Brüderlichkeit und Bruderzwist
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Brüderlichkeit und Bruderzwist
Tanja Zimmermann (Konstanz) Einleitung Brüderlichkeit und Bruderzwist Sollten unterschiedliche soziale Schichten, religiöse Glaubensgemeinschaften, Ethnien oder Nationen in einer politischen Bewegung1 oder in einem Staat geeint werden, so gab man Parolen der „Brüderlichkeit“ aus. Vom Panslawismus in seinen verschiedenen Ausprägungen zu den multinationalen Staaten wie die Tschechoslowakei, Jugoslawien und die UdSSR, von frühchristlichen Idealen zum Kommunismus, von geheimen Vereinigungen zu proletarischen Bünden, von Sportvereinen zu Waffenbruderschaften reichten die Szenarios, durch die kulturelle Gemeinsamkeiten als „Brüderlichkeit“ begründet wurden. In Osteuropa folgte die Gründung moderner Nationalstaaten nur in wenigen Ländern wie Polen und Bulgarien unmittelbar auf die Auflösung der Imperien. In einigen signifikanten Fällen gingen aus panslawistischen Projekten des 19. Jahrhunderts multinationale Gebilde hervor, die international wirksame, jedoch prekäre Identitätsmodelle der Verbrüderung entwickelten. So hat Hans Lemberg schon wenige Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion, der Tschechoslowakischen Republik und Jugoslawiens daran erinnert, dass bereits ihre Gründung nicht von einer Nation getragen worden war.2 Die Konstruktion synthetischer Supranationen der Tschechoslowaken und Jugoslawen wurde vielmehr jahrzehntelang 1 Schneider, Wolfgang: ,Brüderlichkeit. Bruderschaft, Brüderschaft, Verbrüderung, Bruderliebe‘, in: Brunner, Otto / Conze, Werner / Koselleck, Reinhart (Hg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Stuttgart 19742, S. 552 – 581. Der Autor verfolgt den Begriff der „Brüderlichkeit“, seiner Derivate und Proliferationen von der Antike bis ins 19. Jahrhundert, erfasst aber nicht dessen staatsgründende Potentiale im 20. Jahrhundert. Sein Interesse gilt vor allem dem Wandel des Begriffs – von seiner Rolle bei der Gründung und Affirmation von Gesinnungen zu den institutionalisierten Formen politischer Brüderlichkeit in Bündnissen. 2 Lemberg, Hans: ,Unvollendete Versuche nationaler Identitätsbildung im 20. Jahrhundert im östlichen Europa. Die „Tschechoslowaken“, die „Jugoslawen“, das „Sowjetvolk“‘, in: Berding, Helmut (Hg.): Nationales Bewusstsein und kollektive Identität. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewusstseins in der Neuzeit 2. Frankfurt/M. 1994, S. 581 – 607. 12 Tanja Zimmermann durch Amalgamierung angestrebt. Obwohl beide Staaten bereits in den 1930er Jahren mit Nationalismus und Autonomiebestrebungen zu kämpfen hatten, wurde das Experiment nach dem Zweiten Weltkrieg unter den Bedingungen des Kommunismus wiederholt. Die Entstehung des Staatensystems in Osteuropa war somit nicht nur eine Geschichte des Aufbaus, sondern auch der Zerstörung und der Neugründung von Gemeinschaften. Brüderlichkeit und Bruderzwist sind die leitenden Metaphern, um die Geschichte der verschiedenen Entwürfe politischer Identität und ihre mediale Rhetorik zu umreißen. Verbrüderung war nicht nur ein Angebot, sondern immer wieder auch ein Zwang. Die Liebe nicht verwandter, metaphorisch geeinter „Brüder“ konnte in die Zwänge erpresserischer „Familienclans“ umschlagen, die ihre Ziele durch Rassismus und Biopolitik zu erreichen suchten. Die Spannung von Brüderlichkeit und Bruderzwist bis hin zum Brudermord hat sich in Osteuropa mehr als andernorts in den mythischen Gründungsakten der Staaten bis in die 1990er Jahre eingeschrieben. Bei der Konstruktion staatlicher Gemeinschaft führten die den Aufbau der communitas begleitenden Emotionen zu nationaler Einigung auf der einen Seite, zu Vertreibung, Krieg und Völkermord auf der anderen. Doch auch im Innern der Gemeinschaft sind die Vorteile der Zusammengehörigkeit untrennbar mit dem Zwang zur Einordnung verbunden. Ihr Wechselspiel sieht der italienische Philosoph Roberto Esposito bereits in der Etymologie des Wortes communitas (Gemeinschaft) angelegt, einem Kompositum aus communis (allgemein) und munus (Pflicht, Aufgabe, Last).3 Den Ursprung der kommunitären Beziehung bestimmt laut Esposito weniger der allgemeine, gemeinsame Besitz als die zirkuläre Verbindlichkeit von Gabe und Tausch infolge des Mangels. Im Kern der komunitären Gegenseitigkeit steht also kein Gut, sondern eine Schuld, die das kollektive Band herstellt und zusammenhält. Auch die christliche communitas leitet der Philosoph weniger von der communio als Gemeinschaft der Gläubigen in der Ekklesia als vielmehr von der griechischen koinonia (joimym_a) ab, der eucharistischen Gemeinschaft durch Teilhabe.4 Auch hier wird die horizontale Gleichheit der Partizipation durch die vertikale Beziehung von Gott und Mensch durchkreuzt. Zudem ist die Brüderlichkeit „in Christo“ nach der Auferstehung Jesu auf einem Entzug gegründet; sie beruht vor allem auf gemeinsamem Leiden und Hoffen.5 Diese Vorstellung findet man bereits bei Augustinus, der die Gemeinschaft der in der Nächstenliebe Geeinten als eine Schuldgemeinschaft verstand, die dem Erbe 3 Esposito, Roberto: Communitas. Ursprung und Wege der Gemeinschaft. Berlin 2004 (it. Communitas. Origine e destino della comunit, Torino 1998), S. 7 – 35. 4 Esposito 2004, S. 21. 5 Ebd., S. 20 – 22. Einleitung 13 Kains und dem am Beginn jeglicher Zivilisation stehenden Brudermord entsprungen war.6 Der communitas stellt Esposito daher nicht die Partikularität des Subjektiven, des Eigenen gegenüber, sondern die immunitas („Immunität“), die Gesamtheit all derer, denen gegenüber die Glieder der Gemeinschaft von jeglicher Pflicht befreit sind. Die „Immunen“ sind stets vom Ausschluss bedroht.7 Gerade das Verhältnis des sozialen und des asozialen Aspekts entscheidet über Schutz und Vernichtung des Lebens und darüber, welche Gemeinschaft als gefährlich oder gefährdet angesehen wird,8 und welcher dagegen ein „Gesicht“ verliehen wird.9 In Osteuropa ist die seit der Französischen Revolution so wirksame Metapher der fraternit¦ geradezu durchwirkt mit Geschichten des Bruderzwistes. Die hochtrabenden Brüderlichkeitsparolen sind bekanntlich notorisch anfällig dafür, dass mit ihnen das Gegenteil von Verbrüderung betrieben wird.10 Mit dem Slogan libert¦, ¦galit¦, fraternit¦ wurde in Frankreich die erste Republik gegründet. Doch kam das Konzept der Brüderlichkeit in den Verfassungen von 1791, 1793 und 1795 nur marginal oder gar nicht vor.11 Erst in der Präambel der Revolutionsverfassung von 1848 wurde die fraternit¦ als staatstragende Gesinnung verankert und zugleich mit der revolutionären Expansion gleichgesetzt.12 Die revolutionäre fraternit¦, die von der Aufklärung, vor allem von der durch Rousseau in Du contrat social (1762) entwickelten Idee des durch einen gemeinsamen Willen (volont¦ g¦n¦rale) geeinten Staates geprägt war, entwickelte sich im Verlauf der Revolution vom Ideal einer universellen Verbrüderung zur immer exklusiveren Bruderschaft der Jakobiner, die schließlich 1793 – 94 in den Jahren der terreur mit Brudermord endete. Mit dem Slogan der fraternit¦ hatte schließlich schon das Ancien R¦gime seine Kräfte mobilisiert.13 Mit Brüderlichkeit wurde dabei nicht die Gleichheit der Blutsverwandten, sondern eine Familienhierarchie assoziiert, in der ein jüngerer Bruder Anspruch auf Schutz hat, der ältere dafür den Gehorsam der jüngeren einfordern durfte. Nach der 6 Ebd., S. 23. 7 Esposito, Roberto: Immunitas. Schutz und Negation des Lebens. Berlin 2004 (it. Immunitas. Protezione e negazione della vita, Torino 2002), S. 7 – 31. 8 Butler, Judith: Gefährdetes Leben. Politische Essays. Frankfurt/M. 2012 (am. Precarious Life. The Politics of Mourning and Violence. London 2004). 9 L¦vinas, Emmanuel: Zwischen uns. Versuche über das Denken an den anderen. Wien 1995 (fr. Entre nous. Essais sur le penser--l’autre. Paris 1991). 10 Schneider 1974, S. 565, 571, 577. 11 MontÀgre, Gilles: ,La fraternit¦ r¦volutionnaire. Discours et pratiques entre France et Italie‘, in: Bertrand, Gilles / Brice, Catherine / MontÀgre, Gilles (Hg.): Fraternit¦. Pour une histoire du concept (=Les Cahiers du CHRIPA 20). Grenoble 2012, S. 83 – 102. 12 Schneider 1974, S. 572. 13 Brice, Catherine / Bertrand, Gilles / MontÀgre, Gilles:,Introduction‘, in: Bertrand / Brice / MontÀgre (Hg.) 2012, S. 5 – 16, hier S. 9; M¦nissier, Thierry : ,R¦publique et fraternit¦. Une approche de th¦orie politique‘, in: Brice / Bertrand / MontÀgre (Hg.) 2012, S. 35 – 51. 14 Tanja Zimmermann Revolution übernahm das Bündnis der Heiligen Allianz den Begriff, um damit die monarchisch-konservative Solidarität zwischen Russland, Österreich und Preußen zu bezeichnen.14 Wohl auch vor dem Hintergrund dieser Pervertierung nahmen ethische Grundbegriffe der Französischen Revolution nach 1848 eine kalauerartige Form an. Jede gleichschaltende Gesinnungspropaganda wurde nun als nur scheinbar philanthrop, in Wirklichkeit aber tyrannisch gegeißelt: „Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag’ ich dir den Schädel ein.“15 In Deutschland wurde die Brüderlichkeit als politische Metapher schließlich sowohl von den restaurativen Kräften als auch von nationalstaatlich gesonnenen Liberalen verwendet. Die einen verteidigten damit die fortbestehende Kleinstaaterei und den Antagonismus von Preußen und Österreich-Ungarn, die anderen appellierten an die Versuche, nach französischem Vorbild zur nationalstaatlichen Einheit zu gelangen. Wolfgang Schneider und Marco Meriggi weisen auch auf eine semantische Verrschiebung hin, bei der wenig von der französischen Revolutionsparole bleibt.16 Sowohl für reaktionäre als auch für revolutionäre Gruppen war der Horizont der Verbrüderung weniger der Staat als vielmehr unterschiedliche geheime Gruppierungen, die sich als exklusive, in der Tradition der religiösen und ständischen Bruderschafen (fraternitates) stehende, institutionalisierte Bündnisse verstanden. Wenn der Apell an die Brüderlichkeit selbst von der Heiligen Allianz übernommen wurde, so schwingt auch darin ein bündisches Element mit. Martin Schulze Wessel hat in einer Studie über Revolution und religiösen Dissens dargelegt, dass sich die Parolen der Revolutions- und Religionsbrüderschaften problemlos für entgegengesetzte Ziele einsetzen ließen.17 In einer Dialektik der Aufklärung legitimierte „Brüderlichkeit“ sowohl aufklärerische als auch entgegengesetzte Tendenzen. In allen aufklärerischen Bewegungen bis hin zur Frazösischen Revolution spielten masonische und ihnen struktural ähnliche Geheimbünde wie die Rosenkreuzer und die Illuminaten eine zentrale Rolle. Obwohl sie von sittlichmoralischen Erziehungs- und Disziplinierungszielen ausgegangen waren, poli- 14 Schneider 1974, S. 571 f. 15 Brice / Bertrand / MontÀgre (Hg.) 2012, S. 9; Ash, Thimoty G.: Und willst Du nicht mein Bruder sein. DDR heute. Berlin 1993; Krienen, Tanja: ,Europäische Union. Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag ich Dir den Schädel ein‘, 28. 05. 2013, verfügbar unter : <http://ef-magazin.de/2013/05/28/4244-europaeische-union-und-willst-du-nicht-meinbruderstaat-sein-so-schlag-ich-dir-den-schaedel-ein> [Zugriff: 30. 09. 2013]. 16 Schneider 1974, S. 567; Meriggi, Marco: ,Fraternit¦ / Brüderlichkeit. Le ambivalenza della ricerzione tedesca (1789 – 1815)‘, in: Bertrand / Brice / MontÀgre (Hg.) 2012, S. 103 – 114. 17 Schulze Wessel, Martin: Revolution und religiöser Dissens. Der römisch-katholische und der russisch- orthodoxe Klerus als Träger religiösen Wandels in den böhmischen Ländern und in Russland 1848 – 1922 (=Veröffentlichungen des Collegium Carolinum 123). München 2011, S. 1. Einleitung 15 tisierten sie ihre Zielsetzungen schon während der Frühaufklärung.18 Das Band der Bruderliebe gehörte auch hier zu den grundlegenden Idealen, die auf horizontaler Freundschaft und gegenseitiger Unterstützung beruhten. In ihren Bünden nahmen sie das egalitäre Prinzip der Französischen Revolution insofern vorweg, als dass sie trotz elitärem Anspruch ständischen Eliten meist keinen Sonderstatus einräumten. Allerdings führten sie durch die Inszenierung des Lebens ihrer Mitglieder als Aufstieg auf einer Skala der Sittlichkeit doch andere, durchaus nicht weniger wirksame Hierarchien und Machtansprüche ein. Der Idee der Harmonie standen, wie Reinhart Koselleck und Wolfgang Hardtwig herausgearbeitet haben, sowohl die vertikale Obedienz als auch die Abgrenzung gegenüber den Profanen, die nicht in die Geheimlehren initiiert waren, entgegen.19 Die aufklärerischen Ziele konnten dabei in antiaufklärerische Herrschaftstechnik oder in systemstabilisierende, bisweilen reaktionäre Bemühungen einmünden. Andere geheime Vereinigungen wie die „Internationale theosophische Verbrüderung“, gegründet 1875 von Helena Blavatsky, stellten sich zwar dem Nationalismus entgegen, doch bildete sich auch hier eine Hierarchie der Völker aus. Rudolph Hermann, Vorsitzender der deutschen theosophischen Gesellschaft, unterschied im Jahre 1905 zwischen Rassen und Nationen auf den „aufsteigenden Stufen in der Entwicklung des Bewusstseins und der Liebe zum reinen, freien Menschentum“.20 Entsprechend der Stereotypen der damals aktuellen Völkerpsychologie schrieb die Theosophische Gesellschaft in Deutschland mit Sitz in Leipzig den Deutschen eine philosophisch-mystische Natur zu. Entsprechend konnten sie sich auf der Leiter zum Göttlichen höher platzieren: „Möchten recht viele im deutschen Volke ihre Mission erkennen!“, so schloss Hermann Rudolph seinen Vortrag über den „Patriotismus und die theosophische Verbrüderung der Menschheit“.21 Ähnlich wurden die Brüderlichkeitspostulate der Arbeiterbewegungen, die sich in ihrer Gründungsphase Mitte des 19. Jahrhunderts auf christliche Wurzeln beriefen, im Bund der Kommunisten allmählich eliminiert.22 Der Bruderruf zur 18 Koselleck, Reinhart: Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt. Frankfurt/M. 1973, S. 49 – 103; Schneider 1974, S. 563 – 565; Hardtwig, Wolfgang: Genossenschaft, Sekte, Verein in Deutschland. Bd. 1: Vom Spätmittelalter bis zur Französischen Revolution. München 1997, S. 304 – 359. 19 Koselleck 1973; Vgl. auch: Conti, Fulvio: I fratelli e i profani. La massoneria e l’idea die fratellanza fra Sette e Ottocento, in: Bertrand / Brice / MontÀgre (Hg.) 2012, S. 137 – 155. 20 Rudolph, Hermann: ,Der Patriotismus und die theosophische Verbrüderung der Menschheit‘, in: Arthur Weber (Hg.): Geheimwissenschaftliche Vorträge 17, Leipzig s.t., S. 3 – 28, hier S. 18. 21 Ebd., S. 28. 22 Schneider 1974, S. 573 – 577. 16 Tanja Zimmermann sozialen Solidarität wurde durch den politischen Aufruf zum Klassenkampf aller Proletarier ersetzt. Die so folgenreiche Rhetorik von Brüderlichkeit und Bruderzwist, die nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg die multinationalen Staaten in Osteuropa auf unterschiedlichen ideologischen Grundlagen zusammengehalten hatte, war in den letzten Jahrzehnten auch ein Hauptthema der politischen Satire. In der Karrikatur aus der Periode des Zerfalls Jugoslawiens wurden die Symbole der Brüderlichkeit in ihr Gegenteil gewendet: Die Tänzer im Reigen des slawischen Kreistanzes Kolo fallen in eine Grube, Zwillingsbrüder ziehen mit den gleichen Parolen der Brüderlichkeit in entgegengesetzte Richtungen, die Finger ein und derselben Hand führen ein Eigenleben und geraten untereinander in Konflikt, ein Knoten brüderlicher Hände löst sich auf, weil jede Hand die andere verletzt – sie kneift, kratzt oder schlägt.23 Populäre Gesänge der Brüderlichkeit wurden Ende der 1980er Jahre mit neuen parodistischen Texten unterlegt. Das Lied „Jugoslavijo“ besingt das stolze, schöne, von der Sonne erleuchtete TitoJugoslawien vom Vardartal in Makedonien bis zu den slowenischen Alpen im Norden.24 Von Zdravko Čolić vorgetragen, wurde es in den 1970ern zum Hit in allen Teilrepubliken. In einer neuen Variante von Bora Öord̄ević aus dem Jahre 1989 kündigt es den Zerfall Jugoslawiens an: „Od Vardara pa do Triglava / veliko se sranje odigrava. / Dovid̄nja draga Jugo / radije bi nešto drugo.“25 Brüderlichkeit und Bruderzwist sind ein janusgesichtiges Zwillingspaar, die untrennbar miteinander verbunden und letztlich austauschbar sind. Nähe und Enge Zum Phantasma wird die Brüderlichkeit, wenn die Verwandtschaftsmetapher für Solidarität und Gleichheit von anderen Metaphern überwuchert wird, wie der von einem einzigen, zusammengewachsenen Körper.26 Die unterschiedli23 Zimmermann, Tanja: ,,Brüderlichkeit und Einheit‘ in Tito-Jugoslawien und ihr Umschlag in die Rhetorik des Brudermords‘, in: Drews-Sylla, Gesine / Makarska, Renata (Hg.): Neue alte Rassismen? Differenz und Exklusion in Europa nach 1989, Bielefeld 2014 (im Druck). 24 ,Jugoslavijo‘, verfügbar unter : <http://lyricstranslate.com/de/Ladarice-Od-Vardara-pa-doTriglava-lyrics.html#sdjy563bXcj4jyd7.99> [Zugriff: 30. 09. 2013]. „Od Vardara pa do Triglava / od Öerdapa pa do Jadrana / Kao niska sjajnog Öerdana / Svijetlim suncem obasjana / ponosito sred Balkana / Jugoslavijo, Jugoslavijo.“ 25 Öord̄ević, Bora: Hej Sloveni. Pesme, Beograd 1989, S. 8. „Vom Vardar bis zum Triglav, spielt sich eine große Scheiße ab. / Auf Wiedersehen liebe Jugo / ich möchte lieber was anderes.“ 26 Zu Familienmetaphern in der Politik vgl.: Rigotti, Francesca: Die Macht und ihre Metaphern. Über die sprachlichen Bilder der Politik. Frankfurt/M. 1994; Koschorke, Albrecht / Lüdemann, Susanne / Frank, Thomas / Matala de Mazza, Ethel: Der fiktive Staat. Konstruktionen des politischen Körpers in der Geschichte Europas. Frankfurt/M. 2007; Tjarks, Anjes: Fa- Einleitung 17 chen slawischen Völker, die im 19. Jahrhundert, aufgeteilt zwischen großen Imperien, noch keine selbständigen Nationalstaaten gründen konnten, vergleicht der slowakische Panslawist Jn Kollr in seiner Schrift Über die literarische Wechselseitigkeit zwischen den verschiedenen Stämmen und Mundarten der slawischen Nation mit den „disjecta membra“, die sich wieder zu „einem Blut, einem Körper, einem Volk“ vereinigen sollten.27 Nur durch die Verbrüderung aller Slawen konnte für ihn die Spaltung überwunden werden. In einem umfangreichen Sonettzyklus Die Tochter der Slava (Slvy dcera, 1824) beschwört er die Einheit: von den Kosaken bis zu den Einwohnern von Dubrovnik, vom Plattensee bis zum Baltikum, von Prag bis nach Moskau, Kiew und auf die Kamtschatka sollten die Brüder der „Allslavia“ (Všeslvia) sich nicht im „kannibalischen Mord“ entzweien, sondern vielmehr im Tanz zueinanderfinden. Auch die mit der Brüderlichkeit stets assoziierte Metapher der Familienverwandtschaft kann ins Phantasmagorische gesteigert und mit dem Bild von dem einen Leib verbunden werden. Der slowakische Philologe, Schriftsteller und Politiker Lffldevt Štfflr rief in seiner auf Deutsch verfassten Schrift Das Slawenthum und die Welt der Zukunft, die 186728 und 190929 zuerst in russischer Übersetzung veröffentlicht wurde, „alle Brüder von Geburt, geprüft von denselben Schicksalen und Erben einer und derselben Zukunft“, dazu auf, sich zu vereinen.30 Der legendäre Bruderzwist zwischen Čech, Lech und Rus, die das väterliche Haus verlassen und die slawischen Stämme entzweit hatten, sollte wieder rückgängig gemacht werden. Als Angehörige einer einzigen Familie, deren Stämme sich auch physiognomisch „wie eine Schwester der anderen gleichen“,31 würden die Slawen das Zusammenleben der Gemeinschaft als ein 27 28 29 30 31 milienbilder gleich Weltbilder. Wie familiäre Metaphern unser politisches Denken und Handeln bestimmen. Wiesbaden 2010; Berge, Wolfgang: „Herrschende Dienerin“ der politischen Theorie. Metaphern vom Staat. In: Kink, Markus / Zigler, Jeanine (Hg.): Staatsansichten – Staatsvisionen. Ein politik- und kulturwissenschaftlicher Querschnitt, Berlin 2012, S. 45 – 74, hier S. 65 f.; Brice, Catherine: ,M¦taphore familiale et monarchie constitutionell. L’incertaine figure du roi „pÀre“ (France et Italie au XIXe siÀcle)‘, in: Bertrand / Brice / MontÀgre (Hg.) 2012, S. 157 – 185. Kollr, Johann [Jn]: Über die literarische Wechselseitigkeit zwischen den verschiedenen Stämmen und Mundarten der slawischen Nation. Pesth 1837, S. 119 (tschech. Rozpravy o slovansk¦ vzjemnosti. Souborn¦ vydn uspoř. Miloš Weingart. Praha 1829). Štur, Ljudevit: Slavjansto i mir buduščego. Poslanie slavjanam s beregov Dunaja. Perevod neizdannoj nemeckoj rukopisi. S primečanijami Vladimira Lamanskogo. Moskva 1967. Štur, Ljudevit: Slavjansto i mir buduščego. S biografiej Ljudevita Štura i dopolnitel’nimi primečanijami professora T.D. Florinskogo i portretom avtora pod redakciej K.Ja. Grota i T.D. Florinskogo. Moskva 1909. Štfflr, Lffldevt: Das Slawenthum und die Welt der Zukunft. Slovanstvo a svĕt budoucnosti. Bratislava 1931, S. 15. Ebd., S. 18. 18 Tanja Zimmermann Familienleben auffassen. Diese Vorstellung manifestiert sich laut Štfflr in der engen Bindung an das Vaterland und im Gedenken der Vorfahren. Die Slawen hängen vor allem dem Familienleben an, worin sie sich an dem Glücke der zur Familie Gehörigen erfreuen und in diesem Glücke sich selbst genießen. Nirgends hat das Wort „rodina“ (Familie) diese innige Bedeutung wie bei den Slawen, nirgends ist der Antheil an allen ihren Gliedern so lebhaft wie bei ihnen und der Pole, wenn er sein angebetetes „ojczyzna“ (Vaterland) ausspricht, denkt wohl zunächst nur an seine Nächsten und an die Nächsten dieser, die im weiteren Sinne das Volk ausmachen. Kein anderes Volk feiert die Familienfeste mit solcher Innigkeit, Poesie, Pracht, wie die Slawen, aber auch der Abgang der aus dem Familienkreis auf Ewig Scheidenden, die da nach den Worten der einheimischen Sprache „zu den Vätern gehen“, wird nirgends so tief gefühlt, so innig bedauert und beklagt, wie bei ihnen. Dieses Leben ist für den Slawen ein Kreis, in dem er sich immer bewegt, in dem er mit innigstem Vergnügen weilt, auf welchen er aus der Ferne mit Wehmut blickt und alle seine liebsten Gedanken zurückführt.32 Die Vorstellung der Familienzugehörigkeit überträgt Štfflr auf das öffentliche, politische Leben der Slawen, das Demokratie, Solidarität und gemeinschaftliches Eigentum kennzeichnen. Wie bei Kollr findet sich auch hier die Vorstellung von einem gemeinsamen slawischen Körper, der zerstückelt und in fremde Kleidungsstücke eingezwängt worden sei.33 Štfflr greift sogar auf die altägyptische Mythologie zurück, um die politische Zukunft der Slawen in einem geeinten Körper zu beschwören: Wie Isis die verstreuten Leichenteile ihres Bruder-Gemahls Osiris zusammenlegte und wiederbelebte, so soll der Geist der Slawen als Horus im slawischen Körper wieder auferstehen.34 Bei der Auflösung der brüderlichen Gemeinschaft wurde die Metaphorik der Familiennähe durch die des erpresserischen Familienclans und des zu eng gewordenen Hauses verdrängt.35 Kurz vor dem Zerfall Jugoslawiens veröffentlichte der slowenische Schriftsteller Taras Kermauner mehrere essayistische „Briefe an einen serbischen Freund“ („Pisma srpskom prijatelju“), die vom Mai bis September 1987 in der serbischen Zeitschrift NIN (Nedeljne informativne novine) erschienen und 1989 noch einmal in einem Buch versammelt wurden. In einem der Briefe heißt es: Bruder ist Bruder. Es stellt sich jedoch die Frage, ob ich mit dem Bruder in demselben Haus leben möchte. Es reicht nicht aus, dass er mit mir leben will. Vielleicht verbirgt er hinter seinen brüderlichen Gefühlen Eigennutz. Vielleicht verursacht er mir so viel Schaden, dass mir seine Nähe keine Freude bereitet. Vielleicht zeigt er Eigenschaften, 32 33 34 35 Ebd., S. 23. Ebd., S. 17, 19, 20. Ebd., S. 19. Zur Hausmetapher vgl. auch: Lüdemann, Susanne: Metaphern der Gesellschaft. Studien zum soziologischen und politischen Imaginären. München 2004, S. 136. Einleitung 19 die mich im alltäglichen Leben abstoßen. Von einem Bruder, der den Willen zeigt, in meinem Haus zu herrschen, sage ich mich schon im Voraus ab. […] Ich erkläre, dass mich eine stammes-familiäre, genetisch-naturhafte Verbindung mit den Brüdern nicht verpflichtet. Ich halte sie für eine gerissene Ideologie, die mir meine Souveränität nimmt. Die Magie der Verwandtschaft lehne ich dankbar ab. Es ist mir lieber, mit einem Fremden in der Nachbarschaft zu leben, der meine Lebensgewohnheiten respektiert, meinen Kulturtypus und meine Autonomie, als mit einem Bruder, der mir vor der Nase mit der Verfassung der Republik Slowenien wedelt, seine Vorrechte und seine Übermacht über mich mit der Ethik der Blutsverpflichtungen gegenüber dem jüngeren und weniger kräftigen Bruder begründet, also mir gegenüber, weil ich angeblich nicht weiß, auf welchem Weg mich Glück erwartet. […] Was ich dir geschrieben habe, Freund, gilt sowohl für meine südslawischen als auch für meine slowenischen Brüder ; und ebenso für den nordöstlichen größten Bruder, der sich viel Mühe gegeben hat, um mich bis zum äußersten zu befreien, was ihm aber, Gott möge es ihm belohnen, nicht gelungen ist. Ich fühle Mitleid mit den Tschechen und den Ukrainern, mit den Weißrussen und den Slowaken, die seine Ferse anbeten müssen, dabei aber so reden müssen, als sei diese Ferse der Himmel. […] Überhaupt wächst mir diese Brüderlichkeit schon über den Kopf. […] Die Zuckerseiten des Gruppenlebens akzeptiere ich nur als zeitweilige Verbindungen. […] Ich mag weder Jugoslawien noch Slowenien, wenn es sich um die Gemeinschaft der zusammen Geborenen handelt! Allen Brüdern und Schwestern übermittele ich auf dem Luftweg, dass ich mein Glück alleine suche; dass ich für diese Suche selbst die Verantwortung übernehme. Wenn ich was weiß, dann weiß ich, dass das Glück in brüderlicher Umarmung eng, ja beklemmend, ist.36 36 Kermauner, Taras: Pisma srbskemu prijatelju. Klagenfurt/Celovec 1989, S. 161 – 172, hier S. 167 f., 171. „Brat je brat. Je pa vprašanje, če želim z bratom živeti v isti hiši. Ne zadošča, da želi živeti on z mano. Morda skriva za svojimi bratovskimi čustvi koristoljubje. Morda mi dela toliko škode, da me njegova bližina ne veseli. Morda kaže lastnosti, ki me v vsakdanjem življenju odbijajo. Bratu, ki kaže voljo, da bi v moji hiši zavladal, se odpovedujem že v naprej. […] Izjavljam, da me rodovno družinska gentilistična naturna povezava z brati ne obvezuje. Imam jo za prekanjeno ideologijo, ki mi jemlje suverenost. Magijo sorodništva hvaležno odklanjam. Mileje mi je živeti v soseščini s tujcem, ki upošteva moje življenske navade, moj kulturni tip, mojo avtonomijo, kot z bratom, ki mi maha pred nosom z zakonikom RS, utemeljuje svoje predpravice in nadoblast nad mano z etiko krvnih dolžnosti do mlajšega in manj obilnega brata, to je do meine, ki bojda ne vem, na kateri poti me čaka sreča. […] Kar sem ti napisal, prijatelj, velja tako za moje južnoslovanske kot za slovenske brate; in enako za severovzhodnega največjega brata, ki se je precej trudil, da bi me do kraja osvobodil, a se mu ni. Bohmupoplačaj, ni posrečilo. Sočustvujem s Čehi in Ukrajinci, Belorusi in Slovaki, ki morajo moliti njegovo pÞto, ob tem pa govori(či)ti, da je ta pÞta nebo. […] Sploh pa imam tega bratstva čez glavo. […] Skupinske sladkosti sprejemam kot začasne zveze. […] Ne maram ne Jugoslavije ne Slovenije, če sta skupnosti skupaj narojenih! Vsem bratom in sestram sporočam par avion, da si srečo iščem sam; da prevzemam za to iskanje sam odgovornost. Če kaj vem, potem vem, da je sreča v bratovskem objemu tesn(obn)a.“ Der zitierte Brief wurde in tendenziös gekürzter Version ins Serbische übersetzt und am 9. August 1987 unter dem Titel „Warum wird Slowenien jugoslawisiert“ („Zašto se Slovenija jugoslovenizuje“) in der Zeitschrift NIN veröffentlicht 20 Tanja Zimmermann Der Metapher des Hauses ist die der Brücke zur Seite zu stellen. Als Realmetapher ist sie besonders wirksam, da sie sich über die metaphorische Ebene hinaus auf wirkliche Brücken bezieht und sie so als politische Orte in die Prozesse der Integration und Desintegration einbezog.37 Der Nobelpreisträger Ivo Andrić, der Vorzeigeautor des Tito-Jugoslawien, sah in ihnen „Zeichen des ewigen und immer ungesättigten Wunsches der Menschen, alles miteinander zu verbinden, zu versöhnen und zu vereinen, was vor unserem Geist, unseren Augen und Füßen auftaucht, damit es keine Trennung mehr gäbe, keine Gegnerschaft und keinen Abschied.“38 Ein symbolisches Ende der jugoslawischen Brüderlichkeitspolitik markiert die Zerstörung der Alten Brücke von Mostar durch kroatische Truppen im Jahre 1993. Sie lag nicht im Verlauf der Frontlinie, der Angriff auf das kulturelle Erbe der verhassten Nation war vielmehr eine gezielte Form der „Tötung der Stadt“.39 Als die Brücke 2004 als Symbol der kroatisch-bosnischen Versöhnung mit Unterstützung der UNESCO erneut errichtet wurde, hat ihr Jean-Luc Godard in seinem Film Notre musique ein visuell-philosophisches Denkmal gesetzt. Mitten auf dem nur provisorisch reparierten Bauwerk wird L¦vinas’ philosophisches Werk über die Gemeinschaft, Entre nous. Essai sur le penser--l’autre, von einer Journalistin aus Israel vorgelesen.40 Familienhierarchien Die Stoßrichtung der Metapher der Brüderlichkeit ist egalitär, die Metaphorik vom Gemeinschaftskörper unterstreicht dagegen die Hierarchien in einer Gemeinschaft. Das ungleiche Verhältnis der einzelnen Glieder im Ganzen, die Privilegierung des Kopfes vor den Gliedern, wurde von der Antike41 bis ins frühe Christentum betont, selbst in der paulinischen Gemeinschaft der Gleichen.42 Das 37 Zur Metaphorik der Brücke: Göktürk, Deniz: ,Projecting Polyphony. Moving Images Travelling Sounds‘, in: Göktürk, Deniz / Soysal, Levent / Türeli, Ipek (Hg.): Orienting Istanbul. Cultural Capital of Europe? London 2012, S. 187 – 198, hier S. 182 – 185; Petzer, Tatjana: ,Brücken – Architekturen der Passage‘, in: TRAJEKTE. ZEITSCHRIFT DES ZENTRUMS FÜR LITERATUR- UND KULTURFORSCHUNG 2009/10 – 19, S. 4 – 8; Zimmermann, Tanja: ,Bosnische Brücken als Naht der Kulturen‘, in: Makarska, Renata / Schwitin, Katharina / Kratochwil, Alexander / Werberger, Anette (Hg.): Kulturgrenzen in postimperialen Räumen. Bosnien und Westukraine als transkulturelle Regionen. Bielefeld 2013, S. 301 – 334. 38 Andrić, Ivo: ,Brücken‘ (1932), in: Bihalji-Merin, Oto (Hg.): JUGOSLAVIJA. ILLUSTRIERTE ZEITSCHRIFT 12: Reisen. Beograd 1956, S. 150. 39 Bogdanović, Bogdan: Architektur der Erinnerung. Klagenfurt 1994, S. 107 – 117. 40 Zimmermann 2013 ,Bosnische Brücken‘, S. 326. 41 Lüdemann 2004, S. 79 – 87; Koschorke / Lüdemann / Frank / Matala de Mazza 2007, S. 15 – 20. 42 RanciÀre, Jacques: ,Die Gemeinschaft der Gleichen‘, in: Vogl, Joseph (Hg.): Gemeinschaften. Positionen zu einer Philosophie des Politischen. Frankfurt/M. 1994, S. 101 – 132; Lüdemann 2004, S. 88 – 100. Einleitung 21 fragile Bündnis von politischer Ökonomie und Solidarität, das Verhältnis von Arbeit und Muße, von Gütergemeinschaft und Ausbeutung wird durch die Metapher vom Körper der Gemeinschaft in der Balance gehalten. Auch in den Brüderlichkeitsdiskursen in Osteuropa hatten die Slawen bis ins 21. Jahrhundert sich immer wieder zu einem Körper zu einen, in dem dann die Rollen zwischen Kopf und Gliedern verteilt wurden. Das Spannungsverhältnis von Familiennähe und Patriarchat, demokratischer Brüderlichkeit und zentralistischem Einigungszwang wurde durch den Rückgriff auf die beiden Leitmetaphern immer wieder neu ausgehandelt. Russland erhob in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Anspruch auf die Führungsrolle beim politischen Zusammenschluss aller orthodoxen Slawen. Hatte sich das Zarenreich Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts noch für die Orthodoxie – die Griechen mit eingeschlossen – eingesetzt, verstand es sich seit dem Krimkrieg vor allem als Hüter der orthodoxen Südslawen im Osmanischen Reich, der Bulgaren und Serben. Die Metapher des „älteren“, erfahreneren und der „jüngeren“ Brüder drückte die Akzentverschiebung von der religiösen zur ethnischen Identität aus.43 Metaphern eines mächtigen Flusses, in dem die schwächeren Nebenflüsse aufgehen, während andere zuvor versickern,44 eines Kolosses mit Russland als Kopf,45 der russischen Sonne, die von anderen Nationen als deren Planeten umkreist wird, lassen weniger an eine Gemeinschaft von Gleichen als an Bevormundung denken.46 Die Gegner des russischen Imperialismus, der sich unter der Maske der Brüderlichkeit Polen und andere slawische Nationen inkorporierte, verlangten daher nach einer Unterscheidung zwischen dem russischen und anderen Panslawismen. In seiner Schrift Les deux panslavismes. Situation actuelle des peuples slaves vis--vis de la Russie (1847) unterscheidet Cyprien Robert, Nachfolger Adam Mickiewiczs am Lehrstuhl für Slawistik am CollÀge de France in Paris, zwischen einer „russischen“ und einer „slawischen“ Ausprägung. Der „russische Panslawismus“, so Robert, pflege im Gegensatz zu demokratischen Varianten die Vorstellung von Russland als „Vater“ der anderen slawischen Nationen.47 An diese Unterscheidung knüpfte später auch Tomš Garrigue Masaryk an, wenn er zwischen einem „zentralistischen“ und einem „demo43 Uspenskij, Gleb: ,Pis’ma iz Serbii‘, in: Polnoe sobranie sočinenij Gleba Uspenskago. Tom 5. S kritičeskoj stat’ej N. K. Michajlovskago i biografičeskim očerkom N.A. Rubakina. Sankt Petersburg 1908, S. 629 – 664. 44 Ebd., S. 663 f. 45 Vgl. auch Robert, Cyprien: Der zweifache Panslawismus. Die gegenwärtige Lage der slawischen Völker gegenüber von Russland. Mit Anmerkungen von Jan Petr Jordan. Leipzig 1847. 46 Masaryk, Tomš G.: Die Weltrevolution. Erinnerungen und Betrachtungen 1914 – 1918. Berlin 1925, S. 15. 47 Robert 1847, S. 58 – 75. 22 Tanja Zimmermann kratischen“ Panslawismus unterschied.48 Mit der Gründung der Transnation, besonders im Stalinismus, wurde die Metapher der solidarischen Familienfürsorge durch die des strengen Vaters und der gehorsamen Kinder überschrieben, ähnlich wie am Ursprung der monotheistischen Religionen. Jan Assmann erläutert am Beispiel der Bücher Deuteronomium und Numeri, wie mit dem Übergang vom Polytheismus zum Monotheismus der Gehorsam gegenüber dem Glaubensvater über die brüderliche Liebe gestellt wurde.49 So wird der gehorsame Sohn vom Vater sogar dazu aufgerufen, mit Gewalt gegen seinen ungehorsamen Bruder vorzugehen. Der Panslawismus der russischen Slawophilen, der den Gegensatz zwischen Russland und dem Westen, die mystische „sobornost’“ (Gemeinschaftlichkeit) der orthodoxen Kirche und die messianische Rolle Russlands beschwor, wurde in den 1870er Jahren zunehmend politisiert und dabei ethnisch und nationalistisch zugespitzt.50 Obwohl diese Ideologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum dominanten Szenario slawischer Verbrüderungsapelle anwuchs, formierten sich in Russland auch andere Brüderlichkeitsdiskurse, die dem imperialen entgegengesetzt waren. Für eine anarchisch-revolutionäre Form, die sich auf die polnische Emigration stützte und von dem preußischen Teil Polens Russland erfassen sollte, hatte sich Michail Bakunin schon in den 1840er Jahren begeistert.51 Eine pazifistische Form der Verbrüderung, die sich auf die universelle, christlich geprägte All-Einheit jenseits nationaler Zugehörigkeit stützte, vertrat Lev Tolstoj in seinen philosophischen und literarischen Werken.52 Gegen Ende des 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts übernahm die 48 Masaryk 1925, S. 15 – 23; In der jüngeren Forschung unterscheidet man zwischen dem russischen Panslawismus und der „slawischen Idee“ bei den Tschechen und Slowaken; vgl. Lemberg, Hans: ,Hej Slovan¦! Die slawische Idee bei Tschechen und Slowaken‘, in: OSTEUROPA. GEMEINSAM EINSAM. DIE SLAWISCHE IDEE NACH DEM PANSLAWISMUS 2009/59 – 12, S. 21 – 39, hier S. 24; Troebst, Stefan: ,Slavizität. Identitätsmuster, Analyserahmen, Mythos‘, in: Ebd., S. 7 – 19, hier S. 13 ff. 49 Vgl. Assmann, Jan: Monotheismus und die Sprache der Gewalt (=Wiener Vorlesungen im Rathaus 116). Wien 2004. 50 Zum slawophilen Panslawismus in Russland vgl.: Utechin, Sergej V.: Geschichte der politischen Ideen in Russland. Stuttgart 1966, S. 78 ff.; Berkenkopf, Galina: Welterlösung, ein geschichtlicher Traum Russlands. München 1962, S. 77 ff.; Golczewski, Frank / Pickhan, Gertrud: Russischer Nationalismus. Die russische Idee im 19. und 20. Jahrhundert. Darstellung und Texte. Göttingen 1998; Eismann, Wolfgang: Einheit und Selbständigkeit der Slawischen Völker. Frankfurt/M. 2002; Špidlk, Tomš: Die russische Idee – Eine andere Sicht des Menschen. Würzburg 2002. 51 Borisenok, Jurij: Michail Bakunin i pol’skaja intriga. 1840 – 3 gody. Moskva 2001. 52 Kliger, Ilya / Zakariya, Nasser: ,Poetics of Brotherhood. Organic and Mechanistic Narrative in Late Tolstoi‘, in: SLAVIC REVIEW 2011/70 – 4, S. 754 – 772; Donskov, Andrew / Woodsworth, John (Hg.): Lev Tolstoy and the Concept of Brotherhood. Proceedings of a Conference at the University of Ottawa 22 – 24 February 1996. New York / Ottawa / Toronto 1996. Einleitung 23 russische Arbeiterbewegung53 Verbrüderungsapelle aus Deutschland, die schon den Ursprung der Arbeiterbewegung in der Revolution von 1848 begleitet hatten.54 An der Ost- und Westfront kam es im Ersten Weltkrieg auch zur spontanen Verbrüderung zwischen den Soldaten, obwohl darauf eine strenge Strafe verhängt wurde.55 Zu derart subversivem Zusammensein mit dem Gegner, zu gemeinsamem Essen, Trinken und Rauchen, zum Spielen und Musizieren kam es vor allem zu christlichen Feiertagen, etwa zu Weihnachten und zu Ostern, insbesondere 1914 an der West- sowie 1915 und 1917 an der Ostfront. Solchen Soldatenverbrüderungen widmete Johannes Becher im Jahre 1916, bevor er zum großen Sänger Stalins und der DDR wurde, seinen Gedichtband Verbrüderung. Im namensgebenden Gedicht spricht er den russischen Feind als Bruder an: Brüder! Brüder! Kann es längst vergessen Ein sich spinnen in entfernter Bucht?! Dostojewskis Feueraugen fressen. Rasend Tolstoi in der Weite sucht. Haben Mütter euch zum Mord geboren?! Euer Schicksal –: schwank und qualgehetzt. Öffnet, öffnet eurer Brust die Tore. Drein Azursee stürzt!!!56 Spontane Fraternisierungen an der Front wurden 1917 von den Bolschewiken politisch instrumentalisiert.57 So ermutigte Lenin in seiner Ansprache an die Soldaten vom 28. April 1917 in der Pravda dazu, sich mit den Proletariern aus allen Ländern zu verbrüdern, um die sozialistische Weltrevolution voranzutreiben.58 Die bolschewistischen Gegner in der Übergangsregierung warnten dagegen in Ausgaben der Izvestija vor Verbrüderung, da sie dem Feind die 53 Weinberg, Robert: ,The Politicization of Labor in 1905. The Case of Odessa Salesclerks‘, in: SLAVIC REVIEW 1990/49 – 3, S. 427 – 445. 54 Quarck, Max: Die erste deutsche Arbeiterbewegung. Geschichte der Arbeiterverbrüderung 1848/49. Ein Beitrag zur Theorie und Praxis des Marxismus. Leipzig 1924, S. 199 – 208, 219 – 241, 280 – 304; Schneider 1974, S. 573 – 576; Alkemeyer, Thomas: „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit…“, in: Nutt, Harry (Hg.): Teils brüderlich…: Brudergeschichten, Bruderbegriffe, Bruderbeziehungen. Berlin 1989, S. 91 – 102. 55 Ferro, Marc / Brown, Malcolm / Cazals, R¦my / Mueller, Olaf: FrÀres de tranch¦es. Paris 2005; Rieker, Heinrich: Nicht schießen, wir schießen auch nicht! Versöhnung von Kriegsgegnern im Niemandsland 1914 – 1918 und 1939 – 1945. Bremen 2007; Kleinschmidt, Johannes: „Do not fraternize“. Die schwierigen Anfänge deutsch-amerikanischer Freundschaft 1944 – 1949. Trier 1997, S. 16 – 19. 56 Becher, Johannes: ,Verbrüderung‘, in: ders.: Verbrüderung. Gedichte. Leipzig 1916, S. 39 – 42, hier S. 39. 57 Ferro et al. 2005, S. 267 – 287. 58 Ebd., S. 275 – 276. 24 Tanja Zimmermann Spionage hinter den Linien ermögliche.59 In den sowjetischen filmischen Inszenierungen der Fraternisierung, wie in Sergej Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin (Bronenosec Potemkin, 1925) oder Oktober (Oktjabr’, 1927), lag der Akzent weniger auf der Friedensbereitschaft als vielmehr auf der Verschmelzung zum revolutionären Kollektiv. Die Einigung der Südslawen im Ersten Jugoslawien, dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, folgte ebenso dem russischen Modell des älteren Bruders. Obwohl man ein multikulturelles Modell beschwor, dominierten im Land, insbesondere nach der Einführung der Königsdiktatur zum orthodoxen Weihnachten am 6. Januar 1929, die Serben, die sich durch die Kosovo-Mythologie zur heldenhaft aufopfernden Nation stilisierten.60 Andere südslawische Völker wurden ins Kosovo-Narrativ integriert, obwohl die Schlacht nicht zu ihrem nationalen Gedächtnis gehörte. Die patriarchale Variante der Familienmetapher blieb in der sowjetischen Politik insgesamt prägend. Jan Behrends hat gezeigt, dass die Rhetorik der Brüderlichkeit während des Zweiten Weltkrieges und unmittelbar danach in Polen erneut in diesem Sinne instrumentalisiert wurde.61 Erst mit der Gründung der DDR 1949 wurde die ethnisch begründete „Brüderlichkeit“ der Slawen zur „großen Freundschaft der Völker“ umformuliert, um auch den nichtslawischen Nationen einen Anschluss an den Ostblock zu ermöglichen. Verbrüderung und Kollektivismus Das Spannungsverhältnis von Brüderlichkeit und einem unmenschlichen Kollektivismus spielte schon in den Debatten um die Französische Revolution eine Rolle, und zwar sowohl bei den Anhängern der Monarchie wie auch bei den Republikanern. Seit der Antike wurden die Organisation und der Fleiß von Bienen bestaunt. In den Debatten um die Revolution wurde der Ameisenstaat zur 59 Ebd., S. 279. 60 Wachtel, Andrew B.: Making a nation, breaking a nation. Literature and cultural politics in Yugoslavia. Stanford 1998, S. 53 – 66; Zimmermann, Tanja: ,Die Schlacht auf dem Amselfeld im Spiegel der internationalen Politik. Permutationen eines panslawistischem Mythos vom 19. bis ins 21. Jahrhundert‘, in: Ga˛sior, Agnieszka / Karl, Lars / Troebst, Stefan (Hg.): PostPanslawismus. Slavizität, Slavische Idee und Antislavismus im 20. und 21. Jahrhundert? (=Moderne europäische Geschichte Bd. 9). Göttingen 2014, S. 289 – 305. 61 Behrends, Jan C.: Die erfundene Freundschaft. Propaganda für die Sowjetunion in Polen und in der DDR. Köln/Weimar/Wien 2006, S. 172 – 226; Behrends, Jan: ,Die „sowjetische Rus‘“. Die slawische Idee in Russlands langem 20. Jahrhundert‘, in: OSTEUROPA. GEMEINSAM EINSAM. DIE SLAWISCHE IDEE NACH DEM PANSLAWISMUS 2009/59 – 12, S. 95 – 114; von Rauch, Georg: ,Eine taktische Waffe. Der sowjetische Panslawismus‘, in: Ebd., S. 115 – 123. Einleitung 25 Metapher, mit der man sich gegen Ungleichheit und Versklavung wandte.62 Dieselbe Skepsis prägte die kritischen Diskurse über die Formalisierung der Gesellschaft und die Geometrisierung der Städte in kommunistischen AntiUtopien, darunter Evgenij Zamjatins Roman Wir (My, 1926). Auf einem Revolutionsplakat von Gustav Klucis Erfüllen wir den Plan der großen Arbeit (Vypolnim plan velikich rabot, 1930) werden die Hände der Arbeiter in die große Hand Stalins einmontiert, als wäre diese ein riesiger Handschuh.63 Das Plakat, das an Bildvorstellungen des Absolutismus anknüpft,64 drückt nicht nur den kollektiven Geist der sowjetischen Gesellschaft aus, sondern zugleich auch die Unterwerfung des Kollektivs unter den stalinistischen Herrscherkult. In vielen Massenliedern aus den 1930er Jahren, wie etwa „Das Leben ist besser geworden“ („Žit’ stalo lučše“) von Vasilij Lebedev-Kumač und Aleksandr V. Aleksandrov, wird Stalin zwar als Verwandter (rodnoj) angeredet, aber nicht als Bruder.65 Eine umstrittene „Ode an Stalin“ (1937) des russischen Dichters Osip Mandel’štam, die den Diktator zwar Vater (otec) nennt, in ihm aber zugleich auch einen Zwillingsbruder (bliznec) erblickt, wurde von diesem nicht goutiert.66 Ein Jahr später starb der Dichter in einem Arbeitslager in der Nähe von Vladivostok. Der serbische Schriftsteller Radomir Konstantinović gab dem Zustand des überwachten Kollektivismus im sozialistischen Jugoslawien den Namen „Palanka“, einer abgeschotteten Enklave zwischen dem Stammesdenken und dem Internationalismus, in der Menschen „Buchstaben im Alphabet dieses Systems, Symbole in der Wertetafel“ seien.67 Der Bewohner der „Palanka“ ist daher für Konstantinović kein Individuum, sondern „summum einer Erfahrung“, denn der „Geist des kollektiven Willens, der uns in seine Obhut nahm, schützt uns vor 62 Drouin, Jean-Marc: ,L’images des societes d’insectes en France a l’epoque de la revolution‘, in: REVUE DE SYNTHESE 1992/4, S. 333 – 345; ders.: ,Ants and Bees. Between the French and the Darwian Revolution‘, in: LUDUS VITALIS XIII 2005/24, S. 3 – 14. 63 Zur medialen Sprache der Kollektivisierung in der Sowjetunion: Zimmermann, Tanja: Abstraktion und Realismus im Literatur- und Kunstdiskurs der russischen Avantgarde (=Wiener Slawistischer Almanach 68), München/Wien 2007, S. 303 – 317, Abb. auf S. 309. 64 Zur absolutistischen Vorstellung des Staates als Korporation: Koschorke / Lüdemann / Frank / Matala de Mazza 2007, S. 103 – 113. 65 Lebedev-Kumač, Vasilij / Aleksandrov, Aleksandr V.: Žit’ stalo lučše, verfügbar unter : <http://www.cyberussr.com/rus/sg-zhit%27.html> [Zugriff: 04. 11. 2013] 66 Zu Manel’štams „Ode an Stalin“ vgl.: Coetzee, J.M.: ,Osip Mandelstam and the Stalin Ode‘, in: REPRESENTATIONS 1991/35, S. 72 – 83, hier S. 76. 67 Konstantinović, Radomir: Filozofija palanke. Beograd 2004, S. 8; Zur Kritik der „Palanka” vgl. auch: Zimmermann, Tanja: ,Radomir Konstantinović and the Yugoslav „third way“‘, in: SERBIAN STUDIES RESEARCH 2012/3 – 1, S. 123 – 136; dies.: ,Konstantinović kao autor praga. Jugoslavenska i postjugoslavenska mitologija palanke‘, in: SARAJEVSKE SVESKE 2013/41 – 42, S. 132 – 142. 26 Tanja Zimmermann allem, besonders vor uns selbst, vor allen Herausforderungen und Verführungen, die ,Ich‘ heißen.“68 In Jugoslawien wurde der patriarchale, sowjetische Typ der Verbrüderung nach Titos Bruch mit Stalin 1948 durch eine demokratisch anmutende Variante ersetzt. Tito zeigte sich seither auf Fotoaufnahmen stets mitten in einer Gruppe von Arbeitern oder Pionieren. Die vertikale, sowjetische Komposition wurde zugunsten einer horizontalen ersetzt, wodurch die vermeintliche Nähe, ja die Verschmelzung des Diktators mit dem Volk ausgedrückt wurde.69 Titos Ideologen propagierten im Zweiten Jugoslawien eine multikulturelle Politik, die Andrew Baruch Wachtel als „supranational“ bezeichnet, weil aus bestehenden Kulturen eine neue, sozialistische Gemeinschaft jenseits nationaler Zugehörigkeiten entstehen sollte.70 Der Mythos des gemeinsamen Partisanenkampfes, in den verschiedene ältere Mythologien von Bauernaufständen oder Kämpfen der Heterodoxie gegen die herrschende Orthodoxie Eingang fanden, trat nach dem Zweiten Weltkrieg an die Stelle des serbischen Kosovo-Mythos.71 Die Partisanen mit ihrem Anführer Josip Broz Tito an der Spitze, die dank ihrer detaillierten geografischen Kenntnisse der Heimat und der Nähe zum Volk die Befreiung aus eigener Kraft erringen konnten, wurden zu Vorbildern der jugoslawischen Integration.72 In den 1970er Jahren wurde der Partisanenkult medial an die neue Pop- und Rock-Generation angepasst, was seine Verankerung jenseits der 68 Konstantinović 2004, S. 17. 69 Zum Tito-Kult in Jugoslawien: Kuljić, Todor : Tito – sociološkoistorijska studija. Beograd 1998; Brkljačić, Maja: ,Tito’s bodies in Word and Image‘, in: NARODNA UMJETNOST 2003/ 40 – 1, S. 99 – 128; Sretenović, Stanislav / Puto, Artan: ,Leader cults in the Western Balkans (1945 – 90). Josip Broz Tito und Enver Hoxha‘, in: Apor, Balzs / Behrends, Jan C. / Johnes, Polly u. a. (Hg.): The Leader Cult in Communist Dictatorship: Stalin and the Eastern Block. Chippenham-Eastbourne 2004, S. 208 – 223; Petzer, Tatjana: ,Tito – Symbol und Kult: Identitätsstiftende Zeichensetzung in Jugoslawien‘, in: Richter, Angela / Bayer, Barbara (Hg.): Geschichte (ge-)brauchen. Literatur und Geschichtskultur im Staatssozialismus. Jugoslawien und Bulgarien. Berlin 2006, S. 113 – 130; Zivojinovic, Marc: ,Der jugoslawische Tito-Kult – Mythologisierte Motive und ritualisierte Kulthandlungen‘, in: Ennker, Benno / Hein-Kircher, Heidi (Hg.): Der Führer im Europa des 20. Jahrhunderts. Marburg 2010, S. 181 – 199. 70 Wachtel 1998, S. 128 – 172. 71 Zimmermann, Tanja: ,From the Haiducks to the Bogomils. Transformation of the Partisan Myth after World War II‘, in: Wurm, Barbara (Hg.): Kino! Partizanski film 10. Ljubljana 2010, S. 62 – 70. 72 Zu Partisanenfilmen in Jugoslawien und der Idee der „Brüderlichkeit und Einigkeit“: Jakiša, Miranda: ,Memory of the Past to Come. Yugoslavia’s Partisan Film and the Fashioning of Space‘, in: Tanja Zimmermann (Hg.): Balkan Memories. Media Constructions of National and Transnational History. Bielefeld 2012, S. 111 – 120; Dies.: ,Der „tellurische Charakter“ des Partisanengenres. Jugoslavische Topo-Graphie in Film und Literatur‘, in: Kilchmann, Esther / Pflitsch, Andreas / Thun-Hohenstein, Franziska (Hg.): Topographien pluraler Kulturen. Europa vom Osten gesehen. Berlin 2011, S. 207 – 223. 27 Einleitung Ideologie der „Brüderlichkeit und Einigkeit“ ermöglichte.73 Die überkommenen Symbole der Einheit lebten als entleerte und manchmal ins ironische Pastiche transformierte Pathosformeln im Rahmen von Nostalgiewellen fort.74 Beim Aufbau der Bewegung der blockfreien Staaten wurde die jugoslawische Ideologie der „Brüderlichkeit und Einheit“ in den 1950er und 1960er Jahren auf andere Kontinente, besonders auf Asien und Afrika übertragen.75 Neue Brüder fand Tito vor allem in Nehru in Indien und in Nasser in Ägypten, während man zu den unmittelbaren Nachbarn im Ost- und Westblock Distanz suchte. In seiner glamourösen Privatresidenz auf der Insel Brioni (Brijuni) an der Adria, umgeben von paradiesischer Flora und Fauna, zeigte sich Tito in familiärem Beisammensein mit Politikern aus Ost und West, wodurch eine Weltverbrüderung der Gegensätze demonstriert werden sollte. *** Im ersten Teil des vorliegenden Sammelbandes Konzepte und Ausprägungen der Brüderlichkeit im 20. und 21. Jahrhundert stellen die Autoren unterschiedliche Modelle der Verbrüderung in Osteuropa vor, die von der lokalen bis zur Staatsebene reichen und für das nation building einer einzelnen Nation oder für die Konstruktion einer Supranation instrumentalisiert wurden. Ausgehend von einem historischen Überblick über Ost- und Südosteuropa werden auch gegenwärtige Integrationsdiskurse gegenüber der EU ausgewertet. Der Beitrag von Stefan Troebst gilt unterschiedlichen kommunistischen Nationskonstruktionen in Osteuropa. Brüderlichkeitsdiskurse haben von den 1930er Jahren bis zum Ende des Kalten Krieges verschiedene, oft entgegengesetzte politische Praktiken untermauert. Diese reichten von der sowjetischen Indigenisierungspolitik, von Russifizierung, Zwangsumsiedlung und erzwungener Verbindung unterschiedlicher Nationen in gemeinsamen Staatsformationen bis zur Spaltung eines einzigen in zwei Völker. Symptomatisch ist ein Fall aus den späten 1980er Jahren – die Zwangsassimilation durch Namensänderung der muslimischen Pomaken in Bulgarien. 73 Senjković, Reana: ,Their Youth is within us. The Second World War and Yugoslav Youth Magazines in the 1970s’‘, in: Zimmermann (Hg.) 2012, S. 121 – 128. 74 Zur Nostalgie in Osteuropa vgl.: Velikonja, Mitja: Titostalgia – A Study of Nostalgia for Josip Broz. Ljubljana 2008; Slapšak, Svetlana: ,Twin Cultures and Rubik’s Cube Politics. The Dynamics of Cultural Production in Pro-YU, Post-YU, and Other YU Inventions‘, in: SÜDOSTEUROPA. ZEITSCHRIFT FÜR POLITIK UND GESELLSCHAFT 2011/59 – 3, S. 301 – 314. 75 Zimmermann, Tanja: ,Jugoslawien als neuer Kontinent – politische Geografie des „dritten Weges“‘, in: Jakiša, Miranda / Pflitsch, Andreas (Hg.): Jugoslawien – Libanon. Verhandlungen von Zugehörigkeit in den Künsten fragmentierter Kulturen. Berlin 2012, S. 73 – 100. 28 Tanja Zimmermann In seinem Beitrag zur Anthropologie der internationalen Freundschaften untersucht Ivan Čolović deren Genese sowie ihre Pflege in Institutionen und Ritualen. Vor dem Zweiten Weltkrieg war Völkerfreundschaft zumeist auf ethnischer Verwandtschaft und religiöser Verbundenheit fundiert, wie etwa die Freundschaft zwischen den Russen und den orthodoxen Südslawen. Sie entstand aber auch durch Waffenbruderschaft im Krieg, wie etwa zwischen Franzosen und Serben. Im Nachkriegs-Europa bildete die gemeinsame, schmerzhafte Erinnerung an Kriegsgräuel das paradoxe Fundament für Versöhnungen, wie die zwischen Deutschland und Frankreich. Zugleich stellt der Autor eine Verschiebung der Freundschaftsmanifestationen von der staatlichen auf die lokale Ebene fest, wie z. B. im Falle der Städtepartnerschaften. Jan Dutoit und Boris Previšić verfolgen die historische Begriffsentwicklung und -verschränkung in den unterschiedlich gelagerten Brüderlichkeitsdiskursen im Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS) bzw. im Königreich Jugoslawien sowie im sozialistischen Nachkriegsjugoslawien. Wie die Autoren zeigen, vermischt sich im jugoslawischen bratstvo-Diskurs die französische fraternit¦ als solidarische Willensgemeinschaft mit dem naturhaften, blutsverwandten Stammesverbund. Während im Ersten Jugoslawien der Akzent auf der Bruderschaft lag, verschob er sich im Zweiten auf die Brüderlichkeit. Hinter dem prozessual gedachten Syntagma bratstvo i jedinstvo (Brüderlichkeit und Einheit/ Einigkeit) verbarg sich ein Widerspruch zwischen Föderalismus und Zentralismus. Der Slogan wurde schließlich auch von den Nationalisten beansprucht, wodurch er seinen transnationalen Charakter verloren hat. In allen slawischen Ländern breitete sich aus Böhmen der Sportverein „Sokol“ (Falke) aus, doch vor allem bei den Tschechen und den Südslawen wuchs er zu einer nationalen und transnationalen Einigungsbewegung an. Der 1862 von Miroslav Tyrš gegründete Verein wirkte der Germanisierung entgegen und förderte die Verbindung zwischen den slawischen Völkern.76 Die Idee ging paradoxerweise auf den umstrittenen und verfolgten Initiator der deutschen Turnbewegung, Friederich Ludwig Jahn („Turnvater“ Jahn), zurück, der den Sport zuerst gegen die napoleonische Besatzung und später für die Einung der Deutschen instrumentalisierte.77 Von Böhmen sprang der Funke zu den Südslawen über, zuerst 1863 zu den Slowenen, in den nächsten Jahrzehnten zu allen anderen.78 In ihren Broschüren, Zeitschriften und auf ihren Versammlungen bzw. „Zusammenflügen“ (sleti) propagierten die Sokol-Mitglieder den altgrie76 Nolte, Claire E.: The Sokol in the Czech Lands to 1914. Training for the Nation. Basingstoke 2003. 77 Bartmuß, Hans-Joachim / Kunze, Eberhard / Ulfkotte, Josef: ,Einleitung‘, in: dies. (Hg.): „Turnvater“ Jahn und sein patriotisches Umfeld. Briefe und Dokumente 1806 – 1812. Köln/ Weimar/Wien 2008, S. 13 – 24. 78 Paar, Adolf: Hrvatski Sokol. Samobor 2011. Einleitung 29 chischen Kult der wie aus Stein gemeißelten Muskeln im Dienst des Kollektivs – der Nation, die zum großen Gebäude der slawischen Transnation aufgebaut werden sollte. Aleksandar Jakir erläutert an regionalen Beispielen aus Dalmatien, wie der projugoslawisch eingestellte Sportverein, der sich hier gegen die Italienisierung einsetzte, seit den 1920er Jahren sowohl mit dem großserbischen als auch mit dem kroatischen Nationalismus zu kämpfen hatte. Mit der Gründung des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen wurde die Organisation verstaatlicht und zunehmend auch militant für die großserbischen Ziele eingesetzt, was auf kroatischem Gebiet zu Austritten und zur Gründung neuer regionaler Vereine führte. Attacken auf die Mitglieder in den 1930er Jahren demonstrieren, wie der inzwischen geschrumpfte Verein als Verkörperung der Idee des Jugoslawismus in Kroatien selbst zum Hassobjekt wurde. Auf Parallelen zwischen den jugoslawischen Brüderlichkeitsdiskursen und den Appellen an ein Gemeinschaftsgefühl in der EU weist Christian Voß hin, warnt jedoch zugleich vor einer pauschalisierenden Übertragung des jugoslawischen multikulturellen Modells auf das europäische. Der Autor stellt verschiedene Inszenierungen der Brüderlichkeit vor, von den Sprachbüchern bis zum Film, die seit den 1960er Jahren zunehmend nationalisiert wurden. Der schwachen, immer weniger wirksamen Integrationsideologie stand in Jugoslawien eine Dezentralisierungspolitik gegenüber, die zu ethnisch-territorialen Verfestigungen führte. Sie nahm den Zerfall vorweg, und darin sieht der Autor Analogien zur EU. Mirt Komel widmet sich der Frage nach Korrelationen zwischen der „Brüderlichkeit und Einheit“ in Jugoslawien und dem Nationalismus in Post-DaytonBosnien. Die paradoxe Situation im Land, wo drei konstitutive Nationen keine nationale Gemeinschaft und zwei getrennte Territorien keinen Staat gründen können, bringt es mit sich, dass Nationalität und Staatsbürgerschaft einander ausschließen. In dieser Pattsituation, die durch den Dayton-Vertrag zementiert worden ist, sieht Komel nicht nur das Ergebnis des Krieges. Im Bewusstsein der bosnischen Nationen setzt sich darin vielmehr die jugoslawische Ideologie der „Brüderlichkeit und Einheit“ fort. Die Unmöglichkeit, eine transnationale Staatsbürgerschaft mit der nationalen Souveränität in Einklang zu bringen, kennzeichnet für ihn nicht nur die Lage in Bosnien-Herzegowina, sondern – wie für Christian Voß – die der EU. Im zweiten Teil des Sammelbandes, Mediale Konstruktionen der „Brüderlichkeit“ verfolgen die Autorinnen und Autoren unterschiedliche mediale Ausprägungen von Brüderlichkeit in Osteuropa. Diese reichen von der Presse bis hin zum Theater, von der Monumentalkunst zur Musik, von der Fotografie zum Film, vom Radio zum Internet, vom Ausstellungswesen zur Denkmalpflege. Kristin Lindemann untersucht die Positionierung der bosnischen Muslime Ende des 19. Jahrhunderts zwischen zwei konkurrierenden Identitätsangeboten – dem 30 Tanja Zimmermann slawischen, das sich auf Sprache und Stammeszugehörigkeit stützte, und dem islamischen, dessen Fundamente auf der Glaubensbruderschaft beruhten. Während sich die proslawisch, aufklärerisch und laizistisch orientierten Bosnier um die Zeitschrift Bošnjak (Der Bosniake) versammelten, wurde Behar (Blüte) zum Organ der promuslimischen Bosnier. Anhand von Aufführungen im Nationaltheater in Zagreb verfolgt Milka Car die Entwicklung des Brüderlichkeitsdiskurses in Kroatien vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Entstehung des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen. Die ambivalente Rezeption und zunehmende Ablehnung von deutschsprachigen Autoren wie Friedrich Schiller oder Arthur Schnitzler beruhte nicht auf der Text- und Bühnenästhetik, sondern auf den neo-illyristischen Tendenzen, die den „brüderlichen“ slawischen Stücken Vorrang einräumten. Als später jedoch die Unzufriedenheit im gemeinsamen Staat zunahm, wurden im Theater wieder mehr deutschsprachige Stücke aufgeführt. Anna Bohn und Jean-Claude Fombaron untersuchen Fotografien und Filme mit Verbrüderungsszenen aus dem Ersten Weltkrieg an der Ostfront. Seltene Fotos, die an der Front entstanden und meistens der Zensur zum Opfer fielen, zeigen deutsche und russische Soldaten, posierend im friedlichen Beisammensein. Filme wie Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk (1918) oder Sergej Eisensteins Oktober (Oktjabr’, 1927) waren dagegen Bestandteile der offiziellen Politik. Im ersteren kommen vor allem die hochrangigen Unterzeichner des Friedensvertrags zwischen dem Deutschen Kaiserreich und der Sowjetunion vor, in letzterem wird die Verbrüderung im bolschewistischen Kollektiv vorgeführt. Der wenig bekannte Film Vorstadt (Okraina, 1933) von Boris Barnet zeigt dagegen, wie die bereits bestehenden familiär-freundschaftlichen Beziehungen zwischen einem Russen und einem Deutschen durch die Kriegserklärung auseinandergerissen wurden. Der russische „Bruder“ wird am Ende nicht von den deutschen Soldaten, sondern von einem Strafkommando der provisorischen Regierung erschossen, das sich im Gegensatz zu Lenin dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk entgegenstellt. Die Trennung zwischen dem alten und dem neuen politischen System in der Sowjetunion wiegt in den 1930er Jahren schwerer als der Gegensatz zwischen Russen und Deutschen. Während sich der Panslawismus im 19. Jahrhundert überwiegend auf die sprachliche Gemeinschaft der Slawen berief und seinen Ausdruck vor allem in literarischen und in Propagandatexten fand, wurden Anfang des 20. Jahrhunderts zunehmend bildkünstlerische Strategien eingesetzt. Die bildende Kunst als nicht-diskursives Medium konnte außenpolitische Handlungen symbolisch vorbereiten oder auch überkommene skopische Ordnungen durch einen subversiven Umgang mit transkulturellen Hierarchien missachten. Wie der Faschismus bediente sich auch der Panslawismus der Ästhetisierung der Politik und der Strategien der Inszenierung der Massen als Gesamtkunstwerk. Nenad Einleitung 31 Makuljević gibt in seinem Beitrag einen Überblick über die Entwicklung der Idee der Brüderlichkeit bei den südslawischen Künstlern, die eine herausragende Rolle bei der Herausbildung einer gemeinsamen kulturellen Identität spielten. Dieser Prozess begann mit der Konstruktion einer gemeinsamen künstlerischen Vergangenheit und verstärkte sich mit der Gründung von proslawisch orientierten Gesellschaften, Vereinen und Akademien. Vor allem auf Ausstellungen jugoslawischer Kunst in Südosteuropa sowie auf der Internationalen Ausstellung in Rom 1911, wo der kroatische Bildhauer Ivan Meštrović der südslawischen Mythologie auf der Grundlage des serbischen Kosovo-Mythos Gestalt verlieh, wurde die südslawische Einigkeit propagiert. Meštrovićs Aktivitäten während des Ersten Weltkriegs in London verfolgt die Herausgeberin. Im Victoria & Albert Museum stellte der Bildhauer 1915 einen Kosovo-Tempel aus, mit dem er nicht nur die südslawische Einigung unter der Führung des serbischen Volkes propagierte, sondern diese auch als Teil des gemeinsamen Kampfes der Alliierten präsentierte. An derartige theatralische Inszenierungen knüpften nach dem Zweiten Weltkrieg auch die Organisatoren einer Ausstellung mittelalterlicher jugoslawischer Kunst in Palais de Chaillot in Paris 1950 an, die zur internationalen Demonstration des jugoslawischen „dritten Weges“ ausgeweitet wurde. Katarina Mohar analysiert zwei monumentale Freskenzyklen, die von Slavko Pengov, dem wichtigsten Wandmaler des Sozialistischen Realismus in Jugoslawien angefertigt wurden. Die früheren Fresken in der Villa Bled in Slowenien aus dem Jahre 1947 feiern die Brüderlichkeit der Partisanen, die sich um ihre Verletzten sorgen, und der Arbeiter, die Hand in Hand zu einer Demonstration marschieren. Im slowenischen Parlament, das 1958 mit Szenen aus der Geschichte des slowenischen Volkes seit seinen Anfängen im Frühmittelalter bis in die Gegenwart geschmückt wurde, tritt mit der Darstellung der Befreiung von Triest, das 1954 wieder an Italien verloren ging, das nationale Thema sowie die Unzufriedenheit mit dem jugoslawischen Föderalismus in den Vordergrund. Die Ideologie der „Brüderlichkeit und Einheit“ manifestierte sich auch im Urbanismus, dem Straßen- und Städtebau. Milan Popadić beschreibt die Entwicklung der südserbischen Stadt Novi Pazar in verschieden Phasen des Sozialismus von den 1960er bis in die 1980er Jahre. In neue Einrichtungen wie dem Stadtpark und dem Hotel „Vrbak“ sowie in Symbolen wie dem Stadtwappen schrieb sich auf unterschiedliche Weise die Brüderlichkeitsideologie ein. Der Stadtpark, der in den Mauern der alten Festung angelegt wurde, überformte als Ort friedlicher Erholung die von den früheren, ethnisch-religiösen Kriegen geprägt Vergangenheit. Doch mitten in der Anlage wurde ein Partisanen-Denkmal aufgestellt, das die Erinnerung an den gemeinsamen Kampf aller Ethnien gegen den Faschismus präsent hielt. Das Hotel „Vrbak“, errichtet am Ort der zerstörten Moschee, avancierte zum laizistischen Versammlungsort der Gemeinde. Das 32 Tanja Zimmermann Stadtwappen aus der Spätphase des Sozialismus, als die ideologische Kraft der Brüderlichkeitsideologie bereits weitgehend ausgeschöpft war, griff verzweifelt nach veralteten, entleerten Pathosformeln des sowjetischen Kollektivismus. Die Idee der Brüderlichkeit übertrugen die jugoslawischen Ideologen in den 1970er Jahren auch in die internationale Politik, wo sie sich als ein vorbildhaftes multikulturelles Land in Szene setzten wollten. Während man sich in der frühen Phase des „dritten Weges“ vor allem der Rhetorik der doppelten Negation gegenüber Ost und West bediente,79 ist in der späten Phase seit Mitte der 1970er Jahre von Synthese und Vermittlung zwischen Ost und West die Rede, wie Andrea Rehling zeigt. Sie demonstriert anhand der jugoslawischen UNESCOWelterbepolitik, wie das Land in der Gemeinschaft der Blockfreien eine Vorreiterrolle für sich beanspruchte und sich als Modell für die Entwicklungsländer anbot. Gerade die Lage in der Kontaktzone zwischen Ost und West wurde bei der Auswahl von Denkmälern entscheidend. Obwohl in der jugoslawischen Erinnerung der Partisanenkampf stets präsent blieb, wurden die Stätten der großen Offensiven auf der internationalen Bühne pazifistisch als Naturparks inszeniert. Während sich das sozialistische Jugoslawien mit der „dritten Welt“ verbrüderte und selbst zum Ort der Überwindung der Gegensätze von Ost und West wurde, demonstrierte die Sowjetunion familiäre Nähe insbesondere zu ihren Satellitenstaaten. Dmitri Zakharine weist anhand von Presse, Tages- und Wochenschauen nach, dass die Sowjetunion bei Staatsbesuchen oder -empfängen Familiarität und Friedensbotschaft durch den „Bruderkuss“ in hierarchisch stark abgestufter Form demonstrierte. Dieses politische Ritual, vom christlichen osculum pacis sowie von alten Zeremonien am russischen Hof inspiriert, wurde den Besuchern der Wochenschauen und den Fernsehzuschauern von den 1950er bis in die 1990er Jahre bei Begegnungen von Staatsführern im Ostblock in großen, halbnahen Kameraeinstellungen vorgeführt. Mit diesem symbolischen Begrüßungsakt, der den kommunistischen Verbündeten vorbehalten war, wurde eine symbolische Grenze gegenüber den kapitalistischen Ländern gezogen. Der Autor verfolgt die medien- sowie die sozialhistorische Perspektive des Rituals, das sich von ungeschickten, spontanen Akten zum formalisierten Ritual verfestigte. Während man sich in Jugoslawien auf die Tradition der häretischen Bogomilen berief, durch die man den „dritten Weg“ antizipiert sah,80 waren für Tomš G. Masaryk die Hussiten und die Böhmischen bzw. die Mährischen Brüder Vorläufer der Verbrüderung von Tschechen und Slowaken.81 Jan Randk de79 Zimmermann, Tanja: ,Titoistische Ketzerei. Die Bogomilen als Antizipation des „dritten Weges“ Jugoslawiens‘, in: ZEITSCHRIFT FÜR SLAWISTIK 2010/55 – 4, S. 445 – 463. 80 Ebd. 81 Masaryk, Tomš: Jan Hus. Naše obrozen a naše reformace. Praha 1896; Schulze Wessel 2011, S. 165 – 176. Einleitung 33 monstriert anhand von Propagandabroschüren, wie sich kommunistische Ideologen bemühten, in der tschechischen Gesellschaft ein positives Verhältnis zur DDR, dem ehemaligen Erzfeind, aufzubauen. Tschechische Ideologen erinnerten dazu an die deutsche Klassik, vor allem an Goethe, sowie an die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, Marx und Engels. Vor allem der Hussitismus, interpretiert als patriotische Bewegung, welche die deutsche Reformation und die bäuerischen Bruderschaften der Bauernkriege beeinflusste, wurde als eine bereits in der Frühen Neuzeit existierende Verbindung zwischen den beiden Völkern gedeutet. Die Konstruktion eines historischen, gemeinsamen tschechisch-deutschen Widerstands gegen die Feinde der Reformation sollte der Integration der DDR in den Ostblock und der Versöhnung mit der benachbarten Tschechoslowakei positive Impulse geben. Bereits im 19. Jahrhundert waren Reisen ein effektives Mittel, um die slawischen „Brüder“ in anderen Ländern besser kennenzulernen und Verbindungen zu stärken.82 Wie sich diese Tradition auch unter den Bedingungen des Sozialismus fortsetzte, untersucht Manuela Schwärzler. Anhand tschechischer Reiseberichte nach Jugoslawien aus den 1950er und 1960er Jahren analysiert sie die Aktualisierung des alten slawischen Brüderlichkeitsdiskurses. Parallelen entdeckten die Tschechen im gemeinsamen Schicksal der West- und der Südslawen, zuerst in der Mission der ,Slawenapostel‘ Kyrill und Method, dann im Kampf gegen den fremden Feind, die Türken bei den Südslawen und die Deutschen bei den Tschechen. Tschechen und Slowaken werden zudem als Mitkämpfer in den Partisanenmythos eingebunden. Bruderschaften, seien es Mönchsorden, Sokol-Mitglieder oder Pioniere der kommunistischen Organisation, demonstrierten ihre Verbundenheit auch durch einheitliche Erkennungszeichen und Uniformen. Für die neue Rolle der Frau als „Schwester“ und „Kameradin“ in der kommunistischen Gesellschaft sollte auch ein neuer Habitus kreiert werden.83 Mit diesem wurden die überkommenen Stereotypen jedoch nur oberflächlich überschrieben. In der Mode blieb die Frau weiterhin zwischen der traditionellen Rolle als Mutter und Sexualobjekt in begrenzten Szenarios von Gleichberechtigung und Emanzipation gefangen. Tatjana Petzer führt vor, wie sich die neue sozialistische Ordnung in Jugoslawien und in der Tschechoslowakei auf die Kleidercodes auswirkte. 82 Glanc, Tomš: ,Die Erfindung der Slawia. Zur Rolle des Reisens in der Formierung der „slawischen Idee“‘, in: KAKANIEN REVISITED 24. 04. 2008, <http://www.kakanien.ac.at/ beitr/fallstudie/TGlanc1.pdf> [Zugriff: 22. 01. 2012]. 83 Behrends, Jan C.: ,Schwester, Freundin und Vorbild. Bilder der „sowjetischen Frau“ im stalinistischen Polen und in der SBZ/DDR‘, in: Kraft, Claudia (Hg.): Geschlechterbeziehungen in Ostmitteleuropa nach dem Zweiten Weltkrieg. Soziale Praxis und Konstruktionen von Geschlechterbildern (=Bad Wisseer Tagungen des Collegium Carolinum 25). München 2008, S. 59 – 86. 34 Tanja Zimmermann Während die Parteien anstrebten, die Klassen- und Geschlechterunterschiede zu nivellieren, amalgamierte man in der Mode heimische Folklore mit Merkmalen der westlichen Konsumkultur. Auch in der Kleiderordnung schlug Jugoslawien einen „dritten Weg“ ein und etablierte einen modernen Ethnolook, der nationale folkloristische Ornamente mit internationaler Mode wie z. B. dem Minirock verknüpfte. Musik und Gesang, ausgeführt im Chor, waren besonders geeignet, um Kollektive nicht nur durch den Inhalt, sondern auch durch den Rhythmus zusammenzubinden. In Folge der Entwicklung des Radios und des Tonfilms in den 1930er Jahren konnten die akustischen bzw. die audio-visuellen Medien in der Sowjetunion für die kommunistische Propaganda in Dienst genommen werden.84 Nach dem Zweiten Weltkrieg verfuhr man im sozialistischen Jugoslawien ähnlich. Hier wurden vor allem der gemeinsame Partisanenkampf sowie dessen Anführer, Josip Broz Tito, besungen.85 In den 1960er Jahre wurde auch in der Musik die sozialistische Kultur mit den westlichen ebenso wie mit folkloristischen Elementen verflochten. Wie es Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre in der jugoslawischen Pop-Rock-Musikszene zu einer spontanen Verbrüderung kam, hat Ljiljana Reinkowski recherchiert. Die Bewegung der sogenannten „Neuen Welle“, die sich über ganz Jugoslawien ausbreitete, proklamierte Brüderlichkeit zwar nicht, setzte sie dafür aber umso mehr in die Tat um. Als sich in der Politik nach Titos Tod 1980 die nationalen Auseinandersetzungen verschärften, war die „Neue Welle“ der letzte Ort, an dem „Brüderlichkeit und Einheit“ noch praktiziert wurden. Das anationale, freundschaftliche Zusammensein, das diese Unterhaltungskultur hervorrief, verband als letztes ,gemeinsames‘ Kulturprojekt die Generation des jugoslawischen Sozialismus. Der dritte Teil des Sammelbandes ist Strategien der medialen Dekonstruktion traditioneller „Brüderlichkeit“ gewidmet. Bekanntlich hatten die multinationalen Staaten in Osteuropa, die oft nicht-slawische Bevölkerungen sowie Andersgläubige oder kleinere slawische Nationen mit einer eigenen Identität integrierten, trotz der massenmedial inszenierten Brüderlichkeit von Anfang an mit wachsendem Nationalismus zu kämpfen. Die erste Fallstudie betrifft einen frühen Versuch der Zerstörung der Tschechoslowakei während der Periode des 84 Murašov, Jurij: ,Sowjetisches Ethos und radiofizierte Schrift: Radio, Literatur und die Entgrenzung des Politischen in den frühen dreißiger Jahren der sowjetischen Kultur‘, in: Frevert, Ute / Braungart, Wolfgang (Hg.): Sprachen des Politischen. Medien und Medialität in der Geschichte. Göttingen 2004, S. 217 – 245; ders.: ,The Birth of Socialist Realism out of Spirit of Radiophonia. Maksim Gorky’s Project „Literaturnaja ucheba“‘, in: Postoutenko, Kyrill (Hg.): Totalitarian Communication. Hierarchies, Codes and Messages. Bielefeld 2010, S. 177 – 196. 85 Fister, Vesna: ,Ti, naše pesmi začetek! – Kult osebnosti maršala Tita v pesmih od vojne do 1980‘, in: ČASOPIS ZA KRITIKO ZNANOSTI 2002/30, S. 217 – 231; Zimmermann, Tanja: ,Yugoslav Partisan Poetry. Songs for the Leader‘, in: Gilić, Nikica / Jakiša, Miranda (Hg.): Partisans. Narrative, Staging and Afterlife, Bielefeld 2014 (im Druck). Einleitung 35 Nationalsozialismus. Nach zwanzig Jahren gemeinsamen Lebens in einem Staat trennten sich die vorwiegend protestantischen Tschechen und die katholischen Slowaken im Bruderzwist. Wie Schulze Wessel gezeigt hat, folgte der Klerus jedoch nicht immer dem ethnischen Prinzip. Insgesamt nivellierte der alle Konfessionen durchziehende Antagonismus gegenüber den Deutschen die Unterschiede.86 Gerade der nationale Kult um die ,Slawenapostel‘ Kyrill und Method blieb lange Bindeglied für beide Religionsgruppen.87 Nach dem Münchener Abkommen 1938, als die tschechischen Sudetengebiete dem Deutschen Reich zugeschlagen wurden, nutzten die untergeordneten Slowaken die Situation aus, um auch ihre Unabhängigkeit von Prag zu proklamieren. 1939 folgte die Gründung einer der nationalsozialistischen Ideologie nahestehenden Republik. Bohunka Kokleksov verfolgt anhand der offiziellen Presse und Fotografie die Radikalisierung der Debatten während der Auflösung der Tschechoslowakei 1938 – 39. Die Presseagenturen der Tschechen und der Slowaken vermittelten ein unterschiedliches Bild der Trennung: Während sich die tschechische Agentur noch um gemeinsame Aufnahmen bemühte, um Brüderlichkeit zu demonstrieren, bevorzugte die slowakische Fotos, die ausschließlich slowakische Politiker zeigten, um die neu errungene Selbständigkeit zu demonstrieren. Wie sich die ersten Brüche in der „Brüderlichkeit und Einheit“ in Jugoslawien bereits in den 1960er und 1970er Jahren ankündigten, demonstriert Katrin Winkler. Mit der Verfassungsänderung von 1974 wurde der Staat dezentralisiert und die Zuständigkeit für die Massenmedien auf die Ebene der Republiken übertragen. Auch das neue Medium des Fernsehens, in dem lokale mündliche Idiome gepflegt wurden, verstärkte die Tendenzen zur Regionalisierung und zur Bildung von nationalen Identitäten. Hatten die panslawistischen Sprachforscher im 19. Jahrhundert die Differenzen zwischen den einzelnen slawischen Sprachen als minimal angesehen – als handle es sich lediglich um „Mundarten“ einer einzigen Sprache –,88 verselbstständigten sich die dialektalen Unterschiede zwischen dem Kroatischen, Serbischen und Bosnischen in der Imagination der jugoslawischen Bürger allmählich in unterschiedlichen Sprachen.89 Mit dem 86 87 88 89 Schulze Wessel 2011, S. 23, 162 – 167. Ebd., S. 174 – 176. Kollr 1837, S. 11. Zur Sprachpolitik in Jugoslawien und in der post-jugoslawischen Zeit: Okuka, Miloš: Eine Sprache – viele Erben. Sprachpolitik als Nationalisierungsinstrument in Ex-Jugoslavien. Klagenfurt 1998; Greenberg, Robert D.: Language and Identity in the Balkans. SerboCroatian and its Disintegration. Oxford 2004; Cvetković-Sander, Ksenija: Sprachpolitik und nationale Identität im sozialistischen Jugoslawien (1945 – 1991). Serbokroatisch, Albanisch, Makedonisch und Slowenisch (=Balkanologische Veröffentlichungen 50), Wiesbaden 2011. 36 Tanja Zimmermann Zerfall Jugoslawiens und der Gründung neuer Nationalstaaten wurde vor allem das Kroatische vom serbischen und vom bosnischen Idiom gereinigt.90 Davor Beganović analysiert die Umwandlung der universellen Brüderlichkeit in die lokalen, abgeschlossenen Bruderschaften in dem Roman Schafott (Gubilište, 1962) des jugoslawischen Schriftstellers Mirko Kovač. Einem Vater und seinem Sohn, die aus der orthodoxen Gemeinschaft ausgestoßen wurden, bleiben nur die Rollen des heiligen Narren und des Verbrechers. Im hermetischen, fast sujetlosen Roman voller christlicher Symbole und biblischer Zitate keimt gerade mit Blick auf die aus der orthodoxen Glaubensgemeinschaft Ausgestoßenen die Hoffnung auf eine universelle Annäherung. Gerade die Andersgläubigen, die Muslime, erweisen sich als Beschützer der Exkommunizierten. Doch trotz dieses Hoffnungsfunkens endet auch diese subversive Verbrüderung in der Gleichschaltung der Gemeinschaft. Wie sich in den 1990er Jahren auf den Ruinen Jugoslawiens eine neue griechisch-serbische Freundschaft etablieren konnte, untersucht Ruža Fotiadis. Die Vertreter der griechisch-orthodoxen Kirche gingen sogar so weit, dass sie Radovan Karadžić während des Bosnien-Krieges zu sich einluden. Medien berichteten über den Besuch sowie über die Beteiligung griechischer Freiwilliger an der Einnahme von Srebrenica. Die Autorin bewertet dieses Phänomen nicht nur als irrationale, nationalistisch unterfütterte Rhetorik, sondern stellt sie in den Kontext der griechischen nationalen und internationalen Politik. Griechenland fühlte sich durch die Anerkennung der ehemaligen jugoslawischen Republik Makedonien als souveränen Staat seitens Europa um seine ,historischen‘ Ansprüche auf das antike Makedonien betrogen, weswegen sich im Land eine antiwestliche Stimmung ausbreitete. Im Zerfall slawischer Gemeinschaftlichkeit konnte für kurze Zeit wie im 19. Jahrhundert die Einheit der Orthodoxen wieder aufleben, dieses Mal ohne Russland dabei eine Führungsrolle zuzuschreiben. Ein entgegengesetzter Weg zur Desintegration zeichnet sich im gegenwärtigen Bosnien ab. Dem sogenannten „Mischling“, dem Abkömmling einer ethnisch-religiösen „Mischehe“, gilt der Beitrag von Aida Gavrić. Während der Begriff in Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Wortschatz gestrichen wurde, wird er in Bosnien nach dem Krieg von 1992 – 95 wieder verwendet. Von der Verkörperung der „Brüderlichkeit und Einigkeit“ in Jugoslawien wurde der „Mischling“ gegenwärtig zu einer unerwünschten Figur der Entzweiung und der Gefährdung der nationalen Einheit. Die Autorin untersucht anhand von akademischen Publikationen fundamentalistisch gesonnener In- 90 Zur Geschichte des serbisch-kroatischen Variantenstreites: Cvetković-Sander 2011, S. 202 – 245. Einleitung 37 tellektueller und von Internetbeiträgen auf unterschiedlichen Nachrichtenportalen Prozesse der Marginalisierung, die sich bis zum Rassismus verschärfen. Ein Gegenbeispiel für derartige Szenarien des wechselseitigen Ausschlusses präsentiert Renata Makarska. Sie stellt ein bemerkenswertes Beispiel der Inklusion innerhalb der postkommunistischen Tschechischen Republik vor. Der vietnamesischen Gemeinde in der Tschechischen Republik wurden 2013 Minderheitsrechte zugesprochen, obwohl es sich um keine autochthone Bevölkerung handelt – ein einmaliger politischer Akt in Europa. In Martin Ryšavýs filmischer Trilogie sowie in Romanen eines tschechischen Autors, der ein weibliches vietnamesisches Pseudonym, Lan Pham Thi, trägt, wird die schwierige Lage der so bezeichneten Tschecho-Vietnamesen geschildert. Diese werden zwar nie Brüder genannt, aber dennoch zeigt die Autorin, welche anderen Strategien der Annährung vorgeführt werden. Andrea Zink und Tatjana Simeunović begeben sich in ihrem Beitrag über Miljenko Jergović auf die Spurensuche nach der jugoslawischen „Brüderlichkeit und Einheit“. Der kroatische Schriftsteller tritt zusammen mit dem serbischen Autor Marko Vidojković im dokumentarischen Roadmovie The Long Road Through Balkan History (2010) des Regisseurs Željko Mirković auf. Zu zweit fahren sie in einem roten Yugo entlang der Autobahn der „Brüderlichkeit und Einheit“, die sich von Slowenien über Kroatien und Serbien bis nach Makedonien erstreckte und von der jugoslawischen Jugend und der Armee 1950 – 1977 erbaut wurde. Überall auf ihrem Weg müssen sie feststellen, dass es keine Einheit mehr gibt und dass auch die jugoslawische Geschichte in eine Pluralität von nationalen Geschichten zerfallen ist. Auch in seinen Romanen blickt Jergović nur noch retrospektiv auf die ehemalige Brüderlichkeit zurück, deren ruinenhafte Reste aus entleerten Pathosformeln und aus den Floskeln der literarischen oder filmischen Vergangenheit Jugoslawiens bestehen. Nachbar oder Bruder? Die Auflösung der transnationalen Bündnisse, die im Namen der panslawischen Verbrüderung nach dem Ersten Weltkrieg gegründet worden waren, kündigte sich in den wachsenden Nationalismen der 1930er Jahren an. 1939 trennten sich die Slowaken von den Tschechen und gründeten einen unabhängigen Staat unter der Obhut des Deutschen Reiches. Das Königreich Jugoslawien zerfiel im Bürgerkrieg, der die faschistische Okkupation begleitete. Die Parolen der Brüderlichkeit, nach 1945 unter den kommunistischen Regimes erneut eingesetzt, sind nach dessen Niedergang 1989 wohl für immer verstummt. Als Phrasen für den Erhalt des Kollektivismus haben sie ihre Glaubwürdigkeit endgültig verloren. Gerade in Jugoslawien, wo die Brüderlichkeit am stärksten propagiert worden 38 Tanja Zimmermann war, kam es schließlich zu den schlimmsten rassistischen Exzessen. So formulierte Jean-Luc Nancy, dass „der Rassismus nie überwunden wird, solange man ihm eine generische Bruderschaft der Menschen entgegenstellt, anstatt ihm das Auseinanderfallen unserer Rassen und unserer Gesichtszüge […] entgegenzuhalten.“91 Die rassistischen Exzesse wurden nicht durch die Entfremdung ursprünglich brüderlicher Völker hervorgerufen, sondern gerade dadurch, dass benachbarte und auch sprachverwandte Ethnien in Nähe zueinander und in ein gemeinsames politisches Schicksal hineingezwungen wurden. Es sind die kleinen Unterschiede, welche die Rassismen groß machen. Insofern dürfen die neuen Rassismen in Osteuropa nicht nur in die Nachfolge des Nationalsozialismus gestellt werden, sondern müssen vielmehr gerade von der ursprünglichen Brüderlichkeit abgeleitet werden. Gerade weil die Metapher forciert und missbraucht wurde, haben die vermeintlichen Brüder gründlich miteinander abgerechnet. Blickt man auf die relativ friedliche Auflösung der Gemeinschaft von Tschechen und Slowaken schon durch die Umwandlung der gemeinsamen Republik in einen föderalistischen Staat von Nachbarschaft bereits im Jahre 1969, ferner auf die Trennung der Föderation in zwei souveräne Staaten in 1993 sowie auf ein Einzelphänomen wie die Akzeptanz der neuen Minderheit der Vietnamesen in der Tschechischen Republik seit 2013, so scheint die Nachbarschaft vielleicht eine brauchbarere Metapher als die Brüderlichkeit. In seinem Plädoyer für die Nachbarschaft unmittelbar vor dem Zerfall Jugoslawiens 1987 – 89 unterstrich Taras Kermauner deren Vorzüge gegenüber der Brüderlichkeit – den Akzent auf gegenseitigem Respekt und Abstand trotz räumlicher Nähe.92 Doch schon Soziologen wie Georg Simmel und Max Weber begegneten auch dem Apell an gute Nachbarschaft mit großer Skepsis. In einem „Exkurs über den Fremden“ (1908) sieht Simmel ausschließlich im Fremdsein ein objektives, gleichberechtigtes Gegenüber, dessen Kommen und Gehen als Synthese von Nähe und Ferne akzeptiert wird.93 Lässt sich der fremde Gast jedoch nieder, tritt er in ein nachbarschaftliches Nahverhältnis, das nur durch ein enges Zusammenhörigkeitsgefühl getragen werden kann. Daraus entsteht eine Lebensgemeinschaft mit gegenseitigen Rechten und Pflichten, die in vielem einer Hausgemeinschaft ähnelt und somit in die Nähe der Familie rückt. Gerade wegen der gegenseitigen Angewiesenheit bringt die Nachbarschaft für Weber die Gefahr des Autonomieverlustes mit sich. 91 Nancy, Jean-Luc: Corpus. Aus dem Französischen von Nils Hodyas und Timo Obergöker. Berlin 2003 (fr. Corpus. Paris 2000), S. 34. 92 Kermauner 1989, S. 168; Vgl. auch Anm. 36. 93 Simmel, Georg: Soziologie. Untersuchungen über die Form der Vergesellschaftung. Bd. 2. Frankfurt/M. 1992, S. 764 – 771. Einleitung 39 Der Nachbar ist der typische Nothelfer, und „Nachbarschaft“ daher Trägerin der „Brüderlichkeit“ in einem freilich durchaus nüchternen und unpathetischen, vorwiegend wirtschaftlichen Sinne des Wortes. […] Dass die Nachbarschaftsgemeinde die typische Stätte der „Brüderlichkeit“ sei, bedeutet natürlich nicht etwa, dass unter Nachbarn der Regel nach ein „brüderliches“ Verhältnis herrsche. Im Gegenteil: wo immer das von der Volksethik postulierte Verhalten durch persönliche Feindschaft oder Interessenkonflikte gesprengt wird, pflegt die entstandene Gegnerschaft, gerade weil sie sich als im Gegensatz zu dem von der Volksethik Geforderten stehend weiß und zu rechtfertigen sucht und auch weil die persönlichen Beziehungen besonders enge und häufige sind, zu ganz besonders scharfem und nachhaltigem Grade sich zuzuspitzen.94 Nur solange die Nachbarschaft „jene nüchterne ökonomische ,Brüderlichkeit‘ in Notfällen“ bleibt,95 garantiert sie laut Weber Vergesellschaftung. Webers nachbarschaftliche „Brüderlichkeit“ beinhaltet somit Solidarität, doch ohne Anspruch auf wechselseitige Liebe und ohne dauerhafte Abhängigkeit. Auch Slavoj Žižek, Eric L. Santner und Kenneth Reinhard betrachten in ihrer psychoanalytischen Studie The Neighbor. Three Inquiries in Political Theology (2005) die Nachbarschaft skeptisch. Vielfach manifestiere sich gerade im übermäßigen Liebesanspruch eine Neigung zur Agression und zur gegenseitigen Feindschaft.96 Die Verkehrung des biblischen Imperativs „Liebe deinen Nächsten!“ in Hass leiten die Autoren, wie vor ihnen auch Freud und Lacan, von dem Gründungsvater der primordialen Horde – von Moses (für Freud ein Ägypter) – ab, der jedoch noch vor der Ankunft im gelobten Land Kanaan von der jüdischen Gemeinschaft ermordet und zur Kompensation der primordialen Untat vergöttlicht wurde. Die ,ethische Gewalt‘ der Liebe zu einem Gott und zum Vater, welche die Gesetzestafeln zusammen mit anderen Geboten vorschrieb, rückt das Verhältnis der religiösen Gemeinschaft in die Nähe des hierarchischen Familienverbandes. Auch Sandra Evans und Schamma Schahadat geben in ihrer Einleitung zum Sammelband Nachbarschaft, Räume, Emotionen. Interdisziplinäre Beiträge zu einer sozialen Lebensform (2011) Beispiele für das gefährliche Oszillieren der Nachbarschaft zwischen Zugehörigkeit und Fremdheit, zwischen Freundschaft und Verwandschaft.97 Obwohl die Beiträge ein eher negatives Bild der Nachbarschaft zeichnen, räumen die Herausgeberinnen gerade Emotionen, die Intimität erzeugen, die Chance ein, eine gute Nachbarschaft aufzubauen. 94 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Fünfte, revidierte Auflage, besorgt von Johannes Winckelmann. Tübingen 1972, S. 215 – 218, hier S. 216 f. 95 Ebd., 218. 96 Žižek, Slavoj / Santner, Eric L. / Reinhard, Kenneth: The Neighbor. Three Inquiries in Political Theology. Chicago 2005. 97 Evans, Sandra / Schahadat, Schamma (Hg.): Nachbarschaft, Räume, Emotionen. Interdisziplinäre Beiträge zu einer sozialen Lebensform. Bielefeld 2011, S. 7 – 27. 40 Tanja Zimmermann Die emotionale und räumliche Nähe der Nachbarschaft kann also sowohl als Motivation für Solidarität als auch für Konflikte wirksam werden. Dennoch lehrt die Geschichte der Tschechoslowakei einerseits und Jugoslawiens andererseits, dass man zwischen der nüchternen Einsicht von Nachbarstaaten und dem Apell an emotionale Schicksalsgemeinschaften differenzieren sollte. Nachbarn können fair miteinander verhandeln, Brüder verlangen unbedingte Gefolgschaft. Zum rassistischen Genozid der 1990er Jahre kam es vor allem dort, wo man zuvor Nachbarvölker gezwungen hatte, einander gemäß der Metapher der Brüderlichkeit mit bedingungsloser Solidarität zu begegenen. Literatur Alkemeyer, Thomas: ,Brüder, zur Sonne, zur Freiheit…‘, in: Nutt, Harry (Hg.): Teils brüderlich… Brudergeschichten, Bruderbegriffe, Bruderbeziehungen. Berlin 1989, S. 91 – 102. Andrić, Ivo: ,Brücken (1932)‘, in: Bihalji-Merin, Oto (Hg.): JUGOSLAVIJA. ILLUSTRIERTE ZEITSCHRIFT 12: Reisen. Beograd 1956, S. 150. Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. I. Antisemitismus. II. Imperialismus. III. Totale Herrschaft. München/Zürich 1986 (engl. The Origins of Totalitarianism, London 1951). Ash, Thimoty G.: Und willst Du nicht mein Bruder sein. DDR heute. Berlin 1993. Assmann, Jan: Monotheismus und die Sprache der Gewalt (=Wiener Vorlesungen im Rathaus 116). Wien 2004. 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