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Tag 10 – Sonntag, 18. Juni
Tag 10 – Sonntag, 18. Juni
Dieter Anschlag: Montag ist »Spiegel«-Tag, Sonntag ist RTL-Tag.
Heute ist der Privatsender wieder WM-Sender. Und RTL, diese
Zelle televisionären Widerstands gegen Obrigkeiten, untergräbt couragiert auch die sprachreglerische Autorität der
FIFA! Auf den Schrifttafeln, die der Sender so einblendet, ist
immer von der »RTL FUSSBALL WM 2006« die Rede, und vor
dem Spiel Brasilien gegen Australien in München begrüßt uns
Günther Jauch mit den Worten: »Da sind wir endlich in der
herrlichen Allianz-Arena.« Davon abgesehen ist das Design der
RTL-Schrifttafeln von Orange mit Weiß und Schwarz geprägt.
Ganz schön ZDFfig.
René Martens: Heute endlich wieder Fußball! Richtigen, meine
ich, mit Vereinen und so. An diesem Wochenende fanden, von
der Welt weitgehend unbemerkt, die Hinspiele in der ersten
UI-Cup-Runde statt. Auszug aus der Ergebnisliste: Dinaburg
Daugavpils gegen IHB Torshavn 1:1, Probeda Prilep gegen
Farul Constanta 2:2, FC Nirta gegen CS Grevenmacher 6:2.
Danke, kicker.de!
Dieter Anschlag: Zu früh gelobt. Da hat man die Kommentierung
von RTL-Mann Tom Bartels vor einer Woche mit der zurückhaltend-souveränen Art von ZDF-Ikone Rolf Kramer verglichen – und schon wird man eines Besseren belehrt: Beim 2:0Sieg Brasiliens gegen Australien sprudeln die Worte nur so aus
Bartels heraus, er kann gar nicht aufhören, sein Wissen, seine
Bewunderung für die Brasilianer oder was auch immer dem
werten Publikum mitzuteilen. Einfach nur nervig, er quatscht
das Spiel besinnungslos zu.
Manfred Riepe: Auch ich bin von Tom Bartels heute einigermaßen
angenervt. Er lässt keine Gelegenheit aus, das Spiel der zumindest in der ersten Halbzeit grottenschlecht kickenden Brasilianer penetrant schönzureden. Da fällt Ronaldinho glatt über
den Ball, und Bartels meint: »Sehen Sie, selbst dem passiert
das.« Und als Lucio zweimal ausgetanzt wird, nimmt Bartels
dies zum Anlass, den FC-Bayern-Brasilianer wegen dessen
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Das WM-Tagebuch
Hartnäckigkeit zu loben, weil er dann noch nachsetzt und sich
den Ball zurückholen will. Es ist, als würde das real existierende Fußballspiel durch das Vorurteil von den ach so überlegenen Brasilianern ersetzt. Tatsächlich haben die sich aber
kaum bewegt, die Jungs in Gelb! Bartels kommentierte aber
diesmal wohl nicht das Spiel auf dem Rasen, sondern jene
getricksten Kabinettstückchen, die Ronaldo & Co. für den
Nike-Werbespot aufführten. So hat doch Ronaldo nur laut Bartels geschönter Optik eine aufsteigende Form – dabei konnte
doch jeder sehen, dass der arme Junge tatsächlich so dick ist
wie Fernsehkoch Tim Mälzer, der den Brasilianer in einem witzigen Sketch, der vor dem Spiel zu sehen war, doubelte und
von einigen Passanten sogar für das Original gehalten wurde.
Reinhard Lüke: Am ganz späten Abend wider alle guten Vorsätze
doch noch mal ins RTL-Rahmenprogramm geraten. Neben
den zu diesem späten Zeitpunkt erneut mächtig geschlaucht
wirkenden Herren Jauch und Völler hockt eine unbändig
wache Eva Padberg und jubiliert, dass sie heute zum ersten
Mal in ihrem Leben ein wirkliches Fußballspiel in einem wirklichen Stadion gesehen hat. Na toll! Damit ist sie ja nun endgültig als WM-Expertin qualifiziert. Aber es geht noch gruseliger: In einem Einspieler sieht man, wie sich der rasende Telekoch Tim Mälzer ein Glatzen-Kondom überzieht und anschließend als Ronaldo-Double durch Berlin watschelt. Ich fand’s
nicht gerade witzig. Und warte jetzt darauf, ob RTL am nächsten Sonntag Reiner Calmund als Maradona-Double losschickt.
Das wär ein Brüller!
Rainer Braun: Diese WM-Sonntage bei RTL hinterlassen anhaltend
tiefe Ratlosigkeit. Für anhaltende Irritationen sorgt dabei nicht
nur Pierre Littbarski, der mit seiner Rolle als Ko-Kommentator
– beim torlosen Spiel Japan gegen Kroatien – auch diesmal
wieder komplett überfordert ist: »Der kroatische Stürmer mit
der Nummer 9 auf dem Rücken« ... Namen muss man ja nicht
kennen. Wozu auch? Und zur Einstimmung auf die Partie Brasilien gegen Australien fallen Günther Jauch Fragen ein wie
diese: »Was muss Ronaldo taktisch anders machen als im ersten Spiel?« – »Sich einfach mehr bewegen«, klärt Rudi Völler
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Tag 10 – Sonntag, 18. Juni
auf. Gut ist immerhin, dass RTL heute einen Korrespondenten
in Rio de Janeiro hat, der per Live-Schaltung zeigt, wie Brasilien die WM lebt und erlebt.
Merkel, Schröder, Podolski
Pressemitteilung des WDR vom 18. Juni:
Der Westdeutsche Rundfunk weist Presseveröffentlichungen gegen
den WDR und die Eins-Live-Comedy »Lukas‘ Tagebuch« zurück. Die
Serie wird trotz einer Unterlassungsbeschwerde des Fußball-Nationalspielers Lukas Podolski fortgesetzt, erklärte der WDR am Sonntag.
Gerade bei einem jugendlich orientierten Programm wie Eins Live finde
»die karikierende und humoristische Ansprache Prominenter aus Sport
und Politik hohe positive Resonanz«, antworteten die WDR-Juristen
dem Anwalt des Fußballstars. Dabei befinde sich Podolski »in prominenter Gesellschaft mit Angela Merkel, Ex-Bundeskanzler Gerhard
Schröder oder Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt, die der Hörfunksatire durchaus ihre popularitätssteigernde Wirkung abnehmen
und souverän damit umgehen«.
Podolskis Management hatte in einem Schreiben an den Sender angekündigt, dem Hörfunk der ARD aus Verärgerung über die Eins-LiveComedy-Serie bis auf weiteres keine Interviews mehr geben zu wollen.
»Comedy ist ein gängiges und anerkanntes Stilmittel in unseren Programmen. Diese Sendeformen haben selbstverständlich nicht den
Zweck, die persiflierten Personen zu verunglimpfen, sie herabzusetzen
oder ihre Persönlichkeitsrechte zu verletzen. Der WDR lässt sich seine
journalistische Arbeit nicht einschränken und wird die Eins-LiveComedy über Lukas Podolski fortsetzen«, sagte die WDR-Hörfunkdirektorin Monika Piel am Sonntag in Köln. Der WDR hat vergleichbare Formate ohne jeden Widerspruch bereits über Bundeskanzlerin Angela
Merkel (»Angie«), Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder oder Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (»Ullala«) gesendet. SPD-Parteichef
Franz Müntefering kam im NDR zu diesen Ehren ebenso wie Herbert
Grönemeyer oder Fußball-Showstar Reiner Calmund bei Eins Live. Und
auch Bundestrainer Jürgen Klinsmann hat an einer SWR-Satire über
seine Person (»KlinsCamp«) nichts auszusetzen. In Bezug auf seinen
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Das WM-Tagebuch
Bekanntheitsgrad ist Podolski nicht zuletzt durch seinen Wechsel vom
Bundesliga-Absteiger 1. FC Köln zum deutschen Rekordmeister
FC Bayern München in diesen Kreis aufgestiegen.
»Comedy ist eine Facette unserer journalistischen Arbeit im öffentlichrechtlichen Rundfunk«, erklärt Sabine Töpperwien, Sportchefin von
WDR 2 und Leiterin des ARD-WM-Hörfunkteams. »Sie zeugt von besonderer Wertschätzung Podolskis, die nach allen Erfahrungen noch seinen
Bekanntheitsgrad und seine Sympathiewerte erhöht. Das bestätigen
auch die vielen positiven Rückmeldungen der Hörerinnen und Hörer.«
* * *
Reinhard Lüke hatte in diesem Fußball-WM-Tagebuch das aufkommende Problem zwischen WDR und Lukas Podolski thematisiert (vgl.
den Eintrag am 13. Juni), ohne daraus »eine große Geschichte« zu
machen. Übers Wochenende (17. bis 19. Juni) machten allerdings die
Boulevardzeitungen ihre große Geschichte daraus, so dass sich der
WDR veranlasst sah, mit dieser Pressemitteilung zu reagieren.
Tag 11 – Montag, 19. Juni
Dieter Anschlag: Bei der mittäglichen DFB-Pressekonferenz, live
übertragen von der ARD, gibt’s heute eine Satellitenschalte
von Berlin nach Kabul zu dort stationierten deutschen UN-Soldaten. Sie dürfen Jürgen Klinsmann Fragen stellen. Der Bundestrainer freut sich ausdrücklich über die Anteilnahme in
Afghanistan. Vorher hatte ARD-Moderatorin Monica Lierhaus
ein wenig mit den Bundeswehrsoldaten geplaudert, das heißt
mit Stabsfeldwebel Thomas Kassat. Wie man sich das denn so
vorzustellen habe, wenn die Soldaten da in Kabul vor der
Großleinwand säßen und die Spiele der deutschen Elf guckten? Kassat: »Selbstverständlich schwenken wir dabei Fahnen.
Selbstverständlich singen wir die Nationalhymne mit, so wie
sich das auch gehört. Und selbstverständlich ist dabei für die
Soldaten, die keinen Dienst haben, das ein oder andere Bier
zeitlich begrenzt erlaubt.« Der Blick nach Afghanistan dauert
so sechs, sieben Minuten. »Schönen Dank an die ARD, dass sie
diese Schalte möglich gemacht hat«, sagt schließlich DFBMediendirektor Harald Stenger und leitet über zur eigentli62
Tag 11 – Montag, 19. Juni
chen Pressekonferenz mit den Fachleuten. Wer wohl die Idee
hatte zur «PR-Aktion Kabul«? Jürgen Klinsmann und sein
Berater Roland Eitel, erfahre ich später durch einen Hörfunkbericht bei WDR 2.
René Martens: Verrückt! DPA meldet heute, der ghanaische Fußballverband habe sich dafür »entschuldigt«, dass sein Spieler
John Pantsil bei der Partie gegen Tschechien mit einer eigens
dafür im Stutzen versteckten israelischen Mini-Flagge gejubelt
hat. Anders als zuvor von mir angemerkt, hat er offensichtlich
auch nach den Toren schon entsprechend gejubelt, nicht erst
nach Spielschluss.
Reinhard Lüke: Man kann der WM nirgendwo entgehen. Ich weiß
jetzt gerade nicht, wann genau ich’s gesehen habe, jedenfalls
entdeckte ich, als ich beim Durchzappen beim Verkaufsfernsehen landete, dass es bei RTL Shop Hüfthalter zu »WM-Sonderpreisen« gibt!
Aus einem Artikel des »Spiegel« (Nr. 25/06) vom 19. Juni über die
Fußball-WM als »Deutschland-Party«:
Regieren in Zeiten der Fußball-WM
Für die Große Koalition ist die Weltmeisterschaft ein Glücksfall. Sie
kommt über das Land in einem Moment, da die Regierung ihre Schwächen offenbart, in dem sie sich selbst blockiert und in den großen Fragen, der Gesundheitspolitik etwa, nicht mehr weiter weiß oder aber
Gesetze durchbringt wie am vergangenen Freitag. Da wurde die Mehrwertsteuer erhöht, die Pendlerpauschale gekürzt, die Eigenheimzulage
gestrichen. Gesetze sind das, die in normalen Zeiten für viel Aufregung
sorgen würden. Aber es bekommt fast niemand mit. Vermutlich könnte
die Bundesregierung gerade auch die Mehrwertsteuer verdoppeln, und
kaum einen würde es interessieren.
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Das WM-Tagebuch
Tag 12 – Dienstag, 20. Juni
Dieter Anschlag: Reinhold Beckmann beim Halbzeitstand von 2:0
für Deutschland im Spiel gegen Ecuador: »Sollten es am Ende
drei Siege werden zum Auftakt? Das ist weder Helmut Schön
1974 noch Franz Beckenbauer 1990 gelungen. Wo soll das
noch hinführen?« Ja, wo soll das noch hinführen, wenn man
so daherschwatzt? Und Jürgen Klinsmann versucht uns während der Halbzeitpause mal wieder beizubringen: »Also,
Leute, die Taktik ist ganz einfach: Zur Sparkasse gehen – und
die Mastercard holen. Alles klar?«
ARD-Endspielkommentator Reinhold Beckmann vor der Übertragung des
Spiels Ecuador – Deutschland im WM-Stadion Berlin am Dienstag (20.06.06).
© Bild: WDR/Axel Berger
Ich gucke das Spiel in der Redaktion im Konferenzraum mit
Kollegen. Und Kolleginnen, wie man im öffentlich-rechtlichen
Rundfunk politisch korrekter sagen würde. In der Halbzeit
gehe ich eben in mein Büro, um mal den E-Mail-Eingang zu
checken. Ob einem wohl während dieses Spiels einer was
geschickt hat? Eine einzige neue Mail ist eingegangen. Um
16.03 Uhr, also kurz nach Beginn von Deutschland gegen Ecu64
Tag 12 – Dienstag, 20. Juni
ador, war sie eingetroffen, folgenden Inhalts: »Neu an der Fanmeile: Die FanCam vom RBB liefert Live-Bilder von der WMStimmung am Brandenburger Tor ins Internet. Ein Kameraauge mehr an der Berliner Fanmeile: Auf dem Dach seines gläsernen WM-Studios direkt gegenüber dem Brandenburger Tor
installiert der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) am heutigen Dienstag eine Webcam. In einer Totale« – muss es nicht
heißen: ›In einer Totalen‹? – »fängt sie die Stimmung vor der
zentralen Großbildleinwand ein, vor der Tausende Zuschauer
die Spiele der FIFA WM 2006 verfolgen. Per Live-Videostream
kommen die Bilder der FanCam bis zum Endspiel am 9. Juli
täglich rund um die Uhr ins Internet. Sie runden das umfangreiche WM-Special des RBB unter ›http://www.rbb-online.de/
wm2006‹ ab.« Der RBB hat ja über der Fanmeile diese großen
weißen – oder silbernen? – Ballons schweben, mit dem RBBLogo drauf, »rbb« im Original, kleingeschrieben, es ist ein
kleiner Sender. Diese Werbeballons sieht man auch immer so
schön, wenn sonntags das RTL-Team um Jauch und Völler vor
der Fanmeile auf Sendung ist. Und jetzt kann man sie ebenfalls mit der FanCam sehen. Tolle Erfindung: FanCam – wasses
alles gibt!
Dietrich Leder: Da ich noch an einem Buchbeitrag schreiben
musste, der schon lange überfällig ist, sagte ich eisern alle Verabredungen zum Gemeinschaftsempfang ab und wollte beim
Spiel Deutschland gegen Ecuador – am Rechner sitzend und
arbeitend – zunächst den Fernsehton von Ferne hören. Dachte
ich. Dann fiel das erste Tor, und von da an schaute ich – alle
guten Vorsätze vergessend – die erste Halbzeit wie weite Teile
der zweiten bei Premiere, im Wohnzimmer. Dass im Kabel das
Signal von Premiere vor dem Signal der ARD bei den Zuschauern ankommt, hatte ich bereits angemerkt. Denn in der Wohnung unter mir hörte ich den Schrei beim 1:0 für Deutschland
erst, als ich schon auf dem Weg zum Fernsehapparat war. Diese
Vorzeitigkeit sollte Premiere erhalten bleiben. Bleibt ihnen ja
auch sonst nix mehr. Übrigens gab der Sender heute bekannt,
er wolle seine Abonnementpreise senken. Zu spät, Georg Kofler, das Abo ist bereits gekündigt!
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Das WM-Tagebuch
Heute lohnte sich jedoch das Abonnement des Pay-TV-Senders
noch, denn Kommentator Marcel Reif war so gut, wie selbst er
selten ist. Zum Beispiel hatte er Lust auf einen deutschen Sieg.
Wenn er die Namen der DFB-Spieler bei Pässen und Vorlagen
nannte, dann hatte er ein leichtes Tremolo in der Stimme.
Und er hatte mit seinem Optimismus, der nicht mit der üblichen Schönfärberei der Waldemars und Konsorten zu verwechseln ist, Recht, wie das erste Tor bewies. Erneut demonstrierte er in den nächsten Minuten, dass er einer der wenigen
Kommentatoren ist, die auch wirklich etwas auf dem Fußballfeld sehen und dies unfallfrei in Worte zu fassen verstehen. Er
weiß beispielsweise, dass Philipp Lahm längst nicht nur mit
rechts von der linken Seiten flankt, sondern auch mit seinem
schwächeren linken Fuß. Und er erkannte, wie kompakt das
deutsche Mittelfeld an diesem Tag stand und wie aufgedreht
Bernd Schneider agierte.
»Das sieht gut aus, Punkt«, sagte Reif und traf ins Schwarze.
Rechtzeitig warnte er in der zweiten Halbzeit vor dem Schlendrian, der sich besonders auf der rechten Verteidigungsseite
Deutschlands einschlich. Zur Beruhigung fiel dann Podolskis
Tor zum 3:0-Endstand. Und er beurteilte Ecuador richtig, als
er die Mannschaft am Ende einen »Gegner von enormer
Harmlosigkeit« nannte, aber richtigerweise ergänzte, auch
gegen den müsse man die Tore erst einmal schießen. Fehler
wie der, dass er in der 49. Minute den ersten Eckball von Ecuador ankündigte, obgleich es genau 40 Sekunden zuvor schon
einen gegeben hatte, seien ihm verziehen. Denn wer kann liebevoller ironisch sein als er: »Ich denke, diese Freistoßvariante
werden sie rasch ad acta legen«, meinte er etwa, als Deutschland den Ball einmal fast vertändelte. Oder: »Interessanter
Abwehrversuch«, als ein Verteidiger von Ecuador elegant am
Ball vorbeitrat. Nicht zuletzt trug er einige kleine Informationen über das Land des Gegners der deutschen Elf bei, ohne
gleich auf die soziale Tube zu drücken. Sehenswertes Spiel,
souveräner Kommentar!
Einen köstlichen Versprecher, der im Grunde den DFB auf
den Plan rufen müsste, leistete sich der US-Schwabe Klins66
Tag 12 – Dienstag, 20. Juni
mann, als er nach dem Spiel im Gespräch mit ARD-Interviewerin Monica Lierhaus seinem zweifachen Torschützen Miroslav
Klose attestierte, er sei »in bestechlicher Form«!
Reinhard Lüke: Während die ARD-Häuptlinge in Straßburg die
sportjournalistische Causa Boßdorf gegen Hajo Seppelt verhandeln, steht Letzterer fürs »MiMa« im Ersten auf der Fanmeile am Brandenburger Tor und muss Statements von Passanten einholen: »Wo kommt ihr her?« »Wo wollt ihr hin?«
»Euer Tipp fürs Spiel?« Man kann sich als kompetenter Freiberufler halt auch nicht immer aussuchen, womit man seine
Brötchen verdient. Beim DSF sitzen kurz darauf die Sportkameraden Helmer und Vogts in lustigen T-Shirts auf einem Berliner Hausdach und tun kund, was ihnen zu Deutschland
gegen Ecuador gerade so durch die Rübe rauscht. Lustig
wird’s nur, als Thomas Helmer eine ironisch gemeinte Spitze
gegen den allwissenden Udo Lattek absondert, der in der täglichen DSF-Plauderrunde am Bahnhof sitzt und Helmers Einwurf so schrecklich ernst nimmt, dass die unverfängliche Stimmung jäh zu kippen droht. Schade, dass sich die Kontrahenten
nicht im selben Raum befanden. Hätte sonst eine ansehnliche
Keilerei werden können.
Das Spiel am Nachmittag dann im Rahmen eines (Semi-)
Public-Viewings in einem Zelt des Kölners Sportmuseums verfolgt. Wunderbare Location. Zum Rhein hin geöffnete Planen,
so dass man auch noch einen Blick auf die am gegenüber liegenden Ufer lagernden englischen Heerscharen hatte, die das
Deutschland-Spiel auf einer Großleinwand verfolgten. Allerdings in der ARD-Version. Weshalb die Reaktionen der Engländer durch die Zeitverzögerung, die Leder bereits bemerkte,
erst mit geraumer Verspätung zum Sportmuseum rüberwehen,
wo man Premiere genießen durfte. Ach, dieser Marcel Reif!
Auch von mir: tiefe Verbeugung. Ungeheuer laid back, dabei
präzise und immer mit dem Unterton: »Es ist schön, aber es ist
nur Fußball.« In der Halbzeit befragte dann Boris Becker den
Heli-Franz zum Spiel. Keine Ahnung, was die Super-Gurus da
erzählten, da man den Ton in der Pause abgedreht hatte. Aber
es sah eindeutig aus wie Muppet-Show.
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Das WM-Tagebuch
Dieter Anschlag: Hey, ARD, es gab da doch mal diesen Schleichwerbeskandal, da wolltet ihr doch was draus lernen und euch bessern. Schon alle guten Vorsätze wieder vergessen? Oder was
sollte das eigentlich bedeuten, heute mehrfach live in die
Redaktion der »Bild«-Zeitung zu schalten, angeblich um zu
zeigen, wie’s da an einem solchen Tag in der Sportredaktion so
zugeht? Kostenlose Reklame für journalistischen Hooliganismus im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, das muss nun nicht
auch noch sein. Dafür zahl’ ich keine Rundfunkgebühren!
Oder war diese Schleichwerbung Bedingung für euren Vertrag
mit Günter Netzer, der ja inzwischen auch als Exklusiv-Kolumnist auf der »Bild«-Lohnliste steht? Der WDR ist federführend
für die ARD-WM-Berichterstattung, der Rundfunkrat des Senders ist zuständig für Programmverstöße. Viva Bavaria!
Dietrich Leder: Ja, ich sah diese Live-Schaltungen der ARD in die
»Bild«-Redaktion auch und schämte mich für jede, auch noch
kritisch gemeinte Frage, die von der gegelten Reklame-Nase
der Boulevardzeitung auf das Billigste hinweggeschwafelt
wurde. Kritik an Klinsmann? Nein, der ist permanent unser
Gast! Und so weiter und so fort.
Zu Beginn des Fußball-WM-Tagebuchs plädierte ich dafür, dass
die Teilnehmer hier auch den Zeitpunkt dokumentierten, an
dem sie jeweils ihren Text eingetragen haben. Damals dachte
ich an so etwas wie Transparenz, die dadurch hergestellt
werde. Heute Abend – gegen 23.45 Uhr – weiß ich, dass es
anders war: Ich fürchtete die Konkurrenz. Und tatsächlich
wurde der Klinsmann-Satz über Klose – siehe oben – dann
auch in Hartmanns ARD-Nachtstammtisch erörtert. Die Pointen, die da fielen, waren allerdings schlechter als jene, die ich
für den oben dokumentierten Text, gegen 19.00 Uhr geschrieben, vermied. Aber wer glaubt mir das?
Rainer Braun: Nichts gegen die Euphorie nach dem deutschen
Sieg über Ecuador, aber merkwürdig war schon, dass die gutdotierten ARD-Kommentatoren und -Analytiker kein Wort
darüber verloren, warum der letzte Gruppengegner der Deutschen seine Stammkräfte im Sturm nicht aufbot. Denn Agustin
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Tag 13 – Mittwoch, 21. Juni
Delgado und Carlos Tenorio, die bei den Siegen gegen Polen
und Costa Rica vier der insgesamt fünf Tore für Ecuador
geschossen hatten, spielten diesmal nicht – das wiederum relativierte den Erfolg der Klinsmann-Truppe doch ein wenig.
Dass nun auch ARD-Mitarbeiter einen Tag bei der Sportredaktion von »Bild« hospitieren und darüber eigene Berichte
machen, gilt ARD-intern wahrscheinlich als besonders pfiffige
Idee: Schließlich dürfte diese Art von Medienpartnerschaft
auch dafür sorgen, dass man bei Springer diese freundliche
PR-Hilfe der ARD nicht vergisst.
René Martens: Das Deutschland-Ecuador-Spiel nur im Radio
gehört – bei NDR Info. Bin ungeübt, was Fußballübertragungen
im Hörfunk betrifft, kenne daher die Reporter nicht. Der eine
der beiden Kommentatoren könnte Alexander Bleick gewesen
sein. Einer – vielleicht sind es auch beide – sagt statt
»Podolski« oder »Lukas Podolski« mehrmals nur »Poldi«.
Auch von »wir« ist einmal die Rede, als die deutsche Mannschaft gemeint ist. Die sind auch nicht angenehmer als die
Fernsehnasen.
Inspiriert von Benjamin Henrichs’ Kolumne »Falscher Einwurf« in der »Süddeutschen Zeitung« drängt es mich noch loszuwerden, dass eines der großen Übel der WM-TV-Berichterstattung die Herabwürdigung des Fußballfans an sich ist: Der
Fan dient als Jubelperser für Jott Beh Kerner und seine Kumpels oder als betrunkener Fanmeilen-Kurzreportagen-Statist,
dem nicht mal fünfzehn Sekunden Ruhm vergönnt sind.
Tag 13 – Mittwoch, 21. Juni
Dieter Anschlag: Das Jugendradio WDR Eins Live hat ja nun gerade
durch seine Podolski-Affäre ungewollte überregionale
Bekanntheit erlangt. Morgens auf dem Weg zur Arbeit mal in
das Programm reingehört, auch wenn ich zielgruppentechnisch längst viel zu alt dafür bin. Egal, vielleicht erwischt man
ja zufällig gerade eine Folge von Poldis WM-Tagebuch, der
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Das WM-Tagebuch
inkriminierten Problemsatire. Nein, das klappt nun gerade
nicht. Aber lustig sein – das jugendliche Zielpublikum verlangt
halt permanent pubertäre Späße – muss Eins Live rund um die
Uhr. An diesem Vormittag hat man sich eine Art April-AprilFake-Aktion ausgedacht. Es sei ja offiziell Sommeranfang
heute, und da habe sich die FIFA eine passende Änderung für
die WM überlegt: Ab heute würden die Spiele, wie beim
Beachvolleyball, auf Sand ausgetragen, heißt es. Und da habe
Eins Live mal die Leute befragt, wie die das denn fänden. Die
Reaktionen werden anschließend vom Band eingespielt.
Das alles ist ungefähr so witzig wie eine Quizfrage, die Oliver
Pocher in einer Pro-Sieben-Sendung – ich glaub’, ich sah’s am
vorigen Montag – stellte: Wer weiß, ob das Land, für das der
Afrikaner Didier Drogba spielt, »a) Elfenbeinküste« oder »b)
Porzellanküste« heißt, soll schnell anrufen – und kann etwas
gewinnen. Die Sendung, die jeweils von montags bis donnerstags gegen Mitternacht läuft, heißt »Pocher zu Gast in Deutschland« und ist die 49 Cent nicht wert, die ein Anruf kostet.
Reinhard Lüke: Zu den Erscheinungen der WM, die ich überhaupt
nicht mehr sehen will, gehören diese rasenden Reporter, die
sich rund um die Spiele unters hiesige Fanvolk mischen, um
von »ganz nah dabei« ihre Sprechblasen abzusondern. Egal,
ob ARD, ZDF oder RTL. Und all die so genannten NewsKanäle sowieso. Und ganz egal auch, ob sie an diesem Tag
überhaupt Partien zu übertragen haben – es ist von Mittag bis
Mitternacht immer dasselbe Spielchen. Da kündigt ein Studiomoderator eine Schalte zum Mikrofonhalter XY an, »der für
uns draußen ...«, und dann steht der nämliche Journalist da in
einem Pulk von Fans, die er vorab mit einigem Aufwand um
sich geschart hat, krächzt was von »super Stimmung«, tut so,
als berichte er quasi unter Lebensgefahr, weil ihm ein paar
Gröhler – gern auch vollbusige Damen in Fanshirts – auf die
Schulter hauen, und irgendwann kommt dann, an den Moderator im Studio gerichtet, todsicher die Hülse: »Entschuldige,
ich kann hier mein eigenes Wort kaum mehr verstehen.« Den
ersten Bericht dieser Güte hab’ ich heute Mittag im ZDF, den
letzten weit nach Mitternacht bei RTL gesehen, wo man das
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Tag 14 – Donnerstag, 22. Juni
»Nachtjournal« um einen WM-Block erweitert hat, in dem
Lauda-Gegenüber Florian König vor allem auf Atmo macht.
Dieter Anschlag: In der Nacht so gegen Viertel vor zwölf, am Ende
eines eher langweiligen Spieltages – es stand ja schon vorher
fest, dass Portugal, Mexiko, Holland und Argentinien das Achtelfinale sicher hatten –, zeigt der multikompetente Johannes
B. Kerner, dass er außer Moderator, Kommentator, Reporter,
Interviewer, Talkmaster, Produzent, Stimmungskanone, Sonnyboy, Werbefuzzi, Analyst, Anlageberater, Sterne-Koch und ZDFFernsehratsmitglied auch ein toller Programmansager wäre.
»Zum Schluss«, kündigt er dem werten Publikum an, »möchte
ich Sie noch auf eine Reportage hinweisen, die das ZDF im
Anschluss an ›Nachgetreten!‹ zeigt. Sie dauert nur 15 Minuten, ist aber sicherlich sehenswert. Sie heißt Partyzone
Deutschland und zeigt also, wie die WM unser Land verändert.« Ach ja? Die Reportage zeigt wohl eher, wie das ZDF mal
so auf die Schnelle den »Spiegel«-Titel dieser Woche – »Die
Deutschland-Party« – fürs Fernsehen abgekupfert hat. Wie kreativ sie doch sind beim Zweiten, für 15 Minuten. Ehm, nee, im
ZDF-Fernsehrat ist Kerner nicht aktiv, oder? Da muss ich wohl
was durcheinander gebracht haben. Aber irgendwas war da
dieser Tage, mit Kerner und dem Fernsehrat.
Tag 14 – Donnerstag, 22. Juni
Friedrich Küppersbusch: Zwei Wochen sind um, heute ist Halbzeit
bei der Weltmeisterschaft. Und hier noch mal ein Wort zum
Wort: Ich erinnere mich präzis, zu länglichen Reportagen der
entlegensten Hop-Hop-Hop-Sportarten Kinderzimmer tapeziert und lange Autofahrten überlebt zu haben. Olympische
Winterspiele, Sommerspiele, Leichtathletikfeste – wenigstens
eine Mittelwellenfrequenz wurde reanimiert, um den Nerds
und Unersättlichen umfassende Turnierberichterstattung zu
bieten. Diesmal – ist das eine westdeutsche Regionalkrankheit?
– geht’s auch mir so: Ich höre nichts, keine Spielübertragungen live, erst recht kein buntes oder informatives Programm
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Das WM-Tagebuch
drum herum. Es sei denn, die vaterländischen oder andere
favorisierte Mannschaften spielen auf.
Ansonsten: Kleine Drei-Minuten-Einblendungen hie und da,
die sich dann gern auch spontan just vor dem Freistoß gänzlich entleiben, weil wegen wichtiger Verkehrshinweise oder des
Werbeblocks abgebrochen wird. Mir fehlt da was!!! Selbstverständlich neige ich zu der Verschwörungstheorie, dass die in
dieser Sache rechteführende ARD einen clandestinen Deal
mit der großen bösen FIFA einging, die Leute am Radio verhungern zu lassen, damit sie das werbeintensivere TV-Bild
suchen. Ich erwäge auch, dass die Radioredaktionen von vornherein zum Leder eine eher vegane Haltung beschlossen
haben, irgendeine Kopfgeburt entlang der Melodie »Die
Sportfans gucken doch eh Fernsehen«. Ich jedenfalls bin hörbestürzt, was diese WM angeht.
Dieter Anschlag: Brasilien hat in Dortmund Japan mit links 4:1
geschlagen. Das ZDF schaltet nach Stuttgart, wo gerade das
eigentlich spannende Spiel der Gruppe F, Australien gegen
Kroatien, mit 2:2 geendet ist. In Stuttgart meldet sich Rudi
Cerne und spricht von einer »bisher an Überraschungen reichen Weltmeisterschaft«. Ach, Rudi, wärst du doch beim Eiskunstlauf geblieben! Wenn diese WM in der Vorrunde eines
nicht war, dann reich an Überraschungen. Zum größten Teil
stand doch bereits am zweiten Spieltag fest, welche Mannschaften ins Achtelfinale kamen, Favoritensiege noch und nöcher.
Im Übrigen berichtet Cerne nichts weiter aus Stuttgart als das
Ergebnis, und dass die Stimmung bei den Australiern toll sei,
da sie durch das Unentschieden überraschend – ja, so überraschend auch wieder nicht – weitergekommen seien. Dann gibt
Cerne zurück in die »ZDF-Arena« nach Berlin, wo Kerner &
Co. vor lauter Begeisterung über sich selbst den so eindeutigen
Sieg von Brasiliens B-Elf hin- und herdiskutieren, obwohl es
nur wenig zu diskutieren gäbe. Es dauert geschlagene 25
Minuten, bis es das ZDF endlich schafft, Bilder vom Spiel Australien gegen Kroatien zu zeigen. Sechs Minuten lang. Da
bekommt man gerade mal die vier Tore unter. Und viele Ein72
Tag 14 – Donnerstag, 22. Juni
blendungen von schnuckeligen Mädchen, an denen sich Kommentator Poschmann ergötzen kann. In dem Spiel gibt es drei
gelb-rote Karten. Wir sehen weder die Ursachen dafür, noch
wem sie der Schiedsrichter zeigte. Dabei hatte Kerner in seiner
Anmoderation zum Australien-Spiel doch gesagt, wir bekämen
jetzt »alle Höhepunkte und die ganze Dramatik« zu sehen.
Nicht zum ersten Mal hat das ZDF hier nicht gehalten, was
Kerner versprach.
Und eins noch: Vor dem Brasilien-Spiel interviewte ein ZDFMitarbeiter »den ZDF-Experten Pelé«. Gleich in der ersten
Frage war wieder mal von »Samba« die Rede: »Pelé, haben Sie
die brasilianische Samba bisher vermisst?« Immer, wenn es um
die – wie Kenner heutzutage sagen – »ßeläßao« geht, hab’ ich
den Eindruck, es gehe hier um eine Weltmeisterschaft in den
lateinamerikanischen Tänzen. Ich möchte einmal im Zusammenhang mit Brasiliens Fußball erleben, dass ein Reporter
sich dieses abgedroschensten aller Vergleiche zu enthalten vermag.
Aber was soll man erwarten? Beim ZDF arbeitet schließlich
auch ein Kommentator wie Thomas Wark, der bei der Partie
gegen Tschechien über die Italiener sagte: »So ganz zufrieden
können die Spaghettis mit diesem Spiel aber auch nicht sein.«
Er sagte dies, wenn ich’s recht mitbekommen habe, direkt im
Anschluss an eine Bemerkung über den Tschechen Marek
Heinz. Was Herrn Wark wohl unvermittelt an »Heinz
Ketchup« erinnerte und seine kruden Gedanken nun vom
Ketchup – Soße! – zu den »Spaghettis« führte. Das ist ein
Niveau. Wie einst bei Heribert, der einen argentinischen
Schiedsrichter »in die Pampa« geschickt wissen wollte, weil der
nicht so für Deutschland pfiff, wie Heribert es wollte. Ich
kann’s eigentlich immer noch nicht glauben. Hat Wark wirklich »die Spaghettis« statt »Italiener« gesagt oder hab’ ich mich
da doch verhört oder etwas verwechselt?
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