THINLINE TELECASTER

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THINLINE TELECASTER
thinline tele
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M e x i c o C l a s s i c ’6 9 ,
’7 2 & A m e r i c a n S p e c i a l 9 0s
THINLINE TELECASTER
D i e Fe n d e r Te l e c a s t e r w a r d i e e r s t e i n M a s s e n p ro d u z i e r t e , k o m m e r z i e l l
e r f o l g re i c h e „ S p a n i s h E l e c t r i c S o l i d b o d y G u i t a r “ ü b e r h a u p t . A n f a n g s
s o l l t e a u c h J a z z a u f i h r g e s p i e l t w e rd e n , d e s h a l b re g e l t e e i n e i n g e l ö t e t e r Ko n d e n s a t o r d e n K l a n g d e s H a l s p i c k u p s d u m p f. D o c h r i c h t i g e J a z z e r
b ra u c h e n Lu f t i n i h re r G i t a r re – s o w u rd e a u c h Fe n d e r vo n d e m E r f o l g
vo n G i b s o n s u n d G re t s c h s S e m i a k u s t i k g i t a r re n i n s p i r i e r t , s e l b s t m e h r i n
d i e s e R i c h t u n g z u k o n z i p i e re n .
ssi
c ’6
9
Roger Rossmeisl, der bereits seit 1962 für
Fender arbeitete, entwickelte 1967 erst die
Coronado-Serie und ein Jahr später die semiakustische Telecaster Thinline.
6896
Es hat also siebzehn Jahre gedauert, bis Fender, inzwischen für 13 Millionen Dollar von
CBS übernommen, eine Telecaster-LightVariante auf den Markt brachte, bei der man
das Gewicht des schweren Esche-Bodies reduziert hatte. Roger Rossmeisl fräste drei
Tonkammern aus dem massiven Korpus.
Übrig blieben ein von der Halsaufnahme bis
zum Korpusende durchlaufender, mittig
platzierter Block, rund herum Zargen von
ca. 12 mm Stärke und eine 6 mm starke
Decke mit F-Loch. Er verschloss den Body
mit einem 7 mm dicken Boden und stimmte die große Schlagplatte optisch auf das
gegenüber liegende F-Loch ab. Drei Saitenreiter aus Stahl ersetzten die bisherigen
Messing-Bridges.
Die erste Version der Thinline Telecaster
wurde 1971 von einer zweiten abgelöst.
Diese bot die neuen, von Seth Lover entwickelten Fender-Humbucker mit drei justierbaren Polschrauben pro Spule – für die
singlecoilgewohnten Kunden damals ein
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Michael Dommers
American Special 90s
Cla
beinahe revolutionäres Unterfangen. An die
Stelle der Tele-Bridge trat eine Non-VibratoStrat-Brücke mit sechs einzelnen Reitern, die
klassische „Through-Body“-Saitenbefestigung wurde beibehalten. Bis 1979 wurde
dieses Modell von CBS produziert.
Ganz nebenbei: Um einem Insolvenzverfahren zu entgehen, verkaufte CBS im Februar
1985 seine Tochter „Fender Musical Instruments“ an eine Investoren-Gruppe um den
heutigen Fender-Präsidenten William Schultz
für 12,5 Millionen Dollar. Man beachte den
Kaufpreis zwanzig Jahre zuvor!
Anfang 1998 stellte Fender die 90s Thinline
Telecaster vor, eine moderne, edle Variante
des 69er Modells. Den von Bindings umgebenen Eschenkorpus gibt es in den fünf
Lackierungen 3-Tone-Sunburst, Olympic
White, Black, Natural und Translucent Crimson Red. Binding und 4schichtige Schlagplatte kommen in White Shell, bei den
Natural- und Olympic-White-Modellen in
Brown Shell. Hardware wie auch Pickups
wurden von den Instrumenten der American-Serie übernommen: sechsteilige TeleBridge, Standard-Pickups und Schaller Security Locks. Dem Klangregler hat man Fenders „No-Load“-Konzept spendiert: Dreht
man das Poti voll auf, rastet es leicht ein und
leitet das PU-Signal direkt unter Umgehung
der Regeleinheit auf den Ausgang.
Mit Ausnahme eines Tele-Deluxe-Modells,
das von 1973 bis 1981 mit zwei Humbuckern, Gibson-Schaltung, Strat-Hals und
großer Kopfplatte hergestellt wurde (einige
sogar mit Strat-Vibrato), kam bei Telecasters
stets die charakteristische kleine Kopfplatte
zum Einsatz.
g&b fender special
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C
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n e c k s
Bis ca. 1969 besaß der
Thinline-Hals ein aufgeleimtes (!) Ahorngriffbrett, danach
bot CBS wahlweise Palisander-Griffbretter
oder einteilige, bundierte Ahornhälse an.
Ungeachtet dessen kam stets die rückseitige Walnuss-Einlage („skunk stripe“) zum
Einsatz, die die Aufnahmenut des Stahlstabes abdeckte. Maple Necks lackierte man
komplett, Rosewood-Hälse nur am AhornHalsrücken. Zum Standard zählten auch die
21 dünnen Fender-Bünde (2,05 × 0,85
mm). Über die klassische 4-Punkt-Befestigung war der Korpus mit dem Hals verbunden, dessen Krümmung sich mittels Kreuzschlitzkopf an der Stirnseite justieren ließ.
Zwei Butterfly Stringtrees (die mexikanische Replika besitzt nur einen) hielten paarweise die E1/H2- und G3/D4-Saiten in ihren
Sattelkerben. Die hauseigenen Mechaniken
mit Parallelogramm-förmiger Basisplatte,
F-gestempelter Blechkappe, kantigeren
Knöpfen und geschlitzten Achsen ließ man
von Race & Olmsted fertigen.
Die zweite Thinline-Version von 1971 war
ausschließlich mit einteiligem, bundierten
Ahornhals erhältlich, der nun ein runderes
D-Profil erhielt. Wie bei den damaligen
Strats, so kam auch hier erstmals das „Bullet Truss-Rod“-Konzept zum Einsatz, bei
dem die Halsjustiervorrichtung komfortabel
über einen geschossförmigen (bullett truss
rod) Inbuskopf von der Kopfplatte her zugänglich war. Für die Verbindung von Hals
und Korpus sorgten drei Schrauben und das
neue Neck-Tilt-System, das eine stressfreie
Justierung des Halsneigungswinkels und
Vierloch-Halsplatte inkl. „neck tilt“-Vorrichtung bei der American Special 90s
gleichzeitig der Saitenlage ermöglichte.
Sowohl die Mechaniken als auch die beiden Butterfly String Trees – auch
hier hat Fender der MexikoReplika nur einen spendiert –
wurden vom ersten Modell
übernommen.
Die 90s Thinline Tele ist wieder mit einem einteiligen,
bundierten Ahornhals
mit ovalem DQuerschnitt
am Start. Das
an seinem Ende
überhängende Griffbrett
bietet 22 Medium-Jumbo-Bünden
Platz (2,60 × 1,05 mm). Um der Oberfläche eine angenehmere Griffigkeit zu verleihen, lackiert man sie mit einem matten
Finish. Die Neck-Tilt-Justiervorrichtung wird
durch eine vierte Schraube stabilisiert. Seit
1983 dient mit dem Erscheinen der zweiten
Version der US-Standard Strat ein runder
Tunnel an der Kopfplatte als Truss-Rod-Zugang, der nach einer kurzen Übergangsphase die „Bullet“ ablöst. Die Kopfplatte
Humbucker-Sound in der Classic ’72
der 90s Thinline ist mit gekapselten Schaller-Mechaniken und einem String Tree bestückt.
b o d i e s
Von Beginn an wurde für die Thinline-Bodies
ausschließlich Esche verarbeitet und diese
in 3-Tone Sunburst und Natural lackiert. Lediglich bei der mexikanischen 69er Reissue
verwendet man bei schwarzer Lackierung
gelegentlich auch Mahagoni. In der Regel
besteht der Korpus aus drei, der aufgeleimte Boden aus zwei Teilen. Im Innern gibt es
drei Kammern, eine in der oberen, zwei in
der unteren Body-Hälfte. Hals, Pickups,
Stegplatte und die rückseitigen Aufnahmehülsen der Saitenringe finden im rund
110 mm breiten Mittelblock Halt.
p r a x i s
Der Rücken darf sich freuen, sind doch die
Thinlines im Schnitt ein gutes Pfund leichg&b fender special
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ter als ihre „fetten“ Verwandten. Logisch,
man hat aus den Bodys schließlich einiges
an Material heraus geholt. Dennoch, und
das ist Fender bestens gelungen, ist Kopflastigkeit kein Thema. Sowohl auf dem
Oberschenkel als auch am Gurt hängend
zeigen alle drei Gitarren perfekte Ausgewogenheit. Hinzu kommt, dass sie konstruktionsbedingt schon im Trockentest kraftvoll
und laut klingen, beim Unplugged-Üben
auf der Couch also schon einen richtigen
Ton abliefern, im Gegensatz zum „Gezimpel“ von reinrassigen Solidbodies. Zudem
bringen sie trotz dezimierter Korpusmasse
ein beachtliches Sustain mit kontinuierlich ausklingendem Ton zustande. Leichte Einschränkungen in puncto Spielkomfort muss
man bei den
MexicoModellen in
Kauf nehmen, bei denen der
„Bund-Entgrater“ stellenweise nicht die erforderliche Sorgfalt hat
walten lassen.
Während das runde Klangbild der 69er eine gewisse Wärme auf weist, geben sich
Brillanz und Obertonspektrum hier eher dezent und brav. Die 72er hingegen strotzt
mit kraftvollen, prägnanten Bässen und
trumpft in den Höhen und im Obertonbereich richtig auf. Insgesamt wirkt sie nicht
nur lauter, sondern auch frischer, offener
und lebendiger als die Kollegin. Die am
meisten ausgewogene Balance besitzt das
90er USA-Modell, das charakterlich eher zur
69er hin tendiert, jedoch beim direkten Vergleich in den oberen Mitten noch ein wenig zulegen kann. Hinsichtlich ihrer dynamischen Eigenschaften unterscheiden sich
Wie ganz früher hat die Classic ’69
einen Steg mit drei Saitenreitern
die drei nur um Nuancen. Während sich die
72er und die 90er durch direkte, spritzige
Ansprachen und schnelle, lebendige Tonentfaltungen auszeichnen, kommt die 69er
ein wenig gemächlicher in die Hufe, was
sich am leicht erhöhten Arbeitsaufwand bemerkbar macht.
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Am Verstärker darf man fairerweise
lediglich die beiden Singlecoil-Modelle direkt vergleichen, wobei festzustellen ist, dass das 69er Modell
insgesamt etwas offener und luftiger
als das 90er, und im Steg-PU gleichzeitig einen Hauch brillanter, daher kommt, ohne
jedoch schrill zu klingen. Die Hals-Pickups
liefern die bekannten warmen Blues-, die
Kombination beider die hellen, glockigen,
Übersicht
Fabrikat:
Modell:
Herkunftsland:
Typ:
Mensur:
Hals:
Halsform:
Halsbreite:
Halsdicke:
Korpus:
Oberflächen:
Tonabnehmer:
Bedienfeld:
Fender
Classic ’69 Telecaster
Thinline
Mexiko
Semi Hollowbody
E-Gitarre
648 mm
Ahorn, einteilig
inklusive Griffbrett
(7,25"-Radius, lackiert),
4fach verschraubt,
21 Vintage-Bünde
(2,05 × 0,90 mm)
rückseitige WalnussEinlage für Halsjustierstab, Justierschraube
am Halsende
Fender
Classic ’72 Telecaster
Thinline
Mexiko
Semi Hollowbody
E-Gitarre
648 mm
Ahorn, einteilig
inklusive Griffbrett
(7,25"-Radius, lackiert),
3fach verschraubt,
rückseitige WalnussEinlage für Halsjustierstab, Justierschraube
an Kopfplatte (Bullet),
Neck-Tilt-Justiervorrichtung des Halsneigungswinkels,
21 Vintage-Bünde
(2,05 × 0,85 mm)
D, oval
Sattel: 42,20
XII. Bund: 51,40 (mm)
I. Bund: 22,40
V. Bund: 23,35
XII. Bund: 23,95 (mm)
Esche, semi hollow
mit 3 Tonkammern,
F-Loch, 3-teilig
Boden 2-teilig
3-tone Sunburst Polyester-Lack (Korpus)
Polyurethan-Lack (Hals)
2× Vintage Type
Singlecoil, staggered
Polepieces (Steg-PU),
keramische Stabmagnete
3-Weg-PU-Schalter
1× Volume, 1× Tone,
3schichtige angegilbte
White Pearl-Schlagplatte (12 Schrauben)
D, rund
Sattel: 42,75
XII. Bund: 51,90 (mm)
I. Bund: 22,20
V. Bund: 22,75
XII. Bund: 24,00 (mm)
Esche, semi hollow
mit 3 Tonkammern,
F-Loch, 3-teilig
Boden 2-teilig
Natur Polyester-Lack
(Korpus), PolyurethanLack (Hals)
2× Wide Range Humbucker, 3/3 versetzte
Polschrauben, keramische Stabmagnete
3-Weg-PU-Schalter,
1x Volume, 1x Tone,
3schichtige White
Pearl-Schlagplatte
(10 Schrauben)
Fender
American Special 90s
Telecaster Thinline
USA
Semi Hollowbody
E-Gitarre
648 mm
Ahorn, einteilig
inklusive Griffbrett
(9,5"-Radius, Satin
Finish), 4fach ver
schraubt,
rückseitige WalnussEinlage für Halsjustierstab, Justierschraube
an Kopfplatte (Inbus
versenkt), Micro-TiltJustiervorrichtung des
Halsneigungswinkels,
22 Medium Jumbo-Bünde (2,60 × 1,05 mm)
D, oval
Sattel: 42,85
XII. Bund: 52,30 (mm)
I. Bund: 21,35
V. Bund: 21,65
XII. Bund: 22,25 (mm)
Esche, semi hollow
mit 3 Tonkammern
F-Loch
Olympic White Polyurethan-Lack (Korpus)
Satin Finish (Hals)
2× American Standard
Tele Singlecoil (StegPU non staggered)
Alnico 5-Magnete
3-Weg-PU-Schalter,
1× Volume, 1× Delta
Tone/No-Load-Schaltung, 4schichtige
Brown Shell-Schlagplatte (12 Schrauben)
Fender American
Standard Tele Bridge
6 Stahlreiter
Chrom
Fender/Schaller,
gekapselt, 15:1
1× American Series
Stringtree, silbernes
Fender TelecasterSpaghetti-Logo, Schaller Security Locks
3,40 kg
ca. DM 4090,–
inkl. Formkoffer
Vintage Type Tele
Bridge, 3 Doppelreiter Stahl
Chrom
Vintage F-Type,
geschlossen, 14:1
1× Butterfly Stringtree ’69 Fender
Telecaster-Logo
Vintage Non Tremolo
Bridge, 6 Stahlblechreiter
Chrom/Nickel
Vintage F-Type,
geschlossen, 14:1
1× Butterfly Stringtree, 70’s Fender
Telecaster ThinlineLogo
Gewicht:
Preis:
3,35 kg
ca. DM 1650,–
inkl. Gigbag
3,25 kg
ca. DM 1900,–
inkl. Gigbag
Getestet mit:
Engl Sqeeze 30 und Yamaha DG60FX-112-Combos, Rath-Amp 5050 Top,
Engl 520 Preamp, Engl 530- und Vintage Amp Mark III-Power Amps,
1×12- und 4×12-Boxen
Steg/Vibratosystem:
Hardware:
Mechaniken:
Sonstiges:
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leicht näselnden Perkussiv-Sounds. Dass die
humbuckerbestückte 72er nicht wie eine
Les Paul klingt, dürfte sicherlich jedem klar
sein; da wäre der Vergleich z. B. mit einer
Gibson ES-335 schon treffender. Diese
Thinline Tele liefert zwar im Gegensatz zu
den Singlecoil-Varianten deutlich wärmere
und fettere Sounds, tönt jedoch in jeder
Hinsicht drahtiger, knackiger oder perkussiver und sogar transparenter als eine Paula –
auch der Hals-PU.
Während die Einspuler der 69er und 90er
bei bluesig angezerrten, crunchy und
gemäßigten Lead-Sounds richtig gut klingen und den Charakter des Instruments
deutlich herausstellen, sollte man für ultimatives Gezerre eher die 72er bemühen,
deren Doppelspuler fette, drückende
Rhythm- und HiGain-Lead-Sounds ermöglichen – natürlich ohne jegliche Nebengeräusche.
Alle drei Testinstrumente reagieren sensibel
auf nuancenreiches Spiel, unterstützen die
Tonformung per Anschlag- und Spieltechnik und erlauben eine feinfühlige Steuerung
des Verzerrungsgrades mit Hilfe ihrer Volume-Potis.
r e s ü m e e
Die drei Telecasters bieten einen guten Einblick in die verschiedenen Epochen der
Thinline-Entwicklung, auch wenn zwischen
den ersten beiden gerade mal drei Jahre liegen. Die beiden Mexico-Classic-Modelle
liefern sehr gute authentische Sounds, sogar wahlweise mit Humbuckern, sind bis
auf einzelne nicht ganz optimal verrundete
Bunddrähte vorzüglich verarbeitet und für
einen wirklich akzeptablen Preis zu haben.
Auch die luxuriösere American Special 90s
Thinline zeigt sich vorbildlich verarbeitet
und bietet klassische Sounds par excellence.
Ob jedoch der recht stolze Preis den Luxus
von Korpus-Binding, USA-Hardware und
-Herstellung rechtfertigt, muss jeder für sich
selbst entscheiden. ■
Plus
• Sustain
• Ansprache
• Verarbeitung
• Bespielbarkeit
• Tonentfaltung
• authentische Sounds
• Qualität der Bauteile
Minus
Minus
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Plus
thinline tele
• z. T. scharfkantige Bünde
bei Mexico-Modellen
g&b fender special