diakoniebrief 10 Beziehungsweise Geld…

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diakoniebrief 10 Beziehungsweise Geld…
diakoniebrief 10
Beziehungsweise Geld…
Rheinland
Westfalen
Lippe
Für ehrenamtlich
Engagierte
www.diakonie-rwl.de
2 Editorial Diakonie und Geld
Diakonie und Geld
Liebe Leserinnen und Leser des Diakoniebriefs,
„Diakonie und Geld“. „Kirche und Geld“. Wie passt das
zusammen? Geht das überhaupt? Vielleicht kommen Ihnen
Jesu Worte „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem schnöden
Mammon“, in den Kopf. Und wie war das noch gleich mit
dem biblischen Zinsverbot?
Sicher können Sie sich vorstellen, dass ich als Kirchenbankier,
der im Spannungsfeld von Kirche und Diakonie wirkt, häufig
Fragen wie diese höre. Ich freue mich, hier an dieser Stelle
Position beziehen zu können und vielleicht sogar Denkanstöße geben zu dürfen. Denn es sind, wie ich finde, wichtige und
berechtigte Fragen, die gerade in der derzeitigen Finanzkrise
– wieder mal – hochaktuell sind.
Bibel und Geld
Was steht in der Bibel zum Thema Geld? Da sind die bekannten Worte Jesu, dass wir nicht Gott und dem Mammon
dienen können. Er sagt aber im gleichen Zusammenhang:
„Macht euch Freunde mit dem gerechten Mammon.“
Altbischof Dr. Wolfgang Huber, ehemaliger Ratsvorsitzender
der EKD, hat uns anlässlich der Eröffnung unserer Bank in
Dortmund mit auf den Weg gegeben, dass die Kirche den
materiellen Bedingungen des Lebens nicht ausweichen könne
und sich deshalb nach dem verantwortlichen Gebrauch mit
den ihr anvertrauten Mitteln fragen müsse. „Dass das Kirchengut dem Armen gehöre, darauf ist seit den Anfängen der
Christenheit ebenso klar geantwortet worden wie darauf
hingewiesen, dass der Arbeiter – auch in der Kirche – seines
Lohnes wert sei. Der ökonomische Umgang mit den der
Kirche anvertrauten Mitteln – unter Einschluss der Aufgabe,
diese Mittel zu mehren – ergibt sich klar und ausschließlich
aus dem Auftrag der Kirche.“
Kirche mitten im Leben
Für mich übersetzt bedeutet dies, die evangelische Kirche
steht mitten im Leben. Wenn sie dort, mitten unter den
Menschen, ihre Mission, ihren Auftrag, erfüllen möchte, muss
sie die gegebenen Rahmenbedingungen annehmen. Dazu
zählt auch der Umgang mit Geld. Dieser soll jedoch verantwortungsvoll erfolgen und sich am Auftrag der Kirche orientieren. Es kommt darauf an, dass nicht das Geld uns beherrscht,
sondern dass wir die dienende Funktion des Geldes wieder
entdecken. Als Kirchenbank haben wir uns dem verantwortungsbewussten Umgang mit Geld verschrieben. Das Zahlen
von Zinsen für Anlagebeträge und das Berechnen von Zinsen
für Darlehen gehören auch dazu.
„Was ist denn nun mit dem biblischen Zinsverbot?“, fragen
Sie sich jetzt vielleicht.
„Wenn du Geld verleihst an einen aus meinem Volke, an einen
Armen neben dir, so sollst du an ihm nicht wie ein Wucherer
handeln, du sollst keinerlei Zinsen von ihm nehmen.“ (2. Buch
Mose) Nach christlicher Lehre galt lange ein uneingeschränktes Zinsverbot, das nicht nur das Wuchern betraf. Doch auch
die mittelalterliche Wirtschaft kam nicht ohne Geldgeschäfte
aus. Den Geldverleih gegen Zinsen überließ Papst Alexander
III. bereits im Jahr 1179 den jüdischen Gemeinschaften. Eine
recht fragwürdige Art der Arbeitsteilung, die den Christen
erlaubte, das Zinsverbot zu umgehen. Luther und Calvin waren
in der Frage des Zinses uneins. Luther war gegen den Zins,
Calvin meinte, Geld sei dazu da, sich durch wirtschaftliche
Tätigkeit zu vermehren und legitimierte eine maßvolle Zinswirtschaft. Das Ende des christlichen Zinsverbots datieren Historiker in das Jahr 1545, als der englische König Heinrich VIII.
Zinseinnahmen nach seinem Bruch mit dem Papst legalisierte.
Im Westfälischen Frieden von 1648 wurden schließlich mit fünf
Prozent verzinste Darlehen für zulässig erklärt.
Zinsgeschäfte heute?
Wie steht es in der heutigen Zeit um die Zinsgeschäfte?
Lassen Sie uns nochmal zu Luther zurückgehen: Er lebte in
einer Agrargesellschaft, das Leihen von Geld war eine Hilfe in
der Not. Also ein Kredit für eine Notlage, zum Beispiel als
Überbrückung bis zur nächsten Ernte, nicht für produktive
Zwecke. Wer diese Situation ausnutzt und den in Not Geratenen mit Zinsforderungen weiter belastet, setzt sich folglich
dem Wucherverdacht aus. Luther unterschied hier nicht
zwischen Zins und Wucher. Nach heutiger wissenschaftlicher
Anschauung sehen wir den Zins als Preis für das Leihen von
Geld. Der Kreditgeber leistet einen Konsumverzicht, für den er
entlohnt wird. Der Kreditnehmer setzt das Kapital gewinnbringend ein und ist bereit, einen Teil seines Ertrags als Zins
demjenigen zu zahlen, der sein Vorhaben ermöglicht hat.
Entscheidend ist, dass es sich nicht um einen nachbarschaftlichen Notkredit handelt, wie Luther ihn aus seiner Zeit kannte,
sondern vielmehr um eine freiwillige Kreditaufnahme für eine
Investition. Ähnlich funktioniert der islamische Finanzmarkt.
Der Koran verbietet die Berechnung von Zinsen. Handel und
Investitionen und Erträge daraus, etwa in Form von Mietkauf
oder Dividendenzahlungen, sind jedoch erlaubt.
Editorial Diakonie und Geld Auch gab und gibt es Versuche, gänzlich ohne Zinsen auszukommen. Der „Chiemgauer“ ist beispielsweise eine regionale
Währung, die sich beim Aufbewahren nicht vermehrt, sondern
mit der Zeit an Wert verliert und somit zum Ausgeben einlädt.
Bei diesem und anderem Regionalgeld ist festzuhalten, dass
es sich hierbei um nichts anderes als ein auf gegenseitigem
Vertrauen basierendes Leistungsversprechen handelt, das in
abgeschlossenen, verbindlichen Lebens- und Glaubensgemeinschaften funktioniert. Geht man jedoch über diesen
Bereich hinaus und betrachtet zum Beispiel mögliche Wechselkurse zu überregionalem Geld oder die Besoldung von Angestellten und Beamten im öffentlichen Dienst mit einem solchen
sich selbst abwertenden Geld, wird schnell die Unzulänglichkeit der Idee in Bezug auf einen globalen Raum klar.
Rüstung, Kinderarbeit, spekulative Finanztermingeschäfte?
Die Bank für Kirche und Diakonie hat die Aufgabe, sich um
die finanziellen Angelegenheiten von Kirche und Diakonie zu
kümmern. Wir führen die Idee der kircheneigenen DarlehnsGenossenschaft fort, die unter anderem der streitbare
Theologe Martin Niemöller aus Münster Ende der 1920erJahre hatte. Er konnte damals, zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise, keinerlei Darlehen mehr bei den Landesbanken und
Sparkassen erhalten, obwohl diese die laufenden Geldbestände der mehr als 400 evangelischen Kirchengemeinden in
Westfalen verwalteten. Vor diesem Hintergrund entstand die
Idee, das Heft in die Hand zu nehmen und eine Genossenschaftsbank zu gründen. Ziel war es, die Gelder selber zu
verwalten und aus diesen die geplanten Einrichtungen
kurzfristig zu finanzieren.
Fairer Wettbewerb
Nach unserer Einschätzung ist der ganzheitliche Verzicht auf
das ertragreiche Einsetzen von Kapital in der heutigen
modernen, globalen Gesellschaft und Wirtschaftordnung
weder möglich noch biblisch gefordert. Für den Aufbau
funktionierender Waren- und Wirtschaftssysteme benötigen
wir auch immer ein stabiles Finanzsystem. Das Geld der
Sparer kann so in produktive Investitionen verwandelt werden.
Ein Beleg dafür sind die Mikrofinanzinstitute in Entwicklungsländern. Die Banken übernehmen wichtige Funktionen: Sie
bringen die Einlagen vieler Sparer zusammen und überführen
sie in eine produktive Investition. So findet eine Transformation der Losgrößen und des Risikos sowie auch eine regionale
Transformation statt. Entscheidend ist jedoch die Funktionsfähigkeit der Märkte. Es muss darüber gewacht werden, dass
an den Finanzmärkten ein fairer Wettbewerb herrscht, der für
angemessene Preise sorgt und die Ausbeutung Notleidender
unterbindet. Die Abkopplung der Geschäfte vieler Großbanken von der Realwirtschaft, das Geschäft mit der Spekulation, möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich in Frage
stellen. Sicher liegt auch hier eine Ursache der Finanzkrise,
die die Politik an ihren Wurzeln packen muss.
Kirchliche und soziale Projekte finanzieren
Bis heute finanzieren wir kirchliche und soziale Projekte. Dazu
zählen Krankenhäuser, Einrichtungen für Kinder, ältere und
behinderte Menschen ebenso wie das Gemeindehaus.
Geschäfte am Kapitalmarkt unterstehen unserem zertifizierten
Nachhaltigkeitsfilter, das heißt ökologische und soziale
Aspekte beachten wir genauso wie ökonomische Anforderungen. Dazu zählt auch der Ausschluss spekulativer Geschäfte.
Das bedeutet für uns verantwortungsvoller Umgang mit Geld.
Auch Privatpersonen, die unsere christlichen Werte teilen,
können uns für ihre Geldgeschäfte nutzen und sind herzlich
willkommen.
Diakonie und Geld – es lohnt sich, einmal genauer darüber
nachzudenken. Ich wünsche Ihnen
bei der Lektüre Ihres Diakoniebriefs viel Freude.
Herzliche Grüße aus Dortmund
Ihr
Verantwortung übernehmen
„Macht euch Freunde mit dem gerechten Mammon.“ – Wir,
die wir mitten im Leben stehen und unter den gegebenen
Rahmenbedingungen Gutes leisten möchten, können Verantwortung übernehmen – Verantwortung für das, was wir
beeinflussen können.
Das gilt auch für den Umgang mit Ihrem Geld. Wie kann dies
gelingen? Wissen Sie, was Ihre Bank mit Ihrem Geld macht?
Wie und wo investiert Ihre Bank Ihr Geld? Atomenergie,
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Dr. Ekkehard Thiesler
Dr. Ekkehard Thiesler ist
Vorstandsvorsitzender der
Bank für Kirche und Diakonie in
Dortmund
4 Das ist es wert! Kommentar
Kommentar
Das ist es wert!
Wofür geben Sie gerne Ihr Geld aus? Wofür haben Sie etwas
übrig? Was ist Ihnen etwas wert? Was ist uns als Gesellschaft
etwas wert? Diese Fragen können Sie sich stellen, wenn Sie
die sechs Grafiken betrachten, die in diesem Diakoniebrief
abgedruckt sind. Provozierend, verkürzend und zuspitzend
haben wir Zahlen miteinander verglichen, die in dieser Weise
selten präsentiert werden.
Auf der einen Seite Produkte und Dienstleistungen, für die wir
eine Menge übrig haben. Die viele Deutsche ohne mit der
Wimper zu zucken bezahlen würden. Ein gutes Essen mit
Getränken im Restaurant für 22,50 Euro oder einmal Maniküre
für 20 Euro oder einmal Volltanken für 85 Euro. Dafür wird in
der Regel selbstverständlich, ohne Murren, gezahlt.
Geht es aber um soziale Dienstleistungen, um Kosten für
soziale Arbeit, heißt es schnell: Das ist zu teuer! Das können
wir uns nicht leisten! Dafür ist kein Geld da!
Mit diesem Argument bleiben die Hartz IV-Sätze auf niedrigstem Niveau, auch wenn kaum jemand weiß, wie man
Kinder mit rund 22 Euro eine Woche lang satt bekommen soll.
Und wenn der Pflegedienst kommt, dann wird um jeden Euro
gefeilscht und für einmal komplett Waschen inklusive An- und
Ausziehen sind 18,50 Euro viel zu viel. Aus der Sicht des
Geldbeutels erscheint auf einmal auch die Erziehung unserer
Kleinsten für die Gesellschaft unbezahlbar, wenn es rund 80
Euro kostet, um ein Kind eine Woche im Kindergarten zu
betreuen. Da ist dann auch ein Tag im Pflegeheim mit Rundum-die-Uhr-Betreuung durch qualifiziertes Fachpersonal mit
130 Euro zu teuer.
Es ist genügend Geld in unserem Land da, Deutschland ist
kein armes Land. Wenn wir als Gesellschaft für eine TalkShow-Minute ohne zu diskutieren 1.800 Euro als gerechtfer-
Ulrich T. Christenn
Wert des Sozialen Was ist uns etwas wert? Wert des Sozialen Was ist uns etwas wert?
Kosten
Kosten
Kosmetikbehandlung
Maniküre
20,00 w
Ambulante Pflege
Ganzkörperwaschung
18,50 w
Großer Burger
im Fastfood Restaurant
2,99 w
Hartz IV für Kinder (7-14 Jahre)
Anteil für Essen pro Tag
3,22 w
Hotel-Übernachtung
*** mit Vollpension
110,00 w
Pflegeheim Tagessatz
bei höchster Pflegestufe
130,00 w
Tankfüllung
Mittelklasse-PKW
80,00 w
Kindergarten Pauschale für ein
Kind 35 Stunden/Woche
85,00 w
TV-Talkshow
Kosten pro Minute
2.000,00 w
tigt ansehen oder Eintrittskarten für
Fußballspiele immer teurer werden und
sich kaum jemand darüber aufregt, dann
scheint Geld auf einmal kein Problem zu
sein. Ich denke, wir haben in Deutschland
genügend Geld, um die sozialen Herausforderungen und die demografischen
Veränderungen, die auf uns zukommen, zu
meistern. Die Frage ist nur, wofür geben wir
das Geld aus? Was ist uns etwas wert?
Wofür haben wir etwas übrig?
Ulrich T. Christenn, Düsseldorf
Entbindung im Krankenhaus
ohne Komplikationen
1.500,00 w
* Mit 20 Euro kostet eine
Ganzkörperwaschung
beim Ambulanten
Pflegedienst genausoviel
wie eine professionelle
Maniküre in einem
Kosmetikstudio.
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6 Wenn der Kühlschrank leer ist Familienarmut
Familienarmut
Wenn der Kühlschrank leer ist
Der Kühlschrank ist leer. Das gibt es nur
im Fernsehklischee, besonders bei TatortKommissaren oder Männer-Wohngemeinschaften? Nein, leere Kühlschränke gibt
es auch in Wirklichkeit, bei armen Familien.
Frau Martin, (Name geändert) wacht morgens schon sorgenvoll auf. Der Kühlschrank ist mal wieder fast leer. Ihre drei
Kinder wollen gleich frühstücken und noch ein Schulbrot
mitnehmen. Die Stromnachzahlung hat das letzte Kindergeld
aufgezehrt. Somit ist wenigstens ein kleiner Teil der Schulden
beglichen. Jetzt wird der Strom wohl nicht, wie bereits
angedroht, abgestellt. Bis zur nächsten Zahlung des „Arbeitslosengeld II“ dauert es noch über eine Woche.
Nachdem ihre drei Kinder heute Morgen die kläglichen Reste
an Brot und Aufstrich als ihre „Überlebensration“ wie sie sagen,
für den Schultag mitgenommen haben, entschließt sich die
Mutter schweren Herzens, bei der Diakonie um Hilfe zu bitten.
Eine Freundin hatte ihr neulich erzählt, dass die Diakonie
geholfen habe, als es ihr vor einiger Zeit ähnlich ergangen sei.
In ihrer Verzweiflung fasst sich Frau Martin ein Herz und macht
sich, da selbst für den Bus kein Geld mehr da ist, zu Fuß auf
den Weg zum Öffentlichkeitszentrum der Diakonie Stiftung
Salem in der Mindener Innenstadt. Hier befindet sich die erste
Anlaufstelle für rat- und hilfesuchende Menschen.
Hilfe ohne Anmeldung
Frau Martin ist sich nicht sicher, ob sie sich anmelden muss
und fragt entsprechend nach. Nein, das sei nicht erforderlich,
sagt ihr der für das Öffentlichkeitszentrum verantwortliche
Sozialarbeiter, der jetzt auch als Berater für sie da ist. Nach
der freundlichen Begrüßung mit der Frage, „Was kann ich für
Sie tun?“, berichtet sie zögerlich über ihre Geldnot und bittet
Foto:
Bobe
um einen Einkaufsgutschein für Lebensmittel. Frau
Martin
berichtet über die Notlage, in die sie geraten seien. Ihrer
Familie gehe es sehr schlecht. Ihr Mann sei seit zwei Jahren
arbeitslos. Als ungelernte Kraft bei einer Tiefbaufirma hätten
bei ihm zunehmende Rückenprobleme zum Verlust des
Arbeitsplatzes geführt.
Im ersten Jahr habe das „Arbeitslosengeld I“ noch gereicht,
um die Miete zu bezahlen einschließlich der Kreditraten für die
Einrichtung. Jetzt – mit dem Geld der Sozialhilfe – „retteten“
sie sich von Monat zu Monat und die finanziellen Sorgen
würden nicht weniger – im Gegenteil. Da sie absolut am Ende
seien, bitte sie nun um einen Lebensmittelgutschein, damit sie
wenigstens bis zum nächsten Zahlungseingang das Notwendige einkaufen könne.
Auf Anraten ihrer Freundin hat Frau Martin Belege über
Einkommen, Ausgaben und besondere Belastungen wie
Kredite und Nebenkostenabrechnungen, Ratenzahlungen und
Energiekostenabrechnung zum Beratungsgespräch mitgebracht, um den besonderen Bedarf zu begründen. Verständnisvolles Zuhören macht es für Frau Martin deutlich leichter,
offen über ihre Sorgen zu reden. Ihre Probleme werden ernst
genommen, niemand macht ihr Vorhaltungen. Um ihr in der
akuten Notsituation zu helfen, erhält sie zunächst einmal
einen Lebensmittelgutschein. Die Abrechnung erfolgt direkt
mit der Diakonie Stiftung Salem. Frau Martin scheint etwas
erleichtert, doch – wie geht es weiter? Schließlich kann ein
solcher Gutschein in begründeten Fällen nur höchstens drei
bis vier Mal im Jahr ausgestellt werden. Deshalb erhält sie
detaillierte Hinweise über weitere Einrichtungen und Hilfeangebote in der Region, die Familie Martin nutzen kann, um ein
wenig mehr Lebensqualität zu erreichen.
Wenn der Kühlschrank leer ist Familienarmut Sie bekommt Informationen
L zur Mindener Tafel, hier werden zweimal wöchentlich
Lebensmittel an bedürftige Menschen ausgegeben,
L zum Mehrgenerationenhaus „café e-werk“ - hier erhalten
Menschen mit geringem Einkommen für 1,70 Euro ein
Mittags-Menü,
L zur Kleiderkammer, dort gibt es getragene, aber gute
Bekleidung (50 Cent oder 1 Euro pro Teil) und
L zum Zentrallager für Gebrauchtmöbel, auch mit dem
Angebot von Elektro- und Haushaltsgeräten.
Fahrplan zu Mehr
Darüber hinaus wird Frau Martin der „Fahrplan zu Mehr…
Wege zur Grundversorgung in der Umgebung“ überreicht.
Dieses Heft enthält eine Übersicht helfender Einrichtungen –
klar und einfach beschrieben, mit Bildern verdeutlicht.
Und, damit die Schulden nicht noch erdrückender werden, rät
man ihr, die fachliche Hilfe einer caritativen Schuldnerberatung
zu nutzen. Ein erster Termin wird gleich vereinbart. Als Frau
Martin sich verabschiedet und für die erhaltene Hilfe bedankt,
erhält sie noch die Zusicherung, dass sie zur Klärung von
Fragen und weiterem Rat gerne wiederkommen darf.
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Wertschätzung mobilisiert die Eigendynamik. Das gibt den
Menschen neue Kraft, ihren Problemen zu begegnen um nicht
von ihnen überrollt zu werden.
Armut nimmt zu
Die Zahl der Niedriglohnempfänger steigt weiter. Das Geld
reicht kaum, um den Sozialhilfesatz zu erreichen. Zwar erhält
der „Verdiener“ etwas mehr aufstockende Sozialhilfe, jedoch
kommt es durch die monatlich oft unterschiedliche Lohnhöhe
zur Neuberechnung der Sozialhilfe und demzufolge zu Zeitverzögerungen bei der Bewilligung. Das Geld fehlt, teure Überziehungskredite sind die Folge und schon schlägt die Schuldenfalle zu. An Sparen ist nicht zu denken um kurzzeitige Geldsorgen zu überbrücken. Freunde und Bekannte werden „angepumpt“ – aber auch das Geld muss wieder aufgebracht
werden. Wohnungsbezogene Nebenkostenabrechnungen und
Jahresabrechnungen für Energie, Telefonkosten und -Gebühren
etc. lassen dann schnell das Schuldenfass überlaufen.
Aus dieser Situation erwächst die Resignation. Die Betroffenen geben irgendwann auf, weil alle Bemühungen, ihre
Misere zu beheben, fehlschlagen. Im Gegenteil, die Situation
verschlechtert sich zusehends…
Das Öffentlichkeitszentrum
Beratung hilft
Für Menschen in solchen oder ähnlichen Notsituationen bietet
die Diakonie Stiftung Salem an drei Vormittagen pro Woche
Beratung und Hilfe an. Die Anlaufstelle ist das Öffentlichkeitszentrum in der Mindener Innenstadt. Es sind rund 1.500
Familien und Einzelpersonen erfasst, die in einer Notsituation
unseren Rat oder auch kleine Gutscheinhilfen genutzt haben
oder nutzen. Die Nachfrage steigt – jede Woche gibt es
durchschnittlich zwanzig Beratungen für in Not geratene
Menschen. Insbesondere gegen Monatsende häufen sich die
Geldsorgen in den Familien, die am Existenzminimum leben.
Dann sind die Gelder der Sozialhilfe, das kleine Einkommen
aus dem Niedriglohn und gegebenenfalls auch das Kindergeld
ausgegeben.
Mit unseren bescheidenen Unterstützungshilfen lösen wir die
Probleme der betroffenen Menschen nicht. Die Beratung kann
aber helfen, die Situation zu klären. Es werden Wege aufzeigt
für mögliche weitere Hilfen und andere Unterstützungsangebote, die wenig oder gar kein Geld kosten. Manche Menschen
kommen nur, um zu reden und einfach mal alles rauszulassen.
Viele Betroffene nehmen unser Angebot wahr, regelmäßig zu
einem Gespräch wiederzukommen. Über die erlebte Not zu
sprechen, lindert das Sorgengefühl und gibt vielleicht ein
wenig Kraft für die nächste Zeit.
Ein Familienvater sagte einmal, dass er die hier gebotene
unterstützende Beratung der Diakonie schätze, weil er ohne
Voranmeldung kommen könne, einen Zuhörer vorfinde, der die
Probleme ernst nehme und keine Vorhaltungen zu befürchten
seien. Die Atmosphäre helfe ihm, sich leichter auszusprechen.
Dadurch könne er wieder klarer denken und das Druckgefühl
der Not verliere an Macht. Zuhören, den Menschen beachten,
ihn achten und ihm Achtung verleihen sind unerlässliche
Grundsätze in unserer Beratung und für die Hilfegewährung.
Die Diakonie Stiftung Salem vereint seit Januar 2011 das
Diakonische Werk Minden und die Diakonissenanstalt SalemKöslin-Minden. Sie engagiert sich in der Altenhilfe, der
Kinder- und Jugendhilfe und mit differenzierten Angeboten für
Menschen mit Behinderungen. Sie bietet soziale Dienste und
diverse Beratungsstellen. Das Öffentlichkeitszentrum befindet
sich unmittelbar in der Mindener Innenstadt am kleinen Domhof, direkt am Rathaus. Unter anderem ist dieses die erste
Anlaufstelle für alle Hilfesuchenden und eine Beratungsstelle für
Menschen in Not.
Uli Bobe und Karlheinz Wilmsmeier, Minden
8 Ehrenamt und Geld?!
Ehrenamt und Geld?!
Ehrenamt und Geld – das ist doch ein Widerspruch, so wird
der Eine oder die Andere denken. Doch schon seit einiger
Zeit sind Entwicklungen im Hinblick auf „bezahltes“ Ehrenamt
festzustellen: Aufwandsentschädigungen, Pauschalen, kleine
finanzielle Anerkennungen, im Pflegeleistungsergänzungsgesetz ermöglichte Bezahlungen für Demenzbegleiter/-innen,
Freiwilligendienste, Übungsleiterpauschalen, Stundenvergütungen in der Familienhilfe, Geld und Bezahlung als Gewinnungsstrategie und vieles mehr. Damit verändert sich das
Ehrenamt oder auch freiwillige Engagement. Einige Anzeichen
drücken sich in der schleichenden Verberuflichung des
Engagements aus: Probezeit, Stellenanzeigen, Personalentwicklung. Die Bezahlung – und sei sie noch so gering – ist
eine logische Fortführung.
Motiv Nächstenliebe
Das Wesen des ehrenamtlichen, freiwilligen Engagements, sein
Eigenprofil, speist sich vor allem aus intrinsischen Lebensmotiven wie Idealismus: „Ich setze mich ein für andere“, „Ich
möchte zu Geborgenheit und Miteinander beitragen“. Oder das
Motiv „Beziehungen“: „Ich möchte in Kontakt sein mit anderen
Menschen, neue Menschen kennenlernen“ oder das Motiv der
Anerkennung: „Ich möchte meinen Platz finden, ich möchte
wahrgenommen werden, ich möchte für andere wichtig sein
und möchte anderen Anerkennung geben“, so Stephen Reiss,
amerikanischer Psychologe.
Ein tiefes Motiv, sich auf ein Engagement einzulassen, ist der
Sinn, die Sinnhaftigkeit, die mit dem Tun verbunden ist.
Nächstenliebe, sich selbst einzubringen, über sich
selbst hinauszugehen und sich in ein größeres
Ganzes einzubringen – das sind Aspekte der
Sinnbildung. „Ich bringe mich mit meiner
Lebenswelt und meinem Profil ein,
ohne in einem auf Entgelt basierten
Abhängigkeitsverhältnis zu
stehen. Ich tue dies in Freiheit
und Unabhängigkeit“. So
beschreiben Ehrenamtliche ihr Engagement,
gerade so
kommt das Eigenprofil freiwillig
Engagierter zum Tragen.
Anerkennung und Kostenerstattung
Eine Anerkennungskultur, die diesem Engagement entspricht,
besteht in Kostenerstattung durchaus, aber vor allem in der
Begleitung, der An-Erkennung des anderen, in der Wahrnehmung, Achtsamkeit, in Qualifizierungsangeboten, in einem
ermutigenden und wertschätzenden Gespräch.
Geld ist ein von außen kommender, ein extrinsischer Motivationsfaktor. Extrinsische Faktoren sind nicht so tragfähig. Sie
helfen, eine Durststrecke zu überwinden, sind aber kein
Basismotiv für ein mit Freude, Überzeugung und Begeisterung erlebtes Ehrenamt. Regelmäßige finanzielle Anreize
verändern die Motivation und gefährden auch das freiwillige
Engagement, weil es im Rahmen einer Bezahlung auch einem
anderen rechtlichen System unterliegt, wie zum Beispiel bei
der Debatte über die Novellierung der Arbeitszeitregelung
durch die EU deutlich wurde, als ein EU- Kommissar Hauptberuflichkeit und freiwillige Tätigkeit gleichsetzen wollte.
Besonders problematisch wird es, wenn die Bezahlung an die
jeweilige Tätigkeitszeit geknüpft wird und möglicherweise auch
sozialversicherungsrechtliche Aspekte auftreten.
Eine Lösung aus diesem Dilemma liegt darin, die verschiedenen Formern der Mitarbeit differenzierter zu bezeichnen: Da
sind die Praktikanten, diejenigen, die eine Aufwandsentschädigung erhalten, die Ehrenamtlichen, die Minijobber, die Freiwilligendienstler, die nebenamtlich Tätigen. Die Klarheit hilft, die
Rolle der unterschiedlichen Mitarbeitenden zu klären und den
unterschiedlichen Motiven und Bedürfnissen gerecht zu
werden.
Um noch einmal zu dem Titel zurückzukehren:
„Ehrenamt und Geld“ könnte man ergänzen.
Ehrenamtliches Engagement braucht
Geld, braucht Geld für Fortbildungen,
für gemeinsame Ausflüge, für die
Erstattung von Kosten, für die Begleitung durch Hauptamtliche, für attraktive Räume.
Und Ehrenamt gibt viel mehr als Geld,
freiwilliges Engagement gibt Nähe,
Geborgenheit, Halt, neue Perspektiven –
mit Geld nicht aufzuwiegen.
Karen Sommer-Loeffen, Düsseldorf
Wen man mit jedem Cent rechnen muss 9
Wenn man mit jedem Cent rechnen muss
Geld ist ein wichtiges Gut, von dem Peter in der
Regel zu wenig hat. Peter ist 34 Jahre alt
und geistig behindert. Er lebt in seiner
eigenen Wohnung und wird vom
Fachdienst „Ambulant Betreutes
Wohnen für Menschen mit Behinderung“ der Diakonie Stiftung Salem
gGmbH betreut. Der Fachdienst unterstützt
Peter in den Bereichen Hauswirtschaft, finanzielle
und behördliche Angelegenheiten und Gemeinschaft
erleben.
Zu wenig Geld für zu viele Tage
374 € im Monat – wer soll davon leben? Das fragt Peter sich
immer zu Monatsbeginn, wenn er auf seinen Kontoauszug
schaut. Er weiß nicht, ob er laut lachen oder lieber leise
weinen soll. Bereits am Fünften des Monats weiß er nicht, wie
er die noch verbleibenden 25 Tage mit so wenig Geld überbrücken soll. „Ich habe zu wenig Geld und der Monat hat zu
viele Tage“, denkt sich Peter.
Die Mietbeteiligung bezahlt. Seine Wohnung überschreitet
den Satz, den das Grundsicherungsamt übernimmt. Er könne
ja umziehen, sagt ihm sein Sachbearbeiter, als Peter sich
darüber beschwert, dass er sich an den Kosten für die
Wohnung beteiligen muss. Doch in eine andere Wohnung
umzuziehen, ist leichter gesagt als getan. Es scheint keine
kleinen Wohnungen, die im Hartz-IV-Rahmen liegen, in
Minden zu geben.
Strom bezahlt. Darlehen für die defekte Waschmaschine an
die Arge zurückgezahlt. Daran, dass Peter ein Darlehen für
seine defekte Waschmaschine benötigt, ist
er auch selbst schuld. Er hätte ja jeden
Monat 45 € aus seinem Regelsatz sparen
können, um unvorhersehbare Reparaturen
selbst zu begleichen. So ist es im Sozialrecht vorgesehen. Klingt in der Theorie
logisch, ist aber in der Praxis nicht realisierbar. Letztlich bleiben Peter am Fünften des
Monats noch 250 € zum Bestreiten seines
Lebensunterhalts.
Nicht nur überleben
Peter muss jeden Cent mehrmals umdrehen.
Schließlich will er nicht nur überleben,
sondern auch am Leben in der Gesellschaft
teilhaben und vor allem teilnehmen. Daran
hat bei der Hartz-IV-Berechnung wohl
keiner gedacht. Warum sollte ein
Hartz-IV-Empfänger auch ins Kino
oder in den Zoo gehen, ein Museum
besuchen oder einfach mal ein Bier in
einer Kneipe trinken. Um mit dem Geld über
die Runden zu kommen, geht er zweimal pro
Woche zur ortsansässigen Tafel, stellt sich in die Schlange
und wartet zwei bis drei Stunden auf Lebensmittel. Die lange
Wartezeit verdeutlicht, dass Peter nicht der Einzige ist, der mit
dem Hartz-IV-Regelsatz nicht auskommt. Es ist keine Frage,
dass Institutionen wie die Tafel wichtig sind, aber sie verzerren das Bild: Der Hartz-IV-Regelsatz reicht zum Überleben,
aber nicht zum Leben. Auch wenn das Bundessozialgericht
aktuell entschieden hat, dass der aktuelle Hartz-IV-Satz
ausreicht und nicht verfassungswidrig ist. Der Fachdienst der
Diakonie Stiftung Salem gGmbH kann Peter zwar nicht mehr
Geld organisieren, kann ihn aber dabei unterstützen, mit
seinem wenigen Geld zurechtzukommen, ein menschenwürdiges Leben zu führen und ihn zu befähigen, am Leben in der
Gemeinschaft teilzuhaben.
Uli Bobe und Sebastian Siek, Minden
* 22,50 Euro erhalten
Kinder in Hartz IV pro
Woche für Essen – soviel,
wie ein gutes Essen mit
Getränk in einem
Restaurant kostet.
10 Preisdetektive im Supermarkt Schuldenprävention beginnt schon im Kindergarten
Preisdetektive im Supermarkt
Schuldenprävention beginnt schon im Kindergarten
Reichen sechs Euro, um im Supermarkt
die Zutaten für ein gesundes Mittagessen einzukaufen? Sind die Produkte
in der Mitte eines Regals teurer als die,
nach denen man sich bücken muss?
Was kostet ein Liter Orangensaft?
Lisa und Marie knien im Supermarkt vor ihrem kleinen Einkaufswagen auf dem Boden und haken eine Liste ab. Der
Orangensaft ist nur ein Teil einer langen Einkaufsliste, die sie
abarbeiten. Sie vergleichen Preise und lernen, was sie für
einen Euro kaufen können. Zurück in der Kindertageseinrichtung packen alle Kinder ihre Einkaufstüten aus: Wer hat für 6
Euro mehr erhalten? Wer hat noch Geld übrig? Schmeckt der
günstige Saft aus dem Pappkarton genauso gut wie das teure
Markenprodukt? Der Einkauf im Supermarkt ist abschließender
Höhepunkt des Workshops „Preisdetektive im Supermarkt“ für
Vorschulkinder, den die Schuldnerberatung in Bergisch
Gladbach anbietet. Bei den Kindern beliebt sind auch die
Besuche in der Sparkassenfiliale. Dass das Geld nicht einfach
so aus dem Automaten an der Wand kommt, sondern dafür
eine Gegenleistung erbracht werden muss, wussten viele noch
gar nicht. Und wohin das Geld „wandert“, wenn es auf ein
Konto eingezahlt wird, finden sie ebenfalls spannend. Zurück
in der Kita basteln sie Sparschweine und Schatzkisten und
bringen gebrauchtes Spielzeug für eine Tauschbörse mit.
„Für Geld kann man nicht alles kaufen“
Seit vier Jahren organisiert Karin Oberzier Angebote zur
Schuldenprävention für Kinder und Jugendliche im RheinischBergischen Kreis. Rund 1500 Kinder, Jugendliche und auch
Erwachsene haben an ihren Veranstaltungen teilgenommen.
„Dabei ist es uns gelungen, viele unterschiedliche Zielgruppen
anzusprechen“, freut sich Oberzier, „von Vorschul- und
Grundschulkindern über Jugendliche bis zu jungen Erwachse-
nen und Eltern.“ Ihre Teilzeitstelle ist in das Team der Schuldnerberatung integriert, die vom Diakonischen Werk Köln und
Region und dem Caritasverband RheinBerg getragen wird.
Finanziert wird sie von der „RheinEnergie-Stiftung Familie“,
die Projekte im Versorgungsgebiet der RheinEnergie AG
fördert, um das Familienleben zu stärken.
Karin Oberzier möchte den Kindern vermitteln, „dass man für
Geld nicht alles kaufen kann“ und „Geld nichts anderes als
ein Tauschmittel für Waren oder Dienstleistungen ist.“ Nach
ihrer Erfahrung wissen schon die Kleinen sehr wohl um den
besonderen Stellenwert des Geldes, je nachdem, wie offen in
der jeweiligen Familie über Geld und finanzielle Vorgänge
gesprochen wird. „Es besitzen zu wollen, stellt auch für sie
einen großen Reiz dar.“ Um das Thema auch in den Familien
anzustoßen, organisiert die Sozialpädagogin Elternnachmit-
Preisdetektive im Supermarkt Schuldenprävention beginnt schon im Kindergarten tage und -abende zu „Konsumerziehung und Taschengeld“.
Auch die Erzieherinnen lernen in speziellen Fortbildungen
etwas über „Frühe Konsum- und Gelderziehung in der Kita“.
„Alles im Griff“ – Schuldenfallen rechtzeitig erkennen
Neben Kindergärten und Familienzentren hat Karin Oberzier
aber auch Schulkinder und ältere Jugendliche im Blick: In
Grundschulen und den angebundenen Offenen Ganztagsschulen bietet sie Ferienaktionen rund um das Thema „Geld
und Konsum“ an. Unter dem Motto „Alles im Griff“ informiert
sie die Klassen 9 und 10 an Haupt- und Realschulen im
Unterricht über das Thema „Schulden“. Die Jugendlichen
stellen Einnahmen und Ausgaben in einer praxisnahen
Budgetplanung gegenüber. Sie befassen sich mit Handyrechnungen und Kreditkäufen und den Kosten einer eigenen
Wohnung, inklusive Miete, Strom, Wasser, Telefon und
Internet, GEZ-Gebühren und Versicherungen. Sie lernen
verschiedene Kreditformen kennen und werden auf Schuldenfallen hingewiesen. Insbesondere Haupt-, Förder- und
Berufsschulen mit sozialpädagogischer Betreuung zeigen
großes Interesse an den Informationen der Schuldnerberatung. „Da gerade Schüler mit geringer Qualifikation potentiell
gefährdet sind, sich über den Tisch ziehen zu lassen“, meint
Oberzier. „Gerade bei den Jüngeren ist die Entwicklung von
Überschuldung erschreckend.“
Verschuldung der unter 20-Jährigen
hat sich verdreifacht
Laut Schuldenatlas ist ein Viertel aller überschuldeten Deutschen jünger als 30 Jahre. In den letzten Jahren hat sich die
Verschuldung bei den unter 20-Jährigen verdreifacht. Von einer
Überschuldung sprechen die Experten, wenn der Schulden-
11
berg auch in absehbarer Zeit nicht abgetragen werden kann
und weder Vermögen noch Kreditmöglichkeiten zur Verfügung
stehen. „Die Gesamtausgaben sind also höher als die Einnahmen“, fasst Oberzier zusammen. „Warum Menschen in die
Schuldenfalle hineingeraten, mag von Fall zu Fall ein sehr
persönliches Schicksal sein.“ Grundlegende Ursachen sieht sie
aber auch in der „Verführung der Werbeindustrie mit ihren
vielfältigen Konsumanreizen.“ Die immer noch weit verbreitete
Haltung „Über Geld spricht man nicht“ unterstütze zudem die
Unkenntnis im Umgang mit Geld und Finanzdienstleistungen.
Dem will die Schuldenprävention entgegenwirken.
Ehrenamtliche sollen Schuldenprävention
ausbauen
Um der großen Nachfrage nach Präventionsprojekten in
Kindergärten und Schulen gerecht werden zu können, will
sich die Schuldenprävention im Rheinisch-Bergischen Kreis
neu aufstellen: Gedacht ist an ein ehrenamtliches Fundament,
das das Präventionsangebot nach der dreijährigen Anfangsphase regional ausweitet und damit mehr Einrichtungen im
Vor- und Grundschulbereich und an weiterführenden Schulen
erreichen kann. Gesucht werden vor allem ältere lebenserfahrene Menschen, die Kindern und Jugendlichen gerne etwas
über das komplexe Thema Finanzen beibringen und sich auch
spielerisch damit auseinandersetzen möchten. „Dies bedeutet
auch, den eigenen Umgang mit Geld zu reflektieren, sich mit
Ein- und Ausgaben auseinanderzusetzen und Finanzdienstleistungen nutzen zu lernen“, betont Oberzier, die die ehrenamtlich Engagierten zukünftig ausbilden und anleiten möchte.
Text: Martina Schönhals, Köln
Fotos: Karin Oberzier, Köln
12 Geld teilen
Mehr denn je gilt heute der
Grundsatz: „Geld regiert die
Welt." Wer Geld hat, gehört
zu den Mächtigen und
Einflussreichen. Er kann sich
leisten, was er möchte. Er
kann Macht über andere
ausüben. Was das
Geld be­wirken
kann, das weiß
jeder. Was Geld
ist, das ist kaum
einem klar.
Geld ist Tauschmittel. Es hat
also immer schon mit
Beziehung zu tun. Denn nur
wer in Beziehung zueinander
kommt, wird etwas austauschen. Geld soll nicht
isolieren, wie es bei
manchen Reichen
geschieht, die
hohe Mauern um
ihr Vermögen
bauen, damit es
ihnen keiner
wegnimmt. Geld
kann isolieren.
Geld muss daher
geteilt werden. Dann
schafft es ein neues
Miteinander. Aber sein Geld
wird nur der teilen, der ihm
gegenüber innerlich frei ist und wer sich von
der Überzeugung leiten lässt, dass Geld den Menschen dient
und nicht dem eigenen Reichtum, nicht dem eige­nen Image.
Manche Reichen verstärken durch Geld ihre Maske. Wer Geld
teilt, der nimmt seine Maske ab und tritt in Beziehung zum
andern. So ist für mich die Herausforderung der Zukunft, Geld
nicht zu verteu­feln, sondern spirituell mit dem Geld umzugehen, phantasievoll und kre­ativ, in innerer Freiheit und in der
Bereitschaft, den Menschen zu dienen, in ihnen Leben zu
wecken.
Geld teilen
Eine kurze
Definition von
Geld lautet: „Geld
ist eine Übereinkunft innerhalb einer
Gemeinschaft, etwas als
Tauschmittel zu verwenden."
Geld ist also kein Ding an sich. Es
entsteht durch Übereinkunft. Nach außen hin kann Geld
wertlos sein. Es ist ein Stück Papier. Doch wir statten es mit
Macht aus. Wir sind es, die dem Geld Macht geben. Aus sich
heraus hat es keine Macht. Also liegt alles an uns, wie wir mit
dem Geld umgehen. Die wich­tigste Aufgabe des Geldes ist,
dass es Menschen dient. Ich verdiene nicht Geld, um reich zu
werden, um mir etwas leisten zu können, sondern um den
Menschen zu dienen.
Anselm Grün, „Geld teilen“, aus: Anselm Grün, Das Buch der Lebenskunst. Hrsg. von Anton Lichtenauer © Verlag Herder GmbH Freiburg i. Br. 2006, S. 87
* Mit 130 Euro sind die
Kosten für eine Übernachtung mit Vollpension
in einem 3-Sterne-Hotel
so hoch wie der Tagesatz
bei höchster Pflegestufe
in einem Pflegeheim.
Leben ohne Geld für Gottes Lohn Das Leben einer Diakonisse 13
Leben ohne Geld für Gottes Lohn
Das Leben einer Diakonisse
„Was will ich? Dienen will ich. Wem will ich
dienen? Dem Herrn in seinen Elenden und Armen. Und was ist mein Lohn? Ich diene weder
um Lohn noch um Dank, sondern aus Dank und
Liebe; mein Lohn ist, dass ich dienen darf.“
Dieser Diakonissenspruch umschreibt das Wesen evangelischer Diakonissenhäuser.
Es war der Kaiserswerther Pfarrer Theodor Fliedner (1800 –
1864), der die Idee der diakonischen Gemeinschaft in
Deutschland einführte. Mit der „Erfindung“ der Diakonisse
begegnete er sozialen Missständen, die die Industrialisierung
hervorgebracht hatte. Frauen der mittleren Schicht konnten
bis dahin keine eigene Ausbildung absolvieren, sondern sich
nur durch Heirat die Existenz sichern. Fliedner ist es zu
verdanken, dass unverheiratete Frauen eine eigene Ausbildung erhielten und versorgt waren.
Damals wie heute leben Diakonissen in einer Gemeinschaft,
die für ihre Versorgung aufkommt. Aus der gemeinsamen
Kasse erhalten die Schwestern ein sogenanntes „Taschengeld“, berichtet die 73-jährige Diakonisse Hannelore Skorzinski. Auch die in Ostpreußen geborene Diakonisse und spätere
Oberin der Königsberger Diakonie in Wetzlar hat den klassischen Weg beschritten und ist für „Gotteslohn“ im Dienst
gewesen. Das Taschengeld ist für alle Schwestern gleich
hoch, so sieht es die Versorgungsordnung der Mutterhäuser
vor. „Stationsgeld“ wird das Gehalt genannt, das die Einrichtungen nicht an die Diakonissen persönlich sondern an das
Mutterhaus auszahlen. Daraus werden auch die Renten- und
Sozialleistungen abgedeckt, wozu die Krankenversicherung,
das Wohnen und die Verpflegung gehören. Auch für die
Kleidung (Tracht) sorgt das Mutterhaus. Auch gibt es eine
festgelegte Urlaubszeit mit entsprechendem Urlaubs- und
Reisegeld. Als die Mutterhäuser noch über eigene Ferien- und
Erholungsheime verfügten, konnten die Diakonissen dort für
wenig Geld Urlaub machen. So ist Schwester Hannelore im
Schwarzwald, am Bodensee, an der Nordsee und auf den
Inseln gewesen, ebenso wie in der Schweiz. Auch weitere
Reisen waren ihr möglich, so an die Costa Brava in Spanien,
nach Taize in Frankreich oder nach Königsberg, dem heutigen
Kaliningrad.
Keine finanziellen Sorgen
Ist eine Diakonisse krank oder braucht medizinische oder
orthopädische Hilfsmittel wie Zahnprothesen, so finanziert
auch diese das Mutterhaus, soweit die Krankenkassen nicht
14 Leben ohne Geld für Gottes Lohn Das Leben einer Diakonisse
Damals wie heute leben
Diakonissen in einer
Gemeinschaft, die für ihre
Versorgung aufkommt.
eintreten. „Diese finanziellen Sorgen sind uns alle genommen“, so Schwester Hannelore. Deshalb ist eine Diakonisse
nicht abhängig vom Einkommen, nicht von Menschen, auch
nicht von anderen Schwestern.
Das Taschengeld verwenden
die Diakonissen auch dazu,
diakonische und missionarische Projekte zu fördern. In
manchen Situationen habe sie
sich einen größeren Betrag
gewünscht, um jemandem
stärker helfen oder etwas
Besonderes bewirken zu
können.
Das Einzahlen des Gehaltes in
die Gemeinschaftskasse hat
noch einen positiven Nebeneffekt. Was an Geld nicht für den
Unterhalt des Mutterhauses
und seiner Einrichtungen
verbraucht wurde, konnte in
neue Projekte gesteckt werden,
etwa den Bau eines weiteren
Hauses. Das 1850 in Königsberg in Ostpreußen gegründete
„Königsberger DiakonissenMutterhaus der Barmherzigkeit“
hatte 1930 rund 1000 Diakonissen, die eine große finanzielle
Kraft bedeuteten. „Gefehlt hat uns nichts“, meint Schwester
Hannelore, die 1957 mit 18 Jahren in das Westfälische
Mutterhaus in Münster eingetreten ist und seitdem die Diakonissentracht trägt. „Das
Mutterhaus sorgt ja für uns
Schwestern bis ans Lebensende.“ Die Situation der Mutterhäuser unterliegt einem
starken Wandel, stellte die
rüstige Schwester fest. So sei
auch die wirtschaftliche und
finanzielle Situation der
Diakonissen durchaus zu
durchdenken und zeitgemäß
anzupassen. „Dennoch
empfinde ich diesen Auftrag
des gemeinsamen Lebens und
auch der gemeinsamen Kasse
immer noch sinnvoll und
lebenswert“, fasst sie für sich
ihre Erfahrungen zusammen.
Lothar Rühl, Wetzlar
Eine Ortschaft mit eigener Währung Über 100 Jahre Bethel-Geld 15
Eine Ortschaft mit eigener Währung
Über 100 Jahre Bethel-Geld
Der Euro ist stabil!
Von Krise keine Spur.
Das trifft zurzeit
allerdings nur auf den
Euro zu, mit dem in
der Ortschaft Bethel in
Bielefeld bezahlt
werden kann.
Die Geschichte des Bethel-Geldes geht auf das Jahr 1908
zurück. Damals entschied die Anstaltsleitung, dass Bewohner
und Mitarbeiter „Anstaltsgeld“ erwerben könnten, um damit in
den Bethel-Geschäften günstig einzukaufen. Das Zahlungsmittel gibt es bis heute. Allerdings hat es über die Jahre an
Verbreitung verloren und wird heute wesentlich weniger
genutzt.
Das Bethel-Geld überstand Wirtschaftskrisen, Geldentwertungen und Währungsreformen. Nach dem Zweiten Weltkrieg
wurde es allerdings zeitweilig aus dem Verkehr gezogen. Aber
die Angestellten in Bethel forderten eine Wiedereinführung der
besonderen Währung. Die
Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter verdienten in der
Regel weniger als ihre
Kolleginnen und Kollegen in
der freien Wirtschaft oder im
öffentlichen Dienst. Dank
des Wirtschaftsbooms gab
es eine Fülle von gut
bezahlten Jobs. Die Entgelte
in der Diakonie konnten
dieser Entwicklung nicht
folgen. Beim Umtausch von
D-Mark in Bethel-Mark
bekam die Mitarbeiterschaft
jedoch einen Bonus von fünf Prozent und hatte dadurch in
den Anstaltsgeschäften einen Einkaufsvorteil.
Bethel wurde 1867 von der Inneren Mission mit Unterstützung
von Bielefelder Kaufleuten gegründet. Alles begann mit einer
Einrichtung für Jungen mit Epilepsie. Aus dieser Keimzelle
erwuchs eine Ortschaft mit einer Vielzahl von Heimen und
Krankenhäusern. 40 Jahre später gab es Angebote für
Menschen mit Epilepsie, geistiger Behinderung, psychischen
Erkrankungen sowie für„körperlich Kranke, Waisenkinder,
Arbeitslose, Alkoholiker und sonstige Anstaltspflegebedürftige
und Direktionslose“, wie im Bethel-Archiv nachzulesen ist.
Leiter und maßgeblicher
Gestalter der damaligen
Anstalt war von 1872 bis
1910 Pastor Friedrich von
Bodelschwingh. An ihn
erinnert der Name der v.
Bodelschwinghschen
Stiftungen Bethel.
Auch in der Buchhandlung
in der Ortschaft Bethel wird
mit Bethel-Euro bezahlt.
16 Eine Ortschaft mit eigener Währung Über 100 Jahre Bethel-Geld
Die Bethel-Mark, die in
den 1950er-Jahren
wieder eingeführt
wurde, bereitete den
Verantwortlichen in
Bethel zunächst Sorgen.
Dabei ging es weniger um
den Geldwert als vielmehr
um die Papierqualität. Von
den 1955 gedruckten Scheinen musste rund ein Drittel
wieder aus dem Verkehr
gezogen werden, weil es schnell
unbrauchbar geworden war. Und
auch vom Neudruck landete die
Hälfte im Müll. Erst 1958 gelang
es, eine Druckerei zu finden, die
„gutes Geld“ druckte. Nur ein
einziger Schein aus dieser Produktion
wurde eingezogen. Er war in einen
Reißverschluss geraten.
Das Bethel-Geld sollte einen Anreiz zum
Einkauf in den Bethel-Betrieben schaffen.
Dadurch wurden die Infrastruktur gestützt
und Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung gesichert. Darüber
hinaus sah die Anstaltsleitung in der Ausgabe des BethelGelds einen gewissen Schutz für die behinderten Bewohner.
Sie befürchtete, dass sie mit ihrem Taschengeld „allerlei
Unfug“ anrichten könnten. Wenn sie aber Warengutscheine
erhielten, so die Argumentation, wären sie gezwungen,
ihre Einkäufe nur in den
Anstaltsgeschäften zu
tätigen, „und dort weiß man
sie richtig zu behandeln“.
Heute kann jeder Mensch,
der Unterstützung von den
Fachdiensten der v. Bodelschwinghschen Stiftungen
Bethel erhält, selbstbestimmt einkaufen, wo und
was er will.
Zum 1. März 2002 wurde aus der BethelMark der Bethel-Euro in Abstimmung mit
der Europäischen Zentralbank. Die
wirtschaftliche Bedeutung des BethelGeldes ist in den vergangenen Jahrzehnten jedoch
zurückgegangen. Trotzdem nehmen - von der Buchhandlung
bis zur Bäckerei - immer noch viele Geschäfte die Warengutscheine an. Beim Umtausch ist die Sparkasse Bielefeld
behilflich. Pro Person können bis zu 1000 Euro gewechselt
werden. Für hundert Euro werden hundertfünf Betheleuro
ausgezahlt.
Die Deutsche Bundesbank hatte bei der Entwicklung ein
wachsames Auge auf die sieben Bethel-Scheine. Die Farben
und Motive der 50-Cent-, 1-, 2-, 5-, 10-, 20- und 50- EuroScheine mussten sich deutlich von der regulären Währung
unterscheiden. Diese Forderung der Aufsichtsbehörde haben
die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel gelöst, indem
sie die schönsten und geschichtsträchtigsten Gebäude der
Ortschaft Bethel auf ihren Scheinen präsentieren und damit
für einen Ort werben, in dem die Geschichte der Diakonie
lebendig ist.
Silja Harrsen, Bielefeld
Der langjährige Leiter von
Bethel, Pastor Friedrich von
Bodelschwingh, förderte die
Einführung des BethelGeldes.
Fotos: Bethel
Urlaubsmünzen Wie aus alten D-Mark-Scheinen und Rest-Devisen Bildung wird 17
Mit Urlaubsmünzen
etwas Gutes tun
Wie aus alten D-Mark-Scheinen
und Rest-Devisen Bildung wird
Seit es den Euro gibt, hat man nach einem Urlaub seltener
das Problem: Wohin mit den restlichen Münzen und Scheinen
aus dem Urlaubsland? Und doch haben sich bei vielen
Urlaubern auch in diesem Jahr wieder Dollar, Kronen, Pfund
und Zlotty nach den Ferien angesammelt. Oft wandern die
Münzen in irgendwelche Schubladen und verstauben dort. Mit
diesen Rest-Devisen, aber auch alten D-Mark-Beständen, die
nach Jahren wieder auftauchen, kann man Gutes tun.
Schon seit Jahren sammelt Uwe Seils, Mitarbeiter im rheinischen Landeskirchenamt, in- und ausländische Münzen und
tauscht sie für einen guten Zweck ein. Neben den Rest-Devisen aus dem Ausland interessieren ihn auch alte, nicht mehr
gültige Münzen und Banknoten sowie ausländisches Kleingeld, das keine Bank mehr zurücknimmt. Lange Zeit wurden
mit den Erlösen Behindertenhilfsprojekte in Osteuropa
Kontakt
Wer übrig behaltene Urlaubsmünzen oder Geldscheine
spenden möchte oder auf dem Dachboden noch eine
Zigarrenkiste mit alten Münzen findet, kann sich an Uwe
Seils wenden. Er ist zu erreichen unter Telefon 0211/4562642 und per E-Mail [email protected].
unterstützt. Seit einigen Jahren fördert Seils damit die Schulstiftung der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR).
Als sich vor einigen Jahren die Münzen säckeweise bei Uwe
Seils türmten, musste das Geld noch in einer Werkstatt für
Menschen mit Behinderung sortiert werden. Heute sind die
Mengen überschaubarer und Seils sortiert alles selbst von
Hand. Im letzten Jahr konnte er so einen Betrag von fast 3000
Euro eintauschen.
Ulrich T. Christenn, Düsseldorf
* 80 Euro kostet
durchschnittlich eine
Tankfüllung mit Benzin
– 80 Euro beträgt auch
die Pauschale, wenn ein
Kind für 35 Stunden in
der Woche einen
Kindergarten besucht.
18 Senioren in der Schuldenfalle
Senioren in der Schuldenfalle
Wenn sie aus ihrem Wohnzimmer direkt auf die
Kölner Oper schaut, wird Luise M. ganz wehmütig ums Herz: Es sind nicht die Querelen um die
Sanierung und die Finanzen der Kölner Oper, es
ist vielmehr ihre eigene finanzielle Situation, die
sie belastet.
„Ich kann zwar auf die Oper gucken, aber einen Opernbesuch kann ich mir nicht leisten“, seufzt die 79-Jährige, die
früher gerne mit ihrem Mann in die Oper ging. Seit seinem Tod
lebt sie alleine in der großen Wohnung. Hier finden sich noch
viele Spuren eines besseren Lebens: Eine Schrankwand aus
hochwertiger Eiche ziert die Wohnzimmerwand, ein Glastisch
mit Blumenvase steht vor der großen Fensterfront. Die Miete
ist für Kölner Verhältnisse in dieser zentralen Lage vergleichsweise günstig, doch nach Abzug der Miete hat die Rentnerin
noch 400 Euro zum Leben. Für einen Opernbesuch bleibt da
kein Geld übrig.
Bankberater verschwand mit Erspartem
Ähnlich ergeht es auch Friedhelm W.: „Ein Theater oder ein
Café haben meine Frau und ich schon lange nicht mehr
besucht“, sagt der 75-Jährige. Als leitender Angestellter einer
großen Versicherung hat er im aktiven Berufsleben gut
verdient und für das Alter einiges auf die Seite legen können.
Das Ersparte, mehr als 100.000 Euro, vertraute er einem
befreundeten Bankberater an. Der aber verschwand mit dem
Geld. Die Rente allein reichte nicht, um die große Wohnung in
einer noblen Gegend im Kölner Süden zu halten. „Ich habe
zunächst ohne meine Frau nach einer günstigeren kleineren
Wohnung gesucht und zum Glück etwas Schönes für uns
beide gefunden.“ Trotzdem sei es vor allem seiner Frau sehr
schwer gefallen, den gewohnten Stadtteil zu verlassen und
sich von lieb gewordenen Dingen und Gewohnheiten zu
trennen. „Auch der Freundes- und Bekanntenkreis schrumpft
zusehends, wenn das Geld weder für einen Restaurantbesuch
noch für ein Gastgeschenk reicht“, räumt der Rentner ein.
Nach Abzug der privaten Krankenversicherung, Miete und
Kosten für das Auto, das der schwerbehinderte Mann keinesfalls aufgeben möchte, bleiben dem Ehepaar noch knapp 400
Euro zum Leben. Alle Bemühungen, die hohen Kosten der
Krankenversicherung zu reduzieren, sind gescheitert. Mit Hilfe
der Schuldnerberatung strebt Friedhelm W. jetzt eine Privatinsolvenz an, um schuldenfrei zu werden.
„Alte Menschen wollen ihr Haus bestellen“
Gerade älteren Menschen ist es oft wichtig, am Ende des
Lebens schuldenfrei zu sein. „Sie wollen ihr Haus bestellen“,
sagt Kerstin Nöll, Seniorenberaterin der Diakonie in KölnLindenthal. In ihre Sprechstunde kam eine 82-Jährige,
der es ganz wichtig war, 700
Euro Schulden zurückzuzahlen, bevor sie stirbt. „Ein
vergleichsweise kleiner
Betrag“, räumt Nöll ein, aber
da das Einkommen im
Sozialhilfeniveau lag, konnte
die Seniorin nicht einmal
kleine Raten zurückzahlen.
Auf Drängen der Seniorenberaterin ließen sich die
Gläubiger auf einen Vergleich
ein und es fanden sich zwei
Stiftungen, die den noch
offen stehenden Betrag
übernahmen. „Die Dame ist
ungefähr ein knappes Jahr
später gestorben und sie war
ganz glücklich, dass die
Senioren in der Schuldenfalle 19
Schulden bezahlt waren.“
Diesen Fall konnte die
Seniorenberaterin mit
einigem Aufwand selbst
lösen, komplexere Fälle
vermittelt Kerstin Nöll lieber
an die Kolleginnen und
Kollegen in der Schuldnerberatung weiter.
Bedarf an Schuldnerberatung wächst stetig
„Der Bedarf an Schuldnerberatung für den Personenkreis
über 60 wächst stetig“, sagt
Maike Cohrs, Teamleiterin
der Schuldnerberatungen für
Köln und Brühl unter dem
Dach des Diakonischen
Werkes Köln und Region.
„Schon heute können wir
nicht allen Anfragen nachkommen.“ In der Beratungsstelle in Köln wurden im vergangenen Jahr knapp 600 Menschen beraten. 18 Prozent der
Ratsuchenden waren älter als 60 Jahre. Maike Cohrs hat die
Erfahrung gemacht, dass vor allem ältere Menschen nicht
gerne über Geld sprechen: „Man hat auch keine Schulden“,
so die weit verbreitete Auffassung in der älteren Generation,
„denn wer Schulden hat, kann nicht mit Geld umgehen“.
Während es bei den Jüngeren auch schon mal normal sei,
dass man sein Konto überzieht, „aber bei den Älteren ist das
eben nicht normal.“ Besonders häufig sind es Frauen wie
Luise M., die nach dem Tod ihres Partners mit der kleineren
Witwenrente auskommen müssen und selbst über keine oder
nur eine sehr geringe Rente verfügen. Viele waren wegen der
Familie gar nicht berufstätig oder nur zeitweise und haben
dann oftmals wenig verdient. Wenn das Geld kaum zum
Leben reicht, sammelt sich schnell ein Schuldenberg an, der
mit einer kleinen Rente nicht mehr abzutragen ist.
In Ausnahmefällen auch Hausbesuche
Allerdings haben vor allem ältere Menschen große Scheu,
eine Beratungsstelle aufzusuchen, oder aber sie sind körperlich kaum noch dazu in der Lage. In solchen Fällen machen
die Schuldnerberater der Diakonie auch schon mal einen
Hausbesuch. Rund 40 Hausbesuche waren es im vergangenen Jahr. Hier geht es Maike Cohrs und ihren Kollegen erst
einmal darum, Vertrauen aufzubauen und die Senioren zu
ermutigen, Hilfe anzunehmen, auch finanzielle staatliche Hilfe,
um die Rente aufzustocken. Die Schuldnerberatung an sich
unterscheidet sich nicht wesentlich von der Beratung jüngerer
Menschen, die überschuldet sind: Einnahmen und Ausgaben
werden in einem Haushaltsplan gegenübergestellt, es wird
nach Einsparmöglichkeiten gesucht und Kontakt zu den
Gläubigern aufgenommen. Die Beratung ist kostenlos und
unterliegt der Schweigepflicht. In der Regel erfahren die
Beraterinnen und Berater gerade von älteren Menschen große
Dankbarkeit, wenn sie helfen konnten, betont Maike Cohrs:
„Die Dankbarkeit ist immer da, das merkt man.“ Viele seien
erleichtert, wenn sie merken, dass sie Miete, Strom und
Lebensmittel zahlen könnten und danach erst die Gläubiger
und Ratenverpflichtungen an der Reihe seien. „Wenn dann
noch zusätzliche finanzielle Hilfe organisiert werden kann,
sind die meisten schon sehr erleichtert und auch sehr dankbar.“
Text: Martina Schönhals, Köln
Fotos: Jürgen Schulzki, Köln
20 Nächste Hilfe Bahnhofsmission Schnell und unkompliziert
Foto. Bahnhofsmission
Die Bahnhofsmission versteht sich als soziale Anlaufstelle, die
unbürokratisch, kostenlos und auf Wunsch auch anonym den
Menschen zur Seite steht. Art und Umfang des Problems
spielen keine Rolle, denn wer Hilfe sucht ist hier genau richtig.
Täglich werden die über 100 Bahnhofsmissionen in Deutschland von Menschen aufgesucht, die nicht weiterwissen und
es aus eigener Kraft nicht mehr schaffen, ihren Lebensalltag
zu bewältigen. „Wir helfen jedem Menschen, egal mit welchem Problem“, nach diesem Grundsatz handelt die Bahnhofsmission. Egal ob es sich um Gespräche über Sorgen und
Nöte handelt oder eine konkrete Hilfe erforderlich ist, die
Mitarbeitenden beraten, vermitteln und unterstützen.
Jeden Tag.
Ein Beispiel aus Essen
Ein Beispiel stellvertretend für die tägliche Arbeit
der Bahnhofsmission: Es ist Dienstag, als eine
junge Frau in die Bahnhofsmission Essen kommt.
Frau P. Ist gehörlos, wodurch die Kommunikation
mit ihr nur sehr eingeschränkt möglich ist. Wir kontaktieren das Jugendhilfezentrum für Hörgeschädigte in Essen
und bitten um Unterstützung. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin macht sich mit Frau P. direkt auf den Weg dorthin. Im
Gespräch mit der Dolmetscherin stellt sich heraus, dass Frau
P. 21 Jahre alt ist und ursprünglich aus Augsburg stammt. Sie
ist mit ihrem Freund nach Essen gezogen. Von diesem hat sie
sich jedoch getrennt und ist aus der gemeinsamen Wohnung
ausgezogen. Zu ihren Eltern möchte sie nicht zurück, da es in
der Vergangenheit vermehrt zu Streitigkeiten gekommen ist.
Frau P. würde gerne eine eigene Wohnung in Bochum bezie-
Nächste Hilfe
Bahnhofsmission
Schnell und
unkompliziert
hen. Sie ist überfordert mit ihrer Situation, da sie durch ihre
Verständigungsschwierigkeiten nicht weiß, wie sie die Anträge
beim zuständigen Job-Center stellen soll. Derzeit ist Frau P.
völlig mittellos. Außerdem klagt sie über starke Zahnschmerzen, kann sich jedoch die Praxisgebühr nicht leisten.
Wieder am Hauptbahnhof angekommen, übernehmen wir für
sie die Praxisgebühr in Höhe von 10 Euro und sie sucht einen
Arzt auf. Anschließend kommt sie zurück in die Bahnhofsmission. In der Zwischenzeit hat ein Mitarbeiter einen Termin mit
der Gehörlosenberatungsstelle in Bochum für den nächsten
Tag vereinbart. Am nächsten Morgen kommt sie
wieder zu uns, gehen wir mit ihr gemeinsam
einkaufen und finanzieren ihr die nötigen
Lebensmittel für die nächsten Tage. Nachmittags kann sie nach Bochum fahren, um sich in
der Beratungsstelle zu melden. Einige Tage
später kommt Frau P. noch einmal in die
Bahnhofsmission. Sie bedankt sich für unsere
Unterstützung. Sie konnte die nötigen Unterlagen
beim Job Center einreichen und wird Anfang des
nächsten Monats eine eigene Wohnung beziehen.
Dies ist nur eins von zahlreichen Beispielen, wie die Bahnhofsmission auch mit geringen finanziellen Mitteln und durch die
Unterstützung ehrenamtlich Mitarbeitender Menschen in ihrer
Not helfen kann. Oft hilft es schon, die Menschen in ihrer Not
ernst zu nehmen und ein Stück auf ihrem Weg zu begleiten.
Barbara Weß, Essen
Fördermittel für Gemeinden 21
Fördermittel für Gemeinden
Wie können Gemeinden für Ihre Projekte Fördermittel akquirieren? Wer berät sie zu den Richtlinien und dem Antragsprocedere? Anträge an Soziallotterien wie Aktion Mensch, GlücksSpirale, ARD-Fernsehlotterie (Stiftung Deutsches Hilfswerk) sowie
die Stiftung Wohlfahrtspflege und Fördermittel aus den Erlösen
des Postverkaufs von Wohlfahrtsbriefmarken können nur über
die jeweiligen Landesverbände gestellt werden. Für das
Rheinland berät die Geschäftsstellte der Diakonie RheinlandWestfalen-Lippe in Düsseldorf. Auch Kirchengemeinden
können sich an den Landesverband wenden.
Grundsätzlich werden soziale Projekte mit konzeptioneller
Neuausrichtung gefördert. Hierzu gehören genauso zukunftsweisende Investitionen (Bau/Ausstattung) als auch Personalkostenförderungen im Rahmen innovativer Modellprojekte.
Regelangebote, Anschlussfinanzierungen, bestehendes
Personal sowie Sanierung / Instandhaltung werden im
Allgemeinen nicht gefördert. Die Förderung erfolgt nach
festgelegten Förderrichtlinien, die genauestens einzuhalten
sind. Es wird immer ein Eigenanteil des Antragstellers zwischen 10 und 20 Prozent erwartet. In der Regel darf mit dem
Projekt nicht vor der Entscheidung der Kuratorien begonnen
werden. Nach Ende der Maßnahme wird ein Projektbericht
mit einem endgültigen Kosten- und Finanzierungsplan
erwartet. Die bewilligten Fördermittel werden überwiegend in
Raten nach Rechnungsnachweis ausgezahlt.
Welche interessanten Fördermöglichkeiten
gibt es für Gemeinden?
Aktion Mensch fördert
Investitionen zur Verbesserung der Barrierefreiheit für
Menschen mit Behinderung (SGB IX) in Gemeindezentren mit
integrativem Konzept. Wobei zu beachten ist, dass keine
Zentren gefördert werden, die „rein“ kirchliche Angebote
vorhalten, wie Räume für Gottesdienste, Konfirmandenunterricht, Gemeindebüro. Das Zentrum muss offene integrative
Angebote für den Stadtteil offerieren. Dem Antrag muss ein
„Wochen-Monatsplan“, in dem sämtliche Angebote aufgeführt
sind, die in den zu fördernden Räumen stattfinden, beigefügt
werden. Über die Förderaktion „Miteinander Gestalten“
werden kleine Projekte im Bereich Inklusion im Alltag und
Kinder- und Jugendprojekte unterstützt. Hier kann eine
Fördersumme über 4.000,00 € beantragt werden. Eigenmittel
sind ausnahmsweise nicht notwendig.
Stiftung Deutsches Hilfswerk
(ARD-Fernsehlotterie) und die
Stiftung Wohlfahrtspflege fördern
offene Seniorenarbeit wie zum Beispiel
Investitionen für ein Seniorenzentrum
beziehungsweise den neuen Förderschwerpunkt
„Quartiersentwicklung“ für Senioren.
Wie kann oder muss ein Stadtteil
verändert werden, damit dort ein
Leben bis ins hohe Alter gewährleistet werden kann? Hier geht es sowohl
um gesellschaftliche Fragen in Bezug
auf realistische Altersbilder als auch um Schaffung von
Infrastruktur, bedarfsgerechten Wohnangeboten und Dienstleistungen und wohnortnaher Beratung und Begleitung.
Die GlücksSpirale fördert Personalkosten für neue innovative Projekte
(keine Regelangebote) in der außerschulischen Jugendarbeit als Anschubfinanzierung, sowie den Aufbau
von Ehrenamtsstrukturen für besondere neue Angebote.
Fördermittel aus den
Erlösen des Postverkaufs von Wohlfahrtsbriefmarken können
insbesondere für kleine
innovative Projekte im
Bereich Junge Menschen,
Familien. Kranke, Behinderte
und alte Menschen angefragt werden.
Michaela Hof, Düsseldorf
Weitere
Informationen
Wichtige Hinweise zu allen
Fördermöglichkeiten
finden Sie auch im
Internet:
www.aktion-mensch.de
www.ard-fernsehlotterie.de
www.sw.nrw.de
www.gluecksspirale.de
22 Was das alles kostet! Heimkosten aus der Sicht einer Bewohnerin
Ach du meine Güte, was kostet das alles?
Heimkosten aus Sicht einer Bewohnerin des
Wilhelm-Langemann-Hauses in Meinerzhagen*
Wir leben in einer hektischen, schnellen Gesellschaft, dieses Leben macht
sich auch bei uns Menschen bemerkbar. Ich denke daran, dass die Menschen alt werden, sie benötigen eine Pflege, die einerseits nicht leicht ist,
und andererseits nicht mehr bezahlbar sein wird, je älter sie werden.
Ich bin Witwe, habe keine Kinder, vom Rest der Familie wollte
ich die Hilfe nicht einfordern oder annehmen. Aber wohin soll
ich gehen, wer wird sich um mich kümmern?
Von Anfang an gab es für mich Folgendes zu bedenken: Wer
entscheidet für mich, wenn ich selbst nicht mehr in der Lage
bin, wer macht meine Bankgeschäfte und all die Dinge, die zu
erledigen sind? Bei diesen Fragen wurde ich von meinem
Schwager beraten.
L Wie wird sich meine finanzielle Situation gestalten?
L Wie sieht meine Vorsorge aus?
L Wie steht es mit dem Notgroschen?
L Wie klappt es mit der Erbschaft?
Wir hatten ein sehr vertrauensvolles Verhältnis. Da war es
für mich logisch, diesem Menschen auch entsprechende
Vollmachten zu übertragen.
In meiner Umgebung habe ich viel Positives vom Altenheim in
Meinerzhagen gehört. Ich habe einen Termin zur Beratung
und Besichtigung mit der Einrichtungsleitung abgesprochen
und mir das Haus sehr genau angesehen. Mein Eindruck war
überraschend positiv. Ich habe mich dann, so wie ich bin, auf
eine Warteliste setzen lassen.
Und wie das Leben so spielt, ich musste ins Krankenhaus und
während des Aufenthaltes stellte sich heraus, dass nun der
Zeitpunkt kommt, dass ich übersiedeln muss. Ich bekam
einen Platz in Meinerzhagen.
Und nun die Frage aller Fragen: Was kostet das alles?
Die Mitarbeiterin in der Verwaltung hat mich umfassend
informiert und mich beratend unterstützt. Auf alle gestellten
Fragen bekamen wir kompetente Antworten und schriftliche
Informationen. Aber im Besonderen interessierte ich mich
natürlich auch:
ofür wird mein Geld gebraucht?
W
Was passiert mit mir?
L Wo komme ich hin?
L Wer kümmert sich um mich?
L Wie bekomme ich mein Essen?
L Was passiert, wenn ich krank werde?
L Was kann ich in meiner Freizeit machen?
L
L
Ich habe die Pflegestufe 1 und zahle für meinen Platz im Haus
für Unterkunft 16,04 Euro, für Verpflegung 12,35 Euro, Für die
Pflege, die ich brauche, 42,38 Euro und der Betrag für
Investitionen ist 13,09 Euro. Gesamt bedeutet das am Tag
83,86 Euro und durchschnittlich im Monat 2.551,02 Euro.
Davon übernimmt die Pflegekasse 1.023,00 Euro und so
bleibt für mich zu zahlen 1.528,02 Euro.
Das ist auf den ersten Blick viel Geld. Doch dafür bekomme
ich: ein nettes Zimmer mit Nasszelle, mit Pflegebett und
Nachttisch. Mit eigenen Möbeln konnte ich mir mein ganz
eigenes Zuhause schaffen.
Dazu eine umfassende, professionelle, mich auch aktivierende
Pflege am Tag und in der Nacht. Ich brauche mich nicht um
Arzttermine, nicht um die Medikamente und vieles mehr zu
kümmern. Wir werden sogar ein Mal in der Woche gebadet,
wo gibt es so was noch heute?
Ich habe die Sicherheit, nie alleine sein zu müssen. Einer ist
immer da! Auch in der Nacht. Da hatte ich die letzte Zeit zu
Hause schon manchmal ein wenig Angst. Ums Essen muss
ich mich auch nicht mehr kümmern. Zu Hause allein zu essen,
jeden Tag, war schon sehr traurig und hat meinen Appetit
nicht gefördert. Hier im Haus gibt es gutes, leckeres Essen.
Die Mahlzeiten kann jeder innerhalb eines gewissen Zeitrahmens einnehmen, in Gesellschaft oder auch nicht, ganz wie
man’s mag. Auch Frühaufsteher oder Langschläfer kommen
zu ihrem Recht. Wir haben eine tolle Auswahl zum Frühstück
Was das alles kostet! Heimkosten aus der Sicht einer Bewohnerin und Abendbrot, können aus mindestens drei Sorten Wurst
und drei Sorten Käse und vielen verschiedenen Brotsorten,
Beilagen sowie Getränken auswählen. Samstag und Sonntag
wird zum Mittag- und Abendessen außerdem Wein und Bier
angeboten.
Wer kennt das von Zuhause? Ich konnte bestimmt gut leben,
finanziell ging es uns gut, aber so umfangreich hatte ich es,
ehrlich gesagt, nicht. Mittags wählen wir aus zwei Gerichten
aus. Es wird sich unseren Wünschen und Bedürfnissen
angepasst.
Ich arbeite zum Beispiel in der Speiseplangruppe mit. Hier
werden die Pläne der nächsten Zeit mit uns abgestimmt und
auch Beschwerden fachlich diskutiert und bearbeitet. Unsere
Wünsche werden aufgenommen und in der nächsten Zeit
finden wir sie auf dem Speiseplan wieder. Mir gefällt besonders gut, dass zur Jahreszeit passend gekocht wird. Das ist
auf jeden Fall wirtschaftlich. Ich habe im Winter auch keine
Erdbeeren gekauft oder Pflaumenkuchen gebacken.
Wir werden in unserem alltäglichen Leben im Haus in einem
sehr anspruchsvollen Rahmen bedient, von der Pflege, der
Hauswirtschaft und dem Sozialdienst. Darüber hinaus gibt es
einen großen Kreis Ehrenamtlicher, die ihren Beitrag zu
unserem Wohlbefinden beisteuern. Das ist das „bisschen“
Mehr am Rande. Und ich denke, ich kann das auch für die
Mitbewohner sagen.
Das Personal ist immer korrekt und schön sauber angezogen,
hat einen guten, äußerst angepassten Umgangston. Mir ist
das sehr wichtig. Das gilt nicht nur für die Pflege und das
leibliche Wohl, sondern auch für die Seele. Es wird im Haus
so viel Gelegenheit zur Beschäftigung angeboten. Wir werden
zu Veranstaltungen eingeladen, und wer nicht kann wie ich,
wird sogar geholt und gebracht. Jeder entscheidet ob er will
oder nicht – es ist ein Angebot!
23
Ich habe so vielfältigen Kontakt zu den ehrenamtlichen
Mitarbeitern, zu den Mitbewohnern und zu Menschen aus der
Gemeinde. Viele Menschen aus Kierspe, meiner alten Heimat,
begegnen mir hier. Sie sehen, wir haben ein umfangreiches
Programm, ganz nach meinem Geschmack, und alles fürs
gleiche Geld. Dennoch treffe ich immer wieder Bewohner und
Angehörige, die sagen, dass das alles so teuer ist. Ich
begegne diesen Menschen im offenen Gespräch, versuche
ihnen zu erklären, dass auch noch weitere Kosten anfallen,
die nicht so erkennbar sind.
Es denkt nicht jeder daran, wie Grundstückssteuer, Feuerversicherung, Hausratversicherung, Heizung, warmes Wasser,
elektrisches Licht, Reparaturen, Neuanschaffungen finanziert
werden. Aber es sind noch so viele Dinge mehr, die Beachtung finden müssen, die auch Geld kosten: gereinigte Zimmer,
saubere Fenster, gepflegte Wäsche, schöner gepflegter
Garten, wunderbare Dekoration zu jeder Jahreszeit im ganzen
Haus, Weihnachtsessen mit Angehörigen, Oster- und Weihnachtskaffeetrinken mit Angehörigen, Freunden oder Bekannten, Sommerfeste, Spargelessen und noch so vieles mehr!
Mein Leben hier im WLH hat einen besonderen Wert erfahren.
Wir dürfen nicht immer nur Kosten oder Nutzen gegenrechnen. Ich habe hier sehr viele nette Menschen kennen gelernt,
die mich begleiten – stützen – halten, die mir aber auch viel
bedeuten. Sie werden es kaum glauben, je älter ich werde,
umso mehr muss ich lernen, auf der einen Seite Hilfe anzunehmen, aber auch Unterstützung weiterzugeben.
Bei all den vielen Worten, ich darf sein, wie ich bin und auch
so bleiben, egal was es kostet. Ist das nicht schön ?
Eure
Mia Vollmer, Meinerzhagen
Ich gehe montags zum Gottesdienst, dienstags zum Nachmittagskreis, mittwochs zur Cafeteria oder zu den Braun‘schen
Frauen, donnerstags zur Sitzgymnastik, freitags zum Gedächtnistraining und freitags vormittags vereinbare ich
meistens Friseurtermine im Haus. Den gibt’s nämlich auch
hier!
Ein Mal im Monat, an einem Dienstagnachmittag, kommt mein
Schwager (als Betreuer) mit seiner Ehefrau, und dann bestelle
ich mir unten in der Küche Kaffee und Kuchen für mich und
meine Gäste, den wir gemeinsam im Zimmer einnehmen.
*Abdruck mit freundlicher Genehmigung aus der PerthesPost, Ausgabe 3/2012
24 Die Diakoniesammlung Eine Frage von Verantwortung und Freiheit
Die
Diakoniesammlung
Eine Frage von
Verantwortung und Freiheit
Zu den diakonischen Pflichten der Kirchengemeinde gehört
insbesondere die Durchführung der Diakoniesammlung. So
steht es im Diakoniegesetz. Traurige Wirklichkeit ist, dass
viele Gemeinden immer mehr Schwierigkeiten haben, die
Sammlungen auch durchzuführen. Vielerorts fällt es schwer,
tatkräftige Sammlerinnen und Sammler zu finden, die bereit
sind, im Frühsommer und Ende November bis Mitte Dezember die Sommersammlung und die Adventssammlung der
Diakonie jeweils drei Wochen lang durchzuführen. In manchen
Kirchengemeinden werden dem Gemeindebrief Zahlscheine
beigelegt, in anderen wird die Sommersammlung aufgegeben
und man konzentriert sich auf die Adventssammlung. Andererseits gibt es noch etliche Kirchengemeinden, die an der
Tradition der Diakoniesammlung festhalten und neue Wege
beim Sammeln ausprobieren. Diese Gemeinden können
erleben, dass die Sammlungen einen ganz besonderen
Charme haben, der sie von anderen Spendenaktionen und
„Fundraising“-Aktivitäten unterscheidet.
Foto: www.wirsammeln.de
Bettler und Botschafter
Denn die Sammlerinnen und Sammler kommen nicht nur als
„Bettler“, sie sind auch Botschafter ihrer Kirchengemeinde
und werden aufmerksam so wahrgenommen. Es kommt vor,
dass Menschen unwirsch reagieren, wenn die Sammlerin
klingelt. Viel häufiger können Sammlerinnen und Sammler
aber erleben, dass sie freundlich empfangen werden. Denn
eine Kirche, die diakonisch Gutes tut, hat ein gutes Ansehen,
auch bei denen, die den Weg in den Sonntagsgottesdienst
kaum noch finden. Natürlich nutzen manche Menschen auch
das Gespräch an der Haustür, um von ihren Sorgen und
Nöten zu erzählen. Sammlerinnen und Sammler brauchen die
Gabe des Zuhörens genauso wie die Gabe, um Geld zu
bitten. Die Mischung machts und sie ist eben anders als bei
Geldsammlungen mittels Massenbrief oder über Handyspende. In der sammlungsspezifischen Kombination aus Hausbesuch und Spendenbitte liegt das Besondere und Unaufgeb-
Die Diakoniesammlung Eine Frage von Verantwortung und Freiheit bare der Diakoniesammlung. Wer die Sammlungen aufgibt,
verzichtet leichtsinnig auf Geld, das gebraucht wird und er
verzichtet auf diakonisches Profil, das auch unverzichtbar ist.
Eine Millionenfrage
Die Sammlungsergebnisse sind gesunken im Laufe der
letzten Jahre und Ähnliches gilt bedauerlicherweise auch für
die Kollekten. Immerhin aber konnten bei den Sammlungen
im Jahr 2011 noch 1.465.700 Euro allein im Bereich der Evangelischen Kirche von Westfalen gesammelt werden – das ist
keine Kleinigkeit! Wer den Pfennig nicht ehrt, sagt das Sprichwort… Wer die Millionen nicht wertschätzt, müsste man aber
immer noch zu den Sammlungen sagen, der unterschätzt die
Möglichkeiten, mit Sammlungsgeldern Gutes zu tun.
In den kreiskirchlichen Diakonischen Werken und in den
sammlungsengagierten Kirchengemeinden sind in den letzten
Jahren auch bemerkenswerte Ideen entstanden, um den
Sammlungen neuen Schwung zu verleihen. Dabei sind die
Sammlungen auch zu besonderen „Events“, zu Ereignissen
mit fröhlich-feierlichem Charakter entwickelt worden. So gibt
es Diakoniesammel-Samstage auf dem Markt, bei denen
hauptamtliche und ehrenamtliche Mitarbeitende gemeinsam
um Spenden bitten und dabei neben Geld aufschlussreiche
Erfahrungen sammeln. Erfahrene Sammlerinnen und Sammler
sammeln gemeinsam mit Konfirmanden, die so eine ganz
besondere Seite von Kirche kennenlernen. Mit gezielter,
persönlicher Ansprache lassen sich fast immer auch neue
Sammlerinnen und Sammler finden, vorausgesetzt, man
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macht sich überhaupt auf die Suche. In einem neuen Ehrenamt will aber keiner allein gelassen werden, es kommt also
sehr darauf an, dass Neue organisatorisch und menschlich
gut unterstützt werden. Freie kirchliche Kollekten sollten auch
kirchlichen Zwecken zugeführt werden – und die Diakoniesammlung wäre ein solcher möglicher und sinnvoller Zweck.
Eine einfache, aber sinnvolle Idee ist auch, wenn unterschiedliche Gemeindegruppen die Verantwortung für die Sommersammlung und die Adventssammlung übernehmen, so lassen
sich Belastungen teilen und damit kleiner halten.
Warum ist es für Diakonie und Kirche wichtig, ein präzises
Augenmerk auf den eigenen Umgang mit Geld zu richten?
Weil eine Kirche, die sich gerne laut und öffentlich zu den
großen Finanzthemen positioniert, sich auch daran messen
lassen muss, wie sie da, wo sie im eigenen „Betrieb“ Einfluss
nehmen kann, mit Geld umgeht. „Kredit“ kommt bekanntlich
von „credo“, ich glaube. Präzision, Information, Transparenz
und damit Glaubwürdigkeit sind wichtig beim Umgang mit
Geld. Dabei geht es um Fragen wie: Wie viel Geld ist in der
Diakoniekasse und was wird damit gemacht? Wie werden die
Kollekten genutzt? Wie arbeiten und was leisten Stiftungen?
Wie macht sich ein Presbyterium kundig in Sachen Haushaltsplan und übernimmt somit echte Mitverantwortung? Wer
verschafft sich einen Überblick über Hilfsmöglichkeiten in
unterschiedlichen Notlagen? Und schließlich: Auch die
Diakoniesammlung sollte so in den Blick genommen werden
– als eine Frage von Verantwortung in evangelischer Freiheit
vielfältiger Formen und Aktionen. Ein Neustart ist möglich.
Reinhard van Spankeren, Münster
* Mit 1800 Euro pro
Sendeminute sind die
Kosten für die Produktion
einer Minute einer
Talkshow genauso hoch
wie die Kosten für eine
komplikationslose Geburt
in einem Krankenhaus.
26 Ehrenamt mit System Ehrenamt koordinieren
Ehrenamt mit System: Ehrenamt koordinieren
Die Spirale, die die Bausteine einer gelingenden
Ehrenamtsarbeit beschreibt, begleitet uns schon
durch einige Ausgaben des Heftes.
Anerkennung
geben
Abschied nehmen
Reflektieren und
Fort- und
auswerten
Weiterbildung
Erstgespräch
führen
Orientierung
ermöglichen
Ehrenamt
Begleiten
koordinieren
und beraten
Aufgaben
Rahmenbedingungen
beschreiben
schaffen
Ehrenamtliche
Bedarf einschätzen
gewinnen
Konzepte entwickeln
In diesem Heft wird nun ein Kernstück der systematischen Ehrenamtsarbeit beschrieben: Die Koordination des Ehrenamtes kann in unterschiedlicher
Weise erfolgen. Wichtig ist, dass ein Ansprechpartner oder ein kleines Team offiziell vom Presbyterium
beauftragt wird, das Ehrenamt zu koordinieren.
Wichtig ist auch, dass sich alle an die Verabredungen halten und der Koordinator in seiner Arbeit
ernst genommen wird. Ein kurzer Crash-Kurs, der
von der Diakonie RWL angeboten wird, vermittelt
gute und praktikable Kenntnisse für den Start in die
Arbeit wie zum Beispiel das Wissen über Ehrenamt,
Tipps, eigene Rolle. Damit der Koordinator / die
Koordinatorin oder das Team mit Freude dabeibleiben, sollten das Zeitbudget und die damit verbundenen Kapazitäten genau besprochen werden. Wie
dem Schaubild zu entnehmen ist, können Aufgaben
auch delegiert werden.
Das Schaubild zeigt den Rahmen, in den die
Koordination eingebettet ist.
Ehrenamt mit System Ehrenamt koordinieren
Aufgabenprofil Ehrenamtskoordination
Stabstelle/dem
Presbyterium
zugeordnet
Qualifizierung
Reflektionsmöglichkeit
Raum
Offizielle
Einführung
Rahmenbedingungen
Status/
Rolle
Budget/Kosten
Kenntlichmachung
der Koordinatorin
Stellenanteil
bei HA
Auftrag
Ehrenamtliche
koordinieren
EA-Koordination
den Bedarf an
Ehrenamt
einschätzen
Raum für
Konfliktbewältigung
bereithalten
Kommunikative
Fähigkeiten
andere Hauptamtliche
auf die Ehrenamtsarbeit vorzubereiten
Überblick
über EA-Spirale
Zuhören können
Fähigkeiten
Delegieren
können
Matching
Öffentlichkeitsarbeit
Karen Sommer-Loeffen, Düsseldorf
Aufgaben
sinnvolle Aufgabenbereiche
entwickeln und Tätigkeitsbeschreibungen formulieren
in Absprache mit Gruppenleitung oder Delegation
Ehrenamtliche
gewinnen
Eine Anerkennungskultur entwickeln
helfen
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Sommersammlung 2013 NRW
Samstag, 18. Mai 2013 bis
Samstag, 8. Juni 2013
Adventssammlung 2013 NRW
Samstag, 16. November 2013 bis
Samstag, 7. Dezember 2013
Leitwort 2013:
Mut machen
Impressum
Diakonie RheinlandWestfalen-Lippe e.V.
Stabsstelle Diakonisches
Profil und Kommunikation
Redaktion
Ulrich T. Christenn
Geschäftsstelle Düsseldorf
Lenaustr. 41
40470 Düsseldorf
Telefon 0211 6398-255
E-Mail u.christenn@
diakonie-rwl.de
Karen Sommer-Loeffen
Geschäftsstelle Düsseldorf
Lenaustr. 41
40470 Düsseldorf
Telefon 0211 6398-258
E-Mail k.sommer-loeffen@
diakonie-rwl.de
Reinhard van Spankeren
Geschäftsstelle Münster
Friesenring 32/34
48147 Münster
Telefon 0251 2709-780
E-Mail r.vanspankeren@
diakonie-rwl.de
www.diakonie-rwl.de
[email protected]
Gestaltung
luxgrafik, Münster
Erstgespräche
führen
Titelbild
zabalotta/photocase
Die EA-Spirale
im Blick haben
Druck
Druckerei Buschmann,
Münster
2012
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