Integration von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen in Jesteburg

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Integration von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen in Jesteburg
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Integration
18.11.2008
Integration von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen in
Jesteburg
Hans-Heinrich Wolfes
1. Einleitung: Übersicht über die Evakuierten, Flüchtlinge und
Heimatvertriebenen
Am Sonntag Palmarum, 18. März 1945, als in Jesteburg Konfirmation gefeiert wurde, zog der
erste Flüchtlingstreck aus Ostpreußen in Jesteburg ein. Zu diesem Treck gehörten Wittes.1
Andere Trecks und einzelne Personen aus Ost- und Westpreußen und der sowjetisch besetzten
Zone kamen kurze Zeit später, im Januar 1946 auch schon einige Familien aus Schlesien.
Zum Beispiel wurden aus Hirschberg in Schlesien am 11.1.1946 sechs Familien mit 30
Personen aus ihren Wohnungen vertrieben, in Viehwaggons verladen und über Marienborn in
das Schützenhaus nach Winsen transportiert. 21 von ihnen kamen nach Jesteburg.2 Nach
Angaben der Militärregierung waren bis zum 31. Januar 1946 47 Familien nach Jesteburg
gekommen: 9 aus Ostpreußen, 14 aus Westpreußen, 10 aus Schlesien, 5 aus Pommern und 9
aus Brandenburg.3 1946 erhöhte sich der Flüchtlingsstrom noch. Am 31.5.1946 wiesen die
Polen sechs Familien mit 33 Personen in Neiße in Schlesien aus. Sie wurden in Güterwagen
nach Kohlfurt transportiert und erreichten am 5.6.1946 Winsen. Auch sie wurden nach
Jesteburg gebracht. Die größte Aufgabe der örtlichen Verwaltung bestand in der
Unterbringung und Verpflegung der Neubürger. Hatte das Dorf Jesteburg Anfang 1945 1000
Einwohner, so erhöhte sich ihre Zahl im April 1945 auf ungefähr 1200 und betrug am 29.
Oktober 1946 2044.4
Im Dorf lebten beim Eintreffen des ersten Trecks schon Evakuierte aus Hamburg. Ende Juli
1943 waren viele Hamburger nach den verheerenden Bombenangriffen auf Hamburg nach
Jesteburg geflüchtet. Obwohl die meisten in „das weniger gefährdete Bayern“ gebracht
wurden, blieb eine beträchtliche Anzahl in Jesteburg wohnen oder zog dorthin. In der
Schulchronik heißt es: Alle Häuser sind mit Flüchtlingen überfüllt, alle Gaststätten
vollgepfropft.“ Aus dem Jahr 1946 existiert ein Plan, auf dem die Hütten von 100 Bewohnern
in Jesteburg eingezeichnet sind.5 Die Zahl der Schüler aus evakuierten Familien war am 10.
Februar 1946 mit 63 höher als die aus Flüchtlingsfamilien mit 54. Am 20. Mai 1946 hatte sich
dieses Verhältnis schon geändert. Die Schule hatte jetzt 267 Schüler: 148 Einheimische,
Hamburger 58 und Flüchtlinge 61.6
Schüler
Einheimische
Hamburger
Flüchtlinge
1947/48
151
73
100
1948/49
160
79
103
1949/50
185
95
115
1950/51
180
83
132
1951/52
190
68
120
Ungefähr 950 Evakuierte, Flüchtlinge und Heimatvertriebene sind während des Krieges und
in den Nachkriegsjahren nach Jesteburg (ohne Itzenbüttel und Lüllau) gekommen. Die
Bevölkerung Jesteburgs hat sich dadurch mehr als verdoppelt. Auf einer Liste des
Flüchtlingsbetreuers Karl Böhm stehen 313 Familiennamen mit insgesamt 854 Personen,
davon sind 141 Familiennamen von Evakuierten mit 255 Personen und 172 Familiennamen
von Flüchtlingen mit 599 Personen.7
2
In einem „Konto-Buch für den Gemeindeflüchtlingsrat Jesteburg“, VA Verden, Ausweis-Nr.
347096, werden 40 Flüchtlingsfamilien genannt, die von 1950-1958 Land von Bürgermeister
Bäckermeister Heino Clement (22) und Sägewerksbesitzer Wilhelm H. Bahlburg (18) von je
ca. 300 qm Größe erhalten hatten, für das jede Familie im Durchschnitt 40 Mark bezahlen
musste. Das Buch hat Flüchtlingsbetreuer Robert Witte geführt, dessen Enkel Joachim Witte
es aufbewahrt hat.
2. Unterbringung der Flüchtlinge und ihre gesellschaftliche
Entwicklung im Dorf
1. Beispiel: Witte aus Westpreußen
Auf der Liste Nr. 263 und Nr. 264 stehen Kurt Witte mit acht Personen und dessen Vater
Robert Witte, der Flüchtlingsbetreuer war, mit zwei Personen. Am Beispiel von Kurts Söhnen
Joachim und Harald wird im Folgenden die Geschichte der Familie Witte, die evangelisch ist,
aufgezeigt.
Großvater Robert Witte, geb. 8.9.1876 in Kl. Grabau, heiratete am 29.11.1904 Martha
Kilkowski, geb. 24.8.1885. Sie betrieben in Mokrau/Westpreußen eine Landwirtschaft und
haben immer hart gearbeitet. Robert Witte nahm Anteil am öffentlichen Leben und war
längere Zeit Bürgermeister8
Vater Kurt Witte, geb. 19.10.1905 in Weichselburg, Krs. Marienwerder, und seine Frau
Hildegard, geb. 30.5.1907, lebten in Altweide, Krs. Graudenz/Weichsel, Bezirk Westpreußen.
Graudenz heißt heute Grudziadz. Die Stadt liegt am östlichen Weichselufer. Auf zwei Fotos
sind sie zu sehen, wie sie 1931 in Graudenz mit einem Kutschwagen, gezogen von einem
Pferd, durch die Stadt fahren und etwa 1935 beim Spazierengehen in Graudenz, wie Mutter
Hildegard den kleinen Joachim auf dem Arm trägt und Vater Kurt und ein Begleiter folgen.
Sie hatten fünf Kinder: Joachim, geb. 17.8.1933, Harald, geb. 20.11.1935, Ingrid, geb.
4.4.1940, Werner, geb. 24.1.1942, und Gerd, der am 8.5.1947 nach der Flucht in Jesteburg
geboren wurde.
Ein anderes Foto etwa von 1939/40 zeigt, wie Vater Kurt in Uniform mit Joachim und Harald
auf dem Hof auf einem Baumstamm hintereinander sitzen, ein weiteres Foto zeigt Joachim
und Harald am 22. Juni 1941 beim Holzsägen auf dem väterlichen Hof. Kurt Witte war bei
Kriegsanfang eingezogen worden. Ein Foto zeigt ihn in Uniform am 22.6.1944 in Mühlheim
am Main; er geriet 1945 in französische Gefangenschaft.
Der älteste Sohn Joachim besuchte in Graudenz die Schule, er lernte im See Rudnik bei
Altweide (Paßwisko), heute Stadtteil von Grudziadz) Schwimmen.9 Beim Näherrücken der
russischen Front in Westpreußen befand sich der 12-jährige Enkel Joachim bei seinen
Großeltern in Mokrau. Die Russen lagen nur noch 100 km entfernt. Einschläge waren zu
hören, die deutschen Soldaten befanden sich auf dem Rückzug. Als der Befehl zur Flucht
kam, konnte Joachim nicht zu seiner Mutter Hildegard und seinen Geschwistern nach
Altweide zurückkehren, sondern fuhr mit seinen Großeltern auf zwei Wagen am 22.1.1945
aus Mokrau los. Es lag hoher Schnee. Er musste den zweiten Wagen fahren, der mit Futter
beladen war; sein Großvater Robert und Großmutter Martha fuhren den ersten Wagen. Beide
Wagen waren mit jeweils zwei Pferden bespannt. Weil die Weichselbrücke bei Graudenz
(Auto- und Eisenbahnbrücke) für zivile Fahrzeuge gesperrt war, überquerten sie mit den
Pferdewagen die zugefrorene Weichsel. Die Strecke war etwas präpariert. Mehrere Wagen
waren eingebrochen. Sie kamen ohne Zwischenfälle über den Fluss südlich der Brücke und
fuhren nach Westen. Joachim ist den größten Teil der Strecke von Westpreußen an zu Fuß
gegangen, um die Pferde zu entlasten und um selbst nicht zu frieren. Es war strenger Winter
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mit mehr als 20 Grad Kälte. Die Wagen waren mit Teppichen bespannt, um die Menschen im
Wageninneren etwas mehr vor der Kälte zu schützen.
Nach den Oder- und Elbüberquerungen erreichten sie am Sonntag Palmarum, 18. März 1945,
eher zufällig Jesteburg. Der Ort war aber mit Flüchtlingen überfüllt. Deshalb mussten sie auf
Anweisung des Bürgermeisters Karl Gössler nach Buchholz fahren, wurden dort
zurückgewiesen, kamen nach Lüllau und verbrachten eine Nacht bei Bauer Cohrs Hof Nr. 2 in
Thelstorf. Am nächsten Tag fuhren sie nach Reindorf, wurden dort angehalten und gefragt,
wo sie Palmarum gewesen wären. Das war Jesteburg. Sie durften in Jesteburg bleiben und
wurden in der Ziegelei untergebracht. Die Pferde konnten im Trockenschuppen abgestellt
werden. Joachim und seine Großeltern übernachteten auf ihren Wagen. Ziegeleimeister
Günther Trompeter hatte Mitleid mit ihnen. Er bot ihnen an, im Zimmer seines Sohnes
Günther, der im Krieg war, zu wohnen. Im Haus wohnte oben noch die Familie Martin
Keesler, deren Küche Wittes mit benutzen durften. Es handelte sich um das (später
umgebaute) Haus, heute Hauptstraße 90, Taverna Mikonos. Nach der Sprengung der
Eisenbahnbrücke gegen 6.00 Uhr in Jesteburg beim Einmarsch der Engländer am 19. April
1945 wurde das Haus stark beschädigt. Sie mussten in eine Wehrmachtsbaracke, die sich
gegenüber befand, umziehen.
Mutter Hildegard und die Kinder Harald, Ingrid, Werner sowie der Hofarbeiter Max
Schwadtke waren aus Altweide am 24. Januar 1945, zwei Tage später als der Großvater aus
Mokrau, mit zwei Wagen nach Ridders bei Heide/Holstein geflüchtet. Sie brauchten neun
Wochen für die Flucht. Ein Wagen war unterwegs umgekippt, den holten sie später nach.
Über den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes kannte Mutter Hildegard den
Aufenthaltsort des Großvaters Robert Witte in Jesteburg. Der 12-jährige Joachim hat sich zu
Fuß und per Anhalter allein aus Jesteburg nach Ridders aufgemacht und die „Rest“-Familie
mit jeweils zwei Pferden und zwei Wagen nach Jesteburg geholt. Jetzt wohnten alle
zusammen in der Baracke. Nur Vater Kurt fehlte noch. Die Verbindung zu ihm kam auch
zustande. Mutter Hildegard war an Scharlach erkrankt und hatte in Graudenz im Krankenhaus
gelegen. Mit einer Krankenschwester, die in Mühlheim am Main zu Hause war, stand sie in
brieflichem Kontakt. Durch diesen Kontakt erfuhr Vater Kurt Witte, der sich in Mühlheim
aufhielt, vom Aufenthaltsort seiner Familie. Nach der Entlassung aus französischer
Gefangenschaft 1946 gab er Jesteburg als Adresse an. Die Familien aus Altweide und Mokrau
war nun in Jesteburg zusammengeführt. Die Kinder besuchten die Schule in Jesteburg.
Sohn Harald Witte, geb. 20.11.1935 in Paßwisko, berichtete: „Ich ging bis zu meinem 14.
Lebensjahr in Jesteburg zur Schule. Danach war ich noch zwei Jahre zu Hause und musste
mithelfen, unsere Familie zu ernähren. Die Pferde und die Wagen waren da. Vater machte
sich „ein bisschen im landwirtschaftlichen Bereich selbstständig, kaufte sich einen Trecker
aus dem Lastenausgleich, den er bekam, und hat dann quasi hier bei der heimischen
Bevölkerung die Gärten gepflügt und die Äcker gemacht, im Wald Holz geschleppt, also
Lohnfuhren gemacht. Die ersten Bauten fingen dann an, da wurde Kies aus der Kiesgrube
gefahren. Ich habe unten in der Grube gestanden und den Kies hoch geschmissen zum
nächsten Mann, das war schon mühsam, abends Kartoffeln gesammelt, Pferde gehütet, bei
den Bauern Gras geklaut, wie’s halt so war. Dann haben wir hier die Ziegelei gehabt, da
haben wir auch Steine gebrannt, das war hochinteressant. Abends haben wir uns bei den
Brennmeistern getroffen, weil wir zu Hause nichts zu heizen hatten, da war es warm. Wir
mussten schon als Kinder relativ viel arbeiten. Das war halt so, anders als heute. Heute sagen
die Kinder, Papa, gib mal Geld. Das gab’s alles nicht, war ganz gut so, sag ich mal. Es war
eine interessante Zeit. Schularbeiten haben wir oben in der Ziegelei bei dem Brennmeister
Hoffmann gemacht. Wir Jungen sind dann dabei gegangen, haben die Loren (zur Tongrube in
Kamerun) genommen und Pilze gesucht. Eine ganze Lore voll! Mit meinem Schulkameraden
Oskar Kscheschinski bin ich morgens losgefahren und spätnachmittags zurückgekommen mit
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der vollen Lore: Birkenpilze, Steinpilze und Maronen, die haben wir bei Buhr (Gasthaus)
abgeliefert, so unser Taschengeld verdient. Auch Leergut haben wir gesammelt.“10
Großvater Robert Witte betätigte sich in Jesteburg als Flüchtlingsbetreuer. Am 18.3.1953
erhielt er als 76-Jähriger einen neuen Personalausweis. Am 29.11.1954 feierte das Ehepaar
Robert und Martha Witte in Jesteburg das Fest der Goldenen Hochzeit. Beide waren rüstig
und freuten sich auf den Besuch von Sohn Kurt und Hildegard und den Enkelkindern. Martha
Witte starb am 2.1.1959, ihr Mann Robert am 27.10.1960. Die Wittes waren seit Generationen
in Westpreußen Landwirte gewesen.
Zwei Jahre half Harald seinem Vater Kurt im Fuhrbetrieb mit Lohnarbeiten. Durch
Vermittlung des Nachbarn Karl Kröger begann Harald mit 16 Jahren eine Lehre als KfzMechaniker bei der Firma Maack in Bendestorf, damals Omnibusbetrieb und DKWVertretung. Nach bestandener Gesellenprüfung war er bei verschiedenen Betrieben in
Harburg und Hamburg tätig, um sein Wissen zu erweitern: zwei Jahre speziell mit
Motorrädern, und sieben Jahre bei der Firma Mercedes Tesmer in Harburg. 1961 legte er die
Meisterprüfung ab. Kurz darauf machte er sich in Hamburg in einem angemieteten
Garagenzentrum selbstständig. Er betreute mit vier Gesellen viele Firmen-Fuhrparks z. B. von
den Firmen Kraft und Brinkmann und auch die Fahrzeuge von Jesteburgern, die zur
Inspektion nach Harburg gingen. Harald Witte träumte schon damals von einem eigenen KfzBetrieb.
Der Entschluss reifte, sich in Jesteburg selbstständig zu machen. „Eines Tages, es war ein
Sonntag im Mai 1963, kam ich nach Jesteburg zu meinen Eltern. Beim Mittagessen sagte mir
mein Vater: ‚Du Harald, hier in Jesteburg soll eine neue Tankstelle gebaut werden. Harry
Maack möchte sein Grundstück verkaufen und hat schon eine Zusage von der Shell
bekommen. Er sucht jemanden, der diese Tankstelle übernehmen möchte.’ Ich war sofort von
dieser Idee begeistert und erzählte meinem besten Freund Eberhard Kuhn, der Kaufmann war,
davon. Noch am selben Tag fingen wir an zu planen, diese Möglichkeit umzusetzen. Von
Harry Maack erfuhren wir alles, was wir zu erfüllen hätten. Uns war klar, dass eine Tankstelle
allein nicht in Frage käme. Es müsste schon ein deutscher Automobilhersteller mit ins Boot
gezogen werden. Unsere Vorstellung war Mercedes oder Volkswagen. Da Mercedes Benz
aber bereits den Standort Buchholz besetzt hatte, konnten wir uns nur noch mit Volkswagen
auseinandersetzen. Wir ahnten, dass dies sehr schwierig werden könnte, weil VW in Buchholz
auch bereits einen Standort hatte.
Wir versuchten es trotzdem! Also fuhren wir nach Lüneburg und sprachen mit dem damaligen
Großhändler Georg Havemann. Dieser signalisierte uns, dass es nach seiner Meinung eine
Möglichkeit gäbe, in Jesteburg eine Vertragswerkstatt entstehen zu lassen. Er würde uns
unterstützen. Nun hatten wir eine Shell-Tankstelle und die Zusage von Großhändler
Havemann. Jedoch fehlte uns das Wichtigste: das Geld! Die Kreissparkasse erteilte uns eine
Absage. Daraufhin sprachen wir bei der Westbank, Zweigstelle Jesteburg, vor, die von Harry
Maacks Bruder Karl Maack geleitet wurde. In der Zentrale in Harburg räumten uns der Leiter
Hansen und seine Bankvorstände ein Darlehen in Höhe von 800.000 DM ein. Nun ging alles
wie von selbst. Wir planten die Werkstatt, und die Shell übernahm die Tankstellen-Planung.
Unsere Firma erhielt den Namen Kuhn & Witte. Am 5. August 1965 feierten wir die
Einweihung unserer Volkswagen-Vertragswerkstatt in Jesteburg und begannen mit vier
Gesellen, einem Tankwart und einem Lehrling. Die Neuwagen bezogen wir von der Firma
Köhnke in Buchholz, die uns vorgeschaltet war. Das dauerte jedoch nicht lange, denn,
nachdem der Autoverkauf erfolgreich verlief, erhielten wir im Februar 1966 von der
Volkswagen AG aus Wolfsburg einen eigenständigen Händlervertrag. Im ersten Geschäftsjahr
verkauften wir 120 neue Autos. 1972 wurde die Neuwagenhalle gebaut, 1974 kam Audi dazu.
Nun waren wir in der Lage, Audi, Volkswagen und VW-Transporter verkaufen zu können.
Wir hatten sehr gute Erfolge. Allerdings schied mein Freund Eberhard Kuhn am 15.10.1982
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aus der Firma aus, weil er unseren Betrieb schwer belastet hatte. Ich fragte mich, wie es
weitergehen sollte! Ich wandte mich wieder an die Westbank und bat um Unterstützung.
Diese wurde mir nun allein zugesagt. Ich werde nie vergessen, wie Herr Hansen zu mir sagte:
‚Herr Witte, sehen Sie zu, dass Ihre Mitarbeiter und ihre Kunden bleiben. Den Rest erledigen
wir!’ Voller Glück und Zufriedenheit berichtete ich meinen Mitarbeitern von diesem Ereignis.
Inzwischen waren wir bereits 72 Mann an Bord. Von da an haben wir noch mehr
gearbeitet.“11
Durch die Vergrößerung der Firma reichten die alten Betriebsgebäude an der Harburger
Straße nicht mehr aus. Der Betrieb wurde in das Jesteburger Gewerbegebiet am
Allerbeeksring 2–12 verlegt. Die Einweihung des Mobilitätszentrums Kuhn & Witte war am
26.6.1992. Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Versicherung und Vereinen
bescheinigten dem Autohaus Kuhn & Witte eine große Bedeutung für die heimische
Wirtschaft. Nur sieben Jahre später erweiterte das Autohaus sein Betriebsgebäude und
errichtete für Audi einen separaten Bereich. Inzwischen wurde noch ein Reifenhotel von 1.000
Quadratmetern dazugebaut. Zu seinem 70. Geburtstag gratulierten die Beschäftigten Harald
Witte mit einer ganzseitigen Anzeige, auf der alle Namen standen, im Buchholzer Nordheide
Wochenblatt.
Die Anzahl der Mitarbeiter betrug anfangs 12, erhöhte sich bis 1993 auf 85 und beträgt heute
146 in Werkstatt, Verkauf und Verwaltung. Unter ihnen sind 30 Lehrlinge, sowohl 15 im
technischen Bereich als auch 15 im kaufmännischen Bereich. Harald Witte setzt auf eine
konsequente Ausbildung. Das Autohaus Kuhn & Witte sorgt selbst für den eigenen
Nachwuchs. Der Stundenlohn betrug anfangs 2,14 DM. Nach der Waldklinik Jesteburg
Therapiezentrum (Rüsselkäfer) mit 310 Mitarbeitern ist der Betrieb Kuhn & Witte
gegenwärtig der zweitgrößte Arbeitgeber in Jesteburg.
Vater Kurt Witte hat im Betrieb ständig mitgeholfen. Als er an seinem 88. Geburtstag am
19.10.1993 in das Autohaus kam, begrüßte ihn die Belegschaft mit dem Lied „Happy birthday
to you“, „Vadders“, wie ihn die Mitarbeiter liebevoll nannten. Er war der älteste Autozulasser
Deutschlands.12 Seine Frau Hildegard Witte starb am 27.7.1988, Kurt am 4.3.1995.
Seit dem 15.10.1982 ist Harald Witte Alleininhaber der Firma Kuhn & Witte, seit 1.1.1991 ist
Tochter Kerstin Witte Mitinhaberin. Im Januar 2005 hat Harald Witte die Verantwortung an
seine Tochter Kerstin und an seinen Schwiegersohn Jan Rommel übergeben. Er betonte: „Es
ist mir ein Herzenswunsch, unseren treuen, zuverlässigen und freundlichen Mitarbeitern
danke zu sagen. Ohne diese Menschen wäre so ein Wachstum nie möglich gewesen.“ Das
Autohaus Kuhn & Witte ist Sponsor der ev.-luth. Kirchengemeinde Jesteburg (Sponsormobil)
und vieler Vereine und Organisationen. Alljährlich führt das Autohaus den Jesteburger
Herbstmarkt durch. 2008 präsentierten sich auf dem Gelände des Autohauses Kuhn & Witte
bereits 21 ortsansässige Firmen.
Sohn Joachim Witte, geb. 17.8.1933, lernte in der Jesteburger Schule, im Haus neben dem
alten Küsterhaus, heute Fahrschule Hansen, seine Frau Hildegard Stöver, geb. 10.8.1933,
kennen. Sie gingen in die gleiche Klasse. Hildegard ist Jesteburgerin. Ihr Vater Wilhelm
Stöver hatte oberhalb der Drogerie Bonness, heute Gilbert, einen Gemüseladen, Hauptstraße
43. Mit seinem Lastwagen holte er, bei Bedarf mit offenem Hänger, Gemüse aus Hamburg.
Tochter Hildegard ist mit nach Hamburg gefahren, sie machte deshalb den Führerschein. Sie
hat im Geschäft geholfen, auch Mutter Johanne und die Geschwister Helga und Dieter.
Hildegard erhielt nur geringen Lohn. Alle arbeiteten für das Geschäft. Nach der Schule
machte Joachim 1948 bei Tischlermeister Wilhelm Köhler in Jesteburg eine Tischlerlehre.
Mehrere Arbeitsstellen folgten, zuletzt war er 15 Jahre bei der Firma Abel in Maschen
beschäftigt. Er heiratete seine Schulfreundin Hildegard Stöver am 11.6.1957. Im VfL
Jesteburg spielte er Fußball und war 2. Vorsitzender im Sozialverband (Reichsbund). Bis
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heute ist er Mitglied. Hildegard Witte ist bei den Landfrauen und singt gern im Jesteburger
Gesangverein Seevetal.
Das Ehepaar hat zwei Kinder: Bärbel und Andreas. Bärbel, geb. 21.3.1958, ist Bürokauffrau,
arbeitet im Kinderheim der Quäker Häuser e. V. in Holm-Seppensen. Sie ist Mitglied der SPD
und gehört dem Jesteburger Ortsgemeinderat an. Sie ist verheiratet mit dem Elektrotechniker
Klaus-Peter Behneke, Jg. 1955. Sie haben zwei Kinder: Tobias und Juliane. Sohn Tobias, Jg.
1984, arbeitet bei der Firma Airbus als Fluggerätmechaniker und ist Mitglied der Freiwilligen
Feuerwehr Jesteburg. Tochter Juliane, Jg. 1987, studiert an der Universität Lüneburg
Kulturwissenschaften und ist Mitglied im Buchholzer Theaterverein Paraboltheater.
Hildegards und Joachims Sohn Andreas, geb. 13.1.1963, ist kaufmännischer Angestellter und
arbeitet bei der Firma Sievers. Sein Sohn Mario, Jg. 1993, besucht die Realschule Hittfeld. Er
spielt im VfL Jesteburg erfolgreich Fußball und gehört zum Kreis der Landesauswahlspieler.
Sohn Harald Witte wohnt in Jesteburg und war viele Jahre als CDU-Ratsherr in der
Jesteburger Kommunalpolitik tätig. Er ist Mitglied im Jesteburger Schützenverein und hat
mehrere Ehrenämter. Wenn es die Zeit erlaubt, unternimmt er mit seiner Frau Anneliese gern
Radtouren, auch kegelt er gern im Kegelclub „He & se“. Während eines Interviews 1992, als
seine Frau Anneliese das Zimmer betrat, erzählte er: „Das habe ich ganz vergessen, mein
größtes Glück kam natürlich dann irgendwo.“ Am 20.9.1963 heiratete er Anneliese Hermann,
geb. 5.4.1939. Sie stammt aus Küstrin und kam nach Buchholz. Ihr Beruf ist Handelskauffrau.
Sie war Vorsitzende im Jesteburger Gesangverein Seevetal und ist Mitglied bei den
Jesteburger Landfrauen. Das Ehepaar, das 1988 Silberne Hochzeit feierte, hat zwei Töchter:
Kerstin und Claudia.
Kerstin, geb. 8.5.1964, ist Betriebswirtin und hat eine Schlosserlehre und eine kaufmännische
Lehre gemacht. Sie war Vorsitzende der Unternehmerfrauen im Handwerk (UFH) des
Landkreises Harburg. Sie ist Ratsfrau und gehört dem CDU-Ortsverband Jesteburg als
Beisitzerin an. Außerdem ist sie im Vorstand des Gewerbekreises Jesteburg.
Claudia, geb. 12.1.1973, ist gelernte Versicherungskauffrau und arbeitet im Unternehmen
Kuhn & Witte. Sie ist verheiratet mit Jan Rommel, geb. 20.3.1974, und hat eine Tochter Lina.
Jan Rommel stammt aus Maschen und hat in Göttingen Betriebswirtschaftslehre studiert. Der
Betriebswirt und Versicherungskaufmann leitet zusammen mit Schwägerin Kerstin den
Betrieb.
Tochter Ingrid Witte, verh. Gehrke, geb. 4.4.1940 in Altweide, wohnt in Walsrode. Ein
Foto, aufgenommen von ihrer zukünftigen Schwägerin Hildegard Witte, zeigt alle fünf
Geschwister bei Ingrids Konfirmation am 3.4.1954 vor Böhrs Haus in Jesteburg. Ingrid Witte
ist von Beruf Köchin und hat zusammen mit ihrem Mann über 30 Jahre ein
Lebensmittelgeschäft geführt. Sie war verheiratet mit dem Kaufmann Willi Gehrke. Ihr Mann
ist am 17.11.2001 verstorben. Ingrid gehört einer Wandergruppe an, sie schätzt auch Laufen
und Radfahren und ist ehrenamtlich in der ev.-luth. Kirchengemeinde Walsrode tätig. Das
Ehepaar hat drei Kinder: Wilfried, Ulrich und Ulrike. Wilfried, geb. 1.12.1963, ist
Heizungsbauer und in Rethem selbstständig. Er ist verheiratet mit Petra Gehrke, geb. Suhr,
und hat zwei Kinder: Hauke und Lea. Ulrich, geb. 1.5.1967, wohnt in Walsrode und ist als
Kfz-Meister im Betrieb Kuhn & Witte in Jesteburg Kundendienstbetreuer. Er ist verheiratet
mit Liane Gehrke, geb. Kurz, und hat zwei Kinder: Luisa und Max. Ulrike Stahlhut,
Zwillingsschwester von Ulrich, ist Krankenschwester, wohnt in Hannover, ist verheiratet mit
Roland Stahlhut und hat zwei Töchter: Laura und Jana.
Sohn Werner Witte, geb. 24.1.1942 in Altweide, wohnt in Jesteburg. Er hat Maurer gelernt
und ist Mitglied im Jesteburger Schützenverein und im Jesteburger Schießclub Blaue Bohne.
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Werner Witte ist mit Elisabeth Jobmann, geb. 12.5.1939, verheiratet. Sie stammt aus Tostedt
und gehört zu den Jesteburger Landfrauen. Sie haben einen Sohn Uwe, geb. 12.4.1972. Er ist
Groß- und Außenhandelskaufmann und arbeitet in der Firma Kuhn & Witte als Verkäufer. Er
hat eine Vorliebe für Fußball, ist Mitglied im VfL Jesteburg und der Spielgemeinschaft
Jesteburg/Bendestorf sowie im Schützenverein Jesteburg.
Sohn Gerd Witte, geb. 8.5.1947 in Jesteburg, wohnt in Jesteburg. Er ist der erste
„Eingeborene“ der Großfamilie Witte, von Beruf Elektromaschinenbauer und selbstständig in
Hamburg. Seine Vorliebe gilt dem Tennissport. Im Tennisclub Jesteburg gehört er auch dem
Vorstand an. Er ist Mitglied im Jesteburger Schützenverein. Gerd Witte ist verheiratet mit
Britta Knust, geb. 14.9.1959, aus Hamburg. Sie gehört zu den bedeutenden politischen
Persönlichkeiten in Jesteburg und der Region und bekleidet folgende Ämter: Vorsitzende im
CDU-Ortsverband Jesteburg und Mitglied in den Ortsräten Jesteburgs, Mitglied im Kreistag
des Landkreises Harburg und im CDU-Kreis- und Bezirksvorstand.
Das Ehepaar Gerd und Britta Witte hat drei Kinder: Sohn Robert, geb. 4.7.1984. Er ist
Leutnant der Reserve und studiert Wirtschaftsrecht an der Universität Lüneburg. Sohn Martin,
geb. 3.8.1989, befindet sich noch in der Ausbildung. Tochter Annika, geb. 6.3.1991, befindet
sich auch noch in der Ausbildung, sie ist Mitglied im Tennisclub Jesteburg.
2. Beispiel: Wagner aus Schlesien
Auf der Liste Nr. 252 des Flüchtlingsbetreuers steht Flüchtling Joseph Wagner mit 10
Personen.
Josef (Joseph) Wagner wurde am 2.1.1904 in Winzenberg geboren. Die Eltern Josef und
Berta Wagner, geb. Just, lebten in Oberschlesien im Kreis Grottkau auf dem Dominium
Koppitz. Ihr Sohn Josef war, wie viele seiner „Wagenbauer“-Vorfahren, von Beruf Schmied.
Er heiratete Maria Späte, geb. 25.8.1903. Sie hatten acht Kinder. Die heutigen Namen sind
Erika Groß, Reinhard Wagner, Helmut Wagner, Irmgard Rossitto, Barbara Kielbasiewicz,
Traudel Hakin, Dietmar Wagner und Brygida Brough. Das jüngste Kind Brigitta (Brygida)
kam im Juni 1945 zur Welt. Die Familie Wagner wohnte in Neiße, Wiesenstraße 8, in
Oberschlesien. Chronist Dietmar Wagner, geb. 5.5.2942, kann sich noch an das große,
mehrgeschossige Haus mit dem Garten erinnern. Er hat die Unterlagen für diesen Bericht zur
Verfügung gestellt.13
Vater Josef Wagner arbeitete in Neiße bei der Reichspost als Telegrafenleitungs-Aufseher.
Seine Mutter Maria hat ihm erzählt, dass sie bei Luftangriffen gegen Ende des Krieges in den
Keller gehen mussten. Als die sowjetische Armee Schlesien besetzte, floh die Familie am
15.3.1945 aus Neiße in die Tschechoslowakei. Nach der Kapitulation kehrte sie nach Neiße
zurück, wo bald darauf die Polen die Verwaltung übernahmen. Die deutsche Bevölkerung litt
sehr unter den Grausamkeiten der Russen und Polen.14
Am 31.5.1946 wurde die Familie Wagner aufgefordert, innerhalb von zwei Stunden das Haus
zu verlassen. Ein Nachbar stellte ihnen eine zweirädrige Karre zur Verfügung, auf die sie die
wenigen Sachen, die sie mitnehmen durften, packten. Auf dem Bahnhof verlud man mehrere
Familien in Güterwagen und offene Viehwagen. Die große Familie Wagner hatte ein Abteil
für sich, zusammen waren es wohl sechs Familien mit 33 Personen. Die Fahrt nach
Marienthal hat mehrere Tage gedauert. Die Eltern haben von Angst und Hunger erzählt,
schrieb Dietmar Wagner. In Kohlfurt erfolgte die Übergabe an die Engländer. Der Zug
erreichte am 5.6.1946 Winsen/Luhe. Von dort wurden sie am nächsten Tag mit einem Auto
nach Jesteburg gebracht. Sie erhielten erste Unterkunft im Gasthaus Buhr auf dem großen
Saal. Sie lagen auf dem Fußboden, erinnert sich Dietmar Wagner. Hier waren auch noch viele
Kranke untergebracht. Bekannt ist, dass vom Februar bis Pfingsten 1945 im Gasthaus Buhr
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und auch im gegenüber liegenden Gasthaus Niedersachsen ein Hilfslazarett für verwundete
deutsche Soldaten eingerichtet war.15
Auf Veranlassung des Flüchtlingsbetreuers Müller kam die Großfamilie Wagner in Baracken
der Jesteburger Ziegelei unter. Das waren Holzschuppen, die auf 50 cm hohen Steinklötzen
gebaut waren. Der Winter 1946/47 war sehr kalt, bis -20 Grad. Der Schnee wehte bis an die
Eingangstüren. Josef Wagner besorgte Strohballen und legte sie vor die Tür, um die Kälte
etwas abzuhalten. Die Familie mit den acht Kindern wurde bald darauf dem Bauern Kröger
auf dem Lohof zugeteilt, der ein Gebäude für Landmaschinen für die Flüchtlingsfamilie
bereitgestellt hatte. Wagners durften die Räume zu einer Wohnung umgestalten.
Das Schulhaus in Jesteburg war zwei Kilometer entfernt. Anfangs gingen die Kinder von
Wagners zu Fuß zur Schule, später teilten sich zwei Kinder ein Fahrrad. Die Flüchtlingskinder
waren zuerst nicht überall willkommen. Anerkennung wuchs langsam aber stetig – meistens
durch den Sport. In der Schule gab es Schulspeisung. Zur Ausgabe wurden bestimmte Schüler
ausgesucht. Einige Jesteburger Familien übernahmen Patenkinder, die durften nach der
Schule zum Mittagessen kommen, berichtete Dietmar Wagner weiter. Sein Schulkamerad
Hartmut Großmann hat die Kinder- und Schulzeit in Jesteburg eindringlich beschrieben.16
„Na School bün ik in’t Fröhjohr in Jesborg kamen, tosamen mit 66 annere Jungs un Deerns,
opdeelt in twee Klassen. Wi weern bannig stolt, nu Fibelschützen to ween, mit’n Ränzel op’n
Puckel, woneem’n Bändsel mit’n natten Swamm un’n drögen Lappen rutbummeln dä.“ „Vör
de dischen stunn Lehrer Metzger an sien Pult, de Wandtafel achter sik. De Schoolmester weer
as wi un annere Kinner ut de Klass’n Flüchtling. He keem as mien Öllern ut Schlesien. Dat
kunn een an de Melodie vun sien Spraak hören, man ok dorbi marken, dat he uns de Märken
vun Rübezahl un annere Geschichten ut dat Riesengebirge vertellen dä. Butendem speelt he
de Vigelien un wi sungen Leder as Hohe Tannen dorto.“ „Middaags geev dat Schulspeisung,
wat’n Barg Kinner nödig harrn. Nich blots Flüchtlingskinner. Meisttiets geev dat
Schokoladensupp. Wi wüssen domols noch nich, dat wi de Supp de Quäkers ut Amerika to
verdanken harn.“
Die älteren Töchter der Familie Wagner gingen bald „in Stellung“. Das waren
Kindermädchen-Tätigkeiten bei reichen Familien. In Jesteburg wohnten viele „ausgebombte
Hamburger“. Sie hatten ihre Wochenendhäuser in den ersten Nachkriegsjahren zu
“Erstwohnungen“ umfunktioniert.
Zuerst glaubten die Väter noch an eine Rückkehr in die schlesische Heimat.
Doch die Familien mussten ernährt werden. Josef Wagner arbeitete von 1946 bis 1948 als
Schmiedegeselle bei dem Schmiedemeister Wilhelm Frommann in Jesteburg. Nach der
Währungsreform 1948 machte er im Alter von 44 Jahren seine Meisterprüfung als
Schlossermeister. Damit war der Weg frei, sich selbstständig zu machen. Auf dem Lohof
gründete er einen Betrieb mit dem Schwerpunkt Brunnenbohrung und Wasserversorgung
sowie Maschendrahtzäune. Sohn Helmut, geb. 10.4.1933, genannt „Sepp“, wurde sein erster
Lehrling. Die Firma hatte ein Fahrrad, damit konnten die Kunden schneller besucht werden.
Neben dem Hühnerhof hinter dem Wohnhaus stand ein Holzschuppen. Darin richteten Vater
und Sohn Helmut eine Werkstatt ein. Erste Aufträge kamen von den Familien Anton Priester,
Fritz Kern, der Hamburger Schlachterei Braunsdorf und Carl-Ernst Freitag.
1951 baute Josef Wagner gegenüber der Straße auf dem Gelände von Bauer Kröger, Am
Lohof 1 A, ein einfaches Haus aus Mauersteinen für die Werkstatt mit Lagerraum, welches
1955 zu einem Wohnhaus umgebaut wurde. Dahinter befand sich das umgebaute ehemalige
Gebäude für Landmaschinen – jetzt Wohnhaus für die Familie, das unter Denkmalschutz
steht. Ein Foto zeigt alle Kinder vor dem Haus. 1952 erhielt er von der Gemeinde Jesteburg
den Auftrag, für das neue Freibad am Kleckerwaldweg zwei Wasserrutschen mit
9
hochwertigem Kupferblech für die Rutschflächen zu bauen, eine ins Nichtschwimmerbecken
und eine ins Schwimmerbecken. Der Kundenkreis wuchs stetig. Auch aus Buchholz,
Reindorf, Bendestorf und Lüllau kamen neue Kunden.
In Jesteburg gab es einen Ortsverband der „Landsmannschaft der Schlesier“. Hier wurde die
Hoffnung zur Rückkehr in die Heimat wach gehalten, auch suchte und fand man Anschriften
von Freunden und Verwandten. Helmut Großmann schrieb von seinen Eltern: „De eenzig
Saak, de Vadder un Mudder sik günnen dään, weer de Kring vun de Schlesier. Dor snackt de
Lüüd noch in jümehr (ihrer) ole Mundoort un Geschichten ut de Heimat wöörn vörleest. Dor
föhlt se sik to Huus.“
Tochter Barbara besuchte nach der Volksschule in Jesteburg die Handelsschule in Harburg
und lernte in Jesteburg wie auch ihre Schwester Irmgard in Hamburg einen kaufmännischen
Beruf. Der älteste Sohn Reinhard begann mit 17 Jahren eine Maurerlehre und konnte nach
bestandener Prüfung die Bauschule in Hamburg – heute Fachhochschule für Bauwesen und
Architektur – besuchen.
Josef Wagner stellte neue Mitarbeiter ein. Emanuell Schwob aus Harmstorf und Wilhelm
Bettermann aus Jesteburg waren Landsleute aus Schlesien. Otto Papendorf war aus
Mecklenburg-Vorpommern gekommen, er wohnte auch auf dem Lohof. 1955 begann die
Firma mit dem Zentralheizungsbau. Sohn Helmut machte seinen Meister als
Zentralheizungsbauer. 1958 wurde der erste Lehrling Hans Brauer aus Hollenstedt eingestellt.
Er blieb auch als Geselle bei der Firma. In den Semesterferien baute der älteste Sohn
Reinhard auf dem Grundstück an der Harburger Straße 443 (später 12), das Josef Wagner
gekauft hatte, ein Wohnhaus und eine Werkstatt. Das Firmenschild lautete: „Wagner-Sanitär
und Heizungstechnik“. Das Haus Lohof 1 A behielt Bauer Kröger, dem das Land gehörte,
dafür bekamen Wagners Bauholz für das neue Haus.
1955 zog die Familie Wagner in das neue Haus ein. Josef Wagner war nun „Jesteburger“
geworden. 1957 trat er in den Jesteburger Schützenverein von 1864 und in den Kegelclub
„Blauer Montag“ ein. Bis zu seinem Tod 1972 führte er die Firma Josef Wagner und Sohn.
Sohn Helmut („Sepp“) Wagner übernahm die Firma. Mit der Aufnahme in den Kegelclub
„Blauer Montag“ und in den Schützenverein war Josef Wagner in der Jesteburger
Bevölkerung „angekommen“. Vater Josef, Sohn Helmut und Tochter Barbara (Bärbel), die
von 1956 bis 1964 das Firmenbüro leitete, waren mit der Firma Wagner in Jesteburg gut
integriert. Barbara Wagner heiratete1958 den Maschinenbaumeister Hans Kielbasiewicz, der
nicht nur durch seine Erfolge und verschiedenen Ämter im Sportverein VfL Jesteburg bekannt
ist, sondern auch als ehemaliger Schützenkönig 1988 und als Ratsherr für die SPD auf sich
aufmerksam machte. Sein Vater Walter Kielbasiewicz war 1942 von Hamburg nach Jesteburg
übergesiedelt und übernahm 1950 die Schlosserei und kleine Maschinenbauwerkstatt von
Albin Körner, dem Onkel seiner Frau. Er wurde Vorsitzender des im November 1945
gegründeten SPD-Ortsvereins in Jesteburg und hat seit 1948 als stellv. Bürgermeister
zusammen mit Bürgermeister Heino Clement für viele Jahre die Gemeindepolitik in Jesteburg
geprägt.17 Helmut Wagner führte die Firma bis zur Verpachtung 1996. 2005 hat der Sanitärund Heizungsfachbetrieb Erich Schoneboom aus Schneverdingen den Betrieb Wagner
übernommen.
Sohn Dietmar war durch seine Aktivitäten beim VfL Jesteburg und im Niedersächsischen
Fußballverband Kreis Harburg (NFV) zunächst auch „ganzer Jesteburger“. Er schlug aber
dann im Raum Wolfsburg Wurzeln, nachdem er 1970 beruflich zur Forschung und
Entwicklung bei Volkswagen nach Wolfsburg gewechselt war. Aus den folgenden
detaillierten Lebensläufen ist zu ersehen, dass es die anderen Geschwister in die weite Welt
verschlagen hat. Die nach USA ausgewanderte Traudel fand den Weg oft nach Jesteburg
zurück und frischte Kontakte mit ihren Klassenkameradinnen und Klassenkameraden aus der
10
Schulzeit wieder auf. Mit Hannelore Albers, Elke Menk-Lankisch, Annemarie Laudahn,
Helga Röhrs (die Mädchen-Namen) und Hansi Vieth hat sie auch noch aus den USA Kontakt
gehalten. Alle anderen haben die Beziehung zu Jesteburg bis zum Lebensende der Mutter
aufrechterhalten, nachdem sie an anderer Stelle eine neue Heimat gefunden haben.
Lebensläufe der Eltern Josef und Maria Wagner und ihrer acht Kinder:
Vater Josef Wagner, geb. 2.1.1904 in Winzenberg. Seine Eltern lebten in Oberschlesien im
Kreis Grottkau auf dem Dominium Koppitz: Josef Wagner, geb. 7.11.1872 in Winzenberg,
Berta Wagner, geb. Just, geb. 16.1.1876. Seine Geschwister waren Franz Wagner, geb. 1898,
Anna, geb. 1900, Maria, geb. 1902, Paul, geb. 1907, und Martha, geb. 1912.
Mutter Maria Wagner, geb. Späte, geb. 25.8.1003. Ihre Eltern waren Richard Karl Späte,
geb. 13.7.1877 in Alt-Festenburg und Sophie Späte, geb. Obieglo, geb. 13.3.1881. Ihre
Geschwister waren Franz, geb. 1905, Richard, geb. 1907, Josef, geb. 1910, und Anni, geb.
1914.
Erika Groß: geb. 24.10.1929, gest. 19.12.1995. Die älteste Tochter hatte es nach dem Krieg
ohne Ausbildungschance am schwersten. So blieben ihr in den Jahren 1946 bis 1955 nur
verschiedene Tätigkeiten bei Jesteburger Familien und im Sanatorium Heidehaus. Sie war
verheiratet mit Karl Groß (1925-2000) und lebte von 1957-1995 in Hamburg-Rahlstedt. Sie
arbeitete in der Altenpflege und als Partner vom Otto-Versand.
Die Kinder wohnen im norddeutschen Raum: Andreas, geb. 27.6.1957, Angelika, geb.
12.2.1959, Winfried, geb. 23.12.1960 und Gudrun, geb. 20.3.1965.
Reinhard Wagner: geb. 19.10.1930, gest. Oktober 1989. Reinhard begann erst als 17Jähriger bei dem Jesteburger Bauunternehmer Wilhelm H. Bahlburg eine Maurerlehre. Er
arbeitete danach bei der Jesteburger Firma Friedrich Michaelis als Geselle. Er besuchte von
1953 bis 1957 die Bauschule Hamburg, heute Fach-Hochschule für Bauwesen und
Architektur. Als Diplom-Bauingenieur war er von 1952 bis 1989 Architekt in Uelzen mit dem
Schwerpunkt Statik. Erste Aufträge erhielt er in Jesteburg, u. a. die Planung der
Zahnarztpraxis Alfred Ruse. Verheiratet war er mit Brigitte, geb. Bühn, ebenfalls aus
Jesteburg, vormals Schlesien. Sie wohnten in Bendestorf. Zwei Töchter: Birgit Petra, geb.
3.4.1963 und Silke, geb. April 1967.
Helmut Wagner: geb. 10.4.1933, gest. 24.1.2003. Nach dem Besuch der Mittelschule in
Buchholz begann er die Ausbildung im väterlichen Betrieb. Er wurde Heizungsbaumeister
und übernahm 1972 die Firma Josef Wagner und Sohn, die sich auf Heizungsbau
spezialisierte. 1996 wurde die Firma verpachtet. Seit 1960 ist Helmut Wagner mit Ilse Kröger
aus Jesteburg verheiratet gewesen, die das Büro der Firma in den vielen Jahren der
gemeinsamen Geschäftsführung bis zum Tode ihres Mannes geleitet hat. Helmut war Mitglied
im Jesteburger Schützenverein und gehörte zu den Kanonieren. Ilse Wagner wohnt in
Jesteburg.
Irmgard Rossito: geb. 11.1.1935. Sie machte eine kaufmännische Lehre bei der Firma
Textil-, Groß- und Einzelhandel Carl Ernst Freitag in Hamburg. Der Firmeninhaber wohnte in
Jesteburg. In Süddeutschland lernte sie 1959 den amerikanischen Soldaten Bill Rossito
kennen und ist mit ihm nach New York, USA; ausgewandert. Dort heiratete sie Hotelier Bill
Rossito. Sie hat fünf Mädchen, Bibiana, Romy, Barbara, Billie und Rose, die alle im
Großraum von New York wohnen. Nach dem viel zu frühen Tod ihres Ehemannes Bill 1982
war Irmgard bei der New York Police beschäftigt.
11
Barbara (Bärbel) Kielbasiewicz: geb. 23.8.1936. Nach der Handelsschule war sie
Bürokauffrau bei der Brillenfabrik Plön in Jesteburg, später im elterlichen Betrieb Josef
Wagner, Heizungsbau. 1958 heiratete sie Hans Kielbasiewicz, der 1966 den väterlichen
Maschinen-Metallbearbeitungsbetrieb in Jesteburg übernahm. Bärbel leitete das Büro des
Drehereibetriebs, der 4-6 Mitarbeiter hatte. Hans Kielbasiewicz war ein aktiver Fußballer und
erfolgreicher Leichtathlet. Er war auch langjähriges Vorstandsmitglied im VfL Jesteburg und
mehrere Jahre Mitglied des Jesteburger Gemeinderates. Wie sein Schwiegervater Josef
Wagner gehörte er dem Jesteburger Schützenverein von 1864 an und errang 1988 die Ehre
des Schützenkönigs. Das Ehepaar hat drei Söhne: Peter, geb. 24.2.1959, Dipl.-Informatiker in
Stuttgart, Klaus. geb. 17.5.1960, Polizeibeamter in Hamburg und Hans, geb. 13.11.1962,
Dipl.-Ingenieur in Hamburg.
Traudel (Trudy) Hakin: geb. 6.8.1937. Bereits als Schulkind war Traudel als Au-pairMädchen von ca. 1949 bis 1951 bei Bauer Hermann Kröger vom Lohof und betreute Oma
Siegfried. Sie lernte 1951 bis 1954 Köchin im Haus Meinsbur in Bendestorf und blieb noch
einige Jahre als Jungköchin in dem bekannten Hotel-Restaurant. Im Anschluss an diese
Tätigkeit wurde sie von 1957 bis 1960 Privat-Köchin bei Millionären in Luzern in der
Schweiz. 1960 wanderte Traudel in die USA aus, um im Restaurant ihrer Schwester Irmgard
als Köchin zu arbeiten. In New York lernte sie Andy Hakin kennen, den sie 1962 heiratete. Er
war Elektromechaniker bei den New Yorker Verkehrsbetrieben. Bis 1995 wohnten Traudel
und Andy in New Yersey. Nach der Pensionierung des Mannes zogen sie an einen schönen
Feriensee in Moneta in Virginia. Tochter Mariatherese, geb. 27.2.1963, wohnt noch in New
Yersey. Sohn Robert, geb. 10.6.1965 wohnt in Florida.
Dietmar Wagner, geb. 5.5.1942. Nach der Mittelschule in Buchholz und Oberschule in
Lüneburg machte er das Abitur in Hamburg und besuchte die Chemie-Ingenieurschule in
Hamburg. Er war aktiv im Fußball, in der Leichtathletik, im Tischtennis und Tennis beim
VfL Jesteburg und gehörte mehrere Jahre als Schriftwart und Jugendwart dem Vorstand des
Vereins an. 1970 wurde er Fußball-Lehrwart im Niedersächsischen Fußballverband Kreis
Harburg (NFV) und von 1975 bis 1978 auch Fußball-Lehrwart im NFV Bezirk Lüneburg.
1970 erfolgte der Umzug nach Wolfsburg, wo er Ingrid Hübner kennen lernte. Sie heirateten
1974 und bauten 1979 gemeinsam ihr Wohnhaus in Leiferde, Kreis Gifhorn. Sie spielten im
SV Leiferde Tennis. Dietmar war bis 2005 langjähriger PR-Manager für die VolkswagenForschung und Entwicklung auf internationalen Automobilmessen mit Auslandseinsätzen in
USA, Mexiko und Brasilien.
Brygida (Brigitte) Brough, geb. 26.6.1945. Nach der Mittelschule in Buchholz begann sie
1960 eine Tischlerlehre bei Tischlermeister Walter Meyer in Jesteburg als Voraussetzung für
das Innenarchitekturstudium in Detmold. Sie ist verheiratet mit dem Germanistik- und
Literaturprofessor Neil Brough. Auslandsaufenthalte gab es in England, Zypern, Brunei,
Ceylon und Hongkong.
3. Beispiel: Fritz Modrow aus Berlin
Auf der Liste Nr. 158 des Flüchtlingsbetreuers steht Flüchtling Fritz Modrow mit zwei
Personen. Die zweite Person ist seine Frau Luise Brüger. Am Schicksal des Kunstmalers Fritz
Modrow wird aufgezeigt, wie ein Angehöriger des Berliner Großbürgertums aus gesicherten
wirtschaftlichen Verhältnissen als völlig mittelloser Maler nach dem Zweiten Weltkrieg in
Jesteburg überleben musste. Er wohnte knapp 20 Jahre im Hause der Drogerie Bonness, heute
Gilbert, Hauptstraße 31. Die Gemeinde Jesteburg besitzt sechs Gemälde von Modrow, teils
sind es Schenkungen von Bürgern.
12
Zum Werdegang des Künstlers: Fritz Modrow18 wurde am 10.6.1888 in Stettin geboren und
erlernte zunächst das Bauhandwerk und besuchte nach ersten Arbeiten als freier Künstler
1906 in Berlin die Akademie der Freien Künste. Dort beeinflussten ihn insbesondere Max
Liebermann und Lovis Korinth. Aus dieser Zeit stammt das bekannteste Gemälde „Forsthaus
Spring in der Schorfheide“ (1914), das seine hochbetagte Schwägerin Erna Mittelbach in
Berlin 1992 der Gemeinde Jesteburg aus Dankbarkeit für die späte Ehrung Modrows durch
eine geplante Ausstellung schenkte. Das Bild hängt im neuen Rathaus.
Bei beiden Künstlern nahm Modrow auch Privatstunden. Das Bild „Forsthaus Spring“ zeigt
den Einfluss dieser beiden berühmten Künstler auf Modrows Gestaltungsweise, die Auflösung
der gegenständlichen Welt in Lichtphänomene und den Bildaufbau aus der Farbe, typische
Kennzeichen des Impressionismus gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts. Den Höhepunkt
seines Schaffens erreichte er in den Goldenen Zwanziger Jahren mit seinen Bühnenbildern für
Max Reinhard. Mit anderen Künstlern gestaltete er die Inneneinrichtung von Kirchen,
öffentlichen Gebäuden und Privathäusern. Auch war er in erheblichem Umfang als
Konstrukteur von Filmkulissen tätig und nahm an der Entwicklung schwieriger
bautechnischer Projekte Anteil, wie z. B. dem Freiburger Münster oder der Berliner Hedwigs
Kathedrale. Modrows Haltung gegenüber dem „Dritten Reich“ war von Distanz bestimmt,
ohne dass er sich den kulturpolitischen Anforderungen verweigert hätte. 1933 gehörte er dem
Reichsverband Bildender Kuenstler Deutschlands an. Er beherrschte alle Stilrichtungen und
legte größten Wert auf das Handwerkliche. Während der späten dreißiger Jahre zog er sich in
das bei Stettin gelegene Dorf Henningsholm/Pommern zurück. Baron von Bodenhausen
wurde sein Mäzen. Er beauftragte Modrow mit der Restaurierung seiner Bildersammlung und
verkaufte ihm auch ein Grundstück. Modrow baute ein Haus mit großem Atelier.
Modrow war mit Luise Brüger, geb. am 28. Februar 1891, aus Berlin verheiratet. Ihre Ehe
wurde im Dezember 1913 geschlossen. Luise Modrow war selbst künstlerisch begabt und
wurde besonders in der Jesteburger Zeit durch Gobelins bekannt, die sie nach motivischen
Entwürfen ihres Mannes anfertigte. Während der Jahre in Pommern war es ihr möglich, den
Lebensunterhalt der Familie aus eigenem Vermögen sicherzustellen, um so ihrem Mann
weitestgehend materielle Unabhängigkeit zu gewährleisten.
Vermutlich 1944 wurde Fritz Modrow zur Wehrmacht eingezogen, mit 56 Jahren, und geriet
bald in englische Kriegsgefangenschaft. Luise Modrow musste das Wohnhaus nach der
Eroberung Henningsholms durch die sowjetische Armee unter Zurücklassung nahezu
sämtlicher Besitztümer innerhalb kürzester Zeit räumen und floh zunächst nach Wesermünde.
Fritz Modrow gelangte nach der Entlassung aus der Gefangenschaft in die Lüneburger Heide.
Durch Fürsprache seines Freundes John Heinsohn, der auch aus Berlin stammte und in
Jesteburg als Makler und Rechtsberater tätig war, zog das nun vereinte Ehepaar Modrow etwa
1948 in eine Hütte am Hundsberg, wo auch der Hamburger Kirchenmusikdirektor Hans
Friedrich Micheelsen (1902-1973) wohnte, der in zweiter Ehe die Organistin Magdalena
Bleibtreu geheiratet hatte. Beide pflegten eine enge Freundschaft. 1951 erhielten Modrows
nach Auszug des Lehrers Otto Steudle die noch zwangsbewirtschaftete Wohnung im
Pfarrwitwenhaus zugewiesen. Das Haus hatten die Drogisten Alfred und Irmgard Bonness
von der Kirchengemeinde gemietet, 1959 kauften sie es. Hier konnte Modrow sich ein
geräumiges Atelier errichten und begann wieder seine künstlerische Tätigkeit. Zur Bestreitung
des Lebensunterhalts fertigte er während der fünfziger und sechziger Jahre zahlreiche
Auftragsarbeiten an. Er war selbstkritisch genug, den künstlerischen Charakter vieler Bilder
unter Hinweis auf deren handwerklichen Charakter realistisch einzuschätzen und bezeichnete
sich in dieser Zeit als „Kunstmaler“. In Jesteburg ist bekannt, dass er manchmal für einen
Sack Kartoffeln ein Bild malte. Das alte Pfarrwitwenhaus liebte er und gestaltete es aus. Der
Eingang zu Modrows Wohnung befand sich auf der Straßenseite. Der große Flur diente als
Ausstellungsraum, der Wohnraum dahinter als Atelier. Nach dem Straßenumbau gestaltete
13
Modrow die Feldsteinmauer und entwarf das Gitter sowie die Schaukästen, die Lampe und
den Schriftzug „Jesteburger Drogerie“, das heute noch bekannte Wahrzeichen des Hauses.
Andere noch vorhandene Arbeiten sind der strohgedeckte Schaukasten vor dem evangelischen
Gemeindehaus, das Ehrenmal für die Gefallenen beider Weltkriege auf dem
Niedersachsenplatz und die Entwürfe für Micheelsens Haus am Seevekamp und Bonness
Gartenhaus am Föhrenstieg. Luise Modrow führte die Entwürfe für Gobelins aus, die ihr
Mann gezeichnet hatte. Fritz Modrow hat auch für Rolf Meyer in Bendestorf gearbeitet und
Bühnenbilder für die Bendestorfer Filmateliers entworfen. Nach dem Tode seiner Ehefrau am
28. April 1968 begann eine Zeit allmählicher Vereinsamung. Auch musste Modrow 1970 die
Wohnung verlassen und in eine provisorische Unterkunft ziehen. In Jesteburg war nicht
bekannt, wohin Modrow 1972 gezogen ist.19
Im November 1971 hat Modrow die jahrzehntelang unterbrochene Verbindung zur Tochter
wieder aufgenommen. Im August 1972 zog er zu ihr nach Kippenheim im Schwarzwald. Dort
wurde er zehn Jahre lang von der Tochter und einer Enkelin betreut. Die fortgesetzte
Abnahme seiner Sehkraft, schließlich die völlige Erblindung erschwerten seine letzten
Lebensjahre sehr. Künstlerische Arbeiten waren unter diesen Umständen nicht mehr möglich.
1982 führten mehrere Unfälle, die durch starke körperliche und geistige Hinfälligkeit
verursacht wurden, zur Einweisung in ein Krankenhaus in Lahr. Die letzten vier Jahre seines
Lebens verbrachte Modrow in einem Pflegeheim in Ettenheimmünster. Hier verstarb er am
24. Januar 1986 im Alter von 98 Jahren. Auf dem Friedhof in Kippenheim fand er seine letzte
Ruhestätte.
Der Jesteburger Arbeitskreis für Heimatpflege e. V. hat mit Unterstützung der Gemeinde
Jesteburg und zahlreicher Bürger vom 4. Juni bis 16. Juli 1995 im Heimathaus in Jesteburg
eine Gemäldeausstellung zum Gedenken an einen großen Künstler, der 20 Jahre in der
schweren Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Jesteburg gelebt hat, veranstaltet. Aus
Privatbesitz konnten als Leihgaben 31 Gemälde ausgestellt werden, darunter das 1914
entstandene Bild „Forsthaus Spring in der Schorfheide“.
4. Beispiel: Richard Schmidt aus Chemnitz
Sein Name steht nicht auf der Liste des Flüchtlingsbetreuers, weil er erst 1971 nach Jesteburg
gekommen ist. Er gehört zu den Verfolgten in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands
und hat diesen Bericht geschrieben.
„Mein Name ist Hermann Richard Schmidt, ich wurde am 11. Januar 1928 als zweiter Sohn
des Syndikus Walter Schmidt und seiner Ehefrau Franziska Müller in Chemnitz geboren.
Meine Kindheit verbrachte ich in Chemnitz. Dort besuchte ich ab 1934 die Volksschule und
ab 1938 die Oberschule für Jungen, das frühere Reformrealgymnasium, bis Januar 1945.
Anfang Februar 1945 wurde ich zum Reichsarbeitsdienst eingezogen und im April 1945 zur
Wehrmacht. Die Einheiten mit Soldaten unter 18 Jahren wurden von Dresden nach Teplitz in
der Tschechoslowakei verlegt, im Fußmarsch. Das Kriegsende erlebte ich dort und wurde
gefangen genommen. Da wir schlecht ausgerüstet waren, trug ich unter der Uniform meine
kurzen Jungvolkhosen und ein Sporthemd. Wir wurden in einem Bauernhof festgehalten. Die
Wachsoldaten waren betrunken und feierten den Sieg über Nazi-Deutschland. Ich zog meine
Uniform aus und schlich mich davon. So bin ich nach Chemnitz zurückgekommen.
Mein Vater war vermisst, mein Bruder wahrscheinlich in russischer Gefangenschaft, die
Wohnung ausgebombt und die Mutter fast blind. Ab August 1945 bis Juli 1947 habe ich in
Chemnitz das Konditorenhandwerk erlernt und im August den Gesellenbrief erhalten. Ab
September 1948 war ich als Praktikant in einem Kabarett-Restaurantbetrieb tätig, um später
die Hotel- und Gaststättenfachschule zu besuchen. Dort wurde ich Ende Januar 1948 von
14
Beamten der K5 (Vorgängerorganisation der Stasi) verhaftet und kurz darauf der SMAD
übergeben.20
Im September 1948 wurde ich durch Fernurteil aus Moskau zu 10 Jahren Zwangsarbeit wegen
angeblicher Spionage verurteilt. Die Haftzeit verbrachte ich im Straflagerbezirk Potma, Lager
Nr. 385, in der Mordwinischen Sowjetrepublik. Wir mussten hart arbeiten und hatten immer
Hunger. Zum Beispiel wurde ich als Holzfäller eingesetzt, war aber für die Arbeit zu schwach
und musste ein Feuer unterhalten. Dabei war ich einen Augenblick unachtsam. Einige
Wattemäntel brannten an. Das hätte beinahe mein Leben gekostet, wenn ich nicht einem
Russen hätte helfen können, dessen Bein unter einem Baumstamm eingeklemmt war. Ich
zerriss mein Hemd in Streifen und schiente das Bein des Verletzten. Das hat dem Brigadier
imponiert. So bin ich mit dem Leben davongekommen.
Nach dem Besuch von Bundeskanzler Konrad Adenauer 1955 in Moskau und der Aufnahme
diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der UdSSR wurden die
angeblich letzten Gefangenen freigelassen. So kam ich nach Deutschland zurück. Ich weigerte
mich im Lager Fürstenwalde in die DDR entlassen zu werden und wurde mit einigen
Kameraden am 12. Oktober 1955 nach West-Berlin abgeschoben. Im Dezember 1955 bin ich
von West-Berlin in die Bundesrepublik gegangen und habe zuerst in Bremen und später in
Hannover gelebt, wo ich im April 1956 eine kaufmännische Ausbildung bei einem
internationalen Mineralölkonzern begonnen habe. Ende 1957 habe ich diese Lehrzeit mit sehr
gutem Abschluss beendet und bin bei dieser Gesellschaft geblieben. Ich habe diesen Weg
einem geplanten Studium aus wirtschaftlichen Gründen vorgezogen und diese Entscheidung
auch aus heutiger Sicht nie bereut. Es begann ein sehr abwechslungsreiches und sehr
interessantes Berufsleben. Die Gesellschaft hat sehr viel gefordert aber auch sehr gefördert.
Ich habe in verschiedenen Bereichen des Hauses gearbeitet, allerdings immer im
Vorstandsgebiet Marketing. Häufige Wohnsitzwechsel waren damit verbunden. Ich habe
während dieser Zeit in Hannover, Minden, Bielefeld, Hamburg, München und wieder zurück
in Hamburg gearbeitet und gelebt. Im Januar 1988 bin ich als leitender Angestellter nach 32
Dienstjahren vertragsgemäß pensioniert worden.
Meine Frau habe ich 1956 kennen gelernt. Im August 1958 haben wir geheiratet und sind
seitdem über 50 Jahre zusammen. Ich möchte keinen Tag missen. Wir haben drei Kinder, die
1959, 1961 und 1963 geboren wurden, zwei Söhne und eine Tochter. Ende 1971 sind wir
nach Hamburg gezogen. Ich arbeitete zu dieser Zeit in Hamburg und kannte die Gegend, weil
meine Gesellschaft ein Schulungshaus in Eddelsen hatte. Wir haben zuerst ein Haus gemietet
und später 1981, nachdem wir uns immer heimischer gefühlt haben, unser eigenes Haus
gebaut. Unsere Kinder haben die meiste Zeit ihrer Schulausbildung im Landkreis Harburg
gehabt, bevor sie zur Weiterausbildung nach Hamburg gegangen sind. Meine Söhne sind
verheiratet, haben drei bzw. zwei Kinder und arbeiten und leben in Nordrhein-Westfalen als
Arzt bzw. Industriekaufmann. Meine Tochter ist allein erziehend mit einem Sohn, arbeitet als
Verwaltungsfachfrau in der Medizinischen Fakultät in Hamburg und wohnt in Itzenbüttel.
Nach meiner Pensionierung haben wir uns mehr am öffentlichen Leben beteiligt. Ich habe im
Sportverein VfL Jesteburg, der jetzt 1.500 Mitglieder hat, mein altes Hobby, die
Leichtathletik, wieder gefunden, zuerst noch aktiv bei Senioren-Wettkämpfen. Später habe ich
eine Kampfrichterausbildung absolviert, und in den letzten Jahren bin ich hier zuständig für
die Abnahme des Deutschen Sportabzeichens. Meine Frau ist Mitglied bei den Landfrauen,
im Gesangverein Seevetal und im VfL Jesteburg. Unser Zuhause ist Jesteburg. Hier fühlen
wir uns wohl und werden auch immer hier bleiben.
Nachtrag: Im Februar 1966 wurde ich durch die Generalstaatsanwaltschaft der russischen
Föderation rehabilitiert. Nach Akteneinsicht habe ich 2004 erfahren, dass ich verhaftet wurde,
weil ich als Fähnleinführer der faschistischen Organisation Jungvolk angehört habe.“
15
P.S. 80 Jahre Richard Schmidt. Mit einem Artikel in der VfL-Vereinszeitung „Sport vor
Ort“ Nr. 104/2008 wurde Richard Schmidt anlässlich seines 80. Geburtstages am 11. Januar
2008 geehrt. Der Vorsitzende betonte, dass es ohne Richard Schmidt viel weniger
Sportabzeichenabsolventen im Verein gegeben hätte. „Für Deine langjährige Vorstandsarbeit
als stellv. Abteilungsleiter der Leichtathleten und als stellv. Schatzmeister danken wir Dir. Ich
habe Deine Hilfe und Deinen Rat immer gern in Anspruch genommen und möchte es auch
weiterhin tun. Mir gefällt Deine positive und feine Lebenseinstellung, an der Du uns öfter
teilnehmen lässt. Für mich bist Du ein Vorbild. Helmut Meyer, 1. Vors.“
1
Hans-Heinrich Wolfes: Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Jesteburg und Umgebung, Jesteburg 2005, S. 9.
Hans-Heinrich Wolfes: Die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen in Jesteburg und Umgebung, Jesteburg 2003,
S. 34.
3
Dirk Stegmann: Jesteburg 1202-2002, Jesteburg 2002, S. 165.
4
Dirk Stegmann: a. a. O., S. 165.
5
Lageplan 1:5000: „Vereinigte Heidehausbesitzer von Jesteburg und Umgebung, 1946, Samtgemeindearchiv
Jesteburg.
6
Jesteburger Schulchronik II (1912-1946), S. 131, 142, 152.Jesteburger Arbeitskreis für heimatpflege e. V.
7
Karl Böhm, Flüchtlingsbetreuer, Liste vermutlich vom Dezember 1947, Samtgemeindearchiv Jesteburg.
8
HAN am 27.11.1954.
9
Joachim Witte hat in mehreren Gesprächen mit H.-H. Wolfes im November 2008 Einzelheiten über die Flucht
und über die Großfamilie Witte mitgeteilt sowie Fotos zur Verfügung gestellt.
10
Harald Witte im Interview mit Gisela Köhler und Rosemarie Kuhse am 18.08.1992 vom Jesteburger
Arbeitskreis für Heimatpflege e. V.
11
Harald Witte, schriftlicher Bericht und Gespräch mit H.-H. Wolfes am 12.11.2008.
12
Nordheide Wochenblatt am 23.10.1993.
13
Dietmar Wagner: Dokumentation über die Familie Josef Wagner aus Neiße, Leiferde, 12.10.2008. Anschrift:
Dietmar Wagner, Mohrunger Straße 24, 38542 Leiferde.
14
Vgl. den Zeitzeugenbericht aus Bad Warmbrunn von Luise Kunhardt, in: H.-H. Wolfes: Die Flüchtlinge und
Heimatvertriebenen in Jesteburg, Jesteburg 2003, S. 39-42.
15
Hans-Heinrich Wolfes: Die Lazarette und die Kriegsgräbergedenkstätte in Jesteburg, in: Zum 60. Jahrestag des
Kriegsendes in Jesteburg und Umgebung, Jesteburg 2005, S. 32-39.
16
Hartmut Großmann: „Kindertage in Jesteburg“ und „uns Dörpschool“, Seevetal, Herbst 2007.
17
Dirk Stegmann: Jesteburg in der Nachkriegszeit und in der Bundesrepublik 1945-1972, in: Jesteburg 12022002, S. 181.
18
Matthias Wolfes: Universelles Künstlertum zwischen Aufbruch und Heimkehr. Zum Lebensweg des
Jesteburger Malers Fritz Modrow, in: Kreiskalender 1995, Landkreis Harburg, S. 152-158, und Matthias Wolfes:
Fritz Modrow (1888-1986). Zur Biographie des Jesteburger Künstlers, in: Kreiskalender 1997, Landkreis
Harburg. S. 69-74. Die Ausführungen in diesem Kapitel halten sich eng an die beiden Aufsätze.
19
Der Berliner Theologe Dr. Dr. Matthias Wolfes, der aus Jesteburg stammt, hat sich eingehend mit Modrows
Leben beschäftigt und auf Reisen nach Süddeutschland dessen weiteres Schicksal erforscht.
20
SMAD: Sowjetische Militäradministration in Deutschland mit Sitz in Berlin-Karlshorst, verwaltete die
sowjetische Besatzungszone Deutschlands zwischen 1945 und 1949.
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