkeit. Landete nach 12 Tagen im Golf von
Bengalen. Test bereitet die für 2010 geplante
Mondmission vor.
6,1 kg schwerer PikoSat. Der Testsatellit diente dazu,
dass Argentinien Erfahrungen mit dem Bau und der
Bahnverfolgung von Satelliten sammeln konnte.
Automatisches Frachtraumschiff mit 2,5 t Treibstoff,
Wasser, Nahrung, Sauerstoff und Ausrüstung für die
ISS dockte an Pirs. Zu Ehren des 100. Geburtstags von
Koroljow wurde es auf seinen Namen getauft und ein
Porträt des Chefdesigners an der Verkleidung
angebracht.
1 ) . Da in einigen asiatischen Kulturen die Nummer 4 mit dem Tod assoziiert werden könnte, gab es keinen KoreaSat 4. Der Name „Mugungwha“ ist der koreanische Name für die Nationalblume
Südkoreas, die Rose von Sharon.
2 ) . Der Forschungssatellit hat 3 Hauptinstrumente an Bord, die Abweichungen im Magnetfeld der Sonne, die mit Eruptionen einhergehen, messen können. SOT (Solar Optical Telescope) ist ein
Teleskop mit 50 cm Öffnung für Beobachtungen im Wellenspektrum von 388 – 669 nm. Das Röntgenteleskop (XRT – X-Ray Telescope) mit einer Öffnung von 34 cm arbeitet im Bereich von 0,2 –
20 nm Wellenlänge. Das EIS-Spektrometer (EUV Imaging Spectrometer) deckt den Bereich von 17 – 21 nm und 25 – 29 nm Wellenlänge ab.
3 ) . Die Zwillingssatelliten erlauben die koordinierte Sonnenbeobachtung von zwei Punkten aus, die für Sonden auf einer Erdumlaufbahn unerreichbar wären. Die Instrumente im optischen und
UV-Bereich, Strahlungsmonitore und Teilchendetektoren werden neue Erkenntnisse über das Weltraumwetter liefern und das Studium des Teilchenflusses von der Sonne zur Erde gestatten. Beide
Satelliten sind mit vier identischen Instrumenten ausgestattet: SECCHI (Sun-Earth Connecton Coronal and Heliospheric Investigation) zur Messung des coronalen Massenausstoßes von der
Sonnenoberfläche, IMPACT (In-situ Measurements of Particles and CME Transients) für die Beobachtung des Partikelstroms und des lokalen Magnetfeldes, PLASTIC (PLAsma and SupraThermal Ion
Composition) zur Messung der Energie von Protonen und Teilchen sowie der Masse, Energie und Ladung von schweren Ionen, SWAVES (Stereo Waves) registriert die Emission von Elektronen und
der heliosphärischen Schockwelle.
4 ) . Mit diesem Start der neuen Sojus-2-Rakete ist das Modernisierungsprogramm (auch „Rus“ genannt) vorläufig abgeschlossen. Es wurden folgende Parameter erfolgreich demonstriert: verbesserte Triebwerke der 1. und 2. Stufe, digitales Lenksystem, großvolumige Nutzlastverkleidung, neue dritte Stufe und die universelle Oberstufe Fregat. COROT ist ein Planetenfinder-Satellit und geht
auf eine Initiative der CNES zurück. Das Teleskop an Bord mit einer Öffnung von 27 cm registriert die Helligkeit von 100.000 Sternen in unserer Galaxie. Vier CCD-Displays überprüfen 10.000 Sterne
im Abstand von 512 Sekunden. Das Beobachtungsfeld wird alle 150 Tage gewechselt. Damit hofft man, winzige Veränderungen der Helligkeit der Sterne zu sehen, die auf den Vorbeizug (Transit)
eines Planeten hindeuten können. Eine spätere Mission soll dann die potenziellen erdähnlichen Planeten, auf denen sich eventuell Lebensformen entwickelt haben, von den Gasplaneten unterscheiden.
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11:39 Uhr
Seite 43
Raumfahrt Concret 1/2007
RC-RFK-Report/RFK-Spot
Datum
Internationaler Index
Name
Im August 2006 keine verglühten, ausgefallenen oder zurückgeführten Raumflugkörper.
03. September 2006 2003-043C
SMART-1
09. September 2006 2005-035C
SUITSAT
19. September 2006 2006-013A
Progress M-16
29. September 2006 2006-009A
Sojus TMA-8
Im Oktober 2006 keine verglühten, ausgefallenen oder zurückgeführten Raumflugkörper.
Datum
Internationaler Index
Name
01. November 2006
23. November 2006
22. Dezember 2006
17. Januar 2007
2006-035A
2006-039A
2006-055A
2006-025A
Shijian 8
Kosmos 2423
STS-116 DISCOVERY
Progress M-57
Fehlstarts
Explosion einer Zenit-3SL am 30.1.2007 auf der schwimmenden Plattform „Odyssey“
Es sollte der Auftakt zum „Jahr der Zenit“ mit 10 geplanten Starts von Sea Launch und Land Launch im Pazifik und in Baikonur werden und endete mit einem totalen
Desaster: am 30.1.2007 explodierte eine kommerzielle Trägerrakete des Typs Zenit-3SL unmittelbar nach dem Zünden auf der schwimmenden Startplattform Odyssey im
Pazifik. Das Triebwerk RD-171 der ersten Stufe zündete und um 15.22 Uhr Ortszeit begann der Start der Rakete. Aber im gleichen Augenblick sackte die Zenit durch, fiel
in den Abgasschacht der Startplattform hinein und explodierte augenblicklich in einem gewaltigen Feuerball. Das Kontrollschiff Sea Launch Commander befand sich in
ausreichender Entfernung, so dass keine Verletzten oder Toten zu beklagen waren. Die Live-Übertragung des Starts wurde nach 20 Sekunden abgebrochen. Bislang ist die
Ursache der Katastrophe noch nicht vollends geklärt. Entweder versagte das Triebwerk RD-171 der 1. Stufe, oder es gab Probleme in der zuführenden Sauerstoffleitung.
So könnte die Turbopumpe des Triebwerkes durch Schmutz in den Zuleitungen explodiert sein.
Erste Bilder von der Plattform, die am 3.2. veröffentlicht wurden, zeigen sie verräuchert, aber schwimmfähig, so dass sie aus eigener Kraft zum Heimathafen Long Beach
zurückfahren kann. Selbst filigrane Strukturen wie Antennenradome, blieben unbeschädigt. Abgerissen und im Meer versunken ist der Flammenabweiser unter dem
Starttisch. Die Hangartüren wurden aus ihrer Verankerung gerissen. Eine genaue Schadensanalyse kann erst in Long Beach erfolgen. Dann wird sich herausstellen, ob man
Odyssey reparieren kann oder nicht (siehe auch 3. Umschlagseite).
Bei dem Start sollte der Nachrichtensatellit NSS-8 der Firma SES New Skies aus Amsterdam, Niederlande, einer Tochterfirma der SES Global aus Luxemburg, in eine geostationäre Transferbahn befördert und bei 57° Ost stationiert werden. In dieser Position hätte er zwei Drittel der Erdoberfläche überstrahlt und Europa, Afrika, den Nahen
Osten, Indien und Asien mit Telefon-, Video- und Breitbanddatenübertragung versorgt. Der hochmoderne NSS-8 wiegt 5.920 kg. Die Solarzellenflächen liefern 18 kW
elektrische Leistung. Der Satellit verfügt über 56 C-Band und 36 Ku-Band-Transponder. Er sollte 15 Jahre arbeiten. Nun kann erst 2009 der nächste Satellit, NSS-9,
starten, der bei Boeing gegenwärtig im Bau ist. Bis dahin bleibt NSS-703, der ersetzt hätte werden sollen, auf seiner alten Position.
Raumflugkörper-Report
Verglühte, ausgefallene oder zurückgeführte Raumflugkörper von August 2006 bisJanuar 2007
Zusammenstellung aus Spacewarn Bulletin, Jonathan Space Report, Stefan Wotzlaws Russische Raumfahrt: Jacqueline Myrrhe ([email protected])
Shijian-8
Der Satellit ist Chinas erster sogenannter
„Samensatellit“. Er hatte mindestens 2.000 verschiedene Sorten in neun unterschiedlichen Gattungen
Hinode (Solar-B)
Der Hinode-Satellit (Solar-B) ist ein hochentwickelter Beobachtungssatellit der mit drei modernen
Solar-Teleskopen ausgestattet ist. Das Solar Optical
Telescope (SOT) verfügt über eine bislang nicht
erreichte Auflösung von 0,2 arcsec für die
Beobachtung des Magnetfeldes der Sonne. Wäre
dieses Teleskop auf die Erde gerichtet, würde es
den zwischen 2001 und 2004 weltraummodifizierte
Reis- und Weizen-Sorten entwickelt, die auf einer
Fläche von 566.000 Hektar angebaut wurden. Die
Ernte erbrachte 340.000 zusätzliche Tonnen
Körnerfrucht. Weitere Experimente haben gezeigt,
dass der Vitamingehalt von Gemüse, das aus
Weltraumsamen gezüchtet wurde, 281,5 % im
Vergleich zu herkömmlichem Gemüse beträgt.
Außerdem ist der Gehalt an Spurenelementen, wie
Eisen, Zink und Karotin höher als normal.
Laut Zeitungsberichten werden Weltraumtomaten
und grüner Paprika aus Weltraumsamen bereits seit
1999 in Chinas südwestlicher Provinz Sichuan
angebaut. Die Pflanzen zeigen eine Ertragssteigerung von 10 bis 20 %, wobei die Früchte
größer sind und eine bessere Qualität aufweisen.
Shijian-8 machte auch Werbung für die Olympischen Sommerspiele in Peking 2008. Zwei spezielle Anstecknadeln der Pekinger Hochschulen waren
15 Tage lang an Bord des Satelliten durchs All
gekreuzt. Sie dienen jetzt als Symbol für alle jungen
Studierenden der Hauptstadt, um von der
Raumfahrt zu lernen.
RFK-Spot
Chinesische Bauern vor der Shijian-8-Rückkehrkapsel,
die am 24.9. 2006 in Suining, Provinz Sichuan, niederging. Foto: AP/Color China.
an Bord. Dazu gehörten die Samen von Getreide
und Futterpflanzen sowie Pilze und molekular-biologische Materialien.
Sun Laiyan, Chef der China National Space Administration, erklärte, dass die Produkte den Wissenschaftlern die Möglichkeit gibt, Hochleistungskulturen von besonderer Qualität zu züchten. Dadurch, dass die Samen kosmischer Strahlung und
Mikrogravitation ausgesetzt wurden, werden sie
Mutationen aufweisen, die zu höheren Erträgen
und einer verbesserten Qualität führen. Experten
gehen davon aus, dass 40 % der mutierten Weltraumsamen für Zuchtexperimente genutzt werden
können. Seit 1987 haben neun chinesische Satelliten und einige der insgesamt sechs ShenzhouRaumschiffe Saaten für Experimente an Bord
gehabt. Ebenso wurden einige neue Arten von
Pflanzensamen unter Weltraumbedingungen gezüchtet, aber noch niemals zuvor hatte China einen
Satelliten gestartet, der allein für Samen bereitgehalten wurde. Im vergangenen Oktober hat China
dem Anbau von 43 Arten von Weltraumsamen im
großen Maßstab zugestimmt. Beispielsweise wur-
Objekte von 50 cm Größe ausmachen können. Das
Röntgenteleskop (XRT) hat eine Auflösung, die dreimal höher als die von Yohkoh ist. Das EUV Imaging
Spectrometer (EIS) hat eine um das achtfache
höhere Empfindlichkeit als die Instrumente auf der
ESA-Mission SOHO. Die beiden Instrumente, Röntgenteleskop und EUV-Teleskop, werden die Wärmeströme und die Dynamik der aktiven Sonnenkorona
erforschen. Die Geräteausstattung erlaubt es, die
folgenden Schlüsselfragen zum Verständnis der
Physik der Sonne zu beantworten: Warum existiert
oberhalb der kühlen Atmosphäre eine heiße
Korona? Wie entstehen solche explosionsartigen
Ereignisse wie die Sonneneruptionen?
Wie entsteht das Magnetfeld der Sonne?
41
E-RC46-6.3.
06.03.2007
11:39 Uhr
Seite 44
Raumfahrt Concret 1/2007
ISS
RC-ISS/Impressum
ISS-Sichtbarkeit
von April bis Juni 2007
Die Datenbasis ist vom 10. Februar 2007.
Grafikmodell: Hartmut E. Sänger
Die Grafik zeigt die jeweilige Bahn
der ISS, so wie sie direkt auf die Erdoberfläche projiziert sein würde. Für
einen Beobachter, der sich bei klarem Himmel unterhalb der entsprechenden Linie befände, zöge die ISS
also genau senkrecht über diesen
hinweg (90° über dem Horizont =
Zenit, schwarzer Halbkreis = Horizontlinie). An fast allen anderen
Orten auf dem Kartenausschnitt
wäre die Station zwar auch zu
sehen, aber in geringeren Höhen
über dem Horizont. Verliefe beispielsweise eine Linie über Bern in
der Schweiz, so wäre die ISS an dieser Stelle in Rostock theoretisch auf
Höhe des Horizonts zu beobachten
und umgekehrt. Eine Bahn über
Leipzig ließe die ISS in Rostock 60°
hoch über dem Horizont von Rostock
erscheinen usw. Die projizierten
Bahnkurven gehen jeweils von
westlicher in östliche Richtung und
sind mit Anfangs- und. Endzeiten
dokumentiert. Die Helligkeit der
Raumstation schwankt zwischen +2
(Polarstern) und –4 Magnitude
(Venus im hellsten Glanz). Auf
Grund der stetigen Bahnänderung
der ISS (Höhenverlust, Anheben bei
Shuttlemissionen) sind im Laufe
unseres Berichtszeitraumes Differenzen von einigen Minuten pro
Monat wahrscheinlich.
Genaue tägliche Lokalisationen in:
www.heavens-above.com
In eigener Sache
Seit dem 1. Januar 2007 gehört Horst Jelitte (Haltern am See) unserer Redaktion an.
Horst Jelitte wurde durch das Mercury-Programm der 60er Jahre für die Raumfahrt inspiriert. Nach dem Studium der
Geschichte und Geografie konzentrierte er sich auf die Geschichte der Raumfahrt. Er ist ferner Freier Mitarbeiter von
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RC ist Hauszeitschrift folgender Vereine:
Internationaler Förderkreis für Raumfahrt
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Kontakt: Dipl.-Ing. Axel H.Kopsch
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©2007/ Herausgeber: Initiative 2000 plus e.V.
Raumfahrt Concret erscheint im Verlag Iniplu 2000
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FÖRDERER DER RAUMFAHRT UND WELTRAUMFORSCHUNG
Ich bin Förderer der Raumfahrt und Weltraumforschung, weil sie uns kontinuierlich zu neuen Ufern führt und
gigantische Perspektiven eröffnet. Wie auf keinem anderen Gebiet ist die internationale und interfachliche
Kooperation so ausgeprägt und auch erforderlich. Den Weltraum begreifen, heisst uns selbst erkennen - diese
42
uralte Sehnsucht der Menschheit treibt uns stetig voran.
Darum spendet Jacqueline Myrrhe eine fünfstellige Summe im Jahr 2007 für RC.
E-RC46-6.3.
06.03.2007
11:39 Uhr
Seite 45
RC-Aktuell
Die Raumsonde Cassini hat zum
Jahreswechsel Nahaufnahmen von
Methan-Seen auf dem Saturnmond
Titan fotografiert.
Es existieren kleinere Seen mit
einem Durchmesser zwischen
20 und 25 km, aber auch Meere
mit einer Ausdehnung von
300 x 100 km. Foto: NASA.
Die verheerende Explosion einer Zenit-3SL auf der schwimmenden
Startplattform „Sea Launch“ hinterließ erstaunlich geringe
Beschädigungen. Sea Launch hier auf dem Wege in den Heimathafen
(siehe auch RFK-Report). Fotos: Sea Launch.
Am 26. Februar 2007 erfolgte der offizielle Spatenstich für Sojus-Startanlagen am
europäischen Raumfahrtbahnhof Kourou. Dabei wurde eine Erinnerungsplakette enthüllt und ein Stein jenes Startblocks in Baikonur gesetzt, von dem der Kosmonaut Juri
Gagarin 1961 zum ersten bemannten Raumflug der Geschichte abhob – eine symbolische Geste zur Betonung der Kontinuität russisch-europäischer Zusammenarbeit im
Zeitalter der Raumfahrt von Sputnik und Gagarin bis heute.
Mit dem Start vom Guyana Space Centre (CSG) gewinnt der Träger in Zukunft dank
besserer Ausnutzung der Erdbeschleunigung vom Äquator aus erheblich an
Beförderungskapazität. Nach dem Jungfernflug 2008 wird Sojus Kommunikationssatelliten auf geostationäre Transferorbits bringen, Satelliten des europäischen
Navigationssystems Galileo starten, Erdbeobachtungssatelliten auf polare Umlaufbahnen befördern und interplanetare Sonden in die Tiefen des Alls schicken.
Foto und Grafik: Arianespace, CNES/ Active Design.
KLASSE: BIOSATELLIT
SAMMLUNG: UNBEMANNTE RAUMFAHRT
11:39 Uhr
GRUPPE: ERDORBIT
06.03.2007
TYP: KOSMOS 110
E-RC46-6.3.
Seite 46
EREIGNIS WELTRAUM
E-RC46-6.3.
06.03.2007
11:39 Uhr
Seite 47
EREIGNIS WELTRAUM/
Entwicklungsgeschichte
Als der Chefkonstrukteur der sowjetischen
Raumfahrt, Sergej Pawlowitsch Koroljow, im
Januar 1966 überraschend starb, plante sein
Konstruktionsbüro OKB-1 für dieses Jahr drei bis
vier Einsätze des Raumschiffes Woschod und fünf
Flüge des Nachfolgemodells Sojus. Als Erste sollten
die Kosmonauten Boris Wolynow und Georgi
Schonin mit dem Raumschiff Woschod 3 zu einem
Langzeitflug starten. Diese Mission wurde bereits
seit einem Jahr vorbereitet.
Die politische Führung der Sowjetunion befürwortete diesen Flug nachdrücklich, nachdem die
Amerikaner im Dezember 1965 mit Gemini VII
einen vierzehntägigen Raumflug erfolgreich absolviert hatten. Nun sollte der Langzeitflugrekord
wieder von der Sowjetunion zurückgeholt werden.
Der Flug sollte in zeitlichem Zusammenhang mit
dem 23. Parteitag der Kommunistischen Partei der
Sowjetunion (KPdSU) im März 1966 absolviert
werden.
Am 27. Januar 1966 trat die Führung des
Konstruktionsbüros OKB-1 erstmals unter Leitung
ihres neuen Chefs, Wassili Mischin, zusammen.
Dabei ging es vor allem um die Zukunft des
Woschod-Programmes. Zu dieser Zeit wurde
bereits intensiv am Nachfolgemodell Sojus gearbeitet und der Erstflug sollte im Laufe des Jahres
1966 erfolgen. Die Arbeit band alle Kräfte des
OKB-1, so dass es eigentlich keine freien
Kapazitäten für Woschod gab. Dennoch wurde ein
Fahrplan für Woschod 3 festgelegt. Zwei
Raumschiffe, 3KV Nr. 5 und Nr. 6, wurden parallel
vorbereitet. Das Raumschiff 3KV Nr. 5 sollte im
Februar 1966 mit zwei Hunden an Bord für maximal 30 Tage fliegen. Wenn alles erfolgreich laufen
würde, konnte 3KV Nr. 6 (Woschod 3) ein bis zwei
Wochen nach der Landung des Vorgängers mit
zwei Kosmonauten an Bord folgen und 18 Tage
lang die Erde umkreisen.
Erst am 10. Februar 1966 wurde eine Staatliche
Kommission für die beiden Missionen unter
Leitung von Generalmajor Tjulin gebildet. Tjulin
war der Vizechef des Ministeriums für Allgemeinen Maschinenbau (MOM), des „Raumfahrtministeriums“ der Sowjetunion, und ein alter Hase
des Raketenprogramms. Er war praktisch von
Anfang an dabei.
Am 17.2.1966 gab die Staatliche Kommission die
Erlaubnis, das Raumschiff 3KV Nr. 5 zu starten. Die
Mission sollte 25 Tage dauern. Zuvor hatte
Woronin, Chef des verantwortlichen Konstruktionsbüros OKB-124, erklärt, dass das Lebenserhaltungssystem funktionieren würde. Bei der
Erprobung des Systems waren große Probleme,
insbesondere mit der Luftregeneration, aufgetreten.
Beschreibung
Kosmos 110 stellt ein Raumschiff der Baureihe
Woschod (3KV) dar, die ihrerseits eine Modifikation
des bekannten Wostok-Schiffes (3K) war.
Die kugelförmige Kabine des Landeapparates
wurde mit zwei Hundebehältern ausgerüstet. Das
Lebenserhaltungssystem wurde für längere
Einsätze modifiziert.
Neben dem Bremstriebwerk TDU am Heck verfügte Woschod über ein Reserve-Bremstriebwerk am
Bug, das mit Festtreibstoff arbeitete. Um die
Kapsel weich zu landen, verfügte sie über zwei
Hauptfallschirme und Bremsraketen an den
Fallschirmtrossen, die durch einen 1,5 Meter langen Berührungssensor kurz über der Erdoberfläche
ausgelöst wurden.
KOSMOS 110 (3KV NR. 5)
Programmablauf
Das Raumschiff 3KV Nr. 5 startete in der Nacht
vom 22. zum 23. Februar 1966 mit einer Rakete
des Typs Woschod (11A57) vom Platz 1 des kasachischen Kosmodroms Baikonur. Dabei wurde erstmals eine neue Aufstiegstrasse verwendet, die
etwas weiter südlich als üblich verlief und dadurch
eine größere Nutzlast ermöglichte. Die Bahnneigung von knapp 52° wurde für alle darauffolgenden bemannten Raumflüge der Sowjetunion,
bis auf Sojus 22 (1976), üblich. Nach dem
Erreichen des Erdorbits erhielt das Raumschiff die
offizielle Bezeichnung Kosmos 110. An Bord befanden sich die Hunde Weterok und Ugoljok, die das
Institut für Medizinisch-Biologische Probleme
(IMBP) Moskau auf ihren Flug vorbereitet hatte.
Der Einsatz von Hunden als Versuchstiere hat eine
lange Tradition in der sowjetischen Raumfahrtmedizin.
Ungewöhnlich war die stark elliptische Bahn von
Kosmos 110, die 187 km im Perigäum und 904 km
im Apogäum erreichte. Durch das hohe Apogäum
durchquerte das Schiff den Strahlungsgürtel der
Erde. Die sowjetischen Experten wollten damit die
Auswirkungen einer längeren Strahlenexposition
auf den Organismus untersuchen. Die beiden
Hunde wurden während des gesamten Fluges
durch eine Magensonde künstlich ernährt. Der
Nahrung wurden Antistrahlenmittel beigemischt.
Neben den Hunden befanden sich auch andere
biologische Proben, wie Blut, Eiweiße, Mikroben
und Chlorella-Algen in der Kapsel, die ebenfalls
auf Strahlenschäden untersucht wurden.
Zunächst verlief der Flug Kosmos 110 weitgehend
störungsfrei. Neben Problemen mit einer Antenne
des Kommunikationssystems „Sarja“ versagten der
Ionensensor zur Orientierung des Schiffes und der
Hochfrequenz-Sender „Signal“.
Am 14.3.1966 versammelte sich die Staatliche
Kommission, um den Fortgang der Mission Kosmos
110 zu besprechen. Da sich die Bordatmosphäre
tendenziell verschlechterte, beschloss die Kommission nach längerer Diskussion, den Flug abzubrechen. Am Abend des 16.3.1966 landete Kosmos
110 210 Kilometer südöstlich von Saratow. Wie bei
Kapseln des Wostok-Typs üblich, war die Abweichung vom Zielpunkt mit 60 Kilometern recht
hoch. Der Flug hatte 22 anstatt der geplanten 25
Tage gedauert.
Die Hunde Weterok und Ugoljok befanden sich in
einem überraschend schlechten Zustand. Sie litten
unter massivem Flüssigkeitsverlust, Muskelschwäche, Kalziumverlust und Koordinationsproblemen. Erst nach 5 Tagen stellte sich ein stabiler
Kreislauf ein und es dauerte eine Woche, bis sie
wieder laufen konnten. Vermutlich infolge ihrer
massiven Strahlenbelastung verstarben Weterok
und Ugoljok nach einigen Wochen. Die Mediziner
des IMBP warnten vor den negativen gesundheitlichen Folgen eines Langzeitfluges in der Schwerelosigkeit. Sowjetische Raumschiffe flogen nie wieder so dicht an den Strahlungsgürtel heran.
Der nachfolgende bemannte Flug Woschod 3
wurde zunächst auf April 1966 verschoben. Neben
dem schlechten Gesundheitszustand der Hunde
spielten dabei Probleme bei der Erprobung des
Lebenserhaltungssystems im OKB-124 und IMBP
mit dem Fallschirmsystem der Kapsel (mehrere
misslungene Abwurfversuche) und Befürchtungen
um die mangelnde Zuverlässigkeit der dritten
Stufe der Woschod-Rakete eine Rolle.
Am 10. Mai 1966 trat die Militärisch-Industrielle
Kommission, ein weiteres wichtiges Entscheidungsorgan der sowjetischen Raketenindustrie, zu
einer Sitzung zusammen. Der Vorsitzende Leonid
Smirnow, einer der mächtigsten Männer in der
Rüstungsindustrie, empfahl öffentlich, die WoschodFlüge einzustellen, da sie nichts Neues bringen
würden und statt dessen nur noch auf das neue
Sojus-Schiff zu setzen. Damit war die politische
Linie vorgegeben, auf die OKB-1-Chef Mischin nur
zu gerne einschwenkte. Der Starttermin von
Woschod 3 verzögerte sich weiter auf Juli 1966
und wurde schließlich stillschweigend auf unbestimmte Zeit verschoben. Kosmos 110 war somit
das fünfte und letzte Woschod-Raumschiff.
Technische Daten
Gesamtmasse:
5.600 kg,
Masse Landeapparat: 3.000 kg
Länge: 5 m
Durchmesser: 2,43 m
Quellen
Asif Sidiqi, Challenge to Apollo,
NASA Washington 2000
Autor: Stefan Wotzlaw, Dessau, Deutschland
Die Typenblattserie „Ereignis Weltraum“ wird herausgegeben von © „Raumfahrt Concret“ über den Verlag INIPLU 2000, PF 10 11 39, 17019 Neubrandenburg.
KLASSE: WISSENSCHAFTSSATELLITEN
SAMMLUNG: UNBEMANNTE RAUMFAHRT
11:39 Uhr
GRUPPE: PLANETENSONDEN
06.03.2007
TYP: PIONEER 10 & 11
E-RC46-6.3.
Seite 48
EREIGNIS WELTRAUM
E-RC46-6.3.
06.03.2007
11:39 Uhr
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EREIGNIS WELTRAUM/ PIONEER 10 & 11
Beschreibung
Das amerikanische Pioneer-Programm bestand
aus dreizehn erfolgreichen, später auch interplanetarischen Raumsonden, die zwischen 1958 und
1978 gestartet wurden. Daneben gab es etliche
Fehlschläge.
Die Raumsonden erzielten eine Fülle wissenschaftlicher Erkenntnisse über den erdnahen Raum, über
einzelne Planeten und über die äußeren Regionen
des Sonnensystems. Das Programm lässt sich, ausgehend von der jeweiligen Zielsetzung der
Raumflugkörper, in vier verschiedene Phasen
unterteilen:
Pioneer 1 bis Pioneer 5: Flüge zum Mond;
Erforschung der lunaren Umgebung
Pioneer 6 bis Pioneer 9: Erforschung des sonnennahen Raumes
Pioneer 10 und Pioneer 11: Jupiter- und
Saturn-Vorbeiflüge sowie Erforschung der äußeren Regionen des Sonnensystems
Pioneer 12 und Pioneer 13: Exploration der
Venus
Die Jupiter- und Saturnsonden
Pioneer 10 wurde mit einer Atlas-CentaurRakete am 2. März 1972 auf die Reise geschickt,
wobei erstmals eine dritte Stufe zum Einsatz kam.
Diese war notwendig, um die Sonde auf die erforderliche Geschwindigkeit von 51.810 Stundenkilometern zu beschleunigen. Damit wurde
Pioneer für lange Zeit zum schnellsten jemals von
Menschen gebauten Fluggerät. Innerhalb von nur
11 Stunden Flugzeit passierte die Sonde den
Mond, nach 12 Wochen war die Marsbahn
erreicht. Am 3. Dezember 1973 passierte Pioneer
den Riesenplaneten Jupiter in 130.354 Kilometern
Entfernung über der Wolkenoberdecke. Erstmals
wurden dabei Nahaufnahmen des Planeten zur
Erde gefunkt. Die 180 Aufnahmen zeigten zur
Freude der Wissenschaftler eine Fülle von Details.
Zudem gelangen Einzelaufnahmen von Europa,
Ganymed und Kallisto. Die wissenschaftlichen
Instrumente lieferten Daten über den sehr intensiven Strahlengürtel des Planeten, sein Magnetfeld,
die Atmosphäre und erbrachten auch den Beweis,
dass Jupiter hauptsächlich ein flüssiger Planet ist.
Insbesondere die Daten über die intensive
Strahlenbelastung in unmittelbarer Nähe des
Planeten lieferten wichtige Informationen für die
späteren Voyager-Missionen.
Die Flugbahn von Pioneer 10 führte die Raumsonde nach der Planetenbegegnung in die äußeren Regionen des Sonnensystems. Dabei wurden
kontinuierlich Messdaten, zum Beispiel über den
Sonnenwind und die kosmische Strahlung, zur
Erde gefunkt. Obwohl die offizielle Mission der
Sonde mit dem Jupiter-Flyby erfüllt war und man
nicht mit einem längeren Arbeiten der Bordinstrumente rechnen konnte, überraschte Pioneer
10 mit einer unerwartet langen Lebensdauer. Bis
zum 27. April 2002 sandte der Instrumententräger
wissenschaftliche Daten. Am 23. Januar 2003
empfing NASAs Deep Space Network ein letztes,
schwaches Signal, allerdings ohne wissenschaftlichen Wert. Seitdem ist die Verbindung zur
Raumsonde abgebrochen. Ein letzter Versuch einer
Kontaktaufnahme zu Pioneer 10 blieb im März
2006 ohne Antwort!
Trägersystem eine Atlas-Centaur. Nach der
Durchquerung des Asteroidengürtels am 19. April
1974 wurden die Triebwerke erneut gezündet, um
die Geschwindigkeit der Sonde um 63,7 m/sec zu
erhöhen und den Kurs zu präzisieren. Das gewährleistete den geplanten Vorbeiflug in der Zielregion
in rund 43.000 Kilometern Höhe über der
Wolkendecke des Planeten. Dieser im Vergleich zu
Pioneer 10 recht nahe Vorbeiflug am Jupiter sollte
nicht nur für Photos mit wesentlich mehr Details
sorgen, sondern die Sonde auch beschleunigen
und auf einen Kurs Richtung Saturn lenken.
Während des Vorbeifluges am 2. Dezember 1974
gelangen sensationelle Bilder des bekannten
‚Großen Roten Flecks’ auf Jupiter sowie erstmals
Bilder seiner Polarregionen. Zudem wurde die
Masse des Mondes Callisto bestimmt. Rund 500
Bilder von Jupiter sandte der Instrumententräger
zum Heimatplaneten zurück.
Dann machte sich die Sonde auf den Weg zum 2,4
Milliarden Kilometer entfernten Saturn, der am 1.
September 1979 in einer Höhe von knapp 21.000
Kilometern überflogen wurde. Danach verfügten
die Wissenschaftler erstmals über 220 Nahaufnahmen dieses Planeten. Die Raumsonde entdeckte zwei neue Saturn-Monde sowie einen bisher
unbekannten Planetenring und lieferte Daten über
die Magnetosphäre und das Magnetfeld des
Planeten. Die Messungen am Saturnmond Titan
führten zu der Schlussfolgerung, dass dieser wohl
zu kalt für die Existenz möglicher Lebensformen
sei. Die Saturn-Passage führte Pioneer 11 unter die
Ringebene, eine Position, von der aus atemberaubende Aufnahmen des Ringsystems gelangen.
Der letzte Kontakt mit Pioneer 11 fand im November 1995 statt. Die Erde liegt seitdem außerhalb des Empfangsbereiches der Signale der
Raumsonde und eine Neuausrichtung der Sonde
war wegen der energieaufwändigen Saturnmanöver nicht mehr möglich. Insofern kann nicht
genau gesagt werden, ob Pioneer 11 weiter
Signale gesendet hat.
Seitdem ist die Sonde auf dem Weg aus dem
Sonnensystem. In etwa vier Millionen Jahren wird
sie den ersten Stern erreichen. Vielleicht liest dann
ja jemand die an Bord befindliche Plakette!!??.
Beide Pioneer-Sonden waren wirkliche Pioniere.
Sie lieferten nicht nur die ersten Nahaufnahmen
sowie umfangreiche Messdaten der beiden
Planeten und zum Teil auch Ihrer Monde, sie
erforschten auch die Physik des interplanetarischen Raumes. Zudem legten die beiden Raumsonden wesentliche Grundlagen für die nachfolgenden Voyager-Missionen. Die operative Phase
beider Raumsonden übertraf alle Erwartungen der
NASA-Ingenieure. Die Gesamtkosten dieses äußert
erfolgreichen Projektes beliefen sich auf rund 350
Millionen US-Dollar.
Wissenschaftlich kontrovers diskutiert wird die
‚Pioneer Anomalie’. Dabei handelt es sich um eine
bisher nicht letztlich geklärte konstante minimale
Veränderung der Geschwindigkeit der Pioneer 10Sonde. Wo die Ursache für dieses seltsame
Verhalten letztlich liegt ist nicht endgültig geklärt.
So beschäftigen die beiden Pioniere die wissenschaftliche Welt auch lange nach Abschluss ihrer
offiziellen Mission weiter.
TECHNISCHE DATEN PIONEER 10
Gesamtmasse:
260 kg
Länge der Sonde:
2,90 Meter
Energieversorgung:
4 Radioisotopengeneratoren
mit jeweils 40 Watt
Leistung
Masse der wissenschaftlichen
Experimente:
30 kg
Zahl der Experimente
11
Start:
2.3.1972
Ankunft am Jupiter:
3.12.1973
Distanz zum Planeten:
130.354 km
Letzter Funkkontakt:
23.1.2003
Hersteller der Sonde:
TRW Space &
Technology Group,
Redondo Beach,
California
Besonderheit:
vergoldete Plakette
als ‘Botschaft’
der Menschheit
TECHNISCHE DATEN PIONEER 11
Aufbau der Sonde:
weitgehend
identisch
mit PIONEER 10
Zahl der Experimente
12 (zusätzliches
FluxgateMagnetometer)
Start:
6.4.1973
Ankunft am Jupiter:
2.2.1974
Distanz zum Planeten:
42.760 km
Ankunft am Saturn:
1.9.1979
Distanz zum Planeten:
20.900 km
Ende der Mission:
31.3.1997
Autor: Horst Jelitte
Pioneer 11 wurde am 6. April 1973 gestartet –
wie schon bei der Vorgängersonde war das
Die Typenblattserie „Ereignis Weltraum“ wird herausgegeben von © „Raumfahrt Concret“ über den Verlag INIPLU 2000, PF 10 11 39, 17019 Neubrandenburg.
E-RC46-6.3.
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11:38 Uhr
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