Ansehen - Berliner Dom

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Ansehen - Berliner Dom
Oberpfarr - und Domkirche zu Berlin
Generalsuperintendent Ralf Meister, Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg - schlesische Oberlausitz
Letzter Sonntag nach Epiphanias, 24. Januar 2010, 10 Uhr
Predigt über 2. Korinther 4,6-10
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus Amen
Heute verklingt die Weihnachtsmelodie, liebe Gemeinde. Der letzte Sonntag der Epiphaniaszeit lässt
noch einmal den Stern leuchten, bevor wir uns dann auf den Weg zurück von der Krippe machen. Dieser
Sonntag ist ein Sonntag des Übergangs. Einerseits schauen wir auf den Anfang, die Geburt: „Licht soll
aus der Finsternis hervorleuchten“. Und andererseits provoziert dieser Rückblick Fragen: Sind wir
Lichtträger? Zeugen der Herrlichkeit Gottes in einer dunklen Welt?
Beides klingt in den Zeilen des Paulus an. Rückschau auf Weihnachten, die Erleuchtung, die Herrlichkeit
Gottes und Vorschau auf Ostern: „Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe“.
Wir sind mitten drin. Hinter uns liegt die Weihnachtszeit, vor uns die Vorbereitung auf die
Passionszeit. Dieses „Zurück“ und „Voraus“ kann vielfach gewendet werden. Lebensgeschichtlich
gedacht: Hinter uns liegen Geburt und Kindheit, vor uns liegen die Jahre des Alterns und Sterbens.
Theologischer gesprochen: Hinter uns die Nähe Gottes in unserer Taufe, vor uns die Erlösung in seinem
Reich. Oder groß, ganz groß formuliert: Jahrmillionen waren, bevor es mich gab. Jahrmillionen werden
wohl nach mir sein. Irgendwo in ihrer Mitte sind ein paar Jahre in denen für mich Tag ist.
Ein so weit gespannter Bogen macht demütig. In der Ewigkeit Gottes, in der Weite des Universums:
Ich. Hier. Jetzt.
Die Demut vor der Fülle der Zeit und die Demut vor dem Geschenk des eigenen erfüllten Lebens
beschreibt Paulus. „Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwängliche Kraft von
Gott sei und nicht von uns“.
Wir sind es nicht, die diesem Leben Sinn und Bedeutung stiften. Wir sind es nicht, die unserem Leben
Ort und Zeit, Anfang oder Ende geben. Aber wir sind – Gott sei es gedankt – trotzdem nicht
Umherirrende, die ohne Sinn und Erkenntnis durch dieses Leben wandeln.
Die Versuchung, sich in der Mitte der Geschichte beschreibend, als das Zentrum der Welt zu verstehen,
dieser Versuchung sind Menschen immer wieder erlegen. Doch was wir sind und haben, was wir tun
und lassen in den Jahren unseres Hierseins, das geschieht im Lichte Gottes. Nicht im gleißenden Spot
menschlichen Größenwahns. Die überschwängliche Kraft, die in uns wirkt, ist Gottes Kraft, seine
Dynamik.
Auf dem Weg von der Weihnachtszeit, lange schon sind die Tannenbäume abgefahren worden und die
Krippen und Dekorationen wieder in den Schachteln auf dem Dachboden, kann mit Bedacht noch
einmal auf die irdischen Gefäße im himmlischen Licht geschaut werden. Das Sterben Jesu, das wir
allezeit an unserem Leibe tragen, führt uns zu einem geschärften Blick auf die Vergänglichkeit allen
menschlichen Lebens in dieser Welt. Und auch wenn wir aus dieser irdischen Existenz ins göttliche
Licht der Ewigkeit drängen, kann dabei doch die Vergänglichkeit dieses Leibes, die nachparadiesische
Vorläufigkeit unseres Lebens nicht überwunden werden.
Es gilt im Schatten der Endlichkeit zu leben. Und welche furchtbaren Bilder bedrängen uns nicht seit
zwei Wochen. Fast apokalyptische Szenarien aus Haiti. Irdische Gefäße, zart und zerbrechlich, liegen
zerschmettert danieder. Von allen Seiten bedrängt, voller Bangigkeit und verzagt zum Himmel rufend:
Gott, hast Du uns verlassen? Ist dieses Erdbeben eine Gottesfinsternis oder gar apokalyptisches
Vorzeichen?
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Jede Interpretation, die von Schuld oder göttlicher Intervention im Zusammenhang mit dem Erdbeben
redet, ist zynisch. Seit dem Erdbeben von Lissabon am 1. November 1755 sind Naturkatastrophen keine
Frage von Moral oder von Gottes Zorn und seiner Bestrafung. Es sind Fragen von Geologie und
Seismologie. Vor allem aber ist seit diesem Erdbeben vor 250 Jahren die schmerzhafte Einsicht
gewachsen, in einer ständig bedrohten Welt zu leben, die nicht von Gott aus seinen himmlischen
Sphären dirigiert wird. „Wie kann ein Gott, der allmächtig und gütig ist, ein solches Erdbeben über das
Land schicken, dass über die ganze Welt das Christentum ausbreitet?“ fragte man im 18. Jahrhundert.
Die Frage nach einem gütigen Gott, der voller Allmacht die Geschicke der Welt lenkt, ist seitdem
theologisch nicht mehr verstummt. Das Fundament, auf dem Theologen und Philosophen bis dahin mit
ihren eindeutigen Welterklärungsversuchen standen, ist endgültig zerbrochen.
Es gibt keine theologische Antwort auf diese Katastrophe, so wenig wie auf die anderen
Naturkatastrophen, die tröstend wäre.
Und dennoch versucht es der Glaube. Immer wieder stehen wir erschrocken vor diesen Ereignissen und
lassen doch von Gott nicht los. „Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe.“ Das ist die
nüchterne Einsicht, die in diesen Tagen der Katastrophe von Haiti besonders schmerzhaft ist: all unser
Tun bleibt vorläufig, und Leiden und Schmerz, Vernichtung und Tod sind nicht aufgehoben.
Warum aber hier sein? Warum aber in dieser Welt ausharren, geschändet und verzweifelt hoffend?
Rainer Maria Rilke in den Duineser Elegien:
„Oh, nicht, weil Glück ist, dieser voreilige Vorteil eines nahen Verlusts. Nicht aus Neugier, oder zur
Übung des Herzens, ....
Aber weil Hiersein viel ist, und weil uns scheinbar alles das Hiesige braucht, dieses Schwindende, das
seltsam uns angeht. Uns, die Schwindendtsen, Ein Mal jedes, nur ein Mal. Ein Mal und nicht mehr. Und
wir auch
Ein Mal. Nie wieder. Aber dieses
Ein Mal gewesen zu sein, wenn auch nur ein Mal:
Irdisch gewesen zu sein, scheint nicht widerrufbar.“
Ein Mal ins Leben geworfen, ein Mal den Schatz in irdischen Gefäßen in dieser Welt tragen, das bleibt
unwiderrufbar. Ein Mal in aller Vorläufigkeit in diesem elend-wundervollen Leben zu sein, das gilt es
auszuhalten. Es wird nicht aufgelöst. Nicht durch einen göttlichen Lichtfunken, der innerlich eine
Ahnung gibt, wie wir geistig erlöst werden könnten. Der geschändete Leib ist nicht weniger als die
verletzte Seele. Nicht ein Funke Gottes zerrt uns ins Licht, lässt uns streben danach, den vergänglichen
Leib hinter uns zu lassen, sondern im Sterben wie im Leben sind wir umhüllt von seiner Nähe.
Was nimmt man durchs Leben? Was nimmt man von dem Licht, das in die Finsternis dieser unerlösten
Welt scheint? Nicht das Anschauliche, nicht das hier langsam erlernte.
„Also die Schmerzen. Also vor allem das Schwersein, also der Liebe lange Erfahrung,- also lauter
Unsägliches.“(Rilke)
Das Unsagbare, das Unsägliche nehmen wir mit auf dem Weg durch die Schatten der Endlichkeit? In
diesen paar Tagen des Hierseins in der Welt, zwischen Weihnachten und Ostern.
Das Unsagbare ist das Wort. Das eine Wort Gottes, das Fleisch wurde und in dieser Welt wohnte. Der
lichte Stern, den nehmen wir hinüber, der weicht nicht von uns.
Aber das heißt auch, nicht nur Geburt, sondern auch Tod, nicht nur Anfang, sondern auch Ende tragen
wir in uns. Gott lebt unser Leben und stirbt unseren Tod, weil er etwas vor hat mit uns und weil er
voller Sympathie und das heißt, voller Mitleid ist mit uns.
Gottes Herrlichkeit in irdischen Gefäßen. Krippe und Kreuz. In der Darstellung auf dem Dreikönigsaltar
von Roger van der Weyden (gemalt um 1460, Pinakothek München) kann man diese Verbindung sehen.
Dort ist eine große Weihnachtsszene dargestellt mit allem was zu so einem Bild dazu gehört, Maria,
Joseph, Kind, Hirten, Ochs und Esel, Könige aus dem Morgenland, und alle in einer zerfallenen Hütte,
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den Stern über dem Giebel des Daches. Aber an der Rückwand des Stalles am Mittelpfeiler hängt ein
Kruzifix. Der Gekreuzigte ist schon gegenwärtig in der Heiligen Nacht.
Es gibt kein Leben ohne Anschauung des Todes.
„Schau, wie das Knäblein sündelos / Frei spielet auf der Mutter Schoß! / Und dort im Walde wonnesam
/ Ach, grünet schon des Kreuzes Stamm.“ So Mörike in „Auf ein altes Bild“.
Und selbst im Vierten Teil des Weihnachtsoratoriums müssen wir schon von dieser Ahnung hören:
„Jesu, du mein liebstes Leben,
Meiner Seelen Bräutigam,
Der du dich vor mich gegeben
An des bittern Kreuzes Stamm!“
Das ist eine schmerzhafte Einsicht, weil sie vom Ende erzählt. Einem Ende, das die Welt verwandeln
soll. Aber die transformatio mundi, die Verwandlung der Welt lässt noch an so vielen Orten auf sich
warten.
In dem Gedicht über die Reise der Heiligen drei Könige von T.S.Eliot erinnert sich, Jahre später, einer
der Könige und resümiert:
„Dies schreib auf, dies: führte uns all dieser Wege zu
Geburt oder Tod? Da war Geburt, gewiss, uns wurde
Augenschein, zweifelsohne. Ich hatte Geburt gesehn und Tod
Doch immer geglaubt, sie seien verschieden; diese Geburt war
Harter und bitterer Schmerz für uns, wie Tod, unser Tod.“
„Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe
offenbar werde.“
Ich. Hier. Jetzt. Zwischen Geburt und Tod.
Die Geburt Jesu als hilfloses Kind in dieser Welt vollzieht sich nicht in einer Krippe in Bethlehem vor
2000 Jahren, sondern in meinem Leben. Karfreitag und Ostern sind nicht Geschehnisse im fernen
Orient vor langer Zeit, sondern gegenwärtig - jetzt und hier - auf meinem Weg durchs Leben.
Wir sehen das Licht der Hoffnung, das schon in Bethlehem geleuchtet hat, wir leiden, fühlen uns
erniedrigt und einsam wie schon der erste Apostel des Evangeliums. Wir spüren wie neues Leben und
neuer Mut uns ausfüllt. Das ist die Predigt des Lebens. So wird die Zusage Paulus an die Korinther von
innen heraus erfasst. Die Glaubensgewissheit kann nicht durch Argumente erzeugt noch widerlegt
werden. Sie liegt zwischen Weihnachten und Ostern. Sie liegt zwischen der Taufe und der Erlösung am
Ende der Zeiten, sie liegt in diesem mühselig-elend-wundervollen Leben, dass mir geschenkt ist. Sie
liegt im Zentrum des Lebens, in unseren Herzen.
Unverzagt gehen wir weiter.
Amen
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