Hot Training Teil 2

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Hot Training Teil 2
Hot Training Teil 2 - Triage
Monrovia, 20. November 2014
Besucherausweis. Dieser ist zeitlich befristet und wird beim Betreten der
ETU sehr genau geprüft, ebenso wie mitgebrachte Taschen.
Ich betrete die ETU durch eine Eingangsschleuse, in meinen neuerworbenen „Rainboots“, deren Sohle als erstes mit Chlorlösung mittels eines
„Backsprayers“ besprüht werden. Backsprayer sind Flüssigkeitsbehälter,
die auf dem Rücken getragen werden. Sie werden mit einer Handpumpe unter Druck gesetzt, um dann die Flüssigkeit mittels einer langen
Handspritze zu verteilen. Diese Spritzen kommen aus dem Garten- und
Landwirtschaftsbereich und werden allgemein dazu genutzt, Pestizide
auf Pflanzen auszubringen.
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ch habe in meinem Hot Training als „Nurse“ drei wichtige Bereiche
der ETU (Ebola Treatment Unit) von Ärzte ohne Grenzen (MSF) durchlaufen. Diese Auswahl orientiert sich an meinem Aufgabenbereich als
Krankenpfleger.
In der ETU sind diese Spritzen mit 0,5% Chlorlösung gefüllt. Nach dem
„Fußspray“ folgt das Händewaschen mit 0,05% Chlorlösung und anschließendem Körpertemperatur messen, mittels Distanzthermometer
an der Schläfe.
Ab dem ersten Schritt in die Schleuse ist das komplette Areal geschottert.
Es herrscht rege Betriebsamkeit. Die unterschiedlichen Bereiche „Low
Risk“ und „High Risk“ sind gut sichtbar durch die, aus den Medien bekannten, orangefarbene „Plastikzäune“ abgegrenzt. Überall stehen große
Flüssigkeitsbehälter mit Chlorlösung, alle Mitarbeiter tragen „Scrubs“
(OP-Kasacks und Hosen) und dazu Gummistiefel. Vereinzelt kommen
mir Mitarbeiter in „zivil“ entgegen, die ihre Schicht beendet haben.
Das „Hot Training“ ist für drei Tage geplant. In diesen drei Tagen werde
ich in drei unterschiedlichen Arbeitsbereichen eingesetzt werden und einen Mitarbeiter als Schatten auf Schritt und Tritt begleiten - „shadowing“.
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Die Triage ist ein sehr wichtiger und anspruchsvoller Aufgabenbereich.
Wir kennen das aus den Einsätzen bzw. aus Großschadensereignissen,
bei der es darum geht, eine große Menge an Patienten möglichst schnell,
entsprechend der zur Verfügung stehenden Ressourcen, bestmöglich zu
behandeln. Die Triagierung von möglichen Ebola-Patienten ist dem sehr
ähnlich. Die wesentliche Arbeit im Triagebereich ist zu entscheiden, ob
der Patient, der den Weg in die ETU auf sich genommen hat, ein Patient
ist, der auf Grund seiner geschilderten Symptome oder seines Gesundheitszustands in die ETU aufgenommen werden muss oder nicht. Diese
Entscheidung erfordert ein sehr hohes Maß an Erfahrung, Fingerspitzengefühl und Verantwortung. Die Patientenzahlen sind zum Glück nicht
mehr so hoch, wie im August dieses Jahres. Die benötigten Betten zur
Aufnahme eines Patienten sind zurzeit vorhanden, es muss kein Patient
aktuell abgewiesen werden.
Patienten kommen, auf welche Art auch immer, zuerst über das Main
Gate. Das kann zu Fuß, mit dem Taxi, der Ambulanz oder auch in einer
Schubkarre sein. Dort wird die Körpertemperatur dokumentiert und der
Patient instruiert, wohin er sich begeben soll. Der Triagebereich ist ein
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einfaches Zelt, ausgestattet mit Plastik behüllten Matratzen und einfachen weißen Plastikstühlen (Standardgartenstuhl). Jeder Stuhl ist mit
einem verschließbaren Eimer ausgestattet, sollte der Patient sich erbrechen müssen. Der Patientenbereich ist durch einen doppelten hüfthohen
Zaun mit den typisch orangefarbenen Plastikmaschen von einander
abgetrennt. Die beiden Zäune sind in einem Meter Abstand zueinander
aufgestellt. Auf der Patientenseite ist zusätzlich eine „Spritzschutzwand“
mit durchsichtiger, dicker Folie und „Kaninchendraht“ errichtet. Die
Barriere ist etwas höher als der Maschendrahtzaun und soll die Mitarbeiter vor Körperflüssigkeiten schützen. Durch diese Distanz ist es den
Mitarbeitern möglich, die Interviews mit den Patienten ohne Personal
Protective Equipment (PPE) durchzuführen. Ebola ist nicht „airborn“
und wird über eine Distanz von einem Meter nicht weiter übertragen.
Somit ist man zeitlich nicht eingeschränkt (weil man nicht in seiner PPE
langsam und beständig „gar gekocht wird“) und der erste Kontakt ist
sehr viel persönlicher. Personell sind drei lokale Nurses und eine Expat
Nurse vor Ort, ein Arzt kann jeder Zeit hinzugerufen werden. An dieser
Stelle: Thank you Kirsten from Danmark for all!
Die Patienten nehmen je nach Zustand auf den Plastikstühlen Platz oder
werden von dem Personal am Main Gate auf Tragen hereingetragen. Manche Patienten nehmen erst Platz und legen sich im Verlauf des Interviews
auf die erwähnten Matratzen. Die Interviews werden von den lokalen
Nurses durchgeführt, um zu verhindern, dass wichtige Informationen
verloren gehen, denn es ist einem Expat schlicht und ergreifend nicht
möglich, einen jeden Patienten zu verstehen, das liegt an der speziellen
Art, wie Englisch gesprochen wird, der Art der Beschreibung der Symptome und sehr viel mehr soziokulturellen Fallstricke, die man durch
dieses Procedere vermeiden kann. Die Mitarbeiter sind hoch motiviert,
sehr gut ausgebildet und haben die nötige Gelassenheit, eine möglichst
vollständige Anamnese zu erheben. Die Anamnese wird mit Hilfe eines
speziellen Formulars erhoben. Dort werden die Beschwerden, der Beruf,
der Beginn der Beschwerden, mögliche Ebola-Kontakte und vieles mehr
dokumentiert. Diese erhobene Anamnese mit der augenscheinlichen Begutachtung des Patienten ist die Grundlage zur Aufnahme des Patienten.
Hier kommt es im Wesentlichen auf die Zusammenarbeit des Teams an,
die richtige Entscheidung zu treffen. Sicherlich hat man klar definierte
Aufnahmekriterien, trotzdem trägt man mit jedem Patienten die Verantwortung, einen nicht an Ebola Erkrankten in die High Risk Zone aufzunehmen und ihn einer möglichen Infektion auszusetzen oder einen Ebola
Erkrankten nicht zu identifizieren und wieder nach Hause zu schicken.
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Sicherheit kann nur die Laboruntersuchung geben und dafür muss der
Patient aufgenommen werden und ist ab dem Moment der Aufnahme
im High Risk Bereich. Nachdem alle Informationen zusammengetragen
sind, berät sich das komplette Team und obwohl ich erst einen Tag in
dem Bereich eingesetzt war, war meine Einschätzung genauso gefragt,
wie die aller anderen Mitarbeiter. Der Teamleiter legt die abzuwägenden
Informationen dar und danach wird der Patient aufgenommen oder
nicht. Bei nicht eindeutigen Kriterien oder Grenzfällen wird immer ein
Arzt hinzugezogen. Es gibt Fälle die eindeutiger sind als andere und
deshalb ist dieser Bereich ein so wichtiger. Ist die Entscheidung, dass
der Patient nicht aufgenommen wird, wird dieser aus dem Triagebereich
mit einer Bescheinigung von MSF ausgeschleust, die bestätigt, dass dieser Patient sich in der ETU vorgestellt hat und als nicht Ebola-infiziert
eingestuft wurde. Die Bescheinigung ist einen Tag gültig, und soll dem
Patienten den Zugang zur Behandlung in einem anderen Krankenhaus
erleichtern.
Wird der Patient aufgenommen, zieht
sich ein Teammitglied in PPE um und
geht zu dem Patienten. Dort erhält
der Patient ein Patientenarmband
mit seinem Namen und Alter, die
ersten Medikamente gegen Malaria,
fiebersenkende Schmerzmittel und
Flüssigkeit mit Elektrolyten. Außerdem wird das Probenröhrchen für
die Blutprobe mit zu dem Patienten
genommen. Die Blutentnahme wird
später durch ein spezielles Team in
einem anderen Bereich durchgeführt.
Das Patientenblatt wird angelegt,
und das Patientenbett an Hand einer
Belegungsübersicht ausgesucht. Ein
kurzes „hand-over“ mit der Headnurse (HN) aus dem Suspect-Bereich
(Bereich für die krankheitsverdächtigen Patienten) und der Patient
kann aus dem Triagebereich verlegt
werden. Eine nicht einfache Entscheidung ist getroffen worden.
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