Sabine Kuegler

Transcription

Sabine Kuegler
Sabine Kuegler
Dschungelkind
Droemer
Copyright © 2005 bei Droemer Verlag
Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt
Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München
Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München
Umschlagabbildung: FinePic, München
Satz: Ventura Publisher im Verlag
Druck und Bindung: Ebner & Spiegel, Ulm
Printed in Germany
ISBN 3-426-27361-6
Gedruckte Verlagsausgabe dieses Titels bestellen
Mein Leben im Dschungel
von Sabine Kuegler
Die ersten Jahre
Als meine Mutter, Doris Kuegler, zwölf Jahre alt war, besuchte sie einen Vortrag über die
Arbeit von Albert Schweitzer, den berühmten Arzt und Missionar. Schon während des
Vortrags wurde meiner Mutter bewusst, dass auch sie eines Tages in die Mission und
Entwicklungshilfe gehen wollte.
Später machte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester. Achtzehn Jahre nach diesem
Vortrag lernte sie meinen Vater Klaus-Peter Kuegler kennen, der zu dieser Zeit noch bei
der Lufthansa arbeitete. Er teilte ihren Traum. Sie heirateten und absolvierten
gemeinsam eine Ausbildung in Linguistik. Nach der Geburt meiner Schwester Judith
begann ihre Arbeit als Sprachforscher in Nepal bei einem Stamm namens Danuwar Rai.
Ich, Sabine Kuegler, wurde 1972 in Patan, Nepal geboren. Zwei Jahre später kam dann
auch mein Bruder Christian zu Welt. Unsere Familie lebte bei den Danuwa Rai, bis wir
1976 aus politischen Gründen das Land verlassen mussten.
Meine Freundinnen in Nepal
Nach einem Aufenthalt in Deutschland begann unsere Reise erneut. Diesmal ging es nicht
in die Hochlagen des Himalaja, sondern in das tief gelegene Sumpfgebiet von Irian Jaya,
Indonesien (West Papua). Und dort begann ein neues Leben für uns.
Die erste Expedition
Mein Vater sollte einen Stamm suchen, der bis zu diesem Zeitpunkt völlig abgeschnitten
von der Außenwelt gelebt hatte. Mit einem Team, das aus einem amerikanischen
Sprachforscher und zwei Eingeborenen vom Stamm der Dani bestand, machte er sich zur
abenteuerlichsten Reise seines Lebens auf. Mit viel Mut und Glauben an das, was er tat,
fand mein Vater den Stamm, der als brutal und kriegerisch galt und auch für
Kannibalismus bekannt war.
Stirnreiben als Begrüßung
Trotzdem gelang es ihm, das Vertrauen der Eingeborenen zu gewinnen, und mit der
Erlaubnis des ältesten Häuptlings brachte er unsere Familie ein Jahr später in unser
neues Zuhause. Ein Zuhause, das tief im Dschungel von West Papua lag - in einem
Gebiet, das man als das "verlorene Tal" bezeichnete. Und hier, inmitten des neu
entdeckten Stammes, begann meine Kindheit erneut. Unter einem Stamm, der eines
Tages lernen würde zu lieben, statt zu hassen, zu vergeben statt zu töten. Ein Stamm,
der ein Teil von mir wurde, so wie ich ein Teil von ihm ... ein Stamm mit dem Namen
Fayu.
Wir lebten dort abgeschnitten von der Außenwelt. Ohne Elektrizität und fließendes
Wasser. Umgeben von tausend Kilometern undurchdringlichen Urwalds, abseits jeglicher
Zivilisation, verbrachten wir die nächsten Jahre damit, Sprache und Kultur der Fayu
kennen zu lernen. Mein Vater konzentrierte sich darauf, die Fayu-Sprache zu erlernen
und zu analysieren, während meine Mutter viel Zeit damit verbrachte, die vielen Insekten
und Tiere aus unserem kleinen Holzhaus heraus zu halten und uns so gut wie möglich zu
erziehen. Als gelernte Krankenschwester kümmerte sie sich auch um die medizinische
Versorgung der Fayu, half bei Geburten und brachte den Frauen das Anpflanzen von
Gemüse und Obst bei. Jahre später eröffnete sie eine Schule, um den Fayu-Kindern das
Lesen und Schreiben beizubringen.
Meine neuen Freunde
Eine Tat, die sogar von der indonesischen Regierung ausgezeichnet wurde. Uns Kinder
kümmerte das alles nicht. Wir verbrachten eine glückliche Kindheit, umgeben von der
unbeschreiblichen Schönheit des Dschungels, weit weg von Straßenverkehr,
Menschenmengen, Lärm und Hektik. Eine Kindheit, die weitgehend von den Regeln der
Natur bestimmt war. Inmitten des neu entdeckten Stammes der Fayu lernten wir eine
besondere Kunst des Lebens. Ein Leben wie in einer längst vergangenen Zeit.
Abgeschnitten von der immer schneller werdenden modernen Welt lebten wir wie vor
Tausenden von Jahren - fast wie in der Steinzeit.
Tanzen mit den Fayu
Ein Tag im Dschungel
Das Leben im Dschungel wird vom Rhythmus der Natur bestimmt. Wir standen bei
Sonnenaufgang auf und gingen bei Sonnenuntergang zu Bett. Wenn es regnete,
saßen wir in unserer kleinen Holzhütte und lasen zum hundertsten Mal die wenigen
Bücher, die wir aus Deutschland mitgebracht hatten, spielten Spiele oder erzählten uns
frei erfundene Geschichten. Bei Sonnenschein waren wir von Morgens bis Abends
draußen und spielten mit den Fayu-Kindern. Wir brachten ihnen Spiele wie Fußball,
Verstecken oder Fangen bei. Sie zeigten uns, wie man Pfeil und Bogen baut, ein Messer
herstellt oder ohne Streichhölzer ein Feuer anzündet.
Unser Freund Tuare
Manchmal verbrachten wir den ganzen Tag im Fluss, schwammen im kühlen Wasser und
stellten uns vor, wir wären Krokodile, die kraftvoll und geschickt gegen die Strömung
ankämpfen mussten. Doch unser Lieblingsspiel war „Das Überleben im Dschungel“. Wir
stellten uns vor, dass wir gestrandet waren und jetzt ums Überleben kämpfen müssten.
Wir bauten kleine Hütten, gingen Jagen mit Pfeil und Bogen, um danach die erlegte
Beute über einem Feuer zu „grillen“. Von Käfern und Würmern über kleine Fische bis hin
zu kleinen Nagetieren. Anstatt Kaugummi hatten wir Fledermausflügel, anstatt Pommes
gegrillte Spinnen, anstatt Chicken Nuggets weiße Würmer, die wir auf einen Pfeil spießten
und über den Flammen, goldbraun rösteten. Ich glaube, wenn meine Mutter gewusst
hätte, was wir alles gegessen haben, hätte sie eine Krise bekommen. Denn Zuhause gab
es unserer Meinung nach nur langweiliges Essen. Jeden Morgen dasselbe, Pfannkuchen
mit Zucker oder Haferflocken mit Milchpulver und Wasser. Ab und zu gab es aber auch
leckere Straußeneier, die so groß waren, dass ein Ei uns alle satt machte. Mittags gab es
entweder Wildschwein, Strauß, Schlange, Krokodil oder Fisch mit Reis oder Süßkartoffeln.
In der Abenddämmerung saßen wir zusammen mit den Fayu um das Lagerfeuer, aßen
geräuchertes Fleisch und lauschten den stark übertriebenen Jagd- und Kriegsgeschichten.
In ihrer wunderschönen, fast singenden Sprache erzählten die Fayu-Krieger, wie sie ein
Wildschwein gejagt haben, das so groß wie unser Holzhaus, oder ein Krokodil, das so war
breit wie der Fluss war, und wie sie doch diese unglaublichen Tiere überlisten konnten.
Und so, mit der untergehenden Sonne, die den Himmel wie ein gigantisches Feuerwerk
mit Farben bemalte, saßen wir gemeinsam zusammen und verloren uns in einer Welt der
Fantasie.
Was war mit der Schule? Wir haben sie gehasst, doch meine Mutter war immun gegen
alle Argumente. Jeden Morgen nach dem Frühstück saßen wir an unserem Holztisch und
lernten anhand eines amerikanischen Korrespondenzsystems.
Urwald Schule
Mathe, Geographie, Geschichte und Englisch waren in verschiedene Hefte aufgeteilt.
Selbständig mussten wir das Material durcharbeiten und am Ende jeder Einheit einen
Test absolvieren. Wenn wir
bestanden, durften wir mit dem nächsten Heft beginnen, wenn nicht, mussten wir den
gesamten Stoff wiederholen. Um die Mittagszeit waren wir meistens fertig und konnten
uns wieder dem Jagen, Schwimmen oder Spielen widmen. Und so verstrichen die Tage
im gleich bleibenden Rhythmus. Bald vergaßen wir, welcher Wochentag oder welcher
Monat gerade war. Denn die Zeit im Dschungel vergeht langsam, viel langsamer als in
der „modernen“ Welt. Ein wenig monoton, und doch mit einer gewissen Ruhe und
Sorglosigkeit ... ein Leben, das einzigartig war.
Die Schöpfungsgeschichte der Fayu
»Es war einmal ein großes Dorf mit vielen Menschen, die alle nur eine Sprache hatten«,
erzählte uns Kloru im Schein des Abendfeuers. »Diese Menschen lebten in Frieden. Doch
eines Tages kam ein großes Feuer vom Himmel, und plötzlich sprachen alle eine andere
Sprache.
Nur jeweils ein Mann und eine Frau sprachen dieselbe Sprache. Doch mit den anderen
konnten sie sich nicht mehr verständigen. Unter ihnen waren ein Mann und eine Frau, die
Bisa (w) und Beisa (m) hießen. Sie sprachen die Sprache der Fayu.
Tagelang sind sie gelaufen, um ein neues Heim zu finden. Eines Tages kamen sie in den
Urwald und es begann zu regnen. Es hörte nicht auf zu regnen, und das Wasser stieg
immer höher. Bisa und Beisa bauten sich ein Kanu. Rücken an Rücken saßen sie in
diesem Kanu und paddelten. In dem Kanu saßen auch viele Tiere, die ebenfalls dem
Wasser entfliehen wollten.
"Regen, hör auf, Donner hör auf, wir haben Angst!" flehten Bisa und Beisa immer wieder.
Doch der Regen hörte nicht auf. Das Wasser stieg, und bald waren alle Bäume
verschwunden. Sie waren die einzigen, die noch da waren. Alle kamen in den Fluten um,
nur Bisa und Baisa und die Tiere, die sie in ihrem Kanu hatten, waren noch am Leben.
Nach vielen Tagen, als sie die Hoffnung schon fast aufgegeben hatten, stießen sie
plötzlich auf Land. Sie stiegen mit den Tieren aus und befanden sich auf einem kleinen
Hügel. Vor sich sahen sie den Eingang einer Höhle. Erleichtert krochen sie hinein und
fanden den lang ersehnten Schutz.
Bald darauf hörte es auf zu regnen, und das Wasser ging zurück. Die Tiere kehrten in den
Urwald zurück, doch Bisa und Beisa blieben in der Höhle und bauten sich ein Heim. Sie
bekamen Kinder, die wiederum Kinder bekamen, bis sie zu einem großen Stamm
herangewachsen waren - dem Stamm der Fayu.
Noch heute leben Bisa und Beisa in der Höhle. Jedoch nicht in menschlicher Gestalt. Sie
haben sich verewigt, indem sie Rücken an Rücken sitzend zu Stein wurden. Und wenn wir
ein Problem haben, gehen wir zu ihnen, setzen uns daneben und erzählen ihnen unsere
Sorgen.«
Erzählt von dem Fayu Krieger Kloru, 1988