Dido - Deutungen ihrer Persönlichkeit

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Dido - Deutungen ihrer Persönlichkeit
Dido - Deutungen ihrer Persönlichkeit
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1. EINLEITUNG: DIE DIDO-SAGE
Dido, Gründerin und erste Königin der Stadt Karthago, zog das Interesse vieler Schriftsteller magisch an. Vergil kam in seinem römischen Nationalepos „Aeneis“ ebenso wenig an der Phönizierin
vorbei wie sich Ovid in den „Epistulae heroides“ von ihrem bewegten Schicksal ergreifen ließ und
Giovanni Boccaccio sie in „De claris mulieribus“ als „unantastbare Zier der Keuschheit“1 hochjubelte.
Die Tochter des Königs Belos von Tyrus hieß mit ursprünglichem Namen Elissa. Sie heiratete ihren
Onkel Sychaeus, einen Priester des Herakles, den ihr Bruder aus Habgier ermordete. Dido verließ
Tyrus aus Schmerz und Angst vor dem Bruder, raubte auf Zypern 50 Frauen für ihre männlichen
Begleiter, erreichte die afrikanische Küste und erwarb dort mit ihrer berühmten List so viel Land,
wie man mit einer Ochsenhaut umspannen konnte, und erbaute darauf Karthago. Als König Iarbas
von Mauretanien sie ihrer Schönheit und ihres Reichtums willen heiraten wollte, andernfalls er Karthago mit einem furchtbaren Krieg bedrohe, gab sie dem Drängen ihrer Untertanen zum Schein
nach, indem sie einen Scheiterhaufen für Weiheopfer zur Hochzeit errichten ließ. Auf ihm stehend
stieß sie sich in den Flammen selbst den Dolch in die Brust. Vergil wie auch Ovid betrachteten hi ren Tod als Selbstmord aus Enttäuschung über die zerbrochene Liebe zu Aeneas.
Da Vergil vor dem Hintergrund der antiken Götterwelt schreibt, bei Ovid schon ein Generationswechsel der Schriftsteller im römischen Imperium eingetreten und der spätmittelalterliche Boccaccio bei seinem Werk von der christlichen Weltauffasung beeinflusst ist, ergibt sich bei allen drei
Autoren unterschiedlicher Interpretationsstoff bei der Charakterisierung von Didos Persönlichkeit.
2.1 DIDO BEI VERGIL
Nach der Flucht aus dem brennenden Troia sowie der stürmischen Irrfahrt durch das Mittelmeer
gelangt Aeneas an die libysche Küste und Vergil lässt seinen Helden zum ersten Male in der Aeneis
einer ähnlich starken und erhabenen Persönlichkeit, wie er selbst es ist, begegnen, nämlich der karthagischen Königin Dido.
In der Umgebung ihrer prächtig erblühenden Stadt wird Dido, zu herrschaftlichen Aufgaben eilend,
zunächst mit Diana verglichen, „qualis...exercet Diana choros...talis erat Dido“2 , und im Folgen_____________________
1
Boccaccio: De claris mulieribus, S. 143
2
Vergil: Aeneis, 1, 498ff
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den in einem großartigen Bild dargestellt: „media testudine templi, saepta armis solioque alte subnixa resedit“.1 Rechtsnormen und Gesetze erstellend und auf absolute Gerechtigkeit bedacht, bietet
sie das vollkommene Abbild einer tatkräftigen und würdigen Königin, wie man es in der damaligen
Zeit eigentlich nur von einem männlichen Herrscher gewohnt ist. Den Bitten der gestrandeten Dardaner, die zunächst noch ohne ihren glänzenden Helden Aeneas vor sie treten, versagt sie nicht ihre
Hilfe, ja, in großzügiger Huld und mitleidvollem Entgegenkommen gewährt sie Aufnahme und Unterstützung, die weit über das übliche Maß an Gastfreundschaft hinausgeht: Non ignara mali miseris
succurerre disco.2 Als Aeneas ihr gegenübertritt, bedeutet das für sie die Begegnung mit einem
Menschen, in dem sie das Bild ihres eigenen schweren Schicksals erkennt. „Auch mir hat ein ähnliches Schicksal in vielerlei Mühsal übel mitgespielt und ließ mich in diesem Land endlich Fuß fassen.“3 Aeneas, bisher schon unbewusst in ihrem Gedächtnis verankert, tritt nun bewusst und konkret in ihr Leben ein: tempore iam ex illo casus mihi cognitus urbis Troianae nomenque tuum regesque Pelasgi.4
Gespannt lauscht sie seinen Abenteuererzählungen, lässt sich in seinen Bann ziehen. Sie, die nach
dem grausamen Tod ihres Gatten ewige Witwenschaft und Keuschheit geschworen hat, wird von
den Darstellungen der kühnen
Unternehmen dieses mutigen und tapferen Dardanerfürsten bis ins
Innerste ergriffen. Zum ersten Mal wankt sie und gesteht ihrer Schwester Anna, dass, wenn der
Schwur sie nicht bände, sie „dieser Versuchung vielleicht erliegen würde“: huic uni forsan potui
succumbere culpae.5 Der unbeschreibliche Mut des Helden und der Ruhm seiner großartigen Herkunft, multa viri virtus animo multusque recursat gentis honos,6 erwecken in ihr Spuren früherer
Leidenschaft, agnosco veteris vestigia flammae,7 die sie nach der Ermordung ihres Gatten als für
immer verwischt angesehen hat. Doch noch hält sie an sich, wiederholt ihren Schwur, um ihn
gleichsam in sich selbst noch einmal zu bestärken, und versichert dem toten Sychaeus ihre ganze
Liebe: ille habeat secum servetque sepulchro.8 Noch hält pudor sie zurück: ante, pudor, quam te
violo aut tua iura resolvo.9
Es ist die vertraute Schwester Anna, die Didos pudor zurückdrängt und ihr Schwanken in eine unheilvolle Richtung lenkt: Mit ihren bohrenden rhetorischen Fragen, id cinerem aut manis credis
curae sepultos?10 [...] placitone etiam pugnabis amore?11 , setzt sie eine Schlange in Didos
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1
Vergil: Aeneis, 1, 508
2
1, 630
3
1, 628
4
1, 624
5
4, 19
6
4, 3
7
8
9
10
11
4, 23
4, 29
4, 27
4, 34
4, 38
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Herz, die sukzessive am Bild des im Schattenreich wartenden Gatten frisst, es tilgt und schließlich
vollends zerstört.
Ferner bringt Anna Gesichtspunkte politischer Vorteile einer Vermählung ins Spiel: „quid bella
Tyro surgentia dicam germanique minas?1 ...quam tu orbem, soror, hanc cernes quae surgere regna
coniugio tali! teucrum comitantibus armis Punica se quantis attollet gloria rebus!“.2 Dido – zuvor
noch fest auf Bewahrung ihres Gelübdes fixiert – kann und möchte sich auch gar nicht dieser Argumentation verschließen, ringt mit sich selbst, streckt ihre Arme zum hades-verbannten Gemahl,
kann aber letzten Endes der starken Anziehungskraft des Aeneas nicht widerstehen und erliegt ihr:
impenso animum flammavit amore [...] solvitque pudorem:3 Nun hält pudor sie nicht mehr zurück.
Mit beeindruckenden Opferhandlungen für eine ganze Reihe von Göttern versucht sie, sich einer
möglichen Strafe für ihre Untreue zu entziehen und ihr schlechtes Gewissen zu besänftigen.
Der innere Wandel Didos wird deutlich an ihrer äußeren Veränderung: Ist sie im ersten Buch noch
die würdevoll einher schreitende Königin, so rast sie jetzt, ihrer Sinne nicht mehr mächtig, durch
die Stadt: totaque vagatur urbe furens.4 Charaktereigenschaften, die in der damaligen Zeit vor allem
Frauen zugeschrieben werden, gewinnen in Dido die Oberhand und schwemmen ihre ehrbaren und
bewundernswerten Tugenden hinweg wie die Woge, die die hilflosen Troier an Libyens Gestade
verschlug. Die ruhmesvollen Taten Didos, der Aufbau Karthagos sowie ihr weises und beherztes
Regieren treten angesichts dieser Veränderung völlig in den Hintergrund. Neue Wesenszüge, Leidenschaft, Verlangen und Begierde – damals fast ausschließlich als weibliche Affekte eingestuft –
prägen das Bild der neuen Dido. Die Liebe zu Aeneas verwandelt diese zunächst kühn berechnende
und rational denkende, gerecht regierende, teilnahmsvoll handelnde, tapfere und konsequente „Heldin“ in eine emotional agierende, wankelmütige und von Affekten getriebende Dido, deren Leben
von nun an uneingeschränkt auf den fremden Fürsten ausgerichtet ist.
Auch die Szene der Vereinigung in der Höhle ordnet Dido ihrem Wunsch nach einer festen Bindung zu Aeneas unter: coniugium vocat, hoc praetexit nomine culpae,5 während Aeneas selbst diese
von Naturmächten umtoste Vereinigung nie als Vermählung im Sinne einer Ehe angesehen hat: nec
coniugis umquam praetendi taedas aut haec in foedera veni.6
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1
Vergil: Aeneis, 4, 43f
2
4, 47ff
3
4, 54 f
4
4, 78f
5
4, 172
6
4, 338f
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4
Doch sind die Naturgewalten in ihrer Unheimlichkeit lediglich äußere Ausdrucksformen eines infamen Intrigenspiels, das vor dieser Vereinigung stattgefunden hat und eine ausschlaggebende Mitschuld an Didos Weg ins Verderben trägt: Machtgier, Missgunst, Neid und Streit zwischen den Göttinen Iuno und Venus haben zu der listig eingefädelten Szene in der Höhle geführt und lassen Didos
Leben ab jetzt – oder auch schon davor? – marionettenhaft gesteuert erscheinen. Götter ziehen die
Fäden, Dido hat kaum eine Möglichkeit, diese göttlichen Ränkespiele und Verstrickungen zu erahnen und sich ihnen zu entziehen – sie wird dadurch unwissend zum Opfer des Fatums. „Die Gottheit trat...in nächste Beziehung zum Menschen und alles wurde dem Fatum, dem Götterwillen untertan.“1
Weitere noch schwerer wiegende Dimensionen des übergeordneten Götterwillens kann Dido - von
Fama getäuscht? - nicht wahrnehmen. Sie werden ihr dadurch zum Verhängnis und stoßen sie immer tiefer ins Verderben. Jupiter selbst greift ein, von Iarbas angestoßen, oculosque ad moenia torsit regia et oblitos famae melioris amantis,2 er schickt auf der Stelle Merkur, um Aeneas an sein
Fatum zu erinnern und zum unverzüglichen Aufbruch zu mahnen: naviget!
3
Da Dido ja nicht Zeu-
gin dieses Vorgangs ist und, von Fama aufgewiegelt, entsprechend falsche Schlüsse zieht, ist die
weitere Entwicklung vorgezeichnet und ihr Untergang fast schon besiegelt. „Aeneas lebt seine Mission und Bestimmung wie Achill seine Rache lebt“1 : sed fore qui gravidam imperiis belloque frementem Italiam regeret, genus alto a sanguine Teucri proderet, ac totum sub leges mitteret orbem.4
Dido kann die beträchtliche Tragweite dieses göttlichen Eingreifens nicht erfassen, sie wirft Aeneas
vor, Merkurs Weisungen nur als Ausrede missbraucht zu haben und fühlt sich von ihm schlichtweg
verraten. Ihr weiteres Verhalten schwankt zwischen Entsetzen und Rachgier, ohnmächtiger Wut
und tiefer Verbitterung, zwischen demütigem Bitten und hilflosem Flehen nach Gnade und mündet
schließlich in tiefe innere Einsamkeit und in den Gedanken an Selbstmord: tum vero infelix fatis
exterrita Dido mortem orat.5 Die Überzeugung wächst in ihr, dass nur der eigene Tod sie aus der
Auswegslosigkeit befreien wird, befreien auch von ihrem schlechten Gewissen und der Zerrissenheit ihrer Seele sowie von dem Bewusstsein ihrer Schuld: accipite hanc animam neque his exsolvite
curris!6 [...]Moriemur inultae sed moriamur.7
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1
Schanz/Hosius: Geschichte der römischen Literatur, S. 69
2
Vergil: Aeneis, 4, 220f
3
4, 237
4
4, 239ff
5
4, 450f
6
4, 652
7
4, 659f
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6
Es scheint fast so, als hätte Boccaccio die Gestalt der Dido, die in dem Jahrhundertepos „Aeneis“
von Vergil in die Rolle einer leidenschaftlichen und affektbetonten Witwe gedrängt,
letztlich als
Opfer göttlicher Bestimmung dargestellt und nicht unbedingt als edle Frau mit Kämpferherz beschrieben worden ist, noch einmal neu interpretieren und damit dem gelehrten Publikum des ausgehenden Mittelalters ein versöhnlicheres Bild von ihr hätte präsentieren wollen: si forte paucis literulis meis saltem pro parte notam, indigne obiectam decori sue viduitatis, abstergere queam.1
Um seine Absicht, nämlich die Lebensgeschichte dieser berühmten Frau so gründlich wie möglich
zu beleuchten, besser verwirklichen zu können, spannt Boccaccio den Bogen ihres curriculum vitae
sehr viel weiter, ut altius in suam gloriam aliquantisper assummam,1 und beginnt seine Erzählung
in den Kindheitstagen Elissas: Dido, cui prius Elyssa nomen,1 [...] eam virgunculam cum Pygmaleone fratre grandiusculo Phenicum reliquit fidei.1
Nach der Ermordung ihres Ehemannes Sychaeus durch ihren Bruder Pygmalion flieht Dido auf äußerst raffinierte Weise, überlistet dabei die Matrosen, die sie begleiten, sowie ihren Bruder, dem sie
auf diese Weise die begehrten Schätze ihres Ehemannes für immer entzieht. Um ihr Gefolge zunächst „bei Laune zu halten“ und einen Grundstein für die spätere Gründung eines neuen Staatswesens zu legen, raubt sie auf Sizilien kurzerhand 50 Lebensgefährtinnen für ihre Begleiter. In einer
Situation also, in der andere Frauen bei so viel Leid längst kapituliert und sich demütig in ihr
Schicksal ergeben hätten, schiebt sie die aufkommenden Selbstmordgedanken entschlossen beiseite,
rafft sich kraftvoll auf und organisiert durchdacht die Flucht: et posita feminea mollicie et firmato in
virile robur animo, ex quo postea Didonis nomen meruit.2
Ihre berühmte Landerwerbung an der libyschen Küste wird heute noch als ein Meisterwerk listiger
Handlung „im Rahmen des Erlaubten“ angesehen und entringt dem Autor den Ausruf: O mulieris
astutia! 3
Die kluge Vorgehensweise bei der Landung, beim ersten Kontakt mit den Einheimischen, beim Bau
der Stadt wie auch beim weisen und gerechten Regieren stellt Boccaccio episch breit dar, um so
Didos Verdiensten und ihren königlich edlen Charaktereigenschaften den ihnen gebührenden Platz
einzuräumen. Diese kluge und umsichtige Art der Gründung einer florierenden Stadt sowie die Integration eines Volkes in einer völlig unbekannten Umgebung weiß man wahrscheinlich erst seit
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1
Boccaccio: De claris mulieribus, S. 134
2
S. 136
3
S. 138
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den entsprechenden Pionierleistungen in den USA richtig einzuschätzen. Die Mutter Karthagos, mit
ursprünglichem Namen Elissa, erhielt somit durchaus zu Recht den Namen Dido (phönizisch: Heldin).
Nachdem Boccaccio nun die Aufbauleistung gebührend gewürdigt und diesem Teil seines Werkes
auch den umfangreicheren Platz eingeräumt hat, wendet er sich den inneren Werten seiner „Heldin“
zu: ipsa autem, datis populo legibus et norma vivendi, cum repente civitas evasisset egregia et ipsa
inclita fama pulchritudinis invise et inaudite virtutis atque castimonie per omnem Affricam delata
est.1 „Der Ruf ihrer beispiellosen Schönheit und ihrer unerhörten Tugend und Keuschheit“2 musste
über kurz oder lang begehrliche Werber aus nah und fern anlocken, den Witwenschwur in Gefahr
bringen oder machtpolitische Konflikte heraufbeschwören. Der Antrag des Musitanerkönigs Iarbas
und die List ihrer eigenen Edelleute, reginam fallere et in optatum deducere sua sententia cogitarunt,3 stellt sie vor eine problematische Entscheidung: Sollte sie das, was sie von ihren Getreuen
gefordert hatte, selbst nicht zu geben bereit sein und damit ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen,
nec eum rite civem dici posse qui pro salute publica mortem...nedum incomodum aliud renuat?3
Sollte sie ihren Witwenschwur brechen? Sollte sie der endgültigen Zerstörung Karthagos zusehen?
Dido ist angesichts dieser auswegslosen Situation vor Alternativen gestellt, bei denen sie selbst nur
verlieren kann. Als Lösung bleibt ihr letztendlich der Selbstmord. Allein auf diese Weise ist es ihr
möglich, den Witwenschwur unwiderruflich und endgültig zu bewahren, aber sie rettet durch ihre
Tat auch ihre Stadt Karthago und ihr Volk. Sie entzieht damit den Aggressionsabsichten des Mauretanerkönigs den Boden, denn Karthago wäre ihm nach einer Heirat selbstverständlich zugefallen.
Die letzte, wenn auch todbringende List der großen Königin?
Dass Boccaccio in der Folge die Keuschheit Didos mit enthusiastischen Worten als Vorbild für die
Christinnen seiner Zeit heraushebt, soll hier nur kurz erwähnt werden.
Da diese äußere und innere Entwicklung der Persönlichkeit Didos, so wie sie der italienische
Schriftsteller beschreibt, mit den antiken Versionen, die sich um die Begegnung mit dem troianischen Nationalhelden ranken, in keiner Weise harmonisieren würde, erwähnt Boccaccio Aeneas
lediglich in einem Nebensatz: quo concesso atque adveniente Enea troiano nunquam viso...3 So wie
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1
Boccaccio: De claris mulieribus, S. 138
2
S. 139
3
S. 140
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Vergil das Bild Didos nach seinen Vorstellungen formt, um den Helden Aeneas auf ein höheres
Podest zu stellen, verfährt Boccaccio in gleicher Weise, indem er den Troianer einfach übergeht.
Dadurch wird dem Leser das Image einer leicht verführbaren Evastochter entrissen und an dessen
Stelle tritt die Gestalt einer erhabenen, enthaltsamen, nicht ihrer Fleischeslust nachgebenden und
moralisch gefestigten Königin, die dem in der damaligen Zeit erst recht ethisch hoch einzuschätzenden Gelübde den Vorzug vor einer Beziehung zu Aeneas gibt, die sich für ihr „Fatum“, ihr Gelöbnis und ihr Lebenswerk, ihre Stadt, entscheidet und ihr Leben opfert, dem sie selbst ehedem erst
wieder neuen Atem eingehaucht hat.
Damit wendet sich Boccaccio entschieden gegen die These, Dido hätte sich nur aus Liebeskummer
umgebracht, und appelliert an die Würdigung ihrer Verdienste um Karthago sowie ihre ehrbaren
Charaktereigenschaften. Der Stern der karthagischen Königin strahlt allein aus ihren Taten und ihrer rechtschaffenen Haltung und ist mit keinem Makel befleckt. Er erstrahlt schließlich in noch erhabenerem Glanz durch die fast mysthische Vergötterung von seiten ihrer Untertanen, die sie für
ihre heldenhafte Tat mit unsterblichen Ehren überhäuft haben: Nec tantum publice matris et regine
loco, sed deitatis inclite eisque faventis assidue, dum stetit Carthago, aris templique excogitatis
sacrificiis coluere:1 „exegi monumentum aere perennius“.2
„Mit meinem besseren Teil werde ich fortdauern und mich hoch über die Sterne emporschwingen“3
– gleichermaßen wie Ovid von sich selbst in seinen Metarmorphosen sprach, könnte es bei Dido
gewesen sein, als sie ihren letzten Entschluss fällte: Dulce et decorum est pro patria mori! 4
2.3 DIDO BEI OVID:
Auch Ovid greift das Dido-Thema auf, und zwar in einem literarischen Folgewerk zu den „Amores“. Er lässt in „Dido Aeneae“ die karthagische Königin ihrem Geliebten kurz vor der Abreise
einen Brief schreiben. Darin brechen ihr Seelenleid, ihre Gefühlswallungen, ihre Zerrissenheit, ihr
Hoffen und Bangen, ihre Enttäuschung, ihre Reue und Einsicht, ihre Wunschbilder und Erwartungen, ihre Sehnsucht und Verzweiflung aus ihr heraus in einem gewaltigen Emotionsstrom, der
mächtig und ungeordnet, aber deshalb umso ergreifender auf den Leser zurollt. Eine solch aufgewühlte Seele ist ganz sicher nicht in der Lage, Gedanken und Empfindungen geordnet zu Papier zu
_________________________
1
Boccaccio: De claris mulieribus, S. 138
2
Horaz, Oden, 3, 30, 1
3
Ovid, Metamorphosen, 15, 86
4
Horaz, 3, 2, 13
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bringen! So versucht Dido auf unterschiedliche Weise immer wieder, Aeneas von seinem Vorhaben
abzubringen, lässt sich gar zu untergründigen Beschimpfungen hinreißen, zeichnet ein Schreckensbild der leidenden und sterbenden Dido, versichert ihm aber dennoch ihre Liebe und Hingabe bis
zum Tod.
Certus es ire tamen miseramque relinquere Didon?1 Mit dieser und acht weiteren anklagenden und
vorwurfsvollen Fragen weist Dido Aeneas auf das Törichte seines Tuns hin und stellt ihm noch
einmal eindringlich vor Augen, was ihn hier an der libyschen Küste halten sollte: foedere...sceptro
tradita summa tuo...quaesita est altera terra tibi...quae te sic amet, uxor2 [...]quod tibi donavi,...
litus.3 Sie scheut auch nicht davor zurück, eine mögliche Schwangerschaft als wirkungsvollen
Trumpf im Kampf um sein Bleiben auszuspielen: forsitan et gravidam Didon, scelerate, relinquas,
parsque tui lateat corpore clausa meo.4
Gefahren, wie sie furchtbarer nicht sein könnten, presst sie in Schreckensvisionen auf sein Gewissen: adspice, ut eversas concitet Eurus aquas!5 ...pereas, dum me per freta longa fugis6 ...insana quid
aequora possint 7 ...bibat aequoreas naufragus hostis aquas8 ...finge, age, te rapido turbine...deprendi...9 Listig und in einer rhetorischen Glanzleistung ordnet sie diese Gefahren dem Wirken der Götter unter, hoffend, dadurch in Aeneas, dem Fatum-Gläubigen, Konflikte hervorzurufen,
die schließlich doch noch zu einem Sinneswandel führen könnten: hiemis mihi gratia prosit!10 [...]nec mihi mens dubia est, quin te tua numina damnent: per mare, per terras septima iactat
hiems.11 Zwar bedient sich Dido des Götterwillens zu ihren egoistischen Zwecken, doch hat sie
durchaus realisiert – im Gegensatz zu ihrer Reaktion bei Vergil –, wie sehr sie selbst Opfer des Fatums, sed ire deus iubet,12 und diesem bedingungslos unterworfen ist: adverso movimus ista deo.13
Sollte Aeneas aber trotz des widrigen Winters und der anderen von Dido aufgelisteten Gefahren
abreisen und damit die Macht der Götter auf die Probe stellen, ginge er doch auf Distanz zu seinem
bisherigen, götterbestimmten Verhalten! Deshalb entweichen den Lippen der gekränkten Königin
sogar an Schmähungen grenzende Worte und untergründige Beschimpfungen: protinus occurent
falsae
periuria
linguae,14 [...]omnia
mentiris,
neque
pit,15 [...]perfide,16 [...]scelerate.17
___________________
1
Ovid, Heroides, 7, 6
2
vgl. 9 - 22
3
7, 18
4
7, 133f
5
7, 42
6
7, 46
7
7, 53
8
7, 63
9
7, 65
10
11
12
13
14
15
16
17
7, 41
7, 87
7, 139
7, 4
7, 67
7, 81f
7, 79
7, 133
enim
tua
fallere
lingua
inci-
10
Dido - Deutungen ihrer Persönlichkeit
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So wie sie sich nach außen hin den Schmerz von der Seele redet und mit Worten wie scelerate und
perfide einen tiefen Stachel in das Fleisch der Vergilschen Heldensage stößt, so zieht sie sich bald
auch wieder nach innen zurück und zeichnet mit bewegenden Worten das Schreckensbild der leidenden, verstört zurückgelassenen und schließlich sterbenden Dido: imago tristis et effusis sanguinolenta comis,1 [...]adspicias utinam, quae sit scribentis imago! 2 ...perque genas lacrimae strictum
labuntur in ensem, qui iam pro lacrimis sanguine tinctus erit!
3
Gibt es einen Menschen, der beim
Lesen dieser ergreifenden Worte nicht bis ins Innerste gerührt würde?
Erst recht dann, wenn sie trotz des unsäglichen Leids, trotz ihrer Pein und ihrer Seelenqualen dennoch Aeneas ihre Liebe versichert, sed queror infidum questaque peius amo,4 und sogar ihren Gatten um Vergebung und Verständnis dafür bittet, gefehlt zu haben, da veniam culpae! Decepit idoneus auctor; invidiam noxae detrahit ille meae.5 Diesen Zwiespalt der Gefühle, diese Zerrissenheit
der Seele, diese Emotionen – man könnte sie schwerlich besser ausdrücken als mit Catulls Epigramm: Odi et amo. Quare id faciam fortasse requiris? Nescio. Sed fieri sentio et excrucior.6
3. CONCLUSIO
Dreimal Dido – dreimal das Schicksal und tragische Ende einer Frau der antiken Sagenwelt aus
unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet!
Bei Vergil vernichtet ein hohes, erhabenes Leben sich selbst durch eine Leidenschaft, die ihre
Grenzen überschreitet, weil sie ein anderes Leben für sich vereinnehmen will, die gegen den Willen
der Götter verstößt, und damit den unaufhaltsamen Sturz bis zum Tod einleitet.
Bei Boccaccio wird Aeneas nur in einem Ablativus absolutus erwähnt. Doch fällt es schwer, bei
aller Akzeptanz der angeführten edlen Gründe für Didos Selbstmord, Boccaccios christliches Lehrmeistertum ganz außer acht zu lassen.
Davor schiebt sich Ovids stärkeres und ergreifenderes Bild einer liebenden Dido, die, das troische
Schwert auf dem Schoß, unter Tränen den erschütternden Abschiedsbrief schreibt und dabei schon
genau weiß: praebuit Aeneas et causam mortis et ensem.7
___________________
1
Ovid, Heroides, 7, 69
2
7, 183
3
7, 185f
4
7, 30
5
7, 105
6
Catull, c85
7
Ovid, Heroides, 7, 195
3