Die Musik der Roma in Böhmen und Mähren

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Die Musik der Roma in Böhmen und
Mähren
Zuzana Jurková
Die Musik – einerseits als berufliche Tätigkeit in erster Linie für die benachbarte
(Nicht-Roma-)Bevölkerung, andererseits als gesellschaftliche Aktivität innerhalb der eigenen
Gemeinschaft – stellt ein grundlegendes Identifikationselement vieler ethnischer Roma-Untergruppen
dar. In den tschechischen Gebieten trifft das vor allem auf die → Slowakischen Roma zu, obwohl
auch bei den → Vlach-Roma , die keine Berufsmusiker waren, Musik eine wichtige Rolle spielte.
Quellen
Obwohl es über die Anwesenheit der Roma auf tschechischem Gebiet bereits seit dem Ende des
Mittelalters Aufzeichnungen gibt, stammen die ältesten Dokumente, die ihre Musik erwähnen, erst
vom Beginn des 20. Jahrhunderts: "Zigeunerlieder" von Jožka Černík beinhaltet die frühesten
Transkriptionen von Melodien und Liedtexten der Roma, die sich in Südmähren niedergelassen hatten.
Weitere Aufzeichnungen, diesmal Tonaufnahmen, wurden von Eva Davidová und Milena
Hübschmannová ab Mitte der 1950er Jahre erstellt. Heute befinden sich diese Originalaufnahmen im
Wiener Phonogrammarchiv. Ein Teil dieses Tonmaterials wurde veröffentlicht. (siehe: Tonquellen).
Diese Feldforschungsaufnahmen gaben den Anstoß zur weiteren Sammlungen von Transkriptionen
(siehe: Literatur). Aufbauend auf seiner eigenen Sammlung hat Bohuslav Valašťan eine umfangreiche
Anthologie von Romani-Liedern aus der Slowakei erstellt.
Besonders wichtig aber ist, dass die erwähnten Feldaufzeichnungen die Veröffentlichung von
ethno-musikwissenschaftlichen Studien über Roma-Musik sowie böhmische und mährische Musik
angeregt haben. Die ungarische Ethnomusikwissenschaftlerin Katalin Kovalcsik hat die Musik der
slowakischen Vlach-Roma untersucht. Der herausragende mährische Musik-Ethnologe Dušan Holý
hat sich mit der Musik der → mährischen Roma (vor allem des Roma-Bandleaders → Jožka Kubík
) und den in den Konzentrationslagern des Zweiten Weltkriegs gesungenen Liedern der mährischen
Roma befasst. Der Roma-Forscher Zbyněk Andrš schrieb über die Romani-Gefängnislieder auf der
Grundlage seiner eigenen Feldforschungen.
Trotz der Tatsache, dass die Musik immer schon ein grundlegendes Charakteristikum der Roma-Kultur
darstellte, ist es erst ab den 1990er Jahren tatsächlich vermehrt zu Aufnahmen gekommen. In diesem
Zusammenhang lassen sich bestimmte Tendenzen ausmachen: Bühnenauftritte, die massive Präsenz
des → Rompop , das Vortragen von Roma-Liedern durch Nicht-Roma oder von gemischten – aus
Roma und Nicht-Roma zusammengesetzten – Gruppen.
Die Musik der mährischen Roma
Die mährischen Roma gehören zu jenen Roma-Gruppen, deren Beruf es war, Musik aufzuführen. Sie
fielen jedoch nahezu alle der NS-Verfolgung während des Zweiten Weltkriegs zum Opfer; und davor
konnte ihre Musik weder dokumentiert noch untersucht werden. Černíks "Zigeunerlieder", auf die wir
als einzige Quelle zurückgreifen können, zeigen überaus deutlich, dass Material aus Liedern der
Nicht-Roma-Umgebung systematisch übernommen wurde. Ein wichtiges Merkmal der aufgezeichneten
Lieder ist, dass es sich durchwegs um Romani-Texte handelt, wenngleich die mährischen Roma schon
seit Jahrhunderten sesshaft waren; sie sprachen fließend Tschechisch und oft war Tschechisch ihre
Muttersprache.
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Spätere Aufzeichnungen zeigen die deutliche Verbindung der textlichen Themen und der Musik der
mährischen und slowakischen Lieder der Roma.
Die Musik der slowakischen Roma
Die musikalischen Darbietungen dieser ethnischen Untergruppe waren grundsätzlich nach dem
Geschlecht eingeteilt: Die Männer waren Berufsmusiker, deren Darbietungen eine willkommene
Einnahmequelle darstellten. Die Frauen waren Sängerinnen, sangen aber nur für die eigene
Gemeinschaft. Männliche Musikgruppen, die sich aus Violine, Bass (Kontrabass) und → Hackbrett
zusammensetzten, wurden in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg von den benachbarten Nicht-Roma
engagiert, um bei Hochzeiten usw. zu spielen. Nach dem Krieg verschwanden die meisten dieser
Musikgruppen aufgrund der veränderten gesellschaftlichen Situation.
Das Repertoire solcher Roma-Musikgruppen umfasste sowohl Romani- als auch Nicht-Romani-Lieder,
weshalb es nicht verwundert, dass sich diese vermischten und gegenseitig beeinflussten. (Zu vielen
Liedern gibt es sowohl einen Romani- als auch einen slowakischen Text.)
Während die musikalische Tätigkeit der Männer sich auf das Spielen der Instrumente konzentrierte
und für professionelle Aufführungen außerhalb der eigenen Gemeinschaft gedacht war, waren die
Frauen hauptsächlich Sängerinnen (Frauen, die Instrumente spielten, z.B. → Cinka Panna, wurden
als etwas Besonderes angesehen) und sangen, wie bereits erwähnt, innerhalb ihrer eigenen Gruppe.
Von Gesang, Musik, Tanz und Trinken begleitete Unterhaltung – bašaviben – zählte zu den üblichen
gesellschaftlichen Aktivitäten.
Die ältesten Lieder des slowakischen Repertoires stellen die phurikane gil'a (alten Lieder) dar, die in
musikalischer Hinsicht zwei mögliche Formen haben: langsame Lieder ohne fixen Rhythmus (→
Hallgató ) und schnelle Tanzlieder (→ Csardas ). Die Texte der phurikane gil'a behandeln verschiedene
Bereiche: Armut und Waisenschaft (čorikane giľa), Gefängnis (hareštantska, bertenošika giľa),
Trinklieder (mulatošna giľa). Die meisten Texte, welche die eben genannten Themen behandeln,
werden zu einer Hallgató-Melodie oder, in Ausnahmefällen, zu einer schnellen Tanzmelodie gesungen.
Gewöhnlich werden die Lieder von einer Stimme (monodisch) gesungen, obwohl es auch Aufnahmen
mit polyphonem – klassisch-romantischer Harmonie folgendem – Gesang gibt.
Es gibt bei den Darbietungen der traditionellen Lieder sowohl textliche als auch melodische Variationen,
sodass ein Lied von verschiedenen Sängern in unterschiedlicher Form vorgetragen wird – oder sogar
vom selben Sänger von Darbietung zu Darbietung verändert werden kann.
Neben dem stilistisch gesehen relativ homogenen Repertoire der phurikane gil'a gibt es auch eine
Gruppe von älteren übernommenen Liedern, die man als Übergangsgruppe zu der inhomogenen Gruppe
der "neuen Lieder" (neve giľa) kategorisieren könnte. Einige der letztgenannten übernehmen textliche
und melodische Motive von den phurikane giľa; andere sind eigenständige, von Populärmusik
beeinflusste Neukompositionen. Diese werden gewöhnlich als Rompop bezeichnet.
Die Musik der Vlach-Roma
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Die Musik dieser Roma-Gruppe spiegelt sowohl ihren langen Aufenthalt in Rumänien als auch ihre
spätere nomadische Lebensweise wider. Im Repertoire der Vlach-Roma (relativ sporadisch in Böhmen
und Mähren) sind Balladen – epische Lieder mit mythologischen und historischen Themen, die der
Balkantradition entstammen, und verschiedene Lieder über die Ermordung des Vlach-Königs Báno
– erhalten geblieben.
Die nomadische Lebensweise in der Tschechoslowakei, die im Jahr 1959 gewaltsam beendet wurde,
steht in Verbindung mit einem psalmenähnlichen Liedertyp, dessen Texte die Grundwerte der
Vlach-Kultur aufgreifen: Reisen, Pferde und → Pferdehandel , das Trinken von Wein. Die letzten
Aufzeichnungen dieser Lieder, die ein schmales Tonspektrum, das eine Quint nicht übersteigt, und
melismatische Melodien aufweisen, stammen aus der ersten Hälfte der 1960er Jahre.
Zwei weitere Genres haben Ähnlichkeit mit jenen des slowakischen Roma-Liedguts: langsame Lieder
zum Zuhören (→ loke ďila ) und schnelle Tanzlieder (→ khelimaske ďila ). Für die traditionelle
Vlach-Musik ist charakteristisch, dass keine Musikinstrumente verwendet werden. Das ist bei
wandernden ethnischen Gruppen durchaus üblich. Im Fall der Vlach-Tanzlieder wird der Klang der
Instrumente durch verschiedene nonverbale Gesangstechniken imitiert: durch Klatschen, Stampfen,
Fingerschnippen usw. (→ bumbázi ).
Das Wesen der Roma-Musik wird ständig von ihren Umgebungen beeinflusst. Seit den 1960er Jahren
kamen einige dieser Einflüsse aus der Populärmusik, vor allem das Aufgreifen von
Popmusikinstrumenten, die Verwendung der Polyphonie und die Komposition von neuen Melodien
und zeitgenössischen Romani-Texten. Diese Richtung wird → Rompop genannt. Die bekanntesten
Gruppen der jüngeren Generation von traditionellen Musikern sind z.B. die "Giňovci" aus Rokycany;
→ Věra Bílá mit ihrer Band "Kale" ; die Familienband "Čilágos", und "Točkolotoč" aus Svitavy.
Zusammenfassung
Die Musik stellt eines der grundlegenden Elemente der Roma-Identität dar. Für zwei der drei
Hauptgruppen der Roma in Böhmen, Mähren und der Slowakei (für die mährischen und slowakischen
Roma) bedeutete das Spielen von Instrumenten für die benachbarte "Mehrheit" einen der traditionellen,
ererbten Berufe der männlichen Mitglieder der Gemeinschaft. Die Frauen wiederum waren die
Sängerinnen, die zu besonderen Anlässen innerhalb der Gemeinschaft auftraten.
Die Musik der Vlach-Roma hingegen ist (als Folge ihres nicht sesshaften Lebens) in einem viel
geringeren Ausmaß von der Umgebung beeinflusst worden. Es gibt in ihrer Musik eine offensichtliche
Verbindung zur Musik am Balkan. Zu den wichtigsten Musikgenres sowohl der sesshaften slowakischen
und mährischen Roma als auch der ursprünglich fahrenden Vlach-Roma zählen langsame Lieder zum
Zuhören und schnelle Tanzmusik.
Ein grundlegendes Merkmal der Roma-Musik liegt im stetigen Aufnehmen und Umwandeln von
Einflüssen aus der Umgebung, sodass es möglich ist, die kontinuierliche Entwicklung von der ältesten
bekannten Musik bis zum Rompop zu verfolgen.
Literatur
Andrš, Zbyněk (1997) Bertenošika giľa aneb Romové, vězení a píseň. Romano džaniben 3-4,
pp. 70-99.
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Davidová, Eva / Jurková, Zuzana (1999) Hudba a písňový folklór Romů. Brno.
Davidová, Eva / Žižka, Jan (1991) Folk Music of the Sedentary Gypsies of Czechoslovakia.
Budapest.
Havlů, Ivan / Macourek, Harry (1985) Aven Roma. Praha.
Holý, Dušan (1984) Mudrosloví primáše Jožky Kubíka. Praha.
Holý, Dušan / Nečas, Ctibor (1993) Žalující píseň. Strážnice.
Hübschmannová, Milena / Jelínková, Milena Romane giľa.
Jurková, Zuzana (1997) O čem vypovídají romská přísloví. Romano džaniben 3-4, pp. 45-47.
Kovalcsik, Katalin (1985) Vlach Gypsy Folk Songs in Slovakia (= Gypsy Folk Music of Europe
1). Budapest.
Stojka, Peter / Davidová, Eva / Hübschmannová, Milena (2000) Dúral me avilem / Z dálky
jsem přišel. Praha.
Valašťan, Bohuslav (1963) Cigánske spevy a tance. Bratislava.
Tonträger
Davidová, Eva / Gelnar, Jaromir (eds.) (1971) Romane giľa. Antologie autentického cikánského
písňového folklóru (LP), Praha (Supraphon).
Holý, Dušan (ed.) (1998) Dalekonosné Husle. Muzika Jožky Kubíka a zpěváci z Horňácka,
Brno (Gnosis CD G-Music 014).
Holý, Dušan (ed.) (2000) Majstr Jožka Kubík (CD). Brno (Aton).
Hübschmannová, Milena / Jurková, Zuzana (eds.) (1999) Romane giľa: Zpĕvník romských
písní (MC). Praha (Fortuna).
Jurková, Zuzana (ed.) (2001) Vlachicka Djila. Nejstarši terénní nahrávky hudebního folkloru
olašských Romů z České a Slovenské republiky – Die ältesten Feldaufnahmen der Musik der
Vlach-Roma aus der Tschechischen Republik und der Slowakischen Republik (CD with Booklet
[Czech, German, Romani]). Praha (Academia).
Romart (ed.) (1990) Romský folklór 1-3 (LP). Brno.
Triny (2001) Gipsy Streams (CD). Praha (Supraphon SU5354-2).
Zuzana Jurková
May 2002 / Prague, Czech Republic
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