Avenue Salon

Transcription

Avenue Salon
AVENUE
Das Magazin für Wissenskultur
KONZEPT
Inhaltsverzeichnis
Editorial5
WARUM?
Warum gibt es die Avenue?
Die Avenue will die Art, wie wir
über Wissen sprechen, verändern
7
9
Gegen die Krise in der Wissenschaft
11
Gegen die Krise in den Printmedien
13
Impressum:
AVENUE
Basel, den 29. Oktober 2014
© Mario Kaiser & Corinna Virchow
Das Projekt Avenue findet sich auf dem Netz,
wo es derzeit ausgiebig getestet wird:
http://www.avenue.jetzt
Was ist die Avenue?
15
Die Zeitschrift / Der digitale Salon
17
Ein Blick in die erste Ausgabe
19
Die kommenden Themen
23
Bildmaterial auf Umschlag und im Heft (Collagen): © MoMa Laura Basso
Die Ressorts der Avenue29
Laura Basso hat das Bildmaterial vorliegender
Nullnummer zur Verfügung gestellt. Auch die
Ausgabe zu Chronopolitik wird mit ihrer Hilfe
illustriert. Laura Basso ist Collage-Künstlerin;
sie sieht, sammelt und klebt zu den Themen
Körper, Zeit, Gefühl, Entwurzelung und Familie. Laura Basso lebt mit ihrer Familie in Basel.
Sie hat zwei Kinder, Andrea (12) und Elena
(10).
Wer macht die Avenue?
33
Die Verantwortlichen
35
Die Macherinnen und Macher
37
Die Leserinnen und Leser 39
Die Gestaltung und das Layout der Avenue
übernimmt bei einer gesicherten Finanzierung
Caterina Reimer. Caterina ist Grafikerin, lebt
und arbeitet in Basel. Zusätzlich führt sie ein
vollkommen der Gastfreundschaft verpflichtetes Haus. Caterina Reimer ist Mutter von zwei
Kindern, Giulina (11) und Matilda (7).
2
WAS?
Aufbau und Gestaltung der Avenue27
WER?
WO?
Wo gibt es die Avenue?47
Die Avenue in der Zeitschriftenlandschaft
49
Die Avenue im Netz
53
WANN?
Wann gibt es die Avenue?55
Endnoten57
Bildnachweise59
Editorial
1845 gründete Rufus M. Porter die populärwissenschaftliche Zeitschrift Scientific American. Seitdem vermittelt sie einem interessierten
Publikum mit klaren Texten und einprägsamen Grafiken naturwissenschaftliches Wissen. Ihre Nähe zur Öffentlichkeit hat Wissenschaftler wie Albert Einstein nicht davon abgehalten, für die SciAm
zu schreiben. Im Gegenteil. Der Autorenstamm der Zeitschrift, die
im deutschsprachigen Raum als Spektrum der Wissenschaft publiziert
wird, liest sich wie ein Who is Who naturwissenschaftlicher Reputations- & Nobelpreisträger.
Wir ziehen den Hut vor dieser Leistung. Und fragen uns: Warum gibt
es im deutschsprachigen Raum kein vergleichbares Organ für die
Geistes- und Sozialwissenschaften? Nach 170 Jahren des Wartens liegt
es vor: mit der Avenue. Ab 2015.
Mario Kaiser
4
Corinna Virchow
Warum gibt es
die Avenue?
Mit der Avenue streben wir das Ideal einer offenen Wissenskultur an.
■
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■
■
Erstens sind wir der Meinung, dass grundsätzlich alle Formen
des Denkens und Wissens offen zur Diskussion gestellt werden
können und dürfen – jenseits aller Nützlichkeitserwägungen.
Zweitens meinen wir, dass eine Wissenskultur ohne mediale Berücksichtigung der Geistes- und Sozialwissenschaften nur eine
halbierte Kultur ist.
Drittens sind wir der Überzeugung, dass Wissen immer Wissen
bis auf Weiteres ist. Und deshalb ist Wissen nicht in Form von
Hochglanzfakten, sondern als knowledge in the making zu präsentieren.
Viertens gehen wir davon aus, dass jeder Mensch unabhängig
von Herkunft, Klasse, Bildungszertifikat oder Geschlecht zu
diesem Wissen beitragen kann. Sofern er gewillt ist, sich höflich
und sachlich in die Wissenskultur einzubringen, ist er ein Wissen
Schaffender.
Diese vier Punkte geben verkürzt das Ideal wieder, das wir mit der
Avenue anstreben. Zu diesem Zweck möchten wir die Art und Weise,
wie derzeit über Wissen gesprochen wird, verändern. Stück für Stück.
Darum gibt es die Avenue.
6
DAS AVENUEMANIFEST
Die Avenue will die Art, wie wir
über Wissen reden, verändern.
8 Thesen zur Bedeutung geistes- und
sozialwissenschaftlichen Wissens
1.
2.
3.
4.
5.
warum?
8
Geistes- und sozialwissenschaftliches Wissen ist eines der wertvollsten Güter moderner Gesellschaften.
Der Wert geistes- und sozialwissenschaftlichen Wissens bemisst sich an der grundlegenden Freiheit dessen, wozu das Wissen
gut ist. Es kann nützlich sein, muss aber
nicht. Es kann erbaulich sein, muss aber
nicht. Es kann fortschrittlich sein, muss
aber nicht.
Moderne Gesellschaften leben von diesem
Wissen. Es gehört zur Demokratie genauso
wie zur Gleichberechtigung der Geschlechter. Es bestimmt die Unterhaltungsindustrie genauso wie die Bildung.
Geistes- und sozialwissenschaftliche Einsichten sind real. Sie reflektieren nicht nur
(über) Menschen und Gesellschaften, sondern intervenieren in und verändern diese.
Geistes- und sozialwissenschaftliches Wissen ist öffentliches bzw. exoterisches Wissen. Das betrifft nicht nur seine Resultate,
sondern auch seine Verfahren und Mittel
zur Produktion dieser Resultate.
6.
7.
8.
Geistes- und sozialwissenschaftliches
Wissen ist auf Schriftlichkeit angewiesen.
Sowohl die Resultate als auch die Produktionsmittel und -weisen müssen mitteilbar sein, selbst wenn die Autorinnen und
Autoren gestorben sind.
Es gibt andere Wissensformen, die in Konkurrenz mit geistes- und sozialwissenschaftlichem Wissen stehen.
Kritik ist das angemessene Mittel, gegenüber dem eigenen Urteil, dem der anderen
sowie gegenüber den Untersuchungsgegenständen Distanz zu wahren.
MIT IHREN INHALTEN
MIT IHRER SPRACHE
Die Avenue will neues Wissen und Denken insbesondere aus den Geistes- und Sozialwissenschaften einer breiten Öffentlichkeit vorstellen
und der Kritik aussetzen.
Die Avenue verpflichtet sich einer Sprache, die
komplexe Thesen und Sachverhalte auf wenigen Seiten anschaulich und leserfreundlich auf
den Punkt bringt. Zugleich vertritt die Avenue
das Credo von der Vorläufigkeit allen Wissens.
Die Avenue greift gesellschaftsrelevante Themen auf und setzt sie dem distanzierten und
analytischen Blick der Wissenschaft aus. Die
Einsichten und Reflexionen von der Forschungsfront sollen aber nicht unwidersprochen bleiben. Im Gegenteil. Es gilt, sie im Labor
der Öffentlichkeit zu testen, zu kommentieren
und zu kritisieren.
Leserinnen und Leser der Avenue dürfen sich
auf gut recherchierte und profund diskutierte
Beiträge freuen, die mit neuen Ansätzen zum
Denken und zur Kritik anregen. Gelegentlich
mögen Avenue-Artikel auch Orientierung in
einer komplexen Welt vermitteln.
Kommentare
MIT IHRER PRODUKTIONSWEISE
Torsten says
14. August 2014 at 14:16 (Edit)
Beim Barte des Sokrates! Soll das der Anfang
einer Magna Charta der Geistes- und Sozialwissenschaften sein?! ;-) Bitte noch hinzufügen:
9. Geistes- und Sozialwissenschaften sind
krisenanfällig. Ihre Krisen sind ein Symptom für die Lage der Gesellschaft.
Die Avenue entsteht zunächst im Netz. Artikel,
Reportagen und Interviews können hier kommentiert und kritisiert werden. Coram publico.
Anschließend überarbeitet die Redaktion die
Texte und Diskussionserträge. Das Resultat
ist die gedruckte Avenue, die als hochwertiges
Druckerzeugnis durch Inhalt, Grafik und Haptik überzeugt.
Dabei grenzt sich die Sprache der Avenue gegenüber anderen Wissensvermittlungsformen
ab. Sie verzichtet sowohl auf umständliche
Wissenschaftsprosa als auch auf die Präsentation angeblichen Faktenwissens.
MIT IHRER WISSENSGEMEINSCHAFT
Die Avenue resultiert aus einem Prozess des
Gebens und Nehmens von Argumenten – zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit.
Die Avenue lädt Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler, Leserinnen und Leser gemeinsam in ihren (digitalen) Salon ein. Damit
schafft sie eine Gemeinschaft oder community, die von Höflichkeit und Kreativität geprägt
und der Sache verpflichtet ist.
Diese Gemeinschaft verändert nicht nur das
gemeinsame Wissen, sondern auch ihre Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Die Leserinnen
und Leser konsumieren nicht nur Inhalte, sondern kommentieren, kritisieren und bringen
sie selbst hervor. Die Grenzen zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit lösen sich auf.
Gegen die Krise in der Wissenschaft
Die Avenue antwortet auf einen Notstand: Um die öffentliche Akzeptanz der Geistes- und Sozialwissenschaften ist es angeblich schlecht bestellt. Beklagt werden zudem die Mängel des Bologna-Systems,
die Wissensverwaltungskultur, der Mangel an Personal und Finanzierung, das Prekariat des Mittelbaus, die Selbstherrlichkeit der Arrivierten. Die Liste ist beliebig zu verlängern.
Darüber gerät in Vergessenheit, welch wunderbaren Wert Wissen gerade aus dem Bereich der Geistesund Sozialwissenschaften darstellt. Das ist paradox angesichts der schieren Menge an Menschen, die
unsere Kultur prägen – nämlich mit dem, was sie im Studium eines geistes- und sozialwissenschaftlichen Fachs gelernt haben.
warum?
10
John Brockman, auch «intellektuelles Enzym»
(Stewart Brand) genannt, ist für vieles verantwortlich: Als Literaturagent verhilft er Naturwissenschaftlern zu auflagenstarken Büchern,
als Gründer der Edge Foundation betreibt er im
Netz einen digitalen Salon, der nur den «klügsten und kultiviertesten Köpfen» seine Publikationspforten öffnet.
Laut Brockman übernehmen in der Dritten
Kultur vermehrt Wissenschaftler der «empirischen Welt», d.h. Natur- und Technikwissenschaftler, die Rolle traditioneller Intellektueller,
indem sie die «tiefere Bedeutung unseres Lebens offenbaren und definieren, wer und was
wir sind».
Brockman ist auch verantwortlich für die These
der Dritten Kultur (1995).1 Mit ihr erweitert er
C. P. Snows Diagnose der Zwei Kulturen (1959),2
der geisteswissenschaftlich-literarischen einerseits, der naturwissenschaftlich-technischen
Kultur andererseits.
Kommentare
Thomas says
18. Juli 2014 at 10:13 (Edit)
Ich würde Brockmans Dritte Kultur nicht
«These» nennen, schließlich erschafft er selbst
die Kultur, von der er spricht. Mehr noch: Inzwischen haben weitere intellektuelle Impressarios an der 3. Kultur weiter gebastelt. Der
verstorbene Frank Schirrmacher von der FAZ
zum Beispiel.
Die Avenue macht bisherigen Deutungsangeboten
Konkurrenz.
Die Avenue macht die Geistes- und Sozialwissenschaften wieder selbstverständlich.
Seit den 1990er Jahren übernehmen auch in
den deutschsprachigen Feuilletons zunehmend Fürsprecher der Natur- und Technikwissenschaften Aufgaben, die bislang Intellektuellen der verstehenden und interpretierenden
Wissenschaften vorbehalten waren. Die neuen
Propheten deuten die Gegenwart und Vergangenheit, geben Ausblicke in eine post- oder
transhumanistische Zukunft und orientieren
uns über das, was wirklich oder vom Gehirn
bloß konstruiert ist. Öffentlichkeitswirksam.
Mehr denn je müssen die Geistes- und Sozialwissenschaften ihren gesellschaftlichen Sinn
und Zweck rechtfertigen. Das gelingt eher
schlecht als recht. Damit nicht genug. Die besagten Wissenschaften kämpfen in der Forschung mit Evaluationsregimen, die ihren output und ihre outcomes zu vermessen trachten,3
in der Lehre mit den Folgen der Bologna-Reform und in der Verwaltung schließlich mit der
new governance of science.4
Die Deutung der Gegenwart und Vergangenheit sowie die Arbeit an den Möglichkeiten der
Zukunft sind öffentliche Sinnplätze, die nicht
von einer Wissenschaftskultur allein beansprucht werden dürfen.
Die Avenue will den Geistes- und Sozialwissenschaften ihre öffentliche Selbstverständlichkeit
zurück geben. Zu diesem Zweck müssen sie
nichts tun – außer das, was sie wirklich können
und andere nur versprechen:
Die Avenue hilft, unsere Wissenkultur mit neuen Deutungsangeboten für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu bereichern. Aus den
Geistes- und Sozialwissenschaften.
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Analysieren
Zum Denken anregen
Widerspruch herausfordern
Möglichkeiten und Alternativen aufzeigen
Die Welt mit dem Kopf auf den Kopf stellen
Gegen die Krise in den Printmedien
In der Krise befinden sich nicht nur die Geistes- und Sozialwissenschaften, sondern auch die Printmedien. Allerdings sind nicht alle Blätter gleichermaßen betroffen. Während die großen Tageszeitungen
darben, prosperieren Kulturangebote, die sich mit spezifischen Themen an eine spezifische Leserschaft
wenden.
Hinzu kommt, dass die Schuld an der Krise in den Printmedien im Allgemeinen der Informationsbeschaffung im Netz zugeschrieben wird. Dieser Herausforderung begegnet die Avenue offensiv, indem
sie das Netz nutzt und zugleich die Medialität des Printproduktes ernst nimmt.
Ein Journalismus der Geistes- und Sozialwissenschaften ist möglich. Das beweist etwa die
amerikanische Zeitschrift The Baffler, die von
MIT Press verlegt wird.
Kommentare
Fritz says
05. Juni 2014 at 16:21 (Edit)
Sie vereint Literaturtheorie, Gesellschaftsdiagnose, Philosophie und sorgfältige Recherche zu
einem satirischen Cocktail der Konsum- und
Gesellschaftskritik. Zu den Autoren von The
Baffler gehören publizistische genauso wie akademische Größen, darunter Susan Faludi, Evgeny Morozov, David Graeber und gelegentlich
Slavoj Žižek.
Ihr habt den Merkur - Deutsche Zeitschrift für
europäisches Denken vergessen. Zugegeben, er
ist in die Jahre gekommen und behäbig, einer
aussterbenden Bildungselite vorbehalten und
jüngst auf einen neokonservativen Kurs geraten. Trotzdem müsst ihr den Merkur aufgrund
seines Brückenschlags zwischen akademischem und journalistischem Diskurs erwähnen.
John Summers, der charismatische Herausgeber von The Baffler, fasst das intellektuelle Angebot seiner Zeitschrift zusammen:
«our writers and artists offer a camaraderie
of truth, humor, and irony - an asylum from
crackpot economics and carnival hokum.»5
warum?
12
Johannes says
06. Juni 2014 at 09:54 (Edit)
Ich kenne beide Zeitschriften. The Baffler ist
mir zu politisch, der Merkur zu elitär.
Die Avenue gibt Tausenden von Menschen eine ‚mediale Kopfbedeckung‘.
Die Avenue schafft einen eigenständigen Journalismus der Geistes- und Sozialwissenschaften.
Im Jahr 2013 studierten mehr als 700‘000 Menschen im deutschsprachigen Raum ein geistes- oder sozialwissenschaftliches Fach.6 Die
Zahlen für Menschen mit einem geistes- und
sozialwissenschaftlichen Abschluss belaufen
sich auf mehr als 2.1 Millionen für den gleichen Sprachraum, darunter Lehrerinnen und
Lehrer sowie Angestellte in diversen staatlichen Behörden.
Die Geisteswissenschaften gehen derzeit im
Kulturjournalismus und damit in den Feuilletons großer Tageszeitungen auf – oder aber:
unter. Abgesehen von gefälligen Infografiken
und Statistiken teilen die Sozialwissenschaften
das gleiche Schicksal.
Außerdem rekrutiert sich ein hoher Prozentsatz von den mehr als 1 Million Menschen,7
die in der sogenannten Kreativindustrie ihr
Auskommen finden und sich zur creative class 8
zählen, aus ehemaligen Studentinnen und Studenten der Geistes- und Sozialwissenschaften.
All diese Menschen bilden eine über die kommenden Jahre rapide wachsende Öffentlichkeit, die in den Medien schlecht oder gar nicht
repräsentiert wird.
Die Avenue möchte diese mediale Obdachlosigkeit beenden und Tausenden von Menschen ein
öffentliches Zuhause bieten.
Die publizistische Unterwerfung der Geistesund Sozialwissenschaften unter das Kulturressort geht einher mit einer Einebnung von
grundsätzlichen Differenzen: Weitgehend unterschiedslos vermischen sich in den Feuilletons Rezensionen von Filmen, Theateraufführungen und Konzerten mit Buchkritiken von
geistes- und sozialwissenschaftlichen Werken.
Die Avenue will angesichts dieser differenzlosen Vermischung einen eigenständigen
Journalismus der Geistes- und Sozialwissenschaften in der massenmedialen Landschaft
institutionalisieren.
Was ist die
Avenue?
Die Avenue ist ein Magazin der Wissenskultur – unter besonderer Berücksichtigung der Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Avenue
ist populärwissenschaftlich, ohne populistisch zu sein.
Sie berichtet, wie, wo und von wem geistes- und sozialwissenschaftliches Wissen erschaffen wird. Sie erläutert, wie dieses Wissen beschaffen ist. Sie zeigt, in welchem Maß unsere Gesellschaften von
geistes- und sozialwissenschaftlichem Wissen geprägt sind. Und da
sie die Forschungsfront stets im Auge hat, weist sie über den Rand
des Gewussten hinaus.
Sie ist auf Dialog angelegt und fordert zu Meinungs- und Wissensaustausch auf. Sie ist interdisziplinär und nimmt wissenschaftspolitisch
Stellung. Letztlich ist die Avenue ein engagiertes, der Aufklärung und
dem Dialog verpflichtetes Magazin für Gedanken und Wissen.
Die Avenue existiert in zwei Aggregatszuständen: Online ist die
Avenue ein digitaler Salon zum Austausch von Wissen und Gedanken. Offline ist die Avenue ein Druckerzeugnis, in dem eine Momentaufnahme im Wissen und Denken zu einer bestimmten Fragestellung
festgehalten wird.
14
AVENUE Salon
Die Zeitschrift
Der digitale Salon
Die Zeitschrift Avenue erscheint 4 mal pro Jahr.
Sie ist thematisch ausgerichtet. Die Erstauflage
liegt bei 30'000 Exemplaren.
Der Avenue Salon ist einerseits ein Ort im Netz,
an dem ‚man‘ sich trifft, einander kommentiert
und höflich kritisiert. Anderseits ist der Salon
das produktive Labor der Zeitschrift Avenue.
Hier entstehen die Texte, die später als Momentaufnahme des Gedanken- und Meinungsaustausches gedruckt werden.
PUBLIKUM
Die Produktion der Avenue beginnt unter den
Augen der Öffentlichkeit und endet in den Händen der Leserin oder des Lesers.
VOM SALON
Im öffentlichen Labor der Avenue, dem digitalen Salon, beginnt die Entstehung einer
Druckausgabe. Die Redaktion lädt thematisch
einschlägige Autorinnen und Autoren ein, Texte zu verfassen und sie frühzeitig ins Netz zu
stellen.
Hier durchlaufen die Texte ein open peer review
bzw. ein öffentliches Begutachtungsverfahren.
Hinweise, Kritiken und Anregungen seitens
kundiger und interessierter Leserinnen und
Leser werden als Kommentare zu den Texten
verfasst und, wenn immer der Sache dienlich,
von der Redaktion freigegeben. Bei ausgewählten Artikeln wird eine wissenschaftliche
Kollegin und Kollege aufgefordert, die Arbeit
was?
16
kritisch unter die Lupe zu nehmen.
Die Autorinnen und Autoren sind nun eingeladen, auf ausgewählte Kommentare zu reagieren
– sei es durch eine Überarbeitung des Textes
oder durch eine Stellungnahme zum jeweiligen
Kommentar.
Die Avenue richtet sich an ein breites, tendenziell urbanes und gut ausgebildetes Publikum
von Interessierten: Kultur- und Medienschaffende, Studierende der Sozial- und Geisteswissenschaften, Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler, Alumni und Mitglieder der
creative class. Sie richtet sich überdies an wissenschaftsaffine
Naturwissenschaftlerinnen
und -wissenschaftler, an Psychologinnen und
Psychologen, an die Ärzteschaft, an Juristinnen
und Juristen sowie an Wirtschaftsfachkräfte.
AUF DIE AVENUE
GESTALTUNG
Nach einem dreimonatigen Diskurs à la author
meets critics wird die Diskussion geschlossen.
Die Redaktion wählt einzelne Kommentare
aus, fasst die Diskussion zusammen und publiziert den Text mitsamt einzelner Kommentare
sowie eines Résumés der Diskussion.
Die Avenue erinnert an ein A4-Schulheft, das
mit einem Schutzumschlag eingefasst ist. Sie ist
ein handwerklich schönes Produkt, das durch
Prägedruck und eine spezielle Haptik in seiner
Materialität besticht.
Nach dem Druck der Avenue werden die Texte im Netz öffentlich archiviert und erneut für
Kommentare geöffnet. Je nach Lust und Laune
kann die Autorin oder der Autor sich erneut
auf eine Diskussion einlassen.
Die Umschlaggestaltung erfolgt durch verschiedene Künstlerinnen und Künstler, die den
Sammlerwert der Zeitschrift steigern. Für diese
Konzeptausgabe hat Laura Basso ihre Collagen
uns zur Verfügung gestellt.
DER SALON GESTERN UND HEUTE
Der Avenue Salon ist die digitale Fortsetzung
einer Tradition, die im aufklärerischen Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts ihre Blütezeit erlebte. Die berühmten Salonièren von
damals schufen mit ihren Salons eine neue Geselligkeit bestehend aus Höflichkeit, Intellektualität, Kreativität und freiem Diskurs. Diese
Geselligkeit wird mit dem Avenue Salon ins 21.
Jahrhundert übersetzt und mit dessen technischen Mitteln realisiert. Im Gegensatz zum traditionellen steht der digitale Salon der Avenue
allen Interessierten offen.
Der digitale Salon basiert auf einer soziotechnischen Infrastruktur, die jener der Salons von
damals nicht unähnlich ist – abgesehen von
der Nomenklatur. Dank einer Blog- und Content-Management-Software gelingt es der Redaktion bzw. den Salonièren der Avenue, neue
Gäste einzuladen, Diskussionen zu moderieren
und vor allem: den Wissensaustausch an die
Grenzen des Gewussten zu tragen.
Ein Blick in die erste Ausgabe
Cyborgs sind kybernetische Organismen,
Hybride aus Maschine und Organismus,
ebenso Geschöpfe der gesellschaftlichen
Wirklichkeit wie der Fiktion.
Donna Haraway (1985)9
The Cyborg deliberately incorporates
exogenous components extending the
self-regulatory control function of the
organism in order to adapt it to new
environments.
Clynes und Kline (1960)10
AUS DEM INHALT (VORSCHLAG)
Interview mit Peter Sloterdijk
«Der Mensch, der Krüppel»
Andrew Pickering
I, smart & phone
Denken mit und durch Maschinen.
Zur Kybernetik unseres Denkens
Florian Kragl, Peter Strohschneider (Kommentar)
Darth Vader trifft Lancelot
Die Geburt des Cyborgs im Mittelalter
Victoria Pitts-Taylor
Ich werde ein Cyborg sein
Body modifications als Zeitreisen
Fotoreportage
Die Chimären von Matthew Barney
Mit Isabel Friedli durchs Schaulager
Außerdem
Gehirndoping an Hochschulen.
Interview mit Donna Haraway.
Cyborgs in Kinderbüchern.
was?
18
Der oder die Cyborg ist ein Wesen zwischen
Mensch und Maschine einerseits, zwischen gesellschaftlicher Wirklichkeit und Fiktion andererseits.
... ICH BIN DEIN VATER!
Die gesellschaftliche Akzeptanz von Wesen, die
weder Roboter noch Menschen, sondern beides zugleich sind, war lange Zeit gering. Noch
im Jahre 1980, als der Cyborg Darth Vader sich
in Star Wars dem naiv natürlichen Helden Luke
Skywalker als dessen Vater offenbart, leiden wir
mit Luke: "Nein, nein! Das ist nicht wahr ... Das
ist unmöglich!"
1985 taucht mit dem Aufsatz A Cyborg Manifesto9 der Biologin, Feministin und Philosophin
Donna Haraway eine gänzlich neue Cyborg auf:
Sie ist ein Wesen, das weder schwarz noch weiß,
weder Frau noch Mann, weder Mensch noch
Maschine ist, sondern stets eine Mischung jenseits klarer Identitäten. Haraway lädt dazu ein,
unsere conditio cyborgiana zu akzeptieren und
auch zu geniessen.
Besonders in den Kulturwissenschaften hat sich
Haraways Aufruf, uns als Cyborgs zu begreifen,
als überaus einflussreich erwiesen: In den vergangenen drei Jahrzehnten haben sich Hunderte
von Studien mit der Verwischung kultureller, sexueller und politischer Eindeutigkeiten und der
Verschmelzung ehemals separierter Sinnwelten
auseinandergesetzt. Im Zuge dessen ist die Cyborg zu einer Metapher für Hybriditäten aller
Couleurs avanciert.
HUMAN ENHANCEMENT
Dagegen ist in jüngerer Zeit der traditionelle
Cyborg, so wie von Clynes und Kline 1960 als
cybernetic organism definiert,10 wieder zum Leben erwacht. Und erneut stellt sich die Frage
nach seiner gesellschaftlichen Akzeptanz – und
seinem Selbstverständnis. Es geht um das sogenannte Human Enhancement. Unter dem sperrigen Begriff wird der Versuch verstanden, die
Grenzen des menschlichen Geistes und Körpers
mithilfe von Technik vorübergehend oder dauerhaft zu überwinden.
Die geistes- und sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Human Enhancement hat erneut zu Debatten über den Status des Menschen
als Cyborg geführt. Nicht nur das. Auf dem Prüfstand steht inzwischen der Humanismus. Ist diese Idee noch zu retten? Was ist von Post- und
Transhumanismus zu halten?
DER CYBORG IN DER AVENUE
Die erste Ausgabe der Avenue beschäftigt sich
mit dem Konzept, Phänomen und Wesen namens Cyborg, Dabei geht es um Human Enhancement, Darth Vader, Robocop & Co., vor allem
aber: um uns.
Schließlich sind wir von «Natur» weit entfernt.
Wir sind im Reagenzglas gezeugt; unser GPS
bestimmt unseren Weg; unsere Uhren messen
unseren Blutdruck; unseren Herzen wird der
Schritt gemacht; Ritalin hält uns konzentriert;
wir haben cyber sex und bald wird uns die Google-Brille über Zivilstand und Kapitalkraft unseres Gegenüber informieren.
Die Soziologie nähert sich den Cyborgs auch
über deren Körper. Was bringt Menschen dazu,
sich Magnete oder andere funktionale Materialien in und unter die Haut zu pflanzen? Ein
Artikel von Victoria Pitts-Taylor wagt die These: Body modifications ersetzen Zeitmaschinen,
um in die Zukunft zu reisen.
Die Kunstwissenschaften reagieren auf die
schiere Fülle von Androiden, Cyborgs und
Chimären in der zeitgenössischen Kunst. Die
Avenue begleitet in einer Bild- und Textreportage die Kunsthistorikerin Isabel Friedli durch
eine Ausstellung von Matthew Barney.
Was sagen die Geistes- und Sozialwissenschaften dazu? Wir haben uns in verschiedenen Disziplinen umgesehen und eine vorläufige Auswahl getroffen.
CYBORGS IN DEN GEISTES- UND
SOZIALWISSENSCHAFTEN
Bis zu seinem 20 Lebensjahr hat Neil Harbisson die Welt in Schwarzweiß wahrgenommen.
Dank eines Eyeborg kann Neil Farben nun hören. Neil ist nicht nur ein staatlich anerkannter
Cyborg, sondern auch Mitbegründer und Präsident der Stiftung Cyborg, einer internationalen Organisation, die Menschen hilft, Cyborgs
zu werden.
Funktionsweise des Eyeborg: Der Sensor vor
dem Gesicht misst die Farbfrequenz und übermittelt sie einem Chip, der auf der Rückseite
des Kopfes angebracht ist. Der Chip verwandelt die Farbfrequenz in Schallwellen. Diese wiederum werden an die Schädelknochen
übertragen, welche die Schwingungen ans Mittelohr weiterleiten.
Die Philosophische Anthropologie begegnet den
Cyborgs als vorerst letzter Steigerung des «Mängelwesens Mensch» (Arnold Gehlen), das seit
jeher auf kulturelle und technische Prothesen
angewiesen ist. Die Avenue interviewt Peter Sloterdijk, um mehr über den «Krüppel Mensch»
und Human Enhancement zu erfahren.
Die Wissenschaftsforschung interessiert sich speziell für das Denken der heutigen Cyborgs. Ein
Artikel von Andrew Pickering macht deutlich,
dass unser Denken nicht mehr nur in uns, sondern vermehrt auch in den technischen Geräten
stattfindet, die uns tagtäglich umgeben.
Die Kulturwissenschaften erforschen u.a. Texte,
die von Cyborgs handeln, ohne sie zu erwähnen. Cyborgs avant la lettre. Der Mediävist Florian Kragl entdeckt verblüffende Ähnlichkeiten
zwischen den Rittern der mittelalterlichen Heldendichtung und den Cyborgs aus Science-Fiction-Comics.
was?
20
Die Cyborgs tauchen nicht nur im Ressort Aktuelles Thema auf, sondern auch in den Ressorts Studium & Uni sowie Leben & Denken.
Ein Interview mit Donna Haraway will anlässlich des 30-jährigen Geburtstags ihres legendären Aufsatzes Ein Manifest für Cyborgs
wissen, wie sich die Welt aus ihrer Sicht für
Frauen, Tiere und Maschinen inzwischen verändert hat.
Eine Reportage über den horrenden Konsum
von Ritalin, Antidepressiva & Co. (ohne Indikation) an US-amerikanischen Hochschulen
wirft die Frage auf, ob Human Enhancement
nicht längst eine verkannte Realität ist.
Die kommenden Themen
HERBST 2015
Cyborgs
Cyborgs
porn studies
Stichworte: die Gründung der Zeitschrift porn
studies, Kulturwissenschaft, gender studies, Judith Butler, Alltäglichkeit von Pornographie,
Genealogie, porn chic
WINTER 2015
HERBST 2016
Stichworte: die feinen Unterschiede, Pierre
Bourdieu, Norbert Elias, Soziologie, Ethnologie, Marken, Etikette, Stratifikation, Klassen
und Schichten
22
AVENUE
Stichworte: Hybridisierung, Mensch als Mängelwesen, Donna Haraway, Bruno Latour, Kleidung, Mobiltelefonie, Helmut Plessner, Anthropologie
Habitus
was?
FRÜHLING 2016
AVENUE
Habitus
Immersion
Stichworte: Computerspiele, Extimität und Intimität, digital humanities, Oculus Rift, Illusion
und Immersion, Narratologie, computer game
studies, McLuhan
AVENUE
porn studies
AVENUE
Immersion
Die kommenden Themen
WINTER 2016
Chronopolitik
Chronopolitik
Editionen
Stichworte: Großforschungsprojekte der Geisteswissenschaften, new philology, Walser, Hölderlin, Parzival
FRÜHLING 2017
WINTER 2017
Stichworte: Claude Lévi-Strauss, Ethnologie,
Soziologie, functional food, Ideologie am Herd,
global und lokal, genetisch modifizierte Organismen
24
AVENUE
Stichworte: Geopolitik vs. Chronopolitik, Beschleunigung, Virilio, Hartmut Rosa, rasender
Stillstand, Prävention und Präemption
roh und gekocht
was?
HERBST 2017
AVENUE
roh & gekocht
Verführung
Stichworte: Konsum, Erotik, Baudrillard vs.
Foucault, Sprache der Verführung, pick up artists, Psychoanalyse, Lacan, Germanistik, Konsumsoziologie
AVENUE
Editionen
AVENUE
Verführung
Avenue
Werbung
9
Werbung
Aufbau und Gestaltung
der Zeitschrift
AKTUELLES THEMA
19
Werbung
29
AUFBAU
DESIGN
39
Die gedruckte Avenue umfasst 120 Seiten – mal
mehr, mal weniger. Vier Ressorts teilen sich
diesen Leseraum:
49
■
■
■
■
Das Design der Zeitschrift gehorcht einer Maxime: die Wahrscheinlichkeit, dass wissenschaftliche Inhalte gelesen werden, höchstmöglich zu
steigern.
Werbung
Werbung
Werbung
Aktuelles Thema
Kritiken & Berichte
Studium & Uni
Leben & Denken
(ca. 50 Seiten)
(ca. 20 Seiten)
(ca. 20 Seiten)
(ca. 20 Seiten)
KRITIKEN & BERICHTE
59
Der digitale Avenue Salon verfügt über zwei zusätzliche Ressorts:
Werbung
69
■
■
Daten & Termine
Themen & Hefte
Werbung
Die Zeitschrift bietet Leseinseln, um Informationen auch abseits des Gedankengangs eines Textes
gleichsam spielerisch zu erwerben. Illustrationen
und Bilder sprechen das Auge mit Farben und
Formen an. Werke von jeweils einer Künstlerin
oder einem Künstler weben einen roten Faden
durch die Zeitschrift.
Typographisch setzt die Zeitschrift auf eine sehr
gut lesbare und gut ausgebaute Serifenschrift.
79
COVER
WERBUNG
Das Cover hat jeweils ein thematisch angepasstes Muster, vergleichbar mit einem hochwertigen Geschenkpapier, das ein Schülerheft
schützt. Der Druck des Covers erfolgt im Prägeverfahren.
Die Werbung verteilt sich gleichmässig auf die
verschiedenen Ressorts, allerdings mit unterschiedlicher Ausrichtung. Während im Ressort
Aktuelles Thema thematisch passende Werbung
platziert werden kann (etwa Uhrenwerbung im
Heft 'Chronopolitik'), kommt im Ressort Kritiken & Berichte insbesondere Verlagswerbung
in Frage.
STUDIUM & UNI
Werbung
89
Werbung
LEBEN & DENKEN
99
109
Werbung
118
was?
26
Aufgrund ihrer Ästhetik, ihrer Haptik und
ihrer Geschlossenheit wartet die Zeitschrift
gegenüber den Inhalten auf dem Netz mit einem klaren Mehrwert auf, der zum Kauf, wenn
nicht zum Sammeln der Zeitschrift motiviert.
Da im Netz andere und verschärfte Bedingungen
im Kampf um Aufmerksamkeit herrschen, soll
keine Werbung das konzentrierte Lesen von Inhalten beeinträchtigen.
Die Ressorts der Avenue
offline und online
AKTUELLES THEMA
1
Das Ressort Aktuelles Thema nimmt ungefähr
die Hälfte des Seitenumfangs ein. Exklusive der
Werbung stehen so mehr als 50 Seiten den thematisch einschlägigen Inhalten zur Verfügung.
Die folgenden Formate bestreiten das jeweilige
Thema einer Avenue:
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■■
ein Interview mit einer reputierten Wissenschaftlerin bzw. einem thematisch
maßgeblichen Wissenschaftler;
drei wissenschaftliche Artikel, die ausschließlich für die Avenue verfasst werden
und die auf wenigen Seiten eine Kernaussage der Leserschaft näher bringen;
eine journalistische Reportage, die neues
empirisches Terrain für die Forschung erschließt.
KRITIKEN & BERICHTE
2
Das Ressort Kritiken & Berichte umfasst ca. 20
Seiten und besteht aus den Formaten:
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■■
Buchbesprechungen
Tagungsberichten
Im Interesse der Redaktion liegt es, nicht die
Bücher zu besprechen, die bereits in allen Feuilletons herumgereicht werden. Es sollen auch
nicht jene Qualifikationsarbeiten besprochen
werden, die sich so brav in eine Forschungslücke einfügen, dass an ihnen nichts hat schief
gehen können. Zitierkartell-Sammelbände exkommunizieren sich selbst.
Vielmehr gilt es Texte vorzustellen, die witzig
und mutig am Rand von oder quer zu vorherrschenden Forschungsparadigmen argumentieren und von allgemeinem Interesse sind.
Tagungsberichte können der Avenue von den
Veranstaltern zugeliefert werden. Von vielversprechenden Veranstaltungen mit innovativen
Fragestellungen stellt die Avenue eigene Reportagen.
STUDIUM & UNI
3
28
4
Das Ressort Studium & Uni beschäftigt sich mit
der Berichterstattung aus dem erlebten Studium, bietet Studierenden konkrete Hilfeleistungen und nimmt Stellung zur Hochschulpolitik.
Dieses Ressort bietet Rubriken von hohem
Wiedererkennungseffekt, die sich meist unabhängig zum aktuellen Thema verhalten:
Während die vorherigen Ressorts hauptsächlich vorführen, wie, von wem und unter welchen Umständen Wissen geschaffen wird, zeigt
das Ressort Leben & Denken, wie geistes- und
sozialwissenschaftliches Denken und Wissen
sich im Leben außerhalb der Universität manifestiert. Das Ressort umfasst
■■
■■
■■
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■■
■■
Der Mensabericht
Die Karikatur
Namedropping
Positionen
Wiederkehrend ist der durch studentische Mitarbeiter verfasste Mensabericht. Er rezensiert
die Mensa einer deutschsprachigen Universität
und bringt Essen, Studium und Universitätskultur in Verbindung.
Das Genre Namedropping bezeichnet eine Zusammenfassung eines jener Texte, die alle zitieren und im Mund führen, die aber niemand
gelesen hat. Hierbei handelt es sich um Texte,
die für das jeweilige aktuelle Thema kanonisch
geworden sind. Für die erste Ausgabe wird u.a.
das Manifest für Cyborgs von Donna Haraway
kurz und bündig vorgestellt.
Positionen sind Texte, die Stellung beziehen
zu unipolitischen Entscheidungen und Entwicklungen, vorzüglich im deutschsprachigen
Raum.
was?
LEBEN & DENKEN
Reportagen
Porträts
Unter Leben & Denken finden sich Beiträge zur
'Anwendung' von geistes- und sozialwissenschaftlichem Wissen – in kulturellen Erzeugnissen, in politischen Interventionen oder in
gelebten Gesellschaftsentwürfen. Gezeigt wird,
wie sich die dem Heft jeweils vorliegende Fragestellung in der Belletristik, im politischen
Statement und Vorgehen, in der medialen Berichterstattung, im gelebten sozialen Entwurf,
im Film oder in der Kunst niederschlägt.
Das Ressort schließt wiederkehrend mit einem
Portrait einer bzw. eines ehemaligen Studierenden der Geistes- oder Sozialwissenschaften.
Beschrieben wird ein exemplarischer Tagesablauf, welchen Platz der porträtierte Mensch in
der Gesellschaft einnimmt und wie sich sein
Berufs- und Erwerbsleben gestaltet. Auf eine
Einengung der Auswahl zugunsten von Karrieren oder leaderships wird verzichtet.
http://www.avenue.jetzt
Die Ressorts der Avenue
online
DATEN & TERMINE
5
Das Ressort Daten & Termine gibt es nur im
Netz. Im Wesentlichen handelt es sich um einen Kalender, in den Organisatorinnen und
Organisatoren von wissenschaftlichen Veranstaltungen Termine für öffentliche Kolloquien,
für Konferenzen sowie für öffentliche Vorlesungen eintragen können. Die Schnittstelle erlaubt eine ausführliche Inhaltsangabe.
was?
30
THEMEN & HEFTE
6
Das Ressort Themen & Hefte ist das Archiv
der Zeitschrift. Es existiert in erster Linie im
Netz und wird ständig aktualisiert. Unter diesem Ressort findet sich die Druckausgabe der
Avenue nach ihrem Erscheinen abgeheftet.
In dem Augenblick, in dem die Printversion
wieder im Netz erscheint, verändert sie erneut
ihren 'Aggregatszustand': Über die erneut etablierte Kommentar-Funktion lassen die Artikel
sich um neue Forschungsresultate ergänzen.
Das Avenue-Archiv ist damit nicht nur ein
Zeitschriftenarchiv, vielmehr wird es zum Archiv eines Gedankengangs.
Wer macht
die Avenue?
Die Avenue ist eine Zeitschrift von uns und für uns.
Doch wer sind wir? Wir sind Leserinnen und Leser, denen Wissenschaft, Aufklärung und Kultur am Herzen liegen. Wir sind genauso
Leserinnen und Leser, die ab und an bereit sind, etwas zu kommentieren, zu kritisieren oder gar einen Bericht oder Artikel zu verfassen.
Und so soll die Zeitschrift zustande kommen: einerseits durch eine
Kernredaktion (Corinna Virchow und Mario Kaiser), andererseits
durch eine Vielzahl von Menschen, die sich kraft ihres Wissens, ihres Interesses und ihres Könnens für ein Thema ins Zeug legen. Sie
sind die eigentlichen Macherinnen und Macher der Zeitschrift. Die
Redaktion hat die Aufgabe, dieses Engagement zu koordinieren, zu
stimulieren und durch eigene Beiträge zu ergänzen.
Auf den folgenden Seiten stellen sich verschiedene Menschen vor. Zunächst geben die Verantwortlichen für die Redaktion Auskunft über
sich selbst. Danach kommen die Macherinnen und Macher zur Sprache. Schliesslich machen sechs Porträts Bekanntschaft mit den typischen Leserinnen und Lesern der Zeitschrift.
32
Die Verantwortlichen
DR. PHIL. CORINNA VIRCHOW
DR. PHIL. MARIO KAISER
Corinna Virchow (38) hat in Fribourg (CH),
Tübingen und Basel Germanistik und Geschichte studiert. Mit einer Arbeit zum Artusroman hat sie in germanistischer Mediävistik
promoviert.
Mario Kaiser (38) hat in Basel Philosophie,
Zoologie und Informatik studiert. Daraufhin
hat er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und
Assistent das Basler Programm für Wissenschaftsforschung mit aufgebaut. Promoviert
hat er in Philosophie mit einer Arbeit zu technischen Zukünften und ihren politischen Auswirkungen in der Gegenwart.
Gelebt hat sie vom Vergnügen am Denken und
Schreiben und von verschiedenen Lehraufträgen und Assistenzstellen (wechselweise und
gleichzeitig an den Universitäten Basel, Bern,
Zürich, Freiburg i. Brsg. und Konstanz), vom
journalistischen Schreiben, vom Werbetexten
und gelegentlich auch vom Unterrichten als
Gymnasiallehrerin. Sie kann Feste und Tagungen organisieren und tritt im Notfall auch als
Caterer auf.
Ihre Themen sind Liebe, Sex, Verführung,
Empfinden von Zeit, Post-Postfeminismus;
sie mag Bachtin, Barthes und Bataille lieber
als Derrida. Corinna Virchow hat drei Kinder,
Curdin, Luzia & Madlaina.
wer?
34
Er hat Handbücher und Sammelbände zur
Wissenschafts- und Technikforschung herausgegeben und zu Themen wie Chronopolitik,
Technikfolgenabschätzung und Grammatik
von Technik publiziert.
Er liebt Fernsehserien, Filme und Trivialliteratur als Ort postmoderner Reflexion. Lego spielen dient ihm als Untersuchungsgegenstand
und Fall für den technologischen Alphabetismus. Mario Kaiser hat eine Tochter, Madlaina.
Die Macherinnen und Macher
VON IDEALISMUS
Das Computerspiel Destiny lockte in seiner kurzen Beta-Phase mehr als 4.6 Millionen Spieler
an, die das Programm während 10 Tagen testeten.
1980 prägte der Futurologe Alvin Toffler den
Begriff des prosumers bzw. des Prosumenten.
Laut Toffler verschwinden in der postindustriellen Gesellschaft des Informationszeitalters
die Unterschiede zwischen Produzenten und
Konsumenten.
«We see a progressive blurring of the line
that separates producer from consumer.
We see the rising significance of the prosumer.»11
Opensource-Software, Social Media, Ebay,
Amazon oder die Entwicklung von Computerspielen (‘Betatests’) scheinen Tofflers Diagnose
Recht zu geben: Nutzerinnen und Nutzer konsumieren nicht nur Inhalte, sondern produzieren diese im Sinne des Crowdsourcing auch
mit. Allerdings ist die Diagnose eines rise of the
prosumer in zwei Aspekten kritisch zu ergänzen.
Erstens haben die Soziologen George Ritzer
und Nathan Jurgenson in einem Aufsatz auf
wer?
36
die ungleiche Verteilung von Arbeit und Profit hingewiesen.12 Die Produktion von Inhalten
erfolgt weitgehend unbezahlt und führt so zu
einem Überangebot der prosumierten Produkte. Inhalte verlieren ihren Wert. Allerdings
können die Anbieter dieser Inhalte aufgrund
der eingesparten Produktionskosten die Profite
deutlich erhöhen.
Zweitens ist gerade in der Wissenschaft die
Verschmelzung von Produktion und Konsumption bzw. von Autorschaft und Leserschaft seit dem 17. Jahrhundert in Gange. Der
Wissenschaftssoziologe Robert K. Merton hat
bereits 1942 diese Eigenart der Wissenschaft
hervorgehoben: Der Wissenschaftler steht
nicht wie der Arzt, der Anwalt oder der Lehrer
einer Laienklientel gegenüber.13 Die Produkte
der Wissenschaft in Form von Büchern oder
Aufsätzen werden in erster Linie von Wissenschaftlern zur Kenntnis genommen, die darauf nicht selten mit Büchern oder Aufsätzen
reagieren. Wissenschaftler sind folglich keine
passiven Konsumenten oder Leser, sondern
allesamt mögliche Produzenten bzw. Autoren.
Die Avenue ist auf die freiwillige Mitarbeit von
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern,
auf aktive Leserinnen und Leser angewiesen. In
einem wissenschaftlichen Artikel etwa stecken
mehrere Jahre mühevoller Forschungsarbeit,
die abgesehen von der eigentlichen Schreibzeit kaum je finanziell angemessen entschädigt
werden kann.
Den Prosumentinnen und Prosumenten, die
mit ihren Forschungen, ihrem Wissen und
ihren Erfahrungen die Inhalte der Avenue bestreiten, kommt die Zeitschrift in zweierlei
Weise entgegen:
■■
■■
Einerseits garantiert sie eine faire Bezahlung für die geleistete Schreibarbeit.
Andererseits gehen wir davon aus, dass
die gemeinsame Arbeit an einem Gedanken als sinnvoll und beglückend empfunden werden kann.
Im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften Wissen zu schaffen, zu vermitteln und auch
an diesem teilzuhaben, erscheint uns als Privileg, für das mit einem gewissen Idealismus bezahlt werden kann. Doch die Miete muss man
damit bestreiten können – und zwar die ganze.
Wissenschaftler sind gewohnt, für ihre Fachartikel in Zeitschriften bestenfalls Ruhm und
Ehre in Form von möglichst vielen Zitationen
zu ernten. Mit der Bezahlung von wissenschaftlicher Erkenntnis in Schriftform hapert es. Das
ist bedenklich – zum einen, weil die Autoren
unter dem größten Publikationsdruck sich oft
in prekärer Lage befinden: die Angehörigen
des sogenannten akademischen Mittelbaus.
Zum anderen kommt in der Nichtbezahlung
und im häufig leeren Versprechen von Ruhm
und Karriere eine mangelnde Wertschätzung
zum Ausdruck – gegenüber den Wissensschaffenden genauso wie gegenüber dem geschaffenen Wissen.
UND FAIR CONTENT
Wenn die Avenue ihre Autoren und Redakteure fair bezahlt, dann tut sie dies, weil wir der
Überzeugung sind, dass wissenschaftliches
und wissenschaftsjournalistisches Schreiben
nicht nur eine zeitintensive Investition in eine
unsichere Zukunft darstellen sollte. Vielmehr
soll es das Bestreiten des Lebensunterhalts im
Hier und Jetzt ermöglichen oder wenigstens
erleichtern. Auch gilt es schlicht ein Zeichen zu
setzen: Geistes- und sozialwissenschaftliches
Wissen ist wertvoll.
Die Verantwortlichen der Avenue setzen sich
deshalb für fair content und damit für faire Autorenhonorare ein.
Die Leserinnen und Leser
Modedesigner und Flaneur
Jan (55) inter­es­siert sich für schöne Klei­der,
schöne Men­schen und schöne Gedan­ken. Sei­
ner St. Gal­le­ner Her­kunft ver­dankt er ein Fai­
ble für prä­zis gewirkte Stoffe, den Aus­bil­dungs­
jah­ren in Paris das Haute-Couture-Handwerk,
Ant­
wer­
pen in den 1980er Jah­
ren den Mut.
Nach ein paar Hungerjahren in Lon­don ist Jan
nach St. Gal­len zurück­ge­kehrt. Dort hat er ein
eige­nes Mode­la­bel gegrün­det und 10 Jahre später wieder ver­kauft. Seit­her zeich­net er für die
Kol­lek­tion eines Großverteilers verantwortlich.
Jan trennt nicht zwi­schen work und life. Anre­
gung holt er ohne Anstren­gung auf der Straße.
Trends zeich­nen sich für ihn nicht not­wen­di­
ger­weise auf dem cat­walk ab. Viel­mehr lie­gen sie
„in der Luft«, aus der es sie her­aus­zu­fil­tern gilt.
wer?
38
Die Ave­nue hat Jan zufällig am Kiosk ent­deckt
­– ihm hat das Heft-Cover gefal­len. Inzwi­schen
kauft er sie regelmäßig. Dabei liest er sie eklek­
ti­zis­tisch auf Ein­drü­cke, For­mu­lie­run­gen,
Gedan­ken hin, die er selbst in die­ser Form
noch nicht gehabt hat.
Kommentare
Gerold says
14. August 2014 at 22:19 (Edit)
That‘s me.
VON TOP-ENTSCHEIDERN
UND MENSCHEN
An wen richtet sich eine Zeitschrift? Die Mediendaten eines Magazins für politische Kultur,
das vornehmlich ‚Top-Entscheider‘ ansprechen
soll, geben mit Hilfe von drei Profilen Auskunft
über die Leserschaft. Ein solches Profil liest
sich wie folgt:
Wir geben nicht vor, unsere Leserschaft zu
kennen. Wir wissen lediglich, dass mehr als
2 Millionen Menschen im deutschsprachigen
Raum einen geistes- oder sozialwissenschaftlichen Hochschulabschluss besitzen.
„Relevanz mit Erfolg. Er arbeitet als Arzt
oder als Rechtsanwalt und gehört so zur
selbstbewussten Elite mit Lebensstil auf
höchstem Niveau. Beruflich erfolgreich,
hat er genauso das Wohl seiner Familie im
Blick. Seine Ansprüche sind hoch: Vor allem
beim Kauf neuen Interieurs und als Feinschmecker investiert er gern in Qualität«.
Und: Wir haben eine klare Vorstellung von all
den Freunden, die das Projekt Avenue mit Interesse verfolgen und es kaum erwarten können,
die erste Ausgabe in ihren Händen zu halten.
Deshalb sind es ihre gelebten Biographien, welche die Grundlage von 9 Profilen bilden, mit
denen wir uns ein Bild von der Leserschaft der
Avenue machen.
Ist es die angebliche Misere der Printmedien,
die jene dazu bringt, sich die Welt aus zahlungskräftigen ‚Top-Entscheidern‘ zusammenzureimen? Oder ist es die verzweifelte Suche
nach Anzeigenkunden, die eine ‚selbstbewusste Elite‘ schafft?
Abgesehen davon, dass wir die Namen geändert und unseren Freunden photographisch
ein neues Aussehen gegeben haben, sind die
Profile so geraten, dass die Betreffenden sich in
ihnen stets noch erkennen können.
Die Frage ist ohne erheblichen Forschungsaufwand kaum zu beantworten. Klar aber ist, dass
solche und ähnliche Profile nur sehr lose mit
der sozialen bzw. demographischen Realität
einer an Politik interessierten Leserschaft verbunden sind. Dafür spricht auch, dass Printmedien von ihren Leserinnen und Leser kaum
mehr als ihr Geschlecht und ihren Bildungsabschluss kennen.
Anwältin und Konzertbesucherin
Tanja (32) hat das Talent, was immer sie anpackt, von Anfang an rich­tig zu machen. Sie
hat ein glän­zen­des Abitur hin­ge­legt, dann in
Düs­sel­dorf – inklu­siv Aus­tausch­se­mes­ter in
Cam­bridge – Juris­pru­denz stu­diert. Wäh­rend
ihres Refe­ren­da­ri­ats hat sie promoviert und in
jeder sie betreu­en­den Anwalts­kanz­lei ein Job­
an­ge­bot erhal­ten.
Nach ihrem Anwalts­
ex­
amen vor zwei Jah­
ren hat sie begon­nen, sich als Straf­recht­le­rin
im Jugend­straf­recht und im Hin­blick auf geschlechter- und schich­ten­spe­zi­fi­sche Straf­t a­ten
zu spezialisieren.
Vater und Denker
Tanja hat ein Avenue-Abonnement – so, wie sie
ein Theater-Abo besitzt und regel­mä­ßig Kon­
zerte besucht. Die Ave­nue bie­tet ihrem Geist
Nah­rung und ihr eine beru­hi­gende Gegen­welt
zu ihrem Alltagserleben.
Kommentare
Micha says
20. Juni 2014 at 21:03 (Edit)
Phil­ippe (38) hat Ger­ma­nis­tik und Sozio­lo­
gie stu­diert und kürzlich eine Dis­ser­ta­tion an
der Uni­ver­si­tät Ham­burg vor­ge­legt. Hier hat
sich Phil­ippe auch ver­liebt. Seit vier Jah­ren ist
er Vater eines Soh­nes, seit zwei Jah­ren einer
Toch­ter. Im Moment geht Phil­ippe einer Reihe von Erwerbstätigkeiten nach und ist für die
Kin­der­be­treu­ung ver­ant­wort­lich. Das Fami­
li­en­ein­kom­men erwirt­schaf­t et seine Frau als
Leh­re­rin.
Damit bin ja wohl nicht ich gemeint. Aber viel­
leicht Julie? Die würde Eure Zeitschrift auch
tatsächlich lesen.
Phil­ippe liest viel, äußerst kri­tisch und quer
durch die Dis­zi­pli­nen; er ist ein wit­zig und
scharf argu­men­tie­ren­der Gesprächspartner.
Die Ave­nue liest Phil­ippe, um einen Blick über
den Rand des Gewuss­ten hin­aus zu wer­fen und
sei­nen Kopf zwi­schen Win­deln und Sand­kas­
ten alert zu hal­ten. 10 Minu­ten Avenue-Lektüre
genü­gen einem geschul­ten Den­ker wie Phil­
wer?
40
ippe, sich nach dem Zubett­brin­gen der Kin­der
wie­der als auf­ge­räumt und als Erwach­se­ner zu
emp­fin­den, der Teil hat am Euro­päi­schen Geisteskulturgut.
Kommentare
Torsten says
9. Juli 2014 at 14:53 (Edit)
«Den Kopf zwischen Windeln und Sandkasten
alert halten?»
Mario says
10. Juli 2014 at 09:12 (Edit)
Das Profil könnte auch das von Fritz oder Adriano sein. Adriano hat allerdings 4 Kinder. Ausserdem: Philippe könnte auch eine Frau sein.
Lebens­ex­per­tin & Entscheidungshelferin
Sharon (50) ist in Aus­tra­lien auf­ge­wach­sen.
Mit 25 Jahren ist sie mit ihrem künf­ti­gen Mann
in die Schweiz gereist und hat hier Eng­li­sche
Lite­ra­tur und Geschichte stu­diert. Nach einem
Dok­to­rat Mitte der 1990er Jahre hat sie eine
Fami­lie gegrün­det und begon­nen, als Coach für
For­sche­rin­nen und For­scher an einer Uni­ver­si­
tät zu arbei­ten. Mit Enga­ge­ment und Empa­thie
hat sie viele Men­schen durch die schwie­ri­gen
Pas­sa­gen ihrer Qua­li­fi­ka­ti­ons­ar­bei­ten gelei­tet.
wer?
42
Unter­neh­mer & know­ledge broker
Gegen­wär­tig berei­tet Sharon ihre Selbst­stän­
dig­keit als Coa­ching­ex­per­tin vor. Neben Jazz­
mu­sik liebt Sharon Comedy, beson­ders die bri­
ti­sche Satire eines Ricky Ger­vais oder Ste­phen
Fry. Und: Sharon twittert.
Sharon liest die Ave­nue, weil sie auf Zeit­dia­gno­
sen und geist­rei­che Ana­ly­sen des wis­sen­schaft­
li­chen und poli­ti­schen Alltags nicht ver­zich­ten
möchte. Sie braucht die Avenue außerdem, um
der Gedankenwelt ihrer coachees nahe zu bleiben.
Hubert (47) hat vor 20 Jah­
ren Phi­
lo­
so­
phie
und Geschichte stu­
diert. Der­
zeit arbei­
tet er
als Coach für tech­no­lo­gie­ba­sierte Jung­un­ter­
neh­men. Davor hat Hubert erfolg­reich zwei
Zeit­schrif­ten lan­ciert, die sich mit den sozioökonomischen Aspek­
ten von IT-Technologien aus­ein­an­der­set­zen. Mit sei­ner Frau und
sei­nen bei­den Kin­dern unter­nimmt er regelmäßig mehr­wö­chige Kul­tur­rei­sen nach Ita­lien,
Frank­reich und Kanada.
Die Stunde vor dem Schla­fen­ge­hen ver­bringt
Hubert jeweils mit der Lek­türe von The Eco­no­
mist, Bio­gra­phien von Intel­lek­tu­el­len sowie deren Wer­ken (u.a. Slo­ter­dijk, Haber­mas & Co.).
Hubert rezi­piert Wis­sen aus unter­schied­li­chen
Quel­len und ver­mit­telt die­ses Wis­sen an Akteure aus ver­schie­de­nen Feldern.
Hubert liest die Ave­nue, weil er sich über Ent­
wick­lun­gen im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften auf dem Lau­fen­den hal­ten und
sich von neuen Ideen anre­gen las­sen möchte.
Doktorandin & Lehrerin
Ruth (32) hat meh­rere Jahre als Pri­mar­leh­re­rin
gear­bei­tet. Von ihren Erspar­nis­sen hat sie sich
dar­auf­h in ein Inten­siv­stu­dium an der Euro­
pean Gra­duate School in Saas Fee geleis­tet. Sie
hat Vor­le­sun­gen und Semi­nare u.a. bei Judith
But­ler, Gior­gio Agam­ben und Avi­tal Ronell besucht.
Danach hat Ruth Sozio­lo­gie in Frei­burg im
Breis­gau stu­diert und vor zwei Jah­ren mit einer
Dok­tor­ar­beit zum Thema ‘Zeit­struk­tu­ren der
Poli­tik’ begon­nen.
Studi-WG
Ben, Student der Slawistik, 22; Maja, Studentin
für Gesang, 23; Vincent, Student der Sinologie
und Philosophie, 20
Ben, Maja und Vincent bewohnen eine etwas
in die Jahre gekommene 3-Zimmerwohnung,
Gründerzeit, fünfter Stock, in die Küche integrierte Dusche, Nähe Augarten in Wien. Sie
kommen aus Niederösterreich und aus Kärnten. Sie werfen sich in den Rhythmus der großen, alten Stadt; sie haben Lesegruppen und
Ensembles und sind verliebt ins Diskutieren.
Vincent ist eher schüchtern und fleißig, gibt
sich aber das Aussehen eines Mannes von Welt;
Maja ist lustig und laut und umschwirrt von
Freundinnen und Freunden; Ben trägt Kapuzenpullis und führt die politischen Grundsatzdebatten.
wer?
44
Maja, Vincent und Ben haben als WG ein
Avenue-Studierenden-Abonnement. Sie haben
die Avenue bei einer der ersten Verteilaktionen
an der Uni kennengelernt. Weil das Studentenabo nicht allzu teuer ist und sie finden, dass
die Avenue schön aussieht und auch zeigt, dass
man interessiert ist, haben sie beschlossen, die
Avenue nicht nur online zu nutzen. Sie schätzen es, Fragestellungen, die sie umtreiben, fächerübergreifend behandelt zu sehen.
Online brauchen sie das Avenue-Archiv, insbesondere die Rubrik namedropping, und den
Veranstaltungskalender. Vincent und Ben haben sich im Avenue Salon registriert und schalten sich gelegentlich mit Kommentaren und
Fragen ein. Ben hat außerdem eine Reportage
aus der Mensa geschrieben; sie muss allerdings
noch etwas gekürzt werden.
Intel­lek­tu­elle Inhalte rezi­piert Ruth kaum mehr
aus Büchern und Gedruck­tem. Sie lebt und
denkt in der Welt von Youtube, Blogs, Twit­ter
& Co. Aller­dings wei­gert sie sich, Face­book beizutreten.
Ruth liest die Online-Ausgabe der Ave­nue, weil
sie auf der Web­seite drei Bedürf­nisse befrie­digt
sieht: ihre Suche nach Gleich­ge­sinn­ten, ihre
Neu­gierde und ihren Wunsch nach Veränderung.
Wo gibt es
die Avenue?
In der Welt des Drucks besetzt die Avenue eine Marktlücke. Es gibt Kulturmagazine, es gibt Wissenschaftsmagazine und es gibt: nichts dazwischen. Einerseits haben sich die Kulturmagazine ausdifferenziert
etwa inZeitschriften der Wirtschaftskultur, der politischen Kultur
oder der Alltagskultur. Ein Magazin der Wissens- oder Wissenschaftskultur fehlt. Andererseits gibt es zahlreiche populäre Wissenschaftszeitschriften – doch alle mit natur- und technikwissenschaftlichen Inhalten. Dieser Leeraum, vom Kultur- und Wissenschaftsjournalismus
ausgespart, ist der Ort der Avenue in der Zeitungslandschaft.
Die Position der Avenue in der digitalen Welt verdankt sich dem
Wunsch nach einer inter- und transdisziplinären Plattform für geistes- und sozialwissenschaftliche Aktivitäten. Im Gegensatz zu einschlägigen Abonnementsdiensten richtet sich der Avenue Salon an
eine zwar interessierte, aber nicht spezialisierte Öffentlichkeit. Und
diese ist nicht am täglichen Administrationsmief an Hochschulen,
sondern an guten Inhalten interessiert – mit einem Schuss Glamour.
Die Verbindung beider Welten, der Welt des Papiers und der Welt
der Bits, sichert der Avenue eine hohe Sichtbarkeit. Dank ihr finden
zahlreiche Menschen Orientierung auf ihrer Suche nach den besten
Inhalten.
46
AVENUE
Nähe zur Kultur
Die Avenue in der
Zeitschriftenlandschaft
In der bestehenden Zeitschriftenlandschaft befindet sich die Avenue zwischen den Bereichen
Wissenschaft und Kultur. Mit dieser Positionierung überwindet die Zeitschrift die Kluft zwischen Wissenschafts- und Kulturjournalismus.
Nähe zur Wissenschaft
WISSENSCHAFTSMAGAZINE
Die Position der Avenue in der Zeitungslandschaft wird durch die Achsen Nähe zur Wissenschaft und Nähe zur Kultur bestimmt.
NÄHE ZUR WISSENSCHAFT
Wo verläuft die Grenze zwischen Wissenschaft
und Wissenschaftsjournalismus? Der Wissenschaftsforscher Stephen Hilgartner hat in
einem vielzitierten Artikel14 die bislang vorherrschende Vorstellung einer klaren Grenze
zwischen Wahrheit und Unterhaltung kritisiert
und für ein graduelles Verständnis geworben.
Publikationen sind dementsprechend mehr
upstream oder mehr downstream der Wissenschaft zu verorten.
Für die Avenue gilt entsprechend: Sie liegt weiter downstream als die disziplinär einschlägigen Fachzeitschriften etwa der Soziologie (u.a.
Leviathan) oder der Philosophie (u.a. dialectica). Im Vergleich mit den Natur- und Technikwissenschaften liegt sie etwa gleich auf mit
dem Spektrum der Wissenschaft.
wo?
48
NÄHE ZUR KULTUR
Kaum ein anderer Begriff hat eine so starke
Demokratisierung erlebt wie jener der Kultur.
Die Kulturbegriffe (u.a. Firmen-, Wohn- oder
Fehlerkultur) sind diskursiv explodiert. Zudem
hat sich im Zuge dessen die Unterscheidung
zwischen ernster und Unterhaltungskultur aufgelöst.
Da der Journalismus aber immer noch den
Kulturjournalismus von anderen Journalismen abgrenzt und hierfür einen traditionellen
Kulturbegriff in Anspruch nimmt, wird dieser
journalistischen Usanz hier gefolgt.
Die Avenue positioniert sich auf der Kulturachse weiter downstream von der voraussetzungsvollen Kulturzeitschrift Lettre International,
legt aber mehr Wert auf klassische Bildungskultur als etwa die «nerd-culture»-Zeitschrift
wired.
Für die letzten 20 Jahre lässt sich eine bemerkenswerte Expansion des populärwissenschaftlichen Zeitschriftengenres registrieren.
1987 gründete GEO die eigenständige Zeitschrift GEO WISSEN aus, die halbjährlich
erscheint. Die Hamburger Wochenzeitschrift
DIE ZEIT gibt seit 2004 das Magazin ZEIT
WISSEN heraus, das alle zwei Monate mit einer Auflage von mehr als 100'000 Exemplaren
publiziert wird. Beide Zeitschriften ergänzen
und konkurrieren die seit den 1970er Jahren
bestehenden Zeitschriften Spektrum der Wissenschaft und Bild der Wissenschaft. Zu dieser
«Verwissenschaftlichung» der Zeitschriftenlandschaft maßgeblich beigetragen hat das
auflagenstarke Boulevard-Magazin Welt der
Wunder – mit mehr als 240'000 Auflagen pro
Monat.
... UND IHRE GRENZEN
Die erwähnten Zeitschriften belegen eindrücklich das gestiegene Interesse an wissenschaftlichen Inhalten. Zugleich aber zeigen die
Magazine die Grenzen des bisherigen Wissenschaftsjournalismus auf, sobald es dieser mit
geistes- und sozialwissenschaftlichen Themen
und Thesen zu tun hat. Ihr starker Fokus auf
die Natur- und Technikwissenschaften verhindert eine adäquate Bewältigung geistes- und
sozialwissenschaftlicher Komplexität. Zwar
finden psychologische oder historische Inhalte
regelmäßig Beachtung, doch werden diese als
matters of fact ähnlich wie naturwissenschaftliche Resultate dargestellt. Der von Feuilletons
gepflegte Stil eines problematisierenden und
reflektierenden Journalismus ist diesen Zeitschriften weitgehend fremd. Ihr Format ist
für die Darstellung geistes- und sozialwissenschaftlicher Methoden, Theorien und Reflexionen denkbar ungeeignet.
KULTURMAGAZINE
Der Kulturjournalismus ist seit Jahren einem
starken Wandel ausgesetzt. Auf der einen Seite
werden die Feuilletons der großen Tageszeitungen meist überlesen, auf der anderen Seite
lässt sich eine Ausdifferenzierung und Spezialisierung beobachten. Letztere Entwicklung
belegt etwa das Magazin Reportagen, das seit
2011 in einer Auflage von 14'000 Exemplaren
zweimonatlich (vorwiegend) in der Schweiz
erscheint. Es ist ganz der literarischen Reportage verpflichtet und verzichtet auf Bilddokumentationen. Eine ähnliche Ausrichtung verfolgt die DUMMY, die seit 2003 inzwischen
mit einer Auflage von 45'000 Exemplaren
vier Mal im Jahr erscheint. In monothematischen Heften widmet sich das Magazin jeweils
spezifischen Aspekten der Gesellschaftskultur, u.a. Frauen, Tempo, Türken, Liebe, Sex,
Schweiz, Schwarze oder Glück. Einen anderen
Weg beschreitet seit mehreren Jahren Cicero –
das Magazin für politische Kultur. Obwohl es
sich thematisch vorwiegend mit der Politik
Deutschlands auseinandersetzt, gleicht der Stil
der Berichterstattung jenem des Feuilletons.
Ähnliches gilt für das Wirtschaftsmagazin
brand eins, das monatlich in einer Auflage von
ca. 90'000 Exemplaren zwar über die Wirtschaft berichtet, hierzu aber auf Mittel des
Kulturjournalismus zurückgreift.
Wird der Bereich zwischen Kultur und Wissenschaft vergrössert, tauchen in der Nachbarschaft
der Avenue weitere Magazine auf, die eine akademische Provenienz erkennen lassen.
Seit 2006 erscheint in einer Auflage von 4'000
Exemplaren die polar – eine Halbjahreszeitschrift für Politik, Theorie und Alltag, die im
Campus-Verlag verlegt wird. Die fast buchdicke
Zeitschrift analysiert mit viel politischer Theorie
das aktuelle Zeitgeschehen. Insofern es ihr um
eine wissenschaftlich informierte Politisierung
des Alltags geht, qualifiziert sie sich nur am Rande als Wissenschaftsmagazin der Geistes- und
Sozialwissenschaften. Allerdings stellt sie die
perfekte Ergänzungslektüre für die Avenue dar.
2011 war ein Jahr, in dem gleich zwei Philosophiezeitschriften in hoher Auflage auf dem
Markt erschienen. Das Philosophie Magazin (6
mal jährlich à 100'000 Ex.) sowie die Hohe Luft
(6 mal jährlich à 70'000 Ex.) widmen sich bei-
wo?
50
de dem Versuch, die Philosophie im Alltag zu
verankern und so Orientierung in allen Lebenslagen zu bieten. Dieser starke Praxisbezug lässt
bei beiden Magazinen die Grenze zu Lebenshilfe- und Ratgeberzeitschriften verschwimmen. Auf eine wissenschaftliche Distanz wird
bewusst verzichtet. Die Avenue grenzt sich gegenüber beiden Magazinen erstens durch ihre
Nähe zur aktuellen Forschung, zweitens durch
ihre multidisziplinäre (und nicht ausschließlich
philosophische) Perspektive und drittens durch
Verzicht auf «Problemlösungsstrategien im Alltag» ab.
Bislang existiert die Suburban lediglich als Online-Zeitschrift. Obwohl sie primär ein klassisches akademisches Publikationsorgan (inkl.
peer review) darstellt, richtet sich ihr Anliegen
an ein breiteres Publikum. Die Avenue versteht
sich im direkten Vergleich hierzu deutlich populärwissenschaftlicher und weitaus polythematischer.
Eine Sonderstellung nimmt die Zeitschrift
Lettre International ein. Sie gehört zu einer
der voraussetzungsreichsten Periodika, die
sich an ein interessiertes, aber nicht spezialisiertes Publikum wenden. Insofern die Lettre
vorwiegend aus Originalessays von Autoren
der kulturellen und intellektuellen Avantgarde
besteht, stellt sich bei ihr die Frage, ob sie noch
als Magazin des Kulturjournalismus gelten
kann: Eine vom Magazin selbst angestrengte
journalistische Mehrarbeit ist kaum vorhanden.
... UND IHRE GRENZEN
Der Kulturjournalismus mag, wie oft behauptet wird, im Sterben liegen. Das betrifft jedoch
nur sein feuilletonistisches Profil, das der Besprechung und Kritik kultureller Erzeugnisse
und Veranstaltungen gewidmet ist. Magazine
wie DUMMY, Cicero oder auch das NZZ FOLIO beweisen, dass sich Kultur journalistisch
auch anders denn als Summe von Theateraufführungen, klassischen Konzerten und Belletristik durchdringen lässt. Der Kulturjournalismus ist tot, lang lebe der Kulturjournalismus.
Bemerkenswerterweise hat die Ausdifferenzierung von Kulturmagazinen die Wissenschaft
noch nicht erschlossen: Ein Magazin für Wissens- bzw. Wissenschaftskultur fehlt.
DIE ÜBERWINDUNG DER KLUFT
Was ihren Gegenstand anbelangt, stellt die
Avenue ein Wissenschaftsmagazin dar, dem
Spektrum der Wissenschaft nicht unähnlich.
Da jedoch der an Natur- und Technikwissenschaften erprobte Wissenschaftsjournalismus
nicht geeignet ist, Inhalte der Geistes- und Sozialwissenschaften angemessen zu verarbeiten,
bedarf es eines neuen Wissenschaftsjournalismus – konkret: eines neuen Wissenschaftskulturjournalismus.
Mit dieser Positionierung überwindet die
Avenue das Entscheidungsproblem am Bahnhofskiosk: Nicht mehr entweder Wissenschaft
oder Kultur, sondern beides: Wissenskultur
eben.
Die Avenue im Netz
DIES- UND JENSEITS AKADEMISCHER DISZIPLINEN
Die Rolle des Salons sowie seiner berühmten
Salonièren wie Madame Geoffrin, Mademoiselle de Lespinasse oder Madame Necker ist
wissenschaftshistorisch immer noch umstritten. In Dena Goodmans Studie The Repu- blic
of Lettres15 etwa fungiert der von Frauen geführte Salon als Epizentrum der französischen
Aufklärung, da er eine neue Geselligkeit institutionalisierte: die Verbindung von Höflichkeit, Bildung und freiem Meinungs- und Gedankenaustausch.
Mit diesem Befund schließt sich Goodman
weitgehend der These von Habermas’ Strukturwandel der Öffentlichkeit16 an, wonach die
Salonkultur eine neue, nicht mehr nur repräsentative, sondern diskursive Öffentlichkeit
beförderte.
wo?
52
Studien im Anschluss an Norbert Elias’ Prozess
der Zivilisation17 hingegen bezweifeln die Rolle des Salons als Keimzelle einer bürgerlichen,
aufgeklärten und gebildeten Öffentlichkeit.
Vielmehr betrachten sie in den Salon als eine
Fortsetzung höfischer Kultur ohne politische
Sprengkraft.
Ungeachtet dessen verbreitete sich die Institution des Salons im 19. Jahrhundert über ganz
Europa und installierte eine spezifische Form
der Geselligkeit, die Wissen, Ideen, Kunst und
Literatur mit Kollegialität und Freundschaft
verband.
Interdisziplinarität, Multidisziplinarität oder
gar Transdisziplinarität sind politische Schlagworte ohne große Resonanz in den Wissenschaftsdiszplinen. Mehr noch als auf die Kooperation unterschiedlicher Wissenschaften
verweisen die Worte auf ein allgemeines Unbehagen am Verhältnis von Wissenschaft und
Gesellschaft. Mehr Lebens- und Problembezug
wird gefordert und von wissenschaftlicher Seite mit disziplinären Karrierestrukturen, einschlägigen Fachjournalen und Schulenbildung
beantwortet.
Kein Wunder also, wenn es auch im deutschsprachigen Netz an Adressen mangelt, die geistes- und sozialwissenschaftliches Wissen allgemein zugänglich gestalten, präsentieren und
verständlich machen. Nota bene: das gilt nicht
für die Natur- und Technikwissenschaften.
Innerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaften haben es lediglich spezifische Abonemmentsdienste geschafft, eine hohe Sichtbarkeit
zu erreichen. Sie sind zwar disziplinär orientiert, vermeiden jedoch eine zu hohe Spezialisierung. H-Soz-Kult etwa versteht sich als
Fachforum und Informations- und Kommunikationsplattform für Historikerinnen und Historiker, berücksichtigt hierbei jedoch alle Bereiche der Geschichtswissenschaften. Kern von
H-Soz-Kult ist ein kostenloser Newsletter, der
das Publikum auf Buchrezensionen, Tagun-
gen und Tagungsberichte auf der eigenen Seite
aufmerksam macht. Gemäß eigenen Angaben
besuchen monatlich mehr als 250'000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Seite.
Ähnlich funktioniert H-Germanistik, eine
Mailingliste für Deutsche Sprachwissenschaft.
Der Avenue Salon positioniert sich im Vergleich zu den genannten Foren wesentlich populärwissenschaftlicher und deutlich weniger
disziplinär orientiert. Zu den Besuchern des
Salons sollen Journalistinnen und Journalisten,
Kulturschaffende, Naturwissenschaftlerinnen
und -wissenschaftler, allgemein an Wissen und
Denken Interessierte genauso zählen wie disziplinär einschlägige Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler.
Dieser Öffentlichkeitsbezug, der von mehr
Glamour und Design unterstrichen wird, soll
jedoch nicht die Rolle wichtiger wissenschaftlicher Dienstleistungen schmälern. Im Gegenteil: Der Avenue Salon will für die Studierenden
etwa mittels Lesehilfen und Berichten über das
Leben an der Uni, für Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftler mittels Tagungsberichten
und Rezensionen sowie mittels eines übersichtlichen Kalenders zu einer wichtigen, wenn
nicht der Adresse für Geistes- und Sozialwissenschaften werden.
Die Avenue im Netz will kein Fachforum, sondern eben ein Salon sein.
Wann gibt es
die Avenue?
Die erste Avenue soll im Herbst 2015 erscheinen.
Um exakt 24 Uhr des 16. Novembers 2014 wurde dieses Dokument
fertiggestellt. Die Monate dazwischen nutzen wir, um die Avenue
zunächst sozial zu stärken. Es gilt, die Idee Bekannten vorzustellen,
Verbündete im Geiste und in der Arbeit zu finden und der Idee wohlgesonnene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in unseren
wissenschaftlichen Beirat sowie ebenso wohlgesonnene Medienschaffende in unseren journalistischen Beirat einzuladen. Die zahlreichen
Gespräche werden uns helfen, das Konzept zu verbessern und die
Idee breiter zu verankern.
Bald schon suchen wir nach einer tragfähigen Finanzierung für die
Avenue. Die errechneten Zahlen lassen diesbezüglich einen gewissen
Bedarf erkennen. Wir glauben, dass sich besonders Stiftungen, die
sich genauso wie wir der Verbindung von Kultur und Wissenschaft
verschrieben haben, für das Projekt begeistern lassen.
54
Endnoten
1. Brockman, John. The Third Culture. New
York: Simon & Schuster, 1995.
2. Snow, C. P. The Two Cultures and the
Scientific Revolution. New York: Cambridge University Press, 1959.
3. Vgl. die Beiträge (u.a. von Michael Power) im Sammelband: Matthies, Hildegard,
und Dagmar Simon, Hrsg. Wissenschaft
unter Beobachtung: Effekte und Defekte
von Evaluationen. Leviathan Sonderausgabe. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2008.
4. Noch fehlt es an distanzierten und kritischen Analysen der ‚new governance of
science‘. Einen ersten Aufruf hierzu findet
sich in einem vielzitierten Aufsatz von
Alan Irwin: «The Politics of Talk: Coming
to Terms with the ‚New‘ Scientific Governance». Social Studies of Science 36, Nr. 2
(2006): 299–320.
5. Summers, John. «About | The Baffler». The
Baffler, http://www. thebaffler.com/about/
(17. August 2014).
6. Die Daten stammen vom Eidgenössschen
Bundesamt für Statistik (www.bfs.admin.
ch), von Statistik Austria (www.statistik.at) und vom Statistischen Bundesamt
(www. destatis.de/).
56
7. Die Daten stammen aus folgenden Quellen:
für Deutschland (http://www.kreativwirtschaft-deutschland.de/Information/
ZahlenundStatistiken/tabid/109/language/ de-DE/Default.aspx), für die Schweiz
(http://www.creativeeconomy.ch/article/3/) und für Österreich (https://www.
wko.at/Content.Node/Interessenvertretung/Standort-und-Innovation/Innovation-und-Kreativwirtschaft/Kreativwirtschaft_in_Oesterreich.html).
Land
Teil- & Vollzeitbeschäftigte
D763'400
A
263 '127
CH
130 '400
Total1 '156' 927
10. Clynes, Manfred E., und Nathan S. Kline.
«Cyborgs and space». Astronautics (1960):
26–27;74–76.
11. Toffler, Alvin. The Third Wave. New York:
Morrow, 1980: 278.
12. Ritzer, George, und Nathan Jurgenson.
«Production, Consumption, Prosumption. The Nature of Capitalism in the Age of
the Digital ‘prosumer’». Journal of Consumer Culture 10, Nr. 1 (2010): 13–36.
13. Merton, Robert King. «Science and Technology in a Democratic Order». Journal
of Legal and Political Sociology 1 (1942):
115–26.
8. Florida, Richard L. The Rise of the Creative Class: And How It’s Transforming Work,
Leisure, Community and Everyday Life.
New York, NY: Basic Books, 2002.
14. Hilgartner, Stephen. «The Dominant View
of Popularization: Conceptual Problems,
Political Uses». Social Studies of Science 20,
Nr. 3 (1990): 519–39.
9. Haraway, Donna. «A Cyborg Manifesto:
Science, Technology, and Socialist-Feminism in the 1980’s». Socialist Review 80
(1985): 65–108. Auf Deutsch erschienen
unter: «Ein Manifest für Cyborgs. Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften». In Haraway Donna, Hrsg. Die
Neuerfindung der Natur. Primaten,Cyborgs
und Frauen, Frankfurt am Main, New
York: Campus, 1995: 33–72.
15. Goodman, Dena. The Republic of Letters:
A Cultural History of the French Enlightenment. Ithaca: Cornell University Press,
1994.
16. Habermas, Jürgen. Strukturwandel der Öffentlichkeit: Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. 3. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1993.
17. Elias, Norbert. Über den Prozess der Zivilisation: Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Erster Band: Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen
Oberschichten des Abendlandes. Frankfurt
am Main: Suhrkamp, 1976.
Bildnachweise
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Die Collagen auf den Seiten 1, 4, 6, 14, 34,
46 und 54 hat Laura Basso zur Verfügung gestellt. Sämtliche Rechte liegen bei
Laura.
Seite 8: Aufnahme der Champs-Élysées
vor 1897 (gemeinfrei)
Seite 10: John Brockman (© wowe)
Seite 12: Covers der Zeitschrift The Baffler
(© The Baffler)
Seite 16: Salon der Madame Geoffrin
(1812, gemalt von Lemonnier,
Anicet-Charles-Gabriel | Öl auf Leinwand
| gemeinfrei)
Seite 18: Matthew Barney, Cremaster 3
(fotografiert von Chris Winget |© Matthew Barney)
Seite 20: Cyborg Neil Harbisson (fotografiert von Mario Sixtus | Flickr | © Mario
Sixtus)
Seite 21: Matthew Barney, Cremaster 4
(fotografiert von Peter Strietmann | ©
Matthew Barney)
Seite 22, 23, 24, 25: Covervorschläge für
die kommenden Ausgaben der Avenue
(gestaltet von Mario Kaiser & Corinna
Virchow)
Seite 34: Corinna Virchow & Mario
Kaiser
Seite 36: Screenshot aus der Beta-Version des Computerspiels Destiny (Quelle:
Forbes.com [http://www.forbes.com/
sites/danielnyegriffiths/2014/07/24/
looking-to-the-moon-first-impressions-of-destinys-playstation-beta/])
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Seite 38: Gerold Brenner (Quelle: Chic
in Zürich (http://chic-in-zurich.ch/blog/
streetstyle/gerold-2) | © Gerold Brenner]
Seite 40: Lizzie (fotografiert von Peter
McConnochie, Flickr | © Peter McConnochie)
Seite 41: Selbstportrait (fotografiert von
Chris Marchant, Flickr | © Chris Marchant)
Seite 42: Portrait (fotografiert von Hendrik Dacquin, Flickr | © Hendrik Dacquin)
Seite 43: Selbstportrait (fotografiert von
Jeremy Jenum, Flickr | © Jeremy Jenum)
Seite 44: WG-Party bei Kay 21 (fotografiert von Tim Zeitfixierer, Flickr | © Tim
Zeitfixierer)
Seite 45: Portrait (fotografiert von Luigi
Morante, Flickr | © Luigi Morante)
Seite 50: Verschiedene Magazincover (©
bei polar, philosophie magazin, HOHE
LUFT, sub/urban)
Seite 52: Salon der Madame Geoffrin
(1812, gemalt von Lemonnier,
Anicet-Charles-Gabriel | Öl auf Leinwand
| gemeinfrei)