Notizen zur Auswanderung im 19. Jahrhundert

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Notizen zur Auswanderung im 19. Jahrhundert
Badische Heimat 66 (1986)
N otizen zur Auswanderung im 19. Jahrhundert
Problem e reg io n aler und lokaler Forschung
Volker Kronemayer, Brühl
Das Jah r 1983 stand für die historisch inter­
essierte Ö ffentlichkeit ganz im Zeichen der
Feiern anläßlich der dreihundertsten W ieder­
kehr der ersten A usw anderung einer G ruppe
von deutschen Siedlern nach N ordam erika.
D reizehn K refelder Familien hatten damals
ihre Ffeimat verlassen und w aren am 6. O k ­
tober 1683 unter der F ührung von F ranz D a­
niel Pastorius im heutigen Pennsylvanien ge­
landet. N ahe den U fern des D elaw are grün­
deten sie die G em einde G erm antow n, heute
ein vorw iegend von Farbigen bew ohnter
V o ro rt Philadelphias1)- W ie bereits 1976 —
dam als w aren aus A nlaß der U nabhängig­
keitserklärung und dem Jahrestag der V er­
fassung der USA die deutsch-am erikanischen
Beziehungen gew ürdigt w orden2) — w ar
dieses Ja h r von zahlreichen V eranstaltungen
geprägt, die der Popularität des Ereignisses
entgegenkam en oder eine solche fördern
sollten3). D aneben w urde dieses Ereignis zu ­
gleich H ö h ep u n k t der wissenschaftlichen
A useinandersetzung mit dem T hem a. D em
Bereich der kulturellen und sprachlichen As­
similation der E inw anderer w urde in diesem
Z usam m enhang besondere A ufm erksam keit
zuteil und es versteht sich daher von selbst,
daß die D arstellungen sich dem Erschei­
nungsbild der M assenausw anderung w eit
m ehr verpflichtet zeigten als den Einzel­
schicksalen4).
Die M öglichkeit zu r E rforschung von E in­
zelschicksalen w urde auf deutscher Seite mit
der Einrichtung des H istorie E m igration
O ffice in H am burg 1983 erleichtert5). Für
H am burg ist von V orteil, daß die dortige
Statistik der A usw anderung noch bis in das
Ja h r 1836 zurückreicht, w ährend die von
Bremen, die bereits 1832 einsetzte und vor
allem über A usw anderer aus dem süddeut­
schen Raum A uskunft geben könnte, nicht
m ehr vorhanden ist6).
Bisherige U ntersuchungen der A usw ande­
rungsbew egung um die M itte des 19. Jh. be­
ruhen w eitgehend auf den um fangreichen
Statistiken, die die großherzogliche Regie­
rung Badens in d er Absicht anlegen ließ, dem
P hänom en der M assenausw anderung H err
zu w erden7). D aran knüpfte E nde des Ja h r­
hunderts E. von Philippovich mit einer D ar­
stellung d er badischen A usw anderungspolitik
an, die noch heute von grundlegender Be­
deutung ist8). Erst 1977 erschien eine w eitere
D arstellung von K. Stiefel, in der die Aus­
w anderungspolitik im Rahm en d er G e­
schichte der staatlichen Institutionen ange­
sprochen w ird9).
D er frühere Leiter des GLA K arlsruhe, H e r­
m ann Baier, m achte 1937 in „M ein H eim at­
land“ auf die lückenhaften statistischen A n­
gaben im Lande aufm erksam und erläuterte
die fehlerhafte Ü bertragung von O rts- und
Fam iliennam en in den Listen der E inw ande­
rungsländer10). A ndere Schwierigkeiten der
A usw andererforschung auf der Ebene der
O rts- und Regionalgeschichte liegen aber
vor allem in der V ielfalt und dem U m fang
des Q uellenm aterials begründet, das sich in
den Archiven der G em einden befindet. W er
sich den Faszikeln „A usw anderungsakten“
zuw endet, w ird zunächst die beträchtlichen
Lücken in der chronologischen Abfolge be­
merken. So sind im Stadtarchiv W iesloch u n ­
ter A bteilung X X V . Staatsangehörigkeit und
A usw anderung n u r A kten aus den Jahren
1850— 1875 für W iesloch und 1852— 1892
für Altwiesloch vorhanden (A 5094, A 5095).
D aran schließt sich für W iesloch ein Faszikel
99
„D as A usw anderungsw esen“ fü r die Zeit von
1880 bis 1937 an (A 5096). Eine erste A us­
w ertung der A kten ergibt, daß die „V or­
gänge“ keineswegs vollständig vorhanden
sind: so w ird die verm utliche Abschiebung
eines Franz D örner im Jahre 1854 im Bür­
gerbuch der Stadt m it „abw esend, im Jahr
1854 nach A m erika gereist“ erw ähnt, ein Be­
leg hierüber ist in den A kten „Staatsangehö­
rigkeit und A usw anderung“ vorhanden, in
den R atsprotokollen der Stadt findet sich
aber kein H inweis. D o rt w ird der A usw ande­
rer H einrich D örner erw ähnt, w orüber w e­
der im Bürgerbuch noch in den A ktenfaszi­
keln eine Eintragung zu finden ist. G ut be­
legt ist die A usw anderung des H einrich
Rensch in zwei der drei erw ähnten Q uellen.
Im R atsprotokoll zu H einrich Rensch steht:
„ . . . w enn nu r die Bedingungen bewilligt
w erden, wie jene des Philipp K lein­
m anns . . . “ — über jenen Philipp K leinm ann
findet sich nirgendw o in den angeführten
Q uellen eine N achricht11).
Insgesam t w urden allein in den A kten 199
N am en von A usw anderern aufgeführt, im
Bürger-Buch erscheinen 17 w eitere N am en;
11 dieser N am en w erden m ehrfach genannt,
davon 2 in den R atsprotokollen und 3 im
Bürger-Buch. D am it w ürde auch zugleich
die Z ahl der A usw anderer festliegen, die
zwischen 1808 und 1875 die Stadt W iesloch
verließen: 216. In der am tlichen K reisbe­
schreibung aus dem Ja h r 1968 w erden aber
allein für den Zeitraum von 1841 bis 1861
221 A m erikaausw anderer angegeben113); aus
den U nterlagen des Stadtarchives gehen für
diese Zeit jedoch nur die N am en von 177
A usw anderern nach A m erika hervor.
Ein Blick auf die amtliche Statistik der Jahre
1850 bis 1855 erw eckt den E indruck, daß vor
allem verm ögende Bürger in g roßer Zahl den
A m tsbezirk verlassen hätten. D er pro K opf
ausgeführte Betrag an V erm ögen w ar 1850
mit 1265,9 fl am höchsten, und im darauf
folgenden Ja h r mit 135 fl am niedrigsten;
D anach belief sich die Summe je A usw an­
derer auf 273,7 fl (1852), 138,2 fl (1853),
100
177,4 fl (1854), 385,9 fl (1855)12). In den
A usw anderungsakten der Stadt W iesloch
sind nur 10 A ngaben zu den V erm ögensver­
hältnissen und den Reisegeldern der Betrof­
fenen zu finden; neun A ngaben hierzu fallen
in die Zeit von 1850 bis 1855, w ovon eine
eine Abschiebung, vier die V erm ögensver­
hältnisse von W aisen und zwei die von m in­
derjährigen G eschw istern betreffen. Somit
bleiben lediglich fünf A ngaben übrig, die sta­
tistisch verw ertbar w ären: Für die vier K in­
der des Friedrich Bauer w ird an V erm ögen
jeweils 492 fl 46 x angegeben, das ein V o r­
m und verw altet; aus diesem Betrag w erden
jeweils 100 fl als Reisegeld zu r V erfügung
gestellt (1852). D aneben w erden nur noch
Reisegelder genannt: für Jakob Bauer 150 fl
(1851), für ein Kind des Johann Schwein­
furth 150 fl, desgleichen für R udolf Klare
(1852), und für die G eschw ister Joh an n und
M agdalena Bräunling 200 fl (1854). All diese
R eisegelder
w urden
vorm undschaftlich
durch das W aisengericht bewilligt. Sowohl
von der Zahl als auch vom Inhalt der A kten­
notizen kann für die große Z ahl der A us­
w anderer nicht festgestellt w erden, wie
w ohlhabend o d er bedürftig die A usw anderer
waren.
Z u r U nterstützung unbem ittelter A usw ande­
rer w urden in den Jahren 1852 und 1853 mit
1065 fl und 1041 fl hohe Beträge, 1854 mit
270 fl ein geringer Betrag aufgebracht. In
den Jahren 1850, 1851 und 1855 weist die
Statistik keine U nterstützungsgelder aus13).
D a die Staatsregierung bei der Erstellung der
Statistik K osten in H ö h e von 92 fl je Person
bei einer G ruppenausw anderung zugrunde
legte, ist davon auszugehen, daß an U n b e­
mittelten ausw anderten: 1852 und 1853 etwa
11 Personen, 1854 w ohl 3. Die in der Stati­
stik angeführten Summen geteilt durch den
erw ähnten Betrag von 92 fl ergeben unge­
rade Resultate, und es m uß in Betracht g ezo ­
gen w erden, daß entw eder andere, höhere
o d er kleinere Beträge zur Finanzierung der
Reisekosten ausbezahlt w urden, o der daß ein
Teil der G elder als Zuschüsse zu Reisekosten
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gew ährt w urden. Aus dem Ja h r 1852 ist ein
Beleg erhalten, aus dem hervorgeht, daß für
den aus der V erw ahranstalt Bruchsal nach
A m erika abgeschobenen Insassen H einrich
Rensch 81 fl Reisegeld verlangt w urden. D ie
A nstalt in Bruchsal stellte der G em einde
W iesloch 54 fl in Rechnung. Es ist bekannt,
daß 30 fl aus der Kasse der G em einde ge­
zahlt w urden und der Rest des Reisegeldes
von dieser vorgestreckt w urde und in Raten
von 9 fl vierteljährlich zurückbezahlt w erden
m ußte. Ein V erzeichnis der T ransportkosten
für die Ü berführung von G efangenen von
Bruchsal nach M annheim vom 4. Septem ber
1852 berechnet für die Aufsicht jeweils 1 fl
31 oder 1 fl 32, für die Fahrtkosten 2 fl 24,
und an „D iäten“ für die A ufseher 4 bzw. 5 fl.
H einrich Rensch w ird aus w eiter nicht be­
kannten G ründen in dieser Liste geführt,
aber nicht berechnet14). Ein anderer A usw an­
derer, der vielleicht ebenfalls abgeschobene
F ranz D örner, schlug mit 96 fl Reisekosten
und 10 fl H andgeld zu Buche15). A ndere
A usw andererunternehm en bieten die Beför­
derung zu Preisen an, die w eit un ter dem Be­
trag von 92 fl je Person liegen: so ein A us­
w anderungsunternehm en aus Eßlingen, E r­
w achsene zu dem Preis von 65 fl, K inder u n ­
ter 12 Jahren zu 50 fl zu befördern16).
N eben A m erika w ird in der erw ähnten am tli­
chen Statistik auch Algier genannt, wohin
dem zufolge 1854 fünfzehn P ersonen aus
dem A m tsbezirk W iesloch ausw anderten17).
In den A kten aus W iesloch ist kein H inw eis
auf das A usw anderungsland Algerien vo r­
handen. Sicher gibt es eine große Zahl von
A nträgen auf Entlassung aus dem Staatsver­
band, die kein Zielland nennen, und es kann
nicht ausgeschlossen w erden, daß einige der
A ntragsteller — sei es beabsichtigt oder ge­
gen ihren W illen — nach A lgier gelangten18).
Die für deutsche A usw anderer au ß ero rd en t­
lich ungünstigen Lebensbedingungen in
N ordafrika w aren aber bekannt, und es ist
unverständlich, weshalb sich dennoch A us­
w anderer aus Baden dorthin begeben haben
sollten. D ie Q uellenlage im Stadtarchiv
104
W iesloch gibt hierüber keinen Aufschluß,
was aber lediglich bedeutet, daß aus W ies­
loch selbst und den heute eingem eindeten
O rten Altwiesloch, Baiertal und S chatthau­
sen niem and nach Algier gelangte. D aß auch
nach anderen Ländern Badener, die keinen
Einfluß auf die W ahl ihres Zielortes ausüben
konnten, gelangten, m ag folgender V orfall
aus Q uebec in K anada zeigen: der Königlich
Britische G esandte Sir A lexander M alet er­
hob 1855 beim D eutschen Bundestag d ar­
über Beschwerde, daß im W inter 1854 422
arm e Personen aus Baden nach Q uebec be­
fö rd ert w orden seien19). D ie amtliche Stati­
stik Badens weist Q uebec nicht gesondert
aus; dieses Land ist unter der R ubrik „andere
überseeische L änder“ zu suchen. N ach die­
sen sum m arisch so bezeichneten Ländern
w anderten 1854 563 Personen aus; ob die
422 Badener d arunter zu zählen sind, und ob
d aru n ter sich A usw anderer aus dem A m tsbe­
zirk W iesloch befanden, kann nicht mit Si­
cherheit festgestellt w erden.
D am it ist bereits ein w eiterer w esentlicher
P u n k t d er A usw anderungsforschung ange­
sprochen — die Zuverlässigkeit des statisti­
schen M aterials20). D aran tragen zum einen
die unscharfen V erw endungen der Begriffe
in den A kten Schuld, die es erlauben, daß
sich bei A dam Lam ada aus W iesloch die Ein­
tragung findet: „ausgew andert nach H eid el­
berg“21). Auffällig sind die großen Abwei­
chungen der am tlichen Statistik gegenüber
den Befunden aus Q uellen des Stadtarchivs
W iesloch selbst. So sind laut Statistik 1850
47 Personen aus dem A m tsbezirk W iesloch
ausgew andert, die A kten der Stadt weisen
aber nur 2 Personen aus; die 47 „amtlich er­
faß ten “ A usw anderer gehörten alle 7 Fami­
lien an, die beiden A usw anderer aber sind le­
dige M änner, und in dieser Spalte findet sich
keine E intragung in der Statistik. Für die fol­
genden Jah re ergeben sich ähnliche Abwei­
chungen: 1851: 74 „am tl.“ gegenüber 57
nach den A kten d er S tadt; 1852: 166 zu 21;
1853: 115 zu 15; 1854: 221 zu 11; 1855: 32
zu 11. Z unächst bleibt festzuhalten, daß die
am tliche Statistik alle A ngaben aus dem
A m tsbezirk W iesloch mit seinen 14 G em ein­
den und 14 648 Einw ohnern (so im Jahr
1857) erfaßte22). Beläßt man den Z ahlenver­
gleich, so ergibt sich der Eindruck, daß aus
den um liegenden G em einden erheblich m ehr
P ersonen ausw anderten als aus W iesloch
selbst, mithin ein beachtliches Stadt-L andGefälle zu beobachten ist. D ie in der am tli­
chen Statistik aufgegliederte Z ugehörigkeit
der A usw anderer zu bestimm ten Berufsgrup­
pen zeigt, daß etwa 2/ 3 (477 Personen) in der
Landw irtschaft, V 5 (145 Personen) im H a n d ­
w erk tätig gewesen w aren, und nur 5% (33
Personen) anderen Berufen zugerechnet
w urden. Berücksichtigt man, daß sich die Be­
völkerungszahl im A m tsbezirk zwischen
1816 und 1857 nahezu verdoppelte, in W ies­
loch selbst um etwa ein D rittel anw uchs (von
1902 im Jah r 1812 auf 2956 im Jah r 1855)23),
so scheint verständlich, weshalb der w ach­
sende B evölkerungsdruck vorw iegend die
bäuerliche Bevölkerung traf. D ie unter­
schiedlichsten, sich in ihrer W irkung einan­
der verschärfenden Bedingungen sind hier zu
nennen: die A grarkrise der Jahre 1846 bis
1855, die R ealteilung des G rundbesitzes, die
geringen E rträge der (noch) ausgeübten
D reifelderw irtschaft, und schließlich der all­
gem eine Bevölkerungsanstieg, der auf dem
Lande nicht dadurch aufgefangen w erden
konnte, daß m ehr A rbeitsplätze in der H eim ­
arbeit zu r V erfügung gestellt w urden. Für
die Bevölkerung der Stadt W iesloch, dem
M ittelpunkt des A m tsbezirks und Sitz m eh­
rerer V erw altungsbehörden, m ochte sich
auch in der Zeit der Krise das Leben erträgli­
cher gestaltet haben als auf dem Lande, w ar
doch die A bhängigkeit vom E rtrag der L and­
w irtschaft nicht gar so unm ittelbar wie bei
der Landbevölkerung.
Die Bedeutung, die die Stadtväter dem A m ts­
sitz W iesloch beim aßen, geht aus einer Bitt­
schrift hervor, welche der G em einderat und
Bürgerausschuß im Septem ber 1850 der
G roßherzoglichen Regierung unterbreitete.
D er A nlaß hierzu w ar die A btretung der
O rte Eschelbach, Eichtersheim und M ichel­
feld an den A m tsbezirk Sinsheim, ohne daß
ein Ausgleich durch die Zuw eisung anderer
O rtschaften erfolgt wäre. Beklagt w urde
auch die V erlegung der O ber-E innehm erei
nach Schw etzingen und der Bezirksförsterei
nach H eidelberg. Als besonders nachteilig
w urde die Einrichtung der Bahnlinie H eidel­
b erg —Bruchsal eine halbe W egstunde vom
O rt entfernt em pfunden, denn dam it w ar die
R ückstufung der Straße durch W iesloch ver­
bunden24). W enngleich man unterstellen
darf, daß, um den Zw eck des Schreibens zu
erreichen, die Situation der Stadt W iesloch
schärfer dargestellt w urde als sie vielleicht
w ar, so spricht doch die in das folgende Ja h r
zu datierende A usw andererliste eine beredte
Sprache: insgesam t w anderten 89 Personen
aus der Stadt W iesloch aus25).
Eine solche unverm ittelte A usw anderungs­
welle hatte A usw irkungen auf die Sozial­
stru k tu r der Stadt. D abei ist nicht n u r von
Interesse, wieviele H aushaltsvorstände mit
ihren Fam ilienangehörigen und wieviele U n ­
verheiratete die Stadt verließen, o der w el­
chen Berufsgruppen sie angehörten. Für die
G roßherzogliche R egierung w aren diese In ­
form ationen ausreichend, da bei ihr die
Frage der finanziellen U nterstützung der
mittellos zurückbleibenden im V ordergrund
stand26).
Rückblickend aus heutiger Sicht ist zu u n ter­
suchen, w elcher Z usam m enhang zwischen
Beruf und A usw anderung bestand: W aren
diese Berufe von der beginnenden Industria­
lisierung bedroht? H errschte in diesen und in
anderen Berufen ein heftiger K o n k u rren z­
kam pf? W u rd e der K o n kurrenzdruck durch
unerlaubten W ettbew erb, z. B. durch allein­
stehende Frauen, verursacht? Brachte der er­
w ähnte Bau der Eisenbahn bei W iesloch—
W alldo rf neue Berufe mit sich o der ver­
schw anden dadurch Berufe?
A uf der bereits genannten, w ohl in das Jah r
1851 zu datierenden Liste d er A usw anderer
w erden folgende Berufe aufgeführt: T ag e­
105
löhner (6), Schuhm acher (6), M aurer (4),
Bäcker (2), M etzger (1), Schneider (1), M ül­
ler (1), K am m acher (1) und eine große A n­
zahl von H aushaltsvorständen und U nver­
heirateten, die keinen Beruf angeben; für
letztere m öchte man annehm en, daß sie in
d er L andw irtschaft als selbständige Klein­
bauern tätig w aren. Es ist bem erkensw ert,
daß sich die E intragung „L andw irt“ nur in
den B ürgerbüchern findet, und do rt nur bis
in die 40er Jahre. Insgesam t w erden in die­
sem Z eitraum 9 Landw irte aus W iesloch ge­
nannt, die zwischen 1808 und 1850 ausw anderten. An w eiteren Berufen w erden auf­
geführt: Bäcker (4), Färber (1), K am m acher
(2), K aufm ann (1), K onditor (1), K üfer und
Bierbrauer (1), K ürschner (1), M aurer (4),
M etzger (1), M üller (1), O berw undarzt (1),
R atsdiener (2), Rübler (1), Schlosser (1),
Schneider (1), Schuhm acher (7), T aglöhner
(12), T üncher (1), U nterlehrer (1), W agner
(1), W eber (1), Z im m erm ann (1). Im V er­
gleich zu den 216 E intragungen z u r A usw an­
derung aus der Stadt W iesloch in der Zeit
von 1808 bis 1875 sind die 55 Berufsangaben
eine kleine Zahl. Selbst w enn m an in R ech­
nung stellt, daß un ter den verbleibenden 161
Personen sich noch zahlreiche Fam ilienange­
hörige und alleinstehende Frauen befinden,
deren M ithilfe in den H andw erksbetrieben
und in der L andw irtschaft unverzichtbar
w ar27), und für die ohnehin keine Berufsan­
gaben zu erw arten sind. D ie ortsansässigen
G ew erbetreibenden hatten sich aber nicht
nur mit der technologischen Entw icklung
auseinanderzusetzen, sondern sie m ußten
sich auch unerlaubter K onkurrenz erw ehren:
der 1857 ausgew anderte O berw und- und
H eb a rz t Jacob Filsinger klagte 1849 gegen
W ilhelm Fechter und Jakob U hrig w egen un­
erlaubten Rasierens28). V ergleicht man aber
die N eigung der A usw anderer aus dem
A m tsbezirk W iesloch, des W einanbaues w e­
gen nach A ustralien zu ziehen29) oder als In­
dustriearbeiter sich nach M annheim zu bege­
ben30), mit den W anderungsbew egungen aus
den um liegenden Bezirken, so zeigt sich
106
W iesloch als eine Stadt von w irtschaftlicher
und sozialer Stabilität.
D ie A usw anderung erfolgte in einer geringen
Z ahl von Fällen auch unter staatlichem
D ruck. D ie A uflösung g an zer Siedlungen
wie R inek bei M osbach und Ferdinandsdorf
bei Eberbach blieben ebenso vorübergehende
M aßnahm en wie die versuchte Abschiebung
von 18 000 B adenern31). D er G edanke, der
hinter diesen A ktionen stand, blieb aber of­
fensichtlich w eiter beherrschend: nämlich die
A bschiebung sozial unerw ünschter M itbür­
ger. D ie aus d er K enntnis der badischen G e­
schichte naheliegende V orstellung, daß dies
im großem U m fang die R evolutionäre von
1848/49 getroffen habe, erw eist sich bei n ä­
herer Betrachtung jedoch nicht als haltbar32).
Es w aren letztlich die straffällig gew ordenen,
die, w ohl einer langen Praxis der R echts­
pflege entsprechend, nach N ordam erika ab­
geschoben w urden. Allerdings w ar die grup­
penweise A bschiebung von H äftlingen und
entlassenen Sträflingen seit 1847 aus Bre­
men, seit 1850 aus H am burg nicht m ehr
möglich nachdem die dortigen V ertreter der
USA w iederholt d arau f gedrängt hatten,
diese Praxis in den H äfen zu unterbinden33).
W ie das Beispiel des bereits erw ähnten H ein ­
rich Rensch und anderer zeigt, w urde das
V erfahren in Einzelfällen dennoch w eiterhin
praktiziert m it der Einschränkung, daß die
zukünftigen A usw anderer um ihre Z ustim ­
m ung gebeten w urden: D er Brem er K auf­
m ann J. Stüber, der die F ahrt für Rensch o r­
ganisierte, sollte für seine Bem ühungen 10 fl
erhalten, falls sich Rensch anders entschei­
den sollte34). U n terstü tzt w urde die A usw an­
derung, des mittellos Reisenden, wie bereits
dargestellt, durch ein rückzahlbares D arle­
hen der Staatskasse in H ö h e von 30 fl.
A uf diese W eise gelangten zwischen 1850
und 1855 noch w eitere ehemalige Strafgefan­
gene nach A m erika: Im Sommer 1854 Elisa­
beth H offm ann aus Baiertal, deren Reise mit
50 fl von d er Gem einde u n terstü tzt w urde;
Franz A nton H affn er befand sich im O k to ­
ber 1854 „in K iggenheim “ ; H einrich D örner
aus W iesloch w urde 1850 nach A m erika en t­
lassen; fü r Phil. K leinm ann (um 1850), Franz
D ö rn er (1854) lassen sich ähnliche Z usam ­
m enhänge nur verm uten35). D ie polizeiliche
V erw ahranstalt Pforzheim — sie befand sich
von 1840 bis 1857 in Kißlau — w ar von dem
A rbeitshaus Pforzheim getrennt, und zw ar
mit Rücksicht darauf, daß die Strafen des
Arbeitshauses die schwersten bürgerlichen
Strafen w aren. D en A ntrag auf polizeiliche
V erw ahrung konnten jedoch die G em einde­
räte stellen, und die K reisregierung m ußte
die U nterbringung in der V erw ahranstalt an­
o rdnen36). U nd dem nach w aren die d o rt ein­
sitzenden Personen keiner schweren S trafta­
ten schuldig. H ierzu p aßt gut ins Bild, daß
auch aus den H am burger Senatsprotokollen
des Jahres 1841, die M oltm ann erschloß, der
„Typ des H äftlings“ erkennbar w ird, der
nach A m erika abgeschoben w erden sollte:
„keine Schw erverbrecher, sondern Diebe,
Brandstifter, Betrüger, V agabunden, ,Lieder­
liche“ Leute, W iederholungstäter . . . “37).
Eine zusam m enfassende D arstellung der
A usw anderung aus dem A m tsbezirk W ies­
loch in der Z eit des G roßherzogtum s Baden
sollte zunächst von der A usw anderungspoli­
tik Badens im 19. Jah rh u n d ert ausgehen. Die
daran anschließende A usw ertung der Q uel­
len h at zunächst zu unterscheiden, in w el­
chen Fällen es sich um W egzug, in welchen
es sich tatsächlich um A usw anderung han­
delt. H ierbei ist die Z ugehörigkeit der betref­
fenden Personen zu bestim m ten sozialen
Schichten zu erfassen und sind die entspre­
chenden statistischen Angaben der Jahre
1850 bis 1855 zu überprüfen. W eitere A uf­
schlüsse über die soziale Z ugehörigkeit k ön­
nen außer durch die Berufsbezeichnungen
durch die A ngaben zum Reisegeld und zum
V erm ögen, und durch E intragungen unter
den Begriffen „P fandgericht“ und „W aisen­
gericht“ verlangt w erden. D esgleichen sollte
auch das N am enw esen mit einbezogen w er­
den, können doch hierüber Zugereiste und
Juden nam haft gem acht w erden, die einen
m inderen Rechtsstatus besaßen. In der Z u­
sam m enschau all dieser G egebenheiten w er­
den die w eitreichenden V eränderungen d eu t­
licher w erden, die die M assenausw anderung
zum einen veranlaßten, zum anderen die
Folge davon w aren. D enn nach der großen
A usw anderungsw elle der 1850er Jahre ver­
ebbte die W anderungsbew egung aus dem
A m tsbezirk W iesloch.
Literatur
*) E rnst K oppen, V om R hein zum D elaw are. Krefelder gründeten 1683 G erm antow n, hrsgg. vom
O berstad td irek to r der Stadt Krefeld und dem V e r­
kehrsverein K refeld, Krefeld 1893
2) USA und B aden-W ürttem berg in ihren ge­
schichtlichen Beziehungen, hrsgg. v. der L andesar­
chivdirektion B aden-W ürttem berg in V erbindung
m it dem W ürttem bergischen G eschichts- und Al­
tertum sverein e.V. S tuttgart, Stuttgart 1976; G ü n ­
ter M oltm ann, 200 Jahre USA. Eine Bilanz
deutsch-am erikanischer B eziehungen, in: G W U 7
(1976), S. 393 ff.
3) D ie Fülle der in den USA angebotenen V e ran ­
staltungen aus A nlaß der 300-Jahre-Feier ist dem
V eranstaltungskalender zu entnehm en, der von
der T ricentennial Com m ission des U nited States
Inform ation Service herausgegeben w urde. Für die
B undesrepublik D eutschland ist die S ondernum ­
m er der „G azette. Zeitschrift des V erbandes der
D eutsch-A m erikanischen Clubs e.V.: 300 Jahre
D eutsche in A m erika 1683 — 1983, Sonderausgabe
1983, S. 6“, heranzuziehen.
4) G ünter M oltm ann (H rsg.), D eutsche A usw an­
derung im 19. Jahrhundert. Sozialgeschichtliche
Beiträge ( = A m erikastudien/A m erican Studies
Bd. 44), Stgt. 1976. Für 1983 sei verwiesen auf:
Z eitschrift für K ulturaustausch 4/1982
5) H istorie E m igration O ffice, M useum für H am burgische G eschichte, H olstenw all 24, 2000 H a m ­
burg 36
6) H ierzu R enate V ohw inkel, U rsachen der A us­
w anderung gezeigt an badischen Beispielen aus
dem 18. und 19. Jah rh u n d ert, ( = Beiheft 37 zur
V ierteljahreszeitschrift für W irtschafts- und So­
zialgeschichte) S tuttgart, Berlin 1939, S. 6
7) Beiträge z u r Statistik der inneren V erw altung
des G roßherzogtum s Baden, hrsgg. von dem M ini­
sterium des Innern, H e ft 5, K arlsruhe 1857; dieser
Band enthält die Z ahlen der A usw anderungsstati­
stik, die gesam te Reihe um faßt 63 Bände; ergän­
zend sind heranzuziehen: Jahrbücher für Statistik
107
und L andeskunde von B aden-W ürttem berg, E rster
Jahrgang, 2. H eft, hrsgg. vom Statistischen Lan­
desam t B aden-W ürttem berg, S tuttgart 1954
8) E ugen von Philippovich, A usw anderung und
A usw anderungspolitik in D eutschland. Berichte
über die Entw icklung und den gegenw ärtigen Z u ­
stand des A usw anderungsw esens in den E inzel­
staaten und im Reich, Leipzig 1892; darin: A us­
w anderung und A usw anderungspolitik im G ro ß ­
herzogtum Baden, S. 98 — 165; dgl., D ie staatlich
unterstützte A usw anderung im G roßherzogtum
Baden, in: Archiv für soziale G esetzgebung und
Statistik, Bd. 5, Berlin 1892, S. 27 — 69
9) K arl Stiefel, Baden 1648 — 1952, 2 Bde., K arls­
ruhe 1977
’°) H erm ann Baier, Schwierigkeiten der A usw an­
dererforschung, in: M ein H eim atland 24 (1937),
S. 24 ff.; beispielhaft w äre zu erw ähnen: Brühl
w urde übertragen als Brüll o der Büll, G aiberg als
Kreiberg, W aldhilsbach als W adhetschbach, Dielheim als Tihelheim , H ockenheim als H auenheim
n ) Z u Franz D ö rner: Stadtgem einde W iesloch,
Bürger-B uch Bd. 1, E rgänzungsband N r. 294; A
5094 vom 11. Februar 1854; zu H einrich D örner:
R aths-P rotokolle der Stadt W iesloch 1849/58
vom 26. Aug. 1850; H einrich R ensch: A 5094 vom
29. Sept. 1851, 26. Jan. 1852, R aths-P rotokolle
vom 20. Aug. 1851; Phil. K leinm ann: R a th s-P ro ­
tokolle vom 13. und 20. Aug. 1851.
lla) Staatliche A rchiw erw altung B aden-W ürttem ­
berg (H rsg.), D ie Stadt- und L andkreise H eidel­
berg und M annheim . Am tliche K reisbeschreibung,
Bd. 2, Die Stadt H eidelberg und die G em einden
des Landkreises H eidelberg, S tu ttg art 1968, S.
1021
12) Statistik der Inneren V erw altung, S. 33
13) loc. cit.
H) Zu den A ngaben der Statistik vgl. Beiträge zur
Statistik, S. V III, S. 33; zu H einrich Rensch: A
5094 vom 19. Sept. 1851 u. 26. Jan. 1852, R athsProtokoll vom 13. A ugust 1851
15) A 5094 vom 11. Febr. 1854
16) A 5094 ohne D atum
17) Beiträge z u r Statistik, S. 33
18) C hristine H ansen, Die deutsche A usw anderung
im 19. Jah rh u n d ert — ein M ittel z u r Lösung sozia­
ler und sozialpolitischer Problem e?, in: M olt­
m ann, A m erikastudien, S. 43: die Abschiebung
von U nbem ittelten A usw anderern nach Algier w ar
fü r die G em einden billiger als die nach A m erika;
s. a. H ans Fenske, D ie deutsche A usw anderung in
d e r M itte des 19. Jahrhunderts — öffentliche M ei­
nung und am tliche Politik, in: G W U 24 (1973), S.
229: er schildert, wie 1846 etw a 1000 Personen
von Le H avre aus auf K osten der französischen
Regierung nach A lgier abgeschoben w erden. H e rm an Baier, D ie B adener in Le H avre im Jahre
108
1848, in: Z G O 90 (1937/38), S. 281 ff. (der aus
unserem R aum H olbeck aus M alsch nennt)
19) H ansen, op. cit., S. 59, Anm. 135
20) H ierzu V ohw inkel, op. cit., S. 4 ff.; H ansm artin
Schw arzm aier, A usw andererbriefe aus N o rd a m e ­
rika, in: Z G O 126 (1978), S. 311 Anm. 32; aus­
führlicher W . K öllm ann (H rsg.), Q uellen z u r Bevölkerungs-, Sozial- und W irtschaftsstatistik
D eutschlands 1815 — 1875, Bd. 1: Q uellen z u r Be­
völkerungsstatistik D eutschlands 1815 — 1875, bearb. v. H . K raus, B oppard 1980, S. 4, 19, 39 ff.
21) B ürgerbuch W iesloch, N r. 293
22) Paul Rieck, W iesloch in G roßherzogtum Baden
1806— 1918, in: 1000 Jahre M arktrecht, S. 90 f.
23) M ax D annheim er und Karl W agner, W ieslochs
W irtschaftsleben, in: 1000 Jahre M arktrecht,
S. 162
24) GLA 190 N r. 30 vom 23. Septem ber 1850
25) Stadtarchiv A 5094 ohne D atum (s. Abbildung);
die Statistik w eist für 1851 74, für 1852 166 A us­
w anderer aus; die vom V erfasser vorgenom m ene
D atierung erfolgte nach der H eftu n g in den A kten
26) Vgl. hierzu die unter Anm. 14, 15 und 23 ange­
gebene L iteratur, bes. Philippovich, A usw ande­
rung, S. 109 ff.
27) Vgl. U te G erhard, V erhältnisse und V erhinde­
rungen. Frauenarbeit, Familie und R echt der
Frauen im 19. Jahrhundert. Frankfurt 1978, S. 16
ff., bes. S. 30
2S) Stadtarchiv W iesloch A 1720 O berw und- und
H e b arz t Filsinger gegen W ilh. Fechter und Jakob
U hrig w egen unerlaubten R asierens; s. a. Be­
schw erde des B erthold Schm itt (W iesloch) gegen
Franziska R eiß (Richen) w egen unerlaubter G e­
w erbeführung (Putzm acher): ibid: A 1722 aus
dem Ja h r 1855
29) H erm ann Baier, A usw anderung nach A ustra­
lien, in: M ein H eim atland 24 (1937), S. 49 ff., dort
S. 53: aus D iehlheim : K arl G ockel (1854), aus
Baiertal: K aroline Staatsm ann (1854), aus W ies­
loch: Jakob Alsweiler (1860)
30) H ie rzu W olfgang von H ippel, Binnenw ande­
rung und V erständigung. Z ur H e rk u n ft der Bevöl­
kerung von Ludwigshafen und M annheim im Z ei­
chen der Industriealisierung, in: R hein-N eckarR aum an d e r Schwelle des Industrie-Z eitalters,
hrsgg. vom Institut fü r L andeskunde und R egio­
nalforschung der U niversität M annheim , M a n n ­
heim 1984, S. 34
31) Z u R inek: v. Philippovich, staatlich unterstützte
A usw anderung, S. 43 ff.; Franz Kistler, D ie w irt­
schaftlichen und sozialen V erhältnisse in Baden
1849— 1870, mschr. Diss. H eidelberg 1952, S. 188
ff.; bzgl. d e r Zuw eisung von B ürgern von Rinek
nach H ockenheim s. E rnst Brauch, H ockenheim .
Stadt im Auf- und U m bruch, Schw etzingen 1965,
S. 184; z u r geplanten Abschiebung von 18 000 Ba­
d enern v. Philippovich, op. cit., S. 27
32) H u g o O tt, Die w irtschaftliche und soziale E nt­
w icklung von der M itte des 19. Jahrhunderts bis
zum Ende des E rsten W eltkrieges, in: Badische
G eschichte, Stuttgart 1979, S. 110: In den Jahren
zwischen 1848 und 1853 standen in Baden nur 198
politische Flüchtlinge auf den Fahndungslisten der
Polizei. Anders Fenske, op. cit., S. 235; aus W ies­
loch GLA Abt. 1 9 0 /3 7 6 -3 7 7 : 1849. U ntersu­
chungen gegen den M aler Ludwig Braun und den
praktischen A rzt E duard B ronner w egen T eil­
nahm e an hochverräterischem A ufstande — Be­
zirksam t W iesloch; hierher g ehört w ohl auch aus
den A kten Baiertal die E intragung vom 21. O k to ­
ber 1850: „ . . . der flüchtige (H einrich) W iesw ass e r. . .“
33) G ü n ter M oltm ann, D ie T ran sp o rtatio n von
Sträflingen im R ahm en der deutschen A m eri­
kaausw anderung des 19. Jahrhunderts, in: A m eri­
kastudien, Bd. 44, S. 147 ff., 178 f.
M) A 5094 vom 21. Sept. 1851, s. o. Anm. 11
35) s. o. Anm. 11 zu Franz D örner: interessant auch
die folgende N o tiz in den R aths-P rotokollen der
Stadt W iesloch 1849/58 S. 80, vom 26. A ugust
1850: „hinlänglich G arantie dafür geleistet w ird,
daß D ö rn e r wirklich nach A m erika kom m t, und
nicht wie frü h er schon unterw egs ausgesetzt
w ird.“ ; s .a . Anm . 11 zu H einrich D örner, Phil.
K leinm ann; zu Elisabeth H offm ann A kten Baiertal
vom 28. Jul. 54 und 28. Aug. 54: z u r Z eit in der
polizeilichen V erw ahranstalt
M) Stiefel, op. cit., S. 953
37)M oltm ann, T ransportation, S. 177
Mundart: Eugen Pfaff
Schloßgaartebeleischdung
Dausende vu n n Aare
scbdarre an-dä Himml,
wann-s Feierwerk
Fandasiefigure
in alle Faarwe in die Nacht
zaubert.
Es sin blouß ä paar,
die in aller Herrgotts/rieh
die Blumme bewunnere,
die Vogelschdimme
un die Atmosphär
vum ganze Gaarte.
A Allerweltsblumm
isch dausendmol schääner,
w ie-ä ganzes
Feierwerk.
Da Mensch
schdaunt aw w er blouß
iw w er dess,
was Menschehand
gemacht hot.
A Blumm blieht schdill
va sich hie.
Was sich schdill gitt
isch fa-die Mensche
halt selbverschdändlich.
Do sin kaa Iwwerrschunge
mää drin.
M a waaß,
s isch sou.
Warum soll-ma aa
iw w er die Nadur
schdaune ?
Eugen P fa ff
109
Eugen P fa ff
geb. 1923 in Plankstadt, maßgeblicher Gestalter des
Heimatbuches Plankstadt, viele Beiträge in der
Presse sowie in den Bänden M U D D E R S P R O O C H
/-///.
s A ld ersb eim
Owends fä llt u ff dei
zwaahunnertsechsädreißisch Balkone
aus-dä Schdubbe raus
Licht in viele Faarwe.
M a waaß nät,
w ie Ihr m it dämm
allem fertisch woore seid.
M a kann-s blouß aahne.
M a käänt-s faschd
m it Eierm Lewe vergleiche,
Ihr alte Leit,
die Ihr in dem grouße Haus
wohnt.
Fertisch f
Manches isch bschdimmt
heit noch nät fertisch.
Un ä paar vunn Eich
sin sicher sou ällaa,
wie die Lischtschdraahle,
die valore
in-da Nacht hänke,
zwische dä W olke
un-im Bodde.
Viel Schicksaale gitt-s
in dänne Mauere,
gute,
beese
un mittlarä.
110
Liselotte von der Pfalz
„Nichts ist natürlicher ah oft an sein Vaterland zu gedenken, wo man seine Jugend
und beste Z eit seines Lebens passiert; Heidelberg, M annheim und Schwetzingen
werde ich w ohl mein Leben nicht vergessen. Schwetzingen ist ein angenehmer Ort,
den ich als geliebt, wie auch Friedrichsburg, so nicht mehr ist, aber doch noch M ann­
heim. A n die Zeiten zu gedenken macht m ir das H erz schwer. Ich erinnere mich
Schwetzingen, als w enn ich’s vor Augen sehe. . . . Es ist m ir leid, daß man Schw etzin­
gen so geändert hat, denn ich habe als gern, daß die Örter bleiben, wie ich sie gesehen
habe. Ist der Eßsaal noch zu Schwetzingen, der einen Erker hat, so a u f den V orhof
und die M ühl sieht ? . . . A ber w ie nun alles dort geändert ist, würde ich sie w ohl selber
nicht mehr kennen. Keinen Turm w eiß ich zu Schwetzingen, als die zw ei Schwindel­
stiegen oder Schnecken, welches ganz oben ein Kabinett, so eine schöne Aussicht hat
und wo man das Schloß zu Heidelberg perfekt sieht.
(aus: Sillib, R .: Schloß und Garten in Schwetzingen, Heidelberg 1907, S. 63)
Schloßplatz m it Schloß 1833, Lithographie von A. Gattem icht
125
Wiesloch (Stadt) im Schatten der Eisenbahn
Ein B eitrag z u r badischen B ahngeschichte am Beispiel W ieslochs
Volker Kronemayer, Brühl
D ie ersten Jahrzehnte
D ie G roßherzogliche Badische Staatsregie­
rung ließ sich lange Jahre drängen, bevor sie
am 29. M ärz 1838 einem Eisenbahngesetz
zustim m te. D ie Planung sah zunächst vor,
die Strecke von Schw etzingen aus in m ög­
lichst gerader Linie nach K arlsruhe zu füh­
ren und von d o rt in gleicher W eise über Frei­
burg nach Basel fortzufahren. Schließlich
w urde der Plan abgeändert und die neue
Bahnlinie entlang der alten Straße von H ei­
delberg aus über Bruchsal nach K arlsruhe
geführt, w obei W iesloch etw a 1/ 2 W egstunde
von der doppelspurigen Bahnlinie entfernt
liegen blieb. In der Folge ging die W irt­
schaftskraft der Stadt W iesloch beständig z u ­
rück und im Jahre 1850 führte die Stadt
w ortreich K lage:
„W elche N achteile die E rrichtung der Eisen­
bahn für einzelne Städte und G em einden des
Landes hatte, braucht w ohl keine w eitere E r­
w ähnung, allein mit W ahrheit dürfen w ir be­
haupten, daß w ohl keine G em einde so hart
od er härter betroffen wurde.
D er V erkehr von Frem den, da die Paßstraße
sozusagen ganz verschw unden ist, h ö rt auf,
die Eisenbahn führt solche eine halbe Stunde
außerhalb der Stadt vorbei, und es ist be­
stim m t die reine W ahrheit, w enn w ir behaup­
ten, daß der ganze Frem denverkehr auf P er­
sonen der A m tsorte beschränkt ist. H andel
und G ew erbe liegen dahier ganz darnieder
und der frühere W ohlstand unseres S tädt­
chens ist so gesunken, daß nur der sich einen
Begriff davon zu m achen im Stande ist, der
die V erhältnisse von früher kannte.“1) Eine
absichtliche Benachteiligung der Stadt W ies­
loch w ird man hieraus aber nicht entnehm en
126
dürfen, denn der Kom m issionsbericht H offm ann über den Artikel 1 des H auptgesetz­
entw urfs nim m t zu der Linienführung der
Bahn Stellung und stellt ausdrücklich fest:
„W enn äußerst möglich, sollen die O rte Sekkenheim o d er Schw etzingen, dann vor allem
Bruchsal, W iesloch, Langenbrücken und
D urlach . . . von der Bahn berührt w erden.“la)
D er A nlaß zu dieser K lage ist in den w irt­
schaftlichen Folgen der A grarkrise und den
politischen der Revolution von 1848/49 zu
suchen. U n d nicht zu letzt w arf w ohl auch
bereits die A useinandersetzung zwischen
W iesloch und H eidelberg um den A usgangs­
p unkt der sogenannten O denw aldbahn nach
W ürzburg ihre Schatten voraus.
D ie Jahre zwischen 1847 und 1855 aber w a­
ren von der Sorge der M enschen um ihre
tägliche Existenz geprägt. Die Schuld an die­
ser E ntw icklung trug die „K artoffelkrank­
heit“, die in beiden folgenden Jahren die ein­
gelagerten K artoffeln in den Kellern verfau­
len ließ. „W ir sind ganz arm e, ja ganz arme
Fam ilienväter und sind nicht m ehr im
Stande, unseren K indern, welche noch u n ­
m ündig sind, die höchst nötige Lebensnah­
rung zu verschaffen und welchen zu jetziger
Z eit nichts anders als zu hungern bevorsteht;
denn die V erdienste sind in unserer G egend
sehr w enig, stehlen dürfen w ir nicht, betteln
sollen w ir nicht, H ilfe aus der G em einde­
kasse ist g ar keine, indem diese ganz arm ist.
W ir können keinen anderen W eg finden, als
in unserem unübersehbaren Elende uns an
den Landesvater zu w enden.“ Dies schrieben
am 24. F ebruar 1846 die Bürger von M ai­
schenberg an die R egierung in K arlsruhe2).
In den folgenden Jahren w ar die V erw altung
der Stadt W iesloch vorw iegend dam it be­
schäftigt, m it den Folgen der wirtschaftlichen
und politischen Ereignisse der 40er Jahre fer­
tigzuw erden. So w ar man zum einen daran
interessiert, einen Ausgleich für die O rte
Eschelbach, Eichtersheim und M ichelfeld zu
erhalten. D aß m an diese O rte 1850 an das
A m t Sinsheim hatte abgeben müssen3) w ar
möglicherweise eine R eaktion der Regierung
auf die Beteiligung der Stadt W iesloch an
den revolutionären Ereignissen der Jahre
1848/49. A ußerdem hatten die bereits e r­
w ähnten H ungersnöte W iesloch 1847 in eine
finanziell aussichtslose Lage getrieben. In ei­
nem Schreiben vom 11. D ezem ber 1846
stellte die Stadt W iesloch noch in Aussicht,
ihre Schulden gegenüber der E isenbahnbau­
verw altung in H ö h e von 4 108 fl 2 kr durch
den V erkauf von O bligationen um gehend zu
begleichen. Die Eisenbahnbauverw altung
m ahnte den Betrag dennoch w iederholt ein
(21. D ezem ber 1846 und 8. Februar 1847),
bis W iesloch schließlich am 10. M ai 1847 er­
klären m ußte: „W ir haben unsere M ittel zur
Steuerung der N o t verw enden müssen, und
es w äre kein anderes M ittel übrig, wenn
auch je tzt auf die A usbezahlung unserer
Schuldigkeit gedrungen w erde, als zu einer
K apitalaufnahm e zu schreiten . . . D ieser
Schuldposten w urde zw ar in dem 1846 V o r­
anschlag berücksichtigt, allein es sind bei der
unerw artet großen N o th alle M ittel ihrem
bestim m ten Zw eck entzogen w orden.“ M it
Schreiben von 24. M ärz 1849 w urde die
Stadt aufgefordert, den fälligen K aufpreis in­
nerhalb von 14 T agen zu entrichten, andern­
falls w äre man gezw ungen, zu r Zw angsvoll­
streckung zu schreiten4). D ie Stadt W iesloch
stand vor dem Ruin.
U m den H u n g er zu bekäm pfen und den Be­
darf an K artoffeln im O denw ald zu decken,
schickte die G roßherzogliche Regierung
etwa 18 000 Sester (1 Sester = 14 Liter)
Setzkartoffel in den O denw ald5), und es
zeigte sich, daß gerade hier das leistungsfä­
hige T ransportm ittel Eisenbahn unverzicht­
bar war. V on der N otlage w urden besonders
h a rt die G em einden betroffen, die keinen ei­
genen W ald besaßen und deren Bürger daher
auch keinem N ebenerw erb wie dem Sam­
meln von B rennholz nachgehen konnten.
Schließlich sah die G roßherzogliche Badi­
sche Staatsregierung keinen anderen A us­
w eg, als einige d er ärm sten Ansiedlungen
aufzulösen. Im O denw ald trafen diese M aß ­
nahm en die K olonien F erdinandsdorf bei
E berbach und R ineck bei M osbach, deren
Bew ohner zum Teil mit staatlicher U n ter­
stützung nach A m erika ausw anderten, zum
Teil in anderen G em einden Badens, so z.B.
in H ockenheim , angesiedelt w urden6).
U m die A usw anderung m ittelloser — wie
auch unliebsam er — Bürger zu beschleuni­
gen, bediente sich der S taat gerne der Eisen­
bahn. M it der B eförderung der A usw anderer
zu den H äfen, besonders nach Bremen, w u r­
den A genturen beauftragt, die die Reisenden
m it allem N ötigen versahen und von M an n ­
heim aus über K öln nach Brem en schickten.
D abei ging es nicht immer ganz redlich zu,
wie eine Bem erkung in den Ratsakten der
Stadt W iesloch vom 26. A ugust 1850 zeigt:
„. . . daß . . . hinlänglich G arantie d afür gelei­
stet w ird, daß (H einrich, d. V.) D ö rn er w irk­
lich nach A m erika kom m t, und nicht wie frü­
her schon unterw egs ausgesetzt w ird.“7)
In A nbetracht der w irtschaftlichen N otlage
sahen die G em einden des O denw alds in dem
neuen V erkehrsm ittel Eisenbahn ihre G ele­
genheit, die drohende K atastrophe abzuw en­
den und ihrem G ebiet die M öglichkeit zu
verschaffen, einen bisher ungeahnten w irt­
schaftlichen A ufschwung zu nehm en. In ei­
nem Schreiben vom 8. Juni 1853 unterbreite­
ten die Bürgerm eister der O denw aldgem ein­
den, d aru n ter auch W iesloch und Sinsheim,
dem G roßherzoglichen M inisterium des In ­
neren ihre V orstellungen: „Ein M ißjahr w ird
das Elend und den Jam m er jedesm al in ei­
nem größeren M aßstabe w ieder hervorrufen,
und es kann nicht fehlen, daß der Staat von
Z eit zu Zeit große Summen zu r U n terstü t­
zung der M assen von A rm en im O denw ald
w ird aufw enden m üßen . . . M an w ird fra­
127
L o k 14
Waldangelloch,
10. 9. 1966
(F o to : H e lm u th R o th , H eid elb erg -K )
gen, wie ist das Ü bel von G rund auf zu hei­
len, und w ir können nur antw orten: der
O denw älder braucht neben einer beßern E r­
ziehung, A ufm unterung zum Fleiß, z u r O rd ­
nung und zu r Reinlichkeit, er braucht Arbeit
und V erdienst, er braucht V erkehrs- und Ab­
satz-W ege.“8) D ah er sollte eine Eisenbahn
die badische Rheintalbahn mit der königlich
bayrischen Eisenbahn bei W ürzburg verbin­
den.
D ie A useinandersetzungen darüber, w o die
Linie nach W ürzburg an die Rheintalbahn
angebunden w erden sollte, fand am 15. N o ­
vem ber 1856 ihren vorläufigen A bschluß:
H eidelberg und W iesloch standen zu r A us­
w ahl. D ie endgültige E ntscheidung fiel w e­
nig später für H eidelberg, das entsprechende
Baugesetz w urde am 7. Septem ber 1858 ver­
abschiedet. 1862 w urde die Bahnlinie H ei­
delberg, M eckesheim , M osbach dem V er­
k ehr übergeben, der vier Jahre später, 1866,
die Strecke von M osbach durch den O d en ­
w ald über O sterburken und Lauda nach
W ürzburg folgte. Im Jahre 1853 w ar die
Strecke Bruchsal, Bretten, M ühlacker nach
Bietigheim eingew eiht w orden, w om it die
V erbindung zum K önigreich W ürttem berg
hergestellt war. W iesloch w ar zwischen den
128
Eisenbahnlinien H eidelberg-M osbach und
B ruchsal-M ühlacker als B ahnknotenpunkt
ins abseits geraten und von seinem H in te r­
land isoliert w orden. W ollte die Stadt ihrer
Rolle als adm inistrativer und w irtschaftlicher
M ittelpunkt w eiterhin gerecht w erden und
ihre M öglichkeiten für die eigene städtische
E ntw icklung w ahren, m ußte in ihrem N a ­
men eine A lternative zu den bereits bestehen­
den o d er noch in der Planung befindlichen
Strecken ausgearbeitet w erden. D as Bahn­
projekt einer Q uerverbindung von Speyer
über W iesloch durch den O denw ald nach
W ürzburg, das im folgenden vorgestellt
wird, sollte dies leisten.
D as Bahnprojekt von 1869
Aus dem Jahre 1869 liegt ein Plan vor, der
die beabsichtigte Linienführung von Speyer
über W iesloch nach M eckesheim zeigt. Be­
dauerlicherweise ist aus den erhaltenen A k­
ten nicht ersichtlich, wie dieses P ro jek t in
den Sitzungen des — nam entlich nicht be­
kannten — Eisenbahn-K om itees G estalt an ­
nahm. Sicherlich kam en hier politisch und
w irtschaftlich motivierte M einungsverschie­
denheiten zu r Sprache, die uns erlauben w ü r­
den, Entscheidungen der 80er und 90er
Jah re zu verstehen. So müssen w ir uns mit
dem begnügen, was aus der Beschreibung
des Planes hervorgeht: die Trasse sollte auf
der linken Rheinseite vom B ahnhof Speyer
südlich an der Stadt vorbei auf der neuen
R heinbrückenstraße zu r Schiffsbrücke füh­
ren. D ie K osten des Baues w ären do rt vom
Staat Bayern getragen w orden. D er Bahn­
bau, der von badischer Seite zu finanzieren
gewesen w äre, hätte auf der rechten R hein­
seite begonnen und folgende O rte berührt:
Altlußheim , N eulußheim , Reilingen, W all­
dorf, W iesloch, D ielheim , U nterhof, O ber­
hof und M eckesheim . A uf der G em arkung
Reilingen w ären zwei Bachübergänge n o t­
w endig gew orden; m an faßte aber auch ins
A uge, die K raichbach und den Kaltbach auf
der G em arkung zu vereinigen. A uf der G e­
m arkung W iesloch w äre der A ngelbach, auf
der G em arkung Dielheim der A ngelbach auf
Brücken zu überqueren gewesen. Z u r Siche­
rung von 12 Straßenübergängen hätten die
gleiche Zahl an B ahnw artshäuser erstellt
w erden müssen. Zwei T unnels oder Ein­
schnitte in das G elände bei U n terh o f und
O b erh o f w ären notw endig gew orden. Das
gesam te Projekt w äre nach den damals
durchgeführten Berechnungen in der Be­
schreibung auf 227 794 fl gekom m en9). Aus
d er Beschreibung des Projektes seien die fol­
genden technischen D etails entnom m en, die
die K onstruktion der Strecke und ihre Eigen­
heiten deutlich w erden lassen.
„Steigungsverhältnisse
von dem rechten R heinufer bei A bis H Sta­
tion (Bahnhof W iesloch) sind auf einer E nt­
fernung von 54 300' nur circa 36 Fuß Stei­
gung, also im M ittel etwa 7/ m %.
V om B ahnhof W iesloch bis Stadt W iesloch
auf 9000' Länge 42' Steigung, circa Z2 %.
V on W iesloch bis D ielheim auf 12 500'
Länge circa 49' Steigung = % %.
V on Dielheim bis M Straße bei U nterhof auf
einer Länge von 8250' und von da bis O b er­
hof % % Steigung.
V on O b erh o f bei a bis m d er vereinigten
O denw ald-R appenauerbahn auf eine E ntfer­
nung von 108 000' %°/o Steigung.
Hauptübergänge
kom m en von Straßen 12 vor, nämlich A bis
M und a, w elche theilweise mit Stationen in
V erbindung stehen.
Zw ischenübergänge 9, theils in Feldwegen,
theils der großen E ntfernung wegen.
Bachübergänge
auf der G em arkung Reilingen 2, nämlich
über die K raich- und K altbach; jedoch ließe
sich bei entsprechender Erw eiterung die
K raichbach mit der Kaltbach vereinigen.
In der G em arkung W iesloch über den A ngel­
bach, in der G em arkung D ielheim über den
Leim- und A ngelbach, und bei U n terh o f eine
entsprechende D ohle; dagegen sind insbe­
sondere von W iesloch gegen M eckesheim
m ehrere kleine D ohle erforderlich.
Bahnwarthäuser
w erden erforderlich:
G em arkung A ltlußheim 1. bei A am rechten
R heinufer, 2. zwischen A und der Station
A ltlußheim , 3. auf der G em arkung N eu lu ß ­
heim an der Schw etzinger Straße, 4. auf der
G em arkung Reilingen zwischen Station
N eulußheim und D , 5. bei D von der Straße
nach St. Leon, 6. an der G renze zwischen
Reilingen und W alldorf, 7. auf der G em ar­
kung W alldorf an d er Straße nach W iesloch,
8. an der G em arkung W iesloch an der
H auptbah n bei H , 9. beim Ü bergang J, au ­
ßerhalb dem israelitischen F riedhof am H ö fchen, 11. auf der A ltw ieslocher G em arkung
bei der P ferdetränke, 12. auf d er G em arkung
D ielheim am Leim bachübergang, 14. bei der
D iebsbrücke am A ngelbachtal, 15. bei M an
der H orren b erg er Straße, G em arkung U n ­
129
Lok 14 beim Umsetzen fü r
die Rückfahrt, V T als
Planzug nach Wiesloch,
Eichtersheim
(F o to : H e lm u th R öth,
H eid elb erg -K )
terhof, 16. an der G renze zwischen U nterverschiedenen N ord-S üd-S trecken zu liegen.
und O berhof, 17. zunächst O berhof bei a,
So w äre bei Speyer die linksrheinische
18. G em arkung M eckesheim bei f am T h a l­ R heintalstrecke und das Eisenbahnnetz in
weg, 19. bei R.
Rheinbayern bis Landau angebunden w o r­
den. D ie zu diesem Z eitpunkt noch nicht fer­
tiggestellte Strecke M annheim -K arlsruhe
T unnel
über Schw etzingen hätte die Linie bei N euIn Bezug derselben w äre zu bem erken, daß
lußheim g ekreuzt; und bei W alldorf hätte die
insbesondere die Einschnitte nicht über 30
Strecke H eidelberg-Bruchsal auf w enigen
bis 40 Fuß Tiefe haben, im m er noch offen
h u ndert M etern mit b enutzt w erden müssen.
gebaut w erden kann, d. h. w enn nicht andere
Bei M eckesheim schließlich w äre die A nbin­
U m stände ein früheres Beginnen der T undung an die bereits bestehende Bahnlinie
nele gebieten.
nach W ürzburg erfolgt. D er fertiggestellte
U n ter diesem V erhältnis und bei einem G e­ Plan w ar danach G rundlage für eine entspre­
fall von V4% w ürde der T unnel bei O berhof
chende D enkschrift, die im Jan u ar 1870 den
nur 1600' Länge erhalten, und der zwischen
beiden K am m ern des Parlam ents vorgelegt
f. h. nur 720', dagegen bei einem 1% Gefäll w urde. D er Bau der Linie, d arüber gab es auf
und 40' Tiefe von dem T unnel erhielten der seiten der Stadt W iesloch keinen Zweifel,
konkurrierte mit der Strecke B ruchsal-G er­
erstere T unnel bei O berhof eine Länge von
m ersheim, die im M o n at zuvor von dem Ei­
2200' und der zwischen f. h. bei gleichem
Einschnitte verbleiben zu 720' zusam m en im
senbahn-K om itee Bruchsal eingereicht w o r­
Zw eiten Falle 2920' T unnelbau auf einer G e­ den war. M an legte d aher g rößten W ert d ar­
auf, die V orteile auf das A usführlichste zu
sam tlänge von 6 Stunden 56 M inuten, oder
schildern und versäum te es nicht, die gera­
im anderen Fall 7 S tunden.“93)
dezu kontinentalen Ausmaße des von W ies­
D er w irtschaftliche N utzen für W iesloch
hätte darin bestanden, im M ittelpunkt einer loch angeregten B ahnbauprojektes mit kräf­
tigen Strichen zu zeichnen:
durchgehenden V erbindung zwischen drei
130
D er W esten D eutschlands w äre über Speyer,
W iesloch, W ürzburg mit M itteldeutschland
zu verbinden, und über H eilbronn, Crails­
heim, N ördlingen, N ürnberg könnte Prag
erreicht w erden. Schließlich bestünde über
Bruchsal und Stuttgart eine V erbindung nach
M ünchen. Die N ord-S üd-V erbindungen
könnten über Kehl, K arlsruhe nach W ü rz­
burg geführt w erden und selbst die G o tt­
hardbahn fände dann über W ürzburg ihre
F ortsetzung nach M itteldeutschland. U nd
ohnehin sei ja G erm ersheim -W örth über
M axau-K arlsruhe mit der badischen R hein­
talbahn verbunden. D ie von W iesloch vorge­
schlagene Linie folge der alten H eerstraße
und könnte Germ ersheim besser m it T ru p ­
pen versorgen als die Linie M ünchen-B ruchsal-G erm ersheim . U nd in R heinbayern k on­
zentrierten sich die Bahnstrecken zuneh­
m end auf Speyer als dem Sitz der Regierung.
D anach kam m an auf die V orzüge der R e­
gion zu sprechen. A uf der Station W iesloch
w aren 1868 32 708 F ahrkarten verkauft,
95 730 Z entner Fracht aufgegeben und 4500
Stück V ieh verladen w orden; die W ieslocher
Bergw erke hatten zusätzlich 80 000 Liter Erz
abgeliefert. U nd über die Bahn w aren 83 391
Liter G üter angeliefert w orden. In der w eite­
ren U m gebung w urde der „H andelsgew ächs­
bau “ — w ohl der T abakanbau — bei H okkenheim erw ähnt. Bei der K ontrollstelle Altlußheim w aren 1868 444 954 Liter W ein und
134 121 Liter Bier gezählt w orden. Für die
Benutzung der nahegelegenen R heinbrücke
bei Speyer w aren bislang jährlich etwa
10 000 fl Brückengeld eingenom m en w or­
den, was der Benutzung durch 36 000 W a­
gen mit etw a 700 — 800 000 Personen ent­
sprach. Das V erkehrsaufkom m en könnte
nach der V orstellung der V erfasser w eiter
gesteigert w erden, da die Fabrik W aghäusel
dann ihre K ohle, imm erhin 250 000 Z entner,
nicht m ehr auf der Landstraße über Speyer
sondern über die Station W aghäusel der
M annheim -K arlsruher Linie beziehen werde.
W eiter könnte R appenau mit billigerer
K ohle und S alzfracht versorgt, könnte insge­
sam t m ehr V erk eh r auf die Strecke M eckesheim -Jagstfeld gebracht w erden. D ennoch,
den eigenen V orteil, den m an aus einem u n ­
m ittelbaren A nschluß an die Bahn zu ziehen
gedachte, verschwieg man keineswegs: „W ir
haben wohl nicht zu erö rtern nöthig, w arum
w ir uns berufen fühlen bei fraglicher Bahn
die Initiative zu ergreifen. W ir m ußten er­
kennen, daß unsere Stadt den Aufschw ung
nicht genom m en hat, den andere Städte un­
m ittelbar an Bahnen liegen erhalten h a­
ben . . . U m nun aus dieser Lage herauszu­
kom m en haben w ir schon seit vielen Jahren
vor allem anderen sehnlichst gew ünscht eine
Bahn . . . (m öchte) unserer Stadt die Stellung
zu verschaffen, welche sie verm öge ihrer
Lage den A nforderungen des Fortschritts
entsprechend einnehm en kan n .“ D ie K osten
w urden auf 3 000 000 fl veranschlagt10).
Ereignisse, die die politische L andkarte E u­
ropas grundlegend verändern sollten, setzten
diesen H öhenflügen ein unerw artetes Ende.
Am 19. Juli 1870 hatte Preußen Frankreich
den K rieg erklärt, und alle anderen d eu t­
schen Staaten mit Ausnahm e Ö sterreichs
schlossen sich P reußen an. U m fangreiche
T ruppenbew egungen folgten, die vor allem
die T ransportlinien von O st nach W est bean­
spruchten. D ie badischen N ord-Süd-L inien
als T eil einer kontinentalen V erbindung w a­
ren nun nicht m ehr so gefragt wie in den
Friedenszeiten. N ördlich der badisch-franzö­
sischen G renze gab es aber n u r wenige
Rheinübergänge, die von Z ügen benutzt
w erden konnten: bei K arlsruhe-M axau die
1865 eröffnete Schiffsbrücke, und die 1867
eingew eihte R heinbrücke LudwigshafenM annheim . H ätte zu diesem Z eitpunkt
eine Bahnverbindung M eckesheim -W iesloch-Speyer bestanden, so hätte diese Linie
einen deutlichen A ufschw ung nehm en k ö n ­
nen. N ichts belegt dies w eniger als die T atsa­
che, daß das „bairische A rm ee-C orps von der
T arn mit A rtillerie-Park, P roviant-C olonne
und sämtlichem G epäck nicht die Eisenbahn
nach H eidelberg benutzte, sondern letztere
in M eckesheim verließ und zu r Beschleuni­
131
gung seines M arsches den w eitaus kürzeren
W eg über W iesloch nach Speyer ein­
schlug.“11) D ie E ntw icklung nahm indessen
einen anderen W eg. N och w ährend des K rie­
ges w urde auf der sogenannten „K olonnen­
straße“ von Bruchsal über G raben nach dem
rechtsrheinischen G ebiet der bayrischen Fe­
stung Germ ersheim gebaut. D er Bau w urde
am 18. Juli 1870 begonnen und w ar auf sei­
ner gesam ten Länge am 15. A ugust beendet.
Bei der Station G raben w ar die Strecke an
die Rheintalbahn M annheim -Schw etzingenK arlsruhe angeschlossen. U nd über den
w ürttem bergischen B ahnhof in Bruchsal be­
stand eine V erbindung nach W ürttem berg
und Bayern. A ber trotz dieser günstigen G e­
gebenheiten w urde die Bahn w enig genutzt;
lediglich 25 Züge befuhren in der Zeit vom
1. A ugust bis 13. Septem ber die Strecke. Die
Bahn w urde daraufhin ab dem 12. A ugust
1871 abgebaut und das G elände sowie das
M aterial von der Eisenbahnverw altung über­
nom m en12).
Entgegen anderen E rw artungen w ar aber da­
mit das P rojekt Bruchsal-G erm ersheim kei­
neswegs gescheitert. D iejenigen, die eine sol­
che Bahn w ünschten — bereits seit 1868 gab
es in Bruchsal ein „Eisenbahncom ite“ —
konnten auch w ährend des Krieges U n ter­
stützung finden. D ie G eneralstäbe Badens
und der benachbarten Staaten W ürttem berg
und Bayern wie auch der Preußens w aren
von der strategischen N otw endigkeit einer
Bahnverbindung mit der Festung G erm ers­
heim überzeugt. D er V orsitzende der K om ­
mission für Eisenbahnen und Straßen in Ba­
den, R obert G erw ig, konnte in einer Rede
vor der Zw eiten K am m er die A bgeordneten
von der N otw endigkeit der Linie überzeu­
gen, und am 23. N ovem ber d.J. w urde ein
Staatsvertrag zwischen Baden und Bayern
geschlossen. D er eigentliche Bahnbau be­
gann erst 187312). A ber die Eingabe, die
W iesloch am 28. Januar 1872 der Badischen
Zw eiten K am m er vorlegte13), verm ochte an
den einmal geschaffenen T atsachen nichts
m ehr zu ändern. D ie K onkurrenz-Linie
132
Bruchsal-G erm ersheim hatte das Projekt
Speyer-W iesloch-M eckesheim
überflügelt.
N ichts konnte dies deutlicher m achen als ein
F ahrplan, der es nicht erlaubte, an einem
N achm ittag von W iesloch aus nach Pieidelberg bzw. Bruchsal und zurück zu fahren.
D ie angebotenen Z ugverbindungen „landaufw ärts“, also R ichtung K arlsruhe, lagen
m orgens 6.58 U hr, vorm ittags 9.56 U hr,
nachm ittags 4.26 U hr, abends 8.12 U hr;
„landabw ärts“, R ichtung H eidelberg, m or­
gens 6.57 U hr, vorm ittags 10,30 U hr, nach­
mittags 4.47 U h r und abends 7.49 U hr. Z ehn
Jahre lang führte man von seiten der Stadt
darüber Klage, ohne daß sich etwas geändert
h ätte15). Die Stadt W iesloch hatte ihre beste
M öglichkeit versäum t, eine bedeutende
Rolle als E isenbahnknotenpunkt im interna­
tionalen sowie nationalen V erkehr an sich zu
ziehen.
W eitere Bahnprojekte
N achdem d er Bau der Strecke von Bruchsal
nach Germ ersheim 1873 begonnen hatte,
und im gleichen Ja h r eine V erbindung von
H eidelberg über Schw etzingen nach Speyer
hergestellt w orden w ar, hatte man sich in
W iesloch wohl von dem G edanken abge­
w andt, selbst noch eine entscheidende Rolle
im E isenbahnverkehr Badens spielen zu k ö n ­
nen. Die V orschläge für weitere Projekte
zum Rhein hin w urden nun von anderen O r­
ten o der Personen, die nicht in W iesloch
w ohnten, an die Stadt herangetragen. So u n ­
terbreitete A dolph R itzhaupt, V orsitzender
eines Eisenbahn-K om itees, im Jahre 1888
der Stadt den V orschlag, eine D am pfstraßenbahn von W ieslo ch /S tad t nach Speyer zu
erbauen. An der Projektierung des U n ter­
nehm ens sollte sich W iesloch mit 200 M ark,
seinen Anteil aus 1200 M ark G esam tkosten,
beteiligen16). In der w enige T age später er­
teilten A ntw ort wies die Stadt d arau f hin,
daß sie für die E inrichtung der Pferdebahn
von der Stadt W iesloch zum B ahnhof W ies­
loch w esentlich m ehr habe aufw enden m üs­
sen und sich daher w eder in der Lage sehe
noch willens sei, für die K osten eines solchen
U nternehm ens aufzukom m en17)- Ein w eite­
res P rojekt sah vor, eine D am pfstraßenbahn
von Eppingen nach W iesloch über Elsenz,
W aldangelloch, M ichelfeld, Eichtersheim ,
M ühlhausen, R othenberg und R auenberg zu
bauen. D er Plan hierzu w urde im Jahre 1888
von den Ingenieuren M eyerhofer & Lucan
d er S tadt W iesloch unterbreitet18). Dieses
U nternehm en scheiterte jedoch ebenso wie
der beabsichtigte Bau der Strecke nach
Speyer. Letzte größere Bahnprojekte w urden
1897 angeregt. W ie die Stadt Schw etzingen
schrieb, w aren „industrielle K reise“ an einer
Bahnverbindung von Rheinau über Brühl,
Schw etzingen, O ftersheim , W alldorf, W ies­
loch nach Sinsheim interessiert19). A ber auch
in diesem Fall sah sich W iesloch aus finan­
ziellen G ründen außerstande, die auf die
Stadt zukom m enden K osten zu trag en 19a).
Schließlich unterbreitete der bereits genannte
A. R itzhaupt den V orschlag, eine Bahnlinie
W iesloch, W alldorf, Reilingen, H ock en ­
heim, A ltlußheim , Speyer in A ngriff zu neh­
men, w orauf aber die Stadt W iesloch — so
ist zum indest die A ktenlage — nicht mehr
reagierte20).
D ie W iesloch-M eckesheim -W aldangellocher
Bahn (W M W )
Erst gegen Ende des letzten Jahrhunderts
ging der lang gehegte T raum der W ieslocher
in Erfüllung: die Badische L okaleisenbahn­
gesellschaft (BLEAG) m it Sitz in K arlsruhe
hatte am 17. 2. 1899 die K onzession für den
Bau der Bahnlinie W iesloch-M eckesheim W aldangelloch erw orben. D am it w ar die seit
langem erstrebte V erbindung von W iesloch
nach M eckesheim endlich in greifbare N ähe
gerückt. Die Gesellschaft erw artete — insbe­
sondere auf G rund der aufstrebenden Indu­
strie — eine schmale R endite von 1,76% zu
erw irtschaften. Aus dem Personenverkehr
w urden Einnahm en von 68 000 M ark, aus
dem G üterverkehr von 58 000 M ark einkal­
kuliert; die Baukosten sollten sich auf
2 275 000 M ark belaufen. V oraussetzung
w ar, daß die G em einden das K apital für den
G runderw erb bereitstellten. Im Falle von
W iesloch 58 000 M ark21); und da die Stadt
gerade eine defizitäre Pferdebahn betrieb,
lag nichts näher, als der BLEAG die beste­
hende Bahn aufzudrängen. M an rechnete sie
der BLEAG mit 46 000 M ark an22). Am
14. M ai 1901 w urde d er Betrieb einer Eisen­
bahn von W iesloch-W alldorf nach M eckes­
heim über Baiertal und Schatthausen aufge­
nom m en. Am 16. O k to b er desselben Jahres
folgte dann die Strecke W iesloch/S tadtW aldangelloch. D er erste elektrische Pendel­
triebw agen verkehrte zw ischen W iesloch/
Stadt und S taatsbahnhof am 8. Juli 1901.
Die Bahn berührte auf der Linie nach M ekkesheim die G em einden D ielheim , H o rren berg, Baiertal, Schatthausen; auf der Strecke
W aldangelloch R auenberg, M ühlhausen und
Eichtersheim . D er H altep u n k t W iesloch
H eilanstalt w urde 1919 stillgelegt, ebenso
der H altep u n k t O b erd o rf bei Baiertal. Eine
Reihe von Firmen verfügte auch über private
Gleisanschlüsse: K älberer & Co (ab 1922),
Bott, H eßler, Dussel und die Sandgrube23),
zeitweise auch das Bergwerk. D er O rt
Schatthausen an der Strecke M eckesheim
spielte bei der Planung eine besondere Rolle.
Zum einen stieg von hier die Bahn auf einer
ungünstigen Trasse in das T al zu r Station
M eckesheim hinab. Zum anderen w urde der
B ahnhof Schatthausen als H ilfsstation zur
W asser- und K ohleaufnahm e für den Fall
ausersehen, daß an einer d er beiden E n d sta­
tionen die V ersorgung ausfallen sollte.
Z w anzig Jahre nach der feierlichen E röff­
nung der Bahnstrecke erleichterte diese
V orsichtsm aßnahm e die Stillegung der
T eilstrecke Schatthausen-M eckesheim , und
Schatthausen w urde Endstation.
Infolge des Ersten W eltkriegs w aren auch
die Betriebsergebnisse der Privatbahnen in
Baden
deutlich
zurückgegangen.
Die
BLEAG saß auf einem riesigen Schuldenberg
von fast 3 M illionen M ark, die Betriebsaus­
133
gaben w aren von 986 000 M ark im Jahre
1913 auf 4 411 000 M ark (1919) angew ach­
sen24). Einsparungen w aren das G ebot der
Stunde und es lag auf der H an d , daß die fal­
lenden Betriebsergebnisse der W M ¥ die
A ufm erksam keit auf sich zogen. 1921 w ar
ein Zuschuß von 450 955 M ark erforderlich
gew orden; im Ja h r zuvor hatte m an lediglich
198 275 M ark zusetzen müssen24a). Z u ­
schüsse des Kreises und der G em einden ver­
m ochten daran nichts zu ändern, w aren aber
notw endig, um den Betrieb der Bahn über­
haupt aufrechtzuerhalten. Die D irektion der
BLEAG erkannte w ohl, daß eine vollständige
Stillegung der W M W nicht zu erreichen w ar
und versuchte, w enigstens einen Teil der Li­
nie aus dem Betrieb nehm en zu können. Um
dieses durchzusetzen stellte man die M aß­
nahm e so hin, als sei sie nur vorübergehend.
Seitens der BLEAG w urde ausgeführt, daß
der O berbau der T eilstrecke E ttlingen-B u­
senbach der Albtalbahn dringend erneuert
w erden müsse. Zu diesem Z w eck sei es n o t­
w endig, den O berbau der Teilstrecke Schatthausen-M eckesheim auf 1 km Länge abzu­
bauen und das M aterial bei der A lbtalbahn
zu verw enden. Das d o rt gew onnene Gleis­
m aterial sollte alsdann veräußert und die so
gew onnenen M ittel bei der R eichsbank hin­
terlegt w erden. Dieses K apital w äre allein
dazu bestimm t, die entstandene Lücke w ie­
der zu schließen25).
D aß es anders kom m en sollte w ar allen Be­
teiligten klar. In einer D ruckschrift vom Juli
1922, drei M onate bevor der angekündigte
Abbau in A ngriff genom m en w urde, schrie­
ben die beteiligten G em einden: „. . . O der
glaubt die R egierung im Ernst, daß es der
BLEAG in absehbarer Zeit gelingen w erde,
die finanziellen Schwierigkeiten zu überw in­
den und Reingew inne zu erzielen?. . .“ In der
T a t folgte im April 1923 das Eingeständnis,
daß die entstandene Lücke nicht bis zum
1. M ai geschlossen w erden könne, und im
Juni w urde der A ntrag nachgereicht, weitere
2 Schienenkilom eter abzubauen26). D ie V er­
bindung zwischen Schatthausen und M ek134
kesheim w ar dam it endgültig unterbrochen,
auch w enn der w eiterhin erhaltene Bahn­
dam m und die Brücke den E indruck w ach
hielten, dies könne alles w ieder rückgängig
gem acht w erden. Die w achsenden finanziel­
len Schwierigkeiten der BLEAG führten
schließlich 1931, ein Ja h r vor ihrem K o n ­
kurs, dazu, daß das restliche Schienen­
m aterial abgebrochen und das G elände für
den V erk eh r mit Fuhrw erken freigegeben
w urde27). Am 1. Jan u ar 1932 ging die W M W
in die Regie der D eutschen E isenbahnbe­
triebsgesellschaft (DEBG) über, was aber an
den G egebenheiten nichts m ehr zu ändern
verm ochte.
Frühe Entscheidungen — fortdauernde
Folgen
Seit den 30er Jahren w ar in der G eschichte
d er W M W n u r noch die Geschichte ihrer
T rägerschaft abwechslungsreich. V on der
D eutschen Eisenbahnbetriebsgesellschaft AG
in Berlin (D EB G ), später Sitz in H am eln,
übernahm die Südwestdeutsche Eisenbahn­
gesellschaft m bH in E ttlingen (SEG) die
W M W zusam m en mit zahlreichen anderen
N ebenbahnen in Baden. Die G enehm igung
hierzu w urde vom Innenm inisterium BadenW ürttem berg am 22. 10. 1968 erteilt.28) W e­
nige Jahre später fusionierte die SEG m it der
M ittelbadischen Eisenbahnen AG in Lahr
zu r Südw estdeutschen Eisenbahnen AG
(SW EG) mit Sitz in Lahr. Letztere änderte
schließlich 1984, dem Zw ang der V erh ält­
nisse folgend, ihren N am en in „Südw estdeut­
sche V erkehrs A G “ : die Eisenbahn ist in A n­
betracht d er mittlerweise 300 in D ienst ge­
stellten Busse in den H in terg ru n d getreten.
Die Bahn ist heute im Raum W iesloch nur
noch für wenige Industriebetriebe, die über
einen privaten G leisanschluß verfügen, w ich­
tig. D er Personenverkehr beschränkt sich wie
schon seit der G ründung der N ebenbahn
1901 auf den P endlerverkehr von und nach
den um liegenden G em einden. U nd der
S taatsbahnhof W iesloch/W alldorf schließ­
lieh ist wie seit jeher auch heutzutage kein
H altep u nkt im internationalen und nationa­
len Fernverkehr.
Die W eichen zu dieser Entw icklung w aren
bereits m it der ersten E ntscheidung über die
S treckenführung der G roßherzoglich Badi­
schen Staatsbahn gestellt w orden: D as Eisen­
bahngesetz vom 29. M ärz 1838 führte die
Rheintalbahn in einer E ntfernung von etwa
einer halben W egstunde (ca. 4 km) an W ies­
loch vorbei. D a mit der Begründung, die Ei­
senbahn berühre ja nun die Stadt, die Straße
von H eidelberg durch W iesloch zurückge­
stuft w urde, ging der P ersonen- und Fracht­
verkehr an der Stadt vorüber. In den fol­
genden Jahrzehnten w urde W iesloch von
den benachbarten Städten H eidelberg und
Bruchsal überflügelt: der A usgangspunkt der
O denw aldbahn kam 1858 nach H eidelberg,
und die A bzw eigung von der R heintalbahn
nach M ühlacker w urde 1873 nach Bruchsal
gelegt. N achdem der Plan aus dem Jahre
1869, der W iesloch zu einem internationalen
und nationalen V erkehrsknotenpunkt hätte
m achen sollen, endgültig gescheitert w ar,
w urden von der Stadt keine P lanungen m ehr
vorangetrieben. Es entsteht, sieht man die
E ntw icklung im Lichte der A kten, im G egen­
teil der Eindruck, daß sich die Stadt auf sich
selbst zurückgezogen habe. M ag dies Resi­
gnation oder provinzieller Eigensinn gew e­
sen sein, die Folgen sind für W iesloch spür­
bar: es ist nach über 140 Jahren Eisenbahn­
geschichte der Region noch im m er ein um ­
ständliches U nternehm en, mit H ilfe des öf­
fentlichen N ahverkehrs von W iesloch nach
Speyer zu gelangen. U nd um überhaupt A n­
schluß an das nationale B ahnnetz zu bekom ­
men, muß man sich auch heute erst nach
H eidelberg begeben — wie schon vor 140
Jahren.
Literatur
‘) GLA Abt. 190 N r. 30 vom 23. Septem ber 1850
la) E dw in K ech, Die G ründung der G roßherzogli­
chen Badischen Staatseisenbahn, Diss. K arlsruhe
1904, S. 93
2) Siegm und Fleischm ann, Die A grarkrise 1845 bis
1855 m it besonderer B erücksichtigung von Baden,
Diss. H eidelberg 1902, S. 116
3) GLA Abt. 190, N r. 30 vom 23. Septem ber 1850
4) StA W iesloch A 6039 vom 11. D ezem ber 1846,
8. Februar 1847, 10. M ai 1847, 24. M ärz 1849; ein
handschriftlicher V erm erk u nter dem Schreiben
vom 10. M ai 1847 lautet: 4108.2 und Zins vom
23. D ezem ber 1843 4685.29, darunter: 7027.29
(4 -, d.V .) 860 ( = ) 7887.29; letzterer Betrag ent­
spricht der K aufsum m e von 13 M orgen 1 V iertel
30.06 R uthen A cker und W ald im Jahre 1844: StA
W iesloch 6039 vom 30. Ja n u a r und 18. A ugust
1844
5) Fleischm ann, op. cit., S. 118
6) Zu R inek: v. Philippovich, staatlich unterstützte
A usw anderung, S. 43, 49 ff.; Franz Kistler, Die
w irtschaftlichen und sozialen V erhältnisse in Ba­
den 1849— 1870, mschr. Diss. H eidelberg 1952, S.
188 ff.; bzgl. d e r Z uw eisung von Bürgern von Ri­
nek nach H ockenheim s. E rnst Brauch, H o c k en ­
heim. Stadt im A uf- und U m bruch, Schw etzingen
1965, S. 184; z u r geplanten Abschiebung von
18 000 B adenern v. Philippovich, op. cit., S. 27
7) R athsprotokolle der Stadt W iesloch 1849/58 S.
80, vom 26. A ugust 1850; die A usstattung d e r sol­
cherm aßen ausgerüsteten R eisenden ist gut belegt
für H einrich Rensch: StA W iesloch A 5094 vom
29. Sept. 1851, 26. Tan. 1852, R athsprotokolle vom
20. Aug. 1851
8) StA W iesloch A 6058 vom 8. Juni 1853
9) StA W iesloch A 6059 vom 31. A ugust 1869
10) StA W iesloch A 6059 vom 7. Ja n u a r 1870
" ) StA W iesloch A 6059 vom 28. Ja n u a r 1872
12) Ausführlich hierzu W erner G reder, Bruchsal
und die E isenbahn, Bruchsal 1983, S. 96 ff.
13) G reder, op. cit., S. 104 ff.; der R ang des R hein­
übergangs in der m ilitärischen P lanung w ird durch
die Statistik des A ufm arsches der deutschen T ru p ­
pen im A ugust 1914 deutlich: R heinbrücke bei
W orm s: 551 Z üge, bei M annheim 401 Z üge, bei
Speyer 46 Z üge, bei M axau 71 Z üge, bei G erm ers­
heim 580 Z üge, bei Kehl 616 Z üge. Vgl. R eichs­
verkehrsm inisterium (H rsg.), D ie deutschen E isen­
bahnen 1910 bis 1920, Berlin 1923, S. 159
14) StA W iesloch A 6059 vom 28. Ja n u a r 1872, s.o.
Anm. *’)
15) StA W iesloch A 6058, 16. M ai 1859, 17. April
1866, 20. April 1869
16) StA W iesloch A 6060 vom 1. Februar 1888
17) ibd., vom 11. Februar 1888
IS) ibd., vom 14. O k to b e r 1888
19) StA W iesloch A 6061 vom 11. M ärz 1897
19a) ibd., vom 17. M ärz 1897
20) ibd., vom 30. Septem ber 1897; interessant ist
aber, daß nach einer N o tiz in den A kten der G e­
m einde Brühl A 1467 vom 16. D ezem ber 1910
135
noch die H o ffn u n g besteht, daß die Linie W alldorf-R eilingen-H ockenheim eingerichtet w erden
und dann über R heinau-B rühl-K etsch eine ge­
schlossene V erbindung hergestellt w erden könnte.
21) Schatthausen A 9 0 1 , 21. Ja n u a r 1899
22) H ierzu ausführlich: H erm ann Braun, D ie ehe­
malige Pferdebahn der Stadt W iesloch, in: Badi­
sche H eim at 51 (1971), S. 355
23) Ein V erzeichnis hierüber in: Badische L okal-E i­
senbahnen AG (H rsg.), Besondere F ahrdienstord­
nung für die N ebenbahn W iesloch-M eckesheim W aldangelloch, K arlsruhe 1913
24) Baiertal A 577, 11. Juli 1922
24a) Baiertal A 577, ibd.
25) Baiertal A 577, 13. Juli 1922, 19. O k to b er 1922,
4. N ovem ber 1922
26) Baiertal A 501, 2. Juni 1923
27) Schatthausen A 9 0 1 , 3. Februar 1931
28) Ausführlich hierzu Karl Stiefel, Baden
1 6 4 8 -1 9 5 2 , 2. Aufl. K arlsruhe 1979, S. 1527
Ketsch — ehemals speyerisches Dorf
an Kurpfälzer Grenze
Robert Fuchs, Ketsch
Jede G em einde hat ihre eigentüm liche und
besondere Entw icklungsgeschichte aufzu­
weisen, so auch Ketsch. D er O rt liegt
4 K ilom eter westlich von Schw etzingen an
einer alten Rheinstrom schleife. Die h eut­
zutage noch teilweise aus Bodenform en ab­
lesbare O berflächengestaltung der diluvialen
N iederterrasse läßt ausgetrocknete U rflußm ulden erkennen, die in O st-W estrichtung
verlaufen. M aßgebend für diesen „K urs“ des
prähistorischen O strheins od er K inzigM urg-Flusses, dessen „Leimer A rm “ von
W iesloch kom m end bei H eidelberg-Leim en
abbog und zum U m w eg über Ketsch ge­
zw ungen w urde, w ar der N eckarschuttkegel,
dessen südlichste A usdehnung sich bis zur
Leimbachsenke bei Brühl, Schw etzingen und
O ftersheim erstreckt1). V on K notenpunkten
in der Schw etzinger Sternallee und im K et­
scher W ald verlaufen deltaartige V erästelun­
gen auf das H ochufer zu, auf dem die Besie­
delung des O rtes ihren Anfang nahm.
Allmählich verlandete der U rstrom vom G e­
birge her und suchte sich den kürzesten W eg
in der M itte des Rheintals. Es kam zu r A us­
räum ung2) der etw a 5 — 8 km breiten R hein­
niederung aus der D iluvialterrasse, welche
136
die natürliche Ü berschw em m ungszone des
ehem aligen W ildstrom es bildet. Als D en k ­
male dieses V organgs zeugen die H o ch g esta­
d eränder, die wie in Ketsch, m itunter bis zu
5 M eter böschungsartig aufsteigen. Innerhalb
des N iederungsgürtels wechselte der A lt­
strom ständig w eiter seinen Lauf. Aus einer
solchen willkürlichen Flußschleife ist das
K etscher „Bruch“ hervorgegangen, welches
an das H ochgestade anstößt. Typisch für das
O berrheingebiet, so auch für den Abschnitt
zwischen Speyer und M annheim , sind die u r­
tüm lichen, m äanderförm igen Strom schlin­
gen, die ökologisch w ertvolle Auwaldgebiete
umschließen. Eines der wegen seiner Flora
und Fauna kostbaren wie landschaftlich idyl­
lischen Relikte stellt die K etscher Rheininsel
dar, die durch die T u lla’sche R heinkorrek­
tion ihre heutige G röße von 350 ha erhielt.
D as Eiland, welches pflanzengeographische
R aritäten, wie die W ildrebe u. a. botanische
Besonderheiten beherbergt, w urde 1950 teil­
weise und im Jahre 1984 völlig unter N a tu r­
schutz gestellt.
Z u dieser groben Lagebeschreibung von
K etsch g ehört auch, daß, im h öher gelege­
nen Teil der G em arkung w eniger als in den
alluvialen Kiesadern der N iederungsgefilde,
eine ansehnliche Z ahl von vorzeidichen T ie r­
resten zutage gefördert w urde, die eine be­
deutende Sammlung ergaben und im G eologisch-Paläontologischen Institut in H eidel­
berg die Funde von M auer ergänzen, unter
denen der U nterkiefer des H o m o H eidelbergensis der Berühm teste ist. N eben den Frag­
m enten von M am m ut und Riesenhirsch ka­
men in Ketsch u.a. W isentschädel, Skelettund K nochenteile vom W ildpferd, des urzeitlichen Flußpferdes, des N ashorns und des
gefährlichen Säbelzahntigers vor. Es konnten
auch zwei Schädel von A ltm enschen gebor­
gen w erden, w ovon einer mit der C ro-M agnon- und A urignac-Periode in Beziehung ge­
setzt w ird3) und den anatom isch w ichtigen
Beweis einer durchgehenden Schädelkno­
chennarbe liefert.
Es ist zw ar kein ausgefallenes geschichtliches
Beweisstück, w enn am nordöstlichen O rts­
rand von K etsch4) ein schön geschliffenes
neolithisches Steinbeil mit sauberer D urchlo­
chung gefunden w urde. D och w eiß man um
den unerbittlichen K am pf zw ischen W asser
und Land, der hier stattfand, als der N eck ar­
schutt dem urzeitlichen O strhein den W eg
verlegte, so sieht m an dieses archäologische
Zeugnis als Glücksfall an. D enn die hydro­
graphischen V erhältnisse hinterließen m orastische A ltflußrinnen, in denen sich Sumpf­
w älder wie die L ußhardt ausbreiteten, die
eine frühe und gesicherte Besiedelung in
Frage stellten. N ahe bei K etsch, im grenz­
nahen dritten G ew ann der Schw etzinger
H ard t, konnte ein D epot aus der U rnenfel­
derzeit freigelegt w erden5). G anz abgesehen
davon, daß das benachbarte H ockenheim
eine ähnliche M odellierung des auf dem
H ochgestade ausgebreiteten Stadtgebietes
d urch die T rockenm ulden eines KinzigM urg-Fluß-A rm es aufweist, den die Kraich
übernahm , ist do rt die Besiedelungskette ge­
schlossener über alle V or- und F rühge­
schichtsperioden verteilt.
D o rt w ird ein nach 74 n. Chr. von Speyer
vorverlegtes römisches Kastell verm utet, von
U n g e f ä h r e r G r e n z v e r l a u f i m b is -
Karte ( Ungefährer Grenzverlauf)
dem eine M ilitärstraße6) ausging, die über
die dam alige N iederlassung beim Talhaus
und über Ketsch — Brühl — R o h rh o f (Si­
gnalstation) nach Altrip zog. Eine andere
T rasse bog von dieser zum Kastell bei A ltrip/
M A -N eckarau führenden V erbindung als
„H o h er W eg “ bei Brühl ab, berührte den
nördlichen K etscher G em arkungszipfel am
alten Leim bachbogen, durchquerte anschlie­
ßend das T errain, welches nunm ehr vom
Schw etzinger Schloßgarten eingenom m en
w ird und setzte sich über O ftersheim nach
W iesloch fo rt7). D a die R odungsgeschichte
des H ardtw aldausläufers „K etscher F orst“
den N achw eis erbringt, daß dieser im
13. Jahrh u n d ert noch bis an den A ltrhein
reichte und im 15. Jah rh u n d ert das kleine
S traßendorf Ketsch eng um schloß, so kann
daraus gefolgert w erden, daß zu r R öm erzeit
das G em arkungsgebiet dicht bew aldet war.
Im Jahre 1910 w urde im N eu ro tt, ein heute
überbauter O rtsteil, ein Brandgrab der N ekkarsueben entdeckt8), die im R hein-N eckarRaum etwa von 50 v. Chr. bis 100 n. Chr. sie­
delten und die G augem einschaft CIVITAS
U L PIA SU E B O R U M N IC R E T U M bilde­
137
ten, deren H au p to rt Ladenburg war. Ein R ö ­
m ergrab kam 1957 bei den H ohen Forlen, an
der Südseite des K etscher W aldes, unw eit
der Bundesstraße 36 zwischen Schw etzingen
und H ockenheim , zum V orschein. In diesem
Zusam m enhang muß auf die ganz bem er­
kensw erte Situation hingewiesen w erden, die
sich durch das V ordringen der R öm er an
und über den Rhein, speziell auch für die
U m gebung von Ketsch, ergab: W ährend sich
nämlich die Stamm esgebiete der K elten bei­
derseits des Strom es ausdehnten, in die rund
100 Jahre vor der Zeitenw ende Cim bern,
T eutonen und N em eter einbrachen, errich­
tete C äsar nach der E roberung Galliens am
Rhein die römische W eltreichsgrenze.
Sowohl die H ochuferlinie als auch wissen­
schaftliche U ntersuchungen9) bezeugen, daß
ein Lauf des Rheines, dessen Kies- und
Sandablagerungen auf ein ungefähres A lter
von 1500 Jahre geschätzt w erden, bis ins 8.
nachchristliche Ja h rh u n d ert von S peyer/A lt­
lußheim über H ockenheim — T alhaus und
durch das K etscher „Bruch“ floß. D araus e r­
gibt sich die Schlußfolgerung, daß diese alte
M ündungsbucht der Kraich im H ockenheim er Rheinbogen zu r K elten- und R öm erzeit
direkt unterhalb des D orfes Ketsch verlief.
Som it bildete diese dam alige H auptstrom ­
schleife auch die Reichsgrenze der Röm er,
ehe diese sich um 74 n. Chr. anschickten, in
H eidelberg und Ladenburg Brückenköpfe zu
bilden, in der Folge das D ekum atenland zu
besetzen und als Trennungslinie zw ischen ih­
nen und den G erm anen den Limes anzule­
gen. W ohl verm uten die H istoriker10) eine
Straßenverbindung zwischen Speyer und
H eidelberg, die am H ochuferrand entlang
führt und im H ardtw ald auf die nach S traß­
burg über G raben — K A -M ühlburg zie­
hende Route stößt. Es soll auch eine Trasse
von der D om stadt über die Rheinniederung
(Insultheim erhof) nach H ockenheim gege­
ben haben, welche die verschiedenen röm er­
zeitlichen Funde, die in den K etscher Kies­
gruben und in anderen N iederungsbezirken
auftraten, somit auch den bei der „K etschau“
138
entdeckten Reliefstein, u. a. H interlassen­
schaften in eine nahe Bewandtnis m it dem
w eit nach O sten ausholenden R heinarm
bringen, dessen strategische Bedeutung
durch die kurze E ntfernung nach H eidelberg
nicht zu übersehen ist.
Als das Pendel d er weltgeschichtlichen U hr
im Jahre 260 n. Chr. zurückschlägt, nehm en
die A lem annen das rechte R heinufer in Be­
sitz, w odurch am Strom eine erneute gefähr­
liche K onstellation entsteht. Diese G ren zzie­
hung dauerte bis um 400 n. Chr., ehe es den
A lem annen gelang, links des Rheines Fuß zu
fassen und die R öm er allmählich zu rü ck zu ­
drängen. U m ein M usterbeispiel dieser G e­
schichtsperiode heranzuführen, sollte es er­
laubt sein, einen Blick „vor die H au stü re“
der engen örtlichen G renzen zu w erfen: In
Altlußheim , das ja eine ähnliche Lage am
Rhein aufweist wie K etsch, w urde ein F ür­
stengrab aufgefunden, welches als P arad e­
stück ein P runkschw ert11) enthielt. D ie am tli­
chen Fundberichte bezeichnen das G rab als
alemannisch. D ahingegen w ird d er ursprüng­
lich als alemannisch angenom m ene12) C h a­
rak ter des Grabes, welches an der H o ch u fer­
bucht beim Seehaus, 2,5 km südlich von
K etsch, auftrat, in neueren Berichten der
M erow ingerzeit (500—750 n. Chr.) zu g e­
o rd n et13).
W enn auch bis dato die d o rt erw arteten R ei­
hengräber14) noch nicht auftauchten, so lie­
ßen sich an dieser kleinen Landzunge, dessen
sonnenseitiger H ochu ferh an g einen ge­
schützten W ohnplatz an fischreichem Fluß­
gestade bieten m ochte, g ut die A nfänge der
festen Besiedelung des G emeindegebietes
denken. Zu dieser H ypothese lassen sich Be­
ziehungen knüpfen, die den alten O rtsnam en
Ketsch betreffen, der auf vordeutsche
S prachw urzeln zurückgeht15). Unw illkürlich
d rän g t sich hierbei die Stam m esbezeichnung
d er C hatten o der K atten auf, die un ter m erow ingischer V orherrschaft als Kolonisten
o der U m siedler in16) unsere G egend kamen.
D ie alten Schreibweisen „K eths“, „T erra in
K ez“, „K ezs“, „Villis C hets“, „K ech“,
„K ets“, „K etsh“, „K eczsche“, vor allem aber
„K az“, „K azze“, „K aytsch“, „T erra in
K azze“ u. a. scheinen die N am ensverw andt­
schaft mit den V orfahren der heutigen H es­
sen zu unterstreichen. A ußerdem existieren
einige topographische Bestim mungen, wie
K etscher W ald, K etscher „Bruch“, K etschau,
K atzengraben, die zum Teil über die G em ar­
kung hinausgreifen und auf einen um fassen­
den G rundbesitz hindeuten, dem als Stempel
d er H erkunftsnam e einer Person aufge­
drü ck t ist ...
N atürlich gibt es noch andere M öglichkei­
ten, den O rtsnam en von Ketsch zu interpre­
tieren: D a w äre an erster Stelle die germ ani­
sche Tierbezeichnung „K atton“, „K attu;
ahd. „K azza“, mhd. „K atze“, engl, „cat“ und
schwed. „K att“ zu nennen17), die dem frühe­
ren V orkom m en der W ildkatze in den ober­
rheinischen Sum pfw äldern R echnung trägt.
Es gibt Sprachvergleiche, w elche die W o rt­
bedeutung für „K etsch“ als „weich und w äs­
serig“, im erw eiterten Sinne als „schmierig,
schlam mig, sumpfig“ auslegen18). D ie Ab­
w andlungen in verschiedenen deutschspra­
chigen G ebieten lauten „ketschig“, „kätschig“, „gatsch“, „gatz“, „gätsch“. Eine an­
dere Q uelle erklärt den „seltsam klingenden
N am en K etsch“19) als ... „breiartig w eich“
o der als ... „schmierige, schleimige M asse“.
D a mit dieser D eutung m ehr die Bodenver­
hältnisse der N iederung gem eint sein dürf­
ten, so ist nicht auszuschließen, daß der O rt
seinen N am en von der G roßflur „K etschau“
erhielt, die sich leicht über dem N iveau der
verlandeten Altstrom schleifen erhebt und so
auch einer anderen D efinition gerecht w äre,
die un ter der V okabel „K etsch“ die „höchste
Stelle oder den höchsten P u n k t“ in der M ark
verstanden haben will20).
Eine andere verbale Ableitung, die auf den
O rtsnam en Bezug nehm en könnte, verbirgt
sich hinter der Bezeichnung des G ew ässer­
laufes „K otlachgraben“, der einige nachbarli­
che H ockenheim er Flurdistrikte durchfließt.
Auch die synonyme W ortgruppe „K etscher“,
„K äscher“ = „K escher“ für „Fischfangnetz“
( = H am en) könnte dem C h arak ter eines al­
ten Fischerdorfes entsprechen21). Ähnlich
verhält es sich mit dem als „K etsch“ (Ketschenboot) bezeichneten Segelschiff, das
ebenso mit den G egebenheiten d er hiesigen
Strom landschaft zu vereinbaren w äre22). Die
schicksalhafte G renzlage der M ark Ketsch
tritt bei der fränkischen G aueinteilung (um
750) w ieder offenkundig zutage, denn der
Rhein schied dam als den Speyergau vom
diesseitigen K raichgau und unm ittelbar
nördlich des O rtes begann das V erw altungs­
gebiet des Lobdengaus23). Im Lorscher K o ­
dex ist eine Schenkung von G ütern ... „in
K ezo m arca“ genannt, deren Beurkundung
in die Jahre 776/777 fällt24). D a ein U m deu­
tungsversuch in „K enzo m arca“, bezogen auf
K enzingen, keine amtlich beglaubigte A ner­
kennung findet, w ird „K ezo“, das aus einem
B auernhof und einer K irche bestand und für
das auch Ketsch in Frage kom m en könnte,
leider bis jetzt noch als „unbekannt im Breis­
gau gelegen“ erklärt.
In den Jahren 1056 und 1063 w erden die Bi­
schöfe von Speyer mit kaiserlichen Schenkbriefen ausgestattet, die sie in den Besitz des
H ofes Bruchsal und des W aldes L ußhardt bis
zu r Linie W alldorf — O ftersheim (Schw arz­
bach = Leimbach) — Schw etzingen —
Rhein bringen. D urch diese G renzverschie­
bung w urde die K etscher M ark fürstbistüm lich-speyerisch. T ro tz dieser V ielzahl von
„Fast“-Indizien m uß sich K etsch mit einer
erst um 1150 ausgestellten „G eburtsur­
k unde“ zufrieden geben, da sich der N ac h ­
weis für den früheren Beginn der O rtssied­
lung aus M angel an exakten Belegen nicht
erbringen läßt. W ie die E rsterw ähnung be­
sagt25) ... „überließ Bischof G ünther im Ein­
verständnis mit seiner Geistlichkeit und auf
Bitten des Abtes von Schönau zu seinem
Seelentrost diesem K loster ein G ut des
speyerischen H ochstifts zu G ernsheim gegen
jährlich in den dom kapitularischen H o f
Keths abzuliefernde vier K äse.“
Es ist also kein weltbew egendes Ereignis,
welches der ersten urkundlichen Benennung
139
J>lan
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Das fhßtytrjegl/cJ? Hadisity;
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Plan über das Großherzoglich-Badische D o r f Ketsch am R hein aus dem Jahre 1812
des O rtes Ketsch vorausgeht. Im m erhin w ird
aber dabei belegt, daß der Bau- und Fronhof
bereits besteht. A nno 1156 stellt K aiser
Friedrich I., Barbarossa, das K loster M aul­
bronn unter seinen Schutz. In diesem Z usam ­
m enhang w erden G üterstücke unter der Be­
zeichnung „T erra in K ez“ genannt. Dem
neugegründeten M aulbronner K loster über­
läßt dann 1159 Bischof G ünther von Speyer
u .a. 6 Fruchtscheunen und M eierhöfe, d a r­
unter auch einen solchen in „K ezs“. U nter
die bem erkensw erten ortschronologischen
D aten fällt das Ja h r 1195, von dem das Be­
stehen der K etscher R heinfähre berichtet
w ird, die jahrhundertelang eine w ichtige
Passage auf dem kürzesten W eg zwischen
H eidelberg — Speyer und N eu stad t/P falz
darstellte26). A nhaltspunkte sprechen sogar
für eine G üterverladestelle an diesem R hein­
übergang, auf den sich die H auptstraßen
140
konzentrieren und in dessen N ähe d er O rt
seinen A usgang nahm.
D en mit H örigen besetzten und sich allm äh­
lich ausdehnenden Bau- o d er M eierhof, w el­
cher bereits 1249 eine K irche hatte, erw arb
1329 das D om kapitel Speyer käuflich. D ar­
aufhin löste sich der ursprüngliche G utshof
in m ehrere Einzelhöfe auf, ein V organg, der
die E ntw icklung zum D o rf einleitete27).
Diese und die nachfolgende Z eit ist geprägt
von allgemein in der U m gebung grassieren­
den pestilenz- und seuchenartigen K rankhei­
ten, von zunehm ender B edrückung der
bäuerlichen Bew ohner und schließlich auch
von ersten A nsprüchen der K urfürsten von
d er Pfalz als m achtentfaltende N ach b arh err­
schaft. N och anno 1408 respektiert König
R uprecht als P falzgraf die Rechte des D o m ­
kapitels auf Ketsch und Teile der M ark,
sucht aber gleichzeitig erste Einflüsse durch
die Beschirm ung des K etscher W aldes zu ge­
w innen. Ab diesem 15. Jah rhundert, in dem
das kleine S traßendorf von der Ecke Schulstraße/S chw etzinger Straße bis zur katholi­
schen K irche und von da bis zu r Bruchgasse
reichte, litten die Einw ohner im m er m ehr u n ­
ter den sich m ehrenden A nsprüchen der
K urpfalz, die es auf den W ald, die Jagd, den
W eidgang, auf die G erichtsbarkeit, auf die
Fähre, den Zoll und auf andere Gerechtsam e
und Besitztüm er abgesehen hatte.
D ieser W irrw arr der oft zuw iderlaufenden
K om petenzen zwischen dem Bischof als Lan­
desherr von K etsch, dem D om kapitel als
G rund- und Eigentum sherren, der V ogtei­
verw altung und der „Schutzm acht“ K urpfalz
w ar für das kleine G em einw esen nicht fö r­
derlich. D azu kam , daß H ockenheim und
Reilingen nach der Schlacht bei Seckenheim
1462 gänzlich an K urpfalz gefallen w aren28)
und K etsch dadurch zu einem G ren zo rt ge­
stem pelt w urde, dessen G em arkungsgebiet
einem von drei Seiten eingeschnürten Staats­
zipfel entsprach, der dazu noch den Nachteil
hatte, daß der R heinw ald westlich des A lt­
strom bogens zu r G em einde O tterstad t ge­
hörte. Bezeichnenderweise hielt diese bri­
sante Lage bis 1803 an. W ährend der frühen
B auernerhebungen von 1497— 1502 zählte
K etsch und der ganze Umkreis von Schw et­
zingen zu r U nruhezone des B ruhrains29). Im
Jah re 1502 w ird dem Bischof von Speyer der
A ufruhr von Bauern von diesseits des R hei­
nes gem eldet, w om it E inw ohner von A ltlußheim und Insultheim gem eint w aren. L etzte­
res gehörte wie der A ngelhof als Stabhalterei
zu r G erichtsgem einde Ketsch und w urde in
der badischen Zeit H ockenheim angeglie­
d ert30). Lußheim und Ketsch m ußten einen
Schatzungsbeitrag zu r D eckung der Schäden
leisten, die w ährend dieser dem Bauernkrieg
vorausgegangenen
U nruhen
entstanden
sind31).
In dieser von N o t und Fron des Bauernstan­
des gekennzeichneten G eschichtsphase lebte
d er Enderle von Ketsch. E r ist von
1558— 1583 Schultheiß, 1586 Fährm eister32)
und verkörpert als Z entralfigur eines reichen
Sagenstoffes, v o r allem in der volkstüm lich­
dörflichen Fassung, die in Ketsch, Schw et­
zingen und H eidelberg handelt, den Frei­
heitswillen des geknechteten Bauernvolkes
gegen feudale W illkür. Parallel hierzu haben
sich U rform en gebildet, die in den m ysteri­
ösen und m ythenhaften „W undergesprä­
chen“ des Z isterzienser-M önches Caesarius
aus dem K loster H eisterbach im Siebenge­
birge w urzeln. Diese U rbilder pflanzen sich
über Professor Jungnitz, die Freiherren von
Gem m ingen, über M erian u .a. als W an d er­
sage fort, ehe sie in Scheffels G edicht „Das
Lied vom Enderle von K etsch“ die däm oni­
sche und m eerverbundene V erw andtschaft
mit dem Fliegenden H o llän d er eingeht. D er
m ythenhafte Sagenkreis ist es auch, von dem
das G esam tszenarium dieser vielschichtigen
V olksüberlieferung einen deutschen und eu­
ropäischen Rahm en erhält.
Bis lange nach dem D reißigjährigen Krieg,
w ährend dem Ketsch durch seine Z ugehörig­
keit zum katholischen H ochstift Speyer eine
exponierte Lage an der G renze der p ro te­
stantisch regierten K urpfalz einnahm , sta­
gnierte die Entw icklung des Dorfes. 1695,
w ährend des O rleanschen Krieges, verfolgt
M arkgraf Ludw ig W ilhelm von Baden, der
„T ürkenlouis“, m it seiner Arm ee ein fran zö ­
sisches H eer, um es beim Ü bergang bei
Ketsch zu vernichten. D ie Franzosen voll­
führten aber ein T äuschungsm anöver und
entw ichen in die Festung M annheim 33). Erst
nach 1700 entstand an der H ockenheim er
Straße um das G asthaus „Zum Pflug“ ein aus
w enigen H äu sern bestehender O rtsteil, der
w egen seiner abseitigen Schw erpunktbildung
„O berdo rf“ geheißen wurde.
Das 18. Jah rh u n d ert drü ck t d er Lokalhistorie
den Stempel von kriegerischen D rangsalen,
Franzoseneinfällen, E inquartierungen, T eu e­
rungen, H olzknappheit, hoher Sterblichkeit
u.a. U nbilden auf. Im Jahre 1730, als das
H o fg u t K etsch aus 11 T eilgütern zu je 100
M orgen A nbaufläche bestand, die von 28
erblichen H ofbauern bew irtschaftet w urde,
141
lebten 295 Seelen im O rt, davon 43 auf dem
Angelhof. 262 Bew ohner w aren katholisch.
A ußerdem lebten 27 Juden und 6 A nders­
gläubige hier34). Es w urden 17 T aufen,
7 Eheschließungen und 15 Beerdigungen re­
gistriert. Im Jahre 1732 verhielt sich die Zahl
der T aufen und der Sterbefälle 17:18. Die
katastrophalen Zeitverhältnisse spiegeln sich
jedoch in den Standesziffern der Jahre 1756
und 1794 w ider34), in w elchen den 18 bzw.
16 T aufen :2 und 1 Eheschließungen :42 und
59 Begräbnisse gegenüberstehen. Um 1800
bew ohnten 80 Familien, das w aren 437 Ein­
w ohner, Insultheim und A ngelhof mit einge­
schlossen, 75 H äuser36).
Französische Revolutionsheere und die A ra
N apoleons veränderten teilweise sehr ein­
schneidend das politische K artenbild E u ro ­
pas und D eutschlands. Dies w irkte sich in
ganz besonderem M aße auf solche Rheinge­
meinden wie Ketsch aus, das durch die im
Frieden von Luneville 1801 besiegelte A btre­
tung des linken Rheinufers an Frankreich zu
einer G renzstation an der R eichsdem arka­
tionslinie w urde. Im Zuge der Säkularisa­
tionsphase von 1802/03 w urde Ketsch dem
G roßherzogtum Baden angegliedert und
dem G roßherzoglichen Bezirksam t Schw et­
zingen unterstellt. D enkw ürdig an dieser von
französischer M ilitärm acht diktierten Zäsur,
der nicht nur die w eltgeistlichen Gebiete,
sondern auch K urpfalz zum O pfer fielen, ist
die U m kehrung der G renzlage von Ketsch,
denn der Ö ffnung nach O sten stand die d ro ­
hende Zem entierung nach W esten gegen­
über. D er badische Zollstock an der Ketscher
Fähranlegestelle hatte sein P endant am
W estufer des Rheinbogens, an dem französi­
sche G renzgardisten ein Zollhäuschen, das
je tzt noch bestehende Försterhaus, errichte­
ten37). D er Flurnam e Franzosenbuckel erin­
nert an schanzenartige A bsperrungen, die
zu r dam aligen Z eit am Fährw eg auf der K et­
scher Rheininsel bestanden. Aus dem ehem a­
ligen, oft problem geladenen G renzanrainer­
verhältnis zwischen Schw etzingen und
Ketsch ist durch diesen W andel in der G e­
142
schichte eine gem einsame badische Landes­
zugehörigkeit gew orden.
Für die Bevölkerung von Ketsch bestand in­
des w enig G rund zum Jubel über diese Ein­
vernahm e des D orfes durch das H errsch er­
haus Baden, denn das U ntertanenverhältnis
blieb vorerst bestehen. D aran änderte auch
die form aljuristische und zu späte A bschaf­
fung der Leibeigenschaft nicht viel. Zwei
M aßnahm en m ögen hauptsächlich zu erken­
nen geben, daß einige unm ittelbare Eingriffe
sogar eine gewisse A bneigung gegen den
neuen Staat heraufbeschw oren. Zum einen
erhitzte eine nicht gerechte und schlichtweg
als m anipuliert em pfundene G em arkungsein­
teilung die G em üter der vom bäuerlichen E r­
w erb abhängigen G em eindebew ohner. Ein
G roßteil der vormals hochstiftlich-speyerischen N iederungsfläche, westlich und süd­
lich der K etschau, mit Insultheim und A ngel­
hof, w ar nämlich H ockenheim zugesprochen
w orden. K etsch als Gebiets- und N u tzu n g s­
gem einde des alten Arariums m it vorerblich
einzustufenden A nw artschaften, w urde auf
eine Rum pf- o der Schrum pfgem arkung von
etwa 700 —750 ha zurückgedrängt, im V er­
gleich zu H ockenheim , dessen Bodenfläche
durch die Reform auf 3485 ha anwuchs.
W ahrscheinlich resultiert daraus eine V er­
stim m ung zwischen Gem einde und Bezirks­
behörde, die in etlichen Ü berlieferungen ih­
ren N iederschlag fand38).
N achteilig w irkte sich die A ngliederung des
O rtes an das G roßherzogtum Baden auch
hinsichtlich der A ushebung von kriegstaugli­
chen M ännern aus, die bis 1813 als Rheinbündler und „W affenbrüder“ N apoleons und
danach als V erbündete der deutschen und al­
liierten T ruppen an verschiedenen Feldzügen
teilnahm en. 7 junge M änner aus Ketsch n ah­
men 1812 am R ußland-Feldzug N apoleons
teil, von denen 2 als verm ißt gelten. A ußer­
dem erhielten 20 V eteranen die von G ro ß ­
herzog Leopold 1830 gestiftete Felddienst­
auszeichnung39). Das D o rf w ar im V erlauf
der N apoleonischen K riege durch starke
E inquartierungen, K riegsfron, Kriegssteuer,
D urchm ärsche, K ontributionen u. ä. von
Freund und Feind sehr bedrängt. W ie der
R enovationsplan vom Jahre 1812 zeigt, w a­
ren bis dahin etwa 10 Anwesen entlang der
D orfstraße nach Schw etzingen neu erstellt
w orden. N ach der Rückgew innung des lin­
ken Rheinufers bildete der Strom die G renze
zw ischen dem K önigreich Bayern und dem
G roßherzogtum Baden. K etsch blieb noch
eine W eile Zollstation. D ie drei Abschnitte
der T ulla’schen R heinkorrektion in unserem
Raum : der „A ngelhöfer D urchstich“, der
„O tterstadter D urchstich“ und der „K etscher
D urchstich“ am K oller w urden in den Jahren
1826— 1833 in A ngriff genom m en40). D er
m ittlere Teil des Regulierungsbereichs betraf
den O tterstad ter G em eindew ald und die di­
rek t an Ketsch vorbeiführende „A ltrhein­
krüm m e“. 1846 w urde der zu r Insel gew or­
dene R heinw alddistrikt, heute bekannt als
K etscher Rheininsel, unter die polizeiliche
und gem arkungsrechtliche O b h u t der G e­
meinde gestellt.
U m die gleiche Z eit etwa löste sich die G e­
meinde durch Z ahlung von hohen Beträgen
aus der Jagdfron und aus d er Zehntpflichtigkeit. D ie A llodifikation der in 44 „G ebäu“
( = Bauäcker, Bauhof — E rbhof — Schreib­
weise in A kten!) zerfallenen E rbhöfe erfor­
derte für die d arau f lastenden G ülten41) die
A blösesumme von 12 328 G ulden 45 K reu­
zer, die von den H ofbauernerben im V er­
hältnis ihres Anteils aufgebracht w erden
mußte. D am it w ar dann auch die endgültige
A uflösung des ursprünglich als unteilbar er­
klärten Fronhofes besiegelt. In den badischen
143
R evolutionsjahren 1848/49 haben sich auch
hier einige Bürger den Freischaren unter
H ecker angeschlossen, die sich nach der ver­
lorenen Schlacht bei W aghäusel vor den
P reußen verstecken m ußten. Zu den M erk­
punkten, welche die E igenart der örtlichen
Entw icklung charakterisieren, zählt die E nt­
stehung der N eugasse vor der M itte des
19. Jahrhunderts. D am it und mit der zw i­
schen 1850 und 1875 einsetzenden O rtser­
w eiterung um die vier R heinstraßen w ar das
Ende des alten S traßendorfes gekom m en.
D ie H äuserzeilen w uchsen von nun an auch
haufenförm ig in die Breite. 1840 lebten 880
E inw ohner im O rt, von denen 850 katholi­
scher, 3 evangelischer und 27 israelitischer
K onfession w aren. Im Jahre 1853 w aren so­
gar 8 israelitische Familien mit 44 Seelen an­
sässig. Ketsch w ird als jüdische U rgem einde
bezeichnet und hatte bis 1938 eine eigene
Synagoge.
W ährend um 1825/33 die ersten D am pf­
schiffe Ketsch passierten, um M itreisende
aufzunehm en, griff die R heinbegradigung
mit der V erlegung der Fähre nach Brühl tief
in die S truktur des D orfes am Strom ein. U r­
alten Berufen, wie die des Schiffsreiters, der
T reidler und G oldw äscher, w urde der Boden
entzogen und die reichen Salm enfanggründe
hörten auf zu bestehen. Ende der 1850er
Jahre w urde unter großen O pfern der G e­
meinde die M ündung der K raich an den K et­
scher A ltrhein verlegt, der Rheindam m (bis
A ltlußheim) ausgebaut, verstärkt und befahr­
bar gem acht.
D ie bescheidenen Verhältnisse in dem klei­
nen finanzschw achen D o rf ließen erst 1705
den Bau eines H irtenhauses42) zu, in dem die
„W interschule“ abgehalten w urde. Ein ei­
gentliches Schulgebäude mit zwei U n ter­
richtsräum en w urde 1839/40 errichtet. Bis
dahin diente das alte G em eindehaus als E r­
satz für das fehlende Schulhaus. In diesem
V orgängeranw esen des Rathauses befand
sich auch die G erichtsstube, ehe 1858 ein
massives, zweistöckiges V erw altungsgebäude
erstellt w erden konnte. 1895 erfolgte schließ­
144
lich die erste Baustufe der heutigen G ru n d ­
schule in d er Schulstraße.
Insgesam t 47 K etscher E inw ohner w aren im
D eutsch-französischen K rieg 1870/71 einge­
zogen. D avon standen 42 im Feldeinsatz. In ­
folge der industriellen Entw icklung im
R h ein-N eckar-R aum stieg die E inw ohner­
zahl auf 1808 an. D er im Familienkreis und
meist neben der Landw irtschaft ausgeübte
Leinew eberberuf mit seiner Spinnstubenat­
m osphäre w ar gerade eingegangen. D afür
brachte das reiche A ngebot an W eidenge­
w ächsen in den R heinauen das für Ketsch
frü h er typische K orbm acherhandw erk her­
vor. Anstelle der einstigen Fähre schwang
sich ab 1890 eine rom antische H olzpfeiler­
brücke über den A ltrhein zum V erlandungs­
sporn der Rheininsel hinüber. Ein recht
denkw ürdiges Ereignis43) stellte sich im Jahre
1896 ein, als durch staatliche V erordnung
die vorher z u r Sondergem arkung O ftersheim
gehörenden Flurbezirke K arl-Ludw ig-See,
G rießhardt, B rühlerhardt, Z entm ayershardt,
Seeäcker, T aläcker in die K etscher G em ar­
kung integriert w urden, w odurch das histo­
risch bedingte schmale K orsett an der
„Taille“ des O rtsgebietes endlich, als eine
A rt von W iedergutm achung, d er an Ein­
bußen reichen V ergangenheit angehörte.
Seitdem um faßt die G em arkungsfläche
1652,46 ha.
Bis 1900 ist der O rt auf 2349 E inw ohner an ­
gewachsen. Zwei M änner aus d er G em einde
sind im gleichen Ja h r bei der N iederw erfung
des Boxeraufstandes in C hina beteiligt. 1904
fällt ein Bürgersohn im dam aligen D eutschSüdwestafrika. 1904/06 w urde die jetzige St.
Sebastianskirche der kathol. K irchenge­
m einde erbaut. M it dem Strom anschluß im
Jahre 1910 erhält Ketsch eine S traßenbahn­
verbindung nach Schw etzingen, die 1938
w ieder eingestellt w ird. V on 1912 bis 1966
besteht eine N ebenbahn über Brühl nach
M annheim -R heinau. Die E rrichtung des
W asserw erks und die V erlegung der ersten
W asserleitungen fallen in die Jahre 1912/14.
Aus dem 1. W eltkrieg kehrten 91 V äter und
Söhne nicht m ehr heim. 1932 kam es zw i­
schen opponierenden Bürgergruppen und
N S-K am pfstaffeln zu einer gefährlichen
Rauferei, die als „K etscher Saalschlacht“
A ufsehen erregte. D er 2. W eltkrieg forderte
un ter der Einw ohnerschaft 177 T o te und
V erm ißte und hinterließ 255 zerstörte oder
beschädigte G ebäude durch Luftangriffe und
A rtilleriebeschuß. Am 30. 3. 1945 w urde
Ketsch nach kurzem G efecht von U S-Streitkräften besetzt.
Staatspolitische G renzfragen, durch die das
G em eindeland von Ketsch vornehm lich ge­
präg t w urde, tauchten erst w ieder 1919 auf,
als die Provinznachbarn westlich der K et­
scher N eurheinstrecke „R heinpfälzer“ und
später „S aarpfälzer“ hießen. D ie G ründung
des Bundeslandes B aden-W ürttem berg 1952
h at an der strom seitigen G renzlage von
Ketsch nichts geändert, nur w erden seitdem
die vom „Talw eg“ geschiedenen U berrheiner
„R heinland-Pfälzer“ genannt. D urch die
Lage am R heinstrom w ird K etsch nicht nur
p erm anent von der Landesgrenze, sondern
auch von der westlichen A ußenlinie des K rei­
ses tangiert. D as w ar schon vor 1924 so, ehe
das Bezirksam t Schw etzingen aufgelöst44)
und mit dem Bezirksam t M annheim verei­
nigt w urde. A uch im 1939 entstandenen
Landkreis M annheim , mit seiner späteren
U nterteilung „Südbezirk“, behielt K etsch sei­
nen westlichen A ußenposten bei. Selbst als
im Ja h r 1973 der großräum igere R hein-N ekkar-K reis geschaffen w urde, blieb der O rt
seiner traditionellen G renzlage am W estrand
des Landes, des Kreises und des Bezirks treu.
Infolge der starken Bautätigkeit nach 1949/50
h at sich der O rtsetter in R ichtung Schw et­
zingen bis zum Saum des K etscher W aldes,
im Süden teilweise schon über die alte G e­
m arkungsscheide vorgeschoben. V on 5032
E inw ohnern im Jahre 1950 schnellte die Be­
völkerungszahl bis 1984 auf 12 245 hoch.
M it dem Z uzug von E vakuierten45), V ertrie­
benen und W ahlbürgern nach dem Kriege
h at sich das konfessionelle V erhältnis auf
60,5% K atholiken, 29,8% Evangelische und
9,6% Sonstige korrigiert. Im Jahre 1956
konnte die evangelische K irchengem einde
ihr G otteshaus einweihen. 626 ausländische
Personen w ohnten Ende 1984 in Ketsch. Das
1962 abgerissene R athaus w urde durch einen
neuen V erw altungsbau ersetzt, d er 1981/82
eine E rw eiterung durch A ngliederung eines
Flügeltraktes erfuhr. Als Beispiele der in der
N achkriegszeit geschaffenen G em eindeein­
richtungen m ögen aufgezählt sein: 1 M eh r­
zw eckhalle (Rheinhalle), 1 Frei- und H allen­
bad,
T otenhalle,
N eu ro tt-H au p tsch u le,
Realschule Brühl-K etsch, G roßkläranlage
Bezirk Schw etzingen, M üllum schlagstation,
Feuerw ehrhalle, G em eindebücherei, N eu ­
rott-S porthalle u.a.
Parallel zum R ückgang der meist ausgesie­
delten Landw irtschaft, der auch die V errin ­
gerung der A nbauflächen von T ab ak und
Spargeln zu r Folge hatte, ist in den letzten
zwei Jah rzeh n ten eine intensiv betriebene Industrieansiedlung zu verzeichnen. D as Be­
rufsbild, welches um 1900/30 von kleinen
und m ittleren Landw irtsbetrieben, von vielen
nebentätigen Z w ergbauern und von meist
ungelernten Fabrikarbeitern geprägt w ar, ist
heutzutage breit gefächert und um faßt ein
solides Spektrum bis hin zu höchsten Ausbil­
dungsstufen.
D ie Sprache des Ketschers ist innerhalb des
R heinfränkischen dem badisch-pfälzischen
M undart-N ah b ereich zuzurechnen. Um die
A usdrucksweise der O rtsbew ohner von
Ketsch auf einen kurzen N en n er zu bringen,
m uß man sie als melodiös und mit den tief
gesprochenen V okalen „a“ ( = M äädle) und
„o“ ( = Borjem önschta) sowie mit dem aus
„o“ gebildeten D oppellaut „o u “ ( = K ouhle)
vorstellen. D ie örtliche E igenart zeigt sich
auch im U m gang mit vielen U z- und Bei­
nam en und in d er E rhaltung einiger m arkan­
ter V olksbräuche, wie beispielsweise O stereierschucken, K erw eabholen- und begraben,
Rübenlichter, K inderspiel „Lubbat“ (Lupus)
u. a. D en M enschenschlag zeichnet ein H an g
zu r G eselligkeit und ein heiterer Lebenssinn
aus. Diese T ugenden m anifestieren sich in ei­
145
nem vielfältigen und regen V ereinsleben und
im sprichw örtlichen Zusam m engehörigkeits­
gefühl. D araus erw ächst die vitale K raft, die
im Schmelztiegel einer zu r G roßkom m une
entfalteten und sich im m er w ieder erneuern­
den D orfgem einschaft, die ureigene W esens­
art bewahrt!
Quellenverzeichnis
') K. W örn, Schw etzingen — lebendige Stadt u. a.
Flußkarte nach M one
2) E berhard Geiser, Am O berrhein, 1960, V erlag
Jaeger, Speyer
3) D r. R ößler, V o rtrag i. G eol.-Paläontol. Institut
H eidelberg
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zirks Schw etzingen
5) Badische Fundberichte
6) E. Brauch, H ockenheim er H eim atbuch (K.
Baum ann, U rgeschichte v. M A, Sprater, G ruber)
7) Franz V olk, O ftersheim — ein D o rf und seine
Geschichte
8) Bad. Fundber., D r. G ropengießer, Reißm useum
M annheim , E inzelbericht m it Zeichnung
9) D r. R ößler, G eol.-Paläont. Institut H eidelberg;
E. Brauch, H ockenheim er H eim atbuch
10) K. Baum ann, U rgesch. v. M annheim u. U m ge­
bung; E. Brauch, H ockenheim — Stadt im Aufund U m bruch; W agner, Funde und Fundstätten in
Baden
*’) Badische Fundberichte, Presseartikel
12) D r. E rnst W agner, Funde und Fundstätten in
Baden, S. 199
13) Badische Fundberichte
14) D r. E. W agner, Funde und Fundstätten in Ba­
den, S. 199
15) K rieger, T opographisches W örterbuch von Ba­
den
16) Prof. C arlo Schm id, Festrede anläßlich der
1200 Jahrfeier von Schw etzingen
17) H erkunftsw örterbuch von D uden
18) Eug. Seyfried, H eim atgeschichte des A m tsbe­
zirks Schw etzingen, S. 290
19) D r. M ax. H uffschm idt, Z G O 5, 207; G ebrüder
Grim m
146
20) M ax K o tte r e r t u. R e k to r in K etsch: O berdt.
Flurnam enbuch
21) W ahrig, W örterbuch
“ ) V erschiedene Lexikas
23) H istor. Atlas von B aden-W ürttem berg; G ru ­
ber, V om O denw ald z u r H a a rd t
24) A uszug aus dem L orscher K odex; M itteilung
Bayer. H auptstaatsarchiv M ünchen
25) Franz X av er Rem ling, U rkundenbuch der Bi­
schöfe von Speyer
26) Eug. Seyfried, H eim atgeschichte des A m tsbe­
zirks Schw etzingen
27) Eug. Seyfried, H eim atgeschichte des A m tsbe­
zirks Schw etzingen
2S) H istor. Atlas von B aden-W ürttem berg; Eug.
Seyfried, H eim atgeschichte des A m tsbezirks
Schw etzingen, S. 96; G ruber, V om O denw ald zur
H a a rd t
29) H eim atatlas von Baden 1935
MP l) Eug. Seyfried, H eim atgeschichte des A m ts­
bezirks Schw etzingen, S. 97/308
32) Eug. Seyfried, dto.; D r. H uffschm idt, Z G O ;
K om m ersbücher
33) Platz und Schulte, M ark g raf Ludwig W ilhelm
von Baden
34) A kten des Gen.Land.-Archivs K arlsruhe: A b­
schrift, M . K otterer, R ektor
35) K irchenbücher der kathol. Pfarrei Ketsch
36) Eug. Seyfried, H eim atgeschichte des A m tsbe­
zirks Schw etzingen
37) A kten d. G en.Land.-A rchivs K arlsruhe
3S) E. B rauch, H ockenheim — Stadt im Auf- und
U m bruch: Bestech. franz. G eneräle — E influß­
reichtum der A bgeordneten der 2. bad. Kam m er,
Joh. G eorg Fuchs; M ündliche M itteilungen v. K.
Familien
39) Badische V eteranenchronik
40) A kten des Gen.Land.-A rchivs K arlsruhe
41) A kten des G en.Land.-A rchivs K arlsruhe; Eug.
Seyfried, Geschichte des A m tsbezirks Schw etzin­
gen
42) Eug. Seyfried, Geschichte der A m tsbezirks
Schw etzingen
43) A kten des Gen.Land.-A rchivs K arlsruhe
44) K arl W örn, Schw etzingen — lebendige S tadt;
E. B rauch, H ockenheim — Stadt im A uf- und
U m bruch
45) Statistischer Jahresbericht 1984, N achrichten­
blatt — A m tsblatt d e r G em einde Ketsch
Das Seckenheimer Ried
und seine Riedgemeinde als Beispiel
einer Weidegenossenschaft in der Rheinaue
Hansjörg Probst, M annheim
Vorbem erkung
W enn w ir an die Geschichte der L andw irt­
schaft in der ehem aligen kurpfälzischen
Rheinebene denken, m achen w ir uns meist
ein zu einfaches Bild, indem w ir stillschwei­
gend voraussetzen, daß hier der Ackerbau
seit jeher vorgeherrscht habe. In W irklichkeit
ist diese Erscheinung erst relativ jungen D a­
tum s: das Ü bergew icht des A ckerbaus, vor
allem des Anbaus von H andelsgew ächsen
wie T abak, H opfen und M ais, ist eine Folge
der Intensivierung der L andw irtschaft, die
sich in der Ü berw indung der D reifelderdurch die Fruchtw echselw irtschaft in den
Jahrzehnten um 1800 vollzog. Erst damals
w urden die um fangreichen W iesen- und
W eideflächen — besonders in der T alaue des
Rheins — und große Teile des W eidewaldes
gerodet und unter den Pflug genom m en: die
in fast allen G em arkungen anzutreffenden
„N e u ro tt“stücke.
W ie zahlreiche Flurnam en erweisen (allein
auf Seckenheim er und N eckarauer G em ar­
kung über 40), hatte in den Jahrhunderten
des M ittelalters und der frühen N euzeit in
unserer G egend die V iehzucht eine ebenso
große B edeutung wie der A ckerbau, ja man
kann im Bereich der T alaue des Rheins und
des N eckardeltas geradezu von einer G rü n ­
landw irtschaft sprechen, w enn m an von den
A uw äldern im Ü berschw em m ungsbereich
absieht. So haben alle G em arkungen der al­
ten O rtschaften in der vordersten Reihe links
und rechts des Rheins an beiden L and­
schaftsform en Anteil: der O rtsetter liegt auf
d er N iederterrasse (Ausnahmen sind N ek-
karau und M annheim ), in d er Z one des vor­
w iegenden A ckerbaus, w ährend die G em ar­
kung im m er auch das Ried um faßt, den Be­
reich der vorherrschenden W eidew irtschaft.
So ist es linksrheinisch bei Speyer, O tte r­
stadt, W alzheim /W aldsee, N euhofen, Rhein­
gönheim und rechtsrheinisch bei Hockenheim ,
Ketsch, Schwetzingen, Brühl-Rohrheim /-hof,
Edingen und Seckenheim. M anchmal ist sogar
das jeweilige Ried von der H auptgem arkung
räumlich getrennt wie bei Schwetzingen und
Edingen. Auf G rund einer guten Quellenlage
ist die Geschichte des Seckenheimer Riedes
darzustellen, die für die A rt der Riedbewirt­
schaftung exemplarisch sein dürfte für ähnlich
strukturierte Gemeinden, darunter auch
Schwetzingen.
D ie topographischen Verhältnisse und
Rheindurchbruch von 1590
der
Die überdurchschnittlich große Seckenheimer
Altgemarkung (rund 3000 ha) reichte vom
N eckar gegenüber Ilvesheim bis an den Rhein
gegenüber Neuhofen. Sie umfaßte somit nicht
nur Ackerland auf dem Neckarschwemmkegel
und einen großen Bereich der bewaldeten D ü­
nenlandschaft der Niederterrasse, sondern
auch einen beachtlichen Teil des Riedes von
rund 950— 1000 M orgen (300 — 320 ha). Das
gesamte Seckenheimer Ried w ar durch den
„Sandrain“, der gegenüber dem „Altriper
Eck“, einer spitzwinkligen gefährlichen Rhein­
kehre, den „Sandberg“ bildete, scharf von der
übrigen Gem arkung gesondert; es reichte über
147
„Ausschnitt aus der Karte
des Rheinlaufs v o n 1580“
Diese alte Rheinkarte (G LA
77/5713) ist ein Produkt der
regelmäßigen Rheinbefah­
rungen. D er Ausschnitt
zeigt: die Ortschaften
Walzheim/Waldsee, N eu ­
hofen und A ltrip m it der
großen Rheinschlinge um
„das Seckheimer R h ie t“. A n
dem zum R ied gehörigen
Inseln Großer und K leiner
Eiserwörth (Äußer-) ist ein
„Salmen g rundt“verzeich­
net, bei A ltrip der R hein­
übergang, „das fh a r“.
W eiher, G räben und Seitenarme hinweg bis
zum offenen Strom, der das hintere Seckenheimer Ried in einer immer enger werdenden
Schlinge von Süden kommend westlich und
nördlich beinahe vollständig umfloß. N u r ge­
gen Rohrhof zu setzte sich das Ried ohne na­
türliche Begrenzung nach Süden hin fort.
Dieses gesamte Ried zerfiel in drei ungleiche
Teile: das obere, das vordere und das hintere
Ried, vom Seckenheimer O rtsetter aus gese­
hen. In unserem Zusam menhang interessiert
das hintere Ried, das bis ins ausgehende 19.
Jahrhundert, als es schon lange links des Rhei­
nes lag und schon 100 Jahre nicht m ehr zu
Seckenheim gehörte, als „Seckenheimer Ried“
bezeichnet wurde. Es hatte ursprünglich also
die Gestalt einer Halbinsel von rund 550 M or­
gen Umfang, bis ein wahrscheinlich künstlich
herbeigeführter Rheindurchbruch im letzten
Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts diesen w ert­
vollsten hinteren Teil des Riedes auf die linke
Rheinseite versetzte. Ü ber das genaue D atum
dieses spektakulären Ereignisses sind wir zwar
nicht unterrichtet, wohl aber über seinen Ab­
lauf. D er Pfälzer K urfürst ließ in unregelmäßi­
gem Abstand Rheinbefahrungen von Selz bis
148
Caub durchführen, um seine Hoheitsrechte
über den Rhein festzustellen und V eränderun­
gen am Strom aufzunehmen. Ü ber diese
Rheinbefahrungen wurden Protokolle verfer­
tigt. Im Protokoll von 1575 heißt es vom Sekkenheimer Ried: „Vnden baß (mehr) herab
ufm Seckenheimer Ried gegenüber N euhöfer
w erth Ist der Rhein so nahe beyeinnand, daz
man darfür halt, daß er diß jarß wol zusamen
zubringen, dieweil der Platz darzwischen über
70 Ruten (290 m) nit braidt; durch solches
w ürde nit allein die beide gemeinden
Newhof(en) vnd Altrip bey Iren gütern vnd
gem arkungen verbleiben, sondern es würde
auch die grasse (starke) Krümme deß Rheins
abgeschafft vnd ein herrlich groß Altwasser.
D ann der Rhein, wie er Jetzt ist vnd fleusst
(fließt), In N ew hofer feldern merklichen scha­
den thut, vnd nach außgang derselben gemarkung durch Altrip . . . vnd alßdan dem D orf
N eckerauw, Schloß vnd dorf M anheim vnd
Rheinhausen großen schaden zufügt . . ( 7 7 /
5712)
D a die G efahr eines unkontrollierten D urch­
bruchs zu groß erschien, empfahl die Rhein­
kommission im Jahre 1580 die D urchschro­
tung der 290 m. D er D urchbruch muß dann
zwischen den Befahrungen von 1580 und 1590
geschehen sein; denn 1590 w urde festgestellt:
.. Vorbemeltes Seckenheimer riedt ist nun­
m ehr an dem ort, wie in voriger alten Beschrei­
bung angedeutet w orden, durchgebrochen,
also daz der volle Rhein seinen lauf stracks
durch hat; vnd gibt die Krümme nunm ehr ein
herrlich gut altwasser . . ( 7 7 / 5 7 1 1 S. 43)
U m auf den abgetrennten Gemarkungsteil zu
kommen, w urde den Seckenheimern eine
Fähre, „das Seckenheimer Riedt fahr“
(77/5711 S. 124 v. 1607), genehmigt, die dem
lokalen V erkehr diente und vom Riedschütz
betrieben wurde. Im 30jährigen Krieg w urde
sie weggeschleppt. N ach der Schwedenzeit
w urde die Riedfähre wieder hergestellt, von
der es 1636 heißt: „H anß Göllner (der Alt­
schultheiß) hat 6 fl zu dem Fahr nach Riedt
gelihen“ (StA M a, Abschrift aus dem verlore­
nen W ehrbuch).
Die alte Gemarkungsgrenze — nunm ehr im
V erlauf des neuentstandenen Altrheins —
blieb erhalten bis zum U ntergang der Kurpfalz
in den Revolutionskriegen; mit der Abtretung
des
linken
Rheinufers
an
Frankreich
1797/1801 gingen auch die linksrheinischen
Gemarkungsteile rechtsrheinischer Gemeinden
verloren: die M annheim er Rheinschanze und
das Seckenheimer hintere Ried. Die Gemar­
kungshoheit über das letztere fiel an Altrip.
Herrschafts- und Rechtsverhältnisse auf dem
hinteren Ried
D er älteste greifbare Rechtstitel ist die Lehns­
herrschaft des Bischofs von Speyer über das
hintere Ried, die wahrscheinlich vom König
als dem H errn des Rheines stammte. Die Bi­
schöfe verlehnten das Ried an den Adel, seit
dem ausgehenden 14. Jahrhundert an die Jun­
ker von Handschuhsheim. In 22 Belehnungs­
urkunden, die aus den Jahren 1405 bis 1589
(GLA 183 und 184) erhalten sind, w ird den
H erren von Handschuhsheim die niedere G e­
richtsbarkeit über das hintere Ried verlehnt
und das Recht auf G ült und Fischfang. 1479
w ird das Lehen um „den Salmengrund“ und
„den golt grünt“ — Lachsfang und G oldw ä­
scherei erweitert (GLA, 183, 1479, Feb. 2.).
Dieses Lehnsverhältnis ist älter als die pfälzi­
sche H errschaft, denn die Pfalz versuchte am
Rhein, alle konkurrierenden H oheitsrechte zu
verdrängen.
Die Junker von Handschuhsheim ihrerseits ga­
ben das Lehen an die Seckenheimer H ubge­
nossenschaft oder Riedgemeinde weiter; doch
umfaßte dieses Lehen offensichtlich nur einen
Teil des hinteren Riedes, das nach den V er­
messungen 1685 (GLA 43/233/1685 Sept. 29)
und 1779 (GLA 229/96615) folgendermaßen
aufgeteilt war:
226 M orgen 3 Viertel und 17 Ruten
Seckenheimer Privateigentum,
87 M orgen
und 18 Ruten
Allmend im Besitz des Riedschützen und
207 M orgen 2 Viertel und 39 Ruten
den „48 Stämmen der H interen Riedtgemeinde von Seckenheim.“
Das ganze Ried umfaßte also am Ende des 18.
Jahrhunderts 521 M orgen 2 Viertel und 34
Ruten neuen Maßes. Die 87 M Allmend und
die 221 M Einzeleigentum waren von Lehns­
ansprüchen frei. D arüber hinaus scheint die
„Riedgemeinde der 48 H übner oder Stämme“
auch gegenüber den Lehnsherren ein älteres
Recht gehabt zu haben; denn eine der frühe­
sten U rkunden zur Seckenheimer Geschichte
überhaupt ist ein Urteil des Hubgerichts aus
dem Jahre 1274, das in seinem T en o r auf ei­
nen noch früheren Urteilsspruch desselben G e­
richts verweist. D urch diesen angezogenen
Spruch hatte das Kloster Schönau Ländereien
im Bereich des hinteren Riedes und damit un­
ter der Gerichtsbarkeit des Hubgerichts, die
ihm offenkundig lästig war, gegen Wiesen im
vorderen Ried getauscht. Recht sprachen die
„mansionarii in Sickenheim — die H ubgenos­
sen in Seckenheim“ unter dem V orsitz ihres
Schultheißen Diemar. Ein Lehnsherr w ar ent­
gegen den Vorschriften des 200 Jahre jünge­
ren Weistums von 1481 damals nicht beteiligt.
Offensichtlich w aren also im 13. Jahrhundert
149
0_______ 1________ 1________3_______ 4 km
Karten des alten und neuen Zustandes
noch viele ältere gemeindliche und genossen­
schaftliche Rechtsverhältnisse von der Feudali­
sierung frei. Auf diese wichtige und bisher zu
wenig beachtete Tatsache (vgl. auch die For­
schungen von Blickle) verweist auch das auf­
fällige Vorgehen der Pfalzgrafen, die sich bei
150
ihrer territorialen Ausbreitung im unteren
N eckarraum gerade im 13. Jahrhundert in er­
ster Linie der dörflichen Amtsträger wie Schult­
heißen und Gerichte bedienen. Diese erschei­
nen als Partner und Zeugen von Rechtsge­
schäften. W eitere Hinweise auf das hohe Al­
ter, ja die Ursprünglichkeit der Seckenheimer
Riedgemeinde liegen einmal in der Bezeich­
nung „die Seckenheimer“ wenn von der Ried­
gemeinde die Rede ist, und zum anderen im
D atum des Richtspruchs: das H ubgericht tagte
damals am St. Veitstag, dem 15. 6. 1274: N ach
dem Weistum von 1481 hatte das Gericht all­
jährlich am Mittwoch nach Pfingsten zu tagen.
Schließlich zeigt sich die Schwäche der Lehns­
herrschaft über das Seckenheimer Ried auch
darin, daß nach dem Aussterben der H andschuhsheimer im Jahre 1599 keine Belehnung
m ehr durch den Speyerer Bischof stattfand.
Die Riedgemeinde zahlte lediglich „alljährlich
auf St. Lucastag (18. O ktober) einen gewissen
grundtzinß“ (GLA 229/56570) an den Bischof
von Speyer, der 1620 20 Pfennige betrug, w o­
bei allerdings unklar ist, ob jeder der 48 H üb­
ner diesen Betrag zahlte oder die Riedge­
meinde insgesamt (GLA 66/7975).
Die Hubgenossenschaft selbst w urde ur­
sprünglich von H übnern gebildet, die jeweils
einem Los oder Stamm entsprachen. Später
konnte ein Stamm von mehreren Personen
oder mehrere Lose von einer Person gehalten
werden. An der Spitze der Riedgemeinde
stand der Riedschultheiß oder -Bürgermeister,
der die Lose vergab und dem H ubgericht vor­
saß. Die Polizei- und Aufsichtsgewalt hatte
der Riedschütz, der auf dem Ried im Riedhof
— heute der „alte R iedhof“ auf A ltriper G e­
m arkung — wohnte und dem neben seinem Los
in der Riedgemeinde die 87 M orgen Allmende
zustanden. Riedschultheiß und Riedschütz
hatten auch Aufsichts- und Weisungsbefugnis
gegenüber den privaten G rundbesitzern auf
dem hinteren Ried, so daß man geradezu von
einer Gemeinde in der Gemeinde sprechen
kann. Zwei Listen der 48 Stämme sind erhal­
ten; die ältere stammt aus dem Jahre 1705, die
jüngere von 1786 (STA M a N achlaß Wolber).
Zwischen 1705 und 1786 sind nur fünf Lose in
derselben Familie geblieben, nämlich die
N um m ern 4, 5, 17, 19 und 44.
D as Hubweistum vom 12. Mai 1481
Dieses Weistum ist 1979 von Karl Kollnig in
„Die W eistümer der Kirchheimer Z ent“ unter
der N um m er 202 auf Seite 233 abgedruckt
worden. Diese textkritische Ausgabe beruht
auf drei erhaltenen Abschriften des Weistums,
die in den Seckenheimer O rtsakten des G ene­
rallandesarchivs vorliegen. Die älteste Ab­
schrift stammt aus dem Jahre
1627
(229/22495). In ihr ist die altertümliche
Sprachgestalt des 15. Jahrhunderts an einigen
Stellen verderbt, wie ein Vergleich mit dem im
Original erhaltenen Edinger Hubweistum von
1484 ergibt. Dieses Edinger W eistum gibt auch
inhaltlich ergänzenden Einblick (Kollnig,
a .a.O . Nr. 34, S. 55ff.).
1) Gebot und Verbot
[1.] Eß w eißet der hübner zue Seckhenheimb
uff der Grüben die junkern von H endtschüßheim faute und herren mit gebott und verbott
in dem Seckhenheimer Riedt. U nd w aß da gefrevelt würd, das haben die junkern zu straffen
ohne totschläg, die gehören unserem gnädig­
sten churfürsten und herren zu.
D ie W eisung (Rechtsspruch) des Hubgerichts
geschieht „auf der G rube zu Seckenheim“.
D am it ist der tiefliegende Anger — die heuti­
gen „Planken“ gemeint, die ursprünglich einen
alten N eckararm darstellen, was ihre unge­
wöhnliche Breite erklärt. In diesem trockenge­
fallenen Flußarm stand auch das „Spielhaus“
(1463), das spätere Rathaus, wahrscheinlich
ein Fachwerkbau mit offenem Untergeschoß,
zwischen den einzelnen Ortsteilen, die auf
Neckarinseln lagen, z. B. der „W örth“, der
wegen seiner langgestreckten Form H unsrück
genannt w urde und noch wird. In der Arena
der trockenen G rube konnte die Versammlung
der 48 H übner bequem abgehalten werden.
Die immer wieder bei H ochw asser von der
Schachtel her überschwemmte G rube w ar da­
durch häufig mit U nrat gefüllt, was noch im
18. Jahrhundert beklagt wurde. Erst mit dem
Bau der Chaussee H eidelberg-M annheim, die
an dieser Stelle durch Seckenheim führte,
151
( if'O M i i f f b O I , ,
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■t-M.
Riedkarte aus dem Jahre 1782 (G LA H/Seckenheim 4). Deutlich zu erkennen ist das Eigentum der 48 und die
privaten Wiesen. Auch die N utzung ist ablesbar: W iesenland innerhalb und A uw älder außerhalb der Deiche.
Die Karte ist gesüdet.
w urde die Grube endgültig trockengelegt, in­
dem man sie mit Kies auffüllte. D er H übner
meint hier nicht einen einzelnen Hubgenossen,
sondern das Hubgericht; weisen heißt Recht
sprechen oder das Recht verkünden. Das G e­
w ohnheitsrecht der W eistümer w urde jedes
Jahr auf dem H ubgericht öffentlich vorgelesen
und neu beschworen. Die Junker von H an d ­
schuhsheim hatten die niedere Gerichtsbarkeit
„G ebot und V erbot“ ; sie hatten die „Frevel“
— geringere Vergehen zu bestrafen. Die Kapi­
talgerichtsbarkeit stand dem Landesherren zu.
Dessen Bezeichnung als K urfürst zeigt übri­
gens, daß das Weistum beim jährlichen Lesen
modernisiert w urde; denn im 15. Jahrhundert
w ar die gängige Bezeichnung des Pfälzer Lan­
desherrn H erzog oder Pfalzgraf oder einfach
gnädiger H err.
2) Dingpflicht
[2.] Item es soll ein jeglicher hübner gehorsam
sein ongepotten uf mitwoch nach dem h.
152
Pfingstag alten calenders zu sein uff der G ru­
ben zu Seckhenheim. T u t er daß nit, so hat er
ein wayd verloren, daß ist fünfthalb untz fünf
alb. fünf d. D aß w ürd dem herren des gerichts.
A uch d er H inw eis auf den alten K alender ist
ein Zeugnis für die M odernisierung des T ex ­
tes; denn die K alenderreform durch Papst
G reg o r X III. geschah im Jahre 1582, w ar
aber von der reform ierten Pfalz nicht einge­
führt w orden. Die E inführung erfolgte erst,
nachdem die Pfalz im 30jährigen Krieg an
Bayern gefallen w ar; nach 1650 w urde sie
w ieder rückgängig gem acht. U ngebotenes
Erscheinen bedeutet, daß die H ü b n er ohne
besondere A ufforderung zum G erichtstag er­
scheinen müssen, auf dem alle Frevel geahn­
det w erden, die im Lauf eines Jahres auf dem
Ried vorgekom m en sind. Erscheint einer
nicht, dann hat er den H erren des Gerichts,
den Junkern von H andschuhsheim , eine
G eldstrafe von 4 V 2 U nzen (die fünfte halb)
o d er 5 Albus o d er 5 D enare-P fennige zu
zahlen. In diesen altertüm lichen Angaben h a­
ben w ir auch einen Beweis, daß die m ündli­
che Ü berlieferung des W eistums über das 13.
Ja h rh u n d ert hinaus reichen m uß; denn eine
U nze w ar der 8. T eil einer K ölner M ark von
220 gr ungem ünztem Silber, hatte also 26 gr
Bruchsilber. D as Rechnen mit ungem ünztem
Silber nach G ew icht herrschte in unserem
Raum um 1100 vor. D er Albus oder
W eiß(Silber)pfennig w ar eine M ünze aus
dem 14. Jahrhundert, als sich der Rheinische
G ulden als die gem einsame W ährung der
vier rheinischen K urfürsten durchgesetzt
hatte in folgender Stückelung: 1 fl = 15 Bat­
zen = 26 alb, eine zw eite häufige Stücke­
lung des G uldens w ar: 1 fl = 20 Schilling/ß
= 240 D enare/d(P fennige). Es ist also leicht
erkenntlich, daß 1 alb fast zehnm al soviel
w ar wie 1 d. Dasselbe gilt für das V erhältnis
U nze zu Albus. D as bedeutet, daß schon im
15. Jahrh u n d ert eine große reale V erm inde­
rung der A bgaben eingetreten w ar, da man
nicht um rechnete, sondern die absoluten
Zahlen eingehalten w urden.
3) Wiesenzinsen
[3.] Item hat einer ein m annßm at w iesen, das
zinst einen heller, zw ey auch einen heller, so
sie in einer hand seint, drey m annßm at zwen
heller, vier m annßm at auch zw en heller. U nd
w er sein zinß nit gibt uff obgenannten tag bei
dem claren Sonnenscheinen, der hat daß graß
verloren ohn der herren gnad daß jahrs.
K om bt er in dem ändern jah r und bringt sei­
nen zw eyfeltigen zinß vor gericht, so kom bt
er seinem graß und boden zu hülf. T u t er
daß aber nit, so hat er daß graß aber verloren
ohne der herren gnad. K om bt er an dem d rit­
ten jah r und pringt seinen dreyfeltigen zinß
v o r gericht, so kom bt er seinem graß und bo­
den zu hülf. T u t er daß nit, so hat er daß
graß und boden m iteinander verloren und
w ürd den herren des gerichts.
D er H eller w ar der Pfennig der M ünzstätte
Schwäbisch H all und w urde ebenfalls nach
P funden gerechnet. D ie H ellerw ährung w ar
im 15. Jah rh u n d ert die gängigste, doch w ar
der W ert des H ellers so gesunken, daß man
ihn nur noch als die H älfte des Pfennigs an ­
sah. Es galt die Stückelung: 1 P fund H eller
= 20 ß hlr = 240 hlr. 1 R heinischer G ulden
entsprach also 2 Pfd hlr. N ach der Reichs­
m ünzordnung von 1563 galt 1 Reichstaler =
1 fl = 15 Batzen = 60 K re u ze r/x = 240 d
= 480 hlr. D araus ergibt sich der geringe
W ert des W iesenzinses im 17. Jah rh u n d ert
W iesen w urden in M annsm ahd gemessen =
was ein M ann am M o rg en /T a g mäht.
Eine M annsm ahd w ar rund 1 V 2 M orgen
also rund 45 ar. Für knapp einen ha W iesen
m ußte ein H eller und für 2 ha W iesen 2 H el­
ler Zins gezahlt w erden: eine lächerliche
Summe. D er Zins w ar am G erichtstag bei
Tageslicht fällig. Bei Z ahlungsverzug verliert
der H ü b n er sein H eu , es sei denn die H erren
lassen G nade walten. Bei dreim aligem V er­
zug verliert er seinen Stamm und scheidet
dam it aus der H ubgenossenschaft aus.
4 und 5) Erbschilling und Allmendrecht.
[4.] W elche güeter sich veränderen, der gibt
ein jedw eiderer erb drey Schilling heller,
auch w elcher gelobt auch drei Schilling hel­
ler, die hören zu dem hübner.
[5.] A uch w an man die almen außgeben will,
so soll man keinem geben, er habe dann ein
m annßm at wiesen in der allmen und habe ein
jah r zu Seckhenheim rauch gehalten. Item
geben sie keinem priester o d er wittib nichts
in der allmen.
Z uerst ist hier die V eränderung der G üter
durch T odesfall gem eint: Jed er Erbe hat drei
Schilling H eller: 3 ß hlr = 36 hlr für den
Stamm zu zahlen. Das gilt auch für ander­
weitig neu Eintretende, die beim E intritt ein
Gelöbnis zu leisten haben. D ie H ubanteile
können sow ohl vererbt, als auch verkauft
und gekauft w erden. D er Eintrittsschilling
fällt dem H ubgericht zu. D ie A llm endgüter
im hinteren Ried, die im U m fang von 87
M orgen in späterer Zeit dem Riedschützen
zustanden, konnten damals n u r Seckenhei153
m er Bürger (Rauch halten heißt einen H au s­
halt führen) erhalten, w enn sie schon m inde­
stens eine M annsm ahd W iesen in der R ied­
allmend hatten. D as zeigt, daß die R iedge­
m einde die O berhoheit über das ganze Ried
hatte. Priester, das heißt der P farrer und die
Frühm esser, dürfen über ihre P fründen hin­
aus keine w eiteren A llm endgüter bew irt­
schaften, ebensow enig W itw en über ihren
privaten Besitz hinaus.
6) Fischfang
[6.] Item w eiset der hübner die obgenante
junkern, daß die recht haben in der fischerey
und salm engrund. Item hat der allm ender
recht, uff den salm engrund zu fahren und zu
fischen von dem Pfingstabend an biß uff den
Pfingstag zu mitag. U nd sollen die salmenzieger darzu helfen und ihre garnen und
zeug darzu leyhen.
Auch das Fischereirecht auf dem Rhein w ar
hierarchisch gegliedert. Die Störe als die
wertvollsten Fische standen ausnahmslos
dem P falzgrafen als dem „H errn des R hei­
nes“ zu, ebenso ein G roßteil der Salmen oder
Lachse. D ieser wertvolle Fisch, der den
Rhein Ja h r für Ja h r sehr zahlreich zum Lai­
chen aufsuchte, fand sich zu H u n d erten an
flachen, mit Sand- und Kiesbänken besetzten
G leithängen der Rheinschlingen ein, um dort
im sonnendurchw ärm ten, glasklaren, ru h i­
gen W asser abzulaichen. D as Seckenheim er
Ried auf der Innenseite einer großen R hein­
schlinge hatte einen kilom eterlangen Salm en­
grund. Das Recht, hier Lachse zu fischen,
stand den Junkern erst seit der Belehnung
von 1479 zu. D er Fang der einfacheren Fi­
sche w ar den Fischerzünften von Altrip und
M annheim verpachtet, die ihre Fänge ver­
m arkteten. Die Junker von H andschuhsheim
nahm en dieses w ertvollste und einträglichste
R echt auf dem hinteren Ried — denn von
der V iehzucht der H ubgenossen hatten sie ja
nu r minimale E rträge — durch einen o der
m ehrere Fischer, die Salm enzieher, w ahr, die
in der Saison auf dem Ried in der „Salmenhü tte“ (auch ein Flurnam e) lebten, in der die
Fische hauptsächlich geräuchert w urden. Das
ältere R echt der Riedgem einde — d er All­
m ender — kom m t darin zum A usdruck, daß
sie in der Laichsaison eine N ach t und einen
halben T ag (von Pfingstabend bis Pfingstm ittag) fischen dürfen und die junkerlichen Sal­
m enzieher ihnen (Jazu „Zeug und G arn “ —
Boote und N etze leihen müssen. Im E dinger
Ried ist das Fischereirecht der H ü b n er in der
W eise begrenzt, daß sie so viele Fische fan­
gen dürfen, wie sie mit ihrem Gesinde und
ein bis zwei geladenen N achbarn bei einem
M ahl verzehren können, aber n u r dann,
w enn das R heinhochw asser ihre W iesen
überschwemmt.
7) Der Riedschütz und seine Rechte
[7.] Item w eißet der hübner, daß die herren
des gerichtes m ögen die schützen in daß ob­
genant Ried mit wissen und willen des hübners und der hübner, auch mit wissen und
willen der junkern dingen. U nd ist d er schüt­
zen lohn von einem außm ann von einem je­
den pferd ein heller, so oft er auß dem R iedt
fährt. U n d die schützen sollen den w eg alß
g ut halten von den legerstatt an biß an den
Rhein. Füget einem, d er darauß fährt, der
mag sein gabel in den w agen stoßen. U n d ge­
schehe einem schaden des weges halber, den
schaden sollen die schützen auszurichten
schuldig sein dem , so der schaden weges hal­
ber w iderfährt.
Die Ju n k er von H andschuhsheim und der
Riedschultheiß als das H ubgericht stellen
Luftaufnahm e des hinteren Riedes, heute Altriper Gemarkung. Immer noch sind der R hein la u f (Neuhofer A lt­
rhein), die ehemalige Insel Eiserwerth (Äußerer W örth von Seckenheim aus gesehen), der Krappen und die
Längsteilung des Riedes durch die große Kehle zwischen der Riedgemeinde und den privaten Grundstücken
ZU erkennen.
(F o to v. A lbrecht B rugger, Freigabe: In n enm inisterium BW N r. 2 /2 7 6 5 2 , aus A ltrip, P o rträ t eines D orfes, 1970, S. 253).
154
155
den Schützen an, und zw ar gleichberechtigt,
so daß keiner ohne den anderen rechtsgültig
handeln kann. Ein Ausmann ist ein G rundbe­
sitzer, der nicht zur Riedgem einde gehörte,
aber auf dem hinteren Ried G rundstücke
hatte. D a die H älfte des Riedes in Privatbe­
sitz w ar, gab es nicht wenige A usleute, w o­
durch der R iedschütz nicht unbeträchtliche
Einnahm en hatte. V on diesen G ebühren
m ußte er den H auptw eg von seiner „Leger­
statt“ = Schlafstelle = R iedhof am Anfang
des hinteren Riedes bis zum Rhein unterhal­
ten (vgl. Abbildung 2 und 3 N r. 3). D er W eg­
benutzer darf seinen H euw agen voll laden =
Gabel in den W agen stoßen, weil nichts
m ehr darauf geht. Erleidet er Schaden wegen
Schlaglöchern od er sonstigen W egeschäden,
dann muß der Schütz für den Schaden aufkom m en und darf nicht sagen; hättest du
nicht voll geladen, dann w äre der W agen
nicht gekippt o der die Achse gebrochen.
8 und 9) Brückenbau und -Unterhaltung,
Pflege der Gräben
[8.] Item w eißet der hübner, w ere es not oder
will man es haben, so sollen der brücken drei
sein. U nd die mittelste bruck solle sein zw ölf
schuhe w eit zwischen den bändriem en und
außw endig den bändriem en uff jeglicher sei­
ten zw en schuhe, daß ist zusam m en sech­
zehn schuhe, und die andere zw o brücken
soll jegliche acht schuhe w eit sein zwischen
den bändriem en und außw endig den bendriem en uff jeglicher seiten zw en schuhe, das
ist zusam m en zw ölf schuhe. U nd sollen die
H erren von Schönau die brücken alle drey
im bau halten. U nd w enn sie holz darzu fuh­
ren, sollen die schützen ihnen das helfen la­
den, ob sie das begehren und ihnen darzu
ruffent. D arum b haben sie von Schönau, daß
ihre hoffleut frey auß und in daß obgenant
R iedt fahren des schützenlohnß halber.
[9.] Item sollen die herren von Schönau den
obern graben halten und die schützen den
undern.
D er H auptw eg ins hintere Ried führte über
156
drei G räben o der W asserarm e, von denen
d er M ühlgraben und die Kehle nam entlich
überliefert sind. D ie Brücken über die G rä­
ben m ußten von den M önchen des Klosters
Schönau errichtet und unterhalten w erden.
D as K loster, nach der R eform ation die
Pflege Schönau, w ar E igentüm er des großen
H ofgutes R o hrhof und besaß um fangreichen
G rundbesitz im vorderen und oberen Ried
sowie im Seckenheim er W ald: Flurname
„M ünchw älder“. W ie oben bem erkt, hatte
das K loster vor 1274 auch G rundeigentum
im hinteren Ried. V on diesem ehemaligen
und dem aktuellen G rundbesitz her rührte
die Baupflicht des Klosters an den Brücken.
D ie Breite der Brücken w ar festgelegt und
durch Seile (bändriem en) m arkiert, so daß
die Baupflichtigen sich nicht durch Fußstege
aus der Pflicht stehlen konnten. D ie R ied­
schützen w aren verpflichtet, bei der Bau­
h o lzzu fu h r zu den Brücken zu helfen, wenn
ihre H ilfe angefordert w urde. Das H o lz kam
aus den A uw äldern auf dem Eiserw örth. D a ­
für sind die H ofleute = P äch ter des K loster­
gutes R ohrhof, gebührenfrei, w enn sie aus
dem Ried ausfahren. Die U nterhaltung der
G räben w ar auf die Riedgem einde und das
K loster Schönau aufgeteilt. D aru n ter ver­
stand m an das Freihalten der G räben von Be­
wuchs und V erschlam m ung, dam it das W as­
ser abfließen konnte und die W iesen nicht
versauerten; diese A rbeit w ar Sache des ge­
nannten Seegräbers.
10) Mißbrauch des Weiderechts
[10] Item w ießen sie, daß die einung seye ein
anlauf bey tag zw en Schilling heller, ein m ut­
willig zehn Schilling heller [bei nacht fü n fze­
hen Schilling heller]. U n d soll m an die pfand
gehn Seckhenheim treiben. U nd funden die
herren des gerichts o der ihre knecht etwaß
zu schaden gehen, dieselbe pfand sollen sie
auch gehn Seckhenheim treiben und die ver­
trinken mit dem allm ender vor die obgem elte
einung und nit höher und sonst nirgend an ­
derst.
Einung bedeutet V ertrag oder Regelung; ein
A nlauf ist das Ü berschreiten der W eidegrenzen durch das Vieh. D ieser W eidem ißbrauch
ist ein Frevel, der mit 2 ß oder 24 hlr geahn­
d et w ird, w enn er bei T ag vorkom m t, mit 10
ß o der 120 hlr, w enn er mit Absicht gesche­
hen ist, und mit 15 ß oder 180 hlr, w enn er
bei N ach t entdeckt w ird; denn dann nimmt
man an, daß besondere Absicht dahinter­
steckt. Das V ieh w ird als Pfand einbehalten
und nach Seckenheim getrieben. Diese M ühe
w ird dem G ericht und seinen K nechten mit
einem T rinkgeld vergütet, das jedoch die
H ö h e der Strafe nicht übersteigen darf.
11) Nutzungsanteil am R ied im H inblick a u f
die Verköstigung am Gerichtstag.
[11.] Item w ürd etw aß in dem obgenannten
R iedt außzugeben, w ann dann die herren
deß gerichts ein teil nem men, so seint die an­
dere teil alle gleich frey, die uff daß mal außgeben w erden. N em m en sie aber kein teil, so
gibt jeglich teil alß andere güter im Ried, wie
obgeschrieben stehet, von den zinßen. Sol­
ches stehet zu der herren willen. U nd die teylung gehört, w er seßhaft zu Seckhenheim.
U nd soll daß geschehen mit der obgenannten
herren wissen und willen.
Diese Stelle ist w ohl verderbt; es hilft auch
hier ein Blick auf das E dinger W eistum. E t­
was ausgeben heißt wie heute auch noch, je­
m anden mit Speis und T ra n k freihalten. G e­
m eint ist dam it die Sitte, am G erichtstag die
fällige V erköstigung gem einsam einzuneh­
men. W enn die Junker teilnehm en, sind alle
Stämme von ihnen freizuhalten; nehm en sie
nicht teil, w erden die K osten nach M aßgabe
der Zinsen, die ein jeder Stamm zahlt, auf
alle umgelegt. Die Junker können darüber
befinden, wie jedesm al zu verfahren ist. T eil­
nehm en darf, w er in Seckhenheim w ohnt.
12) Weiderecht fü r die Pferde während des
Heuladens.
[12.] U nd w er in die allmend fährt heu h o ­
len, h at er sechs pferd, der mag vier außsto-
sen und lassen w eyden. H a t er vier pferd, der
mag zw ey außstosen und soll vor sich laden
ongeferlich. U n d w enn er kom pt zu dem hindersten häufen, den er auf daßm al laden will,
soll er die pferd alle w ieder einspannen / :Ist
vor etlich jahren dieser böser gebrauch von
dem schultheissen und ganzen hübner abge­
stellt w orden, das keiner m ehr fug und
m acht hat, sein pferd außzustosen o der solle
sie an den w agen o der einen baum anbinden,
dam it keinem ander schaden g eschehe:/ und
hinw egfahren.
W enn einer mit zwei o der drei G espannen
(W agen) ins H eu fährt, d arf er ein o der zwei
G espanne abwechselnd w eiden lassen, w äh­
rend er jeweils einen W agen belädt, und
zw ar bis zum letzten H euhaufen, den er
noch laden kann. D ann soll er die Pferde
w ieder einspannen und nach Seckenheim
fahren. Diese ältere Regelung ist als „böser
gebrauch“ vom H ubgericht abgestellt w o r­
den: nunm ehr müssen die P ferde einge­
spannt bleiben o der an einen Baum gebun­
den w erden, dam it keinem geschadet werde.
13) W iesennutzung
[13.] U n d w ere es, das jem ants ein wiesen
w olt fegen o der räum en, d er ein außm ann
w ere, der soll sein hecken vor zusam m enbin­
den, das er niem ands kein schaden tue, er
habe es dann mit laub der herren des gerichts
o der ihres schultheissen in vorgem eltem gericht. W olte aber jem ants seine wiesen etzen
in dem obgenannten Ried, der solle das tun
ohne ander leut schaden. Auch hat niemants
kein recht, sein viehe darein zu treiben, er
sey dann zu Seckhenheim gesessen. Auch so
h at kein außm arker recht, darin zu holzen.
A uch soll m an raum en zu St. G eörgentag
und vor St. M ichelßtag niem ants darein fah­
ren m it dem viehe zu etzen, dan wie obge­
schrieben stehet, so einer heu holt.
D ieser A bschnitt enthält einige w idersprüch­
liche, also w ohl verderbte Stellen. „Vegen
und räu m en “ heißt reinigen o d er in O rdnung
157
bringen, auch Ä cker im H erbst abräum en.
Die einzelnen W iesenlose w aren mit H ecken
eingezäunt; w enn nun ein A usm ann (hier ei­
ner, der Privatbesitz auf dem hinteren Ried
hat) seine W iesenhecke abräum t: W eidenund H aseltriebe zum K orbflechten erntet
od er sie gar ausrodet, dann m uß er so ver­
fahren, daß er dem N achbarn nicht schadet,
indem er die G erten oder die ganzen g erode­
ten Sträucher sorgfältig zusam m enbindet, es
sei denn, daß ihm das vom H ubgericht erlas­
sen w ird. W enn jem and seine W iesen in W ei­
den um w andeln (etzen) will, dann kann er
das tun, ohne anderen zu schaden, daß heißt,
er muß darauf sehen, daß sein V ieh auf sei­
ner W eide bleibt. A ber nur Seckenheim er
dürfen das tun. Ebenso darf kein A usm ärker
H o lz aus den A uw äldern des Riedes holen.
D er letzte Satz gibt keinen Sinn: denn es
heißt, man solle räum en (H olz schlagen oder
G erten schneiden) zum 23. April (St. G eorgs­
tag) und nicht vor St. M ichaelstag (29. 9.)
das V ieh w eiden lassen. Es m uß w ohl um ge­
kehrt sein; denn die W eidezeit ist im Som ­
m er von E nde April bis E nde Septem ber und
die Zeit zu holzen ist im W interhalbjahr.
14) Zins und Schlußformel
[14.] Item w eißet der hübner, daß der zinß
noch also groß in der vordere Auw alß im
R ied der hindern Auw. Dessen zu w ahrer urkund so seint dieser w eyßtum gleichlautend
auß dem alter den zw ölften M ay im jah r deß
herren der w eniger zahl achtzig und einß ge­
schriebenem w eißtum durch mich entsbem elten notarium publicum et renovatorem zw ey
neue geschrieben und außeinander geschnit­
ten, den herren des gerichts daß eine und das
ander den hubern behändigt w orden. G e­
schehen, den 24. M ay im sechzehenhundert
sieben und zw anzigsten jahr.
Fürstlich Speyr. renovator am Bruhrein
anno 1627
N icolaus N o ld t N o tar: pub. subsc.
D er Zins im vorderen und im hinteren Ried
ist gleich. D er fürstbischöflich speyerische
158
R enovator (K atasterbeam ter) im Bruhrein
(G ebiet um Bruchsal) N icolaus N o ld t be­
zeugte, daß er am 24. M ai 1627 zwei Ab­
schriften auf ein Blatt verfertigt hat. Diese
beiden Abschriften w urden in einem gezack­
ten Schnitt getrennt, ein Exem plar verblieb
bei der Riedgem einde, das hier vorliegende,
das andere nahm der speyerische Beamte für
den Lehnsherren, den Bischof von Speyer,
mit. In Streitfragen bei der A uslegung m uß­
ten beide Parteien ihr Exem plar m itbringen
und an der gezackten Schnittstelle Zusam­
m enhalten, dam it man erkannte, daß kein
falsches Exem plar untergeschoben w orden
war.
Schlußbem erkung
W ie aus der Analyse des W eistums von 1481
erkenntlich ist, handelte es sich im hinteren
Ried ausschließlich um W iesen- und W eide­
land, das von der Riedgem einde der 48
Stämme und den Privatbesitzern zu r V ieh­
zucht b en u tzt w urde. N eben dem G rünland
des hinteren Riedes gab es auch sonst auf der
G em arkung große W eideflächen, wie auch
die Flurnam en erw eisen: das vordere und
obere Ried, die M allau und das Niederfeld.
D ie W iesen des hinteren Riedes w aren be­
sonders wertvoll deswegen, weil sie durch
D eiche vor dem H ochw asser des Rheines ge­
schützt w aren, w ährend zum Beispiel vom
vorderen Ried mehrmals berichtet w ird, daß
seine W iesen überschwem m t gewesen seien
(66/6560). W enn man zu diesem Befund
noch hinzunim m t, daß auf dem großen H o f­
gut des P falzgrafen in Seckenheim Jah r für
Ja h r 50 O chsen für die K üche des H eidelber­
ger Schlosses gem ästet w urden (das H eu
dazu kam un ter anderem aus dem H erzo genried) (229/96436), daß es auf der G em ar­
kung zwei Schafherden gab, die des D o rf­
schäfers und die des H errenschäfers (u. a.
Kollnig, a. a. O . N r. 204), und in Seckenheim
1620 bei 130 H ausgesäßen = H aushaltsvor­
ständen und Steuerzahlern rund 250 Pferde
gezählt w urden (229/96436), dann zeigt das,
welch großen U m fang die G rünlandw irt­
schaft in den früheren Jahrhunderten hatte.
Es sprengt den Rahm en dieses Beitrages, die
G eschichte des hinteren Riedes vom R hein­
durchbruch von 1590 bis in das 19. Jah rh u n ­
d ert hinein zu verfolgen. S tatt dessen sollen
hier zwei Abbildungen für sich sprechen.
Quellen und Literatur
GLA K arlsruhe: U rkunden 183, 184; 4 3 /2 3 3 /
1685—S ept—29. Beraine 6 6 /6 5 6 0 —7975 A kten
7 7 / 7 7 1 1 - 1 2 - 1 3 ; 229/96 4 3 6 - 4 9 5 - 5 7 0 - 6 1 5 .
K ollnig, K arl, D ie W eistüm er der K irchheim er
Z ent, in: Badische W eistüm er und D o rfo rd n u n ­
gen, Band 3, 1979.
D ie Stadt- und Landkreise H eidelberg und M ann­
heim, amtliche Kreisbeschreibung, Band I und III,
1966 und 1970.
Altrip, P o rträ t eines D orfes, Gde. Altrip, 1970.
P robst, H ansjörg, Seckenheim — G eschichte eines
K urpfälzer D orfes, 1981.
Legende zu A bbildung 2 und 3
Wege
1 Altriper Weg (Kloppenheimer Str./Wachenburgstr.) und A ltriper Fahr
2 Pfaffenweg — Hallenweg nach R o h rh o f
3 Riedweg/H euweg — Seckenheimer Riedfahr
4 Holzweg
5 Straße von Ladenburg nach Speyer — alte Speyerer
Straß
6 Heckweg — Weg nach Schwetzingen
7 A lte Heidelberger Straß — Heerstraße
8 Edinger R iedweg — Edinger K leinried — Sand­
rain
Flurnamen des hinteren Riedes
a — Äußerer W örth
b — Füllenweide
c — Hoher Hamm, Hochacker
d — Große Kehle
e — Kimmelstücker
f — Rheinstücker
g — Krappen
h — Schleim
i — H o n en
k — R ie d h o f (W ohnung des Riedschützen)
Flurnamen des vorderen und oberen Riedes
a — Mühlgraben
b — Riedwiesen
c — Dürre Wiese, Wasengeding
d — Backofen, Backofenwörth
e — Geheugraben
159
Aussagen — Pfade in die Vergangenheit
der Gemeinde Plankstadt
Eugen P fa ff Plankstadt
A rchivierte
V ernehm ungsniederschriften
konfrontieren uns oft mit nur vage bekann­
ten Einzelheiten aus der G eschichte eines
Gemeinwesens, die sich aber im V erein mit
dem heutigen W issen zu einem lebendigen
G eschehen runden. Ist ein solches P rotokoll
dann noch über 300 Jahre alt, können die
festgehaltenen Aussagen von O rtsbürgern
und sonstigen Personen zu r wertvollen
lokal- und regionalgeschichtlichen Q uelle
w erden.
A ngesprochen ist ein Protokoll aus dem
Jahre 16821), das mit A ufzeichnungen vom
28. Juli in P lankstadt selbst beginnt und über
m ehrere Sitzungstage in H eidelberg berich­
tet. A nlaß dieses um fangreichen V erhörs w ar
ein fast banales G eschehen, eine Schlägerei.
Es stand aber auch ein altes, fundam entales
D orfrecht Pate. D ie P lankstädter fühlten
sich nämlich durch das V orgehen der H e r­
renschäfer und ein drohendes W aldw eide­
verbot in ihrer V iehhaltung eingeengt und
dam it in ihrer Lebensgrundlage wesentlich
beschnitten.
Am M ittw och, dem 26. Juli 1682 fuhr der
P lankstädter W irt H ans Jakob W eber nach
R ohrbach, um W ein zu kaufen. N achm ittags
ging er auf sein G erstenfeld. Sein Sohn hatte
die G erste „zusam m engezogen“ und der
W irt w ollte sie zu G arben binden. E r traf den
Schafknecht der Schw etzinger Herrenschäfe­
rei, Friedrich M arx, auf der sogenannten
Bannweide an. D er W irt w ar sehr erbost und
ließ in seinen W orten den A rger der gesam ­
ten Bevölkerung laut w erden. E r schrie den
Schafknecht an: „D u Flegel, w arum b treibestu die Schaafe auf meine G ersten, siehestu
nicht die Zeichen, wie es abgestecket ist, Du
160
Schelm und Dieb, D u begehest ja die arm e
Leuth mit M uthw illen zu verderben.“ D er
Schafknecht antw ortete im Beisein des
Schafjungen, er sei auf G eheiß seiner H erren
hier. D araufhin nannte W eber auch sie
Schelme und D iebe und ging drohend auf
den Schafknecht zu. E r stieß ihn an die Brust
und w ollte mit dem Bindnagel, ein G erät
zum G etreidebinden, nach ihm schlagen. D er
Schäfer hat nach eigener Aussage ihm mit
dem Schafstecken auf den K opf geschlagen
und als der W irt nicht abließ „. . . und Ihm
umb seiner ledig zu w erden aberm ahlen mit
dem Schafstecken einen Streich auf den
K opf und noch 2 alß einen auf den Arm und
den anderen auf das Bein gegeben . . .“. Das
ist ein Teil seiner Aussage bei der V erneh­
m ung, die einen kleinen Schimm er auf seine
gesellschaftliche Stellung w irft: „W ie E r sich
das alß Ein vorgebend arm er K necht hatte so
frefentlich gelüsten lassen dörfen . . . H an ß
Jakob W eber, G em eindsm ann . . . mit seinen
in H än d en habenden Schafstecken so übel zu
tractieren . . D er G utachter m achte am 14.
A ugust 1682 den bem erkensw erten V o r­
schlag, daß die Strafe für den Schafsknecht
„am Leibe mit G efängnuß o der A rbeitshauß
stehen solte“. D er W irt hatte offenbar eine
M enge Schläge einstecken müssen, denn er
schrie lauthals. Sein G eschrei hörte der G e­
richtsm ann H ans Jakob Schlampp, der mit
seinem Sohn auf einem benachbarten Feld
arbeitete und W eber mit der G abel zu Hilfe
kam , weil ihn der Schäfer „. . . ohne Zweifel
g ar T o d t geschlagen haben w ürde . . .“.
Schlampp ergriff den Schafknecht und führte
ihn in das D orf, w o er arrestiert w urde. Das
P lankstädter R athaus w ird im Jahre 1616
C n g c lic r P l a n k s t a t e E t l t c r
Verfasser aufgrund des Kartenmaterials beim General­
landesarchiv (66/6609), der
Güterrenovationen und La­
gerbücher (G A B 82 — 99),
der Schatzungs- und Steuer­
bücher ( G A B 100— 106)
und der Grundbücher (G A
B 107— 133) erarbeitet. Die
Ergebnisse wurden m it
neueren Gemarkungsplänen
und Grenzsteinfunden a u f
der Feldgemarkung und im
Ortsetter a u f ihre R ichtig­
keit überprüft. A u f der ge­
samten Gemarkung sind bis
a u f wenige Ausnahmen die
alten, um 1570 gültigen
Grenzen noch heute in w e i­
teren Zusammenhängen zu
erkennen.
1) A u f der Gemarkungs­
karte nach den Verhältnis­
sen von 1616 sind die Gren­
zen der drei Felder m it
nachträglich angefügten
größeren R ingen markiert.
Die Grundstücke „so etwan
Egerten gewest“ wurden m it
X gekennzeichnet.
xxxxxxx\
xxxxxxx\
X xxxxxx.
GrasserHof
GolnersHof
erstmals genannt2), bestand aber zweifels­
ohne schon lange Z eit vorher. Es lag vor der
heutigen evangelischen O rtskirche und ragte
in den Straßenraum hinein3). Die G rundflä­
che des alten Rathauses ist noch heute auf
am tlichen Lageplänen erkennbar. Es beher­
bergte im Erdgeschoß die D orfschm iede,
eine A ufbew ahrungsm öglichkeit für B rand­
löschgeräte und den O rtsarrest, den „gehor­
sam“, wie es im dam aligen Sprachgebrauch
hieß. H ier sperrte man also den Schafknecht
Friedrich M arx bis zum V erhandlungsbeginn
am 28. Juli 1682 ein. D er Schultheiß V alen­
tin T reiber schickte einige M än n er auf das
Feld, um die Schafherde ebenfalls ins D o rf
zu bringen.
M enschen in dieser „G eschichte“
N un sind w ir also bereits einigen M enschen
begegnet und es ist ganz natürlich, daß w ir
sie und w eitere doch etwas näher kennen ler­
nen wollen. D as soll sich aber im w esentli­
chen auf die für die P lankstädter Familienge­
161
schichte interessanten Personen beziehen. Es
seien darüber hinaus noch folgende N am en
erw ähnt: Beständer der Schw etzinger H e r­
renschäferei: H ans M ichel G roß, N ikolaus
W illersin und Balthasar E rnst; Beständer des
G renzhofs: V alentin Linßler; Schafjunge:
Bastian K egel; ein anderer Schafknecht:
M athis H ofm ann.
Hans Jakob Weber. Im P rotokoll w ird er „der
W ürth des O rth s“ genannt. O ffenbar w ar er
also in jenen T agen der einzige W irt in
Plankstadt. E r ist in keinen der bisher be­
kannten U nterlagen erw ähnt. Im Jahre 1570
hatte ein Andreas W eber die heutigen
G rundstücke Eppelheim er Straße 5/Scipiostraße 1 bis 5 in Erbbestand4). D ie G rund­
stücke bildeten damals einen H of. Erst für
1743 ist eine Teilung nachw eisbar. Das
W ohnhaus Scipiostraße 1 gehört heute Phil­
ipp W eber. O b er ein N achfahre des H ans
Jakob W eber ist, läßt sich mit Sicherheit im
Augenblick nicht feststellen. Am O rt leben
z u r Zeit etw a 60 N am ensträger.
Friedrich M arx. D er Schafknecht w ar zu
H ilsbach (W aldhilsbach bei H eidelberg) ge­
boren. Z ur Zeit des Prozesses w ar er 35
Jahre alt, verheiratet und hatte sechs Kinder.
V on den H errenschäfern bekam er w öchent­
lich 45 K reuzer Lohn. Seit Lichtmeß (2. Fe­
bruar) w ar er in Schw etzingen und hatte sich
bis M ichaeli (29. September) verdingt. Ihm
w urde außerdem vorgew orfen, als er in H ils­
bach bei seinem V ater als Schafknecht tätig
w ar, zw ölf Schafe gestohlen zu haben und
mit ihnen „durchgegangen“ zu sein. D as ver­
neinte er. Es sei „ein ander K erl“ gewesen,
der aus K irchhausen (bei H eilbronn?)
stam m te und M arx’ V ater die Schafe um 28
G ulden verkauft habe, ohne zu sagen, daß
sie gestohlen gewesen seien. D er Am tsschrei­
ber erinnerte in diesem Zusam m enhang,
„daß D eponent wie E r zu H ilsbach exam i­
nieret w erden sollen dam ahlen durchgegan­
gen, sein W eib und K inder sitzen lassen,
alßo daß E r viele U nm utzhändel V or dießem
a n g e ste lle t. . .“. Auch T heobald Seitz aus
Schw etzingen bezeichnete den Schafknecht
162
als einen leichtfertigen Gesellen, „so auch im
Bruhrhein zu D iehlen (Dielheim) 11 Stück
H am m el entfrem bdet, welches E r auch
auf . . . V orhalten gestanden, aber solche bey
H eller und Pfennig bezalt habe“.
Im Jahre 1713 gab es in Plankstadt einen
Philipp Friedrich M arx, 1683 geboren, der
von W ö rth bei W eißenburg zuw anderte. E r
w ar der „gemeine Schm itt“. D ie D o rf­
schmiede befand sich damals noch in G e­
m eindehand5) und w ar, wie w ir bereits wis­
sen, im Erdgeschoß des Rathauses u n terg e­
bracht. D er Schmied bew ohnte das heutige
G rundstück L adenburger Straße 76) und w ar
d ann Feldhüter in der G em einde7). O b es
sich um einen V erw andten des beschuldigten
Schafknechts handelte, muß offen bleiben.
Es gibt im Augenblick zehn N am ensträger.
Theobald Seitz. In P lankstadt ist dieser N am e
schon länger bekannt. Ein Steuerverzeichnis
von 1439 w eist einen „Sitz von Sw ezzingen“
aus9). E r hatte in P lankstadt G üter gepachtet.
Im Jahre 1603 w ird Christian Seitz aus O p ­
pau erw ähnt, der E rbpächter von 9 M orgen
A ckerland im „Seiderich“ w ar10). Es handelt
sich dabei offensichtlich um dieselben
G rundstücke, da man aus dem W o rtlau t des
Erbbestandsbriefes vom 28. Jan u ar 1603 eine
lange Bestandstradition der Familie Seitz ab­
leiten darf. D er erste N am ensträger in P lank­
stadt selbst ist L orenz Seitz, der am 3. N o ­
vem ber 1733, 64jährig verstarb. E r w ar mit
A nna K unigunde verheiratet, deren G eburts­
nam e unbekannt ist11). Sie sind w ahrschein­
lich die Stam m eltern der P lankstädter Seitz.
D ie Familie bew ohnte die heutigen G ru n d ­
stücke Schw etzinger Straße 11 und 1312).
H eu te etwa 50 N am ensträger.
Im V erlauf des Prozesses w urden fünf, man
könnte sagen H auptzeugen zu allen Fragen,
hauptsächlich jedoch das W eiderecht betref­
fend, ausführlich vernom m en. M an wollte
von ihnen die alten und jetzigen W eidege­
pflogenheiten wissen. Im Protokoll heißt es
„. . . sind einige Eheste des O rths Planckstatt
nach genügsam er E rinnerung und V erm ei­
dung des M ainaidts . . .“ gehört w orden. In
PLA N K ST A D T
in i
Jahre
1743
M a -ß s ta b
dfeue G reruzen
AUe G renzen
PS
GH
P6
PH
PE
J6
CH
DO
FG
GE
F r ifr d r ic H s tr .
R
G
A
--------------------------------
- P fle g e S ch irn a u (6 • Sorten)
-- Schönau&r GroßerXaf
■
Pfarrgarten
- P/cvrrhcrf
-
Prkrafeigenfum
-
J& yuU engtä
Co&eiktur WeidMerg
DeiUoch&r Orden
Prühmeßgcurten
- Gerneindeeigenturrb
- fiadhauo
- G e m e in e It/eed,
-
M ivaeoerteich
tyir JiaA üleunz P m H ert-1969
2) Der Ortsetter von 1743 hatte sich seit dem Jahre 1682 nicht nennenswert
verändert. Das Dorfende w ar jedenfalls in den aufgezeigten Grenzen zu sehen.
A u f dem Plan sind die heutigen Hausnummern vermerkt. So werden auch
Grundstücksteilungen sichtbar. Auch die Lage des Rathauses vor der heutigen
evangelischen Ortskirche, der ehemaligen Dorfkirche, kann man erkennen.
diesem Zusam m enhang sei gesagt, daß w ö rt­
liche Z itate in leicht veränderter Schreib­
weise w iedergegeben w erden. D as gilt auch
für das bisher A ngeführte.
Georg Born. Er w ar nach seinen Aussagen
von 1636 bis 1673 in P lankstadt w ohnhaft
und hat das halbe P farrgut bewirtschaftet.
G eboren w ar er in „Z ipfenfeldt (?) Ambt
Stah (?), dem H errn G rafen von N aßau ge­
hörig“. Als alter M ann lebe er nun in H eid el­
berg bei H errn Richelier und zw ar seit dem
„letzten Frantzösischen K rieg“. G em eint sind
w ahrscheinlich die durch den Frieden von
N im w egen 1678/1679 beendeten A useinan­
dersetzungen. G eorg Born w ar zu r Zeit des
Prozesses 76 Jahre alt. D ie bittere menschli­
che Seite in seinem Leben kom m t in den ei­
genen W orten zum A usdruck, denn er
163
. . könne nicht m ehr schaffen, sondern
halte Ihn erm elter Richelier umb seiner Arm uth . . . “. In P lankstadt gab es im Jahre
1613 einen M ichael Bon, der die heutigen
G rundstücke L adenburger Straße 11 bis 15
bew ohnte13). Es könnte ein Zusam m enhang
bestehen, denn die Schreibweise eines N a ­
mens hing oft von dem Schreibenden ab.
D en Fam iliennam en gibt es in P lankstadt
nicht mehr.
Valentin Treiber. D er im Jahre 1620 in
P lankstadt geborene T reiber w ar w ährend
des D reißigjährigen Krieges abwesend. Er
sagte zu r Frage nach dem W o h n o rt: „. . . seit
ao 1649 w ehre Er w ieder nach Planckstatt
kom m en . . .“ D as H ausgrundstück Schw et­
zinger Straße 20 w ar schon im Besitz seiner
V o rfahren14). Es trug übrigens die interes­
sante Lagebestim m ung: „. . . stößt hinten uf
die K eeßgrüben . . ,15).“ M an sagt in P lank­
stadt noch heute im V olksm und „K eesgrieb“.
Es w aren ursprünglich zwei K iesgruben und
in die eine w urden die D orfabw ässer einge­
leitet. Im Jahre 1682 w ar V alentin T reiber
Schultheiß. Z ahlreiche T reiber bekleideten
hohe G em eindeäm ter. H eu te etwa 100 N a ­
m ensträger.
Valentin Gollinger. 1682 G ölinger geschrie­
ben; 1659 ist P eter G öllinger nachgewiesen.
V alentin G ollinger w ar um 1620 in P lank­
stadt geboren und Bauersmann. Ein W ohn­
hausbesitz konnte bisher nicht erm ittelt w er­
den. Im Jahre 1680 w ar er Beständer des
„G ütleins bey dem alten Bildt“16). Gem eint
w ar ein Bildstock, von dem nur noch die
Lage bekannt ist17)- Es stand am westlichen
G rundstücksende Schw etzinger Straße 79.
Dieses Pachtverhältnis erklärt vielleicht
auch, daß er im O rtsetter keine H ofreite be­
saß, denn das kleine G ut konnte keinesfalls
den Lebensunterhalt sichern. H eute gibt es
etw a sieben N am ensträger.
Hans Jakob Schlampp. Er w ar Bauer und G e­
richtsm ann und um 1626 in P lankstadt gebo­
ren. Sein V ater, Adam Schlampp, w ird im
Jah re 1653 genannt und bekleidete 14 Jahre
lang das A m t des Schultheißen. E r bew ohnte
164
die heuten H ausgrundstücke Schw etzinger
Straße 2 bis 6 und L adenburger Straße 1 bis
5, die 1743 geteilt w u rd en 18). Es gibt heute
nur noch eine N am ensträgerin.
Hans Gund. Im Protokoll w ird „K undt“ ge­
schrieben. E r bezeichnete sich als U ntertan
und Bauersm ann, 43 Jahre „ohngefehr“ alt.
Im Jahre 1688 w ar er dann Gerichtsm ann.
D urch seinen V ater Jakob G und ist dieser
Familienname im Jahre 1663 erstmals nach­
weisbar. H ans G und m achte im Protokoll
den Z usatz „. . . da sein V atter ins Landt getzogen, und E r 3 Ja h r alt gew eßen . . .“ Schon
1682 gab es in P lankstadt m ehrere N am ens­
träger, so daß die H ofstätte dieser Familie
nicht eindeutig lokalisiert w erden konnte. Es
spricht aber einiges dafür, daß sie auf den
G rundstücken Ladenburger Straße 17 und
19 zu suchen ist19). H eu te nennen sich noch
etwa 110 Personen G und.
Feld- und W eidewirtschaft
Das W eiderecht beruht auf sehr alten G e­
pflogenheiten. In den meisten Landstrichen
bestanden besondere W eidegründe, so wie es
eben die N atu r zuließ. In Plankstadt, wie
auch in den D örfern der näheren U m ge­
bung, w ar man meist auf die W älder und die
Brache im Rahm en der D reifelderw irtschaft
angewiesen. Es soll kurz ins G edächtnis ge­
rufen w erden, daß bei der D reifelderw irt­
schaft ein G em arkungsdistrikt mit W in ter­
frucht (R oggen, Spelz), ein w eiteres Feld mit
Som m erfrucht (Gerste, H afer und mit fo rt­
schreitender Zeit auch H ackfrüchte) bebaut
w aren. Die dritte Flur lag brach. Im folgen­
den Jah r w urde die Brache mit W interfrucht,
das W interfruchtfeld mit Som m erfrucht be­
stellt und das Som m erfruchtfeld w urde zur
Brache. D ieser T urnus w urde streng einge­
halten und schlug sich auch in Bestandsver­
trägen, gleich w elcher Art, nieder. Sie w u r­
den auf eine A nzahl von Jahren abgeschlos­
sen, die durch drei teilbar w ar (6, 9, 12 usw.).
Solche G epflogenheiten sind langlebig. N och
heute schließt die G em einde P lankstadt für
gem eindeeigenes A ckerland Pachtverträge
auf neun Jahre ab.
V on den drei Feldern auf P lankstädter G e­
m arkung w aren nur zwei annähernd gleich
groß. M an muß sich eine Linie denken von
der Eppelheim er L andstraße über M oltkestraße — A ntoniusweg. D am it w äre die
G em arkung in einen N o rd - und Südbereich
geteilt. Im Süden ist nochm als eine Achse
A lsheimer W eg — Eisenbahnstraße zu zie­
hen. D ie südöstliche Flur hieß „gegen den
H egenich“ (oder: „gegen dem G ebürg“, ge­
m eint ist der O denw ald) und die südw estli­
che „gegen Schw etzingen“ (oder: „gegen
dem Rhein“). D er nördliche G em arkungsteil
w ar vom Flächengehalt her um fangreicher.
D ie Flur w urde „gegen den G renzhof“
(oder: „gegen den N ecker“) bezeichnet20).
D er G rund für das A usm aß der N o rd flu r ist
in dem G em eindew ald zu sehen, der sich
ausschließlich auf diesen G em arkungsteil be­
schränkte und nach späterem Begriff rund
270 H ek ta r maß.
W eiderechte w aren verbriefte Rechte. Bei
d er V erhandlung w urde auch nach solchen
schriftlichen N iederlegungen gefragt. Es gab
sie nicht m ehr: „. . . die Briefe des V iehbe­
triebs halber w ehren in dem dreißjährigen
K rieg zu Speyer verlohren gangen.“ Die
P lankstädter hatten außer Feld und W ald
keinen W eidetrieb. D ie K ühe durften den
Som m er über bis zu r E rnte in bestimmte
W aldgebiete getrieben w erden. W enn abge­
erntet w ar, herrschte im W ald w egen des
W ildes W eideverbot für R inder. N u n w ar zu
hören, daß die Jäger ein totales W eideverbot
im W ald durchsetzen w ollten. D as beunru­
higte natürlich die Bevölkerung. O b man
eventuell auch die Eichel- und Buchelmast
(Eckerich) der Schweine abschaffen wollte,
w ird in der N iederschrift nicht gesagt.
H errschaftliche Schafsweiderechte
O ffiziell w erden herrschaftliche Schafw eide­
rechte erstmals im 15 Ja h rh u n d ert erw ähnt.
Sie sind aber mit Sicherheit w eiter zurückzu-
3) Die ehemalige Hofreite des Deutschherren-Gutes,
Ladenburger Straße 16. Die Grundfläche ist rein er­
halten. Rechts das Stallgebäude m it einem Scheunen­
teil, die H ofeinfahrt und schließlich das ursprünglich
einstöckige Wohnhaus. Das B ild gibt überdies einen
Blick in die im D orfm und bezeichnete „Bauemgasse “
frei.
datieren und scheinen sich aus Privilegien
der G rundherrschaft entw ickelt zu haben.
Schon im Spätm ittelalter ist die H erren sch ä­
ferei jedoch als Ausfluß der T errito rialh err­
schaft zu sehen. In unserer näheren U m ge­
bung gab es in Schw etzingen, K irchheim und
D ossenheim herrschaftliche Schafhöfe. Für
Schw etzingen ist er schon im Jahre 1382 be­
zeugt. D er Schafhof mit W ohngebäuden,
Stallungen und Scheunen w ar in der N ähe
des Schlosses. E r hatte W eiderechte in
Schw etzingen,
P lankstadt,
O ftersheim ,
G renzho f und im Koller. D ie alten P lank­
städter nannten bei ihrer V ernehm ung noch
K etsch, Brühl und die H a rd t „so w eit es her­
köm m lich ist“. Schafe, G ebäude und Rechte
des herrschaftlichen Schafhofes w aren in
165
Zeitbestand an den oder die H errenschäfer
vergeben.
D as U bertriebsrecht w urde von der soge­
nannten Bannweide eingeschränkt. Ü ber ihre
Funktion und Ausmaße w erden w ir noch hö­
ren. D ie A usübung der H errenschäferei w ar
A nlaß zu vielen M ißhelligkeiten, denn die
im m er selbstbew ußter w erdenden D orfbe­
w ohner wollten eben über ihr Feld in zu ­
nehm endem M aße selbst bestimmen. D azu
kam noch durch neue K ulturpflanzen eine
D urchlöcherung der D reifelderw irtschaft
und letztlich noch die G em eindeschäferei.
Als dann die Brache immer intensiver bebaut
w urde, erw uchsen den Zehntberechtigten
neue Einnahm equellen, die höher anzuset­
zen w aren, als der E rtrag aus dem Schaftrieb
und so w urde das Schäfereirecht im m er m ehr
eingeengt. Bem erkensw ert ist, daß ungeach­
tet des Spannungsverhältnisses der M ist aus
den Pferchen sehr begehrt war. Es gab regel­
rechte Pferchbestim m ungen, die eine Bevor­
zugung herrschaftlicher G üter und G em ar­
kungen, auf denen sich der Schafhof befand,
festhielten. Für P lankstadt w urden ähnliche
Bestim mungen erst mit dem A ufkom m en der
G em eindeschäferei interessant. D er Bauer
selbst hatte durch die Bepferchung so gut wie
keinen N utzen, denn diese Felder w urden
mit einem besonderen Z ehnten belegt, oder
aber auch die G rundstückspacht erhöht.
D urch einen V ertrag mit der kurfürstlichen
H ofkam m er hat sich die G em einde P lank­
stadt um 80 G ulden jährlich die herrschaftli­
chen Ü bertriebsrechte für die Jahre 1782 bis
1802 gesichert und so w aren die P lankstädter
fü r diese Z eit allein w eideberechtigt21). Die
Sicherung des Ü bertriebsrechts durch die
G em einde nutzte allerdings nicht allen D o rf­
bew ohnern, sondern nur den „B egüterten“,
die nun für einen gewissen Z eitraum H e rr
der Schafweide w aren und . . . die Streitig­
keiten gingen m unter w eiter. Es traten in der
Folgezeit noch einige Ä nderungen des Schaf­
w eiderechts ein. V erfeinerungen sozusagen,
die A useinandersetzungen aber eher fö rd er­
ten. W ann letztlich die Stunde des Schafauf­
166
triebs auf die abgeernteten Felder schlug,
läßt sich eindeutig nicht ausmachen. Im
Jahre 1812 bat die G em einde, den Schäferei­
betrieb ganz aufgeben zu dürfen. „W ir sehen
dem Ende des Zeitbestandes der dahiesigen
Schäferei sehnsuchtsvoll entgegen . . .“ Es
w urde noch erw ähnt, daß so gut wie kein
Feld m ehr als Brache liegen bliebe. D am it
hätte der Schafw eidebetrieb seinen Sinn ver­
loren22). M it Sicherheit ist nicht das Ende der
Schäferei gekom m en, aber die D reifelder­
w irtschaft dürfte nach dieser Feststellung
doch w ohl ausgelaufen sein. N och im Jahre
1865 liest m an in der G em einderechnung
von P achteinnahm en aus der Schäferei23). Es
ist offensichtlich, daß sich die G em einde im
G runde nur gegen das herrschaftliche Ü ber­
triebsrecht wehrte.
D ie Bannweide
D ie Frage der Bannweide spielte in den A us­
einandersetzungen sozusagen die H a u p t­
rolle. Ih r galt dem gem äß ein großer Teil der
an die Z eugen gestellten Fragen. Es sollte ja
herausgefunden w erden, ob sich der Schaf­
knecht bestim m ungswidrig verhalten hatte.
Interessant ist in diesem Z usam m enhang eine
Schilderung von Paulus G aa. D ie H erre n ­
schäfer sind nach seiner Aussage k u rze Zeit
vor dem V orfall „V on Schw etzingen herüber
zu geritten . . .“. D abei habe W ildersin gesagt
„wie Sie bey der H ee rd t Schafe vorbey k ö ­
rnen, das w ehren Ihre Schafe . . . was das vor
eine schöne Bannw aydt seye, so die Bauern
abgestecket haben . . .“. D arau f habe Michel
G roß geantw ortet: „ .. . w ann Sie Ihm folgen
w ollen, so m uß man m orgen die gantze
H ee rd t Schaaf durch das gantze Feldt, biß
an das D o rf hintreiben, m aßen auch des fol­
genden T ags geschehen . . .“ E r hat dies „vor
der gantzen G em einde e rz e h le t. . .“ und be­
trachtete diese Ä ußerungen als die eigentli­
che U rsache des Streites.
V alentin Linßler, der Beständer des G ren z­
hofes sagte aus, daß er vor ein p aar W ochen
und zw ar noch vor der E rnte „drey H aufen
Schaaf in selbig Feldt kom m en, welche der
Schütz angetroffen, und mit dem D abey be­
fundenen K necht gezanket, daß E r die
Schaafe in die Frucht gehen und so großen
Schaden thun laßen“. Es gab ebenfalls eine
tätliche A useinandersetzung.
D er Schafknecht Friedrich M arx gab an, die
Bannweide sei abgesteckt gewesen, aber er
sei nur „hineingefahren“, weil die Schafe des
T heobald Seitz bereits aufgetrieben gewesen
w ären. D aher leitete er das R echt ab, auch
seine Schafe in diesem Bereich w eiden zu las­
sen. W ieso auch T heobald Seitz mit seiner
Schafherde auf das Feld kam , w urde im P ro ­
tokoll nicht erläutert. E r schien ein Sonder­
recht besessen zu haben. M an frug den
Schafknecht, ob er angewiesen w orden w äre,
in das „Stupfelfeldt“ und in die Bannweide
zu fahren. E r bejahte dies m it der Begrün­
dung, es sei auf der üblichen W eide „nichts
m ehr zu fressen gew eßen“.
H ans M ichel G roß sollte am 16. A ugust 1682
geh ö rt w erden. E r w urde w egen U npäßlich­
keit in seiner W ohnung zu dem Sachverhalt
befragt und bestritt die W eisung, die W eide
bis an das D o rf auszudehnen. W eiter gab er
an: „. . . er habe nur gesagt, E r sehe alhier,
daß die Plankstatter Ih r Feldt abgestecket,
E r könne sich niemalen erinnern, daß eine
solch große Bannwayde ab g e ste ck e t. . .“ ge­
wesen wäre.
Die Z eugen w urden gefragt, ob die G e­
m einde „je und allezeit“ berechtigt gewesen
sei, eine Bannweide „umb das D o rff herumb
zu Stickeln“. Dies w urde voll und ganz be­
jaht; „. . . sowohl bey Bayerischen Zeiten, alß
auch hernachher . . .“. Die K enntnis um diese
Ü bung beruhte durchw eg auf m ündlicher
Ü berlieferung.
D ie D orfbew ohner hatten offensichtlich das
V orrecht, ihr V ieh zuerst auf das abgeerntete
Sommerfeld zu treiben. D er W eidebetrieb
auf dem Sommerfeld sei bis Agidius (1. Sep­
tem ber) gestattet. A ußerdem bestätigten die
Zeugen, daß es sich bei dem Recht, um das
D o rf eine Bannweide zu legen, um ein altes
H erkom m en handle. D ie Schäfer aber küm ­
m erten sich nicht um dieses R echt und „fuh­
ren m it jhren Schafen anjetzo hin w o sie w olte n “. D en ganzen Som m er über zogen sie
auch in den W ald. D ie W älder, die mit V ieh
aus der Gem einde betrieben w erden durften,
w aren für den H errenschäfer „zugem acht“.
Dieses H erkom m en sei jedoch nunm ehr in
Frage gestellt. So die einhellige Aussage der
Zeugen. Das w eiter unten genannte G utach­
ten nim m t auch zu dieser Frage Stellung und
es w ird ganz klar gesagt, „daß die Schäfer al­
lein in die brach und äckerte fahren dörfen,
nicht in den W ald t“ und es sei ihnen zu be­
fehlen, „daß sie sich des W aldts . . . zu en t­
halten“ haben. Selbst vor den nichtabgeernteten Feldern m achten die Schäfer nicht halt.
Für die D örfler sei dieses V erhalten von
„größestem V erderben“. Sie kam en sogar mit
drei oder vier Schafherden, einander fol­
gend. Jeden T ag finde ein Ü bertrieb statt, so
daß für das Zugvieh des D orfes „nichts m ehr
überbleiben k ö n te“. D urch die tägliche E in­
fuhr könnten die Bew ohner kein V ieh m ehr
halten „U nd so fern dießes nicht geändert
w ürde, m üßten Sie darüber crepieren“.
Bei der U ntersuchung w ollte man noch w is­
sen, aus w elchen G ründen die Schäfer ihre
Eingriffe zu beschönigen suchten. E iner der
Schäfer deutete an, daß der Schaftrieb um
300 G ulden erw orben w orden w äre und aus
diesem G rund könnten sie ihre Schafe w ei­
den lassen w ann und wo sie w ollten. Ein an ­
derer Zeuge meinte, die Schäfer täten es
„halß starriger w eiße“ und ein anderer, sie
w ürden es n u r „thun, um Sie arm e Leuthe zu
verderben“. D ie P lankstädter erklärten, daß
sie sich nur vom „Feldtbau“ unterhalten w ü r­
den und große Lasten zu tragen hätten. Das
ist in der T a t nicht als grundloses G ejam m er
zu w erten, w enn man bei solchen Aussagen
auch sehr vorsichtig sein m uß, denn bei die­
sen G elegenheiten w ird gerne übertrieben.
Ein Blick auf die Belastungen der Bew ohner
zeigt uns aber die R ichtigkeit ihrer Behaup­
tungen. V on einem etwas späteren Z eitpunkt
wissen wir, daß sie zu 17 verschiedenen Ab­
gaben, einschließlich denen an die eigene
167
G em einde herangezogen w urden, darüber
hinaus auch breitgefächerte Fronleistungen.
D aneben w aren selbstverständlich noch Bo­
denzinse für H äuser und Felder an die
G rundherren zu berappen.
Festlegung der Bannweide
W ir erfahren aus dem P rotokoll, wie die
Bannweide abgesteckt w urde. Zum Z eit­
punkt w ird einmal gesagt, nach dem E inbrin­
gen der W interfrucht. Das w äre nach heuti­
gen Begriffen etw a M itte August. N ach einer
anderen Aussage: „sobaldt der Z ehendte aus
dem Feldte gew eßen“. Eine Zeitm arke also,
zu der die Frucht zum indest nicht m ehr auf
dem H alm stand. D er E rntevorgang und das
Einsammeln der Z ehntgarben geschah meist
ohne w esentliche Zw ischenräum e. M an kann
also sagen, daß die Bannweide erst dann ab­
gesteckt w urde, w enn auf den Feldern nur
noch Stoppeln w aren. Die A rt des Abstekkens w ird aus zwei Aussagen recht deutlich.
D er Personenkreis könnte sich durchaus ver­
schoben haben, denn die eine Aussage
stam m t von G eorg Born, der von 1636 bis
1673 in P lankstadt w ohnte. E r sagte, daß die
Bannweide vom Bürgerm eister und „etlichen
auß der G em eindt mit M ayen abgestickelt“
w orden sei. V alentin T reiber lebte w ährend
des 30jährigen Krieges außerhalb, w ar aber
zur Zeit des V erfahrens Schultheiß zu P lank­
stadt. Er gab an, daß die beiden Bürgerm ei­
ster und die Schützen „hinaus“ gingen,
M aien abhauten und die Bannweide abge­
steckt haben und zw ar betraf diese M aß ­
nahm e das halbe Stoppelfeld. Diese Aussage
zeigt ein Stückchen Selbstverwaltung der
G emeinde. N icht der Schultheiß nahm diese
Aufgabe w ahr, sondern die beiden Bürger­
meister und die Schützen. D er eine Bürger­
meister stam m te zw ar aus dem Kreis der G e­
richtsm änner und w urde deshalb oft G e­
richtsbürgerm eister genannt. E r hatte bei die­
ser P ro zed u r w ahrscheinlich die Interessen
der H errschaft zu vertreten. D er andere w ar
ein D eputierter, also reiner G em eindevertre­
168
ter, deshalb auch „gem einer B ürgerm eister“.
Aus späteren G em einderechnungen wird
sichtbar, daß der G erichtsbürgerm eister bei
der R echnungslegung an sich federführend
w ar. T ro tzd em w ar die K ennzeichnung der
W eidegründe Sache der G emeinde. Das Bei­
sein der Schützen unterstreicht die Bedeu­
tung. Auch d er G erichtsbürgerm eister dürfte
w ohl nicht gegen das W ohl der D orfge­
m einde und dam it gegen sein eigenes ent­
schieden haben.
Z eitdauer und U m fang der Bannweide
Es erhob sich auch die Frage, wie lange die
Bannweide bestehen blieb. D ie A ngaben der
Zeugen bezogen sich auf den konkreten Fall,
nämlich des Schafweidens im Sommerfeld.
Dieses w urde nach der herrschenden A uffas­
sung m it der H afer- und G erstenernte zur
Brache. N ach heutigen V erhältnissen w ird
die G erste Ende Ju li/A n fan g A ugust geern­
tet. Das scheint auch damals der Fall gew e­
sen zu sein, denn das Protokoll träg t das D a ­
tum vom 28. Juli 1682. Die H aferern te ist
heute auf den M o n at A ugust anzusetzen.
D ie Brache hat also von diesem Z eitpunkt an
bis zu r A ussaat der W interfrucht bestanden.
Das w äre der M o n at O k to b er des folgenden
Jahres. Die W interfrucht w ird heute eben­
falls im A ugust geerntet. D a das W inter­
fruchtfeld zum Sommerfeld w urde, lag die­
ses Feld bis zu r A ussaat der Som m erfrucht
im M ärz des nächsten Jahres brach. Aus dem
Protokoll w ird deutlich, daß das W inter­
fruchtfeld bis zur H aferaussaat bew eidet
w erden durfte. W enn man also den Dreifelder-Zyklus in der Reihenfolge W interfrucht
— Som m erfrucht — Brache sieht, w ar das
Feld doch erheblich lange nicht mit Früchten
bestanden. Eine Fruchtfolge Som m erfrucht
— W interfrucht — Brache hätte etw a acht
A nbaum onate insgesam t m ehr gebracht. Bei
dieser B etrachtung müssen w ir aber die fast
fehlende D üngung und den V orteil für die
V iehhaltung sehen.
D er U m fang der Bannweide w urde von den
Z eugen unterschiedlich angegeben. M an
sagte 3, 2 oder 3, 3 bis 4, 1 bis 1/4 u n d 3 bis 4
A ckerlängen vom D o rf etter entfernt. N un ist
eine A ckerlänge nach heutigem V erständnis
ein unbestimmtes M aß und w ohl auf örtliche
G ew ohnheiten abgestellt. Einer der Zeugen
sprach von „Äckerlin“. U m das D o rf herum
lagen einige vom Ausmaß her ungew öhnliche
G üterteile, der größte maß 54 M orgen.
W enn man aber die V erniedlichung des Akkerbegriffs in Betracht zieht und die spätere
Parzellierung berücksichtigt, so dürfte unter
einer A ckerlänge nach unseren M aßen etwa
150 bis 200 M eter verstanden w orden sein.
D as vorgeschlagene U rteil über die E ntfer­
nung der Bannweide vom D o rf dürfen wir
vorw egnehm en. N ach Berücksichtigung der
Aussagen und der G rundstückslagen w urde
die B egrenzung auf eineinhalb A ckerlängen
vorgeschlagen. D as w ären also rund 220 bis
300 M eter um den dam aligen D orfetter, der
im Süden bis zu r heutigen Friedrichstraße
reichte, im W esten bis zur Straßengabel
Schw etzinger Straße — B rühler W eg, im
N o rd en bis zur Straßengabel G renzhöfer —
W ieblinger Straße und w ar im O sten etwa
mit der heutigen Bebauung identisch.
W ie kam nun der G utachter zu dem V o r­
schlag, die Bannweide auf eineinhalb A cker­
längen festzusetzen? E r bezog sich auf die
A ussagen der fünf Z eugen mit den recht un­
terschiedlichen A ngaben bezüglich der Zahl
der A ckerlängen und führte aus: „. . . weilen
nun in den Zahlen die kleineren unter den
größeren begriffen ist, so stimmen bey dieser
Variation alle außagen auf die geringste,
nemlich 1 oder höchsten anderthalb A cker­
länge überein.“ D en P lankstädtern sei zu
„befehlen“, dieses M aß einzuhalten, da „also
das übrige Stoppelfeld außer den bannen
o der V erbott bleibt und dem nach unter der
Schäferey
Befugnuß
gehören“. W eiter
m einte er sie anzuw eisen, „biß auf weitere
V erordnung dabey zu bleiben, im übrigen
aber und außer solcher Bannw eyden den
Schäfern keinen E intrag zu tun, — und ih­
nen den ungestörten Ü bertrieb — w an sie
wollen (außer w an die Früchte o der der
Z ehnde noch im Felde liegt) w ieder zula­
ßen . . .“. D as w aren klare W orte, zum al
auch noch deutlich w urde, „daß kein Schäfer
vor Laurentij T ag (10. August) nicht dörfe
auf das Stoppelfeld fahren . . .“. Die Zeugen
w ollten d arüber hinaus wissen, daß die Ü ber­
triebsrechte der Schäfer lediglich für zwei
T age in der W oche bestanden. In einem
„W aidbüchlein“ von 1535 w aren diese
Rechte festgehalten und wie folgt umrissen:
Schwetzingen: „das gantze Ja h r auf Brach,
Egerten (G rasgärten), W iesen nach M artini
(11. N ovem ber) bis St. G eorg (23. April),
auch im Bruch wie in den W iesen“.
Oftersheim: Brache, E gerten das ganze Jahr,
„W iesen und W asen biß St. G eorgs T a g “ (23.
April).
Plankstadt: Brache und E gerten, das ganze
Jahr.
Ketsch: Brache und E gerten, das ganze Jah r
„und die W iesen und W asen nach M artini
(11. N ovem ber) bis St. Jö rg T a g “ (23. April).
„Brüel“: W ie Ketsch.
Rohrhof: Brache und Egerten das ganze Jahr.
„W iesen und W asen nach M ichaeli (29. Sep­
tem ber) bis St. G eo rg “ (23. April).
Grensheim: Brache und Egerten das ganze
Jahr.
D ie Schlägerei
Es w ar sicherlich schwierig, in diesem Falle
zu einer R echtsfindung zu kom m en. M an
berücksichtigte offenbar eine Anweisung des
T heobald Seitz: „E r habe seinen K nechten
schon befohlen, w an hiernechst w ieder ein
Schütz o d er Bauer zu Ihnen kom m e, Sie
schlagen o der ein Schaaf nem m en wolle, So
solten Sie sich w ehren so gut Sie können . . .
U nd w an Sie schon jem and g ar darüber
T odtschlagen w ürden, w olte E r es schon verantw ortten.“ D ie H errenschäfer, und das
m ußte der „D eponent“ eingestehen, hatten
dem Schafknecht zw ar befohlen „die be­
169
rechtigte O rth täglich, jedoch jeder M ann
ohne Schaden, zu befahren“.
Die G utachter behielten, tro tz aller U nge­
reim theiten, od er gerade w egen ihnen, einen
kühlen K opf und schlugen ein w ahrhaft salo­
monisches U rteil vor. D er W irt H ans Jakob
W eber m ußte sich nach der Schlägerei durch
den „C hirurgus“ Philipp K aspar Zobel aus
H eidelberg behandeln lassen. Zobel spezifi­
zierte in seiner H o n o rarfo rd eru n g vom
9. A ugust 1682 die Blessuren des W eber:
„ . . . alß habe ich dieselbe am 26. July daß
erste mahl verbunden, zw o W unden hinder­
halb das H au p t die erste W oche granicum ei­
nes großen Breit plos gelegen, die andter
welche biß auf das granicum gelegen, aber
nicht bloß befunden diß beyder H au p t w u n ­
den ziemlich mit einer H ölligkeit begriffen,
an beyde arm e habe ich in verbunden w o die
nähm lich ziemlich zerschlagen das dieselbe
herauf geloffen dardurch er etliche T age den
Kleinfinger nicht w ohl bewegen können, an
der rechten Fus an denen E hr uf die verhaulich der W adre ziemlich zerschlagen das er
etliche T age nicht wohl gehen können, ver­
bunden.“
Am 14. A ugust 1682 schrieb er „er hätte acht
T age nach P lankstadt „hinaus gehen“ m üs­
sen, um den W irt zu verbinden, „da sich sol­
ches zur Besserung geschickt“.
A uf jeden Fall entstanden A rztkosten in
H ö h e von 19% G ulden. D er Schafknecht
hatte auf G eheiß seiner H erren die W eidebe­
stim m ungen m ißachtet. Sie und der K necht
sollten nach M einung der G utachter alle K o­
sten je zu r H älfte tragen. A ber auch der W irt
kam nicht ungeschoren davon. Es w urde die
M einung vertreten, da der K necht sowieso
nicht zahlen könne „hat der beschädigte
W irth solches zu leiden . . . und hat sich des­
sen um so viel w eniger zu beschw ehren weil
Er gar großen A nlaß hierzu geben“. W eiter
w aren die G utachter der A uffassung:
„. . . darüber die Schläge bekom m en, also gar
nicht unbillig, w ann E r ein Theil an den U n ­
kosten da der K necht sie nicht bezahlen
kann, tragen m uß.“
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Dam als — fast wie heute
Eine kleine N achlese sei noch genannt. Im
Protokoll sind einige W ö rter aufgetaucht,
die m an im P lankstädter D ialekt noch heute
ähnlich ausspricht. N atürlich klingen sie
auch in der näheren U m gebung Plankstadts
annähernd gleich auf. In der anschließenden
Ü bersicht steht dem hochdeutschen W ort
das im Jahre 1682 geschriebene und das
W o rt in d er heutigen A usprache gegenüber:
Ä ckerchen
anders
auf
auf dem
aussäen
Dielheim
dürfen
eher
gehabt
genug
geschim pft
G ren zh o f
herauf
heraus
herüber
nehm en
niem and
Stoppeln
überlaufen
V a ter
w äre er
w erfen
= Äckerlin
= anderst
= uf
= ufm
= ausseen
= D iehlen
= dörfen
= ehender
= gehatt
= genung
= geschennt
= G rienzhoff
= heruf
= hiernauß
=
=
=
=
=
=
=
=
=
=
=
=
=
=
=
=
=
=
=
=
=
herieber
nem m en
nim m and
Stupfein
überloffen
V a tte r
w ehre E hr
=
=
=
=
=
=
=
= schm eißen
=
Eggalinn
annaschd
uf
uffim
auseä
D iehlä
deafä
ähnda
ghatt
genunk
gschännt
G rienshouf
ruff
naus (raus)
(O rtsbestim ­
m ung)
riwwa
näm m ä
nim m and
Schdubbl
iwwerloffä
V adda
w eh-ra
(zusam m en­
gezogen)
schmeissä
W ir wissen im Augenblick nicht, ob das U r­
teil den V orschlägen der Sachverständigen
entsprach. A ber das Protokoll h at uns doch
vieles erzählt, w enn auch m anchm al nur zw i­
schen den Zeilen: aus dem Alltag der M en­
schen in jen er Zeit und über G epflogenheiten
im dörflichen Leben.
Literatur
B ader, K arl Siegfrid, Das m ittelalterliche D o rf als
Friedens- und Rechtsbereich. — D orfgenossen­
schaft und D orfgem einde. Studien z u r Rechtsge-
schichte
des m ittelalterlichen
D orfes
(Das
D o rf II.), Köln — G raz 1962
Die Stadt- und Landkreise H eidelberg und M ann­
heim. Am tliche K reisbeschreibung, Band I. 1966,
Band III. 1970
1200 Jahre Entw icklung und Geschichte — P lank­
stadt, 1970
Anmerkungen
') G enerallandesarchiv K arlsruhe (GLA):
229/83312 „Plankstadt W eidgang von der G e­
m einde — Bannweide um das D o rf“ . Aus dieser
A kte sind die wesentlichen Bestandteile der A b­
handlung entnom m en. A ndere Q uellen w erden be­
sonders genannt.
2) G em eindearchiv Plankstadt GA): B 82
3) GA B 91 in V erbindung m it w eiterführenden
Forschungen des Verfassers.
4) GA B 91
5) G A B 100
6) G A B 91
7) GA R 23/2 4
8) G A B 91
9) GLA 66/3482
10) GA B 82
“ ) G A B 100
12) G A B 91
n ) G A B 91
M) G A B 91
15) G A B 82
16) G A B 91
17) G A B 91
18) G A B 91
19) GA B 91
20) GA B 91
21) G A R 161
22) G A R 195/196
23) GA R 302/303
F riejohr
Drauß wäär schun Nacht
un schdill
un pletzlich hot-sich
uf-im Schreibdisch
was bewegt.
Gewähnlich bewege sich
uf-im
un um-in rum
blouß Gedanke
un die sieht ma erschd,
wann sie uf-im
Papier schdähne.
Awwer dess,
wu do gekrawwelt isch,
wäär ä Herrgottskefferle,
vum Friehling
durch in Fenschderschpalt
gschickt.
Ä bissel matt
hot’s die Flieget
ghoowe
un dann hot sich’s
hinner in Kuggelschreiwer
gelegt
un isch eigschloofe.
M
sou in blutjunger Friehling
ward halt
ball mied.
Eugen Pfaff
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