ZurückinsLeben - Migros Magazine

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ZurückinsLeben - Migros Magazine
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REPORTAGE
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NR. 1, 29. DEZEMBER 2014 | MIGROS-MAGAZIN |
Zurück ins Leben
In der Berner «Wege Weierbühl» leben 14 drogensüchtige Menschen. Hier lernen sie,
wieder auf eigenen Beinen zu stehen – mitsamt ihrer Abhängigkeit.
Die vierstöckige «Wege Weierbühl» in Köniz:
Je höher man wohnt, desto näher rückt die Aussicht,
ein autonomes Leben zu führen.
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MENSCHEN
MIGROS-MAGAZIN | NR. 1, 29. DEZEMBER 2014
REPORTAGE | 15
E
in hübsches Häuschen in einem
Wohnquartier in Köniz, Bern. Eine
herzige Gartenlaube, Sichtbalken
in der Fassade, ein Garten. Dieses Haus
beherbergt eine besondere Wohn­
gemeinschaft: Hier leben 14 Personen,
die abhängig sind von harten Drogen.
Patric (34) ist einer von ihnen. Er ist
kräftig gebaut, hat dunkelblonde Haare
und trägt einen roten Pulli. Er sitzt am
Tisch im Essraum neben der Laube, die
in den Garten führt. Er raucht, ist auf­
geregt, dass sich jemand für sein Leben
interessiert. Seit etwa drei Jahren wohnt
er hier. «Weil ich nichts anderes hatte»,
sagt er und zieht an seiner Zigarette.
Patric hatte keine Wohnung, keinen Job.
Nur die Sucht, die ihn tagtäglich
begleitete. Heroin, dreckiges, auf der
Strasse gekauft. «Ich wollte ins Heroin­
programm», erzählt er. Er wurde auf­
genommen und kam in die «Wege Wei­
erbühl». Sein Ziel: ein geregeltes Leben
zu führen. Seither geht er morgens um
Viertel vor acht und nachmittags um
halb fünf zur Abgabestelle. Dort erhält er
eine dosierte Menge Opioide: 200 Milli­
gramm (mg) Heroin, 20 mg Methadon.
Bei Patric haben neben dem Bett ein
Schrank und ein kleiner Schreibtisch
Platz. «Das erste Zimmer war noch klei­
ner», sagt er. «Jetzt habe ich wenigstens
einen Balkon.»
Jeden Nachmittag geht er arbeiten,
von eins bis vier nimmt er in einer
Recyclingfirma Computer, Fernseher
und Elektrogeräte auseinander und
sortiert sie. Abends schaut er meist TV
in seinem Zimmer. «Ich habe gern meine
Ruhe.» An den schönsten Tag hier kann
er sich gut erinnern. «Das war, als mich
die ganze Familie besucht hat,Schwester,
Grosi und die Eltern.»
Das Wohnheim heisst zwar «Wege»,
ist aber viel eher Heim als Wohngemein­
schaft im üblichen Sinn. Die Bewohner
und ein möglichst autonomes Leben zu
führen. Im Haus selbst herrscht absolu­
tes Drogenverbot. Nicht einmal Alkohol
ist gestattet. Nur rauchen darf man.
Bei Jonas, dem blonden, schlacksigen
jungen Mann, der gerade mal 30 Jahre alt
ist und seit zwei Jahren hier wohnt,
haben die Leiter vor einem Jahr eine
Büchse Bier im Zimmer entdeckt. «Da
haben sie mich zurückgestuft», erinnert
er sich. «Das war hart: weniger Taschen­
geld, mehr Ämtli und eine längere
Wartezeit, um in den dritten Stock zu
kommen.» Im dritten Stock zu wohnen,
ist gut, denn das bedeutet: Man macht
sich bereit für den Austritt, für ein
selbständigeres Leben, ist wohnkom­
petent, schafft es, ohne Nebenkonsum
«Hier ist es gut: Ich bin nicht
mehr auf der Strasse»
Seine Augen wirken schläfrig. Patric war
18, als sein Leben zusammenbrach.
Schwerer Autounfall, doppelter Schä­
delbasisbruch, Hirnblutung. In der Reha
lernte er wieder zu sprechen und zu
laufen. Ansonsten war nichts mehr wie
vorher. «Sie sagten mir, ich sei ganz
anders als früher.» Schmerzen, Konzen­
trationsschwäche, Vergesslichkeit. «Ich
konnte nichts lernen, nichts blieb mir.»
Irgendwann kam in seiner Kranken­
geschichte paranoide Schizophrenie
dazu, mit 20 war er ein 100­prozentiger
IV­Fall. Er drückte seine psychischen
und physischen Schmerzen mit Drogen
weg: Kiffen, dann Heroin.
«Hier ist es gut: Ich bin nicht auf der
Strasse», sagt Patric. «Es ist immer
jemand da, mit dem du reden kannst.»
Er hat auch seine klaren Aufgaben. Er
zeigt den Ämtliplan, der an der Pinn­
wand neben dem Esstisch hängt. «Ein­
mal pro Woche hat jeder das Tagesämtli:
abwaschen nach dem Abendessen, den
Essraum aufräumen, putzen und in Ord­
nung halten. Und heute muss ich die
Toilette auf unserem Stock putzen.»
Im Parterre befinden sich Aufent­
haltsraum, Küche und Sozialarbeiter­
büro. Im ersten und zweiten Stock sind
je sechs Zimmer untergebracht, im
Dachstock zwei weitere – erstaunlich
viele, dementsprechend klein sind sie.
Lebensmathematik: Dieses Poster hängt im Zimmer des 30-jährigen Jonas, der sich
bereit macht für den Austritt.
sind nicht fähig, ein komplett auto­
nomes Leben zu führen, und brauchen
klare Strukturen,tägliche Unterstützung
und Betreuung. Anders als in therapeu­
tischen Einrichtungen für Drogen­
abhängige ist diese hier nicht auf
Abstinenz ausgerichtet. «Die Bewohner
erhalten fast alle Methadon oder
Heroin», erklärt Barendjan van
Harskamp (54). Der Sozialpädagoge und
Familien­ und Systemtherapeut mit dem
sympathischen holländischen Akzent
führt das Haus seit vier Jahren.
In der «Wege Weierbühl», finanziert
durch die Stiftung Sinnovativ in Köniz,
leben derzeit elf Männer und drei Frauen
im Alter von 25 bis 61 Jahren. «Die meis­
ten gehen während des Tages arbeiten,
in Werkstätten oder Sozialbetrieben»,
sagt van Harskamp. Wie lange die
Bewohner hier bleiben, ist individuell.
Ziel ist es, mit der Sucht leben zu lernen
durch den Alltag zu kommen und einer
geregelten Arbeit nachzugehen. Mittler­
weile wohnt Jonas im dritten Stock. Er
war etwas über 20, als er mit Drogen
begann. Er hatte Philosophie und Psy­
chologie studiert und 1000 Fragen an die
Welt, die ihm niemand beantworten
konnte. «Ich zog mich in meine Traum­
welt zurück», erinnert er sich. «Ich
hatte zwar eine eigene Wohnung, ver­
wahrloste aber. Das habe ich mit Alk und
Gras kompensiert.» Eines Abends bot
ihm ein Dealer Heroin an. Er rauchte es,
ihm wurde wohlig warm. «Es ging mir
seit Langem wieder richtig gut.» Bald
hatte ihn die Sucht im Griff.
Heute erhält er in der Abgabestelle
täglich eine Tablette Diaphin mit dem
Inhaltsstoff Diacetylmorphin, dem che­
mischen Begriff für Heroin. Etwas vom
Besten, was er hier machen konnte, war
das Schreibprojekt der «Wege» im Jahr
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REPORTAGE
2013: Er ist einer der vier Autoren des
soeben erschienenen Buchs «Verfixt &
zugedröhnt». Nun hofft er, etwas mit
Schreiben machen zu können. Und auch
wenn es Momente gibt, die Jonas in der
«Wege Weierbühl» Mühe bereiten – mit
den zusammengewürfelten Leuten, mit
der Strenge des Teams –, so ist ihm stets
bewusst: «Am meisten Mühe habe ich
mit mir selbst.» Dass hier kein Druck
herrscht, drogenfrei zu leben, empfindet
er als sehr angenehm: «Das ist doch
vernünftig: Druck von aussen bringt eh
nichts.» Er weiss das nur zu gut. Seinen
ersten Entzug hatte er auf Druck seiner
Eltern gemacht. So gut sie es meinten, so
kurzlebig war die Wirkung: Der Sohn
war schnell wieder auf Drogen. Die
folgenden, aus freien Stücken auf­
gesuchten Langzeittherapien waren
hingegen nachhaltiger.
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baut. Dieses Arbeitsangebot ist vor 20
Jahren aus der «Wege» entstanden. Ein
damaliger Praktikant fand, dass die
Bewohner unbedingt Jobs brauchten.
Heute ist es ein erfolgreiches Sozial­
unternehmen mit 70 Mitarbeitern.
Dass er hier von aussen keinen Druck
spürt, erleichtert Klaus, von der Droge
wegzukommen. «Niemand sagt, es tut
dir nicht gut, wenn du kiffst.» Er ist im
Methadonprogramm und konnte von
160 mg schon auf 30 mg reduzieren.
Dereinst möchte Klaus wieder in einer
eigenen Wohnung leben können. Doch
vorerst ist es gut hier. Er mag das
gemeinsame Essen am Abend, das Zu­
sammensein, auch wenn jeder danach in
sein Zimmer geht. Und: «Es ist immer
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Vertrauen, das sie mir geben.» Die
schwierigen Biografien und Probleme,
die hier zum Alltag gehören, nimmt sie
pragmatisch. «Ich habe nicht den
Anspruch, dass sie aus den Drogen raus­
kommen. Ich habe den Anspruch, im
Moment für sie da zu sein und ihnen
zuzuhören», erklärt sie.
Die «Wege Weierbühl» hat sich in ih­
rem 25­jährigen Bestehen gut im Quar­
tier eingebettet und wird akzeptiert.
Aber: «Wir finden kaum Wohnungen für
Bewohner, die bereit wären, auszutre­
ten», sagt Barendjan van Harskamp. «Es
ist ja klar, dass sie auf normalem Weg
kaum eine Wohnung kriegen. Wie auch?
Sie haben Schulden, Betreibungen.»
Sein grösster Wunsch ist es deshalb, ein
1 Jonas hat in der
«Wege» am
Buch «Verflixt &
zugedröhnt»
mitgeschrieben.
Seither träumt er
von einer Zukunft
als Schreibender.
2 Klaus mag die
familiäre Atmosphäre im Haus
und arbeitet in
einem Sozialunternehmen gleich
ums Eck.
3 Winziges Zimmer,
grosser Fernseher:
Den konnte sich
Patric mit Unterstützung seines
Grosis leisten.
Im Haus selbst darf niemand
Drogen oder Alkohol konsumieren
«Kein Mensch ist freiwillig drogensüch­
tig», erklärt Barendjan van Harskamp.
«Niemand sagt: ‹Ich werde drogen­
abhängig, das fägt.› Und wir können
nicht von ihnen erwarten, dass sie ein­
fach so damit aufhören.» Er bringt den
sinnigen Vergleich mit dem Schwim­
men: «Wenn ich nicht schwimmen kann
und mich jemand ins Wasser wirft und
sagt: ‹Schwimm!›, dann kann ich das
nicht plötzlich. Das ist mit dem Auf­
hören in der Sucht genauso.» Das Kon­
zept, nicht auf Abstinenz ausgerichtet
zu sein, ist für ihn sehr sinnvoll: «Es gibt
Menschen, die probieren x­fach, von
den Drogen loszukommen, doch es geht
einfach nicht. Hier haben sie das Recht,
drogenabhängig zu sein, sie haben aber
auch die Pflicht, keine Drogen im Haus
zu konsumieren.»
Die Regeln sind klar und streng: keine
Drogen, keine Gewalt. Auch verbale Ag­
gressionen führen zu einer Verwarnung.
Beim zweiten Mal ist man draussen.
Jeder muss sein Ämtli erfüllen, jeden
zweiten Mittwoch gibt es die obligato­
rische Sitzung mit allen. Ansonsten sind
sie frei: Frühstück und Mittagessen
nehmen sie individuell ein, es hat immer
etwas im Kühlschrank. Zwischen sechs
und halb sieben gibt es Abendessen. Es
gibt keine Anwesenheitspflicht, eine
warme Mahlzeit pro Tag schätzen aber
die meisten. Und so sind zum Znacht oft
alle da. Um Viertel vor zwölf schliesst das
Haus seine Türen bis am Morgen früh.
Klaus (47) ist ganz frisch hier. Er
arbeitet bei Gump­ und Drahtesel, einer
Werkstatt, die ausgediente Fahrräder zu
funktionstüchtigen Velos zusammen­
Bilder rechte Seite:
4 Sozialarbeiterin
Gina ist seit einem
Jahr in der «Wege
Weierbühl» ‒ für
sie ein Traumjob.
Blick in die Agenda von Jonas – ein Symbol für den Weg zurück ins Leben.
Der regelmässige Zimmerputz gehört zum Alltag in der «Wege».
jemand da, mit dem ich sprechen kann.»
Denn alle 14 Bewohner haben eine indi­
viduelle Bezugsperson, die sich um sie
kümmert. Es ist stets ein Sozialarbeiter
vor Ort, und in der Nacht eine Nacht­
wache. Bei den Gesprächen geht es um
Alltägliches wie Beziehungen, den
Tagesablauf, um Arbeit und die Unter­
stützung, die sie brauchen.
«Die Sucht ist nur ein Teil der
Bewohner», erklärt Barendjan van
Harskamp. «Ansonsten sind sie Men­
schen wie wir, mit ihren Problemen,
Träumen und Nöten, wie wir sie alle
kennen.» Und mit Träumen, die oft
bürgerlicher nicht sein könnten: Viele
wünschen sich ein eigenes Haus – am
liebsten eine Villa mit Swimmingpool,
eine Kleinfamilie, zwei Autos.
Heute hat Sozialarbeiterin Gina Canal
(26) Frühschicht. Sie mag die Arbeit hier.
«Es kommt viel zurück. Ich schätze das
Haus zu kaufen, dessen Wohnungen er
an ehemalige «Wege»­Bewohner ver­
mieten kann. Dort würden regelmässig
Betreuungspersonen vorbeischauen.
So kompliziert und vielschichtig das
Thema Drogensucht in unserer Gesell­
schaft auch ist: Die «Wege Weierbühl»
gibt den Abhängigen eine gute Chance,
etwas Halt in ihr Leben zu bringen.
Text: Claudia Langenegger
Bilder: Daniel Auf der Mauer
www.migrosmagazin.ch
LESEN SIE ONLINE
Den Ausstieg geschafft
Eine betreute Wohnform ist nur der
erste Schritt. Mehrere ehemalige Abhängige
schildern ihren Weg aus der Sucht.
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AUF EIN WORT
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FRAU DES JAHRES
Mutiger Einsatz
Man sieht die andern gern leiden:
Das «Eiswasser
über den Kopf
giessen» war der
Facebook-Trend
2014.
DAS JAHR IN DEN SOZIALEN NETZWERKEN
«Bad News sind auf Social
Media weniger gefragt»
Warum die Jungen Facebook nicht mehr so stark nutzen, sich 2014 aber trotzdem eiskaltes
Wasser über den Kopf kippten, erklärt Social-Media-Kenner Konrad Weber.
Bilder: Keystone (2), SRK, zVg
Konrad Weber, was war
2014 das herrschende Element auf Social Media?
untergang postet man
nicht mehr automatisch
auf Facebook, sondern
vielleicht auf Instagram
oder teilt es per Whatsapp.
Ganz klar die Selfies.
Das Selfie von der
Oscar-Verleihung zum
Beispiel ist das am meisten auf Twitter verbreiEin lästiger Facebook-Trend
tete Bild überhaupt. In
war die «Ice-Bucket-Chalder Schweiz war das Bild
lenge», bei der Menschen
von der Bundesratreise Konrad Weber (25) sich kübelweise Eiswasser
über den Kopf gossen.
sehr beliebt. Durch ist MultimediaWieso haben so viele mitSocial Media sind die Journalist bei
Leute greifbarer gewor- SRF.
gemacht?
den. Vor ein paar Jahren
Einerseits war das sicher
wäre es nicht vorstellbar gewesen, ein typisches Gafferphänomen:
dass die Bundesräte einfach zum Man schaut zu, wie andere leiden.
Spass ein spontanes Foto schiessen. Zum anderen wäre der Trend sicher
Wir haben 2014 aber auch gesehen, nicht so rumgegangen, wenn man
dass Smartphone-Bilder Gefahren nicht seine Freunde hätte weiterbergen. Spätestens seit der Geri- nominieren müssen.
Müller-Affäre wird die Frage nach
Privatheit und Öffentlichkeit ver- Das meistgebrauchte Social-Mediamehrt diskutiert.
Wort 2014?
Das ist wohl der durch die MassenIst die Facebook-Nutzung bei den Jun- einwanderungs-Initiative erfungen eigentlich immer noch rückläufig?
dene und durch Ecopop wiederaufEs ist sicher noch die Plattform, genommene «Dichtestress».
mit der man die meisten Leute er
reicht. Allein in der Schweiz gibt es Welches Youtube-Video kam bei den
drei Millionen Konten. Vielleicht Schweizern gut an?
wird es aber nicht mehr so exzessiv Das am meisten geschaute Video
genutzt, zudem hat sich alles auch hat ein Pole gedreht. Es geht um
auf andere Plattformen verteilt. einen als Spinne verkleideten
Das Abendessen oder den Sonnen- Hund, den «Mutant Giant Spider
Dog», der die Leute erschreckt. Das
Video hatte weltweit 120 Millionen
Klicks. Der Erfolg ist relativ einfach
erklärbar: Beim Video handelt es
sich um einen Scherz, bei dem man
erschrickt und trotzdem lacht.
Um drei Tage Bedenkzeit hat Sabine Hediger (45) aus Oberkirch LU
gebeten. Mit dem Einverständnis
ihrer vier Kinder und ihres Manns
sagte sie dem Schweizerischen
Roten Kreuz zu. Drei Wochen kämpfte sie in Sierra Leone gegen Ebola:
Die Hebamme und Pflegefachfrau
kümmerte sich um infizierte Patienten, schulte das lokale Personal und
half mit, ein Feldspital aufzubauen.
Mit ihrem mutigen Einsatz steht sie
stellvertretend für die humanitäre
Hilfe der Schweiz.
MANN DES JAHRES
Souveräner Auftritt
Die Fussball-WM 2014 war bei Google
das Trendthema. Was wird nächstes
Jahr für virale Effekte sorgen?
Ein so grosses Sportereignis wird es
2015 nicht mehr geben. Aber die
nationalen Wahlen werden sicher
viel Aufmerksamkeit generieren.
Was war 2014 Ihre Lieblingsstory?
Eine konkrete Geschichte fällt mir
nicht ein. Mir ist aber aufgefallen,
dass Bad News wie die UkraineKrise oder Ebola auf Social Media
weniger gefragt sind. Die Menschen
suchen nach Aufstellern, nach
konstruktiven Ansätzen.
Ihr grösster Aufreger?
Die Selfies im Bundeshaus. Da
wurde viel hochgekocht, obwohl es
nicht relevant ist. Leider verstärken
solche Artikel den Vertrauensverlust der Leser in die gesamte
Medienbranche.
Interview: Silja Kornacher
Lesen Sie auf Seite 67, welche Rezepte 2014
am meisten gegoogelt wurden.
Er hat den Spagat zwischen Aussenminister, Bundespräsident und
Vorsitzendem der OSZE geschafft.
Mehr als 30 Reisen hat FDP-Bundesrat Didier Burkhalter (54)
dieses Jahr gemacht, unzählige
Hände geschüttelt. Als Vermittler
im Ukraine-Konflikt und bei der Annäherung an die EU spielte er eine
wichtige Rolle. Der Neuenburger ist
aktuell der Politiker mit dem grössten Rückhalt bei den Schweizern,
wie eine repräsentative Umfrage
der «Sonntagszeitung» zeigte.
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PORTRÄT
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1 Meter 80 hoch darf eine Tischbombe maximal fliegen. Maurice Regel sorgt mit Hilfe seiner Testabschussrampe für das Einhalten dieser EU-Norm.
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MIGROS-MAGAZIN | NR. 1, 29. DEZEMBER 2014 |
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PORTRÄT
Architekt der guten Laune
Explodiert an Silvester eine Tischbombe, weiss Maurice Regel auf das letzte Bölleli genau,
was einem gleich um die Ohren fliegen wird: Der Aargauer ist Tischbombenkreateur.
K
awumm!» Zwei Sekunden Stille,
dann ein «Plop-plop-plop».
«Keis guets Föteli, gell?» Maurice
Regel (55) blickt hoffnungsvoll zum
Migros-Magazin-Fotografen René Ruis.
«Hm», brummt dieser, während er auf
das Display seiner Kamera starrt, «vielleicht könnten wir ja noch einmal …?»
Doch da hat Regel bereits die nächste
Tischbombe gezündet: «Kawumm!»
Zwei Sekunden Stille, dann ein «Plopplop-plop». Es riecht nach Schwefel.
Schinznach Dorf AG, 1699 Einwohner, fünf Beizen, eine Baumschule mit
eigener Dampflokbahn – und die Constri
AG, der einzige Tischbombenhersteller
der Schweiz. 500 000 Tischbomben
made in Schinznach Dorf landen jedes
Jahr in den Verkaufsregalen, auch in der
Migros.500 000 Tischbomben,bestückt
mit 50 bis 70 Tonnen Partyartikeln, womit wir wieder bei Maurice Regel wären.
«Marketing/Verkauf/Prokurist» steht
auf seiner Visitenkarte. Was zwar alles
zutrifft, aber keineswegs umschreibt,
was der Mann tatsächlich tut. Tischbombenkreateur wäre viel treffender
oder: Partyknaller. Immerhin verantwortet er seit bald 20 Jahren, was bei
vielen Schweizern an Silvester explodieren wird.
Heidi und Fussball – Inspirationen
finden sich überall
Und das soll vor allem fesseln, und zwar
möglichst lang. Deshalb entwirft Maurice Regel nicht einfach Tischbomben,
sondern Tischbombenpartys: Piratenparty, Girl Party oder Fussballparty
heissen seine Kreationen, Ingredienzien
sind Augenklappen und Gummiskelette,
Klunkerringe und Plastikpferdchen,
Minifussbälle und Trillerpfeifen – und
natürlich immer und überall die
unsäglichen, mit einem Blasrohr zu
verschiessenden bunten Papiermachébölleli. Gerade tüftelt er an einer
Moustache Party. Details will er keine
nennen, die Konkurrenz, die sich vor
allem in Fernost tummelt, schläft nicht.
Inspiration für seine Partyartikel mit
Knall findet der Tüftler überall: an internationalen Spielzeugmessen und auf
Reisen, auf den Laufstegen der Haute
eine mit Nitroglyzerin angereicherte
Baumwollfaser, auch Schiessbaumwolle
genannt. Ihr grosser Vorteil gerade in
geschlossenen Räumen: Sie entwickelt
wenig Rauch. Weshalb sie übrigens auch
zum Auslösen von Autoairbags verwendet wird.
Tischbomben werden mit 0,7 bis 2
Gramm Nitrozellulose scharf gemacht,
je nach Bestückung. Einmal gezündet,
drückt der dabei entstehende Stickstoff
den Inhalt aus der Röhre. Angeliefert
wird die Nitrozellulose in feuchtem Zustand. Um eine statische Aufladung und
damit eine Entzündung zu vermeiden,
stehen die Arbeitstische für die Montage
auf Metallplatten. Aus demselben Grund
sind in der Produktionshalle der Constri
AG auch keine Handys erlaubt.
Das Gefährlichste überhaupt
ist das Zündhölzli
Jede Tischbombe wird in Handarbeit und
gemäss ihrem jeweiligen Motto gefüllt.
Couture, aber auch im Internet. Hier
sind Filmtrailer gute Quellen: «Pirates of
the Caribbean» vor ein paar Jahren etwa,
oder aktuell der neue «Heidi»-Film, der
2016 in die Kinos kommt. Details zur
Alpenparty-Tischbombe will er ebenfalls keine nennen – die Konkurrenz!
Maurice Regel lässt seine neusten
Einfälle gern von Freunden und Bekannten testen. Keine Einladung, bei der er
nicht mit zwei, drei Tischbomben unter
dem Arm erscheint. Jahrelang gehörten
auch seine Töchter zum Testteam.
Unterdessen passen sie. «Mit 24 respektive 25 Jahren zählen sie momentan nicht
zum klassischen Zielpublikum», tröstet
sich der Vater. Dieses liege bei 5 bis
12 Jahren und wieder bei 30 plus, «dann,
wenn die Leute selber Kinder haben».
Verkaufshit Nummer 1 der Schinznacher
ist folgerichtig denn auch seit Jahren das
Modell Kinderparty.
Eine Tischbombe ist ein simples
Ding: unten ein Kunststoffboden, oben
ein Kunststoffdeckel, dazwischen eine
Kartonröhre, von Hand mit dem entsprechenden Equipment befüllt. Für den
nötigen Auftrieb sorgt Nitrozellulose,
Migrosmagazin.ch
ONLINE
Spassmaterial
Tischbomben sind
wahre Wundertüten. Ein kleiner
Überblick über
alles, was an
Silvester so in die
Luft geht.
1 Meter 80 darf eine Tischbombe gemäss
EU-Vorgaben maximal abheben. Um
dies zu gewähren, steht draussen auf der
Laderampe der Constri AG eine Art
Testabschussrampe mit Höhenskala. Pro
1000 Tischbomben wird hier ein Exemplar aus der laufenden Produktion
gezündet. Zwei bis maximal fünf Sekunden darf es bis zum «Kawumm» dauern.
Doch auch all das verschossene Spassmaterial muss den Sicherheitsanforderungen an Spielzeug entsprechen, hat
beispielsweise speichelfest zu sein und
darf auch keinen Weichmacher enthalten. Über 150 verschiedene Inhaltsartikel
sind zurzeit an Lager, und jeden Monat
trifft ein weiterer Schiffscontainer ein.
Sind Tischbomben – anders als der
explosive Name impliziert – also harmlos? Maurice Regel lacht. Gefährlich sei
höchstens das Zundhölzli: «Damit kann
man sich nämlich die Finger verbrennen!» Zwei Tipps zur korrekten Handhabung hat er dann aber doch noch: Zum
einen sollten Tischbomben – Name hin
oder her – auf dem Boden (1 Meter 80!)
gezündet werden. Zum anderen
empfehle es sich nicht, sie im feuchten
Keller zu lagern. «Sonst gibts nämlich
höchstens ein Mini-Kawumm!»
Text: Almut Berger
Bilder: René Ruis
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MIGROS-MAGAZIN | NR. 1, 29. DEZEMBER 2014 |
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Fair-TradePionierin Ursula
Brunner verfolgt
noch heute
aufmerksam, was
in der Welt des
Handels abläuft.
«Ich bin eine zähe
Wurzel»
Ursula Brunner kämpfte mit den «Bananenfrauen» schon für fairen Handel,
als es den Begriff «Fair Trade» noch gar nicht gab. Dieser Tage wird sie 90 Jahre
alt, altersmilde ist sie nur ein wenig.
M
it der Migros fing alles an,
damals. Und mit «Bananera
Libertad»: Der Schweizer Dokumentarfilm zeigte auf, was der günstige
Preis von Bananen hierzulande mit der
Armut von Arbeitern in Zentralamerika
zu tun hat. Es war das Jahr 1973, und die
Frauen waren in der Schweiz erst seit
zwei Jahren stimmberechtigt. Die Frauenfelder Pfarrersgattin Ursula Brunner
war bereits Mutter von sieben Kindern,
pflegte ein offenes, solidarisches Haus,
wie sie es von ihren Eltern her kannte
und «wie es zu meinem Bild einer Pfarrersfrau passte». Über eine Bekannte
wurde sie auf das Bananenthema aufmerksam. Es sollte ihr weiteres Leben
beherrschen – bis heute.
Es ist ein warmer Dezembertag kurz
vor Weihnachten und auch kurz vor
ihrem 90. Geburtstag. Ursula Brunner
bittet in ihrer Wohnung im reformierten
Kirchgemeindehaus mitten in Frauenfeld an den Stubentisch, an dem sie und
die anderen Bananenfrauen einst ihre
nächsten Schritte beraten haben. Ihre
hellen Augen fokussieren auf das Gegenüber, die Gedanken und Worte sind
schnell und präzise. Man traut ihr locker
zu, in einer «Arena»-Sendung alle an
die Wand zu argumentieren – vor allem,
wenn es ums Thema fairen Handel geht.
Brunner und weitere Frauen
schrieben der Migros einen Brief
Die Geschichte mit der Migros erzählt
Ursula Brunner genüsslich. Sensibilisiert durch den Dokumentarfilm von
Peter von Gunten traute sie ihren Augen
nicht, als die Genossenschaft 1973 in
einem Inserat mitteilte, dass sie den
ohnehin schon günstigen Bananenpreis
noch mehr senken werde, von Fr. 1.50
pro Kilo auf nur noch Fr. 1.35. Die Migros
sprach von einem Geschenk an die Kunden, nannte die Preisreduktion «das Bananenwunder» und begründete dieses
mit dem Fall des Dollarkurses. Für Brunner und weitere sensibilisierte Frauen in
Frauenfeld war klar: «Das stimmt nicht,
das ist kein Geschenk an die Kunden!
Das ist Geld, das den Leuten in den Plantagen fehlen wird, die für weniger Geld
mehr arbeiten müssen.»
Sie beschlossen, der Migros einen
Brief zu schreiben, einen Appell, die 15
Rappen auf den Bananen zu belassen
und die 10 Millionen «Gewinn» am
Ende des Jahres in ein Bananen produzierendes Land zu schicken, zugunsten
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PORTRÄT
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NR. 1, 29. DEZEMBER 2014 | MIGROS-MAGAZIN |
«Es kann
doch nicht
sein, dass
wir Reichen
sogar mit
dem Label
des fairen
Handels
an den
Armen verdienen.»
1977: Ursula Brunner (ganz links) und weitere engagierte «Bananenfrauen»
beratschlagen, wie sie den Handel mit Bananen fairer machen könnten.
1973: Eine Öffentlichkeitskampagne
trägt Früchte.
eines sozialen Projekts, etwa zum Bau
eines Spitals oder eines Schulhauses.
Die Migros antwortete, man sei keine
Wohltätigkeitsinstitution, sondern ein
Unternehmen. Und in einem Artikel im
«Brückenbauer» schrieb Migros-Vizepräsident Pierre Arnold, er verkenne die
guten Absichten der Frauen nicht, aber
sie würden keine Probleme lösen. Das
war lange, bevor in der Migros die erste
Max-Havelaar-Banane verkauft wurde
und somit die erste aus fairem Handel,
wie sie heute in jeder Filiale angeboten
wird.
«Women’s Business Award 2014», verliehen von der Hochschule Luzern. Das
waren späte, aber wichtige Anerkennungen für die Thurgauerin, die ihr
ganzes Erwachsenenleben dem Engagement für eine gerechtere Welt gewidmet
hat.
«Heute», bedauert sie, «können sich
Frauen kaum noch freiwillig und unentgeltlich für Gerechtigkeit und die Allgemeinheit einsetzen. Sie müssen bereits
Familie und Arbeit bewältigen, da bleibt
kaum noch Zeit für etwas anderes.»
Die Pionierin des fairen Handels, die
sich als «zähe Wurzel» bezeichnet, ist
diesbezüglich aber kaum altersmilde
geworden. «Dieses System ist in unseren
Köpfen entstanden und nicht bei den
Produzenten, denen es zugutekommen
sollte.» Sie wünscht sich, dass die Leute
bei uns zu niedrigeren Löhnen im fairen
Handel arbeiten würden, «weil es doch
nicht sein kann, dass wir Reichen sogar
unter dem Label des fairen Handels an
den Armen verdienen».
Dennoch: «Gerechtigkeit ist ein Prozess», sagt Ursula Brunner. «Wichtig
ist, dass wir uns darauf hinbewegen. Und
dass wir erkennen, dass kein Schritt zu
klein ist, um ihn nicht zu machen.»
Bilder: zvg
Das Engagement von Frauen galt
damals als reichlich exotisch
Nicht nur war politisches Engagement
von bürgerlichen Frauen zu jener Zeit
reichlich exotisch, man traute insbesondere Müttern und Hausfrauen auch
schlicht nicht zu, wirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen. Zusammen
mit den anderen Frauen fing sie an, den
(Bananen-)Handel zu studieren. Bald
verstand sie in aller Klarheit, was sie
störte (und bis heute stört): «Dass wir
Reichen billige Ware bei armen Leuten
einkaufen, ist ein Affront, de facto bedeutet es, dass wir Reichen auf Kosten
dieser Armen leben.»
Im Herbst 1973 zogen die Frauenfelder Bananenfrauen mit 600 Kilogramm
Bananen in Leiterwagen, mit Plakaten,
einer eigenen Zeitung und begleitet von
den Medien durch Frauenfeld, um den
1994: Ursula Brunner mit einer Delega­
tion der Finca Baltimore aus Costa Rica
im Volg Wiesendangen ZH.
Leuten zu sagen, welchen Unterschied
15 Rappen pro Kilo Banane für das Leben
der Bananenarbeiter macht. Die Aktion
war erfolgreich, die Botschaft schlug
landesweit ein.
Schliesslich reiste Ursula Brunner ab
1976 jedes Jahr in die Bananen produzierenden Länder Zentralamerikas. Sie sah
die Armut aus nächster Nähe. «Unser
Traum war, dass die Arbeiter für die
Bananen einen Lohn erhalten, von dem
sie leben können.» Ein schwieriges
Unterfangen, wo doch der ganze Bananenmarkt von drei US-Unternehmen
beherrscht war. Aber sie erkämpfte sich
Zugang zu höchsten Regierungskreisen
und fand Verbündete auch bei europäischen Früchtegrosshändlern. Sie gründete die Gebana AG mit, eine weltweit
tätige Fair-Trade-Organisation, die es
heute noch gibt. Und sie wurde mit Preisen bedacht, kürzlich etwa mit dem
Text: Esther Banz
Bild: Ursula Meisser
Unter www.migros.ch/de/supermarkt/max-ha
velaar/unser-beitrag.html erklärt die Migros am
Beispiel Banane, was fairer Handel ist.
MENSCHEN
26 |
|
INTERVIEW
Armee- und
Sportminister
Der frühere SVPParteipräsident Ueli
Maurer (64) sitzt
seit Januar 2009
als Vorsteher des
Departements für
Verteidigung,
Bevölkerungsschutz
und Sport (VBS)
im Bundesrat.
Unter der Woche lebt
er in Münsingen BE,
ansonsten in
Wernetshausen ZH.
Maurer ist verheiratet
und hat vier Söhne
und zwei Töchter.
«Wir werden mit der
EU eine Lösung finden,
weil beide eine brauchen.»
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NR. 1, 29. DEZEMBER 2014 | MIGROS-MAGAZIN |
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MENSCHEN
MIGROS-MAGAZIN | NR. 1, 29. DEZEMBER 2014 |
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INTERVIEW
| 27
«Die Schweiz will wieder mehr
selbst bestimmen»
Bundesrat Ueli Maurer zieht trotz Gripen-Absturz eine positive Jahresbilanz.
Der Armeeminister über die Bedrohungslage der Zukunft, das Verhältnis zur EU,
die Polarisierung im Volk und seine Vorsätze für 2015.
Ueli Maurer, wie war Ihr Jahr 2014?
Erfreulich ist, dass alle wichtigen Projekte des Departements auf Kurs sind:
das Nachrichtendienstgesetz, die Weiterentwicklung der Armee, die Sportkonzepte. Ein Höhepunkt war für mich
die Teilnahme bei den Olympischen
Spielen in Sotschi. Nicht so ins Bild
gepasst hat die Gripen-Abstimmung.
Das war der Tiefpunkt des Jahres?
Ich würde schon sagen.
Und Ihr persönliches 2014?
Ein gutes Jahr! Ich hatte wieder etwas
Zeit, um Sport zu treiben – das ist immer mein Massstab für den Ausgleich
neben der Arbeit.
Was für Sport treiben Sie?
Im Winter Langlaufen, im Sommer
Velofahren, und ab und zu eine Hochgebirgstour. Im Moment ist es leider
wettermässig ziemlich trostlos, ich
würde schon lange gerne in den Schnee.
Für die Schweiz war es ja ein ziemlich aufwühlendes Jahr. Wie geht es ihr nun nach dem Ja
gegen die Masseneinwanderung (MEI) und
dem Nein zu Ecopop?
Das Abstimmungsresultat zur MEI zeigt,
dass die Schweiz auf dem Weg zu mehr
Selbstbewusstsein und mehr Eigenständigkeit ist. Sie will wieder mehr selbst
bestimmen und ist bereit, dafür auch
gewisse Risiken in Kauf zu nehmen.
Dann erwarten auch Sie Wohlstandsverluste,
falls sich wegen der MEI-Abstimmung die
Bilateralen am Ende nicht halten lassen?
Meiner Meinung nach ist die EU genauso
auf die Bilateralen angewiesen wie die
Schweiz. Sie braucht die Durchfahrtsrechte, und sie ist froh um die drei
Millionen Menschen, die Schweizer
Unternehmen in der EU beschäftigen.
Sie hat kein Interesse, das aufzugeben.
Man muss die Verträge vielleicht einfach
neu ordnen.Bei der Personenfreizügigkeit
ist das heikel, weil es innerhalb der EU ja
die gleichen Diskussionen gibt. Wenn
man der Schweiz nachgibt, kommt England auch und will dasselbe.
Genau deshalb wird die EU kaum zu Konzessionen bereit sein.
Vielleicht eskaliert es jetzt noch ein
bisschen, aber irgendwann werden wir
eine Lösung finden, weil beide eine
Lösung brauchen. Wir sind für die
EU immerhin der zweitwichtigste
Handelspartner.
heute von Leuten, die wenig begeistert
waren vom Ja, jetzt aber finden, das solle
gefälligst korrekt umgesetzt werden.
Eine nochmalige Abstimmung käme
genau gleich heraus, vermutlich sogar
mit einem noch deutlicheren Ja.
MEI und Ecopop haben eine enorme gesellschaftliche Spaltung der Schweiz offenbart.
Wäre es denn ein Problem, wenn die Schweiz
die Bilateralen nicht mehr hätte?
Diese Spaltung gibt es seit dem Nein zum
EWR 1992 und ist seither ungelöst. Obwohl inzwischen eine Generation weggestorben ist und rund 600 000 Menschen neu eingebürgert wurden und
abstimmen, hat sich am Resultat wenig
verändert. Es ist auch nichts Schlechtes,
solche Fragen zu diskutieren. Man kann
sie halt einfach nicht final bereinigen,
weil dann die eine oder andere Seite
frustriert sein wird. Der Status quo
entspricht der Situation am besten.
Gehen Sie nach Brüssel zum Verhandeln? Das
hatten Sie ja nach dem Ja zur MEI angeboten.
Bei Ecopop hatte man den Eindruck, dass sogar die SVP sich Sorgen machte, die Initiative
könnte durchkommen. War das der Auslöser
mehrerer klarer Voten der Parteispitze?
Wir brauchen ein gutes, geregeltes Verhältnis mit den wichtigen Handelspartnern – mit der EU ebenso wie mit China
und anderen. Aber es gibt viele Möglichkeiten, das Verhältnis zwischen der
Schweiz und der EU zu regeln.
Ich würde gerne, aber man lässt mich
nicht! (lacht)
Wer lässt Sie nicht? Der Bundesrat?
Es steht einfach nicht zur Diskussion.
Was halten Sie von der Gegen-Initiative
«Raus aus der Sackgasse», die das Ja zur
Masseneinwanderungsinitiative durch das
Volk umstürzen lassen will?
Dahinter stehen Gewerkschaften und
Wirtschaftsverbände, die ein paar Intellektuelle vorschieben. Ich finde, die
Initiative drängt sich nicht wirklich auf,
aber das Volk wird dann schon richtig
entscheiden.
Denken Sie, ein Teil der Bevölkerung wollte
im Februar mit der MEI nur ein Signal senden
und ist dann erschrocken, was das Ja für
Konsequenzen hat?
Am Anfang, als alle den Weltuntergang
beschworen haben, schien es so. Aber
das hat bereits wieder gedreht. Ich höre
Ich habe mich immer gegen Ecopop
ausgesprochen, ebenso wie andere
SVP-Exponenten.
Es war also keine konzertierte Aktion?
Nein, es gab keine Absprachen.
Hat Sie das klare Nein überrascht?
Ich habe immer mit einem Nein gerechnet, aber nicht mit so einem wuchtigen.
Waren Sie persönlich enttäuscht über die
Ablehnung der Gripen-Kampfjets?
Ja, natürlich. Aber man muss die Armee
als Gesamtpaket anschauen, der Gripen
war ein Teilprojekt davon. Und das
Gesamtpaket ist auf guten Wegen.
Sie wirkten unmittelbar nach der Abstimmungsniederlage erstaunlich gelassen.
Ich politisiere schon so lange und habe
dabei vermutlich mehr Niederlagen als
Siege erlebt. Das gehört dazu.
MENSCHEN
28 |
|
INTERVIEW
|
Aber die Bedrohungslage hat sich nun
mal verändert – wir leben nicht mehr in
der Zeit des Kalten Kriegs.
Seit der Ukraine­Krise scheint das Bewusst­
sein für Bedrohungen in der Bevölkerung
wieder zu steigen.
Vor allem bei Journalisten hat die
Ukraine­Krise einiges ausgelöst. Im
Frühling haben sie noch gelacht und
fanden, die Armee sei viel zu gross.
Heute fragen sie ängstlich, ob sie notfalls
reichen würde.
Und, würde sie?
Ja. Eine klassische militärische Bedro­
hung mit Panzern und Flugzeugen kann
man für die nächsten Jahre in West­
europa eher ausschliessen. Hingegen
besteht ein Risiko für Anschläge auf
Infrastrukturen und für Streit über Res­
sourcen wie zum Beispiel Energie. Wenn
wir plötzlich aus irgendwelchen Grün­
den zu wenig Strom haben, hätten wir
innerhalb einer Woche ein grosses
Chaos. Und dann bräuchte es sehr rasch
die Armee, die Infrastrukturen schützt
und der Bevölkerung hilft.
Wie hat sich die Bedrohungslage mit dem
Entstehen von religiösen Terrorgruppen wie
dem Islamischen Staat verändert? Und wie
schützt man sich davor?
«Eine
Bedrohung
mit Pan­
zern und
Flugzeugen
kann man
für die
nächsten
Jahre aus­
schliessen.»
Was müssen Sie bei der nächsten Kampfjet­
abstimmung besser machen?
Es gibt sicherlich ein Dutzend Gründe,
weshalb Einzelne Nein gestimmt haben.
Wenn man eine Abstimmung gewinnen
will, müssen wichtige Partner die Füh­
rung übernehmen, etwa die bürgerlichen
Parteien. Das ist beim Gripen nicht
wirklich passiert. Nächstes Mal müssen
wir also vor allem sie besser überzeugen.
Die «NZZ» hat Sie für Ihr Armeekonzept als
«mutigen Reformer» gepriesen. Welche Ele­
mente würden Sie besonders hervorheben?
Die Armee wird aufgrund übergeord­
neter politischer Entscheide am Ende
noch 15 Prozent des Bestandes von 1994
haben, und wir richten sie konsequent
auf moderne Bedrohungen aus, wie bei
der Cyber­Defense (Schutz gegen
Hackerattacken, Anm. d. Red.). Nach
meinem Amtsantritt 2009 haben wir
eine Mängelliste erstellt und uns ans
Werk gemacht. Wir gehören heute zu
den modernsten Armeen Europas.
Für einige altgediente Kämpen sind diese
Reformen eine ziemliche Horrorvorstellung.
Es wird sicher heftige Diskussionen
geben, vielleicht auch ein Referendum.
Es braucht mehr Mittel für den Nach­
richtendienst, einen guten Austausch
mit anderen Diensten und Frühwarn­
systeme. Wichtig sind auch präventive
Aktionen. Und es kann schnell gehen.
Man erinnere sich an den Mann in Biel,
der 2010 während über einer Woche die
Polizei in Atem hielt – ein Mann mit
Sturmgewehr! Es braucht nicht viel, um
die scheinbar so selbstverständliche
Sicherheit aus der Bahn zu werfen.
Wie war 2014 das Klima im Bundesrat im
Vergleich mit den letzten Jahren?
Recht gut. Wir kennen uns nun alle
mittlerweile und sind gut eingespielt.
Die einzelnen Mitglieder verhalten sich
berechenbar, eine ideale Grundlage für
sachliche Debatten.
Macht es Ihnen nichts aus, öfters mal über­
stimmt zu werden?
Diese Frage habe ich mir auch gestellt.
Und sehr lange überlegt, ob ich Bundes­
rat werden will. Ich habe beschlossen,
dass ich das ertrage. Also muss ich es
ertragen, genau wie meine Kolleginnen
und Kollegen auch. Zudem: Längerfris­
tig hat die Politik, die ich vertrete, Erfolg.
Schauen Sie auf die letzten Jahre zurück.
Wenn die SVP nicht immer die Werte der
NR. 1, 29. DEZEMBER 2014 | MIGROS-MAGAZIN |
Schweiz vertreten würde, wäre das Land
heute an einem anderen Ort.
Apropos Schweizer Werte: Dazu gehören
auch die Menschenrechte. Dennoch haben
Sie im Bundesrat die Kündigung der Euro­
päischen Menschenrechtskonvention be­
antragt ‒ erfolglos. Was haben Sie dagegen?
Die Menschenrechtskonvention ist
überhaupt kein Problem. Dass ich die
Kündigung beantragt haben soll, ist
reine Spekulation eines einzelnen Jour­
nalisten. Fakt aber ist: Wir haben diese
Grundsätze bereits ausnahmslos alle
auch in unserer Verfassung. Und da stellt
sich die Frage, ob man darüber ein frem­
des Gericht entscheiden lassen will oder
ob das nicht ein eigenes Gericht machen
sollte. Denn offenbar gibt es erhebliche
Diskrepanzen in der Auslegung zwi­
schen den Gerichten. Viele Bürger stören
sich daran, dass es gelegentlich Ent­
scheide des Menschenrechtsgerichts­
hofs in Strassburg gibt, die unserem
Rechtsempfinden nicht entsprechen.
Sie haben also mehr ein Problem mit den
fremden Richtern als den Menschenrechten,
die dahinter stehen?
Es gibt nirgends ein Land, das seinen
Bewohnern, Migranten inklusive, mehr
Rechte gewährt als die Schweiz. Nir­
gends! Da müssen wir doch über diese
Rechte selbst bestimmen dürfen.
Für ein gutnachbarschaftliches Verhältnis
braucht es manchmal Absprachen und Ent­
gegenkommen.
Natürlich. Aber wir reden hier von der
Interpretation einer Konvention, die
1974 abgeschlossen wurde und damals
eine ganz andere Bedeutung hatte als
heute. Ab und zu braucht es nach ein
paar Jahrzehnten auch Anpassungen an
die aktuelle Zeit.
Manche unterstellen der SVP, sie wolle –
nachdem sie die Schweiz in den letzten
20 Jahren erfolgreich umgekrempelt hat – für
den totalen Durchmarsch nun die juristischen
Hürden wegräumen, die noch im Weg stehen.
Eine Partei allein kann ohne das Volk gar
nichts erreichen. Die SVP hat vielleicht
500 000 Wähler. Um eine Volksabstim­
mung zu gewinnen, braucht man etwa
1,3 Millionen. Wenn es der SVP gelingt,
mit gewissen Themen Abstimmungen
zu gewinnen, dann weil damit in der
Bevölkerung offensichtlich ein Nerv
getroffen wird. Das Volk entscheidet und
hat meist ein gutes Gespür.
Wie eng ist heute derDrahtzu IhrerPartei? Sind
Sie als Bundesrat strategisch noch involviert?
|
MENSCHEN
MIGROS-MAGAZIN | NR. 1, 29. DEZEMBER 2014 |
Persönlich habe ich nach wie vor gute
Kontakte, und ich gehe an Parteiversammlungen und Fraktionssitzungen.
Ab und zu tausche ich mich auch sonst
mal aus, das ist aber eher schwieriger
geworden. Ans Amtsgeheimnis gebunden zu sein, bedeutet auch, dass die Partei einen nicht immer versteht. Das ist
eine neue Situation, aber ich verstehe
mich halt nicht mehr als Parteisoldat.
Und was machen Sie?
Früh ins Bett gehen (lacht)! Damit
wir am Morgen früh rauskommen.
Am 1. Januar ist es nämlich immer am
schönsten auf der Skipiste, da hat man
freie Bahn.
(lacht) Nein, als Parteigeneral!
Haben Sie einen Vorsatz für 2015?
Macht Ihnen das Regieren eigentlich Spass?
Meistens schon, sonst würde ich das
nicht machen.
Aber klar, ich mache sicher keinen Job,
der mir nicht gefällt. Dafür bin ich zu alt.
«Das Volk entscheidet
und hat meist ein gutes
Gespür.»
Kürzlich konnte man lesen, dass Sie eigentlich
lieber Bauer wären als Bundesrat …
Aber einen zweiten Sitz im Bundesrat will die
SVP weiterhin, oder?
2015 ist ja ein Wahljahr. Wird die SVP nach
dem Taucher 2011 besser abschneiden?
Bekommt die SVP diesmal den zweiten Sitz?
Ja, ich bin als Bauernsohn aufgewachsen. Und Bauern war für mich immer ein
Traumberuf, nur hatte ich leider nie die
Gelegenheit dazu.
Generell wird es wohl keine grossen Verschiebungen geben. Innerhalb der Rechten und innerhalb der Linken bewegt
sich ein bisschen was, aber die Blöcke
werden wohl ähnlich gross bleiben.
INTERVIEW
| 29
ich vermutlich mehr. Und natürlich
verbringe ich Zeit mit der Familie. Aber
an Silvester wird nicht gross gefeiert,
unsere Kinder sind alle erwachsen,
ausser der Jüngste. Und der wird lieber
mit seinen Kollegen feiern.
Haben Sie das je?
Sie würden aufhören, wenn es keinen Spass
mehr macht?
|
Ich will die Geschäfte des VBS durchbringen. Und mein Dauervorsatz: mehr
Sport.
Was wünschen Sie der Schweiz?
Friede und Wohlstand. Beides ist nicht
selbstverständlich. Man muss stets
daran arbeiten, damit es erhalten bleibt.
Auf jeden Fall. Die jetzige Situation wird
den Wahlergebnissen nicht gerecht. Die
gewählten Positionen müssen in der Regierung angemessen repräsentiert sein.
Realistisch betrachtet eher nicht. Aber
im Moment ist das Kaffeesatzlesen.
Wie feiern Sie dieses Jahr Silvester?
Kommt aufs Wetter an. Ich hoffe auf viel
Schnee, dann kann ich raus. Sonst lese
Interview: Ralf Kaminski,
Hans Schneeberger
Bilder: Ruben Wyttenbach
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MENSCHEN
MIGROS-MAGAZIN | NR. 1, 29. DEZEMBER 2014 |
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KOLUMNE
| 31
DER HAUSMANN
Peter und der King
Bänz Friedli
verehrt
zwei bald
80-Jährige.
Sie habe gut begonnen, diese letzte
Woche des Jahres, die ja gar keine mehr
ist, sondern nur noch eine angefranste
Woche – nein, das kann man nicht
behaupten. Es ist kein guter Auftakt und
schon gar keine gute Aussicht: Peter
Bichsel hat seine letzte Kolumne
geschrieben. In der «Schweizer Illust­
rierten», beileibe nicht meinem Leib­
blatt. Aber diese eine Seite, die Seite mit
Bichsels monatlicher Kolumne, die hat
mir eine ältere Frau vom Bucheggberg
stets sorgsam herausgerissen und zu­
geschickt, meist mit Notizen versehen.
Vor vier Wochen, als Bichsel ankündigte,
die nächste Geschichte würde seine
letzte sein, schrieb sie an den unteren
Seitenrand: «Das darf nicht wahr sein!»
Leider durfte es, und sollte es Sie
befremden, dass ich mich um den
Kolumnisten einer anderen Zeitschrift
sorge – Bichsel ist nicht irgendeiner.
Peter Bichsel ist ein Vorbild. Eine Leit­
figur. Einer, zu dem alle, die sich an dem
Genre versuchen, nur in Demut
aufschauen können. Er schrieb nicht
irgendwelche Kolumnen, sondern die
klügsten und feinsten, die das Land je
hatte. In leichten Worten prägte er
Sentenzen, die man sich merken wollte,
äusserte er Gedanken, auf die man
unendlich stolz gewesen wäre, wäre man
selber drauf gekommen. Und diese
Klarheit! «Ich habe meinen Freund im
Spital besucht,es ging ihm sehr schlecht,
es war schlimm für mich – jetzt geht es
«Er formte Erinnerung
zu Geschichten.»
ihm besser, mir auch.» Wie sehr viel
komplizierter hätte man diese Ge­
schichte erzählen können! Aber Bichsel
machte sich stets die Mühe, zur ein­
fachen Sprache zu finden, und nichts ist
schwieriger als das. «Isch aber ou geng
e Souchrampf!», erwiderte er, als ich
ihm – wir trafen uns an einem Fussball­
spiel in Solothurn – mal sagte, wie sehr
mir seine Kolumnen gefielen.
Das Ende war zu erahnen, denn seit
ein, zwei Jahren waren Bichsels Texte
beängstigend abschliessend, von Weis­
heit durchweht und Wehmut. Und
ausgerechnet er, der stets betonte, die
Wahrheit sei unerzählbar, kam darin
dem Leben so nah, den kleinen Dingen,
den unscheinbaren Regungen, dem
Menschlichen, Menschelnden. Seit er
1964 mit «Eigentlich möchte Frau Blum
den Milchmann kennenlernen» erst­
mals als Schriftststeller auf sich auf­
merksam machte, formte er seine Erleb­
nisse zu lebensechten Geschichten, und
in letzter Zeit waren es zunehmend die
Erinnerungen, die er formte. Zu Sätzen
wie: «Brigitte habe ich nie mehr
gesehen, das letzte Mal wohl vor fünf­
undfünfzig Jahren, wir waren fünfzehn
und gingen ins gleiche Schulhaus zur
Schule.» Sie! Ich habe ihn kürzlich wie­
der getroffen. Da hatte er seine letzte
Kolumne noch nicht geschrieben. Aber
er zupfte, als ich danach fragte, zwei
Kärtchen aus seinem Ledergilet, auf
die er in grosszügiger Schrift Notizen
gemacht hatte, und wie er es tat, hatte
etwas Schelmisches, beinahe Bübisches.
Er warf einen Blick auf die Kärtchen und
raunte: «Gseht guet us.» Er freue sich,
dass er jetzt dann pensioniert sei, sagte
Peter. Und weil er dabei munter wirkte
und fast ein wenig erleichtert, will ich es
ihm gönnen. Schliesslich wird er in
einigen Wochen achtzig. Achtzigjährig!
So alt wäre Elvis am 8.Januar geworden.
Aber das ist ein blöder Gedanke, der
auch nur mir kommen kann.
Seis drum, ich werde es mir an dem Tag
gemütlich machen, Elvis’ Aufnahmen
aus dem Sun­Studio von 1954 auflegen
und ein Buch von Peter Bichsel zur Hand
nehmen. «Dezembergeschichten», zum
Beispiel. Und ich werde beiden dank­
bar sein.
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