Schülerzeitung - Robert-Koch
Transcription
Schülerzeitung - Robert-Koch
Redaktion: Mariam Abdul Hadi Faruk Kına Tansu Dursun Nadia Hassan Axel Zander Natalie Zander Beratung, Korrektur, Aufsicht: Inge Sewig Einige Illustrationen stammen aus dem PK Kunst von Herrn Nordloh SORAYAS LESEBIOGRAPHIE Ich las schon bevor ich zur Schule ging, ich hatte es sehr früh gelernt, meine Mutter sagte mir, dass ich schon sprach bevor ich lief und begann zu lesen bevor ich ganz fünf Jahre alt war. Zu Hause hatten wir Wände voller Regale voll mit Büchern, die zum Großteil meinem Vater gehörten und deshalb meist dicke Gesetzeswälzer waren, doch eben auch Literatur. Allein vom optischen her faszinierten mich eine Reihe von Büchern, die mit dunklem Leder eingebunden waren und am Rücken in goldener Schrift auf dunkelrotem Hintergrund, eingefasst von filigranen goldenen Linien, den Autoren des Werkes verkündeten. Wie ich später herausfinden sollte, waren es Werke von Dostojewski und Tolstoi. Meine Eltern und Großeltern unterstützten, dass ich gerne las und Geschichten hörte, und schenkten meiner kleinen Schwester und mir viele Bücher. Zuallererst ganze Koffer voll Märchen und Geschichten auf Schallplatten und Kassetten, dann die kleinen Dixi Heftchen, Märchenbücher, dann aufwendig illustrierte Bücher zu den Disney Kinofilmen, also zu Bambi, zu Die Hexe und der Zauberer, Die Schöne und das Biest, Cinderella, Schneewittchen und die 7 Zwerge, Das Dschungelbuch, Fantasia, Dumbo, Peter Pan, Susi und Strolch und Arielle die Meerjungfrau. Mit Beginn der Grundschule ging ich auch allein in die Else Ury Kinder- und Jugendbibliothek, die direkt eine Straße weiter von zu Hause lag. Sie war meiner Meinung nach unheimlich schön, eben mein Traum, wie ein verzaubertes Märchenschloss wirkte sie auf mich in dem mit Efeu überwucherten Haus. Tagelang saß ich in der Sofaecke und las ein Jugendbuch nach dem anderen (z.B. Berts intime Katastrophen), Enid Blytons Bücher(Fünf Freunde auf einem Leuchtturm), Kriminalgeschichten(TKKG - Die Sekte Satans), Gruselgeschichten (Gänsehaut – Fürchte dich sehr!), Fantasy (z.B.Die Meute der Mórrígan , Die Nebel von Avalon), Märchen (1001 Nacht , Gestohlene Märchen), Comics, Mangas, aber auch, meist für Referate in Bio, z.B. Sachbücher über Tiere, oder alles Mögliche für Geschichte. Besonders angetan hatte es mir damals „Der kleine Prinz“. Bald witzelte die Bibliothekarin, dass ich die Ecke hinten links wohl schon komplett ausgelesen haben müsste. Das waren die Jugendbücher, und so ganz unrecht hatte sie nicht, denn bald ging ich nur noch auf Streifzug nach Büchern, die neu rein gekommen waren, und als sie es bemerkte, legte sie mir jedes Mal, wenn ich kam, wortlos das neueste vom neuen auf den Tresen. Ich liebte und liebe es einfach zu lesen, mich in diesen fremden Welten zu verlieren, in der alles in Ordnung ist oder zumindest kommen wird, in die Köpfe der Figuren zu steigen und ihre Handlungen zu verstehen, durch ihre Augen zu schauen, mich mit ihnen zu freuen, mit ihnen zu weinen und gespannt zu sein, was als nächstes geschehen wird. Jedes Buch fesselte mich irgendwie, egal, worum es ging. Zu Beginn waren es die Bücher, die jedes Mädchen irgendwann mal liest, ob früher oder später und warum auch immer: Liebesromane. Am liebsten las ich die aus der KuschelrockReihe, zu der Zeit die modernsten, die es gab. Meistens ging es natürlich um die Vermarktung der Kuschelrock-CDs, weshalb die männlichen Protagonisten der Bücher grundsätzlich Musiker waren, Verwandte von Musikern oder zumindest unheimlich gern Musik hörten. Die Lieder, die dann erwähnt wurden, gab es immer auf der aktuellen Kuschelrock-CD zu kaufen. Die Liebesgeschichten verliefen meist in denselben Bahnen, und natürlich grundsätzlich mit einem Happy End, doch das war es, was ich daran besonders mochte. Das Schema hieß: Mädchen lernt Jungen kennen (oder auch umgekehrt), einer von beiden oder beide verlieben sich und es gibt so viele Hindernisse zu bewältigen wie in ein 90-seitiges Buch in Schriftgröße 12 und mit 3 cm Rand an jeder Seite nun mal rein passten. Damals waren diese Bücher meine Flucht vor der Realität und gaben mir das Gefühl, jeden Tag eine neue Liebesgeschichte zu erleben, die meiner Meinung nach in meinem Leben derzeit doch eher selten waren. (Kein Wunder mit 10 Jahren!) Allerdings hatte ich diese Reihe schnell erschöpft, ich las am Tag drei dieser Bücher! Also hieß es, erfinderisch sein. Nachdem ich also wirklich alle Mädchenromanreihen, die es gab, ausgelesen hatte, sah ich mich nach neuer Nahrung für meinen Geist um. Es gibt nur eine Reihe, die ich nicht zu Ende lesen konnte, denn es gab nicht alle Bände in der Bibliothek und sie wurde erst 2006 endlich mit dem 28. Band beendet, also ich las nur bis Band 12! Als ich also das vor hanebüchenen Zufällen und Schmalz gerade zu strotzende Genre der Mädchenromane hinter mir gelassen hatte, wusste ich nicht recht wohin. Und wie eine Antwort darauf geschah mir ein Missgeschick, das mich auf andere (Lese)Wege weiterleiten sollte. Eines Abends, meine ganze Familie war weggefahren und hatte mich allein zu Hause gelassen, sah ich fern. Zu dieser Zeit lebte mein älterer Bruder in der Wohnung direkt unter uns und auch er war mitgefahren, so dass ich seinen Schlüssel hatte. Ich saß also im Wohnzimmer und sah fern, als mir einfiel, dass ich etwas im Zimmer meines Bruders hatte liegen lassen. Also ließ ich alles so, wie es war, stehen, ging hinunter und nahm nur seinen Schlüssel mit. Allerdings war es sehr windig, so dass unsere Tür sofort zuschlug, als ich hinausgegangen war. Dummerweise hatte ich den Schlüssel in der Wohnung gelassen und hatte somit keine Chance mehr reinzukommen – ich hatte mich ausgesperrt. Meine Familie würde erst am Abend des nächsten Tages zurückkehren und ich musste so lange in der Wohnung meines Bruders ausharren. Leider war sein Kühlschrank grundsätzlich leer, außerdem besaß er weder einen Fernseher noch eine Stereoanlage, was mich natürlich noch mehr frustrierte. Ich saß also da, auf seinem Bett, heulte ob meiner Blödheit und sehnte mich nach dem vollen Kühlschrank und dem Fernseher, der immer noch laufen musste, was vor meinem inneren Auge unheilvolle Bilder von einem verrußten, von der Explosion in Folge von Überhitzung der Bildschirmröhre des Fernsehers verwüsteten Wohnzimmer heraufbeschwor - woraufhin ich noch lauter heulte. Ich sah keinen anderen Ausweg, als mich hinzulegen und zu schlafen, so würde die Zeit am schnellsten vergehen. Ich legte mich auf die Seite und versuchte mich dazu zu zwingen nicht mehr daran zu denken, was mein Vater mit mir anstellen würde, sollte sein teurer, ganz neuer 37-Zoll- Fernseher irgendeinen Schaden genommen haben, da fiel mein Blick auf das Bücherregal. Das Zimmer meines Bruders, ansonsten mehr als spartanisch (Bett, Schrank, Schreibtisch), beherbergte eines der Regale, die mein Vater, ein begabter Hobbyhandwerker, gebaut hatte, um auch hier einen Teil der schier unendlichen Menge seiner Bücher unterzubringen. Die Bücher lagen alle kreuz und quer. Ich neckte meinen Bruder oft, indem ich sagte, er habe nur so wenig Möbel, um mehr Platz für sein Chaos zu haben, und auch die Anordnung der Bücher bestätigte mir das. Ich sprang vom Bett und griff in den riesigen Haufen von Büchern. Das erste war Marnie von Winston Graham. Ich kannte das Buch nicht und ahnte nur grau, dass Hitchcock dieses Buch verfilmt hatte. Doch ich begann zu lesen und zu lesen und hatte das 283 Seiten dickes Buch in zwei Stunden durchgelesen. Mich faszinierte vor allem die Psychologie, die in diesem Buch so unverkennbar das Hauptthema war. Es war draußen schon Nacht geworden, es gewitterte und ich gruselte mich so ganz allein und konnte einfach nicht schlafen, also nahm ich mir ein weiteres Buch: Die Möwe Jonathan von Richard Bach. Jetzt, da ich mich warm gelesen hatte, brauchte ich nur eine halbe Stunde für diese Buch und war wieder mal völlig begeistert. Jonathan, das war ich mit meinem Drang nach Freiheit und Selbstverwirklichung. Immer noch im Rausch griff ich mir gleich das nächste Buch in der Reihe, Die Verwandlung von Kafka. Ich las und ich verstand vielleicht die Hälfte, wenn es hochkommt. Ich war elf Jahre alt, aber es war mir egal, ob ich verstand oder nicht, ich wollte nicht alleine sein und die Bücher waren meine Freunde, mit denen ich mich unterhielt und die mich vom tosenden Unwetter vorm Fenster ablenkten. Das nächste war Ein Sommernachtstraum von Shakespeare. Für dieses Buch brauchte ich wesentlich länger als für die anderen, allein aus dem Grund, dass ich nicht an die Dramenform gewöhnt war und außerdem häufiger über ungewohnte Worte stolperte. Trotz erheblicher Verständnisschwierigkeiten verliebte ich mich sofort in den Schreibstil und in die Geschichte, die einer Fabel so nahe kam. Die Elfen tanzten um mich herum und ich versank völlig. Es war mittlerweile wahrscheinlich schon fast wieder hell, ich hatte nicht geschlafen, sondern die ganze Nacht gelesen, trotzdem las ich noch ein Buch, ehe ich einschlief. Ich erinnere mich nicht mehr an den Autor, es war eine psychologische Fallstudie zu Vatermördern, angefüllt mit unverständlichen Fachbegriffen, aber trotzdem spannender als jeder Krimi. Endlich schlief ich ein, es war vielleicht sieben Uhr morgens, und ich träumte ein Mischmasch aus allen Büchern, was ziemlich bizarr war. Nach dieser Nacht begann ich mich langsam systematisch von unten nach oben durch das große (3 x 4 m) Bücherregal durchzuarbeiten. Ich las wirklich alles, ganz egal, worum es ging, denn diese eine Nacht hatte mir gezeigt, dass in allen Arten von Büchern etwas war, dass einen begeistern konnte. Ich las Tierlexika, Psychologiebücher, sogar Wörterbücher und alle anderen Bücher, die dort standen. Bald war ich bei den Büchern angelangt, die ich schon immer bewundert hatte, weil sie so schön waren. Dostojewski und Tolstoi und im ersten Moment und noch eine ganze Weile danach lief ich gegen eine Wand. Ich verstand es einfach nicht. Es waren bekannte Worte, aber es war mir einfach zu hoch - wie mir in diesem Alter einiges zu hoch war, was ich las, aber ich übersah einfach geflissentlich, dass ich manchmal nicht einmal hätte erklären können, worum es in diesem Buch gegangen war. Bald siedelte ich um in die Amerika- GedenkBibliothek, die Else Ury Bibliothek war mir zu eng geworden, und lieh jeden Monat 20 Bücher aus, die ich peu à peu durchlas. Einmal las ich den Knigge und fand es einerseits belustigend, für was es nicht alles Regeln gibt, wo wer gehen darf, wer zuerst begrüßt werden muss, wer zuerst eintreten darf etc. pp., doch andererseits fand ich das beeindruckend und versuchte mir ein wenig davon anzueignen, immerhin hatte meine Mutter immer an mir kritisiert, dass ich nicht besonders mädchenhaft sei und daher- gestampft käme wie ein Junge. Also las ich ein eindeutig veraltetes, fleckiges und verstaubtes Werk („Gutes Benehmen für junge Damen“), das mittlerweile wahrscheinlich schon aussortiert ist. Es ging von Verhalten im allgemeinen über die richtige Tischdekoration für besondere Anlässe bis hin zu Ratschlägen, wie man am besten Männer durch die gute Erziehung beeindrucken und dann möglichst schnell heiraten konnte. Ich lachte mich halb tot, denn ich konnte tun was ich wollte, ich würde es nie schaffen „Herr Vater“ und „Sie“ zu meinem Vater zu sagen und mit einem Blick auf das Herausgabedatum (es war in den 50igern) klappte ich das Buch wieder zu und brachte es zurück. Und so ging es immer weiter mit allem, was ich las. Wenn es nicht Romane oder Dramen waren, waren es Sachbücher über Themen, die mich gerade interessierten, über Religionen, über Psychologie, über Tiere, über Epochen, über Handarbeit, über Motorräder und über Kochen. In der Literatur hingegen arbeitete ich mich über meine Vorlieben voran. So hatte ich in dieser Nacht Geschmack an Shakespeare gefunden und las nun jedes seiner Werke und blieb, mein Lieblingsbuch bis heute, an Hamlet hängen. Ich liebte aber auch Romeo und Julia, Ein Sommernachtstraum und Viel Lärm um nichts. Ich muss sagen ich bin immer noch verzweifelt auf der Suche nach einer schönen Ausgabe seiner gesammelten Werke. Hatte ich Taschengeld, ging ich los und kaufte mir ein Buch; je nach meinem Budget war es ein richtiges Buch, ein Heftchen, oder eine Kladde, die ich dann selbst voll schrieb. Ich liebte den Geruch eines ganz neuen Buches, schon die Unberührtheit der Seiten verzückte mich, ganz zu schweigen von weißen Seiten, die sich geradezu anboten, sie zu beschreiben, darauf zu zeichnen oder zu malen. Meine Phantasie schlug Purzelbäume. Hatte ich ein Buch erst gekauft, wartete ich nicht, bis ich zu Hause war, sondern begann, im Laufen zu lesen, wenn ich Zeit hatte, las ich die Bücher in einem durch, verschlang sie sozusagen ohne Luft zu holen. In der Schule ging alles seinen Lauf, und als es dann so weit war, die Kurse zu wählen, hörte ich, der Profilkurs Deutsch fände mit Herrn Müller statt, den ich sehr gern hatte, und hätte zudem noch das Thema Kreatives Schreiben. Meine freudige Spannung bestätigte sich vollauf, als wir gleich mit Malte von Rilke begannen. „Ich lerne sehen“ und ich lernte sehen. Es machte mir unglaublich Spaß, unter der Anleitung eines Lehrers Texte zu lesen und zu schreiben. Der Kurs blieb gut und wurde zu meinem Leistungskurs, natürlich lasen wir auch Bücher, von denen ich nicht besonders viel hielt und die ich trotz ihrer unbestreitbar wichtigen literaturhistorischen Position schrecklich fand, es gab sogar welche, die mich wortwörtlich einschläferten, sobald ich sie in der Hand hatte. Ich sage nur Emilia Galotti, oder Biedermann und die Brandstifter! Später las ich die meisten Bücher auf Empfehlung meiner Bibliothekarin, oder meines Bücherverkäufers, der selbst so begeistert ist von aller Art von Büchern, dass ich mir mindestens eine Stunde Zeit nehmen muss, wenn ich ihn besuchen gehe, denn mindestens so lange dauert einer seine Abrisse über das, was gerade aktuell und gut ist, was schon älter, aber trotzdem gut ist, was ich unbedingt lesen sollte und was ich lieber nicht lesen sollte. Ich bin mir sicher, dass er alle Bücher, die bei ihm neu reinkommen, erstmal selber liest. Zumindest kennt er jedes Buch, das ich auch kenne und noch viele darüber hinaus. In der 9. Klasse machte ich mein Betriebspraktikum in der kleinen Bücherei bei uns um die Ecke. Es machte mir unheimlichen Spaß, obwohl es auch Aufgaben gab, die ich nicht besonders gern machte. Da diese Bücherei ja eine Kinder- und Jungendbibliothek war, stand sie in enger Zusammenarbeit mit den umliegenden Grundschulen, die grundsätzlich ihre Bücher in Klassensätzen in der Bibliothek ausliehen und die Leseanfänger zu Führungen in die Bibliothek brachten. So war es zum Beispiel oft meine Aufgabe, Vorschülern vorzulesen. Wir rollten dann eine kleine Leinwand aus, auf die wir die Bilder der Bücher projizierten, und ich las laut dazu vor und ließ die Bilder passend dazu vorbeilaufen. Eigentlich machten mir Vorlesen immer Spaß, doch bei den Vorschülern, die weder still sitzen noch den Mund halten konnten, geschweige denn zuhören, wurde das für mich zur Qual. Ich brüllte gegen die Kinder an und war irgendwann vor Wut fast außer mir. Natürlich sagte ich keinen Ton und las brav weiter, doch am liebsten hätte ich jede Seite einzeln aus dem Buch ausgerissen, zusammengeknüllt und jedem dieser Blagen gegen den Kopf geworfen. Als es endlich vorbei war, schlug ich drei Kreuze, verabschiedete die Gruppe und schob diese Aufgabe, sofern sie in den weiteren Wochen noch mal auf mich zukommen sollte, prophylaktisch meinem Mitpraktikanten Constatin unter. Als Abschiedsgeschenk bekam ich das Buch Amrita von meiner Bibliothekarin geschenkt und immer, wenn ich das Buch in der Hand habe, muss ich an sie denken und sehe sie vor mir. So habe ich manchmal das Gefühl, dass ich Bücher habe, an denen meine Gefühle aus der Zeit, als ich sie las, haften bleiben. So las ich zum Beispiel gerade Salman Rushdies „Die Satanischen Verse“ und direkt danach „Des Mauren letzter Seufzer“ vor meiner Brasilien reise immer in der S-Bahn zur Uni und hörte dazu die neue CD von Seu Jorge und Ana Carolina. Wenn ich heute Des Mauren letzter Seufzer aufschlage, dann ist es mir, als klänge mir „Morro do pau da bandeira“ in den Ohren, ich bilde mir ein, die S-Bahn in der Ferne zu hören und spüre wieder diese sehnsüchtige Aufregung, die ich damals hatte. So geht es mir mit den meisten Büchern, die ich mich gelesen zu haben erinnere. Ich las auf der Rückreise aus Brasilien im Flugzeug „Na margem do Rio Piedra eu Sentei e Chorei“ (zu deutsch: Am Ufer des Rio Piedra saß ich und weinte) von Paulo Coelho. Ich hatte es mir am Flughafen in Salvador gekauft, um mich davon abzulenken, dass es mir das Herz herausriss, meine Familie wieder verlassen zu müssen, und damit ich nicht den ganzen 11- Stunden-Flug hindurch rumsitzen und heulen würde, wie ich es bei der 28-stündigen Busfahrt schon getan hatte. Selbst jetzt, wenn ich es aufschlage, strömt mir die Aura der tiefen Trauer entgegen, die Ruhelosigkeit der Reise, das Dröhnen der Turbinen, und auf manchen Seiten sieht man, dass sie ein bisschen feucht geworden sind. Danach begann ich auch die anderen Bücher von Paulo Coelho zu lesen, meistens versuchte ich sie auf Portugiesisch zu bekommen, damit ich währenddessen auch mein Portugiesisch verbessern konnte. Veronica decide morrer (zu deutsch: Veronika beschließt zu sterben) gefiel mir ziemlich gut. As Valquírias hingegen war nicht ganz so mein Ding. Meine Liebe speziell zur Literatur meines „Mutterlandes“ und im Allgemeineren Südamerikas entdeckte ich, als ich mich auf die Suche nach dem Brasilien machte, wie es in mir war. Ich las erst Gabriel García Marques’ „Hundert Jahre Einsamkeit“, dann „O Feitiço da Ilha do Pavão“ (Das Wunder der Pfaueninsel) von João Ubaldo Ribeiro, „Migo“ von Darcy Ribeiro und „Mar Morto“(Totes Meer) von Jorge Amado. Ich liebte diesen Stil, der sich so völlig von dem unterscheidet, was hier in Deutschland gelesen und geschrieben wird, die maßlose Übertreibung, der Witz und der Frohsinn, die sprühende Lebensfreude – allen noch so widrigen Lebensumständen trotzend – die absoluten Tabulosigkeit und das Einweben von Magie und Wundern in das Geschehen, so selbstverständlich, als seien sie alltäglich. Zur Zeit hält sich mein Bücherkonsum traurigerweise ziemlich in Grenzen, ich habe einfach nicht genug Zeit zum Lesen, doch trotzdem quetsche ich es überall dazwischen: Die halbe Stunde morgens neben der überlebensnotwendigen Tasse schwarzen Kaffees, die Busfahrt zum Praktikum, die halbe Stunde Zeit zwischen dem Praktikum und der Arbeit, die zehn Minuten vor dem Abendessen, die zwei Stunden nachts ab drei, wenn ich mal wieder aufgewacht bin und nicht einschlafen kann. Ein Tag ohne eine bedruckte Seite ist für mich wie ein verschwendeter Tag. Und wenn ich schon keine Zeit zum Lesen habe, trage ich immer ein Stück Papier und einen Stift mit mir herum, mache Notizen, schreibe irgendwas auf, was mich erleichtert und die rasende Geschwindigkeit, in der mein Leben zur Zeit an mir vorbeizieht, bremst, anhält, ein Bild von der Sekunde schießt und dann weiter ziehen lässt. Ich sage mir immer, wenn irgendwann alles vorbei ist und eine neue Menschheit auf der Erde lebt, die vergessen hat, was früher war, graben sie vielleicht mal ein Blatt von mir aus und stellen staunend fest, dass es irgendwann mal Telefone mit Schnur gab, dass ein Flug nach Brasilien irgendwann mal fast volle 12 Stunden gedauert hat und dass ich gelebt habe und in der Angst, nichts zurück zu lassen, ganze Truhen voll Selbstgeschriebenem aufbewahrte, ganz altmodisch per Hand - nicht getippt. Vielleicht. Marcia Soraya Marcia Soraya Gonς alves ist ehemalige Schülerin der Robert-Koch-Schule und hat voriges Jahr hier ein glänzendes Abitur abgelegt. I WANT TO GO INTO THE LIGHT Ihre helle Stimme hob sich, sodass sie bis zur hintersten Ecke des lichtdurchfluteten Klassenraumes drang; voll mit Leben erzählte sie von Abenteuern, drängte sich in mein Ohr und verabschiedete sich in Sekundenschnelle. Ich erinnere mich, wie mir das linke Auge in Intervallen zuckte und die Stimme der Lehrerin wie das lästige Summen der Biene in mein Ohr einsickerte und bald monoton wurde. Wie mich das anödete, wenn sie die Vorlesungsstunden ankündete! Am liebsten hätte ich meinen Kopf mit dem Tisch bekannt gemacht und dabei wäre es auch geblieben. Es wäre eine interessante und laute Bekanntschaft gewesen. Mein Kopf und der Tisch gesellen sich zusammen, und ich bin Gott weiß wo. Bin ich ein Müßiggänger? Habe ich keine Beschäftigung? – Ja, es ist traurig ... („Leonce und Lena“ von Georg Büchner) Nach ein paar Seiten würde sie immer wieder für sechs Sekunden (Was die Leute nicht Alles aus Langeweile treiben!) schweigen, aufblicken, mit ihren grauen, um die Winkel sanft gealterten Augen in die Runde blicken und fragen: „Was habt ihr mit geschlossenen Augen gesehen, während ich die paar Seiten gelesen habe?“ Ich an ihrer Stelle hätte gefragt, ob jemand eingeschlafen sei, denn wahrlich, durch die darauf folgende Stille hätte man doch meinen können, alle wären mit Freddy in der Traumwelt friedlich spazieren gegangen. Fast alle. Ein schmächtiger Arm mit weitem, dunklem Ärmel hob sich stets schüchtern empor und beantwortete die Frage mit einer erstaunlich detaillierten Wiedergabe, und ich fragte mich, ob er insgeheim das gleiche Exemplar des Buches unter dem Tisch versteckt aufgeschlagen habe. Streber. Wie oft ich doch versuchte, den Jungen mit Blicken aufzuspießen! Nicht nur, dass er ein super Gedächtnis besaß, nein, er sah auch komplett wie ein Idiot aus. Kaum zu glauben, dass jemand sich mit dermaßen in alle Himmelsrichtungen zerstrubbeltem, kurzem, nachtschwarzem Haar auf die Straße traute, mit einer drei Nummern zu großen Jeans und grünem Pulli. Zu allem Überfluss trug er auch noch eine runde Brille, deren Bügel tatsächlich mit Klebeband befestigt waren. „Streber. Bücherwurm.“ Das und ähnliches waren immer meine Gedanken, wenn ich Florian durch einen unglücklichen Zufall begegnen musste. Dass er the splitting image of my to-be-hero sein würde, kam mir nicht in den Sinn. Kann mir auch kaum jemand verübeln. Denn wer konnte schon ahnen, dass die Bücherhasserin in rund drei Jahren selber das Buch, das die Lehrerin so oft in den Händen hielt und von dem sie nur Schnee und einen fliegenden Zug (später sollte er sich als ein fliegendes Auto entpuppen) in Erinnerung hatte, an einem einzigen Tag verschlingen und binnen kurzem ein(e) Harry-Potter-Fan(atikerin) werden würde? Dass ich den ersten Band der Potter-Reihe aufgeschlagen hatte, war nur einer äußersten Notwendigkeit zu verdanken. Während einer der Wandertage in der 7. Klasse ging man in den 1. Film der Serie. Ich täuschte Erkältung vor und blieb zu Hause. Im nächsten Jahr war Film Nummero 2 dran, und ich konnte dieselbe Nummer nicht noch einmal durchziehen. Deswegen durchkämmte ich alle Videotheken nach Film 1 - mit null Resultaten. Mit Ausweis und polizeilicher Anmeldung ausgestattet, stampfte ich zur AGB, ließ mir einen Bibliotheksausweis aushändigen und lieh mir das verhasste Buch „Harry Potter und der Stein der Weisen“ aus. Am darauf folgenden Tag rannte ich wie eine Besessene zur Bibliothek und war vor Mitternacht noch mit Band 2 „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ fertig. Innerhalb einer Woche hatte ich alle bis dahin vier erschienenen Bände durch und ein Hunger erwachte in mir, den ich bis heute kaum zu stillen vermag. Wolfgang und Heike Hohlbeins Romane, dick und mit schwarzem Bucheinband, der alle Farben und Blicke zu verschlingen schien, waren neben die Potter-Bände aufgereiht, und wie es dem Zufall beliebte, waren sie ebenfalls Fantasy-Romane. Band 1 der Märchenmond-Trilogie erinnerte mich stark an die Potter-Welt und sehr bald fand ich mich am Ende der Fantasy-Regale in der Jubi wieder. Rechts und links befanden sich Bücher über Pferde und noch etliche kitschige Bücher, deren Covers und Titels ich aus meinem Gedächtnis verbannt habe, nur mein angewiderter Blick im Angesicht der rosa changierenden Einbände blieb hängen. Wie sich herausstellte, habe ich durch den direkten Einstieg in die Fantasiewelt eine Abneigung gegen jegliche Normalitäten entwickelt, erst recht gegen typische Mädchenromane. Wenn man bedenkt, dass sämtliche Fantasy-Romane einen männlichen Protagonisten besaßen, war es auch kein Wunder. „Dreizehn“ von Wolfgang und Heike Hohlbein kannte ich am Anfang nicht. Das Buch ein Jahr später in dem Regal vorzufinden, war eine wahre Freude für mich, und umso mehr schockierte es mich, eine Protagonistin vorzufinden. Ich kam mir deplaziert und verwirrt vor. Die Worte der beiden Autoren vor dem Beginn des Anfangkapitels ließen mich nur noch skeptischer das Buch lesen: „Da habt ihr eure Protagonistin!“ Wenn ich jetzt zurückblicke, empfinde ich es als eine Beleidigung, nur wenige FantasyRomane mit einer Protagonistin vorzufinden. Abenteuer, Kämpfe, heldenhaftes Handeln, dies sollte nicht eine männliche Domäne bleiben, sie ist es auch nicht. Auch ein Mädchen/eine Frau ist durchaus in der Lage zu kämpfen, sie kennt auch das harte Leben in der Realität , weiß, was es heißt, für ihre Rechte zu kämpfen und Risiken einzugehen. Sie kennt Gefahren, sie mag auch Spott und Diskriminierung kennen, also warum sollte ihr nicht mehr Platz in der Fantasy-Welt gegeben werden? Als ich in meinen Augen nichts Lesetaugliches mehr vorzufinden vermochte, dauerte es eine kleine Ewigkeit, bis ich endlich etwas Handfestes wieder fand. Monate, die mir wie Jahre erschienen. Doch etwas Gutes hatte das mit sich gebracht: anstatt greifbare Geschichten wandte ich mich der neu entdeckten, bequemeren und elektronischen Variante zu: Geschichten aus dem Internet. Tschüs, ihr (zwanzig Minuten) langen, eiskalten Wintermärsche zur AGB! Nur nannte man diese Geschichten nicht mehr Geschichten, sondern FanFiktions (FF). Der Unterschied zu der klassischen Geschichte bestand darin, dass FFs auf Bücher, die in der materiellen Welt existierten, basierten und von Fans geschrieben waren. Und, die Potter-Fanatikerin, die ich war, las nur HP-FFs. Die Anzahl dieser FFs war auch im Vergleich zu anderen Büchern/Serien/Filmen usw. dramatisch höher. Keine andere Geschichte erfreute sich einer dermaßen großen Beliebtheit oder kam ihr auch nur im Geringsten nahe. Jeden auch nur schlecht oder dichterisch meisterhaft geschriebenen Mist verschlang ich mit den Augen. Es ging soweit, dass ich in den Ferien und übers Wochenende fünfzehn Stunden vor dem PC lesend hockte, das Essen vergaß, nur die linke Hand zum Hinunterrollen der Seiten bewegte und alles andere an mir vorbeihuschte. Nur war der deutschsprachige Raum der FFs nicht gerade riesig. Durstig nach mehr wandte ich mich mit Widerwillen den englischen FFs zu. Und noch ein Vorteil offenbarte sich mir. Hatte ich am Anfang große Schwierigkeiten mit englischen Vokabeln, musste ich nicht nach einem tonnenschweren Wörterbuch greifen. Ein Klick auf Google unter Sprachtools und ich konnte das unbekannte Wort dort eingeben (EINGEBEN nicht SCHREIBEN! Dazu musste ich nur das Wort markieren, kopieren und einfügen!) und tatütata! Die deutsche Übersetzung erschien im Nu. Musste ich zu Anfang zwanzig Wörter in einem Absatz übersetzen, benutze ich nun in den seltensten Fällen noch Google oder dict.cc, um ein buchlanges FF zu lesen. Und ganz nebenbei, ohne mir dessen bewusst zu werden, lernte ich die englischen Sprach-/Satz/Grammatikregeln und was sonst noch dazu kam. Fragte man mich jetzt, was das Past Perfect von dem Verb xyz wäre, bliebe die Frage unbeantwortet, doch beim Texteverfassen gerate ich selten ins Stocken, weil ich die passende Form/Zeit kenne. Einziges Problem hierbei liegt darin, dass man nur liest, und nicht hört. Dementsprechend schlecht ist meine Prononcierung der englischen Wörter. Ärgerlich. Das Lesen von FFs hat mir immer Spaß bereitet und noch heute lese ich welche, nur nicht auf HP reduziert, sondern auch FFs aus dem Anime & Manga Bereich. Aber zugegeben, der Reiz bestand und besteht nicht überwiegend in den Titeln, eher in der Grenzüberschreitung der FF-Autoren. Sie benutzen die Figuren, um über Themen zu schreiben, die in keinem Buch bei keinem Verlag je veröffentlicht werden würde: NC 17, oder anders ausgedrückt ADULT, und das so detailliert, man müsste rot vor Scham werden. Ich glaube aber, ich sollte hier meine Grenzen nicht überschreiten - zugunsten der Nichtzensierung, Grenzen, die die FF-Welt nicht kennt. Mit einer nun besser beherrschten Sprache, traf ich wieder seit langem in der AGB ein und verließ mit ein paar englischen Büchern das Gebäude. „Inkheart“ aus der Inkworld-Trilogie (aus dem Deutschen ins Englische übersetzt!) von Cornelia Caroline Funke (So hört die traurige Geschicht’! Sie ist ein Fantasy-Roman!) war erstaunlich schnell durchzulesen. Ich habe durch die FFs ein dermaßen großes Vokabular in mir angereichert, dass es eine Leichtigkeit war, echte Bücher zu lesen. Ich war erstaunt. Die „Barry Trotter“-Bücher hingegen waren allerdings eine reine Quälerei. Unter all den englischsprachigen Büchern, die ich derzeit gelesen habe, war/ist „The Stranger“ von Albert Camus (diesmal aus dem Französischen übersetzt!!) das ausdrucksstärkste bisher. Nicht mal die deutsche Übersetzung war derart schön. With death so near, Mother must have felt like someone on the brink of freedom, ready to start life all over again. […] To feel [the universe] so like myself, indeed, so brotherly, made me realize that I’d been happy, and that I was happy still. For all to be accomplished, for me to feel less lonely, all that remained to hope was that on the day of my execution there should be a huge crowd of spectators and that they should greet me with howls of execration. Es dauerte eine kurze Weile, um zu erkennen, dass ich Eifersucht gegenüber dem atheistischen Protagonisten empfand. Wie konnte er kurz vor seinem Tode, sein ganzes Leben lang, Ruhe und Frieden in sich bewahren, die ich nicht haben konnte? Hatte ich kein Recht darauf? Am liebsten hätte ich in diesem Moment das vergilbte, beschmierte, im Jahre 1986 gedruckte Buch ins Feuer gelegt. Seit fünf Jahren lieg es nun bei mir, Monat um Monat von der Bibliothek verlängert, und noch immer blättere ich darin herum, lese die letzten Seiten und der Neid vermindert sich nicht. Ach! Was hab’ ich euch nicht alles zu erzählen.[…] Ich kann vor Tränen nicht zu Worte kommen. („Turandot“ von Schiller) Den Zugang zu den herrlichsten Literaturbüchern in ihrer prächtigsten Form entdeckte ich erst jetzt. Die Klassiker sind mir die Liebsten. Mag sein, dass sie neben der neueren Literatur inhaltlich einfach gestrickt erscheinen, doch der literarische Stil ist weitaus graziöser. Während die neusten Bücher eine noch „normale“ Sprache verwenden, findet man bei Goethe, Schiller usw. raffinierte und mit großer Mühe angefertigte Verse, mit Metrum und das komplette Paket. Verzeih, ich kann nicht hohe Worte machen, Und wenn mich auch der ganze Kreis verhöhnt („Faust I“ von Goethe) Wie würde wohl ein heutiger Autor das formulieren? Vielleicht so: Sorry, dass ich nicht so große Töne spucken kann wie der werte Goethe, auch wenn mich alle auslachen sollten! Klagt ihr etwa in der Schule, die Klassiker seien eures Niveaus unwürdig und wollet modernere Literatur? Dabei solltet ihr erfreut sein mit den einfach gestrickten Sachverhalten, denn je moderner und zeitnaher die Literatur wird, desto komplexer wird deren Psychologie und umso schwieriger die Analyse in den Arbeiten. Da müsste man doch Freuds Bücher wälzen und als Basiswissen unbedingt in den Lehrplan einbringen. Nehmt „Die Räuber“ von Schiller und „Mephisto“ von Klaus Mann in die Hand (schon allein die Seitenanzahl der modernsten Literatur steigt stetig) und versucht auf die Schnelle was zu analysieren/interpretieren! Gegen das Argument, die Sprache sei bei „Mephisto“ doch leichter zu verstehen, könnte ich einwenden, dass eben dies eine weitere Hürde bei der Sprachanalyse sein könnte, denn da müsste man genauer hinschauen, so raffiniert und leicht zu übersehen sind die stilistischen Mitteln eingebaut. Doch „Mephisto“ nebenbei zu lesen, ohne Analyse, dagegen habe ich nichts einzuwenden. Ich bedauere es sehr, dass wir keine Weltliteratur in der Schule behandeln. Weder russische noch polnische, arabische, persische, japanische, chinesische, portugiesische Literatur, und nicht einmal die deutsche Übersetzung davon, kriegen wir zu lesen! And if I can't have everything well then just give me a taste! So vieles entgeht uns dadurch! Wer möchte jedem von uns versichern, dass nur durch die deutsche Literatur der Mensch Interesse am Lesen entwickelt? Wenn diese törichten Gesetzgeber doch nur wüssten, wie beflissen sie unsere Gefühle befördern, in dem sie sich das Recht anmaßen, den Menschen Satzungen aufzuerlegen. Sich keinen Deut um Gesetze zu scheren, sie samt und sonders zu brechen, mein Freund, dies ist die wahre Kunst, Wollust zu empfinden. Erlerne diese Kunst und zerreiße alle Zügel. „Justine oder vom Missgeschick der Tugend“ und „Die 120 Tage von Sodom“ von Marquis de Sade, „Venus im Pelz“ von Leopold von Sacher-Masoch und „Geschichte der O“ von Dominique Aury musste ich immer heimlich lesen. Gott bewahre, hätte jemand zu Hause die Illustrationen von „Die 120 Tage von Sodom“ erblickt, wäre ich in der Psychiatrie gelandet! Dabei muss ich gestehen, wie anstrengend das Weiterlesen war. Alle zugleich faszinierend und doch abscheulich. Beim Anblick so vieler Bücher wird der Drang, selber etwas zu hinterlassen, mächtig. Bei dem Gedanken, etwas selber zu veröffentlichen, erscheint immer wieder dasselbe Bild vor meinem inneren Auge. Eine verwüstete Stadt breitet sich vor dem Auge aus, die Straßen über und über mit Schutt und Asche bedeckt und der Himmel mit tiefhängenden Wolken, die ihn verdecken, und fallendem Schnee, der schmitzt, sobald er den heißen Boden berührt. Das Ergebnis eines Atombombenangriffs. Überall das gleiche Bild. Und bei der Vorstellung tönen mir die Verse von Nine Inch Nails immer und immer wieder in den Ohren: Shame on us Doomed from the start May God have mercy On our dirty little hearts Shame on us For all we've done And all we ever were Just zeros and ones Und inmitten dieser Ruinen bückt sich eine hagere Gestalt, wühlt inmitten des Verfalls nach etwas Essbarem und zieht ein teilweise verbranntes Blatt empor. Meine Geschichte! Was wird von mir übrig bleiben, wenn ich nicht mehr da bin? I write so I shan’t fade away. In every writing, I leave a piece of me, a memory, an ideal, a feeling, something. I write as I live, spontaneously, chaotically. I write so I will remember. I write, because I’m still alive (von einem HP-Fan im Internet). Wenn man mir vorwerfen möchte, meine Geschichten, meine Überbleibsel, seien trübselig, dann sage ich, es tue mir gut, das Depressive in mir herauszudrängen, es aus mir herauszuziehen wie ein Wahnsinniger sein Herz herauszieht, weil er sein Pochen nicht mehr ertragen mag. Schreiben ist mein Ort & vielleicht bin ich selbst eine Sadistin, will die ultimative Kontrolle über die Wirklichkeit, mit meinem Messer Worte schnitzen, Narben hinterlassen, gegen die andere Geliebte vergeblich protestiert haben. So ist es in „verführungen“ von Andrea Krug und Dagmar Schadenberg beschrieben worden. Doch noch bin ich nicht soweit. Je öfter ich meine Geschichten lese, desto falscher kommen mir diese Aneinanderreihung von Wörtern vor, desto bedeutungsloser werden sie, so normal! Ich erkenne kein Stil darin, keine literarische Sprache, keine Begabung und umso mehr hasse ich mich dafür. Sehe ich mir die Tagebucheintragungen von Max Frisch an, so zweifle ich an meinen Fähigkeiten. Ich muss besser werden. Ich muss mehr lesen, mehr lernen. Nur zwei Buchstaben unterscheiden verlieren von verloren. („Vincent“ von Joey Goebel) Vielleicht werde ich eines Tages nicht mehr nur vor dem Schaufenster stehen und mir die Brillen ansehen, sondern mutig genug sein, um eine zu kaufen und deren Gelenke mit ein Stückchen Klebeband zu befestigen. Vielleicht werde ich auch in der Lage sein zu sagen: „I’m so happy that I could die.“ (Pia Dehne) Mariam Abdul Hadi JUNGS!!! Unsere Leser beschweren sich, dass unsere Schülerzeitung gar nichts Interessantes für Jungs enthält. Ob das wohl daran liegt, dass wir nur Redakteurinnen sind? Bestimmt. Also versuchen wir, Jungs zu finden, die mal was schreiben. Muss ja gar nicht mit regelmäßiger Anwesenheit bei unseren Redaktionssitzungen verbunden sein. Einfach was aufschreiben, was einem durch den Kopf geht und von dem man vermuten darf, dass es auch für andere von Interesse sein könnte, und ab mit dem Zettel in unseren Briefkasten, reicht schon! Nur bitte nicht den Namen und die Klasse/den Jahrgang vergessen!! Heute haben wir einen Jungen, der nur zufällig am Computerraum vorbeischlich, tatsächlich dazu gebracht, uns ein paar Zeilen zu schreiben. Super!! Danke, Faruk!! Ich gehe in die 9. Klasse. Mein Klassenlehrer ist Herr Hoppe. Ich finde, die Schule wird immer schwerer und schwerer. Manchmal denke ich, alles passiert nur mir. Zum Beispiel mein Vater, er ist gestorben, als ich fünf war, und dann mein Opa, er ist gestorben, als ich zehn war. Oder wenn ich mit meinen Freunden zusammen gespielt habe, ist immer nur mir was passiert. Einmal, als ich sieben war, bin ich von einem Baum gefallen und hätte beinahe eine Gehirnerschütterung gehabt. Oder einmal ist Spülmittel in mein Auge gespritzt, ich wäre fast blind geworden. Und einmal haben wir aus Spaß gekämpft, mein Freund sollte meinen Cousin treffen, aber er hat mich getroffen. Faruk Welcher Junge ist ebenso mutig wie Faruk und schreibt uns, was ihm gerade so durch den Kopf geht? Wir können nämlich nicht glauben, dass da bloß große Leere ist. Und wenn einer gar nicht merkt, dass er was denkt oder sogar fühlt, dann soll er uns eben schreiben, was er heute, gestern, jeden Tag immer so macht! NUR NOCH BIS ZUR 12. KLASSE ! Ich wollte wissen, wie es manche finden, dass jüngere Schüler nur noch bis zur 12. Klasse Unterricht haben. Ich finde es gut, aber dafür wird auch bestimmt mehr gelernt und mehr erwartet. Mal sehen, was die anderen dazu sagen. - „Einerseits gut und andererseits schlecht! Einerseits, weil man ja nicht mehr so lange Schule hat, aber dafür gibt es jetzt mehrere Stunden.“ „Besser, weil wir dann nicht mehr lange Schule haben.“ „Gut, weil wir weniger Schule haben.“ „Voll Schrott! Ich will nur bis zur 8.! 12 .oder 13.? Das ist zu viel!“ „Schrecklich! Keine Ahnung warum!?“ Tansu MSN Wie man sieht, geht es wieder um MSN! Ich möchte euch ein paar Gründe sagen, wozu man gerne ins MSN online geht. 1. Die meisten benutzten ihre Hotmail-Adresse, damit sie mit der Familie oder mit Freunden, die sie nicht immer sehen, chatten oder damit sie mithilfe des Webcams sich anderen zeigen. 2. Wenn man mit frechen Jungs/Mädchen oder „Möchtegern-Coolen“ mal richtig reden möchte, kann man das sehr gut, weil kein Freund oder keine Freundin dabei ist, wo man den frechen Coolen spielen muss. 3. Wenn man auf jemanden sauer ist, kann man ihm oder ihr so richtig die Meinung sagen! Oder wie es die meisten machen: EINE LIEBESERKLÄRUNG SCHICKEN und wenn man einen Korb bekommt, passiert diese Peinlichkeit nicht vor der Verehrerin oder vor dem Verehrer. 4. Wenn man nicht so die freche Zicke ist und gerne so richtig frech werden möchte, ist das MSN genau das Richtige. Wenn du z.B. gerade mit deinen Bekannten im Ausland chattest und du ein bisschen ungehorsam bist, sagen sie gleich: „Nur weil ich nicht bei dir bin, bist du frech geworden.“ Da hat man doch was zu lachen. Tansu FOR THE GREATER GOOD Quäle den Künstler zum Wohle der Menschheit Am 10.11.1998 haben die Vereinten Nationen (UNO) und die UNESCO gemeinsam das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, 2001 bis 2010, zur Internationalen Dekade für eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit zugunsten der Kinder der Welt erklärt, „[…]in der Erkenntnis, dass Kindern weltweit durch verschiedene Formen der Gewalt auf allen Ebenen der Gesellschaft ungeheures körperliches und seelisches Leid zugefügt wird und dass eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit die Achtung des Lebens und der Würde jedes Menschen ohne Vorurteile oder Diskriminierung jedweder Art fördert […]“. Indes sind die Resultate sehr bescheiden, insbesondere der Beitrag der Unterhaltungsindustrie zur Friedensforschung. Neue Film- bzw. Musikproduktionen und Computerspiele zeigen: Gewalt, Sex und Diskriminierung (vorzugsweise die einer Frau), soweit das Auge reicht. Wahre Kunst droht unterzugehen. Den meisten der Mainstream-Entertainer mangelt es nicht an reichlich hirnlosem Sex, aber an Talent. Sie können keine guten Lieder schreiben, aber offensichtlich sind sie durchaus in der Lage, ihre T-Shirts hochzuheben, und das verkauft sich anscheinend großartig. Gesichter huschen an dem MTV-Bildschirm vorbei, erwecken den Anschein von Kunst, zu der Musik ja immerhin gehört, nichts zu wissen. Die Lyrik ist einförmig, dumm, rassistisch, sexistisch, unoriginell, und trotzdem besitzen sie Ruhm und ein Vermögen. Ich möchte behaupten, daß die Unterhaltung die Kunst getötet hat. Die Akteure im Entertainment sind eher Sexsymbole als wahre Künstler. […] Statt Kunst haben wir Unterhaltung, statt Künstlern schöne Gesichter, die geil sind auf Ruhm, Spaß und Reichtum. So lauten die Worte des steinreichen Medienmoguls Foster Lipowitz in dem neuen Roman Vincent von Joey Goebel. Der sterbenskranke Multimillionär erkennt in seinem letzten Jahre, welche Dimensionen sein nur auf der Profitmaximierung beschränktes Arbeitsvorgehen angenommen hat. >Je dümmer die Produkte, desto größer der Gewinn.< An Stelle gut geschriebener, geistreicher Produkte haben wir der Öffentlichkeit eine geistlose Mischung aus Sex, Gewalt und Dummheiten präsentiert. Jetzt blickt er mit Reue auf seine Taten und sieht sich vor der ungeheueren Aufgabe, das Publikum in eine geistreichere Richtung zu lenken. Ab jetzt will ich die Kunst zurückbringen, koste es, was es wolle, oder mindestens die künstlerische Seite der Unterhaltung stärken. Machen wir zunächst einen Abstecher ins Reich der Philosophie, bevor es mit Vincent weitergeht. In ihrem Essayband Dialektik der Aufklärung erklären Max Horkheimer und Theodor W. Adorno wie es in der Unterhaltungsindustrie1 abläuft und üben starke Kritik. Die Unterhaltungsindustrie agiere kapitalistisch, sie sei Akteur des Kapitalismus, d.h. ihr Bemühen sei auf wirtschaftliche Erfolge gerichtet. Geld, Geld und nochmals Geld. Welche Produkte dem Publikum verkauft würden, sei nebensächlich. Die Unterhaltungsindustrie sei eben genau das – eine Industrie, die von Produktionsfirmen beherrscht werde, die einen maximalen Profit erzielen wollten. Genau wie andere Kapitalisten ignoriere sie dabei die Bedürfnisse der Menschen oder die Auswirkungen ihres Tuns. Der Konsument werde mit dem bedient, was er will, was er versteht, was ihn nicht verwirrt, mit eingängigen Melodien, einfach gestrickten Sachverhalten. Nun mögen Sie sich fragen, wie ich auf die Idee komm, daß sich das Publikum überhaupt mit hochwertigen Filmen, Fernsehsendungen und Musik abgeben will, da ihm Sex und Gewalt doch offensichtlich lieber sind als Inhalte, bei denen man denken muß. Speisekarte der Konsumenten: triviale, oberflächliche Nichtigkeiten. 1 Ursprünglich wird in dem Essayband von Kulturindustrie gesprochen, doch ist dies gleichbedeutend wie der Begriff Unterhaltungsindustrie. Für unsere Zwecke wird weiterhin dieser Begriff verwendet. Die Rolle eines Individuums sei von der Unterhaltungsindustrie auf die Konsumentenrolle beschränkt worden. Die Unterhaltungsindustrie bediene das Publikum mit einem Haufen (Abfall-)Produkte, und darin könne sich das Individuum hineinstürzen, sich reichlich befriedigen (da denke man doch gleich an die Pornoindustrie, ein Nebenzweig der Unterhaltungsindustrie), sich verlieren. Es fordere nicht mehr. Es lasse sich nur noch von dem Unterhaltungsindustrieprodukten überschütten. Indem dem Individuum nur die Aufgabe des Konsumenten zustehe und es diese auch brav ausführe, werde verhindert, dass es eigenständig denke, kritisches Hinterfragen der Unterhaltungsindustrie werde damit ausgelöscht, abgelenkt von dem Wesentlichen mit Nichtigkeiten. Es komme zu einer geistigen Stagnation der Gesellschaft. Was tun, wenn das Publikum nur noch die Produkte in sich hineinschaufelt, nur darauf bedacht, ob die Unterhaltungsstars, die sich mit Alkoholismus herum[plagen], mit Drogenmissbrauch, Seitensprüngen, übermäßig ausgeprägtem Sexdrang und Depressionen, bei der breiten Öffentlichkeit beliebt sind? Indem man diese Unterhaltungsstars dazu bewegt, eben solche Inhalte in solchen Formen zu präsentieren, die von wahrer Kunst zeugen. Denn immerhin werden die Drehbücher und Lieder nicht von den Stars selber geschrieben, sondern die bekommen sie von klugen Köpfen in die Hand gedrückt. Foster Lipowitz kontrolliert praktisch alles, was man sieht und hört, ihm gehören viele der großen Firmen der Unterhaltungsindustrie der Welt, und ist somit im Stande eine intellektuelle Wiederbelebung […] in Gang zu bringen. Allerdings braucht er dazu Künstler, und diese verschafft er sich folgendermaßen: Er lässt 457 Kinder im Alter zwischen 5 und 12 Jahren , die UNGEWÖHNLICHE BEGABUNG IM SCHREIBEN, MUSIZIEREN ODER ANDEREN KÜNSTLERISCHEN AUSDRUCKSFORMEN AUF[WEISEN], auf eine Akademie, die New Renaissance, von speziellen Lehrern unterrichten, um ihr Talent nicht sterben zu lassen. Unter diesen Kindern befindet sich der siebenjährige Vincent. Das besondere an ihm ist, dass er zu den sehr wenigen gehört, die auserwählt wurden, ein Wagnis einzugehen, um zu einem der allerbesten Künstler zu gehören, nach dem Motte: per aspera ad astra – ohne Leid kein Preis. New Renaissance braucht also eine einsame Seele, die das Leiden der Welt auf sich nimmt und in Meisterwerke verwandelt. Diese Seele mag unerwiderte Liebe erdulden, unter Nervenzusammenbrüchen leiden, von Überarbeitung, Isolation, Ächtung, Elend, körperlichen und seelischen Krankheiten geplagt werden. Nichts davon wäre umsonst. Und um dafür zu sorgen, dass Vincent stets inspiriert (also gequält) wird, stellt die New Renaissance ihm einen Manager zur Seite, Harlan Eiffler, einen sehr zynischen, von der derzeitigen Situation der Unterhaltung sehr angewiderten Ex-Musiker, dann Kritiker, bevor er wegen giftiger Bemerkungen in einer Zeitschrift gefeuert wurde: Es schmerzt, meine Tinte für die kritische Würdigung einer Band wie D-Prayvd zu vergeuden. Schließlich könnte der wertvolle Platz dazu genutzt werden, dieses Magazin mit ein Paar großen Brüsten zu verschönen.[…]Natürlich gibt es gute Gründe dafür, D-Prayvd eine Zukunft zu ermöglichen, wenn man bedenkt, wie das Land, das sie hervorgebracht hat, Mittelmäßigkeit feiert und alles haßt, was auch nur einen Hauch Originalität aufweist. […] Wenn es im Fernsehen ist, muß es doch gut sein, richtig? Falsch, du Trottel. […] Mir ist klar, dass ich noch nichts über den eigentlichen Inhalt dieser Platte gesagt habe. Was ich auch nicht vorhabe, denn sie hat keinen. Ohne dass Vincent diesbezüglich etwas weiß, wird sein Leben durch Harlan dermaßen manipuliert, dass er ein Außenseiter bleibt, ohne Hoffnung auf Liebe, von jedem verraten – nur von Harlan nicht, von dem er glaubt, er sei immer an seiner Seite. Dir bleiben also nur deine Gedanken, und deine Gedanken sind lebende Menschen in deinem Hirn, die anrufen und wieder auflegen und herumlungern wie bewaffnete Wachleute, die zufällig wunderschön sind. Es heißt nicht mehr geben, sondern wegnehmen. All seine glücklichen Momente bleiben auch nur dies: Augenblicke, bevor das Leid an ihre Stelle tritt und Vincent zu neuen, kunstvollen Meisterwerken inspiriert. Das Leid des Künstlers wird verkauft, zugunsten der Gesellschaft. Und der Leser fühlt mit Vincent, auch wenn in gewissen Momenten ein zynisches Lächeln wegen Harlans Methoden über das Gesicht der Leser huscht und Vincents Leid vergessen wird. Doch wie lange kann ein Künstler das durchhalten, bevor er daran zerbricht, weil zwischen Genie und Wahnsinn nur ein schmaler Grad liegt, was wird die Zeit bringen, die Hässliches aufdeckt und die Wahrheit ans Licht [bringt]? Kann der Künstler weiterhin der Erlöser der Welt sein? Mit beißendem Witz und satirischem Scharfsinn erzählt J. Goebel von einer Welt, deren Inhalte bedeutungsloser werden, und fragt sich, inwieweit der Mensch als Einzelner aus diesem Teufelskreis einen Ausweg findet - oder ob es einen Ausweg möglicherweise gar nicht gibt. Jedem wird schon heutzutage bange, wenn er das Fernsehen anschaltet und nach etwas Produktivem Ausschau hält. Was steht auf dem Tagesprogramm? Sex and the City? Oder doch eine Runde Talkshow, die zeigt, wie der Freund seine (Ex-)Freundin verlassen hat, weil er die Verantwortung für das gemeinsame (was er heftig bestreitet) Kind nicht übernehmen will? MTV mit seinen Stars, deren Brüste den ganzen Bildschirm ausfüllen, und der immer wiederkehrenden Lyrik, ein zu Tode gerittenes Pferd, das man geschlagen, gehäutet, in Scheiben geschnitten, tiefgefroren, gegessen, verdaut, wiedergekäut und noch mal verspeist hat? Da schaltet man doch liebend gern aus, nur leider bleibt die Masse daran hängen, kritiklos und unreflektiert lässt sie sich davon füttern, verblödet allmählich daran. Besonders Kinder und Jugendliche, deren Widerstand praktisch Null ist, sind davon betroffenen. Traurig, aber wahr. Wie will man eine Welt „des Friedens und Gewaltlosigkeit zugunsten der Kinder“ erreichen, wenn sie täglich Gewalt und Unnutz in sich hineinziehen? Es geht nicht mehr um Kunst, sondern um Gewinn. Was lässt sich besser verkaufen, was leichter? Da bleibt nur noch die Frage offen, ob die hirnlose Unterhaltung zuerst da war und das Publikum verblödete, oder ob die Dummheit der Zuschauer am Anfang stand und die Geldgeilen sich das gnadenlos zu nutze machten. Joey Goebel: Vincent Roman; Aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog und Matthias Jendis; Diogenes Verlag AG Zürich; 431 S., Taschenbuchausgabe: 9,90 € ISBN: 3257064853 Mariam A. $__________________________________________$__$ $$$__$____________________________________$___$$ $__$___$$_______________________________$$___$$$ $___$$____$____________________________$___$$$_$ $____$$$____$________________________$$___$$$__$ _$____$$$$____$_____________________$$___$$$$__$ __$____$$$$$$___$__________________$$___$$$$$_$$ ___$____$$$$$$$___$_______________$____$$$$$$_$$ ____$_________$$$$__$_____________$_$$_$$$$$__$ _____$___$$__$$$$$$$__$$__________$$$$$__$$$__$ ______$___$$$$$$$$$$$$__$________$$__$$$__$__$$ ________$__$$$$$$$$$_$$$_$_______$____$_$$$__$ _________$$__$$$$$$$$___$________$_$$$$$_$$_$$ ___________$___$$$$$$$$$_$$______$__$$$_$$$_$ _____________$$___$$$$$$$$$$$____$___$$_$$_$ ________________$$$$______$_$_$_________$_$ ____________________$$$$$$$$$$_$$$$$__$$_$ __________________________$$$_$$$_$$$_$$$ _____________________$$$$$$$____$__$$$$ ______________$$$$$_$$$$$$$$$$$$_$$$$_$ ___________$$$$$$$$$$$$_______$$$$$$$__$ _________$$_$$$$$$$$_$__________$$$$$$__$ _________$$_$$$$$$$$__$__________$$$$$__$ ________$$__$$$$$$$$$$$____________$$$_$$$ _______$________$$$_________________$$_$$$ ______$$$$$$___________________________$$$ ______$_____$$$$_____________$$$$$$$$$$__$ ______$$__$$$$__$$$$$____$$$$$$__$$$$$$__$ _______$$___$$$$$__$$$$$$$____$$$$$$$$$$_$ ________$$$____$$$$$$$____$$$$$$$$$$$$$$_$ __________$$$______$$$$$$$$$$$$$$$$$$$$__$ _____________$$$$_____$$$$$$$$$$$$$$$$$__$ ________________$$$$__$$$$$$$$$$$$$$$___$ ___________________$_$$$___$__$$$_____$$ __________________$_$$__$$$$__$___$$$$__ _________________$$$$$$$____$$$$$$______ _____________$$$_$$$$$$$$____$______$$$$ _____________$_$$$$$_$$$$______$$$$$$$$_ _____________$$$$$$$$$$$$___$$$$$_______ ______________$______$$$$_______________ Das ist mein Hase. Axel Zander Ich habe in alten Schulsachen herumgekramt und habe ein Gedicht und eine Geschichte gefunden, die ich selber ausgedacht habe. Die Geschichte sollte ich mit den Wörtern bilden, die meine Lehrerin auf die Tafel geschrieben hatte, und wie ich das Gedicht geschrieben habe, weiß ich nicht mehr :-P Bei der Geschichte weiß man, dass ich das, als ich in der Grundschule war, geschrieben habe, und bei dem Gedicht auch. MEIN GEDICHT Mein Taschentuch hat viele Risse, Nur weil ich dich so sehr vermisse! Nichts kann ich mehr genießen, Da ständig meine Tränen fließen! Gefiel dir etwa nicht die Rose In deiner vollen Eisteedose? Du kannst mich doch dafür nicht hassen Und mich hier draußen stehen lassen! Vorhin lief ich zum Kaufhaus Hase Und kaufte dort die schönste Vase. Nun warte ich vor deinem Haus und hoffe, du kommst gleich heraus. Mein Hund wird dich bestimmt nicht beißen, Denn seine Leine kann nicht reißen. Der Dackel sitzt auf meinem Fuß Und bellt dir einen lieben Gruß. EINE INDISCHE STORY Es war einmal ein Junge namens Shahrukh. In der Schule hatte er seiner Freundin Kajol eine Jugendzeitschrift geschenkt. Kajol hatte Shahrukh zum Mittag- und Abendessen eingeladen. Im Unterricht war es sehr warm. Die Hitze sorgte dafür, dass er stark schwitzte. Zum Glück hatte er in seiner Wasserflasche noch was zu trinken. Nach der Schule ist Shahrukh mit Kajol den Weg bis zur Kreuzung gelaufen. Als er dann zu Hause ankam, grüßte ihn seine Mutter: "Namaste" "Namaste Mom!", sagte er und flitzte in sein Zimmer, um mit den Hausaufgaben rechtzeitig fertig zu werden. Shahrukh musste ja zu Kajol. Zum Glück hatte er heute nur eine einzige Hausaufgabe auf. Er sollte was über die Wespe herausfinden. Er schlug im Lexikon nach. Da stand alles! Endlich war er fertig. Er sagte zu seiner Mutter, dass Kajol ihn eingeladen hatte und er sie besuchen wollte. Seine Mutter sagte: "Zieh deine Wanderstiefel an!" "NEIN", widersprach er. "Sie sehen hässlich aus. Ich ziehe sie an, wenn ich wandere. Versprochen. OK Mom! I love you Mom! Bye Mom." Die Mutter hatte fast nichts verstanden, weil sie nicht richtig deutsch konnte. Sie schrie ihm hinterher: "Donnerstag du ziehen Wanderstiefel an!" Und Shahrukh flüsterte leise "Das heißt: Am Donnerstag ziehst du Wanderstiefel an!" Er hatte ein bisschen Geld dabei. Er brauchte das Geld um eine Bahnfahrkarte zu kaufen. Er hatte keine Lust zu laufen. Das war ihm zu weit. Er musste in der Endstation aussteigen. Er kaufte noch vom Bäcker ein Stück Käsekuchen. Er war früher da, als er sein sollte. Kajol war überrascht, als sie den Kuchen sah. Sie aßen erst mal zu Mittag. Nach dem Essen gingen sie in Kajols Zimmer und spielten mit Konsolen. Später saßen sie vor dem Computer und chatteten. Nach dem Abendessen wollte Kajol, dass Shahrukh bei ihr übernachtete, aber er war ein Junge und sie ein Mädchen. Sie dachten darüber nach, ob sie, wenn sie mal groß waren, heiraten würden. Da sagte Kajol: "Ach, Quatsch! Wir bleiben beste Freunde und das reicht.“ Shahrukh musste nach Hause. Sie verabschiedeten sich. Als sie erwachsen wurden, heirateten sie, aber nicht Shahrukh und Kajol, sondern Shahrukh und Gauri. Shahrukh hatte Rücken- und Knieprobleme. Er rauchte. Weil das schlecht für seine Gesundheit war, hörte er später auf. Wen Kajol heiratete, weiß ich nicht. Shahrukh und Kajol wurden Schauspieler und drehten als Hauptcharaktere in Filmen zusammen. Tansu GUTEN TAG Mein Name ist Axel und ich gehe in die 10a und bin einer der wenigen Deutschen hier und ich kann auch nicht so gut Deutsch, besonders die Rechtschreibung fällt mir sehr schwer. Ich gehe seit 3 Jahren 6 Wochen und 6 Stunden in diese Schule. An manchen Tagen dachte ich, dass ich die Schule niemals schaffen würde, da ich einfach nur noch schlechte Noten bekommen habe, und dann kam auch noch alles auf einmal. In Englisch, Französisch und noch Deutsch habe ich meistens sehr schlecht abgeschnitten. Dazu kamen immer so viele Hausaufgaben, ich dachte, es geht nicht mehr weiter und ich werde sitzen bleiben. Doch ich habe es immer wieder geschafft, da ich einfach weiter gemacht habe, damit ich, wenn ich sitzen bleibe, einen Vorteil habe in der nächsten Klasse, die ich wiederholen werde. Ich hoffe, dass es jeder so macht und nicht einfach aufgibt, auch wenn er weiß, dass er die Klasse nicht mehr schafft. Axel Zander UNTERRICHTS-MIX Die chemische Reaktion bezieht sich auf den Term des Taktes in der Mundhöhle des Leichtathletikers Space Campes. Die Grammatik hat jedoch Kolumbus bewiesen, indem er das à plus entdeckt hatte. Die Organe eines Atoms sind Monsune. Laufen gehört zu den beliebtesten Brüchen. Cortés, der beste Space Camper, ist sehr präpositional. Organe werden durch Taktstriche getrennt. Eine Verbindung ist kein physikalischer Vorgang, sondern ein einfacher Term. Ein Term wird auch einfach als Horizontlinie bezeichnet, da die chemische Reaktion ein Artikel ist. Khaldun Tubasi 8a DURCHBLICK LIEBE Das Auge mit dem wir sehen, betrügt uns um die Realität. Wir sehen nur das, was wir sehen wollen. Das was sich dahinter verbirgt, sehen wir nur durch unser geistiges Auge. Irrwege der Liebe sind bekannt. Doch die schönen Sachen sind kaum genannt. Es gibt Freude und Leid, Auch Entspannung, manchmal Neid. Liebe ist schön, dennoch kann sie nicht jeder finden... Nadja H. DAS LOS [AUSZUG] […]Wir interessieren uns nicht für das Leid des anderen. Wir kennen nur unser eigenes Leid, das wir täglich erleben. Sowohl körperlicher als auch verbaler Gewalt sind wir Mädchen nahezu immer ausgesetzt. Dass das andere Mädchen sie ebenfalls erlebt, ist uns vorstellbar, aber es interessiert uns nicht, denn wir spüren nur, was mit uns passiert, und das reicht uns zur Genüge. Weshalb sich für das Leid des anderen interessieren, wenn wir unser eigenes lieber vergessen möchten. Und weil wir keine echte, nur vorgeheuchelte Aufmerksamkeit zeigen, reden wir aneinander vorbei. Wir sitzen in einem Café und versuchen unserem Gegenüber klar zu machen, wie schlecht es uns geht, aber weil beide Parteien das gleiche wollen, ist es uns egal, was die andere sagt. Aber das ist auch egal. Denn angenommen, wir würden wirkliche Anteilnahme zeigen, es bringt uns beiden nichts. Denn wir sind machtlos, wir sind schwach, können dem anderen nichts bieten, nicht helfen. Wir leben in einem Universum, das in mehrere subjektive Welten gespalten ist; in dem Café stehen sich zwei Welten gegenüber, existieren dicht beieinander, prallen aufeinander und möchten in die andere eindringen und miteinander verschmelzen, schaffen es aber nicht. Wir gleiten aneinander vorbei. Abseits existiert eine andere Welt in dem Café, die, im Gegensatz zu unserer, mehrere Individuen beherbergt. Sie lachen und hören Musik, reden über nichts Ernstes. Das macht uns wütend und lässt uns unserer Hilflosigkeit und Schwäche bewusster werden. Wir ekeln uns gegenseitig an, können die Präsenz des anderen nicht mehr ertragen, wenn wir sie auch nicht immer allzu bewusst aufnehmen. Nur der süßliche Duft der Schande dringt zu uns und sorgt dafür, dass die beiden Welten auseinander driften. Eine Kluft in einem einzigen Universum. Anstatt die Welt mitteilen zu wollen, sollten wir lernen, die Welt mit-teilen zu können. […] Mariam A. GLOSSEN aus dem Deutsch-Profilkurs von Frau Maltusch sollten schon in der letzten Nummer erscheinen, sind aber leider in unserem Computer-Chaos untergegangen. Jetzt ist das Thema „Hitzefrei“ zwar nicht mehr aktuell, jedoch finden wir die Glossen so lustig, dass wir sie Euch nicht weiter vorenthalten wollen. HURRA, KEIN HITZEFREI!!!! Es ist 32° und wir haben kein Hitzefrei. Was für ein GLÜCK!! Die arme Mittelstufe muss jetzt nach Hause gehen und ist sich nicht bewusst, was sie verpasst. Und wir, die Oberstufe, dürfen weiter Unterricht haben und das macht uns zu etwas Besonderem! Denn wir sind ja älter als die und können die Hitze besser ertragen! Es macht uns Riesenspaß, bei 32° mit schwitzendem Körper dem Mathelehrer zuzuhören. Auch die Lehrer sind erfreut, uns in dieser Hitze zu unterrichten, und empfangen uns mit offenen Armen. Warum sollen wir, anstatt Unterricht zu haben, schwimmen oder Eis essen gehen? Wir als die Oberstufe sind sehr froh und zufrieden darüber, dass wir kein Hitzefrei haben!!! Gülnur Yildirim, Güngör Günaydin WAS WOLLEN WIR? Wir, die Oberstufenschüler verlangen Gleichberechtigung! Warum haben die Sieben- bis Zehntklässler hitzefrei und wir nicht? Wo bleibt die Demokratie? Warum haben die Sieben- bis Zehntklässler nicht auch das Recht weiter Unterricht zu haben? Bloß weil die Lehrer früher Schluss haben wollen und keine Lust mehr haben zu unterrichten. Nach so vielen Jahren geben sie als Grund an: „Ja, die armen Schüler halten es nicht mehr aus!?“ Aber über miserable Pisastudienergebnisse wundern sich alle. Kein Wunder, wenn die Schüler ständig hitzefrei haben. Es wird immer laut, sobald sie erfahren, dass sie hitzefrei haben, dann denkt jeder, sie freuen sich bestimmt, aber das ist nicht die Freude, sondern das Bedauern. Wir wollen von Tag zu Tag unser Wissen erweitern und finden es unsinnig, früher Schluss zu haben, um schwimmen zu gehen, denn wir haben es uns selber ausgesucht, hier auf der RKO Abi zu machen! Wir pauken lieber Mathe und Deutsch in schwitzenden Klamotten. Ist es euch jetzt unklar, was wir wollen??? Wir wissen es auch nicht... Dyana Ahmad, Islim Dogan WARUM GIBT ES HITZEFREI ABER KEIN KÄLTEFREI? Die Schüler Deutschlands bekommen Hitzefrei, wenn die Raumtemperatur einen bestimmten Hitzegrad übersteigt. Dafür sind wir ja sehr dankbar, doch was ist mit dem Winter? Der eisige Wind zieht in das Klassenzimmer und die Schüler haben so dicke Mäntel an, dass sie bei der Bewegung ihres Kugelschreibers eingeschränkt sind. Natürlich könnte unser Schulsenator jetzt sagen, dass jede Schule Heizungen besitzt, doch was bringen sie uns, wenn sie höchstens einen Teil der Klasse heizen. Trotzdem danke, dass wir in den Klassen frieren dürfen, während der Schulsenator sich vor seinem Kamin Gedanken über seinen nächsten Urlaub machen darf, statt sich über unser Wohlbefinden Sorgen zu machen. Wenn ich mich nicht irre, sind wir doch die Zukunft...denn der Schulsenator wir sicher keine haben! Umut Danis DER SOMMER IST DA, DOCH WIR SCHWITZEN VOR UNSEREN SCHULTISCHEN Nun ist der lang ersehnte Sommer endlich da und die Thermometer zeigen nie unter 30Grad an. Doch die Oberstufenschüler unserer Schule bekommen kein Hitzefrei. Viele kommen damit nicht klar, was auch zu verstehen ist. Man würde lieber draußen im Park sitzen und ein erfrischendes Eis essen oder in einem Freibad schwimmen. Es ist ungerecht, die Mittelstufenschüler schon nach der 5.Stunde gehen zu sehen und dann noch 3 Schulstunden „absitzen“ zu müssen. Eine Alternative wäre vielleicht das Einbringen der Kurzstunden. Wir könnten statt Hitzefrei 30min Unterricht machen, würden keine Ausfälle haben und hätten früher Schluss. Damit könnten die Schüler auch bessere Leistungen bringen und wären in den letzten Schulstunden nicht so abgelenkt und erschöpft von der Hitze! Hümeyra Cicek, Oguzhan Karadavut YUHUUU, MEHR SCHULE Ist es nicht toll, dass wir uns weiterbilden können, während die Schüler aus der Mittelstufe Hitzefrei haben??? Die Mittelstüfler tun mir so leid, sie müssen Eis essen gehen, schwimmen gehen, ins Kino gehen und ihre Freizeit mit Vergnügungen vergeuden. Doch wir haben das Glück, weiter in der Schule bleiben zu können. Es ist einfach traumhaft, in der achten und neunten Stunde viele schöne Matheaufgaben bei 30-40 Grad zu lösen. Ich verstehe wirklich nicht, wieso man Hitzefrei haben will. Wie schön es ist, ein Oberstüfler zu sein! Kemal Ahmedi, Jülide Cakan NACHMITTAGSUNTERRICHT IM SOMMER Die Sommertage stehen uns bevor. Die Sonne brennt einem auf der Haut und alles, woran man glücklicherweise in der Oberstufe denken darf, ist die Schule und der bevorstehende Nachmittagsunterricht. Schwitzen ohne Ende ist eines der Dinge, die wir über uns ergehen lassen, solange wir nur unsere heißgeliebten Lehrer dabei betrachten dürfen, wie sie uns mit ihrem intellektuellen Gesprächsstoff besänftigen. 30 Grad und ein langer Sommernachmittag sind vielleicht keine Selbstverständlichkeiten in Berlin bei dem ständig wechselnden Wetter, aber nicht annähernd zu vergleichen mit einem Nachmittag, den wir mit unseren Lehrern verbringen dürfen. Warum besteht also der nicht nachvollziehbare Verdacht, dass wir die Mittelstufe beneiden könnten? Vielleicht aus dem Grund, weil sie ihren Nachmittag voll ausnutzen können durch die Vergünstigung des Hitzefrei?! Oder weil sie, während wir unsere heißgeliebten Diskussionen führen, damit beschäftigt sind, ins Freibad zu gehen oder sich zu einem Eis zu verabreden. Schwachsinn, wir sind zufrieden!! Özlem, Asli, Sümeyya WIE SCHÖN SICH DOCH UNSERE SCHÜLER VERSTEHEN! Nein! Wir verstehen uns nicht nur gut, wir lieben uns alle! Jeden Morgen freuen wir uns, einander zu sehen! Wir laufen nicht in die Schule, wir rennen! Die Schule beginnt immer mit einer Umarmung! Wenn es so weiter geht, kriegen wir noch einen Nobelpreis im Verstehen! Und wir würden nie auf die Idee kommen, uns zu streiten! Hahah, neinnn ! Die Lehrer langweilen sich schon, weil sie keine Schlägereien schlichten müssen! Tadel müssen bei uns auch nicht verteilt werden, die benutzen wir inzwischen als Schmierblätter! Unser Wortschatz kennt keine Ausdrücke! Das würde bloß unserer Persönlichkeit schaden! Wir würden nie auf Idee kommen Fuck off, was guckst du, man willst du Schläge haaaa lan, zu sagen! IN LIEBE ROBERT-KOCH-SCHÜLER! Selin, Sinem LIEBES ROBERT-KOCH-LEHRERKOLLEGIUM Wir wollen uns bei Ihnen bedanken, dass Sie uns am frühen Morgen nicht anfangen zu nerven und uns fünf Minuten geben, um wach zu werden! Sie würden ja auch nie uns eine Verspätung eintragen und so unsere Zeugnisse ruinieren! Vor allem, wie Sie versuchen uns zu verstehen und mit uns zu diskutieren, so was haben wir noch nie erlebt! Andere Lehrer würden erst gar nicht auf eine Diskussion eingehen, aber Sie sind anders! Jeden Morgen werden wir mit einem freundlichen GUTEN MORGEN, IHR LIEBEN SCHÜLER begrüßt. Der Unterricht wird mit Süßigkeiten geschmückt. Ist das zu fassen? - auf unserer Schule schon! Unsere Lehrer haben geschafft, wovon alle Schüler träumen: dass Schule Spaß macht! DANKE, DANKE, DANKE!!!!! Echt süß und lieb von Ihnen ;) – kein Wunder, dass wir jetzt alle gute Noten haben und einen Durchschnitt von 1,0! Am besten finden wir, dass die Lehrer unsere Hausaufgaben erledigen. Wollen nicht alle Schüler so etwas? Selin, Sinem HEIßE SCHULE!! Durch das jahrelange Strapazieren des Klimas werden die Tage immer wärmer. Doch wer leidet unter dieser Hitze? Natürlich die Schüler, die in ihren stickigen Klassenzimmern hocken müssen und stundenlang gezwungen werden den Unterricht aufmerksam zu verfolgen. Die meisten in der Oberstufe haben schon eingesehen, dass sie kein Hitzefrei mehr haben, was eigentlich auch sehr traurig ist. Wieso kommen die Lehrer nicht mal auf die Idee Unterricht im Freien zu machen, welches das Denken den Schülern auch sehr erleichtern würde bei diesen Temperaturen. Doch bis der Schulsenat was unternimmt, werden wir wahrscheinlich schon alle verkohlt sein. Yasin Bölme BEGEGNUNG Heute bin ich zufällig im LPG-Supermarkt einer ehemaligen Schülerin aus meinem DeutschLeistungskurs vor vielleicht acht bis zehn Jahren begegnet: Sibel! Zu meiner großen Freude erfuhr ich, dass sie ihr Studium (Sport und Grundschulpädagogik Deutsch und Sachkunde) abgeschlossen hat. Auch hat sie schon während ihres Studiums geheiratet und während der Wartezeit aufs Referendariat zwei Kinder geboren. Nächstes Jahr wird sie nun hoffentlich ihre berufliche Arbeit in einer bilingualen Grundschule aufnehmen. Sie leuchtete vor Glück und schien mir schöner und klüger als je. Sewig DER TOD Der saphirfarbige Himmel war wolkenlos. Es war warm. Die Hitze lag wie Blei über der Stadt. Das hielt aber die Menschen nicht davon ab, hinauszugehen und sich zu amüsieren. Genauso wie ich, Azrael. Jeden Tag vertrieb ich mir meine Zeit mit Mädchen, Alkohol, Nightlife usw. Doch dann geschah es ...etwas, was mich von einer Sekunde auf die andere veränderte. Es war Donnerstagmorgen. Ich wachte wie jeden Morgen um 7 Uhr auf, um mich für die Schule fertig zu machen. Ich nehme mir immer viel Zeit, um mich aufzustylen. Ach ja, hab ich schon erwähnt, dass ich der Mädchenschwarm der Schule bin? Heute hatte ich wieder nur eines im Kopf, nämlich mir ein Mädchen zu sichern und feiern zu gehen. Wie immer fuhr ich meinen Audi TT, um zur Schule zu kommen. Das kommt bei den Jugendlichen, besonders bei den Mädchen, gut an. Doch irgendetwas war heute anders. Ich weiß nicht was es war, nur, dass heute etwas geschehen würde, was ich niemals geahnt hätte. Auf meinem Schulweg merkte ich, dass ich meine Schlüssel zuhause vergessen hatte. Daraufhin machte ich mich auf den Rückweg; aber um pünktlich anzukommen,. beschleunigte ich das Tempo. Die Ampel leuchtete rot, aber hielt mich nicht davon ab, meine Fahrt zu stoppen. Ich raste mit voller Geschwindigkeit, um noch über die Ampel zu kommen. Und da... Was war das nur? Ich spürte einen ungeheuerlichen Schmerz, ich hörte ein lautes Krachen, mir wurde schwarz vor Augen, ich spürte nichts mehr, nur noch Dunkelheit. Was war passiert?! War ich etwa tot? „Oh, was?! Doktor, Doktor! Schnell, kommen Sie hierher. Azrael ist aufgewacht!“ Was ist denn hier los? Was meint sie mit aufgewacht? „Ein Wunder ist geschehen!“ Voller Schmerzen versuche ich mit dem Arzt zu reden: „Was... Was war denn? Was ist passiert?“ „Azrael, du hast zwei Monate lang im Koma gelegen. Wir haben dich schon aufgegeben. Wir haben alles versucht, und nun bist du wach. Oh, Azrael, ein Wunder, ein Wunder.“ Wie bitte?! Ich lag zwei Monate lang im Koma? Was ist denn bloß passiert? Ich erinnere mich an nichts, nur an meine letzte Fahrt [...] Es ist ein Monat vergangen und ich werde nun aus dem Krankenhaus entlassen. Immer wieder, von dem Tag, an dem ich aufgewacht bin, bis heute, stelle ich mir Fragen, wie z.B., was das Leben für einen Sinn hat. Wieso habe ich überlebt? Was wäre passiert, wenn ich jetzt tot wäre? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Woher bekomme ich meine Antworten? Ich bin einfach ratlos, irritiert und einsam. Keine Gedanken über Mädchen, Spaß und Geld kommen mir mehr. An meinen ersten Schultag erfuhr ich, dass wir einen neuen Mitschüler namens AbdulRahman bekommen haben. Er scheint ganz nett zu sein, ruhig und gelassen. Aber wo waren eigentlich meine Freunde? Komisch. Nicht einer von denen war zu sehen. In der Hofpause bewegte sich eine Gestalt auf mich zu. Ich erschrak, als diese Gestalt mich von hinten anfasste. Es war der Neue, Abdul-Rahman. „Na du, alles klar bei dir? Du bist doch Azrael, nicht wahr?“ „Äh, ja, der bin ich. Wieso fragst du?“ „Ich hab viel von dir gehört. Du lagst im Koma, oder?“ „Ja.. Aber was geht dich das überhaupt an? Hast du ein Problem damit?!“ Oh, war ich zu hart? Mir egal, wieso kommt er mir auch gleich mit diesem Thema?! „Bruder, rege dich bitte nicht gleich auf. Sei nicht zornig. Ich habe nur angenommen, dass du vielleicht jemanden zum Reden brauchen könntest.“ Seine Augen wirken klein und liebevoll beim Sprechen. Aber was redet er da? Bruder, zornig?! Wo bin ich denn hier? Hat er sie nicht mehr alle?! „Zum Reden?“ „Ja. Soweit ich gehört habe, warst du früher anders.. Mädchen, Geld und Alkohol. Du siehst aber komischerweise gar nicht danach aus, oder irre ich mich da etwa?“ Ich zögerte. Ich wollte nicht über mich sprechen, aber etwas drängte mich, es zu tun. „Du irrst dich nicht. Ich habe mich verändert... sehr sogar.“ „Aha. Woher kommt dieser plötzliche Wandel?“ „Ich weiß es auch nicht, aber mein Unfall hat mich zum Überlegen gebracht.“ „Hmm.“ „Weißt du vielleicht, wo meine Freunde sind. Es war eine Gruppe. Sie hießen Lahab, Frank und Christian.“ „Klar kenne ich die. Hast du nichts in der Zeitung gelesen?“ „Zeitung? Wieso, was ist denn passiert?“ „Sie sind alle gestorben. Genau an dem Tag, als du deinen Unfall hattest, ist Lahab gestorben, bei einem Autounfall. Er wollte seinen Freunden zu einer Party am Strand folgen und ist gegen ein LKW gekracht.. Frank war so betrunken, dass er ins Meer gefallen und ertrunken ist. Christian ist dabei umgekommen, als er hinterher sprang, um ihn aus dem Wasser zu retten.“ Ich sah ihn schockiert an. Wie konnte das nur passieren, genau an dem Tag, an dem ich meinen Unfall hatte? Das alles hätte mich treffen können. Aber wieso habe ich überlebt. Ist das Schicksal? Existiert wirklich so etwas? „Azrael, ich verstehe dich sehr gut. Wenn du jemanden zum Reden brauchst, dann rufe mich an oder besuche mich einfach. Meine Daten stehen auf der Telefonliste. Ich muss mich jetzt für die Sportstunde fertig machen...Bis dann.“ Was ist nur alles passiert und wieso...? Als ich Zuhause war, habe ich mir nur noch Gedanken über die vergangenen Geschehnisse gemacht. Sollte ich mich vielleicht d och bei Abdul-Rahman melden? Nein, das ist blöd. Ich will nicht wie ein Schwächling wirken, ratlos und unwissend. Aber mit wem soll ich denn sonst reden? Ich habe niemanden. Was soll ich nur tun? Ach, was soll´s! Ich darf nicht zu stolz sein... „Ja, hallo? Wer ist da?“ „Bin ich hier bei Abdul-Rahman?“ „Ah Azrael?! Ja, ich bin es. Du bist hier richtig. Komm hoch.“ ...Irgendwie kommt es mir so vor, als würden heute einige meiner Fragen beantwortet werden... „Komm rein!“ „Danke. Ich hoffe, ich störe dich nicht, Abdul-Rahman.“ „Nein, ganz und gar nicht, Bruder.“ „Und wie geht es dir?“ „Danke, sehr gut, ich bin gesund, und dir? Ich bin gesund! Was ist denn das für eine komische Antwort? Ein wirklich seltsamer Kerl ist das. „Danke, ähh.., ich bin auch gesund.“ Jetzt habe ich auch noch dieselbe dumme Antwort gegeben. Ich habe sie langsam auch nicht mehr alle. „Abdul-Rahman? Du hast hier viele Bücher, wie ich sehe, und das auf dem Tisch sieht sehr interessant aus. Um was geht es denn da?“ „Es geht um den Tod.“ Mein Herz fing an heftig zu schlagen. „T..Tttood?“, stotterte ich. „Ja, es ist sehr interessant. Dieses Buch besonders, denn es schildert die Geschichte des Todes und so, als wärest du dabei gewesen. Sagen wir, es sei eine Geschichte, in der du mitfühlen und in die du dich hineinverwickeln kannst.“ Wow. So etwas gibt es? Wie unheimlich, aber auch interessant. „Kannst du mir vielleicht davon erzählen?“ „Ja, sehr gerne.. Stell dir vor, es wäre dein Begräbnis und du würdest in einem Sarg liegen. Alles wird schwarz und dunkel um dich. Deine Haut wird kalt und deine Augen werden trocken. Du hörst Schritte, die sich weiter und weiter von dir entfernen. Du bemerkst, dass dich deine Seele verlassen wird. Nun fängt ein heftiger Wind von deinem Kopf bis zu deinem Fuße an zu wehen. Es ist Zeit zu gehen. Nun wird dir klar, dass jede Seele ihr Datum zum Sterben bekommen hat. Es kann jeden Tag jeden treffen. Du wirst bemerken, dass am Ende sich alles zwischen Hölle und Paradies entscheiden wird. Alle deine Taten wurden aufgeschrieben. Warst du ein guter Mensch oder ein schlechter?..“ Ich fange am ganzen Körper an zu zittern. Was erzählt er denn da? Ist das etwa die Wahrheit? Wird es wirklich nach dem Tod noch ein Leben geben, worin entschieden wird, ob du in der Hölle oder im Paradies landen wirst..? „..Und nun..“ „Nein! Hör auf damit! Ich will nichts mehr hören. Das ist doch krank. Du willst mir doch nur Angst einjagen. Hab ich Recht?! Ich bin kein Idiot...“ Was macht mich so zornig? Wieso rege ich mich überhaupt auf? „Ich verstehe dich, Azrael, aber..“ „Nein...!!!“ Er schaute mich schockiert an, während ich die Tür heftig hinter mir herschlug und hinausrannte [...] Amina Al-M. Fortsetzung folgt in der nächsten Ausgabe!