Die Glasmalkunst der Gotik Wilhelm Seggewiß, Daun

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Die Glasmalkunst der Gotik Wilhelm Seggewiß, Daun
ILF-Mainz, "Mathematik und Gotik", Neustadt/Weinstraße, 28.-29. Nov. 2007
Himmelslicht
Die Glasmalkunst der Gotik
Wilhelm Seggewiß, Daun
Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
Zu Beginn
●
Die Faszination der mittelalterlichen Glasmalerei,
z.B. Chartres, Ste Chapelle, Metz, Freiburg, Regensburg
●
Glasmalerei nicht unabhängig von der Architektur,
Enge Verknüpfung mit der Entwicklung der Fensteröffnungen
●
Dennoch nicht Übertragung von Bildern anderer
Kunstgattungen auf Glas.
"Vielmehr machen Material und Technik, welche die Glasmalerei
weder mit der Wand-, noch mit der Tafelmalerei teilt, diese zu
einer besonders vollkommenen Gattung mittelalterlicher Malerei,
der einzigen, die das natürliche Licht zur künstlerischen
Gestaltung zu nutzen vermag."
(Rüdiger Becksmann, in: Deutsche Glasmalerei des MA I)
Chartres, Notre Dame, Charlemagne, um 1215
2
Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
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I. Die Technik der Glasmalkunst
●
Theophilus Presbyter, um 1125
(Roger von Helmarshausen? )
Schedula diversarum artium
(De diversis artibus) libri III
Liber II: De arte vitriaria
(Über die Kunst des Glasblasens)
●
Moldavit
Glas in der Natur
* von Lavaschmelzen: Obsidian,
* aus dem Weltall: Tektite (Moldavit),
* bei Blitzeinschlag: Fulgurit (Perlen) ,
* vom Mond: Glas, Perlen
Glas vom Mond
Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
●
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Die Natur des Glases
* Glas = Siliziumdioxid SiO2 in besond. Zustand (+ Zusatzstoffe)
* SiO2 als Kristall: Quarz
* SiO2 als "Flüssigkeit": Glas,
- rasches Abkühlen (auf ca. 600 °C)
verhindert Kristallentwicklung
* Beimischung von Oxiden (zur Senkung
des Schmelzpunktes, 1713 °C, und
zur Reduktion der Sprödigkeit):
- zunächst Pottasche: K2CO3 (Kaliumcarbonat; aus Buchen-, Farnasche)
- ab 18. Jh. Kalzium- und Natriumoxid,
Kalk-Natron-Glas
- s.a. Bleikristallglas (mit Bleioxid)
Quarz
Quarzglas
Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
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Glasfärbung
* Farbiger Quarz in der Natur: Rauchquarz, Rosenquarz, Amethyst
* Zusatzstoffe (i.A. Oxide, typisch 0,1%) bewirken Färbung, z.B.:
- Eisenoxid:
- Kupferoxid:
- Chromoxid:
- Cobaltoxid:
- Silber:
- Gold:
grün/blaugrün und gelb (je nach Wertigkeit zwei-drei)
blau und rot (zweiwertig bzw. einwertig)
grün
intensiv blau
silbergelb
rubinrot, goldpurpur
Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
●
Glasbläser
* Blasen eines zylindrischen Gefäßes
mit der Glasbläserpfeife (bis 50 l !),
* aufschneiden und auswalzen.
* Herstellung von Überfang- und Mehrschichtengläsern durch Auftropfen des
Überfanges oder Eintauchen
●
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Hrabanus Maurus: De rerum
naturalis, 842-846
Glasmaler
* Bemalung der Glascheiben mit Schwarzlot:
Überfangglas,
Oxidpulver (Eisen, Kupfer) + zerstoßenes Bleiglas,
dazu Bindemittel (Essig, Terpentinöl),
Einbrennen bei ca. 600 °C, seit 8. Jh. (?)
* Silbergelb (zitronengelb bis goldorange):
Silbernitrat + Ton/Ocker, seit 14. Jh.
verlaufender Rotüberfang,
Überfang mit Ausschliff
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Silbergelb
Schwarzlot
Chartres, Notre Dame, 1. Chorkapelle NO,
Martyrium des Hl. Pantaleon, 1220-1225
Victoria&Albert-Museum, London,
Ruhe auf der Flucht, ehemals Kloster
Mariawald, Kreuzgang, 1516-22
Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
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Glaskünstler
H
* "Karton": Holzscheibe in Originalgröße, weiß grundiert,
* aufreißen der Quereisen, der Windeisen, des Bleinetzes,
grob die Binnenzeichnung eintragen, markieren der Farben,
* auflegen der Farbgläser und
übertragen der Linien mit Kreide,
* zuschneiden der Glasstücke mit
einem heißen Eisen,
* bemalen und brennen der Gläser,
* einfassen durch die
-förmigen
Bleiruten und verlöten,
* einfügen in die Windeisen,
* armieren an den Quereisen.
N.B.: Bleinetz und Windeisen haben durchaus
ästhetische Qualität!
Bourges, Chorachskapelle, Windeisenanordnung,
Fenster des Neuen Bundes, vor 1214
> >>
Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
II. Die Geschichte
der Glasmalkunst
Lorsch >
Weißenburg
>>
(30/25 cm)
II.1. Vor der Gotik:
Von Lorsch nach Bücken
●
Karolingisch, frühromanisch
* Zahlreiche schriftliche Zeugnisse
* Erhalten blieben drei Scheibchen aus Lorsch (9. Jh.),
Schwarzach (10. Jh.) und Weißenburg (um 1060?)
* Augsburg, Dom, Langhaus (S XIIIf.), 5 Standfiguren
von Propheten, um 1100, Fenster beim got. Umbau
1334-1343 verkleinert; Apostel gegenüber?
* Wo sind die Glasfenster der großen Dome:
Speyer, Worms, Mainz, Bamberg,
Limburg, Magdeburg, Münster und
Autun, Vézelay, Toulouse, Paray-le-Monial,
Caen, Bayeux ???
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Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
●
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Romanische Reste
* Wiederverwendungen in Neubauten
* in Frankreich
- Chartres: 3 Fenster im Westwerk, 1135/45 und
"La Belle Verrière": 4 Scheiben, ca. 1180,
in gotischem Lanzettfenster von 1215-20
- Le Mans, Poitiers, Metz
Chartres, Notre Dame, Fenster
im Westwerk, 1135/45
* in den Deutschen Landen
- Straßburg, ca. 1170 bis um 1235, im Querhaus
- Regensburg: Wurzel-Jesse-Fenster von 1230 (!)
- Freiburg: 9 Medaillons vor 1218
* und zwei erhaltene Dreier-Fenster:
- Köln, St. Kunibert, 1220/30
- Bücken, Stiftskirche, 2. Drittel 13. Jh.
La Belle Verriére, um 1180
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II.2. Die Gotik
Die Fenster im Rahmen
der Architektur
●
●
Romanik:
Löcher im Massivbau
Gotik:
Durchlässe im Skelettbau
Romanik
Einteilung der Gotik
Frankreich
Frühgotik
Hochgotik
Deutsche Lande
1135 - 1195
1195 - 1260
Frühgotik 1235 - 1250
Hochgotik 1250 - 1350
"Rayonannt 1260 - 1380
Flamboyant 1360 - 1550
Spätgotik 1350 - 1520
<<<<<<>>>>>
Gotik
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(A) Frühgotik in Frankreich: Von St Denis bis Bourges
●
●
Abtei St Denis, Fenster im Chorumgang Sugers, 1140-1144 (s.S. 30)
Chartres u. Bourges: letzte Kathedralen der Fühgotik (?), 1194/95
Notre-Dame de Chartres
* Baubeginn nach Brand 1194 (erhalten u.a. Südturm, Königsportal u. einige Fenster)
* Bau i.W. 1220 vollendet (Querhausportale bis 1245, Süd-/Nordrose 1230/1235)
* Fenster:
185 Einzelfenster,
(24 moderne
Grisaillefenster)
Gesamtfläche
6700 m2 (?)
Fensteraufbau
Langhaus
>
Chor/Umgang >>
Kapellenkranz >>>
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●
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Fensteraufbau
(1) einzelne Lanzetten: Seitenschiffe
und Kapellenkranz
(2) zwei Lanzetten in Rundbogengewände
zusammengefaßt und mit Lochscheibenrose bekrönt: Obergaden
und Chorumgang (40 Rosen)
(3) drei große Rosen: Westfassade (1215,
Lochscheibe) und Querschiffabschlüsse (1230/35, Maßwerk)
Fensterinhalt: Erzählfenster <<<>>> Figurenfenster
(1) Erzählfenster: kleinteilige Erzählungen des Heilsgeschehens,
der Viten der Apostel und Heiligen, aus NT und AT;
vorwiegend in den Seitenschiffen und im Chorumgang
(2) Figurenfenster: i. W. große Einzelfiguren, Christus, Maria,
Apostel, Propheten, Heilige, Stifter; im Obergaden
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Stifter: Schlachtergilde
< Der verlorene Sohn
5 Erzählfenster aus Bourges (vor 1214) mit Details
Figurenfenster aus
Chartres: Johannes Ev.
auf Ezechiel, 1230
Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
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(ad 1) Erzählfenster
* NT und Apokryphen:
Maria: Jugend, Verk., Empf., Schmerz, Verherrl.;
Jesus: Wurzel Jesse, Geburt, Leben, Wunder,
Passion, Auferstehung, Weltenrichter;
Gleichnisse: Verlorene Sohn, Samariter;
Leben der Maria Magd., der Apostel und
Heiligen (Nikolaus, Martin, Karl der Große);
* AT u.a. Schöpfung, Tierkreis, Monatsbilder,
Noah, Abraham, Josef
Monatsbilder <<>> Tierkreis
Chartres, Chorumgang, 1220
Bourges, Der Verlorene Sohn, vor 1214
Untergrund Zweiklang Blau-Rot,
Figuren in Grün-Purpur-Weiß-Gelb,
Große Köpfe, reicher Faltenwurf ("Muldenfaltenstil"),
Bordüren und Teppichhintergrund,
Schönes Detail: Pelzfutter im Mantel
Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
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(ad 2) Figurenfenster
*Südseite: Personen des NT <<>> Nordseite: Figuren des AT
Engel, Christus, Maria, Anna;
Väter Abraham, Josef, Moses, Aaron
Apostel, Maria Magdalena;
Propheten Isaias
Nikolaus, Martin, Stephan;
Könige David, Salomon, Nabuchodonosor, Pharao
Kirchenväter: Augustinus, Gregor;
Noah, Melchisedech
"Ortsheilige": Pantaleon, Remigius,
Lubinus, Eustachius, Dionysius,
Germanus, Thomas Becket;
Stifter
* Lange Lanzetten führen zu:
- Überdehnung der Figuren oder
- Übereinandertürmen mehrerer Fig.,
- überhohen Baldachinen u. Tabernakeln,
- Figuren nur in der Mitte (s.S. 20)
zwischen Grisaillen
Chartres, Notre Dame, Figurenfenster
unter der Nordrose, vor 1240, Hl. Anna
und Könige des AT
>
Straßburg, Münster, Apost., um 1340 >>
Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
●
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Ikonographische Programme - z.T. verständlich
* Typologische Fenster: Gegenüberstellung von AT und NT
(vgl. Heilsspiegel und Armenbibel), z.B.: Erschaff. Evas <<>> Geburt Mariens;
Königin von Saba <<>> Hl. Drei Könige; Opferung Isaaks <<>> Kreuzigung Jesu
* Saint Etienne de Bourges: Fenster im Chorumgang (vor 1214)
Jesus, Sohn Gottes
Der verlorene Sohn
Jüngstes Gericht
Der barmh. Samariter
Apokalypse Johannis
Der reiche Prasser
Apostel Thomas
* Notre Dame de Chartres
Chartres, Westwerk, 1135/45
Chartres, Chor, Obergaden, 1210/20
Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
●
Der architekton. Sonderfall: Saint Etienne de Bourges
* Fünfschiffig, kein Querschiff
* Riesige Arkaden im Hauptschiff geben Blick frei auf:
* Triforium und "Obergadenfenster" an den inneren
Seitenschiffen
* Wenig stilprägend, am
deutlichsten in Toledo,
leicht in Le Mans, Coutances
●
Sonderstellung von Chartres
und Bourges
* Im Innern statt "preziöser Feingliedrigkeit" der Frühgotik
(die bei der reduzierten Lichtmenge nicht auffallen würde!)
findet man eine "kraftvolle Monumentalität".
* Zwischen {Noyon, Paris, Laon} und {Reims, Amiens, Beauvais}
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Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
(B) Hochgotik in Frankreich: Von Reims bis 2 x Troyes
●
●
Notre Dame de Reims bringt
das Maßwerk hervor, 1211-1241
Cathédrale St-Pierre et
St-Paul de Troyes, vor 1241
* Wo ist die Wand ?
* Durchlichtung des Triforiums
(gleichzeitig mit St Denis II)
* Aufhellung des Raumes in
Querschiff und Langhaus
durch Grisaillen
Details der feingliedrigen Architektur
und der Ausgestaltung des Innenraums
werden sichtbar!
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Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
●
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Saint Urbain de Troyes,
1262-1266, Gründung Papst Urban IV.
* Aufhebung des Triforiums,
* Durchgängig Grisaillen mit
Bildern inmitten
* Zweischalige Wandung im Chor
"Style rayonnant"
* Und in Chartres nur nicht übersehen:
St Pierre (ehem. Klosterk. St Père),
Fenster von 1260 bis 1315
St. Urbain, zentrales Chorfenster,
Obergaden, Kreuzigung
Chor (o.), Langhaus (u.li.), Seitenkapelle (u.re.)
Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
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(C) . . . und sonst in der Hochgotik?
●
Frankreich
Ste Chapelle de Paris, 1241 - 1245/48: Gläserner Käfig
Notre Dame de Paris, Nord- (und Süd-)Rose, ca. 1248-1260
Cathédrale de Metz: Geschichte der Glasfenster vom 12. - 20. Jh.
St Ouen de Rouen (Chor, 1325-1338) und Cathédrale de Évreux (um 1340)
●
Deutsche Lande
Größere Fensterfolgen in den "Französischen Kathedralen" :
- Freiburg (Querhaus 1250/60, Langhaus ab 1270 u. 1320, Chor 1511-1530),
- Köln (Chorkapellen 1260/65, 1280, nach 1322, Obergaden 1300)
- Straßburg (1255-1260, 1330-1350)
Weitere Zyklen
- Niederhaslach (Chor vor 1287, Langhaus 1360-1420)
- Regensburg (1300-1330 und 1360-1370, siehe (D))
- Königsfelden, Aargau, 1325-1330 (!!!)
- Esslingen: Chöre der Stadtpfarrkirche (E. 13. Jh.)
und der Frauenkirche (vor 1335)
- Erfurt: Chor des Domes (1370-1416)
- Oppenheim, St. Katharinen (14. Jh., Rose 1332/33)
Predigt de Hl. Stephanus,
Größere Reste z.B. in Marburg, Halberstadt,
um 1250/60, London, V&A
nur 2 Scheiben von Liebfrauen in Trier erhalten >
Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
(D) Spätgotik: Von Regensburg nach Ulm
●
Dom in Regensburg: Lanzetten übergreifende Darstellung,
6 Fenster an den Langseiten des Hochchores, um 1370
* Der neue Stil mit Bahnen
und Lanzetten übergreifenden Bildern
* N.B.: Rückgriff auf romanische Vorläufer,
z.B. Le Mans und Poitiers
Regensburg, Himmelfahrt,
1370
>
Poitiers, Kreuzigung,
ca. 1162
>>
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Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
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Zeit bekannter Künstler und Werkstätten
●
* Werkstatt des Peter Hemmel von Andlau: Walburg,
Colmar, Augsburg, München: Scharfzandtf., 1493
* Werkstattgemeinschaft von 4 Glasmalern
Zeit der Maler
●
* Enwürfe großer Maler in den "Kaufmannsstädten",
z.B. Hans Baldung Grien, A. Dürer, Hans von Kulmbach
Zeit namhafter Stifter
●
* Chartres (Vendôme Chap., 1415),
Bourges (Chap. Sacré Cœur, 1425),
* Ulm, Besserer-Kapelle, um 1429/30,
Künstler Hans Acker (Hans von Ulm)
* Nürnberg, St. Lorenz, Volckamerfenster,
Werkstattgemeinschaft, um 1481
●
Erste profane Fenster
* Lüneburg, Gerichtslaube, 1. H. 15. Jh.
Nürnberg, St. Lorenz, Volckamer-Fenster,
Verlobung der Hl. Katharina mit dem
Christuskind, Werkstattgem., um 1481
Ehem. Nürnberg, Karm.-Kirche,
Hand Baldung, um 1505
Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
(E) Die neuen Orden und die Glaskunst
(1) Die Zisterzienser
* Gründung von Cîteaux 1098, Anerkennung 1100,
* 525 Klostergründungen im 12. Jh., 169 im 13. Jh.
(das Leben der abgesonderten hl. Gemeinschaft)
* Diktat des Bernhard von Clairveaux (1090-1153):
- " . . . das dem Leib verhaftete Volk braucht
ornamentis . . .
- wir aber, die alle leiblichen Freuden für Schmutz
halten, um Christus zu gewinnen . . . ", die Folge:
"glasklare" Fenster oder Grisaillefenster
* Franz. Zisterzienserklöster romanisch (Fontenay,
Pontigny, Fontfroid) - außer Royaumont,
gegründet 1228 von Louis IX., aber 1790 abgetragen.
* Kloster Altenberg architekt. in dessen Nachfolge.
* Geometrische Ornamentik vorherrschend (s. Anhang),
* später aber wieder Einzug der Farbe (s. rechts).
* Große Westfenster (Marienstatt, Maulbronn, Salem)
Kloster Altenberg, Grisaillefenster ∧ (E. 13. Jh.
bis M. 14. Jh.)
Westfenster 1410 >>
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Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
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(2) Die Bettelorden
* Franziskaner, 1210 - Dominikaner, 1215 - Karmeliter, 1247 - Augustinereremiten, 1256
* Orden "fürs Volk" als Prediger, Lehrer, Seelsorger
* Fenster als "Armenbibel"
* In Frankreich die gotische Eglise de Jacobins in Toulouse
einzigartig als Bettelordenskirche
* In Deutschland zahlreiche gotische Bettelordenskirchen,
aber vollständige Fensterzyklen nicht mehr erhalten.
* Bedeutende Reste:
- Köln, Dom, "Jüngeres Bibelfenster" aus der zerstörten
Dominikanerkirche (erbaut durch Albertus M., 1280, s.u.)
- Freiburg, Münster, aus zerstörten
Dominikaner-Kirche, 1280/90
- Erfurt, Barfüßerkirche, 3 Chorf.,
Predigerkirche, 4 Ornmf., 1280,
Augustinerkirche, 4 F., 1300-30
- Esslingen, ehem. Franziskanerklosterkirche St. Georg,
nur Chor erhalten, 1280-1300
(erstmals Silbergelb in D.)
- Colmar, Dominikanerk., 1.H. 14. Jh,
Erfurt, Barf.-K., 1230/35
Köln, Dom, 1280
Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
(F) England, Spanien, Italien
●
England - viel Internationalität
* Ältere Fenster in York und Canterbury
* Canterbury (Becket-Kult), 13. Jh.
* York, 13. - 15. Jh., aber i.W. 14. Jh.
* auch Wells und Oxford, 14. Jh.
●
Spanien - viel Licht und Wärme
* Herausragend mit ganzheitl. Eindruck
Kathedrale von Leon, 3.D. 13.Jh. und 15. Jh.
* Sevilla und Toledo glänzen im 15./16. Jh.
●
Italien - viel Tafel und Wand
* Glaskunst "im Schatten" der Tafel- und
Fresko-Malerei (Cimabue, Giotto etc.)
* Assisi, San Francesco, Oberkirche, 3 F. im Chor,
deutsche Künstler (Erfurt oder Mainz?), 13. Jh.
* Siena, Duomo, Occhio von Duccio, 1288
* Florenz, Sta Croce, 2.V. 13. Jh. und 14. Jh.
* Sta Maria Novella, 15. Jh.
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York Minster,
Five Sisters,
1260 (NordQuerschiff)
Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
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(G) Danach: Von Florenz zu Gerhard Richter
●
Renaissance in Italien u. Niederlande
* Dom von Florenz, u.a. 6 Occhi von L. Ghiberti, 1444
* Dom von Mailand, 3 riesige Apsisfenster, 15. Jh.
* Flandern/Niederlande (Tournai, Lier/Lierre, Gouda)
●
Zeit des Niedergang im 16. Jahrh.
●
Rückbesinnung im 19. Jahrhundert
* Eugène Viollet-le-Duc, 1814-1879
●
Neubeginn im 20. Jahrhundert
* z.B. Jan Thorn-Prikker (1868-1932)
* Marc Chagall (1887-1985)
Florenz, Duomo Sta Maria
del Fiore, Ghiberti 1444 ↑
< Köln, St. Georg,
J. Thorn-Prikker, 1930
Metz, Cathedrale,
Erschaffung . . .
Marc Chagall, 1963 >
Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
●
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Gerhard Richters Fenster im Kölner Dom
* Fenster im Südquerhaus, 19 m hoch, 113 m²
* Richter (*1932): 11.500 Scheiben, 9,4 x 9,4 cm²,
72 Farben, Zufallsverteilung, 370.000 €, 25.08.07
* Stellungnahme Kardinal Meisners: Fenster soll
unseren Glauben widerspiegeln, >> Moschee
- Erwiderung Richters: Keine Beziehung zum
Islam! Wie sähe katholische Gestaltung aus?
- Domprobst Feldhoff: Es schaft ein von Farben
schillerndes Licht, es animiert, beseelt, regt an
zur Meditation.
Köln, Dom,
Gerhard Richter
<
2007
>
Metz, Cathedrale, Südseite,
Roger Bissiere, 1960
Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
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III. Himmelslicht
III.1. Kathedralbau und Glaskunst
* Seiten- und Hochschiffwände werden durch
vielteilige Maßwerkfenster ersetzt.
* Wand gibt es nur in den Arkadenzwickeln und
in der Sockelzone der Seitenschiffe.
* Der Raum öffnet sich nicht nach außen: Farbfenster als raumabschließende durchleuchtete
"Wände" - diaphane Gestaltung!
* Farbverglasung wird zum integrierenden
Autun, St Lazare Troyes, Cathedrale
Bestandteil des gotischen Raumes.
* Das farbige Lich gewinnt eine Stofflichkeit, die die Architekturformern ihrer
Härte entkleidet. (R. Becksmann, in: Deutsche Glasmalerei des MA I)
* Glasfenster sind ornamenta ecclesiae (wie Altäre, Statuen, Reliquiare, Bücher, Kelche)
* Der Glaskünstler ist an Größe, Gestalt, Ort der Fenster (an die Architektur!) gebunden.
* Künstler und Architekt arbeiten eng zusammen (siehe Architekturformen in den
Baldachinen, Tabernakeln, Wimpergen der Figurenfenster).
* Dimensionen der Fenster: ca. 6500 m² in Chartres, Bourges, Metz, Köln
* Kosten? Ludwig IX. zahlte für die Ste Chapelle 40.000 Livre für Bau und Schmuck,
aber 135.000 L für den Kauf der Dornenkrone und 100.000 L für den Schrein!
Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
III.2. Das sichtbare Licht - Lichtästhetik
●
Zeugnisse alter Zeit
* Venantius Fortunatus (um 600)
* Abt Gozpert von Tegernsee (E. 10. Jh.)
* Chronik von St Bénigne, Dijon (um 1060)
* Theophilus Presbyter (1125)
* Speculum virginum (nach 1140)
* Hugues de St Victor (vor 1141)
●
Abt Suger von St Denis (um 1081-1151)
* Neubau von Westwerk (1135-1140) und
Chor (1140-1140) von St Denis,
Einbau "schönster und kostbarster Fenster" Chorumgang erhalten, Fenster stark übergangen
* Herausgabe von drei Schriften über Bau, Weihe,
Verwaltung der Kirche
Quo tota clarissimarum vitrearum
St Denis, Chorumgang, 1144
luce mirabili et continua
interiorem perlustrante pulchritudinem eniteret.
30
Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
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III.3. Das geistige Licht - Lichtmetaphysik
●
Die Kathedrale
* Abbild und Vorbote des Himmlischen Jerusalem,
* Ort der göttlichen Epiphanie,
* Raum für den gestalteten Ritus
●
Versinnbildlichung schon durch die Architektur
(aber nur in abstrakten Begriffen)
- unfaßbare Größe des Himmels <> Abmessung des Gebäudes
- Harmonie <> Grundrißdisposition,
- Vollkommmenheit <> fehlerlose Konzeption der inneren Raumschale
(Arnold Wolff, in: Himmelslicht)
●
Lichtmetaphysik - Lichtmystik - Lichtsymbolik
* Gott ist Licht, Christus ist Licht - bezeugt durch die Hl. Schrift
* Die Gläser der Kirchenfenster sind die Heiligen Schriften, indem sie die claritas
der wahren Sonne, d.h. Gottes, in die Kirche, d.h. die Herzen der Gläubigen schicken.
- Honorius Augustodunensis (um 1150), Durandus von Mende (ca. 1280)
* Der schwerfällige Geist erhebt sich mit Hilfe des Materiellen zum Wahren.
- Suger von St. Denis, De administratione, 1144
Wilhelm Seggewiß: Himmelslicht
●
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Zurückführung auf Platon
* Platon (427-347 v.Chr.):
- Höhlengleichnis: Wir sehen nur die Schatten, nicht die Gegenstände im Licht.
- Sonnengleichnis: Ihr Licht ermöglicht es dem Auge, Gegenstände zu sehen.
Der Mensch kommt nur im Licht des Guten zu wirklicher Erkenntnis und Wahrheit.
(Politeia, ca. 370 v.Chr.)
* Aurelius Augustinus (354-430): Ich sah . . . über meinem Geiste das unwandelbare
Licht. (Confessiones lib. VII, cap. X)
* (Pseudo-)Dionysius Areopagita (um 500 n.Chr.): Das Licht zeigt sich als hevorragender
Teil der göttlichen Schöpfung und bewirkt, "daß die unsichtbare Wirklichkeit Gottes
durch das, was erschaffen worden ist, mit der Vernunft erkannt wird, seine ewige
Macht und Gottheit." (De divinis nominibus, cap. IV §4)
●
Im Urteil der neueren Kunsttheorie
* Erwin Panofsky (1892-1968): Die gotische Architektur ist eine Umsetzung neuplatonischer Lichtmetaphysik, eine Lichtarchitektur, in der das überirdische göttliche
Licht in irdischer Materialität aufscheint und auf diese Weise dem menschlichen
Intellekt den Aufstieg zur Erkenntnis Gottes ermöglicht. (Abbot Suger on the
Abbey Church of St.-Denis and its Art Treasures, Princton 1946)