Jugendkultur im Wandel

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Jugendkultur im Wandel
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10.3.07 / Lü
Jugendkultur im Wandel
(allgemeine Klärung zum Begriff)
Jugend als Lebensphase ist ein Produkt der Modernisierung des letzten Jahrhunderts!
Gesellschaftliche Situation der Jugend, Strukturwandel von - zu:
- agrarisch strukturiert -> Fähigkeiten und Kompetenzen werden durch
Elterngeneration übertragen; Einsatz als Arbeitskraft; (Anfangs 20 Jahrhundert Eltern
z.T. noch mit „Sie“ angesprochen)
- Industrialisierung + Technisierung: Fähigkeiten und Kompetenzen in Schule und
Berufsbildung erlernen; längere Freistellung vom Arbeitsprozess; Wohnen – Arbeiten
vermehrt an getrennten Orten
Jugend entwickelte sich in den 60 er und 70 er Jahren, als Folge von Bildungsexpansion,
veränderter elterlichen Erziehungsziele, zunehmende kulturelle Autonomie und schrittweise
Hinführung zur jugendspezifischen Konsum- und Unterhaltungsindustrie, zu einer relativ
eigenständigen Lebensphase (68er Bewegung)
(Hitlerjugend -> kaum andere „Angebote“ für Jugend vorhanden!!)
Lebensabschnitt Jugend:
- umfasst den Lebensabschnitt von der Pubertät bis zur Eigenständigkeit (beruflich;
finanziell; Identitätsfindung).
- Ist für Jugendliche wie für Erwachsene (Eltern, Trainer, Lehrmeister / Arbeitgeber)
nicht einfach
Zitate:
"Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos.
Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern.
Das Ende der Welt ist nahe!"
(Keilschrift in Ur/Chalda, ca. 2000 v. Chr.)
"Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes,
wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend
ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen."
(Aristoteles, 469-399 v. Chr.)
"Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet
die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und
tyrannisieren ihre Lehrer. Sie haben keinen Respekt mehr vor älteren Leuten
und diskutiert, wo sie arbeiten sollte."
(Sokrates, 384-322 v. Chr.)
Im Folgenden kurz (zeitlicher Rahmen) auf 2 Bereiche eingehen:
1. Gesellschaftliche Veränderungen und mögliche Folgen
2. persönliche Situation eines Jugendlichen, entwicklungspsychologischer Einblick
mit dem Ziel, die Jugend ein klein wenig besser zu verstehen.
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1. Gesellschaftliche Veränderungen:
-> einige wenige Schwerpunkte
Zusammenfassend könnte man es benennen wie:
-> Buch von Psychiater Dr. Ross Campbell: KINDER SIND WIE EIN SPIEGEL!
- deshalb: Gesellschaft betrachten und sehen, wie Kindern + Jugendliche heute sind!
Unsere Gesellschaft hat sich in den letzten 50 Jahren enorm verändert:
2 Beispiele:
- Familienstrukturen + Soziales Umfeld:
- Aufbruchstimmung, Aufschwung, Luxus, Verkleinerung der Familie
- Gemeinschaftszerfall, Deinstitutionalisierung, Auflösungserscheinungen
- immer öfter nicht mehr Beziehung, sondern Funktion (Gegenüber, Grenzen,
Übungsfeld – oder – Infrastruktur wie Wohnen, Essen, Geld,..)
- Beziehungserfahrungen -> bei ca. 50% Scheidungen (Hektik, Stress, Unruhe, Auswirkungen auf Konfliktregulierung / Aggressionssteuerung, Bindungsfähigkeit),
- Narzissmus, gekaufte Liebe (Liebe materiell holbar),….
- Wertehierarchie (Hauptsache mir geht es gut! [narzisstisch-infantile Befriedigung
des Individuums], bei Problemen – mein Kind, alle anderen gehen mich nichts an)
- Kultureller Hintergrund (Multikulturelle Gesellschaft) -> Rollenbilder,
Machterfahrungen und Umgang, Erfahrungen mit Krieg,…
- Mediale Gesellschaft:
- Verfügbarkeit in den letzten 50 Jahren massiv gestiegen, heute mehr als 60 % aller
Haushalte mit 2 TV ausgerüstet, zusätzlich Internet, Handy,…
- massiv steigender und umfassender Informationsfluss, stetige Präsenz der Medien
bei jeder „Kleinigkeit“, vor allem Negatives
- ergibt einen undurchschaubaren Orientierungsdschungel (einordnen der
Informationen wird zunehmend schwieriger)
- steigende Anonymität durch Nutzung von Meien (Handy, Internet, …)
- Realitätsbeinflussung (schön, reich, erfolgreich, -> Glanz + Gloria erfolgreichste
neue TV Sendung der letzten Jahre bei SF…) bis hin zu Realitätsverlust
- Wissensvorsprung der jüngeren Generation im Umgang mit neuen Medien
 Entwicklung gab es immer, wird aber immer schneller.
(weitere Themen wären Mobilität, Werteverwirrung, Kompetenzen Entwicklung (Selbst,
Sozial, Leistung [Fach + Unterricht])
2 spezifische Themenbereiche und deren konkreten Veränderungen:
- Gewalt
- Zunahme von Gewalt, aber auf tiefem Niveau! (2 – 5 % aller Straftaten; im
Mittelalter waren es 20 – 25 % aller jungen Männer, die gewalttätige Vorgänge
hatten)
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- Verschiebung in den öffentlichen Raum (Schulareal, Bahnhof, öffentliche Plätze ->
früher Wald, Dörfer), und somit auch in die Medien
- Grenzüberschreitungen und Brutalität nehmen zu
- Gewaltverherrlichung in den Medien (13 jähriger deutscher Schüler ca. 10'000
Fernsehmorde gesehen)
- Chancen für Jugendliche im Alltag (Zukunft, Schule, Beruf, gesellschaftliche
Stellung)
- In Medien (TV, Games) werden unrealistische Darstellungen von Gewalt und deren
Auswirkungen vermittelt.
- Sexualität
- Offenheit seit „Revolution“ in 60/70 Jahren -> zumindest visuell
- Sexualisierung in den Medien (Doppelbödigkeit der Gesellschaft und der Medien- >
Werbung und Hysterie im selbem Blatt!!)
- Trennung von Liebe und Sex; Bedürfnisbefriedigung im Vordergrund
- zunehmend unkontrollierbarer Zugriff (Handy, Internet)
- Fassadenhaftigkeit und Idealisierung von Bildern / Formen, zur Schau stellen,
Entwertung der Intimität
- Reizüberflutung (stärker für Männer, visuelle Reizung)
 erstaunlich, trotz massiven Veränderungen statistisch gesehen nur geringe
Veränderungen bei Gewalt- und Übergriffsdelikten!
2. Persönliche Situation des Jugendlichen
(am Bild der jungen Frau in den zu grossen Hosen => kurzer Ausflug in die
Entwicklungspsychologie)
Die Phase der Pubertät und Adoleszenz ist eine Zeit der Krisen.
Es geht nicht um ein Rezept, sondern um Grundlagen und Verständnis für eine oft tiefe
Krise bei jungen Menschen, mit und ohne alle äusseren Einflüsse.
Jede Krise hat viele Ursachen, einerseits die eigene Biographie, andererseits aber auch die
pädagogisch gesteuerte Entwicklung und Biographiebildung.
Die Entwicklungsphase ist:
- EIN KAMPF UM DAS ICH, DIE EIGENE PERSÖNLICHKEIT!!
Was versteckt sich hinter der lauten, aggressiven, fordernden, oft auch melancholischen,
depressiven Kulisse? Wie kann sich ein junger Mensch im Spiegel der sozialen Umwelt
selber einschätzen lernen?
Nach all dem erlernten und diktierten von Familie, Schule, Kollegenkreis, Gruppe und
Gesellschaft steht die Frage vermehrt im Vordergrund:
- Was bleibt da als MEIN noch übrig?
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Das werde Pflänzchen des ICH Gefühls wehrt sich und will seine eigene Persönlichkeit
finden. Alles um die Jugendlichen herum wird von ihnen als bedrohlich, fremdbestimmend,
ich - erstickend erlebt. Oft ergreift panische Angst den Jugendlichen und reflexartige
Schutzmechanismen laufen ab.
Selbstwert und Selbstvertrauen, Selbstsicherheit,.. wollen und müssen zuerst noch
errungen werden, werden nicht mit in die Wiege gelegt. Jeder Windhauch rüttelt und zerrt
an diesem Eigengewächs.
Hintergründe und Möglichkeiten an den 4 Problemfeldern:
- " Existenzzweifel, Sinnkrise, Vertrauenskrise und Identitätsfrage "
1. Existenzzweifel:
ICH - FINDUNG
- Was mache ich überhaupt in dieser Kleidung?
- Was ist wirklich, träume ich etwa das Leben und die Welt nur, ist mein Ich nur eine
Einbildung?
Fragen die verunsichern und Angst machen, Angst sich zu verlieren oder zu verlaufen.
Dem Verzweifeln wird mit Abwehrstrategie begegnet.
- Rituale die zur Zwanghaftigkeit neigen, oft mit magischem Charakter, Partyteilnahmen
- Gleichgültigkeit und Coolness
- Provokatives Verhalten um die eigene Unsicherheit zu überdecken
Aufgebrochene Fragen in der Pubertät führen und bohren sich ein bis an den Rand des
Wahnsinns, die ganzen Palette seelischer Pathologie (depressiv, euphorisch, ...) wird
durchlitten und durchlebt.
Es findet eine Art Immunisierung für das ganze Leben statt. Wie später mit Lebenskrisen
umgegangen wird, hängt stark von der Jugendzeit ab.
Die Pubertätskrise zu durchleben in einem geschützten Rahmen mit entsprechendem,
nötigem Freiraum legt positive Kräfte frei. Schafft Kräfte um in späteren Lebenskrisen
besser gewappnet zu sein.
Das eigene Bild, die eigene Existenz, sich selber zu finden - wie viele Erwachsene können
das auch nicht - beginnt in der Tiefe der Krise zu keimen.
Die Existenzweifel durchlebt und mit MEIN und ICH gefüllt führen hin zu
- Gelassenheit, - Geduld, - Gleichmut, - innerer Ruhe und Ausgeglichenheit,
2. Sinnkrise:
- Weshalb trage ich diese Hosen?
LEBENSSINN
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- Kann ich damit und so durchs Leben gehen?
Viele, wenn nicht alle Bilder gehen über Bord, alles wird angezweifelt und hinterfragt.
Was ist der Lebenssinn, weshalb bin ich auf dieser Welt. Was sind meine
Lebensaussichten?
Die Suche nach eigenen Antworten auf die Frage nach dem Sinn im Leben steht im
Vordergrund, lösst Gefühle unendlicher Aussichtslosigkeit aus und wirft viele Fragen auf.
Im "See", der eigenen Suche wachsen ganz wichtige Fähigkeiten
- die Introspektive
- in sich hinein hören
- die Selbsterkenntnis
- sich kennen lernen, das eigene Handeln und
Denken
- die Leidtoleranz und Bescheidenheit - Trauer, Traurigkeit, Endlichkeit des Lebens
- die Sinnfindung
- oder zumindest die ersten Schritte in diese Richtung
Es entwickeln sich eigene Bilder, meist stark an das "vorhandene" angelehnt.
3. Vertrauenskrise:
VERTRAUEN
- Halten diese Hosen, halten vor allem die Träger?
Die Vertrauensfrage rückt in den Mittelpunkt. Die Schutzbedürftigkeit des ICH's wird
unmittelbar erlebt und erfahren. Hochsensibel wird die Umwelt auf ihre Ehrlichkeit und
Vertrauenswürdigkeit geprüft.
Die schmerzlichen Erfahrungen mit der Macht der Lüge, der berechnenden und
eigennützigen Unwahrheit, des erfahrbaren Misstrauens führt zu einem Vertrauensverlust.
Die eigene Würde wird in ihren Grundfesten erschüttert und die Verletzbarkeit hart
aufgezeigt. Oft entwickelt sich bei Jugendlichen daraus ein "heiliger Zorn" (Aggressionen)
gegen jede Form von Ungerechtigkeit und moralischen Rigorismus, Falschheit und
Doppelbödigkeit.
Vertrauenserweckende Erfahrungen sowie positive Eigenerlebnisse führen zu einer
schlichten Menschlichkeit, einem einfühlsamen Umgang mit dem Gegenüber, zu einem
behutsamen Umgang mit den Mitmenschen - Vertrauen in mein Gegenüber.
4. Identitiätsfrage:
LEBENSENTWURF
- Wie wirke ich in meinen Hosen, komme ich an damit?
Die Zerrissenheit die man spürt und erlebt - ich will und kann gut und lieb sein, handle aber
oft böse ohne es so zu wollen; experimentiere mit der Möglichkeit der Lüge, obwohl ich das
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oft gar nicht bin und will; identifiziere mich mit dem einen und erliege doch den
Verlockungen des anderen; .....
Unauflösbare Widersprüche, Paradoxen, verstrickt in ein Spiel mit Absurdem - in dem keine
Rationalität mehr Platz findet - eine Zerrissenheit im Fragenkreis von - wer bin ich, wer
meine ich zu sein, wer will und soll ich werden, wie erleben mich andere ?
In der Tiefe dieser Krise kann im eigenen Erleben guter Beziehungen mit der Offenheit,
dass das Verstehen der Welt und des Wesens eine Entwicklungsnotwendigkeit ist, eine
neue Hoffnung entstehen.
Diese Hoffnung führt hin zu einem eigenen Lebensentwurf. Sie lässt ein Lebensideal
aufblühen, in dem Aufgaben entdeckt werden und Entwicklungsbeiträge für das eigene
Leben, die Menschen und die Welt ihren Platz finden.
Die Erwartungsstimmung und Haltung kann und wird oft enttäuscht, was viele Jugendliche
dazu führt, diese Erfahrungen und Entwicklungsschritte gewaltsam herbei zu führen
- z.B. mit Drogen, in der Suche nach Selbstgefährdung, in Gewalterlebnissen, .....
Der Spagat zwischen "Sich-Weiten-Wollen" und "Eingeschlossen sein im Korsett des
eignen Leibes, der eigenen Biographie, der Erziehung und der Gesellschaft" prägt die
Grundstimmung des Jugendalters.
Zusammenfassend:
-
die gesellschaftliche Veränderungen findet seit jeher statt, im Gleichschritt mit der
allgemeinen Entwicklung zunehmend schneller und undurchsichtiger
mit der Fokussierung auf einzelne Bereiche findet gezielte Prägung statt
im Lebensabschnitt Jugend bleibt die Vorbildsfrage zentral (Idole, Jugendkultur,
Kleidung, -> Abgrenzung und Freiraum ist nötig, Frage der Angebote!!!
Gefahr der Erwachsenen, Jugend als Gefährdung und Bedrohung zu sehen
Der Lebensabschnitt „Jugend“ ist für beide Seiten nicht einfach,
Die Persönlichkeitsentwicklung schreit nach Anteilnahme, Gelassenheit und
Vertrauen, Wertschätzung, klare Haltung und Werte aber auch „gesundem“ Freiraum