Mecklenburg-Vorpommern Zentralabitur 2006

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Mecklenburg-Vorpommern Zentralabitur 2006
Mecklenburg-Vorpommern
Zentralabitur 2006
Deutsch
Grundkurs
Aufgaben
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Reinschrift etwa drei Viertel des erkennbar
angestrebten Gesamtumfangs beträgt.
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Aufgaben im Überblick
Aufgabe I
Gottfried Benn:
Reisen
Interpretieren Sie das Gedicht von Gottfried Benn.
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Aufgabe II
Béla Jász-Freit:
Sie sind unter uns (gekürzte Fassung)
Analysieren Sie den Text und bewerten Sie dessen Gestaltungs- und Wirkungsweise.
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Aufgabe III
Gabriele Wohmann:
Schönes goldenes Haar
Interpretieren Sie den Text.
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Aufgabe IV
Johann Wolfgang von Goethe:
Natur und Kunst
Interpretieren Sie Goethes Gedicht. Gehen Sie dabei auf den literaturhistorischen Kontext
ein.
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Aufgabe I
Gottfried Benn:
Reisen
Interpretieren Sie das Gedicht von Gottfried Benn.
Text zur Aufgabe I
Gottfried Benn (1886 - 1956)
Reisen
Meinen Sie, Zürich1 zum Beispiel
sei eine tiefere Stadt,
wo man Wunder und Weihen
immer als Inhalt hat?
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Meinen Sie, aus Habana2,
weiß und hibiskusrot,
bräche ein ewiges Manna3
für Ihre Wüstennot?
Bahnhofstraßen und Ruen,
Boulevards, Lidos, Laan 4 –
selbst auf den Fifth Avenuen
fällt Sie die Leere an –
Ach, vergeblich das Fahren!
Spät erst erfahren Sie sich:
bleiben und stille bewahren
das sich umgrenzende Ich.
(1950)
Aus: G. Benn. Gesammelte Werke. Bd. 3. Verlag Klett - Cotta. Stuttgart 1982
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Zürich: Großstadt in der Schweiz, historisches und kulturelles Zentrum Europas
Havanna: Hauptstadt Kubas
Manna: Speise, die Gott nach 2. Mose 16,4 vom Himmel fallen ließ, um mit ihr die Israeliten auf ihrem Zug
durch die Wüste zu speisen
Laan: Bezeichnung für Straßen in Holland
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Aufgabe II
Béla Jász-Freit:
Sie sind unter uns (gekürzte Fassung)
Analysieren Sie den Text und bewerten Sie dessen Gestaltungs- und Wirkungsweise.
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Text zur Aufgabe II
Béla Jász-Freit
Sie sind unter uns
Das Verhältnis zu alten Menschen muss neu bedacht werden
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Entgegen allen alten Kulturen, in denen das Vorhandensein und die Meinung alter Menschen
überaus wichtig war, stellt die heutige Gesellschaft zunehmend die jungen Leute in den
Vordergrund. Getreu dem Motto „Fortschritt durch Jugend“ richtet sie sich auf diese ein und
stellt die „Jungen und Dynamischen“ zunehmend ins Zentrum der Marktwirtschaft – wohl
auch, weil die „Jugend von heute“ ein überaus vorrangiges Konsumpotential darstellt. Jung
und schön ist „in“, alles jenseits der Vierzig „out“. Das Alter als wichtige und notwendige
Lebensphase findet weder Würdigung noch Zuspruch; im Gegenteil: die „Senioren“, wie man
beschönigend gerne sagt, um das Wort „alt“ zu umgehen, sollen vertuscht und übergangen
werden. Schon längst haben die meisten Gesellschaftsgruppen die Alten unter uns scheinbar
aus dem Auge verloren. Aber nicht nur das: Woche für Woche hört und liest man Meldungen
und Artikel, die man allesamt unter dem Motto „Hilfe, die Alten kommen!“ zusammenfassen
könnte. Politiker rätseln händeringend um Lösungen, wie man sich vor der scheinbaren Flut
alter Menschen retten könne. [...]
Das Alter scheint ein nicht erstrebenswertes Lebensstadium zu sein, das man mit allen Mitteln
zu übertünchen versucht: [...] Dass ältere Menschen mehr Lebenserfahrung haben als junge,
wird gerne außer Acht gelassen – was zählt, ist schließlich immer noch das Äußere. Und wer
auch als Greis noch „cool“ und „easy“ wirken möchte, um bei der Jugend „anzukommen“,
muss schon das Tanzbein schwingen, Sangria süffeln und mit fünfzig Jahre jüngeren
Fräuleins vom Nachbartisch flirten – dank „Doppelherz“ gar kein Problem!
Es wird klar: alte Menschen sind nur interessant für die Medien und die Umwelt, wenn sie
genug Geld haben, einen gewissen, für die Gesellschaft profitablen Lebensstandard zu
erfüllen. Dass das Alter der Gipfel des Lebens – vor allem auch in geistiger Hinsicht – sein
sollte, interessiert nicht. Zulus, die selbst für ihre verstorbenen Familienmitglieder noch Plätze
am Essensplatz freihalten, um ihrer zu gedenken, Staatssysteme, die von den „Alten und
Weisen“ getragen wurden, Völker und Kulturen, die aus den Erfahrungen der Alten ihre Kraft
und Lebensweisheit schöpften – alles glatter Humbug!
Alte Leute stellen einen Schrecken dar, weil sie oft unbequem, schwer im Umgang und
schlichtweg lästig sind. Keiner will sich ihrer so recht annehmen, und sie werden ins
Altersheim – pardon: Seniorenwohnheim/Stift – verfrachtet, [...] denn bekanntlich sind alte
Menschen durchweg einfältig, störrisch, inkompetent, widerspenstig, begriffsstutzig,
wortkarg, vergesslich und einfach „von vorgestern“. Für solche Trottel hat die Familie keine
Zeit. Karrierebewusste Menschen denken schließlich an Zukunft, nicht an Vergangenheit. [...]
Da käme es manchem doch gerade Recht, dürfte die Euthanasie, das „schöne Sterben“, auch
in Deutschland praktiziert werden. Wäre es nicht schön, könnte man sich endlich seiner
bettlägrigen Schwiegerväter entledigen, die ja ohnehin nur dem Portemonnaie zur Last fallen?
Natürlich sagt man das so nicht. Viel eher möchte man ihnen nur ihre Qualen ersparen und
meint es gut mit ihnen ... Ganz ungeniert beratschlagen Politiker, wie man diese Pläne
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durchsetzen könnte. Schließlich sei es im gemeinsamen Interesse, wenn man diese „lebens-“
oder besser „sterbenserleichternden“ Pläne tatsächlich gesetzlich erlassen könnte! Das klingt
utopisch, sagen Sie? Das hat man damals vom Paragraphen 2181 und von der jetzt so
aktuellen Stammzellenforschung auch behauptet. Und in den benachbarten Niederlanden ist
die Euthanasie bereits erlaubt. [...]
Das Alter wird, wie gesagt, ohnehin als Schändlichkeit angesehen und dargestellt. Eine
etwaige religiöse Funktion des Leidens oder das Leiden als Strafe, Warnung oder
Bestimmung wird nicht mehr in Betracht gezogen. Womit die Menschheit sich seit Tausenden
von Jahren auseinander setzen musste, nämlich, dass zum Leben auch Schicksal, Not,
Schmerzen und schließlich der Tod dazu gehören, wird nun plötzlich als nicht mehr relevant
gehandelt und möglichst fleißig umgangen.
Eine Moral? Gibt’s nicht mehr. Es lebe der Fortschritt!
(22.09.2003)
Aus: ZEIT für die Schule. http://apollo.zeit.de
Beitrag der Rudolf Steiner Schule Düsseldorf im Rahmen des seit 1998 laufenden Medienprojektes der
politischen Wochenzeitschrift „Die Zeit“
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§ 218 Strafgesetzbuch: Schwangerschaftsabbruch
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Aufgabe III
Gabriele Wohmann:
Schönes goldenes Haar
Interpretieren Sie den Text.
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Text zur Aufgabe III
Gabriele Wohmann (geb. 1932)
Schönes goldenes Haar
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»Ich versteh dich nicht«, sagte sie, »sowas von Gleichgültigkeit versteh ich einfach nicht. Als
wär’s nicht deine Tochter, dein Fleisch und Blut da oben.« Sie spreizte den Zeigefinger von
der Faust und deutete auf die Zimmerdecke. Aufregung fleckte ihr großes freundliches
Gesicht. Sie ließ die rechte Hand wieder fallen, schob den braunen Wollsocken unruhig übers
Stopfei1. Gegenüber knisterte die Wand der Zeitung. Sie starrte seine kurzen festen Finger an,
die sich am Rand ins Papier krampften: fette Krallen, mehr war nicht von ihm da, keine
Augen, kein Mund. Sie rieb die Fingerkuppe über die Wollrunzeln.
»Denk doch mal nach«, sagte sie. »Was sie da oben vielleicht jetzt treiben. Man könnt
meinen, du hättest deine eigene Jugend vergessen.«
Seine Jugend? Der fremde freche junge Mann; es schien ihr, als hätten seine komischen
dreisten Wünsche sie nie berührt. Sie starrte die fleischigen Krallenpaare an und fühlte sich
merkwürdig losgelöst. Es machte ihr Mühe, sich Laurela vorzustellen, da oben, über ihnen,
mit diesem netten, wirklich netten und sogar hübschen und auch höflichen jungen Mann, diesem Herrn Fetter – ach, war es überhaupt ein Vergnügen für Frauen? Sie seufzte, ihr Blick
bedachte die Krallen mit Vorwurf. Richtige Opferlämmer sind Frauen.
»Ich versteh’s nicht«, sagte sie, »deine eigene Tochter, wirklich, ich versteh’s nicht.«
Der Schirm bedruckter Seiten tuschelte.
»Nein, ich versteh’s nicht.« Ihr Ton war jetzt werbendes Gejammer. Wenn man nur darüber
reden könnte. Sich an irgendwas erinnern. Sie kam sich so leer und verlassen vor. Auf den
geräumigen Flächen ihres Gesichtes spürte sie die gepünkelte Erregung heiß. Er knüllte die
Zeitung hin, sein feistes viereckiges Gesicht erschien.
»Na was denn, was denn, Herrgott noch mal, du stellst dich an«, sagte er.
Sie roch den warmen Atem seines Biers und der gebratenen Zwiebeln, mit denen sie ihm sein
Stück Fleisch geschmückt hatte. Sie nahm den Socken, bündelte die Wolle unterm Stopfei in
der heißen Faust. Nein: das hatte mit den paar ausgeblichenen Bildern von damals überhaupt
nichts mehr zu tun.
»Na, weißt du«, sagte sie, »als wärst du nie jung gewesen.« Sie lächelte steif, schwitzend zu
ihm hin.
Er hob wieder die Zeitung vors Gesicht: Abendversteck.
Jung? Sein Hirn schweifte gemächlich zurück. Jung? Und wie. Alles zu seiner Zeit. Er rülpste
Zufriedenheit aus dem prallen Stück Bauch überm Gürtel. Kein Grund zur Klage. Richtige
Hühner, die Frauen, ewiges Gegacker. Er spähte über die Zeitung in ihr hilfloses redseliges
Gesicht: mit wem könnte sie quasseln und rumpoussieren, wenn Laurela erst mal weg wäre?
Er stand rasch auf, drehte das Radio an. Die Musik schreckte das Wohnzimmer aus seinem
bräunlichen Dösen.
Sie sah ihm zu, wie er zum Sessel zurückging, die Zeitung aufnahm, sich setzte. Sie lehnte
sich ins Polster, preßte das Stopfei gegen den Magen. Das war ihr Abend, gewiß, er und sie
1
hölzernes Ei als Hilfe zum Ausbessern von Strümpfen
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hier unten, sie mußten warten, das war von jetzt an alles. Und oben Laurela. O Laurelas Haar.
Sie lächelte. Kein Wunder, daß sie ihr nachliefen. Sie wollte nachher noch anfangen mit dem
blauen Kleid, ganz eng unterm Busen, das hob ihn so richtig in die Höhe. Das Blau paßte gut
zum Haar. So hübsches Haar. Wenn es goldene Seide gäbe, sähe sie aus wie Laurelas Haar.
Sie räusperte sich, hörte das pappende Geräusch ihrer Lippen, saß mit offenem Mund, starrte
die Zeitung an, die fetten kräftigen Krallen rechts und links.
»Sie hat hübsches Haar«, sagte sie. »Wie Seide, wie Gold.«
Er schnickte die Seiten in ihre gekniffte Form zurück.
»Na klar«, sagte er.
Sie sah die Krallenpfoten zum Bierglas tappen und es packen. Sie hörte ihn schmatzen,
schlucken. So schönes goldenes Haar. Sie bohrte die Spitze der Stopfnadel in den braunen
Wollfilz. Seine und ihre Tochter. Sie betrachtete die geätzte Haut ihres Zeigefingers. Seine
und ihre Tochter. Sie reckte sich in einem warmen Anschwellen von Mitleid und stolzer Verwunderung.
Aus: G. Wohmann. Ländliches Fest. Erzählungen. Luchterhand Verlag. Neuwied 1968
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Aufgabe IV
Johann Wolfgang von Goethe:
Natur und Kunst
Interpretieren Sie Goethes Gedicht. Gehen Sie dabei auf den literaturhistorischen Kontext
ein.
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Text zur Aufgabe IV
Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)
Natur und Kunst
Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen
Und haben sich, eh man es denkt, gefunden;
Der Widerwille1 ist auch mir verschwunden,
Und beide scheinen gleich mich anzuziehen.
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Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen!
Und wenn wir erst in abgemeßnen Stunden
Mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden,
Mag frei Natur im Herzen wieder glühen.
So ist’s mit aller Bildung auch beschaffen:
Vergebens werden ungebundne Geister
Nach der Vollendung reiner Höhe streben.
Wer Großes will, muß sich zusammenraffen;
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.
(Entstanden wohl 1800, Erstdruck 1802)
Aus: Digitale Bibliothek Sonderband. Meisterwerke deutscher Dichter und Denker. Direct Media Publishing
GmbH. Berlin 2000
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Widerwille im Sinne von Gegensätzlichkeit