Wo befindet sich die Lehre von Reinkarnation und

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Wo befindet sich die Lehre von Reinkarnation und
Wo befindet sich die Lehre von Reinkarnation und
Karma?
von: Wolf-Ulrich Klünker
aus: die Drei – Ausgabe Mai 2003
Ein Problem begleitet das Verständnis und das Erleben von
Reinkarnation und Karma von Anfang an (zumindest im
Christentum): Wie ist das Verhältnis von seelischem Selbsterleben
einerseits, Geist und Kraft als den wirkenden karmischen Faktoren
andererseits? Schon Origenes (etwa 185-254), ein sehr früher und
auch sehr einsamer Vertreter des Reinkarnationsgedankens, sah sich
mit diesem Problem konfrontiert.1 Er bringt zum Ausdruck, dass
dort, wo von einer geistigen Kraftwirkung gesprochen wird,
eigentlich nicht die Reinkarnation eines seelischen Wesens gemeint
sein könnte.
Auch spätere Vertreter des Reinkarnationsgedankens stimmen mit Reinkarnation oder
Origenes überein, sofern sie ernsthaft menschenkundlich und nicht nur geistige Kraft
weltanschaulich Karma begreifen wollten. Bedeutet Reinkarnation, dass
die Seele sich mit einem neuen Leib bekleidet, das seelische Erleben aber
im Prinzip eine Kontinuität besitzt? Dem scheint zu widersprechen, dass
sich die Seele unter den neuen Lebens- und Leibesbedingungen an ihre
frühere Existenz normalerweise nicht erinnert. Was heißt aber
Reinkarnation, wenn ein Ich als geistiges Wesen wiederkommt, das unter
völlig anderen Erdenbedingungen und Leibesvoraussetzungen auch ein
vollkommen verändertes seelisches Selbsterleben besitzt? Was ist dann
dieses geistige Ich, und wer reinkarniert sich eigentlich, wenn die
Kontinuität des seelischen Selbsterlebens gar nicht gegeben ist? Wenn
dieses Ich aber ein geistiges Wesen ist, das im seelischen Selbsterleben
unterschiedlicher Menschen wirkt, worin besteht dann in dieser Abfolge
von Menschenleben der rote Faden, der als lnkarnationsabfolge
angesehen werden könnte? Denn wenn derselbe Geist in
unterschiedlichen Menschen wirkt, dann kann zwar dieser Geist mit sich
selbst identisch sein, über die Identität der von ihm belebten oder
inspirierten Menschen ist damit aber noch nichts ausgemacht.
In der Tat kann in Vorstellung und auch Erfahrung leicht das
Missverständnis entstehen, als hätte ein rein seelisches Selbsterleben
einfach »den Leib gewechselt«2 und wäre unter einem anderen Namen
wiedererschienen. Was ist dieses menschliche Ich als geistiges Wesen,
das sich reinkarniert? Ist es noch derselbe Mensch, wenn durch
veränderte Leibesvoraussetzungen und gewandelte historische
Vgl. Origenes: Kommentar zum
Lebensbedingungen ein völlig anderes Ich-Erleben entsteht? Wie ist 1Johannes-Evangelium
VI (X). In:
sicherzustellen, dass auch ein intensiver Erfahrungseindruck (ich war Origenes: Über das Gebet. Teil 2:
und Kommentar.
dieser Mensch in einer vorangegangenen Inkarnation) nicht illusionär Übersetzung
Hrsg.
Von
Wilhelm
Maas.
ist, vergleichbar mit intensiven Selbsterlebnissen der eigenen Jugend, Stuttgart 1997 (Freie Hochschule
Christengemeinschaft), S. 121
die inzwischen längst revidiert werden mussten? Insgesamt stellt sich der
ff.
die Frage, wie unter den geschilderten Bedingungen eine
Bewusstseinskontinuität über verschiedene Erdenleben hinweg
2 Ebenda, S. 124.
herzustellen ist. Das Ich wirkt als verbindendes Glied und als geistige
Kraft, nicht unbedingt als bewusstseinsfähiges Selbsterleben. Diese
geistige Kraft wäre so individuell erfahrbar zu machen, dass das
Selbsterleben sich in ihr wiedererkennen kann.
Rudolf Steiner hat in Vorträgen vom 4. und 9. Mai 1924 zwei
Übungen entwickelt, die zu direkten karmischen Einsichten führen
können (GA 238). Bestimmte aktive Konzentrationsübungen, die
konsequente Anwendung von geistiger Kraft im Vorstellungsbereich,
soll in ihren seelischen und leiblichen Resonanzwirkungen eine
wirklichkeitsfähige Erlebnisebene vorangegangener Inkarnationen
aufbauen helfen. Die Übung vom 4. Mai 1924 ist dabei eher auf
Erfahrungen mit anderen Menschen gerichtet, diejenige vom 9. Mai
besitzt eher Selbsterkenntnischarakter; über die letztere soll nachher
noch ausführlicher gesprochen werden. - Über Jahre gesammelte
seminaristische Erfahrungen zeigen, dass immer wieder ein großes
Bedürfnis besteht, über die so genannten »Karmaübungen«,
insbesondere die »große« vom 9. Mai 1924, zu sprechen, dass aber die
nach Monaten wiederholte Nachfrage, ob die Übung auch
durchgeführt worden sei, abschlägig beantwortet wird. Haben sich die
Lebensvoraussetzungen in den vergangenen 80 Jahren so stark
geändert, dass die Übungen nicht mehr praktisch werden können? Sind
vielleicht beide Übungen so gehalten, dass man sich nur auf sie
einlassen kann, wenn bereits eine gewisse Schwellenfähigkeit gegeben
ist; bzw. dass die Schwellenfähigkeit durch den Schweregrad der
Übungen hergestellt wird, so dass implizit eine hohe Barriere der
Realisierung gegeben ist?
Im Verlauf des 20. Jahrhunderts hat es ungeheure schicksalsprägende In veränderter
zivilisatorische Entwicklungen gegeben. Gerade die Ereignisse der 30er Zeitlage
und 40er Jahre haben in den Existenzformen der Menschen (zumindest in
Mitteleuropa) die Voraussetzungen entscheidend geändert; ihre
Nachwirkungen sind gerade in karmischer Hinsicht noch immer virulent.
Die Einschnitte in Völker-, aber auch Individualschicksale sind bis heute
kaum überschaubar, geschweige denn karmisch klärbar geworden. Neben
den unterschiedlichsten Betroffenheiten im persönlichen Karma muss ins
Auge gefasst werden, dass sich die spirituelle Atmosphäre insgesamt
durch diese Ereignisse verändert hat. Schockerlebnisse, Gewalteinwirkung, aber auch problematische weltanschauliche Orientierungen bringen eine Verdichtung in demjenigen Bereich hervor, der
in der esoterischen Überlieferung als sublunarisch bezeichnet wird.
Sublunarisch ist eine noch seelische, erdnahe Sphäre der geistigen Welt.
Die menschliche Entwicklung nach dem Tod vollzieht sich in diesem
Bereich, bis die erdgebundenen Erlebnisweisen des Menschen
»abgearbeitet« sind. Ist eine seelisch-geistige Verarbeitung der
Erdenerfahrungen nicht möglich, so kann der Übergang in das eigentliche
Geistgebiet nicht vollzogen werden. Dadurch entstehen »Verdichtungen«
in der sublunarischen Sphäre, die auch für lebende Menschen den Zugang
zur Geistwelt, der das Ich als geistiges Wesen angehört, erschweren
können.
Das grundlegende michaelische Missverständnis der Ideologie der 30er
und 40er Jahre und auch mancher individueller Gemütsstimmung ist
unübersehbar: der michaelische Geistes»kampf« wurde militärisch
missverstanden, die Individualität verkannt und in der Nationalität auch
aufgelöst. Daraus entstehende ungelöste Schicksalssituationen führten zu
karmischen Verstrickungen. Vor einiger Zeit stand der Verfasser vor
einem Grab, auf dem Eltern 1943 zum Ausdruck gebracht hatten, dass ihr
einziger, innigst geliebter Sohn »an der Spitze seines Zuges« auf Kreta
für Großdeutschland gefallen sei. Karmische Verstrickungen, die
Notwendigkeit innerseelischer Einbindung und Interpretationen schufen
in sehr vielen Fällen die Unmöglichkeit, individuelle Entwicklungswege
in angemessener Art zu vollenden: Dies alles führt auch im Verhältnis
zwischen irdischer und geistiger Wirklichkeit zu einer neuen,
erschwerten Situation. Ist geistige Wirklichkeit seither durch eine
sublunarische seelische Schicht gleichsam so abgedichtet, dass ein
Zugang nur mit enormen Kraftanstrengungen möglich wird? Wie sind
Störungen in der empfindlichen Verbindung zwischen irdischer und
geistiger Individualität zu bewerten, die nach wie vor aus einem karmisch
ungeklärten Bereich der Vergangenheit strömen?
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Traditionswirkungen erstrecken sich
über einen Zeitraum von ungefähr sieben Jahrzehnten. Das gilt für den
weltpolitischen Zusammenbruch der marxistischen Ideologie, aber auch
anderer Veranlagungen und Positionen. Beispielsweise waren direkte und
nicht nur historische Folgen des deutschen Idealismus und des
Goetheanismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch spürbar. Auch
Rudolf Steiner und die Anthroposophie fußen auf solchen
Voraussetzungen, die im kulturellen Milieu durchaus noch gegeben
waren. Diese Voraussetzungen sind für einen heutigen Umgang mit
geistigen Fragestellungen längst nicht mehr existent - das Verhältnis zum
geschriebenen und gesprochenen Wort und zum geistigen Inhalt hat sich
bis hin zum elektronischen »Informations«-Verständnis verändert, und
damit ist das menschliche Selbsterleben bis in die leiblich-seelischen
Grundlagen hinein modifiziert worden.
Aber das Prinzip der ungefähr siebzigjährigen Wirkung wird inzwischen
auch in den unterschiedlichen Existenzformen der Anthroposophie und
ihrer Praxisgebiete spürbar. Was vor 10 bis 20 Jahren noch
selbstverständlich aus der Rezeption des Werkes Rudolf Steiners und im
Anschluss an die Tradition von Geisteswissenschaft und praktischer
Anthroposophie tragfähig war, verliert nach und nach jede
Selbstverständlichkeit. Die Verunsicherung ergreift auch die Grundlagen
geisteswissenschaftlicher Auffassungen von Reinkarnation und Karma.
Diese Tendenzen zeigen sich beispielsweise in dem Bedürfnis, die
anthroposophische Reinkarnationsanschauung auf andere spirituelle
Ansätze zu beziehen, deren Anregungen aufzunehmen und insgesamt
eine spirituelle und kulturelle Öffnung herzustellen. Der Diskurs, der in
diesem Sinne gesucht wird, erstreckt sich auf die Gebiete der
Anthropologie und Psychologie, aber auch auf überlieferte religiöse
Anschauungen, etwa den Buddhismus. Das Klima des Diskurses, aber
auch eine latente Gefahr von Entgrenzung und Vermischung kulminierte
schließlich in derjenigen Stimmung des »Neuen Zeitalters«, in der
Reinkarnation und Karma zu einer nahezu kulturfähigen Weltanschauung
wurde, die in den öffentlichen Medien diskutiert werden konnte. - Hat die
geisteswissenschaftliche Lehre von Reinkarnation und Karma, die unter
völlig anderen anthropologischen und zeitgeschichtlichen Bedingungen
entstanden ist, hier noch eine angemessene Gestalt? Diese Frage
erscheint heute auch deshalb sinnvoll, weil inzwischen selbst auf die
eben angedeuteten Entwicklungen bereits wieder historisch
zurückgeblickt werden kann.
Lessing forderte im Jahr 1777 einen »Beweis des Geistes und der Kraft«,
denn der Bericht von Wundern und geistigen Wirkungen (im Neuen
Testament) könne deren unmittelbares Erleben nicht ersetzen: » ... ich
leugne, dass diese Wunder, seitdem ihre Wahrheit völlig aufgehöret hat,
durch noch gegenwärtig gangbare Wunder erwiesen zu werden, seitdem
sie nichts als Nachrichten von Wundern sind (mögen doch diese
Nachrichten so unwidersprochen, so unwidersprechlich sein, als sie
immer wollen), mich zu dem geringsten Glauben an Christi anderweitige
Lehren verbinden können und dürfen.«3 Die Überlieferung allein kann
auf Dauer nicht zur Überzeugung und zur Kraftwirkung führen. Lessing
gibt auch an, was trotzdem wirksam sein kann: »Was kümmert es mich,
ob die Sage falsch oder wahr ist; die Früchte sind trefflich.«4 - In einer
ähnlichen Lage befindet sich gegenwärtig die Lehre von Reinkarnation
und Karma: Wo nur auf Bericht und Überlieferung verwiesen werden
kann, verliert sie an Überzeugungskraft. Andererseits sind die »Früchte«
der »alten« Anschauung, von der berichtet wird, nicht unumstritten. Das
zugleich nach einem unmittelbaren Erleben, nach Empfindung und
Einsicht verlangt wird, die an die Stelle der überlieferten Theorien treten
sollen, ist nachvollziehbar. Aber auch Lessing beantwortet nicht die
Frage, wie die Wahrheit der »Früchte« bzw. des Erlebens überprüft
werden kann. Wir sind inzwischen in einer Situation, die selbst schon auf
Erlebnisverhältnisse zu Reinkarnation und Karma mit einer gewissen
Ernüchterung zurückblicken lässt. Was noch vor drei, vier oder fünf
Jahren publiziert, heiß diskutiert, aber auch emotional erlebt und erlitten
wurde, scheint sich weitgehend wieder beruhigt zu haben. Die Wogen
haben sich geglättet, viele Erlebnisattitüden mussten den Weg in den
Alltag finden, und die Wahrheitsfrage musste doch in mancher Hinsicht
offen bleiben. Nur ein Effekt ist mit Sicherheit erreicht, nämlich dass es
keine Rückkehr zu einer Theorie oder zum bloßen Begriffszusammenhang von Reinkarnation und Karma mehr geben kann.
So erscheint ein gewisser Rückblick auf anthroposophische Forschungs-,
Lebens- und Erlebensergebnisse zu dem in Frage stehenden Thema
sinnvoll. Wo stehen wir heute? Welche Ergebnisse sind über die
Darstellungen im Werk Rudolf Steiners hinaus gewonnen worden,
welcher Lebenseffekt hat sich für einzelne Menschen oder auch für die
anthroposophische Bewegung und ihren Umkreis ergeben? - Eine solche
Frage kann naturgemäß nicht generalisierend beantwortet werden, sie
kann nur den Einzelnen begleiten. Allerdings birgt sie in sich die
Möglichkeit, dass bei ernsthafter Betrachtung ein Effekt entsteht, der die
Voraussetzung zu einer vertieften geistigen Perspektive darstellt: das
Erleben einer Erkenntnisgrenze, das Gefühl der Undurchdringlichkeit
und auch einer gewissen Resignation. Die Zukunftschancen eines
wahrheitsbezogenen Verhältnisses zu Reinkarnation und Karma werden
zwar nicht allein, aber davon abhängen, wie es gelingt, die Finsternis der
Erkenntnisgrenze auszuhalten und in ihr bestimmte Empfindungen
auszubilden, die ihrerseits zu einem Wahrnehmungsorgan für geistige
Wirklichkeit werden könnten.
3 Gotthold Ephraim Lessing: Über
den Beweis des Geistes und der
Kraft. In: Die Erziehung des
Menschengeschlechts und andere
Schriften, Stuttgart 1980, S. 37.
4 Ebenda.
Für den Einzelnen, aber auch für eine über ihn hinausgehende geistige Reinkarnation auf der
Milieubildung wäre zu klären, worin wahrheitsfähige karmische Lebensebene
Erfahrung heute bestehen könnte. Denkbar wäre, dass die Identifikation
von karmischen Eindrücken schwieriger geworden ist, weil sie eher auf
der Lebens-, als auf der Erkenntnisebene anzusiedeln sind. Das bedeutet
selbstverständlich nicht, dass Erkenntnisbemühung ausbleiben könnte
und die karmische Dimension sich von selbst darstellen würde. Dennoch
ist ein christliches Metamorphoseprinzip zu beachten. Als christliches
Entwicklungsmotiv kann gelten, dass eine geistige Wirklichkeit dem
Weg des Christus folgt und eine zunehmende Vermenschlichung
durchmacht. Geistige Wirklichkeit wird immer mehr irdisch, wird im
Sinne des Prologs zum Johannes-Evangelium im Menschen »Fleisch«. In
diesem Sinne sind auch die Zusammenhänge von Reinkarnation und
Karma »tiefer«, d.h. auf den verschiedenen Lebensebenen (und nicht nur
in Erkenntnishöhen) angekommen. Ich werde nur das karmisch
wahrnehmen und erkennen können, worin ich mich lebensbezogen
(»existenziell«) befinde - und wenn es mir gelingt, in den
Lebenszusammenhängen diejenige Sphäre zu empfinden, die geistig
aussagefähig ist. Ob mir beispielsweise ein karmischer Zusammenhang
mit einem Menschen deutlich werden kann, ist davon abhängig, welche
Willens und Lebensrealisierungen es zwischen mir und diesem Menschen
gibt. Erkenntnisse und Lebensprozesse sind immer stärker aufeinander
bezogen; das gilt auch für die Einlösung und Überzeugungskraft der
Anthroposophie - allerdings ist deren Lebensprozess nicht ohne ideelle
und begriffliche Klärung, ohne dezidierte Wahrheitsorientierung denkbar.
Es ist Kennzeichen des Michael-Zeitalters, dass Karma direkt wirkt.
Seelische, leibliche und soziale Verhältnisse sind unmittelbar vom
eigenen geistigen Herkommen (und seinen Verwicklungen) bestimmt.
Leibliche
und
seelische
Gesundheit
bzw.
Krankheit,
zwischenmenschliche Begegnungen und Lebensvollzüge konnten
vormichaelisch noch stärker karmafremd beeinflusst sein,
beispielsweise durch lediglich vererbte Dispositionen. Die
Schwierigkeit besteht nun darin, die heutige unmittelbare karmische
Bestimmung gerade in dem wahrzunehmen, was sich im Element des
Lebens, nicht unmittelbar im geistigen Element zeigt. Aber selbst
weltpolitische Ereignisse weisen eine Signatur auf, deren
Verursachung und Substantialität sich besser erschließt, wenn
geisteswissenschaftliche Gesichtspunkte zu Hilfe genommen werden,
wenn diese zunächst weitab zu liegen scheinen. So können
beispielsweise die gegenwärtigen Ereignisse im Irak durch das von
Rudolf Steiner so vorrangig geschilderte karmische Problem erhellt
werden, das in den so genannten Karma-Vorträgen des Jahres 1924 als
Schicksal des arabischen Aristotelismus dargelegt wurde. Durch eine
solche Betrachtung werden die Ereignisse in ihrer Ursächlichkeit nicht
»einfacher«; auch darf nicht erwartet werden, dass ein
philosophiegeschichtliches Problem der Vergangenheit (wie das
aristotelische Denken über die arabische Philosophie ins christliche
Mitteleuropa gelangt) erklärt oder gar ersetzt werden können. Aber es
kann in einem solchen Gesichtswinkel doch deutlich werden, wie
Lebensereignisse und Schicksalsentwicklungen geistig verursacht sein
können.
Das gilt auch für das individuelle Schicksal; die Karma-Vorträge
Rudolf Steiners zeigen nicht nur karmische Zusammenhänge als
Abfolge von Inkarnationen. Sie machen zugleich auch deutlich, dass
der Übergang von einem in ein nächstes Erdenleben nur zu verstehen
ist, wenn der geistige Gesichtspunkt eingenommen werden kann. Die
persönliche Schicksalsentwicklung hängt eben bis in Alltagsbereiche
hinein von der eigenen geistigen Situierung in der Vergangenheit ab,
die ihrerseits nur geistig aufgefasst werden kann. Das Verständnis von
Aristotelismus und Platonismus im Mittelalter (als damals
philosophisches Existenzialproblem) bildet die Voraussetzung, um
heutige, vielleicht sehr profane Lebensverhältnisse ursächlich begreifen
zu lernen. Der karmische Zusammenhang von Platon und Roswitha
von Gandersheim wird nicht durch persönliche Lebensverhältnisse und
Schicksalsumstände, sondern nur aus der Perspektive nachvollziehbar,
dass der Platonismus sich ungeheuren Schwierigkeiten ausgesetzt sah,
im Christentum eine ihm angemessene Gestalt zu finden. Der Mensch
Roswitha von Gandersheim und ihr geistiges Wirken wird verständlich, wenn nachvollzogen werden kann, wie Platon in der
Existenz nach dem Tode um Realisierungschancen seines Denkens im
christlichen Zusammenhang ringen musste.5 Ähnliche geistige
Ursachenzusammenhänge sind im »verkleinerten« Maßstab für alle
Menschen vorauszusetzen, die ihre gegenwärtige Inkarnation aus
einem geistigen Motiv heraus vorbereitet haben. Dies gilt auch für die
von Rudolf Steiner angekündigte Lebenssituation der Anthroposophie
am Ende des 20. Jahrhunderts, also für das Zusammentreffen der so
genannten Aristoteliker und Platoniker.6
Zu fragen ist, ob diese Verhältnisse deshalb so schwer identifiziert
werden können, weil auch sie im Sinne des christlichen Entwicklungsprinzips inzwischen Stufen »tiefer« angelangt sind, also in
Bereichen sich vollziehen, die sich nicht geistig-philosophisch (oder
anthroposophisch), sondern längst lebensbezogen darstellen. Durch eine
solche Betrachtung darf nicht vergessen werden, dass auch die Einlösung
der Voraussage zur Verbindung von Aristotelikern und Platonikern nicht
selbstverständlich ist, sondern, wie von Rudolf Steiner auch betont, von
der Willensrealisierung der betreffenden Menschen und damit von freier
den Vortrag Rudolf Steiners
Entscheidung abhängt. Zudem ist Anthroposophie nicht nur dort anwe- 5vomVgl.23.09.1924,
in: Esoterische
send, wo der entsprechende Name verwendet und die dazugehörigen Betrachtung karmischer Zusammen(GA 238), 4. Bd., Dornach
Begriffe gesprochen und geschrieben werden. Aufschlussreich könnte es hänge
1991.
beispielsweise sein, in der wirtschaftlichen, technologischen und auch
Vgl. dazu beispielsweise den
politischen Entwicklung, insbesondere in den jeweiligen Forschungs- und 6Vortrag
vom 12.09.1924, in:
Innovationsbereichen darauf zu achten, ob neue Wege aus Tradition und ebenda.
»Geisterinnerung« (d.h. eher »platonisch«)7 gefunden werden oder ob 7 Platon hat seine Erkenntnislehre
Erkenntnis aus einer gewissen Erfahrungsorientierung, verbunden mit u.a. in dem Dialog Menon
Dort führt er aus, dass
Risikobereitschaft hervorgeht (»aristotelisch«). Thomas von Aquin hat im dargestellt.
jede Erkenntnis von Neuem nur in
13. Jahrhundert die aristotelische Erkenntnishaltung als irdische Er- einer Wiedererinnerung an geistig
dem
Vorgeburtlichen
fahrung von Neuem gegenüber der platonischen Auffassung abgegrenzt.8 aus
Mitgebrachtes besteht.
Bedeutsam ist in beiden Fällen, dass das Erkenntnis- und
Vgl. beispielsweise Thomas'
Lebensverhältnis durch Bewusstheit gekennzeichnet sein soll. Instinktive 8Ausführungen
in der Summe der
Erkenntnis aus geistiger Vergangenheit oder zufällige, also blinde Effekte Theologie I, 87-89.
der Lebensentwicklung wären von beiden Richtungen abgelehnt worden.
Im Zentrum steht der bewusste, erkennende Mensch.
Es gibt eine seelische Perspektive des Karmaverständnisses. Bereits Wirkt Karma nur
Origenes hat sie in dem eingangs erwähnten Zusammenhang seelisch?
charakterisiert: Ein und dieselbe Individualität belebt in einer nächsten
Inkarnation einen neuen Leib, dessen Beziehung zu der alten Leiblichkeit
noch genauer erforscht werden müsste. Auf einen solchen Gesichtspunkt
wird der Bereich karmischen Erlebens und Erkennens oftmals
beschränkt. Die eigene karmische Situation (oder die anderer Menschen)
soll sich über einen ursächlich, zumindest jedoch konsekutiven
Zusammenhang der folgenden mit der vorangegangenen Inkarnation
ergeben und sich in geistigen, seelischen, leiblichen oder auch sozialen
Zuständen zeigen. Einer solchen Perspektive entgehen weitere
Dimensionen von Schicksalsrealisierungen. Eine sehr weitreichende hat
Rudolf Steiner im Leitsatz 62 angesprochen: »Die Sinneswelt trägt in den
Sinneswahrnehmungen nur einen Teil des Wesens an die Oberfläche, das
sie in ihren Wellentiefen birgt. Bei eindringlicher geistgemäßer
Beobachtung zeigt sie, dass in diesen Tiefen die Nachwirkungen dessen
sind, was Menschenseelen noch in lang vergangenen Zeiten gewirkt
haben.«9
Nicht nur die eigene seelisch-geistige und leibliche Existenz ist
karmisch bestimmt, sondern die gesamte Erscheinungswelt, die sich
den Sinnen darstellt. Dem Karma begegnet man in der Welt; in der
Natur, aber auch in all demjenigen materiell Festen, Äußeren und
Objektiven, das die menschliche Lebensumgebung ausmacht, ohne
natürlich zu sein. Die festgewordene Außenwelt ist die geronnene
Vergangenheitsform von menschlicher Seelenexistenz! Die Welt, in
der wir leben, die uns trägt und auch bedrängt, stellt unter karmischem
Gesichtspunkt eine seelische Realität der Vergangenheit dar: die
Sinneswelt als Nachwirkung menschlichen Erlebens und Handelns,
nicht als eine vom Menschen abgelöste Wirklichkeit. Der
Verbindungspunkt ergibt sich, wenn man sich verdeutlicht, dass auch
in der Sinneswahrnehmung ein menschliches Erleben des
Wahrnehmenden vorliegt. Man ist nur im Wahrnehmungsgeschehen
geneigt, die Objektivität des Inhalts gegenüber der Subjektivität des
Empfindenden zu betonen. Dagegen wird im Gefühl und meist auch
im Denken eher die Subjektivität des eigenen Gestimmtseins bzw. der
eigenen Tätigkeit hervorgehoben. Aber auch die menschliche
Wahrnehmung ist nicht ein optisches oder akustisches Aufnahme- und
Speicherverfahren, sondern ein Prozess des Bewusstwerdens durch
bestimmte Empfindungsqualitäten. In dieser Empfindung stellt sich
nicht nur äußere Natur dar, vielmehr wird vom Naturzusammenhang
genau das und so viel in die Wahrnehmung gelangen, wie ich selber in
die Empfindung aufnehmen kann. Sensibilität und Aufmerksamkeit,
seelische und geistige Vorbereitung und Interesse bestimmen den
Umfang dessen, was an »objektiver« Wirklichkeit zur Erscheinung
kommt. Sobald es gelingt, die eigene Beteiligung als ein Darinnenstehen zu erleben, in dem Subjektivität und Objektivität
untrennbar verbunden sind, beginnt sich die karmische Dimension der
wahrgenommenen Umgebung zu erhellen.
Dies gilt insbesondere für die Beziehung zur landschaftlichen Umgebung, Karma und Elemente
die Rudolf Steiner als äthergeographisch charakterisiert hat.10 Der Blick
auf karmische Verhältnisse kann sich ungeheuer schulen, wenn die
Landschaften der Lebensumgebungen in der eigenen biografischen
Entwicklung betrachtet werden. Hier zeigt sich die Schicksalsdimension
bezeichnenderweise an einer eigentümlichen Grenze zwischen innen und
Rudolf Steiner: Anthroposoaußen. Die (vielleicht wechselnden) landschaftlichen Umgebungen der 9phische
Leitsätze (GA 26), Dornach
eigenen Lebensentwicklung bilden zwar das Außen der Biografie; aber 1982, S. 46.
sie haben doch, mehr oder weniger bemerkt, das seelische Innen 10 Vgl. beispielsweise Rudolf
mitgeprägt: als Lebensgefühl, das immer stark umgebungs- und Steiner: Individuelle Geistwesen
ihr Wirken in der Seele des
witterungsabhängig ist. Hier zeigt sich, dass die Welt der Elemente zu und
Menschen (GA 178), Dornach 1992,
den schicksalsprägenden Kräften gehört - und ihrerseits aus der Kraft der Vortrag vom 16.11.1917.
individuellen Schicksalsgestaltung heraus geprägt wird. Die
vorgeburtliche Konzentration ätherischer Kraftströme bezieht sich nicht
nur auf das Entstehen der neuen Leibesorganisation, sondern auch auf die
natürlich-landschaftliche Umgebung dieses Leibes. Die tieferen
Beziehungen zu den biografischen Gegenden stellen sich für das
Bewusstsein oft erst in späteren Jahren her, beispielsweise wenn der Ort
der Kindheit im Erwachsenenalter noch einmal besucht wird.
Sich hier auf eine elementare Erlebnisebene einzulassen und weder die
Umgebung zu objektivieren noch das subjektive Erleben
überzubewerten, ergibt in der Sphäre der Elemente ein Schulungsgebiet für die schicksalsbezogene Empfindung. Die elementare
Wirklichkeit ist an der Grenze zwischen Erleben und Leben, zwischen
Bewusstsein und Sein, seelischer Empfindung und naturhafter
Objektivität anzusiedeln. Gerade in dem äthergeographischen Naturund Landschaftsbezug begegnet man einer Erlebnisform, die die
ähnlich grenzbezogenen Verhältnisse zwischen der Subjektivität der
eigenen Schicksalsempfindung und der Objektivität der eigenen
karmischen Vergangenheit widerspiegelt. Diese Entsprechung macht
es möglich, mir selbst in dem ganz Anderen zu begegnen und in mir
selbst das ganz Andere zu entdecken, also eine Art Gleichgewicht
zwischen dem Subjekt und dem Objekt des eigenen Seins herzustellen.
Das Subjekt der eigenen Existenz begegnet nicht nur im inneren
Erlebnisaspekt, das Objekt nicht nur in der Außenwelt. Vielmehr
handelt das Ich als Subjekt des Schicksals durch die inneren und
äußeren Seinsverhältnisse hindurch.11
Ein zweiter Gesichtspunkt zur Sensibilisierung betrifft das ange- Geist, Seele, Leben
sprochene
christliche
Metamorphoseprinzip:
im
Zuge
der
»Fleischwerdung« des Geistes wird ein geistig-seelisches Merkmal von
vorangegangenen Inkarnationen sich gegenwärtig eher auf einer tieferen
Lebensebene wiederfinden lassen - wo es aber oft versteckt bleibt, weil es
dort nicht vermutet und somit auch nicht wahrgenommen wird. Eine
Leitfrage zum Erschließen dieses Bereichs könnte lauten: Welche
möglichen Defizite einer vorangegangenen Erdenexistenz könnten durch
die gegenwärtige Lebenssituation (einschließlich des Lebensgefühls und
der Lebensproblematik) überwunden werden? In dieser Perspektive gilt
das Prinzip, dass liegengebliebene geistige Probleme der Vergangenheit
zu seelischen oder leiblichen Problemstellungen der Gegenwart werden,
also nicht mehr auf der geistigen Ebene anzutreffen sind. Umgekehrt ist
es sinnvoll, die Schwierigkeiten der gegenwärtigen Lebenssituation
daraufhin zu betrachten, ob sich in ihnen, bei aller Existenzialität und
Intensität ihres Auftretens, vielleicht eine geistige Fragestellung verbirgt,
die sich jetzt allerdings nicht mehr im Element der Freiheit, sondern unter
dem Druck von Lebensverhältnissen artikuliert.
Auch bei dieser Blickrichtung wird eine im Erleben seelische Dimension
gleichsam zum Geist hin transzendiert, ähnlich wie dies im Hinblick auf
die äthergeographische bzw. elementarische Umgebung im zuvor 11 Der hier nur angedeutete
Besprochenen der Fall war. Allerdings darf die gegenwärtige seelische, Zusammenhang von Schicksal,
und äthergeographischer
leibliche oder (Lebens-) Situation nicht nur so angesehen werden, als Natur
Umgebung
wird
ausführlich
handele es sich dabei um eine Metamorphoseform des Geistigen, weil dargestellt in einem Buch des
das im Herbst 2003 im
eine geistige Orientierung der Vergangenheit nicht eingelöst werden Verfassers,
Verlag
Freies
Geistesleben
konnte. Zu beachten ist vielmehr, dass die Lebensebene auf jeden Fall erscheinen soll: Die Erwartung der
Der Mensch als neue
auch eine Vertiefung einer zuvor geistigen Orientierung darstellt. Engel.
Hierarchie. Vgl. hier insbesondere
Beispielsweise könnte man daran denken, dass eine gewisse
das Kapitel I.
Erkenntnishöhe, die in der Vergangenheit nicht den eigenen
Lebensvoraussetzungen entsprach, durch eine entsprechende seelische
Problematik nun mit den eigenen Wesenszügen in Einklang gebracht
wird. Dadurch verliert der ehemals geistige Kontext selbstverständlich
seinen Glanz und seine Idealität, vielleicht sogar seine Überzeugungskraft; es käme nun darauf an, dennoch den Entsprechungspunkt
aufzufinden.
Eine weitere Blickrichtung ist schwieriger zu charakterisieren. Denn in
ihr tritt diejenige Dimension der Lebensführung ins Bewusstsein, die
im Hinblick auf das Kind früher als der Schutzengel, im Hinblick auf
den Erwachsenen als der das Leben begleitende Engel bezeichnet
wurde. Die geistige Emanzipation des Menschen birgt die Gefahren,
das selbstgesuchte Geistesleben zu verfehlen oder auf alte Grundlagen
zu stellen. Schon Thomas von Aquin sprach im letzten Drittel des 13.
Jahrhunderts von einer gefährlichen Wendung im Verhältnis zwischen
dem Menschen und dem ihn begleitenden Engel; sie entsteht, wenn es
der Mensch versäumt, zum »Mitregierenden« (conregnans) des Engels
zu werden.12 Die versäumte geistige Emanzipation degradiert den
ehemaligen lebensbegleitenden Engel zu einem dämonischen Wesen,
das Thomas zufolge den Menschen in der Hölle quält. Modern
formuliert bedeutet diese Aussage, dass der Mensch, dem es nicht
gelingt, von Angesicht zu Angesicht mit dem Engel dessen geistige
Ebene, also die Lebensorientierung im Geistselbst zu erreichen, mit
problematischen Wirkungen einer früheren Engelkraft konfrontiert
wird. Dementsprechend ist gerade bei vermeintlich geistigen
Orientierungen, Einsichten und Lebensgestaltungen zu überprüfen, ob
es sich um wahrhaft individuelle und menschliche Formgebungen
handelt - oder ob eine Überformung durch ein geistiges Prinzip
vorliegt, das vom Menschen noch gar nicht individualisiert wurde.
Bezogen auf die hier zu behandelnde karmische Problemstellung ergibt
sich also die Frage, ob die eigenen geistigen Bemühungen, Gewohnheiten
und Intentionen auch den persönlichen Voraussetzungen entsprechen. Es
ist nicht selbstverständlich, geistige Überlieferungen, aber Übung und
Studium so zu gestalten, dass der Geist im Sinne der Fleischwerdung des
Wortes vermenschlicht und individualisiert, nicht aber das Individuum
geistig substituiert, also zum falschen Engel wird. Damit ist eine leicht zu
unterschätzende Dimension der Sensibilisierung für die eigene karmische
Situation angesprochen. Denn gerade in der Beziehung zur Spiritualität,
Esoterik, aber auch zur Intellektualität und Philosophie verlangt eine der
Bewusstseinsseele entsprechende Herangehensweise die Berücksichtigung der individuellen Möglichkeiten und Entwicklungsbedingungen. Die karmische Signatur der Bewusstseinsseelenzeit umfasst
den eigenverantwortlichen Zugang zu einem Geistesleben, das früher
durch Überlieferung adaptiert und in gewisser Hinsicht auch garantiert
werden konnte. Werden die geistig wirksamen Kräfte der Tradition und,
wie die Warnung des Thomas zeigt, auch der Hierarchien nun aber in
einer Weise zur Wirksamkeit gebracht, dass sie die Individualität des
Menschen eher gefährden statt stärken, so kommen Ich-Entwicklung und
Geist-Selbst-Ausbildung in einen Widerspruch, der die Zukunft des
menschlichen Ich bedroht. Es besteht nicht nur die Gefahr, dass die
Betonung des Ich-Erlebens geistige Kraftwirkung nicht zur Geltung
kommen lässt; umgekehrt muss auch vermieden werden, dass stark
wirksame geistige Kräfte den Keim geistiger Ich-Entwicklung
12 Thomas von Aquin: Summe der
Theologie I, 113,4.
verbrennen.
Diese Betrachtung führt zu einer vierten Dimension in der Bemühung um Geistige Kraft
karmische Selbstvergewisserung. Sie ist orientiert an der Frage, woran
(die eigene, aber auch »fremde«) geistige Individualität zu erkennen ist.
Hier kann versuchsweise ein Weg der Sensibilisierung für feinere
Kraftwirkungen beschritten werden. Gemeint ist damit die Wahrnehmung
von Auswirkungen des eigenen Verhaltens und Denkens in Bereiche, bei
denen zunächst kein Zusammenhang mit den wirkenden Ursachen bzw.
Kräften zu vermuten ist. In der älteren Überlieferung, aber auch im ersten
Mysteriendrama Rudolf Steiners werden diese Kraftwirkungen als
Resonanz der elementarischen Welt auf seelisch-geistige Ausrichtungen
und verbale Ausformungen des Menschen charakterisiert.13 Gerade
Handlungen und Aussagen, die eigentlich der eigenen Urteilsbildung
widersprechen, haben Wirkungen in einen Kräftebereich, auf den sie sich
vielleicht gar nicht beziehen. Diese Resonanzwirkungen werden oftmals
deshalb nicht bemerkt, weil die betreffenden Ereignisse zu der Handlung
oder der Aussage gar nicht in Beziehung gesetzt werden, etwa wenn sie
sich in einem völlig anderen Bereich vollziehen. Vorstellbar ist etwa,
dass sich soziale Verkomplizierungen, zwischenmenschliche oder
sachliche Probleme auf einem ganz anderen Sektor ergeben können, die
man zwar begründen, aber nicht wirklich ursächlich herleiten kann. Die
karmische Sensibilisierung würde nun darin bestehen, diesen
Wirkungszusammenhang auch dann zu bemerken, wenn er räumlich,
zeitlich oder sachlich »versetzt« erscheint. Der Aufmerksamkeitsbogen
wäre also dorthin zu spannen, wo für das alltägliche Urteilsvermögen gar
kein Ursachenzusammenhang besteht.
Es handelt sich dabei letztlich um die Ausbildung einer Geistesgegenwart, die aus einer gewissen Selbsterkenntnishaltung hervorgeht.
Diese besteht darin, dass die feinen Nuancierungen der Inkonsequenz
gegenüber eigener Urteilsbildung, des untergründig unwahrhaftigen
Verhaltens, des oberflächlichen Sprechens etc. bemerkt werden und
ihre ursächliche Wirkung dann ins Bewusstsein tritt, wenn sie unter
Bedingungen des Alltagsbewusstseins schon längst vergessen wären
oder gar nicht als relevant gelten würden. Diese Ausrichtung
karmischer Sensibilisierung ist nicht auf die Schicksalsvergangenheit,
sondern auf die eigene karmische Zukunft bezogen. Denn die Zukunft
wird durch die angesprochenen Verhaltensweisen gestört, und die
Störung bleibt nicht folgenlos, sondern äußert sich in demjenigen
Bereich, der in der Überlieferung als »Elementarwelt« galt und seine
Kräfte wiederum in einem weiteren Bereich, beispielsweise als sozial
wirksame Störung, wirken lässt. Über den zuletzt genannten Kraftbereich wirkt die Kräftekette dann wieder auf den Verursacher zurück.
Dieser fühlt sich unter Umständen beunruhigt oder gar attackiert, ohne
sich selbst als verursachenden Ausgangspunkt des Wirkungszusammenhangs wahrzunehmen.
Aus dem bisher Gesagten ergibt sich, dass Karmaerkenntnis sich nicht in
der Weise vollzieht, dass eine vorliegende karmische Wirklichkeit in der
Empfindung oder im Denken abgebildet wird. Karmaeinsichten sind nur
dort real, wo es gelingt, in den Kraftbereich selbst hineinzuwirken, nicht
im Abbild zu verbleiben. Allerdings muss es sich um einen Zugang zur 13 Vgl. Rudolf Steiner: Die Pforte
Einweihung (1911; GA 14),
Kraft handeln, der bewusstseinfähig ist - Bild und Kraft fallen der
viertes Bild: Die Seelenwelt,
zusammen, Bewusstsein und Sein verbinden sich zu einer Einheit.
Dornach 1981, S. 68 ff.
Karmaerkenntnis hätte auch dann einen problematischen Abbildcharakter, wenn Geschehnisse einer vergangen Inkarnation in ungeheurer,
kraftvoller Erlebnisintensität empfinden würden. Entscheidend ist
nämlich nicht die Empfindung von (innerer) Kraft, sondern das
Hervorbringen einer Kraftwirkung, die nicht nur im inneren subjektiv,
sondern auch in der äußeren (objektiven) elementarischen Außenwelt
wirksam ist. Reine Erlebnisintensität reicht dazu nicht aus, selbst wenn
sie sich ungeheuer existenziell darstellt. Es gilt das Prinzip, dass die
Intensität eines Erlebens über seine Realität nicht aussagefähig ist obwohl üblicherweise die Erlebniskraft zugleich als Erweis der
Erlebniswirklichkeit gilt. Diejenige Kraft, die auch in der
elementarischen Außenwelt wirksam ist, kann sich im Innenerleben
zunächst als sehr fein, kaum wahrnehmbar darstellen. Das Problem
besteht dann darin, sie zu bemerken.
In eine ähnliche Richtung weist auch die so genannte große Kar- Übung, Erfahrung,
maübung Rudolf Steiners aus dem Vortrag vom 9. Mai 1924. Ihr Erkenntnis
Ausgangspunkt besteht darin, ein gegenwärtiges Erlebnis mit aller
Willens- und Bewusstseinskraft auszugestalten. Es geht also nicht
darum, die Begebenheit nur zu erinnern und möglichst getreu abbildhaft wiederzugeben, sondern sie in der Phantasie mit alldem
auszustatten, was zu ihr gehört, aber vielleicht gar nicht im Wahrnehmungsfeld lag und somit auch in der Erinnerung nicht vorkommt.
Es sind hier produktive, vom Willen geführte, aber nicht phantastische
Bewusstseinskräfte gefordert. Von ihnen hängt ab, ob ein Kraftschluss
auf den folgenden Ebenen gelingt. Zunächst kommt es zu einer
Intensivierung auf der Erlebnisebene. Die aufgebrachte Kraft der
Gestaltung, die das Bild des betreffenden Ereignisses oder Erlebens
geschaffen hat, verändert das Gefühl; die Kraftwirkung ist also in der
astralischen Organisation angekommen. Von dort aus wirkt die Kraft
weiter in einen objektiven Bereich hinein: Es kommt durch sie,
während der Mensch schläft, zu Veränderungen im äußeren
ätherischen Zusammenhang. Von dort aus wirkt die Kraft weiter
zunächst in die ätherische, dann auch in die physische Organisation
des Menschen hinein. Der physische Leib als substanziell-geistige
Wirklichkeit kann dann das durch Bewusstseinskraft gestaltete und auf
den verschiedenen Ebenen erlebte Bild seinerseits so modifizieren,
dass sich aus ihm der bewusstseinsfähige Eindruck der verursachenden
karmischen Situation aus einem vergangenen Erdenleben ergibt.
Insgesamt lässt sich an der Übung erkennen, dass karmische Erkenntnis
nicht darin besteht, wirkende Kräfte ins Bild zu bringen, sondern aus
Individualkraft heraus Bilder zu gestalten, die selbst kraftfähig werden - 14 Insgesamt beschreibt der
auch durch die Willenskonsequenz, immer wieder auf das selbst Leitsatz 98 das Verhältnis von
Gegenwart und
hervorgebrachte Bild zurückzukommen und es weiter auszuarbeiten. Das Vergangenheit,
Zukunft im Hinblick auf ein neues
Bild qualifiziert sich für den Kraftbereich durch die Willenskraft, mit der Verständnis des Karma: „Das
Fühlen
und
Wollen
des
es gelingt, den Gestaltungsvorgang zu betreiben.
Gedankenlebens
enthalten
das
Der anthroposophische Leitsatz 98 macht deutlich, dass die eigene karmische Ergebnis voriger
Das Denken und
karmische Vergangenheit zugänglich wird, wenn der Willens und Erdenleben.
Wollen
des
Gefühlslebens
Gefühlsaspekt, also die Kraftseite des eigenen Gedankenlebens bestimmen auf karmische Art den
Das Denken und Fühlen
bewusstseinsfähig wird: »Das Fühlen und Wollen des Gedankenlebens Charakter.
des Willenslebens reißen das
14
enthalten das karmische Ergebnis voriger Erdenleben.«
Die gegenwärtige Erdenleben aus dem
Zusammenhang
Aufmerksamkeit wird auf diejenigen Individualkräfte gerichtet, die das karmischen
heraus.“ Aus: Anthroposophische
Bewusstseinsbild, den Denkinhalt, begleitet. Allerdings ist das Fühlen
Leitsätze, S. 74.
des Gedankenlebens nicht die Vorstellung eines Gefühls, sondern
dasjenige gefühlsartige Erlebnis, das die eigene Gedankenbildung
begleitet. Das Wollen des Gedankenlebens meint entsprechend nicht die
Vorstellung einer eigenen Intention, sondern diejenige Willenskraft, mit
der die eigene Gedankenbildung und Urteilsfindung durchgeführt werden
kann. Werden beide in der Weise für das Bewusstsein durchsichtig, dass
sie sich zu einem Eindruck verdichten können, so begegnet man sich
selbst als diejenige Individualität, die sich auch unter ganz anderen
Persönlichkeitsbedingungen
einer
vorangegangenen
Inkarnation
ausgelebt hat. Es liegt auf der Hand, dass in dieser Erkenntnis- und
Erlebnishaltung nach und nach unterschiedliche karmische Eindrücke
entstehen können, weil die geistige Individualität sich nicht nur an einem
einzelnen Erlebniszusammenhang, sondern in ihrer gedanklichhabituellen Gesamtausrichtung wahrnehmen lernt.
Die gegenwärtige Zeitepoche ist gekennzeichnet durch die Wirkungen
des 20. Jahrhunderts; zu ihnen gehört auch die Anthroposophie als
diejenige geistige Strömung, die Karmaerkenntnis in der heute
angemessenen Weise ermöglichen kann. Die Wirkungen des 20.
Jahrhunderts können jedoch diejenigen der Anthroposophie
zeitgeschichtlich wie individuell überlagern. Ein Missverständnis des
Wirkens Michaels als Zeitgeist wird sich überall dort zeigen, wo der
Drachenkampf Michaels nicht geistig und in Beziehung zur IchIndividualität, sondern interessen- und gruppenbezogen empfunden und
ausgelebt wird. Eine untergründige, kaum bewusstseinsfähige
Wahrnehmung michaelischer Kraft ist in der Zivilisationsstimmung zu
spüren. Aber bis in die jüngsten kriegerischen Begegnungen zwischen
Christentum und Islam hinein wird der michaelische Kampf in eine
wirtschaftliche und weltanschauliche Dimension verdrängt, die ihn bis
zur Unkenntlichkeit entstellt. Michael aber ist die karmisch bestimmende
Macht. Das Verhältnis zu ihm qualifiziert auch das Einzelschicksal und
kann über die Zukunftsfähigkeit der eigenen karmischen Entwicklung
entscheiden. Rudolf Steiner hat, beispielsweise in den Vorträgen des
Jahres 1917, vor dem Wirken der Gespenster des 19. Jahrhunderts
gewarnt.15 Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, treten die Gespenster
des 20. Jahrhunderts auf: die globalen Zöglinge und Effekte eines vor der
Mitte
des
vorigen
Jahrhunderts
mitteleuropäisch
situierten
Fundamentalismus, Anti-Individualismus und Anti-Spiritualismus
(einschließlich der Gegnerschaft zum Träger der Individualität, nämlich
der Intellektualität und ihrer Perversion im seelischen Technizismus). Die
geistigen, kulturellen und zivilisatorischen Versäumnisse und Folgewirkungen des 20. Jahrhunderts zeigen schon zu Beginn des 21.
Jahrhunderts eine Signatur von dessen weiteren Verlauf, die in einem
äußerst negativen Sinne für jeden Mensch karmabestimmend sein kann.
Zur Selbstverantwortlichkeit und Freiheit in der eigenen karmischen
Gestaltung gehört auch, diese Kraftwirksamkeiten zu bemerken und der
Gefahr zu begegnen, die daraus entsteht, dass solche Kräfte geeignet
sind, die Individualität von dem ihr eigenen karmischen
Entwicklungsverlauf abzulenken.
15
Vgl. vor allen Dingen die
Themenbereiche, die in dem GABand 178 zusammengefasst sind.
Autorennotiz:
WOLF-ULRICH KLÜNKER, 1955 in
Holzminden geboren. Begründer der
DELOS-Forschungsstelle
für
Psychologie (Berlin), Leiter der
Turmalin-Stiftung (Rondeshagen bei
Lübeck) und Vorstandsmitglied der
Anthroposophischen Gesellschaft in
Deutschland.
Vortragstätigkeit,
Forschungen
und
Veröffentlichungen
auf
den
Gebieten
Geistesgeschichte, Psychologie und
therapeutische Menschenkunde. Im
Verlag Freies Geistesleben liegen
vor: Johannes Scotus Eriugena.
Denken im Gespräch mit dem
Engel; Selbsterkenntnis der Seele.
Zur Anthropologie des Thomas von
Aquin;
Alanus
ab
Insulis;
Selbsterkenntnis – Selbstentwicklung. Zur psychotherapeutischen
Dimension der Anthroposophie;
Christus und das Schicksal des
Menschen.
Im
Herbst
2003
erscheint: Die Erwartung der Engel.
Der Mensch als neue Hierarchie. Adresse: DELOS-Forschungsstelle,
Dr. Dr. Wolf-Ulrich Klünker,
Stubenrauchstr.
77,
15732
Eichwalde.