Das antike griechische Theater (1)

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Das antike griechische Theater (1)
„T H E A T E R G E S C H I C H T E“ - - - Das antike griechische Theater (1)
Die Zeitspanne eines Jahrhunderts genügte für Aufstieg, Vollendung und Ausklang der griechischen Tragödie.
Währenddessen vollzog sich ein geistig-kultureller Prozess, der synchron zur politischen Entwicklung der Polis
Athen verlief. Schicksalsstunde war der Sieg über die Perser in der Schlacht bei Marathon im Jahre 490 v.Chr.,
bei der
Aischylos (* 525 v.Chr. - † 456 v.Chr.) mitgekämpft hat und
Sophokles (* 497 v.Chr. - † 406 v.Chr.) als Kind den Siegesreigen angeführt haben soll.
[Euripides (* 480 v.Chr. - † 406 v.Chr.),
Aristophanes (* 448 v.Chr. - † 385 v.Chr.)]
Damals entstanden geschätzt 1000 Dramen, von denen nur ein Bruchteil „überlebt“ hat1:
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Aischylos soll 90 Tragödien geschrieben haben, von denen leider nur 7 vollständig erhalten sind.
Bei den Dionysien errang er 12 Siege.
Sophokles werden 123 Tragödien zugeschrieben, von denen leider nur 7 vollständig erhalten sind.
Bei den Dionysien soll er 24 Siege davongetragen haben, was 96 Stücken (es wurden Tetralogien
aufgeführt) entspricht. (Andere Quelle2 spricht von 18 ersten und 12 zweiten Preisen.)
Euripides soll 92 Tragödien geschrieben haben, von denen 18 (19) erhalten sind.
Aristophanes hat ca. 44 Stücke geschrieben, von denen uns heute noch 11 (nämlich die Acharner,
Ritter, Wolken, Wespen, der Friede, die Vögel, Thesmophoriazusen, Lysistrate, Frösche,
Ekklesiazusen, der Plutos) Komödien in handschriftlichen Kopien des Mittelalters erhalten sind.
1
2
http://gutenberg.spiegel.de/
Peter Simhandl: Theatergeschichte in einem Band.
Das antike griechische Theater (1)
Diese wenigen überlieferten Werke haben aber eine enorme Wirkung auf unsere abendländische Kultur ausgeübt. Sie gehören noch immer zum Fundament der Bildung, auf dem geistige und sittliche Erziehung der
kulturtragenden Schichten des Abendlandes basieren. Und seit der Renaissance waren und sind sie immer
wiederkehrender Gegenstand von produktiven Auseinandersetzungen unter den Theaterschaffenden. Brecht,
der daran sein anti-aristotelisches Theater entwickelte, Artaud, der sich für sein „Theater der Grausamkeit“
daran orientierte, sowie eine lange Reihe zeitgenössischer Dramatiker und Regisseure.
1
DIE WICHTIGSTEN DRAMATIKER IM ANTIKEN GRIECHENLAND
AISCHYLOS3
Erst über die Werke von Aischylos besitzen wir genauere Kenntnis, aus der Frühzeit
der Tragödie haben sich nur spärliche Textreste erhalten.
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Er stellte außer dem 1. Schauspieler von Thespis (Protagonist) dem Chor
noch einen 2. Schauspieler (Deuteragonist) gegenüber (Die Perser).  die
Möglichkeit(!) des Dialogs.
Zur Darstellung der Heldenrollen versah Aischylos den Protagonisten mit
dickbesohlten, hochgeschnürten Halbstiefeln: Kothurn.
Die Handlung entfaltete sich nach immer gleichem Grundschema, an das
sich auch die Nachfolger hielten:
1. Auftritt des Protagonisten (1. Schauspieler, meist der Autor), der
in einem Prolog die Ausgangslage klarstellt
2. Einzug(slied) des Chores (Parodos)
3. Szene zwischen den Einzelakteuren (Epeisodion)
4. Abwechselnd Standlieder des Chores (Stasimon) & weitere Szenen
5. Auszug(slied) des Chores (Exodus)
Sprechpartien in jambischen Trimetern4, Solisten-„Arien“ & Chorlieder in verschiedenen Versmaßen.
Das mögliche dialogische Moment spielte dennoch eine untergeordnete Rolle. Die gesungenen Passagen des Chores dienten dem kommentierenden Gefühlsausdruck (Freude, Schmerz, Angst, Zweifel)
– ohne einzugreifen. Durch seine andauernde Anwesenheit wird selbst Intimstes quasi öffentlich.
Im Dionysos-Theater vertrat der Chor den Standpunkt der Polis-Gemeinschaft; in einer Zeit radikaler
politischer und sozialer Umbrüche wurden die Lösungsmöglichkeiten der auftretenden Fragen am
Modell der überlieferten Mythen durchgespielt und abgewägt  politische Entscheidungen mit integrativer und demokratisierender Wirkung auf die Bürger.
DIE PERSER: sein ältestes Stück ist ein Zeitstück (keine Mythologie), der Kampf der
Griechen gegen die Großmacht der Perser.
Allerdings ist es kein Lobgesang über die
Sieger, sondern ein Klagelied über das Leid
der Besiegten, um die Griechen – wie in all
seinen Tragödien – vor der Überheblichkeit, der Hybris5, zu warnen.
http://www.athen-magazin.eu/ameu/images/iupload/attis_perser.jpg
3
4
Zum Beispiel http://www.zeno.org/Literatur/M/Aischylos und http://de.wikipedia.org/wiki/Aischylos
Beim jambischen Versmaß der Antike werden stets zwei Versfüße zu einem Metrum zusammengefasst: x – u –
(Dabei bezeichnet "x" eine beliebige Silbe, "u" eine kurze und "–" eine lange.) Hat der Vers sechs Füße und damit drei Metren, so
heißt er Senarius bzw. Trimeter oder auch Alexandriner.
5
http://de.wikipedia.org/wiki/Hybris: Selbstüberhebung, die unter Berufung auf einen gerechten göttlichen Zorn, die Nemesis,
gerächt wird. Hybris ist nicht wie Stolz etwas, was man fühlt, sondern mit einer Handlung verquickt: „mutwillige Gewalt“, „Frechheit“, “Gier”, “Lüsternheit”,
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SIEBEN GEGEN THEBEN: Kampf und Sterben der Ödipus-Söhne Eteokles und Polyneikes. (Quasi fortgesetzt durch Sophokles in dessen ANTIGONE).
http://www.hellenica.de/Griechenland/Mythos/Bild/SevenAgainstThebes.jpg
DIE ORESTIE: Trilogie bestehend aus Agamemnon – Choephoren – Eumeniden. Kurz:
I) AGAMEMNON: Agamemnon opfert seine Tochter Iphigenie. Die Mutter von Iphigenie Klytaimnestra
tötet deshalb ihren Mann Agamemnon
und dessen Geliebte Kassandra. –
Goldmaske des Agamemnon
http://farm5.static.flickr.com/4086/4968546329_9e5192f7d2.jpg
II) CHOEPHOREN (auch: DAS TOTENOPFER): Der Sohn Orestes, der zusammen mit seiner Schwester
Elektra Rache schwört, tötet deshalb seine Mutter Klytaimnestra und deren Geliebten Aigisthos. –
http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/Images/wd/projekte-pool/italien/goethe_in_rom/kuenstler/lips/Lips__Anfangsvignette.jpg
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III) EUMENIDEN: Orestes - und das ist neu - wird dafür nicht mit dem Tod bestraft und der Fluch der
Familie wird durchbrochen: das alte System der Blutrache weicht einer neuen Rechtsordnung, auf
göttlichem Willen beruhend, durch die Bürgerschaft Athens garantiert. (Das zugehörige Satyrspiel
ist nicht überliefert.)
http://www.abendblatt.de/multimedia/archive/00104/iphigenie8_HA_Kultu_104935b.jpg
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Aischylos war sein eigener Dramatiker, Regisseur und Hauptdarsteller. Vierzehn mal siegte er bei den Dichterwettstreiten (Agon).
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SOPHOKLES6
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Während der Zeit der Polis wuchs das Interesse am Individuum. So
verwundert es nicht, dass über Sophokles mehr bekannt ist, als über
Aischylos. Die vielen, bei den Dionysien errungenen Siege bei den
Dichterwettstreiten zeugen davon, dass Sophokles damals ziemlich
„in“ war, den Zeitgeist getroffen hatte, denn er wandte sich in seinen
Theaterstücken der Natur des Menschen zu. Seinen Zeitgenossen galt
Sophokles als Liebling der Götter; gesegnet mit Genie, Liebenswürdigkeit und Schönheit, gilt er bis heute als einer der überragenden
Personen in der Menschheitsgeschichte.
Erst noch Schauspieler, musste er sich aber wegen seiner schwächlichen Stimme (die von den Masken noch zusätzlich gedämpft wurde)
vom Mitspielen in seinen eigenen Werken distanzieren.
Er führte bei seinem TRIPTOLEMOS den 3. Schauspieler ein.
Aufgrund seiner strengeren Charakterisierung der Rollen gilt Sophokles als der ‚erste Erneuerer‘ des
antiken Dramas7.
KÖNIG ÖDIPUS: sozusagen der erste Krimi
der Weltliteratur, das Muster eines analytischen Dramas. Eine exquisite Dramaturgie
dient zur Enthüllung von verborgenen Ereignissen der Vergangenheit, der Entdeckung, dass Ödipus seinen Vater erschlagen und mit seiner Mutter Sex hatte.
Die Peripetie, der Schicksalswechsel, ist
dabei mit höchster Ausdruckskraft gestaltet.
http://www.theater-fred.de/html/img/pool/web_oedi_3.jpg
ANTIGONE: Quasi eine Weiterführung von Aischylos‘ „Sieben gegen Theben“ steht hier der Konflikt
zwischen Kreon (Herrscher von Theben) und Antigone im Mittelpunkt der Tragödie, der Konflikt zwischen starrer Herrschsucht , Staatsräson, Realpolitik und familiären, religiösen Pflichten in radikaler
Unbedingtheit.
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5c/Antigone_And_The_Body_Of_Polynices__Project_Gutenberg_eText_14994.png
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Zum Beispiel http://www.zeno.org/Literatur/M/Sophokles und http://de.wikipedia.org/wiki/Sophokles
Verner Arpe: Bildgeschichte des Theaters. © 1962. Seite 20.
Das antike griechische Theater (1)
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5
 ELEKTRA: derselbe Mythos wie im zweiten Teil der
„Orestie“ von Aischylos. ABER: das Motiv des Muttermords und
der Blutrache tritt zurück. Im Vordergrund steht hier vielmehr
die Verlassenheit Elektras, ihr Hoffen auf die Rückkehr des
rächenden Bruders Orest.
http://www.pigasus-shop.de/popup_image.php/pID/2007/imgID/0/XTCsid/bmsibtmj9tqfjd212ouah24en7
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PHILOKTET: Ein „Deus ex machina“, der mittels eines Krans auf die Szene gebracht
wird, führt am Ende des Dramas den wegen seiner stinkenden Wunden auf einer
einsamen Insel ausgesetzten Philoktet zuzusammen mit Odysseus und
Neoptolemos, die gekommen sind, um
ihm seinen Wunderbogen und vergiftete Pfeile abzuluchsen, zurück ins Lager der Griechen.
Philoktet von Heiner Müller am TNS in Straßburg (c) Mario del Curto
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Stets konzentrieren sich bei Sophokles überpersönliche Schicksalsläufe auf das Individuum. Das Schicksal tritt
nicht einer mythischen Gottheit, sondern einem Menschen gegenüber. Der verstrickt sich tragisch darin, erhebt sich aber im Leiden zu innerer Größe. Die Bestimmung bleibt zwar, doch auch die Freiheit der Entscheidung. Zusammenstoß zwischen Unbeugsamkeit und Unabwendbarkeit des Schicksals steht somit im Mittelpunkt der Sophokles’schen Tragödien. Dies kann nicht über zeitlich ausgedehnte Trilogien erfolgen, dies bedarf einer geschlossenen Form des Einzeldramas.
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EURIPIDES8
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Der jüngste der drei großen griech. Tragiker war nicht, wie seine Vorgänger,
beim Militär und in der Politik. Denn in der Spätzeit der griechischen Klassik
bestand oft eine Kluft zwischen dem Einzelnen und der Polis-Gemeinschaft.
Als „Normalbürger“ waren Euripides auch die Preisrichter bei den Wettkämpfen nicht sonderlich wohlgesonnen: nur vier Mal kam er auf Platz 1. Sein
Nachruhm überstrahlte jedoch seine damalige Anerkennung: 18 Stücke, mehr
als von Aischylos & Sophokles zusammen, blieben von ihm erhalten.
In der Mitte des 5. JH v.Chr. setzte die „griechische Aufklärung“ ein.
 neue Philosophierichtung = Sophistik9 („Der Mensch ist das Maß aller
ge, des Seienden für sein Sein, des Nichtseienden für sein Nichtsein.“ *Protagoras10] Jedes Ding muss von zwei Seiten betrachtet werden, alles hat ein Für
und ein Wider. - - - Diese Philosophie wendete Euripides auf seine Dramen an.
Das Verhalten der Götter misst er an den sittlichen menschlichen Normen seiner Zeit: die Götter
schneiden dabei schlecht ab – denn sie betrügen, hintergehen, handeln ungerecht und üben Verrat.
D.h. Euripides stellte die Götter in ihrem Handeln in Frage, nicht aber ihre Existenz. Somit blieb die
griechische Tragödie auch bei ihrem aufgeklärtesten Vertreter gebunden an die Religion.
Da der Mensch im Zentrum steht, rückt Euripides den Chor – das Sprachrohr der Polis – an den Rand.
Für ihn waren die inneren Vorgänge seiner Figuren und deren seelische Triebfedern des Handelns das
wichtigste. Man kann also sagen, dass Euripides der erste war, der psychologisches Theater schrieb.
Sophokles über Euripides: „Ich stelle die Menschen so dar, wie sie sein sollen, Euripides dagegen, wie
sie sind.“
Die Dramen des Euripides
beginnen in der Regel mit einem von der Hauptfigur oder einem Gott gesprochenen Prolog, in dem
die Voraussetzungen für die Handlungen skizziert werden – weil die Zuschauer mit der vom Autor
gewählten Version des Mythos oft nicht vertraut waren.
Am Ende führt Euripides meist eine (manchmal willkürliche) Versöhnung herbei: ein Deus ex machina
taucht auf und löst den Konflikt.  Nicht das Schicksal regiert, sondern der blinde Zufall (Tyche).
Statt Erschütterung über unabwendbare Erfüllung göttlichen Willens (Aischylos, Sophokles) … jetzt Erstaunen über die Wunderlichkeit menschlicher Geschicke und Bestürzung über jähe Wechsel irdischen Glücks.
ALKESTIS: sein frühestes erhaltenes Drama, eine Tragödie mit glücklichem Ausgang, anstelle des Satyr-Spiels nach der Trilogie. Hier zeichnet Euripides das realistische Porträt einer Frau und Mutter, deren
letzter Gedanke, bevor sie freiwillig in die
Unterwelt geht, der Zukunft ihrer Kinder
gilt.
http://www.nahaufnahmen.ch/wpcontent/uploads/2010/02/Alkestis_0695.jpg
Überhaupt: Euripides war Meister im Schildern der weiblichen Psyche:
8
Zum Beispiel http://www.zeno.org/Literatur/M/Euripides und http://de.wikipedia.org/wiki/Euripides
Zum Beispiel http://www.gottwein.de/Grie/vorsokr/VSSophist01.php
10
Protagoras (ca. 480 bis ca. 410 v.Chr.); griech. Philosoph; Wahrheit ist relativ! „Von den Göttern weiß ich nichts, weder ob es
welche gibt, noch auch ob es keine gibt.“  wegen Gottlosigkeit aus Athen verbannt
9
Das antike griechische Theater (1)
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7
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MEDEA: eine von elementarer Kraft erfüllte Frau trifft auf einen schwächlich-opportunistischen
Mann. Von ihrer Umwelt dazu getrieben ermordet sie ihre Kinder.
http://imgs.sfgate.com/c/pictures/2002/11/10/pk_medea2_ho.jpg
(FIONA SHAW als MEDEA)
Sein Spätwerk:
A) Phantastische und romantische Werke, die von Abenteuern in fremden Landen und auf fernen
Meeren berichten und durchwegs einen glücklichen Ausgang nehmen.
(1) IPHIGENIE BEI DEN TAUREN
(2) HELENA
(3) DIE PHÖNIKERINNEN
B) Die eigentlichen Tragödien (beinahe schon modern-psychologisch: Leiden unter Schuldgefühlen)
(1) ELEKTRA
(2) OREST
C) Schwanengesang (im makedonischen Exil entstanden)
(1) DIE BAKCHEN
(diesen liegt der Dionysos-Mythos zugrunde … back to the roots: Am Ausgang der Tragödie
stehen Mahnung vor Hybris und Hinweis auf Religion als Grundlage des griech. Theaters).
http://3.bp.blogspot.com/-UhU9ovnF-EY/TgZHRuqYYTI/AAAAAAAAALM/KkV1XWa5mxk/s1600/IMG_1014.JPG
Das antike griechische Theater (1)

Höhepunkt seines Schaffens während des Peloponnesischen Krieges:
ANDROMACHE, HEKABE & DIE TROERINNEN: Trotz des Sieges der Griechen hört und sieht man in
diesen Dramen nichts von heroischem Glanz, vielmehr wird man mit einer Kette von Grausamkeiten
konfrontiert. Eine Flut von Leiden bricht über die Besiegten herein und auch den Siegern wird schweres Unheil prophezeit. Gott Poseidon in den Troerinnen: „Denn wer zerstört, der schafft sich selbst
den Untergang!“
8
EURIPDES – IPHIGENIE BEI DEN TAUREN11
UA
um 412 v.Chr.
WO
ein freier Platz an der taurischen Küste vor dem Tempel der Artemis
WANN
mythologischer Stoff z.B. ca. 1180 v.Chr.
WER
IPHIGENIE
ORESTES
PYLADES
THOAS
EIN HIRTE
EIN BOTE
ATHENE13
GEFOLGE THOAS
TEMPELDIENERINNEN
12
(Tochter Agamemnons und Klytaimnestras)
(Iphigenies Bruder)
(Freund von Orest, Mutter war Schwester Agamemnons)
(König der Taurer)
(Dea ex machina)
WAS
Die einst von den Griechen der Artemis geopferte, von der aber errettete und nach Tauris gebrachte
IPHIGENIE dient seitdem der Göttin Artemis in einem Tempel – und muss als Gegenleistung alle auf
Tauris ankommenden Griechen der Göttin opfern.
Zwei Griechen werden gefangen genommen und sollen, auf Befehl von THOAS Artemis geopfert werden. Was niemand weiß: die beiden sind ORESTES und PYLADES, die herkamen, um das Standbild der
Artemis zu stehlen und nach Athen zu bringen. Dafür soll Orestes auf Befehl Apollons von den ihn verfolgenden Erinnyen befreit werden.
IPHIGENIE heißt ORESTES einen Brief nach Griechenland zu bringen; PYLADES hingegen müsse geopfert
werden. Doch jeder der beiden Freunde will für den andern in den Tod gehen. Schließlich ist Pylades
der Bote.
IPHIGENIE liest PYLADES den Brief vor, nennt ihren Namen und den, an den er gerichtet ist: ORESTES.
Pylades geht den kurzen Weg – und
Die drei wollen nun gemeinsam das Standbild stehlen. IPHIGENIE wird beim Lösen desselben von
THOAS überrascht und muss ihn belügen: das von den Griechen entweihte Götterbild müsse im Meer
gereinigt werden. So gelangt das Standbild ins Meer und zum Schiff.
EIN BOTE enthüllt THOAS, dass er getäuscht wurde. THOAS will daraufhin die Verfolgung aufnehmen,
doch ATHENE (dea ex machina) greift ein und behauptet, Gott Apollon hätte diesen Raub befohlen, und
Orestes würde in Athen einen Tempel errichten, mit Iphigenie als Priesterin. THOAS gibt klein bei, die
Drei sind gerettet.
MEINUNG
Nicht die Reinigung von der Blutschuld interessiert Euripides, er ist viel mehr an der Erkennungsszene
der Geschwister interessiert. Der Zuschauer weiß mehr als die Handelnden – ein auch heute noch sehr
gebräuchlicher (Rühr-)Effekt, hier gesteigert, wenn die beiden sich, noch ohne sich erkannt zu haben,
einander wie Geschwister nähern. Ein weiterer Rühreffekt: dass die Freunde sich für einander aufopfern wollen. Friends will be friends. Ein kleines Stückchen Humanität ist auch dabei, wenn Iphigenie an
der Berechtigung von Menschenopfern zweifelt.
11
Tauris ist heute die Krim
Iphigenie ist in der griechischen Mythologie die älteste Tochter von Agamemnon (dem König von Mykene auf der Peloponnes) und
Klytaimnestra und die Schwester von Orestes, Elektra und Chrysothemis. Agamemnon siegte im trojanischen Krieg. Dieser Krieg – so er
stattgefunden hat – wird traditionell auf den Zeitraum von 1194 bis 1184 v. Chr. datiert. A. opfert während des Kriegs I. an Artemis, die
I. aber nach Tauris entführt. Nach dem Krieg wird A. von seiner Gattin Klytaimnestra ermordet. Sohn Orestes – unterstützt von seiner
Schwester Elektra – bringt die Klytaimnestra und ihren Liebhaber um. Dann jagen ihn die Erinnyen. Irgendwann landet er auf Tauris.
13
Göttin d. Weisheit, d. Strategie & d. Kampfes, d. Handwerks & d. Handarbeit, sowie Schutzgöttin & Namensgeberin von Athen
12
Das antike griechische Theater (1)
(Chorführerin plus 14 weitere griech. Jungfrauen)
9
SZENARIUM ZU EURIPIDES‘ „IPHIGENIE BEI DEN TAUREN“
(gem. Reclam-Ausgabe von 1985)
IPHIGENIE
ORESTES
PYLADES
THOAS
GEFOLGE
HIRTE
BOTE
CHOR
CHORF.
ATHENE
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
5-6
2
7-9
3
9-12
4
12-17
6
17-19
3
19-20
2
20-30
11
30-33
4
33-49
17
49-50
2
50-52
3
52-59
8
60
1
60-62
3
62-63
2
63-68
6
68-70
3
X
X
X
X
X
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(X)
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X
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(X)
(X)
X
X
(X)
(X)
X
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(X)
X
X
X
X
X
X
X
(X)
X
Auftritt 7:
Iphigenie versucht, zunächst vergebens, Namen und Herkunft von Orestes aus ihm heraus zu bekommen. Dann nennt er zunächst sein Vaterland – das ja auch das
ihre ist. Sodann befragt sie ihn nach allen ihr noch bekannten Griechen, wie es ihnen durch den Krieg erging. Dies wiederum macht Orestes hellhörig – ob sie denn
Griechin sei – was sie natürlich bestätigt. Als die Rede auf Agamemnon kommt , muss Iphigenie dem widerwilligen Orestes die Antworten aus der Nase ziehen. Sie
erfährt, dass ihr Vater tot ist, ermordet von der Mutter; und dass die Mutter vom Sohn aus Rache erschlagen wurde. Von ihr selbst ginge jeder davon aus, dass sie
tot sei; und ihr Bruder Orestes, so der noch unentdeckte Orestes: „Er lebt, im Elend, nirgendwo und überall.“ Iphigenies Hoffnungen schwinden. – Aber sie möchte, dass Orestes einen Brief von ihr in ihre Heimat bringe. In Folge bliebe er am Leben, Pylades aber müsse sterben. Orestes, der sich die Schuld an der momentanen Misere gibt, bittet Pylades zu schicken und ihn zu opfern. Die Szene endet mit der Schilderung des Opferns.
Auftritt 9:
Iphigenie will, dass Pylades schwört, dass er den Brief auch wirklich ihren Angehörigen überbringt. Dafür schwört sie, sie ihn persönlich aufs Schiff zu bringen
und zu retten. Die Schwüre werden geleistet. Um dem Verlust des Briefes vorzubeugen, teilt Iphigenie dessen Inhalt noch mündlich mit. Und endlich teilt sie
auch den Empfängernamen mit: ORESTES. Sowie den ihren: IPHIGENIE. Pylades kann nun leichterhand den Brief an Orestes übergeben – und Orestes jubiliert.
Iphigenie glaubt den beiden aber zunächst nicht. Und lässt Orestes von der Familie schildern … und erkennt die Wahrheit. Beide sind überglücklich. Bis ihnen
die ausstehende Opferproblematik wieder gegenwärtig wird. Trotz der Brisanz der Situation fragt Iphigenie Orestes aber weiter aus – nach Elektra. Und erfährt, dass diese mit Pylades verheiratet ist. Dann sind sie wieder bei der Ermordung der Mutter, des Vaters. Und Orestes erzählt, wie es ihm danach erging,
wie man ihn aburteilte und ihm auferlegte, bei den Tauren das Bildnis der Göttin Artemis zu stehlen, so dass der Fluch gebrochen sei. Iphigenie will ihm dabei
helfen. Sie ersinnen einen Plan. Da der „unreine“ Orestes das Bildnis der Artemis berührt hat, müssen beide im Meer gereinigt werden. Und Pylades ebenso.
Die Reinigung soll da stattfinden, wo im Meer das Schiff des Orestes vor Anker liegt.
Das antike griechische Theater (1)
Auftritt
Seite
(von-bis)
Ca. Seiten
1
0
AISCHYLOS – AGAMEMNON
UA
WO
WANN
WER
um 458 v.Chr.
Vor dem Königspalast zu Argos. Auf dem flachen Dach der Wächter.
14
mythologischer Stoff nach dem Ende des trojanischen Krieges, z.B. ca. 1184 v.Chr.
AGAMEMNON
(König von Argos)
KLYTAIMNESTRA
(seine Gemahlin)
KASSANDRA
(eine trojanische Königstochter)
AIGISTHOS
(Neffe des Agamemnon und Geliebter der Klytaimnestra)
EIN WÄCHTER
EIN HEROLD
DIE ÄLTESTEN V. ARGOS
MEINUNG16
Damit spiegelt sich in der ORESTIE eine der entscheidenden Wendungen der Menschheitsgeschichte:
Sippen- und Blutrache wird abgelöst von dem von der Vernunft gesetzten staatlichen Recht (das an
göttliches Gebot gebunden ist); zivilisatorisches Selbstbewusstsein ist erwacht. Der Beginn der europäischen Kultur, deren Grundlage Rechtssicherheit ist.
14
Agamemnon ist König von Mykene auf der Peloponnes, seine Frau ist Klytaimnestra und die Kinder sind Orestes, Elektra, Iphigenie
und Chrysothemis. Agamemnon siegte im trojanischen Krieg. Dieser Krieg – so er stattgefunden hat – wird traditionell auf den Zeitraum von 1194 bis 1184 v. Chr. datiert. Nach dem Krieg wird A. vom Liebhaber seiner Gattin Klytaimnestra ermordet. Sohn Orestes –
unterstützt von seiner Schwester Elektra – bringt die beiden um. Dann jagen ihn die Erinnyen. Irgendwann landet er auf Tauris.
15
Thyestes ist der Bruder von Atreus und der Vater von Aigistos. Atreus hat die Kinder des Thyestes zerstückelt und ihr Fleisch dem
Thyestes als Gastmahl vorgesetzt. Danach wurden Thyestes und der Säugling Aigisthos des Landes verwiesen.
16
Georg Hensel: Spielplan. Aischylos, Hinweise, Seiten 37 ff. (2. Auflage 1992, List-Verlag)
Das antike griechische Theater (1)
WAS
(Chor)
Ein Wächter erblickt die Feuerzeichen, die den Fall Trojas verkünden. Der Chor der Ältesten zieht ein und
ein Bote meldet, dass Agamemnon auf dem Heimweg sei. Klytaimnestra befiehlt dem Boten, ihrem Gatten zu berichten, dass sie treu gewesen sei. - - - Agamemnon kommt angefahren, mit dabei Kassandra,
Kriegsbeute - Geliebte, die er der Güte Klytaimnestras empfiehlt – und verschwindet erstmal im Palast.
Klytaimnestra geht ihm nach. - - - Kassandra prophezeit den Ältesten kommendes Unheil: die Ermordung
Agamemnons durch Klytaimnestra und ihren Geliebten Aigisthos – und die Rache des Orestes durch Muttermord. Dadurch erfülle sich der Fluch, der auf dem Geschlecht der Artriden liege. Kassandra betritt den
Palast. - - - Man hört die Todesschreie Agamemnons. Er und Kassandra wurden getötet. Klytaimnestra
prahlt triumphal mit dem Gattenmord und rechtfertigt ihn damit, dass Agamemnon vorm Krieg Iphigenie
für günstigen Segelwind geopfert hätte. - - - Auch Aigisthos ist tief befriedigt über den Mord: Rache für die
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Untat, die Agamemnons Vater, König Atreus, einst an Thyestes begannen hatte . Und er errichtet – gegen den Willen des Volkes (Chor), das auf die Rückkehr Orestes hofft – eine Gewaltherrschaft über Argos.
Nichts liegt dem unbefangenen Zuschauer näher, als die verwickelten Familiengreuel und die sich bekämpfenden verschiedenen Gottesvorstellungen ungeduldig beiseite zu schieben und sich (vor dieser Trilogie) an die menschlichen Vorgänge und das Kriminaldrama zu halten.
Danach wäre der erste Teil, AGAMEMNON, die Geschichte eines Mannes, der aus dem Krieg heimkehrt,
Sieger zwar, doch vom Kämpfen schwer gezeichnet, bescheiden geworden und müde. Seine Frau hat ihn
betrogen, doch kann sie für sich anführen: ihr Mann hat dem Kriegsglück ihre Tochter geopfert, war zehn
Jahre im Feld – und bringt sich zu guter Letzt eine Geliebte als Kriegsbeute mit. Also tötet die Gattin den
Ehemann und heiratet den Geliebten. Dies das MORD-STÜCK. - - - [Diesem folgt das RACHE-STÜCK …+
Spätestens beim dritten Teil, den EUMENIDEN, wird klar: Es kam Aischylos nicht darauf an, eine wohl bekannte, 740 Jahre alte Geschichte, auf möglichst packende Weise noch einmal vorzuführen, sondern darauf, sie religiös und politisch neu zu deuten.
Vergangene Rechtsverhältnisse werden im Artridenfluch gespiegelt: dieser Fluch hat zu einer Kette von
Freveln und Gegenfreveln geführt, zu Kinderschlächtereien und Kannibalismus. - - - Dem entgegen stehen
neue Rechtsverhältnisse: Bei der Verhandlung in Athen werden Gattenmord und Muttermord gegeneinander abgewogen: den Erinnyen wiegt der Muttermord schwer, Athene der Gattenmord. Schließlich
entscheidet das Schwurgericht von Athen (aber an Athene und Zeus gebunden).
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