Faltblatt Katholikentagskreuz - Katholische Kirche Derendorf
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Faltblatt Katholikentagskreuz - Katholische Kirche Derendorf
Solche Parallelen sind jedoch weniger als Übernahmen früherer Motivformen durch den modernen Künstler zu erklären, sondern dürften ursächlich auf ähnlichen Todeserfahrungen einmal in der Epoche der Pestseuche und zum anderen in der Zeit der Massenmorde in den Konzentrationslagern beruhen. Durch die nachträgliche Anbringung an der hohen Turmwand der St. Rochus-Kirche hat die Christusfigut einen idealen Ort gefunden. Sie beherrscht die Wand durch ihre plastische Präsenz und entfaltet auf ihr eine räumliche Ausstrahlung. Mit ihren religiös-theologischen Aussagen wird sie am Turm der Kirche, der von modernem Verkehr umbrandet ist, zum Evangelium im wahren Sinn. Die Bronzetafel am Turmsockel weist außer der Inschrift, die an den Düsseldorfer Katholikentag 1982 erinnert, in den Ecken verschiedene Embleme auf, die den zeitlichen und lokalen Bezug zum Anlass der Entstehung des Kruzifixes herausstellen. Oben sind links und rechts ein mehrflügeliger Seraph und zwei überkreuzte Hände mit Wundmalen zu sehen, womit die Stigmation des heiligen Franziskus symbolhaft angedeutet wird, bei der sich Christus in Gestalt eines Seraphim ihm zuneigte und ihm seine Wundmale einprägte. Franz von Assisi ist nämlich das Kruzifix gewidmet, da im selben Jahr der 800jährige Geburtstag dieses Heiligen begangen wurde. Unten links auf der Tafel erscheint das Tau-Zeichen in einem Kreis als symbolischer Hinweis auf Maksymiljan Kolbe, dessen Heiligsprechung in jenem Jahr stattfand. Die rechte untere Ecke zeigt eine Pilgermuschel, die das Attribut des heiligen Rochus, des Pfarrpatrons, darstellt. Die Tafel selbst wird als eine ausgespanntes Tuch wiedergegeben, dessen Umrandung durch einen Strick mit Knoten gebildet wird, die auf die Ordensgelübde des heiligen Franziskus hindeuten. Text: Bilder: Werner Roemer Archiv St. Rochus Marie-Theres Moritz Die Christusfigur am Turm der St. Rochus-Kirche von Bert Gerresheim Im Jahr 1982 schuf Bert Gerresheim die 5 m hohe Bronzefigur des Gekreuzigten für den im selben Jahr stattgefundenen Katholikentag in Düsseldorf. Nachdem die Figur während der Veranstaltungen im Rheinstadion über dem Altar gehangen hatte, erhielt sie ihren endgültigen Platz an der Turmwand der St. Rochus-Kirche. Der Realismus der Gewaltanwendung und des Sterbens ist mit drastischer Unerbittlichkeit dargestellt. Außer den Nagelwunden und der Seitenwunde überdeckt eine Fülle von Geißelstriemen, Rissen und Sprüngen den Körper, der zusätzlich von Schnüren und Stricken umwunden ist. Die Dornenkrone hat auf der Stirn ihre Spuren hinterlassen. Aber im übrigen lassen die strähnig herabhängenden Haare vom Gesicht nur den Mund frei, der vom Aushauchen im Tod geöffnet ist. Der physische Zusammenbruch, in dem sich die Erlösung vollendet, wird bis zur letzten Konsequenz ernst genommen und als ein über die Geschichte hinausweisendes, einmaliges Ereignis festgehalten. Die Kompositionsordnung führt jedoch über die realistische Darstellung des Todes hinaus: Die kontrapostische Bewegung des zur Seite geneigten Hauptes und des im Gegensinn angewinkelten Beines wie auch die Unruhe der diagonal verlaufenden Faltenzüge des Lendentuches und der Schnüre werden in einer großen Horizontalen aufgehoben, die durch die Arme und die Schultern gebildet wird. Dadurch geht die Bewegung, die dem zeitlichen Geschehen verhaftet ist, über in eine zeitentrückte Ruhe und stille Größe. Diese Form des Tau-Kreuzes, die durch die Körperhaltung des Gekreuzigten gebildet wird und die eine zusätzliche Wiedergabe von Kreuzesbalken überflüssig macht, hat aber auch eine theologische Bedeutung: Sie gilt in der Bibel als Zeichen der Rettung, durch das Gott seine Auserwählten in der Endzeit besiegelt (Ez 9,4 und Apk 7,3). Durch seine Verwendung in diesem Bildwerk bringt es neben der drastischen Todesdarstellung das rettende Eingreifen Gottes zum Ausdruck, der seinen Sohn und ebenso diejenigen, die zu ihm gehören, nicht im Tode lässt. Das formal geschlossene Werk birgt also eine antithetische Spannung in sich, indem der dem Tod ausgelieferte Jesus und der durch Gottes eingreifendes Tun sich offenbarende Christus miteinander identisch erklärt werden. Hier werden in anschaulicher Form sowohl die menschliche wie auch die göttliche Natur des Gottessohnes zum Ausdruck gebracht. Außerdem erfährt die Christusfigur eine aktualisierende Bedeutung durch die in ihren Unterarm eingravierte Häftlingsnummer des Franziskanerpaters Maximilian Kolbe, die dieser im Konzentrationslager Auschwitz trug: 16670. Im August 1941 ließ er sich dort freiwillig an Stelle eines Mithäftlings auf die Todesliste setzen und starb 14 Tage später im Todesbunker einen grausamen Hungertod als radikaler Christ und Märtyrer. Im Jahr des Düsseldorfer Katholikentages 1982 wurde er in Rom offiziell heilig gesprochen. Die eingravierte Nummer am Arm des Kruzifixes will die innere Übereinstimmung zwischen Christus und Pater Kolbe deutlich machen, die darin besteht, dass ihr Sterben in beiden Fällen von der Solidari- sierung mit ihren Mitmenschen motiviert war. Denn den Satz: „Eine größere Liebe hat niemand, als wer sein Leben einsetzt für seine Freunde“ (Joh 15,13) haben Christus und Maximilian Kolbe in gleicher Weise in die Tat umgesetzt. Darum kann das in unserer Zeit allgemein bekannte Sterben Kolbes neues Licht auf das Sterben Jesu fallen lassen, das als ein vergleichbarer stellvertretender Opfertod verstanden werden muss. Hier erfolgt also eine Vergegenwärtigung und Aktualisierung des Christusereignisses auf Golgota durch ein akutes Ereignis aus unseren Tagen. Damit erfüllt das Bildwerk eine Forderung, die Papst Johannes Paul II. im Jahre 1980 in München an die Künstler und Publizisten gerichtet hatte, durch ein „Aggiornamento“ die Beziehung des Christusgeschehens zur heutigen Welt herzustellen, damit das christliche Heil aktualisiert werde. Hält man in der Geschichte der Bildtradition von Kreuzesdarstellung Ausschau nach Analogien, so muss man zurückgehen bis zu den Kölner Pestkruzifixen des 14. Jahrhunderts, die den ausgezehrten Körper Christi mit dem schwer auf die Brust gesunkenen Haupt blutüberströmt und in verkrampfter Todeshaltung am Gabelkreuz zeigen. Wie der schonungslose Naturalismus durchaus vergleichbar ist, so kann auch die aus dem Geist mittelalterlicher Mystik entstandene und von den Bettelorden verbreitete Deutung des Gabelkreuzes als „Lebensbaum“ analog zu der zeichenhaften Form des Tau-Kreuzes bei Gerresheim gesehen werden.