Leuven 2

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Leuven 2
Erasmussemester an der Katholieke Universiteit Leuven, Belgien,
WS 2011/2012
1. Vorbereitung
Die Vorbereitungen auf mein Auslandssemester in Belgien verliefen, dank der großartigen
Unterstützung seitens der Erasmuskoordinatorin unserer Fakultät (Frau Rademacher) vollkommen
unproblematisch. Über Gastland, Gastuni und vieles weiteres wird man bei Ihr bereits frühzeitig
informiert und bekommt noch zu jeder in Frage stehenden Stadt eine nette Empfehlung hinzu.
Natürlich erspart einem diese Info nicht die Eigenrecherche, welche man so früh wie möglich
beginnen sollte um sich auch einigermaßen klar zu werden auf was man sich da überhaupt einlässt.
Erfahrungsberichte wie dieser sind dabei (hoffentlich wenigstens ein bisschen!) hilfreich. Da die
Vorlesungen für internationale Studenten an der rechtswissenschaftlichen Fakultät in englischer
Sprache gehalten werden und da das holländisch (wenn auch flämischer Dialekt) sowieso eher einem
Deutschen Urdialekt gleicht welchen man in wenigen Kurseinheiten zumindest verstehen kann braucht
man sich bezüglich der Sprachvorbereitung weniger Gedanken zu machen. Ausnahme bilden hierbei
diejenigen, zu denen sich auch der Autor des Textes zählt, die sich schon seit längerer Zeit nicht mehr
allzu intensiv mit englisch befasst haben. Es muss bei Ankunft in Belgien gewiss kein Oxfordenglish
sein, eine solide Basis im Rechtsenglisch ist jedoch unverzichtbar. Nicht zu vergessen ist eine
Auslandskrankenversicherung für den Fall der Fälle. Man sollte, um sich adäquat vorzubereiten
zumindest einmal für wenige Tage Leuven einen Besuch abstatten, das dient der Orientierung und eine
Wohnung kann man nebenbei auch noch suchen. Alles Weitere ergibt sich im täglichen Leben, man
sollte ruhig auch mit der nötigen Portion Abenteuerlust einfach mal ins kalte Wasser springen schlussendlich ist man in Belgien und nicht am Ende der Welt…☺
2. Unterkunft
Wenn gleich die Vorbereitung nicht allzu große Mühe bereitet, die Suche nach einer Unterkunft
benötigt etwas mehr Anstrengung. Hat man sich frühzeitig entschieden und eine Zulassung der KU
Leuven erhalten, so ist es sehr zu empfehlen auf der homepage der KU Leuven den housing service zu
kontaktieren und sich dort auch für einen Wohnheimplatz zu bewerben (Achtung: Frist endet äußerst
früh!). Mitte Juli wird dann auch eine Liste herausgegeben auf der belgische Studenten, welche selber
für ein Semester ins Ausland gehen, ihre Appartements zur Zwischenmiete anbieten. Auch hier gilt:
Früh dran sein und rasch entscheiden. Wie bereits erwähnt, sollte man dann seiner zukünftigen
Universitätsstadt auf jeden Fall einen Vorbesuch zur Zimmersuche abstatten. Hierbei bietet es sich an
mit dem ICE zu fahren (3 mal täglich via Frankfurt und Lüttich, Reisedauer 4,5 Std.).wenn auch etwas
teurer so ist dies doch die schnellste und bequemste Möglichkeit nach Leuven zu gelangen. Gut
wohnen lässt sich in der Jugendherberge D`blauwput (nahe dem Bahnhof) oder noch zentraler im
neuen Leuven city hostel. Der Housing Service (Van Dalecollege, Naamsestraat 80), der bei der
Wohnungssuche weiterhelfen kann sollte die erste Anlaufstation nach dem Einchecken in der
Herberge sein. Persönlich stellte der Besuch beim housing-service für mich einen Glücksgriff dar,
denn nach einer kurzfristigen und unerwarteten Absage für ein sicher geglaubtes Appartment stand ich
mit leeren Händen da, erhielt aber dort, nach gutem Zureden, glücklicherweise die Adresse eines noch
freien Wohnheimzimmers, welches sich als nahezu perfekt herausstellen sollte. Natürlich ist dieses
Glück nicht jedermann beschieden und man sollte ca. 4 Tage zur Suche einplanen. Eines kann man
jedoch zweifelsohne sagen: Gefunden hat noch jeder was! In jedem zweiten Haus hing ein Schild mit
dem Angebot einer Zimmervermietung aus. Man muss also nur die Augen etwas aufmachen. Für den
Zeitpunkt der Wohnungssuche sollte man sich aber dennoch nicht später als Anfang/Mitte August auf
den Weg machen, so kann man noch gut Stress und Hektik umgehen und es bietet sich noch eine
größere Auswahl. Meine Unterkunft mit dem Namen „Copal“ ist ein ehemaliges Kloster. Dort mietete
ich mich in einem für zwei Personen konzipierten (ob das wirklich möglich ist sei dahin gestellt)
Zimmer zu 400 €/Monat ein. Gewiss war das kein Schnäppchen aber für günstige Mieten ist Leuven
ohnehin nicht bekannt. Im Gegenzug fand ich dort viele internationale Freunde (Gemeinschaftsküche
und Wohnheimbar sei Dank!) und ein wirklich empfehlenswertes Zuhause. Zu guter letzt sei darauf
verwiesen, dass man sich doch danach orientieren sollte einigermaßen zentral ein zu quartieren.
Einfach daran orientieren, dass der Ring (die Straße die Leuven wie ein Ring umschließt) am besten
nicht nach außen überschritten wird. So kann man sicher sein, dass man zur Uni aber auch zum
abendlichen Amüsement nie zu lange Wege in Kauf nehmen muss.
3. Studium an der Gasthochschule
Die KU Leuven, liebevoll auch das „Oxford Belgiens“ genannt, hat einen hervorragenden Ruf und
macht diesem Ruf auch alle Ehre. Dozenten sind nicht selten hochrangige EU-Bürokraten, EuGHRichter oder brillante Anwälte international tätiger Wirtschaftskanzleien. Der Schatz an
Praxiserfahrung dieser Dozenten zeichnete die Veranstaltungen wirklich aus. Auf der anderen Seite
lässt sich nicht leugnen, dass die Veranstaltungen der KU Leuven gewiss um einiges anspruchsvoller
sind als die anderer Universitäten und auch ein „Erasmusbonus“ bezüglich Korrekturverhalten und
Klausurschwierigkeit, nicht gewährt wird. Die Koordinatorin vor Ort kümmert sich akribisch um die
Erasmusstudenten, sie informiert regelmäßig via Rundmail und ist bei Fragen immer ansprechbar und
hilfsbereit. Sicher, zur Anerkennung des Auslandssemesters sind wir Deutschen Jurastudenten in einer
begnadeten Situation: Müssen wir doch, anders als nahezu alle anderen europäischen Freunde welche
teilweise 7 Klausuren zum Erwerb von ECTS Punkten schreiben mussten, nur eine Klausur bestehen.
Den Stundenplan, den sog. ISP, muss man wenige Wochen nach Vorlesungsbeginn online bestätigen,
eine Pflichtprozedur wie bei uns das Rückmelden. Bei der Erstellung habe ich mich rein von meinem
Interesse leiten lassen und bin dann zum Probehören in die Vorlesungen gegangen. Regelmäßig
besucht habe ich 5 Veranstaltungen sowie den Niederländischkurs, welcher sehr witzig war und zum
Kennen lernen internationaler Bekanntschaften hervorragend geeignet ist. Die Vorlesungszeit beginnt
Ende September und endet unmittelbar vor Weihnachten. Anschließend folgt die Vorbereitungszeit für
die Klausuren, welche Mitte Januar bis Anfang Februar geschrieben werden. Die Klausuren selbst sind
wie bereits erwähnt anspruchsvoll aber machbar. Persönlich habe ich mit der Niederländischklausur 4
Klausuren geschrieben und das auch erfolgreich. Man sollte einfach während des Semesters ein
bisschen wiederholen und mitarbeiten, dann klappen die Klausuren gut und für Party und Stella (so
heißt der flüssige Stern über Leuven…!) hat man mehr als genügend Zeit !
4. Alltag und Freizeit
Eines sei an dieser Stelle vorweg genommen: Langeweile gab es für mich in Leuven so gut wie nie!
Leuven hat 95.000 Einwohner, davon 45.000 Studenten (!!!) was bedeutet, dass zumindest unter der
Woche (die Belgier fahren ausnahmslos nach Hause am Wochenende- das Land ist ja nicht gerade
riesig) während der Vorlesungszeit die Bars, Kneipen und Clubs rund um dem „Oude Markt“ einem
Tollhaus gleichen, dessen „Charme“ man sich kaum entziehen kann. Viele Partys und Feiern werden
von den Fakultäten organisiert. Diese haben einen viel intensiveren Zusammenhalt als das bei uns der
Fall ist, die Zugehörigkeit zu „seiner“ Fakultät wird noch hochgehalten und besitzt annähernd
Verbindungscharakter, was sehr positiv zu bewerten ist. Jede Fakultät hat ihre eigene Bar „fakbar“ mit
äußerst studentischen Preisen und beim Großereignis im Oktober dem 24-Stunden-Lauf treten alle
Fakultäten gegeneinander an. Dabei hat jedes Team seine eigens gestaltete Partytribüne, es treten
Livebands auf und ein gigantischer Event mit über 30.000 Besuchern wird zelebriert. Von diesem
Zusammenhalt könnten sich unsere Fakultätsvertreter, die sich eher auf grasgrünen Wiesen für
Veggiefood in den Mensen einsetzten, eine gewaltige Scheibe abschneiden- aber das nur am Rande.
Über Facebook (das ist „leider“ unverzichtbar und das Suchtpotential steigt rasant) verabredet man
sich, wird zu Veranstaltungen, Partys, Kurzreisen des Fakultätseigenen Erasmusteams oder des so
genannten i-exchange eingeladen und lernt immer mehr Leute kennen. Am Wochenende organisiert
man sich dann in Gruppen und erkundet das so geschichtsträchtige Flandern oder die nahen
Niederlande, fliegt mit den Billigfliegern vom Flughafen Charleroi durch Europa (kein Witz: Rom Hin
und Zurück: 16 €- unglaublich aber wahr) oder treibt Sport im wirklich tollen Sportzentrum der KU
Leuven mit einem fantastischen Angebot für jede nur erdenkliche Sportart und alle Könnensstufen.
Auch mit einem hervorragend ausgestatteten Fitnesscenter kann das Sportzentrum aufwarten- alles
sehr zu empfehlen, denn man muss nach all den köstlichen Bicky-Burgern (belgische
Burgerspezialität), den einmaligen Fritten und dem schmackhaften Bier zusehen, dass man selbige
nicht als Andenken in Form neuer Pfunde mit nach Hause nimmt. Ein Muss in Belgien sind natürlich
die Städte Antwerpen, Gent, Brügge, ein Ausflug an die Küste bei schönem Wetter nach Knokke oder
Oostende, dann Leuven selbst und zu guter letzt natürlich Brüssel. In 20 Minuten per Bahn erreichbar
bietet dieser Schmelztiegel der Völker und Nationen wohl für jeden Geschmack etwas. Brüssel ist
einzigartig, schön und hässlich, prachtvoll und herunter gekommen, steinreich und bettelarm- diese
wirklich krassen und sichtbaren Gegensätze machen diese Stadt, in der Genie und Wahnsinn
aufeinander zu treffen scheinen, aus. Ob es einem gefällt sollte man in mehreren Besuchen selber
herausfinden. Allerdings noch ein Tip für die Entdeckung: Brüssel ist die kriminellste Stadt Europas,
auch ich hatte das vorher nicht glauben wollen aber es ist tatsächlich wahr. Es gibt Viertel, in die man
sich als zivilisierter Mitteleuropäer schlichtweg nicht begeben sollte, was natürlich bei Nacht sowieso
gilt, gilt leider auch bei Tag. Also immer schön vorsichtig und v.a. abends am besten nur in Gruppen
ausgehen. Leuven hingegen ist ein sicheres Städtchen, abgesehen davon dass man sein Fahrrad überall
und immer anketten sollte. Die Kosten für Lebensmittel sind höher als die in Deutschland und auch
die Preise der Speisen in den Leuvener Mensen von denen es 3 Stück gibt sind höher als die der
Mensa in Würzburg. Allerdings darf man sich von einer Beilage soviel nachholen wie man möchte:
Fritten! Pommes sind ein Kulturgut Belgiens, wie Schokolade und das hochprozentige Trappisten Bier
(bis zu 15 % Alk.), die am besten direkt im Straßenverkauf bei einer „Frituur“ geholt werden. Man
gewöhnt sich schnell an den Luxus mal bei der „Frituur“ seines Vertrauens vorbeizuschauen und nach
wenigen malen gleich erkannt und als neuer Stammgast freundlich begrüßt zu werden. Ein Sprichwort
sagt, dass die Fritten den Belgiern die Inhaltsstoffe bieten, die ihnen mangels Sonnenlicht (10/12
Monaten Regen, 2 Monate Winter) fehlen…☺ ..ja, Fritten sind gesund und schmecken hervorragendeine nahezu perfekte Medizin also!
5. Fazit
Als Fazit kann ich nur sagen, dass ich sofort wieder nach Leuven gehen würde. Es war eine
unvergessliche Zeit und ich habe wirklich tolle Freunde kennen lernen dürfen von Irland bis Sizilien
und von Portugal bis Polen. So konnte ich im Herzen und am Pulsschlag Europas ein Europa kennen
lernen wie es eben auch sein kann und meines Erachtens sein sollte, ein freundschaftliches, herzliches
und gemeinschaftliches Europa fernab jedweder EU-Technokraten, Bürokraten, unsinniger Richtlinien
und weltfremder Kommissionen, welche, obgleich so nahe, ganz schnell vergessen sind. Jedem, der
nur mit dem Gedanken spielt mal Auslandsluft schnuppern zu wollen kann ich nur einen geistigen
Tritt in den Allerwertesten geben: Unbedingt machen!!! Das Hamsterrad beginnt noch früh genug sich
zu drehen und spätestens dann stellt man sich die Frage warum man es versäumt hat eine solch
einmalige Chance wahr zu nehmen.
Ich hoffe mit diesem Erfahrungsbericht den Leser etwas für Leuven bzw. Belgien begeistern zu
können und stehe für Nachfragen und weitere Tipps natürlich gerne zur Verfügung.