Leseprobe: Kapitel 1

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Leseprobe: Kapitel 1
Tim Wiegers
The Indie Revolution
Independentfilm
Finanzierung & Distribution
1
Kapitel 1
Independentfilm
U
nabhängigkeit definiert sich nicht allein darin, auf niemanden angewiesen zu sein. Unabhängigkeit bezieht das Recht mit ein, der Beeinflussung von außen zu widerstehen. Welchen Stellenwert hat dieser Gedanke in
der hart umkämpften Filmindustrie? Was genau macht einen Independentfilm aus und welche Phasen hat er in seiner Geschichte durchlaufen? Im Verlauf dieses Kapitels werden diese und weitere Aspekte aufgegriffen.
Begriffsdefinition
Independentfilme, auch Indie-Filme oder »Indies« genannt, definieren sich
dadurch, dass sie zu mindestens 51 Prozent5 unabhängig von den sechs
größten US-amerikanischen Filmstudios produziert worden sein müssen. So
erklärt es die »Independent Film and Television Alliance«. Independentfilme
unterscheiden sich in der Regel durch eine unkonventionelle Erzählstruktur
und ihre künstlerische Ästhetik von dem mitunter stilistisch eher konservativen Aussehen und Erzählmuster der Filme der großen Hollywood Studios.
Sehr oft werden Independentfilme mit einem deutlich geringereO Budget
produziert, als die Mainstream-Produktionen des Studiosystems.6
5
6
FAQs der Independent Film & Television Alliance (IFTA)
http://www.americanfilmmarket.com/sites/www.americanfilmmarket.com/files/
IFTA%20FAQs%20071612.pdf, letzter Zugriff am 16.03.2013, Seite 1
McDonald, Paul / Wasco, Janet: The Contemporary Hollywood Film Industry, Malden,
MA, USA, 2008, S. 31, Blackwell Publishing
Independentfilm | 15
Bei den sechs größten US-amerikanischen Studios, im weiteren auch
»Major-Studios« oder »Big Six« genannt, handelt es sich um 20th Century
Fox (News Corporation), The Walt Disney Company, Paramount Pictures
(Viacom), Sony Pictures Studios (Sony), Warner Bros. (Time Warner) und
den Universal Studios (NBC Universal).7
Die Grenzen zwischen Independent- und Mainstream-Filmen sind mit der
Zeit immer undeutlicher geworden. In den 1990er Jahren erkannten die
Major-Studios das große Potential des Indie-Genres und kauften entweder
Independent-Studios auf oder gründeten eigene Tochterunternehmen, die
weniger kommerziell anmutende Filme für den wachsenden Arthouse-Markt8
produzieren sollten. Inzwischen hat der Begriff »Independent« für viele an
Bedeutung verloren.
Nach der Definition der Independent Film and Television Alliance, zählt
z.B. der Film »Lost in Translation« als Independentfilm. Dieser Film wurde
von Sofia Coppola, der Tochter der Hollywood-Legende Francis Ford Copolla
und Ehefrau von Regisseur Spike Jonze, produziert. Weil hinter diesem Film
also quasi eine komplette Dynastie von Filmemachern mit großem Einfluss
und finanziellen Ressourcen steht, weigern sich viele, eine Produktion wie
diese, als »echten« Independentfilm anzuerkennen. Weitere Beispiele dafür
sind unter anderem die Filme »American Beauty«, »Shakespeare in Love« und
die »Herr der Ringe-Trilogie«.
»Independent Film and Television Alliance« produziert. Viele weitere Filme sind durch Nominierungen geehrt worden, wie z.B. »Milk« und
»Der Vorleser«. Somit wird deutlich, dass Independentfilme in allen
Budgetleveln produziert werden.
Der Zuschauer ist oft geneigt, zu denken, dass hinter einem erfolgreichen
Film, wie »Der mit dem Wolf tanzt« oder den »Twilight«-Filmen, große und
namhafte Studios stehen müssen. Nicht selten ist es aber so, dass die großen
Studios nur den Release oder die Distribution bei diesen Filmen übernommen haben.
Die Rechte bleiben somit weiterhin bei den unabhängigen Filmstudios.
Immer mehr der großen Filmstudios gehen den Schritt, weniger selbst zu
produzieren, sondern sich eher auf die Verwertung und das Marketing von
extern produzierten Filmen zu konzentrieren.
In der nachfolgenden Tabelle liste ich einige erfolgreiche Independentfilme
der letzten 40 Jahre auf. Die von mir zusammengestellten Zahlen habe ich
aus den derzeitig mir zur Verfügung stehenden Quellen entnommen und
kann nicht im Einzelnen für die exakte Genauigkeit garantieren. Trotzdem
geben die Zahlen einen groben Überblick über Budgets und Verwertung. Die
Angabe »P&A« bedeutet dabei »Prints & Advertising«.
Seit 1980 wurden so ca. die Hälfte der Gewinnerfilme des »Academy Awards«,
den legendären »Oscars«, im Bereich »Best Picture« von Mitgliedern der
7
8
vgl. http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=4380, letzter Zugriff am 16.03.2013
Arthouse-Markt ist ein Begriff für das soziale Milieu, das an künstlerischen, anspruchsvollen, nicht kommerziellen Autorenfilmen interessiert ist, wie z. B. dem
Independent- und Undergroundfilm.
16 | Independentfilm
Independentfilm | 17
Filmtitel
Jahr
Budget
US
Box Office
International
Box Office
Worldwide
Box Office
Studio
Distribution (Auswahl)
Midnight in Paris
2011
$30.000.000
$56.816.662
+ 11 Mio. DVD
$98.000.000
$154.816.662
Gravier Productions / Mediapro / Televisió de Catalunya (TV3) / Versátil Cinema
Sony Pictures Classic (US) / Concorde Home Entertainment (DE)
The King's Speech
2010
$15.000.000
$138.797.449
+ 32 Mio. DVD
$288.576.690
$427.374.139
UK Film Council / See-Saw Films / Bedlam Productions
Momentum Pictures (UK)/ The Weinstein
Company (US)
Ca$h
2010
$7.000.000
$5.512.027
$5.512.027
Inglourious Basterds
2009
$70.000.000
$120.831.050
+ 61 Mio. DVD
$195.311.542
$316.142.592
The Weinstein Company / A Band Apart / Studio
Babelsberg
Universal Pictures
Slumdog Millionaire
2008
$14.000.000
$141.391.928
+ 33 Mio. DVD
$234.483.061
$375.802.989
Celador Films / Film4 Productions
Pathé (UK) / Eros Entertainment / Warner Bros.
Pictures / Fox Searchlight Pictures (US)
Tödliches Kommando
- The Hurt Locker
2008
$15.000.000
$17.017.811
$32.660.965
$49.678.776
Voltage Pictures / Grosventor Park Media / Film
Capital Europe Funds / First Light Production /
Kingsgate Films / Summit Entertainment
Warner Bro. (Italy) / Summit Entertainment /
Universal Studios (US) / Optimum Releasing /
Lionsgate (UK)
Twilight - Bis(s) zum
Morgengrauen
2008
$37.000.000
$205.154.080
$397.923.934
Temple Hill Entertainment / Temple Hill Entertainment / Maverick Films / Imprint Entertainment
Summit Entertainment (US) / Concorde Film (DE)
Juno
2007
$7.500.000
$143.495.265
+ 58 Mio. DVD
$87.954.837
$231.450.102
Mandate Pictures / Mr. Mudd
Fox Searchlight Pictures
Paranormal Activity
2007
$15.000
$107.918.810
+ 17 Mio. DVD
$85.957.593
$193.876.403
Blumhouse Productions
Paramount Pictures
Little Miss Sunshine
2006
$8.000.000
$59.891.098
+ 55 Mio. DVD
$40.659.879
$100.550.977
Big Beach Films, Bona Fide Productions, Deep River
Productions, Third Gear Productions
Fox Searchlight Pictures
Once
2006
$150.000
$9.445.857
$9.551.317
$18.997.174
Bórd Scannán na hÉireann / Samson Films / Summit Entertainment / RTE
Fox Searchlight Pictures
Facing the Giants
2006
$100.000
$10.178.331
+ 20 Mio. DVD
$64.828
$10.243.159
Sherwood Pictures
Samuel Goldwyn Films
Brokeback Mountain
2005
$13.900.000
$83.043.761
+ 31 Mio. DVD
$91.054.040
$174.097.801
River Road Entertainment / Good Machine
Focus Features
Primer
2004
$7.000
$424.760
$141.086
$565.846
Shane Carruth
ThinkFilm
Supersize Me
2004
$65.000
+ 1 Mio. P&A
$11.529.368
$18.000.000
$29.529.368
Morgan Spurlock
Samuel Goldwyn Films / Roadside Attractions
Napoleon Dynamite
2004
$400.000
+ 3 Mio. P&A
$44.540.956
$1.303.031
$45.843.987
MTV Films / HH Films
Fox Searchlight Pictures (US) / Pramount Pictures
(Int.)
Saw
2004
$1.200.000
$55.185.045
$41.192.657
$96.377.702
Evolution Entertainment / Twisted Pictures
Lionsgate
Fahrenheit 9/11
2004
$6.000.000
+ 12 Mio. P&A
$119.114.517
$103.300.000
$222.414.517
Michael Moore
Lions Gate Films / IFC Films / Dog Eat Dog Films /
Miramax Films
Die Passion Christi
2004
$25.000.000
+10 Mio. P&A
$370.782.930
+ 3 Mio. DVD
$241.116.490
$611.899.420
Icon Productions
Icon Productions / Newmarket Films
Million Dollar Baby
2004
$30.000.000
$100.492.203
$114.524.572
$215.016.775
Lakeshore Entertainment / Malpaso Productions
Warner Bros. Pictures
Tarnation
2003
$218
$592.014
$570.000
$1.162.014
Indigo
Wellspring Media
18 | Independentfilm
$192.769.854
+200 Mio. DVD
Roadside Attractions
Independentfilm | 19
Filmtitel
Jahr
Budget
US
Box Office
International
Box Office
Worldwide
Box Office
Studio
Distribution (Auswahl)
Lost in Translation
2003
$4.000.000
$44.585.453
$67.965.232
$112.550.658
American Zoetrope / Tohokushinasha-Film
Focus Features
Open Water
2003
$500.000
$30.500.882
$24.616.100
$55.116.982
Lions Gate Films / Plunge Pictures / Eastgate
Pictures
Lionsgate
Kill Bill - Volume 1
2003
$55.000.000
$70.098.138
+ 40 Mio. DVD
$110.000.000
$180.098.138
A Band Apart Productions
Miramax Films
My Big Fat Greek
Wedding - Hochzeit
auf griechisch
2002
$5.000.000
+ 19 Mio. P&A
$241.438.208
$110.804.314
$352.242.522
Playtone / Gold Circle Films / MPH Entertainment
/ HBO Pictures
IFC Films
Herr der Ringe:
Die Gefährten
2002
$109.000.000
+ 40 Mio. P&A
$315.544.750
+ 14 Mio. DVD
$553.845.516
$869.390.266
WingNut Films / The Saul Zaentz Company
New Line Cinema
Der Pianist
2002
$35.000.000
+ 10 Mio. P&A
$32.519.322
$87.480.678
$120.000.000
Studio Canal+ / Canal+ / Studio Babelsberg
Forcus Features / Universal Studios
Memento
2000
$5.000.000
$25.544.867
$14.121.083
$39.665.950
Newmarket Films / Team Todd
Summit Entertainment (US) / Pathé (UK)
Blair Witch Project
1999
$600.000
+ 6,5 Mio. P&A
$140.539.099
$107.760.901
$248.300.000
Haxan Films
Artisan Entertainment
Good Will Hunting
1997
$10.000.000
$138.433.435
$87.500.000
$225.933.438
A Band Apart / Lawrence Bender Productions
Miramax Films
Das Leben ist schön
1997
$57.598.247
$171.801.753
$229.400.000
Cecchi Gori Group
Miramax Films
Boogie Nights
1997
$15.000.000
+ 16 Mio. P&A
$26.410.771
$16.700.954
$43.111.725
Ghoulardi Film Company / Lawrence Gordon
Productions
New Line Cinema (US) / Arthaus Filmverleih (DE)
/ Entertainment Film Distributors (UK)
Trainspotting
1996
$3.100.000
+ 4,1 Mio. P&A
$16.501.785
$7.499.000
$24.000.785
Channel Four Films
PolyGram Filmed Entertainment (UK) / Miramax
Films (US)
Braveheart
1995
$72.000.000
$75.545.647
$133.454.353
$209.000.000
Icon Productions / The Ladd Company
Paramount Pictures (USA) / 20th Century Fox (Int)
Die üblichen
Verdächtigen
1995
$6.000.000
$23.341.568
$11.107.788
$34.449.356
Bad Hat Harry Productions / Blue Parrot
Spelling Films International / Gramercy Pictures /
Polygram Filmed Entertainment
Sieben
1995
$30.000.000
$100.125.643
$228.000.000
$328.125.643
Cecchi Gori Pictures / New Line Cinema
New Line Cinema (USA) / Constantin Film (DE)
Pulp Fiction
1994
$8.000.000
$107.928.762
$105.000.000
$212.928.762
Miramax Films / A Band Apart / Jersey Films
Miramax Films (USA) / Scotia International (DE)
Das Schweigen der
Lämmer
1991
$20.000.000
$130.726.716
$145.000.000
$275.726.716
Orion Pictures / Strong Heart/Demme Production
Orion Pictures Corp. (USA) / Alamonde Film (DE)
/ 20th Century Fox (DE - DVD)
Der mit dem Wolf
tanzt
1990
$19.000.000
+ 7,5 Mio P&A
$184.208.842
$239.991.158
$424.200.000
Tig Productions
Orion Pictures
Terminator
1984
$6.400.000
$38.019.031
$40.000.000
$78.019.031
Hemdale Film Corporation / Pacific Western
Productions
Orion Pictures
Das Boot
1981
$12.000.000
$11.487.676
$73.482.661
$84.970.337
Bavaria Film / PSO International
Columbia Pictures
Rocky
1976
$1.000.000
$117.235.147
$107.764.853
$225.000.000
United Artists / Chartoff-Winkler Productions
United Artists (USA / DE)
20 | Independentfilm
Independentfilm | 21
Die Geschichte des Independentfilms
Die Geschichte des Independentfilms ist in ihrem Verlauf geprägt von Aufständen und Unabhängigkeitskämpfen. Sie ist gespickt mit bedeutenden
Persönlichkeiten, deren Namen heute im Allgemeinen eher nicht mit der Entwicklung des Independentfilms in Verbindung gebracht werden. Einige von
ihnen waren jedoch epochale Kämpfer in diesem Feldzug.
Man kann wirklich behaupten, dass sich die Geschichte des Independentfilms nahezu selbst als filmreifes Abenteuer erweist. Also einsteigen in die
»Wayback-Machine« und schnallen Sie sich an. Es wird turbulent.
Zu Beginn des letzten Jahrhunderts lag das Hauptzentrum der Filmwirtschaft im Osten Nordamerikas und konzentrierte sich vorwiegend auf die
Bundesstaaten New York und New Jersey. Im Jahre 1908 gründeten elf der
derzeit führenden Unternehmen der Filmindustrie die »Motion Picture Patent
Company« (MPPC). Dieser Zusammenschluss war auch als Edison-Trust bekannt9, da Thomas Alva Edison, amerikanischer Erfinder und erfolgreicher
Unternehmer aus New Jersey, einer der tragenden Mitbegründer war. Schon
20 Jahre vorher meldete er ein Patent für die Idee an, ein Gerät zu entwickeln,
das »dieselben Dienste für das Auge leisten solle, wie der Phonograph für
das Ohr«.10 Zusammen mit einem seiner Ingenieure baute er schließlich das
»Kinetoskop«. Das war ein Holzkasten, indem eine Endlosschleife eines Filmes lief, den sich ein Zuschauer durch ein Okular ansehen konnte. Ange9
Edisons Kinetoskop, 1895
(Foto: Creative Commons - Library of Congress)
22 | Independentfilm
Edison, Biograph, American Vitagraph Company, Essanay Studios, Selig Polyscope
Company, Lubin, Kalem Company, Star Film Company, American Pathé Pictures,
Kleine Company und Eastman Kodak
vgl. http://www.filmsite.org/pre20sintro3.html, letzter Zugriff am 16.03.2013
10
Library of Congress:
vgl. http://www.loc.gov/collection/edison-company-motion-pictures-and-sound-recordings/articles-and-essays/history-of-edison-motion-pictures/, letzter Zugriff am
05.03.2014
Independentfilm | 23
trieben wurde die Film-Spur mit einer Handkurbel und später mit einem
Elektromotor. Dieser neuartige »Filmbetrachter« sorgte auf der Weltausstellung von 1893 in Chicago für großes Aufsehen. Edison ließ diese Boxen in öffentlichen Spielhäusern, den sogenannten »Penny Arcades« aufstellen. Durch
den Münzeinwurf, also mit der Investition eines Pennys, starte der Film und
entführte den Betrachter in eine bis dahin neue Welt des Entertainments.
Mit seinem Freund und Geschäftspartner Ludwig Stollwerck, dem bekannten deutschen Schokoladenproduzenten, gründete Edison die »Deutsch
Oesterreichische Edison Kinetoskope Compagnie«. Dieses Unternehmen
brachte kurze Zeit später den ersten Kurzfilm der Welt heraus.
Alles in allem wird die Rolle Edisons als Filmproduzent und Distributor
oft übersehen. Dabei produzierte Edison legendäre Filme, wie »Der große
Eisenbahnraub«11, den ersten Western, der je gedreht wurde und die erste
Verfilmung von »Frankenstein«12, die große Diskussionen auslöste. Vielen
Zuschauern war der Film zu schaurig und so fand die womöglich erste Zensur
der Filmgeschichte statt.
Die grundlegende Absicht hinter der MPPC, also dem Edison-Trust, lässt
sich in einigen Punkten ansatzweise mit der Bestimmung der heutigen
»Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte« (GEMA) vergleichen. Die MPPC hatte nämlich das Ziel, die
Nutzungsrechte von Patenten ihrer Mitglieder zu schützen. 4JF wollten ihre
Energien bündeln und eine ausgeprägte Machtstellung, unter anderem im
Kampf gegen die aufkeimende Independent Filmindustrie und Filmpiraterie,
demonstrieren.
11
»The Great Train Robbery«, 1903
»Frankenstein«, 1910 - der Film galt lange Zeit als verschollen, bis er in den 70er Jahren in der Privatkollektion eines Filmsammlers auftauchte. Inzwischen ist er Public
Domain.
12
24 | Independentfilm
Die Initiatoren dieses Zusammenschlusses hielten damals einen Großteil der
Patente an Filmequipment und Filmmaterial, aber sie konnten nicht genug
Material herstellen, um der steigenden Nachfrage der Independent Filmemacher, -verleiher und -vorführer gerecht zu werden. So beschafften, bauten und
nutzten viele Independent Filmemacher, -verleiher und -vorführer einfach
eigenes Equipment. Um dieser Bewegung entgegenzuwirken und weiterhin
die Vormachtstellung zu halten, verhängte die MPPC strikte Auflagen zur
Nutzung von Filmequipment. Zum Einen verlangte sie von jedem Kinobetreiber wöchentlich eine Lizenzgebühr in Höhe von 2 US$ als Pauschale für
die generelle Erlaubnis, Filme des Distributionsarms der MPPC, der General
Film Company, kaufen, bzw. mieten und vorführen zu dürfen. Die Miete
für den eigentlichen Film errechnete die MPPC nach der jeweiligen Länge
des Filmes. Filmproduzenten wurden mit Gebühren und Auflagen belegt und
benötigten die Genehmigung der MPPC, um überhaupt einen Film mit dem
»geliehenen Equipment« produzieren zu dürfen.
Es wurde eine Zensur eingeführt; %ie MPPC behielt sich sogar das Recht
inne, über den Inhalt der Filme mitzubestimmen. Es gab keinerlei Veröffentlichung der Namen von Schauspielern und Produzenten. Zudem limitierte die
MPPC die Länge der Filme auf maximal 20 Minuten und begründete diesen
Schritt mit der Annahme, dass die amerikanische Gesellschaft nur eine kurze
Aufmerksamkeitsspanne für Feature-Filme habe.13
Dann blockierte sie auch noch den Filmimport aus dem Ausland und
demonstrierte auch dadurch ihre Machtstellung. So ging die MPPC als
13
Klein, Christopher: The Renegade Roots of Hollywood Studios, History Channel vom
30.04.2012
http://www.history.com/news/the-renegade-roots-of-hollywood-studios, letzter
Zugriff am16.03.2013
Independentfilm | 25
mächtiges Oligopol in die Filmgeschichte ein.14
Die MPPC oder der Edison-Trust, war in der Tat »darauf ausgelegt, nicht
nur Independent Film-Produzenten zu eliminieren, sondern auch die 10.000
Independent Filmverleiher und -vorführer des Landes.«15
Dem stellten sich jedoch viele der damaligen »Independents« entgegen,
rebellierten und starteten die Gegenoffensive. Sie nutzten eigenmächtig
beschafftes Film- und Vorführequipment und setzten sich einfach über die
von der MPPC verlangten Auflagen und Gebühren hinweg.
Die allgemeine Begeisterung für den Film war da, und so gab es passionierte
und unkonventionelle Filmvorführer, die sich Projektoren beschafften und
damit Filme z.B. öffentlich Hauswände projizierten. Man nannte die Vorläufer der späteren Kinos »Nickelodeons«. Es war eine Wortschöpfung aus
dem Eintrittspreis - einer 5-Cent Münze16, auch »Nickel« genannt - und dem
griechischen Ausdruck für ein überdachtes Theater; »Odeion«.
Die Anfänge dieser Nickelodeons gehen jedoch in gewisser Weise schon
zurück bis in das Jahr 1896. In den Penny Arcades17 bot man zu dieser Zeit
schon neben Spielautomaten zur Unterhaltung hin und wieder kurze Stummfilme verschiedener Genres an, die dann auf dem Klavier oder Akkordeon
musikalisch untermalt wurden.
Götz von Olenhausen, Irmtraud: Vorlesungsmanuskript der Heinrich-Heine-Universität - Filmgeschichte 1895-1945, SS 2005, Seite 1
www.phil-fak.uni-duesseldorf.de%2Ffileadmin%2FRedaktion%2FInstitute%2FHistorisches_Seminar%2FAbteilungVII%2Fvl-filmhist%2FVLFilmgeschichteHollywood.
doc, letzter Zugriff am 16.03.2013
15
Hirschhorn, Seite 9
16
Encyclopedia Britannica: Nickelodeon
http://www.britannica.com/EBchecked/topic/414336/nickelodeon, letzter Zugriff am
16.03.2013
17
The Nickelodeon‘s History, http://www.essortment.com/nickelodeons-history-21268.
html, letzter Zugriff am 16.03.2013
14
26 | Independentfilm
Unterbrechungen während der Vorführung, z.B. bedingt durch das Wechseln
der Filmrollen, wurden durch musikalische, tänzerische oder schauspielerische
Einlagen überbrückt.18 Im Mittelpunkt stand immer das Publikum, das zum
Mittanzen und Mitsingen aufgefordert wurde. In der Regel übernahm ein
Familienmitglied eines Nickelodeon#FTJU[FST die Aufgabe eines Entertainers. Jack L. Warner, der spätere Vorsitzende von Warner Brothers, war z.B.
für die musikalische Anleitung im Nickelodeon seiner Familie zuständig19.
Unter dem späteren Einfluss der MPPC stiegen die Verleihgebühr und damit
auch die Eintrittspreise.
Um wirtschaftlich bleiben zu können, mussten Nickelodeons aufwendiger und attraktiver werden; was das Ende der Nickelodeons und den Beginn
der Filmtheater und späteren Kinos einleitete. Diese Kinos wurden mit über
1.000 Sitzplätzen bestückt20. Die Besitzer dieser großen Kinosäle warben mit
Neuheiten, wie z.B. Klimaanlagen, um die Gunst des Publikums. Es wird
geschätzt, dass gegen 1910 ca. 26 Millionen Amerikaner wöchentlich ein
Nickelodeon besucht haben.21
Im Jahre 1909 begann dann seitens der MPPC eine regelrechte Hetzjagd gegen unlizenzierte Independents, die man als »Gesetzlose« bezeichnete und
eine rasch aufkeimende Form von »Filmpiraterie«. Edison hatte EB[V Detektive engagiert, die an Filmsets das nichtlizensierte Filmequipment aufspüren
sollten. Diese Kampagne richtete sich auch gegen Filmvorführer, die nichtlizensiertes Equipment verwendeten. So initiierte man ein rigoroses Vorgehen gegen die gesamte »illegale« Filmindustrie der damaligen Independents.
18
Grieveson, Lee: The Silent Cinema Reader, New York, 2004, S. 82, Routledge
http://particle.physics.ucdavis.edu/bios/Warner.html, University of California,
13.03.2013
20
Grieveson, Lee: The Silent Cinema Reader, New York, 2004, S. 80 f., Routledge
21
Bowser, Eileen: The Transformation of Cinema, 1907-1915, Berkeley, 1991, S. 4 ff.,
University of California Press
19
Independentfilm | 27
Eigens dafür angeheuerte Schlägertrupps demolierten nichtlizensiertes
Produktions- und Vorführequipment und zwangen Zuschauer unsanft, die
Kinosäle zu verlassen.22
Viele der betroffenen Independents schlossen sich nun um Carl Laemmle,
einem Nickelodeon-Besitzer, Filmvorführer und Filmverleiher, zusammen. Er
galt als Abtrünniger seiner Branche und gründete die Independent Moving
Pictures Company (IMP), aus der später die Universal Studios hervorgingen.
Wichtige Personen um Carl Laemmle im Kampf gegen die MPPC waren z.B.
William Fox, späterer Gründer der Fox Film Corporation und Adolph Zukor,
späterer Gründer von Famous Players, dem Vorläufer von Paramount.
Filme, die Laemmle damals an Nickelodeons verlieh, kosteten die Filmvorführer nur einen Bruchteil von dem, was der Edison Trust ihnen
abverlangte. In einer Werbung, die er in einem Magazin für Theaterbesitzer
platzierte, schrieb er voll Ironie den Slogan: »Hast du diese Woche schon zwei
Dollar für die Lizenz gezahlt, um deine eigene Pfeife zu rauchen?«23
Carl Laemmle war ein Visionär des Filmgeschäfts und schuf schon damals
den Star-Kult, in einer Form, die noch heute existiert. Damals war Schauspielerei vor einer Filmkamera nicht als Kunst angesehen und große Bühnendarsteller wollten mit diesem Medium nicht in Verbindung gebracht werden.
Allerdings waren die Zuschauer sehr daran interessiert, die Namen der Personen zu erfahren, die sie auf der Leinwand bewunderten. Laemmle erkannte
dieses Verlangen und revolutionierte das Showbusiness, indem er das erste
»Filmsternchen« aufsteigen ließ. Die Kanadierin Florence Lawrence war eine
22
Chapman, Jane: Comparative Media History: An Introduction: 1789 to the Present,
2005, S. 132, Polity
23
vgl. http://www.history.com/news/the-renegade-roots-of-hollywood-studios
»Have you paid your $2.00 for a license to smoke your own pipe this week?«
28 | Independentfilm
Stummfilm-Darstellerin der Biograph-Company. Das Publikum liebte die
20-jährige Brünette und gab ihr den Kosenamen »Biograph-Girl«. Laemmle warb sie geschickt von Biograph ab, indem er ihr das Versprechen gab,
ihren Namen bekannt zu machen. Er war sich schon damals über den Wert
von guter Publicity im Klaren und darüber, wie effektiv Gerüchte um Stars
genutzt werden können, um die Begeisterung der Zuschauer zu wecken und
zu halten. Laemmle legte EBNJUpraktisch den Grundstein für den
heutigen Star-Kult. #FJTQJFMTXFJTF veröffentlichte er in Zeitungen und Magazinen das für damalige Zeiten ungeheuer hohe Gehalt, das er seinem Starlet
zahlte. Sein nächster Coup war an Dreistigkeit kaum zu übertreffen. Er erfand
das Gerücht, Florence Lawrence sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ganz Amerika verfolgte mit Entsetzen jede Meldung dazu in der Presse.
Nur einen Tag später tauchte die junge Miss Lawrence dann unversehrt wieder auf und die Welt war in Ordnung. Laemmle schob dieses Gerücht geschickt seinen Konkurrenten in die Schuhe. Ganz nebenbei teilte er der Presse
noch mit, dass Florence in seinem nächsten Film, »The Broken Oat«, mitspielen würde. Geschickt eingefädelt. Florence Lawrence soll bei einem Auftritt
in Saint Louis im Jahr 1910 sogar eine größere Menschenmenge angezogen
haben, als der Besuch des damaligen US-Präsidenten William Howard Taft,
der eine Woche zuvor dort war.
Durch den Druck, den die MPPC auf die Filmindustrie ausgeübt hatte,
suchte man 1910/ 11 in einer Art Flucht eine möglichst große räumliche
Entfernung zum Edison-Trust. So verlagerte sich das Filmgeschäft der Indies
von der Ostküste - von New York und New Jersey - zur Westküste; an einen
kleinen Ort namens Hollywood.
Carl Laemmle schloss sich in Los Angeles mit weiteren Independent Studios zusammen und gründete 1912 die Universal Studios. „Das erste Major-
Independentfilm | 29
Studio war im Geschäft.“24
Trotz Laemmles ungeheuren Ideenreichtums in Bezug auf ausgefallene Marketingstrategien, ging seine Rechnung nicht ganz auf. Durch das von ihm hervorgerufene Starsystem, stiegen die Forderungen der Schauspieler rapide an.
So verlor Laemmle langsam seinen Spaß an der Filmproduktion und wollte
schon mehrfach aufgeben. Er strickte die Universal Studios in dieser Zeit zu
einem Studio um, das fast ausschließlich Horrorfilme produzierte. Eine Mumie oder ein zum Monster verkleideter Schauspieler war einfacher zu ersetzen,
sollten die Ansprüche zu hoch werden.
1915 hatten die Independent-Filmemacher um Carl Laemmle den eigentlichen Durchbruch im Kampf gegen die MPPC. Der Edison-Trust hatte sich
soweit vor gewagt, dass er vor dem Supreme Court als Monopol für illegal
erklärt und aufgehoben wurde.25
Die Independents gewannen den Kampf in einer legendären Weise, wie
David gegen Goliath. Diejenigen, die einmal seitens der MPPC als geächtet
galten, stehen teils bis heute noch an der Spitze der Filmindustrie. Doch damit blieb der Weg der Independents noch nicht wirklich unabhängig.
Die in Hollywood geformten Studios der einstigen Independents wuchsen
rasant und begannen nun selbst, großen Druck auf die nachwachsenden Independent Filmemacher sowie Schauspieler und Regisseure auszuüben. Früher
wurden Schauspieler nicht von Agenten vertreten, die sich um passende Arrangements kümmerten. Stattdessen wurden sie quasi wie das »Eigentum« der
Unterzeichnung des Gründungsvertrags von United Artists, 1919
D.W. Griffith, Mary Pickford, Charlie Chaplin (sitzend)
und Douglas Fairbanks mit Anwalt und Notar
(Foto: Creative Commons - Library of Congress)
jeweiligen Filmgesellschaft angesehen, für die sie spielten. Eine Rolle in einem
Film einer anderen Filmgesellschaft anzunehmen, wurde ihnen untersagt.26
Aufgrund dieser erneuten »Unterdrückung« seitens der jetzigen großen
Studios, wie Paramount und Universal, wurde 1919 von Charles Chaplin,
D. W. Griffith und weiteren Schauspielern die unabhängige Produktionsgesellschaft »United Artists« gegründet. Zu dieser Zeit waren »Mary Pickford,
Douglas Fairbanks, Charlie Chaplin und D. W. Griffith Filmgrößen, wie Julia
24
Hirschhorn 1983, Seite 11
Gil, Alexandra: Breaking the Studios: Antitrust and the Motion Picture Industry, New
York, 2008, S. 94 f., NYU Journal of Law & Liberty
25
30 | Independentfilm
26
vgl. http://www.hsse.nie.edu.sg/staff/blackburn/studiosystem.htm, National Institute of
Education, Singapore, letzter Zugriff am 16.03.2013
Independentfilm | 31
Roberts, Will Smith, Brad Pitt und Tom Hanks von heute.«27
Als der Leiter von Metro Pictures, Richard A. Rowland, von der Gründung
von United Artists hörte, soll er die Aussage gemacht haben: »Die Insassen
übernehmen die Irrenanstalt«.28
Auch von Seiten der Kinobesitzer erwuchs jetzt erneuter Widerstand. Die
großen Filmstudios hatten ein Verfahren eingeführt, das Independent-Kinobetreiber und -filmvorführer dazu verpflichtete, im sogenannten »Block Booking« Filmpakete zu kaufen. Diese Pakete beinhalteten gewöhnlich alle zwei
Wochen einen Blockbuster und dazu weitere Filme, die als weniger erfolgsversprechend galten. Die Filme konnten vor dem Kauf vom Kinobesitzer nicht
eingesehen werden. Er hatte keinerlei Einfluss auf die Filmauswahl in diesen
Paketen.29
In den 20er Jahren profitierten Paramount und besonders Warner Brothers
vom Block Booking. Dieses Verfahren spitzte sich zu, als Adolph Zukor, der
Leiter von Paramount Pictures, Theaterbesitzer dazu zwang, jährlich einen
Block von 104 Filmen zu kaufen und davon jeweils zwei Filme pro Woche zu
zeigen.30 Daraus entwickelten sich in den Kinos die damals üblichen »Double
Features«.
Als Motto galt: Schau zwei Filme zum Preis von einem. Der Kinobesucher
konnte mit dem Kauf einer einzigen Eintrittskarte ein Double Feature, zusammengestellt aus entweder einem A-Film und einem Low-Budget B-Film oder
27
vgl. http://artsedge.kennedy-center.org/arts-days/february/05.aspx, letzter Zugriff am
13.03.2013
28
Robinson, David: Carlie Chaplin: Comic Genius, 1996, S. 57 f., Harry Abrams
29
Koszarski, Richard: An Evening‘s Entertainment: The Age of the Silent Feature Picture,
1915-1928 (History of the American Cinema), 1994, S. 71 f.
30
Torre 2009, S. 503
32 | Independentfilm
Nickelodeon in Toronto, in den frühen 20er Jahren
(Foto: Creative Commons - Library of Congress)
aus zwei B-Filmen, anschauen.31 Mitunter wurde beim Programmwechsel im
Kino auch der auslaufende und der neu anlaufende A-Film als Double Feature
angeboten. Der Vorteil, der sich daraus für die großen Filmstudios errechnete,
war offensichtlich. Sie konnten davon ausgehen, dass selbst die schlechteste
Filmproduktion einen Abnehmer fand. Das finanzielle Risiko der Filmstudios
im Bereich der Filmproduktionen minimierte sich bis zum Nullpunkt und
die einstigen Independents und Revolutionäre gegen die Monopolstellung der
MPPC, hatten sich nun mit dem Block Booking ihren Erfolg selbst auf einem
Monopol aufgebaut. 1948 wurde Block Booking vom US Supreme Court für
31
Schatz 1998, S. 39
Independentfilm | 33
illegal erklärt und rechtlich untersagt.32
Alle Major Studios nutzten seinerzeit das Block Booking als lukrative Vermarktungsstrategie, bis auf einen Außenseiter, die »United Artists« - eben
diese unabhängige Produktionsgesellschaft, auf die Schauspieler wie Charles
Chaplin und D. W. Griffith Einfluss nahmen.
Nach dem Verbot von Block Booking sahen sich die großen Filmstudios veranlasst, die Produktionskosten zu senken, um im nun aufkeimenden Wettbewerb konkurrenzfähig zu sein. Hierzu entließen sie einige ihrer Schauspieler,
Produzenten und Regisseure. Diese wiederum suchten sich Jobs im damals
immer populärer werdenden Fernsehen. Ein taktisch kluger Zug, denn die
Fernsehzuschauer kannten viele Schauspieler bereits von der Kinoleinwand.
Gerne folgten sie ihren »Stars« und wechselten immer häufiger zum Medium
Fernsehen.
1951 verzeichneten fast alle Städte, die über eine Fernsehstation verfügten,
einen Anstieg an Insolvenzen bei Kinobetreibern. Das Popularitätswachstum
des Fernsehens in den 1950ern kann nach Aussage des Medienhistorikers
Erik Barnouw der Entscheidung des Supreme Courts gegen das Block Booking zugeschrieben werden.33
So, wie die ersten Independents, die vor dem Edison-Trust flohen und das
»Alte Hollywood« formten, flohen nun die jungen Filmschulabsolventen vor
dem großen Studiosystem, um möglichst unabhängig ihren eigenen Stil zu
verwirklichen. Doch auch sie ersetzten später mitunter die Tyrannen, die sie
in deren Stellung einst so sehr verachtet hatten.
32
Barnouw, Erik: Tube of plenty: the evolution of American Television, New York, 1990,
S. 303 ff., Oxford University Press
33
Barnouw, Erik: Tube of plenty: the evolution of American Television, New York, 1990,
S. 303 ff., Oxford University Press
34 | Independentfilm
Im Jahr 1969 erschien dann eine andere interessante Indepentent-Produktionsgesellschaft auf der Bildfläche. Zwei derzeit unbekannte Regisseure,
Francis Ford Coppola und George Lucas, strebten nach der größtmöglichen
Unabhängigkeit im Filmbusiness und gründeten »American Zoetrope«.34
Coppola schrieb Independent-Filmgeschichte mit Filmen wie beispielsweise
»Der Pate« und »Apocalypse Now«. George Lucas ging unter anderem mit der
»Indiana Jones Trilogie« und »Star Wars« in die Geschichte ein. Seine spätere
Firmengruppe, »Lucas-Film«, wurde im Oktober 2012 für über vier Milliarden US-Dollar an die Walt Disney Company verkauft.35
Zwei der wichtigsten Meilensteine für den Erfolg von Independentfilmen in
der neuzeitlichen Geschichte wurden zwanzig Jahre nach Coppola und Lucas
gelegt; mit der Produktion »Sex, Lügen und Video« von Regisseur Steven
Soderbergh und der Gründung des Independent-Filmstudios »Miramax« von
Bob und Harvey Weinstein. Durch sie erhielt das Bild der »Unabhängigen«
im Jahre 1989 eine erneute Prägung.
1992 brachte Miramax mit Quentin Tarantino als Regisseur den Film
»Reservoir Dogs« heraus und machte damit den Independent Film uneingeschränkt wieder bei der breiten Masse populär. Das war der Anstoß für viele
Major Studios, sich ebenfalls im Genre »Independentfilm« einen Marktanteil
zu sichern. So gründete »Sony Pictures« 1992 ihren Ableger »Sony Pictures
Classics« als erstes Pseudo-Indipendent-Filmstudio. Es war ein Studio, das
sich darauf spezialisierte, den Stil des Indie-Genres zu emulieren aber trotz34
Patterson, John: American Zoetrope: In a galaxy not from Hollywood ..., 17.11.2011,
http://www.guardian.co.uk/film/2011/nov/17/zoetrope-coppola-lucas-star-wars,
letzter Zugriff am 16.03.2013
35
wal/dpa/Reuters, Spiegel Online: Star Wars: Disney kauft Lucasfilm von George Lucas
für 4 Milliarden, 30.10.2012, http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/starwars-disney-kauft-lucasfilm-von-george-lucas-fuer-4-milliarden-a-864378.html,
letzter Zugriff am 16.03.2013
Independentfilm | 35
dem den Rückhalt des großen Mutterkonzerns hatte.
Mit ähnlichem Blickwinkel kaufte auch die Walt Disney Company 1994
Miramax auf. Schon kurze Zeit später, noch in 1994, brachte Miramax »Pulp
Fiction« von Quentin Tarantino heraus, – ein großer Erfolg, der als Pseudo-Indie unter der Walt Disney Company lief.
Die heutigen »Inhouse-Studios« oder »Pseudo-Indie-Studios« tragen dazu bei,
dass gegenwärtig die Grenze zwischen Independent- und Mainstream-Filmen
immer mehr verwischt.
So wurde z.B. auch das Independent Filmstudio »United Artists« von
»Metro-Goldwyn-Mayer« (MGM) aufgekauft und MGM gehört wiederum zu »Sony«.36 Die bekannten Indie Studios »New Line Cinema« und
»Castle Rock Entertainment« gehören heute zum Major Studio »Warner Bros.
Entertainment« und »Sony Pictures Entertainment« unterhält heute zu »Sony
Pictures Classics« auch »Columbia Pictures« und »TriStar Pictures«. Die »Walt
Disney Company« hat nicht nur »Lucas Film« gekauft, sondern unterhält
mittlerweile auch »Touchstone Pictures«, die »Marvel Studios« und »PIXAR«.
Zu »Universal Pictures« zählen derzeit z.B. auch »Working Title Films«,
»Illumination Entertainment« und »Focus Features«. Auch »20th Century
Fox« ist dem Beispiel der Konkurrenten gefolgt und hat »Fox Searchlight
Pictures«, die »Blue Sky Studios« und »Paramount Pictures« sowie »Paramount
Vantage«, »MTV Films« und »Nickelodeon« unter ihre Leitung gebracht.
In gewisser Weise erinnern die Anfänge und große Phasen der Independent
Filmgeschichte in ihrer Strategie tatsächlich an einen Unabhängigkeitskrieg.
Zunächst erbitterter Kampf, dann »politische Hochzeiten«, um relativen
Frieden zu bringen und letztendlich das »Vermischen der Völker«.
Aus diesem Kampf für die Unabhängigkeit sind die »Big Six« hervorgegangen.
Filme, die zwar mit den Geldern der »Big Six« und dem kostenintensiven Einsatz von Hollywood-Stars produziert werden, aber das Erscheinungsbild eines
Independent Films haben, prägen heute das Genre »Indiewood«.
Zwei Mitarbeiter von Metro-Goldwyn-Mayer bei den Aufnahmen des
MGM-Markenzeichens, Leo dem Löwen, 1928
(Foto: Creative Commons - Library of Congress)
Auch die deutsche Geschichte des Independentfilms ist grundsätzlich von
Hollywood geprägt.
In den 20er Jahren blühte das Filmgeschäft in Deutschland regelrecht auf.
36
vgl. Spiegel Online vom 22.04.2004, http://www.spiegel.de/wirtschaft/milliardendeal-sony-greift-nach-filmstudio-mgm-a-296444.html, letzter Zugriff am 16.03.2013
36 | Independentfilm
Independentfilm | 37
1919 gab es hierzulande etwa 3.000 Kinos und Lichtspielhäuser, die von
350 Millionen Besuchern profitieren konnten. Der deutsche Film genoss
Weltruhm. Auch deutsche Schauspielikonen, wie Henny Porten und Asta
Nielsen, trugen ihren Teil dazu bei. 1917 wurde die »Universum Film AG«
in Potsdam gegründet. Die »UFA» sollte als erster deutscher Global Player an
die Erfolge der großen amerikanischen Studios anknüpfen. Gegründet wurde
sie von einem Zusammenschluss aus der Leitung der Deutschen Bank mit
verdeckter finanzieller Unterstützung des Deutschen Reiches.
Dieser Boom endete jedoch jäh durch die Auswirkungen des 2. Weltkriegs.
Die vielen, politisch geprägten Propagandafilme, die während dieser Zeit entstanden, waren ganz offensichtlich nicht als »unabhängig« zu bezeichnen. Die
deutsche Filmwirtschaft lag schließlich 1937 komplett unter staatlicher Kontrolle.
1942 wurde die Universum Film AG verstaatlicht und durch die Nationalsozialisten mit allen Konkurrenten, wie z.B. »Tobis« und »Bavaria Film«, zusammengelegt. So entstand ein staatliches Filmmonopol: »Ufa-Film«.
Nach Ende des Krieges beschlagnahmten die alliierten Besatzungsmächte die
Ressourcen von Ufa-Film. Dies hatte drei Hauptgründe:
Die Dekartellisierung der deutschen Wirtschaft:
In diesem Zuge vergaben die Alliierten Produktionslizenzen an mittelständige und kleine Produktionsfirmen, die ihrer Kontrolle unterlagen. Um eine
vertikale Konzentration zu unterbinden, also einen Zusammenschluss von
Unternehmen mit vor-, bzw. nachgelagerten Produktionsstufen, wie sie z.B.
im amerikanischen Studio-System entstanden war, wurden Produktion, Verleih und Filmtheater per Gesetz voneinander getrennt.
Die Förderung der amerikanischen Filmwirtschaft:
Durch den Vormarsch des Fernsehens geriet die amerikanische Filmbranche in ein finanzielles Loch. Diese Verluste sollten unter anderem durch
Einnahmen aus dem Exportgeschäft aufgefangen werden. Die amerikanischen Studios spekulierten auf den Einbruch des deutschen EntertainmentSektors, aufgrund der Auswirkungen des 2. Weltkriegs. Interessanterweise
ging diese Rechnung zunächst nicht auf. Die deutsche Bevölkerung nahm
amerikanisches Filmgut nur zögerlich an. Obwohl doppelt so viele amerikanische Filme im Verleih waren, als deutsche, lag ihr Marktanteil nur bei
30%. Im Gegensatz dazu hatten die deutschen Produktionen, die hauptsächlich aus auf Grund Materialmangels eher minimalistisch produzierten
»Trümmerfilmen« und Heimatfilmen bestanden, einen Marktanteil von 40%.
Diese Verteilung änderte sich jedoch in den Folgejahren.37
Die Umerziehung und Neuorientierung der Bevölkerung im Westen des geteilten
Deutschlands:
Eine zentrale Aufgabe in der Agenda der amerikanischen Besatzungsmacht
war es, eine absolute Unabhängigkeit von Medien und Staat zu schaffen, um
eine freie Meinungsbildung zu fördern. »Es ist die grundlegende Politik der
US-Militärregierung, daß der entscheidende Einfluß auf die Mittel der öffentlichen Meinungsbildung, wie Presse und Rundfunk, verteilt sein soll und von
jeder Regierungseinwirkung freigehalten werden muß.«38 Die Alliierten, unter
Leitung der amerikanischen Besatzungsmacht, sahen die Massenmedien als
Instrument, ihren Drei-Stufen-Plan zur Umerziehung und Neuorientierung
der Deutschen umzusetzen. Dabei ging es um das Verbot deutscher Medien,
Verbreitung alliierter Medien und letztendlich den Übergang von alliierten
Medien zu deutschen Medien unter alliierter Kontrolle. Dazu beriefen sie sich
37
Schneider: Film, Fernsehen & Co., S. 35, 42, 44
Zitat: Militärgouverneur General Lucius D. Clay
38
38 | Independentfilm
Independentfilm | 39
auf das Gesetz Nr. 191, indem zunächst alle deutschen Filmproduktionen untersagt wurden. Filme durften ausschließlich mit einer Lizenz gedreht werden,
die der amerikanischen Aufsicht unterlag.
Das Gesetz untersagte das »... Vertreiben, Verkaufen und gewerbliche
Verleihen von [...], Lichtspielen jeder Art; [...]; auch die Tätigkeit in oder den
Betrieb von Theatern, Lichtspieltheatern, Opernhäusern, Filmateliers, Filmlaboratorien, Filmverleihanstalten, Jahrmärkten, Zirkusunternehmungen und
Karnevalsveranstaltungen jeder Art.«39
Die durch die Zersplitterung der Filmwirtschaft im Nachkriegs-Deutschland
entstandenen kleinen Studios waren meist nicht überlebensfähig. So setzten sich letztendlich doch wieder die großen Filmstudios, wie die UFA und
Bavaria Film durch. Hieraus entstand eine wichtige deutsche Independentfilm-Bewegung.
dem Film »Die Blechtrommel« von Volker Schlöndorff, verlor diese Bewegung jedoch wieder an Energie und kam Anfang der 80er Jahre komplett zum
Erliegen. Heute, im wiedervereinten Deutschland, arbeiten nur noch wenige
Filmemacher wirklich independent.
Dank der digitalen Revolution und dem Zeitalter des Internets, vollzieht
sich gerade ein Wandel. Da es für Filmemacher immer einfacher wird, ihr
Projekt in eigener Sache und unabhängig zu realisieren, befindet sich der
Independentfilm wieder in einem Aufschwung. Das Equipment ist erschwinglicher geworden und nahezu für jeden zugänglich. Die neuen Medien bieten
einen überaus einflussreichen Kanal zwischen dem Produzenten und dem
Zuschauer an. Im Endeffekt war es im Verlauf der Geschichte des
Independentfilms noch nie so einfach, eine direkte Verbindung zum
Zuschauer schaffen.
Beim den 8. Westdeutschen Kurzfilmtagen von 1962 unterschrieben
26 deutsche Filmemacher das »Oberhausener Manifest« unter dem rotzfrechen
Motto »Papas Kino ist tot!«. Ein Manifest, das eine gesellschaftspolitische
Trendwende in der deutschen Filmkultur besiegeln wollte, um endlich einen
neuen deutschen Spielfilm zu ermöglichen. Angestachelt durch dieses Manifest entstand die Bewegung »Neuer Deutscher Film«.
Filmemacher wie Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders, Volker
Schlöndorff und Alexander Kluge, wollten sich gegen das konventionelle
deutsche Kino mit seinem klischeebehafteten, künstlerisch verstaubten Image
auflehnen und suchten die ultimative Unabhängigkeit von kommerziell ausgerichteten großen Studios. Nach einigen bedeutenden Erfolgen, wie mit
39
Gesetz Nr. 191 - »Handbook for the Control of German Information Services« der
»Psychological Warware Division« der anglo-amerikanischen Besatzer
40 | Independentfilm
Independentfilm | 41
Die Auswirkungen der Digitalen Revolution
Die Digitale Revolution kennzeichnet den Beginn des Informationszeitalters
und wird bereits als dritte Industrielle Revolution bezeichnet.40
Entscheidende Faktoren auf dem Weg zur Digitalen Revolution sind die
Erfindung und stetige Weiterentwicklung des Mikrochips, die Entfaltung des
Internets als weltweites Kommunikationsnetzwerk und die weiterhin wachsende Verbreitung von Heimcomputern.
Es etablierte und festigte sich ein Weg, digitale Informationen weltweit von
einem Medium zum anderen zu transferieren. Dieses globale Netzwerk wurde
1992 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und weitete sich aus. Im Jahr
2005 waren bereits eine Milliarde Menschen im Internet unterwegs41. Schon
drei Jahre zuvor, in 2002, konnten zum ersten Mal mehr Informationen
digital als analog gespeichert werden.42 Diese Entwicklung wird oft als
»Geburtsstunde« des Digitalen Zeitalters angeführt.
Durch die Möglichkeit, verlustfrei Kopien von digitalen Medien zu erstellen und sie einfach und schnell über neue Kanäle zu verbreiten, wie z.B. das
Internet, hat auch die Verbreitung von Raubkopien eine neue Dimension
angenommen und damit ein kontroverses Thema aufgebracht.
Internet wird heute oft als »rechtsfreier Raum« angesehen und es ist schwer,
ihn in dieser Welt, wo geographische Grenzen und Entfernungen an Bedeutung verloren haben, effektiv zu regeln.
Für Independent Filmemacher birgt die Digitale Revolution völlig neue und
weitreichende Möglichkeiten. Durch sinkende Technologiekosten ist es im
Gegensatz zu früher möglich, mit einem weitaus geringerem Budget qualitativ
hochwertige Filme zu erstellen und sie über das Internet zu verbreiten.
Das Internet hat sich im Laufe der Zeit zum wichtigsten Informationsund Kommunikationskanal ausgeweitet und ersetzt zusehends klassische
Informationsmedien, wie Zeitung, Telefon und Fernsehen. Es ist zu einem
hocheffektiven Netzwerk zur Distribution von Medien geworden. Zurückführen lässt sich dieser Wandel auf beständig steigende Transfergeschwindigkeiten, sinkende Verbreitungskosten und die wachsende Informationsvielfalt.
40
Balkhausen, Dieter: Die dritte industrielle Revolution. Wie die Mikroelektronik unser
Leben verändert, 1995, S. 7 ff., Goldmann Wilhelm GmbH
41
Nielsen, Jakob: One Billion Internet Users, 19.12.2005, Nielsen Norman Group
http://www.nngroup.com/articles/one-billion-internet-users/
42
Hilbert, Martin / López, Priscila: The World‘s Technological Capacity to Store, Communicate, and Compute Information, 1. April 2011, S. 60 ff., Science Vol. 332 no.
6025
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