Aus Alt mach Neu

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Aus Alt mach Neu
Musik &Bildung
Praxis Musikunterricht
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Erschienen im Heft Musik & Bildung spezial "Wert der Kreativität"
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Musik & Bildung spezial
Ausmach
Alt Neu
Kompositionsprinzipien im HipHop
HB 4-7
In diesem Kapitel …
• Breakbeats und History
• Scratching
• Produktionstechniken
damals und heute
• Rap-Playback selber
machen (mitgelieferte
Software Cubasis
Education)
Im Zentrum der Rapmusik steht
der MC (Master of Ceremony),
der seine Reime zum Begleitrhythmus abfeuert. Dementsprechend gibt es auch nur
zwei Grundelemente, aus denen sich Rapmusik zusammensetzt. Sie werden als „Beats &
Flows“ bezeichnet“, wobei
„Flows“ für die Texte steht und
„Beats“ für die Begleitungen.
Das folgende Kapitel widmet
sich den Möglichkeiten und
Techniken bei der Erstellung
von Beats und Flows.
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Wert der Kreativität
A
nders als bei den meisten Musikrichtungen gehört es bei der Rapmusik
zu den grundlegenden Prinzipien, Fragmente
aus bereits existierenden Stücken als Basis
für ein neues Stück zu verwenden. Aus Samples und Breakbeats entstehen Loops, die als
Schleife fortwährend wiederholt werden. Verschiedene Versatzstücke werden collagiert,
neu zusammengesetzt und mit eigenen Arrangements kombiniert (Achtung: Urheberrechtsschutz!). Je nach künstlerischem Potenzial der Produzenten reicht die Spannbreite
dieses Verfahrens vom simplen Ideenklau
bis zur artifiziellen Collage, die dem Vergleich
mit Techniken der elektronischen Avantgarde
standhält.
Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten,
einen guten „Beat“ zu produzieren. Welche
davon zur Anwendung kommt, hängt vom
Einfallsreichtum, dem Geldbeutel und den
technischen Gegebenheiten ab.
Hier eine Auswahl der verschiedenen Techniken, derer sich Rapmusiker bei ihren Beats
bedient haben und es immer noch tun – alles
zum Ausprobieren und Nachmachen.
BREAKBEATS VON SCHALLPLATTEN
Die ersten, die den Rap als Kunstform populär
machten, waren Anfang der 80er Jahre Cool
Herc (Clive Campbell), Grandmaster Flash
(bürgerlich: Joseph Saddler) und Africa Bambaataa (Afrika Bambaataa Aasim). Alle drei
waren Discjockeys und benutzten den Schallplattenspieler wie ein Musikinstrument, auf
dem sie Begleitungen für ihre Ansagen produzieren konnten.
Cool Herc war einer der Ersten, der diese
Technik nach New York brachte. Mit seinem
Mixer schaffte er es, Stücke nahtlos ineinander übergehen zu lassen. Er besaß eine große
Sammlung ausgefallener Platten, die niemand kannte, und benutzte von ihnen ausgesuchte Passagen, in denen nur Rhythmus
zu hören war – so genannte Breakbeats.
Durch Mischen, Überblenden und Filtern konstruierte er daraus ganz neue Stücke. Als später einige seiner Breakbeats wie z. B. „Bongo
Rock“ von der Incredible Bongo Band oder
„Pick Up The Pieces“ von der Average White
Band bekannt wurden, waren diese Platten
Praxis
Scratching
Grandmaster Flash, der zweite Urvater
der Rapmusik, war gelernter Elektriker und
nutzte seine Kenntnisse zum Verbessern des
Equipments. Er baute Schalter zur VorhörKontrolle in sein Mischpult ein. Damit konnte
er, während ein Song über die Anlage lief,
den zweiten Plattenteller im Kopfhörer vorhören, z. B. um den Tonarm an die gewünschte Stelle zu bringen und den Song dann verzögerungsfrei dort zu starten. Das tat er per
Hand, weil das schneller ging als mit dem
langsam anlaufenden Motor. Das dabei entstehende Kratzgeräusch setzte er als zusätzlichen Effekt ein, indem er die Platte gleich
mehrmals vor- und zurückdrehte. Auf diese
Weise erfand er das Scratchen. Im Gegensatz
zu Cool Herc, der sich ohne seinen Partner
Coke La Rock eher introvertiert gab, war
Kurzer Backscratch
Laufrichtung
Langer Backscratch
Nico Phillip, ein 17-jähriger DJ in Berlin, arbeitet gewöhnlich mit zwei
Plattentellern, auf denen dieselbe Platte gleichzeitig abgespielt wird.
Während auf dem linken Teller
die Musik durchgehend läuft,
dient der rechte für das Platzieren von Scratch-Effekten –
immer passend zum gerade
laufenden Songteil. Wenn Nico
bei Privatparties auflegt, bei
denen kein vollständiges Turntable-Setup vorhanden ist,
lässt er auch schon mal eine
CD über die Hifi-Anlage des
Gastgebers ablaufen und benutzt seinen mitgebrachten
Plattenspieler für die Scratches.
Fotos: Friedrich Neumann
monatelang ausverkauft. Cool Herc wäre
sicherlich niemals so berühmt geworden,
wenn er nicht seinen Partner Coke La Rock
dabeigehabt hätte. Er war der Erste, der in
dieser Kombination als MC (Master of Ceremony) auftrat und zu den Breakbeats von
Herc das Publikum anfeuerte. Von ihm stammen Spruch-Klassiker wie: „Ya rock and ya
don’t stop“ oder „To the best y’all“. Der Text
des ersten Rap-Hits der Welt, „Rappers Delight“, war nichts anderes als eine Sammlung
solcher Sprüche, eingeflochten in PartyGeschwätz und Aufschneiderei.
Die erste Scratch-Bewegung ist immer gegen die Laufrichtung („Backscratch“) gerichtet. Gescratched wird möglichst weit entfernt vom Tonarm, damit die Laufruhe nicht beeinträchtigt wird und der Tonarm nicht
springt. Die übliche Gummi-Oberfläche des Plattentellers ist zum Scratchen ungeeignet, denn auf ihr bleibt die Platte haften und lässt sich
nicht drehen. Früher legte man ein zurechtgeschnittenes Stück Papier
unter die Platte, heute gibt es spezielle „Slipmattes“ zu kaufen, die
optimales Gleiten ermöglichen.
Laufrichtung
Foto: Friedrich Neumann
Die Grundbewegung beim Scratchen ist der „Backscratch“. Dabei
reißt der Finger die Platte während des Laufens ein kleines Stück
nach hinten, je nach Belieben und Rhythmus mal kurz, mal lang
oder auch in vielen kurzen Abfolgen.
Wert der Kreativität
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Musik & Bildung spezial
Breakbeats und Scratching
Der Song „When The Levee Breaks“ von der Gruppe Led Zeppelin beginnt ganz allein mit dem Schlagzeug. Erst im zweiten Takt setzt der
Gesang ein. Durch geschicktes Zurückdrehen der Schallplatte im richtigen Moment kann man wieder zum Anfang des Stücks kommen und so
den kurzen Breakbeat verlängern.
An welcher Stelle muss die
Platte zurückgedreht werden, damit das Schlagzeug wieder von vorn beginnt? Hört
die Stelle mehrmals und dreht mit der Hand einen imaginären Plattenteller.
HB 8 When The Levee Breaks
In „Rhymin’ And Stealin’“
von den Beastie Boys ist
genau dieser Breakbeat zu hören und er wird auch an der
entsprechenden Stelle zum Anfang zurückgedreht. Darüber hinaus erzeugen die Beastie Boys durch rhythmisches
Hin- und Herdrehen des Plattentellers zusätzliche Beats –
das Scratchen. Achtet danach auf das Gitarrenriff.
HB 9 Rhymin’ And Stealin’
Kunstvolles Scratchen ist schwierig und bedarf viel Übung. Ausprobieren kann es jeder, der einen Plattenspieler besitzt. Wenn man dabei
nicht zu grob vorgeht, kann nichts kaputtgehen. Nur das Springen des
Tonarms schädigt die Mechanik, aber das sollte schon aus klanglichen
Gründen vermieden werden.
Die Hersteller haben sich mittlerweile auf die Bedürfnisse der DJs eingestellt und offerieren extrem robuste, anlaufstarke Laufwerke mit
Start/Stop-Schalter, im Kopf versenkter Nadel (damit sie sich beim
Scratchen nicht verzieht) und Slipmattes für gutes Rutschen. Plattenfirmen offerieren in kleiner Auflage so genannte DJ-Editions, in denen
sie CDs ihrer Künstler auf LP herausgeben. Star-DJs können sich sogar
„Dubplates“ leisten. Das sind individuell gefertigte Einzelexemplare,
bei denen ein Künstler seinen Titel speziell für diesen DJ auf LP
schneidet.
Links: DJ-Edition einer RapAufnahme, zu erkennen am
runden Button unten links.
Bild unten: Katalog
mit Slipmattes
Flash ein Show-Talent, der seine Kunststücke
mit dem Plattenteller vor einem staunenden
Publikum zelebrierte. Auch er kam meistens
nicht allein, sondern in Begleitung von Freunden, die als MCs das Publikum anheizten.
Später traten sie als Band unter dem Namen
„Grandmaster Flash And The Furios Five“ auf.
Sie gehörten zu den Ersten, die Reime benutzten und sich Worte, Sätze und Fragmente
wie Spielbälle zuwarfen. Von ihnen stammen
die populärsten Rap-Hits der ersten Stunde,
wie z. B. „Hey Teacher“ oder „The Message“.
Auch bei „Rappers Delight“ wirkten sie mit.
Afrika Bambaataa fiel durch seinen
Hang zur Avantgarde auf. Er verarbeitete in
seinen Cuts Breakbeats von Kraftwerk (z. B.
„Trans Europa Express“) oder „Dance To The
Drummers Beat“ von Herman Kelly. Darüber
hinaus engagierte er sich stark politisch. Mit
verschiedenen Breakdancern, DJs, Writern
und Homeboys (= Gang-Mitglieder)
gründete er die Zulu Nation,
eine Organisation, die ihren
Angehörigen ein ähnliches
Zuhause wie die Gang anbot, aber ohne Kriminalität. Ihr schlossen
sich zahlreiche
berühmte
Musiker an.
1995 verfügte
Zulu Nazion
über rund
60 000
Mitglieder.
Afrika Bambaataa, Vater des politischen Rap
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Fotos: Nelson George
Hört den Ausschnitt aus
„Sweat Leaf“ (Black Sabbath) und achtet auf die Gitarre. Dieses Riff haben die
Beastie Boys als Breakbeat herausgezogen und mit dem
Schlagzeug von „When The Levee Breaks“ kombiniert. Sie
haben also ihrem Songtitel „Rhymin’ And Stealin’“ entsprechend nicht nur gereimt, sondern auch geklaut.
HB 10 Sweat Leaf
Grandmaster Flash 1979, Vater des Old-School-Rap
und Meister der Turntables
Praxis
DER BEAT AUS DER RHYTHM-BOX
HB 11-13
Seit der Erfindung der programmierbaren
– besonders der digitalen – Rhythmusmaschinen gehörten die Drummachines zum
Rap. Nichts ist bei der Begleitung des Rap
wichtiger als ein solider Beat. „Wenn der Beat dich nicht anzeckt, dann rap nicht!“ (aus
einer Aufforderung zum Freestyle-Jam des
Internet-Magazins rap.de). Der Sound der
Rhythmusmaschine gehört zu den wichtigsten Wiedererkennungsmerkmalen eines RapKünstlers.
Human Beat Box
Die Technik besteht darin, bestimmte Silben (z. B. „Bff – tschah“),
rhythmische Wörter (z. B. „Dumm – bist du dumm“), Zungenschnalzen
oder Spuck-Laute so ins Mikrofon zu bringen, dass es aus dem Lautsprecher wie eine Drum-Machine klingt. Die Ergebnisse hören sich oft
verblüffend an.
Dincer Citak (16) aus Berlin zeigt, wie er es macht
(siehe CD-ROM Videosequenz).
Die erste programmierbare Rhythmusmaschine erschien 1981. Es war die Roland TR
808. Ihre Klangerzeugung war analog, d. h. sie besaß keine Naturklänge, sondern
synthetisch erzeugte. Ihr Klang
– besonders die „fette“ Bassdrum – hatte es
vielen Rappern angetan. Die TR 808 ist deshalb auch heute noch ein teures und begehrtes Sammlerstück und in vielen Rap-Studios
zu finden.
Für einen Bassdrumähnlichen Klang werden die Lippen nach
vorn gestülpt und stoßen ein stimmloses
„p“ (wie beim Anblasen einer Flasche)
oder „bff“ aus.
Die zweite
wichtige Rhythmusmaschine
war die 1982 erschienene LinnDrum. Sie verfügte über digital gesampelte Natursounds und
war zu dieser
Zeit einzigartig (Preis damals: 12 000
Mark). Fast jede Rap-Platte der 80er Jahre
verwendet entweder eine TR 808 oder die
LinnDrum. Auf der Begleit-CD befinden sich
ein paar Rhythmus-Loops von TR 808 und
LinnDrum zum Anhören und rappen. In der
Folgezeit gab es eine Reihe weiterer Maschinen, die ebenfalls Kultstatus im Rap erlangten, z. B. Oberheim DMX (wurde u. a. von
Run DMC verwendet), Emu SP 12 (wurde u. a.
von Public Enemy eingesetzt).
Rhythmus-Maschine der armen Leute, die
sich keine teuren Geräte leisten konnten. Der
Beat wird hier einfach mit dem Mund gemacht. Über Mikrofon verstärkt lassen sich
damit eindrucksvolle Klänge erzeugen (siehe
Kasten). Mittlerweile zählt Beat-Boxing als
Kunstform, die nur wenige gut beherrschen.
Fotos: Bettina Ohligschläger
Human Beat Box war ursprünglich die
Einen Snaredrum-ähnlichen Klang macht
er mit breitem Mund
und einer Art Zungenschnalzen – weit hinten im Gaumen (mit
viel Spucke).
Den Platz zwischen
den Beats von „Bassdrum“ und „Snare“
füllt Dincer mit mehreren stimmlos gesprochenen „d-t“-Silben –
eine Art Hihat-Imitat.
Wert der Kreativität
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Musik & Bildung spezial
Ein eigenes Rap-Playback mit Cubasis Education
Als Grundlage und Übung zur Erstellung eines eigenen Songs befinden sich auf der CD-ROM
im Ordner „Eigener Rapsong“ die folgenden vorbereiteten Dateien:
• 01_Song_Vorlage (enthält den Vorrat an Sample-Sounds zur Weiterbearbeitung)
• 02_Mustersong (enthält einen Song, der aus den vorbereiteten Samples erstellt wurde)
• Diverse Sample-Sounds (Drum1, Drum2, Bongo, Bass, Piano, Synth)
HB 14
Hört euch den Mustersong an und betrachtet den Ablauf.
So ähnlich (oder auch ganz anders) könnte euer eigener Song aussehen.
Audiodateien
(können kopiert, verschoben und geschnitten werden)
Der „Mustersong“ als Beispiel
Stereo-Audiospur
für Drums 1
Transportfenster für
Play, Stop, Record,
Vor- und Rücklauf
Stereo-Audiospur
für Drums 2
Mono-Audiospuren für
Bongos, Bass,
Piano, Synth
4 Takte Intro mit
Break in Takt 4
8 Takte Vers 1 mit
Break in Takt 8
Der „Vorlagen-Song“
als Basis für den eigenen Song
Wenn der Vorlagen-Song geöffnet wird, muss er sofort unter
einem anderen Namen gespeichert werden („Datei“ – „Sichern
unter“ – z. B.: „Mein Rapsong“).
In jeder Audiospur liegt ein kurzer Instrumentalsound. Insgesamt sind es acht Schnipsel, die meisten sind einen Takt lang,
nur Piano und Synth sind zweitaktig.
• Drums 1 (stereo, benötigt zwei Audiospuren)
• Drums 2 (stereo, benötigt zwei Audiospuren)
• Bongos (mono bzw. einspurig)
• BassGrv (Bass-Groove, z. B. für einen Vers, mono)
• BassBrk (Bass-Break, mono)
• PianoGrv (Piano-Groove, z. B. für Vers, zweitaktig, mono)
• PianoBrk (Piano-Break, mono)
• Synth (Synthesizer-Effekt-Sound, zweitaktig, mono)
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Wert der Kreativität
8 Takte Vers 2 mit
Break in Takt 8
2 Takte Schluss-Break
Praxis
Fotos: Friedrich Neumann
Sampling
Ein eigenes Playback entsteht
VORAUSSETZUNGEN FÜR DEN UNTERRICHT
Es ist zwar durchaus denkbar, die Produktionstechnik mit modernen AudioSequencern rein frontal per Tageslichtprojektor oder Beamer zu demonstrieren, ein tieferes Verständnis erschließt sich aber erst in der eigenen Arbeit.
Dafür sollte ein Computerraum zur Verfügung stehen, bei dem jeweils zwei
SchülerInnen an einem Rechner arbeiten können.
Die Anforderungen an die Technik sind gering. Die benötigten Rechner müssen weder neu noch besonders leistungsstark sein. Es reichen Windows-PCs
ab Pentium III mit mindestens 64 (besser 128) MB RAM, wenigstens 500 MB
freiem Festplattenspeicherplatz und einer handelsüblichen Soundkarte mit
Duplex-Modus. Wenn noch kein schuleigener Computerraum bereitsteht,
lassen sich solche Rechnermodelle von Unternehmen besorgen, die häufig
froh sind, wenn sie ihren „Computerschrott“ auf diese Weise kostenlos entsorgen können.
Zum Abhören werden zwei Kopfhörer pro Arbeitsplatz benötigt (Anschluss
mit Verteiler-Stecker an die Soundkarte). Zusätzlich muss noch ein AktivLautsprecher bereitgestellt werden, damit die Arbeitsergebnisse im Plenum
gehört werden können. Ideal ist eine Ausstattung mit Aktiv-Monitor an
jedem Rechner, damit man nicht bei jedem Abhören eine Box von Rechner
zu Rechner tragen muss.
METHODISCHES VORGEHEN
Wenn noch nicht an anderer Stelle (z. B. IT-Grundkurs) geschehen, müssen
alle im Plenum in die grundsätzliche Bedienung des Computers eingewiesen
werden, d. h. Ordnerstrukturen, Menü-Steuerung, Laden und Speichern.
Es ist empfehlenswert, vor Beginn der Computerarbeit Regularien aufzustellen, die von allen beachtet werden, wie z. B. ein bestimmtes Ruhezeichen
des Lehrers, wenn die Eigenarbeit für Erklärungen oder Plenumsphasen unterbrochen werden soll.
Als Impuls kann mit der Vorführung des „Mustersongs“ begonnen werden.
Die SchülerInnen bekommen einen Eindruck vom klanglichen Ergebnis und
prägen sich dabei die Programmoberfläche visuell ein.
Der Entwicklung der Sampling-Technologie
Mitte der 80er Jahre revolutionierte den HipHop, denn damit wurde es sehr einfach, aus
kurzen Breakbeats ganze Stücke zu machen.
Man brauchte nur noch die gewünschte Passage einer Platte auszusuchen, den RecordButton des Samplers zu aktivieren und das
aufgenommene Fragment am Anfang und
Ende zu beschneiden. Dieser ein- bis viertaktige Breakbeat konnte als Schleife geschaltet
werden und spielte dann in unablässiger Wiederholung so lange wie gewünscht – notfalls
bis zum Stromausfall. Komplizierte und kunstvolle Aktionen mit mehreren Plattenspielern
wurden zur Playback-Erzeugung überflüssig.
Durch Sampling wurde der Breakbeat zum
Loop. Hatte man bei der Drummachine einmal
das richtige Tempo des Loops gefunden,
konnten Sampler und Schlagzeug-Maschine
gekoppelt werden. Der fremde Ausschnitt
wurde dadurch mit eigenen Rhythmen und
Sounds überlagert und bekam so eine individuelle Prägung.
Ein preiswerter „Phrase-Sampler“: Einfach
eine Klangquelle (Mikrofon oder CD-Spieler)
anschließen, auf „record“ drücken und dann
über eine beliebige Drucktaste abspielen.
Durch geschicktes Abspielen mehrerer Samples
lassen sich einfache Playbacks herstellen.
Ende der 80er Jahre übernahmen die Musikcomputer wie z. B. Atari oder Macintosh die
Synchronisation. Auf diese Weise ließen sich
mehrere Synthesizer, Drumcomputer und
Sampler miteinander verkoppeln. Die eigenen
Playbacks wurden immer dichter und professioneller. Eine Band zur Playback-Einspielung
wie früher noch bei „Rappers Delight“, war
jetzt nicht mehr nötig.
Wert der Kreativität
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Musik & Bildung spezial
Audio Sequencer
Zur Zeit ist das am meisten verbreitete Produktionsmittel der AudioSequencer. Eine solche Software ermöglicht die komplette Musikproduktion inklusive Sampling, Synthesizer-Sounds, Vokal- und InstrumentalRecording innerhalb eines handelsüblichen PCs. Marktführer sind im professionellen Bereich die Anbieter der Programme Logic (Emagic) und Cubase
(Steinberg). Im Amateur-Sektor weit verbreitet ist das Programm MusicMaker (Magix). Daneben gibt es noch zahlreiche weitere Programme und
Hersteller, die hier zu nennen aber zu weit führen würde.
Im CD-ROM-Teil der Begleit-CD enthalten ist die Sequencer-Software
„Cubasis VST Education“. Damit soll in einem kleinen Produktionslehrgang
ein Rap-Playback erstellt werden (siehe Kasten).
Die Arbeitsweise ist durchaus der auf professioneller Ebene vergleichbar und die ProgrammStruktur ist bei den meisten anderen Programmen ähnlich.
„Logic Audio“ von der
Firma Emagic ist das
meist verbreitete Sequencer-Programm. Neben der
professionellen Ausführung „Platinum“ gibt es
die Freeware „LogicFun“
und eine Low-Budget-Version „Logic Education“.
Weit verbreitet ist auch
„Cubase“ von Steinberg. Damit arbeitet u. a.
Filmkomponist Hans
Zimmer. Es ist in verschiedenen Ausführungen erhältlich. Die Freeware „Cubasis Education“ befindet sich im
ROM-Teil der CD zu
diesem Heft.
„MusicMaker“ heißt die
preiswerte und leicht
zu bedienende Software
der Firma Magix. Im
Unterschied zu „Logic“
und „Cubase“ ist es
ein reproduktioves Programm, bei dem vorgefertigtes SampleMaterial neu zusammengestellt wird. Es gibt
keine Midi-Option für
eigene Einspielungen.
30
Wert der Kreativität
Nun werden grundsätzliche Begriffe des Audio-Sequencers erläutert: Audio-Spuren (stereo und mono), Soundfiles (oder Samples
oder „Musikschnipsel“) und Taktleiste.
Vorbereitungen
Anhand des „Vorlagen-Songs“ wird trainiert,
Samples so zu verschieben, dass sie exakt an
der „1“ eines Takts beginnen. Ebenso wird das
Kopieren von Musikschnipseln durch
„kopieren/einfügen“ bzw. Mausziehen bei gedrückter „Strg-Taste“ geübt. Beim Verlassen
des „Vorlagen-Songs“ ist darauf zu achten,
dass Änderungen nicht gespeichert werden.
Wenn jetzt der „Mustersong“ geöffnet wird,
sollte er sofort unter einem anderen Namen
gespeichert werden. Ein bewährtes Prinzip ist
es, die Namen der jeweils beteiligten SchülerInnen im Dateinamen zu verwenden, z. B.
„MoritzArdilRap“. Das Stück lässt sich so
später leicht auffinden und seinen Urhebern
zuordnen.
Technische Formalien
Einige technische Prinzipien des AudioSequencers sind in jedem Fall erklärungsbedürftig:
• Takt- und Zeitleiste
Am oberen Rand des Programmfensters befindet sich die Takt- bzw. Zeitleiste. Die Zahlen
darin geben den Takt an. Je nach Vergrößerung des Fensters kann ein Strich den Takt
markieren oder die einzelnen Schläge eines
Taktes. Die Lage der Audio-Schnipsel muss
immer mit der Taktleiste abgestimmt werden,
damit ein Sample nicht plötzlich im Off-Beat
startet. Bei der Einweisung der SchülerInnen
sollte beachtet werden, dass die grundsätzliche Laufrichtung von links nach rechts den
meisten nicht von vornherein klar ist.
• Spuren
Es gibt Mono- und Stereo-Spuren. Das Programm erkennt sie selbstständig. Allerdings
werden für Stereo-Samples zwei Audio-Spuren verbraucht, also z. B. Spur 1 + 2 oder Spur
3 + 4. Beim Mustersong liegen die Drum-Samples in Stereo vor, alle anderen – auch die
Bongos – sind mono. Zwei Drum-Spuren
benötigen also vier Audio-Spuren! Die Schnipsel werden in die jeweils obere Spur eines
Spurpärchens gelegt (z. B. Spur 1), die darunterliegende (z. B. Spur 2) muss frei bleiben.
Damit die Übersicht nicht verloren geht, ist
darauf zu achten, dass Samples eines Instruments immer in derselben Spur bleiben. Da
Anfängern das Spur-Prinzip oft nicht ganz einleuchtet, werden Drum, Bass, Keyboard-Spuren u. a. gern durcheinandergemixt. Dadurch
geht nicht nur der Überblick verloren, sondern
Praxis
auch die Möglichkeit, ein Instrument in Lautstärke und Stereo-Panorama zu regeln.
Ein Song entsteht
Das Kopieren und Verschieben der AudioSchnipsel geht relativ schnell. Die eigentliche
Arbeit besteht jetzt darin, aus den einzelnen
Fragmenten eine sinnvolle Struktur zu bilden.
Dazu muss als erstes das Form-Prinzip erläutert werden. Unerlässliche Formteile sind:
Intro, Vers, Refrain. Zusätzlich können noch
Zwischenspiel und Schluss (oder Coda) hinzukommen. Damit das Playback hinterher mit
dem Rap-Text bzw. den Vocals harmoniert,
sollte auf eine symmetrische Struktur geachtet werden, d. h. die Songteile sind vier- oder
achttaktig. Ein Standard-Ablauf wäre z. B.
vier Takte Intro mit Break im vierten Takt,
acht Takte Vers mit Break im letzten Takt,
dann vier Takte Refrain. Das Ganze wird wiederholt. Der jeweils im letzten Takt eines
Formteils eingesetzte Break dient gleichzeitig
als Schluss.
Natürlich kann der Song später immer noch
umgebaut werden, aber nun existiert bereits
eine erste Vorlage.
Das Playback auf CD
Für die nachfolgende Vokal-Arbeit muss das
Playback auf einem Tonträger vorliegen. Eine
Möglichkeit besteht darin, einen Kassettenrekorder an den Ausgang der Audio-Karte anzuschließen und dann auf Kassette aufzuzeichnen. In diesem Fall ist es aber leichter
und klangschöner, die Spuren rechnerintern
in Stereo zusammenzumischen. In Cubasis
Education geschieht das im Menü „Datei“,
„Exportieren“. Dort wird „Audiospuren“ angewählt. Es öffnet sich eine Dialogbox, in der
man einen Songnamen eingibt und den Dateityp (z. B. WAV) sowie einen Ablage-Ordner
bestimmt.
Die resultierende Wave-Datei kann mit jedem
Brennprogramm auf einen Rohling als AudioCD gebrannt werden.
Playback und Vocals
Am einfachsten ist zunächst die Live-Aufführung: Zum Playback wird live gerappt/gesungen. Wenn davon eine Aufnahme hergestellt werden soll, kann man den Ausgang
des Mischpults, in dem Mikrofon und CDPlayback zusammenlaufen, an einen Kassettenrekorder anschließen. Qualitativ besser
ist es jedoch, die Vocals wieder im Audio-Sequencer aufzunehmen (siehe nebenstehenden Kasten).
Vokal-Aufnahme
beim Live-Mitschnitt
CD-Player
(Playback)
Kassettenrekorder
(Aufnahme)
Die einfachste Möglichkeit, Sprache
und Gesang zum Playback aufzunehmen, ist der Live-Mitschnitt. Das
Playback wird von CD zugespielt und
im Mischpult mit dem Mikrofon zusammengemischt. Die Summe geht
sowohl zu den Lautsprechern wie
auch zu einem Kassettendeck, auf
dem die Darbietung aufgezeichnet
wird.
Der Vorteil dieser Methode liegt darin, dass bei einer Live-Aufführung
die ganze Klasse involviert ist, während bei einer Studio-Aufnahme
Zuschauer eher stören. Die Nachteile
liegen in der schlechten Klangqualität der Kassette sowie in den fehlenden Eingriffs- und Nachbearbeitungsmöglichkeiten.
Vokal-Aufnahme unter
Studio-Bedingungen
Line Line
in out
Die qualitativ beste Möglichkeit, Sprache und
Gesang zum Playback aufzunehmen, ist die Aufnahme im Studio oder unter studioähnlichen
Bedingungen. Dabei befindet sich das Playback
im Computer als Stereo-File und wird dem Sänger
per Kopfhörer zugespielt. Der Gesang wird über
das Mischpult (oder einen Mikrofon-Vorverstärker) in den Audio-Input des Rechners eingespeist.
Voraussetzung ist eine Soundkarte mit DuplexModus, d. h. die Soundkarte muss in der Lage
sein, gleichzeitig aufnehmen und wiedergeben
zu können. Weil der Line-Out der Audio-Karte zu
schwach ist, um einen Kopfhörer zu betreiben,
muss ein Kopfhörerverstärker oder eine Computer-Aktivbox dazwischengeschaltet werden.
Wert der Kreativität
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