Indien: Gefährlicher Luxus | ZEIT ONLINE

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REISEN
INDIEN
Gefährlicher Luxus
Im Taj Mahal Hotel in Mumbai ist man vor nichts sicher:
Das Frühstück wird von einer Karawane gebracht, die eigene
Frau verliert alle Hemmungen, und eine Ratte tanzt auf dem
Fenstersims.
VON Ilija
Trojanow | 18. Oktober 2007 - 13:14 Uhr
Kaum war ich in der Präsidentensuite aufgewacht, verstand ich, wieso sich Staatsmänner
auf Teufel komm raus an die Macht krallen. Das Bett war eine betörend großzügige
Einladung, sein Leben zu verliegen; das Bad eine marmorne Ode an die Sauberkeit in
drei goldenen Armaturen. Und die Frau neben mir, die ich am Abend zuvor geheiratet
hatte, vertraute sich dem Luxus so hemmungslos an, dass sie alsbald das Fehlen
einer Gästetoilette bemängelte – für die Aufwartungen, die uns im Laufe des Tages
bevorstanden. Das Frühstück wurde von einem wahren Konvoi von Bediensteten
herbeigetragen, der mich an die schwer beladene Karawane erinnerte, die den Heiligen Drei
Königen auf alten Gemälden folgt. Wer sich einmal an die Suiten des Taj Hotel in Mumbai
gewöhnt hat, dem wird ein normales Hotelzimmer wie ein Obdachlosenasyl vorkommen.
Noch beeindruckender als die Suite war der Chefkoch, ein Maestro, der nicht nur auf vielen
Hochzeiten – von Bollywoodschauspielern, Sitarvirtuosen, Industriellen und Politikern –
zauberte, sondern auch den indischen Premierminister auf seinen Auslandsreisen begleitete,
weswegen sich ein Treffen mit dem Chef aller Chefs terminlich schwierig gestaltete,
doch als wir endlich beisammensaßen und ich ihm mein Konzept einer dreikontinentalen
Menüabfolge erklärte, die Ouvertüre aus bulgarischen Vorspeisen, genannt mezze,
unterbrach er mich barsch, wohl ein wenig in seiner Ehre gekränkt, und erklärte, er wisse
durchaus, was mezze seien. Ich solle ihm nur sagen, ob ich die Dolmades beziehungsweise
Sarmi in Kohl- oder Weinblätter gewickelt haben möchte und ob das Auberginenmus
Knoblauch enthalten dürfe. Worauf ich vor lauter Ehrerbietung verstummte.
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Etwas freundschaftlicher war meine Beziehung zu einem seiner vielen Assistenten,
Mohamed Siddiq, der mir eines späten Abends erklärte, wieso mein Bruder im Jahr
zuvor gerade in diesem, dem besten Hotel Indiens, eine Fischvergiftung bekommen
hatte. Das Taj, vertraute er mir an, habe alles auf den Speisekarten seiner diversen
Restaurants vorrätig zu halten, selbst Speisen, die nur einmal am Tag bestellt würden.
Das bewerkstellige man mit Hilfe von gigantischen begehbaren Kühlräumen, in denen
die Speisen so weit wie möglich vorgefertigt gelagert würden. Allerdings gingen die
Türen dieser Kühlräume zu oft auf und zu, und manchmal vergesse jemand, sie fest zu
schließen, sodass Bakterien sich einschlichen und die marinierte Garnele am Rand ein
wenig angriffen, und dies reiche aus, um den Magen eines Touristen umzuwälzen. An
der Straße hingegen könne man alles, was gebraten wird, sorglos essen, fügte er hinzu,
denn der fliegende Koch habe nicht genug Mittel, auf Vorrat einzukaufen. Der verdorbene
Magen sei somit ein Obolus, den man gelegentlich – keineswegs häufig, wohlgemerkt –
für das übermäßige Angebot im Luxushotel entrichte. Es war nicht ganz überraschend,
dass Mohamed Siddiq einige Monate später in eine Ayurveda-Küche wechselte, wo er den
Wohlgeschmack in der Enthaltsamkeit suchte.
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Das Taj Mahal Hotel wirkt am hellen Tag genauso wie in erleuchteter Nacht wie ein
Palast, der in maßlosen Träumen erbaut wurde, märchenhaft überzogen, nicht zuletzt
wegen der Emotionen und Ambitionen, denen es seine Existenz am Apollo Bunder, neben
dem Gateway of India, verdankt. Benannt ist es ohne falsche Bescheidenheit nach dem
Taj Mahal, dem berühmtestes Bauwerk Indiens, das aus dem Begehren des untröstlichen
Königs Shah Jahan entstand, seiner verstorbenen Gattin Mumtaz ein unsterbliches Denkmal
zu setzen. Der Marmor selbst sollte singen: »Ich habe nicht vergessen, ich habe nicht
vergessen, meine Geliebte!« Auch die Steine des Taj Mahal Hotels sollen gemahnen,
allerdings nicht an eine Liebe, sondern an eine Erniedrigung, die seinem Erbauer, dem
Industriellen Jamsetji Nasarwanji Tata (der übrigens in Bad Nauheim gestorben ist), in
einem britischen Club zuteil wurde. Er wurde mir nichts, dir nichts des Etablissements
verwiesen: »Zugang für Inder und Hunde verboten!« Tata ließ sich von einem Architekten,
der sich als Franzose auf das Übertreiben verstand, eine Luxusfestung errichten, die
den Neid selbst der Herrenmenschen aus London und Manchester erwecken sollte. Der
Architekt brachte sich zwar letztlich um, das Hotel wurde 1903 prunkvoll eröffnet. Es gibt
allerdings einen entscheidenden Unterschied zwischen den beiden Bauwerken namens
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»Taj«: Das Taj Mahal in Agra brachte das Reich der Moguln an den Rand des Bankrotts,
das Taj Mahal Hotel erwies sich als höchst lukrative Rache an kolonialer Arroganz.
Wann immer Prominenz Mumbai ansteuert, rätselt die feine Gesellschaft der Stadt, ob diese
im Taj oder etwa beim einzigen ernst zu nehmenden Konkurrenten Oberoi übernachten
werde. Bill Clinton ließ sich ins Oberoi locken, die meisten ziehen jedoch das Taj vor, etwa
auch eine deutsche Parlamentarierin, mit der ich dinieren durfte, als Aushilfs-Cicerone,
denn die Konsulatsmitarbeiter waren an jenem Abend alle schon beschäftigt. Nach
einem feudalen Mahl samt Tanz und Gesang verabschiedeten wir uns vor der schummrig
ausgeleuchteten Fassade des Hotels. Die Dame aus der Legislative geriet ins Schwärmen
ob des Augenblicks, ob der Architektur, ob der Stimmung, als ein ohrenbetäubender Schrei
die schwüle Luft durchschnitt, und es dauerte einige Sekunden, bis ich begriff, dass die
Abgeordnete selbst schrie und dabei mit einem anklagenden Finger zum ersten Stock
zeigte. Dort, auf dem Sims, lief eine ungewöhnlich fette Ratte entlang. Und mir schwante,
dass ich mich noch nicht würde verabschieden können. Auch das passt zum Taj Mahal
Hotel, denn trotz aller Illusionsräume gehört es zu Mumbai, der Metropole der heiligen
Ratte.
The Taj Mahal Palace & Tower, Mumbai, Indien, Tel. 0091-22/66653366,
www.tajhotels.com
IlijaTrojanow schrieb den Bestseller »Der Weltensammler« über den Abenteurer
Richard Francis Burton (Hanser Verlag). Bei Blessing hat er das Buch »Kampfabsage«
herausgegeben
COPYRIGHT: DIE
ZEIT, 18.10.2007 Nr. 43
ADRESSE: http://www.zeit.de/2007/43/Taj-Hotel-Mumbai
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