1 Kurze Geschichte der Tonaufzeichnung - Zeigermann

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1 Kurze Geschichte der Tonaufzeichnung - Zeigermann
Kurze Geschichte der Tonaufzeichnung
Am 6. Dezember 1877 machte Thomas Edison die erste Tonaufnahme auf einer Wachswalze. Er benutzte
dazu einen Schalltrichter an dessen innerem Kegeltrichterende eine Nadel auf einer Membran angebracht war. Als er
in den Trichter hineinsprach hinterließ die Nadel in der Wachsschicht der sich am Trichter vorbeidrehenden Walze
eine Rille von Vertiefungen und Erhöhungen. Beim erneuten Abtasten der Walze regten diese Vertiefungen und
Erhöhungen der Wachsschicht wiederum die Nadel und damit den Resonanzkörper der Membranoberfläche zu
Schwingungen an, welche nun aus dem Trichter zu hören waren. Edisons nannte seine Erfindung Phonograph und
sein berühmter, erster aufgenommener Satz lautete: „ Mary had a little lamb. Ist fleece was white as snow. And
everywhere that Mary went, the lamb was shure to go.“ Das Original existiert nicht mehr, da die ersten
Wachswalzen nur ein bis zweimal abspielbar waren – beim Abspielen wurden die Rillen im Wachs durch die Nadel
der Trichtermembran zerstört. 1878 erhielt Edison für seine Erfindung das Patent Nr. 200.521, entwickelte jedoch
weiter an einer widerstandsfähigen Wachsoberfläche. Heute noch können Aufnahmen aus der Zeit um 1900
wiedergegeben werden. Etwa 2 – 3 Minuten Ton konnte auf den Wachswalzen aufgezeichnet und später abgespielt
werden. Ursprünglich hatte Edison geplant einen Telefon-Rekorder zu bauen, da der Erfolg des Telefons ein gutes
Geschäft auch für den Telefon-Rekorder versprach, dies vor allem, so die Einschätzung von Edison, im industriellen
Geschäftsbereich von großen Unternehmen.
Die Entwicklungen gingen weiter und schon 1887 erfand Emile Berliner die Schallplatte, bei der die Tonrillen auf
einer Scheibe konzentrisch von außen nach innen verliefen. Bei einer Geschwindigkeit von 30 Umdrehungen/Minute
konnte auf einer Schallplatte anfänglich etwa 2 Minuten Ton aufgezeichnet werden. Berliner nannte seine Erfindung
Gramophone – diese Bezeichnung wurde das Synonym für Schallplatte und Schallplattenwiedergabegerät für die
nächsten 80 Jahre. Das Schallaufzeichnungsprinzip war das gleiche, welches Edison auch benutzte, lediglich der
„Schallrillenträger“ aus dem widerstandsfähigen Schellack-Material hatte eine andere Form, die eindeutig das
Massenfertigen von Kopien erleichterte. 1889 wurde die Columbia Phonograph Co. von Edward Easton gegründet,
1893 folgte Emile Berliner mit seiner U.S. Gramophone Company, aus der 1896 die Victor Talking Machine Co.
entstand, deren berühmtes Logo der Hund vor dem Gramophone-Trichter „His Masters Voice“ (1901) wurde (für
$65,00 von einem Kunstmaler gekauft). Alle Erfinder versuchten mit mehr oder minder großem Erfolg ihre
Tonaufzeichnungs- und Wiedergabegeräte mit eigenen Aufnahmen zu verkaufen. Schon sehr früh wurden Musiker
unter Vertrag genommen – gekauft wurde von der amerikanischen Oberschicht eher das Gerät für das es die
meisten Aufnahmen gab. Sehr beliebt waren Aufnahmen von Militärkapellen und Aufnahmen mit eher ethnologischen
Inhalten, denn Musiker aus der Karibik, aus Afrika, Lateinamerika oder Polynesien waren in den amerikanischen
Großstädten sehr zahlreich zu finden und günstig zu verpflichten.
Bei diesen Schallaufzeichnungsverfahren wird die Schwingung des Schalls in mechanische Materialoberflächenveränderung umgesetzt. Aufgenommen, umgesetzt und gespeichert wird der Schall bei Phonograph und
Grammophon also auf mechanische Weise.
Im Zusammenhang mit der allgemeinen Begeisterung für die neuen Techniken der Kommunikation – Telefon,
Telegraf – entwickelte der Däne Valdemar Poulsen schon 1898 das erste magnetische Tonaufzeichnungsverfahren. Er verwendete Stahldraht als Aufzeichnungsmedium und nannte seine Erfindung Telegraphone. Es
sollte jedoch noch 20 Jahre dauern, bis dieses Verfahren durch die Erfindung der Verstärker-Röhre sinnvoll
weiterentwickelt und genutzt werden konnte.
Vorerst war es für die sich entwickelnde Filmwirtschaft von großem Interesse „sprechende Bilder“ herstellen zu
können. Es gab allerlei Versuche Schallplatte oder Wachswalze mit dem Bild zu synchronisieren. Dabei mussten Bild
und Ton, d.h. Filmkamera und Grammophon, sowohl bei der Aufnahme, als auch bei der Wiedergabe - durch Filmprojektor und Grammophon - mechanisch miteinander verbunden sein. Oskar Meester war einer der Pioniere auf
diesem Gebiet. Jedoch erst mit der Erfindung der Verstärker-Röhre durch Vogt, Engel und Masolle
(Triergon) im Jahre 1922 wurden die technischen Grundlagen für das heutige Kino geschaffen. Auch durch die aufwändigere Wiedergabetechnik bewegte sich der Film vom Jahrmarktsereignis in die Lichtspielhäuser und wurde zum
gesellschaftlichen Ereignis. Die verwendete Technik wurde von den Bell-Laboratories in Zusammenarbeit mit der
Produktionsfirma Warner Brothers entwickelt. Das Verfahren hieß Sound-On-Film, wobei die vom Mikrofon
aufgenommenen Schallwellen in elektrische Wellen umgewandelt und als Licht-Ton-Spur auf dem Filmmaterial
aufbelichtet wurden - im Prinzip hat sich bei diesem Tonaufzeichnungsverfahren bis zum heutigen Tage nichts
geändert. Mit dem ersten abendfüllenden Tonfilm „The Jazz Singer“ 1927 entbrannte großer Streit, ob denn
dieser verzerrte, die Ohren beleidigende Ton wirklich ein Fortschritt sei; Filmmusiker riefen zum Boykott von
Tonfilm-Lichtspielhäusern auf. 1 9 2 8 entwickelte Georg Neumann in Berlin das erste
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Kondensatormikrofon, mit dem es nun möglich wurde klanggetreue Tonaufnahmen zu erstellen. Lediglich die
Aufzeichnungsmedien – Schallplatte, Licht-Ton und in geringem Maße Stahldraht – setzen durch ihre technischen
Limitationen den klanglichen Rahmen fest. Während bei Filmdreharbeiten ab jetzt neben der Filmkamera fürs Bild
auch immer eine Tonfilm-Kamera für den Ton eingesetzt werden musste, ergaben sich plötzlich weit reichende neue
Gestaltungsmöglichkeiten für das Medium Tonfilm: Nach der Aufnahme konnten mehrere Tonfilmprojektoren
unterschiedliche Tonaufzeichnungen gleichzeitig abspielen und ermöglichten somit erstmals die Mischung von Tönen,
die Schichtung von Schallereignissen, unter dramaturgischen Gesichtspunkten.
Der Rest der technischen Entwicklung ist schnell erzählt. 1935 wurde auf der Berliner Funkausstellung die erste
Telefunken-Tonbandaufzeichnung präsentiert. Tonträger war ein mit Eisenpartikeln beschichtetes
Polyesterband – eine Gemeinschaftsentwicklung von BASF und AEG. Telefunken Tonbandgeräte wurden an den
Kriegsschauplätzen eingesetzt, um Schlachtgeräusche für Propagandazwecke aufzunehmen, Nachrichtenfilme
benutzten das Licht-Ton-Verfahren und die Schallplatte wurde vor allem in den USA zu dem ernst zu nehmenden
Wirtschaftsfaktor Unterhaltungsindustrie.
Diese drei analogen Schallaufzeichnungsverfahren wurden in den kommenden 50 Jahren weiter verfeinert. Stefan
Kudelski präsentierte 1948 das erste Kleintonbandgerät, entwickelte es weiter und konnte 1951 mit der Nagra
II das erste volltransitorisierte Tonbandgerät herstellen. Wenngleich der Bandtransport vorerst noch mit einem
Federwerkmotor erfolgte, konnte man doch mit diesem handlichen Gerät überall auf der Welt und unter allen
möglichen klimatischen Bedingungen Tonaufzeichnungen in Studioqualität machen. Schon 1954 war mit der Nagra III
das erste Batterie-betriebene Tonbandgerät verfügbar, mit dem etwa 22 Minuten Ton auf einem Tonband
aufgezeichnet werden konnten. Auch heute noch ist die Nagra das Maß aller Dinge für die mobile, analoge
Tonaufzeichnung. Ein robusteres Gerät konnte bisher nicht konstruiert werden. Für die Spielfilmproduktion wurde
die Nagra unverzichtbar, jedoch auch Radio und Fernsehen bedienten sich dieses zuverlässigen Gerätes.
Klar ist, dass durch diese erstmals mögliche, unkomplizierte Tonaufnahme die Ästhetik von Dokumentarfilmen
insbesondere verändert wurde: Lange Bildeinstellungen, lange Interviews und Beobachtungen, gefilmt mit
beweglicher Kamera, warfen nun die Frage nach Grenzen und Möglichkeiten der Wahrhaftigkeit des Film-Mediums
an sich auf.
Erst mit dem nächsten Schritt des Tonaufzeichnungsverfahrens, der digitalen Tonaufnahme etwa ab 1985,
entwickelte sich mit immer preiswerteren Aufnahmegeräten auch eine gewisse Demokratisierung des Mediums Film.
Durch den hohen Anschaffungspreis der Nagra und vergleichbarer anderer Tonbandgeräte (StellaVox, Maihak) und
die Verantwortung einer professionellen Umsetzung, erfolgte die Tonaufnahme bisher eher durch Tontechniker und
Tonmeister im Auftrag von Filmproduktionsfirmen. Auch musste das Handwerk des Tonaufnehmens erst entwickelt
und dann systematisch an die folgende Generation von Tonmeistern weitergegeben werden. Mit den günstigen
digitalen Aufzeichnungsformaten heutiger Tage, kann jederzeit und mit geringem finanziellen Aufwand ein
Dokumentarfilm gedreht und auf dem heimischen Laptop montiert, geschnitten und vertont werden. Die Simplizität
von Ton, die Videokamera und Schnittsysteme heute suggerieren, erweist sich bei der ersten Vorführung des Films
auf großer Leinwand und vor Publikum oft als verräterisch - denn der Ton ist meistens sehr schlecht. Spätestens hier
dämmert dann die wage Ahnung, dass Tonmeister früher schon nicht nur wegen der sündhaft teuren Geräte
angestellt wurden.
Zu den heute noch verwendeten digitalen Tonaufnahmegeräten gehören der DAT-Recorder und das von Sony
entwickelte magneto-optische MiniDisc-Verfahren. Beide Systeme werden in wenigen Jahren nicht mehr
anzutreffen sein, da günstige CF-Card-Aufzeichnungsgeräte oder Festplattenrecorder die
aufgenommenen Töne mittlerweile in Dateiformaten abspeichern, welche Computer einfach lesen und verarbeiten
können. Der Datentransfer und die Ordnung der Daten ist auf diese Weise einfach möglich, die Datenträger sind
klein und ebenfalls wieder verwendbar.
Ein wesentlicher Ansporn für die Erfindung der Tonaufzeichnung durch Thomas Edison war sicherlich die
auswertbare Verfügbarkeit des gesprochenen Wortes für das aufkommende industrielle Geschäftsleben. Dass sich
daraus auch eine Musikindustrie für den Hausgebrauch entwickeln würde, hatte er anscheinend anfänglich nicht
gedacht. Über 100 Jahre hat die Tonaufnahme, neben der amüsanten Unterhaltung auch immer eine archivierende
Funktion gehabt. Mit der Tonaufzeichnung auf digitalen, verlustfreien Medien verliert jedoch das Tonmedium diese
Archivfunktion, denn niemand kann mehr mit Sicherheit sagen, wie lange die Daten lesbar existent sein werden. Es
scheint, als würde die Erfindung Edisons zu ihrer ursprünglichen Idee zurückkehren, lediglich ein KommunikationsKanal zu sein, in dem Schnelligkeit der Informationsübermittlung und Datenverfügbarkeit die primären Merkmale des
Tonmediums sind - eine Archivierung, wie bei der mechanischen Schallaufzeichnung, ist aufgrund der Datenmenge
nicht mehr möglich und auch nicht gewollt.
© 2006 Volker Zeigermann, Kurze Geschichte der Tonaufzeichnung
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