Analyse und Interpretation eines Stadtgedichtes

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Analyse und Interpretation eines Stadtgedichtes
Analyse und Interpretation eines Stadtgedichtes
Textbeispiel zu K. Tucholsky, Augen in der Groß-Stadt, 1930
1 Einleitung
Das Gedicht „Augen in der Großstadt“ von Kurt Tucholsky, erschienen im Jahr 1930, thematisiert
die Anonymität in einer Großstadt und die Auswirkungen auf das Verhalten, Denken und Fühlen
der Menschen. Es möchte deutlich machen, dass das Leben in der Stadt die Menschen
voneinander entfremdet und dazu führt, dass Menschen vereinsamen und sich nicht mehr als Teil
einer Gemeinschaft erleben.
Das Gedicht entstand zur Zeit der Weimarer Republik in Deutschland und lässt sich in die Epoche
der sogenannten „Neuen Sachlichkeit“ einordnen, die sich mit den Alltagserfahrungen und
Problemen der Menschen in einer immer moderner werdenden Welt beschäftigt.
2 Analyse
2.1 Form
Das Gedicht besteht aus drei Strophen, wobei jede Strophe mit einem Kehrvers/ Refrain endet, der
das Thema immer wieder aufgreift und variiert.
Das Reimschema ist abwechslungsreich: Auf den anfänglichen Kreuzreim in jeder Strophe folgt ein
Paarreim, der einen Kehrreim nach sich zieht.
In der letzten Strophe tut sich zur besonderen Hervorhebung des Gesagten noch eine Abweichung
im, bis dahin regelmäßigen, Reimschema auf: Vers 33 uns 34 sollen Aufmerksamkeit auf sich
ziehen.
Das Metrum ist flexibel:
Der vorherrschende Jambus hat immer in den ersten vier Versen einer Strophe fünf Hebungen. In
den Versen fünf bis neun herrscht ein vierhebiger, in Vers 10 jeder Strophe ein dreihebiger
Jambus.
Die Frage „Was war das?“ Ist ein zweihebiger Trochäus – ein Stilmittel, um die Frage vom Rest
des Gedichtes abzuheben.
Die Antwort auf diese rhetorische Frage, sowie der darauf folgende Vers, sind in einem
dreihebigen Jambus gehalten.
2.2 Inhaltliche Deutung
Der namenlose Sprecher (das lyrische Ich), welcher sich bedeckt im Hintergrund hält, duzt den
Adressaten, um diesen möglichst direkt anzusprechen. Darauf deutet die häufige Verwendung des
Personalpronomens „dir“, sowie des Possessivpronomens „dein“. Diese direkte Anrede hat zum
Ziel, die Aufmerksamkeit des Adressaten auf sich zu ziehen, um ihm zu zeigen, dass das Gedicht
und dessen Botschaft sich auch auf ihn bezieht.
Im ersten und zweiten Vers der ersten Strophe wird mit einem Alltagsbeispiel eingeleitet.
Jeder modern lebende Europäer steht in seinem Leben mindestens ein Mal am Bahnhof und
wartet – eventuell gedankenversunken - auf den Zug.
Tucholsky versucht möglichst realitätsnah und authentisch zu schreiben. Er erschafft so einen
Rahmen, in dem sich der Adressat leicht wiederfinden kann, sich noch stärker angesprochen fühlt.
Die Situation wird dadurch ausgeweitet, dass in Vers drei und vier auf das Warten näher
eingegangen wird. Mit dieser Beschreibung wird gleichzeitig ausgedrückt, dass jeder Mensch für
sich alleine ist. Wenn man in Gedanken versunken ist kommuniziert man nicht mit Anderen, nimmt
sie nur schemenhaft wahr. Durch diese Darstellung entsteht ein Bild der geistigen Isolation des
Einzelnen.
Hier lassen sich auch erste Anzeichen erkennen, dass es sich um kein schönes Szenario handelt:
Das handelnde Du ist in Sorgen vertieft, es hat offensichtlich Probleme.
In Vers fünf und sechs wird die Stadt personifiziert – sie „zeigt“ dem Wartenden am Bahnhof,
welcher in seine Gedanken versunken ist und deshalb lieber alleine wäre – Millionen Gesichter.
Man kann sagen, dass die Stadt sich dem Menschen aufdrängt, ja sogar, dass der Mensch der
Stadt ausgeliefert ist, da er auf sie angewiesen ist.
Das Adverb „da“ leitet Vers fünf so ein, dass das Handeln der Stadt eine Reaktion auf das Warten
der Person am Bahnhof ist. Nicht die anderen Menschen, der wartend am Bahnhof stehen, sind
aktiv, sondern die Stadt, welche auch dadurch personifiziert wird.
Die Macht, über welche die Stadt verfügt, wird nun immer deutlicher.
Das Adjektiv „asphaltglatt“ ist vom Autor eingeführt, ein Neologismus. Man kann es als Attribut der
Stadt ansehen, dass alles „glatt läuft“, dass der ganz normale Alltag beschrieben wird, dass die
Stadt auf die Menschen reagiert und ihnen etwas zeigt.
Wenn eine Straße asphaltiert wird, gleicht man kleinere Unebenheiten aus, welche Schlaglöcher
und somit Behinderungen für den Verkehr auslösen könnten. Dieses Planieren im metaphorischen
Sinne wurde auf die Stadtmenschen angewandt:
Andersdenkende und Freidenker müssen sich anpassen oder werden aus der Gesellschaft
ausgeschlossen.
Die Metapher des „Menschentrichter[s]“ in Vers sieben wirkt verächtlich. Man verwendet einen
Trichter, um Flüssigkeiten umzufüllen, von denen nichts verloren gehen darf. Somit wird der
Großstadtmensch mit einem Gegenstand, beispielsweise einer Flüssigkeit, verglichen. Dies stellt
eine klare Abwertung des einzelnen Großstädters dar.
Eine Übertreibung in Vers acht lässt die Beschreibung noch authentischer und realitätsbezogener
wirken: Die nur schwer zählbare Anzahl an Gesichtern, welche man in einer Großstadt sieht, wird
betont.
Vers neun stellt einen Teil des menschlichen Gesichtes dar: Die Augenpartien. Die Darstellung der
Augenpartien ist hierbei nicht detailliert, beispielsweise die Augenfarbe bleibt ungeschrieben: Es
wird vielmehr ein kurzer Blickkontakt rein subjektiv dargestellt, es werden keine Gefühle erwähnt.
Der Mensch wird wie ein Objekt geschildert, das man zwar schon oft gesehen, aber sich noch
nicht ausführlich damit auseinandergesetzt hat.
Auch stellt die Zahl „zwei“ einen Kontrast zu den „Millionen“ Gesichtern dar, eine Spannung
zwischen diesen Beiden Zahlen wird erzeugt, da eine Million für einen Menschen eine
unvorstellbare Zahl ist, wohingegen die Zahl zwei uns in unserem Alltagsleben oft begegnet und in
unserem Vorstellungsbereich liegt.
Der Gedankenstrich signalisiert ein Innehalten, eine kurze Pause, um nachzudenken, und die
rhetorische Frage „was war das?“ zu formulieren und darüber zu reflektieren.
Mit der rhetorischen Frage „was war das?“ versucht der Sprecher den kurzen Blick zu analysieren,
Eindrücke in Gedanken umzuwandeln. Diese Frage ist die Kernfrage des Gedichtes, der rote
Faden, der sich durch das Gedicht zieht.
Ein eindeutiger Beweis hierfür ist, dass das durchweg jambische Metrum in Vers elf,
zweiundzwanzig und neununddreißig jeweils für die rhetorische Frage in einen dreihebigen
Trochäus wechselt.
Die Antwort auf die Frage in Vers elf kommt vom erfahrenden Du.
Dieses ist sich aber nicht sicher, ob die von ihm gegebene Antwort stimmt, worauf das Wort
„vielleicht“, sowie die drei Punkte am Versende hinweisen.
Das erfahrende Du bringt in seiner Antwort auch das erste Mal im Gedicht etwas Positives ein,
nämlich „dein Lebensglück“.
Mit dem Lebensglück assoziieren die meisten Menschen, einen festen Partner zu finden, den sie
auch lieben können. Womöglich trauert das erfahrende Du Zärtlichkeit und Gefühlen nach, mit
anderen Worten: Es würde gerne jemanden lieben und geliebt werden.
Das bleibt ihm jedoch in der gefühllosen Großstadt verwehrt.
Vers zwölf klingt pessimistisch und demotiviert, was auf die beiden negativen Adjektiven „vorbei“
und „verweht“ zurückzuführen ist.
Verweht werden nur leichte Dinge – eine neue Charakteristik, die die Gefühle in der Stadt
aufweisen: Sie werden von den Menschen nicht als gewichtig empfunden und verweht.
Auch die Adverbien „nie wieder“ unterstreichen ein endgültiges Ereignis - der kurze positive
Moment in der Gedankenwelt des erfahrenden Du geht in einer Masse aus negativen, endgültigen
Erkenntnissen unter.
In Vers zwölf wird dem Augenkontakt, dem kurzen, ja wörtlichen „Augen-Blick“, hinterher getrauert.
Im ersten Vers der zweiten Strophe fällt als erstes übergreifende Formulierung „dein Leben lang“
auf. Im Kontext zur personifizierten Großstadt wird dadurch erneut die Abhängigkeit von dieser
hervorgehoben.
Das metaphorische, lebenslange Gehen steht für den Lebensweg des Menschen. Dieser muss
sein Leben lang durch Städte gehen, ist an diese gebunden.
Die „tausend Straßen“, sind eine Relativierung, die auf die Anzahl der Straßen, über die man in
seinem Leben geht, hinweist.
Die Verse 15 und 16, die beide zusammen einen Satz bilden, gehen näher auf das Gehen in der
Großstadt ein: Der Fakt, dass Menschen, die in der Großstadt leben, von anderen Menschen
vergessen werden, deutet eine oberflächliche Gesellschaft an.
Belegt wird dies durch die Verse 17 bis 20: Sie umschreiben einen dieser kurzen Blickkontakte:
Zwei Augen treffen sich kurz, die „Seele klingt“, macht sich bemerkbar, und man hat „es“, die
Gefühle, das lang ersehnte Menschliche, gefunden, doch nur für einen sehr kurzen Zeitraum,
nämlich exakt so lange, wie der Blickkontakt hält - „nur für Sekunden“. Danach bremst die
Umschreibung ab, und es wird wieder das bekannte Motiv aufgegriffen. Das Abbremsen wird mit
drei Punkten verdeutlicht.
Interessanterweise wird das Abbremsen auch durch die äußere Form des Gedichtes unterstützt:
Von Vers 13 bis 16 bilden jeweils 2 Verse einen vollständigen Satz, von Vers 17 bis 20 bildet je ein
Vers einen Satz. Dies zieht ein Verschärfen des Lesetempos nach sich, die Handlungen häufen
sich und laufen immer schneller ab – bis der „Augen-Blick“ wieder vorüber ist, das Tempo wird
durch die drei Punkte genommen.
Dies lässt sich auch in leicht abgeänderter Form in den Strophen eins und drei beobachten.
Die Augen sind bekanntlich das Tor zur Seele des Menschen. Der Mensch drückt vor allem seine
Gefühle, aber teils auch seine Gedanken mit seinen Augen aus. Und genau dies bilden den
großen Kontrast in diesem Gedicht: Gefühle werden im gesamten Gedicht nicht geschildert. Dafür
aber die Augen, die Gefühle ausdrücken. Das erfahrende Du geht nur bis zu dieser Stelle, es
schaut nicht in die Augen und liest die Gefühle, es schaut nur auf die Augen, bleibt oberflächlich.
Gedichtübergreifend fällt das Paradoxon zwischen „Lebensglück“ in Vers elf und „nur für
Sekunden ...“ in Vers 20 auf. Dies deutet auf die Paradoxie hin, mit welcher sich das Gedicht
befasst: Die Suche in der Augen der Menschen in der Großstadt nach Gefühlen, Gefühle in der
Großstadt, die in der Menschenmasse untergehen.
Eine scheinbar unlösbare Aufgabe.
In Vers 21 bis 24 trifft man auf eine in Vers 24 leicht abgeänderte Wiederholung. Diese deutet
möglicherweise auf ein erneutes Erlebnis hin: Ein neuer Tag, neue Gesichter, neue Augen. Wieder
gelingt es dem handelnden Du nicht, in die Gefühlswelt einzutauchen. Dies lässt sich durch Vers
23 belegen: Das handelnde Du stellt resigniert fest, dass vergangene Momente, denen man
gedenkt, nie wieder eintreten, dass jeder verpasste Einblick in die Gefühle eines Menschen eine
verpasste und vergeudete Gelegenheit ist.
Der Sprecher ändert schon gleich zu Beginn der dritten Strophe seinen Tonfall: „Du musst auf
deinem Gang durch Städte wandern“.
Das „müssen“ schließt schon anfangs jede andere Option aus,
Der „Gang“ ist eine Metapher für den Lebensweg eines Menschen. Jeder Mensch muss in seinem
Leben durch die Städte wandern, jeder Mensch muss oberflächlich sein und mögliche
Gelegenheiten verpassen. Durch den Imperativ „musst“ vermittelt der Sprecher, wie unbedingt
dieser Gang ist – ein sozusagen erzwungener Gang durch die Stadt, die durch diese Abhängigkeit
mächtig wird.
Eine ungewöhnliche Wortwahl macht in Vers 26 auf sich aufmerksam: Der Sprecher redet davon,
dass man durch Städte wandert. Wandern ist grundsätzlich ein Wort, welches man mit der Natur
verbindet – ein Gegensatz, welchen der Autor verwendet, um zu zeigen, dass der Gang über
Straßen das Wandern in der Natur ersetzt hat. Der Gang, bzw. das Wandern, stehen für den
Lebensweg, welchen man nun nicht mehr in der Natur, sondern auf Straßen in Städten beschreitet.
Im folgenden Vers 27 sieht das erfahrende Du den „Anderen“ nur einen Pulsschlag lang: Der
„Augen-Blick“ aus den vorhergegangenen Strophen wird wieder aufgegriffen.
Erstmalig tritt in Vers 28 ein „Anderer“ in Erscheinung. Dieser Andere steht für die Personen, die
das handelnde Du mit seinen Blicken immer nur kurz kontaktiert.
Die unbestimmte Größe „es“ steht hierbei für das Augenpaar, welches uns bereits aus Strophe
eins und zwei bekannt ist.
Wieder zieht das Augenpaar, die Person, nach der sich das handelnde Du so sehnt, vorüber, nur
ein kurzer Blickkontakt, dann ist es wieder verschwunden, vorbeigezogen – und das handelnde Du
denkt wieder nach, es fasst wieder zusammen, stellt sich wieder die Frage, was es erlebt hat.
Doch diesmal gibt nicht das handelnde Du, sondern der Sprecher die diesmal seiner Meinung
nach richtige Antwort:
„Von der großen Menschheit ein Stück!“.
Wie ernst es dem Sprecher mit dieser Aussage ist, lässt sich an dem verwendeten Ausrufezeichen
erkennen.
Diese Antwort auf die Frage lässt sich so deuten, dass die moderne Menschheit sich nicht länger
mit Gefühlen und Empfindungen beschäftigt, sondern dass die Menschen wortlos und kalt
aneinander vorbeileben.
3 Schluss
So lässt sich abschließend sagen, dass das Gedicht die Situation des modernen
Großsatdtmenschen in ihrer Problematik in den Blick rückt: Der Einzelne sehnt sich nach Nähe,
kann diese aber nur vordergründig erleben, da alles flüchtig und oberflächlich ist und die
Menschen in den Zwängen des modernen Lebens gefangen bleiben.
Der einzige Ausweg aus dieser Situation wäre es, so der Sprecher, die Gesellschaft zu verändern,
so dass man nicht mehr unter Zeitdruck leben und arbeiten müsste, sondern sich den Gefühlen
der Menschen widmen und jemanden lieben könnte.
Das handelnde Du kann es nicht ertragen, in der großen, unpersönlichen Großstadt, in der sich die
Menschheit zum Großteil befindet, zu leben. Es sehnt sich nach mehr nach Lebensglück durch
Liebe und Gefühle, die in der jetzigen Form des Systems nicht zu empfinden sind.
Somit zeigt dieses Gedicht auch gesellschaftskritische Ansätze, die sich überall in Kurt Tucholskys
Werk finden, denn er setzte sich stark für die Arbeiterbewegung und den Klassenkampf ein und
wünschte sich eine gerechtere und menschlichere Welt.
Informationen zum Autor:
Kurt Tucholsky (* 9. Januar 1890 in Berlin; † 21. Dezember 1935 in Göteborg) war ein deutscher
Journalist und Schriftsteller. Er schrieb auch unter den Pseudonymen Kaspar Hauser, Peter
Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel.
Tucholsky zählt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter
Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift Die Weltbühne erwies er sich
als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines. Zugleich war er Satiriker,
Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker und Kritiker (Literatur, Film, Musik[1]). Er
verstand sich selbst als linker Demokrat, Sozialist,[2] Pazifist und Antimilitarist und warnte vor
der Erstarkung der politischen Rechten – vor allem in Politik, Militär und Justiz – und vor der
Bedrohung durch den Nationalsozialismus.