Wie macht man eine Revolution? Was in Jugoslawien

Transcription

Wie macht man eine Revolution? Was in Jugoslawien
Titel
Jugoslawische Studentin (1999): Mit der Faust gegen den Diktator
Die RevolutionsGmbH
Wie macht man eine Revolution? Was in Jugoslawien 2000
passierte, in Georgien 2003, in der Ukraine 2004 wirkte wie
ein spontaner Volksaufstand gegen Autokraten. In Wahrheit war
vieles sorgfältig geplant – von Studentenführern und ihren
vernetzten Organisationen. Sie scheuten auch amerikanische Hilfe
nicht. Welches Regime wird ihr nächstes Opfer?
PETAR KUJUNDZIC / REUTERS (L. O.); IVAN MILUTINOVIC / REUTERS (L. U.); GALI TIBBON / AFP (R.)
Demonstration in der ukrainischen Hauptstadt
Oppositionellen-Treffen in Belgrad (Mai 2000): „Das Virus der Freiheit“
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ie sind der Alptraum der Diktatoren
und die Hoffnung der Unterdrückten, die Protagonisten des demokratischen Wandels auf der Welt. Sie haben in
ihren Heimatländern erfolgreich Volksaufstände organisiert und Tyrannen aus den
Palästen gejagt. Jetzt planen sie gemeinsam neue Revolutionen, überall dort, wo in
Osteuropa, Zentralasien und im Nahen
Osten noch Gewaltherrscher die Macht in
Händen halten und den Menschen bürgerliche Freiheiten verwehren.
Sie sind die wahren Helden unserer
Zeit. Helden wider Willen – dass kaum einer ihre Namen kennt, ihre Lebensläufe,
ihre Verbindungen untereinander, ihre
Geldgeber, ihre Pläne für einen Regimewandel, das finden sie gut so. Denn sie
müssen immer einen Tick schneller sein
als die Staatsmacht mit ihrem ungeheuren
Apparat von Polizei und Geheimdienst.
Raffinierter, besser, vernetzter. Anders
als die da oben haben sie keine Waffen
und wollen sie auch nicht – jedenfalls
Kiew (Dezember 2004): „Wir sind das Streichholz für das große Feuer“
keine, mit denen sich töten oder foltern
lässt.
Sie sind um die 30, junge Männer meist,
aber auch Frauen kämpfen in ihren Reihen.
Sie haben sich größtenteils an Universitäten kennen gelernt. Wer die Nachrichtensendungen der vergangenen Jahre genau
verfolgt hat, mag sie bei den Revolutionsfeiern einige flüchtige Momente lang wahrgenommen haben. Eher nicht in der ersten
Reihe. Im Hintergrund bleiben, heißt ihre
Devise. Eine Friedensarmee im Schatten
ist da entstanden, deren Divisionen und
Pläne keiner kennen soll. Geheimnisvoll,
schlagkräftig, kaum zu fassen – ein wichtiges, bis heute kaum wahrgenommenes
Phänomen der internationalen Politik.
In Belgrad waren sie zu sehen, an jenem denkwürdigen 5. Oktober 2000, irgendwo unter den Hunderttausenden
Demonstranten, die einen konsternierten
Präsidenten Slobodan Milo∆eviƒ zur Abdankung zwangen und die jubelten, als der
Kriegsverbrecher voller Selbstmitleid an-
kündigte, er trete zurück: „Ich will künftig
mehr Zeit mit meiner Familie verbringen,
insbesondere mit Enkel Marko.“
In Tiflis, am 23. November 2003, als der
korrupte Präsident Eduard Schewardnadse
nach der spektakulären, aber gewaltfreien
Stürmung des Parlaments CNN-live vor
der Residenz seinen Abschied von der
Macht verkündete – mit brüchiger Stimme
und wie betäubt von den Ereignissen der
Rosenrevolution.
In Kiew, am 31. Dezember 2004, als bekannt wurde, dass der zähe Wiktor Janukowitsch, der Wahlfälscher vom abgewirtschafteten Kutschma-Regime, konfrontiert
mit anhaltenden medienwirksamen Massendemonstrationen auf dem Hauptplatz
Maidan inmitten des orangefarbenen Protestmeers aufgab. Geschlagen ohne jeden
Einsatz militärischer Mittel, von Protestmärschen, Spottliedern und der verlorenen zweiten Stichwahl zermürbt.
Was in Jugoslawien, in Georgien und
der Ukraine, danach noch im zentralasiad e r
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tischen Kirgisien passiert ist, hatte verblüffende Parallelen und sah jeweils aus
wie ein spontaner Aufstand: riesige Versammlungen an zentralen Plätzen, eingängige Sprechchöre, spöttische Plakate und
Aufkleber gegen die Herrschenden. Eine
lockere, fast volksfesthafte, ganz und gar
nicht provokative Atmosphäre, die es selbst
hartgesottenen Autokraten unmöglich
machte, in die Menge schießen zu lassen.
So reif in all diesen Ländern die Zeit für
eine Revolution von unten war, so wenig
verlief die Entwicklung allerdings spontan
oder unkoordiniert. Denn mit dem spielerischen Auftreten der Demonstranten verbunden waren jeweils Aktionen des zivilen
Ungehorsams, sorgfältig geplante, alles
lahm legende Streiks gegen die Diktatur.
Im Hintergrund zogen Profis die Fäden:
Studentenführer, übers Internet verbunden, von Land zu Land unterwegs, um die
Revolutionen zu koordinieren. Eine Guerilla ohne Gewehre, eine Internationale unter neuen Vorzeichen. Völker hört die Si179
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Begrenzung von Opfern aussprachen: „Die
Revolution ist ein Akt der Gewalt – keine
Abendgesellschaft, kein literarisches Kunstwerk, kein Gemälde, keine Stickerei.“
Und wenn sie das doch wäre: ein bisschen (zum friedlichen Protest einladende)
Abendgesellschaft, ein wenig (von zivilem
Ungehorsam geprägtes) Kunstwerk, auf
keinen Fall aber ein bluttriefender Akt der
Gewalt?
Die Idole der neuen Revolutionäre sind
anderen Zuschnitts und meist jüngeren Datums. Mahatma Gandhi gehört dazu, der
im Indien der dreißiger Jahre mit ausgeklügelten Aktionen des friedlichen Widerstands die britischen Kolonialherren in die
Knie zwang. Martin Luther King aus dem
US-Südstaat Georgia, der in den Fünfzigern gemeinsam mit seinen afroamerikanischen Anhängern durch Boykotte und
Protestmärsche die Rassenschranken aufbrach. Der polnische Gewerkschafter Lech
Walesa und der tschechische Schriftsteller
Václav Havel, die in den Achtzigern mit
gnale, auf zum nächsten Gefecht – Zielrichtung Machtwechsel.
Die postmodernen Revolutionäre profitieren von der Globalisierung. Sie kennen
sich blendend aus mit neuen Kommunikationsmöglichkeiten wie dem Internet, richten regimekritische Websites ein, tauschen
kodierte SMS-Botschaften auf ihren Handys, verabreden ständig neue Treffs. Sie
wissen auch das Fernsehen mit seiner Massenwirksamkeit perfekt zu nutzen. Keine
Revolution ohne emotional aufwühlende
Bilder. Und ohne einen „Markennamen“,
ein Logo, eine Kennfarbe.
Ideologische Scheuklappen sind den Demokratiemachern fremd. Sie schauen sich
bei der Entwicklung ihrer Strategien bei
den Werbe- und Verkaufspraktiken der
Multis um und bedienen sich der Marketingtechniken von Weltfirmen wie CocaCola, Nike oder Bill Gates’ Microsoft. Die
diversen Protestbewegungen bekommen
von ihren Organisatoren einprägsame Etiketten verpasst: Rosenrevolution (Geor-
persönlichem Mut, Kampf für eine Zivilgesellschaft und Organisationstalent Sargnägel in den osteuropäischen Kaderkommunismus schlugen.
Die Protagonisten des Wandels im 21.
Jahrhundert sind keine naiven Blumenkinder, keine blauäugigen Pazifisten, keine
Peace-now-Phantasten. Sie sind knallharte
Macher, die mit den Lehren ihrer Vorbilder
flexibel umgehen: Sie übernehmen Bausteine aus deren Revolutionskasten, beispielsweise die Aktionen des Ungehorsams
gegenüber der Staatsgewalt, aber sie passen die Ideen von Gandhi & Co. der Neuzeit an. Weil ihnen mit dem Internet ein
virtueller Marktplatz zur Verfügung steht,
verzichten sie häufig auf gemeinsame öffentliche Auftritte und bevorzugen dezentrale Führung.
Sie haben begriffen, wie man mit „Soft
Power“ umgeht. Sie sehen ihren Weg als
bessere Alternative zum Einsatz der militärischen Hardware, zum Umsturz à la
George W. Bush und Donald Rums-
Fackeln der Freiheit
US-Organisationen
zur Förderung und
Verbreitung der
Demokratie in der Welt
SCHERL / SÜDD. VERLAG
Freedom House
1941 gegründet,
Hauptsitz in Washington,
Dependancen weltweit,
zeitweilig CIA-Kontakte,
legt aber Wert auf
Unabhängigkeit
Idol Gandhi (um 1935)
Vater der gewaltlosen Revolution
gien), Orange Revolution (Ukraine), Tulpenrevolution (Kirgisien). Auch deshalb
bleiben die Ereignisse im Gedächtnis.
Ihre Vorbilder sind weder der rücksichtslose Machtmensch Machiavelli, der
gegen den „schlechten Fürsten“ kein anderes „Mittel als das Eisen“ sah, noch der
Jakobiner Robespierre, der einen alles in
Blut ertränkenden „Despotismus der Freiheit“ predigte; Lenin bleibt ihnen zutiefst
suspekt, der seinen Anhängern die rhetorische Frage stellte: „Glaubt ihr wirklich,
dass wir siegen können, ohne zu dem grausamsten Terror zu greifen?“ Mao liegt ihnen fern, dieser Gewaltprediger und große
Zerstörer, der die Macht aus den Gewehrläufen kommen sah und all diejenigen brutal verfolgte, die sich auch nur für eine
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International Republican Institute
1983 gegründet, Parteistiftung der
Republikaner, Sitz in Washington
National Democratic Institute
1984 gegründet,
Parteistiftung der Demokraten
mit Sitz in Washington;
Vorsitzende:
Ex-Außenministerin
Madeleine Albright
National Endowment
for Democracy
1983 gegründet,
Sitz in Washington,
Hauptfinanzier ist das
US-Außenministerium
Soros Foundation
und Open Society
Institute
1984 und 1993
gegründet, Privatstiftungen
des Investmentbankers und
Milliardärs George Soros,
Hauptsitz in New York,
Dependancen weltweit
SERBIEN und
MONTENEGRO
Der Sturm
aufs Parlament führt
2000 zum
Sturz des MilǒsevićRegimes. Besonders aktiv:
die studentische Organisation Otpor („Widerstand“).
erfolgreicher
Umsturz
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ALEXANDER NEMENOV / AFP
Spezialeinheiten in Baku*: Nächstes Wunschziel der Revolutionäre
WEISSRUSSLAND
Polizei und Geheimdienstapparat des
Lukaschenko-Regimes
unterdrücken die
Oppositionskräfte,
darunter
auch die
Gruppe
Subr
(„Wisent“).
UKRAINE
feld. Revolutionen von innen sind immer
Eingriffen von außen vorzuziehen, sagen
sie, selbsterlernte Demokratie der von den
USA verordneten Demokratie. Deshalb
mögen die meisten der Aktivisten zwar
Amerika, seine Medien und seine Werte,
halten aber Distanz zur Bush-Regierung.
Geht das? Benötigt die RevolutionsGmbH für ihren Kampf nicht erhebliche
Geldmittel, und stammen diese nicht häufig von regierungsnahen amerikanischen
Stiftungen, gelenkt von Neokonservativen
oder, wie Freedom House und das International Republican Institute, gar von Politikern mit CIA-Verbindungen? Müssen
die Demokratiemacher nicht fürchten, instrumentalisiert oder gar ferngesteuert zu
werden?
Wie Revolutionäre aller Zeiten stehen
sie zwischen allen Fronten. Kreml-Chef
Wladimir Putin sieht in ihnen – wie seine
* Am 9. November vor einem Porträt des PräsidentenVaters Gejdar Alijew.
GEORGIEN
Massive Wahlfälschungen des
Kutschma-Janukowitsch-Regimes
führen im Dezember 2004 zur
„Orangenen Revolution“. Zur
Protestbewegung
gehört die studentische
Organisation Pora
(„Es ist Zeit“).
Nach serbischem Vorbild
zwingt die Bürgerrechtsbewegung Kmara
(„Genug“) 2003 den
immer selbstherrlicher regierenden Präsidenten Schewardnadse zum
Rücktritt („Rosenrevolution“).
USBEKISTAN
R U S S L A N D
K AS AC H STA N
Während Freedom House
Freiheitsaktivisten unterstützt, steht die BushRegierung offiziell immer
noch zu Diktator Karimow
als einem Verbündeten im
Kampf gegen den internationalen Terrorismus.
Doch die U.S. Army muss
ihren Luftstützpunkt
räumen.
CHINA
ASERBAIDSCHAN
KIRGISIEN
Nach der Parlamentswahl vom
2. November erzwingt die Opposition Nachzählungen. Sie bringt
aber nicht genügend Demonstranten zusammen, um Präsident Alijew
zu gefährden, der 2003 nur durch
Wahlbetrug ins Amt kam.
IRAN
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AFGHANISTAN
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Nach der manipulierten Parlamentswahl 2005 wachsen Proteste
gegen die Regierung rasch zu einem Aufstand. Die teilweise blutige
„Tulpenrevolution“ treibt Präsident
Akajew ins russische Exil.
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Titel
Der zweite Weg
Die amerikanische Stiftung Freedom House will der Welt Demokratie beibringen.
E
DENNIS BRACK
ine unscheinbare Villa am Dupont
Circle in Washington, keine zwei
Kilometer vom Weißen Haus. Kameras überwachen Hof und Parkplatz,
die Tür öffnet sich nur für angemeldete Gäste. Die Organisation, die sich die
weltweite Demokratie-Verbreitung auf
die Fahnen geschrieben hat, liebt es dezent: Hier residiert Freedom House –
eine der fünf großen amerikanischen
Stiftungen, die Revolutionären unter die
Arme greifen.
Auf der Marmortreppe stapeln sich
Kisten. Zweimal am Tag kommt Federal
Express, um neues Schulungsmaterial
in alle Welt zu befördern; vorneweg auf
der Adressatenliste steht die Zweigstel-
Programmdirektorin Schriefer
„Wir verordnen nichts“
tion der CIA sein: James Woolsey, ExGeheimdienstdirektor und als Scharfmacher im Beraterstab des Verteidigungsministers Donald Rumsfeld
bekannt, wurde 2003 Freedom-HouseChef. Inzwischen hat er seinen Schreibtisch wieder geräumt. Vielleicht weil ein
Mann mit dieser Biografie zu viel Schaden anrichtete. In der Villa am Dupont
Circle legt man Wert auf Distanz zum
Geheimdienst und, hinter vorgehaltener Hand, auch zum Weißen Haus, weil
dieses weltpolitisch allzu sehr die Keule schwinge und einseitig auf Militäraktionen setze.
„Der zweite Weg“ heißt die Strategie,
einen Machtwechsel von innen zu bewirken und dazu die aus den jeweiligen
Gesellschaften heraus entstehenden Zivilgesellschaften mit logistischem Beistand zu versorgen.
Manchmal scheint es, als setze inzwischen selbst US-Außenministerin Condoleezza Rice auf diese Soft
Power. Bei einer Grundsatzrede in
Kairo ließ sie im Juni aufhorchen: „Die
USA haben in den vergangenen 60
Jahren in Nahost Stabilität erreichen
wollen durch Vernachlässigung der
Demokratie – und wir haben beides
nicht erreicht. Jetzt versuchen wir einen
neuen Weg.“
Bush als „bad cop“ mit der Invasionspeitsche, Rice als „good cop“ mit dem
Finanzhilfe-Zuckerbrot? Und Freedom
House irgendwo dazwischen – womöglich CIA-Handlanger eines wohlmeinenden Demokratie-Imperialismus?
Über solche Vorstellungen kann Programmdirektorin Paula Schriefer, 36,
nur lachen. „Wir erfüllen keinen Geheimdienstauftrag, und wir verordnen
niemandem Demokratie“, sagt die
AFP
le in Budapest, von dort werden die Krisenherde in Mittelosteuropa, Nahost
und um das Kaspische Meer „betreut“.
Die Stiftung Freedom House ist 1941
gegründet worden, um ein weltweites
Gegengewicht zur Ideologie der Nazis
zu schaffen; Präsidentengattin Eleanor
Roosevelt war Taufpatin. Im Kalten
Krieg wurde die Organisation auf einen
neuen Feind gepolt, die Kommunisten
Osteuropas – und dabei mit Millionen
aus US-Regierungsfonds finanziert.
Zwischenzeitlich verstärkte sich für
Kritiker der Verdacht, die Freiheitsideologen könnten eine FrontorganisaPräsidenten Bush, Saakaschwili*
* Am 10. Mai in Georgiens Hauptstadt Tiflis.
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Dame, die so dynamisch und ausgeruht
wirkt, als habe sie eben ihren Jahresurlaub hinter sich. Dabei ist sie gerade
erst von einem Seminar in Serbien
zurückgekehrt. „Wir bringen der Welt
nur bei, wie Demokratie funktioniert –
und dokumentieren, wo sie fehlt, wie
man sie fördern könnte.“ Ihre Kollegin
Jennifer Windsor formuliert es selbstbewusst so: „Breite Kampagnen auf ziviler Basis haben größere Aussicht, demokratische Ergebnisse zu erbringen als
Militärinterventionen – außerdem kosten sie erheblich weniger.“
Usbekistan steht derzeit ganz oben,
Zentralasien und natürlich der Nahe
Osten. China, die harte Nuss, wäre der
Jackpot. Dort zählt die Stiftung 60 Prozent aller in Unfreiheit lebenden Menschen. Auf Kuba würde Paula Schriefer
gern ein Büro eröffnen, „um das romantische Image dieses Regimes zu zerstören. Aber das geht nicht, viel zu gefährlich, die Geheimpolizei überwacht
jeden Schritt“, sagt sie. Irak sei auch
ein Problem, da brauche man zu viele
Sicherheitskräfte.
Im einstigen Ballsaal der Villa, wo an
den Schreibtischen die Telefone gleichzeitig klingeln, geht es fast so hektisch
zu wie unter Maklern auf dem Börsenparkett. Statt aktueller Aktienkurse
hängt eine Weltkarte mit verschiedenfarbigen Pins an der Wand; sie markieren die Außenposten der Organisation.
Den Vormarsch der Demokratie hält die
Organisation in einer jedes Jahr aktualisierten „Landkarte der Freiheit“ fest.
Grün sind die Musterknaben, die
USA versteht sich, und Westeuropa.
Violett sind die bösen Buben mit erheblichen Menschenrechtsdefiziten und
ohne freigewählte Regierungen: SaudiArabien gehört ebenso dazu
wie Pakistan, die Volksrepublik China und diverse zentralasiatische und afrikanische
Staaten. Gelb kennzeichnet
die Wackelkandidaten. Es
geht voran auf der Welt, vertraut man dem Index: 1974
galten erst 41 Staaten als frei,
heute sind es 89.
Zu den Schlimmsten gehörten vor einem Jahrzehnt 21,
nach aktueller Einordnung
bleiben 8 übrig. Die FreedomHouse-Welt kennt allerdings
auch Rückschläge: Russland
ist von gelb auf violett zurückgestuft worden.
„Landkarte der Freiheit“
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BREAKAWAYGAMES (L.); NENAD DJORDJEVIC (R.)
Computerspiel, Programmierer und Aktivist Maroviƒ: Anleitung für junge Revolutionäre in aller Welt
Freunde, die usbekischen und weißrussischen Herrscher – die Fünfte Kolonne
Washingtons. Manche in der Bush-Regierung beäugen ihre Eigenständigkeit
misstrauisch. Womöglich werden die Bürgerrechtsorganisationen tatsächlich von
dem einen oder anderen CIA-Agenten
unterwandert. Auch in den Kreisen der
Jung-Revolutionäre gibt es bestechliche
Karrieristen.
Viele erkennen die Manipulationsgefahr
und sind doch selbstbewusst genug, auf
ihre Unabhängigkeit zu pochen. Sie machen Fehler. Sie sind mancherorts schon
dabei, die Ideale ihrer Volksaufstände aufzugeben. Aber sie sind bei aller Unvollkommenheit so etwas wie der positive
Gegenentwurf zu dieser anderen globalisierten postmodernen, vernetzten und
dezentralisierten Macht – des bösen
Kraken al-Qaida, des weltweiten Dschihadismus.
Sie haben sich jetzt den Sturz der nächsten Autokraten vorgenommen, in Weißrussland und Usbekistan, selbst von Revolutionen in Simbabwe und Myanmar ist in
ihren Kreisen die Rede – wer nicht wüsste,
was sie schon alles geschafft haben, ohne
dass sie eine Chance hatten, müsste die
Aktivisten für größenwahnsinnig halten.
Oder gar für verrückt.
Dieser Tage scheint wieder einmal alles
gegen sie zu sprechen. Im ölreichen Aserbaidschan am Kaspischen Meer hat der
Autokrat Ilcham Alijew die Parlamentswahl vom 6. November zu seinen Gunsten manipuliert. Am vergangenen Mittwoch zogen Tausende durch Baku, zusammengetrommelt auch von der Studentenbewegung Joch („Nein“), die sich an
jugoslawischen und georgischen Vorbildern orientiert; fast alle trugen Orange,
die Kennfarbe der Revolution in der
Ukraine. Unter die Demonstranten gemischt hatten sich Sympathisanten aus den
Staaten, die ihre Revolution schon hinter
sich hatten.
Sie mögen sich überschätzen. Aber verrückt, das sind sie ganz und gar nicht. Sie
sind die Kinder von Gandhi, Gates und
Coca-Cola: pragmatische Träumer und
idealistische Realos. Manche kennen sich
nur unter Decknamen wie „Ché“, „Mahatma“ oder „Rosa“. Im wirklichen Leben
heißen die Helden Ivan Maroviƒ, Aleksandar Mariƒ, Alina Schpak oder Rasi Nurullajew: Dies ist ihre Geschichte.
Er nennt sich „Trainer“. Nur fünf weitere Gründungsmitglieder der ehemaligen
Studentenbewegung Otpor dürfen diesen
internen Titel tragen, der sie zu Auslandseinsätzen berechtigt: Aleksandar Mariƒ, 31,
gehört dazu, den Maroviƒ wegen der Vielzahl seiner Aufträge „unseren Ché Guevara“ nennt. Wo genau sie welche Lehrgänge abhalten, welches Honorar sie pro Tag
elgrad, Hauptstadt von Serbien-Mon- oder Stunde verlangen – da schweigen sich
tenegro, ein Oktoberabend 2005 in ei- die Demokratie-Guerilleros aus. Sie haben
ner Wohnküche nahe dem Parlament. Auf in Belgrad ein „Zentrum für gewaltlosen
dem Tisch steht eine Vase mit einer ein- Widerstand“ gegründet.
Maroviƒ ist gerade von Vorträgen und
zelnen Rose. Die Wände sind ohne
Schmuck. Kein Poster, kein Foto. Wo ist Geschäftsbesprechungen in den USA
die Erinnerung an die geballte Faust, das zurück. Bei Baltimore entwickelt er zuSymbol der Revolutionäre, das Fanal zum sammen mit der Firma BreakAway Games
– und wesentlich finanziert von der
Kampf gegen den Diktator?
„Nicht nötig: Das Bild von der Faust ist Stiftung Freedom House – ein interaktiimmer bei mir“, sagt Ivan Maroviƒ, 31. „In ves Computerspiel: „A Force More Powerful“. Es soll im kommenden Jahr auf den Markt
Sie sind die Kinder von Gandhi, Gates und
kommen. Die Teilnehmer
Coca-Cola – und die Helden von heute.
müssen zwischen verschiedenen Maßnahmen
meinen Träumen reißt es ein Soldat in wählen, einen Diktator erst zu schwäStücke, schließt ein Wärter die Gefängnis- chen, ihn dann aus dem Weg zu räumen.
tür hinter mir, schlägt ein Polizeiknüppel Jede Form des zivilen Widerstands ist erauf meine Freunde ein – und dann wache laubt, für eskalierende Gewalt gibt es
ich auf, schweißgebadet. Es braucht einige Punktabzüge.
„Alles sehr realistisch und auf unseren
Momente, bis ich realisiere: Es ist vorbei.
Und wir haben gewonnen, unfassbar, wir Erfahrungen basierend“, sagt der gelernte
Maschinenbauingenieur Maroviƒ, der als
haben tatsächlich gewonnen.“
Äußerlich: ein Mann ohne Merkmale. Computer-Freak das Programmieren teilDurchschnittlich gutaussehend, schwarz- weise übernehmen kann. Die Vorstellung,
haarig, mittelgroß. Man ahnt, wie schwer es dass junge Leute das Spiel in wirklichen
die Schergen der Geheimpolizei mit sei- Diktaturen wie Weißrussland oder Usbener Personenbeschreibung hatten. Cha- kistan bald auf ihre PC laden können, errakterlich aber: ein Mann mit ausgeprägten füllt ihn mit großer Freude. „Gegen das
Eigenschaften. Phantasievoll, pragmatisch, Virus der neuen Freiheit, weitergegeben
durchsetzungskräftig. Einen Handlungs- über die globalisierten neuen Medien, gibt
reisenden in Sachen sanfter Revolution es wenig Gegenmittel.“
Erinnerungen werden bei ihm wach, an
könnte man ihn nennen, einen Demokratie-Macher auf Bestellung. Er selbst for- die Anfangszeiten von Otpor, als die
muliert es bescheidener: „Wenn ich in an- Milo∆eviƒ-Leute irgendwie mitgekriegt hatdere Länder gerufen werde und an eine ten, dass sich in Studentenkreisen WiderSache glaube, dann gebe ich meine Erfah- stand organisierte. Als die Ahnungslosen
rungen weiter, helfe mit, positive Entwick- einen der Treffpunkte stürmten und riefen: „Wo ist das verdammte Internet?“ Sie
lungen zu befördern.“
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Titel
STARKIN / AFP
KOCA SULEJMANOVIC / AFP
„Widerstand“ erscheinen auf T-Shirts,
Fähnchen, Aufklebern. „Er ist fertig“, flüstern die Menschen als Parole in Kinos, auf
Marktplätzen, in Cafés.
Bei dieser hauptsächlich von Studenten
getragenen Bewegung gewinnt die Provinz
immer größere Bedeutung. Die jungen
Leute von Novi Sad bis Ni∆ haben im
Milo∆eviƒ-Restjugoslawien keine Chance,
einen guten Job zu finden oder ernsthaft
politisch mitzubestimmen; sie können nicht
ins Ausland reisen und keine Konzerte mit
internationalen Popstars besuchen. Für sie
ist Otpor ein Hoffnungsschimmer für ein
besseres, weltoffeneres Jugoslawien: ein
sozialer Bezugspunkt.
Die Bewegung ist bald allgegenwärtig.
Widerstandsnester etablieren sich. Bei Diskussionsveranstaltungen, bei Partys, bei
sportlichen Wettkämpfen entwickelt sich
ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl –
und die spielerische Bereitschaft zum
Otpor-Aktivisten in Belgrad (Oktober 2000): Streiks und subversive Späße
Kampf. Maroviƒ, Mariƒ & Co. werden
meinten, mit der Zertrümmerung der Otpor und seine Botschaft an möglichst bei Demonstrationen aufgegriffen, beim
Sprayen erwischt. Sie wandern für ein,
Computer in einem Raum sei diese Form viele Wände der Stadt zu sprühen.
Sie gründen per Handy und Internet in zwei Nächte ins Gefängnis. Polizisten prüder Kommunikation ausgeschaltet.
Maroviƒ ist 15, als Milo∆eviƒ auf dem allen größeren Städten des Landes Otpor- geln einige andere Belgrader Otpor-Leute
Amselfeld von Kosovo seine berühmte Zweigstellen. Ohne Vorsitzenden, dezen- auch mal krankenhausreif. Weil die AktiRede hält, mit der er die Serben gegen die tral, gewaltfrei, um so der Staatsmacht visten gewaltfrei operieren, hält sich die
anderen Nationalitäten in Jugoslawien auf- möglichst wenig Angriffsflächen zu bieten. staatliche Gewalt in Grenzen – Milo∆eviƒ
hetzt. Er ist 17, als die Kriege gegen Kroa- Die Botschaft ist ebenso einfach wie ein- will mit dem Westen dealen, er steht unter
tien und Bosnien-Herzegowina beginnen. deutig: Milo∆eviƒ muss weg. „Uns war be- internationaler Beobachtung.
Immer wieder kursieren Gerüchte über
Er ist 18, als Jugoslawien zu einem Rumpf- wusst, dass damit nicht alle strukturellen
staat schrumpft. Er ist 21, als das Massaker Übel Jugoslawiens ausgerottet waren. Aber einen Schießbefehl gegen Demonstranten,
ebenso klar war: Solange der Diktator an den Milo∆eviƒ seinen Truppen gegeben
von Srebrenica die Welt aufrüttelt.
Irgendwann einmal lassen sich auch für der Spitze stand, würde sich gar nichts be- haben soll. Jeder traut ihm diese Brutaliden „an sich unpolitischen Menschen“ wegen“, sagt Maroviƒ. „Er hatte unser Volk tät zu. „Deshalb war es so besonders wichtig, den Diktator von seinen Militärs und
(Maroviƒ über sich selbst) die politischen als Geisel genommen.“
Als die Nato im März 1999 Belgrad zu Geheimpolizisten zu trennen. Wir mussVerhältnisse nicht mehr ausblenden. Als
Student an der Belgrader Uni hilft er mit, bombardieren beginnt, hilft das dem Prä- ten unsere gewaltfreien Aktionen ausweisidenten zunächst. Er ten, ihnen ein besseres finanzielles Fundagibt sich als märtyrer- ment geben“, sagt Maroviƒ im Rückblick.
„Er ist fertig“, flüstern die Menschen auf
haften Volkshelden „Wir schauten uns nach Unterstützung um.
Marktplätzen – und verlieren ihre Angst.
und nutzt die Gelegen- Wohlgemerkt, nach Hilfe, nicht nach
heit, um die entstande- Instruktionen.“
Noch gelten die damaligen Geldströme
1996 einen Streik zu organisieren: Mi- nen Oppositionsparteien als „Unpatrioten“
lo∆eviƒ will das für ihn ungünstige Ergeb- zu diskreditieren. Aber gegen diesen an- an Otpor als Tabuthema. Dass die Belnis der Kommunalwahl nicht anerkennen. deren, diesen merkwürdig schattenhaften grader seit 1999 von der National EndowDoch trotz großen anfänglichen Zulaufs Widerstand findet er kein wirksames Mit- ment for Democracy aus Washington fast
verläuft sich der Ausstand. Die Studenten tel. Wie aus dem Nichts tauchen überall Ot- drei Millionen Dollar erhalten haben, wird
sind dem Politiker und der staatlichen Pro- por-Zeichen auf. Die Faust und das Wort inzwischen kaum mehr bestritten; ebenso,
dass Spenden in unbekannter
pagandamaschinerie nicht gewachsen. MiHöhe von der Republikanerlo∆eviƒ taktiert, schließt Kompromisse, verStiftung fließen – insgesamt
teufelt den Westen und verhandelt dann
wohl 40 Millionen Dollar aus
wieder geschickt mit ihm. Noch kann er
Amerika. Der pensionierte USsich auf Armee, Polizei und Geheimdienst
Oberst und Ex-Militärgeheimverlassen, die er mit Privilegien überdienstler Robert Helvey veranschüttet, während der Lebensstandard für
staltet im Frühjahr 2000 ein Sealle anderen dramatisch sinkt.
minar mit 20 jugoslawischen
Am 10. Oktober 1998 treffen sich ein halAktivisten „auf neutralem Bobes Dutzend der beim Uni-Streik gescheiden“ im Hilton von Budapest.
terten Aktivisten. Maroviƒ und Mariƒ
Otpor-Führer Mariƒ zuckt mit
gehören dazu. Sie nennen ihre Gruppe Otden Schultern. Der Mann, den
por, „Widerstand“, sie einigen sich auf die
sie mit Ché vergleichen, obwohl
Anti-Regime-Slogans „Gotov Je“ („Er ist
ihn mit dem kubanischen Revofertig“) und „Vreme Je“ („Es ist Zeit“). Sie
lutionär – vom Charisma und eigeben sich die schwarz-weiße Faust als
ner regen Reisetätigkeit abgeseKennzeichen – eine Parodie der roten
hen – herzlich wenig verbindet,
Faust der Kommunisten. Sie beschließen, Diktator Milo∆eviƒ in Belgrad (2000): Volk als Geisel
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DRAGAN MILOVANOVIC
K. YANNIS / CORBIS SYGMA
Titel
Revolutionär Mariƒ, Massendemonstration in Belgrad (5. Oktober 2000): „Auf allen Ebenen Gehorsam verweigern“
sagt: „Andere Lehrgänge mit amerikanischen Freunden von Freedom House fanden
in Novi Sad statt. Wir haben genau hingehört und nur das übernommen, was uns
nützte. Beispielsweise rieten uns PR-Spezialisten aus den USA, doch die Faust gegen
farbige, modernere Logos zu tauschen,
wegen des besseren Eindrucks auf den Fernsehbildern im Westen. Wir lehnten ab.“
Als zentral erweist sich eine Sachspende,
finanziert von Freedom House. 5000 Exemplare von Gene Sharps Buch „From
Dictatorship to Democracy“. In dem Werk
mit dem Untertitel „Ein methodisches System zur Befreiung“ zählt der amerikanische Professor und Gandhi-Jünger vom
Bostoner Albert-Einstein-Institut „198 Methoden der gewaltfreien Aktion“ auf. Er
schreibt: „Meine Prinzipien haben nichts
mit Pazifismus zu tun. Sie basieren auf der
Analyse der Macht in einer Diktatur und
wie sie gebrochen werden kann – nämlich
dadurch, dass die Bürger auf allen Ebenen
der Staatsmacht und ihren Institutionen
den Gehorsam verweigern.“ Sharp gilt bald
als Guru der Aktivisten; seine wichtigsten
Erkenntnisse werden in einem „OtporHandbuch“ zusammengefasst und von
Hand zu Hand gereicht.
In ganz Serbien spielen Studenten Katz
und Maus mit der Staatsmacht. Und als ein
erboster Milo∆eviƒ Otpor abwechselnd zu einem Sammelbecken von „Kriminellen und
Drogensüchtigen“ und zu einer „terroristischen Vereinigung“ erklären lässt, machen
sich Tausende junger Leute über diese absurden Vorwürfe lustig. „Ich bin ein Drogenabhängiger“, heißt es auf T-Shirts mit
der schwarzen Faust. Oder sie laufen mit
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Käppis durch die Gegend, auf denen steht:
„Achtung, hier kommt ein Otpor-Terrorist“.
Otpor wird – ganz nach dem Credo des
PR-bewussten „Coca-Cola-Revolutionärs“
Maroviƒ – zu einem Markennamen. Diese
Form von Opposition verliert selbst für die
Säulen des Regimes von Polizei und Armee
langsam ihren Schrecken. „Unsere Botschaft lautete: Es gibt keinen Krieg zwischen euch und uns“, erklärt Maroviƒ die
Otpor-Taktik. „Wir sind gemeinsam Opfer
des Diktators und seines Systems.“
Fast jede Verhaftung eines Aktivisten
wird zu einem Anwerbegespräch für die
Oppositionellen. Vor allem in den Kleinstädten und auf dem Land fällt ins Gewicht, dass zu den Aktivisten, deren Zahl
mendes politisches Unheil. Er drückt im
Juli 2000 eine Verfassungsänderung durch,
die ihm erlaubt, sich noch einmal ums Präsidentenamt zu bewerben. Er setzt die
Wahl zwei Monate später an. Kaum Zeit
für eine zerstrittene politische Opposition,
sich zu formieren.
In allen staatlichen Büros, in den Fabriken mit ihren kommunistischen „Betriebsräten“ ist der Druck, für Milo∆eviƒ zu
stimmen, groß. Doch es gibt einen überraschenden Gegendruck. Die OtporAktivisten zeigen, dass sie mehr sind als
nur eine originelle Anti-Kraft gegen einen
scheinbar Übermächtigen: Sie appellieren
an die Oppositionsparteien, einen gemeinsamen Kandidaten aufzustellen und ihn
mit aller Macht zu unterstützen. Und so geschieht
Der Mann vom US-Militärgeheimdienst bittet
es. Vojislav Ko∆tunica, ein
die Revolutionäre zum Lehrgang ins Hilton.
Verfassungsrechtler, ist
für das Gros seiner Landsim Sommer 2000 auf über 70 000 geschätzt leute ein unverbrauchter Saubermann –
wird, die jedermann bekannten Söhne und ein großer Vorteil. Die wütenden Attacken
Töchter aus der Nachbarschaft gehören. In gegen den nationalistischen Gegenkandieinem Dorf bei Novi Sad sperrt der Poli- daten, vorgetragen von den staatlichen
zeichef drei junge Otpor-Sprayer ein. Als er Medien, helfen ihm eher, als dass sie ihm
abends nach Hause kommt, weigert sich schaden. Otpor verhält sich im Wahlkampf
seine Frau, das Abendessen zu servieren, eher unauffällig. Am Tag der Entscheidung
bevor er die jungen Leute nicht wieder aber steht an vielen Wänden: „Wir sagen
freilässt: Du spinnst, sagt sie, das sind doch Ihnen nicht, wen Sie wählen sollen. Aber
keine Verbrecher, sondern nette Jungen, bevor Sie Ihre Stimme abgeben: Fragen Sie
die alle auf dem Geburtstag von unserem mal Ihre Kinder.“
Sohn waren! Der Polizeichef gibt nach.
Ko∆tunica gewinnt an diesem 24. SepWieder ein kleiner Etappensieg.
tember, laut unabhängigen WahlbeobachSo zerbröckelt die Macht des Diktators, tern mit einer absoluten Mehrheit. Doch
langsam, aber kontinuierlich. Die psycho- Milo∆eviƒ fordert eine Stichwahl – er lässt
logischen Grundlagen für einen Wandel das Ergebnis seines Gegners unter 50 Prosind gegeben. Milo∆eviƒ spürt wohl kom- zent rechnen. Tausende ziehen auf die
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BÄRBEL SCHMIDT (L.); SHAKH AIVAZOV / AP (R.)
Milliardär und Revolutionsförderer Soros in New York, Demonstranten in Georgien (2003): Heuschrecke und Heilsbringer
Straßen. Wie von Otpor angeregt, haben
viele Babyrasseln mitgebracht. Alle verstehen das Symbol, das den einst so Mächtigen lächerlich macht: Er soll nicht wie
ein Kleinkind weinen, Serbien sei nun erwachsen geworden. Für den 2. Oktober
wird ein Generalstreik anberaumt.
Polizisten blockieren Brücken und
Straßen. Studenten bestreiken die Universität. Textilarbeiter und die Männer aus
den Kohlebergwerken legen die Arbeit nieder. Der zivile Ungehorsam erfasst, ganz
nach dem Otpor-Handbuch, alle Bereiche
des öffentlichen Lebens. Gleichzeitig gibt
es Geheimgespräche zwischen Aktivisten,
die an der Seite der siegreichen Ko∆tunicaMannschaft von den Polizeipräsidenten
mehrerer Städte fordern, auf Gewaltanwendung zu verzichten. „In einigen Fällen
hat Milo∆eviƒ dann tatsächlich Polizeiaktionen gefordert, doch seine Truppen
haben ihm nicht mehr gehorcht“, sagt Studentenführer Maroviƒ.
Noch einmal fordert Otpor alle seine
Leute auf, sich nicht provozieren zu lassen.
Noch einmal steht alles auf Messers Schneide. Aber dann gibt Milo∆eviƒ angesichts
von vielleicht 300 000 Demonstranten in
Belgrad entnervt auf. Nach seiner Verhaftung durch die serbische Polizei am 1. April
2001 führt ihn der Weg vor das Internationale Kriegsverbrecher-Tribunal in Den
Haag. Milo∆eviƒ, den der Westen lange als
Verhandlungspartner akzeptierte, dann mit
einer Militärkampagne aus dem Amt zu
bomben versuchte, ist Geschichte. „Keine
Oppositionsgruppe war beim Kampf gegen das Regime so entscheidend, für seinen
Sturz so wichtig wie Otpor“, schreibt die
„New York Times“.
Es bleibt eine unvollendete Revolution.
Schon bald nach dem Sturz zeigt sich, dass
es viel schwieriger ist, die Wurzeln einer
Diktatur auszurotten, als den Diktator zu
188
kippen. Die von Milo∆eviƒ geförderte Vet- sen, ihr habt einen korrupten Herrscher
ternwirtschaft und Korruption verschwin- erfolgreich in die Wüste geschickt. Das woldet nicht mit ihm. Eine Zivilgesellschaft len wir auch schaffen. Könnt ihr uns zeilebt von demokratischen Institutionen und gen, wie das geht?“
dem Glauben der Bevölkerung, dass sie einer Mehrheit nutzen. Neue Gesichter in
och oben, im 32. Stock eines prachteiner Regierung sind nicht alles.
vollen Bürogebäudes nahe dem New
Wie schmerzlich der nachrevolutionäre Yorker Central Park, regiert George Soros
Prozess sein kann, erfährt auch Otpor. Drei und schafft so etwas Ähnliches wie die
Jahre nach dem Triumph entschließt sich Quadratur des Kreises: Der gebürtige Uneine Mehrheit in der Führung zum Rich- gar, 75, macht als Finanzinvestor und Spetungswechsel – der „Widerstand“ wird zu kulant Milliarden, geißelt gleichzeitig den
einer politischen Partei. „Ich habe das globalen Kapitalismus und speist mit Teischon damals für einen Fehler gehalten len seines Vermögens Bürgerbewegungen
und bin leider in meinem Urteil grausam auf der einst antikapitalistischen Seite der
bestätigt worden“, sagt Maroviƒ.
Welt. Er ist, sozusagen, Heuschrecke und
Otpor muss sich nun hierarchische Struk- Heilsbringer in einem.
turen geben, ein politisches Programm entIn einigen Staaten arbeitet Soros mit
wickeln. Die Organisation steigt aus den Organisationen wie Freedom House zuHöhen des Freiheitskampfes
sammen – etwa in Jugoslain die Niederungen des Parwien und auch in Georgien.
teiengezänks hinab. Sie scheiGrundsätzlich steht er der
tert im Jahr 2003 an den UrBush-Regierung äußerst krinen kläglich. Ganze 1,6 Protisch gegenüber; im letzten
zent der Wähler wollen sie im
Wahlkampf hat er mit MilParlament sehen.
lionengeldern den DemokraPremier Zoran Djindjiƒ, eiten John Kerry unterstützt.
ner der wenigen politischen
„Ob Guantanamo oder Abu
Hoffnungsträger, fällt am 26.
Ghureib: Es gibt einen GeMai 2003 einem Mordangensatz zwischen dem, was
schlag zum Opfer. Kriegsverdie USA in Sachen Menbrecher wie Radovan Kaschenrecht predigen und was
rad¢iƒ und Ratko Mladiƒ wersie praktizieren. Und weil
den nicht ausgeliefert, obwohl Propagandafilm
Amerika sich in den Augen
sie zwischenzeitlich wohl so- Anleitung zum Umsturz
so vieler in der Welt disgar in Belgrad untertauchten.
kreditiert hat, werden alle
Noch immer leugnen viele Serben die in Initiativen diskreditiert, die mit Amerika
ihrem Namen begangenen Massaker.
verbunden sind“, heißt es im jüngsten JahIn die Katerstimmung von Otpor-Auflö- resbericht der Stiftung. „Dies ist ein Rücksungstendenzen und Fall in die politische schlag auch für unsere Bemühungen, offeBedeutungslosigkeit hinein platzt eine E- ne Zivilgesellschaften zu schaffen.“
Mail. Sie stammt aus Georgien. „Liebe
An diesem Tag im März 2003 hat Soros
Freunde“, heißt es darin. „Wir haben hier Besuch aus dem Kaukasus – angereist ist
eine vorrevolutionäre Situation. Wir wis- Alexander Lomaja, ein kahlköpfiger Inge-
H
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Titel
GIORGI KRAVEISHVILI / AP
AFP
vor hatten Studenten dagegen protestiert,
dass neben Georgisch auch Russisch als
Staatssprache in die Verfassung aufgenommen werden sollte. Ziel ihres Zorns
schon damals: Eduard Schewardnadse,
Georgiens KP-Chef.
Diesmal reagiert Schewardnadse auf die
Demonstrationen hysterisch. Er beklagt eine
von Russland gesteuerte Verschwörung. Die
in Wahrheit aus New York und Belgrad unterstützten Kmara-Aktivisten genießen die
kostenlose Werbung in eigener Sache.
Es gibt keine Mitgliedsausweise bei
Kmara und keine Funktionärsposten. Die
Hierarchien sind flach wie einst bei Otpor
in Serbien und wie von Gene Sharp gefordert, dem amerikanischen Cheftheoretiker
der gewaltfreien Revolutionen – die Stimme des Volks soll auch dann noch hörbar
sein, wenn einzelne Kritiker vom Regime
mundtot gemacht werden.
Noch im April, dem Monat der KmaraGründung, trifft der Tifliser US-Botschafter Richard Miles den führenden Oppositionspolitiker Surab Schwanija. Danach
Erstürmung des Parlaments in Tiflis (22. November 2003): „Unsere gelehrigsten Schüler“
verkündet er öffentlich, die USA wünschfen und Aktionen gegen die Staatsmacht ten „faire Wahlen“. Die Losung markiert
forderten. Er weiß, dass Giga Bokeria, ein den Warnschuss für das sturmreife Regime.
Mitbegründer des Instituts, gerade mit USSo ist es in Tiflis. So ähnlich wird es späGeldern versehen nach Belgrad gereist ist, ter in Kiew, Bischkek und womöglich auch
um dort von den Otpor-Aktivisten um Baku und Minsk sein.
Mariƒ zu erfahren, wie ein korruptes SysBotschafter Miles, 66, weiß, was in Geortem aus den Angeln zu heben sei.
gien für sein Land auf dem Spiel steht. Er
Im kommenden November, sagt Loma- ist ein Karrierediplomat, russischsprachig,
ja im Haus am Central Park zu seinem Absolvent des U. S. Russian Institute in
Chef, stünde in Tiflis die Parlamentswahl Garmisch-Partenkirchen, und war noch zu
an. Wenn nicht bald etwas passiere, werde Sowjetzeiten Generalkonsul in Leningrad.
es wieder zu Wahlfälschungen kommen.
Die Russen halten Miles für einen geSoros sichert zu, Exit Polls finanzieren zu tarnten Nachrichtendienstler, das State Dehelfen – Wählerbefragungen beim Verlassen partment hält Miles für eine kostbare
der Kabine –, und nicht nur das. Wenig spä- Lenkwaffe. Als Missionschef in Belgrad hat
Schewardnadse, US-Botschafter Miles
ter kleben in und um Tiflis erste orangefar- er bis 1999 den Aufbau der Anti-Milo∆eviƒKostbare Lenkwaffe
bene Plakate mit der Aufschrift „Geh und Bewegung unterstützt. Als Botschafter in
nieur Ende zwanzig, der seit Jahresanfang wähle“ an den Wänden. Und es gründet sich, Bulgarien „begleitete“ er danach die
die Tifliser Filiale von Soros’ Open Society gefördert von Soros, die studentische Pro- Wandlung des Sozialisten Georgij Parwanow zum Nato-Befürworter und die InInstitute leitet. Um im clangeprägten Süd- test- und Bürgerrechtsbewegung Kmara.
kaukasus für die Schaffung einer „offenen
Kmara heißt „Genug“. Die Losung ist stallierung des einstigen Zaren Simeon II.
Gesellschaft“ einzutreten, bedarf es hart- eingängig wie die siegreiche Anti-Milo- auf dem Posten des Premiers.
Schon vor Amtsantritt in Tiflis hat der
näckiger Strategen. Lomaja ist so einer.
∆eviƒ-Parole „Er ist fertig“. Auch das SymDoch so wie er jetzt an Soros’ langem bol der Georgier, eine geballte Faust, ist umtriebige Diplomat (Branchenname
„Miles and More“) bei
Arbeitstisch referiert, klingt er wenig hoffseiner Anhörung vor dem
nungsfroh. Georgiens Präsident Eduard „Es ist möglich, ein Regime zu stürzen,
US-Senat seine Ziele als
Schewardnadse habe in den beiden verkünftiger Botschafter gegangenen Jahren sämtliche Vorschläge zur ohne einen Tropfen Blut zu vergießen.“
schildert: Er strebe einen
Korruptionsbekämpfung ignoriert, die man
ihm unterbreitete.
von den Belgrader Gesinnungsgenossen „friedlichen und demokratischen MachtSoros ist im Bilde. „Schewardnadse ist abgekupfert. Das serbische Beispiel zeige, wechsel“ bei der Wahl 2005 in Georgien
nicht interessiert an einer offenen Gesell- „dass es möglich ist, ein Regime zu stürzen, an. Als es im Frühjahr 2003 erste Anzeischaft“, sagt der Milliardär und Philanthrop. ohne einen Tropfen Blut zu vergießen“, chen gibt, Schewardnadse könnte es
Was habe man ihm nicht alles nahe gelegt, macht Lomaja seinen jungen Wilden nach schneller als erwartet an den Kragen ge„nichts davon wurde realisiert“. Andere der Rückkehr am Marmorkamin des Frei- hen, steht der US-Botschafter als Verbindungsmann zwischen den Lagern der sich
Wege müssten nun gewählt werden. Lo- heits-Instituts in Tiflis Mut.
Am 14. April 2003 setzt Kmara ein erstes formierenden Regimegegner parat.
maja, der in Tiflis über 40 Soros-MitarbeiDie Voraussetzungen für einen Wechsel
ter und einen für georgische Verhältnisse Zeichen gegen die Staatsmacht – mit alten
stolzen Jahresetat von 1,3 Millionen Dollar Fahnen der Sowjetrepublik Georgien, auf sind nicht schlecht. Die Menschen sind weverfügt, hat zum Glück schon einen Plan. denen Porträts von Schewardnadse kleben, gen der Korruption und Misswirtschaft im
Er erzählt von einer Gruppe junger Leu- marschieren Hunderte Studenten zur Prä- Land aufgebracht, und es fehlt auch nicht
te, die sich seit einiger Zeit im Tifliser Frei- sidialkanzlei. Das Datum ist mit Bedacht an einem potentiellen Volkstribun –
heits-Institut an der Gribojedow-Straße trä- gewählt. Genau ein Vierteljahrhundert zu- Micheil Saakaschwili, Jahrgang 1967, Ju190
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GLEB GARANICH / REUTERS
rist mit US-Ausbildung (und mehreren beobachter. Die Georgier, wird der Revolunicht näher spezifizierten Trips nach Bel- tionsreisende Mariƒ später sagen, seien seigrad); es gibt außerdem für die Mobilisie- ne gelehrigsten Schüler gewesen.
Mit Soros-Geldern wird im Juni 2003 in
rung der Straße Kmara; und es existiert
ein unabhängiger Fernsehsender, Rustawi-2, Zchwaritschamija ein dreitägiges Training
in Sachen friedlicher Revolution organi1994 mit Soros-Zuschüssen gegründet.
Die internationale Gemeinschaft und die siert. Über 1000 Kmara-Aktivisten verUSA, sagt Botschafter Miles in einem In- sammeln sich in der 15 Kilometer von Tifterview mit Rustawi-2, hätten „sehr hart“ lis entfernten Kloster-Stadt und nehmen
für die georgische Wahl gearbeitet und Quartier in einem alten sowjetischen Kinmehrere Millionen Dollar ausgegeben. Nun derferienlager.
In einem dreigeschossigen Wohnheim,
erwarte man „ein Wachstum bei der Qualität der Demokratie“, mehr noch: „eine vor dem an einer Betonmauer Mosaike mit
neue Ära“. Präsident Schewardnadse hört sowjetischen Jungpionieren unter Hammer
die Signale. Er, den sie den „Fuchs“ nen- und Sichel bröckeln, nächtigt die Vorhut
nen, mag das Gespür für die Nöte seines der Revolution. Stundenlang fällt die WasVolkes verloren haben. Auf jede Form der serversorgung aus, in der Kantine schmurBedrohung seiner Macht aber reagiert er geln Reisbrei und landestypische Charsensibel. Schewardnadse droht, all jene Or- tscho-Fleischsuppe. Bei all dem wird hart
ganisationen des Landes zu verweisen, die gearbeitet – die Novizen hören Vorträge
„organisiertes Chaos“ in Georgien aus- über gewaltlosen Widerstand.
zulösen planten. Er nennt keine
Namen. Doch seine Gehilfen
lässt er deutlicher werden – es
geht um die Soros-Stiftung, um
die Belgrader Berater.
Der Soros-Mann Lomaja in
Tiflis schlägt zurück. Er spricht
öffentlich von einem „autoritären Regime“ in Georgien,
und bereitet, während draußen
Tausende Demonstranten aufmarschieren, wie mit Soros
vereinbart Exit Polls vor. Jugoslawische Otpor-Aktivisten
schulen die angehenden Wahl- Minister Lomaja in Tiflis: Karriere eines Revolutionärs
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VANO SHLAMOV / AFP
Siegesfeier nach der Abdankung des Präsidenten Schewardnadse in Tiflis (23. November 2003): „Fuchs“ ohne Ausweg
Am nachhaltigsten beeindruckt die jungen Georgier ein Film – Peter Ackermans
„Bringing Down a Dictator“, die Chronologie des Sturzes von Milo∆eviƒ. Der Streifen skizziert ein Szenario auch für den Umsturz in Tiflis und schlägt so, in einem schäbigen Pionierlager unweit der georgischen
Hauptstadt, die Brücke zwischen Enkeln
des Sowjetreichs und Demokratiestrategen
der amerikanischen Ostküste.
Filmautor Ackerman ist Leiter des Washingtoner Internationalen Zentrums für
gewaltfreie Konflikte und Mitglied des USRats für außenpolitische Beziehungen.
Gewaltloser Widerstand sei ein „Werkzeugkasten, eine Art Waffenarsenal“, sagt
er, das sich für strategische Ziele in
„Schlüsselregionen, die US-Politiker beeinflussen wollen“, hervorragend eigne.
Georgien ist so eine Schlüsselregion aus
amerikanischer Sicht. Spätestens seit klar
ist, dass hier ab 2005 mit einer 2,5 Milliarden Euro teuren Pipeline Öl aus dem Kaspischen Meer Richtung Westen durchgepumpt werden wird. Im Juli 2003 schickt
George W. Bush einen Mann nach Tiflis,
der den georgischen Präsidenten letztmals
auf Linie zu bringen versucht – James
Baker, als Außenminister noch Schewardnadses Gegenüber zu Sowjetzeiten, inzwischen mit der Anwaltskanzlei Baker
Botts Marktführer im Sektor von Ölund Gasgeschäften rund ums Kaspische
Meer.
Die Kmara-Aktivisten, die sich zu dieser
Zeit für große Taten rüsten, kümmert das
Titel
Ende – am 23. November um 19.51 Uhr
verkündet ein zerknirschter Schewardnadse, er trete als Staatschef zurück.
US-Botschafter Richard Miles half, den
Deal zu vermitteln, das Volk jubelt. Sechs
Wochen später wählt es Saakaschwili mit
sowjetverdächtigen 96 Prozent der Stimmen zum neuen Staatsoberhaupt.
An der politischen Großwetterlage hat
sich seither nicht viel geändert. Auch zwei
Jahre nach der Rosenrevolution umfängt
der starke Arm der USA unverändert
Georgien – 138,9 Millionen Dollar an amerikanischer Unterstützung fließen allein in
diesem Jahr in die Republik am Südrand
des Kaukasus, ein neuer Vertrag über
knapp 300 Millionen Dollar Zuschuss für
Infrastrukturmaßnahmen ist unterzeichnet; der 58 Millionen Dollar teure Neubau
PORA.ORG.UA
geopolitische Schach hinter den Kulissen
wenig. Sie sind im Durchschnitt 19 Jahre
alt, mit dem Herzen im Westen und halten
Schewardnadse für einen Restposten aus
der versunkenen Sowjetwelt.
Die Weltanschauungen des Präsidenten
und seiner aufmüpfigen Jugend prallen von
Anfang Oktober 2003 an direkt aufeinander – Schewardnadses Polizisten verprügeln Kmara-Aktivisten und sperren sie in
der Tifliser Polizeiwache ein. Kmara reagiert und verkündet im „Haus des Kinos“
das Manifest „Zehn Schritte zur Freiheit“.
Soros-Mann Lomaja hat daran mitgewirkt.
Gut zwei Wochen später überwacht er
am Computer des Medienzentrums die Ergebnisse der Exit Polls. Die Parlamentswahl in Georgien findet statt, und Lomaja
sieht die Partei des Oppositionsführers Saa-
mit dem kahlen Schädel bedrückt von der
Problemlast seines Landes.
I
n Tiflis ist Präsident Schewardnadse noch
nicht gestürzt, da zieht Mariƒ, der Ché
Guevara der Jugendbewegung, schon weiter. Auf den serbischen Otpor-Aktivisten,
der bis zum Herbst 2003 Georgiens Aufständische beraten hat, warten nun Aufgaben in der Ukraine.
In Kiew steht der skandal- und korruptionsbelastete Präsident Leonid Kutschma
im letzten Jahr seiner zehnjährigen Amtszeit. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er,
koste es, was es wolle, den zweifach vorbestraften Premierminister Wiktor Janukowitsch als seinen Nachfolger installieren
will. Faire, freie Wahlen erwartet kaum jemand mehr im Land.
Pora-Trainingslager am Schwarzen
Meer, Aktivistin Schpak: „Den
Autokraten lächerlich gemacht“
kaschwili acht Prozentpunkte vor dem
Schewardnadse-Block. Noch vor dem Ende
der Auszählung verkünden Schewardnadse-Getreue einen Sieg der Präsidentenpartei, doch die groben Wahlmanipulationen sind offensichtlich.
Dann geht alles ganz schnell – Kmara organisiert den Protest auf der Straße. In derselben Woche bevölkern in Tiflis 15 000 Demonstranten den Platz vor dem Parlament.
Saakaschwili verkündet den „totalen Widerstand gegen Schewardnadse“, allerdings
mit friedlichen Mitteln. Der Fuchs im Präsidentenpalast will die Zeichen der Zeit
noch nicht wahrhaben.
Während auf dem Rustaweli-Boulevard
Regimegegner Rosen an die Polizisten verteilen, sucht Schewardnadse nach neuen
Bündnispartnern und wettert gegen die
von den US-Stiftungen finanzierten Studenten. Erst als Saakaschwili gemeinsam
mit Soros-Mann Lomaja und anderen
Freunden das Parlament stürmt, naht das
194
der US-Botschaft soll im kommenden März
eingeweiht werden.
Dennoch fehlt es im Land weiter an Zeichen des Aufbruchs. Die Inflationsrate ist
mit rund sieben Prozent nicht deutlich gesunken, die Arbeitslosigkeit wächst. Das
monatliche Durchschnittseinkommen beträgt 40 Euro. Die abtrünnigen Provinzen
Abchasien und Südossetien sind unverändert in Rebellenhand, allen Versprechen
des wortmächtigen Präsidenten Saakaschwili zum Trotz.
In seiner Regierung zeigen sich erste Risse: Die Außenministerin, von ihm protegiert, muss gehen. Georgier beklagen, dass
die Korruption fast schon wieder Ausmaße
angenommen hat wie in der Schewardnadse-Zeit. Nicht einmal Alexander Lomaja, der Soros-Stratege der Rosenrevolution, vermittelt noch Optimismus. Er ist
georgischer Bildungsminister geworden,
doch wie er jetzt da so sitzt, in seinem
großzügigen Amtszimmer, wirkt der Mann
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Schon früher war der Serbe Mariƒ im
Auftrag von Freedom House zu Vorträgen
in Donezk und Odessa. Jetzt, im November 2003, hat die britische WestminsterStiftung Geld gegeben für eine Reise durch
fünf Städte der Ukraine. In Pionierpalästen
und Jugendzentren erzählt Mariƒ, wie sie
drei Jahre zuvor in Belgrad Milo∆eviƒ erledigten – mit Phantasie, Ausdauer, ohne
Gewalt. Und gerade den Georgier.
Mariƒs Schilderungen fallen in der
Ukraine auf fruchtbaren Boden. Es gibt
hier ein dichtes Netz westlicher NGO, die
Nichtregierungsorganisationen pumpen
Geld in die Entwicklung demokratischer
Strukturen. Und es gibt, von den Studentenprotesten der späten Achtziger bis zur
gescheiterten „Ukraine ohne Kutschma“Bewegung 2001, eine Tradition zivilen Ungehorsams gegenüber den Machthabern.
Allerdings ist die Ukraine nicht Serbien
und auch mit Georgien nicht zu vergleichen. In der Ukraine leben nur gut fünf
REDUX / LAIF
Titel
Demonstranten der Studentenbewegung Pora vor dem Präsidentenpalast in Kiew (November 2004): „Nudeln auf die Ohren“
Pora hat jetzt bereits Strukturen, die das
ganze Land umfassen, und eine Strategie.
Es beginnt die offensive Phase der Kampagne. Am 1. August treffen sich 320 junge Ukrainer, auf Rechnung von Freedom
House, für eine Woche im Sommercamp in
Jewpatorija auf der Krim. Dabei sind 72 sogenannte Kuschs, regionale Untergliederungen der Pora, aus Gebieten zu je einer
halben Million Einwohner.
Zu den Aktivisten zählen die unterschiedlichsten Charaktere. Da sind einmal
die glühenden Idealisten wie die Studentin
Alina Schpak. Aber auch kühl planende
Pragmatiker wie Wladislaw Kaskiw, der
Kiewer Programmdirektor der Soros-Stif-
GLEB GARANICH / REUTERS
Prozent der Bevölkerung in der Hauptstadt. Um Europas zweitgrößten Flächenstaat in Aufruhr zu versetzen, müssen Zellen gebildet werden. Im prorussischen, industrialisierten Osten des Landes
ist das eine fast unlösbare Aufgabe.
Mariƒ und seine Mitstreiter kümmern
sich um die Jugend. Seit Monaten gibt es
Bestrebungen, nach dem Modell von Otpor
und Kmara eine Protestbewegung zu gründen. Ab Januar 2004 formiert sich dann
Pora – „Es ist Zeit“. Auf der Bühne positionieren sich gleichzeitig die Oppositionsführer Wiktor Juschtschenko und Julija Timoschenko als Hoffnungsträger.
65 Millionen Dollar an US-Steuergeldern
fließen seit 2002 allein vom US-Außenministerium für die Wahl in der Ukraine über
die NED und die Parteistiftungen NDI und
IRI. „Wir wissen nicht genau, wie viele
Millionen oder Dutzende Millionen Dollar
die Regierung der USA für die Präsidentenwahl in der Ukraine ausgegeben
hat“, bemängelt der republikanische Abgeordnete Ron Paul in Washington: „Aber
wir wissen, dass der Großteil des Geldes zur Unterstützung eines bestimmten Kandidaten gedacht war“ – Wiktor
Juschtschenko.
Als Pora-Aktivisten im Mai ins serbische
Novi Sad aufbrechen, wo Kommunikationstrainer gebucht sind, bezahlt die britische Westminster-Stiftung.
Präsidenten Kutschma, Putin (M.)*
Vergeblicher Beistand vom großen Bruder
196
Russland, so viel ist klar, setzt auf Stabilität. Es braucht eine berechenbare
Ukraine als Korridor für seine Öl- und Gaslieferungen und als Stützpunkt für seine
Schwarzmeerflotte. Präsident Putin umgarnt Kutschmas Kandidaten Janukowitsch
bei zwei Besuchen und hat seine renommiertesten Polit-Technologen nach Kiew
entsandt.
Andererseits führt nun für die USA und
ihre westlichen Verbündeten kein Weg
mehr zurück. Viel Geld, viel Mühe ist investiert worden. Kofferweise wird in den
Wochen vor der Wahl Bargeld aus den
USA am Flughafen Kiew ausgeladen, erzählt die Buchhalterin der oppositionellen Organisation „Unsere
Ukraine“ Vertrauten. EiIn Kiew wird kofferweise Bargeld aus den
ne amerikanische PrivatUSA angeliefert – Hilfe für die Opposition.
spende über 150 000 Dollar sei vorübergehend beitung – tief eingenistet in ein Beziehungs- seite gelegt worden, weil keiner mehr gegeflecht diverser Geldgeber.
wusst habe, wohin mit ihr.
Man schläft in Zelten am Strand, nur die
Als der von einer rätselhaften KrankTrainer mit ihren Frauen belegen Apart- heit sichtbar entstellte Wiktor Juschtschenments. Tagsüber werden Abläufe geprobt ko am 31. Oktober zum ersten Wahlgang
für den Ernstfall und Broschüren verteilt – antritt, ist sein Lager gerüstet für den Fall
40 Millionen Blatt Gedrucktes sollen am der Fälle. Die Hauptstadt und der Rest des
Ende unter die Ukrainer kommen. Es er- Landes sind flächendeckend beschickt mit
geht die Anweisung, 35 000 Mitglieder zu Wahlbeobachtern. Die New Yorker Marktrekrutieren, die zu einem noch festzule- forschungskanzlei Penn, Schoen & Bergenden Zeitpunkt nach Kiew marschieren land, vier Jahre zuvor beim Sturz Milound den Machtwechsel vollenden sollen. ∆eviƒs schon in Serbien tätig, wird die Exit
Die Revolution bekommt eine Kennfarbe: Polls erstellen. Die Pora-Leute schließlich
Alle sollen Orange tragen.
warten auf ein Signal von oben.
Doch während sich die einheitlich in
Zelte und Feldküchen für Massendeorange T-Shirts gekleideten Aktivisten auf monstrationen hat der Kernbrennstoffder Krim in Reih und Glied hart an der händler David Schwanija von der OpposiWasserkante für die Pora-Website fotogra- tion vorsorglich schon kaufen lassen. Und
fieren lassen, ist in den politischen Zirkeln doch vergehen nach der Verkündung des
der Hauptstadt noch immer keine Strategie Wahlergebnisses, das Kutschmas Kandidaerkennbar. Der Kandidat Juschtschenko ten Janukowitsch überraschend im Rückgilt als zögerlich, der US-Botschafter John stand sieht, noch Wochen, ehe die EntHerbst äußert im kleinen Kreis erhebliche scheidung zum koordinierten Aufstand fällt.
Bedenken, ob mit diesem Mann ein ReMariƒ wird am Flughafen Kiew abgegimewechsel möglich sei.
fangen und auf Befehl des alten Regimes in
die Heimat abgeschoben – kein Visum
mehr für den Revolutionsorganisator. Aber
* Am 28. Oktober 2004 mit dem von ihnen favorisierten
zu diesem Zeitpunkt brauchen ihn die neuPräsidentschaftskandidaten Janukowitsch in Kiew.
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Titel
ausgebildeten Pora-Profis gar nicht mehr –
sie beschließen, dass sich der Volkszorn
nirgendwo anders als am zentralen Kiewer
Platz, dem Maidan, zu konzentrieren habe.
Hier waren Jahre zuvor schon einmal eine
Million Demonstranten versammelt; hier,
in der Senke, flankiert von stalinistischen
Protzbauten, kann das Volk von unten der
Macht oben am Hügel drohen.
Der Maidan taugt perfekt zum Symbol.
Die Bühne ist schon aufgebaut, die Mikrofone sind montiert und die Massen in gespannter Erwartung, als nach dem Stichentscheid am Abend des 21. November die
Wahllokale schließen. Zum Sieger wird diesmal der Mann des alten Regimes, Wiktor
Janukowitsch, ausgerufen. Was dann geschieht, überwältigt alle, auch jene, die später zu Helden der Revolution erklärt werden.
„Wir waren das Streichholz für das Feuer, das in den Leuten schon brannte“, sagt
ein Pora-Mann. Die Aktivisten organisieren eine Stadt aus 1546 Zelten, und aus
den Provinzen reisen massenhaft Jugendliche an, die von selbsternannten „Atamanen“, nach Kosakenführern benannt, in
streng gegliederten Hundertschaften zu
Protestzügen durch die Stadt starten. Auch
Juschtschenkos Stab gibt sein Bestes, um
die Erhebung auf der Straße mit dem
zähen Ringen auf der politischen Bühne
um eine Korrektur des Wahlergebnisses zu
synchronisieren.
Doch ohne den Rückhalt der Bevölkerung, die in Frost und Schnee ausharrt und
den kühl kalkulierten Aufstand gegen ein
abgewirtschaftetes Regime in ein machtvolles Happening umwandeln hilft, wäre
die Orange Revolution nicht gelungen. Am
27. November besetzen anderthalb Millionen Menschen den Maidan und die angrenzenden Straßen.
Mädchen stehen, streng nach den Vorgaben ihrer gewaltlosen Lehrer, an kriti-
schen Punkten in der ersten Reihe. Sobald
der Staat zuschlägt, ergäbe das schlimme
Fernsehbilder. Solange nichts passiert,
rücken sie den Wachen vor der Präsidialverwaltung auf den Leib und rufen „Wir
wollen euch küssen“. Die Jungs garnieren derweil Pfannen voller Nudeln mit
Namensschildern führender Fernsehsender – „Nudeln auf die Ohren hängen“
bedeutet auf Ukrainisch „für dumm verkaufen“.
Unter der wochenlangen Belagerung mit
eiserner Disziplin und Aktionen blühender Phantasie kollabiert am Ende das Kutschma-Regime. Das Oberste Gericht setzt
eine Wiederholung des zweiten Wahlgangs
an. Den gewinnt am 26. Dezember 2004
Wiktor Juschtschenko mit 51,9 Prozent.
Nur sechs Tage nach Juschtschenkos
Einführung ins Amt des Präsidenten feiert
Pora im Kiewer Hotel Rus den Machtwechsel und die eigene Auflösung. Die Pro-
E
s gibt Konferenzen, die kann man getrost vergessen, schon bevor sie begonnen haben. EU-Bananenrichtlinienkonferenzen, Nato-Waffensystemkonferenzen, Uno-Nachhaltigkeitskonferenzen. Die
Kommuniqués sind bereits vor dem Eintreffen der Teilnehmer geschrieben, wolkige Formulierungen verdecken Inhaltsleere. Ernsthafte politische Folgen: keine.
Und dann gibt es diese anderen Treffen.
Solche, die kaum in der internationalen
Presse Erwähnung finden, weil ihre Teilnehmer nicht zu den bekannten politischen
Größen gehören, das Ambiente der Zusammenkunft nicht spektakulär ist, die Tagungspunkte auf Anhieb wenig sexy erscheinen – und die doch das Potential haben, die Welt mit zu verändern.
Eine dieser revolutionären Zusammenkünfte findet im Juni dieses Jahres ausgerechnet am Rande Europas statt. In Albanien, dem Land, das lange Jahre als Vorposten von Maos China,
als Hochburg der StalinisDie Revolution in Orange war ein Meisterten galt. Es ist ein Treffen,
stück – die Zeit danach wird zum Trauerspiel. beobachtet von den wichtigsten Geheimdiensten,
testbewegung hält ihre Mission für erfüllt. der amerikanischen CIA, dem britischen
Die Idealistin Alina Schpak entschließt MI6 und dem russischen SWR. Sie wissen,
sich, Strategie und Taktik des gewaltlosen dass hier Weichen gestellt werden. Und zuMachtwechsels in die Welt hinauszutragen mindest die Amerikaner wollen die Teilund künftig anderen zu helfen. Der Prag- nehmer hinter den Kulissen auch beeinmatiker Wladislaw Kaskiw zieht einen Be- flussen – schließlich haben ihre Steuerzahratervertrag beim neuen Präsidenten an ler die Veranstaltung zu einem großen Teil
Land – er hat erst mal ausgesorgt.
finanziert.
Doch die Revolution hält nicht viel von
Alles dreht sich um das große Spiel der
ihren Versprechungen, und die wichtigsten internationalen Politik: um Demokratisieneuen Führer zerstreiten sich. Die Ukrai- rung, um neue Freiheiten, und damit auch
ne steht heute wieder vor einem Wende- um Interessensphären der Großmächte.
punkt. Wieder mal erweist sich: Eine er- Wie man am besten Gewaltherrscher und
folgreiche Revolution ist noch keine Ga- Autokraten von Osteuropa bis Zentralasien
rantie für nachfolgende demokratische und dem Nahen Osten aus dem Amt jagt.
Verhältnisse. Pora will bei der nächsten Wie sich gewaltlose Revolutionen anzetWahl als Partei antreten.
teln und organisieren lassen. Welche Mus-
Aktivisten-Konferenz in der albanischen Hauptstadt Tirana (im Juni): Aufregende Tage zwischen Woodstock und Westminster
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EASTWAY
Oppositionelle Timoschenko bei einer Demonstration in Kiew: Blumen für die Staatsgewalt
ter bei diesem Kampf immer wiederkehren. Besprochen werden soll vor allem, was
die in einigen Ländern schon erfolgreichen
Aktivisten den anderen in den Noch-Diktaturen beibringen können.
Es ist ein bunter Haufen, der da auf dem
schäbigen Mutter-Teresa-Flughafen von Tirana zum „Activism Festival“ am Rande
Europas ankommt: junge Männer zwischen
Mitte zwanzig und Mitte dreißig, manche
in grauen Geschäftsanzügen, andere in
Jeans und Strickjacken; junge Damen, einige wenige wie aus dem Späthippie-Modekatalog, die meisten eher mit coolem
Jungchefinnen-Look. Fast alle haben ihre
Laptops dabei.
Sie gehören zur jugoslawischen Organisation Otpor, zur georgischen Bürgerrechtsbewegung Kmara, zur ukrainischen
Studentenvereinigung Pora. Andere sind
vom Kaspischen Meer, aus Mittelosteuropa und der Levante angereist, vertreten
ihre Gesinnungsgenossen aus Aserbaidschan, Weißrussland und dem Libanon: 14
Gruppen aus 11 Staaten.
Die Konferenz ist Happening und harte
Arbeit zugleich, symbolträchtige, spielerische Aktion und knallharte Oppositionspolitik. Gesponsert ist sie, laut Tagungsbroschüre, von Freedom House. Nach der
Fahrt über den Boulevard der Märtyrer ins
Stadtzentrum treffen sich die Teilnehmer in
der Akademie der Künste. Sie tanzen bei
der Kennenlern-Party in Tiranas Disco „Living Room“ über den Dächern der Stadt
bis morgens um zwei zu albanischem Rap,
zu Pop-Gruppen wie Green Day oder
Coldplay. Und sie lauschen – merkwürdige Konzession an die „Klassiker“ einer
Protest-Generation, die sie alle nicht bewusst erlebt haben und mit der sie kaum
etwas verbindet – Bob Dylans „The Times
They are A-Changin’“.
Ein Hauch nur von Woodstock und sonst
viel Westminster: Morgens um neun beginnen die Sitzungen, zu denen alle pünktlich erscheinen. Hinter geschlossenen
Türen geht es um revolutionäre Wege zur
Demokratie. Wie organisiert sich in globalisierten Zeiten die Gegenmacht am besten,
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Soft Power gegen repressive Staatsmacht?
Wie realistisch sind die Chancen der Guerilla ohne Gewehre? Gibt es, im Fall eines Blutbads gegen die Opposition, einen
Plan B?
Einer der Stars der Konferenz ist Ivan Maroviƒ, der Otpor-Gründer. Aber auch Alina
Schpak von der ukrainischen Pora findet viel
Aufmerksamkeit, wenn sie sagt: „Neben den
Open-End-Demonstrationen auf unserem
Kiewer Hauptplatz, neben der Medienarbeit, war unser Erfolgsgeheimnis, dass wir die
Autokraten lächerlich gemacht haben. Ich
glaube nicht, dass man jemanden noch fürchten muss, über den man sich totlacht.“
Die Studentenführer von Baku und
Minsk hingegen arbeiten in ihren autoritär
regierten Ländern weiter im Untergrund.
„Eure Regime waren schon entscheidend
geschwächt, und ihr musstet nicht so konkret wie wir befürchten, dass die Herrscher
in die Menge schießen lassen“, meint Wlad
Kobez von der Gruppe Subr („Wisent“)
aus der weißrussischen Hauptstadt.
Werden die Weißrussen die nächsten
sein, die eine Revolution auf ihren Straßen
organisieren? Oder die zentralasiatischen
Kasachen, nach dem Vorbild der benachbarten Kirgisen, die im März in der ziemlich überstürzten Tulpenrevolution ihren
Autokraten Askar Akajew in die Wüste
schickten? Oder die unter dem brutalen
Joch des Diktators Islam Karimow leidenden Usbeken, die „aus Sicherheitsgründen“ nur einen Emissär zur Konferenz
nach Tirana entsandten?
Renate Flottau, Erich Follath,
Uwe Klußmann, Georg Mascolo,
Walter Mayr, Christian Neef
IM NÄCHSTEN HEFT
Das Geheimnis der amerikanischen Druckerpresse – Die Tulpenrevolution von Bischkek– Brutale
Schläger in Baku – Weißrussisches Codewort:
„Wisent“ – Die Grenzen der Revolutions-GmbH
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