Pre-Teens und Erwachsene lachen anders

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Pre-Teens und Erwachsene lachen anders
FORSCHUNG
16/2003/1
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Elizabeth Prommer, Lothar Mikos und Sabrina Schäfer
Pre-Teens und Erwachsene
lachen anders
Ältere Kinder und Erwachsene
lachen über unterschiedliche Dinge. In der Analyse der Rezeption
der Simpsons wird deutlich, dass
Erwachsene sich über den hintergründigen Humor amüsieren (sekundäre Komikstruktur), wo ältere Kinder über Erwachsene in
Slapstick-Situationen lachen (primäre Komikstruktur). Noch deutlicher wird der Unterschied in der
Analyse des allgemeinen Humorverständnisses von Erwachsenen
und Pre-Teens. Wo Kinder über
witzige Sprache, absurde Szenen
oder Slapstick lachen, diskutieren
Erwachsene den politisch korrekten oder gegengelesenen Humor.
1. Einleitung
eder kennt die Situation: Die
Familie sieht gemeinsam fern
und was ein Familienmitglied
komisch findet, darüber kann das
andere gar nicht lachen. Deutlich
wird dies beispielsweise bei dem Cartoon Tom und Jerry: Kinder kringeln
sich über die Missgeschicke, die dem
Kater Tom widerfahren, während Erwachsene sich über die Brutalität dieses Kinderprogramms wundern. Es
gibt noch viele weitere Beispiele, die
verdeutlichen, wie unterschiedlich
das Verständnis von Humor ist bzw.
über welche verschiedenen TV-Programme gelacht wird. So lachen Jugendliche über Jack-Ass, während Erwachsene die Jugendschützer auf den
Plan rufen.
J
Von besonderem Interesse für die
folgenden Betrachtungen sind die
Pre-Teens. Pre-Teens, die 10- bis 13Jährigen, zeichnen sich durch eine
Schwellenphase in ihrem Leben aus,
vom Kind zum Jugendlichen, und
dies zeigt sich auch in ihrem
Fernsehverhalten. So weisen die
Reichweiten vieler deutscher TVSendungen auf, dass Pre-Teens sehr
häufig Fernsehprogramme rezipieren,
die für Erwachsene gemacht wurden.
Zu den reichweitenstärksten Sendungen gehören neben Fernseh-Highlights wie Wetten, dass …?, Fußball
WM oder Formel 1, auch die Quizsendung Wer wird Millionär? und bei
den Mädchen Gute Zeiten, schlechte
Zeiten. Doch auch Comedy-Sendungen sind bei den Pre-Teens sehr
beliebt. Die Comedy-FreitagabendSchienen bei RTL und SAT 1 erreichen hohe Zuschaueranteile bei den
10- bis 13-Jährigen. Es stellt sich deshalb hier die folgende Frage: Was ist
für Pre-Teens im Fernsehen komisch
und was für Erwachsene? Lachen sie
über die gleichen Sendungen und
Szenen oder haben sie wenig gemeinsam? Ziel der folgenden Studie (im
Auftrag des IZI) ist es also, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten im
Humorverständnis von Pre-Teens und
Erwachsenen herauszuarbeiten.
Um die Forschungsfrage beantworten
zu können, wurden mit der Methode
der qualitativen Fernsehanalyse von
Inszenierungsweisen und Dramaturgie in einem ersten Schritt die visuellen und auditiven Komik- und
Witzstrukturen von vier Comedy-Formaten des deutschen Fernsehens, die
von Pre-Teens viel gesehen werden,
untersucht.
In einem zweiten Schritt wurden je
vier Gruppendiskussionen mit PreTeens und Erwachsenen durchgeführt
(insgesamt 8 Gruppendiskussionen),
bei denen es um die witzigen Elemente der analysierten ComedySendungen sowie das generelle
Humorverständnis ging. In einem
weiteren Schritt wurden mit insgesamt 20 Personen (10 Pre-Teens, 10
Erwachsene) vertiefende LeitfadenInterviews durchgeführt, um so auch
die Tiefenstrukturen des Humor- und
Witzverständnisses herausarbeiten zu
können. Damit wird es möglich, Komik- und Humorstrukturen zu analysieren, die über alle Medien hinweg
bedeutsam sind, aber auch solche herauszuarbeiten, die fernsehtypisch
sind.
Die Stichprobengröße wurde bewusst
auf 20 qualitative Leitfaden-Interviews reduziert, um Rezeptionsmuster herausarbeiten zu können. Die
Vorgehensweise orientiert sich auch
an der Forderung Renckstorfs (1989),
für den die Zuwendung zum Konzept
der Mediennutzung als Medienhandeln auch eine »deutliche Akzentverschiebung zugunsten kleiner,
absichtsvoll konstruierter Stichproben, ›verstehender‹ Methodik im Allgemeinen und Abkehr vom Muster
bevölkerungsrepräsentativer Surveys« bedeutet.
Diese Kombination der verschiedenen Analysestufen – der dramaturgischen Fernsehanalyse mit Methoden
der qualitativen Rezeptionsforschung
– entspricht dem Babelsberger Mo-
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dell der Triangulation als Forschungsund Denkansatz. Die Verbindung der
Rezeptionsstudie mit einer fernsehgerechten Analyse des Inhalts steht
dabei im Vordergrund.
Der folgende Beitrag wird beispielhaft auf zentrale Ergebnisse der Studie eingehen.
2. Humor im Fernsehen
Ein »Comedy-Boom« hat sich auf
allen Kanälen breit gemacht und bietet dem Publikum allerlei Möglichkeiten zum Lachen. Seien es die
Sitcoms Ritas Welt oder Nikola, die
jeden Freitagabend 5 bis 6 Millionen
Zuschauer erheitern, oder 7 Tage, 7
Köpfe, Ladykracher und Was guckst
Du?. Seit der Einführung von RTLs
Samstag Nacht (Erstsendung am
6.11.1993, vgl. Lambernd 1997,
S. 133) haben die Sketch-Revuen von
Hallervorden und Co. Konkurrenz
bekommen.
Über Humor und die Gründe des Lachens haben schon Philosophen und
Denker wie Aristoteles, Platon,
Hobbes, Descartes, Kant und Freud
geschrieben. Auch im 21. Jahrhundert
erfreut sich dieses Thema der wissenschaftlichen Betrachtung hauptsächlich durch die Psychologen, die
Humor in der Therapie und sogar in
Krankenhäusern (man denke nur an
die Krankenhaus-Clowns auf Kinderstationen) einsetzen. Zentrales
Forschungsinteresse ist hier häufig:
Welche Funktionen hat das Lachen?
Aus welchen psychologischen Dispositionen lachen wir? Gibt es Menschen mit mehr Sinn für Humor als
andere? Im Zentrum dieser psychologischen Forschungsrichtungen steht
die Bedeutung des Lachens und des
Humors für das Individuum. Diese
Aspekte stehen für uns jedoch nicht
im Vordergrund.
Auch die Soziologen beschäftigen
sich mit den sozialen Funktionen von
Humor. So verbindet das gemeinsame Lachen und ist quasi das Schmiermittel für soziale Interaktion. Humor
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erleichtert Korrekturen sozialen Verhaltens innerhalb einer Gruppe. Über
Humor können auch aufgestaute
Feindseligkeiten abgelassen werden
(z. B. Beamtenwitze). Humor ist außerdem eine Form der notwendigen
Abgrenzung gegenüber Normen und
Zwängen.
Komik ist angewandter Humor und
wird artifiziell hergestellt. Das bedeutet, wenn im Folgenden Fernsehsendungen analysiert werden, werden die
Komikstrukturen untersucht. Komik
erzeugende Mittel kann man noch in
Witz, Scherz, Gag, Groteske, Ironie,
Parodie und Satire unterscheiden.
Komikmittel
Witz ist eine kurze, Lachen erzeugende Erzählung, die in einer Pointe gipfelt.
Scherz ist eine Vorstufe des Witzes, oft ein Wortwitz.
Gag wird synonym für Witz/
Scherz verwendet, bezieht sich oft
auf Handlungen (Running Gag).
Groteske: Vertrautes wird unbekannt und unheimlich dargestellt.
Ironie agiert mit Verstellungen und
meint das Gegenteil.
Parodie ist eine verzerrende, übertreibende Nachahmung.
Satire ist eine scharfe Form der Ironie.
Was ist komisch?
Schon 1669 wird in dem Buch Simplicius Simplicissimus fomuliert: »Das
Scheitern der Ideale an den Sachzwängen der Wirklichkeit, das bringt
Zynismus hervor.« Diese Aussage
beschreibt das Grundprinzip von Komik: Inkongruenz. Inkongruenz bedeutet: Etwas Unerwartetes passiert,
das kann auch eine Normverletzung
sein, das Auseinanderklaffen zweier
Kontexte, eine völlig unangemessene übertriebene Antwort, Kontrast
und Widerspruch oder auch Provokation und Tabuverletzung. Elemente,
die nicht zueinander passen, werden
nebeneinander gestellt (vgl. Carroll
1991, S. 26). Komik stellt gewissermaßen einen Spezialfall der Verfrem-
dung dar (vgl. Wuss 1993, S. 359).
Es findet ein Spiel mit den Erwartungen und dem Wissen der Zuschauer
statt, das in einer komischen Situation oder Aktion gelöst wird (vgl.
Mikos 2003, S. 140).
Der Sitcom-Autor und Lehrbuchverfasser John Vorhaus (2001) bezeichnet Inkongruenz als die Voraussetzung für Komik. Es muss eine Lücke zwischen der komischen Realität
und der realen Realität klaffen, nur
dann ist etwas witzig. Für ihn und
viele andere Autoren ist dies das
Grundprinzip der Komik: Der komische Konflikt ist die Lücke, das Auseinanderdriften zweier Realitäten
(siehe auch: Smith 1999; Horton
2002).
Nach Vorhaus (ebd., S. 46 ff.) gibt es
drei Arten von komischen Konflikten,
die sich an das klassische Drama anlehnen: 1. Der Mensch gegen die
Natur. Dies kann eine normale Figur
in einer komischen Welt sein, wie ein
Mensch in einer gezeichneten Comicwelt, oder eine komische Figur in
einer normalen Welt. 2. Mensch gegen Mensch oder normale gegen
komische Figur (z. B. Alf in der normalen amerikanischen Familie).
3. Der Mensch gegen sich selbst, also
der innere Konflikt. Beispielsweise
wird ein Kind Firmenchef (in Big)
usw.
Zentral ist dabei die komische Figur.
Damit eine Figur komisch ist, braucht
sie nach Vorhaus (ebd., S. 57 ff.) eine
komische Perspektive. Die komische
Perspektive ist der besondere Blick
auf das Normale. Das einzigartige
Betrachten der Welt, es muss deutlich anders sein als das »Normale«.
Die komische Perspektive muss zusätzlich übertrieben werden, die
Übertreibung bringt den komischen
Charakter erst weiter in die komische
Welt. Ein Beispiel dazu: Die komische Perspektive auf die Welt wäre:
ängstlich. Die Übertreibung dazu:
Die Figur erschreckt sich vor ihrem
eigenen Schatten.
Die komischen Figuren brauchen außerdem Charakterfehler, damit das
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Publikum Missgeschicke, die ihnen
passieren, auch komisch findet und
nicht nur Mitleid hat. Dies trennt wiederum die komische Figur vom Publikum. Die komische Figur erschreckt
sich nicht nur vor ihrem eigenen
Schatten, sondern jammert konstant.
Ihre Fehler lösen gewissermaßen
Kettenreaktionen an absurden Situationen aus (vgl. Mast 1979, S. 5).
Aber gleichzeitig müssen wir auch
mit der Figur fühlen können. Sie muss
menschliche Züge haben. Dies vereint die Figur mit dem Publikum und
entspricht auch der Weisheit aller
Drehbuch-Berater, die fordern, dass
der Held eines Films Empathie und
Sympathie erregen muss.
3. Analyse der Komikstrukturen in Sitcoms und
Cartoons
Panther (Super RTL). Vorgestellt
werden hier die Ergebnisse für Die
Simpsons.
Ausgangspunkt für die vorgestellten
Ergebnisse der Fernsehanalyse ist die
Auffassung, dass Filme und Fernsehsendungen als Kommunikationsmedien zu begreifen sind. Sie treten
mit den Zuschauern in Kommunikation und ihre Techniken und
Gestaltungsmittel strukturieren die
kognitiven und emotionalen Aktivitäten der Zuschauer vor. Dabei wird
nicht von einer einzigen theoretischen
Perspektive auf die Filme und Fernsehsendungen geschaut, sondern es
geht um eine inter- und transdisziplinäre Zugangsweise, d. h. es werden
theoretische Ansätze aus unterschiedlichen Disziplinen berücksichtigt und
diese werden im Hinblick auf die
Analyse zusammengeführt (vgl. Mikos 2003, S. 19 ff.)
Getreu nach dem Motto: »Kinderfernsehen ist, wenn Kinder fernsehen« haben wir die Marktanteile und
Zuschauerzahlen der 10- bis 13-Jährigen des Jahres 2001 nach witzigen
Sendungen durchforstet. Dabei zeigt
sich, dass viele der für Erwachsene
gemachten Sitcoms wie Ritas Welt,
Nikola oder Die Camper besonders
beliebt sind. Die Simpsons zählen
auch zu den Favoriten der Pre-Teens.
Ebenfalls erfolgreich ist die Zeitschiene 18.00 bis 19.20 Uhr bei Super
RTL. Hier laufen vor allem Cartoons,
die in der Regel einen hohen Komikanteil aufweisen. Für die folgende
Analyse haben wir uns auf explizit
witzige Sendungen mit hohen Reichweiten im Jahr 2001 konzentriert.
Dabei wollten wir besonders das
Witzige für Pre-Teens in für Erwachsene gemachten Sendungen herausarbeiten. Deshalb analysierten wir
eine Staffel der Sitcoms Ritas Welt
und Die Camper (jeweils RTL) als
Erwachsenenprogramm, eine Staffel
der Simpsons (Pro Sieben) als Format,
das sowohl für Kinder als auch für
Erwachsene gemacht wird, und als
reines Kinderformat Der rosarote
3.1 Die Simpsons: Die Synthese
aus Sitcom und Cartoon
Die Zeichentrickserie Die Simpsons
verbindet die narrativen Elemente einer klassischen Familiensitcom
(Domcom), die den Alltag einer
Familie in einer zeitgenössischen
Lebenswelt porträtiert, mit den komischen Elementen des ZeichentrickGenres, das sich traditionell an
Kinder richtet und im Allgemeinen
stärker durch die Deformation und
Verfremdung von Körpern und Gegenständen sowie durch die Darstellung »komischer«, weil hyperrealer
oder fantastischer Welten gekennzeichnet ist. Die dargestellte Welt der
Simpsons ist hingegen für sich genommen nicht »komisch«. Das
Standardset der US-amerikanischen
Domcom wird hier auf das Zeichentrick-Genre übertragen: Die Familie
wird vor allem durch die Orte Couch,
Fernseher, Küche, Treppe und die
Außenaufsicht auf das Haus mit
Garageneinfahrt ins Bild gesetzt. Im
Gegensatz zu herkömmlichen Domcoms sind die Figuren jedoch nicht
an dieses begrenzte Setting gebunden, stattdessen erleben sie fast in je-
der Folge Abenteuer außerhalb der
familiären Sphäre. Ihre fiktive (bzw.
geografisch nicht zuzuordnende)
Heimatstadt Springfield ist als Repräsentation einer durchschnittlichen
mittelgroßen US-Stadt im Verlauf der
seit 1989 entstandenen zwölf Staffeln
immer weiter ausgestaltet worden –
mit zahlreichen wiederkehrenden
Schauplätzen und über 30 regelmäßig auftretenden, ausgestalteten Nebenfiguren, die einen Querschnitt
durch die Einwohnerschaft darstellen.
Ein Grundelement der Komik der
Serie liegt somit bereits in der detailreichen Übertragung des gesamten
lebensweltlichen Kosmos innerhalb
der westlichen Industriestaaten in
eine Zeichentrickwelt. Die Serie bildet den gesamten zeitgenössischen
Alltag ab: Marken, Werbung, Fernsehen, Supermärkte und Fast-FoodKetten, das Show-Business und das
Pentagon – alles erhält sein Zeichentrick-Abbild. Der sehr reduzierte
Zeichentrickstil schafft dabei einen
starken ästhetischen Kontrast zum
Detailreichtum des abgebildeten Gesellschaftssystems. Damit ist bereits
eine von Bergson (1988, S. 14 ff.) als
Grundlage für komische Effekte
bestimmte Notwendigkeit gegeben:
Das Dargestellte verweist auf das
Menschliche, ist jedoch verfremdet
und erscheint damit mechanisiert. Die
gelbgesichtigen Einwohner Springfields mit ihren kugelrunden Augen
und einer groben Andeutung von Frisuren sind eine Abstraktion des
Menschlichen. Das Wiedererkennen
aller Details der eigenen Lebenswelt
innerhalb dieser Darstellungsform
birgt somit bereits komisches Potenzial als ein Wiedererkennen des Vertrauten in einer miniaturisierten und
verfremdeten Variante.
Diese Form eines komischen Grundpotenzials teilt die Serie mit zahlreichen Zeichentrickformaten. Das
Spezifische der Komikgenerierung
innerhalb der Simpsons liegt hingegen in der Doppelcodierung fast jeder Situation und Handlung. Alle
komischen Situationen nehmen ihren
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Ausgang in den Handlungen, Zielen
und Wünschen eines Simpsons-Familienmitglieds oder sind darauf bezogen und erscheinen damit in eine
klassische narrative Grundstruktur
eingebettet. Nahezu alle Folgen
besitzen einen abgeschlossenen
Handlungsverlauf. Damit wird das
herkömmliche dramaturgische A-BA-Schema der Sitcom eingesetzt: Innerhalb eines dargestellten Alltags als
Ausgangssituation wird ein Konflikt
etabliert, im Verlauf der Handlung
gelöst und am Ende die Ausgangssituation wiederhergestellt (Neale/
Krutnik 1990, S. 234). Die gestalterischen Möglichkeiten des Zeichentricks brechen dieses Grundmuster in
Einzelfolgen jedoch immer wieder
auf und ironisieren damit die erzählerische Konvention der Wiederherstellung von Normalität. Daher kann
das gewohnte Lebensumfeld der
Simpsons am Ende einer Folge auch
schon einmal brennen oder von
Aliens heimgesucht worden sein. Die
nächste Folge setzt jedoch wieder im
ursprünglichen Ausgangszustand ein.
Die Figuren bleiben auf diese Weise
bis zu einem bestimmten Grad in ihren Eigenschaften und Erfahrungen
fixiert; sie werden nicht älter, machen
keine langfristigen biografischen Entwicklungen durch und können damit
durch ein bestimmtes EigenschaftsSet, das auf situative Begebenheiten
trifft, in einem komischen Modus
funktionieren.
Auf einer ersten Ebene funktionieren
somit alle Folgen über klassische
Standards von Figuren- und Situationskomik. Da es meist nur einen Erzählstrang gibt, wechselt die Serie
hierbei zwischen dem Kosmos der
Kinder und dem der Erwachsenen,
indem jeweils eine von beiden Seiten und die dazugehörigen Akteure
in einer Folge im Vordergrund stehen.
Eine zweite Ebene wird dadurch einbezogen, dass in jeder Folge der komische Handlungsfortlauf in einem
Darstellungsrahmen aus zahlreichen
intertextuellen Verweisen und extratextuellen Zitaten stattfindet. Diese
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Verweise auf audiovisuelle Darstellungsformen, Kulturgeschichte, Politik, vor allem aber Populärkultur und
Unterhaltungsindustrie liefern im
Falle ihrer Decodierung durch den
Zuschauer eine zweite Ebene der
Komik. Die Komik generierenden
Strukturen der Serie werden daher im
Folgenden auf diesen beiden Ebenen
betrachtet und am Ende in ihren Effekten zusammengeführt.
Der Familienvater Homer Simpson ist
im Verlauf der Serie immer mehr
zum Protagonisten avanciert und
wirkt innerhalb des Ensembles der
Hauptfiguren auch am stärksten als
»komischer Held«. Er stellt die am
meisten fixierte Figur dar, die vor allem durch die Wiederholung einiger
weniger charakteristischer Eigenschaften und Aussagen festgelegt ist.
Er ist der klassische »Idiot«, ein
Mann mit sehr begrenzten geistigen
Fähigkeiten, der niemals die Konsequenzen seines Handelns abschätzen
kann und daher bei fast allen Handlungen und Unternehmungen Schaden für sich und andere anrichtet –
häufig ohne es zu merken. Hier entsteht die Komik wesentlich über das
Wiedererkennen gleich bleibender
Eigenschaften in verschiedenen Zusammenhängen.
Durch die Darstellungen der treuen
Liebe zu seiner Frau, häufige Selbstzweifel sowie eine spät einsetzende
Reue und trottelige Versuche der
Wiedergutmachung wird Homer
dann jedoch wieder zu einer Figur,
die ein Identifikationsangebot schafft
und als Mitglied der sozialen Gemeinschaft erkannt werden kann.
Diese Rahmung erst macht die Übertreibungen seiner schlechten Eigenschaften und geistigen Defizite
komisch, indem sie so als Fehlverhalten erscheinen, statt die gesamte
Figur auf Dauer in den Status des
»Aliens«, der über das Menschliche
nichts aussagen kann, zu erheben.
Innerhalb der Simpsons lassen sich
somit zwei grundlegende Ebenen der
Erzeugung komischer Strukturen
festmachen, die sich im Hinblick auf
ihr Codierungsniveau als primäre und
sekundäre Ebene komischer Effekte
beschreiben lassen. Neben den Komik generierenden Verfremdungsund Dekonstruktionseffekten des
Zeichentrickstils Abstraktion, welche
in der Serie vor allem im Vorspann
als komische Einstimmung des Zuschauers eingesetzt werden, und dem
Kontrast von Detailreichtum der abgebildeten Lebenswelt und reduziertem Zeichenstil wird eine primäre
komische Wirkung vor allem durch
Figuren- und Situationskomik hergestellt. Hier wirken die festgelegten
Eigenschaften der Serienfiguren als
komische Fixierung, die durch Stereotypisierung sowie Wiederholung
und Variation von Eigenschaftssets
das Menschliche mechanisiert oder
Figuren groteske Elemente der Vergegenständlichung zuordnet.
Gleichzeitig liefert die Anlage der
Hauptfiguren die Grundlage für Situationskomik. Trotz eines Wechsels
zwischen dem Kosmos der Kinder
und dem der Erwachsenen in den
Einzelfolgen stellt Homer Simpson
als die am meisten fixierte Figur den
»komischen Helden« der Serie dar,
über den auch ein Großteil der Situationskomik erschaffen wird. All
diese komischen Effekte wirken innerhalb einer kulturellen Vorprägung
des Rezipienten größtenteils selbsterklärend und sind getragen von einer
klassischen Handlungsdramaturgie,
in der alle Vorgänge und Figurenhandlungen narrativ motiviert erscheinen.
Eine sekundäre Ebene komischer
Effekte liegt in der Vielzahl der inter- wie extratextuellen Bezüge, die
als Darstellungsrahmen für die klassische Figurenhandlung fungieren.
Diese erschaffen als symbolischer
Überschuss eine Zusatzkomik des
Wiedererkennens des Bekannten im
fremden Kontext und des postmodernen intellektuellen Rätselratens.
Die Explizierung von Machtstrukturen und Mechanismen der
US-amerikanischen (und damitgrößtenteils auch der westlichen)
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Gesellschaft sowie die Parodie und
Übertreibung auf westliche Konsumkultur und Unterhaltungsindustrie
erschaffen zusätzlich einen komischen Effekt des kabarettistischen
Ventils für Gesellschafts- und Ideologiekritik. Durch diese Mehrfachcodierung aller dargestellten
Zusammenhänge, den thematischen
Wechsel zwischen der Darstellung
einer kindlichen und einer erwachsenen Sphäre sowie durch das Zusammenwirken primärer und sekundärer
Komikeffekte kann die Serie einer
Vielzahl von Rezipienten komische
Effekte bieten. Durch das »ÜberAngebot« verschiedener komischer
Ebenen und Möglichkeiten der Decodierung bietet sie nahezu jedem
Rezipienten, angefangen von der
slapstickhaften Figurenkomik eines
Homer bis hin zur politischen Anspielung innerhalb eines Filmzitats,
die Möglichkeit des Entdeckens eigener Komik generierender Rezeptionsmomente.
3.2 Die Rezeption der Sendungen
Im Folgenden werden kurz die Ergebnisse zur Rezeption der Sendungen
aus den Interviews und den Gruppendiskussionen dargestellt. Da es in der
Studie vor allem darum ging, anhand
der Rezeption der untersuchten Sendungen allgemeine Humorstrukturen
von Pre-Teens und Erwachsenen herauszuarbeiten, spielte die Rezeption
der konkreten Sendungen nur am
Rande eine Rolle.
Die befragten Erwachsenen in den
Gruppendiskussionen schätzen Die
Simpsons als anspruchsvollen Humor. Für sie ist die Sendung doppeldeutig und selbstreferenziell. Hier
zeigt sich, dass die sekundären
Komikstrukturen vor allem für die
Erwachsenen funktionieren und ganz
wesentlich die Komik der Sendung
beeinflussen. Die befragten Erwachsenen erkennen die Gesellschaftskritik und mögen den verbalen Humor.
Die Pre-Teens stellten in den
Gruppendiskussionen vor allem die
komische Figur Homer sowie Bart
Simpson in den Vordergrund. Bart ist
für sie die zentrale Figur, da er den
Erwachsenen in der Regel überlegen
ist. Das entspricht generellen Mustern
des Humors bei Kindern und
Pre-Teens. Witzig ist für die 10- bis
13-Jährigen, wenn Erwachsene in
Slapstick-Situationen geraten. Interessanterweise trennen die Pre-Teens
deutlich zwischen einem witzigen
Teil der Sendung und einem »blöden« Teil. Zum witzigen Teil zählen
die Streiche von Bart und seine Aktionen, in denen er sich den Erwachsenen überlegen erweist. Der »blöde«
Teil enthält die Anspielungen auf
Figuren des öffentlichen Lebens, die
diese Altersgruppe offenbar noch
nicht versteht. Als wesentlicher Unterschied zwischen den Erwachsenen
und den Pre-Teens in der Rezeption
der Simpsons zeigt sich, dass Letztere vor allem die primären Komikstrukturen schätzen, während die
Erwachsenen vor allem über die
sekundären Komikstrukturen lachen.
Thematisch bevorzugen die Befragten meistens Sendungen, in denen sie
Parallelen zu ihrem eigenen Leben
erkennen. Daher sind es vor allem
Geschichten über Familien, Beziehungen, Freundschaften, die sie gern
anschauen. Genannt werden hier unter anderem Sitcoms wie Friends,
Frasier oder auch Die Simpsons. Eine
schrecklich nette Familie wird dagegen genau aus dem Grund von einem
35-jährigen Befragten abgelehnt, weil
»dieses leicht Schnulzige, dieses
leicht Plüschige, das nervt mich, das
ist einfach nicht, hat mit meinem Leben nichts zu tun.«
Generell zeigte sich in den Interviews
und Gruppendiskussionen, dass die
Komikstrukturen in den analysierten
Sendungen zwar eine Rolle in der
Rezeption spielen, indem sie Lacher
hervorrufen können. Ob die Zuschauer tatsächlich lachen oder etwas
witzig finden, hängt jedoch davon ab,
ob die Komikstrukturen in den
Sendungen ihrem allgemeinen
Humorverständnis entsprechen oder
nicht.
4. Humorverständnis von
Pre-Teens und Erwachsenen
Die folgenden Ergebnisse stützen
sich im Wesentlichen auf die Auswertung der Leitfaden-Interviews, die mit
je 10 Erwachsenen und 10 Pre-Teens
geführt wurden. Die befragten Erwachsenen (4 Frauen und 6 Männer)
waren zwischen 23 und 49 Jahre alt.
Die 10 befragten Pre-Teens (3 Mädchen und 7 Jungen) waren zwischen
10 und 14 Jahre alt, davon waren vier
13 Jahre alt, je zwei 11 und 12 und je
eine Person 10 und 14 Jahre alt. Die
Ergebnisse aus den Gruppendiskussionen fließen ebenfalls mit ein.
Die folgenden Ergebnisse beanspruchen keine Repräsentativität. Das
Anliegen der Studie war es vor allem,
Muster des Humors und der damit
verbundenen Vorlieben für bestimmte
»komische« Fernsehsendungen herauszuarbeiten. Die Muster wurden
aus den Selbstbeschreibungen der
Pre-Teens und der Erwachsenen gebildet, die in den Interviews und den
Gruppendiskussionen genannt wurden. Für die Aufbereitung der Ergebnisse wurden sie zusammengefasst
und auf einen Begriff gebracht.
Auffallend war, dass die Befragten in
den Interviews und den Gruppendiskussionen nicht auf die
Komikstrukturen der analysierten
Sendungen eingingen. Stattdessen
waren sie vor allem damit beschäftigt, eine Klassifizierung ihres Humors vorzunehmen. Dabei verwendeten sie völlig andere Kategorien.
Diese eigenen Kategorien der Befragten sind stark mit Wertungen verbunden. Hierin zeigt sich, dass für die
Beschreibung des eigenen Humors
zwei Dimensionen eine Rolle spielen:
Ethik und Distinktion. Der Humor
der Befragten hängt offenbar einerseits stark von moralischen Wertungen und ethischen Haltungen ab.
Andererseits dient er aber auch dazu,
sich von anderen sozialen Gruppen
und deren Humorverständnis abzugrenzen. Die Nennung von Fernseh-
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sendungen geschieht in diesem
Zusammenhang weniger, um auf
konkrete Aspekte in der Rezeption
hinzuweisen, sondern sie werden als
Beispiele für die Art von Humor, die
man selbst mag, genutzt – oder als
Beispiele für die Art Humor, die man
gar nicht mag.
4.1 Humorverständnis Erwachsener
Generell sind »komische« Sendungen
bei den befragten Erwachsenen sehr
beliebt. Die Harald-Schmidt-Show ist
die klare Lieblingssendung der Befragten. Allerdings scheiden sich an
dieser Sendung auch die Geister,
ebenso wie an TV total. Beide Sendungen dienen in extremer Weise
dazu, den eigenen Humor zu beschreiben oder Formen des Humors
zu nennen, die abgelehnt werden, von
denen man sich abgrenzt. Die folgenden Kategorien von Humor, die
aus den Erwachsenen-Interviews
herausgearbeitet werden konnten,
sind jedoch nicht immer trennscharf,
sondern in einigen Fällen fließend
(vgl. Kluge 1999, S. 31 ff.). Insgesamt konnten sieben Humorkategorien herausgearbeitet werden:
1. Politisch korrekter Humor
2. Einfacher Humor
3. Gemeiner Humor
4. Schwarzer Humor
5. Anspruchsvoller Humor
6. Absurder Humor
7. Gegengelesener Humor
Als einfacher Humor werden alle
Sendungen und Szenen beschrieben,
die »blöd«, »schwachsinnig« oder
»stumpf« sind. Als Beispiel dient die
Sendung Die dümmsten Autofahrer
der Welt. Es gibt den gemeinen Humor, der sich vor allem durch Schadenfreude auszeichnet – häufig wird
Stefan Raabs Sendung TV total darunter kategorisiert. Der schwarze
Humor ist ironisch und sarkastisch
und für die meisten Befragten ein
wenig anders als der anspruchsvolle
Humor, der durch die HaraldSchmidt-Show repräsentiert wird. Der
anspruchsvolle Humor ist politisch
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und intellektuell. Als absurder Humor
werden Sendungen wie Monty Python‘s bezeichnet. Gegengelesener
Humor bedeutet, dass die Befragten
über Sendungen lachen, die eigentlich keine Humorsendungen sind,
z. B. Volksmusiksendungen oder alte
Krimis wie Derrick und Der Alte.
Im Folgenden gehen wir näher auf
den politisch korrekten Humor ein,
der andere nicht verletzten darf.
4.1.1 Politisch korrekter Humor
Ein öfter vorkommendes Element ist
die Definition von Humor über Witze,
die andere nicht verletzen dürfen, also
der politisch korrekte Humor. Zwar
geben die Befragten an, durchaus
auch Galgenhumor oder »Jemandenauf-die-Schippe-Nehmen« zu mögen, aber es darf andere nicht ins
Lächerliche ziehen oder zu sehr auf
Schwächen abzielen. Ein 37-jähriger
Befragter äußert sich in diesem Zusammenhang folgendermaßen:
»Alles, was sich auf Minderheiten bezieht, Zynismus, alles was sich auf irgendeine Weise auf Menschengruppen
bezieht, die einfach in einer schlechteren
Position sind oder die eine Minderheit
darstellen. Also ich kann zwar schon über
den einen oder anderen Türkenwitz lachen, aber prinzipiell wäre es ein Beispiel
dafür, was ich ablehne, in dieser Richtung
… finde ich einfach blöd.«
Personen, die dies als ihre Art von
Humor beschreiben, lehnen in der
Regel Stefan Raabs TV total oder Die
dümmsten Autofahrer der Welt ab. So
ist beispielweise eine 49-jährige Befragte der Meinung, dass »jeder
Mensch […] manchmal ein bisschen
dumm« sei, und deswegen solle so
was nicht vermarktet werden. Komik,
die darauf abzielt, nennt sie »unter
der Gürtellinie«. Die Trennlinie zwischen »privat« und »öffentlich« ist für
sie sehr wichtig. In solchen Sendungen werde das überhaupt nicht beachtet. Andere Befragte bewerten solche
Sendungen als niveaulos. Ein 35-jähriger Befragter sagt:
»Raab, also das ist unterste Schublade.
Kann ich hier und da auch drüber lachen,
aber generell kein Vergleich. Das ist dann
eher für ... eine geistig minderbemittelte
Schicht, ist da wohl das Zielpublikum. Ist
auch meistens unterstes Niveau, finde
ich«.
Eine 24-jährige Befragte mag einen
eher braven und politisch korrekten
Humor. Schon als Kind mochte sie
nicht, wenn sich über andere lustig
gemacht wurde. »Hinfallsendungen«
hat sie auch damals abgelehnt. Heute
mag sie eine Sendung wie Jack Ass
nicht, die ihrer Meinung nach keinen
politisch korrekten Humor hat. Hape
Kerkeling mag sie genau aus dem
Grund, »dass er nicht so gemein zu
den Leuten ist, die er verarscht.« Und
auch bei der Sitcom Eine schrecklich
nette Familie findet sie gut, dass sich
die Familienmitglieder trotz aller
Gemeinheiten eigentlich doch mögen. Das deutet darauf hin, dass in
dieser Sitcom Komik zwar durch
»Gemeinheiten«, wie es die Befragte nennt, erzeugt wird, die Figuren
aber nicht vorgeführt werden.
Anders als bei diesen Befragten, denen vorrangig wichtig ist, dass niemand durch einen Witz verletzt wird,
geht es einem 23-jährigen Befragten
explizit um Political Correctness. So
fand er Harald Schmidt früher eher
aggressiv gegenüber Zuschauern und
Gästen. Mittlerweile habe sich dieser
aber geändert und sei nun der
»Lucky« der Gesellschaft, der sich
auch mit Theaterrollen profilieren
könne. Besonders bemerkenswert findet er, wie politisch korrekt Schmidt
auf die Attentate am 11. September
2001 reagiert hat. Den Komiker Ingo
Appelt lehnt er dagegen wegen mangelnder politischer Korrektheit ab.
Dessen Witze sind ihm zu sexistisch.
4.1.2 Zusammenfassung
Erwachsenenhumor
Meistens lassen sich die befragten
Erwachsenen mehreren Kategorien
zuordnen. Einige Kategorien schließen sich jedoch aus. Häufig paart sich
der einfache Humor mit dem Humor
aus Schadenfreude. So mögen TV total-Fans auch häufig Pleiten, Pech
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und Pannen sowie Die dümmsten …Sendungen. Schmidt (2002) bezeichnet den Humor in TV total sogar als
»aggressiven« Humor. Schwarzer
und anspruchsvoller Humor vereinen
sich bei der Harald-Schmidt-Show.
Vor allem diejenigen, die schwarzen
Humor mögen, sehen meist gerne
diese Sendung.
In der Regel lehnen die HaraldSchmidt-Fans TV total ab und umgekehrt. Das bedeutet, dass diejenigen,
die einfachen Humor gepaart mit
Schadenfreude mögen, anspruchsvollen und schwarzen Humor ablehnen.
Der anspruchsvolle Humor zeichnet
sich dadurch aus, dass die Befragten
Wortwitze und Spielereien mit Sprache auf anspruchsvollerem Niveau
mögen. Dieses anspruchsvollere Niveau geht über Dialekt und einfache
Reime hinaus. Eine Schnittmenge
zeigt sich bei anspruchsvollem Humor und politisch korrektem Humor.
Man kann demnach die HaraldSchmidt-Fans sehr gut in zwei Gruppen einteilen: Alle mögen anspruchsvollen Humor, die einen jedoch
politisch korrekt und die anderen als
schwarzen und zynischen Humor.
Ein wichtiges Element des anspruchsvollen Humors ist die Selbstreferenzialität. Die Befragten, die
anspruchsvollen Humor mögen,
schätzen fast durchgängig auch den
selbstreferenziellen Bezug auf das
Mediensystem und auf das Fernsehen an sich. Auch das wird als eine
der besonderen Qualitäten der Harald-Schmidt-Show gesehen.
Die Qualität von Humor wird von den
Befragten, die sich verschiedenen
Humorkategorien zuordnen lassen,
sehr genau reflektiert. Bei Freunden
anspruchsvollen Humors wird die
Qualität der Sendungen meist sehr
genau analysiert. Sie machen zahlreiche Angaben zu Qualität von Synchronisation, Schauspiel, Drehbuch
und Charakterzeichnung. Sie schätzen die Sendungen aufgrund ihrer
Qualität und bescheinigen ihnen dann
auch einen qualitativen, anspruchsvollen Humor.
4.2 Humorverständnis von
Kindern
Comedy und Action sind die Genres,
die von den befragten Pre-Teens in
ihrer Fernsehnutzung bevorzugt werden. Die Sendungen dazu finden sie
nahezu ausschließlich auf den privaten Sendern. Zwischen den Nennungen der Erwachsenen und denen der
Pre-Teens gibt es einige Überschneidungen: Buffy, Friends, Die Simpsons, Futurama und TV total werden
sowohl von Pre-Teens als auch von
Erwachsenen genannt.
Auch bei den Pre-Teens zeigen sich
unterschiedliche Muster im Humorverständnis. Ein eindeutig trennendes
Kriterium ist das Alter bzw. die persönliche Entwicklung der Befragten.
Man kann einen noch kindlich orientierten Humor erkennen, der sich
an expliziten Kindersendungen orientiert. Dieser unterschiedet sich
deutlich von einem heranwachsenden
bzw. jugendlichen Humor.
Eine noch kindliche Form des Humors zeigt sich in der Vorliebe für die
Darstellungsform Zeichentrick. Ein
11-Jähriger mag zum Beispiel die Art
der Darstellung bei der Sendung mit
der Maus:
»Also, die Zeichen so zwischen den einzelnen Sachgeschichten und dann die
Maus mit dem Elefanten oder Ente, die
lachen immer. Das finde ich ganz lustig,
weil das auch so einfach immer dargestellt
ist.«
Dieser Befragte ist sehr behütet aufgewachsen und scheint generell noch
sehr kindlich zu sein. Anders ein 12Jähriger, der als Kind einer allein erziehenden Mutter aufwächst und in
seiner Mediennutzung (aber auch in
seinem generellen Verhalten) kaum
Regeln unterworfen ist. Er scheint für
sein Alter schon eher reif zu sein und
distanziert sich bewusst von »Kindersendungen« wie Cartoons auf Super
RTL.
Ein 13-jähriger männlicher Befragter fand besonders den Film American Pie lustig, »weil, das ist so ein
Jugendfilm, so eigentlich in unserem
Alter«. Diese bewusste Abgrenzung
der Fast-Teenager gegenüber den
Kindersendungen zeigt sich auch bei
einem 12-Jährigen, der stolz angibt,
er gehe nun, seit seinem Geburtstag,
ganz oft in diese 12er-Filme. Damit
sind Filme gemeint, die von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft ab 12 Jahren freigegeben
sind. Die Abgrenzung von Kinderund Jugendhumor liegt also zum einen in der Darstellungsform (z. B.
Zeichentrick für Kinder), in der
expliziten Deklarierung als Jugendprogramm (wie bei den Kinofilmen),
aber auch in der Thematik der Humorsendungen und Komödien.
Auch bei den von den Kindern bevorzugten Heldenfiguren lässt sich
ein Muster erkennen. Als besonders
beliebt werden hier Bart Simpson,
Erkan und Stefan, Will Smith und die
Helden aus dem Kinofilm Dumm und
dümmer genannt. Gemeinsam ist ihnen, dass sie eher schwache Helden
sind. Sie haben eine große Klappe,
durch die sie sich in schwierige Situationen hineinmanövrieren. Diesen
Situationen sind sie eigentlich nicht
gewachsen. Irgendwie, mit witzigen
Ideen, coolen Sprüchen und etwas
Glück, schaffen sie es aber dennoch,
aus der Situation glücklich wieder
herauszukommen. Die Äußerungen
eines 11-Jährigen über Erkan und
Stefan illustrieren diesen Heldentypus:
»Die sind … weil die haben so eine Spione, hat man sie angebaut, und hat gesagt,
suchen die blödesten Geheimagenten, und
dann haben sie die blödesten gesucht und
dann waren es die besten.«
Neben der Thematik von Humor und
seiner Darstellungsform sind verschiedene Kategorien von Humor zu
erkennen, die von den einzelnen Altersgruppen bevorzugt werden. Aus
den Interviews konnten, analog zu
den Erwachsenen, folgende Kategorien herausgearbeitet werden:
1. Witzige Sprache/Wortwitz
2. Absurde Szenen/Unmögliches
3. Slapstick
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4. Witzige Heldenfiguren
5. Action-Humor
6. Gemeiner Humor
Pre-Teens, die witzige Sprache und
Wortwitz mögen, lachen über den
komischen Klang einer Sprache oder
Wortspiele. Die befragten Pre-Teens
fanden absurde Szenen und Unmögliches witzig, genauso wie Slapstick.
Besonders wichtig sind ihnen die
witzigen Heldenfiguren. Häufig lachen sie auch über Action-Humor.
Darunter fallen Sendungen, in denen
Action mit Humor gepaart wird, z. B.
das A-Team. Pre-Teens lachen wie die
Erwachsenen auch über gemeinen
Humor.
4.2.1 Komische Sprache
Unter witziger Sprache ist weniger
ein witziger Inhalt des Gesagten zu
verstehen als vielmehr ein bestimmter Tonfall, Dialekt etc. Vier der 12und 13-Jährigen gehen speziell auf
diesen Aspekt ein. So findet eine 13Jährige die Art, wie Hausmeister
Krause spricht, besonders witzig,
auch über den Dialekt der Camper
kann sie lachen:
»Und Hausmeister Krause, das habe ich,
meine Freundin, das gucke ich meistens,
wenn ich bei ihr, wenn ich sie treffe, gucken wir das abends auch immer, und ja,
finden wir einfach lustig, wie der halt so
redet, und na ja, seine Familie.«
Das Imitieren von Ausländern gehört
ebenfalls zur witzigen Sprache. Hier
wird von den Befragten die bullyparade genannt mit den russischen
Charakteren Pawel Pipowitsch und
Bronko Kulikow oder auch Was
guckst du? mit deutsch-türkischem
Slang. Zu komischer Sprache gehören ebenso deutsche Dialekte oder
das Imitieren von gebrochenem
Deutsch oder Ausländern, aber auch
das betont tuntige Sprechen Homosexueller. Ein 12-Jähriger sagt dazu:
»Na ja, die machen das irgendwie gut, die
können eben gut so Stimmen machen,
wenn man … so schwule Stimmen so oder
können ja auch so russische oder was es
da … Pawel Pipowitsch und so Bronko
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Kulikow, so was, ich finde, die können gut
die Stimmen imitieren und machen das
auch meistens lustig.«
Besonders beliebt sind allerdings Parodien schwuler Stimmen. Auch hier
wird die bullyparade genannt. Eine
Szene aus dem Film Der Schuh des
Manitu wird von einem Befragten im
Interview nachgeahmt. Eindeutig
steht hier aber nicht das Konzept von
Schwulsein/Homosexuell- und Anderssein im Vordergrund der Komik,
sondern für die Pre-Teens ist es die
komische und witzige Art zu sprechen.
4.2.2 Zusammenfassung Pre-Teens
Zusammenfassend lässt sich eine relativ große Differenz im Humorverständnis der befragten Pre-Teens
erkennen. In der Altersspanne von 10
bis 14 Jahren ist sowohl noch ein sehr
kindlicher Humor zu finden als auch
schon ein eher erwachsener Humor.
Zu dem noch eher kindlichen Humor
gehört das Lachen über witzige bzw.
absurde Szenen. Allerdings gibt es
auch bei den Kindern den Humor aus
Schadenfreude, vor allem wenn Erwachsenen etwas zustößt oder ihnen
ein Missgeschick passiert. Besonders
witzig finden die jüngsten Befragten,
wenn etwas Unmögliches passiert.
Sowohl bei den Noch-Kindern als
auch bei den Fast-Teenagern wird
häufig über witzige Sprache gelacht.
Dabei geht es weniger um die Inhalte der Witze, sondern eher um die
Sprechweise. Dazu gehören das
Sprechen von Dialekten und die Veralberung einer Minderheit durch Imitation von deren Sprechweise (z. B.
Schwule, Türken usw.).
Der erwachsenere Humor zeigt sich
an spezifischen Sendungen, aber auch
in einem qualitativen Wechsel, was
eigentlich witzig gefunden wird. Diese Befragten lehnen auch die von ihnen als »Kinderhumor« bezeichneten
Sendungen (z. B. Zeichentrick auf
Super RTL) explizit ab. Die älteren
Befragten, die 13- und 14-Jährigen,
mögen es häufig, wenn Witze auf
Kosten anderer gemacht werden.
Schadenfreude ist ein wichtiger Aspekt ihres Humorverständnisses, der
sich auch in der Rezeption nicht direkt als Comedy-Sendungen deklarierter Formate zeigt. Teilweise
nennen sie auch die japanischen
Anime-Sendungen als besonders witzig. Die Verbindung von Action,
Gewalt und Humor spricht einige an.
Diese Befragten können über actionund gewalthaltige Szenen lachen. Sie
finden es komisch, wenn sich Leute
prügeln oder wenn sie ein übertriebenes Waffenarsenal auffahren, um
ihre Gegner zu bekämpfen. Eine andere Humorform, die bei den älteren
Pre-Teens noch keine große Rolle
spielt, ist die des Wortwitzes. Nur eine
13-jährige Befragte macht hier eine
einzelne Angabe. Das Verständnis
von Wortspielereien – und damit einer
anderen Ebene von Humor – erschließt sich vermutlich erst später.
4.3 Unterschiede zwischen Erwachsenen und Pre-Teens
Aufgrund der gefundenen Humormuster bei Pre-Teens und Erwachsenen können folgende Unterschiede
und Gemeinsamkeiten festgestellt
werden. Allgemein ist erkennbar, dass
der Humor der Erwachsenen häufig
sehr reflektiert ist, während Pre-Teens
offenbar einen spontanen, unreflektierten Humor haben. Inwieweit es
sich in diesem Zusammenhang bei
den Erwachsenen um einen Effekt der
sozialen Erwünschtheit in der Interviewsituation handelt, müsste bei
weiteren Untersuchungen geprüft
werden. Allerdings lässt sich das Ergebnis nicht nur auf Effekte des
Untersuchungsdesigns zurückführen.
Denn gerade in den Differenzen zwischen Erwachsenen und Pre-Teens im
Humorverständnis, das sich auf
Sprache bezieht, lässt sich auch eine
reflektierte und eine unreflektierte
Variante finden. Während die PreTeens vor allem die Sprechweise interessant finden, also nicht über den
Wortsinn, sondern über die Aussprache lachen können, spielen bei den
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Erwachsenen über den Wortsinn vermittelte Gags eine größere Rolle, auch
wenn direkter Wortwitz kaum erinnert wird. Einige der Befragten
geben an, dass sie vor allem US-amerikanische Sitcoms lieber mit Originalton sehen, um die Feinheiten der
Witze auch vor dem kulturellen Hintergrund des Entstehungslandes zu
verstehen. Gerade diese Feinheiten
machen ihrer Auffassung nach die
Qualität des Humors aus. Die Äußerung eines 25-jährigen Befragten
macht das deutlich:
»Friends ist sehr gut auf Englisch, auf
Deutsch kannst du das in die Tonne
kloppen. Das geht einfach nicht. Humor
ist auch, das ist eine Kunst. Das geht nicht
einfach, wenn da irgendwie so ein
Synchronsprecher irgendwie was drüberspricht. … Das hat auch mit Körpersprache zu tun und mit allen möglichen
Sachen, richtige Intonation … Es geht halt
teilweise auch nicht vom Englischen ins
Deutsche.«
Während es den Erwachsenen häufig wichtig ist, dass die Comedy-Sendungen gut gemacht sind und eine
gewisse Qualität aufweisen, die sich
auch in einem anspruchsvollen Humor zeigt, ist dies den Pre-Teens relativ egal. Für sie ist wichtig, dass sie
in den Sendungen witzige Situationen verfolgen können, in denen sich
vor allem Erwachsene »danebenbenehmen«, ihnen Schaden zugefügt
wird oder ihnen Missgeschicke passieren. Erwachsene können diese
Form des gemeinen Humors zwar
auch genießen, allerdings scheiden
sich bei ihnen daran die Geister. Während die einen Sendungen wie TV
total, in denen Schadenfreude eine
große Rolle spielt, ablehnen, zählen
die anderen sie zu ihren Lieblingsprogrammen.
5. Schlussfolgerungen
Aufgrund der gefundenen Humormuster bei Pre-Teens und Erwachsenen können wir einige Vermutungen
über das Humorverständnis anstellen,
die allerdings in weiteren Untersuchungen überprüft werden müssten.
Zwei Ergebnisse erscheinen wesentlich:
1. Erwachsene legen offenbar einen
kognitiven Filter über ihren Humor.
2. Es gibt offenbar eine biografische
Entwicklung des Humorverständnisses.
Der kognitive Filter drückt sich vor
allem dadurch aus, dass Erwachsene
nur einen politisch korrekten Humor
mögen. Komik, die mit gesellschaftlichen Tabus spielt, wird abgelehnt.
Selbst diejenigen, die vor allem
schwarzen Humor mögen, der genau
dieses bietet, sind sich dabei des
Tabubruchs bewusst und genießen
diesen Humor, weil sie sich so von
anderen abgrenzen können. Erwachsene wissen, worüber man lachen
darf und worüber nicht, und dies
drückt sich vor allem in der Verbalisierung ihres Humorverständnisses
aus. Manchmal entsteht der Eindruck,
dass Erwachsene fast ein schlechtes
Gewissen haben, wenn sie über Dinge lachen, die politisch nicht korrekt
sind. Dies gilt auch für die Schadenfreude. Hier zeigt sich, dass die Erwachsenen gesellschaftliche Normen
und Werte internalisiert haben. Dass
sie dennoch auch Schadenfreude
empfinden können, allerdings nur mit
schlechtem Gewissen, verweist darauf, dass sie offenbar noch Reste
kindlichen Humors bewahrt haben.
Allerdings halten sie diese Art des
Humors für nicht mehr angemessen.
Das deutet unserer Ansicht nach darauf hin, dass bei den Erwachsenen
die soziale Erwünschtheit des Humors im Rahmen ihres unmittelbaren
Lebensumfelds bzw. des Milieus,
dem sie sich zugehörig fühlen, eine
große Rolle spielt. Pre-Teens können
dagegen ganz ungeniert über den
Schaden anderer lachen. Sie finden
es toll, wenn den Großen und Starken Missgeschicke passieren oder
wenn diese »verarscht« werden. Hier
können sie in der Fantasie während
der Rezeption eine Umkehrung von
Rollen und Statusrollen erleben. Ein
Erlebnis, das ihnen in der sozialen
Realität meistens verwehrt bleibt.
Erwachsene lehnen dies in der Regel
ab, weil sie sich mit den eigenen
Schwächen bzw. dem Verlust von
Statuspositionen konfrontiert sehen,
die sie in der sozialen Realität mühsam erworben haben.
Das Beispiel zeigt bereits eine
Konsequenz, die aus dem unterschiedlichen Humorverständnis von
Pre-Teens und Erwachsenen aufgrund des kognitiven Filters resultiert:
Die Erwachsenen interpretieren den
Humor von Kindern und Pre-Teens
manchmal falsch. Das ist sowohl für
die pädagogische Bewertung kindlichen Humors bzw. des Humors der
Pre-Teens bedeutsam als auch für die
Produktion von Comedy-Sendungen
für Kinder.
Ein weiteres Beispiel für die unterschiedliche Bewertung einer Humorart sind Witze über Minderheiten und
Schwule/Homosexuelle. Pre-Teens
erwähnen sehr häufig, wie witzig sie
dies finden. Dabei geht es ihnen aber
eher um die Komik in Gestik und
Sprechweise. Sie finden es einfach
komisch, wenn jemand anders als
normal spricht und dies auch noch
mit übertriebener Gestik unterstützt
wird. Wenn Pre-Teens erzählen, dass
sie es witzig finden, wenn Schwule
»verarscht« werden, dann meinen sie
in der Regel, dass sie es witzig finden, wenn ein Darsteller in einer
Sitcom oder ein »Comedian« mit
übertriebener Tuntigkeit in Gesten
und Sprechweise Schwule imitiert.
Das liegt für sie auf der gleichen
Ebene wie die Imitation von Dialekten oder eine Sprechweise mit
französischem, russischem oder türkischem Akzent.
Die Komik, die Pre-Teens auch in
Action und Gewalt sehen, soll hier
als drittes Beispiel für die unterschiedliche Bewertung von Humor
dienen. Pre-Teens können Action und
Kämpfen etwas Lustiges abgewinnen
– sowohl in Zeichentrick- als auch in
Real-Filmen. Dabei spielt vor allem
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das Moment der Übertreibung und
der ästhetischen Überhöhung eine
große Rolle. Das geschieht hauptsächlich auf der akustischen Ebene und
dadurch, dass physikalische Grenzzustände von Figuren und Objekten
erreicht und überschritten werden.
Dadurch wird eine Distanz zum Geschehen aufgebaut, sodass man es
komisch finden kann. Die Erwachsenen können aufgrund ihres kognitiven Filters Action und Gewalt nicht
komisch finden, sie lehnen sie ab.
Einige der Befragten geben aber zu,
in ihrer Kindheit manche Formen von
Action und Humor, z. B. die Bud
Spencer-Filme oder die Tom und
Jerry-Cartoons gut und komisch gefunden zu haben. Sie weisen jedoch
in dem Zusammenhang gerne darauf
hin, dass sie das inzwischen nicht
mehr komisch finden, sondern das
ganze Ausmaß der Gewalt und Brutalität erkennen. Das Beispiel einer
28-jährigen Befragten mag dies verdeutlichen:
»Ja, witzig war, fand ich wohl, denke ich
mal, die absurde Überzeichnung der Charaktere und vielleicht auch das Element,
dass, wie bei Tom und Jerry, dass eben
auch die Kleinen die Großen austricksen
können, die Maus den Kater, und, ja, diese Brutalität, die musste ich wohl auch
annehmen, fand ich einfach schlicht lustig. Hab da aber auch nie drüber nachgedacht, wie brutal das eigentlich ist. Fällt
mir jetzt auch im Nachhinein erst ein. Ist
doch diese EnBW-Werbung, diese »Energie für Baden-Württemberg«, da läuft ja
auch immer Tom und Jerry, das ist ja
megabrutal.«
Generell lässt sich aus den Ergebnissen schließen, dass es eine biografische Entwicklung des Humorverständnisses gibt. Kinder finden noch
alles Mögliche lustig (vgl. Neuß in
diesem Heft), die Pre-Teens grenzen
sich bereits gegen den Kinderhumor
ab, indem sie teilweise explizit darauf
hinweisen, Cartoons nicht mehr witzig zu finden. Sie beginnen schon,
sich an dem Humor von Erwachsenen zu orientieren, finden zugleich
aber Nischen, wie die Komik von
Action und Gewalt, mit denen sie sich
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auch gegen die Erwachsenen abgrenzen können. Die Erwachsenen wiederum grenzen sich, wie vor allem
das Beispiel der komischen Gewalt
zeigt, nicht nur allgemein gegen den
Humor von Kindern und Pre-Teens
ab, sondern auch gegen ihr eigenes
Humorverständnis in der Kindheit.
Der kognitive Filter, der sich über den
Humor legt, kommt erst im Verlauf
des Lebens hinzu. Er gründet in moralischen Haltungen und sozialer
Erwünschtheit. Beides ist Ergebnis
eines Lernprozesses im Verlauf der
Sozialisation. Als Erwachsener weiß
man, was in bestimmten Situationen,
in spezifischen Milieus oder gesamtgesellschaftlich erwünscht ist und
was nicht. Das hat bereits Bergson
(1988, S. 16) festgestellt, der schrieb:
»Das Lachen muss gewissen Anforderungen des Gesellschaftslebens
genügen. Das Lachen muss eine soziale Bedeutung haben.«
Die biografische Entwicklung des
Humorverständnisses macht deutlich,
dass Humor von der kognitiven und
moralisch-ethischen Entwicklung abhängt. Das spielt nicht nur in der sozialen Realität eine Rolle, sondern auch
bei der Rezeption »komischer« Fernsehsendungen. Denn Komik ist
grundsätzlich ein Spiel mit dem Wissen (vgl. Mikos 2003, S. 144). In der
Rezeption entsteht Komik z. B. durch
die unterschiedliche Definition der
dargestellten Handlungssituation
durch die Figuren und die Zuschauer.
Komik und Humor stellen ein Spiel
mit der Repräsentationsordnung einer
Gesellschaft dar. Deren Normen und
Werte werden in den »komischen«
Sendungen karikiert, auf die Spitze
getrieben, hintergangen oder einfach
wörtlich genommen. Kinder und PreTeens können damit noch spontan
und unvoreingenommen umgehen,
denn sie müssen ihren Platz im Wertgefüge ihrer Gesellschaft erst noch
finden. Die Erwachsenen haben ihn
bereits gefunden und die Lerngeschichte ihrer Biografie sagt ihnen neben ihrem sozialen Umfeld, was sie
noch lustig finden dürfen oder nicht.
LITERATUR
Bergson, Henri: Das Lachen. Ein Essay über die
Bedeutung des Komischen. Darmstadt: Luchterhand 1988 (zuerst 1940).
Carroll, Noel: Notes on the sight gag. In: Horton,
Andrew (Hrsg.): Comedy/Cinema/Theory. Berkely,
CA, u.a.: University of California Press 1991, S. 2542.
Holzer, Daniela: Die deutsche Sitcom. Format,
Konzeption, Drehbuch, Umsetzung. Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe 1999.
Horten, Andrew: Laughing out loud. Wrting the
comedy-centered screenplay. Berkely, CA, u. a.:
University of California Press 2000.
Lambernd, Jochen: Scherz ist Trumpf: Humor im
Fernsehen. Eine empirische Analyse am Beispiel der
Comedy-Show RTL Samstag Nacht. Aachen: Shaker
1997.
Mast, Gerald: The comic mind. Comedy and the
movies. Chicago u. a.: University of Chicago Press
1979 (2. Auflage).
Mikos, Lothar: Film- und Fernsehanalyse. Konstanz: UVK/UTB 2003.
Neale, Steve; Krutnik, Frank: Popular film and
television comedy. London/New York: Routledge
1990.
Renckstorf, Karsten: Mediennutzung als soziales
Handeln. Zur Entwicklung einer handlungstheoretischen Perspektive für die empirische (Massen-) Kommunikationsforschung. In: Kaase, Max;
Schulz, Winfried (Hrsg.): Massenkommunikation.
Theorien, Methoden, Befunde. Kölner Zeitschrift für
Soziologie und Sozialpsychologie, 1989 Sonderheft
30. Opladen, S. 333.
Schmidt, Axel: Aggressiver Humor in den Medien
– am Beispiel der Fernseh-Comedy-Show »TV total«. Medien & Kommunikationswissenschaft,
-/2002/2, S. 195-226.
Smith, Evan S.: Writing television sitcoms. New
York, NY: Perigree 1999.
Vorhaus, John:Handwerk Humor. Frankfurt: Zweitausendeins 2001.
Wuss, Peter: Filmanalyse und Psychologie. Strukturen des Films im Wahrnehmungsprozess. Berlin:
Edition Sigma 1993.
DIE AUTORiNNEN
Elizabeth Prommer, Dr. phil., hat
eine Vertretungsprofessur für »Theorie der AV-Medien«, Studiengang
AV-Medienwissenschaft, Bereich
Fernsehwissenschaft an der Hochschule für Film und Fernsehen
»Konrad Wolf« (HFF), PotsdamBabelsberg.
Lothar Mikos, Dr. phil. habil., Dipl.Soz., ist Professor für Fernsehwissenschaft an der HFF.
Sabrina Schäfer ist Diplomandin
der AV-Medienwissenschaft an der
HFF.